Kaufhaus Hillmer: Geht nicht, gibt’s nicht

Susanne Wischhöfer führt das Kaufhaus Hillmer in der dritten Generation. Ein Besuch in dieser Bergstedter Institution ist wie eine kleine Zeitreise

Text: Sirany Schümann

 

An einer der zahlreichen Backsteinfassaden am Volksdorfer Damm in Hamburg-Bergstedt hängt ein Ladenschild. Die hier angepriesenen Lebensmittel und Spirituosen gibt es schon lange nicht mehr. Das Geschäft, das sich hinter dem Schild verbirgt, existiert allerdings noch immer. Seit 1929 ist das Kaufhaus Hillmer eine Institution. Heute stapeln sich auf den rund 63 Quadratmetern 3.000 bis 4.000 Produkte in unzähligen Regalen. Darunter Hausrat, Porzellan, Geschenkartikel und Spielwaren.

„Ich verlasse selten den Laden, ohne etwas gekauft zu haben“, sagt eine Kundin, die gerade zwei schlichte Blechdosen und ein Gerät zum Mahlen von Parmesan und Nüssen gekauft hat. Letzteres „war ein Spontankauf “, sagt sie. Von diesen nicht alltäglichen Küchengeräten gibt es viele im Kaufhaus Hillmer. Die ganz besonders alten Exemplare, etwa ein Butterrührgefäß mit Kurbel und eine Emailleflasche, sind in einem gläsernen Verkaufstresen zur Ansicht ausgestellt. Hinter dem Tresen steht Susanne Wischhöfer, die Enkelin von Anna Hillmer, die das Kaufhaus 1929 eröffnet hat. Ihre Eltern Rolf und Gerda Hillmer haben das Geschäft Anfang der 1960er-Jahre übernommen. Seit 26 Jahren führt Susanne Wischhöfer das Kaufhaus, ihr Bruder ist stiller Inhaber.

Zwischen Tropfenfängern und Bohnenlangschneidern

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Heute gibt es im Kaufhaus Hillmer immernoch die Dinge, die man sonst fast nirgendwo findet (©Sirany Schümann)

Unterstützung im Verkauf bekommt sie von Kamila und Tine, ihren beiden festen Mitarbeiterinnen. Kamila steht gerade am Ende eines schmalen Ganges. Vor ihr eine Wand voller Weckgläser, Flaschen, Gummiringe und weiterem Einmachzubehör und neben ihr eine etwas überforderte Kundin: „Bei der Auswahl kann ich mich ja gar nicht entscheiden.“ Diese Überforderung scheint verständlich, bei der Enge und der Vielfalt an Produkten. Hier gibt es wirklich alles: vom Bohnenlangschneider über die Besteckablage für den gedeckten Tisch – eine bierdeckelgroße Scheibe aus Edelstahl, die an einer Seite nach oben gebogen ist und dort einen Schlitz für das Messer bereithält – und den zusammenklappbaren Kartoffelstampfer bis hin zum Tropfenfänger für Teekannen. „Der verkauft sich richtig gut“, sagt Kamila, die ihre zufriedene Kundin mittlerweile zur Kasse geschickt hat.

Doch wie kommt so ein ungewöhnliches Sortiment an Ware zusammen? „Manchmal sehe ich was und denke mir: Das passt hierher! Und dann bestell ich’s“, sagt Susanne Wischhöfer. Dabei ist ihr eines besonders wichtig: eine gute Qualität. Ihre Produkte bezieht sie aus Schweden, Nordirland, Österreich und Schottland. Einige mechanische Küchengeräte haben 20 Jahre Garantie. „Ich kann schlecht Dinge wegschmeißen“, sagt sie und stellt sich mit ihrem zum Teil fast antik anmutenden Sortiment gegen die Wegwerfmentalität. „Wer zufällig noch einen Staubsaugerbeutel für alte Modelle braucht, könnte bei uns fündig werden“, sagt sie.

„Wer zufällig noch einen Staubsaugerbeutel für alte Modelle braucht, könnte bei uns fündig werden“
Susanne Wischhöfer vom Kaufhaus Hillmer

Mit der Zeit gehen

Trotz des alten Charmes geht das Kaufhaus Hillmer mit der Zeit. Seitdem Susanne Wischhöfer Geschäftsführerin ist, hat sich das Sortiment verändert und verjüngt. So war die Erweiterung des Sortiments an Einmachutensilien eine Idee der 64-Jährigen und das hat sich spätestens seit der Pandemie voll ausgezahlt. Überhaupt konnte das Kaufhaus Hillmer viele Corona-Beschäftigungen mit den passenden Materialien bedienen: Wer Brot backen, etwas fermentieren, alte Hosen nähen oder neue Socken stricken wollte, wurde hier fündig. Dazu denkt die Inhaberin auch immer an saisonale Trends: Noch vor Weihnachten erwartet sie eine große Lieferung an Wolle, „falls die Leute mehr Pullover stricken wollen wegen der Energiekrise“. Außerdem würden Campingkocher, Petrollampen und Handmixer mit Kurbel, die ohne Strom funktionieren, derzeit ebenfalls gut laufen.

„Man hilft, wo man kann!“

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Seit 26 Jahren führt Susanne Wischhöfer das Kaufhaus Hillmer in dritter Generation (©Sirany Schümann)

„Einem Kunden musste ich mal einen Knopf annähen, einem anderen habe ich das Stricken gezeigt“, sagt Susanne Wischhöfer schmunzelnd und fügt hinzu: „Man hilft eben, wo man kann.“ Für diese individuelle Beratung und die Freundlichkeit gibt es für sie und die Kollegen auch schon mal ein Dankeschön. „Die Leute bringen Kostproben ihrer selbst gemachten Sachen vorbei“, sagt Kamila. Eingeweckte Lebensmittel oder kleines, kugelförmiges Gebäck aus der neu erstandenen Pförtchen-Pfanne, die sich sicherlich auch gut für die Zubereitung des niederländischen Pendants Poffertjes eignet. Der norddeutsche und nicht jedem geläufige Begriff Pförtchen ist nicht die einzige Wortwahl, die im Kaufhaus Hillmer schon zu Verwirrung geführt hat. „Einmal kam ein Kunde und hat nach Eierbechern gefragt. Die hab ich ihm dann gezeigt. Daraufhin hat sich herausgestellt, dass er etwas ganz anderes meinte. Eierbecher nennt sich nämlich auch die Munition für Luftgewehre“, erzählt Susanne Wischhöfer, „da konnte ich ihm natürlich nicht weiterhelfen.“

„Wir haben schon alles Mögliche eingedost“

Eine neue Kundin betritt den Laden und wird, wie fast alle, von der Inhaberin wie selbstverständlich mit Namen begrüßt. „Haben Sie diese Gummis noch, die ich immer kaufe?“, fragt die ältere Dame. Susanne Wischhöfer weiß gleich, was gemeint ist und begibt sich auf die Suche. Das ist fast schon ein Motto im Kaufhaus Hillmer: Für die Kunden immer das Beste geben und möglichst alle Wünsche erfüllen. Egal ob eine 30-Liter-Obstpresse oder 20 Gärtöpfe für Sauerkraut, alles kein Problem! Mit genügend Vorlauf können auch größere und außergewöhnlichere Gerätschaften über die Lieferanten organisiert werden.

„Ich möchte, dass uns so was wie das Kaufhaus Hillmer erhalten bleibt“
Kundin im Kaufhaus Hillmer

Gerade zur Weihnachtszeit ist der wahrscheinlich einzigartige Verpackungsservice im Kaufhaus Hillmer besonders beliebt: Mit einem eigentümlichen roten Gerät mit Drehrad, einer Dosenverschlussmaschine, können die Kunden Geschenke für einen Euro (zuzüglich Dose) einpacken lassen. „Wir haben schon alles Mögliche eingedost: Golfbälle, Geld, Schmuck und Unterhosen“, sagt Susanne Wischhöfer. Die Geschenke bringt die Kundschaft entweder mit oder kauft sie direkt vor Ort. „Wir haben aber auch richtiges Geschenkpapier“, fügt sie hinzu.

Schneller als das Internet – und netter

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Besonders für Weihnachten interessant: Die große Auswahl an Ausstechformen (©Sirany Schümann)

Wer mit Plätzchen backen noch mehr in Weihnachtsstimmung kommen will, findet im Kaufhaus Hillmer eine große Auswahl an Ausstechförmchen. Die gibt es dort das ganze Jahr über zu kaufen – zum großen Glück für eine Kundin. „Ich brauche einen Osterhasen“, sagt sie. Susanne Wischhöfer öffnet eine Schublade und zieht die passende Ausstechform heraus. Geht nicht, gibt’s hier einfach nicht. Nur eine Kundin kann das Kaufhaus Hillmer an diesem Tag nicht glücklich machen. Für ihren Vater ist die Frau auf der Suche nach einer Öffnerhilfe für Flaschen mit Drehverschluss. Obwohl Kamila ihr mehrere Modelle präsentiert, ist sie nicht überzeugt. „Das kommt selten vor“, sagt Susanne Wischhöfer.

Während es den großen Kaufhäusern wirtschaftlich nicht gut geht, kann sich Susanne Wischhöfer nicht beklagen. Sie glaubt, dass es am Service und der Freundlichkeit liegt, was das Kaufhaus Hillmer von anderen abhebt. „Uns wurde mal gesagt: Ihr seid netter und schneller als das Internet“, sagt sie lächelnd. Warum die Menschen dort einkaufen? „Weil mir das ganze Drumherum gefällt, der Preis vernünftig ist und weil ich alles kriege, was ich brauche. Und weil ich möchte, dass uns so was wie das Kaufhaus Hillmer erhalten bleibt“, sagt eine Kundin. Eine Weile kann sie mit dem Fortbestehen der Bergstedter Institution noch rechnen. „Ich mach bis zum 100. Geburtstag vom Kaufhaus“, sagt Susanne Wischhöfer. Und eines steht fest: Bis 2029 wird sie noch viele Kunden glücklich machen.


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25. November: Tag gegen Gewalt an Frauen

Am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen demonstrieren weltweit Menschen gegen Gewalt an Frauen, Lesben, intergeschlechtlichen, nicht-binären, trans und agender Personen.

Text: Ronja Güldner

 

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Gewalt gegen Frauen und Flinta* hat immernoch eine hohe Dunkelziffer (©unsplash/Markus Spiske)

Gewalttaten aufgrund von Geschlecht und sexueller Orientierung sind kein Relikt der Vergangenheit. Allein 2021 wurden in Deutschland 1051 queerfeindlich motivierte Straftaten verübt – 190 davon Gewalttaten. Nicht selten enden diese tödlich. So kam vergangenen Sommer ein Transmann am Rande des CSD in Münster zu Tode, nachdem er andere Personen vor einem Übergriff schützte. In Hamburg wurde Anfang November 2022 eine Frau vermeidlich durch ihren Ex-Mann getötet – der mutmaßlich siebte Femizid in der Hansestadt im Jahr 2022. Diese Femizide gehören in Deutschland fast zum Alltag: Statistisch wird hierzulande alle drei Tage eine Frau von ihrem Ex-Partner ermordet. Am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen soll darauf aufmerksam gemacht werden. Dabei hat die Gewalt viele Gesichter: Sie reicht von Beleidigungen und psychischer Gewalt bis hin zu sexualisierter Gewalt und physischen Angriffen von Fremden und Vertrauten.

Gewalt bleibt oft unsichtbar

Bei den Gewalttaten gibt es eine hohe Dunkelziffer. Das liegt laut dem Lesben- und Schwulenverband auch daran, das beispielsweise queerfeindliche Gewalt oft nicht als diese identifiziert werde und als Allgemeinkriminalität erfasst wird. Zudem zeigen viele die erlebten Verbrechen nicht an. Bei einer europaweiten Umfrage aus dem Jahr 2019 gaben nur 13 Prozent an, dass sie die erlebten Gewalttaten auch bei der Polizei anzeigten. 23 Prozent der Betroffenen verzichteten auf eine Anzeige aus Angst vor Diskriminierung.

Der Kampf gegen die Gewalt weltweit  

Um auf diese Problematiken aufmerksam zu machen und sichere Bedingungen zu fordern, gibt es am 25. November, dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. Der Aktionstag geht zurück auf die Ermordung der Schwestern Patria, Minvera und María Mirabal am 25. November 1960. Sie wurden aufgrund ihres Widerstandes gegen die Diktatur von Rafael Leónidas in der Dominikanischen Republik getötet. Lange wurde am 25. November der Fokus auf Gewalt an Frauen und Mädchen gelegt. Mittlerweile wird aber auch die Gewalt gegen genderqueere Personen wie Lesben, intergeschlechtliche, nicht binäre, trans und agender Personen – die unter dem Begriff Flinta* zusammengefasst werden – in den Blickpunkt gerückt.

Demonstrationen auch in Hamburg 

Am 25. November 2022 gibt es wie in jedem Jahr Demonstrationen gegen die geschlechtsspezifische Gewalt. Eine davon ist die Kundgebung und Demonstration des „Hamburger Bündnis zum internationalen 8. März Streik“. Sie startet um 18 Uhr am Bahnhof Dammtor und endet voraussichtlich gegen 20 Uhr am Neuen Pferdemarkt. Diese Demonstration ist eine Flinta*only-Demo. Das heißt, es sind nur Flinta* aufgerufen, an der Demo teilzunehmen. Das soll verhindern, dass Betroffene ihren Tätern begegnen.

Um 20 Uhr startet eine zweite Demo vom Zentrum „Lüttje Lüüd“ unter dem Titel „Wir schlagen zurück. Gegen Patriarchat und Kapital“. Los geht es am Grünen Jäger und enden soll der Demonstrationszug am Alma-Wartenberg-Platz in Altona. Diese Demonstration ist eine all gender-Demo.

Hilfe für Betroffene und Angehörige

Die hier aufgelisteten Hilfsangebote richten sich speziell an die erwähnten Gruppen und ihre Angehörigen. Für ein persönliches Beratungsgespräch empfiehlt sich das Kontaktieren und Aufsuchen einer kostenlosen Beratungsstelle.

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Betroffene von Gewalt und deren Angehörige können auf ein breit gefächertes Hilfsangebot zurückgreifen (©unsplash/Hannah Busing)

Hilfstelefone

  • Für betroffene von Gewalt ist das Hilfetelefon gegen Gewalt an Frauen rund um die Ihr zu erreichen auch mit einer Sofort-Chat Funktion, sowie Online Beratung und Beratung in Gebärdensprache unter 0800/116 016
  • Speziell bei sexuellen Übergriffen ist das Hilfetelefon bei sexuellem Missbrauch die beste Anlaufstelle; Telefon: 0800/22 55 530.

Beratung für Frauen

  • Die „biff“ ist eine Frauenberatungsstelle hat drei verschiedenen Standorte in Hamburg: Eimsbüttel, Altona und Winterhude.

Beratung für Frauen, Jugendliche und Kinder

  • Dunkelziffer e.V. bietet seit 1993 persönliche, telefonische sowie Onlineberatung für Kinder und Jugendliche, die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Auch für die Angehörigen der Betroffenen bieten sie Beratung an.
  • Zündfunke e.V. ist ein Verein zur Prävention und Intervention zu sexuellem Missbrauch bei Kindern und Frauen in Altona.
  • Zornrot e.V. bietet Beratung und Informationen bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche jeden Geschlechts. Ihr Angebot richtet sich an Betroffene zwischen 12 und 27 Jahren, ihre Bezugspersonen, sowie Fachkräfte.
  • Lâle Interkulturelle Begegnungsstätte IKB e.V. berät Frauen und Mädchen ab 14 Jahren, die von Gewalt betroffen sind. Dabei verfolgen sie einen interkulturellen Ansatz, sind LGBTQ+ freundlich und können bei Bedarf Dolmetscher:innen organisieren.

Beratung speziell für LGBTQIA+ Personen

  • Das Magnus Hirschfeld Centrum (Mhc e.V.) bietet kostenfreie und professionelle Beratung für lesbische, schwule, bisexuelle und trans* Personen an. Dabei gibt es auch spezielle Beratungsangebote für LGBTQI Personen mit Migrations- und Fluchtgeschichte, sowie für Jugendliche und Eltern. Die Beratung kann persönlich, per Telefon oder per E-Mail erfolgen.
  • Das JungLesben*Zentrum – JuLe*  ist eine pädagogische Fachinstitution und Beratungsstelle für junge LBTIs (lesbisch, bisexuell, trans, inter) bis 25 Jahre, ihre Angehörigen, Eltern und Freund*innen. Pädagogische Beratung kann sowohl alleine als auch in größerer Runde wahrgenommen werden.

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Wir helfen! Heute: Sven Junge von der Mobilen Zahnarztpraxis des DRK

Viel hilft viel – zumindest, wenn es um Soziales geht. An den ersten drei Montagen im November 2022 lassen wir an dieser Stelle immer eine:n von drei Hamburger:innen zu Wort kommen, die sich besonders einsetzen und von ihrer Arbeit erzählen. Heute: Sven Junge von der Mobilen Zahnarztpraxis des DRK

Protokoll: Anarhea Stoffel

 

Sven Junge

Sven Junge, Zahnarzt bei der Mobilen Zahnarztpraxis des DRK

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„Einfach für den Menschen da sein, das ist sehr wichtig“, sagt Sven Junge von der Mobilen Zahnarztpraxis des DRK (©privat)

„Ich bin erst seit Kurzem im Team der Mobilen Zahnarztpraxis. Zum Zahnmobil des DRK Altona&Mitte bin ich im Grunde durch einen Artikel im ,Hamburger Abendblatt‘ gekommen, den meine Frau entdeckte. Das Einsatzteam, also die Besatzung des Fahrzeugs besteht aus dem Fahrer oder der Fahrerin, welche sich neben dem Fahren des Fahrzeugs auch um die Technik kümmert und die Patientenannahme durchführt. Als zweite Person organisiert Melanie Wiegers alles rund ums Fahrzeug, wie zum Beispiel die technischen Wartungen und Reparaturen. Der oder die Dritte im Bunde ist dann die Zahnärztin oder der Zahnarzt, in diesem Fall also ich.

Wir als Team der Mobilen Zahnarztpraxis widmen uns in erster Linie der Behandlung von Obdachlosen. Das sind oft Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben; Menschen, die in der Regel keine Krankenversicherung besitzen. Uns ist wichtig, dass auch sie eine gute medizinische Versorgung erhalten. Für mich als Zahnarzt steht natürlich als erstes die zahnmedizinische Behandlung im Fokus. Allerdings kommen hier oft Patienten her, die eine ganz besondere Art von Betreuung benötigen. Wir versuchen, die Patienten neben der medizinischen Behandlung auch psychologisch zu unterstützen, zuzuhören und Ängste, insbesondere der Behandlung, zu nehmen. Einfach für den Menschen da sein, das ist sehr wichtig.

„Oft denke ich dann, wie gut es mir doch geht“

In dieser Arbeit gibt viele Einzelschicksale, die mich berühren und sehr nachdenklich machen. Sehr oft erfahren wir eine ganz besondere Form der Dankbarkeit nach einer Behandlung. Das gibt einem sehr viel mehr, als man es im gewöhnlichen Alltag in einer Zahnarztpraxis erfährt. Die Arbeit im Zahnmobil ist für mich nicht die Routine. Immer wenn ich nach dem Einsatz im Zug sitze und nach Hause fahre, denke ich über die Menschen, denen ich eben begegnet bin, nach. Das beschäftigt mich sehr. Oft denke ich dann, wie gut es mir doch geht. Und ich frage mich, warum so viele Menschen in so prekären Lebenssituationen leben. Vielleicht können wir mit dem Zahnmobil einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität von ein paar Menschen erbringen, einfach die Welt ein bisschen besser machen. Ich hoffe, wir können dem einen oder anderen vielleicht einen schönen Tag bereiten, ihm zuhören und durch die Behandlung Schmerzen nehmen.“

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Seit Anfang Mai 2016 ist die Mobile Zahnarztpraxis des DRK unterwegs (©DRK Altona&Mitte)


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WM gucken trotz Katar?

Tausende Tote, eine vermeintlich korrupte Vergabe und trotzdem spricht der FIFA-Präsident von der besten WM aller Zeiten. Während er Werbung für sein Produkt macht, regt sich Protest, auch in Hamburg, denn nicht alle wollen wie üblich die WM zeigen

Text: Felix Willeke

 

Die Fußball-WM der Männer findet ab dem 20. November in Katar statt und die Liste an Kritikpunkten ist lang: tote Wanderarbeiter, die Verlegung in den Winter, Klimaanlagen in den Stadien, immense Kosten und eine von vermeintlicher Korruption geprägte Vergabe. Daher stehen viele Kneipen und Sportvereine vor der Frage: Zeigen wir die WM oder zeigen wir sie nicht?

#KeinKatarinmeinerKneipe

Schon seit Längerem ruft die Initiative @boycottqatar22 zum Boykott der WM auf. Unter dem Hashtag „KeinKatarinmeinerKneipe“ haben sich schon fast 200 Kneipen und Kultureinrichtungen in ganz Deutschland offiziell dazu entschieden, keine Spiele der WM zu zeigen – darunter auch rund zehn in Hamburg. Eine davon ist die Mathilde Bar in Ottensen und Eimsbüttel. „Die WM ist eine Marketingaktion für das Land Katar“, sagt Thomas Nast von der Mathilde „und an so einem Sportswashing wollen wir uns nicht beteiligen. Stattdessen setzt die Mathilde auf ein Alternativprogramm. So gibt es parallel zum ersten Abendspiel der Deutschen Mannschaft (am 1. Dezember um 20 Uhr) ein Konzert in der Mathilde in Eimsbüttel: „Zehn Prozent der Einnahmen spenden wir an diesem Abend an das Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus aus der Fanszene des FC St. Pauli“.

 

Aus klimatechnischen und auch moralischen Gründen ist die WM kaum vertretbar
Christiane Beck, Inhaberin des Bumblebee

 

Die Winter Games beim FC St. Pauli

Auch für den FC St. Pauli selbst „stand es nie zur Debatte, Spiele dieser FIFA-WM zu zeigen“, sagt Patrick Gensing, Pressesprecher des FC St. Pauli. Stattdessen bietet der Verein ebenfalls ein Alternativprogramm an, „um gemeinsam den Fußball zu leben und zu feiern – aber auch die Aufmerksamkeit zu nutzen, um auf politische und soziale Themen hinzuweisen“. So gibt es am Tag des Eröffnungsspiels in Katar am 20. November (in Deutschland auch Totensonntag genannt) in den Fanräumen des Millerntor-Stadions ab 18 Uhr die Podiumsdiskussion „Seenotrettung ist noch immer kein Verbrechen“. Dazu veranstaltet der Verein in seinem Clubheim die „Winter Games“ mit Konzerten, Lesungen und alten Spielen des FC St. Pauli.

 

Einige zeigen die WM

Doch nicht alle Kneipen und Bars schließen sich zu komplett einem Boykott an. So sind es für die Unabsteigbar (eine Fankneipe des HSV) auch wirtschaftliche Gründe: „Wir zeigen nur die Deutschlandspiele“, sagt Mario Drifte von der Unabsteigbar. „Als fußballgebundene Kneipe sind wir auf die Einnahmen angewiesen und ich gehe ohnehin davon aus, dass 80 Prozent der Menschen die Deutschlandspiele gucken werden. Trotzdem wissen wir auch, dass diese WM im Winter und die Vergabe nach Katar auf dem korrupten System FIFA beruht.“ Und einige Gastronom:innen wie Christiane Beck, Inhaberin des Bumblebee beim SC Concordia, sind sich noch unsicher: „Aus klimatechnischen und auch moralischen Gründen – wenn man alleine die toten Arbeiter betrachtet – ist die WM kaum vertretbar, aber letztendlich ist es auch ein sportliches Event. Wir überlegen daher, wenn es zum Viertelfinale oder noch weiter mit deutscher Beteiligung kommt, auch Spiele zu zeigen.“


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Die schönsten Weihnachtsmärkte der Stadt

Viele zieht es in der Vorweihnachtszeit nach draußen, nicht weil es etwa schön ist oder des Public Viewing zur Wüsten-WM ruft, sondern weil das Treffen mit Freund:innen und Familie auf dem Weihnachtsmarkt einfach dazugehört. Hier kommen zehn Märkte in und um Hamburg, die auch abseits der großen Klassiker einen Besuch wert sind

 

Adventsmesse Koppel 66

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Direkt bei Künstler:innen kaufen und Handwerk erleben, das geht am besten auf der Adventsmesse der Koppel 66 (©Michael Marczock)

Am 25. November ist es wieder so weit: Die Adventsmesse in der Koppel 66 öffnet wieder ihre Türen. An den vier Adventswochenenden präsentieren in diesem Jahr 55 Aussteller:innen jeweils freitags bis sonntags, von 11 bis 19 Uhr, ihre handgefertigten Taschen, Schmuck, Skulpturen, Leuchten, Schuhe, Textilwaren und vieles mehr. Auf drei Stockwerken und in den zwölf Ateliers der Koppel 66 finden die Besucher:innen Inspiration und vielleicht auch das ein oder andere Weihnachtsgeschenk. Zur Eröffnung am 26. November verleiht die Koppel um 15.30 Uhr ihren Förderpreis, mit dem besondere handwerkliche und gestalterische Fähigkeiten der Gastaussteller:innen honoriert werden. 14 Tage später, am 10. Dezember, findet ab 12 Uhr eine Kunst-Design-Tombola statt, zu der ausgewählte Unikate der Aussteller:innen verlost werden. Und jeden Sonntagnachmittag begleitet Livemusik die Besucher:innen über die Messe. Der Eintritt kostet 3 Euro pro Person (Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren haben freien Eintritt)

🎄 Adventsmesse Koppel 66: An den vier Adventswochenenden, Freitag bis Sonntag, jeweils von 11 bis 19 Uhr in der Koppel 66

 

Barmbeker Weihnachtsmarkt

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Ökologisch und voller schöner Schätze: der Öko-Weihnachtsmarkt am Museum der Arbeit (©Markt&Kultur)

Kleiner aber oho, so könnte man den Barmbeker Weihnachtsmarkt beschreiben. Der kleine Markt auf der Piazzetta-Ralph-Giordano unweit des U- und S-Bahnhof Barmbek ist ein echter Nachbarschaftstreff. Hier gibt es klassisch Glühwein und Bratwurst, aber auch der Spanferkelburger macht richtig satt. Dazu kommt allerlei Süßes von Crêpes über Mandeln bis zur klassischen Weihnachtsbäckerei. Wer nicht gerade einen Weihnachtsbaum shoppen geht, kann es sich in einer der beiden behaglichen Scheunen gemütlich machen – einer der kleinen klassischen Weihnachtsmärkte eben.
Ein besonderes Highlight im Stadtteil erwartet die Besucher:innen am ersten Adventswochenende: Gleich um die Ecke, vor dem Museum der Arbeit, ist vom 25. bis 27. November wieder Zeit für den ökologischen Weihnachtsmarkt. Hier gibt es ein großes Angebot an bestem Kunsthandwerk und leckerstem Bio-Essen. Wer nicht darauf warten will, kann ab jetzt bis Weihnachten immer von Freitag bis Sonntag (jeweils 16–21Uhr) Glühwein beim Kleinen Onkel des LüttLiv genießen.

🎄 Barmbeker Weihnachtsmarkt: Piazzetta-Ralph-Giordano, 17. November bis 30. Dezember, Mo–Sa 12–21 und So 12– 20 Uhr 
🎄 Ökologischer Weihnachtsmarkt
: Museum der Arbeit, 25. bis 27. November, Fr. 14–18, Sa 10–19 und So 19–18 Uhr

 

Bergedorfer Weihnachtsmarkt

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Der Bergedorfer Weihnachtsmarkt, das ist skandinavisches Winterfeeling pur (©Bergedorfer Weihnachsmarkt)

Bergedorf ist bei vielen Hamburger:innen völlig zu Unrecht nicht so richtig präsent, dabei hat der Stadtteil im Südosten eine wunderschöne Altstadt und bringt mit einem schönsten Weihnachtsmärkte der Stadt nordisch, kuschliges Feeling in die kalte Adventszeit. Von der Fußgängerzone bis zum Schloss Bergedorf gibt es vom 21. November bis 30. Dezember Lagerfeuer, rote Holzhütten und viel Gemütlichkeit. Denn der Bergedorfer Weihnachtsmarkt verwandelt alles in ein skandinavisches Weihnachtsmärchen. Dabei geht es auch kulinarisch nordisch zu. So gibt es von Lussebulle (weiche Brötchen mit Safran) über Æbleskiver (kleine dänische Lebkuchenpfannkuchen) und Risalamande (dänischer Milchreis mit Mandel) bis hin zu Köttbullar und norwegischem Flammlachs nahezu alles, was das Herz begehrt. Und wer ein bisschen genauer hinschaut, entdeckt versteckt im Tannenwald die Villa Kunterbunt, hier können Kinder basteln, backen und spielen.

🎄 Bergedorfer Weihnachtsmarkt: Von der Alten Holstenstraße bis zum Bergedorfer Schloss, vom 21. November bis 30. Dezember täglich 11–21 Uhr

 

Fleetinselweihnachtsmarkt

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Glühwein zwischen Elbe und Alster, das ist der Fleetinselweihnachtsmarkt (©Fleetinselweihnachtsmarkt)

Viele kennen die Fleetsinsel an der Stadthausbrücke vorm Biertrinken im Rheinischen Hafen oder weil sie mal im Steigenberger Hotel abgestiegen sind. Doch nicht nur zu Weihnachtszeit ist dieser Platz zwischen Alster und Elbe einer der schönsten der Stadt. Vom 21. November bis kurz vor Silvester ist hier der Fleetweihnachtsmarkt zu Hause. Die perfekte Alternative für alle diejenigen, denen die Weihnachtsmärkte am Rathaus oder Jungfernstieg zu trubelig sind. Neben Klassikern wie Glühwein gibt es auf der Fleetinsel auch zwei Segel-Oldtimer aus dem Museumshafen Oevelgönne, die im weihnachtlichen Lichterglanz erstrahlen. Während die Erwachsenen den Anblick der Segler bei einem Becher Glühwein genießen, kommen die Kinder bei einer Fahrt mit dem Kinderkarussell auf ihre Kosten.

🎄 Fleetinselweihnachtsmarkt: Fleetinsel an der Stadthausbrücke, 21. November bis 30. Dezember, Mo–Do 12–21, Fr–Sa 12–22 und So 12–21 Uhr

 

Harburger Weihnachtsmarkt

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Punsch in historisch-malerische Kulisse auf dem Harburger Weihnachtsmarkt (©WAGS Hamburg Events GmbH)

Auch Harburg hat zu Weihnachten eine historisch-malerische Kulisse zu bieten. Direkt vor dem 1892 erbauten Harburger Rathaus gibt es rund um die große Weihnachtstanne einen der größten Weihnachtsmärkte im Süden der Stadt. Hier duftet es nach Punsch, Schmlazgebäck und gebrannten Mandeln. Dazu gibt es täglich ein kleines Konzert, wenn der Sound der Turmbläser allabendlich über Markt schallt. Für die Kleinsten wird er Märchenhaft, wenn am 6. Dezember der Nikolaus vorbeischaut und die „Harburger Märchentanten“ die Kinder mit ihren Geschichten begeistern. Dazu gibt es natürlich auch allerlei Aktionen und verschiedenste Kunsthandwerker:innen und Vereine präsentieren sich auf dem Markt.

🎄 Harburger Weihnachtsmarkt: Auf dem Rathausplatz, 17. November bis 29. Dezember, Mo–Sa 11–21.30 und So 13–21.30 Uhr (Totensonntag 17 bis 21.30 Uhr & am 24./25.12. geschlossen)

 

Niendorfer Weihnachtsmarkt

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Hyggeligkeit am Tibarg: der Niendorfer Weihnachtsmarkt (©unsplash/Roman Kraft)

Wem Bergedorf zu weit ist, der findet in diesem Jahr auch wieder am Tibarg viel Hyggeligkeit. Die zur Weihnachtszeit von roten Holzhütten und skandinavischen Riesen-Tipis gesäumte Fußgängerzone am U-Bahnhof Niendorf-Markt lädt mit allerlei kulinarischen Köstlichkeiten zum Verweilen ein: Es gibt Deftiges, wie Germknödel, herzhafte Buchweizen Crêpes und leckere Bratwurst vom Schwenkgrill. Für die Süßen gibt es Schmalzkuchen, Nüsse und gebrannten Mandeln. Neu im Angebot sind 2022 die Dinkel-Pfannkuchen von „Goldmädchen“. Auch für die Kleinen ist am Tibarg so einiges geboten. Das Highlight ist dabei schon traditionell das nostalgische Kinderkarussell. Doch auch im neuen Wichtelwald gibt es einiges zu entdecken. Weihnachtsgeschenken stöbern können.

🎄 Niendorfer Weihnachtsmarkt: Am Tibarg, 23. November bis 24. Dezember, immer Mo–So 11–21 Uhr

 

Santa Pauli

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Geil, lecker und erotisch, das ist Santa Pauli (©Marius Röer)

St. Pauli ist anders und deswegen ist es auch nur logisch, dass es hier keinen der üblichen Weihnachtsmärkte gibt. Auf Santa Pauli, „Hamburgs geilstem Weihnachtsmarkt“, gibt es nicht nur ein StripZelt und Pornokaraoke. Hier wird auch Süßes mit Namen wie „Rotlicht-Ferkelei“ verkauft, es gibt anzüglichen Naschkram und wer will, kann auch das ein oder andere Spielzeug fürs Schlafzimmer erwerben. Das Highlight ist dabei aber die Atmosphäre selbst: Zwischen Stage Operettenhaus und Davidwache ist der Spielbudenplatz mit Holzspänen ausgelegt, was für warme Füße sorgt und die wohl beste Feuerzangenbowle der Stadt wärmt von innen. Besonders kuschelig wird es Jahr für Jahr auf dem Winterdeck auf der Bühne vorm Operettenhaus. Hier gibt es Glühwein und die traditionellen Apfelpunschsorten „Bordsteinschwalbe“ und „Nussknacker“.

🎄 Santa Pauli: Auf dem Spielbudenplatz, 14. November bis 23. Dezember, Mo–Mi 16–23, Do 16–24, Fr–Sa 13–1 und So 13–23 Uhr

 

Weihnachtsmarkt an der Apostelkirche

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Gemütlich und einfach schön: der Weihnachtsmarkt an der Apostelkirche (©Arne Buchholz & Stephan Bohn)

1894 erbaut, ist die Apostelkriche einer der Fixpunkte für die Menschen in Eimsbüttel. Nicht verwunderlich also, dass man hier zur Weihnachtszeit auch einen der schönsten Weihnachtsmärkte der Stadt finden kann. Hell erleuchtet strahlt die Kirche Abend für Abend im Viertel und lädt täglich ab der Mittagszeit auf seinen kleinen Markt. Hier gibt es neben allerlei Kunsthandwerk auch Musik, Lesungen und natürlich viel zu Essen und zu Trinken. Darunter die Klassiker wie Glühwein und Bratwurst, aber auch Flammkuchen, Waffeln, vegane Spezialitäten, gebrannte Mandeln, Schmalzgebäck und süßen, heißen Punsch. Für die Kinder ist dabei natürlich auch gesorgt.

🎄 Weihnachtsmarkt an der Apostelkirche: 17. November bis 22. Dezember, Mo–Mi 14.30–21, Do–Fr 14.30–22, Sa. 12–22 und So 12–22 Uhr

 

Winter Pride

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Anders und gerade deswegen the place to be: der Winter Pride (©Ahoi-Events)

Weihnachtsmärkte sind bunt und weit mehr als nur Last Christmas! Wer das nicht glaubt, kann sich bei der Winter Pride auf St. Georg überzeugen lassen. Neben einer bunten Glitzerdeko gibt es hier nicht die übliche Weihnachtsmusik, auf der Winter Pride sorgen jeden Freitag- und Samstagabend DJs für beste Weihnachtsstimmung. Dabei präsentieren sich hier viele Vereine und Gruppen aus der lesbisch-schwulen Community. Diese stehen von Montag bis Donnerstag auch für Gespräche bereit. Die größte Besonderheit bei der Winter Pride sind sicherlich die Miethütten. Drei Hütten warten täglich auf den Einzug kleiner und großer Gruppen zwischen 10 und 40 Personen. In diesem Sinne: Cheers!

🎄 Winter Pride: Lange Reihe/Ecke Kirchenallee, 21. November bis 20. Dezember, Mo–Do 12–22, Fr–Sa 12–24 und So 12–22 Uhr

 

Raus aus der Stadt: Weihnachten in Lüneburg

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Authentisch und ein echter Klassiker: der Historische Christmarkt in Lüneburg (©Mathias Schneide)

Auch südlich von Hamburg weihnachtet es. Besonders lohnt sich ein vorweihnachtlicher Ausflug nach Lüneburg. Einer der schönsten Weihnachtsmärkte Norddeutschlands wartet am Lüneburger Rathaus auf die Besucher:innen. In stimmungsvoll-winterlicher Atmosphäre gibt es allerlei Kunsthandwerk, duftende Lebkuchen und leckeren Glühwein. Natürlich dürfen auch Karussells und der Weihnachtsmann nicht fehlen. Ein besonderes Highlight sind die täglichen Weihnachtslieder, die vom Trompeter vom Turm des Alten Rathauses den Platz erfüllen.
Aber Weihnachten in Lüneburg wäre nichts ohne die reiche Historie der Stadt. So lädt der Arbeitskreis Lüneburger Altstadt e.V. auch 2022 am 3. und 4. Dezember wieder zum Historischen Christmarkt rund um die alte St. Michaeliskirche. 200 Mitwirkende in historischen Gewändern entführen die Besucher:innen in das Lüneburg des 16. Jahrhunderts. Fern ab von Lichterflut, Lärm und Kommerz gibt es hier Esskastanien, Schmalzbrot und Renaissance-Bratwurst.

🎄 Lüneburger Weihnachtsmarkt: rund ums Lüneburger Rathaus, 23. November bis 31. Dezember, Mo-Sa 10–20 und sonntags ab 11 Uhr
🎄 Historischer Christmarkt Lüneburg: St. Michaeliskirche zu Lüneburg, 3. Dezember von 12 bis 19 Uhr und 4. Dezember von 11 bis 17 Uhr

 

🎄🎄 PS: Noch mehr Weihnachtsmarkt-Tipps, gibt’s bei unseren Kolleg:innen vom Genuss-Guide Hamburg! 🎄🎄


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Wir helfen! Heute: Malte Wittmann von Hanseatic Help

Viel hilft viel – zumindest, wenn es um Soziales geht. An den ersten drei Montagen im November 2022 lassen wir an dieser Stelle immer eine:n von drei Hamburger:innen zu Wort kommen, die sich besonders einsetzen und von ihrer Arbeit erzählen. Heute: Malte Wittmann von Hanseatic Help

Protokoll: Anarhea Stoffel

 

Malte Wittmann

Freiwilligenkoordinator bei Hanseatic Help

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„Engagement in der Stadt sollte auch außerhalb von Krisenzeiten beständig bleiben, das wünsche ich mir“, sagt Malte Wittmann von Hanseatic Help (©Rosemarie Schoenthaler)

„Ich war im Juni 2019 privat auf dem Hurricane Festival und habe dort mitbekommen, wie Hanseatic Help Isomatten, Schlafsäcke und Zelte für obdachlose Menschen gesammelt hat. Ich war damals gerade fertig mit meinem Studium der Sozialökonomie war und hatte viel Zeit. Dann habe ich mich im Anschluss dort einfach ehrenamtlich engagiert. Im Team wurde ich darauf angesprochen, dass gerade die Stelle des Freiwilligenkoordinators ausgeschrieben war. Da habe ich mich sofort beworben und im August 2019 hauptamtlich bei Hanseatic Help angefangen. Als Freiwilligenkoordinator bei Hanseatic Help bin ich, wie der Name schon sagt, für unsere vielen freiwilligen Helfer und Helferinnen zuständig.

Ich versuche einfach, möglichst viele Menschen für ehrenamtliches Engagement zu begeistern und ihnen zu zeigen, dass sie auch mit wenig Zeit viel Gutes tun können. Besonders wichtig ist mir, dass hier Menschen mit ganz unterschiedlichem Background zusammenkommen und gemeinsam in einem sehr hilfsbereiten Umfeld an etwas Gutem arbeiten. Es erfüllt mich, dass ich mit so vielfältigen Menschen zusammenarbeite, denen es wichtig ist, anderen zu helfen, wenn sie Unterstützung brauchen. Hanseatic Help ist Kleiderspenden-Annahmestelle, Soziallogistik-Zentrum und Begegnungsstätte für Menschen mit unterschiedlichsten Biografien.

„Hilfe wird immer gebraucht“

Wir versorgen mehr als 300 Organisationen in und um Hamburg mit Kleider- und Hygienespenden. Was regional nicht benötigt wird, senden wir in Krisenregionen weltweit – wie beispielsweise vermehrt in die Ukraine seit März dieses Jahres.

Ich wünsche mir, dass das Engagement in der Stadt auch außerhalb von Krisenzeiten beständig bleibt. Hilfe wird immer gebraucht. Wir stehen vor dem Winter, der härtesten Zeit des Jahres, und befinden uns in einer Situation, in der immer mehr Menschen in die Existenzgefährdung kommen. Wenn wir es schaffen, alle bedürftigen Menschen in Hamburg in einem würde- und verständnisvollen Umgang mit dem Nötigsten an Kleidung und Hygiene zu versorgen, hätten wir als Hanseatic Help schon viel erreicht. Und wenn viele Menschen dabei freiwillig mithelfen, weiß ich, dass meine Arbeit viel bewirkt.“

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Das große Lager von Hanseatic Help in der Großen Elbstraße (©Pedro Seixas)


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Bildung 2.0: Ein digitaler Booster

Corona hat dem technischen Fortschritt an Hamburgs Schulen einen Schub verpasst, doch es gibt noch immer Kritik

Text: Andreas Daebeler

 

Digital ist besser. Das wussten schon die Jungs von der Hamburger Indierock-Band Tocotronic. Und zwar 1995, als Google und Facebook noch nicht geboren waren, Informatik im Schulunterricht in den Anfängen steckte und Medienkompetenz bedeutete, die richtigen Zeitungen zu lesen. 27 Jahre später hat sich die Welt verändert. Und der Wandel wird immer rasanter. Können Lehrpläne, technische Ausstattung und die Ausbildung der Pädagogen da mithalten? Wo setzt Hamburg Zeichen, ist innovativ? Wurde aus der Pandemie gelernt? Die Stadt hat eine klare Antwort, sieht sich „weit vorn“, wie es aus der Schulbehörde heißt. Schauen wir mal genauer hin.

Und dafür erst mal zweieinhalb Jahre zurück. In eine Zeit als Corona alles verändert. Die Realitäten von rund 260.000 Kindern und Jugendlichen in der Stadt. Dazu die von Lehrern und Betreuern an mehr als 400 Bildungseinrichtungen. Und von unzähligen Familien, deren Alltag mal eben auf den Kopf gestellt wird. Von einem Tag auf den anderen Unterricht zu Hause – eine neue Realität mit Tücken. Schnell wird klar, dass es an vielem mangelt. An Strukturen, digitalen Endgeräten, Fortbildungen und IT-Experten in den Schulen. Ruckelnde Videostreams, versagende Technik, Probleme bei der Kommunikation – Kritik bricht sich Bahn. Der Bund reagiert mit Sofortprogrammen. Es gibt frisches Geld.

„Wir wollen, dass die Digitalisierung in die Praxis aller Fächer Einzug hält“

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„Digital ist besser“ – wussten schon Tocotronic 1995 (©Unsplash/Andrew Neel)

Und Hamburg greift zu. Das belegen ganz aktuelle Zahlen. Demnach hat die Stadt die für Digitalisierung bereitgestellten Fördermittel schon jetzt weitgehend genutzt. Von den 166,3 Millionen Euro, die der Bund für eine bessere Ausstattung der Schulen zur Verfügung gestellt hat, sind laut Schulbehörde 95 Prozent investiert. „Jede Schule hat inzwischen WLAN und digitale Tafeln, in allen Schulen gibt es Laptops. An einzelnen Standorten sind noch nicht alle Klassenräume mit WLAN ausgestattet, aber insgesamt liegt die Abdeckung bei weit über 90 Prozent. Die restlichen Räume nehmen wir uns in den kommenden Monaten vor“, sagt Schulsenator Ties Rabe.

Der nächste Schritt sei, den Unterricht zu verbessern. „Wir wollen, dass die Digitalisierung in die Praxis aller Fächer Einzug hält. Dazu schulen wir die Lehrkräfte, dazu erarbeiten wir aber auch Bildungspläne, in denen künftig in stärkerem Maße als bisher die Digitalisierung enthalten ist“, so Rabe. Besagte Pläne hätten klare Vorgaben, sie gingen sogar soweit, dass künftig in Hamburg in den üblichen Klausuren Tablets oder Laptops eingesetzt werden sollten. „Nicht in allen, sehr wohl aber Schritt für Schritt in immer mehr Klausuren“, so der Senator.

Ties Rabe spricht von einem „gewaltigen Investitionsprogramm“

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Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (©Behörde für Schule und Berufsbildung/BSB)

Fakt ist, dass der Digitalpakt Schule schon vor der Pandemie auf den Weg gebracht wurde. Dass Corona Versäumnisse aufgezeigt und wie ein Booster gewirkt hat, daran gibt es dennoch keinen Zweifel. Zumal weitere Fördertöpfe an den Start gebracht wurden. Die Zahlen: 121 Millionen Euro hat Hamburg bereits in die allgemeine Digitalisierung der Schulen gesteckt. Bis zu 128 Millionen Euro können abgerufen werden. Hinzu kommt der Digitalpakt für Sofortausstattung, aus dem Hamburg 12,8 Millionen Euro für Schüler-Tablets genutzt hat. Um Endgeräte für Lehrer anzuschaffen, stehen 12,8 Millionen Euro bereit, 11,5 Millionen Euro davon hat Hamburg bislang für seine Pädagogen investiert. Geht es um IT-Administration sind 11,8 Millionen Euro auf den Weg gebracht worden, um Wartung und Pflege der digitalen Ausstattung an den Schulen auf ein vernünftiges Niveau anzuheben.

Ties Rabe hat ein ehrgeiziges Ziel: „Wir wollen, dass Hamburgs Schüler:innen in allen Fächern genauso selbstverständlich den Computer einsetzen wie Schulbücher und Arbeitshefte“, sagt er. Deshalb sei digitale Technik an allen 376 staatlichen Schulen erheblich ausgebaut worden. Hamburgs eigene Mittel eingerechnet, spricht Rabe von „einem gewaltigen Investitionsprogramm“, das rund 200 Millionen Euro umfasse. Das sei erst der Anfang. Geplant sei, den Digitalpakt zwischen Bund und Ländern weiterzuführen und bis 2030 zu verlängern. „Wir können also mit weiteren Fördergeldern rechnen“, so der Senator.

„Es braucht technische-, pädagogische- und rechtliche Fortbildungen“

Alles ganz prima also? Bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft wird die Lage weniger rosarot gesehen. Fraglos habe die Schulbehörde in den vergangenen Jahren viel Geld abgerufen und auch in die Schulen investiert, so die stellvertretende Vorsitzende Yvonne Heimbüchel. Die Probleme lägen jedoch in der Ausführung. So stelle die Schulbehörde noch immer keine Plattform für die Lehrkräfte zur Verfügung, auf der sensible Daten von Schülern gespeichert oder versendet werden könnten. Es würden Tablets quasi ausgeschüttet, ohne vorher zu klären, was Pädagogen mit diesen Geräten konkret anstellen sollten. „Unterrichtsvorbereitung oder Zeugnisse schreiben ist auf diesen kleinen Geräten meist nicht fehlerfrei möglich“, sagt Heimbüchel. Zudem fehle es an einem nachhaltig durchdachten Fortbildungskonzept. Es müsse erklärt werden, wie Apps funktionierten, wo Technik sinnvoll einzusetzen sei und welche Probleme es mit Datenschutz geben könne. „Es bedarf sowohl technischer und pädagogischer als auch rechtlicher Fortbildungen“, so die Gewerkschafterin weiter.

„Wir wollen, dass Hamburgs Schülerinnen und Schüler in allen Schulfächern genauso selbstverständlich den Computer einsetzen wie Schulbücher und Arbeitshefte.“
Schulsenator Ties Rabe

Die gibt es laut Ties Rabe längst. Hamburg habe die Fortbildung für Lehrkräfte deutlich ausgebaut. „Die Teilnahmequoten während der Corona-Pandemie waren überwältigend. Man konnte erkennen, dass Lehrkräfte sich diese Technik jetzt wirklich erschließen wollen“, so Hamburgs Schulsenator. Man arbeite daran, Schulungen zu intensivieren. Zudem sei Digitalisierung in der Lehrerausbildung fest verankert worden. Rabe: „Wir haben sogar die Prüfungen verändert. Zukünftig kann in Hamburg nur das Referendariat, also die zweite Prüfung zum Lehrer, bestehen, wer im Unterricht unter Beweis stellt, dass digitale Techniken beherrscht werden.“ Es gebe seit einem Jahr die Regel, dass die sogenannten Vorführstunden, die in das Zeugnis für Lehramtsbewerbungen eingehen, immer mit digitaler Technik ausgeführt werden müssten. „So sichern wir, dass sämtliche Nachwuchslehrkräfte in jedem Fall digitale Erfahrungen auch schon im Unterricht mitbringen.“

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„Es gibt keinen grundlegenden Fachsupport“: Yvonne Heimbüchel (©GEW Hamburg)

Doch es gibt weitere Kritikpunkte der Gewerkschaft: Das technische Know-how hänge oft an den finanziellen Möglichkeiten der einzelnen Schulen und dem Engagement einzelner Lehrer. „Es gibt keinen grundlegenden Fachsupport, der dringend eingerichtet gehört“, bemängelt Yvonne Heimbüchel. Sie fordert einen konzeptionellen Rahmen, in dem die Schulen und ihre Beschäftigten mit der Entwicklung neuer digitaler Konzepte nicht allein gelassen werden, zusätzliche Fortbildungszeiten, Geräte, digitale Plattformen und Apps, die mit den Personalvertretungen abgestimmt sind. Plus eine längerfristige finanzielle Planung: „Es ist ja jetzt schon klar, dass alles, was jetzt angeschafft wurde, in ein paar Jahren wieder ausgetauscht werden muss.“

Schule der Zukunft erfordert fraglos eine ausgeklügelte Digitalisierungsstrategie. Eine der größten Herausforderungen unsere Zeit sei es, Bildungsprozesse so zu gestalten, dass Schüler:innen angemessen auf das Leben in der derzeitigen und künftigen Gesellschaft vorbereitet werden, so heißt es. Klingt nach einem Plan. Ein Baustein für die Umsetzung ist das digital.learning. lab, ein von der Schulbehörde 2018 initiiertes Internet-Portal. Umgesetzt wurde es zusammen mit der Joachim Herz Stiftung und der Technischen Universität Hamburg. Das digitale Labor bietet zum Download kostenlose digitale Unterrichtsbausteine in zahlreichen Fächern, eine Toolbox mit passenden Unterstützungsangeboten sowie Hintergrundmaterial mit Forschungsergebnissen und Trends.

Mit der Anschaffung von Laptops ist es nicht getan

Geht es um Bildung, ist Digitalisierung nur eine von vielen Herausforderungen, vor denen die Stadt steht. Vor allem, weil die Zahl der Schüler rasant wächst. Allein in diesem Jahr zählt die Behörde 6000 zusätzliche Jungen und Mädchen, die unterrichtet werden. Laut Senator Rabe werden neben den Investitionen in digitale Strukturen weiterhin bis zu 400 Millionen Euro pro Jahr in die Hand genommen, um Hamburgs Schulen fit für die Zukunft zu machen – und Neubauprojekte an den Start zu bringen. Klimagerechtigkeit ist dabei ein weiterer wichtiger Aspekt, hier wird die aktuelle Energiekrise zum Booster. Eine weitere wichtige Stellschraube ist das Personal. So wurden kürzlich 540 zusätzliche Stellen freigegeben.

Doch zurück zum Thema Digitalisierung. Wir wollen von der Schulbehörde wissen, was Hamburg plant, damit die Entwicklung nach der Pandemie nicht wieder ins Stocken gerät. Und bekommen den Hinweis darauf, dass es in Kürze eine Landespressekonferenz zum Thema geben wird. Am Tenor dürfte sich nicht viel ändern: Digital ist besser. Dass es mit der Anschaffung von ein paar Laptops allein nicht getan ist, wissen Eltern, Lehrer und Schüler. Sie werden weiterhin ganz genau hinschauen.


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Deal mit Cosco: Die zu kurz gedachte Hoffnung auf die Zukunft

Ein Terminal im Hamburger Hafen gehört ab dem kommenden Jahr voraussichtlich anteilig zur chinesischen Reederei Cosco. Doch das ist ein Deal ohne langfristige Perspektive, meint unser Autor – ein Kommentar

Kommentar: Felix Willeke

 

24,9 Prozent, so viel soll die chinesische Reederei Cosco ab 2023 am Hamburger Containerterminal Tollerort halten. Die Hoffnung: Wirtschaftlicher Erfolg. Doch in der Realität verschließt die Politik die Augen vor den langfristigen Folgen. Es stimmt zwar, dass der Deal nocht nicht durch ist, Cosco selbst muss dem Geschäft noch zustimmen. Doch schon seit langem regt sich viel Kritik. So schrieben Sinolog:innen der Universität Hamburg einen offenen Brief an Bundeskanzler Scholz: Man würde „einem Regime in die Hände spielen, das sein Volk in den letzten Jahren immer rücksichtsloser unterdrückt hat, und es birgt ein politisches Risiko für Hamburg und Deutschland, das den erhofften wirtschaftlichen Vorteil weit überwiegt“. Dazu kommen Warnungen vom Bundesnachrichtendienst und einer Vielzahl an Ministerien, dass man China keinen Zugang zu kritischer Infrastruktur verschaffen solle.

Schiffe aus China? Bitte hierher!

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2,6 Millionen Container im Hamburger Hafen kamen 2021 aus China, mit Abstand die meisten (©unsplash/Anja Bauermann)

Doch trotz dieser Warnungen bleiben die Bundesregierung, Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) – und damit auch Peter Tschentscher (SPD) als Erster Bürgermeister der Stadt mit dem größten Seehafen des Landes – bei ihrem „Ja“ zum Deal. Denn sie stehen vor einem Problem, dass der MDR wie folgt zusammenfasst: „Kein europäischer Hafen, kein europäischer Staat, der auf wirtschaftlichen Profit aus ist, kann derzeit chinesische Angebote leichtfertig ausschlagen. Wenn Hamburg den Deal nicht annimmt, steuern die chinesischen Frachter eben verstärkt Rotterdam an.“

Tatsächlich gibt es ein Risiko, dass chinesische Schiffe Hamburg ohne Deal links liegen lassen würden. Stattdessen könnten sie die Fracht in anderen Häfen löschen, Alternativen gibt es genug. In Europa sind chinesische Unternehmen aktuell an 15 Häfen beteiligt. Darunter auch die großen Player wie Rotterdam und Antwerpen. Hier ist neben Cosco (zu rund 18 Prozent in Rotterdam und zu 20 Prozent in Antwerpen) auch noch China Merchants Ports beteiligt. Doch bedeutet das, dass Hamburg ebenfalls ein chinesisches Angebot annehmen muss? Nein!

Das Problem Elbe

Denn langfristig steht der Hamburger Hafen vor einem ganz anderen Problem. Zwar kommen heute die meisten Container im Hamburger Hafen aus China, 2021 waren es 2,6 Millionen Standartcontainer (der zweitwichtigste Handelspartner USA kommt auf rund 600.000). Und vor diesem Hintergrund scheint der Deal wirtschaftlich lukrativ: Man erhofft sich durch den Verkauf der Anteile, dass Schiffe aus der Volksrepublik weiterhin den Hamburger Hafen anlaufen. Doch eine solche Entscheidung hat nur den vermeintlichen kurz- bis mittelfristigen wirtschaftlichen Erfolg im Blick und lässt langfristige Entwicklungen außen vor. Stichwort: Elbe.

Der Hamburger Hafen ist zwar der drittgrößte Containerhafen in Europa, aber auch der, bei dem die Schiffe von der offenen See bis zum ersten Terminal am längsten brauchen. Die Elbe gleicht dabei einem Nadelöhr. Um Probleme durch die Tide und geringe Fahrwassertiefe für voll beladene, große Schiffe zu vermeiden, beschloss die Stadt Hamburg 2006 die Elbe auf mehr als 17 Meter zu vertiefen (der Naturschutzbund und andere klagten gegen die Vertiefung man begann erst 2019 mit dem Ausbaggern). Doch genau hier liegt das Problem: Seit 2017 haben die größten Schiffe eine Kapazität von mehr als 20.000 Standartcontainern (TEU). Laut Tschentscher sollten diese dank der Elbvertiefung den Hafen erreichen können. Doch das ist nicht der Fall, zumindest nicht, wenn sie voll beladen sind. Warum? Weil die Elbe nicht tief genug ist.

Größer gedacht, als man sollte

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Liegt ein Teil der Zukunft auf der Schiene? (©unsplash/Bernd Dittrich)

Doch wie steht das „Gescheiterte Großprojekt?“ (NDR) Elbvertiefung in Zusammenhang mit dem Verkauf der Terminalanteile an Cosco? Kurz gesagt: Man erhofft sich Schiffe aus China, die den Hafen voll beladen derzeit gar nicht anlaufen können. Einer Studie des Ifo-Instituts aus dem Jahr 2021 zufolge, werden die Containerschiffe immer größer. Schiffe mit einer Kapazität von über 20.000 TEU sind mittlerweile Alltag – weltweit sind rund 100 von ihnen auf den Meeren unterwegs. Deswegen haben Häfen wie Rotterdam, Valencia und Piräus einen entscheidenden Vorteil: Sie liegen direkt am Meer und können ohne Probleme von den großen Schiffen angelaufen werden.

Dazu kommt der Faktor Schiene – im Autoland Deutschland ein sehr leidiges Thema –, der in der Logistik immer wichtiger wird. Nicht umsonst bauen Länder wir die Schweiz Tunnel, damit der Transport auf der Schiene durch das eigene Land schneller geht. Schon heute kommen Güter vom Mittelmeer mit dem Zug fast schneller in den Süden Deutschlands als vom Hamburger Hafen aus. Und ein Schiff aus China ist, wenn es nicht durch die Nordostpassage fährt, auch schneller in Genua oder Triest als in Hamburg. Das heißt: Wenn Rotterdam, Antwerpen, Vado Ligure (Italien), Piräus oder Valencia – an allen Häfen sind chinesische Unternehmen beteiligt – ihre Kapazitäten aufstocken und dort die großen Schiffe einlaufen, schaut Hamburg in die Röhre. Der kurzfristige „Erfolg“ durch den Verkauf der Anteile am Terminal Tollerort würde sich langfristig als Fehlentscheidung entpuppen.

Gemeinsam ist man stärker

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Vielleicht ist eine Kooperation mit Deutschlands einzigem Tiefwasserhafen die Zukunft: Dem JadeWeserPort in Wilhelmshaven (©pixabay/AKrebs60)

Dagegen kann es im Norden Deutschlands eigentlich nur eine Strategie geben: Zusammenarbeit. Anstatt Terminal-Anteile an Cosco zu verkaufen, könnte sich Hamburg lieber mit seinen norddeutschen Nachbarn zusammentun. „Die Seehäfen Bremerhaven, Hamburg und Wilhelmshaven müssen gemeinsam in ihrer internationalen Wettbewerbsposition gestärkt werden“, heißt es in einem Positionspapier der Handelskammern Bremen und Hamburg vom Februar 2022. Schon heute ist der Hafen in Piräus, der zur Mehrheit der Reederei Cosco gehört und als Teil der Neuen Seidenstraße (eine Handels-Expansionsstrategie Chinas), der Hafen, der in Europa am schnellsten wächst. Damit kann Hamburg bei Weitem nicht mithalten – und das wird sich mutmaßlich auch durch die Cosco-Beteiligung an Tollerort nicht ändern.

Deswegen braucht es die norddeutsche Kooperation. Denn dadurch fällt die innerdeutsche Konkurrenz weg. Zudem hätte man mit JadeWeserPort in Wilhelmshaven (an dem schon heute die Hamburger Reederei Hapag Lloyd beteiligt ist) einen Tiefwasserhafen für voll beladene Riesenfrachter. Die wegfallenden Kosten für die Elbvertiefung könnte man in einen besseren Bahnausbau im Hinterland investieren. Und am Ende wären die deutschen Häfen mit einem Umschlag von zusammengenommen 14,48 Millionen TEU pro Jahr europaweit auf Rang zwei, mit nur rund 850.000 TEU hinter Rotterdam. Heute beträgt Rotterdams Vorsprung auf den Hamburger Hafen rund 6,5 Millionen TEU, Tendenz steigend.


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„Oben leuchten die Sterne, unten leuchten wir“

Mehr als 200 Menschen versammelten sich am 9. November 2022 bei einer Mahnwache zur Erinnerung an die Opfer der Reichspogromnacht von 1938 auf dem Joseph-Carlebach-Platz und nahmen an der anschließenden Initiative „Grindel leuchtet“ teil

Text: Katharina Stertzenbach

 

1938: In der Nacht vom 9. auf den 10. November wurde in der Pogromnacht die Bornplatz-Syangoge auf dem heutigen Joseph-Carlebach-Platz im Grindelviertel von den Nationalsozialisten zerstört. Ein Datum, an dem die Judenverfolgung in Deutschland eine ganz neue Dimension erreichte, auch in Hamburg.

84 Jahre später stehen an diesem Novemberabend über 200 Leute auf dem Joseph-Carlebach-Platz. Anlass ist die Mahnwache, die von der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Hamburg“, der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hamburg und der Universität Hamburg organisiert wurde. Alle Redner:innen erinnerten mit ihren Worten an die grausamen Ereignisse von damals, so auch die Autorin Dr. Regula Venske, die ihre Rede mit einem Zitat aus dem Kinderlied „Ich geh mit meiner Laterne“ enden lies: „Oben leuchten die Sterne, unten leuchten wir.”

9. November: Niemals vergessen

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Lichtermeer auf dem Joseph-Carlebach-Platz (©Katharina Stertzenbach)

Auf dem Joseph-Carlebach-Platz erinnert seit 1988 ein Mosaik an die zerstörte Bornplatz-Synagoge. Ihn ihm spiegelt sich maßstabsgetreu das frühere Deckengewölbe wieder. Zum Ende der Mahnwache stellen immer mehr Menschen Windlichter auf das Bodenmosaik, eine von ihnen ist Steffi. Sie kommt seit fünf Jahren immer am 9. November hier her. „Die Erinnerung an die Menschen ist mir dabei besonders wichtig“, sagt die Frau aus Großborstel. An anderer Stelle steht Tito. Er kam 1973 aus Chile zum Studieren nach Hamburg. „Damals habe ich mich gewundert, das hier ein schlammiger Parkplatz ist. 1988 entstand dann der Gedenkort. Und es wurde klar, was das für ein wichtiger Ort ist“, sagt er und wünscht sich, das Orte wie der ehemalige jüdische Friedhof an der Rentzelstraße auch wieder mehr ins Gedächtnis der Menschen kommen, weil „diese Plätze und Tage wichtig sind, um zu erinnern.“

Es leuchtet übers Grindelviertel hinaus

Neben Steffi und Tito sind viele Anwohner:innen des Grindelviertels vor Ort, so auch Katharina und ihre Tochter Mathlida. Seitdem Mathilda klein ist, schauen sich die beiden die Lichter in ihrem Viertel am 9. November an. „Dabei erinnern wir uns als Familie natürlich an die Opfer – also die Generationen vor uns, die das Grindelviertel mit Leben gefüllt haben“, sagt Katharina. Vor ihrer Haustür liegt zudem einer von 6.386 Stolpersteinen. Seit 20 Jahren erinnern die Steine vor den ehemaligen Wohnorten der Opfer des Nationalsozialismus mit auf einer Messingplatte eingraviert, Namen, Geburtstag und Todestag an die Menschen. Viele nutzen den 9. November um diese Stolpersteine zu putzen und ein Licht und Blumen daneben zu stellen. Seit 2013 ruft die Anwohner:innen-Initative „Grindel leuchtet“ jährlich dazu auf die Stolpersteine zu putzen und ein Licht für die Opfer aufzustellen. Mittlerweile leuchten Lichter neben den Stolpersteinen in der gesamten Stadt.


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Wir helfen! Heute: Lea Simberg von StrassenBLUES e.V.

Viel hilft viel – zumindest, wenn es um Soziales geht. An den ersten drei Montagen im November 2022 lassen wir an dieser Stelle immer eine:n von drei Hamburger:innen zu Wort kommen, die sich besonders einsetzen und von ihrer Arbeit erzählen. Heute: Lea Simberg von StrassenBLUES e.V.

Protokoll: Anarhea Stoffel

 

Lea Simberg

Sozialarbeiterin bei StrassenBLUES e.V.

Titelstory Foto Janine Meyer StrassenBLUES e.V.-klein

„Es existiert viel Unwissen über armutsbetroffene, wohnungslose und obdachlose Personen“, sagt Lea Simberg (©Janine Meyer/StrassenBLUES e.V.)

„Ich glaube daran, dass alles Wahre im Leben Begegnung ist. Gemeinschaft und einander wahrnehmen sehe ich also als zentral an. Menschen in Armut, wohnungslose und obdachlose Personen sind eine stark an den Gesellschaftsrand gedrängte und diskriminierte Gruppe. Gleichzeitig leben wir in diesem Teil der Welt in extremem Reichtum. Da juckt es mir in den Fingern, ich kann nicht nicht versuchen, etwas an diesem Umstand zu verändern.

Außerdem mag ich, dass die Menschen, mit denen ich arbeite, vielfältig sind und ich so unterschiedliche Lebensentwürfe kennenlernen darf. Meine Arbeit bei StrassenBLUES ist der Bereich Sozialarbeit. Das ist – ganz allgemein gesprochen – soziale Beratung und Begleitung von armutsbetroffenen Menschen sowie wohnungs- und obdachlosen Personen zu allerlei Terminen. Außerdem stehe ich im Kontakt mit Politiker:innen, anderen sozialen Diensten und Behörden.

„In Deutschland müsste kein Mensch in Armut und Obdachlosigkeit leben“

Mit all unseren zur Verfügung stehenden Ressourcen müsste kein Mensch in Deutschland in Armut und Obdachlosigkeit leben. Bei unserer ungeschickten Verteilung der Ressourcen allerdings leider schon. Das müssen wir besser hinbekommen! Dabei müssen wir weg von der Verwaltung von Armut und Wohnungs- sowie Obdachlosigkeit, hin zu schon existierenden Lösungsvorschlägen und ausgearbeiteten Konzepten. Hört den betroffenen Personen zu. Nichts über sie, ohne sie. Es existiert viel Unwissen über armutsbetroffene, wohnungslose und obdachlose Personen. Die darauf aufbauenden politischen Entscheidungen gehen teilweise an den Bedürfnissen der betroffenen Menschen vorbei.

Ich möchte mehr Teilhabe und ich möchte, dass Ressourcen und Macht sich gleichmäßiger verteilen. Ich verstehe das so, dass sich die Gesellschaft über die Zeit Regeln und Strukturen ausgedacht hat, die unser tägliches Verhalten, Tun und Lassen prägen. Diese Verhaltensweisen sind von Ausschluss und Bevorzugung geprägt. Ich möchte einen Teil dazu beitragen, dass die Hilfsangebote für von Armut betroffene Personen sich danach richten, was die tatsächlichen Bedürfnisse dieser Menschengruppen sind. Weniger Ausschluss und Ignoranz, mehr Teilhabe!“


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