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Horror zum Jahresstart: „Lamb“

„Lamb“ ist ein Mystery-Drama in isländischer Einsamkeit. Die Verbindung von schmerzhaft-realistischem mit dem Fantastischen und Bizarren erzeugt Unbehagen – perfekt für die richtige Portion Mystery und Horror an kalten Wintertagen

Text: Christopher Diekhaus

 

Die Wolken sind dicht und grau. Bergketten ragen bedrohlich auf. Spuren größerer Siedlungen sucht man vergeblich. Valdimar Jóhannssons Regiedebüt „Lamb“ spielt irgendwo im kargen isländischen Nirgendwo und erzählt in einschüchternd-wuchtigen Bildern von einem Ehepaar, das eben dort, am gefühlten Ende der Welt, eine kleine Schafzucht betreibt. Die harte Arbeit bestimmt den Alltag. Und oft liegt ein Schweigen über dem Hof, das nicht zuletzt von einem schrecklichen Verlust herrührt. María (Noomi Rapace) und Ingvar (Hilmir Snær Guðnason) haben, wie der Zuschauer mit etwas Verzögerung erfährt, ihr Kind verloren.

 

Eine Mischung aus Tier und Mensch

 

Umso größer ist das Staunen, als sich bei der Geburt eines Lamms plötzlich eine zweite Chance auf elterliches Glück ergibt. Dass es sich bei dem kleinen Wesen um eine Mischung aus Tier und Mensch handelt, was der Film ebenfalls nur schrittweise preisgibt, stört die beiden Bauern nur wenig. Anders als Ingvars Schwierigkeiten magisch anziehenden Bruder Pétur (Björn Hlynur Haraldsson), der sich vorübergehend bei ihnen einquartiert und seine Verwunderung über die seltsame Kreatur deutlich zum Ausdruck bringt.

 

Stimmungsvolle Bilder

 

„Lamb“, zurecht mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet (Foto: Koch Films)

„Lamb“, zurecht mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet (Foto: Koch Films)

Das in Cannes uraufgeführte, provokativ entschleunigte, ein diffuses Unbehagen erzeugende Mystery-Drama verbindet auf überraschend gelungene Weise das Schmerzhaft-Realistische mit dem Fantastischen und Bizarren. Angesichts der schrägen Familienkonstellation könnte die Handlung leicht ins Lächerliche kippen. Jóhannsson und Co-Autor Sjón ziehen aus ihrer Geschichte aber unerwartet berührende Momente und erleichtern es einem dadurch, sich auf das eigenwillige Szenario einzulassen. Dass die beim Europäischen Filmpreis für ihre visuellen Effekte ausgezeichnete Debütarbeit ihrem eindringlichen Aufbau im überhastet wirkenden Schlussdrittel nicht gerecht wird, ist sicherlich schade. Der insgesamt starke Sinn des Regisseurs für stimmungsvolle Bilder entschädigt aber für eine abrupte Auflösung, in der die Rache der Natur am Menschen ein wenig plakativ zum Vorschein kommt.

 

„Lamb“, Regie: Valdimar Jóhannsson. Mit Noomi Rapace, Hilmir Snær Guðnason, Björn Hlynur Haraldsson. 106 Min. Ab dem 6. Januar 2022 in den Kinos

Einen Vorgeschmack gefällig? Hier gibt‘s den Trailer zu „Lamb“:


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„Ein Festtag“ – im Kino

„Ein Festtag“ ist ein britisches Drama mit reichlich französischer Ästhetik

Text: Rosa Krohn

 

Kann ein einziger Tag für die Zukunft eines Menschen entscheidend sein? England 1924: Jane Fairchild (Odessa Young) kann sich nur heimlich mit ihrem Geliebten Paul (Josh O’Connor) treffen. Sie arbeitet als Dienstmädchen bei den wohlhabenden Nivens (Olivia Coleman und Colin Firth), er ist angehender Jurist und Sohn einer befreundeten Familie. Die beiden haben keine gemeinsame Zukunft – zumal Paul schon bald standesgemäß heiraten soll. Ihr letzter gemeinsamer Tag ist der Muttertag, der Jane kostbare Zeit zur freien Verfügung verleiht. Die Sonne scheint, alles blüht und Jane ist ebenso offen für die Eindrücke dieses paradiesischen Sonntages, wie für Pauls zarte Leidenschaft. Doch der Tag nimmt eine tragische Wendung.

 

Ein leiser und poetischer Film

 

„Ein Festtag“ ist eine narrative Offenbarung: Verschiedene Zeitebenen verflechten sich, fließen ineinander als verliefe die Zeit nicht linear. Alles baut sich schließlich um den im Original titelgebenden „Mothering Sunday“ auf: Fragmentarisch nähert sich der Zuschauer seinem Verlauf an, darf mit ästhetischen Detailaufnahmen an der Sinnlichkeit der Charaktere teilhaben und in Janes Welt eintauchen. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Graham Swift und erzählt von Selbstbefreiung. Newcomerin Odessa Young spielt eine Frau, die entdecken, spüren und vor allem schreiben möchte. Sie tut dies mit einer solchen Natürlichkeit, dass man den Blick nicht von ihr abwenden kann. Nicht zuletzt sind es die Nebencharaktere, die mit Colin Firth („The King’s Speech“) und Olivia Coleman („The Favourite“) dem Film seine Kraft verleihen. Unaufdringlich mimen sie ein sich fremd gewordenes Ehepaar, das eine ganze Generation junger Männer an den Krieg verloren hat.

Die neueste Regiearbeit der französischen Filmemacherin Eva Husson („Les filles du soleil“) feierte 2021 Premiere in Cannes. Es ist ein leiser, ein poetischer Film, der das britische Drama virtuos mit dem Sinn für französische Ästhetik vereint. Dabei steht nicht die so oft verstofflichte, vorhersehbare Geschichte einer unmöglichen Liebe im Mittelpunkt, sondern Janes Blick auf ihr Leben und den Tag, an dem sie zu schreiben beginnt.

„Ein Festtag“, Regie: Eva Husson; Mit Odessa Young, Josh O’Connor, Sope Dìrísù; 105 Min. Ab dem 23. Dezember 2021 in den Kinos

Lust auf mehr? Hier gibt‘s den Trailer zu „Ein Festtag“:

 


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The Lost Leonardo: „007, übernehmen Sie!“

Ein Film über die unglaubliche Geschichte des 500 Jahre verschollenen Christus-Gemäldes „Salvator Mundi“

Text: Calle Claus

 

Ein Sammler berappte 2005 knapp tausend Dollar für das stark beschädigte Bild mit dem Namen „Salvator Mundi“. Unter stümperhaften Übermalungen entdeckte eine findige Restauratorin filigrane Pinselstriche der italienischen Renaissance. Das warf Fragen auf: War der unbekannte Künstler ein Schüler Leonardo da Vincis? Doch warum kleckern, wenn man auch klotzen kann? Ein Expertenrat der Londoner National Gallery schrieb das Bild 2012 flugs dem Meister persönlich zu. Eine Expertise auf wackeligen Füßen, doch der „Erlöser der Welt“ sollte schließlich zum Zugpferd einer großen Leonardo-Retrospektive in ebenjenem Museum werden. Wer das rätselhafte Meisterwerk am Ende bei Christie’s für den abstrusen Rekordpreis von 450 Millionen Dollar ersteigerte und warum dieser Schurke die so titulierte „männliche Mona Lisa“ bis heute in einem hochgesicherten „Freeport“ (Zollfreilager) versteckt, davon erzählt diese packende, sehr erhellende Kunstmarkt-Doku. Man ist versucht zu sagen: 007, übernehmen Sie!

„The Lost Leonardo“, Regie: Andreas Koefoed. 100 Min. Ab dem 23. Dezember 2021 in den Kinos

Lust auf mehr? Hier gibt’s den Trailer zu „The Loste Leonardo“:


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Monte Verità – Der Rausch der Freiheit

„Monte Verità“, ein Film über alternative Lebensformen, der auf einer wahren Begebenheit beruht

Text: Larissa Ceccio

 

Der Film „Monte Verità – Der Rausch der Freiheit“ des Schweizer Regisseurs Stefan Jäger erzählt die reale Geschichte jener „Aussteigergemeinschaft“, die sich im Jahr 1906 in einem die auf dem Monte Verità real zugetragen hat. Die Mitglieder dort lebten in einer veganen, nudistischen und basisdemokratischen Gesellschaft – frei von Etikette, dafür in „grenzenloser“ Liebe. Jäger verzichtet darauf, ein faktenbasiertes Abbild zu kreieren, sondern porträtiert – wie seine Protagonistin als Fotografin – die befreienden Erfahrungen der Menschen, die hinter dem Mythos stecken.

 

Mit dem Psychoanalytiker zur alternativen Lebensgemeinschaft

 

Alternative Lebensformen am Monte Verità (Foto: DCM)

Alternative Lebensformen am Monte Verità (Foto: DCM)

Hanna (Maresi Riegner) ist eine Frau, die sich in ihrer unglücklichen Ehe mit Ehemann Anton (Philipp Hauß) selbst geißelt. Geplagt von Atemnot versucht sie, ihren Pflichten als Ehefrau und Mutter nachzukommen. Ihr tyrannischer Mann schickt sie aufgrund einer von ihm diagnostizierten „genitalen Neurose“ zu verschiedenen Ärzten. Nach vielen erfolglosen Behandlungen landet Hanna bei dem Psychoanalytiker Dr. Otto Gross (Max Hubacher). Als sich die Lage zu Hause zuspitzt, begleitet sie ihn zum Monte Verità. Was Hanna vor Ort erwartet, verschlägt ihr auf andere Art und Weise den Atem: Statt in einer klassischen Heilanstalt findet sie sich in einer alternativen Lebensgemeinschaft wieder. Nach anfänglichen Hemmungen erkennt sie, wie befreiend ihr neues Leben für sie ist. Nach und nach fängt sie an – allen Kritikern zum Trotz – ihrer Begabung als Fotografin nachzugehen.

 

Ein fortschrittlicher und emanzipierter Film

 

Noch immer kämpfen Frauen darum, in der Kunst- und Filmwelt gleichberechtigt wahrgenommen zu werden. „Monte Verità“ ist ein fortschrittlicher und emanzipierter Film, der vor allem die weiblichen Protagonistinnen in den Vordergrund stellt. Leider bleibt der titelgebende Rausch größtenteils aus. Metaphern, die die Handlung unterstreichen sollen, überlagern das Geschehen und der Erzählstrang wirkt eher konventionell statt befreit. Ein Film, der sein Potenzial nicht ausschöpft, zu Teilen zu seicht erzählt wird, aber dennoch bewegt.

„Monte Verità“, Regie: Stefan Jäger. Mit Maresi Riegner, Hannah Herzsprung, Max Hubacher. 110 Min. Ab dem 16. Dezember im Kino

Hier gibt‘s der Trailer zu „Monte Verità“:


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Annette: Ein Filmspektakel voller Sturm und Gesang

Regisseur Leos Carax liefert mit „Annette“ eine bildgewaltige Pop-Oper der Leidenschaften. Der Eröffnungsfilm in Cannes ist ein unvergessliches Meisterwerk, das alle Sinne bedient. Regisseur Leos Carax wurde beim Filmfest Hamburg zu Recht mit dem Douglas Sirk Preis ausgezeichnet

Text: Anna Grillet

 

Los Angeles, das Publikum tobt vor Begeisterung, wenn Stand-up-Comedian Henry McHenry (grandios: Adam Driver) einem Boxer ähnlich im grünen Bademantel und schwarzen Shorts die Bühne betritt. The Ape of God, wie er sich nennt, zelebriert als Magier der Massen Menschenverachtung mit obszön animalischem Genuss. Sein Herz gehört der zarten Starsopranistin Ann (Marion Cotillard). Für die Medien ist das ungleiche Liebespaar und seine Heirat ein gefundenes Fressen. „We Love Each Other So Much” singen beide voller Inbrunst beim Waldspaziergang. Baby Annette kommt zur Welt, und es stockt einem der Atem bei ihrem Anblick, die hölzerne Gliederpuppe erinnert an eine Marionette – nur ohne Fäden.

„Annette“ ist grotesk, poetisch, visionär, ekelerregend, ergreifend, meisterhaft und unvergesslich. (Foto: Alamode Film/Amazon)

„Annette“ ist grotesk, poetisch, visionär, ekelerregend, ergreifend, meisterhaft und unvergesslich. (Foto: Alamode Film/Amazon)

Ann und Henry vergöttern die Kleine. Dunkle Dämonen quälen den Komiker. Jene hinreißende Amour fou verwandelt sich bald schon in Selbsthass, Furcht und Missgunst. Der nächste Stand-up-Auftritt gerät zum sadistischen Seelenstrip: Detailliert schildert der Antiheld auf dem Podium, wie er seine Frau zu Tode kitzelt. Das Publikum revoltiert, Missbrauchsvorwürfe werden laut. Während eines Segeltörns stößt Henry Ann nachts in die stürmischen Meeresfluten, um danach den selbstlosen Retter von Baby Annette zu mimen. Doch die unvergleichliche Stimme der Gattin ertönt fortan aus dem Mund der kleinen Tochter, die als singendes Wunderkind gnadenlos weltweit vermarktet wird. Regisseur Leos Carax („Holy Motors“) lässt das Phänomen Musical vor unseren Augen explodieren, rekreiert es als verstörenden, bildgewaltigen Rausch aus Farben, Tönen und extremsten Leidenschaften fern jeglicher formaler Zwänge.

 

Ein einzigartiges audiovisuelles Erlebnis

 

Der Rebell des französischen Kinos konzentriert sich dabei einmal mehr auf die düstere, destruktive Seite der Liebe. „Annette” ist sein erster Film in englischer Sprache. Musik und Texte stammen von Ron und Russell Mael, dem Rock Duo Sparks – ein Interview mit den Sparks Brothers gibt es bei SZENE HAMBURG. Der 60-jährige Regisseur durchbricht vom ersten Moment an die vierte Wand, die Grenze zwischen Wirklichkeit und Inszenierung löst sich auf. Ob als betörende Horror-Farce oder unversöhnliches Schuld-und-Sühne-Drama, das Musical erfindet sich neu, wechselt ständig zwischen artifizieller Hingabe und realer Bösartigkeit, Romantik, Komik und Tragik. Es fehlt jegliche Form von Ironie, Carax meint es ernst, todernst mit seiner Reflexion über Showbusiness, #MeToo, machtgierige Künstler, ein leicht manipulierbares Publikum und vor allem sich selbst. Den Film hat er seiner 16-jährigen Tochter Nastya gewidmet. „Annette” ist ein einzigartiges audiovisuelles Erlebnis: grotesk, poetisch, visionär, ekelerregend, ergreifend, meisterhaft und unvergesslich.

„Annette“, Regie: Leos Carax. Mit Adam Driver, Marion Cotillard, Simon Helberg. 140 Min. Ab dem 16. Dezember 2021 in den Kinos

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„Adam“: eintauchen in das marokkanische Kino

„Adam“ ist ein sanfter Film über die Härten des Lebens, der einen in die selbstbewusste Welt des weiblichen marokkanischen Kinos eintauchen lässt

Text: Marco Arellano Gomes

 

Wundervolles Kino: „Adam“ (Foto: Grandfilm)

Wundervolles Kino: „Adam“ (Foto: Grandfilm)

Unverheiratet, schwanger, arbeitslos – das sind die drei Zutaten, die auch in Marokko ein schweres Los versprechen. Die junge Samia (Nisrin Erradi) trägt ihren kugeligen Babybauch durch die Straßen der Großstadt Casablanca, auf der Suche nach Arbeit, auf der Flucht vor den Urteilen der eigenen Familie und Freunden. Sie klopft sich von Tür zu Tür, bietet sich als Haushaltshilfe, Pflegekraft, Babysitterin an, erhält aber die immer gleiche Antwort: „Nein, kein Bedarf.“ Auch die alleinerziehende Mutter Abla (Lubna Azabal), die seit dem Tod ihres Mannes eine kleine Bäckerei betreibt und allein ihre quirlige, achtjährige Tochter Warda (Douae Belkhaouda) erzieht, weist die junge zunächst Frau ab. Als sie aus dem Fenster blickend sieht, wie Samia erschöpft auf einer Treppenstufe Platz nahm, bittet sie sie doch hinein. Die kleine Warda schließt die Fremde sofort ins Herz – und schafft es, auch ihre Mutter zu erweichen, ihr eine Chance zu geben. Samia entpuppt sich als talentierte Bäckerin und bringt das Geschäft mit ihren Rziza (eine Art marokkanischer Crêpes) rasch voran. Das Eis zwischen den beiden Frauen schmilzt dahin, die anfängliche Distanz weicht anerkennender Freundschaft. Doch je näher die Geburt des Kindes heranrückt, desto drängender stellt sich die Frage, wie eine Zukunft aussehen kann.

 

Ein Film zum Sich-Verzaubern-Lassen

 

„Adam“ ist ein sanfter Film, der viel Menschlichkeit zeigt und mit der Geschichte zweier Frauen und ihren Alltagssorgen in einer patriarchal geprägten Gesellschaft tief berührt. Regisseurin Maryam Touzani wird als neue weibliche Stimme des marokkanischen Kinos bezeichnet. Es ist eine selbstbewusste, smarte, einfühlsame Stimme, voller Bewusstsein für die Stärke von der Subtilität und Sinnlichkeit alltäglicher Handlungen – und einer Neugier für die Gefühlswelt der Charaktere, die sie mit der Kamera gekonnt einfängt. Das ist auch in Cannes aufgefallen, wo ihr Regiedebüt in der Rubrik „Un Certain Regard“ lief. Mehrfach auf Filmfesten ausgezeichnet, ging „Adam“ sogar als marokkanischer Beitrag ins Oscar-Rennen 2020 ein. Ein Film zum Eintauchen und Sich-Verzaubern-Lassen.

„Adam“, Regie: Maryam Touzani. Mit Lubna Azabal, Nisrin Erradi, Douae Belkhaouda. 98 Min. Seit dem 9. Dezember in den Kinos

 

Appetit? Hier gibt’s den Trailer zu „Adam“:


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West Side Story: Spielbergs filmische Neuinszenierung

Steven Spielberg inszeniert das Musical-Juwel aus den 1950er-Jahren neu 

Text: Rosa Krohn

 

Die beiden Komponisten Leonard Bernstein und der kürzlich verstorbene Stephen Sondheim schrieben mit „West Side Story“ Musical-Geschichte: Nicht weniger legendär ist die gleichnamige Verfilmung von 1961 (Regie: Robert Wise und Jerome Robbins) mit ihren unvergesslichen Tanzszenen. Nun wagt sich Meisterregisseur Steven Spielberg an eine Neuinszenierung. Kann das gelingen? New York, 1950er: Die verfeindeten Gangs, die weißen Jets und die puerto-ricanischen Sharks, liefern sich Machtkämpfe um das Revier der ärmlichen New Yorker West Side. Doch Tony (Ansel Elgort), bester Freund des Anführers Riff (Mike Faist), will mit den Machenschaften der Jets nichts mehr zu tun haben. Als er sich überreden lässt, auf einer Tanzveranstaltung zu erscheinen, verliebt er sich unsterblich in die schüchterne Maria (hinreißend: Rachel Zegler), Schwester von Bernado (David Alvarez), dem Anführer der Sharks. Hat ihre junge, scheinbar ausweglose Liebe eine Chance?

 

Stimmlich, spielerisch und tänzerisch glänzend

 

Mit West Side Story, kommt ein later Klassiker in neuem Gewand in die Kinos (Foto: 20th Century Studios)

Mit West Side Story, kommt ein later Klassiker in neuem Gewand in die Kinos (Foto: 20th Century Studios)

Steven Spielberg („Jurassic Park“) wusste genau, auf welch dünnes Eis er sich mit einer Neuverfilmung dieses auf Shakespeares „Romeo und Julia“ basierenden Klassikers begibt. Doch war es für ihn eine Herzensangelegenheit: Während im Original puerto-ricanische Schlüsselrollen mit weißen Darstellern besetzt wurden, castete Spielberg ausschließlich Schauspieler mit lateinamerikanischen Wurzeln für die entsprechenden Rollen – auch die aus dem Original bekannte, legendäre Rita Moreno gewann er für seine Neuauflage. Zweifelsohne ist Spielberg ein würdiges Remake gelungen. Der Cast mit vielen neuen Gesichtern glänzt stimmlich (zum Schmelzen: Ansel Elgort), spielerisch (stark Ariana DeBose) und tänzerisch. Optisch erreicht der Film jedoch mit dem Einsatz heutiger visueller Möglichkeiten nicht den Charme des Originals. Janusz Kamińskis entfesselte Kamera ist zwar beeindruckend, bisweilen wünscht man sich bei dem rasanten Tempo des Films aber auch einen etwas ruhigeren Blick auf die von Justin Peck atemberaubend schön choreografierten Tanzszenen.

Lohnt sich also die Neuauflage des Meisterwerks? Der Kinobesuch ist für alle Musical-Fans und Filmliebhaber obligatorisch, um sich ein eigenes Bild zu machen. Für alle anderen bietet der Film eine schöne Gelegenheit, das zeitlose Musical für sich zu entdecken.

„West Side Story“, Regie: Steven Spielberg. Mit Rachel Zegler, Ansel Elgort, Ariana DeBose. 156 Min. Seit dem 9. Dezember 2021 in den Kinos

Sehnsucht nach den Songs? Dann gibt‘s einen Vorgeschmack auf die Neuauflage des Musical-Juwels:


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Neu im Kino: Gunpowder Milkshake

Neonbunter Baller-Reigen um eine eiskalte Killerin

Text: Calle Claus

 

Sam (Karen Gillan) ist eine absolut ruchlose Profikillerin. Im Namen einer Unterwelt-Organisation namens „Die Firma“ begeht sie in „Gunpowder Milkshake“ Auftragsmorde unter dem Leitsatz: „No questions asked“. Ihre Mutter Scarlet (Lena Headey) ging demselben Broterwerb nach, musste aber noch in Sams Kindertagen untertauchen und ihre Tochter zurücklassen. Seither versorgt der väterliche Gangsterboss Nathan (herrlich schmierig: Paul Giamatti) Sam mit Schutz und Aufträgen.

 

Viel Slow-Mo-Geballer

 

„Gunpowder Milkshake“, ein Film für alle mit Lust auf viel Geballer und weniger Inhalt (Foto: Studiocanal)

„Gunpowder Milkshake“, ein Film für alle mit Lust auf viel Geballer und weniger Inhalt (Foto: Studiocanal)

Eines Tages macht sie bei der Arbeit unwissentlich ein junges Mädchen zur Vollwaise. Plötzlich erwachen Muttergefühle, spiegelt sich im Schicksal der achtjährigen Emily (Chloe Coleman) doch Sams eigene Biografie. Das ist aber auch das einzig bisschen schlüssige Emotion, das Regisseur Navot Papushado seiner ansonsten recht unergründlichen Protagonistin zugesteht. Logik und Psychologie sind in seiner hochartifiziellen Welt eher unerwünschte Randerscheinungen. Und so galoppiert die Handlung in einer meist von grellem Neonlicht ausgeleuchteten Welt munter weiter: Kaum kehrt auch Sam der „Firma“ den Rücken, kehrt Mama Scarlet aus der Versenkung zurück. Wo und warum sie sich zuvor 15 Jahre versteckte … no questions asked. Der Zuschauer ist gut beraten, diesen Killer-Grundsatz ebenfalls anzunehmen, dann lässt sich genüsslich ausgeschlachtetes Slow-Mo-Geballer, eine wilde Verfolgungsjagd in einem Parkhaus (zugleich Emilys erste Fahrstunde) und der Showdown, in dem eine als Waffenlager getarnte Bibliothek pulverisiert wird, unbeschwerter genießen. „Gunpowder Milkshake“ weckt stilistisch Erinnerungen an Drew Goddards „Bad Times at the El Royale“ (2018).

 

Bunt und süß, wie ein Milchshake

 

Meinte man da schon, der Kopie einer Kopie eines Tarantino-Plots beizuwohnen, so potenziert sich dieses Gefühl hier nochmals: Neonlicht trifft auf Retro-Soundtrack, Männer als Kanonenfutter, toughe Frauen triumphieren. Doch der Film hat im Grunde nichts zu sagen, weder zu feministischen noch zu familiären Fragen. Er ist halt wie ein Milchshake: bunt, süß, und so cool, dass sich beim Schlürfen leichte Kopfschmerzen einstellen.

„Gunpowder Milkshake“, Regie: Navot Papushado. Mit Karen Gillan, Lena Headey, Chloe Coleman. 114 Min. Seit dem 2. Dezember in den Kinos

Lust auf mehr? Hier gibt’s den Trailer zu „Gunpowder Milkshake“:


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À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen

Im neuen Film von Éric Besnar geht es um die gute Küche, den guten Geschmack und das perfekte Aroma – quasi der Genuss-Guide anno 1789

Text: Marco Arellano Gomes

 

Es ist ratsam, diesen Film nicht mit leerem Magen zu sehen, sonst läuft einem satte zwei Stunden das Wasser im Mund zusammen. „À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen“ von Éric Besnard („Birnenkuchen mit Lavendel“) zeigt die Geburtsstunde des „Restaurants“ – und zeigt in leidenschaftlichen Nahaufnahmen die Kunst des Kochens. Hier wird gehackt, geknetet, gewürzt, gekocht und gebraten. Das ist nicht nur köstlich mit anzusehen, es macht auch richtig Laune, den Genuss-Guide der Szene Hamburg zu kaufen und ins nächste Restaurant zu eilen, um ansatzweise nachzuempfinden, was einem da auf der Leinwand serviert wird.

 

Der gute Ruf

 

Kein Film für leere Mägen: À la Carte! (Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Kein Film für leere Mägen: À la Carte! (Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Frankreich 1789. Der begnadete Koch Manceron (Grégory Gadebois) arbeitet für den Herzog de Chamfort (Benjamin Lavernhe) und verwöhnt diesen und seine adeligen Gäste mit allerhand Köstlichkeiten: Schwanen-Ragout, gebackene Täubchen, Pastete. Köstlich! Doch dann das: Der eigenwillige Küchenchef tischt seine neueste Kreation auf, nur das diese unter anderem aus der niedrigsten aller Zutaten besteht: der Kartoffel. Die feinen Herren rümpfen die Nase, ein Teller fliegt durch den Raum. Sakrileg! Der Koch verlässt enttäuscht seinen Posten und zieht sich mit seinem Sohn zurück auf den familiären Bauernhof, wo er Suppe und Brot für die Durchreisenden serviert. Bis eine geheimnisvolle Frau namens Louise (Isabelle Carré) bei ihm erscheint, um bei ihm in die Lehre zu gehen. Schon bald folgt die Geburtsstunde des Restaurants. Das spricht sich rum – auch der Herzog kündigt sich an. Wird Manceron seinen Ruf wiedererlangen?

 

Timing ist alles

 

„À la Carte!“ ist ein Fünf-Gänge-Menü im Filmformat, schön und bekömmlich. Mit opulenten Bildern entfacht Regisseur Éric Besnard auf der Leinwand ein Fest der Sinne. Als Zuschauer meint man förmlich, den Duft der frisch gehackten Zwiebeln, des gegarten Gemüses und des sich auf dem Spieß drehenden Bratens riechen zu können. Alle Rezepte stammen von den französischen Spitzenköchen Thierry Charrier und Jean-Charles Karmann. Die Hauptcharaktere sind liebenswürdig und geben dem Film eine saftige Würze. Immer wieder gibt es fein nuancierte Humorhäppchen. Doch obwohl es von Beginn an prickelt, entfaltet die Beziehung zwischen Meister und Lehrling erst mit der Zeit ihr volles Aroma. Timing ist eben alles – im Film wie in der Küche.

„À la Carte!“, Regie: Éric Besnard. Mit Grégory Gadebois, Isabelle Carré, Benjamin Lavernhe. 112 Min. Seit dem 25. November in den deutschen Kinos

Appetit? Hier gibt’s den Trailer zu „À la Carte!“:

 


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Neu im Kino: Hope von Maria Sødahl

„Hope“ ist ein eindrückliches Porträt einer Beziehungskrise ohne Zeit

Text: Rosa Krohn

 

Der Titel des Films „Hope“ könnte banal oder einfallslos erscheinen, insbesondere wenn der Protagonistin zu Beginn ein unheilbarer Tumor diagnostiziert wird. Doch Titel und Film sind vielschichtiger und alles andere als platt.

„Hope“ erzählt von einer schwerkranken Frau und ihrer Familie (Foto: Arsenal Filmverleih)

„Hope“ erzählt von einer schwerkranken Frau und ihrer Familie (Foto: Arsenal Filmverleih)

Anja (Andrea Bræin Hovig) steht mitten im Leben, ob sie jedoch glücklich ist, ist fraglich. Die erfolgreiche Choreografin ist schon lange mit dem wesentlich älteren Tomas (Stellan Skarsgård) liiert, ihre Beziehung wirkt mechanisch und leidenschaftslos. Anja ist es, die hauptsächlich für die Kinder ihrer gemeinsamen Patchworkfamilie sorgt. Gerade feiert sie noch die Premiere einer Tanzaufführung im Ausland, schon stürzt sie sich in die bevorstehenden Weihnachtsvorbereitungen – wäre da bloß nicht dieser heftige Kopfschmerz. Die böse Vorahnung bestätigt sich nach dem Gang zum Arzt: Der Krebs ist zurück, in Form eines unheilbaren Hirntumors. Anja begreift, dass sie diese Herausforderung nicht ohne Hilfe ihres Partners bewältigen kann. Schockiert stehen sie und Tomas nun vor ihren nichts ahnenden Kindern und fragen sich, ob sie sich eigentlich noch lieben und wie viel Zeit ihnen bleibt.

 

Liebe und Vertrauen fallen nicht vom Himmel

 

Regisseurin Maria Sødahl („Limbo“) zeigt in „Hope“ nicht nur, wie eine Frau und Mutter mit einem solchen Schicksals- schlag umgeht. In erster Linie ist der Film eine Liebesgeschichte zweier Figuren, die plötzlich vor der Wahl stehen, sich entweder neu füreinander zu entscheiden oder sich aufzugeben.

Sødahls zweiter Spielfilm erzählt ihre persönliche Geschichte: Die Filmemacherin erhielt vor einigen Jahren eine Krebsdiagnose und überlebte wider Erwarten. Vermutlich gelang ihr genau deshalb ein solch wahrhaftiger Film, dessen Charaktere komplex und ihre Handlungen ambivalent sind. Großartig spielen Andrea Bræin Hovig („All the Beauty“) und Stellan Skarsgård („Good Will Hunting“) ein Paar, das sich neu kennen und lieben lernt. Hovig meistert das Spiel einer Frau, die aufgrund der Gewissheit des nahenden Todes, aber auch der starken Nebenwirkungen von lebenserhaltenden Medikamenten zwischen Wut, Angst, Trauer, Sorge, Apathie und Leidenschaft schwankt mit Bravour. „Hope“ zeigt eindrücklich, dass Liebe und Vertrauen nicht vom Himmel fallen, sondern immer wieder hart erkämpft werden müssen.

„Hope“, Regie: Maria Sødahl. Mit Andrea Bræin Hovig, Stellan Skarsgård, Elli Müller Osbourne. 125 Min. Seit dem 25. November 2021 in den deutschen Kinos.

Für den ersten Eindruck gibt’s hier den Trailer zum Film:


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