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Das Gelände des UKE – ein Rundgang durch Klinikwelten

Vom Kinder-Komplex bis zum Gebetsraum: ein Rundgang über das Klinikgelände des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf.

Babyblau, marineblau, graublau, alles blau. Das mehrere Meter breite Bild, das im ersten Stock hängt, zeigt ein Meer und einen Himmel und soll seine Betrachter wohl beruhigen. „Stell dir vor, du bist am Strand“, steht auf dem Bild, unsichtbar und doch deutlich zu erkennen für jeden, dessen Blick länger als zwei Sekunden darauf hängen bleibt. Nur ein Teil der über die Hallen und Flure verteilten Ausstellung von Regina von Fehrentheil: „Form. Farbe. Struktur“. Zwischen den Naturaufnahmen und großzügig aufgestelltem Grünzeug, am Empfang sogar Gladiolen, fühlt es sich an wie im Foyer eines 5-Sterne-Wellnesshotels.

Als beginne gleich hinter der blauen Kunst eine Sauna- und Whirlpool-Landschaft. Es ist aber kein Hotel. Es ist das Hauptgebäude des UKE, und die Flure führen zu allen denkbaren menschlichen Schicksalen. Spätestens die konzentrierten, ernsten Blicke der Frauen und Männer, die hinter den Aufnahmetresen der angrenzenden Fachbereiche sitzen, signalisieren: Hier geht es um viel, manchmal um alles.

Professor Doktor Doktor Soundso

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Stationstür im Hauptgebäude. Foto: Erik Brandt-Höge, Sophia Herzog

Die Rolltreppe hoch. Auf den Stufen bestimmen blaue Schwesternhosen und lange, weiße Kittel das Bild. Desinfektionsmittelmief vermengt sich mit dem Geruch von frischem Kaffee, den es am Ende der Treppe an der hauseigenen Bar gibt. Zwei Schwestern löffeln Eiskaffee mit riesigen Sahnebergen. „Geil“, sagt die eine, und die andere gähnt.

Es ist 18 Uhr, einige haben Feierabend, einige fangen erst an. Bei rund 11.000 Mitarbeitern auf dem gesamten Gelände stehen die UKE-Zahnräder nie still. 2.800 Ärzte und Wissenschaftler, 3.300 Pflegekräfte und Therapeuten, 3.400 Studierende, 118 Professoren: Das UKE belegt Rang drei in den Charts der größten Hamburger Arbeitgeber (1. Airbus, 2. Asklepios Kliniken).

Wie jede andere Klinik ist es ein Wirtschaftsunternehmen, daraus wird vor Ort auch kein Hehl gemacht. Im nächsten Gang hängen hochglanzpolierte Silbertafeln mit Firmennamen: Technik, Versicherung, Bank. Imposante Werbung. Viel imposanter als die Nennung der eigentlichen UKE-Stars. Die Namen der Professor Doktor Doktor med. Soundsos sind in schlichtem Grau auf den gläsernen Stationstüren verewigt.

Bitte warten – Schilderwald UKE

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Schild des Musalla-Gebetsraums im UKE. Foto: Erik Brandt-Höge, Sophia Herzog

Weiter über die Flure, den blauen PVC mit den weißen und beigen Punkten. Vorbei an der Post und dem Friseur. Die Anzahl der „Warten“-Schilder und dazugehörigen Bänke steigt inflationär, und das nur rund um den OP-Bereich (16 Säle) und die Intensivstation. Bis zum fünften Stock mit dem Kreißsaal und der Wochenstation kann und muss noch so viel mehr Zeit mit Nichtstun verbracht werden.

Auf einem schwarzen Ledersofa sitzen eine ältere Dame und ein älterer Herr. Sie hält seine Hand, streichelt mit dem Daumen rhythmisch über die Haut. Sie sieht ihn an, sein Blick geht zur Wand. Vor ihnen: ein professionell ausgestatteter Putzwagen aus Plastik und Metallgestänge, ein schnörkelloser Rollstuhl. Schwermütige Stille. Wenige helle Stimmen in der Ferne, ein kurzes Lachen und Gläserklirren lockern auf. Nicht weit von hier: der Gebetsraum (Musalla) und die Zimmer der evangelischen und katholischen Klinikseelsorger.

Auch einen „Raum der Stille“ gibt es. Helle Fliesen, lange, kirchentypische Bänke, Jesusbilder, Kerzen. Hier können Familien innehalten, was auch immer sie gerade hinter oder noch vor sich haben. In diesem Moment ist der Raum leer.

Wieder raus und über eine schmale, an Flughafengangways erinnernde gläserne Brücke zum nächsten Gebäude. Hinein in ein kahles Treppenhaus mit Neonröhrenbeleuchtung von den Wänden und hoch zum Kasino a. k. a. Mensa. Es riecht noch nach Ofenkartoffeln und gebratenem Gemüse. Heute gibt es nichts mehr, der Laden, in dem nicht zuletzt die Studierenden vom Pauken pausieren, ist ab 15 Uhr geschlossen. Wieder zurück, alle Wege, die Brücke, die PVC-Strecke, die Rolltreppe runter. Vorm Rausgehen: Espresso und Schokolade aus grell leuchtenden Automaten. „Make the day work“, steht auf einem.

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Eingang zum Klinikkomplex, einer Mini-Stadt in der Stadt. Foto: Sophia Herzog

Der Park: ein Extra-Zimmer

Direkt gegenüber, aus dem Eppendorfer Park, steigen Rauchwolken zum Himmel. Spätsommergrillen auf den frisch gemähten Wiesen. Eine Hand voll übergewichtiger Jogger schleppt sich hinter ihrem rückwärts laufenden Trainer über den Kiesweg, der das Areal umrahmt. Auf einer Bank am Rand: zwei Frauen, schweigend. Eine von ihnen trägt einen türkisfarbenen Mundschutz. Zwei Bänke weiter hören Jugendliche HipHop aus Handys und kiffen. Und im Zentrum, nahe eines kleinen Teichs, ist eine Slackline zwischen den Buchen gespannt. Ein Mittzwanziger balanciert, so gut er kann.

Der Park ist nicht besonders groß, nach einem fünfminütigen Schlendergang ist alles gesehen. Aber er ist dem Krankenhaus sehr nah, ein Extra-UKE-Zimmer geradezu. Leicht zu erreichen für Patienten und Angehörige, auch Rollstuhlfahrer haben keine Mühe. Kurzes Durchschnaufen vom Klinikbetrieb geht hier immer, auch weil sich Patienten und Nichtpatienten begegnen. Wer sich eben noch wegen seiner Beschwerden isoliert fühlte, ist ein paar Schritte weiter schon wieder mittendrin in der Gesellschaft. Kranke werden geradezu erwartet.

Mini-Villen im Pavillon-Stil

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Rotklinker-Gebäude im Pavillon-Stil. Foto: Erik Brandt-Höge, Sophia Herzog

Die Martinistraße runter. Auffällig hier: die zahlreichen Rotklinkergebäude, jeweils mit hohen Fensterfronten, teils mit wintergartenartigen Anbauten. Direkt vor dem hochmodernen Hauptgebäude gelegen, wirken die gepflegten Mini-Villen etwas aus der Zeit gefallen. Dabei waren sie es einst, die als extrem innovativ galten. 1889, als das UKE – damals noch NAK (Neues Allgemeines Krankenhaus Eppendorf) – eingeweiht wurde, basierte der Klinikbau auf dem sogenannten Pavillon-Stil. Die Idee dahinter: Heilung durch Licht und Luft. Zudem würden sich Krankheiten in mehreren kleinen Gebäuden nicht so schnell verbreiten können.

Deshalb ein Aufnahmepavillon, ein Krankenpavillon, ein Operationsbunker und, und, und. 55 Pavillons gab es insgesamt. Einige vergleichsweise große Rotbauten standen den Chefs zu, etwa dem Ärztlichen Direktor und dem Verwaltungsdirektor. Dass heute nicht mehr die ganz große Pavillon-Parade auf dem UKE-Gelände stattfindet, liegt an den Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg und der Runderneuerung des Komplexes danach. Die Auffassung dann: weniger Pavillons gleich bessere Patientenversorgung.

Highlight: die Hainbuche im Innenhof

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Die Hainbuche im Kinder-UKE. Foto: Erik Brandt-Höge, Sophia Herzog

Letzte Station: Kinderstation. Die Werner und Michel Otto Kinderklinik, kurz Kinder-UKE, ist der hellste Fleck auf dem Gelände, jedenfalls äußerlich. Die Fassade in feinen Terrakottafarben gehalten, die Jalousien in türkis, wirkt alles fröhlich, total angenehm. An den Fenstern kleben gebastelte Elefanten, um die herum allerhand Schönes schwirrt: Sonnen, Melonen, Eiswaffeln mit bunten Kugeln, Blumen und Sterne. Am Glas lehnen drei Schaukelpferde, die durch etwas Bewegung von den Reitern über die Flure galoppieren können.

Dass sich dahinter nicht nur 23 Spiel-, Gesellschafts- und Aufenthaltsräume verbergen, sondern auch drei Operationssäle und 148 Betten für die kleinen UKE-Patienten, ist Fakt, aber fast nicht zu glauben, zu schön ist dieser Ort, als dass es hier Leiden geben könnte

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Immer auf Achse sind die
2.800 Ärzte und Wissenschaftler. Foto: Erik Brandt-Höge

Vorbei an einer kleinen Blumenwiese und blauweißen Strandkörben, geht es in den Innenhof. Da ragt das grüne Highlight des Hauses 24 Meter in die Höhe: eine Hainbuche, die übrigens zuerst hier war. Der Klinikbau wurde bewusst drum herum gezogen und der Baum zum lebendigen Kern erklärt. Von jedem Flügel, von jeder Fensterfront aus ist er sichtbar.

Auf einem kreisrunden Weg um die Buche bewegen sich zwei große und zwei kleine Menschen langsam voran. Einer der beiden kleinen sitzt im Rollstuhl, ist versehen mit allerhand Schläuchen. Er lacht. Alle vier lachen. „Ich will Pudding!“, ruft der Rollifahrer, und der andere Kleine: „Du spinnst, du hattest schon drei!“ Wieder Lachen, jetzt noch lauter. Glück im Unglück, so scheint es. Offensichtlich ist nur eines: Die Möglichkeit, hier mit Krankheit gut umzugehen.

Der Zukunftsplan 2050

Kliniken brauchen Standards, und Standards müssen erhöht werden – eh klar. Einen symbolischen Baggereinsatz gab es deshalb erst kürzlich: Der Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende des Klinikums, Prof. Dr. Burkhard Göke, hat damit den Zukunftsplan 2050 gestartet. Aktuell im Fokus: Neubauten des Universitären Herzzentrums, der Martini-Klinik und des Campus Forschung II sowie des Hamburg Center for Translational Immunology.

Text: Erik Brandt-Höge
Fotos: Jérome Gerull (Beitragsbild) / Sophia Herzog & Erik Brandt-Höge

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf: Martinistraße 52, www.uke.de



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2018. Das Magazin ist seit dem 29. September 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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1 Frage, 1 Antwort – mit Holger Kraus

Holger Kraus sammelt seitdem er 14 ist Filme. Unter dem Namen „Flexibles Flimmern“ inszeniert er Filme an ungewöhnlichen Orten. Seit fast 20 Jahren lebt er im Karoviertel und streift von dort aus durch die Stadt.

SZENE HAMBURG: Was würdest du am meisten bereuen, wenn du es nicht getan hättest?

Wenn ich vor etwas mehr als zwölf Jahren mein Leben nicht radikal geändert hätte. Die Entscheidung galt zunächst der Abwendung vom herkömmlichen Eventmarketing – ein Job, der zwar mein Konto füllte, aber meine Seele nicht nährte. Der Bauch ging voraus und ich folgte. 28 Jahre bewusste Filmrezeption wiesen mir den Weg. Ich gründetet damals das mobile Kino „Flexibles Flimmern“ und betrat die Kinolandschaft Hamburgs.

Mit der Befreiung der Filmvorführungen von festen Räumen und die Erweiterung der Filmrezeption durch sinnliche und handfeste Erlebnisse vor Filmbeginn entwickelte sich auch meine persönliche Souveränität weiter. Statt Auftraggeber meine Inhalte bestimmen zu lassen, mache ich seitdem mein eigenes Programm und gestalte somit auch mein Leben eigenständiger –sogar meine Bildung. Wenn Themen mich berühren und ich mehr darüber wissen möchte, mache ich einfach eine Veranstaltung dazu und lerne.

Ich treffe dadurch Menschen, die etwas bewegen und vertiefe mein Wissen um unsere Stadt. Seien es Denkmäler oder soziale Ungerechtigkeit. Die Stille um die Trauer oder die Entdeckung neuer Orte. Und ich kann meine Entdeckungen weitergeben – Gästen neue Blickwinkel und Hamburgern neue Ecken ihrer Stadt zeigen. Und den dämlichen Populisten mit klaren sozialgesellschaftlichen Inhalten entgegentreten. Getreu dem Flimmermotto: Stöbert schön in euerm Leben.

Foto: Michael Kohls


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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Finkenwerder – Heimat südlich der Elbe

Einmal Finkenwerder, immer Finkenwerder – so sagen es die Bewohner. Ein Stadtteil, der sich kaum verändert. Dazu bezahlbare Mieten und die weitläufige Natur vor der Tür – genug Gründe, sein Leben lang zu bleiben.

Mit einem leichten Stupser an die Kaimauer legt die Fähre am Anleger Finkenwerder an. Gischt spritzt hoch, das Boot schwankt leicht. Es piept und die Rampe für die Passagiere wird heruntergelassen, so wie jeden Tag, wenn das Schiff zur Halbinsel fährt. Bei Wind und Wetter, ob es stürmt oder schneit – die Linie 62 der Hadag legt an und ab. Heute scheint die Sonne, weshalb auch viele Touristen hier von Bord gehen und ein großer Teil der Passagiere schiebt sein Fahrrad vom Schiff. Eine Reise nach Finkenwerder ist nicht nur die günstigere Hafenrundfahrt – wie die Stadt Hamburg selber anpreist – am Ende landet man in einem kleinen Idyll, in dem die älteren Herrschaften tatsächlich noch Platt schnacken.

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Glücklich verwurzelt in Finkenwerder: Maren Barth- Schulz Julie Sawall, Lisa Schwenzitzki (v. l. n. r.).

Ein grüner, schon fast dörflich wirkender Stadtteil: ein Kreisel, eine Eisdiele, ein Supermarkt und ein paar kleinere Läden. Es ist fast wie in den Urlaub fahren. Auch weil gleich hinter dem Ortskern die weite Landschaft beginnt.

„Wir genießen das viele Grün und die Natur um und in Finkenwerder“, sagt Lisa Schwenzitzki. Die 20-Jährige lebt schon immer in dem Ort, ist hier zur Schule gegangen und auch seit Kindesbeinen an Mitglied bei der Finkenwarder Speeldeel, eine norddeutsche Folklore-Gruppe. Ebenso Maren Bart-Schulz (37) und Julie Sawall (18). An einem Tisch in ihrem Vereinshaus sitzend, erzählen sie von ihrer Heimat und sind sich einig: Für ein Kind ist es hier sehr schön aufzuwachsen. Höhlen bauen, auf Bäume klettern oder mit Inlineskates über die Kaimauer donnern, das alles sei hier immer noch möglich. Auf der einen Seite fließt die naturbelassene Süderelbe, auf der anderen Seite beginnt das Alte Land mit seinen Obstplantagen, das viele Touristen anlockt und die hier von den Einheimischen liebevoll „Blütenspanner“ genannt werden.

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Das Vereinshaus Finkenwarder Speeldeel.

Rund neun Millionen Passagiere befördert die Hadag jährlich mit ihren Fähren durch den Hamburger Hafen bis runter nach Teufelsbrück und Blankenese. Alleine auf der Strecke der Linie 62 bis nach Finkenwerder sind es 4,5 Millionen. Doch die meisten Besucher bleiben im Anlegerbereich oder fahren auf den Elbradwegen weiter. Der Ort selbst wird weitestgehend verschont. Rund 12.000 Menschen leben hier auf einer Fläche von etwa 19 Quadratkilometern. Neben kleinen Fachwerk- und Reetdachhäusern, alten, urig und maritim wirkenden Fischerhäuschen finden sich auch die für Hamburg typischen Rotklinker-Bauten. Doch über drei, maximal vier Stockwerke scheint hier kein Haus zu reichen.

Im naheliegenden Ottensen wohnen vergleichsweise dreimal so viele Menschen auf einem Sechstel der Fläche von Finkenwerder. Auch die Mietpreise könnten unterschiedlicher nicht sein. Kostet der kalte Quadratmeter im hippen Viertel durchschnittlich 14 Euro, zahlt der Finkenwerder um die 9 Euro. Zehn Minuten braucht die Fähre von Finkenwerder nach Ovelgönne, aber dazwischen liegen Welten.

Maren, die ihren kleinen Sohn auf dem Arm hält, wohnt direkt im Zentrum, nahe dem Anleger. Julie und Lisa wohnen im Ort, in der Nähe vom Airbus-Gelände. Der Stadtteil Finkenwerder hat zwar eher einen Dorfcharakter, „doch durch das Industriegelände nebenan, ist es auch sehr städtisch geprägt“, erzählt Maren, „Vorher war hier ein Fischereibetrieb.“ Dann gründete dort die Hamburger Flugzeugbau, ein Tochterunternehmen von Blohm und Voss, ihr Werk. Inzwischen hat Airbus das Gelände übernommen. Waren es im Jahr 2.000 noch knapp 8.000 Mitarbeiter, werkeln heute mehr Menschen auf dem Gelände, als in Finkenwerder leben – ein Dorf im Dorf.

Was den Stadtteil besonders schön zum Leben macht, ist der familiäre Zusammenhalt, das Heimatgefühl. Hier kennt man sich. „Der Markt ist nicht groß, es sind nur wenige Stände, aber wenn man dort hingeht, braucht man Stunden“, so Julie, „Man klönt einfach mit allen.“ Die 18-Jährige war gerade ein Jahr in Australien und erlebte dort das komplette Gegenteil. Als Backpacker hat sie auf ihrer Reise Menschen aus vielen verschiedene Nationen kennengelernt, die man hier im Ort nicht so geballt antreffe. Der Ort ist eher beständig, es gäbe zwar auch hin und wieder neue Gesichter, aber es bleibe alles beim Alten. Maren hat zwischenzeitlich für ein paar Jahre in Eimsbüttel gelebt, ist aber wieder zurückgekommen. Sie habe das Familiäre vermisst. „Nach fünf Jahren kannte ich gerade mal zwei meiner Nachbarn“, erinnert sie sich. „Wenn man hier aufgewachsen ist, dann bleibt man hier, oder kommt immer wieder zurück“, erklärt Lisa.

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Zuverlässig und fix: Rund zehn Minuten braucht die Fähre von Finkenwerder bis nach Altona.

Ursprünglich gehörte Finkenwerder zu den „richtigen“ Elbinseln, doch aufgrund zahlreicher Sturmfluten im 12. und 13. Jahrhundert begann man nach und nach mit dem Deichbau, wodurch die Landverbindungen geschaffen wurden. Die wichtigste Verbindung ist aber die Fähre. Während die Städter bei Sturm Verspätungen auf die unregelmäßig fahrenden Busse und Bahnen schieben können, fährt die Fähre verlässlich bei jedem Wetter. „Außer bei Packeis“, so Maren, „Dann müssen sich die Eisbrecher erst einen Weg durch die gefrorene Oberfläche bahnen und die Schollen beiseiteschieben.“

Auch ist die Fähre die Verbindung zum Nachtleben. Denn das ist hier so beschaulich wie alles andere und zum Tanzen geht es auf den Kiez. Im Ort treffe man sich auf ein paar Bierchen im Vereinshaus oder an den Elbufern zum Grillen. Ein beliebter Platz ist das Vorland beim Duckdalben im Gorch-Fock-Park, an dem der Sonnenuntergang besonders schön sei. Was nach einem guten Ort klingt, um heimlich zu knutschen, eignet sich tatsächlich weniger dafür. Viele Anwohner gehen dort abends spazieren. „Immer kommt irgendwer um die Ecke, der entweder meine Mutter oder meinen Vater kennt“, so Lisa, „dann weiß es schnell ganz Finkenwerder.“ Aber keine Sorge, heimlich geknutscht wird hier trotzdem.

Über den kleinen Kreisel in der Dorfmitte geht es zurück zum Anleger. Von der anderen Seite der Elbe sieht man schon das Schiff anfahren, dass sich durch das Wasser pflügt. Mit einem leichten Stupser legt die Fähre am Pier an und der Ponton schwangt. Es piepst und die Rampe wird heruntergelassen. Viele Touristen steigen wieder an Bord des Schiffes, mit Sack und Pack und natürlich den Fahrrädern. Ihre Tour ist vorbei und schon legt die Fähre ab und schippert zurück, rüber zur großen, hektischen Stadt.

Text & Fotos: Elena Ochoa Lamiño


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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Frisch im Oberhafen: Die Hobenköök ist eröffnet!

Gutes Zeug Kartoffel, Möhren und Co. vom Bauern aus der Region landen direkt in den Körben der Markthalle – eine bis spätabends geöffnete Alternative zu den Wochenmärkten.

Seit dem 10. August 2018 hat die Hobenköök Tür und Tor für Genießer geöffnet. In der zu Plattdeutsch „Hafenküche“ gibt es neben zahlreichen Produkten aus Manufakturen und von Höfen aus der Region, besondere Gemüse der Saison, die es nur selten in einen normalen Supermarkt schaffen. „Gelbe Karotten, weiße Bete, Zitronengurken – ich koche damit bereits seit Jahren und alle haben mich ständig gefragt, wo es die zu kaufen gibt. Meine Antwort war immer die gleiche: auf dem Wochenmarkt“, so Thomas Sampl.

Doch die meisten, mit denen er darüber sprach, sagten ihm, dass sie zu den typischen Marktzeiten bei der Arbeit seien. Der Spitzenkoch und Initiator der Markthalle sah ein Problem, für das in Hamburg bisher noch niemand eine Lösung gefunden hatte. Unterstützt von seinen Partnern und Gastronomen Neele Grünberg und Frank Chemnitz entwickelte er deshalb das neuartige Konzept der Hobenköök. Die bietet ab jetzt ein typisches Wochenmarktsortiment mit Produkten aus der Region – bis abends und am Wochenende. So können auch Hamburger, die erst um 20 Uhr aus dem Büro kommen noch gute und außergewöhnliche Lebensmittel einkaufen.

Doch Fans von regionaler Küche können hier nicht nur shoppen, sondern im Restaurant der Markthalle auch speisen. Damit wurde ein schöner Ort zum Genießen und die Lösung für ein weiteres Problem geschaffen: Denn wo Lebensmittel verkauft werden, werden sie in der Regel auch weggeschmissen.

Thomas Sampl und sein Team wollen genau das vermeiden. So werden köstliche Menüs aus den Sachen gekocht, die woanders wohl ein paar Tage später im Müll landen würden. Ein Konzept, das schmeckt.

Text und Foto: Jennifer Meyer, Jupiter Union

www.hobenkoeoek.de, Stockmeyerstraße 43, Mo-Sa 10–20 Uhr.


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Wohnungsmarkt – Ungebremste Mieten und schamlose Vermieter

Der Vorsitzende des Mietervereins zu Hamburg, Siegmund Chychla, im Gespräch über die gescheiterte Mietpreisbremse und rücksichtslose Vermieter.

Dieser Tage drängt sich wieder ins öffentliche Bewusstsein, was von manchen schon fast als gottgegeben hingenommen zu werden scheint: Die Lage auf dem Wohnungsmarkt in Hamburg ist erschreckend. Mietpreise, die einem noch vor wenigen Jahren lächerlich überteuert vorkamen, sind inzwischen Normalität. Die horrenden Summen sind nicht nur ein Smalltalk-Dauerbrenner auf Partys – sie geben Grund für ernsthafte Existenzängste, die längst nicht mehr nur Geringverdiener betreffen, sondern bis in die Mittelschicht reichen.

Und so ist es kaum verwunderlich, dass sich die Ereignisse irgendwann überschlagen, wie es in jüngster Vergangenheit der Fall war. Was ist passiert?

Zunächst verschafften Anfang Juni rund 3.000 Menschen aller Couleur ihrem Ärger Ausdruck, als sie beim „MietenMove“ auf die Straße zogen und in der Innenstadt drei Stunden lang „für eine solidarische und soziale Wohnraumpolitik“ in Hamburg demonstrierten.

Die unwirksame Mietpreisbremse

Ein beliebtes Motiv war dabei der Miethai. Gemeint sind jene Immobilienbesitzer, die sich ohne Rücksicht auf die Allgemeinheit selbst bereichern. Das Netzwerk „Recht auf Stadt“, das die Demo mitinitiierte, wirft Miethaien wie dem skandinavischen Immobilienunternehmen „Akelius“ vor, Immobilien in Szenevierteln im großen Stil aufzukaufen, Sanierungen vorzunehmen und sie anschließend für maßlos erhöhte Preise wieder auf den Markt zu werfen.

Auch das jüngste Ereignis hat zur Zuspitzung des Konflikts beigetragen: Die ohnehin kraftlose Mietpreisbremse wurde vom Landgericht für unwirksam erklärt, sie hat für alle Verfahren, die vor September 2017 eingereicht wurden, keine Rechtskraft. Das Landgericht Hamburg wies in zweiter Instanz die Klage eines Mieters aus Ottensen ab, der nach der Einführung der Mietpreisbremse im September 2015 in eine Wohnung in Ottensen gezogen ist.

Dort zahlte er 14,01 Euro pro Quadratmeter. Laut Mietenspiegel liegt die ortsübliche Miete allerdings bei nur 8,75 Euro. Das heißt, die Miete hätte eigentlich bei dem erlaubten Aufschlag von zehn Prozent nur maximal 9,63 Euro betragen dürfen. Das Landgericht gab bei der Berufungsverhandlung an, dass der Hamburger Senat zu spät öffentlich begründet habe, warum der Wohnungsmarkt in Hamburg angespannt sei. Erst im Jahr 2017 sei eine öffentliche Begründung erfolgt. Als der Altonaer Bürger den Mietvertrag im September 2015 abschloss, hätte die Begründung also bereits veröffentlicht sein müssen.

Der Mieterverein zu Hamburg wirft dem Senat nun handwerkliche Fehler vor. Im Gespräch erklärt dessen Vorsitzender, Siegmund Chychla, was passiert ist und was sich in Zukunft auf dem Wohnungsmarkt ändern muss.

SZENE HAMBURG: Herr Chychla, das Landgericht Hamburg hat aus formellen Gründen die Mietpreisbremse für ungültig erklärt – und Sie sind dementsprechend sauer.

Siegmund Chychla ist der Vorsitzende des Mietervereins zu Hamburg.

Siegmund Chychla: Die Mietpreisbremse ist ohnehin keine richtige Bremse. Die vielen Ausnahmen und Inkonsequenzen haben dazu geführt, dass dieses Instrument kaum gewirkt hat. Und dann kam das i-Tüpfelchen, als Mitte 2017 mit der Entscheidung des Amtsgerichts Altona bekannt wurde, dass der Senat bei Erlass der Verordnung möglicherweise handwerkliche Fehler gemacht hat. Wir haben damals schon gesagt, dass der Verordnungsgeber Klarheit schaffen und nachbessern muss. Bedauerlicherweise haben unsere Hinweise nicht gefruchtet, weil die Behörde an ihrer Rechtsauffassung festhielt. Drei Jahre nach Erlass der Verordnung hat nun auch das Landgericht dem Hamburgischen Senat ins Stammbuch geschrieben, dass die Verordnung nicht ordnungsgemäß erlassen wurde.

Wie hat der Senat damals auf ihre Forderung geantwortet?

Der Senat hat sich stets auf die Rechtsposition zurückgezogen, dass es in Hamburg nicht notwendig ist, die Begründungen von Verordnungen zu veröffentlichen. Angesichts der extremen Unsicherheit hätte aber eine umsichtige Verwaltung sämtlichen Zweifeln Rechnung tragen müssen. Ich wähle immer einen überspitzten Vergleich: Wenn bei einem Mixer die Gefahr besteht, dass er Schaden anrichtet, gibt es vom Hersteller eine große Rückrufaktion.

Die Stadtentwicklungsbehörde sagt, bei der Urteilsverkündung in Altona handele es sich um einen Einzelfall und Klagen wegen überhöhter Mieten wären weiterhin möglich.

Das Landgericht ist eine Berufungsinstanz der Amtsgerichte, und es gibt viele Amtsgerichte, die auf diese Entscheidung gewartet haben. Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass sie sich in Zukunft bei gerichtlichen Verfahren nicht gegen das Urteil des Landgerichts entscheiden werden. Man kann unter diesen Umständen keinem Mieter guten Gewissens raten, gegen zu hohe Mieten zu klagen. Die Rechtsunsicherheit führt dazu, dass er am Ende vermutlich auf den Kosten sitzenbleibt.

Abgesehen von den formellen Fehlern: Sie sagten ja schon, dass die Mietpreisbremse sowieso kaum gewirkt hat. Warum?

Weil es zu viele Ausnahmen gibt. Alle Wohnungen, die nach dem 1. Oktober 2014 gebaut worden sind, unterliegen zum Beispiel nicht der Verordnung. Auch umfangreiche Modernisierungen sollen die Anwendung der Mietpreisbremse ausschließen. Der gröbste Fehler ist aber, dass der Vermieter die zu viel gezahlte Miete nicht von Beginn des Mietverhältnisses, sondern erst ab dem Zeitpunkt einer qualifizierten Rüge des Mieters zurückzahlen muss. Das heißt: Wenn Sie jeden Monat im Kaufhaus Sachen einstecken und irgendwann erwischt werden, dann brauchen Sie all das, was sie vorher genommen haben, nicht zurückzugeben. Vermieter gehen gar kein Risiko ein, wenn sie sich nicht gesetzeskonform verhalten. Es fehlen schließlich Sanktionen.

Ein Beispiel: In der Eichenstraße hat die Akelius GmbH eine 106 Quadratmeter große Wohnung saniert und für einen Mietpreis von 25 Euro pro Quadratmeter angeboten. Akelius verwies auf jene Ausnahmeregelung der Mietpreisbremse, laut der eine Wohnung nach umfassenden Sanierungen nicht mehr der Verordnung unterliegt. Das hört man oft: Wohnungen werden minimal saniert und überteuert wieder auf den Markt geworfen.

Was Akelius nicht sagt: Eine umfassende Sanierung, die dazu führt, dass die Mietpreisbremse nicht wirkt, ist nur dann anzunehmen, wenn die Kosten der Sanierung über einem Drittel der Neubaukosten liegen. Das Problem ist, dass der Mieter gar keinen Anspruch darauf hat, vor einem Prozess zu erfahren, wie hoch die Investitionskosten waren. Der Vermieter kann schweigen und erst im Prozess offenlegen, wie er das alles kalkuliert und finanziert hat. Und dann ist der Mieter wieder im Nachteil, weil er erst dann erfährt, ob seine Annahme zutreffend oder unzutreffend war.

Was kann man dagegen tun?

Wir fordern auf Bundesebene als Landesverband des Deutschen Mieterbundes in Hamburg, dass die Mietpreisbremse so nachgebessert wird, dass grundsätzlich keine Ausnahmen mehr zugelassen werden. Und wer sich nicht an die Regeln hält, muss umgehend mit Sanktionen belegt werden.

Ein anderes Thema, das für Aufregung sorgt, ist der Eigenbedarf. Wollen Vermieter ihre Mieter loswerden – um anschließend von den neuen Bewohnern eine höhere Miete zu kassieren – wird Eigenbedarf angemeldet. Und notfalls werden Mieter auch rausgeekelt.

Mein Eindruck ist: Je enger der Wohnungsmarkt, desto höher die Anzahl der Eigenbedarfsklagen. Gegen einen normalen Eigenbedarf kann man nichts sagen. Aber leider hat die Rechtsprechung in der letzten Zeit den Kreis derjenigen, zu deren Gunsten der Vermieter seinem Mieter kündigen kann, sehr erweitert. Das führt dazu, dass Vermieter immer jemanden finden, der angeblich auf die Wohnung angewiesen ist. Und sobald der Mieter auszieht, ändert der Vermieter plötzlich sein Vorhaben und verkauft die entmietete Wohnung. Diese Vorgehensweise ist für den Vermieter lukrativ, weil eine mietfreie Wohnung auf dem Immobilienmarkt ein Drittel mehr bringt als eine vermietete.

Wieder die Frage: Was kann man dagegen tun?

Back to the roots. Der Eigenbedarf soll wieder nur dann angenommen werden, wenn der Vermieter die Wohnung tatsächlich „benötigt“. Ein Student braucht keine 100 Quadratmeter große Wohnung in Harvestehude. Der Eigenbedarf muss nachvollziehbar und angemessen sein. Wir fordern, dass das Gesetz präzisiert wird und damit der Kreis der möglichen Personen, für die man Eigenbedarf geltend machen kann, verringert wird.

Haben Sie eigentlich den MietenMove Anfang Juni verfolgt?

Ja. Der MietenMove hat zu 80 Prozent die Forderungen unseres Vereins aufgenommen. Wir haben aber nicht mitgemacht, weil dort zum Teil Forderungen und Behauptungen aufgestellt wurden, die wir nicht mittragen können.

Welche?

Zum Beispiel die Unterstellung, dass die Stadt nur für Reiche baut. Hamburg ist bundesweit beim Wohnungsbau ein Vorbild für die gesamte Bundesrepublik. Die allgemeine Unterstellung, dass der Wohnungsbau allein nicht dazu geführt hat, dass der Mietenanstieg gestoppt wurde, ist banal. Ohne den Wohnungsbau wären die Mieten noch schneller gestiegen. Und was man auch nicht ausblenden darf: Der Senat hat zwischen 2011 und 2016 Rahmenbedingungen für den Bau von mehr als 40.000 Wohnungen geschaffen. Im selben Zeitraum sind aber eben mehr als 100.000 Menschen dazugekommen.

Welche Forderungen unterstützen Sie?

Auch wir sind natürlich für mehr bezahlbare Wohnungen. Deshalb sagen wir: Hamburg braucht nicht nur 10.000 Wohnungen und davon 3.000 Sozialwohnungen pro Jahr, sondern mindestens 6.000 Sozialwohnungen. Wenn beim MietenMove aber gefordert wird, dass es keine Nachverdichtung im Bestand geben darf und keine freien Flächen bebaut werden dürfen, dann frage ich mich, wo man bauen soll, um etwa die mehr als 30.000 Menschen mit Wohnraum zu versorgen, die zurzeit in Containern und anderen Notunterkünften leben. Nach Angaben des Flüchtlings-Koordinators ist mit einem weiteren jährlichen Zuzug von 5.000 Geflüchteten zu rechnen.

Ganz allgemein: Wie prekär schätzen Sie die Lage ein? Die Wohnungsmarktlage ist schlimm. Der enorme Zuzug hat trotz der vielen Wohnungsneubauten leider dazu geführt, dass die Wohnraumversorgung heute nicht besser ist als 2011, als die SPD das Regierungsruder übernommen hat. Unsere Forderung an die Politik ist deshalb, dass noch mehr gebaut wird. Anders kriegt man den enormen Zuzug nicht in den Griff.

Text & Interview: Ulrich Thiele
Beitragsfoto: Birgit Otte


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altonale20 – Die XXL-Interaktion

Das Hamburger Kulturfestival wird 20 und hat zum runden Geburtstag ein neues Motto ausgerufen: „Grenzen“.

Ganze 17 Tage, mehr als 2.000 Künstler, über 200 Veranstaltungen: Die altonale, Hamburgs Kulturfestival der besonderen Art, hat in seiner 20. Ausgabe ein erwartungsgemäß pickepackevolles Programm. Und das, ohne einen Eintritt festzuschreiben. „Pay what you want“, so der Festivalslogan, oder auch: „Mach es möglich – zahle deinen Beitrag und unterstütze Kunst und Kultur nachhaltig“. Gemeint ist, dass Besucher genau das beisteuern sollen, was sie für angemessen halten. Ein roter Vogel mit Hut wird altonale-Gästen in Verbindung mit Bezahlstationen bei den Veranstaltungen begegnen. Diese Art von Wertschätzung für das Erlebte ist freilich wichtig für die Finanzierung des Ganzen. Denn nicht mehr als zwölf Prozent des Gesamtetats von 900.000 Euro werden aus öffentlichen Geldern gefördert. Immer wieder müssen Sponsoren und Unterstützer gefunden werden, um die altonale möglich zu machen.

Dancing Dabke

Die ersten vier altonale-Tage werden begleitet von STAMP, dem internationalen Festival der Straßenkünste, das in diesem Jahr eine spezielle Einlage plant: eine Choreografie für alle. Das Ziel von STAMP ist es, die vielfältige Gesellschaft darzustellen und die unterschiedlichen Stimmen zu einem Dialog zu verbinden. Das soll gelingen, in dem alle, Festivalmacher und – Besucher, gemeinsam den sogenannten Dabke tanzen, einen Tanz aus Ländern des Nahen Ostens, dessen Schrittfolge gelernt (siehe Video) und auf die Paradenstrecke zwischen Bruno-Tesch-Platz und Platz der Republik gebracht ist (Start: 3.6., 15 Uhr). Entwickelt wurde dieses STAMP-Schmankerl in Zusammenarbeit mit HausDrei von den Choreografen Rica Blunck und Patricia Carolin Mai. Die syrische Band Syriab wird zum Abschluss des Dabke-Spektakels im Park dazukommen und den passenden Soundtrack liefern, nämlichen einen Mix aus klassischer und orientalischer Musik.

Top-Location: Krankenhaus

Allgemein ist die altonale an Facettenreichtum erneut kaum zu überbieten, hat Kultur und Kulinarik ebenso im Programm wie Sport- und Informationsveranstaltungen. Spannend sind auch die ausgewählten altonale-Spielorte. Nicht selten überraschen die Macher mit ungewöhnlichen Locations und führen das Publikum an Plätze, die es womöglich niemals mit einem Unterhaltungsfestival in Verbindung gebracht hätte. Bestes Beispiel: die Asklepios Klinik Altona (5.- 12.6.). Nachdem die altonale-Kulturreihe „(Not) At Home“ im vergangenen Jahr in den leeren Hallen des einstigen OBI-Baumarktes von Altona-Bahrenfeld aufgeschlagen ist, geht es jetzt ins Krankenhaus. Malerei, textile Installation, Videokunst, Fotografie – das alles wird hier, in dem alten Klotz an der A7, zu sehen sein. Das größentechnische Gegenteil ist die temporäre Kunstaktion Wortfindungsamt. Auch hier geht es vor allem um Interaktion. In einem pinkfarbenen Bauwagen wird ein Amt eingerichtet, in dem jeder ein für sich oder sein Umfeld bedeutsames Wort einreichen kann. Genehmigte Wörter können später in Form von Schildern wieder abgeholt und im Stadtbereich aufgehängt sowie für die Wortfindungsamt-Website fotografiert werden. Ziel: das Sensibilisieren des Blickes für den alltäglichen Lebensraum.

Auf diese und viele andere Arten schafft es die altonale, ihr derzeitiges Motto in die Tat umzusetzen, ja es sogar ein Stückweit verschwinden zu lassen. Denn „Grenzen“ werden in diesen 17 Tagen nicht gezogen, sondern gesprengt.

Text: Erik Brandt-Höge
Beitragsfoto: Hannes Windrath

1.-17.6.2018; www.altonale.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

Instrument statt Waffe

Im Kulturladen in St. Georg gibt es Deutschlands einziges Kindermandolinenorchester. Seit elf Jahren bringt Ali Shibly dort Kindern verschiedener Nationalitäten das Instrument näher.

Musik ist Ali Shiblys Hobby seit der Kindheit. Der Ira­ker träumte schon früh von einem Kinderorchester: „Nach dem Krieg herrschte ganz viel Chaos. Ich dachte mir: In je­dem Haus im Irak sollte lieber ein Musikinstrument statt einer Waffe sein.“ Es sollte allerdings noch ein paar Jahre dauern, bis er diesen Traum umsetzen konn­te. Zunächst zog es ihn nämlich nach Mazedonien, wo er Archi­tektur studierte und als Schau­spieler und Musiker arbeitete. 17 Jahre blieb er schließlich dort, bevor es ihn 1998 als Musiklehrer und Jugendbetreuer nach Ham­burg zog.
Hier musizieren heute im Kulturladen St. Georg 35 Kin­der und Jugendliche aus 14 verschiedenen Ländern, darunter auch zehn Flüchtlinge aus Sy­rien mit Ali. Sie lernen bei ihm Mandoline, Gitarre oder Per­kussion. Dass das Kinderorches­ter existiert, ist dabei einem Zu­fall zu verdanken. Ein Freund hatte den Musiker um Rat ge­fragt: Seine vier Kinder wollten ein Instrument lernen, wussten aber nicht welches. Ali schlug Mandoline vor, da sie – anders als die Gitarre – nur vier Seiten hat und so leichter zu erlernen ist. Was noch fehlte, war ein ge­eigneter Unterrichtsraum. Der Kulturladen St. Georg bot sich unter der Voraussetzung an, dass auch andere Kinder bei Ali das Musikinstrument lernen dürften.

,,Viele Kinder machen später im Profiorchester weiter – das macht mich sehr stolz”

„Danach entwickelte sich alles von selbst: Kinder brach­ten andere Kinder. Schnell wur­den wir eine große Gruppe“, er­zählt der Eppendorfer. Seit­dem wird unterrichtet, ganz un­kompliziert, jeden Samstag und Sonntag von 11 bis 15 Uhr. Das Angebot ist kostenlos und auch eine Anmeldung ist nicht nötig.Nach einer Weile wurde das Mandolinenorchester immer öfter zu Konzerten eingeladen, so wie jüngst zum einjährigen Geburtstag des Flüchtling-Magazins. Manchmal sind Auftritte auch weiter weg: 2009 war die Gruppe zum Beispiel in Ägypten. Die Konsulin von Ägypten hatte die Gruppe bei einem Konzert in der Uni Hamburg gesehen und sie kurzerhand zu einem Kinderfestival eingeladen. Drei Einladungen nach Dubai dagegen musste das Orchester allerdings ablehnen – während der Schulzeit sind solche Besuche nicht möglich.
Meist sind es Festivals und Veranstaltungen in Hamburg und Norddeutschland, auf denen das Orchester spielt. Gagen gibt es oft keine, wenn doch, dann fallen sie gering aus. Für das Orchester steht ohnehin der Spaß im Vordergrund. Die Stadt Hamburg belohnte Alis Arbeit 2012 mit dem Bürgerpreis für herausragendes Engagement in der Integrationsarbeit.

Ein Instrument kann bei Ali jeder lernen, egal wie alt, ob blutiger Anfänger oder eingerosteter Gelegenheitsspieler. Wer erst mal ausprobieren möchte, ob ein Instrument überhaupt etwas für einen ist, dem stellt Ali auch gerne eines zur Verfügung. Schließlich weiß der Iraker noch zu gut, wie sich die Sehnsucht nach einem Instrument anfühlt: „Ich wollte als Kind unbedingt ein Instrument haben, aber meine Eltern hatten kein Geld. Und es war auch schwer, einen Musiklehrer zu finden“, erinnert sich der 56-Jährige. Er selbst hat heute 15 Mandolinen, der Kulturladen zehn. Alis älteste Schülerin ist eine 57-jährige Witwe. Ihr Psychologe hatte ihr empfohlen, ein Instrument zu erlernen. Eine andere Schülerin von ihm studiert jetzt Musik, nachdem sie sechs Jahre bei Ali Mandoline lernte. Zwei weitere waren zehn Jahre dabei, musizieren heute professionell in Berlin und London. „Über 300 Kinder haben Mandoline bei mir gelernt. Viele machen später im Profiorchester weiter. Das macht mich sehr stolz.“

www.kulturladen.com/english-mandolinenorchester

Text: Melina Seiler 
Beitragsfoto: Jakob Börner


Als Ali Shibly 1998 nach Deutschland kam, gründete er sehr bald die Shiblyband. Das deutsch-arabische Gemeinschaftsprojekt macht Orientjazz und hat bereits drei Alben veröffentlicht. www.shiblyband.de

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#7 Kellerkneipe: Herr Buhbe

Zeit zum Luft holen, Abhängen und Runterkommen. Am besten bei einem kühlen Pils in einer lauschigen Bar. Wir zeigen darum unsere liebsten Kellerkneipen. Nummer 7: Herr Buhbe.

Wir ziehen den Bauch ein, stellen uns auf die Zehenspitzen und machen uns so dünn wie möglich, damit wir durch den Türspalt im vollgestellten Hinterzimmer passen. Von hier aus führt uns Chefin Tina Popovic eine schmale Treppe hinunter in die Katakomben des Herr Buhbe. Vor uns liegt ein langer Laubengang. Rechts reiht sich eine Nische an die nächste, links gelangt man in einen großzügigen Kellerraum. Anfang des 20. Jahrhunderts lagerte der Gastronom und Winzer Eduard Buhbe hier unten seine Weinfässer. In den 00er Jahren fanden in dem Haus, dessen Eigentümerin die SAGA ist, geheime Sadomaso-Partys statt.

Tina Popovic, die mit ihrer Mutter Dubravka Popovic seit 2007 das Thämers ein Stockwerk höher und seit 2012 das Herr Buhbe betreibt, erinnert sich noch an einschlägig gekleidete Gäste, die manchmal vor der Tür Schlange standen, als Herr Buhbe noch SittsaM hieß. Erst seit 2012 geht es hier tatsächlich sittsam zu.

Die Frauen Popovic haben einen charmanten Umgang mit den Fußstapfen ihrer Vorgänger gefunden. Die holzvertäfelten Wände, das alte Mobiliar, Weinflaschen aus den 70er Jahren mit vergilbten Etiketten. Herr Buhbe ist mehr Restaurant als Kneipe. Man kann hier gut Bratkartoffeln oder Burger essen, aber mindestens genauso gut am Abend einen Gin Tonic trinken. Wirklich besonders ist die familiäre Stimmung, die das Lokal verbreitet. Herr Buhbe und das Thämers sind heute sowas wie die Seele der Neustadt. Nur wer die Augen offen hält, findet hier und da einen Hinweis auf vergangene Tage.

Kneipengründungsjahr: 1898 Weinstube Buhbe, seit 2012 Herr Buhbe
Fassbiere: Ratsherrn Pils, Zwickel, Rotbier, Pale Ale, Augustiner
Musikstil: Chansons, Indie, Pop, Hauptsache modern
Rauchen: Im Raucherraum oder vor der Tür
Besonderheit: Katakomben & Tradition (Eduard Buhbe & Söhne)

Text: Alessa Pieroth

Foto: Michael Kohls

Herr Buhbe: Wexstraße 42 (Neustadt), Tel 34 66 89, Mo-Fr 12–15 und 18–24; Sa 18–24 Uhr, Küche bis 23 Uhr; www.thaemers.de

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#6 Kellerkneipe: Nowa Huta

Zeit zum Luft holen, Abhängen und Runterkommen. Am besten bei einem kühlen Pils in einer lauschigen Bar. Wir zeigen darum unsere liebsten Kellerkneipen. #6 Nowa Huta.

Nowa Huta ist ein Stadtteil Krakaus, der dem Muster einer Planstadt folgend in Form eines halben Achtecks mit zentralem Platz angelegt wurde. Der zentrale Platz der Nowa Huta in Eimsbüttel ist selbstverständlich die Bar, die neben den typisch polnischen Spirituosen so besondere Schätze wie selbst gemachte Sirups (Sanddorn, Quitte, Cassis, Petersilie), Birkenschnaps und Moosbeersaft bereithält. Daraus werden fantasievoll klingende Drinks à la Rosa Albrecht, das letzte Einhorn und – als zeitgenössisches Special – Covfefe Royal (Gin Tonic mit Moosbeersaft) kreiert.

Wer sich einmal entschieden hat, kann sein Getränk direkt am Tresen, in kleinen gemütlichen Sitznischen oder im Sommer auch draußen auf dem großzügigen und mit bunten Lichterketten dekorierten Vorplatz einnehmen und den Klängen wechselnder DJs lauschen. Die Zeiten, in denen in der Huta Klassiker der polnischen Küche wie Borschtsch, Soljanka oder Bigos angeboten wurden, sind zwar vorbei, aber so ein Cocktail mit Dill und Gurke ist ja auch ’ne halbe Mahlzeit. Na zdrowie!

Kneipengründungsjahr: 2011
Fassbiere: Pilsener Urquell
Musikstil: Je nach Barkeeper oder DJ, meist HipHop, Soul oder Elektro
Rauchen: Nein
Besonderheit: Selbst gemachte Sirups und polnische Spirituosen-Spezialitäten

Text: Julia Kleinwächter 

Foto: Michael Kohls

Lindenallee 37 (Eimsbüttel), Mi-Sa 19–3 Uhr; www.facebook.com/HutaNowa

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


Y’akotos Hood #3 – Osterbekkanal

Die Sängerin und Songschreiberin lebt mittlerweile in Paris. In Hamburg war Barmbek ihre Basis.

Mit uns hat Y’akoto Ausflüge zu ihren fünf Lieblingsplätzen gemacht und erzählt, was daran so besonders ist. Hier kommt Tipp Nummer 3: Der Osterbekkanal.

Barmbek ist in meinen Augen voll unterbewertet. Klar, jeder kennt den Stadtpark, aber nicht viele wissen von anderen schönen Ecken wie dieser. Hier kommen viele Menschen aus vielen verschiedenen Kulturen zusammen, weshalb ich mich hier auch sehr wohlfühle. Im Gegensatz zum Elbstrand, wo die Altonaer Hipster-Werber barfuß Beck’s trinken, hängt hier einfach nicht nur eine Sorte Mensch ab. Am Osterbekkanal gibt es natürlich auch Hipster, aber eben auch türkische Familien, die sich ein Picknick aufbauen, viele Afrikaner, einfach eine Mischung von Menschen. Und Wasser finde ich sowieso sehr charmant. Wasser bricht das Stadtbild immer ein bisschen auf. Meine Wohnung war sehr nah am Kanal. Bei gutem Wetter ein echter Lieblingsort.

Protokoll: Erik Brandt-Höge

Foto: Ana Maria Arevalo

Y’akoto Live: 21.4.18, 20 Uhr, Gruenspan


 

Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!