Beiträge

Rassismus: Gegen die Unterschwelligkeit

Nach dem Mord am Afroamerikaner George Floyd protestierten 14.000 Hamburger gegen Rassismus und Polizeigewalt. Denn struktureller sowie Alltagsrassismus sind auch in Hamburg allgegenwärtig

Text: Basti Müller

 

Am Samstag, 6. Juni, demonstrieren mehrere Tausend Menschen auf dem Jungfernstieg, doch es ist still. Für (gefühlte) acht Minuten und 46 Sekunden. So lang hatte der Polizist Derek Chauvin Ende Mai im amerikanischen Minneapolis auf dem Hals von George Floyd gekniet, sodass dieser später aufgrund der gewaltsamen Festnahme im Krankenhaus verstarb. Im Leid wiederholte der 46-Jährige die Worte „I can’t breathe“ („Ich kann nicht atmen“), bis er bewusstlos wurde – ein mutmaßlicher Mord, festgehalten auf einem Video, das um die Welt ging und auch in Hamburg ein Fass zum Überlaufen brachte. Es beweist: Rassismus ist allgegenwärtig.

Angemeldet war der Protest „Nein zu Rassismus! Gemeinsam sind wir stark!“ als Silent-Demo mit 525 Teilnehmern. Schnell wird klar, dass die Zahl nicht einzuhalten ist. Die Menschen protestieren aber friedlich. Für die Opfer des Rassismus ragen sie Fäuste in die Luft, es wird zu „They Don’t Care About Us“ getanzt und zu „Where Is The Love“ gesungen. Die Polizei bittet die Anmelderin, Audrey Boateng, die auch durch die Corona-Richtlinien nun illegale Versammlung zu beenden. Boateng kooperiert, steigt auf das Podium, bedankt sich bei den Mitdemonstranten. Sie ruft „No justice“. „No peace“ hallt es zurück. Jedoch scheitert der Versuch, die Demonstration zu beenden.

14.000 Menschen befinden sich nun am Ufer der Binnenalster, fast das 27-Fache der angemeldeten Teilnehmer. Dennoch duldet die Polizei die Versammlung bis 18 Uhr, zumal sich die Masse in einer zweiten Kundgebung am Rathausmarkt verteilen könne.

Am Freitag zuvor protestierten mehr als 3.000 Hamburger vor dem US-Konsulat gegen Rassismus und Polizeigewalt. Auch hier gewährte die Polizei die gegen die Corona-bedingten Mindestabstände verstoßenden Demonstranten, eine Auflösung hätte das Infektionsrisiko erhöht. Alles verlief friedlich.

 

Über 30 junge Menschen festgehalten

 

Anders am Samstagabend. Die Polizei kommuniziert freundlich über Lautsprecher, die Versammlung auflösen zu wollen. Schließlich kommt es zu Ausschreitungen, auf Twitter meldet die Hamburger Polizei den „Bewurf auf Polizeikräfte mit Gegenständen“. In Videos im Netz lässt sich eine kleine, zum Teil aggressive und vermummte Störergruppe erkennen. Die Beamten warnen, nicht in Mitleidenschaft polizeilicher Maßnahmen gezogen zu werden. „A.C.A.B.“, ruft einer, dann fliegen Flaschen vor die Füße der über die Bergstraße kommenden Polizisten. Im Schlepptau haben sie zwei Wasserwerfer-Fahrzeuge, auch Pfefferspray und Tränengas kommen zum Einsatz. Dann beginnt es zu regnen. Der Jungfernstieg habe sich zum Ende der Veranstaltung so in ein Spannungsfeld zwischen 600 vorrückenden Beamten und einer aggressiv protestierenden Gruppe von 200 Menschen verwandelt, sagte eine Sprecherin der Polizei gegenüber dem NDR.

 

Blaulicht-News.de_Hamburg-AusschreitungNachDemo_1_011

Foto: Sebastian Peters/ Blaulicht-News

 

Der Einsatz am Jungfernstieg sorgt weniger für Furore, als das, was danach passiert. Gegen 20 Uhr werden laut Zeit Online am Hauptbahnhof, gut einen Kilometer von den vorausgegangen Ausschreitungen entfernt, 35 junge Menschen in Gewahrsam genommen, viele von ihnen haben Migrationshintergrund, sind unter 18, der jüngste soll sogar erst 13 Jahre alt gewesen sein. Sie werden mit erhobenen Händen über eine Stunde lang an die Wand gestellt, dürfen weder telefonieren, noch auf die Toilette. Zeit Online zufolge zeigen einige ihre Einkaufstüten und Kassenbons vor, dürfen darum gehen.

 

„Ich glaube, wir sind sehr behutsam […] vorgegangen“

Polizeipräsident Ralf Martin Meyer

 

Die Übrigen werden mit dem Verdacht auf Landfriedensbruch, Körperverletzung und andere Delikte festgehalten, dann mit HVV-Bussen in das Polizeikommissariat 42 in Billstedt gebracht, wo mit ihnen unterschiedlich umgegangen worden sein soll. Einige haben sich bis auf die Unterwäsche entkleiden müssen und seien erst nach Mitternacht entlassen worden, wenige haben früher nach Hause gekonnt. Bisher soll den Jugendlichen nichts nachgewiesen worden sein. Die Kritik, sie hätte „Jagd“ auf Demoteilnehmer genommen, hat die Polizei bereits zurückgewiesen. Beim Hamburg Journal antwortete Polizeipräsident Ralf Martin Meyer auf die Anschuldigungen: „Ich glaube, wir sind sehr behutsam und sehr verhältnismäßig vorgegangen“, und ordnete im Folgenden die angeblichen Taten politischer Motivation zu: „Ich sehe das Risiko, dass hier eine linksextremistische Organisation, die das als schwarzer Block angezettelt hat, die Jugendlichen in die Auseinandersetzung hineingezogen hat und jetzt versucht, das bürgerliche Thema Anti-Rassismus für sich zu gewinnen.“ Auch rechtfertigte die Polizei den Einsatz laut Taz wie folgt: „Nachdem diese Gruppe festgesetzt worden war, herrschte schlagartig Ruhe in der Innenstadt.“

 

Blaulicht-News.de_Hamburg-AusschreitungNachDemo_2_006

Foto: Sebastian Peters/ Blaulicht-News

 

Der Vorfall polarisiert dennoch. Zum einen könnte man meinen, die Polizei habe nach Tatverdacht gehandelt. Zum anderen wirken der Ort des Einsatzes, fernab des Jungfernstiegs, und der Zeitpunkt des Zugriffs, zwei Stunden nach dem Auflösen der Demonstration, willkürlich und durch Zeugenaussagen in Medienberichten äußerst fragwürdig. Ein Lichtblick, als Meyer sagt, dass auch die Polizei sich mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen müsse. Ernüchterung, als er verspricht, die polizeieigene Beschwerdestelle auszubauen. Wer verpfeift schon gern einen Kollegen oder riskiert seinen Job in wirtschaftslabilen Zeiten? Von einer polizeiunabhängigen Beschwerdestelle sprach Meyer jedenfalls nicht. Der Einsatz steht unterdessen weiter in der Kritik.

 

(Alltags)Rassismus in Hamburg

 

Für Aufsehen sorgte im vergangenen Jahr zum Beispiel der Fall eines falschparkenden Franzosen in Hamburg-Horn. Das Video von „NDR Panorama“ zeigt, wie drei Polizisten einen Mann mit dunkler Hautfarbe mit dem Gesicht nach unten auf den Asphalt drücken. Der Falschparker, dessen Auto abgeschleppt werden sollte, habe versucht, sich zu entfernen und wurde daraufhin festgehalten. Unverständlich dabei ist, warum die Beamten mit solcher Brutalität vorgehen.

Auch zu denken ist an den 34-jährigen Kameruner William Tonou-Mbobda, der 2019 in der psychiatrischen Abteilung des Universitätsklinikums Eppendorf fixiert wurde, unbestätigten Berichten zufolge das Bewusstsein verloren haben soll und später auf der Intensivstation verstarb. Ein Todesfall, der bis heute nicht aufgeklärt wurde und einmal mehr die Debatte anstößt, wie sehr Rassismus nicht nur auf gesellschaftlicher, sondern auch auf institutioneller Ebene verankert ist.

Alltagsrassismus mache sich in verschiedenster Weise bemerkbar, sagt Schohreh Golian. Die 31-Jährige ist Kriminologin, Autorin und Fotografin in Hamburg und setzt sich beruflich und privat mit dem Thema auseinander. In der Exekutive beginne Rassismus laut Golian mit der Gewichtung von Polizeikontrollen in bestimmten Stadtgebieten wie in St. Georg oder in der Hafenstraße. „Das Spatial Racial Profiling bietet Räume, um unverhältnismäßig häufige Kontrollen von Menschen mit Migrationshintergrund zu legitimieren“, sagt die Wissenschaftlerin. Rassismus setze sich in der Stigmatisierung von Eigenschaften wie Armut oder Kriminalität fort und ende mit dem Ausblocken dieser Sachverhalte.

 

„Du merkst nicht, wie privilegiert du bist, wie unkenntlich der Rassismus ist.“

Schohreh Golian

Dass Menschen beim Hashtag „blacklivesmatter“ beispielsweise sofort in Abwehrstellung gehen, den Spieß umzudrehen versuchen, nenne man „reverse racism“ (umgekehrter Rassismus) oder „white fragility“ (weiße Zerbrechlichkeit). Genau darum geht es in dieser Debatte: Die Bekämpfung der seit Jahrhunderten andauernden Unterdrückung von Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe. Und der Vorzüge von Menschen mit weißer Hautfarbe, die sich tief in unsere Gesellschaft eingebrannt haben. „Du merkst nicht, wie privilegiert du bist“, sagt Golian, „wie unkenntlich der Rassismus ist.“

Rassismus zieht sich durch alle Lebensbereiche. Zur Bekämpfung reiche es laut Golian daher nicht aus, seine Priviligien zu kennen, „sondern sich auch dem eigenen Rassismus bewusst zu werden, den Betroffenen zuzuhören und ihnen zu glauben“. Anti-Rassismus sei Bildungsaufgabe, beginne aber bei jedem einzelnen von uns, ob beim Demonstranten, Polizisten oder Autoren dieses Textes, und besonders in den Dialogen im eigenen Umfeld, sagt Golian. „Denn wer schweigt, macht sich zum Mittäter.“


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hamburger des Monats: Mark Pomorin, FCSP Spielerberater

Viele seiner Träume hat Mark Pomorin, 43, wahr werden lassen. Der ehemalige Spieler der Amateure des FC St. Pauli und heutige Spielerberater machte parallel zu seinem damaligen Job in einer Werbe­agentur das Abitur und ermuntert heute Hamburger Schüler, sich für eine Welt ohne Rassismus zu engagieren

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Mark Pomorin, was berichtest du Schülern als Wertebotschafter der Bildungsinitiative „German Dream“?

Ich erzähle meine Lebensgeschichte. Welche Hürden ich überwinden musste. Ich will den Kids vermitteln, dass man mit jeder Hürde, egal wie hoch sie auch ist, umgehen kann.

Du bist 1976 in Hamburg geboren und mit acht Jahren mit deinen Eltern nach Ghana gegangen.

Das war am Anfang ein Kulturclash für mich. Ich habe auf Deutsch geträumt und viel geweint. Meine Eltern haben gesehen, dass es mir nicht gut ging. Sie wollten mir ein besseres Leben in Deutschland ermöglichen. Die Zeit in Ghana hat mich aber ein Stück weit geerdet. Als ich wieder in Hamburg war, habe ich alles mit anderen Augen gesehen. Ich war zwar sehr jung, aber das tat mir gut. Es tut mir bis heute gut.

Mit zehn Jahren bist du zu Pflegeeltern nach Hamburg gekommen. Sie adoptierten dich, starben aber kurz nach­einander an Krebs, als du 19 warst. Da warst du schon Fußballer beim FC St. Pauli.

Der Fußball hat mir Halt gegeben, ich konnte mich ablenken. Und ich habe Zusammenhalt im Mannschaftssport erfahren.

Mit Ivan Klasnić, einem deiner Mit­spieler aus dieser Zeit, und der ehemaligen Bundesligaspielerin Tuğba Tekkal warst du auf einem „Wertedialog“ in der Stadtteilschule Poppenbüttel.

Ivan ist einer meiner besten Freunde, selbst er wusste nicht so richtig viel von meiner Lebensgeschichte. Weil ich nicht damit hausieren gehe, aber davon erzähle, wenn ich gefragt werde. Seine Geschichte kennt man besser.

Er ist als erster Profi nach einer Nierentransplantation wieder zurück auf den Platz gekommen und hat jetzt seine dritte Niere bekommen. Die Familie Tekkal kenne ich über Jahre, der Kontakt ist nie abgerissen. Als mich Düzen Tekkal fragte, ob ich Wertebotschafter bei ihrer Initiative „German Dream“ werden wolle, war ich sofort dabei. Es ist genau die Message, die ich rüberbringen will.

 

„Wenn es nicht gut läuft, werden die Spieler beschimpft. “

 

Als die Filmemacherin und Autorin Düzen Tekkal in der NDR­Fernsehsendung „Das“ zu Gast war, wurde ein Beitrag eingespielt, der zeigt, wie du deine alte Schule in Horn besuchst.

Ich habe unseren Hausmeister Herrn Sievers wieder getroffen, der sagte, dass es dort auf der Schule keinen Rassismus oder Ausgrenzung gibt.

Das habe ich auch so erlebt. Wir waren viele Kids mit Migrationshintergrund, besonders in unserer Klasse. Und wir hatten ein Mädchen mit Glasknochen, das kleinwüchsig war. Wir haben sie ganz normal aufgenommen und behandelt. Das war also nicht nur ein Spruch, sondern wird dort auch gelebt. Dort habe ich nie Rassismus empfunden. Es gab nur gut und schlecht.

Anders war es beim Sport, wo man das immer mal wieder vom Gegenspieler gehört hat. Als ich beim FC St. Pauli in der Bundesliga-Nachwuchsrunde bei Hansa Rostock spielte, kam eins zum anderen.

Ist der Rassismus im Fußball seitdem weniger geworden?

Ich bilde mir ein, dass es nach wie vor gleich ist, was den Rassismus der Zuschauer betrifft. Wenn es nicht gut läuft, werden die Spieler beschimpft. Auf dem Platz sind allerdings heute mehr Kameras, sodass sich die Spieler mit Beleidigungen mehr zurückhalten.

Was ist mit den Bekenntnissen des DFB gegen Rassismus?

Das hält ignorante Menschen nicht davon ab, sich homophob oder rassistisch zu äußern. Von den Verbänden ist es gut gemeint, und es ist auch ein wichtiges Signal. Auch viele Vereine leben das vor. Aber es gibt eine Minderheit von Fans, die das nicht wollen.

Hast du strukturellen Rassismus erlebt?

Definitiv. Wenn man nicht zu den People of Color gehört, kann man das schwer nachvollziehen. Ein Beispiel: Nach einem Fußballspiel fuhren wir im Auto eines Mitspielers nach Hause. Wir trugen Trainingsanzüge. Wir wurden von der Polizei angehalten. Alles schön und gut.

Ich wurde aber als Einziger kontrolliert, die anderen durchgewunken. Das mag banal klingen, ist für mich aber Alltagsrassismus. Wenn man in der Bahn ein Erste-Klasse-Ticket hat, wird man beäugt nach dem Motto: „Die zweite Klasse ist aber drüben.“ Wenn ich telefoniere und mich mit „Mark Pomorin“ melde, denkt der Gesprächspartner, er redet mit einem großen blonden Mann. Beim ersten Meeting erscheine ich. Die meisten nehmen das mit Humor, für andere bricht eine Welt zusammen.

 

„Rassismus ist lange gewachsen und geht nicht von heute auf morgen“

 

Bringt es etwas, mit Rassisten zu reden?

Jeder ist in seinem Mikrokosmos ein Pionier und betreibt Aufklärungsarbeit. Sei es im Freundeskreis, wenn man dort Alltagsrassismus spürt und sagt: „Bis hierhin und nicht weiter.“ Das kann etwas bringen, wenn die Person sagt: „Das wusste ich ja gar nicht.“ Das ist die ständige Reaktion: „Ach so fühlst du dich.“

Nicht jeder kann mit einem Wertebot­schafter reden. Gibt es Biografien, die du empfehlen kannst?

Ich hatte eine Phase, in der ich mich selbst finden wollte, und las viel von und über Malcom X. Ein Buch,
das mich besonders gefesselt hat und immer noch fesselt, ist die Biografie von Nelson Mandela. Er beschreibt, wie man mit Menschen umgeht, die einem während der Apartheid Unrecht getan haben. Und er berichtet, wie er mit ihnen in einen Dialog tritt.

Was muss die Mehrheitsgesellschaft ler­nen?

Rassismus gibt es leider schon sehr lange. Der ist lange gewachsen und geht auch nicht von heute auf morgen. Das bedeutet, dass jeder Einzelne lernen muss, damit umzugehen. Die Gesellschaft muss dazulernen. Ich glaube, das passiert gerade.

Nach der „Black Lives Matter“­-De­monstration Anfang Juni in Hamburg gab es auch Kritik am harten Vor­gehen der Polizei gegen die teilweise sehr jungen Demonstranten.

Ich habe auch einige Polizisten im Bekanntenkreis. Man sollte nicht alle Beamten in einen Topf werfen. Ich bin auch wütend und habe mich bei Verallgemeinerungen erwischt. Das ist natürlich nicht so.

germandream.de


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hinter den Kulissen: Im Backstage der Stadt

Um die Backstagebereiche der Clubs ranken sich oft wilde Legenden. In Pandemie-Zeiten sind auch sie verlassen. Eine Bilderserie

Text: Ole Masch

 

Während verschiedene kulturelle Einrichtungen peu à peu und mit starken Einschränkungen öffnen dürfen, bleiben Musikclubs nach wie vor geschlossen. Um Nachtschwärmern trotzdem einen Einblick in ihre Lieblingsorte zu bieten, zeigt SZENE HAMBURG Fotos von Räumen, die Besucher in der Regel nicht zu sehen bekommen.

Entstanden ist eine Bilderserie aus den seit den Corona-Schließungen verwaisten Backstage-Bereichen der Clubs. Um zu verdeutlichen, wie lange sie als wichtiger kultureller Bestandteil bereits fehlen, zeigen Bildunterschriften, wer sich hier als letztes und zu welchem Anlass aufgehalten hat. Um zu verhindern, dass diese Personen dort auch die letzten geblieben sind, kann weiterhin für die Rettungskampagne S.O.S. – Save Our Sounds auf Startnext gespendet werden.

 

Fundbureau-Backstage-credit-Claudia-Mohr

Fundbureau: Seit dem 7. März ist zu. Damals waren die Racing Snails vom Gaggalacka-Festival geladen (Foto: Claudia Mohr)

 

Hafenklang-Backstage-credit-Claudia-Mohr

Hafenklang: Zuletzt saßen hier die Mitglieder der Band Blaue Bume aus Dänemark, die am 12. März das letzte Konzert vor Corona spielten (Foto: Claudia Mohr)

 

Baalsaal-Backstage-credit-Claudia-Mohr

Baalsaal: Yulia Niko legte hier zuletzt am 14. März bei Electronic Red Light auf (Foto: Claudia Mohr)

 

Astra-Stube-Backstage-credit-Claudia-Mohr

Astra Stube: Am 12. März spielten Ryskinder aus Israel vor knapp 60 Leuten. Support war Grundeis aus Hamburg. Einen Tag später wurde, zunächst auf eigene Initiative hin, geschlossen (Foto: Claudia Mohr)

 

Waagenbau-Backtage-credit-Claudia-Mohr

Waagenbau: Am 7. März wurde hier die letzte Party gefeiert. Bei VER:Bunden spielten Martha von Straaten & Bebetta (Foto: Claudia Mohr)

 

Yoko-Backstage-credit-Claudia-Mohr

Yoko: Bei der großen b2b Nacht „Affaire d`amour“ spielten 3 DJ-Teams die ganze Nacht House Musik. Kurz darauf wurde dicht gemacht (Foto: Claudia Mohr)

 

Terrace-Hill-Backstage-credit-Claudia-Mohr

Terrace Hill: Letztes Konzert war Blind Ego am 2. März. Nach dem Social Developers Club am 7.3. wurde abgeschlossen (Foto: Claudia Mohr)

 

Molotow-Backstage-credit-Dorothea-Bader

Molotow: Der letzte Künstler im Laden war der Hamburger Poetry Slammer Hinnerk Köhn am 12. März mit seiner Solo- Show „Bitter“. Die letzte Band Pyogenesis am 6. März. In den zurückliegenden dreieinhalb Monaten hätten eigentlich knapp 100 Bands hier im Backstage abgehangen (Foto: Dorothea Bader)

 

Mojo-Backstage-credit-Ole-Masch

Mojo: Unmittelbar vor dem Lockdown, am 8. März, gab es für Blues-Rockstar Marcus King Getränke im Backstage (Foto: Ole Masch)

 

Turtur-Backstage-credit-Claudia-Mohr

Turtur: Am Donnerstag den 12. März gab es das letzte Mal Open Decks mit Tischtennis, Kicker, Techno & Oldies bei Lümmelkiez (Foto: Claudia Mohr)


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Marc Degens’ Autofiktion: Oh, Kanada

Vier Jahre lang hat der Schriftsteller, Verleger und Neu-Hamburger Marc Degens in Kanada gelebt. Seine Aufzeichnungen sind in „Toronto“, erschienen im mairisch Verlag, zu lesen

Interview: Ulrich Thiele

 

Viel passiert nicht, zumindest auf der Plot­-Ebene. Degens berichtet in knappen Sätzen von Restaurant­ und Konzertbesuchen, Lesungen und entspannten Nachmittagen in Buchläden und Comicshops sowie von Reisen quer durchs Land. Zwischen den Zeilen passiert hingegen viel, denn diese charmante Zelebrierung des Lebens in einer offenen Gesellschaft macht glücklich und sehnsüchtig zugleich.

 

SZENE HAMBURG: Marc Degens, unter diesen Umständen stachelt „Toronto“ das Fernweh noch mehr an als ohnehin schon.

marc-degens.c-martina-steber

Foto: Martina Steber

Marc Degens: Ich glaube, dass es ein Buch ist, mit dem man gut auf Reisen gehen kann, selbst wenn man zu Hause bleibt. Meine Hoffnung ist, dass es weniger ein Reiseführer ist, der anleitet, was man alles ma­chen könnte. Sondern dass man mit dem Buch tatsächlich eine Reise erlebt.

Sie sind seit zwei Jahren wieder in Deutschland. Was vermissen Sie am meisten?

Wunderbare Autofahrten mit Blicken auf Seen und bisher unbekannte Landschaften. Gerade in der jetzigen Zeit, in der ich auf meine eigenen vier Wände zurückgezogen lebe, vermisse ich das ganz deutlich.

Sie waren vier Jahre in Kanada, das Erlebte lesen wir in Ihrem Buch in verdichteter Form. Manche Ihrer Einträge schildern mehrere Tage am Stück, dann gibt es immer wieder mal einen Sprung von mehreren Wochen oder Monaten. Wie haben Sie Ihre Tagebucheinträge für das Buch selektiert?

In Hinsicht auf eine Pointierung. Die Frage war, was der rote Faden ist und welche Geschichte ich erzählen wollte.

Und zwar?

Die Facetten, die dieses Land aus­ machen, und wie man sie erlebt, wenn sie für einen Neuland sind. Also wie gesagt: Auf der einen Seite die Natur­erfahrung, die Weite und Schönheit dieses Landes.

Aber auf der anderen Seite auch die kanadische Mentalität in der Großstadt Toronto, die mich sehr berührt hat und die ich sehr einzigartig fand. Diese Herzlichkeit, Offenheit und Toleranz, die ich besonders in den Kulturveranstaltungen gespürt habe, und die Entspanntheit, die das Leben so angenehm macht.

In einer Szene schreiben Sie, wie Sie ein Bild auf Instagram als Erinnerung für Sie selbst veröffentlichen. „Dass andere das Foto auch sehen können ist allerdings ein schöner Nebeneffekt. Genauso verhält es sich mit dem Schreiben.“ Schreiben Sie also nur für Sie selbst?

Die Stelle bezieht sich auf mein Ta­gebuchschreiben. Dabei ist es tatsächlich so, dass es hauptsächlich einen Sinn für mich erfüllt. Indem ich auch ganz banale Dinge archiviere. Da ist auch der Bogen zu den sozialen Medien.

In­stagram wird gern als ein Medium der Selbstdarstellung gesehen, um Likes zu sammeln. Ich glaube aber, dass ein we­sentlicher Punkt des Postens wie beim Tagebuchschreiben das Archivieren für sich selbst ist. Und auf der Timeline kann man dieses Archiv dann immer wieder durchforsten.

Ich möchte aber nicht mein gesamtes Tagebuch veröffentlicht sehen. Das ist viel zu umfangreich und voller Banalitäten, die ich niemandem zumuten will. Deswegen die Selektion und Reduktion. Das ist dann der schriftstellerische Prozess: herauszufinden, was weggelassen werden kann.

Also das Kürzen als fast schon wichtigster schriftstellerischer Prozess?

Zumindest einer, der immer wich­tiger wird. Oft, wenn ich gefragt werde, woran ich schreibe, kann ich antworten: Ich schreibe gar nicht mehr, ich bin nur noch am Streichen.

 

„„Toronto“ ist ein Buch über das Glück.“

 

Hat das Schreiben umgedreht auch Ihren Blick auf Kanada geprägt?

Ich würde erst einmal bestreiten, dass die schriftstellerische Wahrnehmung zu einem anderen Erleben führt. Persönliche Vorlieben spielen eher eine Rolle als der Beruf. Bei mir ist es das Visuelle: Meine Liebe zu Comics zum Beispiel.

Das passt zu Ihrer Trennung von Kunst und Leben. Das Leben sei wichtiger als die Kunst, schreiben Sie.

Damit richte ich mich gegen dieses Bild, das man in Deutschland oft pflegt: vom gequälten Künstler, der sein eigenes Leben vernachlässigt, um große Kunst zu schaffen. Über Glück zu schreiben ist schwer und es wird eher selten gemacht.

Es gibt einen Satz von Marcel Reich­-Ranicki, der sinngemäß anmerkte, dass immer nur Romane über unglückliche Lieben geschrieben werden, aber nie über glückliche Ehen. Ich wollte etwas thematisieren, was ich in Kanada erfahren habe, nämlich ein großes Gefühl des Glücks und auch der Dankbarkeit. „Toronto“ ist ein Buch über das Glück.

Sie haben in Ihrem Verlag SUKULTUR eine Reihe für Autofiktionen gestartet. Ist „Toronto“ auch Autofiktion?cover-toronto-marc-degens

Das Tagebuch ist ja ein klassisch autobiografisches Format, das es schon gab, bevor es die Autofiktion gab. Autofiktion hat immer auch den Aspekt, dass sich zu dem autobiografischen Geschehen eine literarische Fiktion hinzu­gesellt. In „Toronto“ gibt es nur wenige Stellen, die in Richtung Fiktion gehen, etwa wenn Erinnerungen aufkommen und diese sich zu einer Geschichte ent­wickeln.

Der Begriff ist also literaturwissenschaftlich unscharf, aber wir wissen, was damit gemeint ist: Eine Form des autobiografisch verbürgten Schreibens, die im Gegensatz zum rein Fiktiven steht. Insofern ist „Toronto“ auch Autofiktion.

Warum ist autobiografisch gefärbtes Erzählen derzeit so populär?

Weil traditionelle Literaturgattungen wie der Roman ein bisschen in die Krise geraten sind. Heute wird sich weniger darüber ausgetauscht, welche Romane man gelesen hat, sondern welche Fernsehserien man gesehen hat.

Der Roman ist nicht tot, aber er hat mehr Konkurrenz, weil das epische Erzählen durch die veränderte Medienlandschaft andere Ausformungen bekommen hat. Dadurch sind andere literarische Formen im Aufwind, zum Beispiel kleine Beobachtungen in kurzen, pointierten Formen.

 

„In Hamburg ist das Fernweh am geringsten“

 

In Interviews mit berühmten Schriftstellern entsteht oft der Eindruck, dass sie über das Autobiografische als Stilmittel nicht reden wollen, weil sie die Frage danach als kränkende Nicht-Anerkennung ihrer Fantasiefähigkeit sehen. Teilen Sie den Eindruck?

Ich habe vor einigen Mo­naten das Buch „Das Tagebuch und der moderne Autor“ aus den 1960er Jahren gelesen. Darin melden sich Schriftstellergrößen wie Arno Schmidt, Heinrich Böll und Elias Can­etti zu Wort und man merkt noch deutlich ihre Reserviertheit gegenüber diesem Medium. Arno Schmidt etwa hat das Tagebuch-­Schreiben als literarische Kunstform komplett abgelehnt.

In den Ablehnungen schwingt oft auch noch diese alte Genieästhetik mit. Also die Annahme, dass das Genie von der Muse befeuert wird und dabei Kunst herauskommt, die schon immer da war und nur freigelegt werden müsse. Das ist ein recht überholter Gedanke.

Viele Texte beschreiben heute, unter welchen Schwierigkeiten und von welchen gesellschaftlichen Faktoren beeinflusst Kunst hergestellt wird. Kunst als etwas vom Menschen und nicht vom Genie Gemachtes zu sehen, ist in meinen Augen aber die zeitgemäßere und richtige Lesart.

„Die kanadische Freundlichkeit und das permanente Entschuldigen haben mich für das Leben in Berlin unbrauchbar gemacht“, schreiben Sie an einer Stelle. Sie leben seit letztem Jahr nicht mehr in Berlin, sondern in Hamburg. Was hat Sie hergezogen?

Tatsächlich war Hamburg seit Jahrzehnten ein Sehnsuchtsort für mich, obwohl ich nur selten hier war. Aber die Erfahrungen, die ich hier gemacht habe, waren immer außergewöhnlich.

Hamburg hat eine reiche und diverse Kunst­ und Kulturszene, und es herrscht eine Freundlichkeit in der Stadt, die mich sogar an Toronto erinnert. Ich dachte, wenn schon zurück nach Deutschland, dann ist Hamburg die ideale Stadt. Das Fernweh ist hier am geringsten. Ich befürchte aber, dass ich merken werde, wie sehr mir die weiten kanadischen Landschaften fehlen, wenn ich Ausflüge ins Umland mache.

Was ist das Schönste an der Rastlosigkeit?

(überlegt) Dass sie nicht zu Ende geht.

Marc Degens: „Toronto“, mairisch, 144 Seiten, 12 Euro


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Top 5: Das beste Eis in Hamburg

Dafür brauchen wir nicht mal blauen Himmel: Ein, zwei, drei Kugeln von unseren Lieblings-Eisdealern passen immer

 

Eis & Innig

 

Im Eis & innig kommen nur natür­liche Zutaten in die Eismaschine, das heißt auch keine künstlichen Aromen oder Farbstoffe. Heraus­ kommen außergewöhnliche Sorten wie Salzkaramell, dunkles Schokoladensorbet oder Klassiker wie Himbeere und Mango. Die Zutaten dafür stammen übrigens häufig vom nahe gelegenen Isemarkt – regionaler geht’s nicht!

Eis & Innig: Klosterallee 102 (Hoheluft-Ost), Telefon 30 77 96 96, Mo–So 13–18 Uhr

 

Eis kalte Schnauze

 

In dieser Eismanufaktur kann man bei der Herstellung verschiedenster Eissorten live dabei sein und sie anschließend auch direkt probieren. Neben den klassischen Sorten wie Schoko oder Erdbeer hat die Eisdiele in Rissen auch saisonale und sogar orientalische Eisköstlichkeiten zu bieten. Tipp: Im Winter gibt es hier auch leckere Waffeln, Kuchen und sogar Glühwein.

Eis kalte Schnauze: Wedeler Landstrasse 34 (Rissen), Telefon 334 50 67 0, April–September: Mo–Sa 11.30–19, So 13.30–18 Uhr, Oktober–März: Mo–Fr 14–17.30, So 14–18 Uhr

 

Hej Eis

 

Wer das außergewöhnliche Eisver­gnügen sucht, ist bei Hej Eis genau richtig. Neben typischen Klassikern hält die Eisdiele Sorten wie Limette­ Chili, Karamell­Miso oder (Ham­burger aufgepasst!) Franzbrötchen bereit. Das handgefertigte Eis besteht dabei ausschließlich aus natürlichen Zutaten. Da ist mit gutem Gewissen dann auch noch eine zweite oder dritte Kugel drin.

Hej Eis: Schwenckestraße 56 (Eimsbüttel), Te- lefon 307 481 84, Mo–So 12–19.30 Uhr

 

Luicella’s Ice Cream

 

Dieser Laden bringt Spannung und Überraschungen in die Hamburger Eiswelt. Ausgefallene Sorten wie Blau­beer­weiße­-Schokostückchen oder Zitrone­-Basilikum machen einfach glücklich und auf jede Portion gibt es übrigens noch einen kleinen Löffel einer anderen Sorte zum Probieren obendrauf. Das ist so gut, dass mittler­weile fünf Läden die Hamburger mit dem „Eis für alle Fälle“ versorgen.

Luicella’s Ice Cream: Eppendorfer Landstraße 10 (Eppendorf), voraussichtlich Mo–So 12–18 Uhr

 

Milk Made Ice Cream

 

In der kleinen Ottenser Eismanufak­ tur werden mehr als 150 verschie­dene, handgemachte Eissorten her­gestellt – und das mit viel Liebe. Dafür kommen nur echte Früchte, echte Vanille und echte Milch infrage, natürlich meist aus der Region. Klingt gut? Dann ab nach Eppendorf zum Schlemmen in den ersten Ice Cream Shop.

Milk Made Ice Cream: Eppendorfer Landstraße 96 (Eppendorf), Di–So 12–19 Uhr


 SZENE HAMBURG ESSEN+TRINKEN 2020. Das Magazin ist seit dem 3. April 2020 im Handel und auch im Online Shop erhältlich! 

Auf den Geschmack  gekommen? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburgs Gastro folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

SZENE HAMBURG ESSEN + TRINKEN: Unsere Testsieger 2020

Sushi, Suppe, Superfood? In Hamburg geht alles. Und wir wissen sogar, wo am besten. Denn wir haben unsere Tester durch Hamburg-City und ins Umland gejagt. Mehr als 700 Restaurants wurden anonym besucht und durchleuchtet. Das sind unsere 17 Testsieger.

 

Das Klinker ist Testsieger in der Kategorie Szene

 

Klinker_Volker Renner_online

 

Die Hipster-Köche von Harvestehude

Wo man einst zwischen Trekkingsandalen und Outdoor-Schlafsäcken vielleicht nach den richtigen Zeltstangen fürs Festivalwochenende gesucht hat, ist jetzt zum Glück ein cooles, neues Restaurant: das Klinker. Direkt neben dem Holi Kino haben sich ein paar junge, hippe Köche niedergelassen, deren Konzept so einfach ist wie effektiv: Sie übersetzen regionale und nachhaltige Küche in die Moderne.

Wir werden am Empfang lässig begrüßt und zu unserem Tisch gebracht. Man sitzt im Klinker sehr dicht bei seinen Nachbarn, was wir am Anfang etwas merkwürdig finden, sich am Ende aber als sehr nett herausstellen wird. Wir bestellen Gin Tonic und Moscow Mule. Beides kommt zügig und zügig wird es auch getrunken, da wirklich gut und ungewöhnlich.

Im Klinker, so der Kellner, bestelle man mehrere mittelgroße Zwischengerichte zum Teilen für die Mitte. Wir entscheiden uns für Pulpo mit Kürbis, Staudensellerie & Senf (18 Euro), Rindertatar „Istanbul“ mit scharfer Paste und Joghurt (19 Euro) und Rosenkohl (12 Euro). Alle drei Gerichte sind richtig gut; gerade der eigentlich hausmütterliche Rosenkohl, der gerade Renaissance feiert, sticht hervor. Er ist in einer Honigmarinade kross angeröstet und schmeckt hervorragend. Dazu runden wir das Ganze mit einem Glas Rosé und einem Tempranillo ab und kommen langsam mit den Nachbarn ins Gespräch. Quasi als zweiten Gang teilen wir uns das Grilled-Cheese-Sandwich (14 Euro), was für mich das Highlight des Abends darstellt. Absolut unorthodox mit hausgemachtem Walnussbrot, Meerrettich und Kimchi-Mayonnaise zubereitet, bin ich von diesem klassischen „White Trash“-Gericht hellauf begeistert. Danach muss der Milchreis „Klinker“ (9,50 Euro) ran, begleitet von einem Glas Dessertwein. Passt gut!

Mittlerweile sind einige Kinogäste von nebenan herübergekommen, es ist eine sehr gut durchmischte, lustige Runde. Gute Leute zwischen 12 und 75, entspannte Stimmung. Von der Playlist läuft Radiohead, auch damit fangen sie mich ein. Leider nimmt das Klinker keine Reservierungen an – also rechtzeitig da sein oder Geduld mitbringen. Fazit: Ein wirklich spannendes Restaurant und eine Bereicherung für Hamburg.  / Johannes Strate

Restaurant Klinker: Schlankreye 73 (Eimsbüttel), Telefon 35 70 14 35, Mo-Fr 18-24 Uhr

 

Das Lenz ist Testsieger in der Kategorie Heimatküche

 

LENZ_Online

 

Ausfahrt für Genießer

Ab in den Norden. Dahin, wo Hamburg noch grün ist. Soll ja ziemlich gutes Essen geben im Lenz in Duvenstedt. Ist allerdings erst mal ein ziemlicher Ritt, mit jedem Kilometer im zähflüssigen Verkehr legen wir innerlich die Latte für die Küche höher. Als wir das klassisch, aber zugleich modern eingerichtete Restaurant betreten, ist außer unseren Plätzen nichts mehr frei. Den entspannten Wirt Lenz Leslie Himmelheber kann das nicht schocken. Er begrüßt uns persönlich und sehr herzlich. Ein Gastgeber alter Schule, wir starten prima gelaunt in den Abend.

Erst mal ein Glas Champagner von Alfred Gratien für vernünftige 12,50 Euro. Der Service ist sehr aufmerksam. Durch eine Glasscheibe können wir in die Küche linsen. Für kleine Gäste steht ein Tritt mit drei Stufen parat. Schöne Idee. Regional, saisonal und bodenständig wird im Lenz gekocht, so heißt es. Wir denken sofort an Landgasthäuser, an leckeren Sonntagsbraten. Und starten mit sehr gutem Ziegenkäse nebst Riesengarnelen und Pinienkern-Marinade (16,50 Euro). Auch das klassische Carpaccio mit Parmesan (16,50 Euro) lässt einen großen Abend erahnen. Dazu trinken wir einen perfekt passenden Chenin Blanc aus Südafrika (0,1 l 3,90 Euro). Wer lieber eine ganze Flasche auf dem Tisch stehen hat, findet auf der Karte eine ordentliche Auswahl an deutschen und internationalen Klassikern zu fair kalkulierten Preisen.

Als Hauptgang landet die Vierländer Bio-Ente (36,50 Euro pro Person) auf dem Tisch, wo sie auch gleich kunstfertig tranchiert wird. Der Vogel ist ein Gedicht. Knusprig, wo es sein muss. Ansonsten zart und kein bisschen fettig. Geht nicht besser. Da treten wir doch gern dem Fanklub für bodenständige, deutsche Küche bei. Der zur Ente gereichte Grünkohl kommt von einem Feld ganz in der Nähe des Restaurants und hat noch eine gute Portion Entenfett gesehen, was den Genuss endgültig in Richtung preisverdächtig abbiegen lässt. Glücklich und satt lassen wir uns dank Leslies Überredungskunst doch noch zu einer köstlichen Crème brûlèe (11,50 Euro) verführen. Was für ein süßer Schlussakkord.

Als wir das Lenz verlassen, ist klar: Duvenstedt hat ab sofort auf unserer kulinarischen Landkarte einen festen Platz. Dieser Abend war jeden Kilometer wert. Wir kommen wieder. Sehr bald. / Andreas Daebeler

Restaurant Lenz: Poppenbütteler Chaussee 3 (Duvenstedt), Telefon 60 55 88 87, Mo-Sa 12-15 und ab 17.30, So ab 12 Uhr

 

Das China Restaurant Golden ist Testsieger in der Kategorie Asien

 

GOLDEN_Online

 

Eine wahre Perle

„So, geht los!“ Wenn Herr Wong mit lauter Ansage aus der Küche gestürmt kommt, beginnen die Augen zu leuchten. Man kann über die Ausstattung und über die Lage des Golden zwei Meinungen haben, nicht aber über das Servierte. Das spielt seit vielen, vielen Jahren in der obersten Liga der Hamburger Chinarestaurants.

Wir lassen uns zu kaltem Tsing Tao (2,90 Euro) und Grünem Tee (2,10 Euro) alle Gerichte auf einmal bringen, wie es sich gehört. Es wird geschoben und verrückt, bis alles auf den Tisch passt – herrlich! Der Klassiker Kung-Pao-Huhn (9,90 Euro) hat hier ordentlich Wumms, die geröstete Ente mit Pekingsoße (12,90 Euro) ist immer eine sichere Nummer und als dritte Hauptspeise probieren wir heute Abend gebratenes Schweinefleisch mit grünen Sojabohnen, eingelegtem Gemüse und getrocknetem Tofu (11,50 Euro) – auch hier geht der Daumen nach oben. Dazu gönnen wir uns noch zwei kleine Schweinereien: chinesische Maultaschen (7,90 Euro) und gedämpfte Hefetaschen (3 Euro), beides nach „Si Chuan“-Art.

Im Golden hat man in all den Jahren der Versuchung widerstanden, die Gerichte einzudeutschen. Was auch an den chinesischen Reisegruppen liegen könnte, die man hier neben Nachbarn, Freunden und extra wegen Herrn Wongs Küche angereisten Hamburgern hin und wieder antrifft. Die würden eine abgemilderte Form der scharfen Sichuan-Küche kaum klaglos hinnehmen – zu unserem Glück. / Marco Fuchs

China Restaurant Golden: Wartenau 4 (Eilbek),Telefon 254 32 94, Mo–Fr 11.30–15 und 17.30–22.30, Sa– So 11.30–23.30 Uhr

 

Das Portomarin ist Testsieger in der Kategorie Iberien

 

 

Als wäre man in Santiago de Compostela

Portomarin ist ein Ort in der Nähe von Santiago de Compostela und die Heimat von Jesús A. Díaz Sindín, der gemeinsam mit Patricia Pérez y Hilker ein Portomarin in Hamburg aufgebaut hat. Das Hamburger Portomarin liegt mitten in Winterhude und ist jederzeit eine Reise wert. Weil wir noch auf jemanden warten, fragen wir nach dem Aperitif-Angebot. Das wird uns sehr gut erklärt.

Wir starten mit der Empfehlung Yzaguierre Wermut (5,50 Euro), weißem Port (5,50 Euro) und Cava (6,50 Euro). Speziell den Wermut sollte man nicht verpassen. Und weil wir immer noch warten und der Aperitif ausgezeichnet ist, testen wir gleich noch eine Runde. Es gibt eine gute Auswahl an Vorspeisen, vegetarisch, Fleisch und Fisch – die Entscheidung treffen wir bei Oliven, frischem Brot und würzigem grasigen Olivenöl. Ich frage nach der Lieblingsvorpeise der Servicekraft, die Antwort kommt ohne Zögern: „Ganz klar Mar y monte!“ Das hat gut funktioniert, denn Mar y monte sind Gambas und Chorizo mit Artischocken-Honig-Creme und Römersalatherzen (14,50 Euro). Eine gute Wahl für alle, die intensive Aromen mögen. Die helle vegetarische Linsensuppe mit Datteln (9,50 Euro) wird in einem dunklen Teller serviert – das sieht klasse aus und schmeckt ganz hervorragend. Der wilde Tintenfisch mit wilden roten Garnelen und weißen Bohnen aus Navarra (14,75 Euro) ist fast schon ein kleines Hauptgericht.

Auf die Frage nach vegetarischen Optionen für das Hauptgericht ist die Antwort: „Was mögen Sie? Gibt es sonst noch etwas zu beachten? Wir stellen Ihnen etwas zusammen und die anderen Gäste werden neidisch sein!“ Das vegetarische Gericht (17 Euro) sieht ansprechend aus und ist mit gefüllten Maultaschen kreativ angerichtet. Trotzdem hätte ich niemals mein „Slowmeat“ vom Iberico-Schwein mit Papas Arrugadas, Mojo-Soßen, Baby-Leaf-Salaten und Honig-Lavendel- Butter (28,50 Euro) dagegen eingetauscht. Dafür war es einfach zu zart und mit einer perfekten Kruste. Der Kabeljau auf Gemüse-Calamares-Bett mit Reis ist gut auf der Haut gebraten (26 Euro), leicht, sättigend und köstlich mit der Soße. Zum Dessert (8,75 Euro) gibt es viele kleine Teilchen – süß, frisch und abwechslungsreich.

Mittlerweile ist der Abend rum und wir sind die letzten Gäste. Trotzdem haben wir nicht das Gefühl, gehen zu müssen. Wir tun es aber trotzdem, um den Wirtsleuten den wohlverdienten Feierabend zu gönnen. Danke für einen schönen Abend! / Katrin Schreiber

Portomarin: Dorotheenstraße 180 (Winterhude ), Telefon 46 96 15 47, Di–Sa 18–21 Uhr

 

Das Tassajara ist Testsieger in der Kategorie Veggie & Vegan

 

 

Essen mit Ommmm

Wer in Hamburg vegetarisch oder vegan essen möchte, hat das Tassajara garantiert auf dem Zettel. Schließlich gilt das Restaurant als eines der besten in der Stadt. Seit 43 Jahren wird hier die internationale Vollwertküche mit ayurvedischen und mediterranen Einflüssen serviert.

Schon beim Betreten des kleinen Ladens im Souterrain der Eppendorfer Landstraße empfängt uns der Duft von exotischen Gewürzen und eine tiefenentspannte Atmosphäre. Uns liegt ein tiefes Ommmm auf der Zunge. Bei einem frisch gepressten Saft des Hauses und einer Portion Pakora studieren wir die Karte. Das gebackene Gemüse kommt mit drei verschiedenen Dips auf den Tisch und ist die perfekte Einstimmung auf die Hauptgänge. Auf der einen Seite des Tisches landet dabei eines der Tagesgerichte: Der Thai-Wok (19,90 Euro) bringt schon allein durchs Aussehen auch den überzeugten Fleischliebhaber ins Schwärmen. Knackiges Gemüse und Tofu in einer samtweichen Currysoße werden von schwarzem Reis begleitet und umschmeicheln den Gaumen – Essen für Körper, Geist und Seele verspricht das Tassajara schließich ja auch. Das Gegenüber setzt auf Bewährtes und bestellt einen der Klassiker des Tassajara in der veganen Variante: Die Pilzwiese (13,90 Euro) kommt darum ohne Edelpilz-Käsesoße. Gebackene Kartoffeln liegen auf knackigem Salat und Gemüse und wurden mit frischen Champignons, Avocadocreme und Joghurt garniert. Die Gewürze sind fein und stimmig, alle Zutaten frisch, zucker- und fettfrei, und der Duft in der Nase verbreitet tiefes Wohlgefühl.

So geht Essen mit Ommmm – ganz ohne Esoterik, dafür auf Gourmetniveau. Tipp: Eine Reservierung ist empfehlenswert, denn das Tassajara ist beliebt und jeden Abend voll. / Ilona Lütje

Tassajara: Eppendorfer Landstraße 4 (Eppendorf),Telefon 48 38 01, Mo–Sa 11.30–23 Uhr

 

EinStückLand Esszimmer ist Testsieger in der Kategorie Hamburgs Osten

 

 

Ländlicher Gasthof trifft feine Restaurantküche

Vor drei Jahren haben Lina Kypke und Hinrich Carstensen EinStückLand gegründet. Das Start-up verkauft hochwertiges Fleisch von Galloway-Rindern. Die Tiere werden erst geschlachtet, wenn sie komplett vermarktet sind. Verkauft wird primär über das Internet, inzwischen führen die beiden aber auch einen Hofladen in Naherfurth bei Kayhude. Im selben Gebäude haben sie vergangenen November nun auch ein Restaurant eröffnet: das Esszimmer, eine Mischung aus ländlichem Gasthof und feiner Restaurantküche.

Gemütlich und stilvoll ist es hier. Von dem selbst gefliesten Tresen über die alten Holztische bis zum schwarzen Besteck sieht alles toll aus. Die Karte, die regelmäßig wechselt, ist überschaubar, dafür ist alles regional und saisonal. Sogar Saft und Bier stammen von Manufakturen aus der Nähe. Butter und Brot, natürlich selbst gemacht, sowie der Gruß aus der Küche (Feldsalat mit Sauerkirschdressing und gefriergetrockneten Himbeeren) machen Lust auf mehr. Das saftige Steak kommt mit Bohnen und Kartoffeln daher (26 Euro) und ist toll angerichtet.

Für Vegetarier gibt es Gemüse aus dem Land (15 Euro): Flowersprouts, Karotte und Kürbis auf Rote-Bete-Soße. So aufregend kann Gemüse schmecken! Koch Tim Büll darf sich frei austoben. Das wird auch beim Dessert deutlich: Mon Cheri nennt sich die Eigenkreation mit Himbeereis, Sauerkirschmousse und Schokopralinen (11 Euro). Konzept, Atmosphäre, Essen – im Esszimmer stimmt einfach alles. / Nadine Wenslick

EinStückLand Esszimmer: Segebergerstraße 121 (Kayhude), Telefon 04535 4109561, Di–Fr 15.00–22 Uhr, Sa+So 13–22 Uhr

 

Das Parea ist Testsieger in der Kategorie Griechenland

 

 

Bekanntes neu interpretiert

Die Karte im Parea ist zwar übersichtlich, trotzdem gibt es mehr Vorspeisen, als man essen kann – auch wenn man in Gesellschaft, mit Freunden kommt, „me parea“, wie der Grieche sagt. Um alles zu probieren, muss man wiederkommen. Kleine Hürde: Auch der erfahrene Griechengast kann nicht erraten, ob es sich auf dem Menü um bekannte Klassiker handelt, weil das Parea fast durchgängig auf griechische Bezeichnungen verzichtet.

Das geschmorte Rindfleisch in Tomatensauce heißt nicht Kokkinistó, sondern, nun ja, geschmortes Rindfleisch in Tomatensauce. Es gibt kein Chtipití, keine Paputsákia, keinen Melitsánosalata. Stattdessen gibt es Fetacreme mit Chiliflocken und Auberginensalat (4,80 Euro). Oder Karottenpommes (4,50 Euro). Oder gratinierten Fenchel (5,50 Euro). Die ganz großen Überraschungen gibt es allerdings nicht. Das Essen ist, wie das Restaurant selbst, angenehm unaufgeregt: Gegrillte Dorade (riesig!) oder saftige Lammkoteletts (rosig! Beides 17,90 Euro), gewürzt mit Oregano, Thymian, Knoblauch, dazu zitronengeküsste Kartoffelschnitze aus dem Ofen.

Was das Ganze besonders macht, sind die kleinen Spaziergänge ins Umland der traditionellen Küche. Wer hat bei seinem Stammgriechen jemals Prosecco mit Grapefruit und Rosmarin getrunken? Wer hat dort überhaupt schon mal einen anderen Aperitif getrunken als Ouzo? Und wer hat beim Griechen – beim Griechen! – schon mal gesehen, dass Gerichte eigens als vegetarisch oder vegan ausgewiesen werden?

Vasilios Xenos und sein Sohn präsentieren in Eimsbüttel eine kleine gastronomische Perle, in der sie Bekanntes und Neues ohne viel Attitüde verbinden. Xenos bedeutet übrigens so viel wie „Ausländer“ oder „Fremder“. Auch das lässt sich hervorragend mit „Parea“ verbinden. / Julia Kleinwächter

Parea: Luruper Weg 38 (Eimsbüttel), Telefon 35 96 12 82, Di–So 17–22.30 Uhr

 

Das Zum Dorfkrug ist Testsieger in der Kategorie Hamburgs Süden

 

 

Gourmetgenuss in stilvollem Ambiente

Vor den südlichen Toren Hamburgs liegt das Restaurant Zum Dorfkrug, das Zuhause der Sylter Salatfrische. Versteckt in einer Nebenstraße auf dem Weg zwischen Harburg und Buxtehude, besticht der traditionelle Dorfkrug schon von außen mit einem stilvollen Ambiente, das sich beim Eintritt in die Gasträume vollendet. Alles ist äußerst geschmackvoll eingerichtet. Wir dürfen direkt am Kamin an einem festlich gedeckten Tisch Platz nehmen.

Die Karte lässt auf frische und hausgemachte kulinarische Köstlichkeiten hoffen. Der überaus freundliche und kompetente Service reicht vorweg als Brotaufstrich Schmalz und natürlich das berühmte köstliche Sylter Salatdressing. Als Getränk zu den Speisen wählen wir samtweichen Merlot aus Chile und fruchtigen Grauburgunder aus ökologischem Anbau. Die Tagesempfehlung, der in Tempura gebackene Camembert auf lauwarmem Schwarzwurzelsalat mit Honig-Senfdressing und Rote-Bete-Stroh (10,90 Euro), trifft geschmacklich voll ins Schwarze. Als zweite Vorspeise darf der Sylter Salat mit Rinderfiletstreifen in Trüffeljus (13,90 Euro) nicht fehlen. Verschiedene Blattsalate mit Avodaco, Mango, Heidelbeeren, Grantapfelkernen und Quinoa werden durch das Sylter Salatdressing getoppt. Zarte, geschmackvolle Doraden lets auf mediterranem Schmorgemüse mit Rosmarinkartoffeln und Rucola (25,90 Euro) werden genauso wie der zartrosa gebratene Lammrücken im Kräutermantel mit knackigen Böhnchen im Speckmantel und Gratinküchlein (26,90 Euro) zum Hauptgang ein Hochgenuss.

Die Dessertkarte wird uns vom mit Headsets ausgestatteten Servicepersonal noch mal ans Herz gelegt und obwohl unsere Mägen sehr gut gefüllt sind, müssen wir unbedingt noch die von Chef Thomas Hausschild selbst kreierten Pralinen (2,80 Euro) und das hausgemachte Eis (2,80 Euro) probieren. / Melanie-Gitte Lansmann

 

Zum Dorfkrug: Grenzweg 1 (Neu Wulmstorf), Telefon 300 69 90, Mo–Do 17.30–21, Fr–So 12–14 und 17.30–21 Uhr

 

Das Salt & Silver Restaurant ist Testsieger in der Kategorie International

 

 

Lateinamerikanisches Soulfood

Während wir an unseren spritzigen Cozy Nights aus Crémant, Apfelsaft, Zimt und Hibiskus (7 Euro) nippen, erklärt uns die freundliche Bedienung, dass das Salt & Silver eine neue Karte habe. Spoiler-Alarm: Das Restaurant direkt über dem Hafen hat immer noch eine der besten lateinamerikanischen Küchen Hamburgs.

Mit feinsten regionalen und saisonalen Produkten bereitet das junge, hippe Team eine köstliche Ceviche aus rohem Adlersch (16 Euro) mit reifer Avocado und fruchtiger Mandarine für uns zu. Mindestens genauso gut schmeckt die geräucherte Lachsforelle mit Forellenkaviar, Avocado und Chili-Öl auf hausgemachter Maistortilla (15,50 Euro). Doch dann geht es erst richtig los. Für unsere Tacos de Pescado (ab 2 Personen 42,50 Euro) sammeln sich mehr und mehr Schälchen mit Soßen und frischen Zutaten um einen knusprig gebratenen Loup de Mer, der Catch of the day. Dazu bekommen wir einen Korb mit warmen Tortillas, kleinen Teigfladen aus Maismehl, die wir nach Belieben mit Fisch, Korianderreis, milder Salsa Roja, Zwiebeln und Limettensaft befüllen und so unsere Tacos selbst kreieren. Am meisten überrascht und begeistert uns die Salsa Matcha auf Rapsöl-Basis mit geröstetem Sesam, Pinienkernen, Hasel- und Walnüssen und getrockneten Chilis – geschmacklich ist sie leicht rauchig und scharf, nussig und fruchtig.

Wir haben viel Spaß dabei zu sehen, wer es schafft mehr Zutaten gleichzeitig unterzubekommen und die aufmerksame Bedienung versorgt uns stetig mit frischen Tortillas, um neue Taco-Variationen auszuprobieren. Schweren Herzens und vollen Magens müssen wir leider irgendwann aufgeben. Am Ende überzeugt uns die neue Karte absolut. Wie gesagt, Spoiler-Alarm: Hier schmeckt es super! / Hannah Stollmayer

Salt & Silver: St. Pauli Hafenstraße 136-138 (St. Pauli), Di–Sa 18–1 Uhr (Küche bis 22 Uhr)

 

Die Brasserie La Provence ist Testsieger in der Kategorie Frankreich

 

 

Savoir-vivre im Norden

Hier liegt die Provence in der Luft. Durch das Marseille zieht ein Hauch von Safran­ und Anisduft und ein wenig schnuppert man die Bouillabaisse, wegen der das Restaurant so beliebt ist. Schumm­rige rote Tischlämpchen und elegante Bistro­-Tische wirken ro­mantisch. Am Tresen plaudern bei einem Rotwein Patron Milen­ko und ein Gast mit Schiebermütze wie aus einem bretonischen Fischerdorf.

Inspiriert vom Lokal­kolorit wagen meine Freundin und ich uns ans „Tischlein-Deck­-dich­-Programm“ (45 Euro): drei „Surprises“ vorneweg, ein Haupt­gericht nach Wahl plus Dessert. Der Start ist Adrenalin pur: Breto­nische Fine de Claire Austern, für meine Begleitung die erste Auster ihres Lebens! Mit einem beherzten Schluck des fruchtig­-perlenden Sauvignon Bouc (25 Euro) sind die meerwassersalzigen Kerle wie ein Bungee­-Jump: aufregend-­gut! Uns treiben feines Rinder­-Tatar mit Kapern, Trauben und Schalot­ten geschmiegt an Tupfer von Crème fraîche sowie frische Jakobs­muscheln auf Erbsenstampf, im Dialog mit wunderbar krossen Schinken­ und Kartoffelchips wei­ter das Adrenalin der Begeisterung ins Blut. Als Hauptgericht über­zeugen die Bouillabaisse Marseille mit Anisnote (klassisch mit Rouille, geriebenem Gruyère und Fisch­einlage) sowie ein zartes Entrecôte mit Pommes.

Die warme Apfeltarte mit Sauerrahmeis, Minzblatt und Himbeeren zum Finale sind so seelenwärmend und zärtlich gebacken, dass wir diese Perle südfranzösischer Küche uneinge­schränkt ins Herz nehmen. Grand cuisine, grand amour! / Dagmar Ellen Fischer

Brasserie La Provence: Eulenstraße 42 (Ottensen), Telefon 30 60 34 07, Di–Sa ab 18 Uhr

 

Das Goldschätzchen ist Testsieger in der Kategorie Hamburgs Norden

 

 

Guter Service, tolles Ambiente und raffiniertes Essen

Schon die Begrüßung ist warm und einladend. Im Hof zwischen den reetgedeckten Guts­häusern und dem 200 Jahre alten Herrenhaus lodert und knackt es in einer Feuerschale. So fühlt sich der Gast gleich willkommen im Prisdorfer Goldschätzchen, das Chef Patrick Diehr 2017 übernahm. Nach einer Grund­sanierung überzeugt das Restaurant mit einer Mischung aus Modernem und Tradi­tionellem. Zudem legt das Team Wert auf Nachhaltigkeit und regionale Produkte. Das hat zwar seinen Preis, schmeckt man aber auch.

So ist das 250­-Gramm-­Rib-­Eye-­Steak mit marmoriertem Kartoffelstampf und Ge­müse von Bauer Bernd (29,90 Euro) auf den Punkt gebraten, sehr zart und saftig. Ob es an der Haltung der eigenen Rinder vor Ort und dem wie in der Karte versprochenem stressfreien Ableben liegt? Man möchte es gern glauben. Der pochierte Wels aus Mecklenburg-­Vorpommern mit karamellisier­ten Birnen (22,90 Euro) kann allerdings et­was Würze vertragen. Doch dafür steht eine Salz­-Ingwermischung aus eigener Herstellung auf den Tischen parat. Die kann der Gast übrigens auch für zu Hause kaufen, genauso wie einige andere Produkte. Überhaupt punktet das Goldschätzchen mit Kreativität. Ein Beispiel: Das Glühweinsorbet (3,90 Euro) schmeckt wie ein sommerlicher Besuch auf dem Adventsmarkt. Klasse! Empfehlenswert ist auch die Vorspeise „Von allem ein bisschen“ (18,90 Euro), die durch eine große Band­ breite von der hausgemachten Currywurst über zwei würzige Süppchen bis hin zum Hecht auffällt. Allerdings sind die Portionen alle groß, teilen ist fast ein Muss.

Abgerun­det wird der schöne Abend im Goldschätz­chen durch den auffallend guten Service. Fazit: Wir kommen wieder. Im Sommer wollen wir die große Terrasse samt Bar und Smoker testen. / Katy Krause

Goldschätzchen: Peiner Hof 7 (Prisdorf),Telefon (04101) 601 09 21, Di–Fr 17–22, Sa-So 12.30–22 Uhr

 

Das Parissa’s ist Testsieger in der Kategorie Orient & Indien  

 

 

Persische Raffinesse trifft deutsche Gemütlichkeit

Die Deutschen lieben ja bekanntlich ihre Partykeller – denn mit Hausbar, Backsteinwand, niedrigen Decken und schummrigem Licht feiert es sich gleich doppelt so gut. Kein Wunder also, dass wir uns im Parissa’s mit seiner Hobbykelleratmosphäre und wildem Deko-Sammelsurium sofort pudelwohl fühlen. Dicht an dicht sitzen die Gäste hier nebeneinander und Gastgeber Mehrdad umgarnt jeden von ihnen mit viel Charme.

So erzählt er uns etwa, dass die Kräutermischung für das Zeytun Parvarde (köstliche, in Granatapfelsaft eingelegte Oliven, 6 Euro) direkt aus dem Iran importiert wurde. Auch von den anderen Startern wie Kuku Sabzi (gebackenem Spinat mit Kräutern und Walnüssen, 12 Euro) und Mirza Ghasemi (Auberginen mit Raucharoma und Ei, 12,50 Euro) können wir nicht genug bekommen. Taktisch mit Sicherheit ein Fehler, denn danach kredenzt Mehrdad eine große Portion vom Ghormeh Sabzi (Lammfleisch mit Kidneybohnen, 19,80 Euro), das wie Butter auf der Zunge zergeht. Dem in nichts nach steht das Fessenjan (Hähnchen in Walnuss-Granatapfelsauce, 19,50 Euro), zu dem die beiden beerigen Rotweine Cuveé Aneé (0,2 l 8,80 Euro) und Livio Felluga Vertigo Rosso (0,2 l 8 Euro) eine hervorragende Begleitung sind.

Obwohl der Hosenbund bereits kneift, lassen wir uns noch die kleine Dessertplatte mit köstlichem Pistazien-, Erdbeer-Granatapfeleis, Mousse au Chocolat und dem persischen Mille-feuille Shirini Napeloni (15 Euro) bringen. Eines steht fest: Beim nächsten Besuch haben unsere Hosenbünde Gummizug! / Katharina Grabowski

Parissa’s: Sierichstraße 94 (Winterhude), Telefon 63 91 85 15, Di–Do 17–23, Fr–Sa 17–24, So 14–22 Uhr

 

Das Jellyfish ist Testsieger in der Kategorie Fisch

 

 

Auferstanden aus Ruinen

War es ein Protest gegen Gentrifizierung, wie manche spekulierten, oder eine private Fehde? Nachdem das Jellyfish unter seinen alten Betreibern mehrmals von Einbrechern heimgesucht wurde, die auch in der Küche randalierten und kostbare Produkte zerstörten, war das Jellyfish Geschichte. Doch dann kehrte Stefan Fäth, zuvor hier schon Sous-Chef, nach Hamburg zurück und entschloss sich, das für Hamburg einzigartige Konzept fortzuführen: Fisch- und Meeresfrüchte aus nachhaltigem Fang, zubereitet auf Sterneniveau.

Und er gibt direkt Vollgas, auch preislich: Wir wählen das volle Programm, das Sieben-Gänge Menü für 179 Euro. Es wird ein eindrucksvoller Ritt durch tolle Produkte, technisch anspruchsvolle Zubereitungen und überwiegend spannende Aromenkombinationen. Die gebeizte Fjordforelle wird von Gurken und frischen Meeresaromen in unterschiedlichen Texturen (unter anderem Eis) begleitet. Die Kombination von Kaisergranat, Gänseleber und Auster ist überladen, die drei Luxus-Produkte zusammen auf einem Teller stehlen sich hier etwas gegenseitig die Show. Ganz anders die Jakobsmuschel: Sie ist von absoluter Ausnahme-Qualität. Groß, fleischig, fest und leicht süßlich. Hinzu kommen eine kräftige Rotkohl-Sauce, Miso-Espuma, Kokos und Mango. Klingt erneut viel, ergänzt sich jedoch vortrefflich. Ebenso gelungen ist die Verbindung des rustikalen, gezupften Eisbeins mit einem gebratenen Pulpo-Arm. Das hohe Niveau setzt sich weiter fort, beim Skrei mit Grünkohl genauso wie beim Heilbutt mit Haselnusskruste, Pilzen und Spitzkohl. Der mit Mousse gefüllte und naturalistisch geformte „Karamell-Apfel“ ist als Abschluss etwas mächtig, das frischer Sauerampfer-Eis dazu ein guter Kontrast.

Stefan Väth ist der Neustart des Jellyfish hervorragend gelungen, das Niveau überzeugt sowohl bei Produkten als auch ihrer Zubereitung. Und wenn die teils fast übermotiviert wirkende Kleinteiligkeit etwas reduziert wird, kann man sicher sein, dass der Michelin-Stern auch weiterhin das Jellyfish schmücken wird. / Benjamin Cordes

Jellyfish: Weidenallee 12 (Eimsbüttel),Telefon 410 54 14, Do–Mo 18–23 Uhr

 

Das Casa di Roma ist Testsieger in der Kategorie Italien

 

 

Stammitaliener mit Leidenschaft

Wer einmal da war, kommt sicher wie­ der. So wie ich – seit Jahren Wiederho­lungstäter. Wenn ich Lust auf richtig gute italienische Küche habe, ist das Casa di Roma erste Wahl. Die Speisen sind von hoher Qualität und jedes Mal auf dem gleich hohen Niveau zubereitet. Einer der Gründe, warum man besser vorher einen Tisch reservieren sollte. Das Restaurant ist sehr familiär geführt, dies spürt man sofort. Egal ob Stammgast oder Neuling: Jeder wird herzlichst begrüßt, der Service ist unglaublich zuvor­kommend und freundlich. Auf jeden Wunsch wird Rücksicht bei der Zubereitung genommen.

Wir entscheiden uns heute für die gegrillten Calamarreti (15,90 Euro), die sehr scharf angebraten, angenehm gewürzt und butterweich sind. Die Burrata (14,90 Euro) ist wie sie sein muss: Nach dem Anschnitt zerfließt sie cremig über die sehr frischen Och­senherztomaten. Die Penne mit Garne­len (19,50 Euro) in einer frischen und leichten Tomatensoße sind auf den Punkt zubereitet. Unser Highlight und unbedingt zu empfehlen: die Kalbsleber (21,90 Euro) mit frischem Salbei.

Die Köche beherrschen ihr Handwerk. Das Casa di Roma ist ein Ort für fröhliche Gespräche und schöne Flirtmomente. Und das sehr stilvolle Ambiente lädt dazu ein, bei einem Dessert oder Es­presso auch noch etwas länger sitzen zu bleiben. / Frank Sill

Casa di Roma: Lange Reihe 76 (St. Georg), Telefon 280 30 43, Mo-So 11.30-24 Uhr

 

Das To Huus ist Testsieger in der Kategorie Lüneburg

 

 

Lüneburgs modernste Gastwirtschaft

Lange hat Lüneburg gewartet, im Februar war es endlich soweit: In der Schröderstraße 5a/b hat endlich wieder ein neues Restaurant eröffnet. Die Räumlichkeiten in der beliebten Einkaufsmeile standen jahrelang leer, mit dem To Huus ist nun ein tolles Konzept eingezogen. Beim Betreten merkt man sofort, dass hier viel Wert auf Design und gleichzeitig Gemütlichkeit gelegt wurde. Große Holztische unterstreichen den Wirtshaus-Charakter, die schwarz-gestrichenen Balken und dunklen Lampen schaffen ein modernes Industrial-Flair. Laut eigener Aussage steht das To Huus für Regionalität und Qualität, es gibt Gerichte für Vegetarier und Veganer und Fleisch aus artgerechter Haltung.

Die Karte ist drei Tage nach Eröffnung noch sehr überschaubar und enthält einen Hinweis, dass das Restaurant erst einmal den Geschmack seiner Gäste kennenlernen möchte. Unser Geschmack wird an dem Abend definitiv getroffen. Die vegane Pastinakencremesuppe mit Kräuteröl (5 Euro) ist himmlisch cremig und aromatisch. Beim gratinierten Ziegenkäse an Feldsalat (9,50 Euro) überrascht uns besonders das Birnenkompott, das perfekt ausbalanciert ist und sogar eine leichte Ingwernote enthält. Ich entscheide mich für Dreierlei von der Beete mit Feldsalat und Radicchio mit Laugencroutons (12,50 Euro), dessen Bier-Senf-Vinaigrette ein Highlight ist. Meine Begleitung bestellt das sous vide gegarte, regionale Rind (25,50 Euro), das durch perfekte Garzeit und Würze überzeugt. Insgesamt gelingt es dem To Huus eine Karte anzubieten, die sowohl modern als auch bodenständig ist.

Man bekommt hier sowohl eine vegane Roulade als auch ein Ratsherrenfrühstück mit Bratkartoffeln – eine für Lüneburg bisher unbekannte Mischung. Natürlich gibt es auch eine große Auswahl an regionalen Bieren, sowohl vom Fass als auch in der Flasche, weshalb sich das To Huus sicher bald als Lüneburgs modernste Gastwirtschaft etablieren wird. / Lynn Hoefer

To Huus: Schröderstraße 5a/b (Lüneburg), Telefon 04131408 12 83, So–Do 11.30–23 Uhr

 

Die [m]eatery ist Testsieger in der Kategorie Fleisch

 

 

Fleisch in der Hauptrolle

Die Rinderrücken, die am Eingang hinter einer Glasscheibe vor sich hin reifen, lassen keinen Zweifel zu: Hier spielt Fleisch die Hauptrolle! Als Fleischfreunde sind wir voller Vorfreude, müssen trotz Reservierung allerdings zunächst einige Zeit warten. Der freundliche Kellner entschuldigt sich jedoch aufrichtig und lässt uns fortan auch nicht mehr aus den Augen.

Da wir das erste Mal in der [m]eatery sind, zeigt und erklärt er uns die verschiedenen Fleisch-Cuts, ihre Herkunft und Zubereitung im 800 Grad heißen Ofen. Wir entscheiden uns für ein europäisches Bone-in-Rib-Eye (55 Euro) sowie ein Filetsteak aus Südamerika (34 Euro). Das Fleisch hat hier seinen Preis. Hält es auch, was es verspricht? Wir stimmen uns mit einer Portion Rinder- und Thunfischtatar (20 Euro) ein – und werden schon mal nicht enttäuscht: Der Thunfisch ist butterweich und das klassische Rindertatar mit Cognac-Kapern-Marinade macht Lust auf mehr. Nach einer diesmal perfekt abgestimmten Wartezeit kommen die Steaks auf den Punkt gegrillt und heiß (!) an den Tisch. Der Hauptdarsteller enttäuscht nicht: Das Filet ist herrlich zart und das saftige Rib Eye köstlich karamellisiert.

Die Portionen sind groß, unsere Beilagen schaffen wir kaum. Das ist allerdings nicht tragisch, denn diese spielen zwar eine solide, aber nicht weiter aufregende Rolle. Der vom Sommelier empfohlene kräftig-fruchtige Malbec passt ebenfalls gut. Am Ende sind wir glücklich und der Verdauungsespresso geht – als Entschuldigung für den Beginn – aufs Haus. / Anna Christina Massing

[m]eatery: Drehbahn 49 (Neustadt),Telefon 30 99 95 95, Mo–Fr 12–23, Sa+So 15–23 Uhr

 

Das Wolfs Junge ist Testsieger in der Kategorie Gourmet

 

 

Durchdacht, nicht verkopft

Auf einem Kasten-Tray aus weichem Holz ist buntes Essiggemüse in einer rauen Tonschale angerichtet, begleitet von gehobeltem Entenschinken und Scheiben einer filigranen Roulade vom Hahn auf Porzellan – getoppt mit gebackenen Hahnenkämmen. Der Gruß aus der Küche mutet an wie ein winterliches Bento aus der Tradition der japanischen Kaiseki-Küche, in der die Speisen selbst, wie auch das ausgesuchte Geschirr und die Präsentation, von den Jahreszeiten erzählen. Wir sitzen in einem jener jungen Restaurants, die Hamburg mittlerweile in Vielzahl kulinarisch prägen: dankenswerter Weise denken immer mehr Köche neuer Generation bewusst regional und saisonal, ohne sich dabei in ihrer Kreativität ausgebremst zu sehen.

Das beweist an diesem Abend im gradlinig designten Wolfs Junge auch der nächste Gang: auf dem Grund einer Schale findet sich hausgemachter Seitan auf cremigem Kartoffelpüree, genial begleitet von knackig kühlen Forellen-Kaviar-Perlen und einem bei Niedrigtemperatur gegarten Onsen Ei, mit typisch cremiger Struktur. Die Küche im Wolfs Junge scheint grenzenlos, wie die folgenden Gänge zeigen. Etwa beim durchscheinend pointiert gegarte Stück vom Kabeljau, in süffiger Beurre Blanc Sauce mit Salz-Zitrone, fermentierten und frisch gehobelten Pilzen. Oder dieser unglaubliche Nose-to-tail-„Zwischengang“: hausgemachte Blutwurst mit Apfel und Senfsaat, die Blutwurst fein gewürzt, mit fleischigen Stücken von Zunge und Herz.

Es geht, auch bei diesen beiden Tellern des von uns gewählten 5-Gang-Menüs (65 Euro), um eine Grundhaltung: alles wird verwertet, alles ist von Wert. Es ist eine Küche, in der man verstanden hat, dass Kochen auf dem Feld beginnt, im Stall. Der Bauer, der Fischer, der Jäger sind wichtig. Dabei ist man im Wolfs Junge leiser als in vergleichbaren Restaurants in Hamburg und Berlin. Angenehm unaufdringlich und beiläufig wie der aufmerksame Service selbst werden hier die Werte des Teams um Sebastian Junge erst mal über Handwerk und Können vermittelt. Wer hinhört und nachfragt, kann aber viel lernen – über Erzeuger, Lieferanten und Wertschätzung. Dann erfährt man auch, wo das Teriyaki-Style geschmorte Huhn zum Gua Bao-Dampfbrötchen herkommt. Der Taiwanesische Klassiker wird hier mit koreanisch inspiriertem, wunderbar mildem Kimichi aus heimischen Gemüsen serviert. Wie das gepickelte und fermentierte Gemüse zum Auftakt kommen auch diese von Biobetrieben aus dem nahen Hamburger Umland – und einer eigenen Gartenparzelle in Ochsenwerder. Dort baut Junge selbst Gemüsesorten nach biologisch-dynamischem Prinzip an.

Zum Highlight des Abends gerät das butterzart gegarte Schwein vom Demeter Hof Klostersee in Grömlitz: ein saftiges Referenz-Schwein, an dem sich künftige Zubereitungen werden messen müssen. Die formidable Weinbegleitung (44 Euro) macht den Abend rund wie der Streifen Dessertkuchen zum Abschluss, eine feine Schnitte aus Biskuit mit eingemachten Beeren und Holundercreme, dazu herb-säuerliches Rote-Bete-Sorbet.

Still und leise hat sich Wolfs Junge seit der Eröffnung im Sommer 2018 zur Top-Adresse in Sachen hyperregionaler und nachhaltiger Genusskultur entwickelt, lässig und kreativ! / Stevan Paul

Wolfs Junge: Zimmerstraße 30, (Uhlenhorst),Telefon 20 96 51 57, Di–Fr 12–14.30, Di–Sa 18–23 Uhr, (Küchenannahme bis 21 Uhr)


 SZENE HAMBURG ESSEN+TRINKEN 2020. Das Magazin ist seit dem 3. April 2020 im Handel und auch im Online Shop erhältlich! 

Auf den Geschmack  gekommen? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburgs Gastro folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Kunstverein Jesteburg: „Worte zur Zeit“

Wort-Skulpturen zur Corona-Krise: Am Kunstverein Jesteburg stehen jetzt „Worte zur Zeit“ von dem Künstler Rupprecht Matthies

Text: Sabine Danek

 

Die Resonanz war toll. Mehr als 300 Einsendungen aus der ganzen Welt, bestückt mit über 1.000 Wörtern, gingen beim Kunstverein Jesteburg ein. In Zusammenarbeit mit dem Künstler Rupprecht Matthies, bekannt für seine Sprach-Arbeiten und Wort-Skulpturen, wurden Besucher, Mitglieder und Interessierte gefragt: „Welche Worte prägen für Sie die aktuelle Situation?“, „Welche Worte sind Ihnen zur Zeit wichtig?“ oder auch „Welche Worte können Sie schon nicht mehr hören?“

Die häufigsten und wichtigsten haben es in die Wortmalerei von Matthies geschafft und wollen ermöglichen, sich selbst und auch anderen näherzukommen. Gleichzeitig erprobt die Arbeit in enger Zusammenarbeit mit der Region, was Kunstverein-Leiterin Isa Maschewski immer wieder wichtig ist: zu schauen, was Kunst sein und was sie bewirken kann. Ein paar Wochen werden die „Worte zur Zeit“ an der Fassade in Jesteburg zu sehen sein, anschließend soll aus ihnen an anderen Orten weitere Projekte entstehen.

Kunstverein Jesteburg 
Rupprecht Matthies: Worte zur Zeit 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

StrassenBLUES: Draußen ist noch wer

In Zeiten menschenleerer Straßen kümmert sich der Verein StrassenBLUES auf verschiedenen Wegen um Obdachlose

Text: Erik Brandt-Höge

 

Einfache Geschichte: Wer während der Corona-Krise zu Hause bleiben kann, der bleibt auch zu Hause. Ist nicht immer toll, aber es gibt Schlimmeres als Homeoffice im Wohnzimmer, in der Küche, auf dem Balkon, im Garten. Schwieriger wird es, wenn kein Zuhause vorhanden ist.

Obdachlose haben es durch die Pandemie noch schwerer, ans Nötigste zu gelangen – es sind schließlich kaum noch Menschen da, die direkt auf der Straße mit Geld, Essen oder Kleidung helfen. Die Macher des gemeinnützigen Vereins StrassenBLUES e. V. haben sich einmal mehr Gedanken gemacht, wie den Mittellosen zur Seite gestanden werden kann.

Es wurden allerhand Aktionen ins Leben gerufen, etwa die StrassenSPENDE, die online abgegeben werden kann, und die von den ehrenamtlichen Vereinsmitgliedern in bar oder als Supermarkt-Gutscheine weitergeleitet wird. Wichtige, auch warme Mahlzeiten bringt das StrassenBLUES-Team ebenso direkt zu Menschen ohne festen Wohnsitz. Und es setzt sich dafür ein, dass Hotels leer stehende Zimmer zur Verfügung stellen, um Obdachlosen etwas Schutz zu bieten. Denn diese gehören aufgrund ihres schwachen Immunsystems zur Risikogruppe und haben auf der Straße nicht nur mit Armut und Hunger zu kämpfen, sondern auch mit Krankheiten und dem Virus, das die Welt gerade so sehr verändert.

www.strassenblues.de; www.strassenspende.de; www.strassensuppe.de; www.hotelsforhomeless.org; www.letmebesafe.org


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hamburger des Monats – Poetry Slammer Claus Günther

Wenn Claus Günther vom Krieg spricht, hört ihm ein junges Publikum bei Poetry Slams oder in Schulen konzentriert zu. Am 5. April wurde Deutschlands ältester Slammer 89 Jahre alt. Ein Gespräch über eine verpasste Stadtmeisterschaft, die „Reichspogromnacht“ in Harburg und was für ihn echter Luxus bedeutet

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Claus Günther, was zeichnet einen guten Poetry Slammer aus?

Claus Günther: Um für mich zu sprechen: Dass ich immer noch Anklang finde. Nicht nur beim Publikum, sondern auch bei den anderen, die mit mir zusammen antreten. Beim monatlich stattfindenden Themenslam im Literaturcafé Mathilde war ich im vergange­nen Jahr elf Mal. Und neun oder zehn Mal habe ich den ersten Platz gemacht. Das ist mein Lebenselixier.

Wo sind Sie noch zu sehen?

Ziemlich regelmäßig in der Auster Bar in Eimsbüttel. Mehr schaffe ich körperlich in meinem Alter nicht. Ab und zu kommt meine Frau Ingrid mit und eine gemeinsame Freundin. Meine Frau ist meine beste Kritikerin. Wenn ich ihr etwas vortrage und sie „geht so“ sagt, muss ich mich noch mal ranset­zen. Aber wissen Sie, warum ich bei den Slammern als „coole Socke“ gelte?

Nein, bitte erzählen Sie.

2018 hatte mich Thomas Nast von der Mathilde für die Hamburger Stadt­meisterschaften im Poetry Slam nominiert. Eines der Halbfinale, zu dem ich antrat, fand im Grünen Jäger statt. Ich sah mich dort zwei ernsthaften Konkurrenten gegenüber, wurde aber vom Publikum zum Sieger gekürt. Also war ich im Finale, doch das fand aus­ gerechnet an einem Datum statt, an dem ich zum Check in einer Klinik angemeldet war – mit Übernachtung. Daher musste ich absagen.

 

„Ich habe mich zum Glück von den überwältigten Kriegserlebnissen befreit“

Claus Günther

 

Was sind Ihre Lieblingsthemen beim Slammen?

Normalerweise sind die Menschen bei den Slams auf Heiterkeit einge­stimmt. Ich bringe aber auch ernste Sachen, die gerade in der heutigen Zeit zum Nachdenken anregen. So war ich Ende Februar bei einer Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bil­dung in der Zentralbibliothek am Hüh­nerposten. Dort habe ich mein Gedicht „Gestern war noch Krieg“ vorgetragen.

In vielerlei Hinsicht bin ich ein aus­gesprochener Spätzünder. Ich denke, dass das mit unbewältigten Kriegserlebnissen zu tun hat. Aber davon habe ich mich zum Glück befreien können.

In Ihrem 2016 erschienenen Buch „Heile, heile Hitler“ beschreiben Sie, wie Sie als Siebenjähriger die „Reichspogromnacht“ in Harburg, wo Sie aufgewachsen sind, erlebt haben.

Mein Vater hat eine zumindest un­rühmliche Rolle gespielt. Er war an die­sem Abend Fahnenträger der SA und hat die Synagoge abgesperrt, als sie ge­plündert wurde. Wenn ich meinen 1972 verstorbenen Vater nach dieser Zeit fragte, hat er aus Scham geschwiegen. Ich habe ihn nicht zum Reden bringen können, da ging es mir wie vielen aus meiner Generation. Ich habe lange ge­ braucht, um die Rolle meines Vaters in der Nazizeit zu akzeptieren.

Versöhnt hat mich mit ihm, als ich ein Dokument fand, das belegte, dass er als Verwal­tungsangestellter im besetzten Polen in Chrzanów zahlreiche Reisepässe an jüdische Menschen ausgestellt und ihnen zur Ausreise verholfen hat. Das war durch seinen Vorgesetzten gedeckt. Viele Jahre später fragte mich mein Schwiegersohn: „Hast du dir das mal auf der Karte angeschaut?“ Nein, sagte ich und wir sahen, dass Chrzanów nur etwa 20 Kilometer von Auschwitz – auf polnisch: Oświęcim – entfernt liegt.

Mir fiel schlagartig ein, wie ich als Zehn­jähriger ins Wohnzimmer gestürmt war, als mein Vater Heimaturlaub hatte. Meine Eltern unterbrachen ihr Ge­spräch mitten im Satz. Sie wirkten wie Schulkinder, die man bei etwas Ver­botenem ertappt hatte. Ich gehe davon aus, dass mein Vater gewusst hat, was in Auschwitz passierte.

Seit 1997 treffen Sie sich mit anderen älteren Hamburgern in der Zeitzeugenbörse.

Es ist eine offene Gruppe. Wir tref­fen uns zweimal im Monat und gehen viel in Schulen, um über unsere Erlebnisse zu berichten. Ich bringe dann immer einen echten Bombensplitter mit, den ich bei den Schülern herum­ gehen lasse.

Das Metallstück ist etwa 20 Zentimeter lang und ziemlich schwer. Wie reagieren die Schüler?

Sie gucken den Splitter mit großen Augen an. Das ist etwas anderes, als den Krieg im Internet oder bei Ballerspielen zu erleben. Viele Lehrer schreiben uns hinterher, dass sie ihre Klasse noch nie so konzentriert wie bei unseren Be­suchen erlebt haben. Die Schüler stellen uns viele Fragen, manchmal auch kritische. Zum Beispiel, wie wir unsere Rolle in der Nazizeit heute sehen.

Bei der Zeitzeugenbörse treffen Sie den 100-jährigen Wilhelm Simonsohn, einen ihrer Vorgänger in dieser Rubrik als „Hamburger des Monats“. Kürzlich waren Sie beide bei einer Fernsehaufzeichnung mit ihrem jungen Poetry Slam-Kollegen Michel Abdollahi in dessen Sendung „Der deutsche Michel“ zu sehen.

Das war ganz witzig. Herr Abdol­lahi ist sehr charmant, leider habe ich ihn bislang noch nie auf einem Poetry Slam getroffen. Wir wurden in einer Villa in Hohenfelde gefilmt. Es ging um das Thema „Luxus“. Ich sagte, welcher Luxus es für mich ist, dass wir seit fast 75 Jahren in Frieden leben. Und dass ich mit meiner Frau in den 1950er Jahren in einem Kino in Harburg zwei Mark extra gezahlt habe, wenn wir etwas Luxuriöses erleben wollten.

Was haben Sie Extravagantes dafür bekommen?

Wir durften den Film in der Rau­cherloge sehen.

zeitzeugen-hamburg.de; „Heile, Heile Hitler“, verlag.marless.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Peter Tschentscher: „Die ersten zehn Sekunden sind vorbei“

Kurz nach der Bestätigung als Hamburgs Erster Bürgermeister muss Peter Tschentscher die Stadt durch eine Zeit schiffen, in der viele unterschiedliche – psychologische und existenzielle – Bedürfnisse gehört werden wollen. Ein Gespräch über die zwei Seiten der Krise und seine Hoffnung, wie die Stadt nach der Pandemie aussieht

Interview: Hedda Bültmann & Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Peter Tschentscher, bezogen auf die wirtschaftliche Lage Hamburgs haben Sie die Corona-Krise kürzlich mit einem Luftanhalten verglichen: Die ersten zehn Sekunden würden noch recht leichtfallen, die nächsten zwanzig wären schon schwieriger. Welche Sekunde zählen Sie denn aktuell?

Peter Tschentscher: Die ersten zehn Sekunden sind vorbei. Es wird jetzt immer schwieriger, das alles durchzuhalten, auch im Hinblick auf die wirt­schaftlichen Folgen. Ein Unternehmen kann vielleicht einige Wochen ohne Umsatz überstehen. Aber je länger die Krise andauert, desto stärker steigt das Risiko, dass es zu Insolvenzen kommt und Arbeitsplätze verloren gehen.

Das Hilfspaket von Bund und Ländern soll dabei unterstützen, die­se Zeit zu überbrücken. Dazu gehören das Kurzarbeitergeld, das Unternehmen mit hohen Lohnkosten sofort entlastet, und zinslose Steuerstundungen. Über die Hamburger Corona-Soforthilfe können Selbstständige, kleine und mittlere Unternehmen Zuschüsse bis zu 30.000 Euro erhalten, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Wir wollen vermeiden, dass es in der Wirtschaft zu strukturellen Schäden kommt.

Eine Angst der Hamburger ist, ob wir ausreichend medizinisch versorgt werden können. Aktuell (Stand 20.4.) werden 220 Hamburger mit COVID-19 stationär behandelt, davon 75 intensivmedizinisch. Inwieweit sind die Hamburger Krankenhäuser ausgelastet?

Derzeit gibt es ausreichend Behandlungskapazitäten. Die genannten Zahlen beziehen sich auf ganz Hamburg. Wir haben 1,8 Millionen Einwohner, rund 12.500 Krankenhaus­ betten und über 700 Intensivplätze. Das Coronavirus führt bei den meisten Infizierten zu keiner oder nur zu einer leichten Erkrankung.

Aber es gibt eben auch Personen, bei denen das Risiko einer schweren Erkrankung höher ist, vor allem ältere Menschen oder Patienten mit Vorerkrankungen. Die Maßnahmen, die wir treffen, sollen die Ausbreitung des Virus so ver­langsamen, dass nicht zu viele Men­schen gleichzeitig schwer erkranken und unser Gesundheitssystem mit ihrer Behandlung dann überfordert ist. Deswegen erhöhen wir die Zahl der Intensivbetten unserer Krankenhäuser. Wir wollen eine Lage wie in Italien verhindern, wo selbst schwerkranke Patienten nicht mehr behandelt wer­ den konnten.

Konkret heißt das, es gibt in Hamburg noch ausreichend Krankenhausbetten?

Ja. Die Krankenhäuser verschieben derzeit planbare Eingriffe, wenn es aus ärztlicher Sicht möglich ist. Also solche Eingriffe und Behandlungen, die nicht dringlich sind und auch in den nächsten Monaten nicht zu einem Notfall werden. Damit schonen wir das Gesundheitssystem, Personal und Schutzausrüstung wie Gesichtsmasken, die wir bei einem stärkeren Anstieg von COVID-­19­-Patienten noch benötigen.

 

„Jeder erlebt diese Zeit anders und ist auf seine eigene Art betroffen“

Peter Tschentscher

 

Existenzsorgen bleiben, und sind bei einigen bereits auf die emotionale Ebene gerutscht. Es gibt Ohnmacht, Wut, Trauer, Hoffnungslosigkeit, aber natürlich auch viel Mitgefühl. Welche Gefühle herrschen denn bei Ihnen aktuell vor?

Ich bin konzentriert. Es gibt mehr zu tun und zu entscheiden als sonst. Jeder erlebt diese Zeit anders und ist auf seine eigene Art betroffen. Wir haben zum Beispiel viele Beschäftigte im Gesundheitswesen und im Lebensmitteleinzelhandel, die jetzt sehr viel mehr arbeiten. Auf der anderen Seite haben wir Leute, die gerne arbeiten würden und es nicht dürfen, zum Beispiel Restaurant-­ und Clubinhaber. Einige sitzen zu Hause und wissen noch nicht, wie es weitergehen soll.

Jede Lage ist schwierig und hat seine psycholo­gischen Besonderheiten. Ich verstehe, dass einige ungeduldig sind und fra­gen, ob diese harten Einschränkungen wirklich nötig sind. Wir müssen aber vorsichtig bleiben und dürfen die Ein­schränkungen nur sehr vorsichtig lo­ckern, um den Erfolg unserer Strategie nicht zu riskieren. Letztlich kommen wir am besten durch diese schweren Wochen und Monate, indem wir auf guten Zusammenhalt und gegenseitiges Verständnis setzen.

Was genau bedeutet denn „durchkommen“? Wie sieht die Stadt danach aus?

Ich hoffe, dass wir in der gleichen Art und Weise in Hamburg weiterleben können wie vorher. Die Krise überstehen bedeutet, dass wir die sozialen und wirtschaftlichen Folgen begrenzen und strukturelle Schäden verhindern. Wir versuchen, diese Phase kurz zu halten und die Maßnahmen so zu gestalten, dass man sie durchhalten kann. Deswe­gen haben wir keine absolute Ausgangssperre wie in anderen Ländern. Alle sollen die Möglichkeit haben, sich an der frischen Luft zu bewegen – mit dem nötigen Abstand zu anderen. Wir bie­ten wirtschaftliche Unterstützung und Hilfen über telefonische Hotlines und psychologische Beratung.

Um Verständnis zu erwirken, ist es unerlässlich, die Menschen zu informieren. Es gab in den letzten Wochen aber auch vereinzelt Schelte für eine gewisse Form der Berichterstattung. Wie empfinden Sie diese von den Hamburger Medien?

Ich sehe nicht, was an der Hamburger Berichterstattung zu kritisieren ist. Es wird angemessen über die Ereignisse und Entscheidungen berichtet, die uns in Hamburg und ganz Deutschland betreffen. Information und Transparenz sind wichtig, damit die Einschränkungen akzeptiert und eingehalten werden. Wir können die Ausbreitung des Virus nur in den Griff bekommen, wenn sich alle an die Kontaktbeschränkungen im öffentlichen Raum halten.

Dort, wo Maßnahmen nicht sinnvoll sind, ist Kritik auch berechtigt – wenn zum Beispiel Fußgänger oder Radfahrer von Polizeikontrollen an den Landes­grenzen zurückgeschickt werden. Das sind Maßnahmen, die nicht abgespro­chen waren und die jetzt auch nicht fortgeführt werden.

 

peter-tschentscher3-c-senatskanzlei-hamburg

Für zukünftige Notfälle dieser Art werde man sich „in bestimmten Punkten besser vorbereiten“ (Foto: Senatskanzlei Hamburg)

 

Wie ist denn gerade die Stimmung zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein?

Ich habe mit Ministerpräsident Da­niel Günther vereinbart, dass Schles­wig-­Holstein auf unnötige und unverhältnismäßige Maßnahmen dieser Art verzichtet. Wir sind uns einig, dass es für Beschränkungen unserer Freiheit immer wichtige Gründe geben muss.

Überregionale touristische Reisen sol­len nicht stattfinden, weil es dadurch zu neuen Infektionsketten und einer ver­ stärkten Ausbreitung des Virus kommen kann. Naherholung, Spaziergänge oder Radtouren in der Nähe des Wohnortes sind aber weiterhin gestattet. Mein Wunsch ist, dass nach dieser Krise keine Verstimmungen zwischen den Bun­desländern zurückbleiben und wir unser partnerschaftliches Miteinander in der Metropolregion fortführen.

Was gerade guttut, ist die große Hilfsbereitschaft, die überall in der Stadt zu spüren ist, von „Danke“-Plakaten auf Balkonen über Briefe von Kindern an Seniorenresidenzen bis zu Gastro-Unternehmen, die Obdachlose mit Essen versorgen. Wann hätten Sie zuletzt gerne einen oder mehrere Hamburger in den Arm genommen, um selbst einmal danke zu sagen, durften es aber natürlich nicht?

Ich erlebe an vielen Stellen großen Einsatz und Hilfsbereitschaft. Neulich war ich in einem Hamburger Gesundheitsamt, um zu sehen, wie dort in der Corona­-Krise gearbeitet wird. Da wa­ren Beschäftigte, die eigentlich jetzt in Rente gegangen wären, das aber ver­schoben haben, um ihre Erfahrung und Arbeitskraft noch einzubringen. Viele Mitarbeiter haben sich aus anderen Dienststellen in das Gesundheitsamt versetzen lassen, weil dort jetzt viel zu tun ist.

Zugleich haben sich Medizin­studenten gemeldet, die mit ihren fort­geschrittenen medizinischen Kenntnis­sen gut unterstützen können. Das sind alles Leute, die nicht nur sagen, man müsste helfen, sondern die dann auch wirklich dabei sind. Das zeigt den großen Zusammenhalt in der Stadt.

Führt dieser Effekt dazu, dass die Stadt nach der Krise stärker sein wird als vorher?

Ich denke schon. Krisen sind auch immer eine Chance, man kann aus ihnen lernen. Wir werden uns in bestimmten Punkten auf jeden Fall besser vorbereiten auf Epidemien und Notfälle dieser Art. Wenn sich Menschen in einer Krise gegenseitig helfen, stärkt das den Zusammenhalt. Bürgerliches Engagement und Solidarität gab es in Hamburg schon immer, sie werden aber durch die Krise noch einmal gestärkt. Jetzt geht es erst mal darum, die Krise zu überstehen. Danach werden wir zu­ rückschauen auf das, was gut lief und was wir noch verbessern müssen.

 

peter-tschentscher2-c-senatskanzlei-hamburg

„Es gibt mehr zu tun und mehr zu entscheiden als sonst“: Tschentscher im Rathaus (Foto: Senatskanzlei Hamburg)

 

Und wie könnte man in Zukunft stärker mit einer Krise wie dieser umgehen?

Wir hatten Pandemie­- und Notfallpläne, aber die wurden ohne praktische Erfahrung gemacht. Man konnte nicht alles vorhersehen, was uns jetzt Pro­bleme macht, denn eine so umfassende Krise gab es bisher noch nicht. Selbst die Sturmflut 1962 ist nicht vergleichbar. Das war ein räumlich und zeitlich sehr begrenztes Ereignis. Im Vergleich dazu haben wir heute mehrere Krisen gleich­zeitig: in der Wirtschaft, in der Kultur, im Bildungssystem.

Das gesamte öffentliche und private Leben ist betroffen. Dazu kommt, dass es sich um eine in­ternationale Krise handelt. Der Bedarf an Medizinprodukten und Schutzklei­dung ist weltweit sprunghaft angestiegen und die gewohnten Lieferketten sind unterbrochen. Das ist derzeit eines unserer größten praktischen Probleme. In Zukunft müssen wir dafür sorgen, dass wir kritische Produkte auf Vorrat haben und eine Produktion im eigenen Land möglich ist.

Was fehlt denn akut am meisten?

Derzeit sind es vor allem medizini­sche Schutzmasken, die in den Kran­kenhäusern und Pflegeeinrichtungen gebraucht werden. Wir versuchen auf verschiedenen Wegen, größere Bestände zu beschaffen, bei Herstellern in Deutschland sowie international. Auch der Bund hat zugesagt, die Länder dabei zu unterstützen.

Wenn es denn soweit ist, dass diese Krise als überstanden gilt: Worauf freuen Sie sich für diese Zeit am meisten?

Darauf, dass wir uns wieder frei be­wegen und begegnen können. Die Le­bensqualität in Hamburg besteht gerade in der Vielfalt der Begegnungen, in den Restaurants, Cafés und Clubs, in Thea­tern und Kinos, auf den vielen Veranstaltungen, die bei uns normalerweise jeden Tag stattfinden.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.