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Hamilton-Premiere in Hamburg

Das Musical „Hamilton“ feiert am 6. Oktober Premiere in Hamburg. Fans des Klassikers aus New York können sich auf ein sehr präsentes Ensemble und liebevoll gestaltete Kostüme freuen

Text: Anna Reclam

 

Es ist der Broadway-Hit schlechthin: „Hamilton“ gibt es nun erstmals auch auf Deutsch und zwar im Stage Operettenhaus zu sehen. Zur Deutschlandpremiere haben sich zahlreiche prominente Gäste angekündigt: Darunter Hamilton-Schöpfer Lin-Manuel Miranda, der extra aus den USA anreist. Der international gefeierte Star ist unter anderem auch für seine Hits aus Disney-Filmen wie „Vaiana“ und „Encanto“ bekannt.

Das mehrfach prämierte Original vom Broadway ist an mancher Stelle mit Akzent vorgetragen, an anderer etwas holprig übersetzt. Der Handlung kann man dennoch gut folgen: Sie dreht sich um das Leben von Alexander Hamilton, der als einer der Gründungsväter der Vereinigten Staaten gilt. Grundkenntnisse der US-amerikanischen Geschichte sind bei diesem Stoff durchaus von Vorteil.

Das Bühnenbild gleich dem des Originals, es ist einfach, überschaubar und kommt ganz ohne Special-Effects aus. Doch die braucht es auch gar nicht: Das 34-köpfige Ensemble zeigt sich im Stile einer Brooklyn Dance Company durchgehend präsent und performt engagiert zu einem musikalischen Mix aus Pop, Swing und Deutsch Rap. Auch die detailverliebten Kostüme sind sehr ansprechend. Fazit: „Hamilton“ ist solide amerikanische Unterhaltung – ohne große musikalische Überraschungen.

 


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John: „Manchmal gucke ich aus dem Fenster und sage mir: Du bist im Paradies“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir John begegnet.

Protokoll & Foto: Kevin Goonewardena

 

„Wenn ich jetzt die Menschen mit einem Lächeln auf der Straße sehe, die sich fast wieder normal bewegen können, dann ist das einfach schön. Jeder von uns war von diesem verdammten Ding betroffen und wenn ich Ding sage, meine ich Corona.

Jede:r hat seine eigene Idee, seine Philosophie entwickelt, wie er oder sie mit dieser verdammten Zeit umgeht. Meine war: Locker sein und abwarten. Ich habe nicht erwartet, dass das früher zu Ende geht, das hat mich beschützt. Anfangs glaubte ich noch, dass Corona schnell wieder vorübergehen würde. Nach drei Monaten habe ich mir gesagt: Mach dir keine Illusionen, das wird jetzt länger dauern, also stell dich darauf ein.

Meine Philosophie ist immer: Was ich entscheiden kann, ist kein Problem. Nur was andere für mich entscheiden – entscheiden können oder müssen – dass kann ein Problem sein. Ist das vermeintliche Problem wirklich ein Problem? Das muss man dann analysieren.

 

„Wir sind das Problem, nicht das Leben“

 

Das Leben ist doch schön. Die Menschen haben Probleme, die Menschen machen Probleme, aber das Leben an sich ist schön. Wir sind das Problem, nicht das Leben. Wenn man sagt, das Leben sei schwer, dann denkt man nur an den Menschen und ignoriert die anderen Lebewesen. Alles was atmet, sogar die Bäume, die gehören dazu. Alles was lebt, ist etwas sehr Einzigartiges.

Als Taxifahrer, ich sag dir, da fahre ich manchmal Leute, denen es sehr gut geht und andere, die haben nichts und sind dann auch noch schwer krank. Ich mache auch viele Krankentransporte. Wenn ich von da Geschichten höre, sage ich mir immer: Hey, du kannst noch laufen, du kannst noch klar denken, wo ist dein Problem?! Es geht dir gut. Ich freue mich immer wie ein Dummkopf über das Leben. Manchmal gucke ich aus dem Fenster und sage mir: Du bist im Paradies.“


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André: „In Hamburg habe ich mich direkt schockverliebt“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir André begegnet.

Protokoll: Kevin Goonewardena

 

„Ich komme vom kleinen Dorf aus Mittelhessen, 80 Kilometer südlich von Kassel und 100 Kilometer nördlich von Frankfurt am Main, im Niemandsland also. Dort war ich immer der Paradiesvogel, der, der es schwer hatte, das hat mich in die Weite getrieben. München ist eine schöne Stadt, aber nicht mein Schlag Leute, Köln ist noch ganz okay gewesen, da bin ich eine zeitlang auch hin, aber das hatte sich dann schnell für mich gedreht, sag ich mal. Aber in Hamburg habe ich mich direkt schockverliebt.

Ich bin mit meiner heutigen Verlobten hier her gezogen, die kommt aus Schleswig-Holstein, aber Kennengelernt haben wir uns in Hessen, sie musste nach dem Studium wieder in den Norden, da musste ich nicht lange überlegen, denn ich hatte eh den Plan nach Hamburg zu gehen, bin sicher schon vierzig mal vorher zum Feiern hier gewesen, habe aber meinen Arsch nicht hochbekommen hierhin zu ziehen. Die Frage war kaum gestellt, da hatte ich schon ja gesagt.

In Hamburg haben mich die Leute sofort gut aufgenommen. Bei uns hieß es immer die „Hamburger sind kühle Menschen, die lassen dich nicht an sich ran“, da habe ich genau das Gegenteil kennengelernt. Genauso auf das Wetter bezogen, deswegen habe ich unten auf meinem Bein „No Rain, no flowers“ tätowiert, weil es mir auf den Sack geht, dass die Leute immer mit ihrem Wetter kommen. In der Anfangszeit habe ich Niemanden gekannt, war viel alleine unterwegs. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Kneipenbesuch – da hieß es von den Stammgästen nach fünf Minuten „Was sitzt du da so alleine? Komm’ an Tresen“, ich wurde sofort aufgenommen. Das war im Astra Stübchen, eine ganz kleine Eckkneipe in der Straße Ophagen in Altona-Nord, da steht mittlerweile mein Fahrrad. Ich fahre gerne Rennrad, wollte mir ein vernünftiges kaufen, sag ich mal, hatte aber keinen Platz das unterzustellen, da hat der Wirt gesagt, hier der Schlüssel für meine Garage, ich vertraue dir, kannst das Rad da unterstellen und seitdem steht mein Fahrrad da drinnen. 

 

Die Mentalität

 

Früher wie heute bin ich auf der Schanze unterwegs, auf St. Pauli, in Nebenstraßen der Reeperbahn, Hein-Hoyer und so. Am Anfang habe ich mich oft treiben lassen. Ich war im Gun Club, dem Menschenzoo, mag das Molotow, Uebel & Gefährlich und den Waagenbau. Heute findet man mich eher in Kneipen. Ich kann durchaus auch Samstags mal auf der Couch chillen, aber mein Kopf braucht die Wahl. Ich muss mir sagen können „Wenn du jetzt Bock hättest, könntest du aufstehen, rausgehen, alles machen.“

Ich komme ja vom Dorf, da war das nicht der Fall. Das trifft auf jede Großstadt zu, den Unterscheid macht hier für mich die Mentalität der Leute. Habe regelmäßig das Oktoberfest in München besucht, da war die erste Frage immer „Was bist du?“, das kann ich nicht ab.


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Crazy Horst: Der faire Mann vom Kiez

Seit 1974 betreibt Horst Schleich, 76, die Bar Crazy Horst auf St. Pauli. Er war mit Domenica befreundet, ist eng mit Ulrich Tukur, hatte Gäste von Drafi Deutscher bis Brad Pitt. Ein Gespräch über Sanktpaulianismus und das Leben im Hier und Jetzt

Inteview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Horst, du wolltest als Kind evangelischer Pfarrer werden. Heute bist du die Kiezlegende Crazy Horst. Was war da los?

Horst Schleich: Ich habe seit meinem 13. Lebensjahr die Ferien bei meiner Tante in Hamburg verbracht. Das erste Mal Hamburg war wie ein Urknall. Nicht so wie im Dorf, wo man die Jalousien hochgemacht hat, damit der Nachbar nicht denkt, man würde am Sonntag bis halb neun schlafen. Das hat mich dann mehr interessiert als die Theologie. 1966, mit 22, nach der Bundeswehr, bin ich endgültig hergezogen. Meine Tante hat mich mit offenen Armen aufgenommen.

Wie kamst du in die Gastronomie?

Ich war zuerst Staubsauger-, dann Getränkeautomatenvertreter. Irgendwann bin ich zu Karstadt, wo mich Hoover als Waschmaschinenverkäufer abgeworben hat. Da habe ich im ersten Monat 8.000 Mark verdient. Bei 100 Mark Miete. Anfang der 70er wurde mir die Hafenarbeiterkneipe. „Kiek Ut“ („Guck raus“ auf Plattdeutsch; Anm. d. Red.) angeboten. Da gab es jeden Morgen Aufrufe im Radio: „Wir brauchen 3.000 Hafenarbeiter.“ Die haben die Nacht bei mir gepennt in der Kneipe, sind zum Hafen, haben gearbeitet, sind zurückgekommen und haben ihren Zettel gezahlt. Wunderschöne Zeit mit herzlichen Menschen. 1974 war ich schon in der Otzenstraße als Crazy Horst. Da hat mich aber der Name der Straße gestört. Dann habe ich in die Hein-Hoyer-Straße gewechselt. Und da bin ich bis heute.

 

Den Kiez geprägt

 

Du hast ja auch das legendäre Molotow eröffnet.

Beim Vorbesitzer war es eine Schlagerdisco. Das lief nicht. Dann wurde es mir angeboten. Ich habe von Bookern ein Konzept entwickeln lassen. Das hat vom ersten Moment an geballert. Wir haben Punk gespielt. Ich wusste, wie man Punk schreibt, aber nicht, was es ist. Ich musste lernen, was Pogo ist. Ich habe meine Security gerufen, wenn die ins Publikum gesprungen sind: „Guckt mal, die hauen sich.“ Da haben die gesagt: „Nee, Alter, das macht man so.“ Das war 1989. Wir haben auch die ersten SM-Partys in Deutschland veranstaltet. Da kamen sie aus ganz Europa. Und ich mittendrin in Lederklamotten für 1.000 Mark, völlig fehl am Platz. SM ist Liebe. Wussten alle da. Nur ich nicht.

Du bist, wenn man so will, der Letzte deiner Art.

Der Letzte und der Längste. Zuerst waren hier Jugendliche, die wir um 22 Uhr rausgeschmissen haben. Dann kamen die Zuhälter. Da war das ganze Haus voll mit den Jungs. Stefan Hentschel wohnte hier. Das war der mit dem ausgestochenen Auge. Der hat vor laufender Kamera mal einen niedergeboxt. „Hast’n Problem?“ War ein Hit auf Youtube. Peinlich. Eigentlich war das ein ganz liebenswerter Mensch. Domenica hat auch hier gewohnt. Mit der war ich sieben Jahre ganz gut befreundet. Also, befreundet. Und sonst nichts. Wir haben ganz viel zusammen gemacht. Ich habe sie begleitet, als sie ihr Lokal am Fischmarkt eröffnete. Aber sie war halt keine Geschäftsfrau. Aber ein Riesenherz. Größer als der Busen.

Hast du heute noch Kontakt zu Kiezgrößen?

Ja, zum schönen Klaus zum Beispiel. Mit dem haben wir neulich was gedreht zu Kiezprominenz. Klar, ich kenne die ja alle. Aber die sind halt alle alt und haben kein Geld mehr. Ich kenne einen einzigen von den Früheren, der noch Geld hat. Und der ist an die 90. Der macht nicht mehr viel.

 

Der Schlichter

 

Du galtst und giltst ja als der faire Mann vom Kiez.

Ja, ich habe immer bei Streitereien geschlichtet. Und als in den 80ern die Pinzner-Mordserie auf dem Kiez war, haben sich die Insider immer hier in der Bar getroffen, um ungestört zu reden. Ich wusste da einiges drüber. Und hier vorne war ein Pfandhaus. Wenn einer diskret Schmuck versetzen wollte, habe ich das für ihn gemacht. Der Ruf hängt mir heute noch an.

In welchem Jahrzehnt waren die Partys am besten?

Die waren immer anders. Ich war mal mit Domenica bei der Schauspielerin Inge Meysel. Und die hat gesagt: „Gestern ist vorbei. Heute lebe ich. Und morgen macht der liebe Gott.“ Da hat sie recht gehabt. Ich hänge nicht dem Vergangenen hinterher. Ich kümmere mich ein wenig um die Zukunft, aber ich lebe jetzt. Und dann geh ich aus der Tür und mir schmeißt einer einen Blumentopf auf den Kopf. Das ist mir wirklich mal passiert. Hat aber zum Glück nicht getroffen.

Was bedeutet St. Pauli für dich?

Ich denke sanktpaulianisch. Die Gesetze von damals habe ich heute noch drin. Wenn du eine Frau hast, dann schlaf ich nicht mit der. Man verpetzt keinen. Man ruft die Polizei erst dann, wenn es ums Leben geht. Ich sage immer: „Ich komme aus der Nähe von Kassel. Das ist meine Heimat. Auf St. Pauli bin ich zu Hause.“

 

Der Kiez heute

 

Die Veränderungen auf St. Pauli sind ein großes Thema. Was sagst du dazu?

Ich war 15 Jahre im Sanierungsbeirat. Wir waren zuständig, die Gentrifizierung zu verhindern, aber das haben wir nicht geschafft. Als ich Mitte der 70er hergezogen bin, hat meine Viereinhalbzimmer-Wohnung 307 Mark gekostet. Und als ich ausgezogen bin, nach 30 Jahren, 1.190 Euro. Die Wohnung über mir hat zu Beginn meiner Zeit hier 40.000 D-Mark gekostet. Die Nachfolgerin hat jetzt 225.000 Euro dafür bezahlt. Für 46 Quadratmeter.

Was war für dich die größte Bausünde auf St. Pauli?

Die größte Sünde waren die Essohäuser. Da mussten 2013 alle raus wegen Einsturzgefahr, mitten in der Vorweihnachtszeit. Bewohner, Bars und Clubs, unter anderem auch das Molotow.

Der Besitzer, die Bayerische Hausbau, hatte da ja alles Mögliche versprochen.

Ja, Beteiligungsprozesse von Bürgern und so weiter. Da gibt es ja auch die Planbude, aber da wurde nichts erreicht. Da ist bis heute nichts passiert. Das Molotow dürfte zurück. Für 30.000 Euro Miete im Monat. Das geht ja gar nicht.

Man kann sagen, dass dir nach 40 Jahren St. Pauli nichts Menschliches fremd ist. Bleibt bei so viel Realismus noch Platz für Spiritualität?

Ja, da bin ich ganz schlimm drin. Als 1983 meine Oma gestorben ist, hatte ich ein Jahr oder länger mit der Trauer zu tun. Wenn ein Bild von der Wand fiel, dachte ich, das wäre sie. Und als ich auf Mallorca war, hat mich ein Hypnotiseur verfolgt bis hierher, weil ich so empfänglich bin. Der wollte mich als Medium mit auf Tournee nehmen. Ich habe in Trance Zitronen gegessen und dachte, es wäre eine Apfelsine. So überm Stuhl gehangen als schwebende Jungfrau. Mit mir geht so was wunderbar.

 

Die Folgen der Pandemie

 

Du hattest seit den 70ern fast durchgehend Barbetrieb. Dann kam der Lockdown. Hast du dich isoliert gefühlt?

Nein. Ich bin allein, aber nicht einsam. Ich hab ganz engen Kontakt zu meinem Bruder. Der lebt in Köln und war da im Entwicklungshilfeministerium Direktor. Schwägerin auch. Die haben auch noch eine Tochter, die ist auch schon wieder 40. Und die Schwester meiner Mutter, die ist so alt wie ich. Oder zwei Jahre älter. Die lebt noch. Und da telefonieren wir auch die ganze Woche hin und her.

Was sagst du zu den Corona-Maßnahmen in der Gegend mit ihren Regelungen, die sich von Straße zu Straße ändern?

Das ist gequirlte Scheiße. Keiner blickt da durch. Ich kenne ja auch die Leute. Ich kenne den Andy Grote. Und den Platzbecker, den Abgeordneten für unseren Bezirk. Ich krieg da keine richtige Auskunft. Herr Tschentscher ist ja jetzt ein büschen merkelhaft. Immer schön abwarten. Und gleichzeitig gnadenlos.

Du hast vermutlich einen unerschöpflichen Fundus an Anekdoten. Gibst du eine zum Besten?

In den 80ern wurde zur Umsatzsteuer die Getränkesteuer als Steuer obendrauf in Hamburg eingeführt. Da gab es eine Demo dagegen. Ich bin kein Typ für Demos. Ich bin da nicht hingegangen. Aber ich habe gesagt: „Nach der Demo machen wir geschlossene Gesellschaft bei Crazy Horst.“ Domenica war auch eingeladen und kam in einem Nerzmantel. Mit nichts drunter. Den hat sie dann aufgemacht, und das war ein Auftritt, den keiner erwartet hatte. Sensationell.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Juli 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Chloé Zhao: „Ich arbeite gern mit Laien“

Regisseurin Chloé Zhao gewann für den Film „Nomadland“ als zweite Frau überhaupt einen Oscar in der Kategorie „Beste Regie“. Im Gespräch gibt Zhao Einblick in die Entstehung des Films und erklärt, warum sie es vorzog, mit echten Nomaden zu drehen

Text & Interview: Patrick Heidmann

 

SZENE HAMBURG: Chloé Zhao, „Nomadland“ war zunächst nicht Ihre Idee, sondern die Ihrer Hauptdarstellerin und Produzentin Frances McDormand, nicht wahr?

Chloé Zhao: Das stimmt. Sie hatte sich die Rechte an dem Sachbuch „Nomadland: Surviving America in the 21st Century“ gesichert. Nachdem sie beim Festival in Toronto meinen Film „The Rider“ gesehen hatte, schrieb sie mir eine E­-Mail. Ich sah nur ihren Namen und den Titel des Buches und dachte mir – ohne Näheres darüber zu wissen – dass, wenn sich mit jemanden ein solches Projekt umsetzen lässt, dann mit ihr.

Es geht im Buch und im Film um modernde Nomaden, Menschen ohne festen Wohnsitz, die mit ihren Wohnwagen oder Kleinlastern durch die USA ziehen. Waren Sie mit dieser Welt vertraut?

Interessanterweise war ich gerade dabei, mir so einen kleinen Laster auszubauen, als „Nomadland“ meinen Weg kreuzte. Natürlich wusste ich, dass es Menschen gibt, die in ihren Fahrzeugen leben. Aber die Ausmaße waren mir nicht klar, und ich wusste nicht, dass es die Gemeinschaft und Zusammenkünfte solcher Nomaden gibt. Von dieser faszinierenden Welt erfuhr ich erst durch das Buch.

 

Die jeweilige Welt

 

Jeder Ihrer Filme spielte bislang in sehr speziellen Milieus. Wonach suchen Sie ihre Geschichten aus?

Tatsächlich ist für mich die jeweilige Welt das wichtigste Kriterium. Ich gehe danach, von welchem Setting ich glaube, dass es mich die nächsten zwei Jahre interessieren wird. Erst an zweiter Stelle kommen für mich die Figuren, in die ich mich auf die eine oder andere Weise verlieben muss. Und danach erst geht es mir um die Geschichte. Entsprechend ist für mich die Kameraarbeit bei meinen Filmen fast noch wichtiger als die Besetzung der Rollen.

Sie haben oft gesagt, dass Sie Ihre Filme nicht als politische Statements verstehen. Kann ein Film überhaupt apolitisch sein, wenn er – wie  „Nomadland“ – von weißen, nicht mehr ganz jungen und vor allem eher mittellosen Menschen in jenem Teil der USA erzählt, der in den vergangenen Jahren oft „Trump Country“ genannt wurde?

Es hängt vermutlich von der Perspektive ab, ob und wie man das Gezeigte politisch einordnet. Es liegt am Ende beim Zuschauer, was wie wahrgenommen wird. Was ich aber nach gut acht Jahren, die ich in „Trump Country“ verbracht habe, sagen kann: Politik steht bei den Menschen dort selten weit oben auf der Tagesordnung.

Ach ja?

Die größte Sorge dort ist, wann der nächste Tornado droht oder wie man sich vor einem Buschbrand schützt. Der Versuch zu überleben, stiftet mehr Gemeinschaftssinn in diesen Gegenden als die Frage, für wen der Nachbar bei der Präsidentschaftswahl gestimmt hat.

Tatsächlich geht es mir bei meinen Filmen auch darum: zu zeigen, dass uns als Menschen letztlich viel mehr verbindet als trennt.

 

 

Genähert haben Sie sich dieser Welt der Nomaden auch dieses Mal nicht bloß von außen, sondern eher immersiv …

Stimmt, wir sind über Wochen mit ihnen mitgezogen, haben selbst in unseren Wagen gewohnt und das Leben mit ihnen geteilt. Auch Frances wollte unbedingt so arbeiten, dass sie sich komplett in diese Welt einfügte. Das bedeutete auch, dass sie für eine Weile als Aushilfe auf einem Campingplatz anheuerte.

War von Anfang an klar, dass Sie größtenteils mit realen Menschen statt mit professionellen Schauspielern arbeiten werden?

Ich arbeite gern mit Laien. Als ich zur Vorbereitung all die Menschen traf, von denen die Autorin Jessica Bruder in ihrem Buch erzählte, wusste ich, dass ich mir gar keine besseren Figuren würde ausdenken können.

Mit „The Eternals“ kommt Ende 2021 Ihr nächster Film in die Kinos, eine Marvel-Comic-Verfilmung. Haben Sie damit Ihre Komfortzone verlassen?

Erstaunlicherweise nicht wirklich. Meine Arbeitsweise hat sich eigentlich nicht verändert, selbst wenn das ein Film von einer ganz anderen Größen­ ordnung ist. Klar, der Druck ist etwas größer, weil mehr Erwartungen dran hängen. Aber als Geschichtenerzählerin und Regisseurin waren meine Auf­gaben die gleichen wie immer. Ich habe mich mit einer Welt und Figuren umgeben, die mich fasziniert haben und mir Mitstreiter vor und hinter der Kamera gesucht, mit denen die Arbeit tagein, tagaus eine Freude war.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Juni 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburgerin des Monats: Julia Hermann von ArztMobil

Seit 2017 ist ArztMobil Hamburg auf den Straßen der Hansestadt unterwegs. 30 ehrenamtlich Tätige kümmern sich jedes Wochenende um bedürftige Patienten. Julia Hermann ist Mitgründerin und Geschäftsführerin

Inteview & Fotos: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Julia, ArztMobil Hamburg hat drei Fahrzeuge, und die haben Namen: „Ellen“, „Lola“ und „Rudi“. Was war da los?

Julia Hermann: Unser erster Bus „Ellen“ war ein Maskenmobil einer Filmfirma. Die hatten so viel Fahrzeuge, dass jedes für die Versicherung einen eigenen Namen hatte. Wir haben den Namen einfach mal übernommen.

Als uns 2018 das Hamburger Spendenparlament die Hälfte für einen neuen Bus zugesagt hat, haben wir den bei einer Firma namens JOLA-Rent gefunden. So kam „Lola“. 2019 hat uns die Mackprang-Stiftung einen Caddy gesponsert. Da haben die Männer im Team gesagt: Jetzt brauchen wir aber mal einen Männernamen! Das war kurz vor Weihnachten, also nannten wir ihn „Rudi“. The Rednose.

Wer ist der Oberbus?

„Lola“ haben wir perfekt nach unseren Vorstellungen ausgebaut. Wir haben zwei Batterien an Bord, mit denen wir autark stehen können. Auf dem Dach sind Solarpanels. Damit laden wir zusätzlich die Batterien auf. Es gibt eine Klimaanlage. Wir können am Heck eine Rollstuhlrampe ausfahren. Wir können eine Wunde nähen oder einen Abszess aufmachen. Wir sind voll ausgestattet. „Lola“ ist eine rollende Arztpraxis.

Warum kommen Patienten zu euch und nicht zum Arzt?

Viele leben auf der Straße. Auch Altersarmut spielt eine große Rolle. Die Patienten können sich die Zuzahlung der Medikamente nicht leisten. Wir haben auch versicherte Patienten, die so eine hohe Schamgrenze haben, dass sie nicht zum Arzt gehen möchten.

Warum diese Scham?

Weil sie schlimme Wunden an den Beinen haben, die riechen. Wir haben viele Drogenabhängige, die nicht in der Lage sind, sich selbst um ihre Wunden zu kümmern. Zu uns kann jeder kommen, der Hilfe braucht.

Wir schicken ihn auch zu anderen Organisationen, um Blutbilder oder ein Herz-Ultraschall zu bekommen. Das können wir nicht leisten. Praxis ohne Grenzen machen das dann für uns.

Mit wem arbeitet ihr noch zusammen?

Mit Hamburger Hilfskonvoi und Hanseatic Help. Die Elmshorner Suppenhühner unterstützen uns mit warmen Essen für unsere Patienten. Wir arbeiten mit den Drogenhilfeeinrichtungen ragazza e. V. und Freiraum e. V. ABRIGADO. Die schicken uns Patienten für unser Substitutionsprogramm. Wir bieten seit zwei Jahren Substitutionsprogramme für Nichtversicherte an.

Wie laufen die Programme ab?

Zuerst haben die Patienten Termine bei unserem Substitutionsarzt Dr. Stahlberg, bis sie stabil sind. Dann können sie bei uns ihr Substitutionsrezept abholen. Damit gehen sie zu einer unserer Partnerapotheken. Wir bezahlen das. Sie geben weiterhin bei Dr. Stahlberg Urinproben ab, um Beikonsum auszuschließen. Gibt es einen Aussetzer, kommt eine Verwarnung.

Es wurden auch schon Patienten ausgeschlossen. Unser Programm ist eine Ausnahme. Als Nichtversicherter kommt man kaum in so ein Projekt rein. Wir sind, soweit ich weiß, die Einzigen in Deutschland.

 

Schatten und viel Licht

 

Kommt es vor, dass das ihr weiterführende medizinische Hilfe empfehlt und sich der Patient weigert?

Das haben wir immer wieder, dass wir einen Rettungswagen rufen. Die meisten Patienten machen mit. Wenn sie sich dann doch umentscheiden, sprechen die Rettungssanitäter mit ihnen. Aber man kann keinen gegen seinen Willen behandeln.

Habt ihr schon Gewalterfahrungen gemacht? Sanitäter werden ja auch mal angegriffen.

Helferin oder Helfer versuchen dann, zu deeskalieren. Das klappt meistens. Im Bus gab es noch nie eine gefährliche Situation. Auf der Schlange in der Straße gibt es schon mal Krawall unter den Patienten. Wir mussten aber erst einmal die Polizei anrufen, weil es kurz vor der Schlägerei war. Mit Schaulustigen hatten wir noch nie Ärger.

Was war dein schlimmstes Erlebnis?

Jeder von uns im Team hatte schon mal ein schlimmes Erlebnis. Für mich war es ein Mädchen, das gerade 18 geworden und drogenabhängig war. Sie sagte Doktor Stahlberg, dass sie seit 14 Drogen konsumiere. Grund war, dass ihr der Bezug zu ihren Eltern fehlte. Jedes Mal, wenn sie sich einen Schuss setzte, fühlte sich das an, als wenn ihre Mama sie in den Arm nimmt. Das hören wir oft, dass Patienten Drogen wie einen Menschen beschreiben, der eine warme Decke um sie legt.

Meine Jungs sind in dem Alter, 14 und 15. Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen, dass man so ein Verhältnis hat. Das hat mich sehr bedrückt. Und natürlich, wenn wir Patienten verlieren, die uns nahestehen.

Entstehen auch Freundschaften?

Ja, das ist eine freundschaftliche Bindung. Es ist ja nicht nur die medizinische Versorgung, sondern auch das offene Ohr, das Trösten, das Beraten, das Begleiten. Dass Probleme besprochen werden. Das ist ein großer Teil unserer Arbeit.

Keiner von uns ist Psychotherapeut, wir können nur mit Bauchgefühl rangehen. Wir versuchen, das Gefühl zu geben, dass wir da sind für die Patienten. An ihrem Vertrauen liegt uns sehr viel.

Was war das schönste Erlebnis?

Jeder im Team hat andere schöne Erlebnisse. Ein Patient bringt öfter Blumen mit. Da freuen wir uns natürlich. Und einfach dieses Danke, mit dem sie hier rausgehen. Ich habe letztes Wochenende auf der Reeperbahn gearbeitet. Wenn man in so einer Hood Patienten trifft, die sich freuen, einen wiederzusehen, dann ist das schön.

Schaffst du es, nach einem harten Tag abzuschalten?

Nein. Wenn ich auf dem Heimweg alleine für mich bin, denke ich viel nach. Über Patienten-Themen, die schwer zu lösen sind oder eindrucksvoll waren aufgrund der Verletzung. Wir sprechen viel im Team, wenn wir den Einsatz nachbereiten. Zur Vorbereitung gehört die Nachbereitung. Das Auffüllen von Medikamenten, Verbandsmaterial, Unterwäsche, Socken. Und das Putzen. Das ist ein schöner Moment. Dann schreibt einer den Post für Facebook, der in Gemeinschaftsarbeit entsteht. Das ist noch mal eine Aufarbeitung des Tages.

Du bist gelernte Erzieherin. Wie bist du zu ArztMobil gekommen?

Mein Vater, mein Großvater und mein Onkel sind und waren Ärzte. Ich habe bei meinem Vater als Jugendliche in der Praxis mitgearbeitet. Mit vier Kindern und einem Mann ist man sowieso schon eine halbe Krankenschwester (lacht).

Irgendwann haben wir festgestellt, dass an Wochenenden eine Versorgungslücke für Menschen auf der Straße besteht. Das wollten und wollen wir ändern. Ich habe gesagt, ich mach die Geschäftsführung. Ich wusste natürlich nicht, was auf mich zukommt. Das wussten wir alles damals nicht. Das ist ja nicht nur meine Arbeit, sondern die vom ganzen Team. Und ja, wir sind weit gekommen.

 

Was kommt und wie kann man helfen?

 

Habt ihr so etwas wie das nächstes große Ziel?

Unser ständiges großes Ziel ist, dass nie ein Dienst ausfällt. Seit wir 2017 gestartet sind, haben jedes Wochenende Sprechstunden stattgefunden. Das ist manchmal auch ein großer Kraftakt. Wir können nur an Feiertagen und am Wochenende arbeiten, weil wir alle berufstätig sind und das alles ehrenamtlich ist.

Viele Einrichtungen mussten während Corona schließen.

Wir konnten weiter Sprechstunden anbieten, weil hinter uns kein großer Träger steht. Wir sind rein spendenfinanziert. Das macht uns unabhängig.

Euer Motto lautet „Wer die Not sieht, muss handeln!“. Man sieht auf dem Kiez überall Menschen, die weggetreten sind, offensichtlich Hilfe brauchen, diese aber auch oft ablehnen. Wie verhält man sich am besten?

Ich glaube, es ist diesen Menschen wichtig, dass sie gesehen werden. Sie leben mitten unter uns und sind eine Randgruppe. Mit Geld können und müssen sie ihre Sucht finanzieren. Wenn jemand kein Geld hat und in die Entzügigkeit kommt, ist das lebensbedrohlich.

Aber jetzt, wenn’s heiß wird, freuen sie sich auch über eine Flasche Wasser, Obst oder Brötchen. Man muss einfach nur fragen. Sie sagen es einem schon, wenn sie nicht angesprochen werden möchten.

arztmobilhamburg.org


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Hamburger Kultursommer: Carsten Brosda im Interview

Der Senator der Behörde für Kultur und Medien, Carsten Brosda, über den Kultur-Neustart, den Hamburger „Kultursommer“ und die Vorfreude auf einen ganz bestimmten Live-Kultur-Moment

Interview: Erik Brandt-Höge

 

Zweiundzwanzig Millionen Euro ist dem Senat der Kultur-Neustart wert. Ein Teil davon fließt in den Hamburger „Kultursommer“, für den allerhand Veranstalter und Künstler gefördert werden und die Stadt vom 15. Juli bis 16. August mit kulturellen Leben fülle.

SZENE HAMBURG: Carsten Brosda, der „Kultursommer“ steht an. Welche Aufgaben haben Sie im Vorfeld zu erledigen?

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Foto: Bertold Fabricius

Carsten Brosda: Erst mal haben wir uns im Senat darauf verständigt, dass wir einen „Kultursommer“ machen wollen. Jetzt kümmern sich die Kolleginnen und Kollegen in der Behörde zusammen mit Stadtkultur Hamburg und den zahlreichen Veranstaltern um die Umsetzung.

Ich freue mich, dass sich insgesamt über 200 Veranstalter beworben haben und über 100 Konzepte für eine Förderung ausgewählt wurden. Es geht nun darum, dass diese mehr als 100 Orte auch bespielt werden können, und darum Künstlerinnen und Künstler, die sich für die freien Slots beworben haben, mit den Veranstaltern zusammenzubringen.

Ich bin momentan vor allem damit befasst, die Rahmenbedingungen für den Neustart zu klären und allen Beteiligten Zuversicht zu vermitteln, dass es ein richtig praller, kulturvoller Sommer werden kann.

Wer hat denn bestimmt beziehungs­weise wer bestimmt noch, wer gefördert wird – und mit welchem Betrag?

Wir mussten mit einer relativ sportlichen Antragsfrist zur Bewerbung aufrufen, damit der Kultursommer kein Kulturherbst wird. Dann gab es eine Jury, die die Förderungen beschlossen hat. Darin saßen ein Vertreter der Kulturbehörde sowie Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen kul­turellen Sparten. Ziel war es, gemeinsam mit Partnerinnen und Partnern zu entscheiden, die das kulturelle Leben in der Stadt gestalten. Den „Kultursommer“ haben wir uns auch ein bisschen aus Wien abgeguckt, wo es im vergangenen Jahr etwas Ähnliches gegeben hat.

 

Geldfluss

 

Vom Senat werden 22 Millionen für den Neustart der Kultur ausgegeben. Ist das in Ihren Augen ausreichend für eine so große Kulturstadt wie Hamburg?

Es ist ein Baustein von vielen. Seit Beginn der Pandemie haben wir allein in Hamburg rund 100 Millionen Euro ausgegeben, um Kultur zu fördern. Das betraf sowohl die Soforthilfen, als auch das Aufstocken von bestehenden Förderinstrumenten, den Defizitausgleich von Institutionen, und, und, und. Nach diesen Logiken wird auch weiter Geld fließen.

Die 22 Millionen sind jetzt dafür da, in diesem Sommer besonders darauf aufmerksam zu machen, dass kulturelles Leben wieder geht, und dieses auch zu ermöglichen. Von den 22 Millionen fließt ja nicht alles in den „Kultursommer“, sondern zum Beispiel auch in weitere Live-Veranstaltungen sowie in Festivals, die im August, September und Oktober stattfinden sollen, und das unter Umständen noch unter Pandemiebedingungen.

Wir wollen auch in diesem und im nächsten Jahr der Kultur dabei helfen, auch zu veranstalten, wenn die Bedingungen noch nicht so sind, dass es sich wie vor der Pandemie rechnet.

Waren und sind Sie auch mit der Schnelligkeit der Hilfen für Kulturschaffende zufrieden?

In Hamburg hatten wir das erste Förderprogramm bereits Ende März letzten Jahres fertig, dann begannen auch die Auszahlungen. Zu einem Zeitpunkt, als überall sonst in Deutschland noch darüber diskutiert wurde, wie Förderprogramme überhaupt aussehen könnten, hatten hier zum Beispiel schon Clubs und Theater die Zusicherung einer Förderung.

Zudem haben wir in Hamburg eine Sofort­hilfe von 2.500 Euro und eine Neustart-Prämie von 2.000 Euro für Künstler ausgezahlt sowie viele Einzelprogramme aufgelegt, etwa einen Gagenfonds für Musikerinnen und Musiker.

Kritisiert haben Sie hingegen Anfang des Jahres das Bundeswirtschafts­ministerium für dessen verspätete Hilfeleistungen.

Auch andere haben das Bundeswirtschaftsministerium damals etwas angezählt, weil das Programmieren der Überbrückungshilfen und die Möglichkeiten, diese zu beantragen, teilweise recht lange gedauert haben. Das hat zu existenzbedrohenden Lücken geführt.

Haben Sie die Wertschätzung von Kultur auf Seiten des Bundes manchmal angezweifelt?

Zunächst muss man sagen, dass der Bund für Kulturpolitik nicht primär zuständig ist. Insofern bin ich mit Vorwürfen vorsichtig. Unter an­de­rem mit seinen Neustart-Kultur­paketen, dem jetzigen Sonderfonds, den Überbrückungshilfen und der Neu­­startprämie von bis zu 7.500 Euro für Solo-Selbstständige hat der Bund viele wichtige und sinnvolle Instrumente geschaffen. Eine Sorge allerdings habe ich, nämlich dass Kultur in ihrem Eigenwert nicht immer richtig verstanden wurde.

 

„Kommen die wieder?“

 

Woher stammt diese Sorge?

Daher, dass der besondere Wert der Kultur zum Beispiel beim so genannten „Lockdown Light“ und bei der Notbremse nicht ausreichend berücksichtigt wurde. Da bekommt man schon ein bisschen das Gefühl, dass Kultur für manche etwas ist, dass man mal mitmacht, wenn die Zeiten gut sind, und wenn sie schlecht sind, kann man’s auch lassen. Dieser Gestus hat einige aufgeregt, mich auch.

Ich erinnere mich noch gut an den Gottesdienst der Künste, den wir im Thalia Theater am letzten Tag der möglichen Öffnungen abgehalten haben. Es hat ein ganz buntes, genreübergreifendes Programm gegeben. Man spürte deutlich, dass sich viele Künstlerinnen und Künstler nicht ausreichend gesehen fühlten. Es wäre schön gewesen, wenn die Politik mehr reflektiert hätte, was bestimmte Entscheidungen bezüglich Kultur für die Gesellschaft bedeuten. Das müssen wir nachholen.

Fakt ist: Die Pandemie hat in der Hamburger Kulturlandschaft Spuren hinterlassen. Wo sehen Sie im Moment die größten Beschädigungen?

Tatsächlich wissen wir das noch nicht genau. Was wir wissen, ist, dass wir in bestimmten Bereichen, in denen wir sonst nicht fördern, weil wir dort in normalen Zeiten gar nicht gebraucht werden, in Krisenzeiten Hilfen geben konnten – aber eben nicht an jeder Stelle.

Wir bekommen ja oft auch erst in den Momenten des Wiederaufmachens mit, dass jemand nicht mehr da ist. In Berlin hat eine Umfrage gezeigt, dass ein Drittel der professionellen Musi­kerinnen und Musiker mittlerweile etwas anderes machen und möglicherweise nicht mehr in den Musikbereich zurückkehren werden. Es wäre dramatisch, wenn sich eine solche Zahl auch in Hamburg zeigen würde.

Die Beschädigungen sind sicherlich dort am größten, wo es nicht um Institutionen, sondern um einzelne, freie Künstlerinnen und Künstler geht. Die Frage ist: Kommen die wieder? Ich hoffe das sehr.

 

Glücksgefühle

 

Zeigt denn die Bewerbungsanzahl der Künstlerinnen und Künstler für den „Kultursommer“, dass in Hamburg viele weiterhin kulturell arbeiten möchten?

Ja. Sie zeigt, wie lebendig und vielfältig die Szene noch immer ist und wie sehr alle daraufhin gefiebert haben, dass es wieder losgeht. Es steht aber noch eine weitere Frage im Raum: Kommt das Publikum auch wieder? Ich hoffe sehr, dass die Begeisterung, die jetzt erkennbar ist, da etwa Theater und Museen wieder zu besuchen sind, auch anhalten und noch mehr werden wird.

Mit dem „Kultursommer“ wollen wir Lust machen, Kultur wieder im Alltag zu erleben und den Leuten zeigen, wie großartig es ist, vor einer Bühne zu sitzen oder zu stehen, auf der Leute spielen – und zwar in echt – und wenn man Teil des Ganzen ist.

Auf was freuen Sie sich persönlich beim Kultur-Neustart?

Ich freue mich darauf, wenn ich mal wieder in einem Club stehe und das passiert, was ich vor der Krise für mein Wohlbefinden nicht unbedingt immer gebraucht habe: Wenn man da ein­gezwängt vor der Bühne ist und sich links und rechts schwitzende Menschen an einem reiben. Ich kann mir vor­stellen, dass das enorme Glücks­gefühle in mir auslösen wird.

hamburg.de/bkm/hamburger-kultursommer


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Nachhaltigkeit: Was tust du fürs Klima?

Brennende Wälder und Meere voller Plastik: Die junge Generation hat das zu tragen, was ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern verbockt haben. Klimaschutz spielt für sie eine zunehmend große Rolle – Mission „Welt retten“

Umfrage: Ilona Lütje

Lisa, 25, Studentin

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Ich ernähre mich seit meiner Kindheit vegetarisch. Seit einigen Jahren verzichte ich auf alle tierischen Produkte, nicht nur bei Lebensmitteln. Das mache ich für die Tiere und für die Umwelt. Gut für die Gesundheit ist die vegane Ernährung zum Glück auch.

Ansonsten fahre ich in Hamburg Fahrrad oder Bahn, ein Auto habe ich nicht. Ich versuche, keine neuen Klamotten zu kaufen. Wenn es wirklich notwendig ist, dann nur aus nachhaltiger Produktion oder Secondhand.

Laura, 23, Hebammenauszubildende

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Um einen Teil zum Klimaschutz beizutragen, achte ich generell auf eine nachhaltige Lebensweise. Dazu gehört, mein Konsumverhalten zu hinterfragen und anzupassen. Wenn ich Dinge neu kaufe, dann möglichst von kleineren Firmen, die vielleicht sogar einen sozialen Ansatz verfolgen. Ansonsten finde ich fast alles, was ich brauche in den Kleinanzeigen oder in Tauschgruppen über soziale Netzwerke. So weit es geht, kaufe ich Bio-Lebensmittel und verzichte auf Produkte von problematischen Großkonzernen.

Ich muss aber sagen, dass das nicht immer so einfach ist: Im Alltag habe ich oft keine Zeit, bei kleinen Händlern zu kaufen, geschweige denn das Geld. Im Rahmen meiner Möglichkeiten gebe ich aber mein Bestes, um das Klima zu schützen.

Lia, 15, Schülerin

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Ich trenne Müll und achte darauf, nirgendwo welchen liegen zu lassen. Meine Freunde und ich kaufen nur Obst aus der Region. Außerdem esse ich kaum Fleisch, benutze wiederbefüllbare Trinkflaschen und keine Plastiktüten. Und ich fahre viel Fahrrad.

Annelie, 30, Studentin

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Nachdem ich vor vier Jahren das erste Mal einen Kleidertausch besuchte, trat bei mir erstmals ein richtiger Nachhaltigkeitsgedanke ein. Mir wurde bewusst, wie viele Ressourcen allein durch die ständige Neuanschaffung von Kleidung einer jeden Person verschwendet werden, weshalb ich meine Kleidung seither nur noch secondhand oder über Kleidertauschbörsen besorge.

Ich würde mir wünschen, dass sich der allgemeine Konsumgedanke von „was will ich“ zu „was benötige ich wirklich“ verändern würde – das würde in der Masse schon viel Verschwendung vermeiden.

Fabio, 26, Management-Student

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An vielen Stellen im Alltag versuche ich, nachhaltiger zu leben: Ich spare Energie, ich fahre Fahrrad, setze auf Reparatur statt Neukauf und ernähre mich vegetarisch. Dies gibt mir das Gefühl, etwas Gutes für unsere Umwelt zu tun. Allerdings ist mir auch bewusst, dass sich solche Kleinigkeiten weniger positiv auf meinen ökologischen Fußabdruck als auf mein Gewissen auswirken.

Genau wie jeder Mensch mit einem mittleren bis hohen Lebensstandard nutze ich weit mehr Ressourcen als mir eigentlich zustehen. Um einen positiven Beitrag zu leisten, will ich selbst Produkte, Services oder Lösungen entwickeln, die einen echten positiven Impact haben.


 Sondermagazin SZENE HAMBURG NACHHALTIGKEIT, 2021. Das Magazin ist seit dem 7. Mai 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Festival für experimentelle Musik: klub katarakt

Das Internationale Festival für experimentelle Musik bietet am 27. Mai außergewöhnliche Musikerlebnisse im Live-Stream

Text: Marco Arellano Gomes

 

Das Internationale Festival für experimentelle Musik „klub katarakt“ bietet am 27.5. ein Musikprogramm, das wie gewohnt aus der Reihe tanzt. Das auf Kampnagel aufgeführte Konzerterlebnis wird live im Stream zu erleben sein. Schwerpunkt diesmal: raumbezogene Musik.

Drei Konzerte gibt’s zu sehen: Das Hauptkonzert stammt vom Ensemble L’art pour l’art und trägt den Titel „Matthias Kaul in memoriam“ (19 Uhr). Es ist dem am 1. Juli 2020 verstorbenen Schlagzeuger und Komponisten Matthias Kaul gewidmet. Das Ensemble wurde von ihm einst mitgegründet. Flötistin Astrid Schmeling konzipierte das Gedenkkonzert in Zusammenarbeit mit der künstlerischen Festivalleitung. Es beinhaltet fünf Kompositionen Kauls – vom Solo bis zum Ensemble- Stück. Sängerin ist Frauke Aulbert.

 

Außergewöhnlich, avantgardistisch

 

Dem folgen zwei kürzere Einzelkonzerte unter dem Titel „Local Heroines“: Zum einen tritt die freischaffende Musikerin, Künstlerin, DJ, Kuratorin und Film-Sounddesignerin Nika Son auf und stellt ihr erstes Soloalbum „To Eeyore“ (2020) vor (20.30 Uhr). Sie übersetzt Töne und Geräusche unterschiedlicher Herkunft in eine ungewöhnliche musikalische Sprache. Es ist, als schaute man dem Hörbaren zu.

 

 

Im Anschluss geben René Huthwelker und Carl-John Hoffmann ein audiovisuelles Konzert, das sich durch analog-synthetische Rückkopplungsschleifen auszeichnet, die sich durch einen repetitiven Minimalismus durch polyrhythmische Netzwerke zu pulsierenden Strukturen verdichten (22 Uhr). Das liest sich nicht nur außergewöhnlich, es klingt auch so. Seit fünfzehn Jahren bietet das Festival „klub katarakt“ experimentelle Musik: offen, außergewöhnlich bis avantgardistisch. Das ist nicht nur für ein Spezialpublikum interessant, es ist für alle Musikbegeisterte inspirierend.

klub katarakt
27.5.2021, ab 19 Uhr


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2021. Das Magazin ist seit dem 29. April 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Das Leben ist ein Wunschkino!

Die Zeise Kinos erwachen als erstes Hamburger Programmkino aus dem Corona-Lockdown und starten das „Wunschkino“. Auch das Freiluftkino ist in Planung.

Text: Isabel Rauhut

 

Ein Kinosaal, ganz für sich alleine? Das geht: Die Zeise Kinos bieten ab Freitag, 28. Mai, das „Wunschkino“ an! Dann kann einer der Kinosäle angemietet, aus einem Angebot von 161 Filmen gewählt und alleine oder als Gruppe mit maximal 50 Personen auf der 60 Quadratmeter großen Leinwand das Kinoerlebnis gefeiert werden. Wie wäre es mit Thomas Vinterbergs „Der Rausch“? Oder dem Oscar-prämierten „Nomadland“? Das ganze Filmangebot und die geltenden Hygienemaßnahmen gibt’s hier.

Während des Lockdowns hat das Zeise eine neue Tonanlage in den Sälen eingebaut – es gibt also besten Dolby 7.1.-Sound in der neuesten Generation.

Kindervorstellungen starten ab 70 Euro für bis zu zehn Personen und Erwachsenenvorstellungen bei 150 Euro für bis zu 15 Personen. Wer sich nach dem Kinoerlebnis sehnt, schreibt eine Mail mit Wunschfilm, Datum, Uhrzeit und Personenanzahl an info@zeise.de.

 

Indoor- und Outdoor-Kinobetrieb

 

Ab spätestens 1. Juli soll auch der reguläre Indoor-Kinobetrieb starten – mit drei Oscar-Filmen: „Nomadland“ (Start: 1.7.), „Minari – Wo wir Wurzeln schlagen“ (Start: 8.7.) und „Der Rausch“ (Start: 22.7.). Außerdem haben die Planungen für das Zeise Open Air 2021 begonnen – ebenfalls ab dem 1. Juli soll das Freiluftkino im Innenhof des Altonaer Rathaus wieder möglich sein.

zeise.de


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