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Thomas: „Der Knast hat mich verändert“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Thomas begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Du bist machtlos. Dir gehen 97 Tausend Dinge durch den Kopf, aber du kannst nichts ändern. Es ist schon in der freien Welt schwer gegen eine Scheidung anzukommen, aber im Knast? Da ist es unmöglich. Das ist jetzt 15 Jahre her und es hat sehr lange wehgetan. Meine beiden Töchter habe ich seitdem nie wieder gesehen. Sie wollen nichts mehr mit mir zu tun haben.

Aber meine Beharrlichkeit und meine Einstellung zum Leben haben mich da herausgeholt: Lustig sein, herumkaspern, reden, viel reden – du merkst, ich labere wie ein Buch. Diese positive Gangart hat mich das durchstehen lassen. Mit einem ‚Ihr seid alle Schweine und mir geht’s so dreckig‘ erreiche ich doch nichts. Ich ziehe mich nur selbst herunter. Dabei will ich ja nach oben. Also winke ich und rufe: ‚Hallo, hier bin ich. Könnt ihr mich sehen?‘ Das ist das A und O. Damit tue ich mir selbst gut.

Dennoch haben mich die drei Jahre Knast verändert. Ich bin ein Einzelgänger geworden. Sich nicht mehr frei bewegen zu können, das macht was mit dir.

 

„Ich habe seitdem Panikattacken“

 

Auch die Zeit nach dem Gefängnis, war verdammt schwierig. Ich kam damals nicht wirklich alleine klar, bin mittlerweile schwerbehindert, habe zwei Stents und seit der Knastzeit regelmäßige Panikattacken. Also habe ich mir Hilfe geholt – was eher untypisch für mich ist. Meistens gehe ich die Dinge lieber selbst an. Aber es war eine unheimliche Erleichterung, jemanden um Unterstützung zu bitten. Seitdem habe ich eine Betreuerin – ein unglaublicher Glücksfall. Auf die lasse ich nichts kommen, eine ganz tolle Frau. Sie ist der einzige Mensch, dem ich alles, aber auch wirklich alles, auf den Tisch gelegt habe. Ich habe mich komplett nackig gemacht. Und sie hat mir wieder auf die Beine geholfen.

Wirklich vieles, was ich heute habe, ist ihr zu verdanken. Ich würde sie vom Fleck weg heiraten. Vielleicht hätte ich mich als junger Kerl mal ein bisschen genauer umgucken müssen, dann hätte ich jemanden wie sie kennengelernt.

Aber gut, mir geht es heute wunderbar, ich bin unabhängig. Von der Rente, dem Geld von der Krankenkasse und der Sozialhilfe kannst du zwar nicht leben und nicht sterben, aber es gibt genug, an dem ich mich erfreue. Ich habe mir zum Beispiel einen ewigen Traum erfüllt und endlich einen Beamer gekauft. Niemand kann jetzt gerade ins Kino gehen und ich? Schmeiß das Ding an, Edgar Wallace an die Wand und zack, habe ich mein eigenes Kino.

 

Seit 25 Jahren Insel Radio

 

Außerdem habe ich das Insel Radio, meine große Leidenschaft seit 25 Jahren. Früher haben wir das noch zusammen gemacht. Da hatten wir noch unseren Hüttenkracher, einen Anhänger, den wir selbst gebaut haben. Tutto completto mit Sendestudio. Mit dem sind wir auf Festivals gefahren, haben Live-Musik gespielt, da war immer richtig Party angesagt. Der Kollege ist vor ein paar Jahren verstorben, dann habe ich das Ganze etwas heruntergefahren.

Ich bin keine arme Sau. Ich bin froh, dass ich lebe, dass ich unter Leuten bin, Radio und all so’n Tüddelkram mache. Und wenn meine Töchter irgendwann ankommen und sagen: ‚Du, Papa, wir haben uns das anders überlegt‘, freue ich mich natürlich riesig. Wenn es nicht passiert, ist das auch okay.“


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Ana: „Ich kam zurück und eine andere Frau machte mir die Tür auf”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Ana begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Wenn ich es mir wünschen könnte, würde ich mit meinen beiden Töchtern, sie sind jetzt sieben und neun Jahre alt, zurück nach Ecuador gehen. Mein Papa hat dort einen großen Bauernhof, in Guayaquil hat meine Schwester einen kleinen Klamottenladen und eine große Wohnung, dort könnten wir anfangs unterkommen. Dann würde ich vielleicht in einem Altenheim anfangen zu arbeiten.

Ich mache gerade eine Ausbildung zur Pflegehelferin. Wenn ich den Abschluss habe, kann ich endlich wieder einen richtigen Job anfangen, mir eine größere Wohnung leisten und so meine Kinder zu mir holen. Sie leben bei ihrem Vater in Billstedt, ich in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Wilhelmsburg.

Dafür muss ich wohl etwas ausholen: Es fing vor ein paar Jahren an. Damals ging es meinem Vater nicht gut, weil meine Schwester gestorben war. Ich bin mit meinen beiden Töchtern nach Ecuador zu ihm geflogen und wir haben einige Tage dort verbracht. Plötzlich habe ich erfahren, dass mein Mann, der in Hamburg geblieben war, die Scheidung eingereicht hatte. Als wir zurück nach Hause kamen, machte mir eine Frau die Tür auf. In meinem eigenen zu Hause. Er hatte in der Zeit, in der ich weg war, eine neue kennengelernt. Noch am gleichen Tag hat er mich auf die Straße gesetzt. Einfach so. Er hatte nur gewartet, bis wir aus Ecuador zurück sind, um mir die Kinder wegzunehmen.

 

„Ich bin keine schlechte Mutter“

 

Ich war am Boden, denn ich hatte ja niemanden hier außer ihn. Außerdem habe ich kein Wort Deutsch gesprochen. Zum Glück half mir eine Frau, die ich auf der Straße kennengelernt hatte. Bei ihr kam ich die ersten drei Tage unter, dann bin ich an ein Zimmer gekommen. Nach einiger Zeit habe ich mich mit einer kleinen Reinigungsfirma selbstständig gemacht. Steuern und Versicherung waren allerdings so teuer, dass ich es aufgeben musste. Ich habe bis heute keinen neuen Job, Kindergeld und Unterhalt gehen an den Vater, ich bekomme bloß Arbeitslosengeld.

Ich glaube, mein Ex-Mann hat gehofft, dass ich es nicht schaffen würde und zurück nach Ecuador gehe. Aber ich habe gekämpft. Weil ich wusste, wenn ich Deutschland verlasse, verlasse ich es alleine. Das hat er mir immer wieder gesagt. Er wollte das alleinige Sorgerecht für unsere Kinder. Zum Glück hat das Jugendamt das aber nie zugelassen. Sie wissen nämlich: Ich bin keine schlechte Mutter, mir fehlt nur die Stabilität.

Ich verstehe nicht, wie das alles passieren konnte. Wir waren acht Jahre zusammen, haben uns sehr geliebt, haben zwei wunderschöne Töchter und hatten ein gutes Leben. Und von einem auf den anderen Moment ist das alles nichts mehr wert?

Und trotzdem bereue ich nicht, dass ich ihm 2007 nach Hamburg gefolgt bin. Es ist hart im Moment, ja, ich sehe meine Töchter nur alle zwei Wochen und ich weiß, dass sie es bei ihrem Vater gerade besser haben. Aber ich blicke nach vorne und bald habe ich den Abschluss. Dann wird alles besser. Und ich habe hoffentlich ein schöneres Leben.“


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Ali-Reza: „Meinen Kindern wünsche ich eine normale Welt“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Ali-Reza begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Es ist eine krasse Zeit. Als Arzt wird dir das besonders bewusst. Als Vater noch viel mehr. Mein Sohn Arman ist jetzt sieben Jahre alt und geht in die erste Klasse. Eigentlich. Ich merke, wie unausgeglichen er ist, weil er nicht zur Schule kann. Ich muss viel arbeiten, wir haben einen weiteren Sohn, Dara, der vor sechs Monaten auf die Welt gekommen ist. Homeschooling ist für uns daher ziemlich schwierig.

Was ich mir für meine Kinder wünsche, ist eine Kindheit wie ich sie hatte. Simpel gesagt, eine normale Welt, eine Kindheit, in der sie ganz einfach Kind sein können und die Welt erleben und kennenlernen. In der sie ihre Familie im Iran besuchen können. Und in der die Erwachsenen nicht so negativ und voller Sorgen sind.

Nichts planen zu können, macht mich fertig. Wenn mir einer sagt ‘Mach doch mal einen Zehn-Jahres-Plan’ oder ‘Nimm einen Kredit auf’, kann ich nur den Kopf schütteln. Es ist nichts mehr vorhersehbar. Ob es besser oder schlechter wird? Keine Ahnung.

 

150 Gäste, DJ, Live-Percussion

 

Dabei liebe ich es, Dinge zu planen, ein Essen, eine Reise, ein Fest – und mich darauf zu freuen. Diese Mischung aus Vorfreude und Aufregung.

So wie im Mai vor zwei Jahren. Da habe ich meine Frau Shirin geheiratet. Wir haben den Tag monatelang geplant: 150 Gäste im Hotel Louis C. Jacobs, Freunde und Familie, Bärlauchsuppe, Zander auf Blattspinat, Ratatouille, ein DJ mit Live-Percussion. Es sollte ein Mix aus europäischer und persischer Kultur werden. Wir haben uns so drauf gefreut und waren beide unheimlich aufgeregt. Ich hatte all die Planungsszenarien im Kopf und dachte kurz vorher noch, das klappt alles nicht.

Doch am Ende war es wie im Film. Ein komplett unverkrampftes, wunderbares Fest. Ich kam mir vor wie ein Gast, weil es so entspannt war. Ich habe an diesem Tag so viel gefühlt, es war fast träumerisch. Irgendwie unvorstellbar heute, da fühle ich eine gewisse Leere. Aber an diesen Tag denke ich gerne, spüre eine Dankbarkeit. Und dann ist für den Moment einiges okay.“


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Emma: „Es ist okay, wenn es mal schlechter läuft”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Emma begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Wir waren ganz alleine an diesem superschönen Badesee, irgendwo in Niedersachsen, haben uns ausgezogen und waren Nacktbaden. Dieser komplette Tag in der Natur hat sich mir so krass eingebrannt. Das war letzten Sommer mit ein paar Freundinnen. Die Eltern der einen haben so einen ausgebauten Hof als Ferienhaus. Ach, ich freu mich auf den Sommer.

Und doch habe ich manchmal das Gefühl, ich nutze das Leben nicht so aus, wie man es ausnutzen könnte. Es ist ein bisschen die Angst, später zu merken, dass ich manches versäumt habe. Meistens geht es dabei aber um Kleinigkeiten: Wieso habe ich nicht zugesagt, bin nicht zu dem Treffen, zu der Party gegangen, wieso habe ich das schöne Wetter nicht genutzt?

Aber ich schaffe es auch immer wieder mich daran zu erinnern, nicht allzu hart zu mir selbst zu sein. Es ist okay, wenn es mal schlechter läuft.

Man sollte sich sowieso nicht so vom großen Ganzen stressen lassen. Das habe ich während meines FSJs gelernt. Ich habe in einem Atelier für Menschen mit Behinderung gearbeitet und die haben das gelebt. Sie waren so viel entspannter und jeden Tag dankbar. Dankbar für die kleinen Dinge, dankbar für all die Dinge, die sie machen können und nicht frustriert wegen der Dinge, die sie nicht machen können. Davon können wir eine Menge lernen.

 

„Ich bewundere sie sehr“

 

Und von meiner Mama. Von der können wir auch eine Menge lernen. Eigentlich finde ich, sollte jeder sie kennen, weil sie so toll ist. Für mich war sie schon immer die Frau, die weiß, wo es lang geht, die hat einen Plan und alles was sie sagt und denkt, da gebe ich etwas drauf. Als Kind war es noch doller, aber auch heute noch bewundere ich sie sehr. Meine Mama ist extrem taff. Ich glaube, das hat sie mir ein Stück weit mitgegeben.

Obwohl ich hier und da zur Einsamkeit neige. In der ersten Lockdown-Phase war es besonders stark. Da habe ich in einer blöden Zweier-Zweck-WG in Wandsbek gewohnt und hatte zu viel Zeit mit mir selbst. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich was ändern muss. Also bin ich in eine Achter-WG in Othmarschen gezogen. Es ist ein altes Pflegehaus, mit Garten, großer Küche, großem Wohnzimmer und einer Art Partykeller. Mega nice! Wir sind total bunt zusammengestellt, zwischen 20 und 31 Jahren ist alles dabei.

Irgendwie komme ich mit fast jedem Menschen klar. Das macht zum Teil auch die soziale Arbeit. Ich habe Bock auf Leute, bin offen und interessiert und habe auch für das meiste Verständnis und Empathie.

Wobei, wenn ich so drüber nachdenke: Für Billie Eilish irgendwie nicht. Wieso feiern die alle? Ich finde die öde. Genau wie Harry Potter.“


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Thomas: „Macht mich das gerade glücklich?“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Thomas begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Meine Frau hat diesen natürlichen Blick auf alles, sie hat so eine Bodenhaftung. Genau das, was mir manchmal fehlt. Ich bin freier Schauspieler, habe meist einen künstlerischen Blick auf die Dinge und bin irgendwie auch ein ziemlich luftiger Typ. Sie erdet mich immer wieder. Gerade wenn es um die Selbstbetrachtung geht. Ich habe von ihr gelernt, dass du dein Leben immer mal wieder anhalten musst. Durchatmen. Gucken, was mache ich gerade eigentlich? Wie fühlt sich das an? Macht mich das glücklich?

Wir waren Nachbarn, haben untereinander gewohnt. Sie hatte eine Ehe hinter sich, ich eine Beziehung. Es hat ein paar Anläufe gebraucht, weil wir sehr verschieden sind, konnten uns damals wie heute aber schon viel vom anderen abgucken. Inzwischen haben wir drei Kinder: 10, 14 und 16 Jahre alt.

Mein ältester Sohn ist 28. Ihn habe ich aus meiner ersten Beziehung. Der macht sein Ding, dem geht’s gut, später kommt er noch auf einen Kaffee vorbei.

Genau wie er werden auch meine anderen Kinder nicht den Weg gehen, den ich gegangen bin und das ist vollkommen okay. Die sollen alle ihr eigenes Ding finden, sich frei entscheiden.

 

Als John F. Kennedy auf der Bühne

 

Mein Leben ist ziemlich schlangenlinienförmig verlaufen. Oft wird dir erst im Nachhinein klar, warum du so und so gegangen bist. Da waren bislang viele schöne Tage bei. Es sind aber die Tage, an denen ich anderen wehgetan habe, die ich noch einmal erleben möchte, wenn ich denn könnte. Einfach um es rückgängig zu machen.

In der realen Welt ist das leider schwer umsetzbar. Am Theater jedoch hast du die Chance, dich zwischen Raum und Zeit frei zu bewegen. Es ist faszinierend. Du kannst jemand in irgendeiner Zeit sein, der dir vorher nie in den Sinn gekommen wäre. Vorletztes Jahr war ich John F. Kennedy, ein richtig cooler, lockerer Typ. Das fand ich unheimlich schwer zu spielen, weil mir so eine Coolness oft fehlt. Bewegte Rollen, wo du dich durch den Dschungel schlägst oder mit Degen kämpfst, fallen mir schon leichter. Ich liebe die Artistik und das physische Theater. Ich mache auch jährlich den Zirkus im Schanzenpark.

Momentan ist offensichtlich nicht so viel mit Schauspiel. Ich bin die meiste Zeit zu Hause und kümmere mich um das Homeschooling, während meine Frau arbeitet. Außerdem lerne ich Klavierspielen, bringe mein Englisch in Form und habe das Einradfahren neu für mich entdeckt.

Unsere Zeit zu Hause ist okay, wir kommen durch. Und es wird auch wieder besser. Jetzt freue ich mich erst einmal auf den Frühling. Das riecht gerade so ein bisschen nach Aufbruch. Und ich liebe es, im Garten zu arbeiten, das hat auch so etwas bodenständiges. Man kehrt im wahrsten Sinne zum Boden zurück. Eben genau das, was mir manchmal etwas abgeht.“


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Anna: „Da habe ich fast angefangen zu weinen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Anna begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Wir waren viereinhalb Jahre zusammen und ich möchte nichts davon missen, aber es hat einfach nicht mehr funktioniert. Man muss sich auch eingestehen, dass beide irgendwann aufgehört haben, in die Beziehung zu investieren. Jetzt bin ich gerade dabei, meine Sachen aus seiner Wohnung zu holen. In die neue kann ich erst in zwei Wochen. Klamotten kommen jetzt erst einmal bei meinen Eltern unter, ich bei einer Freundin.

Das ist gerade alles nicht so toll, zwischen Corona und Urlaubstagen fühle ich mich ein wenig alleine. Deshalb musste ich jetzt mal ein paar Tage raus und bin hier nach Hamburg gefahren. Zu Bachelor-Zeiten bin ich für ihn aus Hamburg weggezogen, in die Nähe von Osnabrück. Dort arbeite ich mittlerweile in einer forensischen Psychiatrie mit suchtkranken Straftätern zusammen. Das heißt, ich gestalte deren Alltag mit, führe Gespräche, mache Therapiegruppen oder wir sitzen abends einfach nur zusammen und spielen Karten. Ich mag den Job, man lernt viel über Menschen, sich selbst und vor allem mit Rückschlägen umzugehen.

 

Das Gefühl von früher

 

Wenn ich hier so entlanglaufe, kann ich mir aber gut vorstellen, zurück nach Hamburg zu ziehen. Eben bin ich an meiner alten Wohnung vorbeigegangen und habe so ein bisschen das Gefühl von früher gespürt. Das war schön.

Man sagt zwar immer, dass man sich in der Beziehung auf keinen Fall für den anderen verändert, das ist aber Quatsch! Natürlich verändert man sich. Man verändert sich durch jeden anderen Menschen, der einem näherkommt. Manche merken es bloß nicht. Oder erst zu spät.

Was mir jedenfalls momentan hilft, ist unglaublich viel Spazierengehen. Ich bin heute den ganzen Tag ziellos durch die Gegend gelaufen. Gerade saß ich in der Bahn und habe eine Sprachnotiz von einer Freundin bekommen, in der ihre Mutter sich nach mir erkundigt hat, wie es mir denn jetzt geht, was ich mache und mir gewünscht, dass ich glücklich werde. Die Nachricht ging ein paar Minuten und ich habe echt fast angefangen zu weinen, weil ich so gerührt war. Solche Herzenswünsche sind irgendwie das Schönste, was man jemandem sagen kann. Und sie helfen. Mehr noch als Spazierengehen.“


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Vladimir: „Ich dachte, ich gehe zurück nach St. Petersburg“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Vladimir begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Ich verstehe es so: Menschen haben Fragen. Und ein Leben lang bekommen sie auf die gleichen Fragen Antworten. Manchmal sind es die gleichen Antworten, oft sind sie auch unterschiedlich. Die Fragen sind aber immer gleich. Ich habe es für mich umgedreht und glaube, es kommt nicht auf die Antworten an, sondern ich versuche, die richtigen Fragen zu suchen.

Vor zwei Jahren bin ich Papa geworden. Seitdem kommen immer wieder Erinnerungen meiner Kindheit zurück. Ich denke an die Zeit früher in Russland, wie ein Loop kommt es mir vor. Durchs Vatersein habe ich ein neues Gefühl für Zeit bekommen.

Ich bin Ingenieur, meine Frau ist Chirurgin, eigentlich denkst du, du hast zwischen Beruf und Ehe für ein Kind gar keine Zeit. Und dann ist es auf der Welt und nimmt 90 Prozent deiner Zeit ein. Alles andere ordnest du dem unter. Es ist ein anstrengendes, aber schönes Zeitproblem.

 

17 Jahre später

 

Meine Frau und ich sind Kitesurfer und Snowboarder. So haben wir uns auch kennengelernt: Im Schnee in Tschechien. Seitdem wir Eltern sind, schaffen wir den Sport nur noch selten. Wir freuen uns beide darauf, irgendwann zu dritt in die Berge oder ans Meer fahren zu können.

Für Freunde bleibt momentan ebenso kaum Zeit. Auch meine Heimatbesuche sind weniger geworden. Ich komme aus St. Petersburg, dort leben meine Eltern, meine Schwestern und viele Freunde. Als ich vor 17 Jahren nach Hamburg gekommen bin, dachte ich, ich bleibe hier für ein, zwei Jahre und dann geht’s zurück. Jetzt ist es mein Zuhause geworden. Und mein Sohn Nikita ist ein echter Hamburger. Die Frage, wie ich glücklich werde, habe ich mir damit beantwortet.“


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Holger: „Punkrock und Taxifahren: Von beidem bin ich nie losgekommen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Holger begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Es gibt keinen Ort, an dem dir jemand Fremdes innerhalb kürzester Zeit, dermaßen intime Dinge erzählt, wie im Taxi. Nicht einmal im Beichtstuhl. Neulich hatte ich ein Erlebnis mit einer älteren Dame, die im Krieg aufgewachsen ist. Sie hat die Bombennächte in Hamburg miterlebt. Ich habe sie ein bisschen dazu ausgefragt und sie hat erzählt, wie es damals war. Als sie dann ausstieg, sagte sie: ‚Das habe ich so noch nie jemandem erzählt.‘ Solche Geschichten passieren nicht oft, aber ab und zu. Und das reicht. Das macht den Beruf aus.

Vor zwei Jahren habe ich morgens in Altona ein junges Pärchen eingesammelt, die hatten was von Bonnie und Clyde, waren völlig übernächtigt. Jedenfalls wollten sie nach Dänemark, um da zu heiraten. Er war Italiener, sie Deutsche. Wir haben dann an der Tankstelle noch Red Bull geholt und sind über die A7 nach Dänemark gebrettert.

Weil ich ja sowieso nach Hamburg zurückmusste, habe ich die zwei Stunden dort gewartet und sie mitzurückgenommen. Auf der Rückfahrt riss das Mädchen plötzlich bei Tempo 130 das Fenster auf und hat bei voller Fahrt aus dem Auto gekotzt. Sie hatte halt die Nacht durchgefeiert, entschlossen in Dänemark zu heiraten, aber vergessen, was Gescheites zu essen. Im Nachhinein war das schon ein klasse Ausflug.

 

Joschka Fischer und die Große Freiheit

 

Es gibt den Roman „Taxi“ von Karen Duve. Sie war selber Taxifahrerin in den Achtzigern, das Buch ist nicht besonders toll, aber es beschreibt ganz gut, was das seinerzeit für eine Szene war. Vielen erging es so wie mir: Frisch von zu Hause ausgezogen, ohne großen Masterplan, aber mit Lust, das pralle Leben kennenzulernen. Und weil man im Taxigewerbe ganz gut und einfach Geld verdient hat, haben viele während des Studiums einen Taxischein gemacht.

Es waren viele linke Intellektuelle unter den Taxifahrern. Joschka Fischer zum Beispiel auch. Da bin ich seinerzeit so mitgeschwommen. Ich wollte einfach nur raus aus dem Haus meiner Eltern, auf Punkrock-Konzerte in der Markthalle, Große Freiheit, Molotow, danach ins Subito. Und nebenbei eben mit dem Taxifahren ein bisschen Geld verdienen. Irgendwie bin ich bis heute nicht davon losgekommen. Vom Punkrock genauso wenig.

Ich wollte nie etwas anderes machen, und will es heute nicht. Auch wenn es natürlich eine komplett andere Zeit ist. Dieses Lebensgefühl damals, das Spontane, nicht zu überlegen, ob man am nächsten Morgen rechtzeitig fit ist: Das vermisse ich hier und da schon. Ich bin jetzt 60, da wird man träge, der Freundeskreis wird kleiner, viele in meinem Alter sind alleine. Es wird schwierig, sich für jemand anderen zu öffnen.

Ich habe aber meistens Glück gehabt: Ich bin gesund und lebe in einer schönen Beziehung. Dass ich mich noch einmal so verlieben kann, hätte ich auch nicht gedacht. Vor einem halben Jahr bin ich dann auch noch Opa geworden. Den Lütten sehe ich gerade nicht so oft, weil meine Tochter in Hessen lebt und das Reisen schwierig ist. Ich freue mich aber unheimlich, dass er da ist.“


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Cordula: „Jeder muss zuerst sich selbst verstehen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Cordula begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Eben sind ein paar Kinder an mir vorbeigelaufen und haben gesagt: ‚Guck mal, was die Oma da macht‘. Damit meinten sie mich. Dabei kam ich mir gerade so flott und fit beim Langlauf vor – und keineswegs omahaft.

Heute scheint die Sonne so schön, da dachte ich, ich hole mal die Skier raus und laufe hier am Kaifu entlang. Das ewige Spazierengehen ist ja auf Dauer langweilig und das Niendorfer Gehege habe ich so langsam mal durch. Jetzt laufe ich zwar seit 2 Stunden immer hin und her, aber das ist ja quasi so, wie im Sommer nebenan im Schwimmbad seine Bahnen zu ziehen.

Seit einem Jahr bin ich Rentnerin, daher habe ich mittags nun Zeit und Muße hier herumzuspazieren. Von Beruf bin ich Psychologin und habe viele Jahre im Kinderschutzzentrum gearbeitet. Da ging es viel darum, Krisen und Notlagen von Familien zu verstehen.

 

„Das entschwundene Land“

 

Vielleicht ist das Verstehen-Wollen eine Art Berufskrankheit, die ich mitgenommen habe. Dabei halte ich es eigentlich für alles andere als eine Krankheit, sondern für essentiell. Es geht darum, andere Menschen zu verstehen, nicht zu analysieren – auch wenn das viele über Psychologen denken. Dafür muss ein jeder sich natürlich zuallererst selbst verstehen. Aber auch uns Psychologen gelingt das mal mehr und mal weniger.

Mir hat die Literatur immer sehr dabei geholfen, Lebenswelten zu verstehen. Kennen Sie „Das entschwundene Land“ von Astrid Lindgren? Darin beschreibt sie drei zentrale Erfahrungen aus ihrer Kindheit: die Liebe ihrer Eltern zueinander, das Aufwachsen in einer bäuerlichen Hofgemeinschaft und die Bedeutung von Büchern und Phantasie. Lindgren hatte eine Haltung zum Leben, die für mich sehr wichtig und richtig ist. Kann man das so sagen? Dann würde ich jetzt nämlich noch ein paar Runden weiterfahren.“


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Michael: „Wir könnten vernünftiger miteinander umgehen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Michael begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Meine Eltern haben sich früh getrennt, ich bin ohne Vater aufgewachsen. Stattdessen mit meiner Mama, meiner Oma und meiner Tante, also in einem richtigen Frauenhaushalt – mit unheimlich viel Liebe. Ich hatte eine bombastische Jugend, auch ohne meinen Vater.

Meine Kinder sind heute beide um die 40. Und klar: Ich wollte vieles anders machen, als ich es von meiner Geschichte kannte. Aber das sagt sich so leicht. Auch wenn ich von irgendwem höre, er habe den Entschluss gefasst ‘jetzt alles anders zu machen’, muss ich immer ein wenig schmunzeln. Ich war sehr krank bevor ich 30 war, hatte Krebs und hab es mit Chemotherapie und dem ganzen Programm überstanden. Damals habe ich mir auch gesagt, ich mache jetzt alles anders, lebe und erfreue mich daran, dass ich gesund bin. Die Anfangszeit, nachdem es überstanden war, war auch sehr besonders. Irgendwann bewegst du dich aber wieder auf deiner Schiene, hast deinen Trott, deinen Rhythmus. Ich befürchte, auch nach der Pandemie wird wieder alles so, wie es mal war.

Dabei könnten wir mal etwas vernünftiger miteinander umgehen und entspannter sein. So ein Rat ist wahrscheinlich etwas altersweise und sagt sich so daher, wenn man ein paar Jahre hinter sich hat. Vielleicht bekommt man für sowas auch erst spät einen Blick. Ich kenne das Gefühl der Jugend auch noch sehr gut. Da dachte ich, mir gehört die Welt, ich reiße Bäume aus, dreh die Welt um. Und irgendwann, wenn du älter bist, merkst du: ‘gut, einen ganzen Baum schaffe ich vielleicht gar nicht’.

 

„Ein Vorbild, das ich nie kannte“

 

Manchmal frage ich mich, was mein Großvater über dieses oder jenes gedacht hätte. Ich habe ihn eigenartigerweise immer als ein geheimes Vorbild gesehen. Und das, obwohl ich ihn gar nicht kennengelernt habe. Er ist gestorben, da war ich drei Jahre alt. Ich kenne ihn nur von einem Foto und den Erzählungen meiner Mutter: Ein Chefarzt im ehemaligen Bethanien-Krankenhaus in Eppendorf, klug, streng, sehr gerecht. Doch irgendwas hat mir dieses Bild von ihm immer gesagt. Ich habe zu ihm aufgesehen. Ich glaube, er hätte es aber nicht zu mir. Dafür war ich zu faul.

Auch wenn ich in meinem Leben ein paar Dummheiten gemacht habe, bin ich heute wahrhaft zufrieden. Ich habe mal eine Frau betrogen, in der Jugend hier und da Dinge ausprobiert, die nicht hätten sein müssen und halt so ein Zeug. Wenn du aber mit 74 in den Spiegel guckst und sagen kannst: So viel haste gar nicht verkehrt gemacht, dann ist das für mich eine Rechnung, die aufgeht.“


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