Verlosung: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

WUTROT! Martin McDonaghs serviert einen brillanten, deftigen Genremix aus Neo-Western und Kleinstadt-Satire. Wir verlosen 40 x 2 Tickets für die Preview im ABATON Kino.

Der Zorn verdrängt alle anderen Gefühle, selbst die Trauer. Mildred Hayes (Frances McDormand) will Gerechtigkeit um jeden Preis. Vor sieben Monaten wurde ihre Tochter vergewaltigt und ermordet, vom Täter keine Spur. Die furchtlose, zynische 50-Jährige mietet für 5000 Dollar pro Monat drei riesige Werbetafeln am Ortsausgang und beschuldigt weithin sichtbar Sheriff Bill Willoughby (Woody Harrelson) der Untätigkeit. Ihrer Überzeugung nach foltern die heimischen Cops lieber Schwarze als Verbrechen aufzuklären. Vom ersten Moment an gehört unsere Sympathie der taffen Protagonistin, die mit ihren lakonischen, köstlich vulgären Sprüchen potenzielle Gegner außer Gefecht setzt.

Der britisch-irische Regisseur und Drehbuchautor Martin McDonagh („7 Psychos“) verbindet virtuos bissigen schwarzen Humor mit dem Schrecken griechischer Tragödien. „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ ist weniger ein feministisch opulentes Rache-Epos als die düstere Chronik amerikanisch provinzieller Bigotterie. Es erzählt von Gewalt, Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Korruption und einem kaltherzigen Priester.

Bald schon hat die allein erziehende Mildred fast die ganze Stadt gegen sich. Wenn es sein muss, wehrt sie sich tatkräftig, tritt einem Mitschüler ihres Sohnes in die Eier, im Zuge der Gleichberechtigung kriegt das Mädchen daneben auch was ab. Dem uneinsichtigen, fetten Zahnarzt bohrt sie ein Loch in den Daumen und nachts fliegen Molotow-Cocktails ins Polizei-Revier. Eine Traumrolle für Frances McDormand. Der Film explodiert fast vor verhaltener Wut, ist unberechenbar wie seine verzweifelte, skrupellose Anti-Heldin und trotzdem höchst subtil. In dieser packenden, vielschichtigen Charakterstudie führt McDonagh jede Art von Klischee ad absurdum, er spürt den verschiedenen Ursachen von Hass, Schmerz und Einsamkeit feinfühlig nach.

Chief Willoughby ist ein besonnener kluger Mann, der krebskranke Vater von zwei kleinen Töchtern wird bald sterben. Doch Mildred kennt keine Gnade; selbst dafür hat der Sheriff Verständnis. Genau wie für den gewalttätigen, rassistischen, von Mama gegängelten jungen Officer Dixon (Sam Rockwell), der seinen Zeugen ohne Zögern durch die Fensterscheibe des oberen Stockwerks auf die Straße schleudert. Dixon verabscheut Mildred. Umso überraschender ist das Finale.

Text: Sarah Castell

ABATON Kino

Ab 25. JANUAR 2018

(Preview: 22. Januar 2018, 20 Uhr)

  Wir verlosen 40×2 Tickets für die Preview von Three Billboards Outside Ebbing, Missouri am 22. Januar, 20 Uhr, im Abaton Kino!

Wie könnt Ihr mitmachen? Na so:

Kurzfilm in Hamburg

Mit einer großen Party hat die KurzFilmAgentur im Oktober ihren 25. Geburtstag gefeiert. Schön, schön, happy birthday! Aber – wer oder was ist die KFA eigentlich? Und was machen die da genau? Wir haben bei der Geschäftsführerin Alexandra Gramatke nachgefragt

SZENE HAMBURG: Frau Gramatke, wer ist die Kurzfilmagentur, und was machen Sie genau?

Alexandra Gramatke: Entstanden ist das Ganze aus dem NoBudget Kurzfilmfestival, das schon vor 33 Jahren das erste Mal stattfand. Da gab es immer mehr Nachfragen von Kinos und anderen Veranstaltern, die Kurzfilme auch außerhalb des Festivals zeigen oder sehen wollten. So entstand zunächst der Kurzfilmverleih, der vorrangig an Kinos Kurzfilme verleiht – als Vorfilm oder auch in speziell zusammengestellten, abendfüllenden Programmen. Im Laufe der Zeit entwickelten sich dann immer mehr Bereiche.

Mittlerweile haben wir rund 45.000 Filme, die in unserer Datenbank gespeichert sind.

Zum Beispiel?

Der Vertrieb, der sich um den Lizenzhandel mit Fernsehsendern, Internetportalen oder Bildungseinrichtungen kümmert. Dann haben wir noch den Bereich Kurzfilm Schule, wo Filmemacherinnen Workshops mit Kindern aller Altersklassen und Schulformen veranstalten. Dann haben wir natürlich ein riesiges Archiv, das sich hauptsächlich aus den Einreichungen zum Filmfestival speist. Mittlerweile haben wir rund 45.000 Filme, die in unserer Datenbank gespeichert sind. Wir nutzen das beispielsweise auch dazu, unsere Filmprogramme zusammenzustellen, die wir für unterschiedlichste Veranstaltungen anbieten. Aktuell hatten wir beispielsweise mit dem DESY eine tolle Kooperation: Wir haben zum „Dark Matter Day“ ein entsprechendes Kurzfilmprogramm zusammengestellt. Oder letztens im Rahmen der India Week ein Programm aus indischen Kurzfilmen, die man hier sonst auch nicht sehen kann. Wir bekommen relativ häufig solche Anfragen, auch von außerhalb Hamburgs, weltweit.

Das heißt, Sie sind ein riesengroßes, internationales Unternehmen?

Kann man so sagen, ja. Auch wenn wir nicht so aussehen (lacht). Wir sind tatsächlich dadurch, dass unsere Mitarbeiter durch die ganze Welt reisen und auf Festivals auch in Panels sitzen oder Vorträge halten, weltweit ziemlich gut vernetzt.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie denn?

Feste Mitarbeiter? 15, aber nicht alle arbeiten Vollzeit. Und zwei davon kümmern sich um die organisatorische und künstlerische Leitung des Internationalen Kurzfilmfestivals, das ja unter dem Dach der Kurzfilmagentur stattfindet.

Wenn ich jetzt einen Kurzfilm produzieren würde – könnte ich Ihnen den einfach zuschicken?

Ja, genau, ein wichtiger Punkt. Das Schlaueste wäre wahrscheinlich, den bei unserem Festival einzureichen. Da klopfen wir ohnehin alle Filme darauf ab, ob sie beispielsweise als Vorfilm im Kino geeignet sind. Oder ob eventuell Interesse bei einem der Fernsehsender bestehen könnte, mit denen wir zusammenarbeiten. Dann sprechen wir den Filmemacher an und machen einen Vertrag für Verleih oder Vertrieb. Man kann uns den Film aber auch direkt anbieten, dann gucken wir uns das an und melden uns gegebenenfalls zurück.

Wir sehen den Kurzfilm als eigenständige Kunstform und haben mit vielen gestandenen Filmemachern Kontakt, die sich dieser Form verschrieben haben.

Wer schickt Ihnen denn Filme? Hauptsächlich Nachwuchsfilmemacher?

Ja, Nachwuchs ist ein wichtiger Bereich. Aber bei weitem nicht nur. Wir sehen den Kurzfilm als eigenständige Kunstform und haben auch mit vielen gestandenen Filmemachern Kontakt, die sich dieser Form verschrieben haben. Oder beides machen, Kurz- und Langfilm. Natürlich gibt es den finanziellen Aspekt, ein Kurzfilm kostet einfach weniger Geld. Aber ein Kurzfilm ist auch ästhetisch oder inhaltlich interessant, weil man viel mehr Freiheiten als im Langfilm hat, wo man meistens doch recht fest an Genre- oder Formatvorgaben gebunden ist. Man kann viel mehr ausprobieren.

Wie lang darf ein Kurzfilm denn sein, gibt’s da offizielle Grenzen?

Das ist von Land zu Land unterschiedlich. In Deutschland ist die Vorgabe für Förderung, dass er bis zu 30 Minuten lang sein darf. Die meisten Festivals handhaben das auch so. Wir auch. Natürlich machen wir Ausnahmen, wenn uns ein Film wirklich begeistert. Wir haben auch schon welche gezeigt, die 45 Minuten lang waren, auch wenn das offiziell ein „mittellanger“ Film ist. Für den Vertrieb, also die Ausstrahlung bei Fernsehsendern, sind am besten Filme geeignet, die zwischen 15 und 20 Minuten lang sind. Aber auch hier sind Ausnahmen immer möglich.

Wie viele Filme werden bei Ihnen eigentlich eingereicht?

Die meisten beim Festival, das sind zwischen 5000 und 6000 pro Jahr. Das ist natürlich ein ganz schöner Aufwand, die alle zu sichten. Jeder Wettbewerb hat eine eigene Sichtungsgruppe, und die müssen sich dann tage- und nächtelang da durchsehen. Außer der Reihe werden uns auch noch mehrere Filme pro Woche zugesandt.

Aus der ganzen Welt …?

Ja, genau. Unser Archiv ist sehr international.

Wir haben einen eigenen Youtube-Channel, auf dem wir in regelmäßigen Abständen Filme kostenlos zur Verfügung stellen.

Kann ich als Privatperson eigentlich auch bei Ihnen Filme ausleihen? Zum Beispiel für einen Filmabend mit Freunden?

Das ginge, klar. Allerdings müssten Sie dafür ein bisschen Geld bezahlen. Es für uns sehr wichtig, dass die Filme nicht umsonst rausgehen. Zum einen müssen wir natürlich einen gewissen Umsatz machen. Vor allem wollen wir aber, dass die Urheber in irgendeiner Form finanziell irgendetwas zurückbekommen. Auch wenn das manchmal nur kleine, eigentlich symbolische Beträge sind. Schließlich ist so ein Kurzfilm ja auch ein Wert. Wir haben aber trotzdem auch einen eigenen Youtube-Channel, auf dem wir in regelmäßigen Abständen Filme kostenlos zur Verfügung stellen. Das sind normalerweise Filme, die ihre Verwertung schon größtenteils hinter sich haben, also auf Festivals gelaufen sind oder vom Fernsehen gekauft wurden. Davor wird Werbung geschaltet, sodass die Urheber dafür dann auch eine kleine Vergütung erhalten, je nach Klickzahl.

Kurzfilme werden häufig belächtelt. Fühlen Sie sich in Hamburg trotzdem ernst genommen?

Auf jeden Fall! Das hängt auch mit dem Festival zusammen, dadurch werden wir sehr viel besser wahrgenommen. Die Agentur ist für den Endverbraucher ja gar nicht so sichtbar. Der sieht höchstens vielleicht im Kino einen Kurzfilm als Vorfilm oder eine Filminstallation im Museum, weiß aber gar nicht, dass das über uns dort gelandet ist. Wir wünschen uns natürlich mehr Wertschätzung und Aufmerksamkeit für den Kurzfilm, und dass er nicht nur als Nachwuchsformat gesehen wird. Nach oben hin ist da natürlich immer alles offen.

Interview: Maike Schade

www.shortfilm.com


Der KFA-Kurzfilm des Monats Dezember 2017:

 


Dieser Text ist ein Auszug aus der SZENE HAMBURG, Dezember 2017. Das Magazin ist seit 30. Oktober 2017 am Kiosk und zeitlos in unserem Online Shop erhältlich!

 

Filmfest Hamburg. Interview mit Festivalchef Albert Wiederspiel

Seit Donnerstag, 5. Oktober läuft das 25. Filmfest Hamburg. Zehn Tage Bilderrausch: Festivalchef Albert Wiederspiel verrät im Gespräch, was zu sehen sein wird. Und was nicht.

SZENE HAMBURG: Sie sind seit 15 Jahren Filmfest-Chef. Worauf sind Sie stolz?
Albert Wiederspiel: Ich denke, mir ist es gelungen, es größer zu machen. Ich wollte ein breiteres Publikum erreichen und habe deshalb gehobenen Mainstream als Lokomotive für die anderen Filme mit hineingenommen. Ich finde, das gehört genauso dazu wie der sehr fragile Kunstfilm, den wir auch im Programm haben. Zum Beispiel hat der Kurator unserer spanischund portugiesischsprachigen Sektion „Vitrina“ einen sehr künstlerischen Geschmack, und so sind die Filme auch.

Trotzdem kritisieren manche, dass es an Glamour und großen Namen mangelt. Und dass Hamburg nur noch ein Nachspielfestival von Cannes und Venedig ist.Das mit dem Nachspielfestival stimmt. Nur die A-Festivals haben die ganz großen Filme. Wir anderen spielen alle nach, was in Berlin, Cannes oder Venedig läuft. Nicht nur, aber viel davon. Wir haben im vergangenen Jahr mit Ewan McGregor eröffnet, das Jahr davor mit Catherine Deneuve, ich finde, das ist mit Hinblick auf Glamour und Namen schon nicht schlecht.

 

„Wenn wir mehr Leinwände anbieten würden, dann würden auch mehr Leute ins Kino gehen, da bin ich mir sicher.“

 

Stimmt. Aber ein paar mehr Stars wären doch schön?
Es ist ja nicht so, dass wir keine Stars haben. In diesem Jahr kommen unter anderem François Ozon, Ruben Östlund, Claes Bang, Vanessa Paradis, Volker Schlöndorff und Wim Wenders. Und viele mehr! Grundsätzlich ist das jedoch eine finanzielle Frage. Stars sind teuer. Die fliegen nicht mit Ryan Air für 29,90 Euro ohne Gepäck. Und unser Budget ist sehr eng, wir haben eine Zuwendung von 750.000 Euro. Davon kriegst du keine Stars, die Business Class fliegen wollen, nach Hamburg. Um das mal salopp zu sagen.

Hätten Sie gerne ein A-Festival?
Nein! Ein A-Festival in Deutschland reicht. Und dann ist auch das wieder eine Geldfrage. Ich glaube, die Berlinale hat eine Zuwendung von acht
Millionen Euro, das Jahresbudget liegt bei 24 Millionen. Das ganze Filmfest Hamburg kostet 1,1 Millionen. Wir reden da über völlig verschiedenen Ligen.

Trotzdem wäre es schön, wenn das Hamburger Filmfest mehr Aufmerksamkeit bekäme. Wie wollen Sie das erreichen?
Ich finde, in der Stadt haben wir mittlerweile einen gewissen Bekanntheitsgrad. Wir haben de facto überhaupt kein Marketing-Budget. Das Geld reicht aus, um ein anspruchsvolles Programm zusammenzustellen und die Gäste einzuladen – denn auch wenn das vielleicht nicht die ganz großen Stars sind, kostet das. Aber ohne Gäste kein Festival!

Wird Film von der Stadt zu wenig geschätzt?
Eine schwierige Frage. Ich würde behaupten, Hamburg hat einen eher konservativen Kulturgeschmack, man ist mehr auf die traditionellen
hohen Künste fixiert. Museum, Theater, Oper. Und vor allem legt die Stadt derzeit eine deutliche Priorität auf die Musik. Wir haben ja gerade die Elphi bekommen, die muss bekannt und gefüllt werden, das verstehe ich auch.

 

„Wir zeigen 130 Filme aus 59 Ländern. Letztes Jahr waren es noch 160, dieses Jahr mussten wir – mal wieder aus Geldgründen – reduzieren.“

 

Und bei den Bürgern?
Auch da gibt es meiner Meinung nach eine Präferenz für die klassischen Künste. Allerdings ist es aber auch eine Sache von Angebot und Nachfrage. Uns fehlen Kinos. Wir haben engagierte Stadtteilkinos, aber nur wenige echte Programmkinos. Zu wenige für eine Stadt mit knapp zwei Millionen Einwohnern. Ich wohne ja teilweise auch in Berlin, und wenn ich sehe, welche Filme da zu sehen sind, die hier nie herauskommen, dann blutet mir das Herz. Mich wundert, dass hier niemand ein zweites Abaton eröffnet.

Aber wäre das nicht Wahnsinn heutzutage, wo alle zu Hause sitzen und Serien gucken?
In Berlin machen immer wieder neue Kinos auf, und Berliner gucken ja auch Serien. Hier in Hamburg gab es in den vergangenen 20 Jahren dagegen ein massives Kinosterben. Warum? Wenn wir mehr Leinwände anbieten würden, dann würden auch mehr Leute ins Kino gehen, da bin ich mir sicher.

Haben wir trotzdem engagierte Filmemacher?
Ich finde, wir haben eine kleine, feine Filmszene. Es entstehen genügend spannende Sachen. Wir haben gute Leute, und denen versuchen wir mit dem Filmfest ein Forum zu bieten. Auch die Filmförderung pflegt sie, damit sie hierbleiben.

Dabei hat Maria Köpf, die Chefin der Filmförderung, doch erklärt, vermehrt große,internationale Produktionen fördern und nach Hamburg holen zu wollen. Der richtige Weg?
Ja, es ist gut, große Produktionen hierher zu holen. Schon allein wegen der Gewerke, die davon profitieren, denn große Produktionen
nutzen die Fazilitäten hier vor Ort. Von kleinen Independent-Produktionen könnendie Filmeditoren oder Kameramänner und -frauen oft nicht leben. Aber wir müssen selbstverständlich auch für die hiesige Branche sorgen. Das tut Maria Köpf auch.

Das heißt, Sie hatten eine tolle bunte Auswahl an lokal produzierten Filmen?
(Lacht) Wir hatten eine Auswahl. Aber was wir nicht haben, ist „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin. Warner wollte den Film nicht bei uns zeigen.
Ich finde das sehr schade, wir haben bislang alle Filme von Fatih gezeigt, und er ist ja der Hamburger Filmemacher mit der größten   internationalen Strahlkraft. Aber damit muss ich leben. Davon abgesehen haben wir zwei große Hamburger Filme, „Es war einmal
Indianerland“ und „Simpel“, die in der Sektion „Kaleidoskop“ laufen. Und dann haben wir noch den Film von der HfbK-Absolventin Helena
Wittmann, „Drift“, sehr arty, sehr edgy Autorenkino, der war in Venedig in einer Nebensektion.

Was bekommen wir denn sonst so dieses Jahr zu sehen?
Wir zeigen 130 Filme aus 59 Ländern. Letztes Jahr waren es noch 160, dieses Jahr mussten wir – mal wieder aus Geldgründen – reduzieren.
Deshalb gibt es zwei Leinwände weniger. Von den 130 Filmen haben nur 34 bisher einen Verleiher, die anderen 96 werden wahrscheinlich nicht
in die deutschen Kinos kommen. 32 Filme sind Debüts und 18 Zweitlingsfilme. Diese Initialzündung für junge Filmemacher, die dadurch bekannter werden und vielleicht auch einen Verleih bekommen, ist für mich eine Hauptaufgabe eines Festivals.

Eröffnet wird das Filmfest mit „Lucky“. Machen Sie uns den doch mal schmackhaft.
Der Regisseur heißt John Carroll Lynch, ist aber weder verwandt noch verschwägert mit David Lynch. Nichtsdestotrotz ist es irgendwie eine Hommage an David Lynch, der auch selber in einer größeren Nebenrolle mitspielt, und „Lucky“ steckt voller Zitate an seine Filme. Mich hat der Film auch deshalb sehr berührt, weil er ein sehr liebevoller, teilweise auch sehr lustiger Film über das Sterben ist. Der Hauptdarsteller Harry
Dean Stanton war 91 Jahre alt, in Wirklichkeit und im Film, und er verabschiedet sich so langsam vom Leben. Am 15. September ist er gestorben,sodass „Lucky“ jetzt zu seinem Vermächtnis wurde, das bewegt mich sehr. Es schließt sich so auch ein Kreis: Stanton
war 1984 Hauptdarsteller in „Paris, Texas“ von Wim Wenders, und dieser bekommt nun den Douglas Sirk Preis. So etwas finde ich schön.

Deshalb haben Sie ihn aber nicht als Preisträger ausgewählt, oder?
Nein (lacht). Mit „Submergence“ bringt er nach seinen Dokumentarfilmen wieder einen tollen, neuen Spielfilm ins Kino. Und er hat es einfach verdient.

/ Interview: Maike Schade / FOTO: NFP MARKETING & DISTRIBUTION/FILMFEST HAMBURG / WOLFGANG SCHILDT / ALAMODE FILM

www.filmfesthamburg.de

The People vs G20. Eine Film-Collage über den Gipfel

Ja, wir haben schon viele Bilder vom G20-Gipfel gesehen. Die Dokumentation „The People vs G20“ von Film Fatal, einer Gruppe junger, kreativer Filmschaffender aus St. Pauli, ist dennoch sehenswert

Die Filmemacher haben die Ereignisse vor und während des Gipfels mit der Kamera begleitet, waren mittendrin – und haben daraus nun eine gekonnt aufbereitete, 27-minütige Collage geschaffen.

 

Keine wackeligen Handybilder, sondern hervorragend fotografierte Eindrücke mit einem fantastisch guten Blick für kleine, aber spannende Details. Mehr Infos zur Gruppe und aktuellen Screenings unter www.facebook.com/stpaulizoo

/Maike Schade / Bilder Premiere: Tobias Neugeschwender / Filmstills: Film Fatal

Wir empfehlen: Nehmt euch die Zeit und schaut rein. Lohnt sich!

 

Bumm Bumm: Magical Mysterie

Die Rückkehr des Karl Schmidt ist der Untertitel der Fortsetzung von Sven Regeners „Herr Lehmann“. Regisseur Arne Feldhusen erzählt in der Verfilmung die Geschichte eines sympathischen Anti-Helden – und feiert mit einer „Magical Mystery Tour“ das Leben, die Liebe und ein Stück deutsche Musikgeschichte: Techno. Am 31. August startet der Film in den Kinos. Das Abaton zeigt den Film im Rahmen eine Preview bereits am 28. August. Maike Schade hat mit dem Regisseur Arne Feldhusen über den Film gesprochen

Text & Interview: Maike Schade / Foto: xDCM / Gordon Timpen

Als die Mauer fiel, wankte auch Karl Schmidt: Er zertrümmerte seine Kunstwerke, wurde von seinem Kumpel Frank ins Urban-Krankenhaus geschleppt. Das war in „Herr Lehmann“, Leander Haußmanns genialer Verfilmung von Sven Regeners gleichnamigen Debütroman.

Jetzt ist er zurück: In „Magical Mystery“, der Verfilmung von Regeners Fortsetzungsroman.

Dieses Mal war Arne Feldhusen, preisgekrönt für „Stromberg“ und den „Tatortreiniger“, der Chef am Set. Und deshalb fühlt sich der Film auch ganz anders an als seinerzeit „Herr Lehmann“. Der taucht auch gar nicht mehr auf, im Mittelpunkt steht Karl Schmidt, grandios verkörpert von Charly Hübner.

Detlev Buck, der 2003 diese Rolle spielte, ist dennoch dabei – als steinreicher Chef des Techno-Labels Bumm-Bumm. Zusammen mit seinem Kumpel Raimund hat Ferdi eine Tour mit DJs durch Deutschland organisiert. Nur der Fahrer fehlt – und da kommt Karl, den sie nur Charly nennen, gerade recht: Als ehemaliger „Multitox“ muss er sowieso nüchtern bleiben.

Denn Karl ist zurück aus der Geschlossenen. Er lebt in einer therapeutischen Drogen-WG in Hamburg, jobbt als Aushilfshausmeister in einem Kinderkurheim. Wechselt Glühbirnen, entpropft verstopfte Klos, versorgt den heimeigenen Minizoo. Die Pillen hat er unlängst abgesetzt; der Blick ist dennoch trüb und leer. Als sein Sozialarbeiter Werner ihn zum sportlichen Urlaub in die Lüneburger Heide schicken will und im Kinderkurheim ein neuer Hausmeister eingestellt wird, entschließt er sich, den Job als Fahrer anzunehmen.

Es ist herrlich mitzuerleben, wie der schmerbäuchige Anti-Held auf der Reise nach und nach Selbstvertrauen gewinnt.

Während er morgens die zugedröhnten, zerfeierten, durchgeknallten DJs aus den Klubs klaubt, den Transporter mit der Bumm-Bumm-Meute über Köln, Hamburg, Bremen, München und ein norddeutsches Dorf mit unaussprechlichem Doppelnamen lenkt, ein Meerschweinchen beerdigt und fast einen psychotischen Schub erleidet, findet er zurück zu sich, ins Leben und zur Liebe. „Magical Mystery“ hat einen traumhaften Cast und ist gespickt mit absurd komischen Details und Dialogen.

Vor allem aber erzählt der Film eine leise, kleine, berührende Geschichte – und feiert mit einem großartigen Soundtrack und fetten Beats ein Stück deutscher Musikgeschichte.

Maike Schade hat mit Regisseur Arne Feldhusen über seinen Film gesprochen.

„Wer all diese absurden Details sehen will, jedes Wort des Romans liebt, den kann ich nicht befriedigen.“

SZENE HAMBURG: Arne, das ist dein erster „historischer“ Film. Wie bist du dazu gekommen?

Arne Feldhusen: Das ist eine lange Geschichte … Ich kenne Charlotte Goltermanns Namen schon sehr lange. Sie ist ja die Frau von Sven Regener, und mittlerweile macht sie für Filme musikalische Beratung. Aber früher, in den 90er Jahren, hatte sie in Hamburg ein Label, Ladomat 2000, ein Sublabel von L’ âge d’ Or. Die haben sich um die neue elektronische Musik gekümmert, aber aus einem Alternative-Umfeld heraus. Und dabei kam ein Mix raus, den ich total spannend fand. Ich hatte jede Ladomat-Platte! International waren die auch richtig erfolgreich. Der Song „From Disco to Disco“ am Ende des Films ist zum Beispiel so ein Ladomat-Song, und der war damals in Italien auf Nummer 1. Die Legende Charlotte Goltermann, die kannte ich damals also schon. Und als wir beim „Stromberg“-Film dann zusammengearbeitet haben, bei dem sie musikalische Beratung gemacht hat, hat sie mir den Roman gegeben. Er hat mich sofort angesprochen.

Was daran?

Nicht unbedingt das Musikalische, auch wenn man sich daran erinnert, weil man dabei war. Ich wollte keinen Musikfilm machen. Musik ist für mich total wichtig, sowieso, aber nur, um etwas zu unterstützen. Aber einen reinen Musikfilm, nein … Hast du das Gefühl, dass es das geworden ist?

Nein. Die Musik ist nur der Rahmen. Für mich ist das zum einen eine Liebesgeschichte. Vor allem aber die Geschichte von einer … äh, wie heißt das? … Ins-Leben-Zurückfindung.

Das ist schön. Dann ist es so geworden wie gedacht. Was mich vor allem bei diesem Buch gepackt hat, sind die Dialoge. Und die Figuren. Wenn er da über vier Seiten einen fast dadaistischen Dialog von Chaoten gibt, der eigentlich keinen Sinn hat, dann aber irgendwie ja doch. Das Ganze ist ja irgendwie eine Geschichte, bei der man denkt: Wo ist denn da die Geschichte? Aber dann merkt man, dass es eine Entwicklung ist, die genug Geschichte hat. Ich glaube, ich fühlte mich dem auch so nahe, weil Sven das ja auch aus der Distanz beschreibt. Ich war ja auch nie wirklich in der Techno-Szene, auch wenn ich manchmal aufgelegt habe, aber Sven hat da ja quasi eingeheiratet. Er ist immer Rockmusiker gewesen und hat sich das mit einem Astra von der Seite aus angeguckt. Dadurch hat er diese gute Distanz, die ich wichtig finde. Sie ist nicht groß, er war ja mittendrin, aber sie ist da. Auf gute Weise.

Sven Regener hat auch das Drehbuch geschrieben. Hat er dir am Set dann reingebratzelt?

Nein. Das geht auch nicht. Wir haben zusammen am Drehbuch gearbeitet – also, ich bin kein Autor, das ist ausschließlich Sven. Ich habe nur gesagt: Ja, das geht in die richtige Richtung, das kann man machen, da würde ich nochmal drüber nachdenken. Und als es  dann losging, hatte ich natürlich noch Fragen über Details, die ihm und auch Charlotte wichtig sind, es ist ja ihre Welt. Aber dann ist das irgendwann abgeschlossen, und dann beginnt meine Reise. Die können sich dann auch zurücklehnen, für mich ist der größte Druck am Set sowieso, dass ich will, dass es dem Autor gefällt.

Nicht dem Zuschauer?

Nein. Also klar, natürlich muss es dem Zuschauer gefallen. Ich mache ja sowieso nur Unterhaltung.

Nur?

Ja … Aber das ist anders. Ich muss mich erst mal selber auf etwas Neues einlassen, und hoffe gleichzeitig, dass ich die Zuschauer mitnehmen kann. Vorher aber muss ich dem Autor das Gefühl geben, dass ich verstanden habe, was er eigentlich sagen will. Das heißt nicht, dass ich alles genau so mache wie im Buch. Das funktioniert hier sowieso nicht, dieses Buch könnte man nicht eins zu eins verfilmen. Wer all diese absurden Details sehen will, jedes Wort des Romans liebt, den kann ich nicht befriedigen. Sondern nur den, der die Idee dahinter versteht und Bock drauf hat. Ich wollte auch nicht in diesem Regener-Haußmann-Buck-Kosmos von „Herr Lehmann“ rühren, sondern eher ein bisschen dagegen anstinken. Aber in dem Moment, wo Buck dabei war, ging das schon nicht mehr (lacht).

Magical Mysteriy

Arbeitsfoto; Arne Feldhusen (Regie)

Warum ist er denn dann dabei? Und warum ist er nicht Karl Schmidt, wie in „Herr Lehmann“?

Dass er dabei ist, ist etwas anderem geschuldet. Es war überhaupt nicht der Plan, dass Buck am Set seinem Alter Ego von früher begegnet. Für die Rolle von Karl Schmidt ist er mittlerweile auch einfach zu alt, der durfte ja nur ein paar Jahre älter sein als damals und nicht in dem Alter, in dem Buck jetzt ist. Aber das war auch nie Thema. Ich brauchte einen Ferdi, jemanden, der aus einer sehr lockeren Zeit kommt, ein bisschen hippiesk, der unbedingt noch dieses Gemeinschaftsstiftende will und eine Gruppe anführen kann. Das hat Buck sowieso alles. Und auch eine gewisse Traurigkeit, aber trotzdem etwas unfassbar Optimistisches, Fröhliches. Er ist jemand, der die anderen zusammenbringt. Das war für die Truppe etwas unheimlich Wichtiges.

Die reale Truppe? Oder die im Film?

Beides, das kann man nicht trennen. In dem Moment, in dem ich eine Geschichte mit solchen Individuen erzähle, erzähle ich sie mit Schauspielern, die ähnlich sind.

Die waren also in den Drehpausen genauso ein Chaotenhaufen wie im Film?!

Ja … (seufzt). Und deswegen war es auch so wichtig, dass das passt. Wenn man sich auf Leute stürzt, die eben mal das Maul aufreißen, sozusagen, dann muss man das eben auch ein bisschen lenken. Dann musst du dich beim Casting auch von Schauspielern verabschieden, die zwar großartig sind und eigentlich auch gut passen, aber die Truppe aus diesen sehr speziellen Persönlichkeiten nicht homogen machen. Ist mir irgendwie geglückt.

Ihr geht ja jetzt auf Kino-Tour. Wer passt denn dann auf euch auf?

Na, Buck(lacht)! Nein, ich weiß nicht, am Set war ich ja sehr, zu sehr in der Funktion des Regieführenden. Ich dachte oft: Schade, ich würde jetzt gern mit denen mehr Spaß haben. Aber ich musste mich die ganze Zeit zu sehr auf die Arbeit konzentrieren. Das wird jetzt definitv anders, wenn wir zusammen unterwegs sind.

Die Tanz- und Partyszenen wirken sehr authentisch. Wie habt ihr das so gut hinbekommen?

Das ist tatsächlich nicht so einfach, in vielen Filmen wirkt das eigentlich nur peinlich. Weil es ein enormer Aufwand ist. Bei uns haben sich die Tänzer vorher stundenlang eingetanzt. Aber das war mir eben wichtig. Gerade, wenn man die Szene kennt und mag, ist der Anspruch, es real wirken zu lassen, besonders hoch.

Ich habe den lustigen Äpfel-Pflück-Tanz vermisst …

Mir ging es ja nicht darum, die diversen Tanzstile damals zu zeigen. Ich wollte nicht noch einmal aufreißen, was damals alles neu und aufregend war. Das Thema wird ja durchaus behandelt, zum Beispiel durch diese riesigen Handys, die damals aufkamen. Aber ich wollte keinen Museumsfilm machen, es ging mir um Charlys Geschichte. Dass es da jemanden gibt, der in der richtigen Zeit den richtigen Schritt tut. Es ist viel wichtiger, was es mit Charly macht, wenn er zum ersten Mal wieder in einen Club kommt. Es geht um ein Gefühl und nicht um die Art, wie die da tanzen.

Trotzdem habt ihr eine Reihe damaliger Techno-Stars dabei: Westbam, Hans Nieswandt, Justus Köhncke, die Voigt-Brüder. Warum stehen die – bis auf Nieswandt –  nicht auch mal am Plattenteller?

Nein, es ging nicht darum, dass man die auflegen sieht. Die sind jetzt 20 Jahre älter, die müssen jetzt nicht nochmal die flotten DJs von damals spielen. Ich finde es viel besser zu sagen: Du bist jetzt hier der Gyros-Mann. Oder der Buchhändler. Für diejenigen, die sie aber vielleicht trotzdem erkennen, ist das bestimmt schön. Es schlägt eine Brücke von damals zu heute.

Habt ihr deshalb auch entschieden, nicht die Originalmusik von damals zu verwenden, sondern einen Soundtrack zu komponieren?

Genau. Wir brauchten ja unheimlich viel Musik, hatten aber nur ein sehr überschaubares Budget. Alle Künstler haben deshalb einfach das Gleiche bekommen, und das war nichts, womit man jetzt die große Mark macht. Deshalb freue ich mich besonders, dass so viele mitgemacht haben. Erobique zum Beispiel, also Carsten Meyer aus Hamburg, oder Westbam, Modeselektor und Deichkind. Die haben den „HalluHillu“-Hit von den HostiBros gemacht. Das ist ein Track, der früher vielleicht ja sogar ein Hit geworden wäre. Heute kann man das eigentlich nur lustig finden.

Ab 31.8.17 im Kino,  Preview am 28.8.17 im Abaton, 20 Uhr

Dalida

Melancholisches und berührendes Portrait eines Mega-Stars, der vergeblich von bürgerlicher Idylle träumte.

Dalida beging am 3. Mai 1987 Selbstmord, 54 Jahre war sie alt und eine der berühmtesten Chansonsängerinnen Frankreichs. Mehr als 2000 Lieder in 15 Sprachen hat sie aufgenommen, produzierte einen Hit nach dem anderen: „Ciao, ciao bambina“, „Am Tag, als der Regen kam“, „Besame Mucho“, „Gigi L’Amoroso“ oder auch „Paroles, paroles”. Als erste Künstlerin erhielt sie eine Diamantene Schallplatte – doch Zahlen sagen wenig über den Menschen aus.

Lisa Azuelos (“LOL”) gelingt mit „Dalida” das scheinbar Unmögliche, eine Annäherung an den Mythos. Die französische Regisseurin und Drehbuchautorin schildert die Protagonistin ihres Films zwischen Triumphen und Niederlagen als eine Frau voller Widersprüche: auf der Bühne glamourös, atemberaubend, privat oft verzweifelt, einsam, auch wenn die Männer, gleich welchen Alters sie umschwärmen. Ihre Schönheit, Eleganz, ihr Lächeln, jene unvergleichliche Stimme mit dem tiefen, dunklen Timbre und dem rollenden „R“ verzaubert sie alle.

Dalida, 1933 als Kind italienischer Einwanderer in Kairo geboren, heißt mit bürgerlichem Namen Yolande Gigliotti. Sie ist eine unkonventionelle, mutige Frau, ihrer Zeit weit voraus, bereit, wenn es sein muss, jedes Tabu zu brechen. Und doch taugt sie nicht zur Rebellin. Im Gegenteil, eigentlich würde die begnadete Sängerin nur zu gern mit einem ihrer Fans tauschen, Kinder haben, daheim den Haushalt führen, die Karriere aufgeben.

Grandios, wie sich Sveva Alviti in Dalida verwandelt, als Ikone der Popkultur im Scheinwerferlicht zur Chronistin ihres eigenen Leids wird. Während die Chansons dreier Jahrzehnte mit der Handlung verschmelzen, begreift der Zuschauer zum ersten Mal wirklich die Texte, die Tragweite ihrer Worte, den Schmerz, die Hoffnungslosigkeit („Je suis malade”). Ob Heirat oder Liaison, alle Beziehungen enden ohne Ausnahme tragisch. Ihre große Liebe, der italienische Sänger Luigi Tencon, bringt sich 1967 während des Festivals in San Remo um, als der gemeinsame Beitrag “Ciao amore, ciao“ bei der Jury durchfällt. Wenig später will auch Dalida sterben. Mehrere Tage liegt sie im Koma. Selbst der Tod hätte sie nicht gewollt, sagt sie später.

Regie: Lisa Azuelos. Mit Sveva Alviti, Riccardo Scamarcio, Jean-Paul Rouve. Ab 10. August

/ Text: Anna Grillet / Fotos: Luc Roux

(9.1.) Film, „Score: Eine Geschichte der Filmmusik“, Abaton, 20 Uhr

Und Tusch! Hinter jedem großen Film steckt ein großer Komponist. Matt Schrader erklärt in seiner Doku hinreißend, welche Arten von Filmmusik es gibt, welche Wirkung sie hat und wie große Hollywood-Komponisten arbeiten

Was wären die Badeszenen in „Der weiße Hai“ ohne das unheilverkündende bamm-bamm, bamm-bamm? Eine fröhliche Planscherei. Die Duschszene in Hitchcocks „Psycho“ ohne die schrillen, dissonanten, wahnsinnig kreischenden Streicher? Harmlos. Und die Abschiedssequenz in „E.T.“? Traurig, ja. Aber weder würden ohne die zauberschöne Melodie Tränen in die Augen schießen noch würde sich ohne die triumphale Fanfare beim Abheben des Raumschiffs ein leises Lächeln auf die Lippen stehlen. Kurz: Erst die richtige Musik macht aus einem Film einen wirklich guten.

Dass dies (und warum es) so ist, erklärt Filmemacher Matt Schrader überaus spannend in seinem Dokumentarfilm „Score Eine Geschichte der Filmmusik“. Beginnend mit der Stummfilmzeit nimmt er uns mit auf eine Reise durch hundert Jahre Filmgeschichte, zeigt anhand von Meilensteinen die Entwicklung der Filmkomposition durch die Jahrzehnte hinHightech-Filmweg auf. Er hat viele der genialsten Hollywood-Komponisten zum Interview getroffen oder spannendes Archivmaterial ausgegraben.

Vom leeren Blatt zu großer Emotion

Vorgestellt oder befragt werden unter anderem Ennio Morricone („Spiel mir das Lied vom Tod, „The Hateful Eight“), Danny Elfman („Batman“, „Good Will Hunting“), John Williams („Schindlers Liste“, „E.T.“, „Der weiße Hai“), Howard Shore („Der Herr der Ringe“), John Barry („Der mit dem Wolf tanzt“), Thomas Newman („James Bond 007: Skyfall“) und natürlich Hans Zimmer („Rainman“, „Blade Runner 2049“, „Fluch der Karibik“).

Sie alle plaudern aus dem Nähkästchen, wir sehen sie bei der Arbeit, lernen die verschiedenen Herangehensweisen kennen und die Abläufe vom leeren Notenblatt bis hin zum fertig gemischten Soundtrack. Dazu gibt’s ein paar wissenschaftliche Erklärungen, warum und wie Musik überhaupt Emotionen auslöst. Und natürlich: Filmausschnitte. Die emotional gewaltigsten Szenen großartiger Filme – allein das lohnt schon den Kinogang.

/ Maike Schade / Foto: 2017 Epicleff Media / NFP Marketing & Distribution

Abaton Kino 
9.1.18, 20 Uhr / Sondervorstellung mit Gästen in Kooperation mit Media Sound Hamburg  

(7.1.) Film, „Die Spur“, 3001 Kino, 19 Uhr

Janina Duszejko (Agnieszka Mandat) darf man nur mit ihrem Nachnamen anreden. Die pensionierte Eigenbrötlerin wohnt in einer Hütte inmitten des dicht bewaldeten polnisch-tschechischen Grenzgebiets. Bei den Bewohnern des nahegelegenen Dorfes gilt sie als spinnerte Kräuterhexe. Jeden Morgen streift sie mit ihren beiden Hunden über taufrische Wiesen, um mit ausgebreiteten Armen die aufgehende Sonne zu begrüßen. Doch dann verschwinden ihre Lieblinge urplötzlich. Duszejko weiß instinktiv: Es war Mord!

Die Wälder rings um ihre Hütte sind nämlich erbarmungslos umkämpftes Kriegsgebiet, der Boden blutgetränkt. Alle männlichen Dorfbewohner sind besessene Jäger, selbst Wilderei gilt unter ihnen als Kavaliersdelikt. Duszejkos energisch vorgetragene Tierschutz-Forderungen ringen dem tumben Polizeichef nur ein genervtes Lächeln ab … Lass die verdrehte Vegetarierin doch reden! Selbst von höchster Stelle wird die Barbarei gedeckt: Der Pfarrer belehrt Duszejko, dass Tiere keine Rechte haben, da ihnen die Seele fehlt.

Und dann setzt plötzlich ein rätselhaftes Jägersterben ein: Ein Flinten-Macho nach dem anderen liegt im Wald, nun selber hinterrücks ermordet. Neben den Leichen finden sich Tierspuren! Erhebt sich hier die Natur gegen ihre Vergewaltiger und schlägt gnadenlos zurück?

Ein Öko-Hexenmärchen

In Agnieska Hollands Öko-Hexenmärchen stehen sich zwei gänzlich unversöhnliche Parteien gegenüber. Zugespitzter Vergleich: Ein schwer bewaffneter Wladimir Putin, hoch zu Ross und oben ohne, gegen Claudia Roth mit Camouflage-Bemalung, die ihm im Unterholz auflauert. Der Film liefert großartige Naturaufnahmen, oft wie aus Sicht der Wildtiere eingefangen. Das urwüchsige Setting versprüht einen Hauch von „Twin Peaks“.

Doch vor lauter Atmosphäre entgleitet der Regisseurin leider irgendwann der rote Erzählfaden: Viel zu viele, zudem oft arg klischeehaft gezeichnete Figuren treten sich gegenseitig auf die Füße und die Handlung wird immer konfuser, bleibt aber trotzdem irgendwie vorhersehbar. So sieht dieses wunderliche Whodunit den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.

/ Calle Claus

3001 Kino 
7.1.18, 19 Uhr