Beiträge

Karen Köhler über ihr Buch „Miroloi“: Risse im Gehorsam

Die Romanautorin Karen Köhler erzählt in „Miroloi“ von einer jungen Frau, die sich einem autoritären System widersetzt. Ein Gespräch über die politische Weltlage, die Macht der Bildung und über die Notwendigkeit des Aufbegehrens

Interview: Ulrich Thiele
Foto: Christian Rothe

 

Vor fünf Jahren löste Karen Köh­ler mit ihrem Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ ein – ohne Übertreibung – kollektives Entzücken im Feuilleton aus. Gelobt und geliebt wurden ihre modern und zugleich altmodisch anmutenden Geschichten vor allem für ihren radikal eigenen Sprachstil und für ihre eindrucksvollen Frauenfiguren. Dem­ entsprechend heiß wird nun ihr Debüt­roman „Miroloi“ erwartet, der am 18. Au­gust im Hanser Verlag erschien.

Karen Köhler lebt auf St. Pauli, wo das Interview an einem Dienstagvormittag draußen vor einem Café stattfindet. Es ist ein ausführliches Gespräch von anderthalb Stunden, mit Exkursen über die poli­tischen Entwicklungen der letzten vier Jahre, die nicht am Entstehungsprozess von „Miroloi“ vorbeigegangen sind, wie sie sagt.

SZENE HAMBURG: Karen, wann hast du das letzte Mal aufbegehrt?

Karen Köhler: Gerade Sonntag habe ich mit der Seebrücke Hamburg gegen die Kriminalisierung der Seenot­rettung demonstriert. Auf die Straße zu gehen und Gesicht zu zeigen, ist definitiv ein Akt des Aufbegehrens. Aber man kann auch in den kleinsten Augenblicken aufbegehren. Es ist in Deutschland sehr viel durch Gesetze geregelt, das soll unser Zusammenleben wohl einfacher machen, manchmal hält es aber auch vom Denken und Selbst­ entscheiden ab, oder entfernt sich wie im Falle der Kriminalisierung der Seenotrettung von dem demokratischen Wertekanon, auf den man sich in Europa mal geeinigt hat.

 

„Die Welt verändert sich schneller, als ich sie erfassen kann“

 

In „Miroloi“ begehrt eine junge Frau auf gegen die autoritären Strukturen in einem isolierten, archaischen Dorf auf einer Insel. Männer haben das Sagen, Frauen dürfen nicht lesen, es gibt Traditionen, religiöse Gesetze und drako­nische Strafen. Es gibt auch einige Ver­weise auf die Gegenwart jenseits der Insel: Coca­ Cola und Fernseher zum Beispiel. Warum dieses Archaische im Modernen?

Anfang 2015 hatte ich zunehmend Schwierigkeiten, die Welt zu beschreiben. Sie verändert sich schneller, als ich sie erfassen kann. Deswegen habe ich diesen Mikrokosmos einer fiktiven Insel erfunden, den ich auf strukturelle Mechanismen untersuchen konnte: Wie ist eine Gesellschaft organisiert? Wie viele Gesetze braucht sie? Wie be­gegnet sie dem Fremden, was macht das Fremde mit ihr? Wie gehen Machthaber mit ihrer Macht um? Gerade Macht übt eine Faszination auf Menschen aus. Wer sie hat, wird in Versuchung geführt, sie auch zu demonstrieren.

Wie hast du recherchiert, um diese Welt zu entwerfen? Du erfindest ja so­ gar eine Religion.

Ich habe vier Monate auf einer Insel in Griechenland verbracht und dort existente Dorftraditionen kennengelernt. Das Wort „Miroloi“ zum Beispiel kommt aus dem Griechischen und beschreibt eine Totenklage. Es gibt in mehreren Regionen Griechenlands die Tradition, dass die Dorfältesten nach dem Ableben eines Menschen sein gesamtes Leben nachsingen.

Ich habe zudem gemeinsam mit zwei Dolmet­schern die Dorfbewohner interviewt, was viel mit Vertrauen zu tun hatte. Es dauert, bis Menschen an den Punkt kommen, an dem sie bereit sind, über Schmerz zu sprechen.

Hast du ein Beispiel?

Wir haben mit einem alten Bauern gesprochen und saßen in seinem Haus in einem Dorf, in dem der Strom nie angekommen ist und das deswegen verlassen wurde. Er ist aber immer noch jeden Tag dort in diesem Haus, das sein Vater mit eigenen Händen gebaut hat. Auf die Frage, was er sich wünschen würde, wenn er einen Wunsch frei hätte, sagte er, dass er gerne alle seine Nutztiere noch mal sehen würde. Diese Unmittelbarkeit hat mich unfassbar be­rührt, dieses dem Leben und Überleben ausgesetzt zu sein. Davon sind wir in unserer urbanen Alltagswelt auf den ersten Blick sehr weit entfernt.

Warum nur auf den ersten Blick?

Wir sind dennoch Nutznießer des­sen – wir konsumieren jeden Tag das, was Leute irgendwo in der Welt an­gebaut haben. Die Menschen, die in Spanien auf den Feldern unsere Tomaten ernten, sind oftmals geflüchtete Menschen aus Afrika, die unter den schlimmsten Bedingungen leben. Und die Menschen, die Tiere auf niedersächsischen Schlachthöfen schlachten, kommen aus Rumänien und hausen unter unwirtlichen Bedingungen. Wir sind bei genauerer Betrachtung gar nicht so weit weg von den archaischen Verhältnissen, die im Buch beschrieben werden.

Warum hast du im Buch das Dorf mit diesem repressiven Gesellschaftsmodell entworfen?

Ich habe mich gefragt, wie die Unterdrückung der Frau strukturiert ist – indem man sie von Bildung fernhält und an Haus und Kind bindet. Anfang des Jahres habe ich ein Interview mit einem spanischen Priester zum Thema häusliche Gewalt gelesen. Er sagte, Frauen seien selbst schuld, wenn sie geschlagen werden, sie hätten ihren Männern einfach nicht gut genug gedient. Das ist in Europa im Jahr 2019. So lange es dieses Gedankengut noch gibt, kann man nicht aufhören, solche Bücher da­ rüber zu schreiben.

Die Protagonistin in „Miroloi“, die am Anfang noch keinen Namen hat, erfährt diese Unterdrückung sehr extrem.

Sie ist ein Findelkind. Die Gesetze im Dorf schreiben aber vor, dass jeder nach der Mutter oder nach dem Vater benannt wird. Nur wer diesen Stamm­namen hat, darf partizipieren. Die Ungewissheit, woher sie kommt, verängstigt die Dorfbewohner. Sie erhält deswegen keinen Namen und damit fängt die Kette der Ausgrenzung an. Ihr wird die Rolle des Sündenbocks zugeschrieben.

In dem Winter, in dem sie gefunden wurde, gab es Frost, der die Ernte zerstört hat. Das Dorf, das in seiner Aufklärung nicht fortgeschritten ist, gibt ihr dafür die Schuld. Dieses Narrativ begleitet dieses junge Mädchen von Anfang an. Wenn sie nicht in einem religiösen Oberhaupt, dem Bethaus­ Vater, einen Fürsprecher hätte, der sie schützt, hätte sie die ersten Jahre wohl nicht überstanden.

Der Bethaus ­Vater erkennt in ihr den Menschen, wie er in jeder Person den Menschen erkennt. Unter diesem Schutz wächst sie bei ihm auf und gerät irgendwann an ei­nen Punkt, wo sie anfängt, das System zu hinterfragen. Das zwirbelt sich auch an ihrem Namen auf: Warum hat alles einen Namen, nur ich nicht?

 

Ein großer Gesang auf die Selbst-Ermächtigung

 

Da ist ein Riss in ihrem Gehorsam, sagt sie an einer Stelle. Fängt mit dem Riss ihr Leben, ihr Miroloi erst an?

Ja, das kann man so sagen. In meinen Augen ist das ein großer Gesang auf die Selbstermächtigung. Sie lernt heimlich lesen und schreiben und verschafft sich somit Zugang zu Bildung und einen Abstand zur Welt. Sie lernt, sich ins Verhältnis zu setzen und die Dinge zu hinterfragen, und schafft so den Sprung aus dem rein emotionalen Welterleben in eine Abstraktion. Die Stelle, in der sie lernt, was der Konjunk­tiv ist, ist programmatisch für dieses In-­Distanz-­treten.

Auf der anderen Seite beschreibt sie die Welt, die sie sieht und erlebt, mit Sinneslust und Entdeckungsfreude, als könne sie die Welt erst jetzt mit der Sprache so richtig greifen.

Sie ist definitiv ein sehr lebenshungriger Mensch und hat eine große Offen­heit für alles, was sie wahrnimmt. Sie erfindet auch Worte: „Das Haus liegt hier am Berg. Engschattig und drüben­sicher.“ „Drübensicher“, also sicher vor dem Fremden auf der anderen Seite des Meeres, ist so ein typisches Wort für sie. Sie hat ihren eigenen Zugang zur Welt, wie ein durch tausend Kanäle gehendes System.

Der Bethaus-­Vater scheint eine morali­sche Autorität zu sein. Es gibt aber auch Momente, die diesen Eindruck zum Bröckeln bringen. Zum Beispiel, wenn die Protagonistin ihre Angst beschreibt, dass er wieder einen Wutausbruch kriegen könnte. 

Ich wollte eine Figur im Buch ha­ben, die ambivalent ist. Niemand, auch ein religiöses Oberhaupt nicht, ist gefeit vor emotionaler Entrückung, Wut oder Lust. Der Bethaus-­Vater ist sehr lebemännisch, er trinkt und isst gerne. Und er partizipiert an einem System, von dem er weiß, dass es nicht fair ist. Er hat genauso Angst vor einem Machtverlust wie alle anderen. Trotzdem versucht er nach seinem besten Wissen und Gewis­sen das Dorf auf einer religiösen Ebene zu leiten.

Aber er unterläuft das System auch sub­versiv von innen, etwa dann, wenn er der Protagonistin das Lesen beibringt.

Genau. Es gibt eine Strophe, in der die Protagonistin alles aufzählt, was sie vom Bethaus­-Vater gelernt hat. Dazu gehört auch, „wie man das Gesetz biegt, ohne es zu brechen“. Er sucht die Lücken im System. Er hat einen parallelen Subwoofer von eigener Moral am Laufen, nach der er abwägt, welche Gesetze er übersehen und umgehen kann.

Karen-Koehler-Cover-MiroloiIst der Roman optimistisch? Dass sie ihr eigenes Miroloi singt, kann man auch so verstehen, dass sie stirbt.

Auf der einen Seite ist es ein wahnsinnig optimistisches Buch, weil sie sich selbst ermächtigt und den Weg in die Freiheit geht. Sie hat den Mut, sich zu wider­ setzen und riskiert ihr eigenes Wohlergehen. Das Ende habe ich bewusst offen gelassen, ob es pessimistisch oder optimistisch ist – das kann jeder für sich entscheiden.

Karen Köhler: „Miroloi“, Hanser, 464 Seiten, 24 Euro. Der Roman ist am 18.8. erschienen. Am 16.9.2019 liest die Autorin im Rahmen des HarbourFront Literaturfestivals im Nochtspeicher.


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Space Girls: Wie Frauen die Mond-Landung verwehrt blieb

Vor 50 Jahren betrat der US-amerikanische Astronaut Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Was viele nicht wissen: Auch Frauen wurden schon um 1960 für die Raumfahrt getestet – wegen ihres Geschlechts letztlich aber doch nicht zugelassen. Die Hamburger Autorin Maiken Nielsen setzt ihnen mit ihrem Roman „Space Girls“ ein Denkmal.

Text und Interview: Ulrich Thiele
Foto (o.): NASA

Maiken Nielsen ist von Haus aus Hamburger Urgestein und Weltenbummlerin zugleich. Sie stammt aus einer Familie von Lotsen und Kapitänen und ist die Enkelin des Hindenburg-Navigators Christian Nielsen. In ihrem letzten Roman „Und unter uns die Welt“ widmete sie sich der Geschichte ihres Großvaters. Vor diesem Hintergrund ist ihr Interesse an den 13 Pilotinnen, den Mercury 13, die für die Raumfahrt getestet wurden und doch nicht zum Mond fliegen durften, naheliegend.

Nielsen erzählt von diesem historischen Ereignis mit sinnlicher Sprache und fließendem Rhythmus. „Space Girls“ ist ein literarischer Kopfkinofilm, ein Epos, das trotz aller traurigen Momente immer den lebenshungrigen Pioniergeist seiner Protagonistinnen atmet. „Guten Morgen aus der Südsee“, sagt Nielsen zur Begrüßung – während des Interviews befindet sie sich auf Rarotonga. Nach einem schweren Unfall vor einigen Jahren habe sie eine Liste mit Orten gemacht, die sie unbedingt noch erleben möchte, erzählt sie, die Südsee gehöre dazu. Ihr Skype-Profilbild zeigt sie mit hochgerecktem Daumen am Steuer eines Fliegers.

Maiken-Nielsen-c-Sabrina-Adeline-Nagel

Die Autorin Maiken Nielsen setzt mutigen Frauen ein Denkmal
Foto: Sabrina Adeline Nagel

SZENE HAMBURG: Frau Nielsen, die Mercury 13 sind kaum bekannt. Wie sind Sie auf ihre Geschichte gestoßen?

Maiken Nielsen: Ich bin selbst begeisterte Fliegerin und hatte mich, während ich die Romanbiografie über meinen Großvater schrieb, viel mit dem Thema beschäftigt. Das waren die 30er- und 40er-Jahre. In der Zeit flogen auch viele Frauen. Mich hat interessiert, wie es danach weiterging und fand – wenig überraschend – heraus, dass es nach 1945 kaum noch weibliche Piloten gab, weil die Männer aus dem Krieg zurückkehrten und ihre Stellen besetzten. Aber dann stieß ich auf Jerrie Cobb …

… die Anführerin der Mercury 13 …

Ich war total beeindruckt von ihr! Wie groß war meine Überraschung, als ich erfuhr, dass sie zu den Astronautentests für die erste Fahrt zum Mond geladen wurde. Und dass es noch mehr Frauen wie sie gab.

Was konkret haben Sie an diesen Frauen so bewundert?

Sie mussten alle mit den Gegebenheiten der 50er- und 60er-Jahre fertig werden. Sie mussten sich zum Fliegen die Nägel lackieren, High Heels und Röcke tragen, um zu beweisen, dass sie trotz Pilotendaseins „richtige“ Frauen sind. Eine war achtfache Mutter. Aber sie waren so tough, das belegen die Aussagen des Nasa-Mediziners Randolph Lovelace und seiner Mitarbeiter.

Randolph Lovelace setzte sich dafür ein, dass Frauen als Astronautinnen eingestellt werden. Sie seien für Weltraumflüge besser geeignet als Männer, sagte er, weil sie qua ihres Geschlechts leidensfähiger seien.

Die Tests, die Lovelace mit den Frauen durchgeführt hat, zeigen, dass sie mindestens so tough wie John Glenn und die Mercury 7 waren, die als männliche Helden in den USA verehrt wurden. Wie sich die Frauen da durchgekämpft haben, wie sie auch vor dem NASA-Subkomitee für ihre Sache gekämpft haben, das ist beispiellos.

Die Argumente während der Anhörung sind hanebüchen: „Wenn meine Mutter den Check-up-Test eines Footballteams besteht, heißt das nicht, dass sie Football spielen kann.“ Sind die Aussagen echt?

Ja, die sind genauso passiert. Die Anhörung wurde mitgeschrieben, eine Abschrift davon findet sich auch online im NASA-Archiv. Ich habe die Dia loge lediglich übersetzt. Mein Antrieb für das Buch war dementsprechend Empörung. Ich wollte, dass diese Frauen nicht im Vergessen versinken.

 

„Viele Frauen hatten nach den Tests keine Jobs mehr“

 

Wie sind die Frauen mit der Enttäuschung umgegangen? Viele Menschen würden, nachvollziehbarerweise, verbittern …

Viele der Frauen hatten im Anschluss an die Tests keinen Job mehr, weil sie für die Testwoche in Albuquerque von ihrem Arbeitgeber keinen Urlaub bekamen und deshalb kündigen mussten. Es war sowieso schwer, als Frau 1960 in der US-Luftfahrtbranche einen Job zu bekommen, den verloren sie also auch. Jerrie Cobb zog anschließend allein in den Amazonas, wo sie abgelegene Siedlungen aus der Luft mit Lebensmitteln belieferte. Sie lebt immer noch, gibt aber keine Interviews (kurz vor Redaktionsschluss wurde bekannt, dass Jerrie Cobb bereits am 18. März im Alter von 88 Jahren verstorben ist, Anm. d. Red.).

Und die anderen?

Andere Frauen waren sowieso selbstständig, Geraldine Sloan – später Geraldine Truhill – zum Beispiel. Oder sie wechselten komplett die Branche. Eine der Dietrich-Zwillinge starb knapp zehn Jahre später an Krebs, möglicherweise in Folge der Tests, bei denen die Frauen radioaktiver Strahlung ausgesetzt wurden. Ihre Zwillingsschwester flog ab dann nicht mehr.

Der Roman besteht aus mehreren Handlungssträngen, die miteinander verknüpft sind. Ein wichtiger dreht sich um den deutschen Raketenentwickler Wernher von Braun. Was macht ihn so faszinierend?

Von Braun war ein extrem fantasiebegabter, musischer Mensch mit hochfliegenden Träumen. Er spielte Klavier, schrieb Romane, sprach und las Französisch und wollte eines Tages zum Mond. Ingenieur und Freizeitpilot wurde er nur wegen dieses Mondtraums. Und der wurde dann so mächtig, dass er alles möglich machte, um ihn zu realisieren. Er trat der NSDAP und später der SS bei, er bestellte KZ-Häftlinge für die Arbeiten an der V2-Rakete. Und später, als klar war, dass die Deutschen den Krieg verloren hatten, stellte er seine Dienste der nächsten großen Macht zur Verfügung – den USA.

Warum ist von Braun für Ihre Geschichte wichtig?

Als deutsche Autorin, glaube ich, kann ich nicht die Vorgeschichte der ersten Mondlandung erzählen, ohne den deutschen Raketenentwickler Wernher von Braun zu erwähnen, der Apollo 11 erst möglich gemacht hat. Die Mission fußte auf Versuchen, für die Tausende von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen sterben mussten.

 

Endlose Finsternis und Strahlender Schein

 

Trotzdem feierten ihn die Amerikaner als Helden – eine der zentralen Ambivalenzen in Ihrem Roman.

Absolut. Im Roman geht es um Hell und Dunkel. Das eine existiert nicht ohne das andere. Das ist auch eine Erfahrung, die Michael Collins, Neil Armstrong und Buzz Aldrin im All gemacht haben: endlose Finsternis auf der einen Seite und daneben strahlender Schein.

Warum haben Sie die fiktive Geschichte um die Hauptprotagonistin Juni und ihre Mutter Martha eingebaut?

Martha und Juni verkörpern beide die deutsch-amerikanische Geschichte, und Juni ist mit ihrem Mut, ihrer Motivation und ihrer Sportlichkeit die Quintessenz der Mercury 13. In ihnen verdichten sich die Ambivalenzen. Martha ist Deutsche, ihr Vater wurde denunziert und in Wernher von Brauns Arbeitslager erhängt. Sie flieht mit ihrer Tochter Juni zunächst nach Frankreich, dann in die USA nach New Orleans, wo sie ihre deutsche Herkunft verheimlicht. Juni ist begeisterte Pilotin, darf an den Raumfahrttests mit den Mercury 13 teilnehmen. Sie will zum Mond fliegen mit der Rakete, die der Mörder ihres Großvaters entwickelt hat – was sie zunächst nicht weiß.

War es schwierig, diese fiktiven Figuren in den historischen Kontext einzuweben?

Nein, ich habe die beiden einfach sehr lebendig vor Augen gehabt. Ich glaube, die schwebten mir schon lange im Kopf herum, und Juni als extrem wildes, kleines Mädchen war einfach perfekt für das, was ich erzählen wollte. Ich habe mich dann bloß bemüht, nichts an den historischen Gegebenheiten zu ändern.

Juni wäre heute 79 Jahre alt. Was würde sie jetzt machen?

Juni überlegt, ob sie in ein paar Jahren vielleicht ihre Pilotenlizenzen abgeben und einen Round-The-World-Trip mit ihrer Enkelin machen sollte, am liebsten im Airbus. Sie trifft sich einmal im Jahr mit denjenigen Mercury- 13-Frauen, die noch am Leben sind und hält Vorträge in ihrem 99-Chapter und anderswo. Und sie läuft noch immer jeden Tag.

Space-Girls-Cover-Maiken-NielsenNatürlich wirft Ihr Roman indirekt auch die Frage nach unserer Zeit auf. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Es sieht derzeit so aus, als würden sich an vielen Stellen in der Welt wieder Werte durchsetzen, die nicht gerade förderlich für Demokratie und Gleichberechtigung sind. Aber zumindest in der Raumfahrt gibt es viele positive Entwicklungen: Weibliche Astronauten trainieren derzeit für den Flug auf den Mars und auf der ISS leben und arbeiten Menschen aus allen Nationen friedlich zusammen.

Maiken Nielsen: „Space Girls“, Wunderlich/Rowohlt, 512 Seiten, 22 Euro. Der Roman ist am 21. Mai erschienen.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Konfetti im Bier – Roman über die Ultras von St. Pauli

Im März erscheint der erste Ultras-Roman aus dem deutschsprachigen Raum. Aus Hamburg, aus St. Pauli, mitten aus dem Viertel!

Text: Ole Masch
Foto: Melanie Hendtke

Wer den Roar am Millerntor oder einem anderem Fußballstadion vor dem Spiel einmal mitgemacht hat, weiß mit dem Titel des Romans von Toni Gottschalk sofort etwas anzufangen. „Konfetti im Bier“ ist eine Beschreibung der St. Pauli Ultra-Szene von innen und damit einzigartig. Doch er ist noch viel mehr. Er ist Hamburg-Roman, Antifa, Viertelliebe, Fußball und immer wieder St. Pauli Nachtleben. Gespickt von Insiderwissen und Wortwitz, der durch seine Protagonisten auf die Spitze getrieben wird.

Toni Gottschalk, selbst seit vielen Jahren Teil der St. Pauli Ultras und ab 2006 Comiczeichner für verschiedene Fanzines, gelingt ein Debütroman, der nicht von außen draufschaut, sondern mitten drinsteckt. Er erzählt von Merks, Subbe, Jette und all den anderen, für die der FC St. Pauli und die eigene Gruppe viel mehr bedeuten, als nur jedes Wochenende gemeinsam zum Spiel zu gehen. Während sich Walter durch so ziemlich jede Kaschemme St. Paulis trinkt, beschäftigt sich der Rest mit politischer Viertelverteidigung.

 

Ultras, Nachtleben und ganz viel Hamburg

 

Das klingt dann so: „Na, ihr Pimmelköppe, was gibt’s zu lachen“, begrüßte Torre die vier Leute. Einer der Skins, der manchmal halb verächtlich, halb bewundernd „die Axt im Walde“ genannt wurde, konnte kaum an sich halten. „Wir so noch mit einer Handvoll Leuten im Jolly, kommt der Schwan rein und erzählt, dass er eine Gruppe Nasen auf der Budapester gesehen hat. Wir also mit ein paar hin und, was soll ich sagen, war gut. Backenfutter und dann Reste frühstücken …“

„Konfetti im Bier“ ist ein Subkultur-Roman. Ein Buch für Fußballfans und für Leute, die immer schon mal mehr über die Mechanismen von Ultra- Gruppierungen wissen wollten. Für Hamburger. Für Nachtlebenkenner und für jene, die es immer wieder dort hinzieht.

„Konfetti im Bier“ erscheint am 2.3. im Liesmich Verlag


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

„Alles am Arsch“ – Michel Houellebecqs „Serotonin“

In „Serotonin“ schreibt Michel Houellebecq über die Unmöglichkeit der romantischen Liebe und liefert einen beklemmenden Kommentar zum Protest der Gelbwesten.

Text: Ulrich Thiele
Foto: Philippe Matsas

Provokation erzeugt Empörung, Empörung bedeutet Aufmerksamkeit. Die Regeln des Marktes beherrscht Michel Houellebecq tadellos. So gesehen war es ein erfolgreicher Coup, als der Franzose kurz vor der Veröffentlichung seines neuen Romans in einem Essay Donald Trump als guten Präsidenten feierte und verkündete, er sei ein Nationalist.

Alles wie immer, denkt man und erwartet einen gewohnt streitlustigen Roman des vielleicht bedeutendsten europäischen Schriftstellers der Gegenwart. Und in der Tat: „Serotonin“ ist ein radikaler Roman und Houellebecqs bisher traurigster obendrein.

Der Protagonist heißt Florent-Claude Labrouste, ist 46 Jahre alt, Ex-Angestellter beim französischen Landwirtschaftsministerium, unter Rauchverboten leidender Raucher und depressiv. Ein Antidepressivum, das das titelgebende Serotonin freisetzt, hält ihn am Leben. Die Nebenwirkungen: Übelkeit, Libidoverlust und Impotenz. „Unter Übelkeit habe ich nie gelitten“, schreibt er.

 

Houellebecq rechnet mit den westlich-liberalen Demokratien ab

 

Trotz des Libidoverlusts dreht sich ein großer Teil des Romans ums – nennen wir es beim Namen – Ficken und Blasen. Bevor der Ich-Erzähler in Rückblenden von seinem Leben und den Frauen, die er liebte und/oder mit denen er Sex hatte, erzählt, berichtet er von seiner zwanzig Jahre jüngeren, japanischen Freundin Yuzu. Nachdem er auf ihrem Computer einen Amateurporno findet, der sie beim Gangbang mit Hunden zeigt, beschließt er, zu verschwinden. Er löst sein Konto auf, kündigt die gemeinsame Wohnung und seinen Job, und taucht in einem Hotel unter, ehe er sich auf eine Reise durch die französische Provinz begibt. Bis dahin hat der Leser bereits etliche sexistische Beschreibungen „junger, feuchter Muschis“ und „perfekt gerundeter Hintern“ zu lesen bekommen.

Es ist wenig gewinnbringend, die vermeintlich schlechte Gesinnung des Autors, der gerne mit autobiografischen Andeutungen kokettiert, nachweisen zu wollen. Houellebecq schreibt schlichtweg seine Abrechnung mit den westlich-liberalen Demokratien fort, für die er seit seinem ersten Roman mit Attributen wie „reaktionär“, „rechts“, „sexistisch“ und „menschenfeindlich“ versehen wird.

Für Houellebecq ist die sexuelle Liberalisierung der 68er-Bewegung vor allem eine „Ausweitung der Kampfzone“ (so der Titel seines ersten Romans aus dem Jahr 1994). Mit der Folge, dass Sex kommerzialisiert und den Regeln der Marktökonomie unterworfen wird: „In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige Wenige beträchtliche Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend. In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt“, heißt es in Houellebecqs Debüt.

 

Kein Schriftsteller hat den Neoliberalismus so beschrieben

 

Die romantische Liebe ist in diesem System zu einem fragwürdigen Konzept geworden, ja, sie sei historisch nicht möglich, verkündet der Erzähler in „Serotonin“ – und dennoch träumt er von ihr. Diese Passagen darf man durchaus ernst nehmen. Wenn sich Florent-Claude wehmütig an verpasste Chancen erinnert – vor allem an Camille, seine große Liebe, die er wegen eines Seitensprungs verloren hat – dann durchdringt den Roman ein aufrichtiger Lebensschmerz. Auch das macht Houellebecq so groß: Kein Schriftsteller hat so niederschmetternd die Auswüchse des Neoliberalismus beschrieben – die Vereinzelungstendenzen, die Unfähigkeit zu Verbindlichkeit im Zeitalter der spätmodernen Beliebigkeit, die transzendentale Obdachlosigkeit.

Michel Houellebecq: „Serotonin“, Dumont, 330 Seiten, 24 Euro

Und Houellebecq beschreibt eine ähnlich fatale Folge der Globalisierung, wenn er das Elend der französischen Provinz aufgreift und damit indirekt einen Kommentar zum Protest der Gelbwesten liefert. Die Milchbauern, darunter Florent-Claudes alter Studienfreund Aymeric, begehren mit Waffengewalt auf gegen die Freihandelsverträge und die daraus resultierenden sinkenden Milchpreise, die sie in den Bankrott treiben. Die Globalisierung sei nicht zu stoppen, Protektionismus für die politische und wirtschaftliche Großstadtelite keine Option: „Ich war jahrelang mit Leuten konfrontiert gewesen, die bereit waren, für die Handelsfreiheit zu sterben“, sagt der Protagonist. Der Protest ist ein Kamikazeeinsatz, ein Polizist und zehn Protestierende sterben, darunter Aymeric.

Am Ende ist „alles am Arsch“, wie Florent-Claude konstatiert. Dass Houellebecq für seine fatalistischeLiberalismuskritik von Identitären und Marine-le-Pen-Anhängern bejubelt wird, ändert nichts daran, dass er – radikal zugespitzt – die blinden Flecken des liberalen Westens aufdeckt. Man kann diese Polemik selbstkritisch annehmen, ohne liberale Werte zu diskreditieren.

Gespräch mit Julia Encke und Iris Radisch: „Michel Houellebecq und sein Werk“, 21.2., Boysen & Mauke im JohannisContor, 19.30 Uhr


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

Thalia Premiere – Ein Panorama der Generationen

Die Popliteratur hält mit „Panikherz“ Einzug auf der Bühne des Thalia Theater. Der Dramaturg Matthias Günther erzählt, warum das Buch es wert ist.

SZENE HAMBURG: „Panikherz“ als Popliteratur sticht im Premierenplan zwischen den Klassikern hervor. Wie kam es zu dieser Wahl?
Matthias Günther: Das war ein Vorschlag des Regisseurs Christopher Rüping und wir fanden die Idee gut. Der Roman von Benjamin Stuckrad-Barre hat einen starken Hamburg-Bezug. Ein wichtiger Teil seiner Stadterfahrung hat hier stattgefunden und war nach seinen Jugendjahren in der Provinz für seine persönliche Entwicklung eine wichtige Station. Zudem spielt Udo Lindenberg, der ja bekanntermaßen eine zentrale Größe in der Stadt ist, eine wichtige Rolle. Der Roman ist große Literatur, denn Stuckrad-Barre ist ein sehr beachtlicher Journalist, der sehr genau die Wirklichkeit, in der wir uns bewegen, mit einer großen Sprachwucht beschreibt.

Warum gerade Udo Lindenberg?
„Panikherz“ orientiert sich an der Schattenfigur Udo Lindenberg, weil es zum einen witzige Anekdoten sind, wenn er sich auf dessen Lieder in den jeweiligen Lebensphasen bezieht. Aber vor allem war es die Musik seiner Jugend, durch die er zum ersten Mal Zugriff auf die Welt bekam. Udo Lindenberg ist immer er selbst. Sein Ich und sein Image sind komplett verschmolzen, was für Stuckrad-Barre eine hochinteressante Konstruktion ist. Wie kann man ein Image entwerfen, das mit sich selbst identisch ist? Und das in einer Oberflächen-Kultur zu Spott führt. So wie seine Mutter in ganz frühen Jahren zu ihm sagte: „So haben wird dich nicht erzogen, zu so einer Oberflächlichkeit.“ Und damit meinte, da müsse doch mehr sein, als dass er davon träumt, mit einem neuen Nike-T-Shirt in der Schule auftrumpfen zu wollen.

Was meinen Sie mit Oberflächen-Kultur?
Stuckrad-Barres Bücher stehen ja für einen bestimmten Stil, die Popliteratur. Ein zentrales Kennzeichen dieses Genres ist das Hantieren mit Oberflächen. Böse gesagt, mit Oberflächlichkeit. Wie präsentiere ich mich? Was habe ich für ein Image und wie kann ich mein eigenes Ich immer wieder so formen, dass es ein leuchtendes Beispiel wird? An dieser Oberflächlichkeit arbeitet sich Stuckrad-Barre ab, durchlebt sie in der Gestalt als Popliterat. Bei dem Versuch aus seinem eigenen Leben ein Image zu kreieren, stößt er an Grenzen. Wodurch er, ähnlich wie viele Rockstars, nach der großen Karriere, nach den strahlenden Momenten, fürchterlich abstürzt. In eine Drogensucht und Bulimie, deren Krankheitssymptome schrecklich sind und die er in Panikherz schonungslos beschreibt. Die Kehrseite vom Ruhm und Ekstase zeigt sich bei ihm in einem kompletten Zusammenbruch.

Ist das die Kehrseite vom Ruhm oder die Folgen einer nicht erfüllten Sehnsucht?
Die Frage ist, was man in sich trägt. Bei ihm spielt sicherlich die Grundvoraussetzung, dass er unbedingt ins Scheinwerferlicht wollte, eine große Rolle. Und dafür ist er einen sehr graden aber erbarmungslosen Weg gegangen.

Welche Relevanz hat der Roman für die heutige Zeit?
Wir behaupten die kühne These, dass Stuckrad-Barres Literatur vielleicht in 200 Jahren die Bedeutung hat wie Goethe für uns heute. Das ist eine sehr kühne These, aber seine Literatur ist so stark, die Satzkonstruktionen brillant, und sie ist von unglaublicher literarischer Qualität. Durch die Genauigkeit mit der er Situationen beschreibt, versteht der Leser erst, dass der konstruierte Held seiner Biografie in einem Dauerdialog mit seinen Erinnerungen steht. Mit dem, was er einst in seiner Jugend war und was er heute ist. Als Stuckrad-Barre „Panikherz“ schreibt, ist er in keiner guten Verfassung. Er befindet sich in einem Hotel in Los Angeles und wird mit seinen Erinnerungen konfrontiert. Und wie er selber sagte, müsse man höllisch aufpassen, wenn man sich in die eigenen Erinnerungen hineinbegebe und sie dadurch zur Gegenwart werden. Das sei, als würde man einen Kampfhund kitzeln. Dadurch schreibt Stuckrad-Barre mit diesem Doppelblick – der Riss zwischen der individuellen Formulierung und der Bestimmtheit einer Gesellschaft, den große Literaten auszeichnet. Auch gibt es eine Verbindung zu Heinrich von Kleist, der ihm in dieser Ruhelosigkeit, sich nicht verorten und nicht wohnen zu können, sehr ähnlich war. Von Kleist rutschte ständig in Krisen, wusste nicht, wie es weitergeht und hatte keinenLebensplan. Und das zeigt Stuckrad-Barre für unsere heutige Zeit an der Figur Stuckrad-Barre.

Wie bringen Sie die vielen inneren Welten der Figur auf die Bühne?
Christopher Rüping stellt ein Ensemble auf die Bühne, das unterschiedliche Altersgruppen repräsentiert. Zum Beispiel beginnt das Stück mit der legendären Eingangsszene als Stuckrad-Barre und Udo Lindenberg am Flughafen in Amerika einreisen. Gesprochen wird dieser Textabschnitt von Sebastian Zimmler, Mitte dreißig, und Peter Maertens, der über achtzig Jahre alt ist. Diese Konstellation stellt nicht figürlich einen jungen und alten Mann dar, sondern eine jüngere und eine ältere Position. Es ist eine andere Form der Verbildlichung. Denn der Hauptdarsteller ist der Text, der unverändert geblieben ist, und in Verbindung mit den Stimmen und der Körperlichkeit der Schauspieler entsteht ein Panorama der Generationen. Der Text soll nicht in der Generation Stuckrad-Barre festgezurrt werden, denn seine Wucht ist altersübergreifend.

Was ist Ihre Aufgabe als Dramaturg?
Ich begleite diese Produktion beratend im Sinne von „Der alte Mann erzählt von früher“ (lacht). Ich bin zehn Jahre älter als Stuckrad-Barre und kenne die von ihm beschrieben Lebenswelten aus eigener Erfahrung – wie zum Beispiel die damalige Bedeutung von Udo Lindenberg. Oder die Passagen, in denen er beschreibt, wie sich für ihn die Welt öffnet, als er nach Jahren in der Provinz plötzlich in Göttingen überall die Plakate sieht, die Westernhagen, Grönemeyer und Kunze in der Eissporthalle Kassel ankündigen. Ich komme aus Kassel und kann mich noch genau daran erinnern. Zum anderen werde ich selbst als Pop-Dramaturg betitelt. Das heißt, ich befasse mich schon sehr lange mit der gleichen Fragestellung, die die Popliteratur umtreibt. Die Welten, in denen Stuckrad-Barre andockt, erzählen mir sofort was.

Interview: Hedda Bültmann 

Foto: Philipp Schmidt 

Thalia Theater, „Panikherz“, 17.3. (Premiere)


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Max Frisch fragt… Thorsten Nagelschmidt

In unserer Reihe „Max Frisch fragt…“ kommt der alte Meister der Literatur mit den Wortkünstlern der Gegenwart ins Gespräch. Diesmal mit Thorsten Nagelschmidt, der am 22. Februar seinen neuen Roman „Abfall der Herzen“ veröffentlicht. 

Was empfinden Sie als Eigentum: a) was Sie gekauft haben, b) was Sie erben, c) was Sie gemacht haben?
Thorsten Nagelschmidt: Alles drei, am meisten aber wohl doch a)

Wogegen sind Sie nicht versichert?
Sterben.

Was fürchten Sie mehr, das Urteil von Freunden oder das Urteil von Feinden?
No fear.

Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?
Mitglied des Club 27 zu werden (vor langer Zeit). 

Die Fragen stammen aus Max Frischs „Fragebogen”, gestellt von Jenny V. Wirschky.

Thorsten Nagelschmidts neuer Roman „Abfall der Herzen“ erscheint am 22.2.18 im Fischer Verlag. 

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte von SZENE HAMBURG, Februar 2018. In unserem Magazin finden Sie noch mehr interessante Beiträge über den Stadtteil. Es ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Lucy Fricke – Das Archiv im Kopf

Ein Gespräch mit der Autorin über ihr Erfolgsprojekt HAM.LIT, die Schwierigkeiten der Kunst und ihren neuen Roman.

SZENE HAMBURG: Lucy, du bist gebürtige Hamburgerin und lebst jetzt in Berlin. Als Schriftstellerin: Welche Stadt ist inspirierender? Und warum überhaupt?
Lucy Fricke: In der Millennium-Nacht habe ich hoch pathetisch verkündet, dass ich Hamburg verlassen werde. Zwei Wochen später hatte ich eine Wohnung in Berlin. Ich musste einfach mal raus, wollte durch andere Straßen ziehen und nicht an jeder Ecke irgendwelchen Erinnerungen begegnen. Das war nötig und enorm befreiend, ich kannte damals niemanden in Berlin, und habe auch erst hier ernsthaft mit dem Schreiben begonnen. Alles Neue ist für mich inspirierend. Inzwischen ist Berlin längst nicht mehr neu und Hamburg als Heimatstadt natürlich auch nicht, also versuche ich, so oft wie möglich auf Reisen zu gehen. Ich reise nicht, um zu entspannen, sondern um wach zu werden. An anderen Orten sind bei mir alle Kanäle offen, ich sauge alles auf und kehre dann zum Arbeiten an den Schreibtisch zurück.

Als Mitglied des PEN Deutschland hast du nicht nur den Blick durch die Augen einer Schreibenden, sondern auch die exogene Perspektive auf das Schaffen anderer Autoren. Mit welchen Schwierigkeiten bist du dort konfrontiert?
Vor einigen Jahren war ich zehn Wochen lang im International Writing Program an der Universität Iowa. Von 30 Schriftstellern aus 28 Ländern war ich die einzige, die vom Schreiben halbwegs leben konnte. Nicht, weil ich mehr Erfolg, Talent oder Disziplin gehabt hätte, sondern weil ich in Deutschland lebe. Hier gibt es Preise und Stipendien, Verlagsvorschüsse, Honorare für Lesungen.

Das ist die Frage nach dem Überleben des Künstlers…
Und die nach der Freiheit, das zu schreiben, was man will. Ich saß dort abends mit Autoren in der Kneipe, die in ihren Heimatländern Todesdrohungen erhalten hatten, jahrelang inhaftiert gewesen sind oder auf der Liste des pakistanischen Geheimdienstes standen. Sie schrieben unter Lebensgefahr. Wenn einem das erst einmal bewusst ist, fängt man an, sich für verfolgte und inhaftierte Schriftsteller zu engagieren, das ist eines der Hauptanliegen vom PEN-Club. Außerdem hört man auf zu jammern. Jedes Selbstmitleid verbietet sich, sobald man weiß, unter welchen Bedingungen die internationalen Kollegen leben und schreiben.

Du selbst hast gerade dein viertes Buch zur Welt gebracht und gehst damit auf Premierenlesung. Ist der Konflikt in „Töchter“ biografisch beeinflusst oder ein fiktives Dokument gesellschaftlicher Geschichte?
Die Handlung im Roman ist fiktiv, alles andere ist so oder so ähnlich gesagt, gedacht und erlebt worden. Man könnte sagen: Alle Details stimmen, der Rest ist frei erfunden. Seit ein paar Jahren sind im Freundeskreis die Eltern ein größeres Thema. Das Verhältnis kehrt sich um, sie brauchen jetzt unsere Hilfe. Der Blick auf sie ändert sich, wenn sie kurz vorm Tod stehen. Meinen Eltern geht es zum Glück noch sehr gut, aber meine Hoffnung beim Schreiben war auch, mit Gesprächen zu beginnen, bevor es zu spät ist.

Vor deiner schriftstellerischen Ausbildung in Leipzig hast du beim Film gearbeitet: Für die Hamburger Klassiker „Kurz und Schmerzlos“ und „Absolute Giganten“ warst du verantwortlich für Script und Übergänge. Wie haben diese Projekte dein späteres, jetziges Schaffen beeinflusst?
Script/Continutiy ist ein wahnsinnig akribischer Job, man ist zuständig für die sogenannten Anschlüsse und muss sich alles merken. Nach über 20 Filmproduktionen habe ich das Beobachten aufs Härteste trainiert, das ist ins Unterbewusstsein eingedrungen. Ich scanne quasi permanent meine Umgebung und kann das beim Schreiben abrufen. Also verfüge ich über ein riesiges Archiv detailgenauer Aufnahmen. Ich erfinde wenig und hole fast alles aus der Erinnerung.

2010 war dann endlich das Jahr der HAM.LIT: Du hast die Veranstaltung initiiert und leitest sie noch heute. Was hat sich in den letzten acht Jahren verändert – sowohl notgedrungen, als auch aus gewollter Entwicklung heraus?
Das Kuratieren ist viel aufwendiger geworden. In den ersten zwei Jahren habe ich hauptsächlich Freunde und Bekannte eingeladen, Autoren, die ich kannte, deren Arbeit ich schätzte. Aber so viele Freunde habe ich nun auch nicht, dass ich jedes Jahr 15 neue bei der HAM.LIT präsentieren könnte. Inzwischen wählen wir aus etwa 40 bis 50 Büchern aus, wir fordern viel an, aber noch viel mehr wird uns zugeschickt, von den Verlagen, manchmal auch von den Autoren direkt. Es ist wirklich in Arbeit ausgeartet.

Nach welchen Kriterien wählt ihr Autoren und Musiker des Line-ups aus?
Daniel Beskos als Verleger und ich als Autorin bewegen uns viel in der Szene, alles was uns auffällt kommt erst mal auf die Liste. Es ist zum Glück immer noch so, dass wir einladen können, wer uns gefällt und überzeugt, unabhängig von Verkäuflichkeit. Die Qualität ist für uns das Wichtigste. Und es sollen nicht nur verschiedene Gattungen präsentiert werden, sondern auch unterschiedliche Stile und Themen, Debütanten und etablierte Autoren.

Dafür bedarf es sicherlich eines guten Supports…
Seit Jahren stärken uns die Kulturbehörde und verschiedene Stiftungen den Rücken, allen voran die Hamburgische Kulturstiftung, die uns von Beginn an auf beeindruckende Weise unterstützt, ohne die würde gar nichts gehen.

Und deine Motivation?
Tatsächlich habe ich die HAM.LIT aus purem Frust gegründet. Mein erstes Buch war erschienen, ein ziemlicher Flop, und ich hatte Lesungen hinter mir, die von Seiten der Veranstalter derart lieblos und inkompetent organisiert waren, dass ich dachte: Das muss doch anders gehen. Ich habe von Autorenseite aus gedacht: Wie sollte eine Veranstaltung sein, bei der ich selbst gern lesen würde. Das halte ich immer noch für den besten Weg: Wenn es den Künstlern gut geht, profitiert davon das Publikum. Und ich glaube, das bekommen wir ganz gut hin. Dass der Abend inzwischen jedes Jahr ausverkauft ist, spricht dafür. Das sorgt auch für die hohe Motivation, wenn sich am Ende des Abends die Gäste und die Künstler bei uns bedanken, das macht uns glücklich. Wir träumen schon lange davon, HAM.LIT auf Tour zu schicken. Alle KünstlerInnen in einen Bus und am nächsten Tag dasselbe Programm in einer anderen Stadt. Eine Band, die jedes Jahr nur für ein paar Tage existiert, das wäre was.

Interview: Jenny V. Wirschky 

HAM.LITUebel & Gefährlich, 1.2.18, 19 Uhr

 

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!