Filmfest Hamburg. Interview mit Festivalchef Albert Wiederspiel

Seit Donnerstag, 5. Oktober läuft das 25. Filmfest Hamburg. Zehn Tage Bilderrausch: Festivalchef Albert Wiederspiel verrät im Gespräch, was zu sehen sein wird. Und was nicht.

SZENE HAMBURG: Sie sind seit 15 Jahren Filmfest-Chef. Worauf sind Sie stolz?
Albert Wiederspiel: Ich denke, mir ist es gelungen, es größer zu machen. Ich wollte ein breiteres Publikum erreichen und habe deshalb gehobenen Mainstream als Lokomotive für die anderen Filme mit hineingenommen. Ich finde, das gehört genauso dazu wie der sehr fragile Kunstfilm, den wir auch im Programm haben. Zum Beispiel hat der Kurator unserer spanischund portugiesischsprachigen Sektion „Vitrina“ einen sehr künstlerischen Geschmack, und so sind die Filme auch.

Trotzdem kritisieren manche, dass es an Glamour und großen Namen mangelt. Und dass Hamburg nur noch ein Nachspielfestival von Cannes und Venedig ist.Das mit dem Nachspielfestival stimmt. Nur die A-Festivals haben die ganz großen Filme. Wir anderen spielen alle nach, was in Berlin, Cannes oder Venedig läuft. Nicht nur, aber viel davon. Wir haben im vergangenen Jahr mit Ewan McGregor eröffnet, das Jahr davor mit Catherine Deneuve, ich finde, das ist mit Hinblick auf Glamour und Namen schon nicht schlecht.

 

„Wenn wir mehr Leinwände anbieten würden, dann würden auch mehr Leute ins Kino gehen, da bin ich mir sicher.“

 

Stimmt. Aber ein paar mehr Stars wären doch schön?
Es ist ja nicht so, dass wir keine Stars haben. In diesem Jahr kommen unter anderem François Ozon, Ruben Östlund, Claes Bang, Vanessa Paradis, Volker Schlöndorff und Wim Wenders. Und viele mehr! Grundsätzlich ist das jedoch eine finanzielle Frage. Stars sind teuer. Die fliegen nicht mit Ryan Air für 29,90 Euro ohne Gepäck. Und unser Budget ist sehr eng, wir haben eine Zuwendung von 750.000 Euro. Davon kriegst du keine Stars, die Business Class fliegen wollen, nach Hamburg. Um das mal salopp zu sagen.

Hätten Sie gerne ein A-Festival?
Nein! Ein A-Festival in Deutschland reicht. Und dann ist auch das wieder eine Geldfrage. Ich glaube, die Berlinale hat eine Zuwendung von acht
Millionen Euro, das Jahresbudget liegt bei 24 Millionen. Das ganze Filmfest Hamburg kostet 1,1 Millionen. Wir reden da über völlig verschiedenen Ligen.

Trotzdem wäre es schön, wenn das Hamburger Filmfest mehr Aufmerksamkeit bekäme. Wie wollen Sie das erreichen?
Ich finde, in der Stadt haben wir mittlerweile einen gewissen Bekanntheitsgrad. Wir haben de facto überhaupt kein Marketing-Budget. Das Geld reicht aus, um ein anspruchsvolles Programm zusammenzustellen und die Gäste einzuladen – denn auch wenn das vielleicht nicht die ganz großen Stars sind, kostet das. Aber ohne Gäste kein Festival!

Wird Film von der Stadt zu wenig geschätzt?
Eine schwierige Frage. Ich würde behaupten, Hamburg hat einen eher konservativen Kulturgeschmack, man ist mehr auf die traditionellen
hohen Künste fixiert. Museum, Theater, Oper. Und vor allem legt die Stadt derzeit eine deutliche Priorität auf die Musik. Wir haben ja gerade die Elphi bekommen, die muss bekannt und gefüllt werden, das verstehe ich auch.

 

„Wir zeigen 130 Filme aus 59 Ländern. Letztes Jahr waren es noch 160, dieses Jahr mussten wir – mal wieder aus Geldgründen – reduzieren.“

 

Und bei den Bürgern?
Auch da gibt es meiner Meinung nach eine Präferenz für die klassischen Künste. Allerdings ist es aber auch eine Sache von Angebot und Nachfrage. Uns fehlen Kinos. Wir haben engagierte Stadtteilkinos, aber nur wenige echte Programmkinos. Zu wenige für eine Stadt mit knapp zwei Millionen Einwohnern. Ich wohne ja teilweise auch in Berlin, und wenn ich sehe, welche Filme da zu sehen sind, die hier nie herauskommen, dann blutet mir das Herz. Mich wundert, dass hier niemand ein zweites Abaton eröffnet.

Aber wäre das nicht Wahnsinn heutzutage, wo alle zu Hause sitzen und Serien gucken?
In Berlin machen immer wieder neue Kinos auf, und Berliner gucken ja auch Serien. Hier in Hamburg gab es in den vergangenen 20 Jahren dagegen ein massives Kinosterben. Warum? Wenn wir mehr Leinwände anbieten würden, dann würden auch mehr Leute ins Kino gehen, da bin ich mir sicher.

Haben wir trotzdem engagierte Filmemacher?
Ich finde, wir haben eine kleine, feine Filmszene. Es entstehen genügend spannende Sachen. Wir haben gute Leute, und denen versuchen wir mit dem Filmfest ein Forum zu bieten. Auch die Filmförderung pflegt sie, damit sie hierbleiben.

Dabei hat Maria Köpf, die Chefin der Filmförderung, doch erklärt, vermehrt große,internationale Produktionen fördern und nach Hamburg holen zu wollen. Der richtige Weg?
Ja, es ist gut, große Produktionen hierher zu holen. Schon allein wegen der Gewerke, die davon profitieren, denn große Produktionen
nutzen die Fazilitäten hier vor Ort. Von kleinen Independent-Produktionen könnendie Filmeditoren oder Kameramänner und -frauen oft nicht leben. Aber wir müssen selbstverständlich auch für die hiesige Branche sorgen. Das tut Maria Köpf auch.

Das heißt, Sie hatten eine tolle bunte Auswahl an lokal produzierten Filmen?
(Lacht) Wir hatten eine Auswahl. Aber was wir nicht haben, ist „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin. Warner wollte den Film nicht bei uns zeigen.
Ich finde das sehr schade, wir haben bislang alle Filme von Fatih gezeigt, und er ist ja der Hamburger Filmemacher mit der größten   internationalen Strahlkraft. Aber damit muss ich leben. Davon abgesehen haben wir zwei große Hamburger Filme, „Es war einmal
Indianerland“ und „Simpel“, die in der Sektion „Kaleidoskop“ laufen. Und dann haben wir noch den Film von der HfbK-Absolventin Helena
Wittmann, „Drift“, sehr arty, sehr edgy Autorenkino, der war in Venedig in einer Nebensektion.

Was bekommen wir denn sonst so dieses Jahr zu sehen?
Wir zeigen 130 Filme aus 59 Ländern. Letztes Jahr waren es noch 160, dieses Jahr mussten wir – mal wieder aus Geldgründen – reduzieren.
Deshalb gibt es zwei Leinwände weniger. Von den 130 Filmen haben nur 34 bisher einen Verleiher, die anderen 96 werden wahrscheinlich nicht
in die deutschen Kinos kommen. 32 Filme sind Debüts und 18 Zweitlingsfilme. Diese Initialzündung für junge Filmemacher, die dadurch bekannter werden und vielleicht auch einen Verleih bekommen, ist für mich eine Hauptaufgabe eines Festivals.

Eröffnet wird das Filmfest mit „Lucky“. Machen Sie uns den doch mal schmackhaft.
Der Regisseur heißt John Carroll Lynch, ist aber weder verwandt noch verschwägert mit David Lynch. Nichtsdestotrotz ist es irgendwie eine Hommage an David Lynch, der auch selber in einer größeren Nebenrolle mitspielt, und „Lucky“ steckt voller Zitate an seine Filme. Mich hat der Film auch deshalb sehr berührt, weil er ein sehr liebevoller, teilweise auch sehr lustiger Film über das Sterben ist. Der Hauptdarsteller Harry
Dean Stanton war 91 Jahre alt, in Wirklichkeit und im Film, und er verabschiedet sich so langsam vom Leben. Am 15. September ist er gestorben,sodass „Lucky“ jetzt zu seinem Vermächtnis wurde, das bewegt mich sehr. Es schließt sich so auch ein Kreis: Stanton
war 1984 Hauptdarsteller in „Paris, Texas“ von Wim Wenders, und dieser bekommt nun den Douglas Sirk Preis. So etwas finde ich schön.

Deshalb haben Sie ihn aber nicht als Preisträger ausgewählt, oder?
Nein (lacht). Mit „Submergence“ bringt er nach seinen Dokumentarfilmen wieder einen tollen, neuen Spielfilm ins Kino. Und er hat es einfach verdient.

/ Interview: Maike Schade / FOTO: NFP MARKETING & DISTRIBUTION/FILMFEST HAMBURG / WOLFGANG SCHILDT / ALAMODE FILM

www.filmfesthamburg.de

The People vs G20. Eine Film-Collage über den Gipfel

Ja, wir haben schon viele Bilder vom G20-Gipfel gesehen. Die Dokumentation „The People vs G20“ von Film Fatal, einer Gruppe junger, kreativer Filmschaffender aus St. Pauli, ist dennoch sehenswert

Die Filmemacher haben die Ereignisse vor und während des Gipfels mit der Kamera begleitet, waren mittendrin – und haben daraus nun eine gekonnt aufbereitete, 27-minütige Collage geschaffen.

 

Keine wackeligen Handybilder, sondern hervorragend fotografierte Eindrücke mit einem fantastisch guten Blick für kleine, aber spannende Details. Mehr Infos zur Gruppe und aktuellen Screenings unter www.facebook.com/stpaulizoo

/Maike Schade / Bilder Premiere: Tobias Neugeschwender / Filmstills: Film Fatal

Wir empfehlen: Nehmt euch die Zeit und schaut rein. Lohnt sich!

 

Bumm Bumm: Magical Mysterie

Die Rückkehr des Karl Schmidt ist der Untertitel der Fortsetzung von Sven Regeners „Herr Lehmann“. Regisseur Arne Feldhusen erzählt in der Verfilmung die Geschichte eines sympathischen Anti-Helden – und feiert mit einer „Magical Mystery Tour“ das Leben, die Liebe und ein Stück deutsche Musikgeschichte: Techno. Am 31. August startet der Film in den Kinos. Das Abaton zeigt den Film im Rahmen eine Preview bereits am 28. August. Maike Schade hat mit dem Regisseur Arne Feldhusen über den Film gesprochen

Text & Interview: Maike Schade / Foto: xDCM / Gordon Timpen

Als die Mauer fiel, wankte auch Karl Schmidt: Er zertrümmerte seine Kunstwerke, wurde von seinem Kumpel Frank ins Urban-Krankenhaus geschleppt. Das war in „Herr Lehmann“, Leander Haußmanns genialer Verfilmung von Sven Regeners gleichnamigen Debütroman.

Jetzt ist er zurück: In „Magical Mystery“, der Verfilmung von Regeners Fortsetzungsroman.

Dieses Mal war Arne Feldhusen, preisgekrönt für „Stromberg“ und den „Tatortreiniger“, der Chef am Set. Und deshalb fühlt sich der Film auch ganz anders an als seinerzeit „Herr Lehmann“. Der taucht auch gar nicht mehr auf, im Mittelpunkt steht Karl Schmidt, grandios verkörpert von Charly Hübner.

Detlev Buck, der 2003 diese Rolle spielte, ist dennoch dabei – als steinreicher Chef des Techno-Labels Bumm-Bumm. Zusammen mit seinem Kumpel Raimund hat Ferdi eine Tour mit DJs durch Deutschland organisiert. Nur der Fahrer fehlt – und da kommt Karl, den sie nur Charly nennen, gerade recht: Als ehemaliger „Multitox“ muss er sowieso nüchtern bleiben.

Denn Karl ist zurück aus der Geschlossenen. Er lebt in einer therapeutischen Drogen-WG in Hamburg, jobbt als Aushilfshausmeister in einem Kinderkurheim. Wechselt Glühbirnen, entpropft verstopfte Klos, versorgt den heimeigenen Minizoo. Die Pillen hat er unlängst abgesetzt; der Blick ist dennoch trüb und leer. Als sein Sozialarbeiter Werner ihn zum sportlichen Urlaub in die Lüneburger Heide schicken will und im Kinderkurheim ein neuer Hausmeister eingestellt wird, entschließt er sich, den Job als Fahrer anzunehmen.

Es ist herrlich mitzuerleben, wie der schmerbäuchige Anti-Held auf der Reise nach und nach Selbstvertrauen gewinnt.

Während er morgens die zugedröhnten, zerfeierten, durchgeknallten DJs aus den Klubs klaubt, den Transporter mit der Bumm-Bumm-Meute über Köln, Hamburg, Bremen, München und ein norddeutsches Dorf mit unaussprechlichem Doppelnamen lenkt, ein Meerschweinchen beerdigt und fast einen psychotischen Schub erleidet, findet er zurück zu sich, ins Leben und zur Liebe. „Magical Mystery“ hat einen traumhaften Cast und ist gespickt mit absurd komischen Details und Dialogen.

Vor allem aber erzählt der Film eine leise, kleine, berührende Geschichte – und feiert mit einem großartigen Soundtrack und fetten Beats ein Stück deutscher Musikgeschichte.

Maike Schade hat mit Regisseur Arne Feldhusen über seinen Film gesprochen.

„Wer all diese absurden Details sehen will, jedes Wort des Romans liebt, den kann ich nicht befriedigen.“

SZENE HAMBURG: Arne, das ist dein erster „historischer“ Film. Wie bist du dazu gekommen?

Arne Feldhusen: Das ist eine lange Geschichte … Ich kenne Charlotte Goltermanns Namen schon sehr lange. Sie ist ja die Frau von Sven Regener, und mittlerweile macht sie für Filme musikalische Beratung. Aber früher, in den 90er Jahren, hatte sie in Hamburg ein Label, Ladomat 2000, ein Sublabel von L’ âge d’ Or. Die haben sich um die neue elektronische Musik gekümmert, aber aus einem Alternative-Umfeld heraus. Und dabei kam ein Mix raus, den ich total spannend fand. Ich hatte jede Ladomat-Platte! International waren die auch richtig erfolgreich. Der Song „From Disco to Disco“ am Ende des Films ist zum Beispiel so ein Ladomat-Song, und der war damals in Italien auf Nummer 1. Die Legende Charlotte Goltermann, die kannte ich damals also schon. Und als wir beim „Stromberg“-Film dann zusammengearbeitet haben, bei dem sie musikalische Beratung gemacht hat, hat sie mir den Roman gegeben. Er hat mich sofort angesprochen.

Was daran?

Nicht unbedingt das Musikalische, auch wenn man sich daran erinnert, weil man dabei war. Ich wollte keinen Musikfilm machen. Musik ist für mich total wichtig, sowieso, aber nur, um etwas zu unterstützen. Aber einen reinen Musikfilm, nein … Hast du das Gefühl, dass es das geworden ist?

Nein. Die Musik ist nur der Rahmen. Für mich ist das zum einen eine Liebesgeschichte. Vor allem aber die Geschichte von einer … äh, wie heißt das? … Ins-Leben-Zurückfindung.

Das ist schön. Dann ist es so geworden wie gedacht. Was mich vor allem bei diesem Buch gepackt hat, sind die Dialoge. Und die Figuren. Wenn er da über vier Seiten einen fast dadaistischen Dialog von Chaoten gibt, der eigentlich keinen Sinn hat, dann aber irgendwie ja doch. Das Ganze ist ja irgendwie eine Geschichte, bei der man denkt: Wo ist denn da die Geschichte? Aber dann merkt man, dass es eine Entwicklung ist, die genug Geschichte hat. Ich glaube, ich fühlte mich dem auch so nahe, weil Sven das ja auch aus der Distanz beschreibt. Ich war ja auch nie wirklich in der Techno-Szene, auch wenn ich manchmal aufgelegt habe, aber Sven hat da ja quasi eingeheiratet. Er ist immer Rockmusiker gewesen und hat sich das mit einem Astra von der Seite aus angeguckt. Dadurch hat er diese gute Distanz, die ich wichtig finde. Sie ist nicht groß, er war ja mittendrin, aber sie ist da. Auf gute Weise.

Sven Regener hat auch das Drehbuch geschrieben. Hat er dir am Set dann reingebratzelt?

Nein. Das geht auch nicht. Wir haben zusammen am Drehbuch gearbeitet – also, ich bin kein Autor, das ist ausschließlich Sven. Ich habe nur gesagt: Ja, das geht in die richtige Richtung, das kann man machen, da würde ich nochmal drüber nachdenken. Und als es  dann losging, hatte ich natürlich noch Fragen über Details, die ihm und auch Charlotte wichtig sind, es ist ja ihre Welt. Aber dann ist das irgendwann abgeschlossen, und dann beginnt meine Reise. Die können sich dann auch zurücklehnen, für mich ist der größte Druck am Set sowieso, dass ich will, dass es dem Autor gefällt.

Nicht dem Zuschauer?

Nein. Also klar, natürlich muss es dem Zuschauer gefallen. Ich mache ja sowieso nur Unterhaltung.

Nur?

Ja … Aber das ist anders. Ich muss mich erst mal selber auf etwas Neues einlassen, und hoffe gleichzeitig, dass ich die Zuschauer mitnehmen kann. Vorher aber muss ich dem Autor das Gefühl geben, dass ich verstanden habe, was er eigentlich sagen will. Das heißt nicht, dass ich alles genau so mache wie im Buch. Das funktioniert hier sowieso nicht, dieses Buch könnte man nicht eins zu eins verfilmen. Wer all diese absurden Details sehen will, jedes Wort des Romans liebt, den kann ich nicht befriedigen. Sondern nur den, der die Idee dahinter versteht und Bock drauf hat. Ich wollte auch nicht in diesem Regener-Haußmann-Buck-Kosmos von „Herr Lehmann“ rühren, sondern eher ein bisschen dagegen anstinken. Aber in dem Moment, wo Buck dabei war, ging das schon nicht mehr (lacht).

Magical Mysteriy

Arbeitsfoto; Arne Feldhusen (Regie)

Warum ist er denn dann dabei? Und warum ist er nicht Karl Schmidt, wie in „Herr Lehmann“?

Dass er dabei ist, ist etwas anderem geschuldet. Es war überhaupt nicht der Plan, dass Buck am Set seinem Alter Ego von früher begegnet. Für die Rolle von Karl Schmidt ist er mittlerweile auch einfach zu alt, der durfte ja nur ein paar Jahre älter sein als damals und nicht in dem Alter, in dem Buck jetzt ist. Aber das war auch nie Thema. Ich brauchte einen Ferdi, jemanden, der aus einer sehr lockeren Zeit kommt, ein bisschen hippiesk, der unbedingt noch dieses Gemeinschaftsstiftende will und eine Gruppe anführen kann. Das hat Buck sowieso alles. Und auch eine gewisse Traurigkeit, aber trotzdem etwas unfassbar Optimistisches, Fröhliches. Er ist jemand, der die anderen zusammenbringt. Das war für die Truppe etwas unheimlich Wichtiges.

Die reale Truppe? Oder die im Film?

Beides, das kann man nicht trennen. In dem Moment, in dem ich eine Geschichte mit solchen Individuen erzähle, erzähle ich sie mit Schauspielern, die ähnlich sind.

Die waren also in den Drehpausen genauso ein Chaotenhaufen wie im Film?!

Ja … (seufzt). Und deswegen war es auch so wichtig, dass das passt. Wenn man sich auf Leute stürzt, die eben mal das Maul aufreißen, sozusagen, dann muss man das eben auch ein bisschen lenken. Dann musst du dich beim Casting auch von Schauspielern verabschieden, die zwar großartig sind und eigentlich auch gut passen, aber die Truppe aus diesen sehr speziellen Persönlichkeiten nicht homogen machen. Ist mir irgendwie geglückt.

Ihr geht ja jetzt auf Kino-Tour. Wer passt denn dann auf euch auf?

Na, Buck(lacht)! Nein, ich weiß nicht, am Set war ich ja sehr, zu sehr in der Funktion des Regieführenden. Ich dachte oft: Schade, ich würde jetzt gern mit denen mehr Spaß haben. Aber ich musste mich die ganze Zeit zu sehr auf die Arbeit konzentrieren. Das wird jetzt definitv anders, wenn wir zusammen unterwegs sind.

Die Tanz- und Partyszenen wirken sehr authentisch. Wie habt ihr das so gut hinbekommen?

Das ist tatsächlich nicht so einfach, in vielen Filmen wirkt das eigentlich nur peinlich. Weil es ein enormer Aufwand ist. Bei uns haben sich die Tänzer vorher stundenlang eingetanzt. Aber das war mir eben wichtig. Gerade, wenn man die Szene kennt und mag, ist der Anspruch, es real wirken zu lassen, besonders hoch.

Ich habe den lustigen Äpfel-Pflück-Tanz vermisst …

Mir ging es ja nicht darum, die diversen Tanzstile damals zu zeigen. Ich wollte nicht noch einmal aufreißen, was damals alles neu und aufregend war. Das Thema wird ja durchaus behandelt, zum Beispiel durch diese riesigen Handys, die damals aufkamen. Aber ich wollte keinen Museumsfilm machen, es ging mir um Charlys Geschichte. Dass es da jemanden gibt, der in der richtigen Zeit den richtigen Schritt tut. Es ist viel wichtiger, was es mit Charly macht, wenn er zum ersten Mal wieder in einen Club kommt. Es geht um ein Gefühl und nicht um die Art, wie die da tanzen.

Trotzdem habt ihr eine Reihe damaliger Techno-Stars dabei: Westbam, Hans Nieswandt, Justus Köhncke, die Voigt-Brüder. Warum stehen die – bis auf Nieswandt –  nicht auch mal am Plattenteller?

Nein, es ging nicht darum, dass man die auflegen sieht. Die sind jetzt 20 Jahre älter, die müssen jetzt nicht nochmal die flotten DJs von damals spielen. Ich finde es viel besser zu sagen: Du bist jetzt hier der Gyros-Mann. Oder der Buchhändler. Für diejenigen, die sie aber vielleicht trotzdem erkennen, ist das bestimmt schön. Es schlägt eine Brücke von damals zu heute.

Habt ihr deshalb auch entschieden, nicht die Originalmusik von damals zu verwenden, sondern einen Soundtrack zu komponieren?

Genau. Wir brauchten ja unheimlich viel Musik, hatten aber nur ein sehr überschaubares Budget. Alle Künstler haben deshalb einfach das Gleiche bekommen, und das war nichts, womit man jetzt die große Mark macht. Deshalb freue ich mich besonders, dass so viele mitgemacht haben. Erobique zum Beispiel, also Carsten Meyer aus Hamburg, oder Westbam, Modeselektor und Deichkind. Die haben den „HalluHillu“-Hit von den HostiBros gemacht. Das ist ein Track, der früher vielleicht ja sogar ein Hit geworden wäre. Heute kann man das eigentlich nur lustig finden.

Ab 31.8.17 im Kino,  Preview am 28.8.17 im Abaton, 20 Uhr

Dalida

Melancholisches und berührendes Portrait eines Mega-Stars, der vergeblich von bürgerlicher Idylle träumte.

Dalida beging am 3. Mai 1987 Selbstmord, 54 Jahre war sie alt und eine der berühmtesten Chansonsängerinnen Frankreichs. Mehr als 2000 Lieder in 15 Sprachen hat sie aufgenommen, produzierte einen Hit nach dem anderen: „Ciao, ciao bambina“, „Am Tag, als der Regen kam“, „Besame Mucho“, „Gigi L’Amoroso“ oder auch „Paroles, paroles”. Als erste Künstlerin erhielt sie eine Diamantene Schallplatte – doch Zahlen sagen wenig über den Menschen aus.

Lisa Azuelos (“LOL”) gelingt mit „Dalida” das scheinbar Unmögliche, eine Annäherung an den Mythos. Die französische Regisseurin und Drehbuchautorin schildert die Protagonistin ihres Films zwischen Triumphen und Niederlagen als eine Frau voller Widersprüche: auf der Bühne glamourös, atemberaubend, privat oft verzweifelt, einsam, auch wenn die Männer, gleich welchen Alters sie umschwärmen. Ihre Schönheit, Eleganz, ihr Lächeln, jene unvergleichliche Stimme mit dem tiefen, dunklen Timbre und dem rollenden „R“ verzaubert sie alle.

Dalida, 1933 als Kind italienischer Einwanderer in Kairo geboren, heißt mit bürgerlichem Namen Yolande Gigliotti. Sie ist eine unkonventionelle, mutige Frau, ihrer Zeit weit voraus, bereit, wenn es sein muss, jedes Tabu zu brechen. Und doch taugt sie nicht zur Rebellin. Im Gegenteil, eigentlich würde die begnadete Sängerin nur zu gern mit einem ihrer Fans tauschen, Kinder haben, daheim den Haushalt führen, die Karriere aufgeben.

Grandios, wie sich Sveva Alviti in Dalida verwandelt, als Ikone der Popkultur im Scheinwerferlicht zur Chronistin ihres eigenen Leids wird. Während die Chansons dreier Jahrzehnte mit der Handlung verschmelzen, begreift der Zuschauer zum ersten Mal wirklich die Texte, die Tragweite ihrer Worte, den Schmerz, die Hoffnungslosigkeit („Je suis malade”). Ob Heirat oder Liaison, alle Beziehungen enden ohne Ausnahme tragisch. Ihre große Liebe, der italienische Sänger Luigi Tencon, bringt sich 1967 während des Festivals in San Remo um, als der gemeinsame Beitrag “Ciao amore, ciao“ bei der Jury durchfällt. Wenig später will auch Dalida sterben. Mehrere Tage liegt sie im Koma. Selbst der Tod hätte sie nicht gewollt, sagt sie später.

Regie: Lisa Azuelos. Mit Sveva Alviti, Riccardo Scamarcio, Jean-Paul Rouve. Ab 10. August

/ Text: Anna Grillet / Fotos: Luc Roux

Hamburgs Open Air Kinos – ein Überblick

Die Open-Air-Kino-Saison in Hamburg läuft. Und wir erzählen euch, was geht

Open Air Kino

Foto: Stefan Boekels

Kino Nächte Barmbek

Mitten auf dem Barmbeker Marktplatz und neben der Filiale von Globetrotter-Ausrüstung finden die Kino Nächte Barmbek statt. Unverändert zum Vorjahr, ist das Kopfhörer-Freiluft-Kinokonzept wobei die Besucher den Kinoton ausschließlich über Funkkopfhörer hören. Bei ausgewählten, internationalen Filmen können die Zuschauer sich zusätzlich die gewünschte Sprachfassung einstellen: ob in Deutsch oder im Orginal für ein individuelles Film- und Klangerlebnis.

Kartenvorbestellung und Programminfos unter www. kinonaechte-barmbek.de

 

St. Pauli-Sommerkino

 

Am 9. Juli flimmert hier zum letzten Mal die Leinwand. Bis dahin ist das Freiluft-Kino in der Nordkurve vom Millerntor-Stadion mit überdachten Tribünen-Sitzplätzen Ort für große und kline Filme. Tipp: Am 23. Juni wird hier im Stadion zu der Vorführung von „Manche hatten Krokodile“ den DVD-Release des Films mit dem Regisseur und weiteren Protagonisten gefeiert.  Der Film handelt von Typen auf St. Pauli, die vor Jahrzehnten dort gestrandet sind. Ganz großes Kino!

Kartenvorstellung und Programm unter www.stpauli-sommerkino.de

Überdacht in der Nordkurve. Foto: Stefan Boekels

Open-Air-Sommerkino

Vom 21. Juli bis 10. September öffnet das Freiluft-Kino hier seine Tore. Seit 17 Jahren begeistert es im Sternschanzenpark die Zuschauer und ist mit bis zu 40.000 Gästen in einer Saison topp  besucht. Beste Lage und witzige Technik, denn die große Bildleinwand wird ausschließlich über ein Luftgebläse am Abend hochgefahren. Erstmals können die Besucher optional Funkkopfhörer dazu mieten, um internationale Filme in der von ihnen gewünschten Sprachfassung zu hören: ob in Deutsch oder im Original.

Frühzeitiges Kommen wird belohnt mit dem begrenzten Platzkontingent an Beachchairs. Ansonsten lohnt es sich, Decken und Kissen mitzunehmen.

Kartenvorbestellung und Programm unter www.schanzenkino.de

Generell gilt für alle drei Freiluft-Kinos: Filmbeginn ca. 21.45 Uhr. Einlass eine Stunde vor Filmbeginn. Die Einlasszeiten ändern sich jeweils mit dem Sonnenuntergang und werden über die jeweiligen Kino-Webseiten mitgeteilt. Der Eintrittspreis beträgt an der Abendkasse 8 €. Ermäßigt 7 €

/Fotos: Stefan Boekels / www.stefanboekels.com

Neu im Kino: Loving. Lieben! Und Lieben lassen

Lieben und lieben lassen – es könnte ja so einfach sein. War es aber nie, und ist es bis heute nicht, wie wir gerade heute wieder in Diskussionen über die gesetzliche Gleichstellung Homosexueller erleben können.

Loving

Ihre Liebe als Stein des Anstoßes: Mildred und Richard

„Loving“ behandelt dagegen eine Zeit, in der die gleichgeschlechtliche Ehe noch undenkbar war. In den 50er Jahren war es in manchen Staaten der USA noch verboten, als Weißer eine schwarze Frau zu heiraten, und umgekehrt. Dieser Problematik widmet sich das Drama von Jeff Nichols („Take Shelter“) aus der sehr persönlichen Sicht von Mildred und Richard Loving. Als sie schwanger wird, macht er ihr ohne zu zögern einen Antrag. Obwohl die sogenannte interracial marriage im Staat Virginia illegal ist. Noch während der Schwangerschaft werden die beiden verhaftet. Der Beginn eines Kampfes, der den Liebenden alles abverlangt.

Nicht zuletzt dank Robert Kennedy wurden die Lovings zum Gegenstand einer Gesetzesänderung, dank der sich die Geschichte der USA maßgeblich verändern sollte. Ein Präzedenzfall, aus dem Nichols allerdings kein Justizdrama macht, sondern eine Liebesgeschichte, die ganz ohne Kitsch auskommt.

Mildred und Richard sind keine Bürgerrechtler. Sondern einfache Menschen, mit dem einfachen Traum, ihr Leben miteinander zu verbringen. Eine Liebe, die glaubwürdig wird durch das würdevoll zurückhaltende Spiel von Joel Edgerton und Ruth Negga, die für ihre Performance eine Oscar-Nominierung erhielt.

„Sagen Sie dem Richter nur, dass ich meine Frau liebe“, sagt der wortkarge Richard seinem Anwalt in einer anrührenden Szene. Davon gibt es einige im Film, verpackt in wunderschöne Landschaftsbilder. Die Kamera schweift über die endlosen Weiten Virginias, und man beginnt zu ahnen, was es bedeutet, wenn Menschen durch irrationale Gesetze von ihrer Heimat getrennt werden.

„Loving“ ist ein Film, der seine durchaus aktuelle politische Aussage sozusagen auf natürlichem Weg vermittelt: Wo das individuelle Glück illegalisiert wird, hat die Gesellschaft ein menschliches Problem. Damals wie heute.

/ Karin Jirsak

Regie: Jeff Nichols. Mit Joel Edgerton, Ruth Negga, Marton Csokas. Ab 15.6.17 im Kino

Preview im Abaton Kino am 13.6.17, 20 Uhr

Blurred Edges 2017. Offenheit für die Ohren

Urbane Kultur für Hamburg! Das Festival präsentiert analoge sowie elektronische Sounds in Fieldrecording, Komposition, Improvisation, Film, Performances und Ausstellungen

Frei sollen sie sein, die teilnehmenden Künstler ebenso wie die Besucher des Festivals für aktuelle Musik Hamburg: Blurred Edges. Deshalb sind Songs und Sounds auch über die gesamte Stadt verteilt.

Zum zwölften Mal erlebt Hamburg, wie es klingt, wenn an 32 völlig verschiedenen Orten Konzerte, Ausstellungen, Filme und Performances stattfinden.

Ob im Park Fiction, in der Hanseplatte, der Alfred Schnittke Akademie oder Baustelleeins: Dutzende Künstler werden für ein spektakuläres und dabei doch angenehm unaufgeregtes Hörerlebnis sorgen.

Erstmals steht in diesem Jahr das Projekt „SoundCaching“ auf dem Blurred Edges-Programm: Besucher laufen hierbei bestimmte Punkte in der Stadt ab und finden versteckte QR Codes, die es ihnen ermöglichen, eigens für die jeweiligen Orte komponierte Klänge auf dem Smartphone abzuspielen – ein noch nie dagewesenes, faszinierendes Hamburger Hör-Abendteuer.

/ EBH /Foto: Foto- Sarah Bernhard

Das Festival findet vom 2.-18.6.17 statt. Alle Infos und Veranstaltungsorte unter: www.blurrededges.de. Das Programmheft findet ihr hier!