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Bedrohte Räume #36 – AK Altona

Do the right thing, Hamburg Ciddy!

Foto (o.): GeorgHH

Wer heute schon für morgen spart, hat übermorgen Knete, heißt es. Das wusste Omi, dass weiß heute jedes Kindi. Neu aber ist, wer früher schon mit Bauklötzchen spielte, ist heute klar im Vorteil, denn bereits Kinderhänden wird im klotzigen Bauvorhaben die Bedeutung und Funktion von Architektur deutlich.

Nun sind wir heute alle erwachsen, und all diejenigen, die nicht mit Bauklötzchen rummachten, krakeelen: „Dieser unansehnliche alte Bauklotz von einem Altonaer Krankenhaus stört mein Stadtbild! Mein armes Othmarschen, von Pein gezeichnet durch einen schmucklosen Kasten! Wir wollen was Neues!“

Sie ahnen es schon, ich bin anderer Meinung als die da oben. Das hier gemeinte 21-geschossige AK Altona mit seinen umliegenden Funktionsbauten, ist nämlich ein echter Knüller! In den 60er Jahren von Star-Architekt Werner Kallmorgen als Wonneproppen der Gesundheit erbaut, wollen die Damen und Herren Investoren dem 30 Hektar großen Areal nun an den Kragen. Klar ist, das AK Altona soll in den kommenden Jahren einen fetten Neubau erhalten, doch es gibt bis dato noch keinerlei Pläne für das denkmalgeschützte Bestands-Ensemble des Geländes. Was passiert mit der alten Klinik? Diese schönen Funktionsbauten, die als herausragende Dokumente der in Hamburg immer seltener werdenden Nachkriegsarchitektur und Kulturdenkmal gelten, sind in Gefahr.

Eingebettet in Parkanlagen stehen hier auf dem Gelände des AK Altona der Wirtschaftshof mit Küchen- und Werkstattgebäuden, das Kesselhaus, das Pathologiegebäude und das Versuchstierhaus. Wie beim Hauptgebäude handelt es sich bei den umliegenden Gebäuden um ganz individuelle Architekturen. Hammerdinger! Und obwohl es kontinuierlich Erweiterungen und Modernisierungsmaßnahmen gab, bleibt das AK Altona ein bedeutendes Beispiel eines Großklinikums der 60er Jahre, das auch über Hamburg hinaus seinesgleichen sucht. Und das große Entwicklungsareal bietet heute ein Monsterpotenzial! Doch ohne Nachnutzungskonzept, wie es korrekt heißt, wird es kommen, wie es in Hamburg so oft kommt: erst verballert, dann abgeknallert. Denn ist der Klinikneubau erst einmal beschlossene Sache, wird später wegen angeblich unwirtschaftlicher Unzumutbarkeit abgerissen. Denkmalschutz hin oder her. Aufwachen, Leute! Erinnert euch an eure Bauklotzzeiten: Die notwendigen Umbaumaßnahmen und die Nachnutzung müssen im Vorhinein im Finanzierungsplan berücksichtigt werden. Nicht nachher, sonst sind die Piepen ein für alle Mal weg!

Deshalb, Bürgers der Hansestadt, entert die Barricados und klemmt euch an die Guten, an die Leute vom Denkmalverein und an die Interessierten, die sich für den Prachtklotz AK Altona starkmachen! Hier könnten preiswerte Kleinwohnungen für Pflegepersonal und Studierende entstehen oder das Hochhaus zu günstigen Mietkonditionen an Hamburger Kultureinrichtungen für Proberäume, Ateliers, Begegnungsstätten für uns tolle Piepels bereit gestellt werden und auf diese Weise etwas wirklich Modernes entstehen. Stellt euch vor, es würde gelingen, dann hätten wir einen architektonisch und inhaltlich wegweisenden Ort, über den ihr später erzählen könntet: „Ja, Sohnemädchen, du Eierloch, spiel ruhig weiter mit deinen Klötzen, und besuch mal Othmarschen, da wirst du Bauklötzchen staunen!“

Eure Raumsonde

Andrea


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahrt ihr unter www.andrearothaug.de


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 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2019. Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Death Café: Erzähl mir vom Tod, bei Kaffee und Kuchen

Gespräche über unsere Vergänglichkeit werden oft um jeden Preis vermieden. Ganz anders im „Death Café“. Dort holen Ute Arndt und Ina Hattebier den Tod regelmäßig an den Tisch, bei Kaffee und Kuchen.

Text und Fotos: Sophia Herzog

Donnerstagabend, kurz vor 19 Uhr, ein Café in Eppendorf: Eine Frau sitzt an einem Tisch am Fenster und blickt nervös auf ihre Uhr. „Ist hier noch frei?“, fragt eine zaghafte Stimme. Die Dame am Tisch blickt auf, nickt, lächelt. „Sind Sie auch das erste Mal dabei?“. Erneutes Nicken. Die Stühle um den Tisch füllen sich. Man ist schnell beim Du. Und dann auch gleich bei der Frage: „Warum beschäftigt ihr euch denn mit dem Tod?“

Dieser Einstieg ist kein ungewöhnlicher im „Death Café“. Denn hier treffen sich zwei Stunden lang fremde Menschen und tauschen sich, ganz zwanglos, über den Tod oder ihre Trauererfahrungen aus: Sterbebegleiter, Pflegekräfte, Hospiz-Praktikanten und Privatpersonen, die sich einfach nur für das Thema interessieren.

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Beim Kaffee lässt es sich leichter plaudern – auch über das Sterben

Nicht alle, aber einige haben selbst eine nahestehende Person verloren. „Wir sind keine Trauer-Selbsthilfegruppe“, betont Ina Hattebier. „Wer noch in tiefer, akuter Trauer steckt, der ist bei uns eigentlich nicht richtig.“ 2015 gründete Ina gemeinsam mit Uta Arndt und drei weiteren Mitstreitern das „Netzwerk Trauerkultur“ und veranstaltet seitdem immer wieder Ausstellungen und Workshops zu Themen rund um Tod und Trauer, unter anderem zu Bestattungskulturen anderer Länder.

Seit 2016 gehören auch die Death Cafés zum Programm. Die Teilnehmerzahl ist seit den Anfängen stetig gestiegen und knackte vor Kurzem die Dreißigermarke. „Das Ganze hat eine richtige Eigendynamik entwickelt“, bestätigt Ina. Und obwohl die Gruppe des Netzwerks Trauerkultur inzwischen von fünf auf zwei geschrumpft ist, ist an Aufhören gar nicht zu denken. „Wir könnten gar nicht aufhören, selbst wenn wir wollten“, fügt Ute hinzu. Denn das Death Café ist für viele inzwischen ein beliebter Treffpunkt geworden.

Auch, wenn das Death Café das einzige seiner Art in der Hansestadt ist – neu erfunden haben Ina und Ute das Format nicht. Denn hinter den Hamburger Treffen steht eine internationale Bewegung: Anfang der 2000er Jahre lud der Schweizer Soziologe Bernard Crettaz zum ersten „Café mortel“. Knappe zehn Jahre später entdeckte der Brite Jon Underwood das Format für sich, und machte es schließlich zu dem „Social Franchise“, dass es heute ist. Über 8.000 Treffen in 65 Ländern sollen laut Website des internationalen Death Cafés seit 2011 abgehalten worden sein.

Die Organisatoren sind häufig Menschen, die sich auch beruflich mit dem Tod auseinandersetzen – so auch Ina, die als Künstlerin Urnen gestaltet und Ute, die Trauerrednerin ist. Wer das Format in seine eigene Stadt bringen will, darf das Label „Death Café“ nutzen, solange dabei einige einfache Regeln eingehalten werden. Die Veranstaltungen sollten nicht kommerziell und offen für alle sein. Ein Einstiegsthema ist erlaubt, aber kein Muss.

 

„Sie brauchen einen Rahmen für das Gefühl“

 

An diesem Donnerstag geht es um Erb- und Erinnerungsstücke – ein Thema, das an vielen Tischen schnell abgehandelt ist, und wie ein Türöffner für andere Gesprächsstoffe wirkt. Eine Gruppe tauscht sich über wertvolle, letzte Momente mit ihren Angehörigen aus. An einem anderen Tisch sprechen die Gäste darüber, wie sie Trauernde besser unterstützen können. Und gleich daneben geht es um das Leben nach dem Tod. Über was genau sie sprechen wollen, können alle Teilnehmer frei entscheiden, sowohl Lachen als auch Weinen ist erlaubt.

Hier sollen Menschen den Mut haben, offen über alles zu sprechen, was sie mit Tod und Trauer verbinden. „Wir haben nie richtig gelernt, über unsere Sterblichkeit zu sprechen und unsere Gedanken dazu auszudrücken“, findet Ute. Besonders die Nachkriegsgeneration schiebt das Thema gerne von sich, und die steigende Lebenserwartung der Menschen rückt den Tod in die weitere Ferne. „Wir sind einfach auf das Leben gepolt“, fügt Ina hinzu, und betont, dass das natürlich auch gut so sei. „Aber die Beschäftigung mit Sterben und Tod gehört zum intensiven Leben dazu.“ In ihren Berufen begegnen den beiden Organisatorinnen immer wieder Menschen, die ein deutliches Diskussionsbedürfnis haben. „Sie brauchen nur einen Rahmen dafür und das Gefühl, dass sie dürfen.“

Dürfen, das bedeutet im Death Café: Zuzuhören, ohne sprechen zu müssen. Zu sprechen, ohne vom Gegenüber verurteilt zu werden. Wer hier von einem Verlust spricht, stößt weder auf betroffenes Schweigen noch auf mitleidige Gesichtsausdrücke – viel eher auf Verständnis und Interesse. Während es draußen langsam dunkel wird, rücken einige Gruppen näher zusammen, um sich über den Geräuschpegel der vielen Diskussionen besser zu verstehen. Ihre Köpfe sind gesenkt, vertieft ins Gespräch. „Da flirrt die Luft“, beschreibt Ina die Atmosphäre. Dass sich die Teilnehmer auf diese Weise öffnen können, liegt auch daran, dass sich keiner vorher kannte.

 

„Wir sprechen ständig über Liebe“

 

Niemand muss sich darum kümmern, dass die anderen sich Sorgen oder Gedanken machen. „Hier weiß jeder, man teilt den Abend und die Erfahrungen, man ist aber auch nicht weiter verantwortlich für das Glück des anderen.“ Damit das so bleibt, wechseln Ute und Ina das Café mit jeder Veranstaltung. So können sich die Teilnehmer nicht an ihren Stammplatz setzen und mit der immer gleichen Gruppe sprechen. „Die Gäste bekommen dann nicht so ein Heimatgefühl und gehen jedes Mal wieder mit neuer Offenheit in den Abend.“

Als Ute um Viertel vor neun das Schlusssignal gibt, tauchen die Teilnehmer nur langsam wieder aus ihren Gesprächen auf. Manche wechseln den Tisch, um noch schnell Bekannte zu begrüßen oder sich kurz mit den Nachbarn auszutauschen. Nach und nach schlüpfen alle in ihre Jacken, aber niemand geht, ohne sich zu bedanken. „Danke für eure Offenheit“ ist die Abschiedsformel des Abends. „Die meisten gehen beseelt und bestärkt“, erzählt Ute. Ganz frei über den Tod zu sprechen, ist für viele eine ungewohnte Erfahrung – aber eine positive. „Wir sprechen ständig über die Liebe“, so Ute, „in jeder Werbung, bei jedem Smalltalk.“ Das Sprechen über den Tod sei hingegen schon fast ein Tabu, obwohl es doch genauso zum Leben dazugehöre.

„Oder wie der Berliner Bestatter Ulrich Gscheidel es einmal sagte“, erinnert sie sich noch, „Trauern ist nichts anderes, als rückwärts zu lieben.“

Death Café Hamburg: Netzwerk Trauerkultur


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger Menetekel – Zukunft aus der Spraydose

Schüler von sieben Schulen haben die Graffitis ihrer Stadtteile analysiert – und daraus mit dem Projekt „Hamburger Menetekel“ unheilvolle Prognosen für die Zukunft formuliert.

Text: Sophia Herzog
Foto (o.): Jérome Gerull

Sie sind überall: Auf Hauswänden und Brückenpfeilern, Stromkästen, S-Bahnen und Mülltonnen – Graffitis. Für die einen sind sie die Schandflecken Hamburgs, für die anderen Kunst. Insgesamt 2.401 Graffitis wurden zwischen Januar und September 2018 offiziell erfasst, Spitzenreiter sind die Bezirke Altona und Mitte mit jeweils über 500. Das geht aus einer „kleinen Anfrage“ des CSU-Politikers Michael Westenberger an den Senat von Mitte Januar dieses Jahres hervor. Stadt, Unternehmen und Privatleute lassen die Farbe für ein Vermögen von den Wänden schrubben – nur um bald das nachfolgende Kunstwerk entfernen zu müssen.

Dabei gab es Graffitis schon lange vor der Erfindung der Spraydose: In den Ruinen von Pompeji wurden an die 10.000 Wandzeichnungen freigelegt, die vor über 2.000 Jahren in den Stein geritzt wurden. Beliebteste Themen: Sex und Gladiatorenkämpfe. Fundorte von prähistorischen Wandmalereien wie in den Lascaux oder Chauvet-Höhlen in Frankreich zählen zu den bedeutendsten archäologischen Fundorten der Welt. Sind die heutigen Graffitis also die Wandmalereien unserer Zeit?

Christian Tschirner findet: Ja. Der Dramaturg vom Deutschen Schauspielhaus arbeitet seit letztem Herbst mit seinen Kollegen am Projekt „Hamburger Mentekel“, einer Kooperation des Theaters mit der Künstlergruppe Graffitimuseum. Zusammen mit Schülergruppen aus den sieben Hamburger Bezirken hat er Graffitis in Hamburg dokumentiert, gesammelt, analysiert und für alle Bezirke eine Zukunftsprognose aufgestellt. Die Ergebnisse der Arbeit präsentieren Schüler und Schauspielhaus an drei Kongresstagen im Mai.

 

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Auf einer Pressekonferenz stellen die Schüler ihre Prognosen vor. Foto: Sinje Hasheider

 

„Die meisten Graffitis bestehen aus Buchstaben, Kürzeln, Akronymen und Namen“, erklärt Tschirner. „Also aus Sprachspielereien.“ Die Lesart als „Menetekel“ liege auf der Hand, „nach der berühmten Bibel-Geschichte“, so Tschirner. Im Buch Daniel des Alten Testaments erscheint Belsazar, dem babylonischen Prinzen, eine Geisterhand, die den Schriftzug „Mene mene tekel u-parsin“ an die Wand zeichnet. Keiner von Belsazars Gelehrten kann die Schrift entziffern, nur der Weise Daniel schafft es schließlich, das Omen zu deuten – und prophezeit Belsazar seinen nahen Tod und den Untergang seines zReiches.

In der biblischen Überlieferung wird er noch in der gleichen Nacht ermordet, und das babylonische Königreich zwischen Persern und Medern geteilt. Der mysteriöse Schriftzug ist auch heute noch in unserem Sprachgebrauch verankert: Als „Menetekel“ werden unheilvolle Omen und Zukunftsprognosen bezeichnet. Im 21. Jahrhundert malen zwar keine Geisterhände Schriftzüge an die Wände, dafür aber Graffitikünstler. Für Tschirner und das Team der „Hamburger Menetekel“ ist die naheliegende Frage also: „Was ist, wenn die Graffitis an unseren Wänden Mentekel sind, und wenn man aus diesen Graffitis etwas über unsere Zukunft ablesen könnte?“

 

Keine rosige Zukunft – laut Graffitis

 

Rosig sieht die Zukunft nicht aus, die die Schüler und Schülerinnen für die Bezirke daraus vorhersagen. Auf den Wänden Altonas tauchen immer wieder die Worte „Ehek“, „Labor“, „Raus“ oder „Lüge“ auf. Das Fazit: Hier wird vor der drohenden Antibiotikaresistenz gewarnt. Aus „Chaos“ und „TEK DGR“ auf einer Wandsbeker Backsteinmauer wird „TechniK ist omnipräsent, DiGitale Realität“ – eine Zukunft, in der die Welt von Maschinen beherrscht wird? In Harburg ist der Klimawandel ein präsentes Thema, Hamburg-Nord beschäftigt die Rückkehr des Nationalismus.

„Die Schüler haben auch positive Zeichen gefunden, aber die standen immer in Verbindung mit einer Krise“, berichtet Tschirner. Das hätte aber auch an der Herangehensweise des Projekts gelegen. In Projektwochen haben sich die Schüler mit der biblischen Geschichte Belsazars und dem Untergang des babylonischen Reichs beschäftigt, und die Graffitis stark unter diesem Aspekt gelesen. „Das ist aber auch das Wesen des Menetekels“, führt Tschirner fort. „Sie werfen zunächst kein zu optimistisches Licht auf die Dinge.“

 

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Graffiti in Altona: Kunst oder Sachbeschädigung? Foto: Hamburger Menetekel

 

Weltuntergangsstimmung, nur wegen ein paar bunten Graffitis? Tschirner zieht den Forscher Stephan M. Maul heran, der sich mit der Zeichendeutung im Orient beschäftigt hat. Damals wurden die Entscheidungen eines Herrschers durch die Deutung mit Tiereingeweiden abgesegnet. „Da stellt sich die Frage, warum ein System, das auf einer so obskuren Technik beruht, 8.000 Jahre stabil bleiben konnte?“, so Tschirner. „Wir können uns sehr viel wissenschaftlicheren Methoden bedienen, haben aber Probleme überhaupt die nächsten hundert Jahre zu überstehen.“

Beim Thema Klima oder der Antibiotikaresistenz stünden die Prognosen der Wissenschaft schon lange im Raum, ohne, dass die Gesellschaft adäquat darauf reagieren würde. Hier zieht Tschirner wieder Parallelen zwischen der biblischen Überlieferung von Belsazar und der Gegenwart. Denn der babylonische Prinz wusste, was die Zeichen bedeuten, ignorierte die Warnung trotzdem. Tschirner will die Deutung der Graffiti dabei aber keinesfalls wissenschaftlichen Forschungen gleich setzen. „Natürlich gibt es grundlegende Unterschiede, insbesondere zur Naturwissenschaft“, betont er. „Aber auch Naturwissenschaften sind nicht in der Lage, die Zukunft vorherzusagen.“

Sie könnten nur bestimmte Zusammenhänge darstellen, etwa zwischen CO2-Gehalt und Klimaerwärmung. „Wie wir, als Gesellschaft mit diesem Wissen umgehen, und wie wir unsere Zukunft gestalten, ist eine andere Frage.“

Ebendies soll auch zentrales Thema beim Kongress im Mai sein – hier wollen die Schüler nicht nur unheilvolle Zukunftsprognosen verkünden, sondern auch Lösungen entwickeln. In sieben Panels werden die Vorhersagen der jeweiligen Bezirke von den Schülern vorgestellt und anschließend mit Experten und Wissenschaftlern diskutiert. „Zu jeder Krise wollen wir dann gerne drei Handlungsoptionen für Hamburg formulieren“, so Tschirner.

 

„Hört auf die Zeichen!“

 

Bei einer anschließenden Abschlussgala werden die Ergebnisse zur „Zukunftsoper“: Ein Sprechchor der teilnehmenden Schüler verknüpft die verschiedenen Aspekte des Kongresses mit einer Neukomposition von Händels „Belshazzar“, aufgeführt von den Jungen Symphonikern. Die „Hamburger Menetekel“ wirken auf den ersten Blick zwar wie Kaffeesatzleserei, dahinter verbirgt sich aber eine viel eindringlichere Nachricht. „Hört auf die Zeichen!“ rufen nicht nur die Schüler aus Hamburg, sondern aus der ganzen Welt – ganz aktuell bei den „Fridays for Future“- Protesten gegen den Klimawandel.

Und was bedeutet das alles für die Graffitis an Hamburger Hauswänden? In einem offenen Brief fordert die Gruppe der „Hamburger Mentekel“ das Ende der Graffiti-Zerstörung. Denn in ihnen sieht die Gruppe die moderne Form der uralten Schätze, die weltweit an Höhlendecken und -wände gemalt wurden. „Graffiti stehen damit in einer 30.000 Jahre alten Tradition, den Zeitgeist auf Stein festzuhalten und Botschaft sowohl für die Gegenwart als auch für die Zukunft zu sein“, schreibt das Kollektiv.

„Für uns sind die Graffitis Offenbarungen“, fügt Tschirner hinzu. „Die Ängste und Hoffnungen, die wir in uns tragen, werden bei der Deutung des Graffitis gespiegelt.“ Gerade deshalb hätten die Wandmalereien einen Wert, „weil wir dadurch wichtige Erkenntnisse aus ihnen ziehen können“. Dass Graffitis nicht nur Kunst, sondern oft Sachbeschädigung sind, ist für Tschirner eine Werteabwägung: „Ist Privatbesitz wichtiger als unsere Zukunft?“

www.hamburgermenetekel.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Kettenduldung – Überall ungewollt

So wie die Familie Adzovic leben viele Roma in Hamburg – zwischen Duldung und Abschiebung. Ein Status, der ein Leben unmöglich macht.

Text & Foto: Frank Berno Timm

Das evangelische Gemeindezentrum Mümmelmannsberg am Ostrand der Hansestadt, ist ein Ort, an dem würde nie­mand die Adzovics wegschi­cken. Schon gar nicht an die­sem Nachmittag: Ein Fest der Begegnung findet statt, Linke, Grüne, Kirchenleute und ver­schiedene Migrantengruppen haben es vorbereitet. Das Bild ist so bunt, wie man sich solche An­lässe vorstellt: Tanzende musli­mische Frauen, türkisches Bier und allerhand exotische Lecke­ reien, wechselnde Musikgrup­pen treten auf.

 

„Wer nur geduldet wird, ist dauernd dazwischen.“

 

Als es draußen schon dun­kel ist, stellen ein paar junge Leute Tische auf, verlegen Ka­bel und installieren einen Bea­mer. Schlagzeug und Keyboard kommen dazu, am Rand steht noch ein Pult mit Leselampe. Dorothea Grießbach – Filmerin, Journalistin, eine der Organisatorinnen der Langen Nacht der Weltreligionen im Thalia The­ater – arbeitet seit drei Jahren mit der Roma­-Familie Adzovic. Herausgekommen ist die Per­formance „Dauernd dazwi­schen“, die an diesem Abend ein weiteres Mal gezeigt wer­den soll. Sie setzt sich mit den schwierigen Folgen der immer wieder verlängerten Duldung auseinander. Ein Status, den die meisten Mitglieder der Fa­milie Adzovic haben. Nach dem Aufenthaltsgesetz ist das die „vo­rübergehende Aussetzung der Abschiebung“.

Wer geduldet ist, darf – im Fall der Familie Adzo­vic – nicht arbeiten, Hamburg nicht verlassen und eine Berufs­ausbildung oder eine Beschäf­tigung nur mit Genehmigung der Ausländerbehörde antreten. Für die Arbeitsaufnahme oder eine Ausbildung braucht es die Genehmigung des Einwohner­zentralamts bzw. der Ausländer­behörde. Anders ausgedrückt: Das Leben ist unplanbar, nahezu jederzeit von der Abschiebung bedroht, wer nur geduldet wird, ist „dauernd dazwischen“.

Die Familie Adzovic hat eine lan­ge Wanderung kreuz und quer durch Europa hinter sich. Seit rund acht Jahren leben sie in Hamburg, bis auf wenige Aus­nahmen hingehalten durch immer wieder neu ausgespro­chene Verlängerungen ihrer Duldungen, die manchmal nur für Wochen erteilt werden und verunsichert von Forderungen der Ausländerbehörde, die sie nicht erfüllen kann. Davon er­zählt die Performance: Zitiert werden Briefe der Ausländer­behörde, Ausschnitte eines eige­nen, angefangenen Films, Musik – alles selbst gemacht.

 

„Bis zum 31. Oktober 2018 hatten insgesamt 5.612 Personen eine Duldung in Hamburg.“

 

Seit dem 6. November 2018 hat sich die Situation der Familie deutlich verschärft. Nachts um elf rücken zwei Mitarbeiter, ein Dolmetscher und sechs Sicher­heitsleute von der Ausländer­behörde in der Wohnung der Familie an. „Nach vorliegenden Erkenntnissen kam es in diesem Zusammenhang aufgrund von Diskussionen Unbeteiligter mit den Ausführenden zu einem Einsatz weiterer Polizeikräf­te“, so Matthias Krumm von der Ausländerbehörde – sprich Proteste von Unter­stützern. Mutter und Vater Adzovic, eine Tochter und zwei weitere Familienmit­glieder werden in einen Bus verfrachtet. Die Mutter erlei­det einen nervlichen und kör­perlichen Zusammenbruch – das berichtet Raphael Merkle, der ebenso an der Performan­ce mitgearbeitet hat und Zeu­ge dessen war. Die Familie wird nach seiner Auskunft die Nacht durch nach Frank­furt gefahren und nach Mon­tenegro ausgeflogen, von wo aus sie sich bei ihm gemel­det haben.

Wie viele Roma mit Dul­dung in Hamburg leben, kann Krumm nicht sagen: „Anga­gben über die ethnische Zuge­hörigkeit werden statistisch und im aufenthaltsrechtli­lchen Fachverfahren als aus­wertbarer Datenbankeintrag nicht erfasst.“ Klar jedoch ist, dass bis zum 31. Oktober 2018 insgesamt 5.612 Personen eine Duldung in Hamburg hatten, es seien 885 Rückführungen vollzogen worden, 324 in die Herkunftsländer, 120 in Dritt­staaten und 441 freiwillige Ausreisen.

Die nächste Abschie­bung droht. Kulturarbeiterin Sina Schröppel vom Projekt „New Hamburg“, einem Ge­meinschaftsunternehmen des Kirchenkreises Hamburg­-Ost, der Kirche auf der Veddel und des Deutschen Schauspiel­hauses, schätzt, dass bis zu sieben Roma­familien auf der Veddel in Unruhe seien. Es bestehe die Gefahr, dass ein 18­-Jähriger, der einen Ausbil­dungsvertrag in der Tasche habe, nach Mazedonien ab­geschoben werde. „Ich ver­stehe nicht, warum man mit einem solchen Schritt zehn Jahre wartet und dann nicht einmal die freiwillige Aus­reise zulassen will“, sagt Sina Schröppel. Dann nämlich könne der Junge mit einem Arbeitsvisum zurückkom­men. Mazedonisch spricht er nicht.

NEW HAMBURG: Wilhelmsburger Str. 73


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2019. Das Magazin ist seit dem 21. Dezember 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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Community Cola – 9 Zutaten, 1 Projekt

Die berühmte braune Brause wird zum Helfer: Zwei Hamburger fördern mit ihrem Getränke-Unternehmen soziale und kulturelle Projekte.

Interview: Erik Brandt-Höge
Beitragsfoto: Ronja Schwer

Jan van Schwamen und Hanns J. Röhl haben alles selbst zusammengerührt. Ein Jahr lang hat die Entwicklung ihrer Community Cola gedauert, bis der gewünschte Cola-Geschmacksmix aus neun zentralen Zutaten gefunden war. Einmal mit und einmal ohne Zucker gibt es ihre Limo nun, beide Varianten helfen. Mit dem Kauf einer Community Cola geht ein Fixbetrag an ein soziales oder kulturelles Projekt. Im Gespräch erklärt Jan, wie genau das funktioniert.

SZENE HAMBURG: Jan, inwiefern kann eine Cola-Marke für ein sozialeres Hamburg sorgen?

Jan van Schwamen: In dem ein fixer Betrag von jeder verkauften Flasche in ein bestimmtes Projekt fließt. Das ist unser Konzept: Jeder Konsument ist ein Unterstützer und Teil einer Community, die entscheidet, welches Projekt gefördert wird.

Wobei es nicht zwingend ein Getränk sein müsste, dass ihr für eure Idee nutzt, es könnte auch Schokolade, Seife oder Holzspielzeug sein, oder?

Klar. Die Cola ist nur ein Vehikel zum Community-Prinzip. Ich habe Lebensmittelwissenschaften studiert, und Cola war einfach schon sehr lange eine Herzensangelegenheit von mir. Daher diese Wahl.

 

„Es ranken sich viele Mythen um das Rezept von Coca-Cola“

 

Wie macht man denn eine eigene Cola?

Es ranken sich ja viele Mythen allein um das Rezept von Coca-Cola. Angeblich wissen das nur zwei Menschen auf der Welt, weshalb sie auch niemals im selben Flugzeug sitzen dürfen, denn bei einem Absturz wäre alles futsch. Das ist natürlich Schwachsinn, aber die Cola-Geschichten fand ich trotzdem immer spannend und wollte es irgendwann selbst mit einer Cola-Herstellung probieren.

Mit fair gehandelten Zutaten?

Genau. Der Zucker, den wir verwenden, ist beispielsweise Fairtrade-zertifiziert. Die Bauern und Gemeinschaften aus der Region, wo er herkommt, werden also von uns unterstützt. Ansonsten ist die wichtigste Komponente für eine Cola die Mischung aus Aromen, die den Geschmack geben. Sie besteht aus neun verschiedenen Früchten und Gewürzen, darunter Zitrus, Vanille, Zimt und Colanuss. Sie ist sozusagen das Herzstück unserer Cola, das wir über ein Jahr selber entwickelt haben.

Beim Verkauf der fertigen Brause konzentriert ihr euch nun auf die Gastronomie und ausgewählte Supermärkte. Im Café kostet eine Community Cola durchschnittlich 2,50 Euro, im Einzelhandel 99 Cent. Wie viel davon geht an soziale und kulturelle Projekte?

Pro Kasten geht ein Euro an das von der Community ausgewählte Projekt. Runtergerechnet auf die Flasche sind das 4,2 Cent. Klingt erst mal wenig, aber wenn man bedenkt, dass diverse Großhändler dazwischen geschaltet sind, auch Gastronomen mitverdienen und natürlich eine Mehrwertsteuer berechnet wird, ist das eine ganze Menge.

 

„Lokaler Wirkungskreis und gesellschaftlicher Zusammenhang“

 

Welche Kriterien müssen Projekte erfüllen, um gefördert werden zu können?

Zum einen müssen sie einen lokalen Wirkungskreis haben und sich zum anderen um einen gesellschaftlichen Zusammenhang kümmern.

Und wer darf Teil der Community sein?

Jeder, der das Gefühl hat, sich engagieren zu wollen. Er oder sie kann einfach auf unsere Website gehen und dabei sein. In Zukunft wollen wir auch WhatsApp nutzen, um die Community mit Infos zu versorgen. Umgekehrt freuen wir uns immer sehr, wenn wir Projektvorschläge aus der Community bekommen.

www.communitycola.com


Förderung

Die Community hat derzeit die Wahl zwischen den Projekten Chickpeace und MUT Academy, von denen das mit den meisten Stimmen gefördert wird.

Chickpeace

Eine Catering-Idee der besonderen Art: Geflüchtete Frauen bereiten Lieblingsspeisen aus ihren Heimatländern zu und machen damit Besucher kleiner und großer Veranstaltungen in und um Hamburg glücklich. Am Ende ist es eine Win-win-Situation: Neu-Hamburgerinnen werden wirtschaftliche Perspektiven geboten und den Catering- Kunden spannende Spezialitäten. Chickpeace gibt es seit 2016. Mit der Community-Cola-Förderung soll eine zweite Kochstelle finanziert werden.

www.chickpeace.de

MUT Academy

Ein Schulabschluss ist der Schlüssel zum beruflichen Erfolg, nur fällt er nicht jedem Schüler leicht. Die MUT Academy hilft Hamburger Schülern aus herausforderndem Umfeld einerseits bei eben diesem wichtigen Abschluss und zudem beim Berufsanschluss. In Seminaren und einem Mentoringprogramm werden Jugendlichen Chancen aufgezeigt, wird Wissen vermittelt und Selbstbewusstsein aufgebaut. Auch MUT benötigt 500 Euro, um einen Jugendlichen im MUT Camp zum Hauptschulabschluss zu begleiten.

www.mutacademy.de


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Jamliner – die Musikschule auf Rädern

Der „Jamliner“ ist eine rollende Musikschule, die regelmäßig in die benachteiligten Viertel Hamburgs fährt und Jugendlichen ermöglicht, ihre eigene Musik aufzunehmen. Ein Besuch am Standort Steilshoop.

Text: Ulrich Thiele
Fotos: Jérome Gerull

Collin und Abdurrahman haben es sich draußen auf dem Steintisch bequem gemacht. Den Jungs bleibt nichts anderes übrig, als zu warten und sich die Zeit mit Gesprächen über Videospiele zu vertreiben, denn im Moment gibt es für sie nichts zu tun. Drinnen, im Jamliner, arbeiten ihre zwei Bandkolleginnen gerade an der Schlagzeugspur für ihren ersten gemeinsamen Song. Titel: „Mobbingopfer“.

Ein Lied über den Hilferuf eines Mädchens an ihren besten Freund, der aus Feigheit die Mobbingattacken seiner Mitschüler unterstützt – bis er am Ende des Liedes den Mut fasst, sich ihnen zu widersetzen und zu seiner Freundin zu halten. Ein ernstes Thema. „Hilf mir! Hilf mir! Ich brauche jemanden, der mit mir durch dick und dünn geht“, heißt es an einer Stelle. Collin hat den Text geschrieben. „Das ist wirklich bei uns so an der Schule passiert“, erklären Collin und Abdurrahman. Das Thema lag ihnen auf der Seele.

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Im Proberaum mit Tonstudio: Sänger Collin und die Band Jalac Foto: Jérome Gerull

Eine Band gründen, einen Song schreiben und diesen im Proberaum aufnehmen – der Traum vieler Jugendlicher. Hamburgs musikalische Buslinie erfüllt ihnen diesen Traum. Der Jamliner ist ein ehemaliger Linienbus, der in einen mobilen Bandproberaum inklusive Tonstudio umgebaut wurde. Auf den Straßen fällt das mit einem Graffiti-Gemälde übersäte Gefährt sofort auf – passend zu dem ungewöhnlichen Linienbus. Das Projekt der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg, des Förderverein der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg e. V. und Reinhold Beckmanns Stiftung Nestwerk e. V. richtet sich an Jugendliche ab zwölf Jahren, die von sich aus niemals eine Musikschule besuchen würden.

Vormittags kommen die Jugendlichen aus den naheliegenden Schulen, nachmittags können auch andere Gruppen – jede Band muss fünf Mitglieder haben – vorbeikommen und sich für das Projekt anmelden. Die „rollende Musikschule“ kommt einmal pro Woche mit zwei Pädagogen direkt in ihr Viertel, wo sie mit der Unterstützung von zwei Pädagogen – und an fünf Standorten auch zusätzlich mit einer FSJlerin – ein halbes Jahr lang an ihrem eigenen Song basteln. Am Ende der intensiven Probe- und Aufnahmezeit können die Jungs ihr eigene CD mit ihrem Song in den Händen halten.

Heute ist Donnerstag, der Standort Steilshoop steht auf dem Plan. Der Jamliner steht auf dem Verkehrsübungsplatz in der Gründgensstraße. Nach rund zehn Minuten ist die Wartezeit für Collin und Abdurrahman vorbei. Die Bustür öffnet sich, Angelina und Leonie kommen gut gelaunt heraus. Jasmine, das fünfte Bandmitglied, ist heute nicht da. Halb so wild, dann wird der Part fürs Keyboard eben auf nächste Woche verschoben. Die fünf Jugendlichen sind zwischen 12 und 13 Jahren alt und besuchen dieselbe Klasse an der naheliegenden Stadtteilschule, mit der der Jamliner eng zusammenarbeitet. Ihr Bandname Jalac setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Mitglieder zusammen.

 

„Die Kinder halten nach einem halben Jahr ihre fertige CD in der Hand“

 

Unterstützt werden die Nachwuchsmusiker in Steilshoop von Gesa Zill, Isabel Bonkat und Matthias Möller-Titel. Die 18-jährige Isabel absolviert gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr und ist jeden Tag im Jamliner unterwegs. Die Arbeit passt zu ihr, schließlich spielt sie Bass in einer Jazzband und will Musik auf Lehramt studieren. Der studierte Musikwissenschaftler Matthias Möller-Titel komponiert außerhalb des Jamliners Filmmusik in seinem Tonstudio. Seit mehr als zehn Jahren ist er zweimal pro Woche als Musikpädagoge für den Jamliner in Hamburg unterwegs. „Es ist ein sehr zielgerichtetes Arbeiten“, erzählt der 39-Jährige. „Die Kinder kommen her, um ein Ziel zu erfüllen – nämlich nach einem halben Jahr ihre fertige CD in der Hand zu halten.“

Dafür ist der ehemalige Linienbus bestens ausgerüstet. Der Jamliner ist in zwei Räume aufgeteilt: Direkt hinter der Fahrerkabine befindet sich der schallisolierte Bandraum mit einem Schlagzeug, einem Keyboard, einem Verstärker, Mikrofonen, Gitarren und einem Platz für die Sänger. Im hinteren Teil des Busses ist das mit Sitzecke gemütlich eingerichtete Tonstudio. Hier können die Kids an ihren Songs schreiben, proben und schwierige Parts bei Bedarf über Kopfhörer spielen. Der Laptop ist mit dem Tonstudio und dem Bandraum verbunden, wodurch Aufnahmen aus beiden Räumen möglich sind.

 

„Ab und zu singen auch Jungs über Liebe“

 

Zwei solcher Busse sind von montags bis freitags in Hamburg unterwegs, einen Tag in Jenfeld, den anderen in Harburg, auf St. Pauli oder eben in Steilshoop. Jedes Instrument steht spielfertig zur Verfügung und bedarf keiner aufwendigen Umbauzeit – was wichtig ist, denn jedes Details im Jamliner soll auf die Arbeit mit Jugendlichen ohne musikalische Vorbildung abgestimmt sein.

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Helfen den Jugendlichen bei den Songaufnahmen: Matthias Möller-Titel und Isabel Bonkat. Foto: Jérome Gerull

„Die Kinder müssen nichts können, wenn sie hier anfangen“, betont Matthias, sie lernen alles hier im Jamliner. Zuerst stehen einfache Rhythmusübungen auf dem Plan: stampfen, klatschen, einzählen. Dann geht es schon an die Instrumente, erste Töne werden geübt. Meistens bringen die Kids einen Song mit, den sie mögen. Davon inspiriert entwickelt die Crew gemeinsam mit der Band Ideen für einen eigenen Song. Momentan ist der Rapper Capital Bra am meisten angesagt. „Das ist gerade der heiße Scheiß“, sagt Matthias und lacht. In den meisten Songs geht es um Freundschaft, viele singen auch über ihre Herkunft: Steilshoop, mein Ghetto.

Ab und zu singen auch Jungs über Liebe, aber das ist eher selten der Fall. Meistens dominiert das für den HipHop typische „Wir sind die Geilsten“. Aber auch ernste Themen werden angeschnitten: das Thema Mobbing, über das Jalac singen, ist dieses Jahr in Steilshoop mehrfach vertreten.

Über 200 Bands hat Matthias schon bei ihren Songaufnahmen begleitet, darunter auch solche, die mit besonderen Themen auffielen. Zum Beispiel vor fünf Jahren, als fünf Jugendliche, die gerade Deutschland erreicht und den Arabischen Frühling miterlebt hatten, ein Lied über die Revolution aufnahmen. Auf Deutsch wohlgemerkt. Denn auch das ist eine der Regeln im Jamliner: gesungen werden nur eigene Lieder – Coverversionen sind nicht erlaubt – und immer auf Deutsch.

Die Regel gilt auch für Flüchtlingskinder aus den Vorbereitungsklassen, mit denen der Jamliner zusammenarbeitet. Vor drei Jahren, im Sommer 2015, gab das Projekt auch eine Woche lang einen Crashkurs in der Flüchtlingsunterkunft im Harburger Max Bahr. Eine Gruppe kurdischer Mädchen aus dem Irak nahm daran teil und besuchte auch unabhängig vom Workshop den Harburger Standort des Jamliner regelmäßig.

 

„Die Musik ist das Werkzeug für die Pädagogik“

 

Man habe beobachten können, wie schnell sich ihr Deutsch verbesserte, berichtet Matthias. Sie nahmen schließlich einen Song darüber auf, was sie sich für ihre Zukunft wünschen. Grundlegende Wünsche: eine Arbeit und ein Zuhause zu haben. „Für uns ist das selbstverständlich, für sie war es das aber eben nicht. Sie haben in dieser riesigen Halle mit 600 Menschen und ohne Privatsphäre gewohnt“, sagt Matthias. „Das hat mich sehr berührt.“

Das sind die schönen Momente einer Arbeit, die oft anstrengend ist. Die Schulen, mit denen der Jamliner zusammenarbeitet, entscheiden, welche Jugendlichen am Projekt teilnehmen können. Auch mit den lernschwachen Kindern aus den regionalen Bildungszentren arbeiten die Musiker zusammen. Gerade die Kinder, die im Klassenkontext Schwierigkeiten haben, sollen herkommen. Das kann schwierig sein, die Aufmerksamkeitsspanne bei manchen ist sehr gering, die drei Betreuer werden von den Bands schon mal auf Trab gehalten.

„Was ich gleich zu Beginn gelernt habe, ist, dass ungefähr 80 Prozent der Arbeit hier pädagogisch ist. Die Musik ist das Werkzeug, um den pädagogischen Teil zu vermitteln.“ Über die Musik sollen die Kinder lernen, zusammenzuarbeiten, aufeinander zu hören und auf andere Rücksicht zu nehmen. Soziale Grundwerte, die nicht alle von ihnen von zu Hause mit auf den Weg bekommen. Doch die Musik wirkt: „Wenn die Kinder an den Instrumenten sind, sind sie plötzlich ganz ruhig und vertieft“, sagt Matthias.

Um 13 Uhr müssen Collin, Abdurrahman, Angelina und Leonie los, sie sind spät dran, der Deutschunterricht fängt gleich an. Eilig haben sie es nicht, doch Matthias macht Druck. „Los jetzt, ihr seid schon zu spät!“ Eine Stunde hat jede Band Zeit, insgesamt sechs Bands pro Tag kommen in den Jamliner. Nach der Mittagspause kommt Lena von der nächsten Band. „Hey, pünktlich auf die Minute. Sonst seid ihr immer alle zu spät“, freuen sich Matthias und Isabel. Die anderen sind nicht pünktlich, nur ein Bandmitglied kommt später noch dazu, die anderen drei tauchen gar nicht auf. Heute müssen sie zu zweit an ihrem Song arbeiten. Thema des Lieds: Mobbing.

www.jamliner.net


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2018. Das Magazin ist seit dem 29. November 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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Ratsherrn – Biere wie Boxer

Ratsherrn Bier ist Bier – ist Quatsch. Besonders den immer einflussreicher werdenden Craft-Beer-Brauern wird mit dem Einheitsschnack auf den Schlips getreten. Wie viel Bier kann, zeigt ein Ortstermin bei Ratsherrn in den Schanzenhöfen.

Text: Erik Brandt-Höge
Fotos: Michael Kohls und Erik Brandt-Höge

Farbe: tiefes Gold. Charakter: stark, kräftig, mutig. Besondere Eigenschaften: bockig wie ein junger Widder, prächtig wie ein Zwölfender. Nicht mehr und nicht weniger wird dem „New Era Pilsener Imperial“ von seinen Machern attestiert. Die Macher, das sind die Ratsherrn-Braumeister aus den Schanzenhöfen, und „Imperial“, das ist eins von 20 Bieren, die sie aktuell im Programm haben. Die hochtrabende Produktbeschreibung steht freilich nicht bloß exemplarisch für die Sorte und Marke, sondern für den gesamten Markt.

Wie eine gute Flasche Wein, was Genuss und Preis betrifft: Ratsherrns limitiertes „Ahab’s Revenge“. Foto: Michael Kohls

Kreative Brauer sind zu nationalen Playern avanciert, haben mit Experimenten manch industrielle Massenware ausgestochen. Sie lassen die Muskeln spielen, weil sie es können. Und weil Craft-Beer-Fans es wollen. Wer etwa bereit ist, fürs „Imperial“ zwei Euro (0,33 l) zu zahlen, vielleicht auch fünf für Ratsherrns neue Atrraktion, das limitierte „Ahab’s Revenge“ (Sour Barrel Belgian White Ale; 0,3 l), will auch ein bisschen Brimborium dazu. Sei es ein vergoldetes Etikett, die Geschichte von der langjährigen Entwicklung des Getränks, oder eben eine Charakterisierung, die der eines Weltklasseboxers gleicht. Das offensichtliche Ziel von Ratsherrn und allen anderen Craft-Beer-Brauern: Diejenigen abholen, die ihr Geld bisher für eine gute Flasche Wein ausgegeben haben.

Komplexe Süffigkeit

Ein weiteres und für Ratsherrn extrem wichtiges Werbe-Tool: Brauereiführungen. 18.000 Teilnehmer strömten im vergangenen Jahr in die Lagerstraße, um zu sehen, wie ihre „Matrosenschluck“, „Kaventsmann“, „Dry Hopped“ und „Pfeffersack“ entstehen. Auf der Tour durch das burgartige, unter Denkmalschutz stehende Rotklinkergebäude wird der Brauprozess vom ersten Kessel bis zum Zapfhahn präsentiert.

Die Ratsherrn Brauerei in Hamburg. Foto: Michael Kohls

Vier Kessel für ein Sudhaus: Was äußerlich steril wirkt, ist im Innern schon sehr geschmackvoll. Foto: Michael Kohls

Ein Ziel: Besuchern klarmachen, dass hinter ihrer süffigen Lieblingssorte hochkomplexe Vorgänge stecken. Dass das alles massentaugliche Kunst ist. Gestartet wird in der sogenannten Mikrobrauerei, einer Daniel-Düsentrieb-Kammer für die Ratsherrn-Braumeister. Die können hier testen, entwickeln, abfüllen, und alles noch und noch mal von vorn. Immer in der Luft: ein supersüßlicher Malzgeruch. In dem hell gefliesten Raum dampft und brodelt und spritzt es überall. Mancher Meister steht auf seiner Leiter, sieht konzentriert in einen der silbernen Kessel. Die XXL-Kesselaufschriften: „Hopfen, Malz und Hamburg“. An der hinteren Wand lagern in Holzfässern die demnächst erhältlichen saisonalen Sorten. Zukunftsbiere, von denen die Craft-Beer-Nerds über entsprechende Apps als erste erfahren.

Würze & Whirlpool

Hopfen in der Ratsherrn Brauerei Hamburg

Ein Stück Natur landet irgendwann im Glas, durchläuft zuvor so manches Rohr und wird jederzeit streng kontrolliert. Foto: Erik Brandt-Höge

Weiter im Sudhaus, wo die nächsten vier Braukessel stehen. Süßliches wird hier mit Herbem vermengt, es riecht schon mehr nach Bier. In der schlauchförmigen Halle wird das, wofür Ratsherrn steht, also Vielfalt ohne Ende, geradezu gelehrt. Zum Beispiel mit einer Malztafel: gelbe, grüne, braune, schwarze Körner sind da aufgeschichtet, Sorte für Sorte. Vom Pilsener Malz über das Roggenmalz bis zum Buchenrauch- Gerstenmalz ist alles Denkbare dabei – und kann probiert werden. Mal nussig, mal rauchig. Malz entpuppt sich für viele als überraschend geschmackvoller Knabberkram. Geschrotet kommt es in Kessel 1, wird mit heißem Wasser vermischt. Das nennt sich Maischen. Dabei wird Stärke zu Zucker, der später zur Alkoholerzeugung gebraucht wird. Kessel 2 dient zum Läutern, wobei Festes von Flüssigem getrennt wird. Kessel 3 ist die Würzpfanne, in der Hopfen dazukommt. Und in Kessel 4, dem sogenannten Whirlpool, werden die unlöslichen Hopfenreste vom Sud getrennt. Die aufs Sudhaus folgende Halle ist größer, technischer, trubeliger. Um noch mehr Kessel und ein endloses Knäuel aus Rohren, Stangen, Schläuchen, Wasserstands- und Druckanzeigen, Statistiktafeln und Kontrollleisten herum gehen weitere Brauer akribisch vor. Ein Bier-Uhrwerk mit unzähligen Zahnrädern. Alle und alles greifen ineinander, bis zu den letzten Arbeitsakten, der Gärung durch die Hefe und dem Lagern des Trinkstoffs. Ein Brauprozess dauert zwischen acht und zehn Stunden, dabei werden rund 5.000 Liter Bier gewonnen. Ein Tropfen auf den heißen Stein – betrachtet einer die Jahreszahlen. Fünf Millionen Liter kamen 2017 zustande. Die Nachfrage steigt.

Wohnzimmergeschichten

Logisch, dass keine Brauereiführung abläuft, ohne die eigene Geschichte zu erwähnen. Neben einer Flut an Fakten zum Bier an sich (zum Beispiel eroberte im Jahr 1870 eine damals ziemlich futuristisch wirkende Sorte namens „Pilsener“ die Stadt Hamburg), steht beim Probierschluck im Ratsherrn-Degustationsraum die Marke mit dem Halskrausen-Mann im Zentrum aller Erzählungen. Rustikale Holztafel, zahlreiche Bilder an den Wänden, gedimmtes Licht: Eine Wohnzimmeratmosphäre entsteht, wenn die Brauerei-Guides historisch werden. Die Kurzfassung: Gründung 1951 als Label der Elbschloss- Brauerei, dann Bavaria-St.-Pauli-Brauerei, Holsten-Brauerei, schließlich und bis heute unter dem Dach der familiengeführten Nordmann Unternehmensgruppe, seit 2012 in den Schanzenhöfen. Der Standort wurde ganz bewusst gewählt. Während viele konventionelle Brauereien am Stadtrand liegen oder gar noch ferner ihrer Kundschaft, will Ratsherrn gesehen werden, zugänglich sein, zeigen, was anders gemacht wird als bei der Konkurrenz. Nicht, dass Craft-Beer-Brauen neu wäre. Es ist nur gerade die Zeit, in der die Protagonisten ihren Erfolg noch potenzieren können. Und das funktioniert dort, mitten in der Schanze, wo Menschen keine Einheitsware wollen, sondern etwas, das als besonders angepriesen wird und auch besonders schmeckt, am besten.

www.ratsherrn.de


Ratsherrn erleben: Altes Mädchen

Altes Mädchen in Hamburg

Foto: Erik Brandt-Höge

Craft Beer hat Eventcharakter, und jedes Event braucht einen passenden Rahmen. Ratsherrn hat dafür das Alte Mädchen geschaffen. Draußen Lichterkettenromantik mit Bierbude und -bänken, drinnen Kaminfeuerchen, Tische für jede Rundengröße und ein Duftspender fürs ganze Haus: eine eigene Bäckerei, in der unter anderem Stullen-, Curry-Zwiebel-, Gemüse- Vollkorn-, Dinkel-Chia- und Smoked-Onion-Brote aus dem Holzofen gezogen werden.

Lagerstraße 28 B (St. Pauli); www.altes-maedchen.com

 

 

 


 Diese Liste stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Top 10 – Hamburgs heißeste Gastro-Neuzugänge

Neueröffnungen – Die Gastroszene in Hamburg boomt. Diese zehn Neuzugänge seit Frühjahr 2018 sollten Sie im Blick behalten.

Texte: Jasmin Shamsi
Beitragsbild: René Flindt (100/200)

1) Underdocks

Die gute alte Fischbude, sie ist vom Aussterben bedroht! Um sie von ihrem verstaubten Image zu befreien, haben sich zwei junge Hamburger etwas Besonderes einfallen lassen: Im Underdocks werden Klassiker wie Backfisch oder Fischbrötchen neu interpretiert – die Soßen und Füllungen sind der Clou – und das Angebot um angesagte, etwas mondäner klingende Leckerbissen wie Lobster Roll oder Ceviche ergänzt. Umgeben von diversen Bars, Clubs und Konzertlocations, eignet sich das Underdocks bestens zum Vorglühen, Stärken – oder Auskatern.

Neuer Kamp 13 (Sternschanze); www.under-docks.de

 

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2) LOUIS by Thomas Martin

Als im Jacobs Restaurant Anfang 2018 Renovierungsarbeiten anstanden, nutzte Sternekoch Thomas Martin die Gelegenheit, um mal etwas ganz anderes zu machen. Zusammen mit seinem Team ließ er sich von Food-Trends wie Smart Farming oder Fusion Cuisine inspirieren und stellte ein experimentelles Menü zusammen.

Als Pop-up-Restaurant im Carls an der Elbphilharmonie gestartet, ist das Louis by Thomas Martin inzwischen fester Bestandteil der Gastroszene in der HafenCity. Der Namensgeber ist mittlerweile wieder an seinen angestammten Platz zurückgekehrt – nicht ohne seinem ehemaligen Souschef Rüdiger Mehlgarten das Zepter zu übergeben.

Am Kaiserkai 69 (HafenCity); www.louisrestaurant.de

 

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3) Umé no hana

Auf der Terrasse vor dem Umé no hama (hier entlang zur Restaurantkritik; Anm.d.R.) sitzt es sich wie am Straßenrand einer vietnamesischen Großstadt: Aluminium-Klapptische stehen eng an eng, die Gäste hocken auf niedrigen Plastikstühlen und überall hört man es angeregt plappern. Die Inhaber Thuy und Khan, ein junges vietnamesisches Ehepaar, kombinieren das Beste ihrer Landesküche mit der Japans. Die Trend-Suppen Pho und Ramen spielen hier die Hauptrolle, wobei die appetitlich angerichteten Reisnudelsalate oder Dim Sums ein ebenso gutes Gefühl auf der Zunge hinterlassen.

Thadenstraße 15 (St. Pauli); www.facebook.com/umenohanahamburg

 

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4) 100/200

Wer bei Thomas Imbusch essen geht, muss sich auf ein Abenteuer einlassen. Es gibt keine Speisekarte und gezahlt wird auch schon im Vorfeld. Der Besuch des 100/200 (hier entlang zur Restaurantkritik; Anm.d.R) gleicht einer Theatervorstellung: In der Mitte ein massiver, gut ausgeleuchteter Molteni-Herd, die „verbindende Feuerstelle“, und drum herum 40 Sitzplätze, von denen aus das Spektakel in der Küche in aller Ruhe beobachtet werden kann. Imbusch hat bis vor Kurzem noch in Tim Mälzers Madame X gekocht, jetzt revolutioniert er mit seinem Konzept das Wie des Essengehens. Nach dem Motto „From Nose to Tail“ und „From Leaf to Root“ wird in der Gastronomie auf einer denkmalgeschützten Fläche an den Elbbrücken die Liebe zum Produkt gefeiert. Eine Verbeugung vor dem Erzeuger und dem Kochhandwerk.

Brandshofer Deich 68 (Rothenburgsort); www.100200.kitchen

 

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5) Pizza Social Club

Der Name hält, was er verspricht: Im Pizza Social Club (hier entlang zur Restaurantkritik; Anm.d.R.) ist die neapolitanische Steinofenpizza absoluter Star des Abends. Alles, was daneben angeboten wird – Bruschetta, Burrata, Salumi, erlesener Wein – gehört zu ihrer Bühnenshow. Das Ambiente: very sophisticated würde man in London sagen, wo Inhaber und Ex-Banker Sönke Becker zuletzt tätig war. Mit seinem Restaurant am Mühlenkamp hat er sich einen Traum erfüllt. Dahinter stecken eine Menge Geduld, jahrelange Recherche und Liebe zum Detail. An langen Holztischen finden viele Pizzaliebhaber Platz, perfekt also zum Socializen und Genießen.

Mühlenkamp 29 (Winterhude); www.pizzasocialclub.de

 

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6) AHOI St. Pauli

Fuddern wie bei Muddern – ist das nicht das Beste nach einer arbeitsintensiven Woche? Im Ahoi St. Pauli finden alle Trostsuchenden und Nostalgiker solide Hamburger Küche wie Pannfisch, Labskaus, Birnen, Bohnen und Speck oder Senfeier. Dazu gibt es ein überwältigendes Angebot an Bier– und Rumsorten sowie hausgebackenes Treberbrot. Jede Menge Holz an Wänden, Tischen und der Bar, Kerzen in alten Flaschen und ein lässiger Service sorgen für Muckel- und Schunkelstimmung.

Reeperbahn 157 (St. Pauli); www.ahoi-kiez.de

 

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7) Han-Mi

Wenn man es genau nimmt, ist das Han-Mi keine Neueröffnung, sondern eine Wiedereröffnung – aber was für eine! Liebhaber koreanischen Barbecues konnten ihren Augen kaum trauen, als sie in der neuen Bleibe in St. Pauli auf allen Tischen einen integrierten Grill entdeckten. Beim koreanischen Barbecue werden in dünne Scheiben geschnittenes Fleisch, Gemüse oder Pilze auf den Grill gelegt, anschließend in Salatblätter eingewickelt und in einen scharfen Dip getunkt. Dazu gibt es verschiedene Beilagen wie Kimchi oder eingelegten Spinat. Köstlich! Als sei das nicht schon genug, ist die Abendkarte um diverse weitere Spezialitäten ergänzt worden. Sogar mehrgängige Menüs werden im Han-Mi neuerdings angeboten.

Kleine Seilerstraße 1 (St. Pauli); www.hanmi.de

 

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8) Hobenköök

Spitzenkoch Thomas Sampl hat lange an der Idee einer Markthalle gefeilt, die ausschließlich regionale und saisonale Produkte im Programm führt. Dafür hat er sein riesiges Netzwerk an Produzenten rund um Hamburg mobilisiert und sich eine erfahrene Restaurantleiterin und einen Sommelier an die Seite geholt. Sein Objekt der Begierde: eine große Halle am Oberhafen. Im August 2018 war es dann soweit, das Hobenköök öffnete seine Tore. Neben Marktständen findet man dort ein Restaurant, das von Frühstück über Mittagessen bis Abendbrot alles verarbeitet, was das Marktangebot so hergibt. Unbedingte Empfehlung: das Frühstück am Samstag. Am besten draußen auf der Terrasse genießen.

Stockmeyerstraße 43 (HafenCity); www.hobenkoeoek.de

 

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9) Tortue – Jin Gui

Glamourös und kosmopolitisch zeigt sich das neue Boutique-Hotel am Bleichenfleet in der Neustadt. Durch das Tortue weht Pariser Flair; die Kombination aus Nonchalance und Understatement spiegelt sich sowohl in der Inneneinrichtung wie auch dem gastronomischen Konzept wider. Hier waren Profis am Werk: Marc Cinius und Anne-Marie Bauer, ehemals verantwortlich für das preisgekrönte East Hotel, sowie Tarantella-Chef Carsten von der Heide. Wer etwas Besonderes erleben will, besucht das Jin Gui, ein von der Designerin Joyce Wang gestaltetes Restaurant mit Wintergarten und Außenplätzen im Innenhof. Die Küche ist asiatisch inspiriert, wobei der Anspruch ist, nur regionale und saisonale Zutaten zu verwenden.

Stadthausbrücke 10 (Neustadt); www.tortue.de

 

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10) Heat

Früher hieß es Mehl, jetzt heißt es Heat. Geblieben ist der Fokus auf Pizza. Seit die neapolitanische Kunst des Pizzabackens 2017 von der UNESCO geehrt wurde, scheinen entsprechende Lokale in Hamburg eine Renaissance zu erleben. Neu ist das Augenmerk auf hochwertige Produkte und besondere Konzepte, die dem italienischen Fladenbrot zu neuem Glanz verhelfen. Im Heat darf man keine normale Pizza erwarten – weder in Hinblick auf die Präsentationsform noch hinsichtlich der Produktwahl (Nachfragen erwünscht). Dazu gibt es Naturweine aus Deutschland, Antipasti und tollen Kaffee.

Harkortstraße 81 (Altona-Nord); www.dasheat.com

 

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Das Gelände des UKE – ein Rundgang durch Klinikwelten

Vom Kinder-Komplex bis zum Gebetsraum: ein Rundgang über das Klinikgelände des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.

Babyblau, marineblau, graublau, alles blau. Das mehrere Meter breite Bild, das im ersten Stock hängt, zeigt ein Meer und einen Himmel und soll seine Betrachter wohl beruhigen. „Stell dir vor, du bist am Strand“, steht auf dem Bild, unsichtbar und doch deutlich zu erkennen für jeden, dessen Blick länger als zwei Sekunden darauf hängen bleibt. Nur ein Teil der über die Hallen und Flure verteilten Ausstellung von Regina von Fehrentheil: „Form. Farbe. Struktur“. Zwischen den Naturaufnahmen und großzügig aufgestelltem Grünzeug, am Empfang sogar Gladiolen, fühlt es sich an wie im Foyer eines 5-Sterne-Wellnesshotels.

Als beginne gleich hinter der blauen Kunst eine Sauna- und Whirlpool-Landschaft. Es ist aber kein Hotel. Es ist das Hauptgebäude des UKE, und die Flure führen zu allen denkbaren menschlichen Schicksalen. Spätestens die konzentrierten, ernsten Blicke der Frauen und Männer, die hinter den Aufnahmetresen der angrenzenden Fachbereiche sitzen, signalisieren: Hier geht es um viel, manchmal um alles.

Professor Doktor Doktor Soundso

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Stationstür im Hauptgebäude. Foto: Erik Brandt-Höge, Sophia Herzog

Die Rolltreppe hoch. Auf den Stufen bestimmen blaue Schwesternhosen und lange, weiße Kittel das Bild. Desinfektionsmittelmief vermengt sich mit dem Geruch von frischem Kaffee, den es am Ende der Treppe an der hauseigenen Bar gibt. Zwei Schwestern löffeln Eiskaffee mit riesigen Sahnebergen. „Geil“, sagt die eine, und die andere gähnt.

Es ist 18 Uhr, einige haben Feierabend, einige fangen erst an. Bei rund 11.000 Mitarbeitern auf dem gesamten Gelände stehen die UKE-Zahnräder nie still. 2.800 Ärzte und Wissenschaftler, 3.300 Pflegekräfte und Therapeuten, 3.400 Studierende, 118 Professoren: Das UKE belegt Rang drei in den Charts der größten Hamburger Arbeitgeber (1. Airbus, 2. Asklepios Kliniken).

Wie jede andere Klinik ist es ein Wirtschaftsunternehmen, daraus wird vor Ort auch kein Hehl gemacht. Im nächsten Gang hängen hochglanzpolierte Silbertafeln mit Firmennamen: Technik, Versicherung, Bank. Imposante Werbung. Viel imposanter als die Nennung der eigentlichen UKE-Stars. Die Namen der Professor Doktor Doktor med. Soundsos sind in schlichtem Grau auf den gläsernen Stationstüren verewigt.

Bitte warten – Schilderwald UKE

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Schild des Musalla-Gebetsraums im UKE. Foto: Erik Brandt-Höge, Sophia Herzog

Weiter über die Flure, den blauen PVC mit den weißen und beigen Punkten. Vorbei an der Post und dem Friseur. Die Anzahl der „Warten“-Schilder und dazugehörigen Bänke steigt inflationär, und das nur rund um den OP-Bereich (16 Säle) und die Intensivstation. Bis zum fünften Stock mit dem Kreißsaal und der Wochenstation kann und muss noch so viel mehr Zeit mit Nichtstun verbracht werden.

Auf einem schwarzen Ledersofa sitzen eine ältere Dame und ein älterer Herr. Sie hält seine Hand, streichelt mit dem Daumen rhythmisch über die Haut. Sie sieht ihn an, sein Blick geht zur Wand. Vor ihnen: ein professionell ausgestatteter Putzwagen aus Plastik und Metallgestänge, ein schnörkelloser Rollstuhl. Schwermütige Stille. Wenige helle Stimmen in der Ferne, ein kurzes Lachen und Gläserklirren lockern auf. Nicht weit von hier: der Gebetsraum (Musalla) und die Zimmer der evangelischen und katholischen Klinikseelsorger.

Auch einen „Raum der Stille“ gibt es. Helle Fliesen, lange, kirchentypische Bänke, Jesusbilder, Kerzen. Hier können Familien innehalten, was auch immer sie gerade hinter oder noch vor sich haben. In diesem Moment ist der Raum leer.

Wieder raus und über eine schmale, an Flughafengangways erinnernde gläserne Brücke zum nächsten Gebäude. Hinein in ein kahles Treppenhaus mit Neonröhrenbeleuchtung von den Wänden und hoch zum Kasino a. k. a. Mensa. Es riecht noch nach Ofenkartoffeln und gebratenem Gemüse. Heute gibt es nichts mehr, der Laden, in dem nicht zuletzt die Studierenden vom Pauken pausieren, ist ab 15 Uhr geschlossen. Wieder zurück, alle Wege, die Brücke, die PVC-Strecke, die Rolltreppe runter. Vorm Rausgehen: Espresso und Schokolade aus grell leuchtenden Automaten. „Make the day work“, steht auf einem.

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Eingang zum Klinikkomplex, einer Mini-Stadt in der Stadt. Foto: Sophia Herzog

Der Park: ein Extra-Zimmer

Direkt gegenüber, aus dem Eppendorfer Park, steigen Rauchwolken zum Himmel. Spätsommergrillen auf den frisch gemähten Wiesen. Eine Hand voll übergewichtiger Jogger schleppt sich hinter ihrem rückwärts laufenden Trainer über den Kiesweg, der das Areal umrahmt. Auf einer Bank am Rand: zwei Frauen, schweigend. Eine von ihnen trägt einen türkisfarbenen Mundschutz. Zwei Bänke weiter hören Jugendliche HipHop aus Handys und kiffen. Und im Zentrum, nahe eines kleinen Teichs, ist eine Slackline zwischen den Buchen gespannt. Ein Mittzwanziger balanciert, so gut er kann.

Der Park ist nicht besonders groß, nach einem fünfminütigen Schlendergang ist alles gesehen. Aber er ist dem Krankenhaus sehr nah, ein Extra-UKE-Zimmer geradezu. Leicht zu erreichen für Patienten und Angehörige, auch Rollstuhlfahrer haben keine Mühe. Kurzes Durchschnaufen vom Klinikbetrieb geht hier immer, auch weil sich Patienten und Nichtpatienten begegnen. Wer sich eben noch wegen seiner Beschwerden isoliert fühlte, ist ein paar Schritte weiter schon wieder mittendrin in der Gesellschaft. Kranke werden geradezu erwartet.

Mini-Villen im Pavillon-Stil

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Rotklinker-Gebäude im Pavillon-Stil. Foto: Erik Brandt-Höge, Sophia Herzog

Die Martinistraße runter. Auffällig hier: die zahlreichen Rotklinkergebäude, jeweils mit hohen Fensterfronten, teils mit wintergartenartigen Anbauten. Direkt vor dem hochmodernen Hauptgebäude gelegen, wirken die gepflegten Mini-Villen etwas aus der Zeit gefallen. Dabei waren sie es einst, die als extrem innovativ galten. 1889, als das UKE – damals noch NAK (Neues Allgemeines Krankenhaus Eppendorf) – eingeweiht wurde, basierte der Klinikbau auf dem sogenannten Pavillon-Stil. Die Idee dahinter: Heilung durch Licht und Luft. Zudem würden sich Krankheiten in mehreren kleinen Gebäuden nicht so schnell verbreiten können.

Deshalb ein Aufnahmepavillon, ein Krankenpavillon, ein Operationsbunker und, und, und. 55 Pavillons gab es insgesamt. Einige vergleichsweise große Rotbauten standen den Chefs zu, etwa dem Ärztlichen Direktor und dem Verwaltungsdirektor. Dass heute nicht mehr die ganz große Pavillon-Parade auf dem UKE-Gelände stattfindet, liegt an den Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg und der Runderneuerung des Komplexes danach. Die Auffassung dann: weniger Pavillons gleich bessere Patientenversorgung.

Highlight: die Hainbuche im Innenhof

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Die Hainbuche im Kinder-UKE. Foto: Erik Brandt-Höge, Sophia Herzog

Letzte Station: Kinderstation. Die Werner und Michel Otto Kinderklinik, kurz Kinder-UKE, ist der hellste Fleck auf dem Gelände, jedenfalls äußerlich. Die Fassade in feinen Terrakottafarben gehalten, die Jalousien in türkis, wirkt alles fröhlich, total angenehm. An den Fenstern kleben gebastelte Elefanten, um die herum allerhand Schönes schwirrt: Sonnen, Melonen, Eiswaffeln mit bunten Kugeln, Blumen und Sterne. Am Glas lehnen drei Schaukelpferde, die durch etwas Bewegung von den Reitern über die Flure galoppieren können.

Dass sich dahinter nicht nur 23 Spiel-, Gesellschafts- und Aufenthaltsräume verbergen, sondern auch drei Operationssäle und 148 Betten für die kleinen UKE-Patienten, ist Fakt, aber fast nicht zu glauben, zu schön ist dieser Ort, als dass es hier Leiden geben könnte

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Immer auf Achse sind die
2.800 Ärzte und Wissenschaftler. Foto: Erik Brandt-Höge

Vorbei an einer kleinen Blumenwiese und blauweißen Strandkörben, geht es in den Innenhof. Da ragt das grüne Highlight des Hauses 24 Meter in die Höhe: eine Hainbuche, die übrigens zuerst hier war. Der Klinikbau wurde bewusst drum herum gezogen und der Baum zum lebendigen Kern erklärt. Von jedem Flügel, von jeder Fensterfront aus ist er sichtbar.

Auf einem kreisrunden Weg um die Buche bewegen sich zwei große und zwei kleine Menschen langsam voran. Einer der beiden kleinen sitzt im Rollstuhl, ist versehen mit allerhand Schläuchen. Er lacht. Alle vier lachen. „Ich will Pudding!“, ruft der Rollifahrer, und der andere Kleine: „Du spinnst, du hattest schon drei!“ Wieder Lachen, jetzt noch lauter. Glück im Unglück, so scheint es. Offensichtlich ist nur eines: Die Möglichkeit, hier mit Krankheit gut umzugehen.

Der Zukunftsplan 2050

Kliniken brauchen Standards, und Standards müssen erhöht werden – eh klar. Einen symbolischen Baggereinsatz gab es deshalb erst kürzlich: Der Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende des Klinikums, Prof. Dr. Burkhard Göke, hat damit den Zukunftsplan 2050 gestartet. Aktuell im Fokus: Neubauten des Universitären Herzzentrums, der Martini-Klinik und des Campus Forschung II sowie des Hamburg Center for Translational Immunology.

Text: Erik Brandt-Höge
Fotos: Jérome Gerull (Beitragsbild) / Sophia Herzog & Erik Brandt-Höge

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: Martinistraße 52, www.uke.de



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2018. Das Magazin ist seit dem 29. September 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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1 Frage, 1 Antwort – mit Holger Kraus

Holger Kraus sammelt seitdem er 14 ist Filme. Unter dem Namen „Flexibles Flimmern“ inszeniert er Filme an ungewöhnlichen Orten. Seit fast 20 Jahren lebt er im Karoviertel und streift von dort aus durch die Stadt.

SZENE HAMBURG: Was würdest du am meisten bereuen, wenn du es nicht getan hättest?

Wenn ich vor etwas mehr als zwölf Jahren mein Leben nicht radikal geändert hätte. Die Entscheidung galt zunächst der Abwendung vom herkömmlichen Eventmarketing – ein Job, der zwar mein Konto füllte, aber meine Seele nicht nährte. Der Bauch ging voraus und ich folgte. 28 Jahre bewusste Filmrezeption wiesen mir den Weg. Ich gründetet damals das mobile Kino „Flexibles Flimmern“ und betrat die Kinolandschaft Hamburgs.

Mit der Befreiung der Filmvorführungen von festen Räumen und die Erweiterung der Filmrezeption durch sinnliche und handfeste Erlebnisse vor Filmbeginn entwickelte sich auch meine persönliche Souveränität weiter. Statt Auftraggeber meine Inhalte bestimmen zu lassen, mache ich seitdem mein eigenes Programm und gestalte somit auch mein Leben eigenständiger –sogar meine Bildung. Wenn Themen mich berühren und ich mehr darüber wissen möchte, mache ich einfach eine Veranstaltung dazu und lerne.

Ich treffe dadurch Menschen, die etwas bewegen und vertiefe mein Wissen um unsere Stadt. Seien es Denkmäler oder soziale Ungerechtigkeit. Die Stille um die Trauer oder die Entdeckung neuer Orte. Und ich kann meine Entdeckungen weitergeben – Gästen neue Blickwinkel und Hamburgern neue Ecken ihrer Stadt zeigen. Und den dämlichen Populisten mit klaren sozialgesellschaftlichen Inhalten entgegentreten. Getreu dem Flimmermotto: Stöbert schön in euerm Leben.

Foto: Michael Kohls


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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