Beiträge

Nachhaltigkeit: Was tust du fürs Klima?

Brennende Wälder und Meere voller Plastik: Die junge Generation hat das zu tragen, was ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern verbockt haben. Klimaschutz spielt für sie eine zunehmend große Rolle – Mission „Welt retten“

Umfrage: Ilona Lütje

 

Tim, 26, Trainee im Lebensmittelgroßhandel

tim-klima-hamburg

Die wohl einschneidendste Veränderung in meinem Leben war die Umstellung zu einer veganen Ernährung vor mehr als eineinhalb Jahren. Sie ist mein Beitrag für mehr Tierwohl, aber auch für eine bessere Zukunft in Bezug auf den Umweltschutz.

Darüber hinaus trage ich meine Klamotten, bis sie durch sind, und versuche nur neue zu kaufen, wenn ich sie tatsächlich benötige. Ich weiß aber auch, dass ich vor allem im Punkt Reisen, insbesondere beim Fliegen, noch Potenzial habe, CO2-Ausstoß einzusparen.

 

Lisa, 25, Studentin

lisa-klima-hamburg

Ich ernähre mich seit meiner Kindheit vegetarisch. Seit einigen Jahren verzichte ich auf alle tierischen Produkte, nicht nur bei Lebensmitteln. Das mache ich für die Tiere und für die Umwelt. Gut für die Gesundheit ist die vegane Ernährung zum Glück auch.

Ansonsten fahre ich in Hamburg Fahrrad oder Bahn, ein Auto habe ich nicht. Ich versuche, keine neuen Klamotten zu kaufen. Wenn es wirklich notwendig ist, dann nur aus nachhaltiger Produktion oder Secondhand.

 

Laura, 23, Hebammenauszubildende

laura-klima-hamburg

Um einen Teil zum Klimaschutz beizutragen, achte ich generell auf eine nachhaltige Lebensweise. Dazu gehört, mein Konsumverhalten zu hinterfragen und anzupassen. Wenn ich Dinge neu kaufe, dann möglichst von kleineren Firmen, die vielleicht sogar einen sozialen Ansatz verfolgen. Ansonsten finde ich fast alles, was ich brauche in den Kleinanzeigen oder in Tauschgruppen über soziale Netzwerke. So weit es geht, kaufe ich Bio-Lebensmittel und verzichte auf Produkte von problematischen Großkonzernen.

Ich muss aber sagen, dass das nicht immer so einfach ist: Im Alltag habe ich oft keine Zeit, bei kleinen Händlern zu kaufen, geschweige denn das Geld. Im Rahmen meiner Möglichkeiten gebe ich aber mein Bestes, um das Klima zu schützen.

 

Lia, 15, Schülerin

lia-klima-hamburg

Ich trenne Müll und achte darauf, nirgendwo welchen liegen zu lassen. Meine Freunde und ich kaufen nur Obst aus der Region. Außerdem esse ich kaum Fleisch, benutze wiederbefüllbare Trinkflaschen und keine Plastiktüten. Und ich fahre viel Fahrrad.

 

Annelie, 30, Studentin

annelie-koencke-hamburg-klima

Nachdem ich vor vier Jahren das erste Mal einen Kleidertausch besuchte, trat bei mir erstmals ein richtiger Nachhaltigkeitsgedanke ein. Mir wurde bewusst, wie viele Ressourcen allein durch die ständige Neuanschaffung von Kleidung einer jeden Person verschwendet werden, weshalb ich meine Kleidung seither nur noch secondhand oder über Kleidertauschbörsen besorge.

Ich würde mir wünschen, dass sich der allgemeine Konsumgedanke von „was will ich“ zu „was benötige ich wirklich“ verändern würde – das würde in der Masse schon viel Verschwendung vermeiden.

 

Fabio, 26, Management-Student

fabio-klima-hamburg

An vielen Stellen im Alltag versuche ich, nachhaltiger zu leben: Ich spare Energie, ich fahre Fahrrad, setze auf Reparatur statt Neukauf und ernähre mich vegetarisch. Dies gibt mir das Gefühl, etwas Gutes für unsere Umwelt zu tun. Allerdings ist mir auch bewusst, dass sich solche Kleinigkeiten weniger positiv auf meinen ökologischen Fußabdruck als auf mein Gewissen auswirken.

Genau wie jeder Mensch mit einem mittleren bis hohen Lebensstandard nutze ich weit mehr Ressourcen als mir eigentlich zustehen. Um einen positiven Beitrag zu leisten, will ich selbst Produkte, Services oder Lösungen entwickeln, die einen echten positiven Impact haben.


 Sondermagazin SZENE HAMBURG NACHHALTIGKEIT, 2021. Das Magazin ist seit dem 7. Mai 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Festival für experimentelle Musik: klub katarakt

Das Internationale Festival für experimentelle Musik bietet am 27. Mai außergewöhnliche Musikerlebnisse im Live-Stream

Text: Marco Arellano Gomes

 

Das Internationale Festival für experimentelle Musik „klub katarakt“ bietet am 27.5. ein Musikprogramm, das wie gewohnt aus der Reihe tanzt. Das auf Kampnagel aufgeführte Konzerterlebnis wird live im Stream zu erleben sein. Schwerpunkt diesmal: raumbezogene Musik.

Drei Konzerte gibt’s zu sehen: Das Hauptkonzert stammt vom Ensemble L’art pour l’art und trägt den Titel „Matthias Kaul in memoriam“ (19 Uhr). Es ist dem am 1. Juli 2020 verstorbenen Schlagzeuger und Komponisten Matthias Kaul gewidmet. Das Ensemble wurde von ihm einst mitgegründet. Flötistin Astrid Schmeling konzipierte das Gedenkkonzert in Zusammenarbeit mit der künstlerischen Festivalleitung. Es beinhaltet fünf Kompositionen Kauls – vom Solo bis zum Ensemble- Stück. Sängerin ist Frauke Aulbert.

 

Außergewöhnlich, avantgardistisch

 

Dem folgen zwei kürzere Einzelkonzerte unter dem Titel „Local Heroines“: Zum einen tritt die freischaffende Musikerin, Künstlerin, DJ, Kuratorin und Film-Sounddesignerin Nika Son auf und stellt ihr erstes Soloalbum „To Eeyore“ (2020) vor (20.30 Uhr). Sie übersetzt Töne und Geräusche unterschiedlicher Herkunft in eine ungewöhnliche musikalische Sprache. Es ist, als schaute man dem Hörbaren zu.

 

 

Im Anschluss geben René Huthwelker und Carl-John Hoffmann ein audiovisuelles Konzert, das sich durch analog-synthetische Rückkopplungsschleifen auszeichnet, die sich durch einen repetitiven Minimalismus durch polyrhythmische Netzwerke zu pulsierenden Strukturen verdichten (22 Uhr). Das liest sich nicht nur außergewöhnlich, es klingt auch so. Seit fünfzehn Jahren bietet das Festival „klub katarakt“ experimentelle Musik: offen, außergewöhnlich bis avantgardistisch. Das ist nicht nur für ein Spezialpublikum interessant, es ist für alle Musikbegeisterte inspirierend.

klub katarakt
27.5.2021, ab 19 Uhr


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2021. Das Magazin ist seit dem 29. April 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Das Leben ist ein Wunschkino!

Die Zeise Kinos erwachen als erstes Hamburger Programmkino aus dem Corona-Lockdown und starten das „Wunschkino“. Auch das Freiluftkino ist in Planung.

Text: Isabel Rauhut

 

Ein Kinosaal, ganz für sich alleine? Das geht: Die Zeise Kinos bieten ab Freitag, 28. Mai, das „Wunschkino“ an! Dann kann einer der Kinosäle angemietet, aus einem Angebot von 161 Filmen gewählt und alleine oder als Gruppe mit maximal 50 Personen auf der 60 Quadratmeter großen Leinwand das Kinoerlebnis gefeiert werden. Wie wäre es mit Thomas Vinterbergs „Der Rausch“? Oder dem Oscar-prämierten „Nomadland“? Das ganze Filmangebot und die geltenden Hygienemaßnahmen gibt’s hier.

Während des Lockdowns hat das Zeise eine neue Tonanlage in den Sälen eingebaut – es gibt also besten Dolby 7.1.-Sound in der neuesten Generation.

Kindervorstellungen starten ab 70 Euro für bis zu zehn Personen und Erwachsenenvorstellungen bei 150 Euro für bis zu 15 Personen. Wer sich nach dem Kinoerlebnis sehnt, schreibt eine Mail mit Wunschfilm, Datum, Uhrzeit und Personenanzahl an info@zeise.de.

 

Indoor- und Outdoor-Kinobetrieb

 

Ab spätestens 1. Juli soll auch der reguläre Indoor-Kinobetrieb starten – mit drei Oscar-Filmen: „Nomadland“ (Start: 1.7.), „Minari – Wo wir Wurzeln schlagen“ (Start: 8.7.) und „Der Rausch“ (Start: 22.7.). Außerdem haben die Planungen für das Zeise Open Air 2021 begonnen – ebenfalls ab dem 1. Juli soll das Freiluftkino im Innenhof des Altonaer Rathaus wieder möglich sein.

zeise.de


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Gegen Corona: Charity-Panini-Album für Hamburgs Kulturszene

Über 200 Hamburger Persönlichkeiten, Prominente und Herzensmenschen sind in einem Original-Panini-Sammelalbum vereint. Mit dem Kauf des zeithistorischen Dokuments kann jeder etwas Gutes tun und die Kulturszene während Corona unterstützen. Das Heft ist ab heute am Kiosk erhältlich

Text: Isabel Rauhut

 

Es ist gerade jetzt Zeit für coole, neue Ideen: #TEAM HAMBURG heißt ein Panini-Album, dass zu Gunsten der Hamburger Kultur- und Clubszene entstanden ist. Die Panini-Experten vom Hamburger Büro Juststickit haben in Zusammenarbeit mit dem Team der Gute Leude Fabrik und MenscHHamburg e.V.  für diese gemeinschaftliche Aktion mehr als 200 Hamburger Top-Prominente und Herzensmenschen gewonnen: Deren Portraits werden in einem Original Panini-Sammelalbum mit Stickern überklebt, auf denen die Teilnehmer/innen die obligatorischen Mund-Nasen-Schutzmasken tragen. Durch diese Idee ist das Panini-Album zugleich ein einmaliges Stück Zeitgeschichte.

Mit dem Verkauf wird dazu beigetragen, dass Hamburg auch nach der Corona-Krise kreativ, bunt und vielfältig ist, denn 100 Prozent des Gewinns fließen in die Kulturszene der Stadt.

 

Das Who is who der Stadt

 

Die #TEAM HAMBURG- Sticker werden in der legendären Panini-Fabrik in Modena gedruckt, gepackt und gemischt, wie alle anderen Panini-Sticker auch. Die Sammelleidenschaft wird wie folgt befriedigt: Die 200 Hamburgerinnen und Hamburger haben sich einmal mit und einmal ohne Maske fotografieren lassen. Wer ab heute, 26. Januar, ein Sammelheft für zwei Euro und möglichst viele Tütchen mit den Stickern (fünf Stück für 80 Cent) am Kiosk erwirbt, kann die Maskenbilder auf die maskenfreien Gesichter kleben. Und der Hinweis für die Experten: es gibt natürlich auch Glitzersticker!

Mit dabei ist das Who is who der Stadt: Vom Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher bis Udo Lindenberg, von Dieter Bohlen bis Jan Delay, von Caren Miosga bis Tim Mälzer, von Tobias Schlegl bis Sängerin Anna Depenbusch, vom HSV bis zum FC St. Pauli oder auch den Towers. Sogar Influencerin Caro Daur kann gesammelt werden. Dazu kommen noch 20 Sticker von Marken und Unternehmen der Stadt in der Rubrik „Wir sagen Danke“. Diese Firmen haben geholfen, die Druckkosten der Kollektion zu finanzieren, so dass der Gewinn ausschließlich der Kulturszene zufließen kann.

 

Tauschen?

 

Es wurden bereits Tauschbörsen eingerichtet: Auf Facebook existiert die Gruppe „Team Hamburg Panini“, aber auch auf anderen bekannten Online-Tauschbörsen, wie zum Beispiel Klebebildchen, ist die Serie gelistet.

Wer bald ein volles Album vorweisen kann, ist berechtigt damit an einem Gewinnspiel teilzunehmen – neben Sachpreisen gibt es hier auch Zugänge und Erlebnisse zu gewinnen, die sonst nicht so einfach zu haben sind. Viel Spaß beim Sammeln!

 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Portrait: Basketball-Coaching-Talent Sükran Gencay

Sükran Gencay ist mit den Basketballern des ETV in die 2. Liga Pro B aufgestiegen, es war der sechste Aufstieg in acht Jahren. Über ein außergewöhnliches Coaching-Talent

Text: Matthias Greulich

 

Sükran Gencay verdreht Augen, als sie einen Spieler der gegnerischen Mannschaft über eine Schiedsrichterentscheidung lamentieren hört. „Spiel’ doch mal Basketball“, ruft sie dem Zwei-Meter-Mann zu. Der Schlaks sieht die 160 Zentimeter große Frau mit dem schwarzen T-Shirt an und hört tatsächlich auf zu meckern.

„Ich mag klare Ansagen, das war schon immer so“, sagt die 34-Jährige, die als Headcoach mit den ETV Basketballern im Frühjahr sensationell in die 2. Bundesliga aufgestiegen ist. Es ist der sechste Aufstieg, seitdem Gencay vor acht Jahren das Team in der Kreisliga übernahm. Wenn in der dritthöchsten deutschen Spielklasse wie geplant am 16. Oktober die Saison beginnen kann, heißen die Gegner ART Giants Düsseldorf, Rhein Stars Köln oder SC Rist Wedel. Einige Spieler in der 2. Bundesliga Pro B können vom Basketball leben, andere sind Halbprofis oder opfern wie die Eimsbütteler Amateure fast ihre gesamte Freizeit für ihr Hobby. Das gilt auch für ihre ehrgeizige Trainerin, die als Projektmanagerin arbeitet und die Basketballabteilung des ETV ehrenamtlich leitet.

 

Ganz oder gar nicht

 

Der Job in einer Logistikfirma macht Gencay unabhängig: „Ich habe wenig Freizeit, sehe die Konstellation aber eher als Vorteil. Basketball bleibt eine Leidenschaft. Ich habe nicht diesen extremen Druck wie andere Trainer.“ Allerdings verzichtet sie in dieser Saison erstmals darauf, selber zu spielen. Bei der BG West, der Basketballgemeinschaft des SV Eidelstedt und des SV Lurup, könnte sie zwar gelegentlich aushelfen, aber „ich will dem Team dann auch gerecht werden“. Etwas nur halb zu machen, widerstrebe ihr.

Bräuchte man übrigens eine Referentin, um die Vorteile des Mannschaftssports zu schildern, wäre Gencay denkbar geeignet. „Die Möglichkeiten, sich als Persönlichkeit weiterzuentwickeln, hast du sonst nicht im Alltag“, findet sie. Umso mehr gilt das für die sehr vielfältige ETV Basketball Community. „Das ist einer unserer größten Reichtümer.“ Die Muslima ist dafür ein Beispiel. In Wilhelmsburg aufgewachsen, ging sie in St. Georg zur Schule und begann beim ETV Basketball zu spielen. Die Towers gab es noch nicht, es war für Wilhelmsburger Mädchen mit türkischen Wurzeln Mitte der 1990er Jahre nicht selbstverständlich, im Verein Basketball zu spielen. „Da ist meine Generation so etwas wie ein Türöffner.“ Mittlerweile seien junge Frauen wie sie in den Vereinen viel präsenter.

 

Wertschätzender Umgang

 

Je höher die Spielklasse ist, der die ETV Basketballer angehören, desto mehr wird es für Außenstehende ein Thema, dass da eine Frau Männer in der dritten Liga trainiert. „Anfangs hat mich das wütend gemacht, weil es für mich nie wichtig war“, sagt Gencay. Inzwischen sehe sie das Interesse der Medien entspannter. „Es ist noch keine Normalität, aber das kann sich ändern.“ Davon, dass Frauen ein Team anders führen als Männer, ist sie überzeugt. „Es geht um einen wertschätzenden Umgang miteinander.“ Sie schaffe es, deutliche Ansagen an der Seitenlinie mit einem guten Verhältnis zum Team zu verbinden, was im Leistungsbasketball eher selten ist.

Als ihre Spieler vor zwei Jahren als Aufsteiger in der Regionalliga reihenweise Spiele verloren, ging das Team reichlich deprimiert in die Weihnachtspause. Der Klassenerhalt war angesichts der vielen Niederlagen weit aus dem Blick geraten. Sükran Gencay schickte jedem ihrer Spieler einen handgeschriebenen Brief, in dem sie an die Stärken jedes Einzelnen im Kader erinnerte. In Zeiten von WhatsApp waren diese Briefe so außergewöhnlich, dass viele Spieler sich noch an den Inhalt erinnern können. „Das Schriftliche hat einen besonderen Wert, ich habe mir genau überlegt, was ich schrieb“, sagt Gencay. Und dass der ETV wieder an sich zu glauben begann, war ein erster Schritt für den Klassenerhalt, der einige Monate später tatsächlich gefeiert werden konnte. „Manchmal bin ich auch nett“, sagt sie und lacht.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hamburger des Monats: Benjamin Jürgens – Refugee Canteen

Viele Geflüchtete und Migranten haben in der Refugee Canteen erste Grundlagen für gastronomische Berufe gelernt, in denen sie heute arbeiten. Doch nach vier Jahren hat Gründer Benjamin Jürgens sein Herzensprojekt mangels Spenden 2019 vorerst eingestellt. Ein Gespräch mit dem 34-jährigen Gastro-Experten über ein mögliches Comeback dieser einzigartigen Akademie, seine Flucht aus Mümmelmannsberg und kulturelle Unterschiede beim Karottenzählen

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Benjamin, wie entstand die Idee zur Refugee Canteen, eurem Schulungsangebot für Geflüchtete und Migranten?

Benjamin Jürgens: 2015 kam ich zurück aus Indonesien. Ich hörte zum ersten Mal, dass in den Messehallen Geflüchtete untergebracht waren. Wir saßen mit befreundeten Köchen zu­ sammen, haben uns ordentlich einen reingelötet und überlegt, was wir tun können. In der Nacht habe ich das Konzept geschrieben, so ganz genau ist die Erinnerung nicht mehr da.

Aber es war überzeugend.

Ich bekam positives Feedback von der KfW­-Stiftung (Kreditanstalt für Wiederaufbau; Anm. d. Red.), die uns gefördert hat. Wir taten uns mit einem Bildungsträger zusammen. Das Ganze nahm richtig Fahrt auf, weil wir uns die nötige Professionalität im Umgang mit dem Jobcenter ins Boot geholt hatten.

Im Januar 2017 entschlossen wir uns, das Programm für alle Geflüchteten un­ abhängig von ihrem Status zu öffnen. Wir konnten die Menschen erreichen, die zu uns kommen wollten, und muss­ten nicht jeden nach seinem Aufenthaltsstatus fragen.

 

„Den Menschen helfen, die zu uns ins Land kommen“

 

Es lief also ohne Förderung vom Jobcenter?

Ganz genau. Die Crux war: Wo ist das Geschäftsmodell? Von da an waren wir zu 100 Prozent abhängig von Spenden. Anderthalb Jahre lang war das überhaupt kein Problem. Das Thema „Essen, Getränke, Men­schen“ ist ein sehr schönes. Dann kamen weniger Spenden. Wir haben aus einem Zwölf-­Wochen­-Programm ein Drei­-Wochen­-Programm gemacht, um die Kosten immer weiter herunter zu schrauben.

Warum hast du soviel Leidenschaft in das Projekt gesteckt?

Ich wollte den Menschen helfen, die zu uns ins Land kamen. Das war für mich soziale Pflicht. Und ich musste dieser Branche, die mir viel gegeben hat, etwas zurückgeben. Denn ich war in einer ähnlichen Situation, als Kind aus Mümmelmannsberg, das sich ver­stoßen gefühlt hat, nicht zurechtkam in der Welt und in der Gastronomie sein Zuhause fand.

Warum ging es mit der Refugee Canteen nicht weiter?

Wir konnten der Gastronomie und Hotellerie nicht deutlich machen, wie wichtig es ist, heute zu investieren, ob­wohl der Notstand im Personalbereich groß ist. Ebenso wie die Abbrecher­quoten in der Ausbildung. Wir muss­ten deshalb Ende 2019 aufhören.

Man hat uns noch einige Angebote gemacht. Zum Beispiel, nur noch Frauen zu qualifizieren. Das war für uns nicht der richtige Weg. Wir hatten vorher etwa 20 Prozent Frauen bei uns im Programm und es war immer klar, dass jeder gleich wichtig ist.

 

Zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen vermitteln

 

Gibt es neue Ansätze?

Vor einigen Wochen gab es Ge­spräche, die Refugee Canteen auf eine Bar zu beschränken. Aber daraus wird dann ganz oft nichts. Weil das Inte­grieren von Menschen nicht einfach wie ein Hobby funktioniert. Es ist ein spannender Prozess, junge Menschen am Ball zu behalten, wenn sie das erste tiefe Tal haben. Wenn dir langweilig wird und du denkst: „Mann, ich kann keine Karotten mehr sehen.“ Oder es gibt Nachrichten aus dem eigenen Land, die nicht schön sind.

Man kann davon ausgehen, dass jeder, der bei uns war, eine hohe psychische Belastung hatte. Davon konnte sich keiner frei­ machen, selbst wir haben uns einmal im Monat selbst reflektiert und haben Coachings durchlaufen müssen. Weil wir mit Menschen konfrontiert waren, die sich gar nicht öffnen, andere haben einen Riesendruck und wollen den los­ werden.

Was hast du gelernt?

Wenn einer unserer Teilnehmer im Betrieb Probleme hatte, konnten wir sehr schnell erkennen, warum. Wir konnten zwischen den verschiedenen Sprachen und Kulturen vermitteln. Wir konnten dem jungen Teilnehmer sagen: „Wenn der Küchenchef das sagt, meint er das und umgekehrt.“ Ein ganz einfaches Beispiel: Wie viel Finger siehst du? (zeigt mit der offenen linken Hand Daumen, Zeige- und Mittelfinger)

Drei.

In arabischen Ländern wird von rechts nach links gezählt. Der Teilneh­mer schaut also zuerst auf die beiden Finger rechts. Wenn du sagst: „Hol’ mal drei Karotten“, sieht unser Teilnehmer zwei. Und die sehr direkte Ansprache, die wir in Deutschland ja doch haben, wird oft als sehr kritisierend angese­hen.

Unsere Erfahrung war, dass es in­ direkt besser funktioniert. „Bist du der Meinung, dass der Fußboden so sauber ist, dass wir Gäste einladen können?“, ist besser als „Du hast den Fußboden nicht sauber gemacht.“ Jemanden vor der ganzen Gruppe so klein zu machen, bedeutete immer Stress. Ich haben den Betrieben immer gesagt: „Auch wenn sie aus Syrien oder Eritrea kommen, sind das ganz normale Millennials, wie alle anderen auch in dem Alter. Die sind verliebt in ihr Telefon, die wollen ihre Sachen machen und wissen, ob sie in vier Wochen aufs Fes­tival gehen können.

 

Mümmelmannsberg ist ein anderer Stadtteil geworden

 

Was könnte ein nächster Schritt sein?

Im Grunde müsste Hamburg die erste gastronomische Vorschule grün­den, in der sich Menschen orientieren können. Es ist oft so, dass wir junge Menschen haben, die gar nicht wissen, was auf sie zukommt. Uns würde es helfen, Menschen zu finden, die in eine solche Idee investieren wollen. In meinen Augen hat das nichts mehr mit Geflüchteten zu tun. Wenn ich es mir überlege, bin ich aus Mümmelmanns­berg vor 18 Jahren geflohen, um meinen Weg zu gehen.

Ging es vielen ehemaligen Mitschülern ähnlich?

Ja, der Großteil hat studiert, Stipen­dien bekommen und richtig was aus sich gemacht. Das Stigma, mit dem wir aufgewachsen sind, war dann irgend­wann egal. Obwohl ich auch Freunde verloren habe, die bei Messerstechereien ums Leben kamen. Jetzt ist es ein ganz anderer Stadtteil geworden. Einmal im Jahr fahre ich hin, weil es schon Heimat für mich ist.

Ich bin im­mer überrascht, dass es langsam schön dort wird. Die Fassaden werden neu gemacht. Passt mir eigentlich nicht, ich fand es immer schön dort, muss ich sagen. Es war meine Hood, es hat dort immer so eigen gerochen. Auf einmal ist es ganz fancy, was es dort so gibt. Bis auf den Kiosk an der Gesamtschule Mümmelmannsberg. Der ist immer noch da, was ich sehr cool finde.

refugee-canteen.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

foodlab: Hamburgs neues Gastro-Kreativlabor

Hamburger Gastronomen und Food-Unternehmen haben ein neues Tüftel-Zuhause im foodlab

Text: Michelle Kastrop

 

Das Waterkant-Gebäude in der HafenCity: Hier ist kürzlich das foodlab mit einem weltweit neuen Konzept eröffnet worden. Auf 1.200 Quadratmetern umfasst es ein von Hanseatic Coffee Roasters betriebenes Café mit Mini­-Shop, ein Pop­-up­-Restaurant, in dem alle vier Wochen wechselnde Restaurants ihre Konzepte und Gerichte vorstellen, einen Co­working­-Space mit Arbeitsplätzen für allerhand Unternehmen aus der Food­-Szene, mehrere Testküchen und ein Media-­ und Eventstudio für Shootings.

Das foodlab-­Konzept stammt von Christin Siegemund. Die Marketingexpertin begann 2013 mit ihrem Blog „Hambur­ger Deern“, sich mehr und mehr ihrer Leidenschaft für gutes Es­sen und die Hamburger Food­-Szene zu widmen. Bald habe sie gemerkt, dass viele Betriebe sich mit ähnlichen Fragen und Problemen konfrontiert sehen, speziell im Bereich Infrastruktur und Netzwerk: „So entstand die Idee von foodlab.“

 

Das foodlab als Begegnungsstätte

 

Die Unternehmen, die Sie­gemund ansprechen will, sollen das foodlab „als Begegnungsstätte“ verstehen. Ihr Mietobjekt, das Waterkant­-Gebäude mit seiner großzügigen Fensterfront, die besten Blick auf die Elbe erlaubt, sei dafür der perfekte Ort.

Eines der Start­ups, dass bereits im foodlab zu Hause ist, ist Newbaked. Seit der Gründung Ende Juni produziert es gemeinsam mit der Bäckerei Bah­de Feinschmecker-­Brote für die gehobene Gastronomie, Hotellerie und in Feinkostläden. Mit seinem Konzept kam Newba­ked-­Chef Wodz zu Siegemund – und profitiert seitdem sehr vom foodlab-­Netzwerk. „Es war genau der richtige Schritt, ins foodlab einzuziehen und dort mitzumischen“, schwärmt er von den neuen Möglichkeiten.

Übrigens: Im foodlab kön­nen sich Food-­Start­ups auch für ein Accelerator­-Programm bewerben. Daran teilneh­menden Unternehmen wird ein halbes Jahr lang ein Arbeitsplatz gestellt und ein individuelles Training geboten. Siegemund: „In unserem Accelerator­ Programm, holen wir sie quasi an dem Punkt ab, wo sie gerade in ihrem Prozess sind und stellen dann die passenden Coaches zur Verfügung.“ Vo­raussetzung, um dabei zu sein: Es müsse „ein Bu­sinessplan und am bes­ten schon ein erstes Produkt vorhanden sein“.

foodlab 
Überseeallee 10 (HafenCity)


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Neue Gastro-Liebe: Herzstück eröffnet in Eimsbüttel

Zwei kreative Köpfe, eine richtig gute Location und jede Menge positive Energie: Die Gastronomen Hannes Schröder (u. a. Küchenfreunde) und Vesper-Gründer Christian Buchleiter machen ab 4. August gemeinsame Sache

 

Nach dem Heimatdeli „was wir wirklich LIEBEN“ in der Hegestraße und dem Kraftwerk in Bahrenfeld folgt nun der nächster Standort in Eimsbüttel. An der Ecke Osterstraße/Eppendorfer Weg, an der das Vesper schon seit 24 Jahren zu Hause ist, eröffnen beide am Dienstag, 4. August, ihr „Herzstück“.

In der neuen Location mit Sonnenterrasse werden ab nächster Woche dienstags bis samstags von 9 bis 24 Uhr hochwertige Speisen, Kaffee und Kuchen sowie leckere Drinks – from farm to table, in gehabter „was wir wirklich LIEBEN“-Qualität.

 

Drei-Tageszeiten-Modell

 

In der neuen Küche, die auf Effizienz und Nachhaltigkeit ausgelegt ist, werden aus regionalen und saisonalen Zutaten köstliche Gerichte gezaubert. Das Drei-Tageszeiten-Modell, welches von morgens bis abends glücklich und satt macht, wird hier kreativ umgesetzt: Zum Frühstück gibt es eine Auswahl an Müsli, Stullen, Franzbrötchen, Rüherei oder auch vegane Alternativen. Die Lunchkarte, die jede Woche wechselt macht Veganer und Vegetarier genauso glücklich wie Fleischliebhaber.

Von geröstetem Blumenkohl mit eingelegten Kirschen und Ziegenkäse über hausgebeizten Fjordlachs bis zu Hannes‘ Lieblingsgericht, Wiener Schnitzel mit Heidekartoffel-Salat, findet man abends auf der Speisekarte ebenfalls für jeden Geschmack etwas.

Den 4. August rot im Kalender markieren und ab nach Eimsbüttel ins Herzstück!

Herzstück: Osterstraße 10-12 (Eimsbüttel)


Der Gastro-Guide SZENE HAMBURG ESSEN+TRINKEN ist seit April 2020 für 10,80 Euro im Handel und im Online-Shop erhältlich!


Auf den Geschmack  gekommen? Für mehr Stories aus Hamburgs #foodszene folge uns auf Facebook und Instagram.


Appetit auf mehr?

Drinks mit Hafenromantik: Das Bistro Liberté hat neu eröffnet

Gutes Drinks mitten im Hafen genießen: So geht Freiheit auf Französich

Hafenromantik de luxe! Auf dem Anleger direkt am Fischmarkt ist eine echte Wohlfühloase entstanden: das Bistro Liberté. Dahinter steckt StrandPauli-Macher John Wiblitz, der bekanntlich ein Händchen hat für das Schaffen einer tollen Location in Wassernähe. Diese ist nun wirklich nah: Nur 30 Zentimeter über der Wasserlinie können Gäste sich über leichte französische Küche freuen.

Gebaut wurde das Bistro im Loft-Stil eines historischen Zollhauses mit übergroßen Industrie-Flügelfenstern. 75 Innen- und 150 Außenplätze werden geboten. Drinks wie den Liberté Deluxe oder einen St. Germain Spritz werden aktuell beim Soft-Opening angeboten – Essen komme danach dazu. Einen unschlagbaren Blick auf das Hafengeschehen gibt es aber schon jetzt!

Liberté: Anleger Fischmarkt (Altona)


Der Gastro-Guide SZENE HAMBURG ESSEN+TRINKEN ist seit April 2020 für 10,80 Euro im Handel und im Online-Shop erhältlich!


Auf den Geschmack  gekommen? Für mehr Stories aus Hamburgs #foodszene folge uns auf Facebook und Instagram.


Appetit auf mehr?