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Jetzt aber raus: Open-Air-Kultur in Hamburg

Nach #stayathome gibt es endlich wieder Live-Events, die besucht werden dürfen – im Freien und mit Abstand

Texte: Michelle Kastrop

 

AUTOKINO AUF DEM HEILIGENGEISTFELD

 

Nicht nur für Nostalgiker: Wer sich mehr Privatsphäre wünscht, als ein klassischer Kinosaal hergibt, kommt diesen Sommer voll auf seine Kino-Kosten. Denn: Die Autokino-Kultur ist zurück! Dank der Corona-Beschränkungen erlebt sie eine Renaissance.

Auf dem Heiligengeistfeld etwa zeigen die Zeise Kinos mit dem Format „Bewegte Zeiten – Das Autokino“ täglich Filme aus verschiedenen Genres. Pro Auto muss ein Ticket erworben werden, das je nach Besatzung zwischen 24 und 42 Euro kostet. Popcorn gibt’s natürlich auch vor Ort.

Bewegte Zeiten: Heiligengeistfeld (St. Pauli)

 

FISCHHALLE HARBURG

 

Das Projekt des Hafenmusikers Werner Pfeifer ist zur kulturellen Wohlfühloase im Harburger Binnenhafen geworden. Die Fischhalle Harburg wurde vor über 100 Jahren erbaut und erstrahlt heute im rustikal-maritimen Schick. Im Sommer wird in dem kleinen Beachclub das „Corona Summer Night Open Air“ veranstaltet.

Am 4. Juli kommen Wohnschiffer, alteingesessene Bewohner, Besucher und Künstler ab 21 Uhr zusammen, und Holger „Hobo“ Daub spielt groovigen Blues. Tickets gibt es nur im Vorverkauf für 15 Euro, da die Sitzplatzanzahl aufgrund der Abstandsregel beschränkt ist.

Fischhalle Harburg: Kanalplatz 16 (Harburg)

 

SCHANZENKINO

 

Unter dem Sternenhimmel im Schanzenpark hinter dem Wasserturm laufen ab dem 18. Juli allerhand Top-Filme auf einer 128 Quadratmeter großen Leinwand. Diesen Sommer kommen alle Abenteurer und
Reiseliebhaber voll auf ihre Kosten.

Dafür sorgt die Filmauswahl, die unter anderem den Extremsportkurzfilm „E.O.F.T – European Outdoor Film Tour 2020“ und die Dokumentation „International Ocean Film Tour 2020 Vol. 7“ bereithält. Doch aufgepasst: Alle drei Wochen wird ein neues Programm veröffentlicht. Ein Ticket kostet 9 Euro, mit Ermäßigung 8 Euro.

Schanzenkino: Sternschanze 1 (Sternschanze)

 

GRILLEN IM SCHRØDINGERS MIT DER WAAGENBAU-CREW

 

Endlich wieder ein wenig Party-Flair in der Electro-Szene. Da tanzende, verschwitzte Massen in Clubs noch nicht wieder in Frage kommen, gibt es jetzt Grillpartys im Biergarten-Stil. Das Team vom Waagenbau hat im Schrødingers die Veranstaltung „BauBQ-Waagenbau-Soli-Grillung“ ins Leben gerufen. Dabei wird am Schanzenpark eine Auswahl an Speisen serviert – natürlich auch in vegetarischer und veganer Variante.

Da Beats und Bässe nicht fehlen dürfen, Live-Performances in diesem Rahmen aktuell aber nicht möglich sind, hat sich die Crew etwas ausgedacht. In ausreichender Entfernung vom Geschehen wird ein Live-Stream produziert, der auf dem BauBQ-Platz übertragen wird. Bei gutem Wetter findet die Sause jeden Donnerstag, Freitag und Samstag statt. Um auf dem Laufenden zu bleiben, lohnt sich ein Blick auf die beiden Facebook-Seiten der Veranstalter.

Schrødingers: Schröderstiftstraße 7 (Sternschanze)

 

LATTENPLATZ KNUST

 

Der sonnige Platz zwischen Karostar und alter Rinderschlachthalle ist dank lässi- ger Street-Art-Kulisse eh ein toller Ort fürs Feierabendbierchen. Da trifft es sich gut, dass das anliegende Knust wieder Open-Air-Live-Konzerte veranstaltet. Gestartet wird direkt am 1. Juli mit dem erfolgreichsten Format des legendären Schanzen-Ladens: den Hamburger Acoustics. Hierbei stehen drei talentierte Newcomer für jeweils 30 Minuten am Abend auf der Bühne. Ob Indie, Jazz, R ’n’ B oder Pop: Jeglicher Stil ist willkom- men. Die Tickets kosten 10 Euro zuzüg- lich Gebühren im Vorverkauf oder 15 Euro an der Abendkasse. Natürlich werden alle aktuell nötigen Hygienestandards eingehalten.

Knust Acoustics: Neuer Kamp 30 (Sternschanze)

 

AUTOKINO PINNEBERG

 

Seit dem 5. Juni hat Pinneberg ein neues Autokino. Damit wollen die Betreiber des „SchanzenKino73“ nicht nur Entertain- ment anbietet, sondern auch auf die kri- tische Situation der geschlossenen Ham- burger Kinos aufmerksam machen. Auf dem Pinneberger Marktplatz werden täg- lich abwechslungsreiche Filme gezeigt. Das Gelände bietet Platz für 200 Autos und hat zusätzlich einen Open-Air-Be- reich mit Bestuhlung für alle, die nicht mit einem Fahrzeug kommen. Tickets können online gekauft werden. Wichtig zu beachten ist, dass pro Person bezahlt wird. Ab der dritten Person können er- mäßigte Ticketpreise für 6,60 Euro ge- kauft werden.

Autokino Pinneberg: Marktplatz Pinneberg (Pinneberg)


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Clubluft schnuppern: Virtuelle 3D-Touren

In Zeiten von Corona steht auch das Nachtleben komplett still. Wer trotzdem Clubluft schnuppern möchte, kann dies bei virtuellen 3D-Touren tun. Der Kulturwissenschaftler Alwin Brehde archiviert Musikclubs mit einzigartiger Technik

Text: Mirko Schneider

 

Wenn Alwin Brehde (29) Lust auf einen Besuch des Fund­bureaus hat, muss er dafür nicht zur Sternbrücke fah­ren. Er schaltet einfach sei­nen Computer ein. Brehde greift aber nicht auf Bilder aus dem In­ternet zurück, sondern auf seine eigene virtuelle 3D­-Tour. Er ist Unternehmer, „Rundblick 3D“ heißt sein 2016 gegrün­detes Start­up. Werbeslogan: „Interaktive Besichtigung von realen Räumen in der virtuellen Welt.“

Durch eine einst in den USA für 5.000 Euro erstandene Spezialkamera mit eingebautem Motor wird 360­-Grad­Fotografie mit 3D­-Scans kombiniert. Auf diese Weise schafft Brehde ein begehbares, fotorealistisches Modell eines Raumes. Die Kamera dreht sich von ihrem Standpunkt aus im Kreis und nimmt 36 Einzelaufnahmen auf. Das Ergebnis sind im 3D-­Raum verortete Bilder von sehr hoher Qualität, die dem Betrachter das Gefühl vermitteln, er stünde selbst im Raum. Brehde ist Pionier, sein Start­up war das erste mit dieser Technologie.

 

Bei der Arbeit: Alwin Brehde

Bei der Arbeit: Alwin Brehde

 

Plötzlich taucht beim virtuellen Rundgang durch das Fundbureau ein Hund auf – und ist ebenso schnell wieder weg. „Das ist der Geisterhund“, sagt Brehde und schmunzelt. „Beim Scannen werden in jedem Raum verschiedene Standpunkte eingenommen. Und in diesem Fall war der Hund bei einer der Aufnahmen für kurze Zeit im Bild und hat sich dann wieder woanders hingelegt.

 

„Musikclubs spielen für die Stadtkultur eine wichtige Rolle“

Alwin Brehde

 

Doch natürlich geht es dem studierten Kulturwissenschaftler nicht hauptsächlich um diese nette tierische Episode. Seine Brötchen verdient er durch verschiedene Aufträge. Er scannte bereits die Millerntor Gallery oder den Bunker unter dem Bismarck-Denkmal. Auch virtuelle 3D-Touren von Ferienhäusern bietet er an. Ein Musikclub wie das Fundbureau zieht ihn aber nicht aus monetären Gründen an. „Ehrlich gesagt, mache ich das in diesem Fall aus Idealismus“, sagt Brehde. „Als Kulturwissenschaftler interessiere ich mich sehr dafür, wie sich die Stadt Hamburg und besonders die Stadtkultur entwickelt. Für mich spielen Musikclubs dabei eine wichtige Rolle, das es sich um gewachsene Strukturen handelt, Orte die ihre eigenen Geschichten erzählen. Virtuelle Rundgänge können ein digitales Archiv für Erinnerungen sein, Räume der Vergangenheit bewahrt, durch die man buchstäblich hindurchgehen kann. Meiner Meinung nach sind auch Musikclubs kulturell schützenswert. Indem ich diese gefährdeten Orte virtuell archiviere, möchte ich auch die Arbeit des Clubkombinats und des Denkmalvereins unterstützen. Die Clubs Fundbureau, Astra Stube und Waagenbau sind ja gleichermaßen vom Abriss bedroht.“

Die Deutsche Bahn will die 1926 er­baute, altehrwürdige Sternbrücke abrei­ßen und neu aufbauen, da eine Sanierung nicht möglich sei. Aktuell besitzen die drei Kultclubs einen Mietvertrag bis Ende 2022. Eigentlich sollte schon Ende dieses Jahres endgültig Schluss sein, Ausweichstätten fanden sich bisher nicht. Wie es mit dem Bauvorhaben weitergeht, ist derzeit unklar.

Brehde betrachtet die Auseinander­setzung zudem aus historischer und philosophischer Perspektive. „Einerseits“, so Brehde, „ist das natürlich stets eine subjek­tive Haltung. Die damaligen Hafenarbeiter fanden zum Beispiel den Bau der Spei­cherstadt absolut nicht notwendig, heute gilt sie als Wahrzeichen Hamburgs. Dennoch liegt der Fall hier für mich anders. Und ich finde die Diskussion sehr interessant, warum Musikclubs immer noch als Vergnügungsstätten gelistet und damit beispielsweise mit Stripteaseclubs und Glücksspielhallen gleichgestellt werden? Das ist bei all der Musikgeschichte, die sich hier abgespielt hat, eine durchaus berechtigte Frage.“

 

Entdeckt das Fundbureau in 3D

 

Bewusst bietet Brehde die virtuellen Rundgänge von Fundbureau, Astra Stube und Waagenbau kostenlos auf seiner Webseite an. Besonders schön: Er hat nicht nur das authentische Club-­Flair mit Tags, Bühnen, Kreide­Speisekarten oder „FCK AFD“-Aufklebern eingefangen (Brehde: „Es freut mich doch immer wieder, so etwas zu sehen!“), sondern auch Lern­material in den 3D­-Räumen versteckt. So sind unter anderem Originalbilder des Baus der Sternbrücke aus dem Jahr 1926 zu sehen, um die historische Dimension des Ortes zu zeigen. „Mir geht es darum, die kulturelle Vielfalt sicht­bar zu machen. Und ich würde mich sehr freuen, wenn dadurch eine Dis­kussion in Gang kommt, bei der sich auch Leute beteiligen, die nicht unbedingt in die Clubs gehen. Das Thema braucht eine größere Öffentlich­keit.“

Mit diesem Ansinnen rennt Brehde beim Clubkombinat, dem Verband der Hamburger Clubbetreiber, offene Tü­ren ein. „Für uns ist das eine sehr begrü­ßenswerte Aktion“, sagt Geschäftsführer Thore Debor (43). „Es ist eine neue Form, auf gefährdete Orte aufmerksam zu ma­chen, indem man sie virtuell historisiert.“ Zum Rückkehrrecht der Clubs nach einem eventuellen Neubau der Sternbrücke kann Debor noch keine Auskunft geben: „Da ist noch nichts endgültig entschieden.“

 

„Der besondere Charakter der Sternbrücke sollte unbedingt erhalten bleiben“

Kristina Sassenscheidt

 

Genau wie das Clubkombinat freut sich auch der Denkmalverein Hamburg über Brehdes Arbeit: „Ich finde es total eindrucksvoll, wie sich mit dieser Technik ganz neue Erzählformen entwickeln“, so Geschäftsführerin Kristina Sassenscheidt (42). „Man bekommt überraschende Ein­blicke, die weit über die Möglichkeiten ei­ner textlichen Beschreibung hinausgehen.“

Auf der Webseite des Vereins finden sich unter dem Stichpunkt „Gefährdet“ eine Reihe bedrohter Orte, darunter auch die Sternbrücke. Sassenscheidt: „Ich wohne gar nicht weit entfernt. Es ist einer der ur­bansten und vitalsten Stadträume in Ham­burg mit seiner speziellen Mischung aus Altbauten, unterschiedlichen Verkehrs­formen und dem pulsierenden Nachtle­ben. Der besondere Charakter dieses Ortes sollte unbedingt erhalten bleiben.“

Des­halb wurde Anfang März die „Initiative Sternbrücke“ gegründet, der auch der Denkmalverein angehört. Auch Brehde freut sich über die Initiative. Der Denk­malverein hat ihm bereits Tipps zu wei­teren gefährdeten Orten zukommen lassen, deren Einzigartigkeit er in virtuellen 3D-­Rundgängen der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen könnte. „Beim Grün­dungstreffen der Initiative waren über 50 Leute. Was sofort deutlich wurde, ist der große Wunsch nach Partizipation“, sagt Sassenscheidt. „Sowohl die Brücke als auch ihre gewachsene Umgebung halten wir alle für sehr wichtig.“

Mehr Infos und 3D-Rundgänge unter rundblick3.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Club-Kataster: Musikspielstätten kartieren statt verlieren

Die Musikspielstätten der Stadt können dank des Clubkombinats Hamburg in Zukunft schwerer übersehen werden: Kürzlich ist mit dem Club-Kataster eine Art Stadtentwicklungs-Google-Maps zur Verortung der lokalen Clubszene online gegangen

Text: Levke Marie Nielsen

 

Über 10.00 Supporter der Petition zur Kampagne Future Music City forderten 2018 den Einsatz der Stadt Hamburg gegen drohendes Clubsterben, für den Erhalt von Kultur(frei)räumen und die Anerkennung des gesellschaftlichen Wertes von Musikclubs als soziale und kulturelle Orte.

Teile des Appells fanden bereits Gehör. Örtliche Politik wie Behörden investierten finanziell-strukturell und mit größerer Aufmerksamkeit in die Interessen der Clubmacher, Künstler, Musikliebhaber und eben auch manch ruhebedürftiger Anwohner. Hilfen für Lärmschutzmaßnahmen wurden bereitgestellt, einige Auflagen zumindest überdacht und Förderungen für Veranstaltungen aufgestockt. Doch viele Probleme bleiben – vor allem, wenn es um bisher vornehmlich Investoren orientierte Entscheidungen über Bauvorhaben im näheren Radius von Clubs geht und bei der Entwicklung von Nutzungskonzepten für Freiflächen Kultur nicht mitgedacht wird.

 

Ein Seismograf für die bedrohte Clublandschaft

 

Das Clubkombinat, Hüter Hamburger Musikspielstätten und deren Interessenvertretung, ruhte sich jedoch nicht auf dem ersten Erfolg der Kampagne aus, sondern schmiedete den nächsten Masterplan: ein Club-Kataster. „In Zeiten zunehmend verdichteter Städte und Flächenverwertungsdruck geraten Clubs immer mehr in Bedrängnis. Eine Stadt ist gut beraten, wenn sie sich einen Überblick über die Lage und die Entwicklung der Musikspielstätten verschafft“, so Thore Debor, Geschäftsführer des Clubkombinats.

Beim diesjährigen Reeperbahn Festival wurde nun auf zwei Veranstaltungen das Tool von Experten diskutiert und vorgestellt, welches der Club-Lobby ein frühzeitiges Ein- und Mitmischen in Stadtentwicklung und -management erlauben soll – und zwar schon bevor die Abrissbirne bedrohlich vor der Nase der Clubbetreiber schwingt. Dafür wird eine digitale Stadtkarte mit Geodaten der Clubs gefüttert und in Zusammenarbeit mit der Behörde für Stadtentwicklung fließen aktuelle Bebauungs- und Flächennutzungspläne ein. „Das Clubkombinat sammelt und pflegt die Daten und überträgt diese per Schnittstelle an den Landesbetrieb für Geoinformation und Vermessung, der die Daten dann einspeist“, erklärt Debor. Bevor Musikspielstätten eingetragen werden können, müssen sie die Informationen über sich freigeben. Sie erscheinen dann als kleine grüne Lautsprechersymbole.

Das Club-Kataster wird von der Kulturbehörde gefördert. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Die Musikclubs tragen das ganze Jahr zur Lebensqualität und kulturellen Vielfalt der Stadt bei. Mit dem Club-Kataster ist jetzt transparent, wo es überall Clubs in der Stadt gibt, um künftig schon im Planungsstadium mögliche Zielkonflikte zwischen Bauvorhaben und kultureller Nutzung zu lösen.“

 

Miteinander reden 2.0

 

Wie dies in der Praxis funktioniert erklärt Thore Debor so: „Aktuell erstellen wir einen automatischen Alarm, der eine Nachricht erzeugt, sobald bestehende Musikspielstätten von neuen Bebauungsplänen bedroht sind. So können wir die betroffenen Clubs informieren und deren Belange einholen.“ Das Kataster kann den Clubs als Empowerment-Werkzeug für eine datenbasierte Argumentation dienen und zwischen Immobilienplayern, Verwaltung und Kulturschaffenden vermitteln. Nur so könne angesichts der Nachverdichtung in Städten, Lärmbeschwerden und Verdrängung von Clubs an den Stadtrand – auch wegen steigender Mieten – vorgebeugt werden.

Beim Reeperbahn Festival stieß das Projekt auf breite Zustimmung. Im Rahmen der Konferenz kamen Experten zum Thema „Integrierte Stadtentwicklung – Kultur goes Stadtplanung“ zusammen. Das Hamburger Club-Kataster habe bundesweit Vorbildcharakter. Till Kniola vom Kulturamt Köln bestätigte die Wichtigkeit aus Verwaltungssicht. Ein Äquivalent sei in der Domstadt ebenfalls in Planung. Für die Clubstadt Berlin existiert bereits eine Beta-Version. In Leipzig wird über ein umfassenderes Kultur-Kataster diskutiert, das Kultur in all seinen Bedeutungen und mit entsprechenden Veranstaltungsorten abbildet.

Doch egal, wo man hinschaut, die Mission lautet nicht nur Bewahrung des aktuellen Bestands, sondern idealerweise auch „potenzielle Eroberungs- und Erprobungsräume für die kreativen Szenen zu identifizieren und verfügbare Flächen in neuen Stadtquartieren zu etablieren“, so Thore Debor vom Clubkombinat. Architektin und Stadtgestalterin Julia Erdmann plädiert dafür, frühzeitig interdisziplinäre Perspektiven in den Planungsprozess miteinzubeziehen. Schon im Zuge der Ideenentwicklung für ein neues Quartier sollten alle Interessen im Stadtteil, auch die kulturellen, berücksichtigt werden. Beteiligung, so simpel es klingen mag, sei kein Selbstverständnis.

Übrigens: Musikspielstätten vergangener Tage werden im Hamburger Club- Kataster ebenfalls abgebildet. Denn auch die Analyse des Niedergangs könnte bei der Erhaltung aktueller und künftiger Clubstandorte helfen – und vielleicht lässt sich aus diesen Fällen für die Future Music City lernen.

clubkombinat.de/projekte/ club-kataster


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Rindchen schlemmt – im Bistro Carmagnole

Das Bistro Carmagnole serviert French Umami in der Schanze und ist eine aromensatte Bistroküche mit französisch pittoreskem Terrassenplatz

Text: Gerd Rindchen
Foto: Lars Heitmann

 

Für die Dokumentarreihe „Auf den Spuren seltener Sieger“ hat sich unser tapferes Rechercheteam wieder auf die Spuren einer sagenumwobenen Publikation begeben: Des „SZENE Gastro Guide Essen & Trinken 2019/2020“, in dem verdiente Schreibschaffende den Hamburger Gastrodschungel durchleuchten. Der Tabellenerste der Rubrik „Frankreich“, nett gelegen im pseudoschrabbelig gentrifizierten Schanzenviertel, bescherte dabei einen rundum beglückenden Abend, wie man ihn nicht alle Tage erlebt.

Lauschig unterm Laubbaum auf patinasattem, original französischen Bistrogestühl hockend wurde dem Chronisten schon mit der ersten Vorspeise eines jener grandiosen Geschmackserlebnisse zuteil, die man sein Lebtag nicht vergisst: Unter dem schlichten Namen „Tatar von Waldpilzen“ (10,50 Euro) nahten fein gehackte, toll gewürzte, perfekt einreduzierte geschmorte Pilze auf einer noch viel intensiveren, schlicht perfekten Pilzmousse. Umami pur! Dagegen verblasste naturgemäß das traditionelle Signature Dish des Hauses, die brave Artischocke (12 Euro).

 

Artischocke: Der Klassiker im Carmagnole

 

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In die gleiche Kerbe wie das Pilztatar haute der tolle, perfekt saftig gegarte Seeteufel mit ungemein geschmackvoll geschmortem Ragout aus heimischen alten Tomatensorten (24 Euro) – in all der gepflegten Langeweile, die in der gehobenen Hamburger Bistroküche zuweilen zu finden ist, fetzte auch dieser beherzte und großartige Gang wie ein Laserstrahl über den Gaumen.

Der zweite Hauptgang, ein klassisches Kalbsbries (27,50 Euro), setzte dagegen eher etwas introvertiertere geschmackliche Akzente. Von der kleinen, aber feinen Weinkarte mit vielen biodynamischen Tropfen tat sich der brave Sancerre (Flasche für 38 Euro) etwas schwer mit den Aromenwundern, dafür war aber der Chardonnay von den Bret Brothers aus dem südlichen Burgund (Flasche 45 Euro) jeden Cent wert und ein kongenialer Gegenspieler zum Essen. Insgesamt war der Carmagnole-Besuch eines der mit Abstand erfreulichsten kulinarischen Überraschungen des vergangenen Jahres – so macht Essen einfach Spaß!

Bistro Carmagnole: Juliusstraße 18 (Sternschanze)


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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FoodSZENE – „Blutleere Gastronomie braucht kein Mensch“

Schanzen-Gastronom Gerrit Lerch hat Anfang November 2018 sein 20-jähriges Jubiläum gefeiert. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Interview: Jasmin Shamsi

SZENE HAMBURG: Galopper des Jahres, Jolly Jumper und seit Neuestem das Chambre Basse – das alles gehört zu deinem Imperium und zum Haus 73. Wie hängen die Bars zusammen?

Im Galopper des Jahres gibt es mittlerweile 16 Hähne mit unterschiedlichen Bieren, regelmäßige Bier-Degustationen und öffentliche Brauerstammtische. Der Jolly Jumper bietet freitags und samstags Clubfeeling mit guter Musik und gut gelaunten Gästen und das Chambre Basse, das ich seit Anfang 2018 zusammen mit David Struck und Felix Piechotta betreibe, ist eine schicke Cocktailbar, in die man sich zurückziehen kann, wenn man den Trubel vom Schulterblatt abschütteln möchte.

Die beiden Kultkneipen BP1 und Bedford, mit denen du ab 1998 eine neue Ära in der Schanze eingeläutet hast, musstest du 2014 schließen. Was hat sich seitdem getan?

Diese beiden Läden abgeben zu müssen, war tragisch und auch ein wenig sinnbildlich für die Entwicklung im Viertel. Subkultur hat es schwer, sich im ständigen Profitstreben zu behaupten. Mit Herzblut betriebene Bars geben einem Viertel Identität, Farbe und Charakter. Blutleere Gastronomien braucht kein Mensch.

 

„Das Hier und Jetzt bei lauter Gitarrenmusik feiern“

 

An welchem Punkt würdest du die Uhr noch mal zurückdrehen, wenn du könntest?

Ich vermisse einen Laden, in dem man zu jeder Nachtzeit gleichgesinnte und spannende Menschen trifft, die in selbstzerstörerischer Art das Hier und Jetzt bei lauter Gitarrenmusik feiern. Am besten auf dem Tresen! So war es halt im BP1. Trotzdem: Ich will überhaupt nichts rückgängig machen. In der Schanze fühle ich mich immer noch zu Hause.

Wo siehst du schwarz für die Schanze?

Gäste, die sich nicht benehmen können, haben schon immer genervt. Belanglose Gastronomien genauso. Geldgeile Vermieter, die durch überhöhte Mieten der Subkultur die Tür vor der Nase zuschlagen sind ein absolutes Ärgernis. Und von Kiosken, die ohne jede Infrastruktur unsere Gäste abgreifen und mit billigen Longdrinks abfüllen, halte ich auch nicht viel.

 

„Eine faire Bezahlung ist das Fundament für ein nettes Miteinander“

 

Überall heißt es, der Gastrobranche gehe der Nachwuchs aus. Bist du davon betroffen?

Zum Glück finden wir immer wieder neue Leute, die Lust haben, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen. Den Speisegastronomien geht es da anders. Grundsätzlich gilt: Für die Branche muss man gemacht sein. Ich erinnere mich an ein Bewerbungsgespräch für einen Ausbildungsplatz zum Hotelfachmann. Die Frage meines damaligen Personalchefs ist mir bis heute im Kopf hängengeblieben: „Sie wissen schon, dass Sie jetzt immer dann arbeiten, wenn andere Leute feiern?“ Unter ständigem Stress nachts an Wochenenden und Feiertagen zu arbeiten und dafür nur ein mäßiges Gehalt zu bekommen, darauf haben viele keinen Bock mehr. Die Arbeitszeiten sind leider nicht zu ändern. Der Stress ist auch da, aber in einem funktionierenden Team ganz gut erträglich. Eine faire Bezahlung ist aber definitiv das Fundament für ein nettes Miteinander!

Schulterblatt 73 (Sternschanze); www.dreiundsiebzig.de


Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online und in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG.


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Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2019. Das Magazin ist seit dem 21. Dezember 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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Ricebrothers – Mehr als Reis

Bei den neu eröffneten Ricebrothers wird asiatische Küche mit eigenem Dreh serviert. In hippem Industrie-Ambiente gibt es Sommerrollen-Sets zum Selberbasteln und asiatisch inspirierte Drinks.

Die Restaurants auf dem Schulterblatt haben Zuwachs be­kommen. Seit Kurzem findet man bei den Ricebrothers asia­tisches Street Food „for cra­zy Leutz“. Der Laden wirkt auf den ersten Blick wie eine moder­ne Höhle: Die Wände der dunklen Räumlichkeiten sind be­malt und mit Hashtags versehen und in der offenen Küche flackert das Feuer unter den Pfan­nen. Gegessen wird aus handgemachten Keramikschalen, auf den Tischen findet man Stan­dard-­Sojasauce und Plastik­pflanzen in Metalltöpfchen.

Ricebrothers Restaurant in Hamburg Foto: Sabrina Pohlmann

Unsere Sommerrollen be­stellen wir als Selbstbau­-Set für 15 Euro, das reicht für zwei Personen. Der Kellner führt die Faltprozedur vor, bei ihm sieht es auch ganz einfach aus: Die Fül­lung aufs Reispapier legen, erst die langen Seiten falten, dann die kurzen. Nach eigenen Versuchen stellt sich heraus: Som­merrollen zu falten, ist nichts für Ungeübte. Doch die freundliche Servicekraft erklärt die Technik nochmals geduldig und wacht den Rest des Abends über uns. Die anderen Gerichte sind oberer Durchschnitt, ihnen fehlt aber das gewisse Etwas. Der ve­getarische Burger (7,90 Euro) ist lecker, mir persönlich aber nicht bissfest genug. Meine Beglei­tung hingegen liebt ihn. Positiv stechen die Drinks heraus: Der Hanoi Mule (7 Euro) mit Zitro­nengras-­Sake ist perfekt abge­schmeckt, ebenso die hausge­machte Limo mit Ingwer und Limette (4 Euro). Das Dessert, warmer Reiskuchen in Kokos­milch (4,90 Euro), ist der krö­nende Abschluss des Mahls. Fest steht: Die Ricebrothers brauchen noch ein bisschen Zeit, um das Profil zu schärfen. Der freundliche Service fällt auf jeden Fall schon mal sehr positiv auf. Lobenswert sind auch die zahlreichen Veg­gie-­Variationen und die Spiel­ecke für Kinder. Die Einrich­tung ist Geschmackssache, aber an schönen Sommertagen kann man auch nach draußen ausweichen.

Text: Sabrina Pohlmann
Beitragsfoto: Rolf Bork / Ricebrothers

Schulterblatt 35 (Sternschanze), Telefon 37 50 48 88, Mo-So 12–0 Uhr; www.ricebrothers.de

Fr. 29.6. 19.30: Livemusik bei den Ricebrothers: Sons and Preachers, Tomi Simaputang, Eintritt 5€


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 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

WohnSZENE – Wie geht individuell einrichten?

(Sponsored) In jeder Wohnung findet man Möbelstücke von großen Möbelhäusern. Aber wo finde ich schöne Möbel jenseits der Massenproduktion, wenn ich mich fair und lokal produziert einrichten möchte? Unsere Bloggerin Sarah ist bei ihrer Suche nach mehr individueller Wohnlichkeit bei „Lokaldesign“ im Schanzenviertel fündig geworden. Den kompletten Beitrag könnt ihr auf www.wohnfreude.de nachlesen.

Hej,

vor kurzem bin ich durch meine Wohnung gegangen, habe einmal innegehalten und mich selbst gefragt, ob ich meine Wohnung individuell finde. Natürlich habe ich einige Möbel von namenhaften Labels und ich kann auch nicht abstreiten, dass sich ein paar Teile vom Schweden untermischen, aber kann man diesen Mix als individuell bezeichnen? Ich selbst würde mich als niemanden betiteln, der Trends hinterher jagt und mittlerweile versuche ich in Möbel zu investieren, die langfristig bleiben sollen. Zuletzt fehlte mir in Bezug darauf allerdings der Aspekt lokaler zu kaufen.

Lokal ist hier auch schon das Stichwort! Ich habe mich vor kurzem genau aus dem Grund auf den Weg in die Schanze zu Lokaldesign Hamburg gemacht. Hier sollte sich doch wohl etwas finden lassen, das mir mehr Individualität in die Wohnung zaubert! …

 

Text & Fotos: Sarah Ramroth

 Dieser Text ist ein Auszug aus Sarahs Beitrag Schöner wohnen mit Möbeldesign: So bringen Sie mehr Individualität in Ihr Zuhause. Weiter geht’s auf www.wohnfreude.de, das Hamburger Online-Magazin rund ums Bauen, Wohnen, Finanzieren mit freundlicher Unterstützung der Sparda-Bank Hamburg eG.


Sarah Ramroth gibt auf @wohnglueckhamburg seit über einem Jahr praktische Einrichtungstipps und verbindet sie mit ihrer Liebe zu Hamburg. Einmal pro Monat berichtet sie über hamburger Wohnthemen auf www.wohnfreude.de.

Momo: Esst mehr Ramen!

Die Schanze hat jetzt auch ihre Ramen-Bar. Und die ist alles andere als fad!

Ganz schön verschachtelt, mit Betonung auf schön, ist die neue Ramen-Bar in der Margaretenstraße an der Grenze zur Schanze. Es geht treppauf und treppab. Das hat was. Ohne Reservierung (kann man erst ab 4 Personen) wird man zu den Stoßzeiten nach einer kurzen Wartezeit in die Kellerbar geführt. Schwarze Wände, warmes Holz und HipHop – hier kann man erst mal ankommen, sich aufwärmen und aus der Karte einen Aperitiv wählen. Als uns die Bedienung dann nach oben bringt, wissen wir schon, was wir wollen und können gleich bestellen.

Schwupps haben wir auch schon die traditionelle Vorspeise Edamame (4 Euro) auf dem Tisch. Die Sojabohnen puhlend schauen wir uns um. Wir sitzen im mittleren von drei Räumchen an einem Zweiertisch in der oberen Etage. Neben uns eine aufwendige japanische Wandbemalung. Das Team hat sich bei der Inneneinrichtung sehr viel Mühe gegeben. Graffiti-Künstler sollen extra eingeflogen worden sein.

Schwupps stehen auch schon unsere Ramen vor uns, auf Shoyu- und Miso-Basis, alles andere als fad. Wir verschwenden keinen weiteren Gedanken ans Interieur und sind mit den Sinnen ganz beim Essen. Angenehm bissfeste Nudeln baden in einer kräftigen Brühe, das Eigelb zerfließt, die recht dicken Chashu-Scheiben (Schweinebauch, 12 Euro) sind butter-zart.

Japanischer Kartoffelsalat? Haben wir noch nie gegessen. Er kommt serviert als eine feste Kugel an geraspelten Möhrchen, mit deutlicher Gewürzgurkennote und hohem Mayonnaiseanteil (5 Euro). Ja. Kann man machen. Momo, die dritte Ramen-Bar in Hamburg, bringt das Soulfood gekonnt in die Schanze und hat dabei sehr viel richtig gemacht.

Text: Alessa Pieroth

Foto: Pascal Kerouche

Momo-Ramen: Margaretenstraße 58 (Eimsbüttel), Di-So 18–22 Uhr www.momo-ramen.de

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte von SZENE HAMBURG, Februar 2018. In unserem Magazin finden Sie noch mehr interessante Beiträge über den Stadtteil. Es ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!