Beiträge

Erst Abi, dann Wimbeldon

Ella Seidel spielt Tennis, ist deutsche Meisterin im U16-Bereich und wurde 2021 als Hamburger Sporttalent weiblich ausgezeichnet. Die 17-Jährige hat auf dem Weg zum Abi 2022 zwei Klassen übersprungen, um sich voll auf ihre Profikarriere konzentrieren zu können

Interview: Markus Gölzer

SZENE HAMBURG: Ella, was ist Ihr nächstes Ziel?

Ella Seidel: Erst mal möchte ich beim Tennis die Jugend-Grand-Slams alle mitspielen. Dafür habe ich mich über die Rangliste qualifiziert. Nach der Schule kommt der Einstieg in den Damenbereich.

Strukturiert auf Ziele hinzuarbeiten, gilt als eine Ihrer Stärken. Was ist Ihre Schwäche?

Ich denke mal, dass ich auf dem Platz ein büschen zu streng mit mir selber bin. Das ist ein Hindernis, um frei zu spielen. Aber das krieg ich ganz gut in den Griff und es ist nichts, was mich zu stark beeinträchtigt.

„Beim Tennis liebe ich die Eins-zu-eins-Situation“

Schon mal das Gefühl gehabt, auf etwas verzichten zu müssen?

Nein. Ich spiele Tennis, weil es sehr viel Spaß macht und weil ich das möchte. Dafür habe ich mich entschieden. Ich freu mich jeden Tag, wenn ich auf den Platz gehe und Matches spielen kann.

Was lieben Sie am Tennis?

Ich liebe die Eins-zu-eins-Situation mit dem Gegner. Es kann alles passieren. Auch wenn man führt, kann nach paar Punkten das Spiel kippen und man sollte spielen bis zum letzten Punkt. Ich habe letztens ein Spiel auf dem Platz vor mir gesehen. Die eine hat 6:2, 5:1 geführt und hat dann doch noch verloren. Das fasziniert mich.

Gibt’s ein Geheimrezept, wenn es eng wird im Spiel?

Ich versuche dann nur, mich auf den nächsten Punkt zu konzentrieren. Wenn ich merke, dass ich nervös werde, an den Matchplan zu denken und mich für jeden Punkt neu zu fokussieren. Ich spiel einfach jeden Punkt. Ich möchte nicht für andere verantwortlich sein und ich kontrolliere das sehr gerne. Das ist in der Mannschaft natürlich schwieriger.

Erstes WTA-Turnier und Deutsche Meisterschaft

Was war Ihr spannendster Moment auf dem Platz?

Ich habe diese Woche mein erstes WTA-Turnier in Karlsruhe gespielt. Da habe ich in der ersten Runde voll verloren. Das war alles sehr professionell. Auch das Finale der deutschen Meisterschaften letzten Sommer war ein schöner Moment.

„Ich spiel einfach jeden Punkt“

Ella Seidel

Wie ist die Unterstützung für Sportler in Hamburg?

In Hamburg bin ich beim Team Hamburg, der Stiftung Leistungssport. Da werden viele Spitzensportler aus Hamburg besonders gefördert und auch finanziell unterstützt. Da sind wir natürlich auch büschen drauf angewiesen. Die helfen uns in allen Bereichen, wenn wir was brauchen. Man kommt mit anderen Spitzensportlern zusammen. Ein sehr schönes Netzwerk.

Welche Turniere stehen an, auf welche freuen Sie sich besonders?

Als Nächstes spiel ich in Paris bei den French Open im Stadion Roland Garros. Danach mach ich mein Abi fertig, dann spiel ich in Wimbledon. Da freu ich mich richtig drauf. Ist beides noch Junior, weil ich bei den Damen noch nicht so weit oben stehe. Aber das versuche ich bei den nächsten Turnieren zu ändern. Bei Wimbledon denkt man sofort an Boris Becker.

„Man muss immer an sich arbeiten“

Welche Bedeutung hat er für Ihre Generation?

Er hat öfter bei den deutschen Meisterschaften vorbeigeschaut, hat sich Matches angeschaut, Tipps gegeben. Da nimmt man gerne Tipps an, denn er ist für den deutschen Tennissport eine sehr wichtige Person. Ich habe mich sehr gefreut, ihn kennenzulernen.

Was würden Sie Gleichaltrigen beim Thema Ziele mitgeben?

Große Ziele und Träume sind wichtig. Aber man muss sich auch kleinere Ziele stecken und an sich immer weiterarbeiten. Durch die kleineren Ziele kann man Großes erreichen. Dafür sollte man immer an sich glauben und immer hart weiterarbeiten.

Dieses Interview wurde im Mai 2022 vor den French Open geführt


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Diskurs im Park

Sidney Logan, 17, ist das jüngste Mitglied bei Park Fiction. Das Kunst- und Nachbarschaftsprojekt wurde Mitte der 90er von St. Paulianern erdacht, geplant und durchgesetzt

Interview & Foto: Markus Gölzer

SZENE HAMBURG: Sidney, wer seid ihr, was sind eure Ziele?

Sidney Logan: Wir sind ein Team von zehn bis 15 Leuten in allen Altersgruppen. Von 17 bis 80. Es geht meistens darum, Probleme im Park gemeinsam zu lösen, Raum für Diskurs zu öffnen. Ich finde es schön zu sehen, wie gut die Menschen zusammenarbeiten, nur mit dem Gedanken, für die Community einen Raum zu schaffen. Ohne Geld zu bekommen.

Eine „Lärm im Park“-Initiative hatte sich an die Bezirksversammlung gewandt und Beschlüsse bewirkt, um die „Dauerparty“ einzudämmen.

Ich finde es problematisch, dass Einzelpersonen mit der kommunalen Politik sprechen und nicht alle Menschen auf einer Ebene zusammen reden. Wie es der Kern von Park Fiction ist: Gemeinsam anpacken, ohne eine Institution dazwischen kommen zu lassen. Es gibt die Forderung nach mehr Polizei. Ich meine, da kommt schon Polizei im Zehn-Minuten-Takt.

„Wir wenden uns an Menschen, versuchen deren Bedürfnisse rauszufinden“

Sidney Logan

Wie wollt ihr den Konflikt lösen?

Mit Park Fiction 2 auf dem Uferstreifen unterhalb von Park Fiction, um den Lärm zu verlagern. Wir haben eine Wunschproduktion gestartet und den sogenannten parallelen Planungsprozess: Wir wenden uns an Menschen, versuchen deren Bedürfnisse rauszufinden. Parallel sind wir im Kontakt mit den Behörden. Die Wunschproduktion arbeitet mit Tools, die teilweise sehr spielerisch sind. Damit auch Kinder mitmachen können.

Wir versuchen, inkludierend zu sein für Leute, die nicht so gut Deutsch können. Wir haben Knete und Arbeitsbögen, auf die man seine Vorstellungen malen kann. Es gibt ein schwarzes Blatt mit Neonstiften, die Nachtkarte: Wie soll der Park bei Nacht aussehen? Es geht nicht darum, einfach zu fragen: Was wollt ihr? Sondern: Überleg dir mal einen Ort, an du dich so richtig wohlgefühlt hast. Wie können wir dir dieses Gefühl auch hier geben? Wir haben schon 600 Planbögen verteilt und ausgewertet.

sommer-hamburg-schatten-park-fiction-c-artur-tumasjan-unsplash
Palmen aus Plastik im Park Fiction (Foto: Artur Tumasjan via Unsplash)

Was machst du sonst so?

Ich bin ein Teenager in Corona-Zeiten. In den letzten beiden Jahren hatte ich viel Zeit für mich selber. Ich habe an dem Feinschliff meiner Vision gearbeitet. Ich bin stark interessiert an Fashion und Street-Art und der Verbindung dazwischen. Popculture, Rap, büschen an Beats rumschrauben auf Ableton. Ich möchte mein eigenes Magazin für Subkulturen machen.

Im Moment arbeite ich an einem Projekt mit einem alten Schulkumpel für 3-D-Kunst. Ich habe viele Schnapsideen, die jeder Jugendliche hat, wenn er durch die Straßen läuft. Mir gefällt die Vorstellung: Mein menschlicher Körper wird irgendwann nicht mehr da sein, aber der Park und meine Klamotten existieren noch. Oder sie schwimmen im Ozean. In den Bäuchen von Meerestiermutanten.

Du warst 15, als Corona losging. Wie war das für dich?

Ich finde es sehr verwirrend. Es wird einem immer eingeredet: Du bist als Jugendlicher am härtesten betroffen, voll schlimm und so. Dann sitzt man mit seinen Freunden so rum und denkt sich: Ja, eigentlich haben sie schon recht. Aber wenn ich zurückdenke zum Anfang von Corona, wie es mir damals ging, was ich so gemacht habe, komme ich jedes Mal auf eine andere Antwort. Es war nicht nur schlimm. Ich fand manches gut.

Heute ist alles kontrolliert, überall stehen Überwachungskameras, jeder muss funktionieren. Ich dachte mir, Ah okay. Deutschland geht’s auch mal schlecht. Weil wir ja sonst so schön verwöhnt werden. Das war ganz lustig für mich. Vielleicht ist es eine Karmaschelle von Mutter Natur. Aber natürlich war es schlimm, dass man nicht auf Partys oder so gehen konnte. Das war, wie alle sagen, eine der nervigsten Sachen.


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Verlosung: Nina Chuba in der Elbphilharmonie

Anzeige

Mit der Haspa Musik Stiftung in die Elbphilharmonie: Wir verlosen 2×2 Tickets für das Konzert von Nina Chuba im Kleinen Saal am 30. März 2022

Foto: Rico Zartner

Das Nachwuchsformat „Made in Hamburg“ in der Elbphilharmonie zeigt, was in Hamburg musikalisch alles los ist. Auf der Bühne des großen Konzerthauses stehen experimentierfreudige Künstler:innen, die sonst vor allem in Clubs, Kneipen, Off-Locations und Proberäumen am Sound der Zukunft feilen. Am 30. März 2022 erwartet die Besucher:innen das spannende Konzert von Nina Chuba.

Von den „Pfefferkörnern“ zu heißen Beats und Rhymes

Die Allrounderin begann ihre Karriere 2008 vorerst als Kinderschauspielerin in der Fernsehserie „Die Pfefferkörner“. Zeitgleich entdeckte die gebürtige Hamburgerin ihre Leidenschaft für die Musik. In den Folgejahren war sie noch im Deutschen Fernsehen in Serien wie „Das Traumschiff“ oder „Notruf Hafenkante“ zu sehen, arbeitete aber auch bereits an ihrer Karriere als Singer-Songwriterin.

Mit ihrer ersten EP „Power“, die im Juli 2020 veröffentlicht wurde, erreichte die Musikerin auf Spotify mehrere Millionen Streams. Ihre Musik: eine einzigartige Mischung aus Soul und Indie-Pop.

Die Haspa Musik Stiftung unterstützt den Hamburger Musiknachwuchs und ist darum auch Partner der Konzertreihe „Made in Hamburg“.

www.haspa-musik-stiftung.de


Wir verlosen zusammen mit der Haspa Musik Stiftung 2×2 Tickets für das bereits ausverkaufte Konzert von Nina Chuba am 30. März 2022 um 20:30 Uhr in der Elbphilharmonie!

Wie ihr mitmachen könnt? Na so:

Bitte gebt für die Teilnahme euren vollständigen Namen an.


Krach+Getöse: Karriereboost für Nachwuchstalente

Neue Runde für den Hamburger Musik-Nachwuchspreis – erneut mit kompetenter Fachjury und großem Supportprogramm

Text: Anna Meinke

 

Junge, ambitionierte Künstler und Bands gibt es wie Sand am Meer. Und alle sind sie talentiert, wunderbar und voller Ideen. Doch wer hat das gewisse Etwas? Wer ist originell und experimentierfreudig? Und wer hat vor allem den Mut, die eigene Musik weiterzudenken, die Kunst auf das nächste Level zu heben?

Genau solche Künstler wollen die Haspa Musik Stiftung und RockCity Hamburg e. V. erneut mit dem Musik-Nachwuchspreis Krach+Getöse küren und sie mit einer begehrten Förderung belohnen: Die fünf Gewinner erwartet ein Preisgeld in Höhe von 1.200 Euro sowie ein individuelles, krisentaugliches Supportprogramm über zwölf Monate. Und das ist noch nicht alles. Workshops, Coachings, Produktionen, Aufnahmen und Supports von und mit zum Beispiel Clouds Hill Recordings und JustMusic sollen die Nachwuchstalente auf ihrem Weg unterstützen.

 

Talente gesucht!

 

Die Highlights, einige heiß begehrte Booking-Slots für unter anderem das MS Dockville Festival, das Futur 2 Festival, das Reeperbahn Festival, Wutzrock und die Millerntor Gallery, müssen in diesem Jahr aufgrund der Pandemie leider entfallen. Für adäquaten Ersatz wird jedoch gesorgt – und der Rückenwind für die Karriere ist den Preisträgern sicher! Ausgewählt werden diese von einer Fachjury aus etwa Alice von Chefboss, Annett Louisan, Celina Bostic und Megaloh.

Interessierte Solo-Musiker, Bands und Kollektive aus Hamburg und der Metropolregion können sich vom 1. bis zum 29. April online bewerben. Angesprochen sind Künstler, die als Nachwuchs oder Semi-Profis in der Popmusik arbeiten und Bock haben auf Unterstützung und Perspektiverweiterung. Als besonderes Highlight des Ganzen werden die neuen Preisträger am 22. Juni in der digitalen Award Show bekanntgegeben.

Infos und Teilnahmebedingungen: krachundgetoese.de; rockcity.de; haspa-musik-stiftung.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hamburger Nachwuchs: Taschenlabel OAK25

Aus dem Hamburger Stadtbild sind sie kaum noch wegzudenken: Die Rucksäcke und Bauchtaschen von Oak25, die nicht nur praktisch und stylish sind, sondern durch ihre reflektierende Oberfläche auch Sicherheit im Straßenverkehr bieten. Hinter dem Label stecken die beiden Hamburger Emil Woermann, 19, und Jacob Leffers, 21

Interview: Daniel Schieferdecker

 

SZENE HAMBURG: Emil und Jacob, wie habt ihr beiden euch kennengelernt?

Emil: Wir kennen uns seit Grundschulzeiten aus dem Chor. Mit Einsetzen des Stimmbruchs hatte sich das Singen jedoch erledigt, und das entstandene Freizeitvakuum haben wir mit unzähligen Projekten gefüllt.

Jacob: Wir hatten einen YouTube-Kanal, haben eine Website …

Emil: … und einen Computer gebaut. Vor zwei Jahren haben wir darüber sogar ein Buch geschrieben: „Secret Book For Digital Boys“.

Jacob: Für uns war so etwas immer erfüllender, als jeden Tag nur vorm Computer zu sitzen und Fifa zu zocken.

Meist waren es digitale Projekte, um die es ja auch in eurem Buch geht. Warum?

Jacob: Uns hat es immer schon Spaß gemacht, sich in die Komplexität digitaler Themen reinzudenken. Ein Buch darüber hätten wir damals selbst gerne gehabt, aber das gab’s nicht. Also haben wir es kurzerhand selbst geschrieben.

 

„Wir sind da sehr naiv rangegangen“

Jacob Leffers

 

Wie kam es dann zur Gründung von Oak25?

Emil: In der Stadt nutzen wir zur Fortbewegung vor allem das Fahrrad. Unsere Eltern wollten immer, dass wir Warnwesten anziehen, damit wir von Autofahrern gesehen werden. Das fanden wir aber immer semi-sexy und kamen daher auf die Idee, reflektierende Rucksäcke zu machen.

Jacob: Das war der Ausgangspunkt für unsere Luminant Bag.

Wie habt ihr das finanziert?

Emil: Uns selbst fehlte das nötige Geld, also haben wir gekickstartert. Mit dem eingesammelten Startkapital von 20.000 Euro konnten wir loslegen.

Was waren die ersten Schritte?

Jacob: Wir sind da sehr naiv rangegangen. Wir dachten, wir zeichnen das mal auf und zeigen das jemandem, der uns daraus dann ein Muster näht – aber so einfach funktioniert das natürlich nicht. Allein das Zeichnen der Rucksäcke war kompliziert. Erst habe ich das auf Papier gemacht, aber damit konnte niemand arbeiten. Daraufhin hat Emil sich in Photoshop reingefuchst und darin die erste Vorlage erstellt.

Warum habt ihr nicht andere Leute gebeten, das für euch zu übernehmen?

Jacob: Weil wir uns in sämtliche Bereiche unseres Unternehmens lieber selbst reinfuchsen. Das dauert zwar und ist manchmal auch frustrierend, kostet aber weniger Geld und führt dazu, dass wir ständig lernen, uns weiterentwickeln und uns in allen Bereichen, die unsere Firma betreffen, perfekt auskennen.

Klingt, als hättet ihr beide eine Menge Geduld und eine hohe Frustrationstoleranz.

Jacob: Es gibt immer mal Phasen, durch die man sich ein bisschen quält, aber dass wir stets am Ball geblieben sind, hat uns eben auch erst vorangebracht. Und es dann geschafft zu haben, fühlt sich doppelt gut an.

„Wir haben uns gefühlt wie Steve Jobs“

Emil Woermann

 

Warum der Name Oak25?

Emil: Der hat mit dem Sitz unseres ersten Büros zu tun: in der Eichenstraße 25. Das war noch bei meinen Eltern. In deren Fahrradkeller.

Jacob: Büro ist leicht übertrieben – da stand halt ein Schreibtisch. (lacht) An dem saßen wir jeden Abend und haben gearbeitet.

Emil: Wir hatten immer die Vorstellung, ein Büro zu brauchen. Eigentlich voll unwichtig, aber das hat uns die Vision für das Ganze eröffnet. Wir haben uns dadurch ein bisschen wie Steve Jobs gefühlt, bei dem ja auch alles in seiner Garage angefangen hat. Mittlerweile haben wir aber richtige Büroräume in der Eimsbütteler Chaussee.

Wie sind eure Eltern mit eurer Geschäftstüchtigkeit umgegangen?

Emil: Die fanden das immer cool und haben uns unterstützt. Deren Sorge war bloß, dass die Schule dabei hintenüberfällt – oder später mein E-Commerce-Studium. Das pausiere ich aber gerade.

Gehst du davon aus, das Studium weiterzuführen?

Emil: Ich glaube nicht. Das hat zwar Spaß gemacht, war mir aber viel zu theoretisch.

Jacob: Ich habe meine E-Commerce- Ausbildung auch pausiert. Was uns immer gestört hat: Dass es immer darum geht, was man tun würde, wenn man mal in einem entsprechenden Unternehmen arbeitet. Wir haben stattdessen lieber ein Unternehmen gegründet und all unsere Ideen praktisch umgesetzt, nicht nur theoretisch.

 

„Wir zahlen uns keine Megagehälter aus, sondern konzentrieren uns vorrangig aufs Wachstum“

Emil Woermann

 

Könnt ihr von Oak25 schon leben?

Jacob: Ja. Im letzten Jahr haben wir Investoren gefunden, was es uns ermöglicht, das Ganze Vollzeit zu betreiben.

Emil: Wir zahlen uns aber keine Megagehälter aus, sondern konzentrieren uns vorrangig aufs Wachstum. Aber wir können davon leben und unsere Mitarbeiter bezahlen.

Wie viele Exemplare gab es von eurer ersten Kollektion?

Emil: 8.000 Stück. Die waren aber schnell ausverkauft.

Könnt ihr euch noch daran erinnern, als ihr das erste Mal auf der Straße einen Fremden mit einem eurer Rucksäcke gesehen habt?

Jacob: Ja. Da bin ich mit dem Fahrrad übern Jungfernstieg gefahren und hab da innerhalb von fünf Minuten drei Leute mit unserem Rucksack gesehen. Das war schon krass. Ich bin selten mit einem so breiten Grinsen nach Hause gefahren.

Ihr seid Freunde, die nun auch Geschäftspartner sind. Macht es das leichter oder schwieriger?

Emil: Sowohl als auch. Wir reden schon viel übers Geschäft. Gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass wir im Büro nicht nur ständig über Privates quatschen.

Ihr wohnt auch noch zusammen. Ihr seht euch also nur nicht, wenn ihr schlaft.

Jacob: (lacht) Abends sind wir schon auch gerne mal für uns alleine. Und im Büro hat jeder von uns seine Aufgabenbereiche, sodass wir auch da nicht ständig aufeinanderhocken. Ich bin vorrangig fürs Marketing zuständig … Emil: … und ich betreue die IT und die ganze Administration – von Steuern bis Personal.

Was waren bisher die wichtigsten Learnings?

Emil: Dass man keine Angst haben sollte, Dinge direkt anzugehen. Manchmal macht es zwar Sinn, vorher noch mal einen Schritt zurückzugehen und mit etwas Abstand draufzukucken, aber uns hat es immer geholfen, direkt loszulegen. Und wenn man mal einen Fehler macht – auch nicht schlimm. Beim nächsten Mal ist man schlauer.

oak25.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Bestatterin Lea Balkenhol: „Man muss Bedürfnisse erkennen“

Lea Balkenhol, 23, ist Bestatterin – und möchte es am liebsten für immer bleiben. Ein Gespräch über Empathie, Trauerfeiern in Zeiten von Corona – und allerhand Berufsklischees

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Lea, wann hast du dich entschieden, Bestatterin zu werden?

Lea Balkenhol: Das war im Mai 2017. Ein Jahr zuvor hatte ich Abitur gemacht und war dann ein bisschen unschlüssig, wie es weiterge- hen könnte. Also habe ich mir ein Jahr Zeit genommen, um Praktika in ganz verschiede- nen Bereichen zu machen. Ich war an einer Schule, in einem Theater – und in meinem letzten Praktikum bei Schaarschmidt Bestattungen in Barmbek. Nach zwei Wochen war ich schon sehr begeistert und nach drei Wochen ziemlich sicher, dass ich genau das beruflich machen möchte. Nach vier Wochen hat mich meine Chefin, Janna Schaarschmidt, gefragt, ob ich Lust hätte, bei ihr eine Ausbildung zu machen. Seitdem bin ich hier.

Du sprichst von früher Begeisterung. Was hat dir denn sofort gefallen?

Ich bin ein großer Fan von Listen und Formularen, Ordnung und Symmetrie (lacht). Von all dem gibt es hier reichlich. Außerdem hat man als Bestatterin einen sehr warmen, ehrlichen Kontakt zu den Hinterbliebenen. Für sie kann man enorm viel tun. Wenn das gelingt und die entsprechende Rückmeldung kommt, ist das eine angenehme Bestätigung. Ich bin aber auch oft unterwegs und habe deshalb viel Abwechslung im Alltag.

Muss man als angehende Bestatterin also einerseits einen Sinn für Ordnung, andererseits viel zwischenmenschliches Fingerspitzengefühl mitbringen?

Genau. Es geht hier neben Organisation auch um Empathie – und zwar um eine, die man nur bedingt lernen kann.

Wie meinst du das?

Oft hat man mit Menschen zu tun, die einem Dinge nicht unbedingt direkt – oder überhaupt – sagen. Man muss viele Bedürfnisse erkennen können, ohne dass sie konkret geäußert werden.

 

„Es macht großen Spaß, die Klischees zu widerlegen“

 

Mal kurz zu den Klischees, mit denen dein Job behaftet ist: trist, traurig, viel zu viel Tod …

… und alte, weiße Männer mit schlecht sitzenden Anzügen (lacht).

Welches Klischee findest du am schlimmsten?

Den tristen Arbeitsalltag. Vor allem aber finde ich es schade, dass viele gar nicht wissen, was Bestatter genau machen. Einige haben da so Bilder aus „Six Feet Under“ im Kopf.

Auf der anderen Seite macht es auch großen Spaß, die Klischees zu widerlegen. Wenn man den Job gut macht, kann man all dem ausreichend entgegenwirken.

Du hast die Abwechslung im Alltag schon erwähnt. Gibt es auch gewisse Routinen?

Auf die gesamte Woche gesehen schon. Montags verschafft man sich einen Überblick über alles, was am Wochenende angefallen ist, und am Ende der Woche ist man oft mit Trauerfeiern beschäftigt.

Die meisten Menschen legen ihre Trauerfeiern gerne auf einen Freitag, und wir bereiten über die Woche alles dafür vor. Ansonsten muss man schauen, was passiert. Heute Morgen um halb sieben habe ich zum Beispiel einen Anruf bekommen, ob wir eine Verstorbene aus einem Heim abholen können. Dadurch ist der Tagesplan natürlich nicht mehr wie gehabt.

Du wirst auch mit am Corona-Virus Verstorbenen zu tun haben. Bestehen dabei Ängste?

Nicht bei der Arbeit mit den Verstorbenen. Selbst wenn eine verstorbene Person Corona hatte, atmet sie ja nicht mehr, und ich komme auch nicht mit ihren Körperflüssigkeiten in Berührung.

Schwierig finde ich allerdings den Gang in Heime. Weil ich definitiv mehr Kontakte mit Menschen habe, als diejenigen, die im Heim wohnen, und man ja nie weiß, welche Begegnungen es dort geben wird. Wir können uns nur bestmöglich vorbereiten, auch Schutzkleidung tragen, und meistens sind die Flure auch vorsorglich leer, wenn wir kommen. Wir haben dann nur mit einer Person zu tun, die uns Papiere übergibt.

Schwierig sind bestimmt auch Trauerfeiern in der Corona-Zeit, weil sie oft nicht in dem Rahmen stattfinden können, in dem sie die Hinterbliebenen gerne hätten.

Richtig, vielen Menschen fehlt momentan ein richtiger Abschied. Mir wird jetzt noch klarer, dass Trauerfeiern nicht nur dafür da sind, damit Hinterbliebene Abschied von Verstorbenen nehmen können, sondern auch, damit sie diesen Moment mit anderen teilen können. Es geht um ein Gefühl von Gemeinschaft, auch beim Kaffeetrinken danach – was momentan häufig einfach wegfällt.

Kannst du dir vorstellen, diesen Job dein Leben lang zu machen?

Ja, auf jeden Fall! Gerade auf lange Sicht hat diese Arbeit alles, was ich mir für mein Berufsleben wünsche. Ich sehe mich für immer in diesem Job.


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hamburger Nachwuchs: Sängerin Sukie

Gerade mal ein Jahr ist es her, dass Sukie ihren ersten eigenen Song veröffentlichte. Doch spätestens, als im Oktober ihre Debüt-EP „Love And Impatience“ erschien und die Kunde von einer neuen, talentierten Sängerin aus Hamburg die Runde machte, war klar: Mit Sukie wird zukünftig zu rechnen sein. Im Interview spricht die 22-Jährige über Schwermut als Treibstoff, das derzeitige Darben der Kreativszene und Lichter am Ende des Tunnels

Interview: Daniel Schieferdecker

 

SZENE HAMBURG: Sukie, wie bist du zur Musik gekommen?

Sukie: Musik war immer ein großer Teil meines Lebens. Ich war ein sehr ruhiges Kind, habe viel Zeit mit mir selbst verbracht – und dabei fast immer Musik gehört und gesungen. Ich habe es dann aber eine Weile schleifen lassen – bis vor drei Jahren mein bester Freund bei einem Autounfall gestorben ist.

Und dann?

Das war jemand, der sehr krass gelebt hat; der immer seinen Weg gegangen ist und das gemacht hat, was er machen wollte. Da ist mir bewusst geworden, dass ich viel zu lange meine Zeit mit Dingen vergeudet habe, die mich nicht erfüllen – das ist für viele Leute ja deren Realität. Aber das wollte ich nicht.

Ich habe dann einen Coversong bei Instagram hochgeladen, coole Reaktionen darauf bekommen und weitergemacht. Im Oktober kam dann meine erste EP „Love And Impatience“.

Bist du tatsächlich so ungeduldig, wie es der EP-Titel verheißt?

Ja, ganz schlimm! Wenn ich Dinge nicht auf Anhieb kann, höre ich sofort wieder damit auf. Ich werde sonst wahnsinnig. (lacht)

Deine Pressesgentur hat dich angepriesen als „junge Frau mit Charakter“. Was meinen die damit?

(lacht schrill) Wenn ich das nur wüsste! Hat nicht jeder einen Charakter? Aber sagen wir so: Ich bin in gewissen Dingen sehr speziell – aber auf eine gute Art und Weise.

Das musst du erklären.

Ich bin sehr feinfühlig, eine sehr empathische Person. Das schadet mir manchmal zwar auch, weil ich oft mehr bei anderen bin als bei mir. Aber das ist etwas, das mich ausmacht.

 

 

Deine Lyrics schreibst du auf Englisch. Warum?

Ich habe einen besseren Zugang zu der Sprache. Deutsch als Muttersprache ist einfach zu nah an mir dran. Das Englische ermöglicht mir eine etwas objektivere Sicht auf die Dinge. Aber: Ich bin bilingual aufgewachsen, weil meine Mutter lange in London gelebt hat.

In deinen Songs liegt viel Schwere, in den meisten geht es um düstere Themen. Ist das deine Art der Verarbeitung?

Ja, absolut. Ich kann aber keine Songs schreiben, wenn es mir richtig schlecht geht. Das passiert erst danach, wenn ich die Situation für mich selbst schon ein bisschen verarbeitet habe.

Du machst nicht nur Musik, sondern studierst auch Ethnologie und klassische Archäologie. Inwiefern hat dein Studium Einfluss auf deine Songs?

In vielerlei Hinsicht: Durch das Ethnologie-Studium bekommt man einen sehr weiten Blick darauf, wie die Menschen auf der Welt in der Gesellschaft funktionieren.

Kennst du den Begriff der kulturellen Universalien? Das sind Dinge, die nicht kulturabhängig variieren, die es in jeder Gesellschaft gab und gibt – und eine davon ist Musik. Das finde ich spannend: dass Musik, unabhängig vom Text, eine Sprache ist, die von jedem überall auf der Welt verstanden werden kann.

 

„Ich sehe gerade ganz viele Existenzen sterben“

 

Vor Corona hast du in einer Bar gearbeitet. Seit einem Jahr nun nicht mehr. Hatte das einen Einfluss auf deine Musik?

Total! Ich habe immer gerne Gastro gemacht, aber das schlaucht auch – zumal das ein Job ist, der dir menschlich nicht viel zurückgibt und deinen Schlafrhythmus total zerschießt.

Durch den Wegfall dieses Jobs hatte ich nun mehr Zeit, mich auf mich selbst zu konzentrieren. Mich zu fragen: Wer will ich sein? Wie will ich klingen? Das hat mir geholfen. So perfide es klingen mag: Ein Stück weit bin ich tatsächlich dankbar für die Situation. Aber jetzt ist auch gut. (lacht)

Welche negativen Einflüsse hatte die Pandemie auf dich?

Ich hatte dadurch viel Zeit zu zweifeln. Zwischendurch bin ich in tiefe Löcher gefallen und hab mich gefragt, wofür ich das eigentlich mache, wenn es ja doch niemand  zu hören bekommt – vor allem nicht live.

Ich kriege ja auch mit, was in meinem Umfeld los ist, wo viele Leute professionell Musik machen. Ich sehe gerade ganz viele Existenzen sterben, Clubs schließen, eine ganze Branche untergehen.

Wie motivierst du dich, trotzdem weiterzumachen?

Indem ich versuche, mich darauf zu besinnen, Kunst nicht für andere, sondern in erster Linie für mich selbst zu machen. Trotzdem macht die Situation mir Angst. Ich saß durchaus schon mit Heulkrämpfen im Studio. Aber eigentlich bleibt einem gar nichts anderes übrig, als positiv zu bleiben und nicht den Glauben zu verlieren.

 

 

Hast du eigentlich eine Lieblingszeile von dir?

Ja, aus „Hit Me“. Da singe ich: „And the night might be yours, but the morning is mine.” Die finde ich sehr schön. Es gibt auch noch eine andere, aber die ist noch nicht veröffentlicht. Kann ich daher nicht verraten, sonst klaut die noch einer. (lacht)

Wenn es unveröffentlichte Textzeilen von dir gibt: Kommt dann dieses Jahr noch was Neues von dir?

Auf jeden Fall! Wahrscheinlich noch eine EP. Und dann mal schauen, wie es insgesamt mit der Musik und Kultur hier weitergeht. Ich habe auf jeden Fall noch einige sehr, sehr gute Songs, die nur darauf warten, veröffentlicht zu werden.

thisissukie.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hamburger Nachwuchs: Zwischen Forschung und Fortnite

Aruna Sherma, 17, holte mit ihrer Arbeit über die Erforschung alternativer Kontrastmittel für die Kernspintomografie (MRT) den 1. Preis im Landeswettbewerb von Jugend forscht 2019 und diverse Sonderpreise. Moritz Ahrens, 18, sicherte sich mit Julian Jochens, 19, den 2. Preis samt Sonderpreis für ihr selbstfahrendes Fahrrad „Velo Autonomus“. SZENE HAMBURG sprach mit Aruna und Moritz über ausgezeichnetes Forschen und Tüfteln

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Aruna und Moritz, herzlichen Glückwunsch! Warum genau diese Projekte?

Moritz: Das war einfach eine lustige Idee, die mein Partner Julian und ich interessanterweise gleichzeitig hatten. Das war im Sommer 2018. Dann haben wir im Rahmen einer freien Projektarbeit in der Schule gesagt: „Lass uns das machen!“

Aruna: Ich habe mich mit Halbleitern, Magnetismus und speziell Kernmagnetismus beschäftigt. Der kommt in der MRT zum Einsatz. Ich bin durch Zufall auf einen Artikel über die Toxizität von MRT-Kontrastmitteln gestoßen. Dann habe ich geschaut: Was ist ein Kontrastmittel? Was muss das können? Dabei bin ich auf Nanotechnologie gestoßen und fand das einen vielversprechenden Ansatz für ein weniger belastendes Kontrastmittel.

Was war eure Motivation, bei Jugend forscht mitzumachen?

Aruna: Ich kannte den Wettbewerb gar nicht. Mein Betreuer im Schülerforschungszentrum (SFZ) hat mich aufmerksam gemacht. Ich habe mich dann einfach angemeldet. Mein Projekt war erst sechs Monate jung. Ich hatte nicht erwartet, dass ich soweit komme. Während des Wettbewerbs habe ich dann realisiert, dass ich gar nicht so schlecht bin, wie ich dachte.

Moritz: Ich war im Jahr davor schon mit einem anderen Projekt dabei, und dann haben wir uns überlegt: Hm. Das Projekt ist umfangreich und hat Potenzial. Wenn wir das schon als Projektarbeit machen, können wir das auch für Jugend forscht verwenden. Sportlicher Ehrgeiz war auch dabei. Wenn man bei einem Wettbewerb mitmacht, hat man Stress, und unter Stress kann man besser arbeiten. Und man kann gucken, was andere so Cooles machen.

 

„Sachen zusammengewürfelt ohne viel Ahnung“

 

Wie wurdet ihr unterstützt?

Moritz: Die Schule war eine große Unterstützung. Eine Lehrerin begleitete die Projektarbeit, eine andere kümmerte sich um den Wettbewerb. Sie war eingetragene Projektbetreuerin bei Jugend forscht und hat einen 3-D-Drucker für uns organisiert. In manchen Schulen werden Wahlkurse Jugend forscht angeboten, und die nehmen dann mit zehn Projekten teil. Meine Eltern waren schon deshalb eine Unterstützung, weil sie immer ertragen haben, dass Fahrrad, Schweißgerät und anderes Zeug den Flur blockieren.

Aruna: Ich habe zu Hause rumexperimentiert, Sachen zusammengewürfelt ohne viel Ahnung, was ich eigentlich tue. Es ist viel kaputtgegangen. Dann hat mir mein Klassenlehrer das Schülerforschungszentrum (SFZ) empfohlen. Er und eine andere Lehrerin haben einen Termin für mich vereinbart, ohne dass ich davon wusste. Plötzlich kam der Anruf: Aruna, Dienstag um 17 Uhr bist du im SFZ. Da war ich natürlich aufgeregt, weil ich nicht wusste, was mich erwartet. Aber dann war das wirklich ein guter Ort zum Arbeiten. Ich habe meinen Betreuer kennengelernt, der wollte, dass ich eine Leitfrage entwickle. Also genau sage, was ich machen will. Ich habe spontan gesagt: „Ich mache irgendwas mit Magnetismus.“ Auch mein Mathelehrer hat mich stark unterstützt. Ich bin nicht gut in Rechtschreibung, und er hat meine Arbeiten korrigiert. Er war immer da. Wenn ich ihm etwas geschickt habe, kam das innerhalb einer Stunde korrigiert zurück.

Wie seid ihr mit der Doppelbelastung aus Schule und Forschung klargekommen?

Moritz: Das ging eigentlich. Ich hatte sowieso das Glück, dass mir Schule immer leichtgefallen ist. Von daher hat das alles gepasst. Wir durften teilweise in der Woche vor Jugend forscht aus dem Unterricht raus und an dem Projekt weiterarbeiten.

Aruna: Das war schwierig, weil ich im Nebenjob auch noch kellnere. Zudem habe ich einen Schulweg von einer Stunde. Es war ziemlich stressig und ist ziemlich stressig. Meine Laborzeiten für Jugend forscht waren während der Unterrichtszeiten, weil meine Betreuer an der Uni abends keine Zeit hatten. Ich musste mich oft freistellen lassen, was dazu führte, dass ich viel Unterricht verpasst habe.

Gab es Momente, in denen ihr ans Aufhören dachtet?

Aruna: Ich hatte mir ein Gerät mit Temperaturregler und Sensoren gebaut. Ich wollte das magnetische Verhalten von verschiedenen Metallen untersuchen, um festzustellen, welche Materialien ich verwenden kann. Aber das Gerät hat einfach nicht funktioniert. Ich wusste nicht, warum, und das hat mich ziemlich entmutigt. Eine Zeit lang kam ich gar nicht weiter. Da fragte ich mich, ob ich vielleicht mal was anderes ausprobieren sollte. Informatik oder Mathematik vielleicht.

Moritz: Na ja. Wenn man den ersten Zeitplan ansieht, wären wir jetzt schon dreimal fertig. Es läuft eigentlich kaum was, wie man sich das im ersten Moment gedacht hat. Die Stützräder sind jetzt in der dritten oder vierten Version, weil sie entweder abgebrochen oder abgeknickt sind. Der Motor war anfangs zu klein. Der hat es gar nicht geschafft, anzufahren. Wir haben für alles mindestens zwei Anläufe gebraucht, aber dann doch weitergemacht.

Welche Pläne habt ihr nach der Schule?

jugend-forscht-Moritz-Ahrens-Julian-Jochens

Auch Moritz Ahrens (l.) und Julian Jochens wurden für ihr Projekt prämiert

Moritz: Mein Plan ist, nächstes Jahr im Wintersemester anzufangen, zu studieren. Es wird wohl Maschinenbau. Julian und ich können uns gut vorstellen, unser Projekt weiter zu betreiben. Vielleicht sprechen wir mal mit Fahrradherstellern. Im Moment ist das aber noch ein Spaßprojekt.

Aruna: Mein Traum ist die Forschung, aber ich finde die momentanen Bedingungen in Deutschland nicht so toll. Mir ist das zu unsicher mit diesen ganzen befristeten Verträgen. Ich weiß nicht, wie ich meine Zukunft planen soll, wenn ich nicht weiß, ob ich in zwei Jahren noch meinen Job habe. Da bin ich am Schwanken, ob ich nicht in die Wirtschaft gehe. Mein Zweitstudienwunsch neben Physik wäre Ingenieurwesen. Alles MINT-Studiengänge, die nach wie vor von Männern dominiert sind.

Wie sind da eure Erfahrungen?

Moritz: Ich bin mir nicht sicher. Ich habe aber nicht erlebt, dass man zu Jugend forscht fährt und Jungs da bevorzugt behandelt werden. Wenn es um Förderung in der Schule geht, wird drauf geachtet, dass das ungefähr ausgeglichen ist. Die Initiative NAT, die sich um die Förderung von Naturwissenschaften bei Schülerinnen und Schülern kümmert, hat das Programm mint:pink. Da werden explizit Mädchen angesprochen, um sie für Naturwissenschaften zu begeistern.

Aruna: Tatsächlich habe ich an der Uni gearbeitet und noch nie eine weibliche Physikerin gesehen. Es fällt auf, aber ich habe noch keine Probleme damit gehabt. Ich habe gehört, dass man als Frau unterschätzt wird von den männlichen Kollegen, aber ich habe es selbst zum Glück noch nicht erlebt. Ich glaube, das Hauptproblem liegt in der Kindheit. Es heißt ja schon früh, Jungs könnten besser logisch denken, Mädchen wären talentierter in Sprachen. Solche Vorurteile halten sich und beeinflussen einen in Schule und Studium.

Was macht ihr, wenn ihr nicht forscht?

Aruna: Ich mag Video-Ballerspiele wie Counterstrike oder GTA.

Moritz: Ich spiele seit ewigen Zeiten Klavier. Bevorzugt Klassik und Jazz.

Was gebt ihr Leuten mit auf den Weg, die bei Jugend forscht mitmachen wollen?

Moritz: Ich glaube, es ist so ein Ding von Technikprojekten, dass man einfach so drauflos baut. Uns wurde bei den Wettbewerben gesagt, man könnte noch wissenschaftlicher rangehen. Wir haben mehr ausprobiert und sind weniger methodisch rangegangen. Schon unsere Vision, ein autonomes Fahrrad zu bauen, war ein dicker Brocken. Wenn man an allen Fronten gleichzeitig kämpft, kommt man nicht unbedingt weiter. Man muss sich strukturieren und auf die wichtigen Dinge konzentrieren. Bei uns zum Beispiel gingen zuerst nur die Blinker. Das Fahrrad konnte nicht fahren. Das war nicht so schlau.

Aruna: Ich würde mit viel Selbstvertrauen reingehen. Nicht von anderen Projekten beeindrucken lassen. Ich habe mich da eingeschüchtert gefühlt und hatte das Gefühl, dass das ein Hindernis war in meinem Vortrag. Ich konnte weniger frei sprechen. Man darf ruhig überzeugt sein von dem, was man macht. Egal, was die anderen machen.

jugend-forscht.de


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

David Abel: Fotos for Future

Nicht nur in Sachen Umweltschutz sind sie ganz weit vorne. Auch die Künste in der Stadt leben von der Eigeninitiative und den Visionen junger Talente. Einer von ihnen ist der Nachwuchs-Foto- und Videograf David Abel (20)

Interview: Hedda Bültmann

 

SZENE HAMBURG: David, momentan legst du deinen Fokus mehr auf die Fotografie und nicht auf Videografie, was auch eine Leidenschaft von dir ist. Warum?

David Abel: Auf einem Foto kann man den Moment mit seinen ganzen Emotionen festhalten und darstellen. Videoaufnahmen zeigen natürlich mehr vom Umfeld der Situation und sind eindeutiger. Aber genau das mag ich an Fotos: Sie bieten Raum für unterschiedliche Interpretationen.

VISION-PERCEPTION_Vietnam-c-david-abel

Melonen pflücken in Vietnam: „Perception“ aus der Vision-Serie

Zum Beispiel das Bild, auf dem das Kind die Wassermelone hält (l.), habe ich verschiedenen Personen gezeigt und ein Teil derer hat mich gefragt, ob das eine Granate sei. Total spannend, dass sie im ersten Moment ein ausländisches Kind mit einer Granate assoziiert haben. Darauf wäre ich nie gekommen, da ich nur die Freude des Kindes gesehen habe, das mit seinen Freunden auf dem Feld gespielt hat.

Welche Momente möchtest du mit der Welt teilen?

Aktuell stelle ich meine Fotoserie „Vision“ auf der Kunstmeile Blankenese aus. Das sind sechs Fotos, die ich in Asien aufgenommen habe. Diese zeigen genau das, was ich vermitteln möchte. Menschen in ihrer Heimat und ihren Emotionen in dem Moment.

Gerade Gefühle versteht jeder und hat einen Bezug dazu. Und darüber auch einen Zugang zu den Menschen aus anderen Kulturen. Emotionen sind wie eine internationale Sprache, die jeder kennt. Ich beschäftige mich gerne mit Gesichtern und was sich darin widerspiegelt. Das zeigt den Menschen und erzählt die Geschichte des Moments.

Zeigst du auch unschöne Seiten?

Ich arbeite gerade mit einem Freund zusammen an einer Fotoserie zum Thema Umweltpolitik. Das abgebildete Foto (u.r.) ist in meinem kleinen Fotostudio entstanden und symbolisiert, dass durch Menschenhand Öl und Plastik in die Weltmeere gelangen und diese zerstören. Wir wollen verschiedene Themen, die gerade in der Umwelt stattfinden auf kreative Weise festhalten und so nochmal darauf aufmerksam machen.

 

Umweltpolitik-c-david-abel

Teil einer Fotoserie über Umweltthemen

 

Gibt es Künstler, die dich beeinflussen?

Heutzutage kann man sich sehr schnell durch Social Media beeinflussen lassen, was für mich positive und negative Auswirkungen hat. Negativ ist das Bremsen der eigenen Kreativität durch Mitlaufen des Mainstreams. Positiv ist, dass man sehr viel lernen und sich inspirieren lassen kann.

So habe ich zum Beispiel den Fotografen Brendan North entdeckt und mit ihm Kontakt aufgenommen. Trotzdem versuche ich, mich auch auf dem altmodischen Wege inspirieren zu lassen.

Fotograf-David-Abel

Auf den Traintracks in Hanoi: David Abel

Ich besuche gerne Ausstellungen und Galerien wie beispielsweise in den Deichtorhallen. Jeder sollte sich und seinen eigenen Stil entdecken.

Du reist ja viel. Hast du einen Lieblingsort?

Es gibt viele Orte, die ich mit schönen Erinnerungen verbinde. Ein Ort wird für mich durch die Erlebnisse dort schön. Wenn diese ausschlaggebend waren und die Gefühle dort gestimmt haben, macht ihn das direkt sehr viel schöner. Hamburg ist mein Zuhause, ich liebe die Stadt. Als ich das letzte Mal von einer Reise zurückgekommen bin, habe ich mich auch einfach darüber gefreut, wie frisch die Luft hier riecht.

Kunstmeile Blankenese bis zum 24.5. | Instagram: dba.photography


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Er liebt seinen Beruf: Schwimmmeister Frank Dobirr

Es gibt zu wenig Bade- und Schwimmmeister. Doch dass der Job alles andere als unattraktiv ist, beweist Frank Dobirr. Seit 40 Jahren sorgt er in Hamburgs Schwimmbädern für Sicherheit. Sein Wunsch: Lasst uns mehr Rücksicht aufeinander nehmen

Text: Felix Willeke
Interview: Ulrich Thiele

„Paule heißt er, ist Bademeister im Schwimmbad an der Ecke“, sangen schon die Ärzte 1984. Doch einen „Paul“ gibt es in Hamburg immer seltener: 2022 herrscht Bade- Schwimmmeistermangel. Das bestätigt ein Sprecher von Bäderland Hamburg SZENE HAMBURG. In Hamburg muss kein Schwimm- oder Freibad deswegen schließen, es komme jedoch schonmal zu eingeschränkten Öffnungszeiten.

„Der Job passt nicht mehr zur Lebensvorstellung der Menschen.“

schwimmbad-c-unsplash_AndreasFelske-klein
In Hamburg musste noch kein Schwimmbad wegen Bademeistermangel schließen (Foto: unsplash/Andreas Felske)

Das Problem: Es fehlt Personal. Einerseits im Nachwuchs, wo auch Qualität der Bewerber:innen zu wünschen übrig lässt: „Bei einigen sehen wir schon nach 15 bis 20 Metern beim Vorschwimmen, dass sie nicht ausreichend schwimmfähig sind“, so der Sprecher von Bäderland Hamburg. Und andererseits fehlen die Saisonarbeiter:innen. Alleine Bäderland Hamburg benötigt für die Freibadsaison 40 bis 50 zusätzliche Angestellte. Doch viele, die den Job früher als Saisonkraft im Sommer gemacht haben, haben sich während der Pandemie anderweitig umgeschaut. Es sei ähnlich wie in der Gastronomie, so der Sprecher von Bäderland Hamburg: Der Job als Schwimmmeister erfordere auch Arbeit am Abend, am Wochenende und an Freitagen und das passe nicht mehr zur Lebensvorstellung der Menschen.

Dabei gehören Schwimmbäder zur Daseinsvorsorge und Bäderland Hamburg ist ein städtischer Betrieb. Damit ist die Arbeit der Schwimmmeister sicher. Und dass sie auch erfüllend sein kann, beweist Frank Dobirr. Seit 40 Jahren sorgt er in Hamburgs Schwimmbädern für Sicherheit und „passt auf, dass niemand ertrinkt“, wie es schon die Ärzte sangen – ein Gespräch über Handys, Rücksicht und die Liebe zum Beruf.

„Ich liebe meinen Beruf“

SZENE HAMBURG: Herr Dobirr, sind Sie Schwimmmeister oder Bademeister?

Ich bin Schwimm­meister – und zusätzlich noch Saunameister.

Was ist der Unterschied?

Bademeister ist ein medizinischer Beruf. Das geht in Richtung Masseure und hat viel mit Wannen­ und Wasser­anwendung zu tun. Ein Schwimm­meister kümmert sich um die Wasser­aufbereitung, die Sicherheit, Verfah­renstechniken, die angewendet werden, um die Wasserqualität sicherzustellen, Schwimmunterricht, Kindergeburts­tage und Animation, Sauna, Kasse, Per­sonal. Im Alltagsgebrauch wird aber auch der Schwimmmeister als Bade­meister bezeichnet.

Warum wollten Sie Bade-, pardon: Schwimmmeister werden?

Ursprünglich wollte ich Masseur werden. Aber auf die 40 Ausbildungs­stellen kamen über 1.000 Bewerber, da habe ich mir nicht so viele Chan­cen ausgerechnet. Da ich aus dem Schwimmsport kam, haben mir Bekannte meiner Eltern die Hamburger Wasserwerke empfohlen, die damals für die Schwimmbäder zuständig waren. Also habe ich mich da beworben – zum Glück.

Von den 40 Jahren als Schwimm­meister haben mir 39,5 Jahre richtig Spaß gemacht. Ich liebe meinen Beruf, die Herausforderung, die Abwechslung. Das Arbeiten mit den Kunden und Kollegen ist sehr vielschichtig, was ich damals gar nicht so erwartet hatte. Letztendlich besteht der Beruf aus 15 verschiedenen Berufsfeldern.

„Wir müssen den menschliche Körper kennen“

Schwimmeister Frank Dobirr

Und zwar?

Wir Schwimmmeister müssen uns mit Reinigungstechniken auskennen, mit dem Kassenwesen, mit Verwaltungs­aufgaben, dem Wassergehalt, der Auf­sicht, der Sauna. Wir können auch handwerkliche Aufgaben übernehmen.

Besonders wichtig ist, das wir die Physiologie des menschlichen Körpers kennen, wie die Lage der Organe oder die Funktion der Leberwerte und welche Symptome ein Herzinfarkt hat, damit wir entsprechend reagieren können. Meine Frau ist Krankenschwester, als ich meinen Meister gemacht habe, hat sie nur gestaunt, was ich alles lernen musste.

Schwimmmeister: Ein vielfältiger Job

Wie sieht ein typischer Tagesablauf aus bei so vielen Aufgaben?

Das kommt darauf an, ob ich Früh-­ oder Spätschicht habe …

Sagen wir Frühschicht …

Meine Frühschicht fängt in der Wo­che um halb sechs an. Zuerst teile ich das Personal ein. Dann geht es mit den Reinigungsarbeiten los: Ich messe die Wasserparameter, überprüfe, ob die Temperaturen überall stimmen und ob die Betriebssicherheit gegeben ist. Dann reinige ich das Schwimmbad und gegen halb sieben kommen die ersten Gäste – ab dann machen wir zu zweit Aufsicht. Zwischendurch kommt die Ablösung und ich springe derweil in anderen Bereichen ein: Kassenablösung, Sauna­aufgüsse. Nachmittags um halb drei kommt die Spätschicht zur Übergabe.

freibad-c-joe-pizzio-unsplash
Die Freibadsaison ist eröffnet! (Foto: Joe Pizzio)

Ein sorgloser Umgang mit dem Leben der Kinder

Was sind die häufigsten Zwischenfälle?

Es gibt immer mal wieder Unfälle, wenn Gäste barfuß am Beckenrand zu schnell laufen und ausrutschen. Oder wenn ein Gast rückwärts schwimmt und mit einem anderen zusammenstößt – dann gibt es mal eine Beule. Manch­mal gibt es auch Meinungsverschieden­heiten zwischen Badegästen.

Hören die Gäste auf Sie?

Wenn ich dem Gast in einer sach­lichen Sprache erkläre, warum das, was er macht, jetzt gerade nicht angesagt ist, dann hört er in der Regel auf mich. In den seltensten Fällen muss ich mir mal Unterstützung bei den Kolle­gen in Uniform holen. Ich bin jetzt fast 40 Jahre dabei. Wenn unsere Badegäste in die Halle kommen, erkenne ich schon, wen ich im Auge behalten muss.

„Die Smartphone-­Zombies laufen nicht nur auf der Straße herum

Schwimmeister Frank Dobirr

Woran erkennen Sie das?

Das ist einfach ein Bauchgefühl, erfahrungsbedingt. Mit der Zeit habe ich gelernt, Menschen anhand ihrer Körpersprache zu beurteilen.

Was ist die auffälligste Veränderung in den 40 Jahren?

Handys. Die Smartphone-­Zombies laufen nicht nur auf der Straße herum. Eltern kommen mit ihren Kindern zu uns, scrollen dabei permanent auf ih­ren Smartphones. Manchmal sehe ich, wie Kleinkinder mit Windeln unbeauf­sichtigt am Beckenrand herumlaufen oder sich über das Wasser beugen – da müssen sie nur das Gleichgewicht ver­lieren, um kopfüber ins Wasser zu fallen. Dieser sorglose Umgang mit dem Leben der Kinder ist schon auffällig.

„Wir sind keine Kita“

Wie reagieren Sie in so einem Fall?

Wenn wir feststellen, dass ein vier­jähriges Kind allein herumläuft, spre­chen wir es an und fragen, wo seine Eltern sind. Die stellen wir dann zur Rede: „Sie haben Ihre Aufsicht vernach­lässigt. Wenn was passiert, werden Sie Ihres Lebens nicht mehr froh.“ Meist kommen die Eltern ganz schön ins Schwitzen, wenn man ihnen die Kon­sequenzen klar aufzeigt.

Es ist nicht so, dass wir keine Lust haben, auf die Kinder aufzupassen – aber das ist die Verantwortung der Eltern.

Sind die Eltern überhaupt einsichtig?

Viele reagieren empfindlich, des­wegen muss ich mit viel Fingerspitzen­gefühl das Gespräch versachlichen. Dann zeigen sich die meisten Eltern auch einsichtig. Es gibt aber auch sol­che, die das nicht einsehen, nach dem Motto: „Wir haben Sie ja schließlich be­zahlt.“ Wir sind aber keine Kita. Und im Schwimmbad müssen kleine Kin­der einfach besonders gut beaufsichtigt werden, vor allem wenn sie noch nicht schwimmen können.

„Es dauert nicht lange, bis ein Kind ertrunken ist“

Mussten Sie schon rettend eingreifen?

Einmal ist ein zwölfjähriges Mäd­chen auf der Beckenkante abgerutscht und ins Wasser gefallen. Zum Glück konnte ich schnell eingreifen. Das Mäd­chen hatte einen Stimmritzenkrampf, deswegen ist kein Wasser in die Lunge gekommen. Aber ihr Gesicht war schon taubengrau. Das ist ein schrecklicher Anblick.

Es dauert nicht lange, bis ein Kind ertrunken ist, und genau deswe­gen ist die Aufsichtspflicht der Eltern so wichtig. In diesem Fall haben die Eltern allerdings ihre Aufsichtspflicht nicht verletzt, da das Mädchen schon zwölf und allein im Schwimmbad war.

Was ging in dem Moment in Ihnen vor?

In solch einem Moment kippt ein Schalter um – klack – und dann gilt nur noch: Reagieren. Machen. In dem Mo­ment war ich ganz klar und der Erste­-Hilfe­-Film lief wie automatisiert vor meinen Augen ab. Alle Sinne liefen auf Hochtouren. Entspannen konnte ich mich erst wieder, als die Entwarnung aus dem Krankenhaus kam. Leider be­kommen wir nicht immer eine Info, wie es den Gästen nach einer Rettung geht. Das ist dann sehr heftig für meine Kol­legen und mich, weil wir ja keine Ent­warnung erhalten.

„Die Zwischenmenschlichkeit, die Wärme, das Miteinander­nett­umge­hen – das wird leider immer weniger.“

Schwimmeister Frank Dobirr

Wie haben die Eltern reagiert?

Ich meine mich zu erinnern, dass die Eltern sich bei mir gemeldet und bedankt haben. Aber früher kam öfter, auch mal nach kleineren Unfällen, ein Dankeschön. Heute wird das immer seltener.

Woran liegt das?

In dem Hollywood­-Film „Avatar“ gibt es einen Schlüsselsatz, der die Ent­wicklung ganz gut verdeutlicht. Die Figuren in dem Film sagen dort: „Ich sehe dich als Wesen.“ Das verschwindet in unserer Gesellschaft. Es wird nicht mehr die Person gesehen, sondern nur noch der Nutzen, der Vorteil, der aus ihr gezogen werden kann. Und was man an die Person abgeben, damit man sich selbst aus der Verantwortung ziehen kann.

Die Zwischenmenschlichkeit, die Wärme, das Miteinander­nett­umge­hen – das wird leider immer weniger. Und seien es nur kleine Gesten im All­tag, wie auch einem Fremden die Tür aufzuhalten.

„Ich hole die Menschen aus ihrem Alltag heraus“

Was tun Sie dagegen?

Wenn ich an der Kasse sitze, mache ich mir oft einen Spaß mit den Leuten. Wenn eine Familie kommt und 13,70 Euro bezahlen muss, sage ich 1370 Cent. Sie gucken dann erst mal erschrocken, weil die Summe so riesig ist, ehe es ih­nen klar wird. Ich hole sie erst mal aus ihrem Alltag heraus. Die Menschen sind oft im Kopf noch ganz woanders, sodass sie völlig hektisch hier herein­ kommen und sofort in die Sauna stür­men wollen. Ich sage ihnen dann: „Kommen Sie erst einmal an, die Sauna ist ein Bereich der Ruhe.“

Das Leben ist so schnell, was auch wieder mit den Smartphones und der permanenten Errreichbarkeit zu tun hat, dass die Leute sich überhaupt nicht mehr erholen.

Was geben Sie den Hamburgern mit auf den Weg ins Bad?

Nehmt Rücksicht auf die anderen. Alle sollen Spaß haben. Aber es gibt Spielregeln. Wer von der Kante ins Was­ser springt, sollte vorher nachsehen, ob da auch niemand im Wasser ist. Er­wachsene sollten ein positives Vorbild für die Kinder sein. Und hört bitte auf die Anweisungen des Personals. Wir wollen nur sichergehen, dass jeder wie­der heil nach Hause kommt.

Dieses Interview ist erstmalig im Juli 2019 erschienen


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?