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Weeeed! – Das Geschäft mit dem Gras

Seit letztem Jahr gibt es in Deutschland Cannabis auf Rezept. Die Nachfrage ist riesig, Tendenz steigend. Um den Bedarf decken zu können, will der Hamburger Hendrik Knopp den Stoff jetzt tonnenweise importieren. Und vielleicht auch bald selbst anbauen.

Hendrik Knopp nimmt einen tiefen Schluck von seinem Darjeeling-Tee und hebt den Zeigefinger: „Nee, mit Drogen hatte ich noch nie was am Hut.“ An diesem Tag ist der 46-Jährige direkt vom Flughafen zum Interview gekommen. Denn seit einigen Monaten hat er eine zweite Heimat: Kanada. Hier ist der Sitz seines Unternehmens Nuuvera, das im vergangenen Frühjahr ins Cannabis-Geschäft eingestiegen ist und nach dem Börsengang im Januar schon gleich vom Marktführer Aphria gekauft wurde. Nachdem Knopp zwei der zehn Gründer kennengelernt hatte, war er von „Die spinnen doch“ schnell zu „Großartige Chance“ gewechselt. Schließlich ist Cannabis in vielen Ländern der Welt für die Therapien von Krankheiten wie Parkinson, Epilepsie, HIV oder Multiple Sklerose längst erfolgreich im Einsatz. So stieg er damals schnell mit ins Boot und ist nun als Deutschland-Chef dafür zuständig, den Markt hier zu erobern.

„Der Bedarf wird explodieren“

Dass die Zeit reif dafür ist, zeigen die Zahlen: Ging man beim Start der medizinischen Cannabis-Vergabe im März 2017 noch von 5.000 Patienten aus, lagen bis zum Jahresende bereits 13.000 Anträge bei den drei großen Krankenkassen AOK, Barmer und TK vor. Der Deutsche Hanfverband geht bereits davon aus, dass die Zahl der Patienten in den nächsten Jahren auf 800.000 steigen wird. Man müsse dafür nur auf andere Staaten schauen, in denen medizinisches Cannabis schon länger erlaubt sei und die Cannabis-Patienten ein Prozent der Bevölkerung ausmachten, erklärt Kommunikationsmanager Sascha Waterkotte. „Der Bedarf wird explodieren und darauf müssen wir vorbereitet sein“, so der Cannabis-Lobbyist. Im Klartext bedeutet das: „Deutschland muss entweder mehr Anbau-lizenzen ausschreiben oder den Import immens steigern.“ Aktuell hat die Cannabis-agentur der Bundesregierung über eine europaweite Ausschreibung zu entscheiden. 118 Unternehmen hatten sich beworben, um ab 2019/20 den Anbau von 6,6 Tonnen Canna-bis für vier Jahre zu übernehmen. Zehn sind noch im Rennen. „Wir sehen dem Ausgang des Verfahrens positiv entgegen“, sagt Knopp als Jurist sehr diplomatisch. Ob sein Unternehmen dabei ist, bestätigt er nicht. Verständlich, schließlich handelt es sich um ein geheimes Verfahren. Allerdings, so betont Knopp: „Wenn wir uns beteiligen würden und den Zuschlag bekämen, müssten wir auf jeden Fall zusätzlich importieren. Anders kann man Lieferengpässe auf Sicht sonst nicht vermeiden.“ Pro Jahr will Nuuvera darum bald 1.200 Kilogramm als Blüte oder Öl importieren. Das sei als Öl- oder Tablettenform für die Patienten wesentlich einfacher zu konsumieren. In Bad Bramstedt baut das Unternehmen bereits einen riesigen Cannabis-Tresor. Für mehrere Millionen Euro entsteht auf dem Grundstück eines ehemaligen Maschinenbauers ein Hochsicherheitslager für das importierte Medizinal-Cannabis. Geplant ist, die Apotheken und Krankenhäuser von hier aus ab Spätsommer zu versorgen.

Extrem optimierter Cannabis-Anbau

Angebaut wird das Cannabis „extrem optimiert“, wie Knopp betont, in der Nähe von Toronto vom neuen Eigentümer Aphria, der von Anfang an als Partner mit im Boot war. Der habe bereits seit vielen Jahren interna-tional Erfahrung mit dem Anbau von Medizinal-Cannabis und rund 40 reine Sortenk vorrätig. 10 bis 20 davon werden immer aktiv angebaut und ständig auf THC-Gehalt und andere Inhaltsstoffe vom eigenen Labor AvantiRX kontrolliert. „Wir stellen das Produkt nach dem GMP-Standard der Pharmaindustrie her“, betont Knopp. So wisse man genau, welche Bestandteile die jeweilige Sorte hat und könne eine konstante Therapie gewährleisten. „Wenn ich was auf der Straße kaufe, weiß ich doch gar nicht, was ich da bekomme. Wie viel THC und CBD ist enthalten und ist das Gras mit Pestiziden, Schimmel oder Schwermetallen belastet?“, so Knopp. „Im Schwarzmarkt gibt es keinen Verbraucherschutz. Die Industrie optimiert das Cannabis und sichert die Sortenreinheit und medizinische Qualität.“ Und die Effektivität: „Normales Cannabis blüht einmal im Jahr. Im Gewächshaus können wir die Zyklen manipulieren und die Pflanze vier- bis sechsmal im Jahr zum Blühen bringen.“Und das hat seinen Preis. Der wurde von der Preisfindungskommission auf 24 Euro pro Gramm festgesetzt. „Das ist viel, wenn man bedenkt, dass der Straßenpreis bei 6 bis 8 Euro liegt“, so Knopp. Möglicherweise ein Grund, warum die Kassen aktuell noch recht zögerlich mit den Bewilligungen seien. Ein Drittel der Anträge wurde in 2017 bereits abgelehnt. Dass der Preis zu hoch angesetzt ist, glaubt auch Waterkotte vom deutschen Hanfverband. Gepaart mit zu wenig Wissen über Wirksamkeit und zu viel neuem Verwaltungsaufwand sei häufig reine Willkür für abgelehnte Anträge zu vermuten. „Je mehr Informationen und Fortbildungen es auf diesem Gebiet geben wird, umso mehr wird Cannabis auch entstigmatisiert“, ist sich Waterkotte sicher. Das beträfe nicht nur die Kassen, sondern auch die Ärzte: „Leider wird häufig erst mal das altbewährte schulmedizinische Arsenal losgeballert.“ „Die Aufklärung ist unseregrößte Herausforderung“, be-stätigt denn auch Hendrik Knopp und ergänzt: „Wir haben über 380.000 aktive Ärzte, aber nur maximal 800 verschreiben überhaupt Medizinal-Cannabis.“ Jetzt müsse man die Ärzte nicht nur davon überzeugen, dass Cannabis als Medizin eine therapeutische Wirkung hat, sondern ihnen auch Angst nehmen: „Viele befürchten, dass nur Junkies in die Praxis kommen und sich gutes Zeug auf Kassenkosten verschaffen wollen. Das ist Quatsch. Es gibt eine stetig wachsende Patientenzahl, die bewusst alternative Therapieformen mit Medizinal-Cannabis nachfragt.“ Knopp sieht es daher auch als seine Aufgabe, die fehlenden Informationen und Studien bereitzustellen. Geplant ist darum ein großes Informationsportal, auf dem sich Patienten und Ärzte darüber schlau machen können, was Cannabis eigentlich kann. Darüber hinaus wurde ganz aktuell ein medizinischer Direktor eingestellt, der – selbst Arzt – auf Veranstaltungen und Kongressen auf Augenhöhe die Kollegen aufklären kann.

Kein kollektives Koma

Dabei helfe auch immer ein Blick in andere Länder: „Man sieht in den regulierten Staaten, dass die Gesellschaft nicht in ein kollektives Koma verfallen ist“, sagt Knopp. Für die Therapien stünden in Kanada mehrere 100 Sorten zur Verfügung, aus denen sich die Patienten –häufig Kriegsverteranen, Krebs-erkrankte und HIV-Infizierte – die für sie verträglichste Sorte aussuchen könnten. Nach rund 20 Jahren Erfahrung ist Can-nabis ab Juli 2018 hier auch als Freizeitdroge ganz offiziell erlaubt. Knopps Unternehmen bereitet sich in Kanada aktuell akribisch auf den Start vor, produziert bereits riesige Mengen für den freien Markt. Während aktuell rund 40 Kilo pro Tag produziert werden, soll die Anbaumenge jetzt auf 400 Kilo pro Tag steigen. Hierfür baut Aphria aktuell ein neues Gewächshaus mit über 100.000 Quadratmeter Anbaufläche.

Legalisierung ein logischer Schritt?

Dass auch in Deutschland die Legalisierungsdebatte in vollem Gange ist, überrascht Knopp nicht. „Wenn die Gesellschaft akzeptiert, dass es ein Rauschbedürfnis gibt, wäre die Legalisierung ein logischer Schritt“, sagt er und betont, dass Jugendschutz und die weitere Versorgungsicherheit der Patienten mit Medizinal-Cannabis dabei oberstes Gebot haben. Wenn man sich dafür entscheide, solle man auf jeden Fall langsam beginnen. „Die Apotheke könnte für den Anfang ein guter Abgabeort sein“, findet Knopp. „Jede Gesellschaft muss für sich die besten Rahmenbedingungen finden, auf welche Art und in welchem Umfang sie den Zugang zu Konsum-Cannabis ermöglicht.“ So sei man in Kanada schon lange weg vom Rauchen. Vielmehr fokussiere man sich dort auf Produkte wie Öle und Kapseln, und in Zukunft auch auf cannabishaltige Getränke, Backwaren und Kaugummis. Knopp: „Der Gesetzgeber und die Verbraucher geben vor, in welcher Form und in welcher Konzentration man das Produkt konsumieren möchte. Wir stellen sicher, das beste Produkt auf legalem Weg zum Kunden zu bringen.“

Text: Ilona Lütje


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, April 2018. Das Magazin ist seit dem 29. März 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Hamburger des Monats – „Das Ohr“

Christoph Busch hat einen Kiosk gemietet, obwohl er nichts verkaufen will. Der 71-Jährige wartet in der U-Bahn-Station Emilienstraße auf Menschen, die ihm ihre Geschichte erzählen wollen. Sein Projekt nennt er selbstironisch „Das Ohr“, denn Busch hört von Geburt an nur auf einem Ohr. Aus den Geschichten, die er sammelt, wird er ein Buch machen – einen Vertrag hat er schon.

SZENE HAMBURG: Herr Busch, Sie sitzen in einer U-Bahn-Station in einem Raum, in dem sonst Brötchen und Zigaretten verkauft werden, und hören den Menschen zu. Wie kommt man auf so eine Idee?
Christoph Busch: Ich bin Drehbuchautor und wollte hier ursprünglich Menschen beobachten, um Stoff für meine eigenen Geschichten zu sammeln. Dabei habe ich schnell festgestellt, dass ein großer Bedarf bei den Menschen besteht, dass man ihnen zuhört.

Warum ausgerechnet eine U-Bahn-Station?
Das hat sich alles zufällig entwickelt. Ich habe das „Zu vermieten“-Schild der Hochbahn gesehen und die vage Idee gehabt, hier zu arbeiten. Letztes Jahr im September habe ich angefragt, obwohl ich noch Zweifel hatte. Wer geht schon gerne in eine dunkle U-Bahn-Station? Zu Hause habe ich von meinem Schreibtisch aus einen wunderschönen Ausblick auf Bäume. Während der Renovierung im Dezemberist der ganze Grusel dann aber verflogen und ich habe gemerkt, dass das eine spannende Angelegenheit werden kann.

Wie kam es zu den Gesprächen?
Am Anfang kamen vielleicht drei Leute am Tag und sprachen mich neugierig an – so entwickelten sich längere Gespräche. Im Grunde sind es immer noch so viele, denn viel mehr schaffe ich gar nicht, obwohl ich manchmal länger bleibe. Am Anfang habe ich noch Tagebuch geschrieben, aber schon nach Kurzem kam ich nicht mehr dazu und seitdem höre ich nur noch zu.

Mit welchen Anliegen kommen die Leute zu Ihnen?
Manche kommen nur hergefahren, um mir unbeschwerte Anekdoten zu erzählen. Aber es gibt natürlich auch die Leute, die endlich ihr ganzes Leben aufarbeiten wollen. Dass Menschen mit ihrem Kummer hierherkommen, ist der erste Schritt und zeigt, dass sie schon eine Initiative ergriffen haben. Ganz oft kommt dann etwas in Fahrt, was schon in ihnen selbst angelegt war.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Nun, unglückliche Menschen kommen am häufigsten. Diese Geschichten sind zwar anstrengend, aber auch voller Wendepunkte: Wenn Hans mit 84 Jahren seine Biografie erzählt, dann staunt man nur, wie filmreif sein Leben ist! Heimerziehung, der Krieg in Eimsbüttel, später Boxerlaufbahn. Mit 30 ist er dann Fensterputzer geworden und hat seine Frau kennengelernt. Er trägt immer ein Halstuch von ihr, wenn er hier ist, und besucht sie jeden Tag im Altenheim. Seine Biografie sticht schon heraus.

Was sagen Sie den Leuten?
Ich bin kein Therapeut. Ich gebe auch Ratschläge, was ein Therapeut niemals dürfte. Ich bin Christoph Busch und so reagiere ich auch, wenn ich den Menschen zuhöre. Natürlich einfühlsam, aber wenn ich erkenne, das jemand ein wiederholtes Muster abspult, dann mache ich auch mal einen Witz. Tatsächlich versuche ich immer herauszufinden, wo die Leute selber hinwollen.

Haben Sie keine Bedenken, weil Sie das nicht professionell gelernt haben?
Nein, ich mache immer deutlich, dass ich kein Therapeut bin. Wenn ich merke, dass ich damit verwechselt werden könnte, dann spreche ich das sofort an. Wenn Leute ein langfristiges Problem haben – zum Beispiel Liebeskummer – und der Freundes- und Familienkreis das nicht mehr hören will, dann bin ich da, rate auch mal zu bestimmten Entschlüssen und bin neugierig, was dabei herauskommt.

Es kommen doch bestimmt auch Menschen zu Ihnen, die noch gravierendere Probleme haben als „nur“ Liebeskummer.
Ja, sicher. Zu mir kam zum Beispiel eine Frau, die schon lange traurig ist, weil ihr Bruder bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Sie wird diesen Kummer nicht los, und weil sie auch nach ein paar Jahren nicht klargekommen ist, hat sie angefangen, alle Fotos von ihrem Bruder in ein großes Album einzukleben. Währenddessen hat sie gemerkt, dass sie diese Trauer nicht immer wieder neu durchleben will. Spätestens als sie mir davon erzählte, hat sie von selbst gemerkt, dass sie professionelle Hilfe braucht.

Müssen Sie nicht manchmal auch Distanz halten, um nicht zu nah dran zu sein?
Nein, ich bin zwar nah an den Leuten und die Arbeit hier ist physisch und psychisch anstrengend, aber ich nehme keine Lasten mit nach Hause. Wenn ich nach Hause komme, habe ich mit meiner Frau und meinen beiden Kindern das reine Kontrastprogramm. Wenn man ein Kind in den Arm nimmt, kann man den ganzen Rest vergessen.

Sie selbst haben auch einen interessanten Lebenslauf. Sie hören immer nur die Geschichten anderer Leute, jetzt dürfen Sie auch mal Ihre erzählen!
Meine Mutter würde sich sehr freuen, dass ich hier eine Art Seelsorge betreibe: Meine drei Geschwister und ich wurden sehr katholisch erzogen. Als Jurastudent geriet ich unter die 68er und wusste plötzlich, dass ich nicht mehr Diplomat werden wollte. Ich habe dann alles Mögliche gemacht, bis mich ein Redakteur des WDR mit dem Regisseur Peter Steinbach zusammenbrachte. In der Zeit bin ich oft zu ihm nach Dänemark gefahren und habe viel von ihm gelernt. Wegen der Distanz bin ich aus meiner sehr freundschaftlichen WG in Münster aus- und nach Hamburg in eine neue Wohnung eingezogen. Vor 20 Jahren habe ich hier dann meine Frau kennengelernt, mit der ich jetzt zwei Kinder habe.

Wie findet Ihre Familie das, was Sie hier machen?
Die Kinder finden so was natürlich spannend. Auch, wenn ich jetzt nicht mehr so oft zu Hause bin. Vorher haben meine Frau und ich beide von zu Hause aus gearbeitet. Das fehlt mir ein bisschen. Meine Frau hatte zuerst Bedenken und Sorge, dass mir hier unten etwas passiert. Aber ich bin hier noch nicht einmal angepöbelt worden, noch nicht einmal eine blöde Bemerkung.

Ich höre immer eine gesellschaftspolitische Dimension in Ihren Aussagen.
Nein, so würde ich das nicht sagen. Aber ich beobachte ein generelles Unwohlsein mit der Zwischenmenschlichkeit. Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie nur so vor sich hinleben und keinen mehr zum Zuhören haben.

Woran liegt das?
Ich habe dazu zwei Theorien. Wer sein Menschenbild mit den Medien prägt, kann nur Angst vor den anderen bekommen. Es stehen ja ständig Negativschlagzeilen in den Zeitungen – Angst sells. Ich merke selber, wie ich darauf hereinfalle, wenn ich U-Bahn-Stationen reflexhaft mit Schubsern und Schlägern verbinde. Es gibt aber eben auch viele liebe Leute. In der Werbung hingegen sieht man kein Unglück mehr: Die Menschen schreien ihre Freude heraus. Aber das ist auch nicht die Wirklichkeit. Viele Menschen trauen sich nicht, ihren Kummer herauszulassen, weil sie sich gedrängt fühlen, nur Frohsinn auszustrahlen.

Wir werden in den Medien also von allen Seiten mit Angst bombardiert, die sich ins Unterbewusstsein schleicht. Andererseits ist Angst gesellschaftlich nicht akzeptiert. Interessante Menschen sind optimistisch und angstfrei, wie uns die Werbung weismacht. Ist das nicht ein wahnsinniger Druck, den dieser Widerspruch aufbaut?
Ja, das ergänzt sich bestens. Die Kluft zwischen dem, wie das Leben wirklich ist, und der Vorstellung, wie das Leben zu sein hat, wird dadurch immer größer.

Jetzt sind Sie aber entgegen Ihrer Behauptung doch noch ziemlich gesellschaftspolitisch geworden.
(lacht) Sie haben recht, jetzt bin ich doch in diese Bahn gestolpert.

Würden Sie eigentlich auch mit den Menschen sprechen, ohne ihre Geschichten für ein Buch zu verwerten?
Absolut. Natürlich verwerte ich manche Geschichten, aber das ist nicht mein Antrieb. Ich habe hier ja so spannende Gespräche, weil ich gerne mit den Leuten rede. Heute morgen hat mir ein Besucher etwas erzählt, das ich nicht aufschreiben könnte, ohne seine Anonymität zu gefährden. Ich habe schon währenddessen gemerkt, dass ich nichts davon verwerten kann. Und trotzdem war es für mich sehr aufregend.

Interview: Ulrich Thiele

Foto: Ana Maria Arevalo

Christoph Busch ist montags bis freitags zwischen 9.30 und 15 Uhr im U-Bahnhof Emilienstraße anzutreffen.

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, April 2018. Das Magazin ist seit dem 29. März 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Beatsteaks – Bring it on!

Die Berliner Band steht für einen Live-Spektakel. Ob das nicht auf Dauer anstrengend ist, haben wir Frontmann Arnim Teutoburg-Weiß gefragt. Alles „ganz easy“, meinte der. Ein Gespräch über Zirkusgefühle, keine Chance für Tricks und Unberechenheit als größtes Glück.

SZENE HAMBURG: Arnim, regelmäßig hältst du fest: Beatsteaks heißt Freiheit. Wie macht die sich aktuell besonders bemerkbar?
Arnim Teutoburg-Weiß: Die Freiheit erschließt sich aus dem kleinen Erfolg, den wir mit der Band haben. Dadurch liegt alles in unseren Händen: Wer mit auf Tour kommt, wo wir auftreten, das Bühnendesign, wie teuer die Tickets sind, wie unsere T-Shirts aussehen und welche Songs wir spielen.

Und worin besteht die Freiheit im Band-Alltag?
Vor allem darin, dass wir als eine Band, die seit 22 Jahren zusammen ist, immer noch sehr glücklich sind. Mittlerweile haben wir unsere kleine Beatsteaks-Welt in Berlin, so eine Art Höhle, aus der heraus wir arbeiten. Dort sind wir montags bis freitags, von 10 bis 17 Uhr. Wir aus der Band sind ganz unten im Haus und machen Musik, darüber ist das Büro mit dem Merchandising. Das ist unsere Firma …

… von der du der Chef bist – oder besser: „die Chefin“?
Ja, die anderen haben mich irgendwann so genannt. Fand ich auch ganz süß. Als Sänger hat man ja immer dieses Leader-Ding am Laufen, das kommt von innen heraus, das macht man irgendwie einfach. Und damit ich’s nicht ganz so ernst nehme oder übertreibe, werde ich von der Band mit „die Chefin“ betitelt, nach dem Motto: „Mach du mal, aber mach easy!“

Ein Chef muss auch Dinge bestimmen. Welche sind das in deinem Fall?
Ich schreibe die Setlist und kümmere mich um das T-Shirts-Layout. Es ist allerdings schon so, dass jeder in der Band seine Aufgabe und Ecke hat, wo er sich auslebt. Das ist auch richtig und wichtig.

Zählt zu deinen Aufgaben auch der Pop im Beatsteaks-Sound? Zumindest schienst du dem Begriff „Pop“ an sich immer am nahesten zu stehen.
Kann sein, ja (lacht). Populäre Musik ist ja auch erst mal was ganz Tolles. Ich bin in den 90ern groß geworden, als Pop nicht David Guetta war, sondern Oasis, Dr. Dre, Nirvana und The Prodigy. Welche, für die Pop nicht das schnelle Ding war, nicht „The Voice of Germany“ und direkt an die Spitze. Für sie bedeutete Pop, was er auch für uns bedeutet, nämlich sich eine Nische zu bauen und es nicht schlimm zu finden, damit so viele Leute wie möglich zu erreichen.

Also keine Angst vor der breiten Masse?
Wenn wir im Radio eine Alternative zu dem darstellen, was da sonst noch so läuft, habe ich damit überhaupt kein Problem. Mir war dieses Punkerhaus immer zu klein, ich mochte immer sehr viel verschiedene Musik. Klar, Punk hat viel Energie und so etwas Zündendes an sich. Aber HipHop und Rock sind auch stark …

… und werden von euch vor allem in Live-Shows integriert. Überhaupt: Live-Shows von den Beatsteaks, das sind seit jeher Spektakel. Ist das auf Dauer nicht anstrengend?
Das ist der einfachste Teil der Beatsteaks-Arbeit: das Live-Spielen. Dit is’ janüscht! Ganz easy. Natürlich bereite ich mich körperlich auf die Konzerte vor, so eine Tour ist Leistungssport. Aber wenn wir vor unserem Publikum stehen oder auf einem Festival spielen, denke ich immer nur: Bring it on! (lacht)

Warum fühlt sich das für dich so leicht an?
Ist vielleicht das Zirkuskind in mir. Ich hatte jedenfalls noch nie Angst vor der Bühne, fand und finde es einfach gut, Leute zu unterhalten und sie davon abzulenken, was sie vielleicht gerade sonst so beschäftigt. Außerdem mag ich die Unberechenbarkeit von Konzerten. In dieser manipulierten Welt, in der vieles faked ist, ist ein Konzert immer eine Ausnahme. Im Studio kann man tricksen, auf der Bühne geht das nicht. Da gibt es Ecken und Kanten, den Leuten gefällt es oder eben nicht, und die Situationen, in denen man nicht genau weiß, was passiert, diese Drahtseilakte, finde ich total gut. Konzerte sind so aufregend wie befriedigend.

Sind nicht während einer längeren Tournee irgendwann so viel Sicherheit und Routine im Spiel, dass sich die Aufregung legt?
Die Aufregung erhalten wir, indem wir z. B. nach zwei Wochen sagen: „Heute schreiben wir keine Setlist – wir rufen die Songs aus!“ Nach all den Jahren haben wir so viele Lieder, dass wir das ruhig mal machen können. Wir wollen ja auch nicht nur irgendwas abspulen.

Ein paar wiederkehrende Show-elemente gibt es doch, etwa den Song „Hey Du“, den Gitarrist Peter Baumann singt. Er allerdings scheint weniger gerne nach vorne zu preschen, als du …
… und er fragt mich auch heute noch, ob das denn okay wäre mit „Hey Du“. Ich grinse dann immer und sage: „Keule, kriegst du eigentlich mit, wie sehr die Leute das lieben?“ Klar, die anderen sind keine Frontschweine, aber das war George Harrison auch nicht, und ich fand es immer super, dass bei den Beatles alle gesungen haben.

Und wenn nach der Tour alle wieder zu Hause in Berlin sind: Gibt es auch mal eine Pause von der Beatsteaks-Welt?
Wir sind eine sehr verschworene Gang, aber jeder hat auch seine eigene Familie und verabschiedet sich nach einer Tour in seine Welt. Und irgendwann, wenn wir das nächste Album machen, hängen wir wieder zusammen rum und fragen uns erst mal Sachen wie: „Welches Lied fandet ihr zuletzt so toll, dass ihr es fünfmal hintereinander gehört habt?“ Dann kann es langsam wieder losgehen.

Interview: Erik Brandt-Höge

Foto: Ana Maria Arevalo

Sporthalle
16.4, 20 Uhr

 


Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, April 2018. Das Magazin ist seit dem 29. März 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Der Krimi-König

Zu Hause in einem ehemaligen Porno-Kino und Spezialist für Mord und Intrigen – im Imperial steht zum 12. Mal Edgar Wallace auf dem Spielplan. Warum gerade er es dem Intendanten Frank Thannhäuser angetan hat, erzählt dieser im Gespräch

SZENE HAMBURG: Frank, „Der Frosch mit der Maske“ ist die 12. Edgar-Wallace-Inszenierung am Imperial Theater. Was macht ihn so attraktiv für dich?
Frank Thannhäuser: Die Leute lieben Edgar Wallace! Man kann tun, was man will, aber es ist so: Die Leute lieben ihn. Es ist ein Phänomen. Zum Glück können wir uns viel mit dem Stoff erlauben, wenn wir uns treu an die Geschichte halten. Wir können das Buch auf die Belange hier in unserem Haus zuschneiden. Jedes Edgar-Wallace-Stück, das wir gemacht haben, ist somit immer auch eine Uraufführung gewesen.

Wallace hat über 130 Romane geschrieben, warum hast du dich für diesen entschieden?
Es gibt großartige Titel wie „Großfuß“ oder „Drei Eichen“, die nur eingefleischte Fans kennen. Aber davon können wir leider nicht leben. Deswegen müssen wir Titel auswählen, die bekannt sind. Auch wenn wir viel, viel Hirn benutzen müssen, um sie zum Laufen zu kriegen: Für „Die Toten Augen von London“ habe ich beim Schreiben drei Anläufe gebraucht, bis das Buch für die Bühne funktioniert hat.

Was veränderst du in deiner Bühnenadaption?
Wallace ist nicht der Humorstärkste. Aber ein Augenzwinkern sollte in einem Krimi der 30er Jahre nicht fehlen. Man darf die Figuren und die Handlung nicht denunzieren, aber unsere Schauspieler sind Krimi-erfahren und wissen, dass ein Gag, wenn er sich anbietet, mehr als in Ordnung ist.

Zum Beispiel?
Wallace mag keine Anwälte und hohe Regierungsvertreter, sie kommen immer schlecht weg bei ihm. Diese Figuren kann man dann überhöhen. Zum Beispiel im neuen Stück Lord Farmley. Er ist so ein richtiger Regierungsarsch: hochnäsig, despotisch, und selbst wenn er vom Schicksal eine reingewürgt bekommt, ist er immer noch ein Arsch. Das kann man ausspielen und das ist auch lustig, auch wenn es jetzt nicht so klingt (lacht).

Du übernimmst wieder fast alle Tätigkeiten, vom Skript bis zum Nähen der Damenkostüme. Bist du nicht erschöpft?
Ach nein, ich bin ja schon seit einem Vierteljahr in der Produktion. Da kommt immer eins nach dem anderen: erst das Buch, dann das Bühnenbild, die Kostüme, die Proben…

…und du übernimmst für einige Aufführungen ein paar Rollen…
Ja, bei diesem Stück passiert es seit langem mal wieder, dass ich selber mitspiele. Weil unser Schauspieler Heiko Fischer – der bei uns schon den Sherlock Holmes gespielt hat und diesmal gleich sieben Rollen übernimmt – noch woanders engagiert ist. Und da ich ihn nicht aufgrund anderer Engagements verlieren wollte, habe ich mich bereit erklärt, für ihn einzuspringen, wenn er mal keine Zeit hat.

Wie gehst du vor, wenn du so einen üppigen Roman für eure relativ kleine Bühne adaptierst?
Das ist in der Tat immer das Problem. Das Originalbuch hat 280 Seiten, das sind locker mal eben 180 zu viel (lacht). Aber wenn der gute Edgar erst einmal im Fluss ist, dann fügt er gerne einen wei-teren Handlungsstrang nach dem anderen ein. Nicht jeder ist wichtig. Wir verzichten außerdem auf große Umbauarien. Wir haben uns erstmals ein Simultanbühnenbild ausgedacht, in dem alles stattfinden kann. Und es gibt eine Figur – Richard Gordon, der Staatsanwalt und eigentlich die Hauptfigur – die retrospektiv erzählt, was passiert ist. So sparen wir uns Verfolgungsjagden, die wir eh nicht zeigen können.

Welche Locations wird es geben?
Eine alte Fabrikhalle, in der alles anfängt und endet. Die Halle verwandelt sich zwischendurch in sämtliche Nachtclubs, in Scotland Yard, in Waldlichtungen und alles Mögliche. Dafür arbeiten wir viel mit Licht und Ton. Die Wechsel sind im Buch schnell und das Tempo muss man beibehalten. Wenn man nach jeder fünfminütigen Szene zehn Minuten Umbaupause macht, dann geht die Spannung verloren.

Worauf achtest du beim Bühnenbild und bei den Kostümen besonders?
Ich finde es bei so einem Stück wichtig, dass es das Zeitkolorit perfekt widerspiegelt. Je mehr man alte Geschichten modernisiert, desto weniger funktionieren sie. Wenn in „Die Mausefalle“ von Agatha Christie alle Handys gehabt hätten, dann wäre da nicht so viel passiert. Für „Der Frosch mit der Maske“ sind wir in die 30er Jahre zurückgegangen, weil das die Ursprungszeit der Geschichte ist und in diesem Kontext auch gut funktioniert mit der Angst vor der Weltwirtschaftskrise im Hintergrund.

Interview: Ulrich Thiele
Foto: Stefan Malzkorn

Imperial Theater, „Der Frosch mit der Maske“, ab 30.3. (Premiere), immer Do–Sa um 20 Uhr

 


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!