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Meet the Resident – ATAVEM

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: ATAVEM von Front Left Records – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman

SZENE HAMBURG : Wie würdest du deinen Sound beschreiben? 
Viel Ambient und experimentelle Musik. Das Ganze paare ich mit schnellen Rhythmen und hypnotischen Sphären. Das Wichtige für mich ist es, musikalische Grenzen zu überschreiten. 

Wie war es für dich wieder im Club zu spielen?
Das war am 7. Geburtstag des PAL. Ein sehr tolles Gefühl die Leute langsam in die Nacht zu begleiten und zu sehen wie sich der Club füllt.

Was sind für dich Hamburgs Stärken?
Sehr viele nette und herzliche Menschen, tolle Bars und einige schöne Clubs wie PAL, Pudel oder Südpol.

… und die Schwächen?

Schlechtes Wetter und teilweise schlimmer Sound der immer schneller und härter wird.

Auf wen sollte man momentan ein Auge haben? 

Piano Riffs, Lenard Klein, Space Drum Meditation und Stute für high quality Produktionen. Außerhalb von Hamburg: Assumption, Bidoben und Ikari.

Platte des Monats?
Arthur Robert – Metamorphosis Part 1 (Fav. Track: Mastermind).

Nachtleben Tipp im Juli?

Am 23.7. spielt FJAAK im PAL – hingehen! Und natürlich die Kinky Sundays.

Hört hier ein aktuelles Set von ATAVEM:

Instagram ATAVEM | Instagram hamburg elektronisch


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Habitat Festival: 36 Stunden Rave

Im Juli bekommt Hamburg mit dem Habitat ein neues Technofestival. Das Habitat zieht vom Flugplatz Hungriger Wolf nahe Itzehoe auf das MS Dockville-Gelände in Wilhelmsburg. Crewmitglieder Klara Thiele und Arne Empen berichten vom Umzug, neuen Perspektiven und einem ganz besonderen Line-up

Interview: Ole Masch

SZENE HAMBURG: Klara und Arne, warum findet das Habitat Festival nicht mehr in Hohenlockstedt statt?

Klara: Der Flugplatz, welcher uns jahrelang eine Basis geboten hat, darf aufgrund behördlicher Anordnungen leider nicht mehr genutzt werden. Die Feldlerche – ein Vogel, der unter Naturschutz steht – brütet dort.

Wie kam es zum Umzug nach Hamburg?

Klara: Es war klar, dass wir nicht weiterhin in Hohenlockstedt unsere Zelte aufschlagen konnten. Wir haben alle Möglichkeiten abgewogen und uns für den Umzug nach Hamburg entschieden – das Gelände war uns bereits bekannt. Wir finden unseren neuen Heimathafen also in Wilhelmsburg auf dem Gelände des MS Artville. Dieser Ort ist so charmant, weil er sich mitten auf der Hamburger Insel umgeben von einem Potpourri aus Hafenindustrie und massig Grün befindet. Der Umzug bietet uns die Chance, neue Perspektiven einzunehmen und uns weiterzuentwickeln, sodass wir ein anderes, aber mindestens gewohnt zauberhaftes Habitat Festival feiern können.

Welche Perspektiven sind das?

Arne: Der neue Standort ist für unsere Besucher:innen deutlich leichter erreichbar und besser an den Nahverkehr angebunden. Für manche Hamburger:innen war der Weg nach Hohenlockstedt vielleicht zu weit; jetzt reicht ein Sprung über die Elbe. Hier besteht eine diversere Infrastruktur sowie das Wissen, dass wir diese nutzen können. Das Habitat ist mit acht Bühnen und etwa 60 Acts zudem auch das größte Technofestival der Stadt.

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Bringen mit dem Habitat Festival Techno von Schleswig-Holstein nach Hamburg: Arne Empen (l.) und Klara Thiele (r.) (Fotos: Jo-Hendrik Hamann & Annika Nebe)

„Einem langen und lauten Habitat steht nichts im Weg“

Ihr sprecht beim Umzug von einem Balanceakt, der mit Anpassungen des Konzeptes einhergeht …

Arne: Genau – wir feiern in diesem Jahr zwei statt vier Tage. Dafür aber durchgängig! Zum Ausgleich dürfen Menschen, die Tickets aus 2020 behalten haben, eine Person umsonst mitnehmen.

Klara: Das Gelände ist konzeptuell natürlich auch wichtig. Den „Techno-bunker“ aka den Hangar-Floor wird es beispielsweise nicht mehr in Wilhelmsburg geben – dafür aber lauter neue, spannende Floors und Ecken. Wir haben keine Zweifel, dass auch hier ein einzigartiges Gemeinschaftsgefühl auf den neuen Flächen entsteht.

Gibt es Einschränkungen wegen der Lautstärke?

Arne: Festivals in der Nähe von Wohnorten müssen sich immer mit Lautstärke-Begrenzungen auseinandersetzen. Auch das ist eine Frage der Genehmigung. In Bezug auf dieses Thema haben wir mit dem Standort in Wilhelmsburg sehr ähnliche Voraussetzungen wie in Itzehoe. Das ist für Besucher:innen sowieso kaum spürbar. Einem langen und lauten Habitat steht nichts im Weg.

Der Startschuss für die Wilhelmsburger Festivalsaison

Wie wird das Gelände gestaltet?

Klara: Das Habitat Festival ist in diesem Jahr die erste Veranstaltung auf dem Wilhelmsburger Gelände und somit quasi der Startschuss für die Wilhelmsburger Festivalsaison! Obwohl auch andere Veranstaltungen dort stattfinden, wird das Habitat einen eigenen Look bekommen. Die einzelnen Bereiche des Geländes werden besonders gestaltet, sodass eine ganz eigene Idylle entsteht. Zu viel möchten wir noch nicht verraten, aber es wird keinesfalls genauso wie beim MS Dockville aussehen. Auch programmatisch nutzen wir einige Floors deutlich anders als zum MS Dockville.

„Die einzelnen Bereiche des Geländes werden besonders gestaltet, sodass eine ganz eigene Idylle entsteht.“

Klara Thiele

Welche Floors und Bühnen gibt es?

Arne: Von den acht Floors widmen wir sechs allen Facetten der elektronischen Musik von Techno über House bis hin zu Drum & Bass. Wir sind auf Ellen Allien und Gerd Janson gespannt, welche beide die Szene schon seit vielen Jahren prägen: Ellen Allien als Vorreiterin für weibliche DJs und Gerd Janson, der durch seine sorgfältige Trackselektion gerne als „the DJs DJ“ bezeichnet wird. Zwischen beiden spielt Patrick Mason, der bereits im PAL begeistert hat. Dann gibt es noch zwei Floors für Bands und Live-Acts. Auf einer Bühne davon wird Rap & HipHop performt.

Hier freuen wir uns schon sehr auf Goldy MP3 & Young Meyerlack. Last, but not least läuft auf der achten Bühne Konzertprogramm. Hier spielen unter anderem Martin Kohlstedt und Shkoon. Also: ein vielfältiges und aufregendes Programm, das den Timetable mehr als ausfüllt – klassisch Habitat und doch perfekt für ein durchgängiges Festival und 36 Stunden Rave, Erlebnis und Alltagsflucht. Neben den vielen Floors gibt es noch weitere Bereiche zum Chillen, wo auch Themen wie Awareness und Psy-Care ihren Platz finden. Auf diesen Flächen werden wir auch Workshops anbieten.

Lokale Szene-Acts und größere, internationale Künstler:innen

Gibt es weitere Acts, auf die ihr euch besonders freut?

Klara: Ich freue mich auf die bunte Mischung aus lokalen Szene-Acts und größeren, auch internationalen Künstler:innen. Tama Modus & Maly sowie Patrick Mason sind nur zwei meiner Highlights.

Arne: Wir haben viele Bookings von spannenden Newcomer:innen im Angebot, die teilweise noch nie oder seit sehr langer Zeit nicht mehr in Hamburg aufgelegt haben, wie Shinedoe aus Amsterdam, die Vinyl-Liebhaberin Paquita Gordon aus Italien oder auch Cyan85 aus Leipzig. In unserem Team gibt es aber auch viele Fans von RSS Disco, die das Festival eröffnen oder von Héctor Oaks, der zum Closing Sonntagabend am Start ist. Auch viele lokale Acts sind sehr wichtig für das Festival, ebenso das Urwerk – den Floor kennt die hiesige Szene schon gut, würde ich sagen.

Sneak Peak auf das MS Artville?

Was wird es neben der Musik noch zu erleben geben?

Klara: Unser Gelände ist wirklich einmalig! Einer der schönsten Orte Hamburgs, wenn du mich fragst. Hier gibt es viele kleine Ecken zu entdecken. Es darf verweilt, gespielt und natürlich wild gefeiert werden. Jeden Floor umgibt ein ganz eigener Zauber. Außerdem erhaschen unsere Besucher:innen schon einen Blick auf die neue Kunst des MS Artville, bevor das Kunstfestival offiziell eröffnet.

Könnt ihr auf Regen reagieren?

Arne: Das Gelände bietet zwei Indoor-Floors und weitere überdachte Bereiche. Sollte Regen angesagt sein, sind gute Schuhe und eine schützende Jacke aber auf jeden Fall angebracht. Darauf weisen wir unsere Gäst:innen aber auch rechtzeitig hin. Wie heißt es so schön? Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung!

Kann man auf dem Gelände campen?

Klara: Aus genehmigungstechnischen Gründen darf in diesem Jahr leider nicht auf unserem Gelände gecampt werden. Auf Anfrage via Instagram-DM geben wir gern Tipps zu den nächsten Schlafmöglichkeiten heraus.

„Ein durchgängiges Festival und 36 Stunden Rave, Erlebnis und Alltagsflucht.“

Arne Empen

Ausblick und Vorfreude

Wird es zwischendurch Feierpausen geben?

Klara: Wir werden die Party Samstagmittag eröffnen und feiern dann nonstop bis Sonntag in die Nacht. Es gibt also zumindest keine angeordnete Feierpause, aber selbstverständlich schaffen wir Orte zum Ausruhen und Erholen.

Gibt es Tagestickets?

Klara: In unserem Ticketshop sind neben den Tickets, die von Samstag bis Sonntag gelten auch Tickets nur für den Sonntag erhältlich. Wenn wir vorab nicht ausverkauft sein werden, was aktuell schwierig vorherzusehen ist, wird es für Kurzentschlossene auch eine Abendkasse am Gelände geben, die in diesem Fall wohl eher Morgenkasse sein wird. Auf Instagram und unserer Homepage kommunizieren wir alle aktuellen Informationen.

Wollt ihr auch in den nächsten Jahren in Wilhelmsburg bleiben?

Arne: Im kommenden Jahr werden wir die Situation neu bewerten. Da die Feldlerche aber vermutlich nicht einfach so wieder verschwindet, haben wir uns erst einmal vom Hungrigen Wolf verabschiedet und freuen uns auch auf den neuen Ort. Mit Glück können wir hier 2023 dann auch wieder Camping anbieten und an mehr als zwei Tagen veranstalten. Auch das liegt nicht ganz in unseren Händen, sondern ist eine Frage der Genehmigung. Jetzt freuen wir uns aber erst mal auf dieses Jahr!

Habitat Festival, 16. bis 17. Juli 2022 ab 14 Uhr auf dem MS Dockville-Gelände am Reiherstieg Hauptdeich


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Off the Radar: „Hurra, wir leben noch“

Mit drei Tagesveranstaltungen nahe Bordesholm trotzte der Hamburger Kulturund Musikverein OFF THE RADAR noch im letzten Jahr der Pandemie. Crew-Mitglied Tante Kerosine erzählt, warum das Festival den schleswig-holsteinischen Hof Ovendorf nun verlässt, was Ende Mai auf der Stubnitz geplant ist und mit welchen Alternativen sich der Verein für die Zukunft aufstellt

Interview: Ole Masch

SZENE HAMBURG: Tante Kerosine, warum gibt es in diesem Jahr kein OFF THE RADAR-Festival in Negenharrie?

Tante Kerosine: Sehr kurz gesagt: Weil wir mit unseren früheren Geschäftspartner:innen an Grenzen gestoßen sind, die für uns rote Linien darstellten. Und umgekehrt. Die Pandemie hat uns als Privatpersonen und Verein extrem viel abverlangt. Wir sind der Meinung, dass das Einhalten der Hygienerichtlinien inklusive Masken, Testungen, Abstand in Kombination mit Impfungen der langfristig sichere Weg aus der ganzen Geschichte sind. Dazu stehen wir nach wie vor.

Ihr habt viel Arbeit in den Hof Ovendorf gesteckt. Was passiert jetzt mit dem Gelände?

Ehrlich gesagt: Das ist uns jetzt egal. Wir haben lange gekämpft und hätten viel gegeben, um weiter in Ovendorf sein zu können. Wir haben den Ort geliebt – nur annähernd ließ sich im Sommer 2019, als wir zuletzt da „richtig“ veranstaltet haben, erahnen, in was der Hof noch alles zu verwandeln gewesen wäre. Unsere Crew hat dort Geburtstage gefeiert und ein Paar sogar geheiratet – wir verbinden Ovendorf mit krassen, schönen, herzzerreißenden und heftigen Erinnerungen. Wir wollen nicht mehr aufrechnen, wie viel Arbeit wir da reingesteckt haben – so heranzugehen macht auf Dauer die Psyche komplett kaputt. Schwamm drüber, weiter geht’s.

„Die derzeitige Entwicklung mit Jupibar und Stubnitz ist natürlich höchst erfreulich!“

Tante Kerosine, Crew-Mitglied bei OFF THE RADAR

„Wir haben gerade krass viel neuen Schwung“

Wie geht es euch insgesamt nach zwei Jahren Pandemie?

Die Stimmung schwankt zwischen „Hurra, wir leben noch!“ und „Woah, jetzt reißen wir so richtig alles ab“. Um zu sagen, wie es uns jetzt geht, müsste man vielleicht einmal kurz sagen, wie es unmittelbar vor der Pandemie war: Wir waren 2020 ausverkauft und, so dachten wir zumindest, aus dem Gröbsten raus. Unsere angespannte finanzielle Situation dürfte über Jahre über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und belächelt worden sein. Aber dann kamen die Absage, unsere Startnextkampagne und 2021 unsere Entscheidung für drei Eintagesfestivals anstelle von einem großen. Das war natürlich keine rein freiwillige Entscheidung: Wir wollten unbedingt veranstalten und zum Genehmigungszeitpunkt war das die einzige Option.

Die letzten beiden Jahre haben schon extrem an unserer Substanz gezehrt. Andererseits haben wir gerade wieder krass viel neuen Schwung: Wir beschäftigen uns viel mit uns selbst, Awareness und wie wir miteinander sein und arbeiten wollen. Seit März machen wir monatlich einen Barabend in der Jupibar. Und schließlich wird es wohl doch noch so sein, dass wir zumindest ein kleineres Festival Ende des Sommers veranstalten werden.

Hamburg ist subkulturell ein eher abgegraster Landstrich

Ihr konntet eine alternative Fläche finden?

Ja, wie es derzeit aussieht, haben wir eine Fläche gefunden, die wir vielleicht auch für die nächsten Jahre bespielen können. Momentan arbeiten wir daran, dass wir schon Anfang September eine kleine OFF THE RADAR-Ausgabe in Bremen feiern können. Dazu wird es in den kommenden Tagen und Wochen immer mehr Infos geben, versprochen! Lange haben wir einfach nach einem 1:1 gleichen Gelände gesucht: ein Hof, mehr oder weniger im Speckgürtel von Hamburg. Ein Ort, an dem wir uns austoben und vielleicht auch bleibende Sachen schaffen können. Beziehungsweise da auch mal für eine Weile abtauchen können. Die Fläche, die wir jetzt in Aussicht haben, ist eine alte Industriebrache in Bremen – voraussichtlich fallen da einige Dinge weg, die wir früher immer hatten. Aber bisher fühlt sich alles dennoch sehr gut und sehr nachhaltig an. Wir haben Bock!

Gibt es in Hamburg keine geeigneten Flächen?

Es ist ja kein Geheimnis, dass Hamburg ein unsere Größe betreffend, sagen wir, subkulturell eher abgegraster Landstrich ist: Immer gibt es Nachbar:innen, die etwas gegen Lärm haben könnten, Lizenzen oder Genehmigungen, die entzogen werden könnten. Es gäbe Gelände, die sich eignen würden, so ist es ja nicht. Aber da braucht es dann auch immer den Mut und Willen von Anwohnenden, Behörden und anderen Mitspielenden. Oder das entsprechende „Kleingeld“. Wir haben das ein paar Mal versucht, aber haben immer wieder auf Granit gebissen – ehrlich gesagt, ist uns inzwischen unsere Energie dafür ein bisschen zu kostbar.

Nachtleben Mai 2022 klein credit Karin Kästner-klein
Von Hofdame zur Piratin: Tante Kerosine (Foto: Karin Kästner)

Im Mai: Zwei Tage OFF THE RADAR in Hamburg

Werdet ihr wieder auf der Fusion sein?

Klar, da sind wir auch dieses Jahr wieder: Seien wir ehrlich – eine Tube ohne uns ist eine absurde Vorstellung. Von allem anderen müssten sich geneigte Fusionist:innen selbst überzeugen. Ich sag mal so: In den letzten beiden Jahren haben wir vielleicht ein paar Dinge verlernt, unser Kerngeschäft aber noch lange nicht!

Was ist Ende Mai auf der MS Stubnitz geplant?

Am 27. und 28. Mai 2022 stechen wir vielleicht nicht in See, aber wir gehen dennoch aufs Schiff. Wir sind ja mit der Stubnitz-Crew alles in allem in hervorragender Wahlverwandtschaft und dementsprechend haben wir uns über die Maßen gefreut, als sie uns für den Weekender angefragt haben. An zwei Tagen OFF THE RADAR in Hamburg – mit fast allem, was da bisher auch immer so dazu gehörte: Apfelgarten-Techno, Punxstage-Matinee und Orbit-Schwelgerei, um nur ein paar Sachen zu nennen.

Ravi Kuma, Livez, Liiek, Pogendroblem und viele mehr

Gibt es einen Act, auf den du dich ganz besonders freust?

Ravi Kuma ist sicherlich ein Act, auf den ich mich mit am meisten freue – extrem frische Produktion, live ein Erlebnis der Extraklasse, feministisch, wild. Neulich hab ich das über sie gelesen: „Ein Liebeskind, gezeugt in einem verlassenen Container als Ergebnis einer Dreierbeziehung zwischen Peaches, M.I.A. und Vince Staples.“ Kann ich eigentlich nur genauso unterschreiben. Ansonsten sind Infinite Livez, Liiek und sicherlich Pogendroblem für die eher punkige Schiene zu nennen. Wem Techno lieber ist, sollte sich unter anderem bereit machen für Ey.Rah, Elliver und Sportbrigade Sparwasser – auch wenn ich selbst davon nicht so viel Ahnung habe – aber das halte ich für eine mehr als solide Partymischung. Dazu gesellen sich ein paar OTR-Allstars und noch mehr neue Freund:innen. Wir sind schon ganz aus dem Häuschen!

Gibt es eine Pause zwischen Freitag und Samstag?

Zwischendurch machen wir einmal kurz die Schotten dicht – heißt das so, ich lerne noch das Piratinnenvokabular –, um das Deck zu schrubben und die Gläser zu polieren. Dann geht es aber Samstagnachmittags mit voller Schubkraft wieder los. Es gibt Tickets für beide Tage, aber, na klar, auch für jeden Tag einzeln.

„Wir merken, dass wir sehr vermisst werden“

Wie sieht es mit eurer Fördermitgliedschaft aus?

Ich hatte ja schon gesagt, dass unser klammer Geldbeutel geradezu legendär und über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. Die Pandemie hat dazu natürlich noch mal einiges extra beigetragen, obwohl wir nicht wie gewohnt veranstalten konnten. Wir haben – wie viele Kolleg:innen auch – über alternative Wege, beziehungsweise letztlich auch eine, na ja, nachhaltigere Finanzierung nachgedacht. Die Fördermitgliedschaften waren zunächst also eine Idee, wie wir die OFF THE RADAR-Ultras, die es zweifellos gibt, enger an uns binden können, ohne andauernd um Kohle zu betteln. Es bedurfte dafür aber erst einmal einer Satzungsänderung, die derzeit dem Notariat vorliegt. Wenn die durch ist, haben wir dazu auch mehr Infos.

Werdet ihr in Zukunft vermehrt auf Partys in Hamburg setzen?

Die derzeitige Entwicklung mit Jupibar und Stubnitz ist natürlich höchst erfreulich! Wir merken schon auch, dass wir sehr vermisst werden. Das ist ein ziemlich schönes Gefühl. Und es ist vor allem auch ein gegenseitiges. Andererseits sind wir keine „One-Trick-Ponys“: Wir lieben und vermissen das Festivalorganisieren und –veranstalten extrem! Wir vermissen es, den Alltag für drei, vier Tage komplett auszuknipsen. Insofern wäre es schön, wenn wir zukünftig auf eine gesunde Mischkalkulation setzen könnten: Hier und da mal paar exquisite Partys in Hamburg und POW POW ein größeres OFF THE RADAR etwas außerhalb.

OFF THE RADAR On Tour, am 27. und 28. Mai 2022 ab 19 Uhr auf der MS Stubnitz


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10 Techno Clubs in Hamburg

Rein ins Getümmel der Hamburger Clublandschaft. Raven ist wieder ausdrücklich erlaubt. Hier kommen 10 Spots für alle Liebhaber:innen von Techno und elektronischer Musik:

Waagenbau

Die Sternbrücke in Hamburg ist so etwas wie das klubkulturelle Drehkreuz mitten in der Stadt! Euphorische Techno-Nächte warten hier vor allem im Waagenbau. Direkt unter der Eisenbahnbrücke finden sich zwei unterirdische Dancefloors. Oben rattern die Züge, unten tropft der Schweiß von der Decke. Von Electro bis Drum n Bass gibts hier die unterschiedlichsten Beats auf die Ohren. Am Wochenende ist Techno allerdings Gesetz. An den Decks sind dann lokale Newcomer aber auch internationale Szene-Größen.

Waagenbau: Max-Brauer-Allee 204, 22769 Hamburg

Golden Pudel Club

Kein Club genießt in Hamburg größeren Kult-Status als der Golden Pudel Club. Seit 1995 wird in dem ehemaligen Schmugglergefängnis am Antonipark die alternative Musikszene überregional geprägt. Nachdem der von Schorsch Kamerun ins Leben gerufene Club, 2016 fast komplett abgebrannt war, wurde er aufwendig wieder aufgebaut und weiterentwickelt. Schon lange gehört der Pudel zu den bekanntesten Clubs Deutschlands. Underground-Kultur wird hier nicht nur in Form von Techno gelebt. In der Nacht zeigt sich elektronische Musik hier in all ihren Facetten. Nirgendwo lässt sich subkulturelle Entwicklung so gut beobachten wie hier.

Golden Pudel Club: St. Pauli Fischmarkt 27, 20359 Hamburg

PAL

Mittlerweile hat sich das PAL zu einer echten Techno-Institution entwickelt. Gut versteckt ist der Club in einem alten Backsteingebäude direkt an den Messehallen und quasi neben dem Fernsehturm gelegen. Getanzt wird hier in alter Techno-Tradition von Freitagnacht bis Sonntagabend. Um das Publikum im Gleichgewicht zu halten, wartet man gerne mal über Stunden in der Schlange, bis Türsteher und Selekteur entscheiden, ob es passt oder nicht. Aber das Anstehen kann sich lohnen, denn im PAL legen regelmäßig international gefeierte DJs auf und beschallen die zwei Floors mit feinsten Bässen. Besonders beliebt ist die queere Partyreihe „Kinky Sundays“, bei der auch ein Darkroom geöffnet ist.

PAL: Karolinenstraße 45, 20357 Hamburg

Südpol

Auf dem ehemaligen Betriebshof der Hamburger Wasserwerke in der Süderstraße holt der Südpol seit knapp acht Jahren den Techno nach Hammerbrook. Getanzt wird hier unabhängig von Zeit und Raum gerne mal vier Tage am Stück. Direkt am Bille-Kanal erstreckt sich ein großes Gelände mit Outdoor-Bereich und zwei Dancefloors. Gefeiert wird hier nach dem Motto Freiheit, Spaß und Respekt. Betrieben wird der Club im Kollektiv vom Träger „Kulturelles Neuland“. Neben Techno-Kultur gibt es zum Beispiel auch Kunsträume, Diskussionsabende, Tonstudios, Werkstätten und Ateliers. Besonders queere Clubkultur hat hier ein festes Zuhause gefunden.

Südpol: Süderstraße 112, 20537 Hamburg

Uebel & Gefährlich

Legendäre Techno-Nächte kann man in dem ehemaligen Schutzbunker an der Feldstraße erleben. Regelmäßig finden hier Technopartys wie „Oben Unten Alles“ statt. Schon im ikonischen Fahrstuhl geht es dann in einzelnen Gruppen zu elektronischer Musik hoch in den Club über den Dächern Hamburgs. Getanzt wird im schummrigen Uebel & Gefährlich bis in die frühen Morgenstunden. Gefeiert wird aber auch eine Etage höher im Ballsaal oder im Turmzimmer des Bunkers. Bei den Bunker-Raves treten immer wieder mal renommierte DJs wie Ben Clock oder Kollektiv Turmstraße auf. Auch hier lohnt sich das lange Warten in der Schlange.

Uebel & Gefährlich: Feldstraße 66, 20359 Hamburg

Fundbureau

Das Fundburau gehört definitiv zu den beliebtesten Clubs Hamburgs, wenn es um elektronische Musik geht. Zusammen mit der Astra Stube und dem Waagenbau bildet das Funbureau das Party-Delta an der Sternbrücke. Seit 1998 werden hier schon ekstasische Nächte in dem ehemaligen Fundbüro verbracht. Der Club steht für Partys und Konzerte elektronischer Musik aller Art. Auch wenn das Fundbeaurau sich im Laufe der Zeit immer wieder erneuert und professionalisiert hat, ist es seinem unkonventionellen familiärem Anspruch treu geblieben. Gerade deshalb wird viel Wert auf ein vielfältiges Programm gesetzt.

Fundbureau: Stresemannstraße 114, 22769 Hamburg

Bahnhof Pauli

Im Basement des Clubhaus St.Pauli feiert man wie in einem stillgelegten U-Bahn Schacht. Große Abluftschächte und Ventilatoren treffen auf moderne Laser und CO2-Kanonen und reichlich Moving-Heads. Von diesem Bruch lebt der Club und seine wechselnden Party-Reihen elektronischer Musik. An der Haltestelle des Bahnhof Pauli steigt man ein in wilde Nächte und kann selbst entschieden, wann es wieder tag werden soll. Bis zu 400 Gästen feiern hier ausgelassen, ohne das auch nur ein Mucks an die Oberfläche dringt. Gerade legen Gleisarbeiten das Programm auf Eis. Ab September geht der Club mit dem Electronic Red Light Festival wieder regulär an den Start.

Bahnhof Pauli: Spielbudenpl. 21-22, 20359 Hamburg

Gängeviertel & Rote Flora

In Hamburg trifft Techno traditionell auch auf Gegenkultur und alternatives Leben. Techno-Partys werden im Gängeviertel oder der Roten Flora meistens von Initiativen, Kollektiven oder politischen Gruppen veranstaltet. Feiern wird hier mit Aktivismus verbunden. Auf allen Veranstaltungen gibt es eine klare Absage an Sexismus, Homophobie und Rassismus. Fernab von kommerzieller Ausrichtung können hier legendäre Partys und Raves erlebt werden. Wer übrigens glaubt, dass sich hier keinen guten Soundsysteme finden, hat weit gefehlt!

Gängeviertel: Valentinskamp 34A, 20355 Hamburg // Rote Flora: Schulterblatt 71, 20357 Hamburg

Hafenklang

Neben wilden Konzertabenden ist das Hafenklang vor allem für seine Drum and Bass Partyreihe Drumbule bekannt. In dem Live-Musik Club in direkter Nähe zum Fischmarkt treten aber immer wieder Mal Bands wie Egotronic oder Björn Peng, an der Schnittstelle von Techno, Elektro und Punk auf. Wer also zur Abwechslung mal das Stampfen durch Pogen ersetzen möchte, ist hier genau richtig. In regelmäßigen Abständen finden außerdem DJ-Abende statt, bei denen zum Beispiel Record-Release-Partys gefeiert werden oder der Laden von anderen Veranstaltern bespielt wird.

Hafenklang: Große Elbstraße 84, 22767 Hamburg

Edelfettwerk

Das Edelfettwerk ist ursprünglich eine historische Fabrik für Edelfette gewesen. Nachdem die Produktion Ende des 19 Jahrhunderts eingestellt wurde, hat man die Fabrikanlage in einen modernen Club mit Industriecharme umgewandelt. Hier kommen mittlerweile alle Techno-Fans auf ihre kosten, die kein Problem damit haben, wenn das gesamte Setting etwas schicker und kommerzieller ausfällt. Auf die Besucher warten verschiedene Club- und Loungebereiche und auf 400 Quadratmeter haben bis zu 4000 Feiernde Platz. Musikalisch bewegt sich der Sound häufig zwischen Electro, House und Drum’n’Bass.

Edelfettwerk: Schnackenburgallee 202, 22525 Hamburg


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Tech-House-Duo: Küsten-Patriotismus

Mit groovigem, tanzbarem Sound von lokaler Szene-Größe zum international gebuchten Club-Act. Roman Adam und Jörg Wittekindt gehörten mit Kuestenklatsch seit Jahren zum Nachtleben. Warum sie jetzt ihren Namen ändern, über ihr Künstlerdasein in Pandemiezeiten und aktuelle musikalische Projekte, erzählen sie im Interview

Inteview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Jörg und Roman, Kuestenklatsch ist Geschichte. Wieso ändert ihr euren Namen?

Jörg Wittekindt: Wir haben am 6. August alles auf The Coast umgestellt. Hauptsächlich, um noch mehr für den internationalen Markt gerüstet zu sein und das ganze Projekt auf eine erwachsene Ebene zu heben. Damals hätte niemand ahnen können, dass wir circa acht Jahre später fast 200 Tracks released haben.

Roman Adam: Wichtig war uns etwas mit Hamburg Bezug und dass das Projekt einen maritimen Touch bekommt. In unserem Logo war sogar eine kleine „Hammaburg“ integriert. Das Ganze sollte diesen einen roten Faden besitzen. Ob bei unserem Label Fish & Chicks oder bei einigen Veranstaltungsformaten.

Habt ihr keine Sorge, euren Stand in der Szene zu verlieren?

Jörg: Ja klar, das schwingt natürlich mit. Aber wir sagen immer, dass wir uns als Menschen nicht verändern. Wir sind immer greifbar, nahbar und interagieren viel auf persönlicher Ebene. Daneben versuchen wir unsere Kanäle mit der Umstellung zu befüttern, sodass viele Menschen und Fans davon mitbekommen.

Roman: Social Media sind heutzutage schnell umgestellt. Bei musikalischen Plattformen sieht das etwas anders aus. Da fängt man wieder unten an. Aber das hat auch etwas Positives. Wir können auch musikalisch wieder neu gestalten.

 

Heimat

 

Was verbindet ihr mit der Küste?

Jörg: Ganz klar: Die Heimat! An der Küste sind wir geboren – Roman in Kiel und Jörg in Bremerhaven – und hier werden wir sicherlich den Rest unseres Lebens verbringen. Wir haben beide mal auf einem Kreuzfahrtschiff gearbeitet. Nur Wasser, grenzenloser Blick, Wind. Das alles ist für uns Lebensqualität und so was findet man nur an der Küste. Man kann uns gerne Küsten-Patriotismus vorwerfen.

Wie wird man vom Hamburger DJ-Duo zum international gebuchten Act?

Roman: Als wir begonnen haben, hatten wir von Tag eins an das Ziel, international erfolgreiche Musik zu machen. Der Traum war vom ersten Moment da. Das Produzieren, das Auflegen sowie das ganze Drumherum ist unser Beruf.

Jörg: Ein weiterer Meilenstein ist die richtige Wahl der Booking-Agentur. In unserem Fall ist es Vivid Artists aus Berlin, zu denen zum Beispiel Format:B gehören. Und was man absolut nicht verkennen darf, ist das eigene Netzwerk. Manchmal ergeben sich einfach Dinge durch Kontakte.

 

Das gute alte Kurhotel

 

In welchen Hamburger Clubs finden sich eure Wurzeln?

Jörg: Unser erstes wirkliches Booking hatten wir im guten alten Kurhotel. Das war ein komisches Gefühl auf einmal die Seiten zu wechseln: Vom Gast zum DJ. Die meisten Nächte jedoch haben wir definitiv im Waagenbau verbracht.

Ihr tretet als Duo auf. Gibt es eine bestimmte Rollenverteilung?

Roman: Wir stehen zumindest immer gleich. Jörg links, ich rechts. Witzigerweise auch wenn wir mal nicht auflegen, sondern irgendwo spazieren gehen. Das ist schon so drin im Kopf.

Jörg: Roman spielt immer den ersten Track. Das ist vielleicht sogar ein kleiner Aberglaube geworden. Während er sich federführend um die Produktionen und das Mastering kümmert, führe ich das Label, befüttere Social-Media-Kanäle, schaffe Content und kümmere mich um die Kommunikation. Manchmal machen wir aber beide alles, sitzen gemeinsam im Studio. Was ganz wichtig ist: Nichts passiert ohne das Einverständnis des anderen.

 

Solo geht auch

 

Seid ihr auch solo unterwegs?

Roman: Ab und zu. Aber The Coast gibt es nur im Doppelpack. Jörg ist schon über 20 Jahre als DJ unterwegs, kommt ursprünglich aus dem HipHop. Manchmal findet man ihn noch auf Gigs in diesem Genre. Noch mehr aber hinter den Kulissen als Booker.

Jörg: Roman hat seit Kurzem ein Techno-Projekt als Roman Adam und tobt sich hier ein bisschen aus. Letzter Release war auf Oliver Huntemanns Senso Label.

 

Die Pandemie

 

Wie seid ihr als Künstler durch die Pandemie gekommen?

Jörg: Wir haben uns 24/7 in Studio eingeschlossen. Das Jahr 2020 mit unglaublichen 62 releasten Tracks abgeschlossen. Und dann haben wir viele Streams gespielt, auch einen eigenen betrieben.

Roman: Wir müssen ehrlich sagen, wir haben versucht jeden Tag genauso zu arbeiten, als wenn es keine Pandemie wäre. Wir wollten immer auf den Tag X vorbereitet sein, an dem es wieder losgeht.

Konntet ihr Hilfen in Anspruch nehmen?

Roman: Ja und damit haben wir uns auch lange beschäftigt. Es gab für Künstler schon einige gute Sachen. Zum Beispiel einen finanziellen Rettungsschirm der GEMA, den du als Mitglied in Anspruch nehmen konntest.

Jörg: Man konnte sich auf diverse Fördertöpfe bewerben, wie zum Beispiel die Initiative Musik. Und natürlich muss man lobend die Stadt Hamburg erwähnen. RockCity ist ebenfalls eine tolle Sache.

 

Neue Gigs

 

Habt ihr die vorsichtigen Öffnungen bereits zum Auflegen nutzen können?

Roman: Ja, obwohl es immer wieder eine kleine Wundertüte war. Findet es nun statt, findet es nicht statt? Aber wir durften mal wieder auf dem Ferdinands Feld Festival spielen oder auf dem Teufelsberg in Berlin. Das waren beeindruckende Momente. Endlich wieder Menschen auf der Tanzfläche, endlich wieder Feedback und Resonanz. Unbezahlbar und das, was man am meisten vermisst hat.

Und was ist noch in diesem Jahr geplant?

Jörg: Wir haben diverse Anfragen aus dem Ausland, denn da sieht die Situation in einigen Ländern etwas anders aus. Wir werden dieses Jahr auf jeden Fall noch mal in Kroatien und in London sein. Hamburg steht noch nicht auf der Agenda, da müssen wir und die Veranstalter leider weiterhin von Woche zu Woche denken.

 

Wunsch an die Politik

 

Welche Maßnahmen wünscht ihr euch von der Politik in Hinblick auf zukünftige Veranstaltungen?

Jörg: Da können wir mittlerweile ein ganzes Buch drüber schreiben. Auf jeden Fall eine bundeseinheitliche Regelung. Wir leben in Hamburg und sind von zwei Bundesländern eingerahmt, in denen verschiedene Gesetzgebungen gelten.

Roman: Gezielte und konkrete Förderungen für Veranstaltungen mit verminderten Kapazitäten, um Verluste auszugleichen. Gleichstellung zwischen den kulturellen Veranstaltungen: Warum können zu einem Fussballspiel Tausende von Menschen in ein Stadion, während zu einem Konzert nur begrenzt Menschen dürfen?

Jörg: Bezogen auf die Clubszene ist es schon lange weit nach zwölf. Ehrliche Strategien und Ausblicke zu Öffnungen sind absolut nicht vorhanden. Momentan hängt jeder in der Luft. Clubbesitzer, Künstler, Zulieferer haben keine wirkliche Planungsgrundlage. Wir wünschen uns daher mehr Flächen zur kulturellen Nutzung im Stadtbereich. Die meisten gehen leider gerade an Investoren. Ein gutes Beispiel ist da die Holsten Brauerei. Leider ein reines Spekulationsobjekt. Aber der Sommer hat gezeigt, dass wir noch da sind und das gibt uns Hoffnung. Denn dann gibt’s weiterhin viele großartige Abende mit The Coast.

instagram.com/the_coast_music/

Die Reise von Kuestenklatsch zu The Coast als Video:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2021. Das Magazin ist seit dem 28. August 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Richard von der Schulenburg: Über Orgelmusik

Richard von der Schulenburg ist als RVDS als Techno und House-DJ unterwegs – beherrscht aber auch die Orgel sehr gut und spielt im Rahmen des Kultursommers Hamburg ein Konzert mit dem besonderen Instrument

Text & Interview: Kevin Goonewardena

 

Vor mehr als zwanzig Jahren begann die Karriere des Musikers Richard von der Schulenburg in Hamburg an der Orgel – in der legendären Meanie Bar des alten Molotow spielte sich von der Schulenburg von ABBA bis Zappa je einen Abend durch das Werk bekannter Künstler:innen, deren Texte er vorher ins Deutsche übersetzt hatte.

Mittlerweile als DJ und House Music-Produzent RVDS, Mitglied der Jazz-Band 44HZ Trio von Jacques Palminger, Theatermusiker und sogar sein eigener italienischer Zwillingsbruder Riccardi Schola als Italo Disco-Musiker umtriebig unterwegs, kehrte Richard für einen Abend an die Orgel zurück. Auf dem Vorplatz der Hauptkirche St. Katharinen zeigte er am Abend des 19. Juli einmal mehr, dass er nicht nur ein versierter Musiker, sondern vor allem auch veritabler Entertainer Ist. Ein Gespräch über Orgelmusik.

 

SZENE HAMBURG: Richard, die Orgel taucht immer wieder in deiner Karriere auf. Deine erste Veröffentlichung überhaupt (Top Banana Richard – „Die Meanie Bar Orgel 7”) versammelt Orgel-Versionen bekannter Popsongs, auch die Musik der Hamburger Schule-Band Die Sterne, bei der du fast zehn Jahre aktiv warst, zeichnete den Einsatz dieses Instruments aus. Erinnerst du dich noch an deine erste Berührung mit der Orgel?

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Foto: Jérome Gerull

Richard von der Schulenburg: Mein Onkel hatte damals in den 1970er Jahren eine Heimorgel bei sich zu Hause rumstehen, zu der Zeit war das gar nicht so ungewöhnlich, viele Familien besaßen damals ein solches Instrument. Diese Heimorgel hatte einen Begleitcomputer, das heißt der Rhythmus war vorgegeben, dazu hat man dann improvisiert – das fand ich als kleines Kind natürlich sofort total super.

Hast du das Orgelspiel dann im Anschluss richtig erlernt?

Nein, nur Klavier. In einem konservativen Elternhaus hat man Klavier, Geige oder Cello gelernt.

1995 bist du aus dem Raum Bielefeld nach Hamburg gezogen, hast zuerst in Bands wie Top Banana Trio und Soup de Nüll gespielt, ab Ende der Neunziger dann Solo Musik gemacht und begonnen in der damals noch existierenden Meanie Bar im Molotow die schon angesprochenen Themenabende mit Coversongs an der Orgel zu organisieren. Wie kam es dazu?

In der Meanie Bar gab es damals eine Orgel und als ich die damalige Besitzerin fragte, ob ich auf der mal spielen könne, hat sie gesagt, ich solle doch ein Konzert mit der Orgel geben. Das habe ich dann auch gemacht, der Orgel ein Lied gewidmet und so kam dann eins zum anderen. Man muss dazu aber auch sagen, dass das Instrument damals noch viel präsenter bei den Leuten war. Die Siebziger waren noch nicht lange her, viele kannten die Heimorgeln von Zuhause. Es existierten mehr funktionstüchtige Orgeln. Ich erinnere mich auch an einen mittlerweile legendären Orgelwettbewerb in Hamburg.

Erzähl …

Das war 1999 und ich glaube, da haben auch alle gespielt, die man so kennt. Felix Kubin, Carsten (Erobique, Anm. d. Red.) Meyer, Viktor Marek …

Viktor Marek hat glaube ich den ersten Platz gemacht, ich wurde disqualifiziert weil ich mit der Nase gespielt habe. Es gab richtige Hürden, man musste ein Stück covern, ein Stück präsentieren und man hatte ein Pflichtstück, weclhes man spielen musste. Nixe von den Mobylettes hat das moderiert.

 

„Die Orgel ist eine Art analoger Synthesizer“

 

Was fasziniert dich an der Orgel?

Ich verstehe die Orgel als eine Art analogen Synthesizer. Die Pfeifen und die Register, die es bei der Orgel gibt, waren natürlich etwas total Neues und Spannendes. Etwas, das es beim Klavier nicht gibt, im Gegensatz zu den Tasten. Der Klang wird durch den Luftstrom, den der Organist durch die Pfeifen ziehen lässt, erzeugt. Das fasziniert viele Leute, wie etwa Phillip Sollmann (alias DJ & Produzent Efdemin, Anm. d. Red.), der zusammen mit Konrad Sprenger ein eigenes Orgelsystem entwickelt hat: Das Modular Organ System.

Du spielst sowohl Orgel, als auch Synthesizer. Wann greifst du zumm einen, wann zum anderen?

Das Instrument, das ich benutze, spielt für mich keine große Rolle. Genauso wenig wie das Musikgenre, das ich damit produziere. Es geht immer um das, was in mir drinnen ist, was ich sagen möchte, was raus soll. Was dann auf welche Weise entsteht ist das Richtige, wenn es sich gut anfühlt.

Was wirst du heute beim Konzert auf dem Vorplatz der Hauptkirche St. Katharinen spielen?

Ein paar Stücke meines Albums Moods&Dances und ich werde ein wenig improvisieren. Dafür habe ich ein paar Geräte dabei, die ich sonst nicht oder nur selten mithabe. Zum Beispiel eine Wersimatic-Orgel aus den 1970ern, also aus der Blütezeit der Heimorgel und ein paar andere. Das neueste Gerät ist übrigens eines des Herstellers Casio von 1983. 

Musstest du viel arrangieren und wie hast du dich vorbereitet?

Erst einmal musste ich mich darauf vorbereiten überhaupt wieder ein Konzert zu geben, ganz unabhängig von der Pandemie-bedingten Pause. Das ich als Bandmitglied oder Solo-Musiker in einem Konzertrahmen auf der Bühne stand, ist ja schon ewig her, ansonsten spiele ich live nur Techno. Durch das letzte Album und die Pandemie ist die Möglichkeit wieder ein bisschen entstanden, ein Indie-Konzert zu geben. 

Ich bereite mich auf jedes Konzert einzeln vor, probe die Stücke mit Original-Instrumenten. Wenn das nicht geht, verwende ich Playback-Aufnahmen. Die werden heute auch bei zwei Stücken zum Einsatz kommen, da mir die entsprechende Orgel kaputt gegangen ist. Das werde ich vorab auch kommunizieren. Und dann gibt es Sachen, die ich komplett frei auf der Bühne improvisiere.

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Richard von der Schulenburg beim Konzert auf dem Vorplatz der Hauptkirche St. Katharinen am 19. Juli 2021 (Foto: Jérome Gerull)

 

Richard von der Schulenburg ist im Rahmen des Kultursommer Hamburgs noch mehrmals auf der Bühne in der Hansestadt zu sehen. Zum Beispiel als Teil des Duos Cosmic Cars am 24. Juli 2021 beim Auftakt zur Pudel Open Air-Reihe „Pudel Garden Live“ oder im Rahmen von „Hans Resonanz: Decoder Ensemble“, als RVDS in der Hanseatischen Materialverwaltung am 13. August 2021.


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Meet the Resident – Usus

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Usus von Step2 und WobWob  – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman

 

SZENE HAMBURG: Wie würdest du deinen Sound beschreiben?

UK Bassmusik: Wilde Mischung aus Garage, Jungle, Breaks, Dub(step), Halftime und am liebsten alles dazwischen.

Wann ist deine Lieblingsplaytime?

Die Abenddämmerung im Freien und sonst zwischen 2 und 5 Uhr.

Wann war dein letzter Gig vor Live-Publikum?

WobWob im Januar 2020.

Was war dein größter Moment als DJ?

Am schönsten waren immer spontane B2B-Sessions mit holprigen Übergängen am Ende der Nacht im Goldenen Salon (Hafenklang). Und natürlich der Fakt dieses Jahr mein erstes Vinyl Release in den Händen halten zu können!

 

Was ist für dich die Platte des Monats?

Proc Fiskal – Lothian Buses

Hast du einen Wochenend-Tipp im Club-Lockdown?

Lecker kochen, Musik machen oder anderweitig kreativ werden. Zum Beispiel mit Freunden ein eigenes Hörspiel kreieren.

 

Ein aktuelles Set von Usus hört ihr hier:

https://soundcloud.com/hamburg-elektronisch/podcast-45-usus


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2021. Das Magazin ist seit dem 29. April 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Meet the Resident – Xenaia

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Xenaia von female:pressure – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman 

 

SZENE HAMBURG: Wie würdest du dein Sound beschreiben?

Meinen Sound würde ich mittlerweile als technoid, hypnotisch beschreiben. Ich arbeite mit repetitiven Elementen und baue gerne alte Klassiker in meine Sets ein. Grundsätzlich finde ich es aber schwierig in Schubladen zu denken und halte es mir offen, während eines Sets im Club anders zu reagieren, als ich es vielleicht geplant hatte.

Wann ist deine Lieblingsplaytime?

Main-Time und Closing.

Wann war dein letzter Gig vor Live-Publikum?

8. März 2020, im Rahmen des Weltfrauentages im Bahnwärter Thiel (München) mit Elliver und Nadine von Qualitytime Booking in Berlin. Die Veranstaltung bestand aus einer Podiumsdiskussion zum Thema Awareness Strukturen in Deutschland und einer Nacht mit viel guter Musik.

Was ist für dich der (DJ-) Stream des Monats?

Das kommt ganz auf die Stimmung an. Aber an dieser Stelle empfehle ich mal meine Freunde von der Bladehouse Crew die jetzt ihre zweite Platte rausgebracht haben und einen stabil groovigen Output an Podcasts haben. Außerdem erwähnenswert ist das Label „ohne kommerziellen Wert“. In der Lockdown Zeit habe ich wohl aber am meisten Sets von Jan Kinsey gehört.

Welche ist deine Platte des Monats?

Ich höre momentan viele Musikrichtungen. Corona made me do it! Aber mein absoluter uplifiting Track ist: „Bonobo & Totally Enormous Extinct Dinosaurs – Heartbreak (Kerri Chandler Remix)“

Was war dein größter Moment als DJ?

Schwierig zu sagen, da ich so ungern vergleiche. Es war mir eine Ehre 2014 nach Sven Väth den Club übernehmen zu dürfen. Selten so viel Aufregung vor einem Gig gehabt. Außerdem spiele ich immer wieder gerne im Südpol und hänge dort sehr an unserer Crew.

Hast du einen Wochenend-Tipp im Club-Lockdown?

Hamburg hat schöne Ecken die man mal erkunden sollte. Außerdem Projekte anfangen, die liegen geblieben sind: Musik machen, sortieren, entdecken und in Rave-Erinnerungen schwelgen, um die Zeit bis zum nächsten Club Besuch zu überbrücken.
 

Ein aktuelles Set von Xenaia hört ihr hier:

 


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Meet the Resident – Crew Ombrelle

Jeden Monat stellt SZENE HAMBURG Residents vor, diesmal: Crew Ombrelle – präsentiert von hamburg elektronisch

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman 

 

SZENE HAMBURG: Wie beschreibt ihr euren Sound?

Elektronische Viervierteltakte bei 124 bpm, die Euphorie lostreten. Genregrenzen durchbrechen – von flauschigen Klängen bis technoider Abfahrt. Raum zum Freisein.

 Was war die bisher schrecklichste Gastfrage, die ihr erlebt habt?

„Spielt mal was von Fettes Brot! Oder habt ihr auch ‚I will survive‘?“

Was war euer größter Moment als DJ?

Da gibt es zwei Momente, die uns immer noch flashen. Wir wurden nach einem spontanen Fusion-Set 2019 von Caterina Panesi aka Baud eingeladen, im Januar 2020 zwei Gigs in Italien zu spielen – in Livorno und Pisa. Die Einblicke in die italienische Feier- und Kulturszene und die Gastfreundschaft waren umwerfend.

Baud setzt sich dafür ein, die elektronische Subkultur in ihrer Region zu stärken und die Italiener/innen für die Arbeit von FLINT-DJs – lokal und international – zu sensibilisieren.

Ein weiterer Höhepunkt war das Habitat Festival 2019, bei dem wir mit unserem FLINT-Kollektiv Kosmos&Krawall in Form von DJ-Sets, Performances und einer Sekt-Bar mitgewirkt haben. Wir zwei haben bei steilen 32 Grad die Hauptbühne eröffnet. Das war der Shit!

 

Diversität

 

Welche ist eure Platte des Monats?

Die Save-The-Night-Compilation von unserem Kieler Herzensclub Luna. Die Bande hat zu ihrer Rettung ein Musiklabel gegründet und jede einzelne EP schockt. Lokale und international renommierte Acts solidarisieren sich und steuern Tracks bei.

Auf wen sollte man momentan ein Auge haben?

Auf alle Künstler/innen, für die es momentan besonders hart ist. Wir wünschen uns, dass nach der Krise alle wieder an die Decks kommen, die auch vor der Krise für musikalische Vielfalt und Individualität gesorgt haben, und zudem die Gender-Diversität in der Musikbranche nicht in den Hintergrund gerät. Wir brauchen mehr Bewegung in der Szene, mehr FLINT-DJs in den Line-ups und mehr Safe Spaces, um sich auszuprobieren!

Was sind Hamburgs Stärken?

Hamburgs Räume der elektronischen Subkultur, die auch politisch Stellung beziehen, wie zum Beispiel die Rote Flora, der Südpol oder das Gängeviertel, wo unser Kollektiv im Rahmen von female:pressure zusammengefunden hat und wo wir einen Proberaum nutzen können, den wir – wenn nicht gerade Kontaktbeschränkungen gelten – für FLINT-DJs öffnen.

 Und die Schwächen?

Die zunehmende Gentrifizierung und Baumaßnahmen (siehe Sternbrücke), die eine vielfältige Clublandschaft einschränken, wenn nicht sogar unmöglich machen. Lärmbeschwerden neuer Anwohner/innen machen es selbst eingesessenen Clubs schwer.

 

Ein aktuelles Set von Crew Ombrelle hört ihr hier: 

 


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Scooter: Hyper! Hyper! Wicked!

Manche lieben sie, manche nicht – ein Phänomen ist sie in jedem Fall: Die Techno-Band Scooter um Frontmann H.P. Baxxter.

Text: Marco Arellano Gomes
Foto: Philip Nurnberger

 

Wer an Scooter und den Frontmann H.P. Baxxter denkt, dem fallen unweigerlich die Worte „Hyper! Hyper!“ ein. Keine Ahnung, was das heißt. Keine Ahnung, was Scooter uns damit sagen wollten. Aber dieser Song stammt aus einer Zeit, in der die Welt noch nicht aus den Fugen geraten war. Damals, 1994, trafen sich viele Menschen einfach nur, um zu feiern. „Hyper! Hyper!“ drückte eine Euphorie des Augenblicks aus. Keiner wusste so genau, was es zu feiern gab, aber das war auch egal. Es war das Gefühl, dass alles irgendwie gut läuft, die Welt voller Möglichkeiten steckt.

Die Menschen kamen Woche für Woche in einem der vielen Tanztempel zusammen und zappelten sich, zu Elektrobeats, die vom Alltag strapazierten oder unterforderten Nervenbahnen frei. Auf diesen Trend setzte auch H.P. Baxxter, bürgerlich Hans Peter Geerdes. Entgegen der Bedeutung vom griechischen „hyper“, war damals wenig „übertrieben“, abgesehen vielleicht von eben jener Techno- und Ravebewegung, zu der Scooter zwar gehören wollten, von der H.P. Baxxter und seine Truppe aber eher belächelt wurden.

Die Discos jener Zeit entsprachen in gewisser Weise den heutigen Escape-Rooms, da sie die Möglichkeit boten, der Realität zu entfliehen. Nur dass es keine Rätsel zu lösen gab, bis auf dieses eine große Menschheitsrätsel: Was zur Hölle machen wir hier? In diesem Universum, auf diesem Planeten, diesem Kontinent, diesem Land, dieser Stadt, diesem Tanzklub? H.P. Baxxter hatte keine Antwort. Wenn überhaupt hatte er Fragen: „Is everybody on the floor?“, „How much is the fish?“, „The Question is: What is the Question?“ und: „Are you ready for the sound of Scooter?“ Die Welt war ready.

 

Über 30 Millionen verkaufte Tonträger

 

Seit 1993 konnte die Band national wie international über 30 Millionen Tonträger verkaufen. Die Bandmitglieder wechselten zwar alle paar Jahre, aber H.P. Baxxter blieb. Er und seine Band haben alle Rave-Kollegen und -kolleginnen überlebt. Scooter schrieben kontinuierlich Hits, während viele Raver ihre besten Zeiten hinter sich hatten. Scooter gehören inzwischen zu den erfolgreichsten deutschen Bands – und doch wird Scooter noch immer genauso belächelt wie gemocht.

Aber das trifft auf die Kirmes und den Autoscooter, von dem sich der Name der Band herleitete, nicht weniger zu. Sitzt man in einem drin, geht die wilde Fahrt los – und selten hat man so viel Spaß wie in jenen Momenten, in denen die Karosserien gegeneinander knallen und doch keine Versicherung konsultiert werden muss. Es geht einfach weiter, voller Adrenalin, voller Schwung, bis zum nächsten Knall.

Bei Scooter und Frontmann H.P. Baxxter verhält es sich ähnlich: Viele belächeln die Musik, bis man sie hört und sofort damit beginnt, mit den Füßen und Beinen, im Beat zu wippen, die Hände und Arme in der Luft umherschwirren zu lassen. Die Musik packt einen, sobald sie ertönt – egal wie simpel oder plump die einzelnen Zeilen zu sein scheinen, die H.P. Baxxter durch ein Megafon hinausbrüllt. Bei genauerer Betrachtung scheint es aber auch, als hätten Scooter eine eigene Sprache erfunden. Und das ist dann irgendwie auch ganz schön „wicked!“

 

Scooter ist ein Phänomen

 

Nichts zeigt die Ambivalenz in der Beurteilung dieser Band besser, als eine auf Youtube zu sehende Episode aus der „Tonight Show“. Moderator Jimmy Fallon stellt darin eine Reihe von Songs vor, die man nicht hören sollte und macht sich über den Bandnamen und das Cover von Scooter lustig. Das Publikum lacht vergnügt. Es wird der Song „How much is the fish?“ abgespielt, es kommt zur titelgebenden Zeile, das Publikum lacht jetzt noch lauter.

Dann geschieht das Unglaubliche: Die Musik läuft weiter, das Publikum fängt an, zum Beat zu Klatschen, das Studio wird abgedunkelt, Fallon lässt zwei lila leuchtende Stäbchen über seinen Schreibtisch schwirren – das Studio brüllt vor Begeisterung. Für wenige Sekunden eroberte Scooter die „Tonight Show“. Auch Jimmy Fallon merkt nun, dass er es mit einem Phänomen zu tun hat. Im kommenden Jahr, am 21. August 2021, gibt es dieses Phänomen wieder live in Hamburg-Bahrenfeld auf der Trabrennbahn zu erleben. Selbstverständlich: „FASTER, HARDER, SCOOTER!“


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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