Beiträge

Sport: Selbstverteidigung für Frauen

Selbstverteidigung für Frauen sieht einfach aus, ist es aber gar nicht. Zu Besuch beim Workshop „FRAUENselbstSICHERHEIT“.

Geschafft. Sichtlich erschöpft sitzt Fatma Keckstein am Ende der Veranstaltung in der Sporthalle Corveystraße und ist mehr als zufrieden. Hinter ihr liegt schon eine Menge Arbeit – vor ihr liegt noch eine Menge Arbeit. Aufräumen, Wegräumen, Abrechnen, Resumieren….aber es hat sich gelohnt. Fatma Keckstein ist Ju-Jutsu-Trainerin und Frauenreferentin beim Deutschen Ju-Jutsu-Verband, hat Ende letzten Jahres, anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen, zusammen mit dem Deutschen Turner-Bund zu einem Aktionstag eingeladen und war selbst komplett von dem Andrang überrascht.

Beim Workshop „FRAUENselbstSICHERHEIT“ hatten sich rund 100 Frauen verschiedener Nationalität und unterschiedlichen Alters angemeldet, um sechseinhalb Stunden zu lernen, wie sie sich vor Gewalt schützen können. Die Statistik sagt, dass jede dritte Frau in Deutschland während ihres Lebens mindestens einmal körperliche oder sexuelle Gewalt erfährt. Gewalt gegen Frauen kommt in allen Schichten und gesellschaftlichen Gruppen vor. Aber nur jede fünfte Frau sucht sich in so einem Fall Hilfe. Eine Zielgruppe, die Keckstein besonders am Herzen liegt, sind muslimische Frauen, „sie sollen ebenfalls die Möglichkeiten des Opferschutzes kennenlernen.“

Cordula Gross, von der Flüchtlingshilfe Harvestehude, ist mit einer Gruppe von Frauen und Mädchen in die Halle gekommen. Nazanin und Shabnam zwei Schwestern im besten Teenageralter sind vor zwei Jahren mit ihrer Familie nach Hamburg gekommen. Zunächst nach Harburg. Dort wurden sie schnell in eine Volleyballgruppe der Volleyballgemeinschaft Hausbruch Neugraben Fischbek (VG HNF) integriert. Nach ihrem Umzug in die Unterkunft Sophienterrasse wollten sie ihrem Team unbedingt treu bleiben und pendeln jetzt ein bis zweimal in der Woche abends mit der S-Bahn zwischen Harburg und Harvestehude. „Häufig ist es schon dunkel, da kann es nicht schaden, wenn man etwas über Selbstverteidigung weiß“, sagt Nazanin. „Außerdem haben wir ältere Brüder, da muss man sich auch wehren können“, fügt sie grinsend hinzu.

Und was haben die beiden Mädchen und die anderen Frauen an diesem Tag gelernt? Männer sind übrigens strengstens in der Halle verboten. Deswegen ist „Chris“, das (theoretische) Versuchsobjekt für empfindliche Punkte beim Mann, auch nur eine Pappfigur. Die Praxis, von Keckstein eindrucksvoll vorgemacht, zeigt beispielsweise, Schläge oder Tritte abzuwehren. Hierfür werden zeitweise Schaumstoffröhren benutzt, damit sich auch jede traut mitzumachen.

Trotz des ernsten Hintergrundes, der hinter den Aktionen steckt, wird viel gelacht, denn die Überwindung auf jemanden „einzuschlagen“ muss auch erst gelernt sein. Sieht einfach aus, ist es aber gar nicht. Ein besonderer Moment, vor allem für die beiden Mädchen sind die Einheiten mit Lina Kalifeh. Sie ist die Gründerin von „she-fighter“, der ersten Schule für Frauen-Selbstverteidigung in Amman/Jordanien und extra für den Workshop nach Hamburg angereist. Auf Englisch und teilweise arabisch zeigt sie den Frauen die Befreiung aus Festhalte-Angriffen im Stehen und Liegen.

Spannend waren auch die Vorträge von zwei Beamtinnen des Landeskriminalamtes über Gewaltprävention und Opferschutz besonders bei Gewaltstraftaten im häuslichen Bereich. Welche Rechte habe ich eigentlich als Opfer einer Straftat? An wen kann ich mich vertrauensvoll wenden? Viele interessante Informationen an einem Tag. Fatma Keckstein weiß, dass das nur eine Anregung sein kann. „Es ist zu vergleichen mit einem 1. Hilfe-Kurs – es soll das Angstgefühl verringern, nichts tun zu können.

Natürlich kann man so etwas nicht an einem Tag erlernen. Es braucht Übung und Wiederholung, um wirklich für den Ernstfall gewappnet zu sein. Aber wichtig für die Frauen ist, zu wissen, dass es Angebote gibt und an wen sie sich wenden können.“ Gefallen hat es Nazanin und Shabnam auf jeden Fall, vielleicht ein bisschen zu lang, auf jeden Fall zu kalt in der Halle. Aber das Interesse ist geweckt. Für Fatma Keckstein ist das die Bestätigung und die Motivation, die Veranstaltung in diesem Jahr zu wiederholen – auch wenn es am Ende viel Arbeit ist.

Text: Andrea Marunde

Fatma Keckstein (Frauenreferentin beim Deutschen Ju-Jutsu-Verband) 040/2793559; frauensport@djjv.de

Das Programm Integration durch Sport ist eine bundesweite Initiative des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). In Hamburg wird das Programm durch das Bundesministerium des Inneren und der Stadt Hamburg finanziert.


Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG Sport, als Heft im Heft in SZENE HAMBURG, Februar 2018, erschienen. Es ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#1 Fans: Abseits des Millerntors

Sport ohne Fans? Nicht denkbar! Fans sind ein wesentlicher Teil des sportlichen Engagements. Sie unterstützen den Erfolg und sind meist die treuesten Freunde. #1 Fans.

Willkommener Treffpunkt einer fast schon eingeschworenen Gemeinschaft ist die Sporthalle des FC St. Pauli Abteilung Handball  in der Budapester Straße. Man teilt gleiche Werte und Einstellungen. Zusammenhalt ist gewollt.

Der FC St. Pauli ist mehr als nur Bundesliga-Fußball. Bundesweit verfolgen Fans die Saison der Profi-Männer. Dabei lockt sie aber nicht unbedingt herausragende sportliche Leistung, sondern Werte, die sich der Verein und seine Anhänger auf Fahnen und Klamotten schreiben. Diese Werte tragen alle Mitglieder im Herzen. Auch in den anderen Abteilungen des Vereins geht es um weit mehr als nur Sport.

Die Fankultur des FC St. Pauli erlebt man nicht nur im Millerntor-Stadion, der legendären Spielstätte der Profi-Fußballer. Direkt neben dem Stadion sind die Handballerinnen und Handballer des Vereins zuhause. In der Dreifeldhalle eines Wirtschaftsgymnasiums in der Budapester Straße tragen die Teams ihre Heimspiele aus. Die Aktiven sprechen von ihrer Budahölle.

An Spieltagen besuchen bis zu 300 Zuschauer die Spiele der Teams, für Spiele in der Oberliga oder tiefer ein sehr hoher Zuspruch. Bemerkenswert ist, dass nicht nur die Spiele der ersten Teams gut besucht sind. Neben Freunden und Angehörigen sind unter den Zuschauern viele, die selber in einem Team des Clubs aktiv sind. Die Heimspiele sind willkommener Treffpunkt der Abteilung.

Dieser Zusammenhalt ist unbedingt gewollt und wird auch außerhalb der Spieltage gelebt. Soziales und politisches Engagement sind Vereinsalltag. Klare Aussagen wie „Lieb doch wen du willst“ und „love handball – hate fascism“ gehören zum gemeinsamen Verständnis.

Besonders ist ebenso, dass sich fast alle Mitglieder der Abteilung kennen. Das ist die gute Seite eines Dilemmas, in dem der FC St. Pauli steckt. Dem Verein stehen zu wenige Trainingszeiten in Sporthallen zur Verfügung. Darum müssen für die Teams der Handball-Abteilung immer wieder neue Pläne organisiert werden. Das führt zu ständig wechselnden Trainingszeiten und –orten für die einzelnen Teams, die sich dann auch noch eine Halle mit einem anderen Team teilen müssen. Positiver Effekt: Innerhalb eines Monats hat man fast jeden aus der Abteilung einmal gesehen.

Genau das ist in der Halle bei einem Spieltag spürbar. Auch wenn zu einem Handballspiel in der Oberliga ungewöhnlich viele Fans kommen, kennen sich die meisten. Wer sich den gemeinsamen Werten anschließen kann, ist bei Spieltagen der Abteilung gern gesehen, auch ohne selber Mitglied zu sein. So kommt es häufiger vor, dass nach einem Heimspiel der Profi-Fußballer Fans aus dem Millerntor-Stadion noch in die Budahölle kommen und die Handball-Teams unterstützen. Lautstarke Unterstützung war aber auch vorher schon da.

Die Atmosphäre in der Halle macht Laune aufs Wiederkommen. Ob Handball-Laie oder Tribünen-Profi, ob stiller Zuschauer oder Choreo-Mitsänger, hier ist fast alles erlaubt. Der Verein gibt über seine Internetseite eine klare Linie aus: „Das einzige, wofür es bei uns keinen Platz gibt, ist Intoleranz, Homophobie und Fremdenfeindlichkeit!“

Text: Thomas Michael


 Dieser Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte von SZENE HAMBURG SPORT 2018/1. Die Ausgabe ist eine Beilage von SZENE HAMBURG Februar 2018 und zeitlos in unserem Online Shop erhältlich!

Sport: Girls Power

Integration. Junge Mädchen mit Migrationshintergrund spielen Fußball. Sie sind die „Kicking Girls“. In Hamburg ganz groß – und von der UEFA ausgezeichnet.

Bastian Kuhlmann hat Sport studiert. Berufswunsch Lehrer. Der 33-Jährige steht in der Alsterdorfer Sporthalle. Ein kleines Mädchen der Anton-Ree-Schule läuft auf ihn zu. „Krieg’ ich auch eine Medaille?“, fragt sie. „Aber klar“, sagt Kuhlmann. Mit großen Augen und der um ihren Hals baumelnden Plakette kehrt sie zurück zu ihren Mitschülerinnen. Geht hier ein Traum in Erfüllung? Ja. Anders als gedacht. Kuhlmann verantwortet für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) die bundesweite Initiative „Kicking Girls“. Heute ist er auf Einladung des Hamburger Fußball-Verbandes (HFV) zu Gast beim großen Hamburger Winterturnier. „Eigentlich ging es nur um die wissenschaftliche Umsetzung einer Pilotidee im Studium. Dann wurden wir immer größer. Nun gibt es ,Kicking Girls‘ seit zehn Jahren“, sagt Kuhlmann. „Und ich habe es nie geschafft, Lehrer zu werden“, fügt er hinzu. Unglücklich sieht er dabei nicht aus.

Die Pilotidee stammt vom Soziologieprofessor Ulf Gebken aus dem Jahr 2005. Überschrift: „Soziale Integration von Mädchen durch Fußball.“ Kuhlmann war einer der Pioniere, die im Studium an der praktischen Umsetzung arbeiteten. Das ursprüngliche Konzept? So simpel wie genial: Fußballkurse in Grundschulen für Mädchen mit Migrationshintergrund zur Stärkung des Selbstbewusstseins. Ein niedrigschwelliges Angebot ohne Wettbewerbsdruck. Gekämpft wird um Ball und Tore, nicht um Punkte. Was klein begann, wurde schnell groß. Mittlerweile existieren auch Mädchenfußball-Camps für die teilnehmenden Mädchen, weibliche Jugendliche können Coach-Ausbildungen zur Leitung von Kursen, Turnieren und Camps durchlaufen. Die früheren Nationalspieler Nia Künzer und Jens Lehmann sind starke Paten des Projekts. Ihr Engagement wird von allen Seiten sehr gelobt. „Ich selbst habe in meiner aktiven Karriere die Erfahrung gemacht, dass es auf dem Fußballplatz keine Rolle spielt, welche Hautfarbe du hast, aus welchem Land du kommst oder an welche Religion du glaubst. Der Teamgedanke zählt“, sagt Lehmann. Ihre großen Idole können die Schülerinnen sogar manchmal selbst sehen. Kooperationsschulen besuchten mit ihren Kindern schon Spiele der deutschen Frauen-Fußballnationalelf. Dies alles bewirkte eine immense Vergrößerung des schließlich „Kicking Girls“ benannten Projekts. Circa 20.000 Mädchen nahmen in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland an den Kursen teil. Hamburg ist mit 31 Schulen dabei, als größter Standort. 600 Schülerinnen kicken in unserer Hansestadt eifrig mit, zweimal im Jahr steigt in der Alsterdorfer Sporthalle ein großes Turnier. Bundesweit wird an 270 Schulen und 80 Standorten gegen den Ball getreten.

„Die Mädchen lernen unglaublich viel. Das fängt schon an mit dem Mut, zum Ball zu gehen, setzt sich fort über die Kommunikation und Teamfähigkeit, um zusammenzuspielen. Besonders freue ich mich immer, wenn Kinder über die Kurse an den Grundschulen den Weg zu den Vereinen finden“, sagt Martina Rehders. Sie ist Stützpunkttrainerin beim HFV und leitet einmal in der Woche den „Kicking-Girls“-Kurs an der Anton-Ree Schule. Der riesige Erfolg des Projekts ist auch der Europäischen Fußball-Union UEFA nicht verborgen geblieben. Sie prämierte die Idee mit dem UEFA Award for Children, immerhin dotiert mit 50.000 Euro.

„Wir sind alle stolz auf diesen Award. Er spiegelt vor allem das wider, was die Übungsleiter an den Schulen leisten“, sagt Stefanie Basler, die beim HFV das Projekt „Kicking Girls“ verantwortet und intensiv mit den Schulen zusammenarbeitet. „Mehr geht immer“ lautet ihre Vision. „Die Nachfrage an den Schulen ist riesig. Wir haben das Projekt schon auf weiterführende Schulen ausgeweitet.“ Allerdings wachsen trotz starker Kooperationspartner wie der Laureus-Stiftung, Spenden und der Hilfe der Stadt die Bäume finanziell nicht in den Himmel. Doch die Idee der „Kicking Girls“ scheint unaufhaltsam. „Das Projekt gibt es jetzt auch zum Beispiel in Irland und in der Schweiz. Es internationalisiert sich“, freut sich Basler. Nicht nur sie und Bastian Kuhlmann wissen: Der Ball ist eben nicht nur männlich.

Text: Mirko Schneider

Beitragsbild: Norbert Gettschat

www.kicking-girls.info

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Sport: Parkour – Die Kunst der Fortbewegung

„Hier geht es nicht um coole Posen“ – Sebastian Ploog erzählt, was diese neue Sportart so besonders macht.

Ich stehe mit einem Freund auf einer abfallenden Straße circa 100 Meter oberhalb der Altonaer Norderelbe. Zwei Meter weiter ein breites Dach, dazwischen der Abgrund. Es ist Juli, die Sonne bescheint unseren in geruhsamen Bahnen verlaufenden freien Tag. Plötzlich nimmt ein durchtrainierter Athlet Anlauf, springt zielsicher einige Meter neben uns ab, landet locker auf dem Dach gegenüber und läuft gutgelaunt weiter. Wir starren ihm nach. Fassungslos, schockiert. „Der ist ja wohl bescheuert“, entfährt es mir augenblicklich.

Drei Monate später

Drei Monate später erzähle ich die Story Sebastian Ploog. Der 31-Jährige ist Vorsitzender des Vereins „Die Halle Hamburg – Parkour Creation“. Ansässig im Kreativquartier im Oberhafen der Hafen-City. Im Juli wurde Eröffnung gefeiert. Also in dem Monat meines Dachspringer-Erlebnisses. Ploog lacht. „Witzig, dass du gerade so was zum ersten Mal gesehen hast. Natürlich sieht so etwas spektakulär aus und ruft dann auch besorgte Eltern auf den Plan. Aber so etwas machen wirklich wenige von uns.“ Mit „uns“ meint Ploog Menschen wie ihn. Parkour-Läufer.

Parkour ist eine Trendsportart, die gerade in Hamburg boomt. Auch dank Ploog und seinen Mitstreitern. Eine 800 Quadratmeter große Halle haben sie hier in vierjähriger Präzisionsarbeit in zwei Räume mit diversen Hindernissen verwandelt. Auf Matten rollen, über Böcke springen, Holzwände hochklettern, sich aus einigen Metern Höhe in luftige Schaumstoffkissen fallen lassen – so gut wie alles ist möglich. Während unseres Gesprächs schlägt ein kleiner Knirps unter Aufsicht von Trainern ein paar Saltos. Es sieht kinderleicht aus. Nun bin ich offen dafür, Neues zu erfahren. Worum geht es beim Parkour genau?

Es ist eine Kunst der Fortbewegung

„Es ist eine Kunst der Fortbewegung“, sagt Ploog. Ursprünglich komme die Sportart aus Frankreich. Ein Fremdenlegionär übertrug seine Fluchttechniken in den Stadtraum Paris. Per Internet verbreiteten sich Videos der sich ungewöhnlich fortbewegenden Menschen, die über Zäune springen oder mit Überschlägen Hindernisse überwinden, Anfang dieses Jahrtausends. Da setzte der Boom ein. „Parkour ist einfach die freie Art der Fortbewegung durch den urbanen Raum. Es geht darum, sich selber individuell in Bewegung mit seiner Umwelt auszudrücken. Ein Parkour- Läufer lebt die Freude an der Bewegung aus, aber ohne Gegner. Es ist kein Wettkampf “, sagt Ploog. Er selbst kam durch die berühmten „Matrix“-Filme dazu. „Ich fand die Filme super und dann hörte ich, es gibt Menschen, die können das ohne Seile und Computereffekte. Da fing ich an, mich für den Sport zu interessieren.“ Der ständige Nervenkitzel durch das dauernde Springen von Dach zu Dach werde aber nicht gesucht. „Wer so etwas tut, hat vorher jahrelang dafür trainiert. Kontrolle wird in der Szene sehr hoch angesehen. Statistisch gibt es auch wenige Verletzungen. Es gibt eben keine externen Einwirkungen wie beim Fußball, wo einem einer die Beine wegzieht oder man einen Ball ins Gesicht bekommt.“ Die Bandbreite der Sportler ist daher sehr hoch. Vom coolen Breakdancer bis zur Couch-Potato, die ihrem Leben einen neuen Drive geben will, ist alles dabei. Und seinen Körper in Schwung bringen kann letztlich jeder. Es müssen ja keine Tore erzielt oder Gegner gedeckt werden, jeder kann nach seinem Tempo lernen.

Gefördert wurde das Projekt

Gefördert wurde das Projekt durch aus einem Crowdfunding erlöste 28.000 Euro, diverse Mittel der Stadt Hamburg und durch den Hamburger Sportbund (HSB). „Die Stadt, die Poliktiker aller Parteien, der HSB – alle zeigten sich sehr aufgeschlossen und da haben wir wirklich zu danken“, erklärt Ploog. So ist der Verein „Parkour Creation“ beispielsweise Stützpunktverein im HSB-Programm „Integration durch Sport“ (IdS). Das IdS finanzierte zu einem großen Teil die beweglichen Sportgeräte und Ausrüstungsgegenstände für das Training sowie ein mobiles Parkour-Klettergerüst, um Integrationsprojekte auf diversen öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen vorzustellen. Sogar einen Integrationslotsen gibt es, der mit Geflüchteten Projekte aufbaut und weitentwickelt. Das vielfältige Angebot schlug nach der Eröffnung sofort ein. Schon in den ersten drei Monaten nach dem Start strömten Tausende Leute in die Halle. Es gibt mittlerweile sechs Kurse für Kinder, sechs für Teenies, fünf für Erwachsene, und diverse Integrationskurse für Flüchtlinge. Damit sich niemand überfordert, wurden qualifizierte Trainer eingestellt.

So wie Mido

So wie Mido. Der junge 21-jährige Syrier steht geradezu sinnbildlich für die philosophische Dimension des Parkour- Sports. Auf Hindernisse trifft schließlich jeder immerzu und überall. Diese spielerisch und kreativ zu lösen, einen gesunden Umgang mit der eigenen Angst und den eigenen Grenzen ohne Leistungsdruck zu erlernen, kann zur befreienden Lebensaufgabe werden. Selbst unter den widrigsten Bedingungen. „Mit Parkour habe ich schon in Damaskus angefangen. Zusammen mit einigen anderen Hip-Hoppern. Parkour ist mein Leben“, erzählt der junge Flüchtling. Er lacht viel. Schon seit jeher faszinierte ihn die Beweglichkeit des menschlichen Körpers. Über die Türkei und den Libanon kam er 2015 nach Brandenburg, durch einen SPIEGEL- Artikel namens „Parkour“, in dem sich Autor Alexander Osang begeistert von seinen „Überschlägen und gehockten Saltos“ zeigte, entstand der Kontakt nach Hamburg. Hier hat Mido nun sein Glück gefunden. Trotz allem, was ihm widerfuhr, strahlt er. „Das Wichtigste beim Parkour ist das Miteinander. Nicht irgendwie einfach etwas machen, sondern miteinander sprechen, vor allem mit dem Trainer. Sich gut warm machen, Stück für Stück und mit System dazulernen“, sagt er. Passend zum Gemeinschaftssinn, ergänzt Ploog, sei daher der Leistpruch des Parkour: „Sei stark, um anderen nützlich zu sein.“ Ploog: „Wir gehen hier alle sehr ruhig und bedacht miteinander um. Ums coole Posen geht es uns nicht.

Als er das sagt, muss ich wieder an mein Erlebnis in Altona denken. Plötzlich ist mir mein damaliges Verhalten etwas peinlich. Wie sehr der erste Eindruck doch täuschen kann.

www.diehalle.hamburg

Text: Mirko Schneider

Beitragsbild: Olaf Janko


Dieser Artikel erschien erstmals in SPORT – Das Magazin der SZENE HAMBURG und des Hamburger Sportbunds 4/2017

Interview: Hannelore Ratzeburg, Hamburger Frauenfußball-Ikone

Hannelore Ratzeburg, 65, ebnete durch ihren Kampf den Frauen in Deutschland den Weg zum Fußball

Acht EM- und zwei WM-Titel sowie olympisches Gold wären ohne die seit Dezember 2016 pensionierte Diplom-Sozialpädagogin kaum möglich gewesen. Nach 44 Jahren als Vorsitzende des Ausschusses für Frauen- und Mädchenfußball in Hamburg (AFM) gibt Ratzeburg ihr Amt nun ab. Bei ihrer Abschiedsrede auf der Mitgliederversammlung der AFM erhielt die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes Standing Ovations.

SZENE HAMBURG: Frau Ratzeburg, wodurch wurde Ihr Interesse an Fußball geweckt?

Hannelore Ratzeburg: Die Ungerechtigkeit. 1970 erfuhr ich als 19-jährige Frau von der Aufhebung des Frauenfußball-Verbotes durch den DFB. Da wurde mir erst bewusst, dass Frauen bis dahin gar nicht spielen durften. Sofort wollte ich es ausprobieren. Mein damaliger Freund kickte selbst. Ich fragte einfach die anderen Frauen und Freundinnen der Spieler seiner Mannschaft.

Wann hatten Sie Ihre Premiere?

Am 9. Mai 1971. Muttertag. Mit West-Eimsbüttel verloren wir 0:6 gegen den HSV. 200 männliche Zuschauer schlugen sich vor Lachen auf Schenkel und Bäuche. Sicher sah die Partie kurios aus. Es war unser erstes Spiel. Viele Männer fanden, Fußball sei kein ich gesagt: Jetzt hört es aber auf. Wie sollen wir denn je in Vereinen Fuß fassen, wenn jeder Club für uns kleinere Tore anschaffen muss? Im Nachhinein nehme ich den Männern ihre Haltung nicht mehr übel. Der DFB existierte seit 70 Jahren, jetzt waren die Frauen plötzlich dabei. Diese Vorschläge, geboren aus einer bestimmten Männerdenke, waren ein Ausdruck der Hilflosigkeit, wie mit uns umzugehen sei.

Die meisten Zuschauer und Medien hatten ein genaues Bild davon.

Ja, leider. Viele Kommentare der Zuschauer wie „Geh nach Hause, kochen“ haben wir einfach ignoriert. Die Begleitung der Medien war übel. Fotografen wollten, dass sich die Spielerinnen weit nach vorne bücken, um sie dann von hinten zu fotografieren.Es gab ein Foto, bei dem eine Frau sich an den Querbalken des Tores hängen musste. Barbusig, nur mit Hose, Stutzen und Schuhen bekleidet. Ich ärgere mich bis heute, dass ich dagegen nichts machen konnte. Anderes habe ich verhindert.

Zum Beispiel?

Beim ersten Trainerinnenlehrgang auf der Anlage des SC Victoria betraten die Frauen den Platz ganz normal in ihren Trainingsanzügen. Der Fotograf wollte sie nur in kurzen Hosen und Trikots ablichten. Ich fragte sie: Wollt ihr seriöse Fotos? Das wollten sie. Also erhielt der Fotograf eine klare Ansage: Fotos in Trainingsanzügen – oder gar nicht. Er hat widerwillig zugestimmt. Wichtig ist mir trotzdem: Männer waren immer beides. Es gab Gegner – und es gab Verbündete, die sich beim Aufbau der Frauenfußball-Teams sehr engagierten oder uns in den Gremien unterstützten.

Wie lief die Gremienarbeit ab?

In Hamburg hatten wir viele Freiheiten. Wir führten eine Meisterschaft ein, einen Vereinspokal, hielten engen Kontakt zu den Clubs. Die Frauenfußball- Abteilungen wuchsen. Wir entwickelten viel. Der Hamburger Tag des Mädchenfußballs oder das Projekt „Kicking Girls“ für Mädchen mit Migrationshintergrund, um nur zwei aktuelle Beispiele zu nennen. 1975 erhielt ich eine Einladung zum DFB-Jugendausschuss für Mädchenfußball. Es folgte 1977 die Mitgliedschaft im DFB-Spielausschuss. Schnell hieß es: Frauenfußball? Geh mal zu der Ratzeburg. Die macht das.

Was brachten Sie als Referentin für Frauenfußball auf den Weg?

Ich machte mich stark für die Einführung eines Vereinspokals auf Bundesebene. Für eine Talentförderung wie bei den Jungs. Für viele unterschiedliche Projekte.

Mit eiserner Härte?

Eher mit Konsequenz. Manchmal ging ich taktisch vor. Wenn ich wusste, die vielen Herren um mich herum sind in genervter Stimmung, verschob ich ein Thema. Um es nicht zu verbrennen. Drohte eine Einschränkung, überließ ich manchmal den Herren die Umschreibung meines Projektplans. Die taten bis zur nächsten Sitzung nichts – und alles kam ohne Änderungen durch.

Wann begann sich das Bild des Frauenfußballs in der medialen Öffentlichkeit ins Positive zu wenden?

Der Beschluss der UEFA-Kommission für Frauenfußball, der ich seit 1980 angehöre, Wettbewerbe für Frauen-Nationalmannschaften einzuführen, half sehr. 1983 fand die erste Europameisterschaft statt, 1989 waren wir Gastgeberinnen und holten den Titel. Gut besuchte Stadien, die Printmedien auf unserer Seite – da drehte sich was.

Einen weiteren Schub brachte die Weltmeisterschaft 2011 in Deutschland. Die Werbekampagne mit dem Spruch „Dritte Plätze sind was für Männer“ fiel damals negativ auf …

Glauben Sie mir, wir haben uns beim DFB auch sehr darüber geärgert. Unser Slogan hieß „20Elf von seiner schönsten Seite.“ „Dritte Plätze sind was für Männer“ lautete der Werbespruch einer Firma. Der Spruch war kontraproduktiv, grätschte uns von hinten voll in die Beine. Wir wollten ja selber nicht ständig mit den Männern verglichen werden. Dennoch war die WM ein großer Erfolg, wenngleich der mediale Druck riesig und ungewohnt für unsere Spielerinnen war.

Beim Hamburger Fußball-Verband hören Sie nun nach 44 Jahren auf. Sind Sie stolz auf das Geleistete?

Ja, ich bin stolz darauf, zur Entwicklung des Frauenfußballs einen Beitrag geleistet zu haben. Ich wollte das alles ja nur fünf Jahre machen (lacht). Meine Aufgaben als DFB-Vizepräsidentin und bei der UEFA fordern mich mittlerweile zu sehr. Also übergebe ich in Hamburg an eine starke Nachfolgerin. Andrea Nuszkowski ist prima vernetzt, wird das Amt sehr gut ausführen.

Klar hätte ich noch Ideen für die nächsten 20 Jahre, aber für mich stelle ich nach einer schönen und aufregenden Zeit nun fest: Es ist gut.

/ von Mirko Schneider / Foto: Jakob Börner


Hamburger Fußballverband: www.hfv.de