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„Peter von Kant“: Jeder tötet was er liebt

Der Film „Peter von Kant“ ist eine ausdrucksstarke, grandios besetze Adaption und Interpretation des Stücks „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ und eine kraftvolle Hommage an Regie-Legende Rainer Werner Fassbinder

Text: Marco Arellano Gomes 

 

Der berühmte Regisseur Peter von Kant (grandios: Denis Ménochet) führt ein geradezu dekadentes Leben in seinem großzügigen Kölner Domizil. Er ist auf dem Zenit seines Schaffens, trinkt gern, hat Stimmungsschwankungen und lässt seine Allüren an seinem zutiefst loyalen Diener Karl (Stéfan Crépon) aus. Durch seine Lieblingsschauspielerin und einstige Muse Sidonie (Isabelle Adjani) macht er die Bekanntschaft mit dem jungen, hübschen Amir (Khalil Gharbia), verliebt sich Hals über Kopf in diesen, lässt ihn bei sich wohnen und macht ihn zum Schauspielstar. Doch während Peter den Jüngling liebt, begehrt und sich in eine zerstörerische Abhängigkeit begibt, empfindet Amir zunehmend nur Spott, betrügt und demütigt diesen und folgt dem Ruf der eigenen Karriere. Verlassen wendet sich Peter gegen alle, die ihn noch lieben – von der Mutter (Hanna Schygulla) bis zur Tochter. Liebend, singend, schreiend, koksend und saufend führt der Regisseur ein Schauspiel auf, das seinesgleichen sucht.

Ein Tribut an die 70er und das Kino

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„Peter von Kant“ ist ein Tribut an das Kino, die 70er und einen außergewöhnlichen Regisseur (Foto: Barbarella Entertainment)

Der Film basiert auf dem von Rainer Werner Fassbinder stammenden Stück „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Im Gegensatz zum Stück und der gleichnamigen Verfilmung von 1972 ist die neue Kinofassung von François Ozon („8 Frauen“) mit homosexuellen Männern statt Frauen besetzt. Davon abgesehen folgt er der ursprünglichen Konstellation und Handlung Punkt für Punkt. „Peter von Kant“ ist ein starkes, emotionales Kammerspiel voller Sex und Leidenschaft und eine Hommage mit starken Bildern und einem grandios aufspielenden Hauptdarsteller – der nicht zufällig optisch und charakterlich an Fassbinder erinnert. Ménochets Darbietung ist von einer ungeheuren Wucht. Der Film, der 2022 die Berlinale eröffnete, ist ein Tribut an das Kino, die 70er und einen außergewöhnlichen Regisseur. Kurz: Kino pur!

„Peter von Kant“, Regie: François Ozon. Mit Denis Ménochet, Isabelle Adjani, Hanna Schygulla. 85 Min. Ab dem 22. September im Kino

Hier gibt’s den Trailer zum Film:

 


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„Hive“: Von der Stärke der Frauen im Kosovo

„Hive“ ist das Spielfilmdebüt von Regisseurin Blerta Basholli. Ein Packendes Porträt einer Kosovo-Albanerin, basierend auf einer wahren Geschichte

Text: Anna Grillet 

 

Heimlich klettert Fahrije (grandios: Yllka Gashi) auf einen Laster der UN, öffnet die Leichensäcke, sucht nach Hinweisen auf den Verbleib ihres Ehemanns. Er gilt als vermisst. Seit dem Überfall der serbischen Paramilitärs auf den Kosovo 1999 wird Krusha das „Dorf der Witwen“ genannt. Die Frauen dürfen hier nichts anderes sein, als trauernde Hinterbliebene, Arbeiten außerhalb des Hauses ist ein gesellschaftliches Tabu. Doch die Erträge ihrer Bienenstöcke reichen für Fahrije, ihre beiden Kinder und den pflegebedürftigen Schwiegervater nicht zum Überleben.

Zusammen gegen Unterdrückung und Engstirnigkeit

Die Mittdreißigerin beschließt, hausgemachten Ajar, jene berühmte würzige Paprikapaste, zu produzieren und an einen Supermarkt in der Stadt zu liefern. Nach ihrer Führerscheinprüfung schlagen Fahrije Hass und Verachtung entgegen. Schämen würde sich ihr Mann für sie, heißt es im Dorf, selbst die Tochter reagiert mit Verachtung. Ein Stein trifft die Vorderscheibe ihres alten, zerbeulten Wagens. Fahrije lässt sich nicht einschüchtern, die Arbeit gibt ihr die Kraft, Schmerz und Verlust zu ertragen. Sie überzeugt andere Frauen, sich der kleinen Genossenschaft anzuschließen und zusammen gegen Unterdrückung und Engstirnigkeit aufzubegehren.

„Hive“: Von Freiheit und dem Überschreiten von Grenzen

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„Hive“ ist das packende Spielfilmdebüt von Blerta Basholl (Foto: jip film & verleih)

Regisseurin und Drehbuchautorin Blerta Basholli verzichtet in ihrem Spielfilmdebüt „Hive“ auf Rückblenden, konzentriert sich mit dokumentarischer Präzision auf die Zeit nach dem Krieg. Es ist ein Neuanfang zwischen Trümmern, Tradition und Feindseligkeit, aber ausgerichtet auf Veränderung, Selbstbestimmung. Atmosphärisch erinnert der Film mit seinen wundervollen intensiven Bildern an einen rauen Western. Es geht um Freiheit, das Überschreiten von Grenzen. Die Heldin führt einen trotzigen, anfangs einsamen Kampf zwischen den Ruinen der Vergangenheit. Ihre Verletzbarkeit verbirgt sich hinter stoischer Entschlossenheit. Sie will endlich Gewissheit über das Schicksal ihres Mannes, helfen kann nur ein DNA-Test. Doch der Schwiegervater will nicht einwilligen, er und die Kinder verweigern in selbstzerstörerischer Trauer die Realität, als wäre die Hoffnung auf ein anderes, erfülltes Leben, Verrat an dem geliebten Menschen.

„Hive“ Regie: Blerta Basholli. Mit Yllka Gashi, Çun Lajçi, Aurita Agushi. 84 Min. Ab dem 8. September im Kino

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„Alcarràs – Die letzte Ernte“: Land unter

Regisseurin Carla Simón zeigt in ihrem Film „Alcarràs – Die letzte Ernte“ eine ländliche Familienidylle, die unterzugehen droht. Für den überraschend fesselnden Film gab es unter anderem den Goldenen Bären auf der Berlinale 2022

Text: Marco Arellano Gomes

Es war nicht unbedingt zu erwarten, dass der Goldene Bär der Berlinale dieses Jahr an einen spanischen Film geht, der das ländliche Leben porträtiert. Doch dieser Film ist eben viel mehr als das.

„Alcarràs – Die letzte Ernte“ zeigt die Familie Solé, die seit 80 Jahren im katalanischen Dorf Alcarràs Pfirsiche anbaut. Doch nun droht das Ende: Einst hat der Großgrundbesitzer Pinyol der Familie als Dank für seine Rettung im Spanischen Bürgerkrieg das Land überlassen. Doch von dieser Abmachung will dessen Enkel nichts mehr wissen. Er will das Land zurück, um eine Fotovoltaik-Anlage darauf zu errichten. Schon bald rücken die ersten Bagger an und stürzen die Familie Solé in Ungewissheit. Vater Quimet (Jordi Pujol Dolcet) stürzt sich in die Erntearbeit. Mutter Dolors (Anna Otín) versucht Haus und Familie mit fröhlicher Geduld zusammenzuhalten. Was wird vom Landleben bleiben?

Großes Kino von Laiendarstellern

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„Alcarràs – Die letzte Ernte“, ab 11. August 2022 in den Kinos (Foto: Piffl Medien)

Regisseurin Carla Simón („Fridas Sommer“) gelingt es geschickt, einem das Leben auf dem Lande nahe zu bringen. Als Zuschauer ist man mittendrin – beim Pflücken, beim Streiten, im Leben. Das liegt nicht nur an der dokumentarischen Kameraarbeit (Daniela Cajías) mit ihren Nah- und Naturaufnahmen. Es liegt auch an den authentischen Darstellungen der einzelnen Familienmitglieder und ihrem Mit- und Durcheinander – vom verschlossenen und doch herzlich wirkenden Großvater Rogelio (Josep Abad) bis zu den verspielten Kleinkindern. Diese sind allesamt mit Laiendarstellern besetzt. Das sieht und fühlt man im positiven Sinne. Simón stammt selbst aus dem tiefsten Katalonien. Ihre Familie baute ebenfalls Pfirsiche an. Die Erinnerung an ihren vor einigen Jahren verstorbenen Großvater brachte sie dazu, dieses Leben filmisch einfangen zu wollen. Das ist gelungen. „Alcarràs“ ist ausbalanciert, voller Farben, Kontraste und Leben – und deshalb absolut sehenswert.

„Alcarràs – Die letzte Ernte“, Regie: Carla Simón. Mit Jordi Pujol Dolcet, Anna Otín, Josep Abad. 120 Min. Ab dem 11. August in den Kinos 

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Das Licht aus dem die Träume sind

„Das Licht aus dem die Träume sind“ von Pan Nalin ist eine nostalgische Ode an die analoge Filmkunst – jetzt im Kino

Text: Anna Grillet

Der erste Kinobesuch verändert das Leben des neunjährigen Samay (grandios: Bhavin Rabari) für immer. Filme machen will er und nichts anderes. Seine Familie ist arm, lebt in einem abgelegenen Dorf in Gujarat, Indien. Hier halten die Züge nur wenige Augenblicke, Samay rennt den Bahnsteig entlang, um den Reisenden heißen Tee durchs Abteilfenster zu reichen. Nun aber drückt er sich vor der Arbeit, schwänzt die Schule, fährt stattdessen heimlich in die Stadt.

Der wissbegierige Junge freundet sich dort mit dem Filmvorführer Fazal (Bhavesh Shrimali) an, der lässt ihn im Tausch gegen den Inhalt seiner Lunchbox in die Vorstellungen, führt ihn ein in die Geheimnisse der ratternden Projektoren, die magische Welt von Bollywood und Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968). Filme drehen ist für Samay eine Jagd nach dem Licht. Seine Freunde unterstützen ihn, er ist der geborene Geschichtenerzähler, durch ihn wird ihr Alltag abenteuerlicher, bunter. Für die Realisierung seiner Träume klaut der Neunjährige ohne Skrupel, improvisiert mit ungeheurer Fantasie seine erste Vorstellung bewegter Bilder im Dorf.

Die Ära des „alten“ Kino neigt sich dem Ende zu

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Indien liebt Kino, das beweist Pan Nalin mit „Das Licht aus dem die Träume sind“ (Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Doch die Ära des Zelluloids neigt sich dem Ende zu, vielen Kinos droht die Schließung. „Das Licht, aus dem die Träume sind“ basiert auf den Erinnerungen und Reflexionen des indischen Regisseurs Pan Nalin („Samsara“), genau wie sein Protagonist kommt er aus Gujarat, hat Tee an Reisende verkauft und Prügel bezogen fürs Stehlen oder Schuleschwänzen. Im Gegensatz zu Giuseppe Tornatores „Cinema Paradiso“ (1989) integriert Nalin seine Hommagen an die Filmemacher in die Handlung, möchte nicht, dass sie leicht zu dechiffrieren sind. Wenn Samay die Gleise entlangläuft, erinnert die Weite der Landschaft an Sergio Leone und den frühen Terrence Malick. Das lyrische Spiel von Dunkel und Helligkeit, die Farbschattierungen sind von unglaublich kraftvoller Schönheit. Ebenso groß ist das Entsetzen beim Anblick Hunderttausender von Filmrollen, die eingeschmolzen werden und sich in dünne bunte Armreifen verwandeln.

„Das Licht aus dem die Träume sind“, Regie: Pan Nalin. Mit Bhavin Rabari, Bhavesh Shrimali, Richa Meena. 110 Min. Ab dem 12. Mai 2022 im Kino.

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Neu im Kino: Doku über Sigmund Freud

Mit „Sigmund Freud – Freud über Freud“ kommt eine Dokumentation über den Gründer der Psychoanalyse in die Kinos, pünktlich zu seinem 166. Geburtstag – sehenswert

Text: Marco Arellano Gomes

Sind nicht alle Biografen ein Stück weit Lügner, wie es Sigmund Freud seiner Tochter gegenüber formulierte? Wie kann also eine Dokumentation über den Gründer der Psychoanalyse aussehen, ohne selbst in diese Falle zu tappen? Regisseur David Teboul hat eine raffinierte Lösung gefunden: Er greift in „Sigmund Freud – Freud über Freud“ vorrangig auf die Quellen zurück, die zweifellos nah dran waren: Sigmund Freud, seine Tochter Anna Freud, aber auch eng befreundete und nahestehende Personen wie Marie Bonaparte (seine Patientin) und Carl Gustav Jung (sein Schüler). Sie alle hinterließen Briefe, die seltene Einblicke geben. Stimmungsvoll geben die Synchronstimmen (unter anderem der Schauspieler Johannes Silberschneider) die Inhalte jener Briefe wieder – begleitet von bislang unveröffentlichten Foto- und Videoaufnahmen der Familie Freud, passendem Archivmaterial aus der Epoche und stimmungsvoller Musik.

Die Doku gibt einen erhellenden Einblick in Freuds Gedankenwelt und zeigt, wie besonders die Beziehung zwischen Vater und Tochter war. Auch die großen Themen und Konflikte der Zeitenwende werden angerissen. Freud als Mensch und Denker war wohl nie zuvor so unmittelbar erfahrbar. Das ist sehens- und hörenswert – pünktlich zu Freuds 166. Geburtstag.

„Sigmund Freud – Freud über Freud“, Regie: David Teboul. 97 Min. Ab dem 5. Mai 2022 im Kino

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Vom Waschsalon ins Multiversum

Die Regisseure Dan Kwan und Daniel Scheinert schicken ihre Schauspieler:innen in „Everything, Everywhere, All at once“ fulminant und manchmal albern durch verschiedenste Lebensentwürfe – gaga, aber mit Sinn und Verstand und jetzt im Kino

Text: Calle Claus

Die chinesische Immigrantin Evelyn (Michelle Yeoh) betreibt in Kalifornien einen ruinösen Waschsalon. Ihr Leben ist ein einziges Chaos: Die Ehe mit ihrem Mann Waymond (Jonathan Ke Kwan) droht zu kentern, unterm Dach wohnt ihr renitenter, pflegebedürftiger Vater (James Hong) und obendrein hadert sie mit dem lesbischen Coming-out ihrer Tochter Joy (Stephanie Hsu). Zu allem Überfluss steht nun auch noch eine Steuerprüfung ins Haus. Die zuständige Finanzbeamtin (zum Fürchten und Niederknien: Jamie Lee Curtis) macht nicht den Eindruck, als wäre mit ihr gut Kirschen essen.

So weit, so gaga

Und dann passiert es: Mitten in der Anhörung erscheint Evelyn plötzlich eine alternative Version ihres Mannes. „Alpha Waymond“ konfrontiert sie mit der Tatsache, dass unendlich viele Evelyns existieren. Doch das Multiversum, in dem diese sich tummeln, wird durch eine Superschurkin namens „Jobu Tupaki“ bedroht, die alle Welten mittels eines gigantischen, rotierenden Bagels vernichten will … und sich in der Gestalt von Evelyns Tochter Joy manifestiert. So weit, so gaga.

Eine Geschichte von drohendem familiärem Zerfall

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„Everything Everywhere All At Once“, ein Film wie sein Plakat: Vielfältig, bunt und ein bisschen gaga (Foto: Leonine Studios)

Grundprämisse dieses abstrusen, an die Drehbücher von Charlie Kaufman erinnernden Plots ist, dass jede Entscheidung, die ein Mensch fällt, eine abzweigende Realität entstehen lässt. So häuft jeder im Laufe seines Lebens eine Vielzahl parallel existierender Welten an. Um zwischen ihnen navigieren zu können, braucht es einen Trigger: Zum Beispiel spiegelverkehrt getragene Schuhe. Rechts auf links, links auf rechts, schon kann Evelyn zwischen vielen Versionen ihrer selbst hin- und herspringen. Was folgt, ist ein Wirbel aus durchgeknallten Kostümen, haarsträubenden Kampf-Sequenzen und visuellen Gags – mal spektakulär inszeniert, mal ins Alberne abdriftend. All dem Zinnober liegt eine profunde Geschichte von drohendem familiärem Zerfall, zögerlicher gegenseitiger Akzeptanz und schlussendlicher Heilung zugrunde. Evelyn und ihre Lieben müssen einmal im Schleudergang durch alle möglichen und unmöglichen Lebensentwürfe, um letztlich durchgeschüttelt, aber frisch gestärkt die Fäden wieder aufzunehmen … daheim im eigenen Waschsalon.

„Everything, Everywhere, All at once“, Regie: Dan Kwan, Daniel Scheinert. Mit Michelle Yeoh, Jamie Lee Curtis, Stephanie Hsu. 139 Min. Ab dem 28. April 2022 im Kino

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„Lingui“: Die Kraft der Frauen

„Lingui“ ist ein Film über feministischen Widerstand und mütterliche Liebe – bildgewaltig, hochaktuell und relevant

Text: Anarhea Stoffel

Ein kleines Dorf im Tschad, eine staubig karge Landschaft, gleißendes Sonnenlicht und eine Frau, die Feuerschalen aus alten Lkw-Reifen herstellt. Es sind eindrucksvolle Bilder, die der tschadische Regisseur Mahamat-Saleh Haroun in seinem neuen Film zeigt. Das Thema des Films ist unterdessen ein Universelles: der Kampf gegen unterdrückende Gesetze und die Bindung zwischen Mutter und Tochter. Diese gerät aus den Fugen, als die 15-jährige Maria (Rihane Khalil Alio) ihrer Mutter Amina (Achouackh Abakar Souleymane) gesteht, schwanger zu sein.

Zwischen Enttäuschung, Religion und einer besseren Zukunft

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„Lingui“, ein Film aus dem Tschad mit viel Relevanz (Foto: Déjà-Vu Film)

Amina ist enttäuscht, glaubt ihre Tochter habe denselben Fehler gemacht wie sie selbst: dem Vater ihrer Tochter zu vertrauen, der sie während der Schwangerschaft verließ. Anna wurde daraufhin von ihrer Familie verstoßen wurde und musste ihr Kind allein großziehen. Maria hingegen verkündet ihrer Mutter, sie wolle das Kind abtreiben. Das stürzt Amina in eine tiefe Krise: Hin- und hergerissen zwischen dem muslimischen Glauben, der eine Abtreibung nicht zulässt, und dem Wunsch, ihrer Tochter eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Immer wieder verspüren beide den Druck, sich den autoritären Vorstellungen ihres patriarchalen Umfelds zu beugen. Nachdem Maria aus Verzweiflung versucht, sich das Leben zu nehmen, versöhnen sich Mutter und Tochter. Amina beschließt, Maria zu helfen. Die beiden Frauen beginnen einen Kampf um Gerechtigkeit und Selbstbestimmung in einer Gesellschaft, die ihnen keine Stimme geben will.

„Lingui“ ist ein bewegender Film über weibliche Solidarität und das nicht nur zwischen den beiden Hauptfiguren. Er zeigt eine bedingungslose Liebe, die weder durch Unterdrückung noch Gewalt zu brechen ist. Im Gegenteil, es ist eine Liebe, die durch Oppression verstärkt wird.

„Lingui“, Regie: Mahamat-Saleh Haroun. Mit Achouackh Abakar Souleymane, Rihane Khalil Alio, Youssouf Djaoro. 87 Min. Ab dem 14. April in den Kinos 

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Körperliche Selbstbestimmung

Der auf Annie Ernauxs gleichnamigem Roman basierende Film „Das Ereignis“ zeigt eindrücklich den Kampf einer französischen Studentin, die in den 1960er-Jahren wider geltendes Recht ihre Schwangerschaft abbrechen will

Text: Rosa Krohn

Frankreich, 1963: Anne (Anamaria Vartolomei) ist jung und voller Hoffnung auf sozialen Aufstieg. Die Literaturstudentin ist durch Talent und Fleiß auf dem Weg zur Jahrgangsbesten. Doch dann beschleicht sie ein ungutes Gefühl: Ihre Periode bleibt aus, Schwäche- und Übelkeitsanfälle ereilen sie. Als sich ihre Befürchtung einer Schwangerschaft bewahrheitet, bleibt ihr keine Wahl. Das Kind auszutragen, bedeutete das sichere Ende ihres Studiums und so ist sie bereit, alles Erdenkliche auf sich zu nehmen, um den Embryo zu verlieren…

Abtreibung als Hindernis

Mit „Das Ereignis“ verfilmt Regisseurin Audrey Diwan den autobiografischen Roman der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux, in dem diese ihre eigene Abtreibungserfahrung als junge Frau verarbeitet. Mit einer schonungslosen Wahrhaftigkeit zeigt der Film Annes heimliches, gefährliches Bemühen um einen Schwangerschaftsabbruch. Der Zuschauer erfährt durch ihre Augen die Mechanismen einer Gesellschaft, in der Männer keine Verantwortung übernehmen und Frauen auf sich allein gestellt sind. Eine Gesellschaft, die schwangeren Frauen weder Perspektiven aufzeigt, noch ihnen das Recht auf Abtreibung gewährt.

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Anamaria Vartolomei überzeugt in Audrey Diwans „Das Ereignis“ (Foto: Prokino Filmverleih)

In Vending ausgezeichnet – zu Recht

„Das Ereignis“ wurde bei den Filmfestspielen in Venedig 2021 mit dem goldenen Löwen als bester Film ausgezeichnet. Die erfrischende Hauptdarstellerin und ihre gleichsam starke Figur sind fesselnd. Kameramann Laurent Tangy führt die Handkamera stets dicht an der Hauptfigur, quasi kongruent zu ihren Bewegungen. Das schmale Bildformat (1,37:1) stellt Anne auch visuell unmittelbar ins Zentrum. Annes Erleben ihrer Lust und ihres Schmerzes ist intensiv – und an einigen Stellen radikal, wenngleich zu keinem Zeitpunkt aufgebauscht.

Historischer Stoff – hoch aktuell

Der Film zeigt einen historisch bedingten Missstand in Bezug auf das Abtreibungsrecht. Die 1960er-Jahre spiegeln sich in Optik und Prämisse wider, die Story wird jedoch perspektivisch modern erzählt. Dieser stilistische Umstand macht den Film zu einem zeitlosen Plädoyer für die körperliche Selbstbestimmung von Frauen – und das kommt vielleicht anlässlich der Debatte im Deutschen Bundestag um das Informationsverbot für Abtreibungen genau zum richtigen Zeitpunkt.

„Das Ereignis“, Regie: Audrey Diwan. Mit Anamaria Vartolomei, Kacey Mottet Klein, Sandrine Bonnaire. 100 Min. Ab dem 31. März 2022 in den Kinos.

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Wert der Wahrheit

Mit „Parallele Mütter“ verknüpft Meisterregisseur Pedro Almodóvar raffiniert die Geschichte zweier Mütter mit der Spaniens. Ein hochunterhaltsamer und lehrreicher Film mit einer grandios aufspielenden Penélope Cruz, die für ihre Performance für den Oscar nominiert ist

Text: Marco Arellano Gomes

Drei Jahre nach seinem autobiografischen, selbstreflektierenden Film „Leid und Herrlichkeit“ kehrt Pedro Almodóvar mit „Parallele Mütter“ wieder zu seinem Lieblingsmetier zurück: den Frauen und ihrem turbulenten Leben im modernen Spanien. Wieder an Bord: Lieblingsdarstellerin und Oscar-Preisträgerin Penélope Cruz („Offenes Geheimnis“) in einer ihrer forderndsten Rollen. Almodóvar gelingt das Kunststück, die Geschichte zweier Frauen auf verblüffende Weise mit der Geschichte Spaniens zu verquicken.

Annäherung und dramatische Wahrheiten

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Für einen Oscar nominiert: Penélope Cruz in „Parallele Mütter“ (Foto: El Deseo/Studiocanal)

Die 40-jährige Fotografin Janis (umwerfend: Penélope Cruz) und die 15-jährige Ana (Milena Smit) lernen sich – beide ungewollt schwanger – auf einer Geburtsstation kennen. Die zeitgleiche Geburt ihrer Kinder ist eine verbindende Erfahrung. Doch während Janis sich über ihr spätes Glück freut, verängstigt Ana ihre frühe Mutterschaft. Arturo (Israel Elejalde), forensischer Archäologe und vermeintlicher Vater von Janis’ Kind, zweifelt wiederum an der Vaterschaft. Ana weiß nicht einmal genau, wer der Vater sein könnte. Hilfe von ihrer auf sich selbst bezogenen Mutter Teresa (Aitana Sánchez Gijón) ist nicht zu erwarten, da sie einer Karriere als Schauspielerin nachgeht. Nach einem zufälligen Wiedersehen in einem Café arbeitet Ana als Babysitterin bei Janis. Schon bald kommen sich die beiden Mütter näher. Dabei kommen auch einige dramatische Wahrheiten ans Licht …

Ein Meisterwerk

„Dies ist die schwierigste Figur, die Penélope Cruz bisher gespielt hat – und wahrscheinlich auch die schmerzhaf­teste“, sagt Regisseur Almodóvar. Tatsächlich ist sie für diese Leistung auch für den Oscar nominiert. Der Regisseur, einst Mitinitiator der „Movida Madrileña“ – einer kulturellen Gegenbewegung, die nach dem Tod des Diktators Franco (1975) nach Freiheit strebte –, widmet sich auf geschickte Weise der Geschichte seines Landes und räumt der Wahrheit dabei ihren Platz ein. „Parallele Mütter“ reiht sich nahtlos in die Galerie der Almodóvar-Filme ein und ist doch ruhiger, langsamer, bedachter als gewohnt. Seine filmische Handschrift ist jedoch unverwechselbar und besticht einmal mehr durch ein profundes Gespür für Bilder (Kameramann: José Luis Alcaine), Farben, Settings, Musik (Komponist: Alberto Iglesias) und dem Vertrauen in die darstellerischen Leistungen. Kurz: ein Meisterwerk.

„Parallele Mütter“ von Pedro Almodóvar mit Penélope Cruz, Milena Smit und Israel Elejalde. 123 Min. Ab dem 10. März 2022 im Kino.

Hier gibt´s den Trailer zum Film:


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Abschiebung trotz legaler Adoption: „Blue Bayou“

Der neue Film „Blue Bayou“ mit Alicia Vikander ist ein Abschiebe-Melodram in Pastelltönen

Text: Anna Grillet

Zum ersten Mal im Leben spürt Antonio LeBlanc (grandios: Justin Chon) die Wärme und Geborgenheit einer intakten Familie. Geboren in Korea, wurde er mit drei Jahren von weißen Amerikanern aus Louisiana adoptiert, sein Vater missbrauchte ihn, die Mutter schaute weg. Antonio verlor den Halt, doch nun verdient er Geld als Tattoo Artist, Ehefrau Kathy (Alicia Vikander) ist sein Fels in der Brandung. Jesse (Sydney Kowalske) vergöttert den Stiefvater, wenn auch die Siebenjährige Angst hat, der neue Dad könnte plötzlich wieder verschwinden, so wie der vorige.

Ein aussichtsloser Kampf

Beim Einkauf im Supermarkt wird Antonio von rassistischen weißen Cops provoziert und verhaftet, darunter Kathys Ex. Wenig später erklärt die Einwanderungsbehörde, der Festgenommene würde nach Korea ausgewiesen, er besäße trotz legaler Adoption vor mehr als dreißig Jahren nicht die amerikanische Staatsbürgerschaft. Kein Einzelfall, sondern weit verbreitete Praxis. Ein aussichtsloser Kampf beginnt, Frustration und Spannungen des eben noch glücklichen Paares wachsen. Vor Gericht zählt weder die Heirat noch Kathys Schwangerschaft, sondern allein, dass der Betreffende irgendwann einmal Motorräder geklaut hat und es wieder tun muss, um die 5000 Dollar für den Prozess aufzutreiben.

Traumartige Flashbacks und Cinéma vérité

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„Blue Bayou“ mit Alicia Vikander, ab dem10. März 2022 im Kino (Foto: Focus Features)

Dies ist ein New Orleans weitab vom turbulenten Tourismus des French Quarters mit seinen Jazzclubs und Bars. Entbehrungen prägen den Alltag dieser Arbeiterviertel, aber der koreanisch-amerikanische Regisseur und Drehbuchautor Justin Chon („Gook“, 2017) inszeniert das Porträt seines Protagonisten nicht als knallhartes düsteres Politdrama, sondern entwickelt ein an Emotion überbordendes Geflecht aus Beziehungen, Poesie und Landschaften in wundervollen gebrochenen Pastelltönen. Glück, Schmerz und Schrecken vermischen sich wie Fiebervisionen miteinander. Traumartige Flashbacks treffen auf Cinéma vérité in der Tradition von John Cassavetes.

Herzzerreißend und hautnah die Verzweiflung der kleinen Jesse, während Justin Chon die Rolle des Antonio bewusst unterkühlt spielt. Mit schwerem Motorrad, Muskeln und Seeadler-Tätowierung versucht er, von seiner eigenen Verletzbarkeit abzulenken. Die Karaoke-Version des Roy Orbison-Songs gibt „Blue Bayou“ den Titel und Oscar-Preisträgerin Alicia Vikander einen spektakulären Auftritt.

„Blue Bayou“, Regie: Justin Chon. Mit Justin Chon, Alicia Vikander, Sydney Kowalske. 117 Min. Ab dem 10. März 2022 im Kino

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