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StrassenBLUES: Draußen ist noch wer

In Zeiten menschenleerer Straßen kümmert sich der Verein StrassenBLUES auf verschiedenen Wegen um Obdachlose

Text: Erik Brandt-Höge

 

Einfache Geschichte: Wer während der Corona-Krise zu Hause bleiben kann, der bleibt auch zu Hause. Ist nicht immer toll, aber es gibt Schlimmeres als Homeoffice im Wohnzimmer, in der Küche, auf dem Balkon, im Garten. Schwieriger wird es, wenn kein Zuhause vorhanden ist.

Obdachlose haben es durch die Pandemie noch schwerer, ans Nötigste zu gelangen – es sind schließlich kaum noch Menschen da, die direkt auf der Straße mit Geld, Essen oder Kleidung helfen. Die Macher des gemeinnützigen Vereins StrassenBLUES e. V. haben sich einmal mehr Gedanken gemacht, wie den Mittellosen zur Seite gestanden werden kann.

Es wurden allerhand Aktionen ins Leben gerufen, etwa die StrassenSPENDE, die online abgegeben werden kann, und die von den ehrenamtlichen Vereinsmitgliedern in bar oder als Supermarkt-Gutscheine weitergeleitet wird. Wichtige, auch warme Mahlzeiten bringt das StrassenBLUES-Team ebenso direkt zu Menschen ohne festen Wohnsitz. Und es setzt sich dafür ein, dass Hotels leer stehende Zimmer zur Verfügung stellen, um Obdachlosen etwas Schutz zu bieten. Denn diese gehören aufgrund ihres schwachen Immunsystems zur Risikogruppe und haben auf der Straße nicht nur mit Armut und Hunger zu kämpfen, sondern auch mit Krankheiten und dem Virus, das die Welt gerade so sehr verändert.

www.strassenblues.de; www.strassenspende.de; www.strassensuppe.de; www.hotelsforhomeless.org; www.letmebesafe.org


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Aktion Hoffnungsbrief: Worte wie Umwarmungen

Die Diakonie-Stiftung MitMenschlichkeit lädt Hamburger ein, Briefe an Senioren zu schreiben, die momentan nicht besucht werden dürfen. Vor allem Kinder freuen sich über diese Möglichkeit

Text: Erik Brandt-Höge

 

Mitte März wurden Besuchseinschränkungen für stationäre Pflegeeinrichtungen beschlossen. Menschen in Alten­ und Pflegeheimen leben seitdem isoliert von ihren Lieben. Ei­nen kleinen, aber feinen Lichtblick bietet die Diakonie-­Stiftung MitMenschlich­keit. Sie hat kurzerhand die „Aktion Hoffnungsbrief “ gestartet. Und die geht so: Hamburger dürfen den über 3.200 Senioren, die in den 23 teilnehmen­ den Diakonie-­Einrichtungen zu Hause sind, ihre Gedanken in Zeiten von Corona schicken, vor allem natürlich ihre guten Wünsche und Hoffnungen.

Marta-hoffnungsbriefSeit dem 23. März wird jede Einrichtung wö­chentlich vom Diakonie­-Team beliefert – und das hat ordentlich zu tun. Bis Mitte April gingen rund 2.700 Briefe, Postkarten und Bilder ein. „Ich bin begeistert von den vielen liebevollen Briefen“, sagt Jutta Fugmann­-Gutzeit, Geschäftsführerin Diakonie-­Stiftung MitMenschlichkeit Hamburg und Initiatorin der „Aktion Hoffnungsbrief “. „Kleine Kunstwerke von Kindern sind dabei, Kitas senden Basteleien, Studentinnen schreiben über ihren Alltag. Da ist wirklich zu spüren, dass es darum geht, den älteren Menschen eine Freude zu machen. Das finde ich toll, gerade in dieser Zeit.“ Steht ein Absender auf der Hoffnungs­-Post, haben die Senioren zudem die Möglichkeit, sich zu bedanken und in den Austausch zu gehen.

Bewohnerinnen und Bewohner von Hamburger Alten- und Pflegeeinrichtungen dürfen ab heute, 18. Mai, wieder Besuch empfangen. Allerdings nur sehr eingeschränkt und nur mit einem Termin. Geschrieben werden kann daher weiterhin an diese Adresse:

Diakonie-Stiftung Mit Menschlichkeit, „Hoffnungsbrief “, Königstr. 54, 22767 Hamburg


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Corona in Hamburg: Die Stunde Null

Während die Wirtschaft in die Rezession rutscht, hat der Wunsch nach einer entschleunigten, klimaverträglichen und gerechten Welt samt bedingungslosem Grundeinkommen Hochkonjunktur. Bricht nun eine Zeit des gesellschaftlichen Wandels an? Ist eine bessere Welt „nach Corona“ denkbar? Über Wunsch und Wirklichkeit einer hinter Mundschutz geführten Debatte

Text: Marco Arellano Gomes

Wer die Altonaer Straße entlangspazierte, stieß in Höhe eines Discount-Marktes auf eine Backsteinwand, auf der ein Satz geschrieben stand, der die gegenwärtige Gefühlslage auf den Punkt bringt „We can’t return to normal“. Direkt darüber befinden sich einige reflektierende Fensterscheiben, die die Umgebung verzerrt widerspiegeln. Bäume krümmen sich darin und fließen, wie in einem Dalí-Gemälde, mit den schemenhaft erkennbaren Gebäuden der gegenüberliegenden Straßenseite zusammen, sodass sie ein skurriles Abbild der Realität wiedergeben. Normal, so vermittelt es diese Wand, ist gar nichts mehr.

 

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Ein Graffiti in der Altonaer Straße bringt die allgemeine Befürchtung zum Ausdruck (Foto: Marco Arellano Gomes)

 

Was ist das nur für eine Zeit, in der ein Virus das gesamte Leben zum Stillstand bringt? Ist es eine Phase, die rückblickend wieder vergessen sein wird? Oder ein epochales Ereignis, aus dem es kein Zurück gibt? „So viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen, gab es noch nie“, sagte der Philosoph Jürgen Habermas der Frankfurter Rundschau und empfahl, sich „mit unvorsichtigen Prognosen“ zurückzuhalten – was selbstverständlich nicht geschieht.

Henry Kissinger, Grandseigneur der Weltpolitik, meldet sich mit stolzen 96 Jahren im Wall Street Journal mahnend zu Wort: „Wenn die Covid-19-Pandemie vorüber ist“, so der ehemalige US-Außenminister, „werden die Institutionen vieler Länder in der Wahrnehmung der Menschen versagt haben. Es ist irrelevant, ob dieses Urteil objektiv gerechtfertigt ist. Die Wahrheit ist: Die Welt wird nach dem Coronavirus nicht mehr dieselbe sein.“ Selbst Jogi Löw, der ewige Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, fühlte sich berufen, die Corona-Krise zu kommentieren: „Die Erde scheint sich ein bisschen zu stemmen gegen die Menschen und ihr Tun.“

 

Alles scheint möglich

 

Mit einer Rückkehr zur Normalität rechnet inzwischen kaum noch jemand. Aber wenn es kein Zurück mehr gibt, was folgt dann? Ein sinkender Lebensstandard? Die Verarmung breiter Bevölkerungsteile? Ein weltweiter ökonomischer Niedergang? Verteilungskämpfe? Ein Anstieg der Kriminalität? Ein Erstarken autoritärer und nationalistischer Kräfte? Revolutionen? Oder vielmehr die Rückkehr des europäischen Gedankens? Eine Renaissance der Humanität? Die Zähmung des Kapitalismus? Eine Wiederbelebung der Vereinten Nationen? Die Abwahl Donald Trumps? Alles scheint möglich.

Die Ansichten darüber, wie die Post-Corona-Zeit aussehen soll, könnten unterschiedlicher nicht sein. Einig sind sich alle bloß darin, dass es so etwas in der modernen Geschichte noch nie gegeben hat: Selbstverständliche Freiheiten sind auf unbestimmte Zeit außer Kraft gesetzt. Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen bestimmen den Alltag. Auch in Hamburg werden sich die Einwohner daran gewöhnen müssen, einen Mindestabstand von einen Meter fünfzig einzuhalten, den Mundschutz als notwendiges Modeaccessoire zu betrachten, gläserne Schutzwände zwischen sich und den Verkäufern zu akzeptieren, Handschuhe zu tragen, bargeldlos zu zahlen und sich in Geduld zu üben. Bürger bleiben zu Hause, arbeiten im Homeoffice, gehen sich aus dem Weg und nutzen kaum noch die öffentlichen Verkehrsmittel. Polizisten kontrollieren die Straßen, Sicherheitskräfte stehen an den Eingängen der Supermärkte. Der Ton ist rauer geworden, die Blicke ängstlicher, die soziale Distanz größer. Das alles ist anstrengend, ungewohnt und unangenehm, muss aber bis auf Weiteres ertragen werden.

„Wir bewegen uns in eine neue Normalität. Die wird länger dauern“, sagte Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz in gewohnt trockener Art. Die Pandemie hat alles, was Metropolen lebenswert und erfolgreich macht, innerhalb kürzester Zeit in ein Horrorszenario verwandelt. Ein Hauch von Diktatur schwirrt durch die Freie und Hansestadt Hamburg, diktiert von einem mikroskopisch kleinen Krankheitserreger mit der Bezeichnung SARS-CoV-2.

 

Der Blick zurück

 

Jede Krise unterteilt die Zeit in ein Davor und ein Danach. Wenn die üblichen Routinen nicht mehr greifen, und der zuvor normale Zustand nicht mehr herzustellen ist, dann schlägt die Stunde der Alternativen, der Möglichkeiten und Utopien. Und je länger die Haare aufgrund der Schließung der Friseurstuben werden, desto revolutionärer klingen die geäußerten Ideen. In solchen Zeiten erhalten noch so quere Ideen Aufmerksamkeit. Trendforscher, Kritiker, Historiker und Virologen melden sich zu Wort und finden Gehör. Quacksalber kommen aus ihren Löchern und nutzen die Angst und Ungewissheit der Menschen für ihre perfiden Pläne.

Gab es eine solche Situation schon mal? Was hat man damals gemacht? Was sollte man in Zukunft tun? In Hamburg wird gern auf den Ausbruch der Cholera 1892 verwiesen. Nach dem Großen Brand von 1842, war es die zweite große Krise der Hansestadt binnen 50 Jahren. Damals waren es die unhygienischen Bedingungen auf zu engem Raum sowie die Entnahme des Trinkwassers aus den ungefilterten Gewässern der Großstadt, die der Durchfallerkrankung leichtes Spiel bereiteten. Robert Koch, der Mikrobiologe, auf dessen Namen das heute im Mittelpunkt der Politikberatung stehende Robert Koch Institut (RKI) zurückgeht, bemängelte damals die Verhältnisse im Gängeviertel, der Steinstraße, aber auch der Spitalerstraße. Er habe „noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen“, fasste Koch erschrocken zusammen. „Ich vergesse, dass ich mich in Europa befinde.“ Das tun einige Politiker dieser Tage leider auch.

 

Menschengemachte Gefahr?

 

Wer den Einwand erhebt, mit diesem Virus hätte man nicht rechnen können, dem sei das Interview von Christian Drosten mit der SZENE HAMBURG vom Dezember 2003 empfohlen. Darin weist der durch den NDR-Podcast „Coronavirus- Update“ zu Berühmtheit gelangte Virologe darauf hin, dass das Thema zwar aus der Öffentlichkeit verschwunden sei, aber eben nicht aus der wissenschaftlichen Welt: „Es gibt momentan zwar keinen bekannten Fall von SARS mehr auf der Erde – aber das heißt kaum etwas. Wie HIV, hat sich der SARS-Erreger irgendwo in der Natur, wahrscheinlich in einem Tier und völlig unabhängig vom Menschen, entwickelt“, sagte er damals. „Nur weil momentan kein Mensch infiziert ist, heißt das nicht, dass es nicht wieder passieren kann. Bisher gibt es weder einen Impfstoff gegen das Virus, noch Medikamente, um SARS zu behandeln.“ Heute, 17 Jahre später, ist SARS wieder da – in neuer Form und tödlicher als zuvor. Medikamente oder gar einen Impfstoff gibt es hingegen immer noch nicht.

Am 19. März 2020 sagte Olaf Scholz in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ mit belegter Stimme, dass die Corona-Krise im Gegensatz zur Finanzkrise von 2008 „nicht menschengemacht“ sei. Das kann man so sehen. Man kann diese Aussage aber auch infrage stellen: Sind es nicht Menschen, die Wälder abholzen und in Gebiete vordringen, in denen Tiere leben, die wohlweislich das SARS-Virus in sich tragen? Sind es nicht Menschen, die solche Tiere in den Großmärkten verkaufen, in Umlauf bringen und somit eine Übertragung begünstigen? Ist es nicht die globale Vernetzung, die das Virus in Rekordzeit um den Globus brachte und verteilte? Waren es nicht Menschen, die jahrelang das Gesundheitssystem privatisiert und kaputtgespart haben, sodass die Kapazitätsgrenzen eklatant unter dem Wert liegen, den es zuvor hatte? Waren es nicht Menschen, die entschieden, dass die Erforschung des SARS-Virus keine weiteren finanziellen Mittel benötigt? Politik kann alternativlos erscheinen, wenn alle Alternativen zuvor systematisch verbaut wurden.

 

Die neue Normalität

 

Gegenwärtig tobt der Kampf gegen das Virus – und dieser wird noch lange im Mittelpunkt stehen. Aber es gibt parallel dazu auch ein Ringen des Alten mit dem Neuen. Nichts verdeutlicht dies mehr als die ungleiche Verteilung der Risiken zwischen jungen und alten Menschen. Aber es betrifft noch viel mehr: Einzelhandel vs. Onlineversand, Restaurants vs. Lieferdienste, Kino vs. Streaming, analog vs. digital, öffentlich vs. privat, sozial vs. egoistisch, ökologisch vs. ökonomisch, global vs. national, demokratisch vs. autokratisch.

Krisen, so heißt es, eröffnen auch Chancen. In unsicheren Zeiten ist der Wunsch nach Information, Orientierung und Hoffnung verständlicherweise groß. Nicht selten verschwimmen dabei die Grenzen zwischen realistischen Vorschlägen und bloßem Wunschdenken. Wer die Debatte über eine mögliche Zeit nach Corona verfolgt, stellt fest, dass die Lösung oft darin gesehen wird, den Kapitalismus infrage zu stellen. Gefordert wird ein wirtschaftliches Handeln, dessen Logik nicht einseitig auf Wachstum basiert. Neu ist dieser Gedanke nicht. Aber wie kann ein solches alternatives Wirtschaftssystem aussehen? Reicht es, das Bestehende schrittweise anzupassen? Oder soll ein gänzlich Anderes das Jetzige ersetzen? Wie realistisch ist das überhaupt?

Was Optimisten derzeit hoffen lässt, ist der Beweis, dass die Demokratie nicht so machtlos ist, wie zynische Beobachter in der Vergangenheit behaupteten. Die Politiker entpuppen sich derzeit eben nicht als folgsame Marionetten der Großkonzerne, als die sie oft karikiert wurden. Wäre dem so, hätten sie die Wirtschaft nicht so rigoros auf Eis gelegt. So handlungsfähig die Nationalstaaten nach innen erscheinen, so unfähig sind sie auf internationaler Ebene. Die einzelnen Staaten sind längst in einem Geflecht eingebunden, aus dem es kein einseitiges Entrinnen und Entscheiden gibt. Wer globale Probleme wie die Corona-Pandemie oder die Erderwärmung in den Griff bekommen will, wird dies nur durch globale Kooperation und Koordination schaffen.

Die Wirklichkeit ist oft komplexer und vielschichtiger, als es Verschwörungstheoretiker und Sozialromantiker wahrhaben und vermitteln wollen. Dennoch scheint in dieser Ausnahmesituation eine alternative Zukunft möglich. Schon die Sorge um die Erderwärmung, die mit den Klimastreiks um Greta Thunberg ins öffentliche Bewusstsein gelangte, hat das moderne Versprechen von Fortschritt und stetigem Wachstum in Zweifel gezogen. Der Boden für einen Wandel ist also bereitet.

 

Zeit für ein Grundeinkommen?

 

Wenn Mensch und Natur in Zukunft verstärkt im Mittelpunkt stehen würden, wäre bereits viel gewonnen. Hierzu wäre es wichtig, neu zu bestimmen, was als öffentliches Gut gelten soll und was nicht. Auch ein bedingungsloses Grundeinkommen kann dazu beitragen, den Menschen in einer Demokratie eben nicht einseitig nach seiner Eignung für den Arbeitsmarkt zu bewerten, sondern als Teil einer demokratischen Gesellschaft. Was den Gedanken eines Grundeinkommens so stark macht, ist, dass es ein demokratisches Grundversprechen einlöst. In einer Demokratie sind nämlich alle Menschen systemrelevant.

In Hamburg könnte ein solches Grundeinkommen bald getestet werden. Die Volksinitiative für bedingungsloses Grundeinkommen hat mehr als 10.000 Unterschriften gesammelt. Für eine Testphase von drei Jahren sollen 2.000 Hamburger ein Grundeinkommen erhalten, wenn die Hamburger Bürgerschaft sich bis zum 2. September dafür entscheidet. Wenn nicht, strebt die Initiative ein Volksbegehren an. Dass die Idee eines Grundeinkommens kein Hirngespinst ist, zeigt sich daran, dass mehr als 450.000 Menschen sich auf der Plattform change.org ebenfalls für eine entsprechende Petition ausgesprochen haben. Viele namhafte Unternehmer wie Götz Werner (dm) werben seit Jahren dafür. Thomas Straubhaar, Professor der Volkswirtschaft an der Uni Hamburg, ist ebenfalls Befürworter. Auch Papst Franziskus sprach sich zu Ostern in einem Brief an die sozialen Volksbewegungen dafür aus.

 

Freiheit ist ohne die Erfahrung der Unfreiheit nicht denkbar

 

Die bundesrepublikanische Demokratie ist 70 Jahre alt – und gehört somit zur Risikogruppe. Je länger Corona (lateinisch: Krone) herrscht, desto gefährdeter ist die Demokratie. Oder liegt darin etwa auch eine Chance?

Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg, verwies im Hamburger Abendblatt in einem Gastbeitrag auf Platons Fesselgleichnis. Darin werden Sokrates, der sich in Gefangenschaft befindet, die Fesseln entfernt, woraufhin dieser sinngemäß sagt, dass nur der, der die Fesseln kennt, ihre Abwesenheit wertschätzen kann. Freiheit, so die Erkenntnis, ist ohne die Erfahrung der Unfreiheit nicht denkbar.

Das Überraschende dieser Tage ist ja, dass es nicht primär die Elektronikgeräte, Automobile und Urlaubsreisen sind, die fehlen. Vielmehr sind es die Besuche bei den Eltern und Großeltern, die spontanen Treffen mit Freunden, das zwanglose Kennenlernen von Fremden, die gemeinsamen Erlebnisse in den Kinos, Theatern, Konzerthallen, Nachtklubs und Fußballstadien, die grenzenlosen Genüsse in den Restaurants, Bars und Cafés, und ja: auch das gemeinsame Schlendern und Shoppen in den Einkaufspassagen. Was all diesen kulturellen Erlebnissen zugrunde liegt, sie zu etwas Besonderem macht und das Leben in einer Stadt – neben den horrenden Mieten – so unbezahlbar macht, ist die zivilisierende, inspirierende und pulsierende Kraft des menschlichen Miteinanders.

Der Schriftzug „We can’t return to normal“ ist übrigens – nach nur wenigen Tagen – von der Wand an der Altonaer Straße verschwunden. Da rutscht einem doch glatt der Mundschutz über die Kinnlade: Erstaunlich, wie schnell ein Graffiti entfernt werden kann. Die Zeiten sind wohl wirklich nicht normal.


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David Abel: Fotos for Future

Nicht nur in Sachen Umweltschutz sind sie ganz weit vorne. Auch die Künste in der Stadt leben von der Eigeninitiative und den Visionen junger Talente. Einer von ihnen ist der Nachwuchs-Foto- und Videograf David Abel (20)

Interview: Hedda Bültmann

 

SZENE HAMBURG: David, momentan legst du deinen Fokus mehr auf die Fotografie und nicht auf Videografie, was auch eine Leidenschaft von dir ist. Warum?

David Abel: Auf einem Foto kann man den Moment mit seinen ganzen Emotionen festhalten und darstellen. Videoaufnahmen zeigen natürlich mehr vom Umfeld der Situation und sind eindeutiger. Aber genau das mag ich an Fotos: Sie bieten Raum für unterschiedliche Interpretationen.

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Melonen pflücken in Vietnam: „Perception“ aus der Vision-Serie

Zum Beispiel das Bild, auf dem das Kind die Wassermelone hält (l.), habe ich verschiedenen Personen gezeigt und ein Teil derer hat mich gefragt, ob das eine Granate sei. Total spannend, dass sie im ersten Moment ein ausländisches Kind mit einer Granate assoziiert haben. Darauf wäre ich nie gekommen, da ich nur die Freude des Kindes gesehen habe, das mit seinen Freunden auf dem Feld gespielt hat.

Welche Momente möchtest du mit der Welt teilen?

Aktuell stelle ich meine Fotoserie „Vision“ auf der Kunstmeile Blankenese aus. Das sind sechs Fotos, die ich in Asien aufgenommen habe. Diese zeigen genau das, was ich vermitteln möchte. Menschen in ihrer Heimat und ihren Emotionen in dem Moment.

Gerade Gefühle versteht jeder und hat einen Bezug dazu. Und darüber auch einen Zugang zu den Menschen aus anderen Kulturen. Emotionen sind wie eine internationale Sprache, die jeder kennt. Ich beschäftige mich gerne mit Gesichtern und was sich darin widerspiegelt. Das zeigt den Menschen und erzählt die Geschichte des Moments.

Zeigst du auch unschöne Seiten?

Ich arbeite gerade mit einem Freund zusammen an einer Fotoserie zum Thema Umweltpolitik. Das abgebildete Foto (u.r.) ist in meinem kleinen Fotostudio entstanden und symbolisiert, dass durch Menschenhand Öl und Plastik in die Weltmeere gelangen und diese zerstören. Wir wollen verschiedene Themen, die gerade in der Umwelt stattfinden auf kreative Weise festhalten und so nochmal darauf aufmerksam machen.

 

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Teil einer Fotoserie über Umweltthemen

 

Gibt es Künstler, die dich beeinflussen?

Heutzutage kann man sich sehr schnell durch Social Media beeinflussen lassen, was für mich positive und negative Auswirkungen hat. Negativ ist das Bremsen der eigenen Kreativität durch Mitlaufen des Mainstreams. Positiv ist, dass man sehr viel lernen und sich inspirieren lassen kann.

So habe ich zum Beispiel den Fotografen Brendan North entdeckt und mit ihm Kontakt aufgenommen. Trotzdem versuche ich, mich auch auf dem altmodischen Wege inspirieren zu lassen.

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Auf den Traintracks in Hanoi: David Abel

Ich besuche gerne Ausstellungen und Galerien wie beispielsweise in den Deichtorhallen. Jeder sollte sich und seinen eigenen Stil entdecken.

Du reist ja viel. Hast du einen Lieblingsort?

Es gibt viele Orte, die ich mit schönen Erinnerungen verbinde. Ein Ort wird für mich durch die Erlebnisse dort schön. Wenn diese ausschlaggebend waren und die Gefühle dort gestimmt haben, macht ihn das direkt sehr viel schöner. Hamburg ist mein Zuhause, ich liebe die Stadt. Als ich das letzte Mal von einer Reise zurückgekommen bin, habe ich mich auch einfach darüber gefreut, wie frisch die Luft hier riecht.

Kunstmeile Blankenese bis zum 24.5. | Instagram: dba.photography


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Kommentar zu Corona: Seid ihr alle noch ganz dicht?

Die Menschheit wird auf die Probe gestellt. Auf was es in der Isolation wirklich ankommt

Text: Basti Müller

 

Ich lehne mich auf den Stapel Bücher vor meinem Fensterbrett und schaue in den blauen Himmel. Unter meinen sauberen Händen liegt „Die Pest“ von Albert Camus. Darin wird die Stadt Oran von der Pestseuche heimgesucht. Sie wird abgeschottet. Cafés und Kinos sind anfänglich noch geöffnet, nach und nach verlieren die Bürger jedoch jede Art von Emotion. Die örtliche Versorgung ist gänzlich überfordert und im Mittelpunkt dessen steht Dr. Rieux, ein aufopferungsvoller Arzt, der sich nicht zu schade ist, seinen Patienten auch bis zum Tod zur Seite zu stehen.

Noch, und Gott bewahre, ist das System hierzulande nicht überlastet. Dass Deutschland bislang nicht im Corona-Chaos versunken ist, liegt zum Großteil am unermüdlichen Einsatz der Ärzte, Apotheker, Pflegekräfte und allen anderen im Gesundheitssystem Wirkenden. Wie Bund und Länder müssen sie von Tag zu Tag neu denken: Stationen räumen oder zusammenlegen, Betten aufbauen, Beatmungsgeräte bereithalten, Operationen verschieben, um den vom Virus Betroffenen den Vortritt zu lassen. Täglich setzen sie sich nicht nur einem erhöhten Ansteckungsrisiko, sondern auch zum Teil panischen Patienten aus. Das muss man sich einmal reinziehen: Während ich von einem wohlbehüteten Zimmer aus Vögel zwitschern höre, kämpfen die Ärzte und Pflegekräfte gegen die Zeit, eine exponentiell steigende Anzahl Neu-Infizierter und immer knapper werdende Ressourcen.

 

Was Menschsein bedeutet

 

Deshalb verstehe ich die Menschenmassen nicht, die sich sonntags an der Alster tummeln, geschweige denn die zwei älteren Kaliber, die sich auf der Straße vor meinem Fenster begegnen. Sie plaudern und stehen einen halben Meter voneinander entfernt. Der eine schnaubt in sein Stofftaschentuch, zum Abschied geben sie sich die Hand. „Bleib gesund“, lese ich auf den Lippen. Wie ironisch! Da stimme ich dem Radfahrer, der letztens wütend über den Altonaer Wochenmarkt brauste, doch glatt zu: „Seid ihr alle noch ganz dicht?“

Auch die Oraner begegnen der Pest zunächst mit Ignoranz, bis zum Höhepunkt des Dramas die Zahl der Todesopfer auf mehrere Tausend steigt. Es bildet sich ein Schema heraus, als fordere die Pest nur den Tod von jenen ohne Solidarität. Nun Parallelen zum Buch zu ziehen, das wäre ja unverschämt! Mache ich aber trotzdem. Zwar sorgt Covid-19 nicht wie im Roman für schwarze Beulen, aber Fakt ist, wer in diesen Tagen unter Leute geht, treibt die Ausbreitung des Virus voran. In Italien müssen die Leichen in den Krematorien schon gestapelt werden. Da nehme ich trockene Hände und den Umstand, dass ich meine Familie für eine Weile nur über Skype sehen kann, doch in Kauf.

Nutzen wir dieses kleine Zeitfenster stattdessen, wie es Camus in seinem Roman vormacht, um uns darüber klar zu werden, was Menschsein bedeutet: Was die wichtigen Dinge im Leben sind, wie wichtig jeder einzelne für das System ist und welchen Einfluss wir auf unsere Umwelt haben. Vielleicht gibt uns das Virus die Möglichkeit, einige Denkanstöße aus der Zeit vor Corona auch danach zu verwirklichen. Bis dahin weiß ich die Zeit auf jeden Fall zu nutzen: Verwandte und alte Freunde anrufen, unser Bad renovieren, mein Fenster putzen, einen klaren Blick behalten und lesen. Übrigens überlebt Dr. Rieux die Pest und ich bin jetzt schon beim nächsten Buch. Robinson Crusoe von Daniel Defoe. Passt irgendwie.

 

Katharina Schütz liest “Die Pest” von Albert Camus


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„Schwesterherz“: Internationaler Frauentag im Goldbekhaus

Am 8. März wird der Internatio­nale Frauentag gefeiert – auch in Hamburg. Im Goldbekhaus findet das interkulturelle Frauenfest „Schwesterherz“ statt.

Text: Erik Brandt-Höge

 

Den Internationalen Frauentag gibt es nicht erst seit gestern. Schon 1911 wurde ein Tag ausgewählt, damals noch der 19. März, der symbolisch stehen sollte für Eman­zipation und Gleichberechtigung. Und klar, es hat sich vieles verändert in den vergangenen Jahrzehnten, vieles auch verbessert.

Die Welt ist heute eine andere. Von Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen zu sprechen, wäre allerdings fatal. Deshalb bleibt der Internationale Frauentag bedeutungsvoll, eben­ so wie die vielen Veranstaltungen, die anlässlich dazu stattfinden. Ein Hamburger Highlight: „Schwester­herz“, das interkulturelle Frauenfest im Goldbekhaus. Willkommen sind Frauen jeden Alters, egal, woher sie kommen, egal, ob sie eine Behinderung haben, egal, ob sie hetero, lesbisch, trans, nicht­-binär oder inter sind.

 

Volles Programm

 

Eine Anmeldung ist nicht er­ forderlich, und der Eintritt ist frei. Zentrum des Geschehens ist die Bühne zum Hof. Hier beginnt um 14 Uhr ein Frauengottesdienst, und hier wird später auch gegessen, ge­trunken, geschnackt und getanzt. Später, das ist nach den Workshops, die ab 15.30 Uhr stattfinden. Illustration, Schreibwerkstatt, Kochkurs, Hula, Nia, Improtheater, Ukulele für Anfängerinnen, Upcycling, Erzähl­kunst und mehr: Das „Schwester­herz“­-Programm ist pickepackevoll. Übrigens: Wer mag, darf das Buffet bereichern mit einer selbstgemach­ten internationalen Spezialität.

Goldbekhaus: Moorfurtweg 1 (Winterhude)


Szene-Cover-März-2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Februar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Digital-Campus: Die Zukunft aus der Box

Im Juni dieses Jahres war die Grundsteinlegung für „Hammerbrooklyn.DigitalCampus“: der Ort, an dem Hamburg fit werden soll für die „Digitale Transformation“ – die rasante Entwicklung von neuen Technologien quer durch Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft

Text & Interview: Markus Gölzer

 

Keiner kann sagen kann, was die Zukunft bringt, aber in Hamburg immerhin, wo sie beginnt: hinter den Deichtor­hallen auf dem Parkplatz des ehemaligen Fruchthofes – im „Hammerbrooklyn.DigitalCampus“. Das interdisziplinäre Projekt soll Ideen für die Stadt von morgen entwickeln, die Hamburg zum digitalen Leuchtturm mit weltweiter Strahlkraft machen.

Der Ort ist gut gewählt: Am malerisch industriellen Fleet gegenüber dem Oberhafen ist man mitten in der Stadt und doch fernab vom städtischen Dichtestress. Der Blick wird weit, der Kopf frei. Aufbruchs­stimmung! Hier wird zukünftig als Herzkammer des Campus der US-­Pavillon des Architekten James Biber von der EXPO 2015 stehen. Auf 7.600 qm sind Un­ternehmen, Start­-ups, Wissenschaft und alle Hamburger ein­geladen, mit zu gestalten.

Auf der Website „hammerbrooklyn.hamburg“ kann sich jeder als „Citizen“ registrieren und Ideen einbringen. Unternehmen können mit der kostenpflichtigen Mitgliedschaft „Corporate Citizenship“ Angebote und Infrastruktur des Campus für eigene Projekte nutzen, zum Beispiel an Netzwerkleistungen für ge­zielte Kooperationen partizipieren oder von interdiszipli­nären Expertenteams profitie­ren, die sie bei ihrer digitalen Transformation begleiten.

 

Stadt der Zukunft

 

Doch wie jeder Aufbruch war auch dieser phasenweise holprig: Die Initiatoren – Wirtschaftswissenschaftler Henning Vöpel, Werbeagenturchef Ma­thias Müller­-Using und Digitalexperte Björn Bloching – hat­ten sich in Fragen um Gesell­schaftsstrukturen und Zuständigkeiten überworfen.

Als das Projekt schon fast Geschichte war, fanden sie über ein Stiftungsmodell wieder zusammen: „Hammerbrooklyn – Stadt der Zukunft“ ist gemeinnützig und bindet neben den Initiatoren die Stadt Hamburg, den Immo­bilienentwickler Art-­Invest und das Hamburger Weltwirtschafts­institut mit ein.

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Henning Vöpel, Mitinitiator und CEO des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (Foto: Alexandra Kern)

Bis der Pavillon 2020 stehen wird, arbeitet die Hammerbrook­lyn.Box bereits als temporäres Labor. Im grünen Containeraufbau geht es experimentell provisorisch zu, der obligato­rische Tischkicker steht noch eher für Gegenwart als Zukunft zum Anfassen.

Wie man die di­gitale Transformation tatsäch­lich gestalten wird, erklärt Prof. Dr. Henning Vöpel, Leiter des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) und Ideengeber des Projekts.

SZENE HAMBURG: Herr Vöpel, gibt es für Hammerbrooklyn.DigitalCampus weltweite Vorbilder? Außer der ersten Assoziation Silicon Valley?

Henning Vöpel: Das ist immer das Erste, was einem einfällt, wenn man über sol­che Innovationsräume, den „Hubs“ spricht. Tatsächlich erleben wir weltweit das Phä­nomen einer räumlichen Ver­dichtung von Innovations­aktivitäten.

Überall in größeren Städten und Regionen entstehen „Hubs“. Hamburg, denke ich, braucht so etwas, um der etablierten Wirtschaft, die ja sehr erfolgreich war, aber vor großen Veränderungen steht, einen Ort zu geben, an dem sie der Entwicklung nicht hinterherläuft, sondern selbst gestaltet.

Die Hamburger Hochbahn und die Deutsche Bahn planen hier Innovationslabore, es fallen auch Namen wie Siemens oder Volkswagen. Alles klassische Großkonzerne. Soll der Campus helfen, sich gegen kleine, flinke Start-ups behaupten zu können?

Es geht nicht darum, den Angriff der Start-ups abzuweh­ren. Es geht darum, dass sich nicht nur große Konzerne, sondern auch kleinere, mittel­ständische Unternehmen ver­ändern müssen. Wenn sie das nicht tun, dann kann es sein, dass ein Standort wie Ham­burg in fünf Jahren bis zwan­zig Prozent der Einkommen, die hier erzielt werden, verliert.

Deshalb müssen wir et­was dafür tun, dass sie sich digitalisieren, dass wir das nicht nur den Start­-ups überlassen. Deshalb braucht es einen neu gedachten Raum für Austausch und Forschung, in der auch kleinere Unternehmen ihre eigene Transformation vollziehen können.

 

Ein Ort für Diskurs

 

Unternehmen können Know-how für die digitale Zukunft bei Ihnen einkaufen. Was bietet der Campus, was eine klassische Unternehmensberatung nicht liefert? Die könnten ja auch weltweit interdisziplinäre Teams zusammenstellen.

Wir gehen viel weiter, in­ dem wir eine Community er­zeugen und ein Umfeld mit eigener Innovationskultur schaffen. Das können Berater natürlich nicht: einen Raum zu entwickeln, in dem Men­schen aus unterschiedlichen Branchen und Unternehmen die Möglichkeit haben, zusammenzuarbeiten. Das gibt es in der klassischen Wirt­schaft nicht, ist aber erforder­lich, um interdisziplinär und kollaborativ an Innovationen zu arbeiten.

Wie stellen Sie Ihre Unabhängigkeit von der Wirtschaft sicher?

Der Campus wird betrie­ben als Stiftung „Hammerbrooklyn – Stadt der Zu­kunft“. Die Stadt ist mit drin, der Immobilienentwickler Art-­Invest ist dabei und die drei Initiatoren. Wir wollten eine Stiftung gründen, um die Gemeinnützigkeit von Digitalisierung in den Mittelpunkt zu rücken. Und es ist die beste Form, um Akzeptanz und Relevanz zu erzeugen.

Der Immobilienentwickler Art-Invest ist nicht unumstritten. Im Netz wird spekuliert, dass er in erster Linie an der Immobilienfläche hinter dem Pavillon interessiert sei.

Art-­Invest ist wichtiger Teil der Stiftung und wir arbeiten an diesem Projekt gemeinschaftlich. Die Stiftung funktioniert unabhängig von Investoren. Wir sind völlig autonom in dem, was wir da tun. Ein so großes Projekt braucht am Ende immer einen Investor, der selbst an die Idee glaubt.

Wie profitiert der einzelne Hamburger vom Campus?

Es wird die Möglichkeit für jeden einzelnen Hamburger geben, Teil von Hammerbrooklyn, also sogenannter „Citizen“ zu werden. Jeder kann partizipieren, Ideen einbringen und an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen. Es soll ein Ort aller Hamburger für den Diskurs über die zukünftige Stadt sein.

 

 

Auf der Internetseite von Hammerbrooklyn können Fragen zu Hamburgs Zukunft gestellt werden. Gibt es eine Tendenz, welche Themen besonders relevant sind?

Verkehr und Mobilität spielen eine große Rolle. Wohnraum und wie gehen wir mit städtischen Flächen um? Wie können wir hier noch besser leben und zu­sammenleben? Wie kann eine aktive Bevölkerung die Stadt für mehr Bewegung und Gesundheit nutzen? Hamburg hat vielfältige Möglichkeiten, es gibt so viele interessante Orte und Menschen, und wir laufen oft unachtsam dran vorbei. Mehr aus der Stadt herauszuholen – das scheint vielen Bürgern auf der Seele zu brennen.

„Globalisierung“ war ein Heilsversprechen, heute schreckt sie viele ab. Der „Digitalisierung“ scheint es ähnlich zu gehen: Immer mehr Menschen bekommen bei dem Begriff Angst vor Jobverlust und anderen Unwägbarkeiten. Welche Branchen in Hamburg sind besonders gefordert, zu reagieren?

Der Hafen natürlich, das Hamburger Schwergewicht schlechthin. Es passieren dort schon sehr gute Dinge: Der Hafen ist zum Beispiel 5G­-Modellregion, in der au­tonome Mobilitätskonzepte getestet werden. Virtual Re­ality und Augmented Reality kommen zum Einsatz, um Planungen zu unterstützen. Aber es könnte noch schnel­ler gehen. Auch im Verkehr, der Mobilität, in der Bildung, in der Stadtentwicklung ist viel zu tun. Die gesamte Arbeitswelt wird sich verändern.

Wir alle reden von künstlicher Intelligenz, die viele unserer Jobs sehr stark verändern wird. Es geht insgesamt darum, auch einen kulturellen Wandel in der Stadt zu voll­ziehen. Eben nicht die Ängste vor der Digitalisierung, die ja in jedem Fall kommen wird, in den Vordergrund zu rücken, sondern zu sagen: Es bleibt uns nur übrig, positiv, kreativ und konstruktiv daran zu arbeiten. Hamburg soll ein positiver Ort des Wandels und Fortschritts sein.

 

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Für ein Morgen: die Box von Innen (Foto: Nico Doering)

 

Hammerbrooklyn.Digital­Campus: Stadtdeich 2 (Hammerbrook)


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Top 10 – Das sind die schönsten Grillplätze in Hamburg

Zu einem gelungenen Sommertag gehört grillen einfach dazu. Welche Orte in Hamburg sich perfekt für einen Grillausflug eignen, erfahrt ihr in unserer Top-10-Liste

Text: Anne Guttmann
Foto (o.): Samuel Zeller via Unsplash, Symbolbild

Sortierung alphabetisch und nicht nach Platzierung – zuletzt aktualisiert 7/2019

 

1) Alsterwiese Schwanenwik

An der Schwanenwikwiese direkt an der Außenalster treffen sich viele Grillbegeisterte, denn sie bietet ein Stückchen Natur mitten in der Stadt. Von hier aus sieht man nicht nur Segler und Ruderer über Alster schippern, sondern hat auch einen wunderbaren Panoramablick auf Hamburg. Die Schwanenwik ist eine zwischen St. Georg und der Uhlenhorst gelegene Straße, die zum Alstervorland gehört. Ihren Namen hat sie von den sich dort tummelnden Schwänen, aber auch viele andere Wasservögel fühlen sich dort wohl.

Alsterwiese Schwanenwik

 

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2) Altonaer Volkspark

Dieser Park ist stolze 105 Jahre alt und Hamburgs größte öffentliche Grünfläche. Weil er so groß ist, ist der Volkspark auch an Wochenenden ein beliebtes und ruhiges Ausflugsziel. Sein Zentrum, die große Wiese, bietet viel Platz zum Grillen sowie einen Biergarten. Erkunden lassen sich hier außerdem der an der Stadionstraße gelegene Dahliengarten mit über 11.000 einzelnen Blumen. Bei Spaziergängen finden Besucher hier auch einen Waldlehrpfad, einen Kletterturm, einen Kinderspielplatz mit Seilbahn, einen Bolz- und Minigolfplatz. Der Volkspark Altona lohnt sich also nicht nur für Grillausflüge, sondern ist auch ein Ort, der einfach entdeckt werden will.

Altonaer Volkspark


3) Elbpark Entenwerder

Der Elbpark Entenwerder ist nicht weit von der Stadt entfernt, doch für viele noch ein Geheimtipp. Die ehemalige Zollstation für Binnenschiffe ist seit 1997 eine naturbelassene Parkanlage direkt an der Elbe, die unter anderem von der S-Bahn Rothenburgsort gut zu erreichen ist. Auch ein kleiner Fahrradausflug durch die HafenCity führt schnell ins Grün des Parks. Direkt am Elbufer schwimmt außerdem das Café Entenwerder 1 auf einem Ponton. Schon von weitem fällt der goldene Pavillon aus gelochtem Messing auf: ein zu einem Restaurant umgebautes Kunstwerk mit drei Ebenen, das 16 Meter in die Höhe ragt.

Elbpark Entenwerder

 

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4) Elbstrand Övelgönne

Bei heißen Temperaturen verspricht der Elbstrand in Övelgönne angenehme Abkühlung – und auch das Grillen ist in ausgewiesenen Bereichen erlaubt. Dafür kann man mit der Fährlinie 62 in Richtung Neumühlen direkt von den Landungsbrücken an den Strand fahren, und nach ein paar entspannten Stunden erholt in die Stadt zurück. Zugegeben: Der Elbstrand ist so beliebt, dass hier gerade an Wochenenden einiges los ist. Damit sich wirklich ein Urlaubsgefühl einstellt, bieten sich Ausflüge unter der Woche an oder früher am Tag.

Elbstrand Övelgönne

 

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5) Hammer Park

Mitten im dicht besiedelten Wohngebiet Hamm-Nord liegt der Hammer Park. Auf den weitläufigen Rasenflächen ist für alle genug Platz, um beim Grillen oder anderen Aktivitäten vom Stadtstress abzuschalten, zum Beispiel auf den großen Liegewiesen. Besucher können sich die Zeit beim Tischtennis, Minigolf und Schach vertreiben oder dem Kräuter- und Heckengarten einen Besuch abstatten.

Hammer Park

 

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6) Haynspark

Direkt am Alsterufer in Eppendorf befindet sich der Haynspark, in dem Besucher auf den ausgewiesenen Plätzen grillen dürfen. Im Bootshaus direkt im Park können sie sich aber auch Ruder- und Tretboote ausleihen oder im Kajak eine Alsterrunde drehen. Für die Erfrischung der Kinder sorgt ein Planschbecken. Ein besonderer Ort im Park ist der Monopteros, ein Steinpavillon nach antikem griechischem Vorbild, in dem manchmal sogar ein Streichquartett spielt.

Haynspark


7) Michelwiese

Wer in Hamburg Ruhe sucht, ist in der Neustadt eigentlich nicht richtig – doch die Wiese unterhalb der Kirche St. Michaelis verspricht überraschend viel Erholung, direkt zwischen der Kirche und dem Verlagshaus Gruner + Jahr. Das Beste: Es ist ausdrücklich erwünscht, hier zu grillen. Dafür hat die Stadt eigene Grillstationen eingerichtet. Für einen Euro können Hungrige einen Elektrogrill zehn Minuten lang benutzen. Wer Glück hat, kann sein Essen genießen, wenn der Sonnenuntergang den Hafen in rotgoldenes Licht taucht.

Michelwiese

 

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8) Öjendorfer Park

Im Osten Hamburgs befindet sich der drittgrößte Park der Stadt. In seinem Zentrum liegt der Öjendorfer See, der mit einem Sandstrand und zwei Badestellen immer einen Ausflug wert ist – und sogar doppelt so groß ist wie die Binnenalster. Am See finden Besucher einen Kiosk, Grillplätze und einen Spielplatz sowie Toiletten, Duschen und kostenlose Parkplätze. Mit Kindern kann man hier zum Beispiel Zeit beim Ponyreiten oder Minigolfspielen verbringen.

Öjendorfer Park


9) Rissener Kuhle

Früher wurde in der hier Kies abgebaut – heute bietet die Rissener Kuhle viel Platz für Grillfeste mit der Familie oder mit Freunden. Besucher grillen entweder mit mitgebrachten Utensilien, vor Ort gibt es aber auch vier eingemauerte Grills und Feuerstellen, die jedem zur Verfügung stehen. Mitten im Wald erstreckt sich eine riesige Spiellandschaft für die Kleinen, und die Größeren spielen auf dem Bolzplatz oder den weitläufigen Rasenflächen. Toiletten sind ebenso vorhanden wie Müllbehälter.

Rissener Kuhle


10) Stadtpark

Der Stadtpark gehört einfach zu den Klassikern unter den Grillorten in Hamburg. Auf den weitläufigen Flächen des Parks findet man fürs Familiengrillen, die große Geburtstagsfete oder das aufregende Date das passende Plätzchen, um seine Picknickdecke auszubreiten. Die zwei ausgewiesenen Grillzonen, Festwiese und Liegewiese, sind nicht unbedingt ein Geheimtipp, aber gehören mit den vielen gut gelaunten Menschen im Sommer einfach zu Hamburg.

Stadtpark

 

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Wichtig beim Grillen in Hamburg:

Nicht überall in Hamburg ist Grillen erlaubt. Um die Natur zu erhalten, gibt es ausgewiesene Zonen, in denen das Grillen erlaubt ist. Der Grill muss mindestens 50 Zentimeter über dem Boden und weit genug entfernt von Bäumen und Sträuchern stehen. Offene Grill- und Feuerstellen sind verboten. Wichtig ist auch, die abgekühlte Kohle nach dem Grillen in dafür vorgesehene Behältnisse zu geben oder mit Wasser komplett zu löschen und dann zu entsorgen.


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Bedrohte Räume #36 – AK Altona

Do the right thing, Hamburg Ciddy!

Foto (o.): GeorgHH

Wer heute schon für morgen spart, hat übermorgen Knete, heißt es. Das wusste Omi, dass weiß heute jedes Kindi. Neu aber ist, wer früher schon mit Bauklötzchen spielte, ist heute klar im Vorteil, denn bereits Kinderhänden wird im klotzigen Bauvorhaben die Bedeutung und Funktion von Architektur deutlich.

Nun sind wir heute alle erwachsen, und all diejenigen, die nicht mit Bauklötzchen rummachten, krakeelen: „Dieser unansehnliche alte Bauklotz von einem Altonaer Krankenhaus stört mein Stadtbild! Mein armes Othmarschen, von Pein gezeichnet durch einen schmucklosen Kasten! Wir wollen was Neues!“

Sie ahnen es schon, ich bin anderer Meinung als die da oben. Das hier gemeinte 21-geschossige AK Altona mit seinen umliegenden Funktionsbauten, ist nämlich ein echter Knüller! In den 60er Jahren von Star-Architekt Werner Kallmorgen als Wonneproppen der Gesundheit erbaut, wollen die Damen und Herren Investoren dem 30 Hektar großen Areal nun an den Kragen. Klar ist, das AK Altona soll in den kommenden Jahren einen fetten Neubau erhalten, doch es gibt bis dato noch keinerlei Pläne für das denkmalgeschützte Bestands-Ensemble des Geländes. Was passiert mit der alten Klinik? Diese schönen Funktionsbauten, die als herausragende Dokumente der in Hamburg immer seltener werdenden Nachkriegsarchitektur und Kulturdenkmal gelten, sind in Gefahr.

Eingebettet in Parkanlagen stehen hier auf dem Gelände des AK Altona der Wirtschaftshof mit Küchen- und Werkstattgebäuden, das Kesselhaus, das Pathologiegebäude und das Versuchstierhaus. Wie beim Hauptgebäude handelt es sich bei den umliegenden Gebäuden um ganz individuelle Architekturen. Hammerdinger! Und obwohl es kontinuierlich Erweiterungen und Modernisierungsmaßnahmen gab, bleibt das AK Altona ein bedeutendes Beispiel eines Großklinikums der 60er Jahre, das auch über Hamburg hinaus seinesgleichen sucht. Und das große Entwicklungsareal bietet heute ein Monsterpotenzial! Doch ohne Nachnutzungskonzept, wie es korrekt heißt, wird es kommen, wie es in Hamburg so oft kommt: erst verballert, dann abgeknallert. Denn ist der Klinikneubau erst einmal beschlossene Sache, wird später wegen angeblich unwirtschaftlicher Unzumutbarkeit abgerissen. Denkmalschutz hin oder her. Aufwachen, Leute! Erinnert euch an eure Bauklotzzeiten: Die notwendigen Umbaumaßnahmen und die Nachnutzung müssen im Vorhinein im Finanzierungsplan berücksichtigt werden. Nicht nachher, sonst sind die Piepen ein für alle Mal weg!

Deshalb, Bürgers der Hansestadt, entert die Barricados und klemmt euch an die Guten, an die Leute vom Denkmalverein und an die Interessierten, die sich für den Prachtklotz AK Altona starkmachen! Hier könnten preiswerte Kleinwohnungen für Pflegepersonal und Studierende entstehen oder das Hochhaus zu günstigen Mietkonditionen an Hamburger Kultureinrichtungen für Proberäume, Ateliers, Begegnungsstätten für uns tolle Piepels bereit gestellt werden und auf diese Weise etwas wirklich Modernes entstehen. Stellt euch vor, es würde gelingen, dann hätten wir einen architektonisch und inhaltlich wegweisenden Ort, über den ihr später erzählen könntet: „Ja, Sohnemädchen, du Eierloch, spiel ruhig weiter mit deinen Klötzen, und besuch mal Othmarschen, da wirst du Bauklötzchen staunen!“

Eure Raumsonde

Andrea


Who the fuck is…

Andrea Rothaug Szene Hamburg Stadtmagazin

Foto: Katja Ruge

Andrea Rothaug ist eine musikalische Raumsonde mit Hang zum Wort, Kulturmanagerin, Autorin, Dozentin, Veranstalterin, Präsidentin. Was diese Frau so alles treibt, erfahrt ihr unter www.andrearothaug.de


Szene-Hamburg-juni-2019

 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2019. Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Death Café: Erzähl mir vom Tod, bei Kaffee und Kuchen

Gespräche über unsere Vergänglichkeit werden oft um jeden Preis vermieden. Ganz anders im „Death Café“. Dort holen Ute Arndt und Ina Hattebier den Tod regelmäßig an den Tisch, bei Kaffee und Kuchen.

Text und Fotos: Sophia Herzog

Donnerstagabend, kurz vor 19 Uhr, ein Café in Eppendorf: Eine Frau sitzt an einem Tisch am Fenster und blickt nervös auf ihre Uhr. „Ist hier noch frei?“, fragt eine zaghafte Stimme. Die Dame am Tisch blickt auf, nickt, lächelt. „Sind Sie auch das erste Mal dabei?“. Erneutes Nicken. Die Stühle um den Tisch füllen sich. Man ist schnell beim Du. Und dann auch gleich bei der Frage: „Warum beschäftigt ihr euch denn mit dem Tod?“

Dieser Einstieg ist kein ungewöhnlicher im „Death Café“. Denn hier treffen sich zwei Stunden lang fremde Menschen und tauschen sich, ganz zwanglos, über den Tod oder ihre Trauererfahrungen aus: Sterbebegleiter, Pflegekräfte, Hospiz-Praktikanten und Privatpersonen, die sich einfach nur für das Thema interessieren.

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Beim Kaffee lässt es sich leichter plaudern – auch über das Sterben

Nicht alle, aber einige haben selbst eine nahestehende Person verloren. „Wir sind keine Trauer-Selbsthilfegruppe“, betont Ina Hattebier. „Wer noch in tiefer, akuter Trauer steckt, der ist bei uns eigentlich nicht richtig.“ 2015 gründete Ina gemeinsam mit Uta Arndt und drei weiteren Mitstreitern das „Netzwerk Trauerkultur“ und veranstaltet seitdem immer wieder Ausstellungen und Workshops zu Themen rund um Tod und Trauer, unter anderem zu Bestattungskulturen anderer Länder.

Seit 2016 gehören auch die Death Cafés zum Programm. Die Teilnehmerzahl ist seit den Anfängen stetig gestiegen und knackte vor Kurzem die Dreißigermarke. „Das Ganze hat eine richtige Eigendynamik entwickelt“, bestätigt Ina. Und obwohl die Gruppe des Netzwerks Trauerkultur inzwischen von fünf auf zwei geschrumpft ist, ist an Aufhören gar nicht zu denken. „Wir könnten gar nicht aufhören, selbst wenn wir wollten“, fügt Ute hinzu. Denn das Death Café ist für viele inzwischen ein beliebter Treffpunkt geworden.

Auch, wenn das Death Café das einzige seiner Art in der Hansestadt ist – neu erfunden haben Ina und Ute das Format nicht. Denn hinter den Hamburger Treffen steht eine internationale Bewegung: Anfang der 2000er Jahre lud der Schweizer Soziologe Bernard Crettaz zum ersten „Café mortel“. Knappe zehn Jahre später entdeckte der Brite Jon Underwood das Format für sich, und machte es schließlich zu dem „Social Franchise“, dass es heute ist. Über 8.000 Treffen in 65 Ländern sollen laut Website des internationalen Death Cafés seit 2011 abgehalten worden sein.

Die Organisatoren sind häufig Menschen, die sich auch beruflich mit dem Tod auseinandersetzen – so auch Ina, die als Künstlerin Urnen gestaltet und Ute, die Trauerrednerin ist. Wer das Format in seine eigene Stadt bringen will, darf das Label „Death Café“ nutzen, solange dabei einige einfache Regeln eingehalten werden. Die Veranstaltungen sollten nicht kommerziell und offen für alle sein. Ein Einstiegsthema ist erlaubt, aber kein Muss.

 

„Sie brauchen einen Rahmen für das Gefühl“

 

An diesem Donnerstag geht es um Erb- und Erinnerungsstücke – ein Thema, das an vielen Tischen schnell abgehandelt ist, und wie ein Türöffner für andere Gesprächsstoffe wirkt. Eine Gruppe tauscht sich über wertvolle, letzte Momente mit ihren Angehörigen aus. An einem anderen Tisch sprechen die Gäste darüber, wie sie Trauernde besser unterstützen können. Und gleich daneben geht es um das Leben nach dem Tod. Über was genau sie sprechen wollen, können alle Teilnehmer frei entscheiden, sowohl Lachen als auch Weinen ist erlaubt.

Hier sollen Menschen den Mut haben, offen über alles zu sprechen, was sie mit Tod und Trauer verbinden. „Wir haben nie richtig gelernt, über unsere Sterblichkeit zu sprechen und unsere Gedanken dazu auszudrücken“, findet Ute. Besonders die Nachkriegsgeneration schiebt das Thema gerne von sich, und die steigende Lebenserwartung der Menschen rückt den Tod in die weitere Ferne. „Wir sind einfach auf das Leben gepolt“, fügt Ina hinzu, und betont, dass das natürlich auch gut so sei. „Aber die Beschäftigung mit Sterben und Tod gehört zum intensiven Leben dazu.“ In ihren Berufen begegnen den beiden Organisatorinnen immer wieder Menschen, die ein deutliches Diskussionsbedürfnis haben. „Sie brauchen nur einen Rahmen dafür und das Gefühl, dass sie dürfen.“

Dürfen, das bedeutet im Death Café: Zuzuhören, ohne sprechen zu müssen. Zu sprechen, ohne vom Gegenüber verurteilt zu werden. Wer hier von einem Verlust spricht, stößt weder auf betroffenes Schweigen noch auf mitleidige Gesichtsausdrücke – viel eher auf Verständnis und Interesse. Während es draußen langsam dunkel wird, rücken einige Gruppen näher zusammen, um sich über den Geräuschpegel der vielen Diskussionen besser zu verstehen. Ihre Köpfe sind gesenkt, vertieft ins Gespräch. „Da flirrt die Luft“, beschreibt Ina die Atmosphäre. Dass sich die Teilnehmer auf diese Weise öffnen können, liegt auch daran, dass sich keiner vorher kannte.

 

„Wir sprechen ständig über Liebe“

 

Niemand muss sich darum kümmern, dass die anderen sich Sorgen oder Gedanken machen. „Hier weiß jeder, man teilt den Abend und die Erfahrungen, man ist aber auch nicht weiter verantwortlich für das Glück des anderen.“ Damit das so bleibt, wechseln Ute und Ina das Café mit jeder Veranstaltung. So können sich die Teilnehmer nicht an ihren Stammplatz setzen und mit der immer gleichen Gruppe sprechen. „Die Gäste bekommen dann nicht so ein Heimatgefühl und gehen jedes Mal wieder mit neuer Offenheit in den Abend.“

Als Ute um Viertel vor neun das Schlusssignal gibt, tauchen die Teilnehmer nur langsam wieder aus ihren Gesprächen auf. Manche wechseln den Tisch, um noch schnell Bekannte zu begrüßen oder sich kurz mit den Nachbarn auszutauschen. Nach und nach schlüpfen alle in ihre Jacken, aber niemand geht, ohne sich zu bedanken. „Danke für eure Offenheit“ ist die Abschiedsformel des Abends. „Die meisten gehen beseelt und bestärkt“, erzählt Ute. Ganz frei über den Tod zu sprechen, ist für viele eine ungewohnte Erfahrung – aber eine positive. „Wir sprechen ständig über die Liebe“, so Ute, „in jeder Werbung, bei jedem Smalltalk.“ Das Sprechen über den Tod sei hingegen schon fast ein Tabu, obwohl es doch genauso zum Leben dazugehöre.

„Oder wie der Berliner Bestatter Ulrich Gscheidel es einmal sagte“, erinnert sie sich noch, „Trauern ist nichts anderes, als rückwärts zu lieben.“

Death Café Hamburg: Netzwerk Trauerkultur


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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