Volleyball: Das Wunder von Eimsbüttel

Die ETV-Damen sind das beste Team der Stadt – und sie wollen sich ohne viel Geld im Profibereich etablieren

Text: Mirko Schneider

 

Ein Sonntagnachmittag in der Sporthalle Hoheluft. Eine stimmungsvolle Musikauswahl mit unüberhörbarem 90er-Jahre-Touch dröhnt aus den Boxen. In 30 Minuten beginnt die Volleyball-Partie der Damen des Eimsbütteler TV gegen den VC Allbau Essen in der Zweiten Bundesliga. Und was machen die ETV-Damen beim Aufwärmen? Bauen „I want it that way“ von den Backstreet Boys in ihre Übungen ein. Als der Hallensprecher die Spielerinnen beider Teams einzeln vorstellt, stürmt Libera Ines Laube mit einem kleinen Krönchen auf dem Kopf auf die Platte. Sie feiert heute ihren 31. Geburtstag.

„Mein Team besteht aus vielen fröhlichen, spontanen und aufgeschlossenen Damen, die viel Spaß miteinander haben“, hat Trainer Ulrich Kahl, 58, im Vorgespräch gesagt. Das ist in jeder Sekunde zu spüren. Was er auch gesagt hat: „Unser Teamspirit ist riesig und alle haben große Lust darauf, Leistung zu bringen und gemeinsam guten Volleyball miteinander zu spielen.“ Das wiederum beweisen die ETV-Damen ab dem ersten Ball. Sie machen es dem Tabellendritten so schwer wie möglich und unterliegen erst nach tapferem Kampf in vier Sätzen.

Dennoch ist der Klassenerhalt so gut wie gesichert. Und das ist eine erneute Überraschung, nachdem der erstmalige Aufstieg in den Leistungsbereich der Zweiten Liga einem Wunder gleich kam.

 

„Wollen wir aufsteigen oder nicht?“

Ulrich Kahl

 

Denn zum einen ließ der Absturz des VT Aurubis (mittlerweile Volleyball-Team Hamburg; Anm. d. Red.) von der Bundesliga in die Dritte Liga große Zweifel aufkommen, ob Damen-Volleyball sich in Hamburg als Profisportart überhaupt dauerhaft etablieren lässt. Zum anderen schreibt sich mit dem ETV nun ein typischer Breitensportverein dieses Ziel auf die Fahnen.

Der dafür entscheidende sportliche Moment spielte sich Anfang 2020 bei einer Mannschaftssitzung ab. Kahl, seit 19 Jahren Coach der Volleyball-Damen beim ETV, stellte seine Spielerinnen vor die Wahl. „Wir waren Tabellenführer der Dritten Liga und hatten gerade unser erstes Spiel verloren. Gegen den Zweiten. Das ärgerte uns mächtig. Da habe ich meinen Spielerinnen gesagt: ‚Jetzt Butter bei die Fische! Wollen wir aufsteigen oder nicht?‘“ Einstimmig wurde der Beschluss gefasst: Wir wollen hoch.

Ab diesem Zeitpunkt rauschten die ETV-Volleyball-Damen durch die Dritte Liga. Sie gaben in der Rückrunde keinen Satz mehr ab. Nur war da ja noch der zu stemmende Etat. 10.000 Euro betrug er in der Dritten Liga, 50.000 Euro waren für die Zweite Liga nötig. Wohlgemerkt ohne Zahlungen an die Spielerinnen wie in anderen Clubs mit wesentlich höherem Budget. „Das ist leider einfach nicht drin. Damit sind wir sicher eine Ausnahme in der Zweiten Liga“, sagt Kahl. Trotzdem konnte sogar Außenangreiferin Saskia Radzuweit, 30, Ex-Bundesliga- und Ex-Nationalspielerin, von einem Comeback überzeugt werden, nachdem sie ihre Karriere 2018 schon beendet hatte. „Was der ETV hier gerade aufbaut, sehe ich genauso positiv wie das Team selbst. Dass kein Geld gezahlt wird, hat mich nicht gestört“, sagt Radzuweit.

 

„Träumen ist erlaubt“

Ulrich Kahl

 

Ebenso erfolgreich verlief die intensive Sponsorensuche. Mit der Top-motive-Gruppe als Hauptsponsor und der Pizzakette Smiley’s wurden schließlich namhafte Unternehmen von einem Engagement überzeugt. So konnte das Abenteuer Zweite Bundesliga starten. Dreimal die Woche Balltraining in der Halle, dazu ein- bis zweimal Krafttraining in Eigenregie. 14 Damen im Kader, die meisten Anfang 20 und Studentinnen. Der ETV ging nicht gerade als Favorit in die Saison. Doch das eingeschworene Team fand seinen Platz im unteren Mittelfeld der Zweitligatabelle mit Puffer auf die Abstiegsränge.

Nun stellt sich die Frage: Ist sogar noch mehr drin? „Eine Sportstadt wie Hamburg muss natürlich das Ziel haben, auch im Damen-Volleyball in der Ersten Bundesliga vertreten zu sein“, sagt Kahl. „Doch unter 250.00 Euro Etat würde da gar nichts gehen. Und das wäre das absolute Minimum. Wenn wir irgendwann die Chance haben, wirtschaftlich verantwortbar aufzusteigen, werden wir uns nicht wehren. Bis dahin müsste allerdings unglaublich viel passieren. Träumen ist aber erlaubt.“


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Fotografie: Marion von der Mehden zeigt die Kraft des Sports

Die Hamburgerin Marion von der Mehden arbeitet seit 1991 als selbstständige Fotografin. Ihr neues Fotoprojekt „Sport und Integration“ zeigt in ruhigen Bildern die Schicksale mutiger Menschen und die Kraft des Sports

Interview: Mirko Schneider

 

SZENE HAMBURG: Bis Ende März wird Ihr Fotoprojekt „,Sport und Integration“ an den Messehallen entlang der Karolinenstraße zu sehen sein. Wie kam es dazu?

Es begann mit der Einladung zum Oberstdorfer Fotogipfel für den September 2020 durch Kurator Christian Popkes. Nach der positiven Resonanz auf das Projekt wollte ich unbedingt in Hamburg ausstellen. Die Messehallen als Ausstellungsort waren schon immer ein Traum von mir. Wir stießen bei der Hamburg Messe & Congress GmbH sofort auf Begeisterung.

Als Sie erfuhren, dass 2020 in Oberstdorf das Thema „,Sport“ lauten würde: Was haben Sie da gedacht?

Ich dachte spontan „Oje, ich bin doch keine Sportfotografin“. Actionfotos von Sportveranstaltungen konnte ich nicht anbieten. Doch dann überlegte ich, wie ich an das Thema herangehen könnte. So kam ich auf „Sport und Integration“.

Sport bedeutet ja schließlich viel mehr als Gewinnen oder Verlieren. Und Integration ist aktuell ein wichtiges Thema, wobei Sport das Potential hat, Integration gelingen zu lassen.

Für Ihr Fotoprojekt traten Sie direkt an 17 Sportlerinnen und Sportler heran. Welche Rolle spielte der Hamburger Sportbund?

Eine sehr wichtige Rolle. Der HSB, beziehungsweise das Team Integration durch Sport, fand die Idee sofort super, hat mich in jeder Hinsicht hervorragend unterstützt. Alle Vereinskontakte kamen über den HSB zustande.

Ich wusste auch vorher gar nicht, wie viel der HSB als Dachverband der Hamburger Sportvereine und -verbände eigentlich leistet. Ich habe mich mit deren Arbeit beschäftigt und fand viele der Angebote auch recht kreativ.

Zum Beispiel das „Fahrradtraining für Frauen“ im Rahmen des Programms „Integration durch Sport“. Hier hat mich die Geschichte der Ägypterin Dina sehr berührt, die als junges Mädchen nicht Fahrradfahren lernen durfte. Nun nimmt sie an einem der Kurse teil und ist sehr glücklich darüber.

 

„Jeder einzelne Mensch ist wichtig“

 

Welche Erlebnisse und Begegnungen haben Sie noch besonders bewegt?

Hier möchte ich ein Wort einfügen: uns. Denn Texterin Sarah Beckmann hat die Interviews geführt, aus denen die kleinen Textbaukästen zu den Fotos entstanden sind. Damit fielen wir in Oberstdorf übrigens total aus der Reihe. Aber diese kurzen Erklärungen waren nötig, um den Menschen auf dem Foto noch besser zu verstehen, ihm noch näher zu kommen.

Sarah und ich waren beeindruckt davon, wie wenig Berührungsängste es gab. Wir wurden stets wie gute Freunde aufgenommen. Sehr beeindruckend war Cricketspieler Said. Er wurde von den Taliban verfolgt und ist aus Afghanistan geflohen. Bis heute weiß er nicht, ob seine Eltern noch leben, und sie wissen nicht, ob er noch lebt. Ich bin selbst Mutter und das ist unvorstellbar für mich.

Oder Ali, ein Parkoursportler, der in Syrien zum Militär sollte. Er floh in einem Boot nach Lesbos. In Hamburg setzte er sein in Damaskus abgebrochenes Schauspielstudium fort, hat seit 2019 unter anderem Engagements am Schauspielhaus Hamburg. Und noch eine Sportart möchte ich herausheben: das Ringen.

Wieso?

Ich dachte immer, Ringer sind nur Muskelpakete. Aber die haben uns einen Handstand gezeigt, sogar einen Flic Flac. Wir sahen weichfließende, technisch perfekte Bewegungsabläufe des ganzen Körpers. Wir haben viele Informationen und einen spannenden Einblick in den Ringsport bekommen.

Sie haben alle Bilder in Schwarz-Weiß aufgenommen. Warum?

Wegen der Unterschiedlichkeit der Motive. Wir waren an so vielen Plätzen mit so vielen verschiedenen Bedingungen, da dachte ich: „Ich muss da irgendwie Ruhe reinbringen. Farbe ist hier nicht wichtig.“

Gibt es eine Botschaft, die Sie mit dieser Ausstellung den Menschen vermitteln möchten?

Ja. Jeder einzelne Mensch ist wichtig. Zusammenhalt, Teamgeist und Fairplay zählen. Im Sport und im Leben. Nicht die Hautfarbe, der Glauben oder die Kultur.


Sport-SZENE_01_21-1 SZENE HAMBURG SPORT, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 als Heft im Heft in der Februar Ausgabe SZENE HAMBURG im Handel erhätlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hamburger Sportbund: Die Lage in der Corona-Pandemie

Ralph Lehnert (61) ist Vorstandsvorsitzender des Hamburger Sportbundes (HSB). Circa 830 Vereine, etwa 50 Fachverbände und somit über 540.000 Mitglieder sind im HSB organisiert. Im Interview mit SZENE HAMBURG nimmt Lehnert Stellung zur Lage des Hamburger Sports in der Corona-Pandemie

Interview: Mirko Schneider

 

Ralph-lehnert-sportbund-hamburgSZENE HAMBURG: Herr Lehnert, wie kommen die Hamburger Sportvereine aus Sicht des Hamburger Sportbundes durch die Pandemie?

Sehr unterschiedlich. Insgesamt können wir sagen, die Pandemie verursacht erhebliche wirtschaftliche und finanzielle Schwierigkeiten für die Vereine. Eine ganze Reihe von Vereinen war ja auch darauf angewiesen, Hilfen aus dem Nothilfefonds der Stadt Hamburg in Anspruch zu nehmen.

Können Sie die Probleme konkretisieren?

Sicher. In erster Linie verzeichnen die Vereine einen erheblichen Mitgliederverlust. Das schlägt sich unmittelbar auf der Einnahmenseite negativ nieder. Selbstverständlich sind auch viele kleinere Clubs betroffen, aber besonders größere Vereine haben hier teilweise einen großen Rückgang in den Mitgliederzahlen hinnehmen müssen. Und ausgetretene Mitglieder kommen ja nicht automatisch alle sofort zurück, wenn die Impfungen abgeschlossen sind.

Aber verursachen weniger Mitglieder nicht auch weniger Kosten, sodass auch die Ausgabenseite entlastet wird?

So können Sie das nicht rechnen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Sie bieten als Verein einen Sportkurs an, zu dem regelmäßig zwanzig Menschen kommen. Wenn der Vereinssport wieder hochgefahren wird, sind es nur noch 15. Ihre Beiträge durch Mitgliedereinnahmen sind dann gesunken, die Kosten aber gleichgeblieben.

Die Trainer muss der Verein ja trotzdem bezahlen und die Kosten für die Fläche, auf der der Sportkurs stattfindet, werden ebenfalls nicht kleiner. Wir werden also gemeinsam erhebliche Anstrengungen unternehmen müssen, damit jetzt nicht zu viele Mitglieder ihre Vereine verlassen. Trotzdem ist leider ein großer Schaden zu erwarten.

 

Zahlen und zahlen

 

Bei der letzten vom Hamburger Sportbund erfassten jährlichen Mitgliederstatistik am 1. Oktober 2020 betrug das negative Saldo für ganz Hamburg 21.000 Mitglieder. Die Zahl liest sich doch moderat und Corona existierte zu diesem Zeitpunkt schon längst…

Das stimmt. Aber man muss genauer hinschauen. Der Rückgang bei den Mitgliederzahlen zum Jahresende war nämlich wesentlich höher. Oft sind die satzungsgemäßen Austrittsfristen auf das Jahresende terminiert. Wir erheben das gerade und gehen davon aus, dass viele Clubs einen Rückgang der Mitgliederzahlen um 10 Prozent plus X werden hinnehmen müssen.

Besonders kostenintensive Angebote von Vereinen wie beispielsweise Fitnessstudios haben es schwer. Geraten Menschen in finanzielle Probleme, denken sie darüber nach, ob sie sich den Beitrag leisten können.

Der Nothilfefonds der Stadt Hamburg hat bislang 2,5 Millionen Euro an die Sportvereine ausgezahlt. Tut die Hamburger Politik auf dem ökonomischen Sektor genug für den Sport?

Zunächst einmal hat die Stadt Hamburg den Sport von Anfang an in all ihre Überlegungen miteinbezogen. Das war nicht in allen Bundesländern der Fall und ist daher nicht selbstverständlich.

Wir beim Hamburger Sportbund haben das Gefühl, der Nothilfefonds hilft den Vereinen sehr. Es gilt immer wieder festzustellen, welche Bedarfe bestehen, um dann zielgerichtet zu helfen.

Die Vereine können zwischen 25.000 und 40.000 Euro erhalten. Reicht das?

Nicht immer. Große Vereine müssen beispielweise oft vereinseigene Anlagen finanzieren. Da ergeben sich schnell Unterdeckungen in sechsstelliger Höhe und eine große finanzielle Not.

 

„Emotionalität ist gestiegen“

 

Der Hamburger Sportbund berät die Vereine bei der Antragstellung für Mittel aus dem Nothilfefonds. Ist der Aufwand für sie gewachsen?

Ja, aber wir helfen natürlich gerne. Wir informieren die Vereine und übrigens auch die Verbände über neue Rechtsverordnungen und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten und Pflichten. Zum Glück sind wir in Sachen Digitalisierung gut unterwegs, können über unser neugeschaffenes Mitgliederportal Informationen zum Nothilfefons in digitaler Form anbieten.

Außerdem können die Vereine auf ihre bei uns datenschutzsicher hinterlegten Stammdaten zurückgreifen. Oft gibt es Unklarheiten, welche Kosten geltend gemacht werden dürfen. Bei jeder neuen Rechtsverordnung laufen in der Folge bei uns die Telefone heiß.

Haben Sie dann hauptsächlich mit verzweifelten Menschen zu tun?

Verzweifelt würde ich nicht sagen. Natürlich ist die Emotionalität im Laufe der Zeit gestiegen. Aber die meisten Ehrenamtler sind sehr verantwortungsbewusste Menschen. Sie haben die gesellschaftliche Situation im Blick und verstehen die Notwendigkeit der Maßnahmen.

Trotzdem freut sich natürlich keiner darüber, dass sich auch der Sport im Lockdown befindet. Viele Menschen in den Vereinen haben ja auch viel geleistet. Unter großen Mühen Hygienekonzepte erstellt, als es nicht mehr anders ging Online-Angebote ausgearbeitet. Das kostet alles Zeit und ist sehr anstrengend.

Außerdem existiert bei den Ehrenamtlern und auch bei uns eine Angst vor den langfristigen Spätfolgen der Aussetzung des Sports.

Welche langfristigen Spätfolgen sind das?

Es gibt wissenschaftliche Aussagen dazu, dass jede Stunde Sport, die jetzt nicht betrieben werden kann, zu einer Verschlechterung des Immunsystems führt. Zudem schult der Sport Sozialverhalten, gerade für Kinder und Jugendliche. Das fällt jetzt alles weg und das macht allen, die sich für den Sport engagieren, große Sorgen.

Bei einer Anhörung in der Bürgerschaft am 25. November schilderten Sie Ihr „Erschrecken und Entsetzen“ darüber, dass der Sport im ersten Beschluss der Bundesregierung zur Pandemie keine Erwähnung fand. Wie denken Sie heute darüber?

Ich habe damals zudem die Beschlussfassung für den Bereich Kultur zitiert und gesagt, wenn man das Wort „Kultur“ hier durch das Wort „Sport“ ersetzen würde, wäre uns sehr geholfen. Damit keine Missverständnisse entstehen: Es ging mir nicht um ein Ausspielen der wertvollen Kultur gegen den Sport.

Ich habe nur vorgeschlagen, durch eine identische Formulierung auch dem Sport einen Platz einzuräumen. Aus heutiger Sicht ist das längst Geschichte. Ich weiß, dass die Interessen des Sports auf Bundesebene sehr eindringlich vom Deutschen Olympischen Sportbund vertreten werden, der sich seinserseits intensiv mit den Landessportbünden austauscht.

In der aktuellen Beschlussfassung ist der Sport zwar wieder nicht erwähnt, aber das liegt vielleicht auch daran, dass er komplett heruntergefahren wurde. Schärfer als jetzt geht es ja nicht mehr.

 

Sonderstellung für Profisport

 

Eine Ausnahme bildet der Profisport. Er darf ausgeübt werden. Ist die Sonderstellung gerechtfertigt?

Man kann nicht von gerechtfertigt oder ungerechtfertigt sprechen. Die Begründung für den Profisport ist die Berufsausübung. Das wird meiner Wahrnehmung nach im Freizeit- und Breitensport durchaus akzeptiert und verstanden.

In Hamburg nehme ich jedenfalls keine Neiddebatte wahr. Hier herrscht viel Vernunft und Verantwortungsbewusstsein. Unsere Forderung nach einer Perspektive für den Freizeit- und Breitensport bleibt aber bestehen.

Wir als Hamburger Sportbund sind in Gesprächen mit dem Sportamt und das Verhältnis ist konstruktiv und vertrauensvoll. Für uns ist klar: Wenn sich die Infektionslage bessert, sollte der Kinder- und Jugendsport sowie Sport im Freien so schnell wie es möglich und verantwortbar ist wieder freigegeben werden.

Sind Sie optimistisch, dass der Hamburger Sport in diesem Jahr zurück zur Normalität findet?

Das glaube ich schon. Spätestens nach der Sommerpause müsste der reguläre Sportbetrieb wieder möglich sein. Wenn die Infektionslage entsprechend zurückgeht und die Impfungen planmäßig vorankommen.


Sport-SZENE_01_21-1 SZENE HAMBURG SPORT, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 als Heft im Heft in der Februar Ausgabe SZENE HAMBURG im Handel erhätlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Ein Buch über Hamburgs Fußballgeschichte

Ralf Klee und Broder-Jürgen Trede setzen Hamburgs Fußballgeschichte ein Denkmal

Text: Matthias Greulich

 

Wissen Sie, warum dieses Schiff „Peter“ heißt?, fragt der Barkassenführer, um nach einer bedeutungsschweren Pause fortzufahren. Er habe damals beim berühmten FC St. Pauli im Tor gestanden, wo ihm seine Frau Erna bei den Heimspielen hinter dem eigenen Kasten stets die Daumen zu drücken pflegte. Die Verantwortlichen bei St. Pauli fanden das problematisch. So gerne sie Erna mochten, eine Frau als zwölfter Mann brächte dem Verein großes Unglück, befanden sie. Die Lösung: „Erna heißt ab jetzt Peter.“ Einmal dabei, benannten die Eheleute daraufhin ihre Barkasse ebenfalls um. Der St. Pauli-Torwart war Ludwig, genannt „Lutn“ Alm. Er starb 1976, aber die Anekdote wird sich rund ums Millerntor immer noch mit Begeisterung erzählt.

 

„Besser als Fernsehen“

 

Broder-Jürgen Trede kannte die Geschichte und beschloss, der Barkasse einen Besuch abzustatten. „Einen ganzen Nachmittag habe ich auf der ‚Peter‘ verbracht, um mir die Geschichten von Alms Familie anzuhören“, so der Fußball-Autor. Besser als Fernsehen sei das gewesen, und so taucht die Landungsbrücke 7 als 95. Ort der Erinnerung der „Fußballheimat Hamburg“ auf, das Trede gemeinsam mit Ralf Klee geschrieben hat. „Die Menschen, die wir besucht oder telefonisch befragt haben, hatten alle große Lust auf das Thema“, berichtet Trede. Uwe Seeler nahm sich Zeit, um über sein Elternhaus („Zu sechst auf 50 Quadratmetern, Ofenheizung, kein fließend warmes Wasser – aber ich fühlte mich total behütet“) in Eppendorf zu erzählen.

In der Pandemie waren die umtriebigen Autoren, die unter Hamburgs Sportjournalisten immerhin einen Ruf als große Spürnasen zu verteidigen haben, durch die halbe Stadt gewandert, um den Orten der Geschichte einen Besuch abzustatten. „Der Fußball ist ein Vehikel, um sich mit der Geschichte der Stadt zu beschäftigen“, bilanziert Trede.

Dem 46-Jährigen und dem ein Jahr älteren Klee gelang das Kunststück, ihren Anekdotenschatz nach Spaziergängen zwischen Volksdorf und Kirchwerder ebenso fundiert wie unterhaltsam aufzuschreiben. Da für jeden Ort nur zwei Seiten zur Verfügung stehen, musste das Material, das ansonsten ausgeufert wäre, stark verdichtet werden.

Selbst das „Phantom der deutschen Fußballschichte“ fehlt nicht: der Luftwaffen Sportverein Hamburg. Der Militärklub, bei dem unter anderem Nationalspieler Karl Miller (später FC St. Pauli) spielte, verlor 1944 das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft vor 70.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion mit 0:4 gegen den Dresdner SC. „Während zu jedem mehr oder weniger erfolgreichen deutschen Verein heute inflationär Vereinschroniken erscheinen, scheint eine Soldatenmannschaft der Nazis ein zu heißes Eisen zu sein“, schrieb Klee. Er recherchierte daher auch auf dem Poloplatz unweit der S-Bahn Klein Flottbek, wo die Luftwaffensportler im Zweiten Weltkrieg geschützt von Bombenangriffen trainieren konnten.

 

Eine Mannschaftsleistung

 

Das Buch sei eine geschlossene Mannschaftsleistung betonen die Autoren. Dennoch konnte es passieren, dass sich die beiden Studienfreunde beim gegenseitigen Vorlesen der Texte batteleten. Die beiden HSV-Anhänger kennen sich seit Mitte der 1990er Jahre, als sie häufiger nach der Vorlesung am benachbarten Rothenbaum A-Jugend-Spiele der Rothosen besuchten. „Was für ein charmantes Stadion war das“, erinnert sich Trede an die Heimat des HSV, an die nach ihrem Abriss nicht mal eine Plakette erinnert.

Seinerzeit entstand die Idee, diesen Orten ein Denkmal zu setzen. „Jetzt sind wir froh, dass wir seit Unizeiten nicht immer nur gelabert, sondern es durchgezogen haben“, so Trede. Wer dieses, mit grandiosen historischen Fotos bebilderte Fußballbuch liest, kann diese Freude teilen.

Broder-Jürgen Trede, Ralf Klee: „Fußballheimat Hamburg. 100 Orte der Erinnerung. Ein Stadtreiseführer”, Arete Verlag, 216 Seiten, 18 Euro


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Portrait: Basketball-Coaching-Talent Sükran Gencay

Sükran Gencay ist mit den Basketballern des ETV in die 2. Liga Pro B aufgestiegen, es war der sechste Aufstieg in acht Jahren. Über ein außergewöhnliches Coaching-Talent

Text: Matthias Greulich

 

Sükran Gencay verdreht Augen, als sie einen Spieler der gegnerischen Mannschaft über eine Schiedsrichterentscheidung lamentieren hört. „Spiel’ doch mal Basketball“, ruft sie dem Zwei-Meter-Mann zu. Der Schlaks sieht die 160 Zentimeter große Frau mit dem schwarzen T-Shirt an und hört tatsächlich auf zu meckern.

„Ich mag klare Ansagen, das war schon immer so“, sagt die 34-Jährige, die als Headcoach mit den ETV Basketballern im Frühjahr sensationell in die 2. Bundesliga aufgestiegen ist. Es ist der sechste Aufstieg, seitdem Gencay vor acht Jahren das Team in der Kreisliga übernahm. Wenn in der dritthöchsten deutschen Spielklasse wie geplant am 16. Oktober die Saison beginnen kann, heißen die Gegner ART Giants Düsseldorf, Rhein Stars Köln oder SC Rist Wedel. Einige Spieler in der 2. Bundesliga Pro B können vom Basketball leben, andere sind Halbprofis oder opfern wie die Eimsbütteler Amateure fast ihre gesamte Freizeit für ihr Hobby. Das gilt auch für ihre ehrgeizige Trainerin, die als Projektmanagerin arbeitet und die Basketballabteilung des ETV ehrenamtlich leitet.

 

Ganz oder gar nicht

 

Der Job in einer Logistikfirma macht Gencay unabhängig: „Ich habe wenig Freizeit, sehe die Konstellation aber eher als Vorteil. Basketball bleibt eine Leidenschaft. Ich habe nicht diesen extremen Druck wie andere Trainer.“ Allerdings verzichtet sie in dieser Saison erstmals darauf, selber zu spielen. Bei der BG West, der Basketballgemeinschaft des SV Eidelstedt und des SV Lurup, könnte sie zwar gelegentlich aushelfen, aber „ich will dem Team dann auch gerecht werden“. Etwas nur halb zu machen, widerstrebe ihr.

Bräuchte man übrigens eine Referentin, um die Vorteile des Mannschaftssports zu schildern, wäre Gencay denkbar geeignet. „Die Möglichkeiten, sich als Persönlichkeit weiterzuentwickeln, hast du sonst nicht im Alltag“, findet sie. Umso mehr gilt das für die sehr vielfältige ETV Basketball Community. „Das ist einer unserer größten Reichtümer.“ Die Muslima ist dafür ein Beispiel. In Wilhelmsburg aufgewachsen, ging sie in St. Georg zur Schule und begann beim ETV Basketball zu spielen. Die Towers gab es noch nicht, es war für Wilhelmsburger Mädchen mit türkischen Wurzeln Mitte der 1990er Jahre nicht selbstverständlich, im Verein Basketball zu spielen. „Da ist meine Generation so etwas wie ein Türöffner.“ Mittlerweile seien junge Frauen wie sie in den Vereinen viel präsenter.

 

Wertschätzender Umgang

 

Je höher die Spielklasse ist, der die ETV Basketballer angehören, desto mehr wird es für Außenstehende ein Thema, dass da eine Frau Männer in der dritten Liga trainiert. „Anfangs hat mich das wütend gemacht, weil es für mich nie wichtig war“, sagt Gencay. Inzwischen sehe sie das Interesse der Medien entspannter. „Es ist noch keine Normalität, aber das kann sich ändern.“ Davon, dass Frauen ein Team anders führen als Männer, ist sie überzeugt. „Es geht um einen wertschätzenden Umgang miteinander.“ Sie schaffe es, deutliche Ansagen an der Seitenlinie mit einem guten Verhältnis zum Team zu verbinden, was im Leistungsbasketball eher selten ist.

Als ihre Spieler vor zwei Jahren als Aufsteiger in der Regionalliga reihenweise Spiele verloren, ging das Team reichlich deprimiert in die Weihnachtspause. Der Klassenerhalt war angesichts der vielen Niederlagen weit aus dem Blick geraten. Sükran Gencay schickte jedem ihrer Spieler einen handgeschriebenen Brief, in dem sie an die Stärken jedes Einzelnen im Kader erinnerte. In Zeiten von WhatsApp waren diese Briefe so außergewöhnlich, dass viele Spieler sich noch an den Inhalt erinnern können. „Das Schriftliche hat einen besonderen Wert, ich habe mir genau überlegt, was ich schrieb“, sagt Gencay. Und dass der ETV wieder an sich zu glauben begann, war ein erster Schritt für den Klassenerhalt, der einige Monate später tatsächlich gefeiert werden konnte. „Manchmal bin ich auch nett“, sagt sie und lacht.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

E-Sports: Der neue Komet am Sporthimmel

E-Sports: In Hamburg startet im Juli die erste eFootball-Liga, organisiert vom Hamburger Fußball Verband. Ein Club aus Blankenese ist einer der Pioniere

Text: Mirko Schneider
Fotos: Volker Tausend

Das folgende Zitat ordnet man unbesehen eher einem Teenager zu: „Geil, kenne ich aus den USA. Das ma­chen wir!“ Gesagt hat es der 75-­jährige Erich Talke auf ei­ner Sitzung des Fußball­ Abteilungsvorstandes des Amateur­fußballvereins Komet Blanke­nese zum Thema eFootball. Ge­meint hatte der stellvertretende Abteilungsleiter die Umrüstung eines Clubraums des Vereins mit dem Sternenschweif im Banner zu einer Players Lounge.

20.000 Euro investierte Komet also, um einen vier mal fünf Meter großen Raum mit Playstations, vier Monitoren, acht Plätzen für die Spieler sowie Beamer und Lein­wand auszustatten, damit die Wettkämpfe live im Klubheim übertragen werden können. Ge­zockt wird FIFA 19. Ein Spiel, so genial animiert und gestaltet, dass es fast realer wirkt als echte Spiele auf dem Fußballfeld. „Ich kenne die FIFA ­Serie durch meine Söhne, sie sind begeisterte Spieler. Felix ist 24, Philip 21“, sagt Komets Fußball­ Abtei­lungsleiter Volker Tausend (70). Auch er war sofort Feuer und Flamme für die Idee.

Aber warum? Dogmatisch betrachtet gehen alte, weiße Männer ja nie mit der Zeit und überhaupt: Sollten Amateur­fußballvereine nicht andere Pionierleistungen vollbringen als den virtuellen Fußball zu fördern?

 

„Hier kann auch der HSV Paris St. Germain schlagen“

 

Bastian Buß sieht es wie Talke und Tausend anders. Anfang des Jahres stellte ihn Ko­met als eSoccer­ Coach an. Seit vielen Jahren spielt Buß leiden­schaftlich die FIFA ­Serie, nahm an diversen Turnieren teil. Wenn er von seinen Schlachten erzählt wie der 3:4­ Niederlage nach Golden Goal beim Kicker­ E­ Sport ­Cup gegen den Top ­Spie­ler Niklas Raseck, ist er in sei­nem Element.

Außerdem sind beim eFootball Dinge möglich, von denen mancher Fußballfan nur wird träumen können. „Alle Spieler der Mannschaften ha­ben bei Turnieren die gleichen Stärkeeinstellungen, damit nie­mand einen Vorteil hat“, sagt Buß und lacht. „Das bedeutet: Hier kann auch der HSV Paris St. Germain schlagen.“ Wie ein Couch­-Potato, der sonst nichts im Leben kennt, wirkt der Stu­dent der Lebensmitteltechnologie allerdings nicht.

„Das Kli­schee vom ständig Cola trinkenden und übergewichtigen Zocker ist eben ein Klischee“, sagt Buß. „Wir versuchen, die Jugendlichen von daheim in den Club zu bekommen. Es geht darum, sich in Teams miteinander im Wettbewerb zu behaupten. Da findet viel sozialer Austausch statt.“ Zum Beispiel, wie im großen Fußball, per Videoanalyse oder bei der Taktikbesprechung. „Außerdem“, so Buß, „heißt es ja nicht real oder virtuell. Viele eFootball­-Spieler sind auch auf dem Feld aktiv.“

 

E-Sport-Komet-Blankenese-c-Volker-Tausend

Ein Spieltag in der eFootball-Liga / Foto: Volker Tausend

 

Acht Spieler organisieren sich bei Komet aktuell in drei Teams. Wer jedoch mag, kann im Clubraum spielen. Voraussetzung: Er muss 16 Jahre alt sein. Das Mindestalter ist eine Vorbeugungsmaßnahme gegen die vom Club ernst genommene und von Experten (unter anderem bei einer Anhö­rung in der Hamburger Bürgerschaft am 7. November 2017) immer wieder angemahnte Suchtgefahr.

Weiterhin schwelt nach wie vor die Debatte, ob eSport – und damit auch eFootball – wirklich als Sport gelten kann. Buß hat auch dazu eine klare Meinung: „Schach ist ja auch ein Sport. Hand­Auge­Koordination, Spielverständnis, analytische Fähigkeiten – es benötigt eine Menge, um gut zu spielen. Nicht nur mental, viele Spieler fangen nach wenigen Minuten an zu schwitzen. Körperliche Fitness ist wichtig und hilfreich.“

 

Auf zur Meisterschaft

 

Das Potenzial des eFootball längst erkannt hat der Hambur­ger Fußball ­Verband (HFV). Er belohnte das innovative Projekt von Komet Blankenese mit dem Ehrenamtspreis, den der HFV mit der Brauerei Holsten ver­gibt. Und nicht nur das. Im Juli startet die erste offizielle Ham­burger eFootball­-Liga. Proberunden fanden bereits statt, als Favoriten auf den Hamburger Titel gelten Komet Blankenese und der Eimsbütteler TV. Bei den Proberunden nahmen bis zu 30 Mannschaften teil. Tendenz steigend.

Seit 2017 organisierte der Hamburger Fußball­ Verband drei Hamburger Meisterschaften. In der Hamburger Liga soll im Abstand von ein bis zwei Wochen an den Wochenenden gespielt werden. Möglichst bei Vereinen wie Komet, die ent­sprechende Rahmenbedingungen bieten können.

Zuständig für das Thema im HFV ist Maximilian von Wolff (23), Beisitzer im Verbands­ Jugendausschuss. In den Jahren 2008 bis 2013 gehörte er zu den Top ­10 ­Spielern der Weltrangliste, heute ist der Student Hobbyspieler. Zusammen mit HFV­ Schatzmeister Christian Okun (39), auf dem Feld als Schiedsrichter für den Bahrenfelder SV aktiv, schob Wolff die Idee an. „Der Hamburger Fuß­ball­ Verband versteht sich hier als Dienstleister für seine Vereine. Mit der Infrastruktur des HFV können wir die Rahmenbedingungen gut schaffen und so die Organisation zentral vornehmen, genauso wie auf dem Feld oder in der Halle“, sagt Wolff.

 

Beeindruckende Fairness

 

Allerdings gehe es dabei nicht um finanzielle Absichten. Turniere, auf denen es Millionen zu verdienen gibt und neue Stars geboren werden, sind nicht das Ziel. „Wir haben gemerkt, dass das Thema eFootball sich immer mehr zunehmender Beliebtheit erfreut und der Hamburger Fußball ­Verband sich dafür einsetzen muss, einen Ligaspielbetrieb für unsere Vereine zu organisieren. Wir wollen dieses Angebot für die Vereine schaffen, um in der sonst von Kommerz geprägten eSports ­Szene die Bedeutung der Vereine und ihrer Mitglieder zu stärken. Gleichzeitig erhoffen wir uns davon auch eine Belebung der Clubhäuser“, erklärt Wolff.

Eine weitere Facette des eFootball fasziniert ihn zudem: „Mein persönliches Highlight ist immer wieder die Fairness bei den Aufeinander­ treffen. Ich erinnere mich gerne an ein K.o.­-Spiel bei einer Hamburger Meisterschaft, in dem durch einen Spielfehler ein Tor fiel und die Mannschaft, die das Tor gutgeschrieben bekam, postwendend ein Eigentor erzielte, um das vorherige Ergebnis wieder herzustellen. Das finde ich bis heute sehr beeindruckend.“ In diesem Sinne: Mögen die Spiele beginnen!

Komet-Blankenese.org


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2019 im Handel und zeitlos im 
Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Nilson Pereira: Dieser Kämpfer schlägt mit Herz zu

Der gebürtige Brasilianer Nilson Pereira hat in Altona ein neues Zuhause gefunden – und einen Ring, den der herzliche Kämpfer zu seinem Lebensmittelpunkt macht

Rrrrring! Das schrille Glockenläuten schießt den Kämpfern in die müden Knochen. Schneller als jeder Feuerwehrmann beim Großbrandeinsatz schießen sie aus ihren Ecken, schütteln sich kurz, bevor es in die letzte Runde geht. Und die hat es in sich. Einer der beiden Jungs, die noch keine zwanzig sind, schlägt den anderen so hart, so genau zwischen die Augen, dass der sofort zu Boden geht. Und liegen bleibt. Fünf, zehn, fünfzehn Sekunden, die sich für Außenstehende anfühlen wie Stunden.

Der Sieger bejubelt den K. o. nur kurz. Nur, bis er wohl selbst zu bangen beginnt. Trainer und Mediziner knien auf dem Ringboden beim Bewusstlosen, leisten Erste Hilfe, streicheln ihm über den Kopf und sagen Sachen wie „alles gut“ und „komm schon, Digger, komm hoch“. Und dann kommt er, rappelt sich auf, sitzt kniend da und scheint die Welt nicht mehr oder gerade wieder zu verstehen. Aufatmen auf den bis auf den letzten Platz gefüllten Rängen. Und die Kämpfer umarmen sich wie beste Freunde.

 

Kämpfen im Spotlight: Ringaufbau für „A Fight Story“ im Delphi Showpalast

 

Das kleine Drama zwischen den Seilen ist Teil von „A Fight Story“, einer vom Altonaer Tough Gym organisierten Veranstaltung im Delphi Showpalast. 24 Kämpfe stehen auf dem Programm, auch verschiedene Kampfarten, von Muay Thai über K1 und Boxen bis MMA ist alles dabei. MMA, das ist kurz für Mixed Martial Arts. Es ist die spektakulärste Weise, wie zwei Menschen sich im Ring begegnen können. Boxen, Kickboxen, Ringen, Karate, Judo – alles ist erlaubt. Das Tough Gym schickt an diesem Abend sein Flaggschiff ins MMA-Rennen: Nilson Pereira bestreitet den Hauptkampf des Abends.

Der 38-jährige Brasilianer lebt seit zweieinhalb Jahren in Altona, trainiert und coacht in den Tough-Gym-Räumen in der Max-Brauer-Allee, direkt über einem Waschsalon und unter Mietwohnungen mit bunt bepflanzten Balkonen. Morgens kümmert er sich um sich selbst, abends um andere Kämpfer. Ein Glücksfall sei er für den Club, sagt Human Nikmaslak, der gemeinsam mit seinem Bruder Homayoun das Gym leitet. Speziell, weil Nilson in seiner Heimat den schwarzen Gürtel im BJJ, dem Brazilian Jiu-Jitsu (Fokus auf Bodenkampf, Anm. d. Red.) erhalten hat. Human: „Deutschlandweit gibt es niemanden, der so qualifiziert ist wie Nilson, diese Kampfkunst zu unterrichten.“

 

Mehr Action bitte!

 

Aufgewachsen ist Nilson in Florianópolis, Hauptstadt des Bundesstaates Santa Catarina im Süden Brasiliens, gelegen direkt an der Atlantikküste. Als Kind begann er mit dem Judo, blieb acht Jahre dabei, bis es BJJ sein sollte: „Etwas mehr Action.“ Es folgten Ausflüge ins Boxen und Thaiboxen und schließlich MMA, die Königsdisziplin. Nilson war 28, als er sich dafür entschied, Profi-Kämpfer zu werden. Die richtige Wahl, sagt er heute: „Dieser Sport ist mein Leben! Durch ihn bekomme ich die Chance, zu reisen, andere Länder und Kulturen kennenzulernen, und dann kriege ich auch noch Geld für das, was ich am liebsten mache: Kämpfen.“

Tatsächlich fanden Nilsons bisher 28 MMA-Fights, von denen er 17 gewann und elf verlor, nicht nur in Deutschland, sondern u. a. in Holland, Tschechien und natürlich Brasilien statt. Aktuell pendelt er regelmäßig zwischen Florianópolis und Hamburg. In der Heimat hat er drei Brüder und fünf Schwestern. Was sie von seinem Job halten? Nilson: „Meine Familie findet okay, was ich da mache. Niemand sagt mir, dass er es zu gefährlich findet. Vielleicht guckt aber auch einfach keiner meine Kämpfe.“ Er grinst. Im Ring ist ihm noch nie etwas Ernstes zugestoßen – seinen Gegnern schon. „Einer hat sich schwer verletzt, ist im Ring schlecht aufgekommen und hat sich den Arm gebrochen.“ Passiert, meint Nilson: „Ich will niemanden verletzen – aber so ist eben der Sport.“

 

„Ich merke das im Bauch, ich muss ständig aufs Klo“

 

Nilson wirkt tiefenentspannt, wenn er das sagt, und sein Grinsen wird nicht weniger. Noch zwei Stunden bis zu seinem Kampf, und „Feijao“, wie sein Kampfname lautet, also „Bohne“, scheint in etwa so viel Nervosität zu verspüren wie jeder Nicht-Boxer beim morgendlichen Gang ins Büro: null. „Manchmal, so kurz vorher, haue ich mich sogar noch ein halbes Stündchen hin, versuche, richtig zur Ruhe zu kommen.“ Wirklich gar keine Anspannung? Doch: „Wenn der Kampf immer näher rückt, merke ich das schon im Bauch, ich muss dann ständig aufs Klo.“ Wie es seinen Gegnern geht, wenn das erste Rrrrring! immer näher rückt, kann Nilson nur erahnen.

Tough-Gym-Guertel-c-Philipp-Schmidt

Gürtel für die Glücklichen: Auch Titelkämpfe hielt „A Fight Story“ bereit

„Wir treffen uns beim Wiegen, begrüßen uns, meist ist alles gut. Manchmal sind die anderen aber auch aggressiv, wollen mir irgendwie Angst machen. Einige Kämpfer reden echt zu viel.“ Ob er sich davon beeindrucken lasse, beantwortet Nilson mit einem Fingerzeig auf seine Ohren: „Hier rein, da raus.“ Hasib Fatah, holländischer MMA-Meister und Nilsons heutiger Kontrahent, verhält sich bisher moderat, tigert ab und an durch die Halle, sieht sich ein paar Kämpfe an. Wie oft er zur Toilette geht, ist nicht bekannt.

Drei Runden zu je fünf Minuten – so der Zeitplan für Nilson und Hasib, als sie gegen 0.30 Uhr ins grelle Ringlicht treten. Die Betreuer in ihren Ecken, das sind bei Nilson Human und Homayoun, halten Motivationsreden, puschen, bis es los geht. An der Hallendecke des Delphis glitzern winzige Showsterne, und unten, auf dem graublauen, filzigen Ringboden, liegen noch die Schweißperlen derer, die ihr Kapitel der „Fight Story“ schon geschrieben haben. Eines der beiden Nummerngirls, gekleidet in ein superknappes, goldfarbenes Glitzertop und dazu passende High Heels, hält eine Tafel mit einer „1“ hoch. Es klingelt.

Die beiden Fighter tasten sich nicht lange ab, es geht sofort rund. Nilson versucht durch sogenannte Submissions, Hebeln und Würgen, auf Hasib einzuwirken. Das sieht nicht nur besonders versiert aus, sondern auch ungemein kraftvoll und wird von der Menge rund um die Seile lautstark honoriert. Hasib hält mutig dagegen. Zunehmend wird er aktiver, boxt und kickt pausenlos und, so viel scheint klar zu sein, entscheidet mindestens eine Runde für sich. Der Kampf geht über die volle Distanz, keinem der beiden gelingt ein K.-o-Schlag. Am Ende entscheiden die Punktrichter. Und die sehen Hasib vorne: zwei zu eins.

 

„Ich will den Titel“

 

Einige Tage später im Altonaer Tough Gym. Die Halle, in der Nilson an diesem Morgen trainiert, ist mit hellroten Filzmatten ausgelegt. Zwischen massiven, kantigen Betonsäulen hängen schwarze Boxsäcke. Sonnenlicht scheint durch die Fensterfront in den Ring, der im Gym- Zentrum angelegt wurde. Nilson sitzt an der kleinen Bar neben dem Eingang, sein Grinsen ist zurück. „Ich habe noch viel vor, viele gute Kämpfe“, sagt er. Im deutschen MMA-Ranking des Federgewichts belegt der 1,65 Meter große und 65 Kilo schwere Sportler momentan den sechsten Platz. Aber: „Ich will den Titel! Also auch einen Titel-Fight, und zwar gegen die Nummer eins, das ist Max Coga.“

Gegen ihn hat Nilson bereits einmal gekämpft, in Cogas Heimatstadt Frankfurt – und verloren. Human erklärt: „Eigentlich hatte Nilson gewonnen, Coga mussten sie am Ende raustragen. Aber er war eben der Lokalmatador – na ja.“ Bis es wieder zum Duell kommt, fliegt Nilson weiter zwischen Hamburg und Florianópolis hin und her, steigt regelmäßig in den Ring und vermittelt sein Können an andere weiter, vor allem auf den roten Matten in Altona.

Tough Gym: Max-Brauer-Allee 155 (Altona-Nord)


Szene-Hamburg-juni-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juni 2019. Titelthema: Was ist los, Altona?
Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im 
Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

Jens George – Hockeytrainer mit Herz und Reiselust

Zwischen exotischen Reisen und Hockeytraining in Hamburg: Der erfolgreiche Trainer Jens George ist der Paradiesvogel im Club an der Alster.

Text: Mirko Schneider
Foto: Jakob Börner

An das großartigste Erlebnis mit ihrem Trainer erinnert sich Viktoria Huse (23) mit leicht stockender Stimme. „Nach dem Titel bei der deutschen Hallenmeisterschaft 2018 ist Maus in der Kabine unter Tränen vor uns auf die Knie gefallen und hat eine Dankesrede gehalten“, sagt die Spielführerin der Hockeydamen vom Club an der Alster, „Das war für uns alle im Team ein unglaublich emotionaler Moment.“ Maus, das ist – aufgrund seiner charakteristischen Vorderzähne – der Spitzname von Jens George.

Seit 20 Jahren trainiert der mittlerweile 50-jährige Coach mit großem Erfolg die Damen des Vereins mit Hockeyanlagen in Wellingsbüttel und am Rothenbaum. „Als Winterpause war“, erinnert sich Huse, „ist Maus wieder aus Hamburg geflohen. Er ist eben ein besonderer Mensch.“ Georges guter Grund: „Ich musste schnell nach Indonesien, meine 2017 angefangene Hütte fertig bauen.“

Der ehrgeizige und überaus erfolgreiche Coach (ein Pokalsieg, vier Hallenmeisterschaften, eine Feldmeisterschaft, drei Europapokalsiege) ist im Club an der Alster der Gegenentwurf zum Klischee des Vereins. Das Bild über den Verein in Deutschlands Hockeywelt ist klar: viele Sponsoren, viele Beiträge durch über 3.000 Mitglieder, schicke Anlage, viele Aktive mit finanziell potentem Elternhaus – ergo spielen hier die Reichen und Schönen, die Snobs. Doch wie passt Paradiesvogel George hierher? Der St. Pauli-Fan wäre in einem politischen Handbuch ein gutes Beispiel für ein linksalternatives Leben.

 

Lieber Berg-Gorillas als SUV

 

Neben seinem Beruf als Hockeytrainer der Damen arbeitet er während der Feld- und der Hallensaison nebenbei selbstständig als Tischler. Ist Winter- oder Sommerpause, reist George um die Welt. Handy aus, ab durch die Mitte. Auf allen Kontinenten war er, über 100 Länder hat er bereist. „Ich halte mich an das Motto meines Opas“, sagt George. „Mit dem Hut in der Hand, kommst du durch das ganze Land.“ George trampt mit Rucksack, schläft oft im Freien, reist spartanisch – an ungewöhnliche Orte zu ungewöhnlichen Menschen.

„Ich habe bei den Indios im Amazonas gelebt. Sie haben mir erklärt, wie ihre Natur funktioniert. Wir waren gemeinsam jagen. In den Sümpfen Venezuelas habe ich geholfen, die Anakondas zur Vermessung zu bringen. Eine grandiose Erfahrung. Beeindruckend waren auch die Berggorillas in Uganda. Und mein Treffen mit einem Menschen im Papua-Neuguinea, der sich vor 25 Jahren noch von Menschenfleisch ernährt hat.“

Da können noch so viele dicke SUVs auf dem Parkplatz des Clubs an der Alster stehen, George interessiert das nicht. „Vieles, was anderen Menschen wichtig ist, ist mir unwichtig“, sagt er. „Uns geht es in Deutschland sehr gut. Diese Reisen erden mich, durch sie habe ich Bescheidenheit gelernt, mich als Persönlichkeit entwickelt.“ Ein paar Clubmitglieder nahmen schon sein Angebot an, reisten mit ihm. George hält es für heilsam, mit Freude und Freundlichkeit durch das eigene Leben zu gehen, viel über fremde Kulturen zu lernen. „Ich wurde noch nie überfallen. Da hatte ich Glück“, gibt er zu. „Aber ich glaube, das hat auch mit der Haltung zu tun, mit der man den Menschen gegenübertritt.“

Nur: Wie um alles in der Welt hält es George im Club an der Alster aus? Ist für ihn die Rückkehr in den Verein nicht immer der totale Culture Clash? „Nein“, sagt George bestimmt, „ich schätze den Verein, meine Arbeit und die Menschen hier sehr.“ Als Missionar unterwegs sein will er sowieso nicht. Er freut sich, dass seine Lebensweise so respektiert wird, viele Clubmitglieder ihn neugierig zu seinen weltweiten Erlebnissen befragen und keinesfalls die Nase rümpfen. Außerdem treffe das deutschlandweite Klischee vom Club an der Alster nicht zu.

„Okay, manche der Aktiven hier kommen aus einem finanziell guten Umfeld und einige zeigen das auch mal. Aber keiner verdient hier Geld, Hockey ist immer noch eine Amateursportart. Wenn ich mir zum Beispiel meine Damenmannschaft anschaue, dann sind das alles Frauen, mit denen man sich ganz normal unterhalten kann. Zudem kümmert sich der Club gut um alle Sportler, hilft beispielsweise in der Berufsförderung.“

Für seine Spielerinnen ist George so etwas wie der ausgleichende Pol. „Maus ist ein wahnsinnig menschlicher Trainer, sehr starker Motivator, besitzt eine unglaubliche Lebenserfahrung. Selbst wenn es im Training kracht, moderiert er das sehr gut“, sagt Mittelfeldspielerin Nele Aring (22.). George führt mit langer Leine, nordet so selbst schwierige Charaktere ein. Neben allem Ehrgeiz ist Spaß einer seiner wichtigsten Grundsätze.

Hockeyspielerinnen haben oft viel Druck durch die Kombination aus Beruf/ Studium auf der einen und Leistungssport auf höchstem Niveau auf der anderen Seite. Da will der Liebhaber des Offensiv-Hockeys nicht zusätzlich den harten Hund geben. Bezeichnenderweise rät er Spielerinnen daher manchmal, bei der Nationalmannschaft abzusagen, wenn es ihnen einfach zu viel wird. George: „Dann müssen sie sich eben trauen und mit dem Bundestrainer reden.“

 

Durch Zufall in der National-Mannschaft

 

Seine eigene Erfahrung mit der Nationalmannschaft passt zu seinem bunten Leben. Als 30-Jähriger wurde George 1999 kurz vor seinem Karriereende im Club an der Alster vom Deutschen Hockey- Bund (DHB) zum ersten Mal in die Nationalmannschaft berufen. Aus Versehen! Die Einladung für die zehntägige Länderspiel reise in Malaysia galt eigentlich dem Mannschaftskameraden Philipp Georgi, der DHB hatte die Namen der beiden Spieler auf dem Anschreiben verwechselt.

„Ich hatte echt viel Spaß. Bundestrainer Paul Lissek hat das Ganze von der humorvollen Seite genommen und mich trotzdem mitspielen lassen. Sportlich war es übrigens in Ordnung, dass die fünf Partien zugleich meine Abschiedsspiele waren“, so George augenzwinkernd.

Die ungewisse Zukunft umarmt er so innig wie damals seine kurze Nationalmannschaftskarriere: „Ich habe eine Hütte in Indonesien, meine Freundin lebt in Kolumbien. Ich liebe meine Reisen und meinen Job als Damentrainer im Club an der Alster. Ich will einfach nur weiter jeden Moment genießen. Keine Ahnung, was passieren wird. Ich bin für alles offen.“

Der Club an der Alster: Hallerstraße 91 (Harvestehude)


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

HSV-Fußballfrauen: Zurück ins Profilager

Im Sommer 2012 zog der HSV sein Frauenfußball- Team aus der Bundesliga zurück. Nun will der Verein an die Spitze zurück.

Text: Mirko Schneider
Foto: Karsten Schulz

HSV-Abwehrspielerin Heike Freese war außer sich. „Bei den Herren bekommt ein nicht topfitter Torwart Rene Adler 2,7 Millionen Euro Gehalt. Bei uns wird wegen 100.000 Euro die Frauenmannschaft abgemeldet“, klagte Freese am 22. Mai 2012. Der Vorstand des bei den männlichen Bundesligaprofis verschwenderisch wirtschaftenden Hamburger Sportvereins ließ wegen einer vergleichsweise lächerlich niedrigen Lücke im Saisonetat erbarmungslos den Sparhammer auf seine Damen-Fußballerinnen niedersausen – und zog das Team aus der Bundesliga zurück.

Sechs Jahre später hat sich an der Ulzburger Straße in Norderstedt, der Trainingsstätte der HSV-Frauen, vieles verändert. Neue Verantwortliche sind seit einiger Zeit am Werk. Und so hörte man am 20. Februar dieses Jahres ungewohnte Töne. „Mittelfristig ist es unser Ziel, wieder die Nummer eins im Hamburger Frauen- und Mädchenfußball zu werden“, sagte Kumar Tschana, Leiter Amateursport des HSV e. V., bei der Vorstellung eines Konzeptes mit dem Titel „Der HSV stärkt den Frauen- und Mädchenfußball“. Größte Ziele sind eine intensive Nachwuchsförderung und die Rückkehr der HSV-Frauen in den Profibereich (mindestens zweite Bundesliga) in zehn Jahren.

 

„Ich will Meister werden und aufsteigen“

 

„Wenn man auf die Tabelle schaut, liegen wir vor dem Plan“, sagt Manuel Alpers (41) fröhlich. Gemeinsam mit Christian Kroll (32) trainiert der im Sommer verpflichtete Alpers die in der viertklassigen Oberliga Hamburg spielenden HSV-Damen. Bereits den Bramfelder SV führte Alpers mit geringen Mitteln in die zweite Bundesliga. Nun ist eine perfekte Saison möglich. 13 Siege mit 87:5 Toren aus 13 Spielen holte die Mannschaft vor der Winterpause. Die Meisterschaft dürfte ihr kaum zu nehmen sein. Setzt sich die Mannschaft danach in der Ausscheidungsrunde mit den Oberligameistern aus Bremen und Schleswig-Holstein als Erster durch, ist der Aufstieg perfekt. „Ich will Meister werden und in die Regionalliga aufsteigen“, hatte Alpers sofort zu Beginn seines Engagements verkündet.

Mit ihm haben sich die Verantwortlichen beim HSV einen besonderen Charakter ins Boot geholt. Alpers’ Ambitionen auf eine Karriere als Profi-Fußballer zerstörte ein Kreuzbandriss mit 23 Jahren. Mit 29 sprang er interimsweise als Trainer bei den Bramfelder Fußball-Frauen ein. Dabei hielt er nichts von Frauenfußball, es war ein Freundschaftsdienst. Doch Alpers änderte seine Meinung, als er sah, mit welcher Leidenschaft seine auf dem Feld kämpfenden Spielerinnen bei der Sache waren. Er ist ein ehrgeiziger Tüftler, kann stundenlang über Fußball reden, jedes kleine Detail auf dem Feld ist ihm wichtig. „Unser Spiel hat offensiv und defensiv eine gute Struktur bekommen“, sagt er über den bisherigen Saisonverlauf. Aus seinem Mund ein Riesenlob.

Was ihn ebenfalls freut: „Viele Spielerinnen sind torgefährlich. Es reicht nicht, eine aus dem Spiel zu nehmen.“ Die beste Torjägerin der Liga Kimberly Zietz (19 Tore) sowie Emma Sick (18) und Victoria Schulz (15) sind drei gute Beispiele dafür. Alpers’ Spielanalysen verwundern manchmal. Er kann nach einem hohen Sieg total unzufrieden, nach einem knappen Erfolg voll des Lobes sein. Fußball ist für ihn mehr als nur Torchancen und Treffer.

Demnächst wieder an der Spitze? Hamburgs Fußballfrauen wollen zurück in die Bundesliga

„Es ist manchmal frustrierend, Manuel auch mit einem 8:0 nicht zufrieden stellen zu können“, sagt Außenverteidigerin und Co-Kapitänin Franka Dreyer (27) lachend. „Er ist eben ein kleiner Perfektionist.“ Sie findet das gut. Und weitet ihr Lob über Alpers auf den ganzen HSV aus. „Das Trainerteam ergänzt sich perfekt. Manuel ist mehr der Taktiker, Christian Kroll geht stärker auf die Emotionen der Spielerinnen ein. Und so ein professionelles Umfeld wie hier im Verein habe ich nur in Gütersloh in der zweiten Bundesliga erlebt.“ Diese Worte Dreyers, die Profi-Erfahrung besitzt, haben ein ähnlich hohes Gewicht wie Alpers’ Lob für das strukturell starke Spiel. Athletikcoach, physiotherapeutische Betreuung, Mannschaftsarzt, ein Kunstrasenplatz für Training und Spiel, ein neues Umkleidehaus und bald sogar eine neue Beachsoccer-Anlage – der HSV tut wieder etwas für seine Fußballerinnen, auch wenn er ihnen keine Gehälter zahlen kann.

Mit nur 21 Jahren ein Urgestein und „einfach stolz, mit der Raute auf dem Trikot aufzulaufen“ ist Spielführerin und Offensiv-Allrounderin Victoria Schulz. Als gerade ausgebildete Immobilienkauffrau ist sie mit kurzen Unterbrechungen seit der C-Jugend im Club. „Ich finde es schön, dass sich der Verein nun so zu uns bekennt.“ Die Mischung aus erfahrenen Spielerinnen als Stützen und jungen Talenten sei sehr gut, wenngleich das geringe Durchschnittsalter der Mannschaft sie manchmal verblüffe: „Wie jung wir sind, zeigt sich für mich immer, wenn ich beim Abschlussspiel im ,Team alt‘ lande.“

 

Kameradschaft ist mehr als nur eine Floskel

 

Ihre Art, das Team zu führen, beruht auf innerer Überzeugung. „Ich bin niemand, der auf dem Platz groß rumtönt, führe lieber auf dem Feld und außerhalb viele kleine Gespräche“, erklärt Schulz. Das kommt gut an in einem Team, das Kameradschaft nicht als hohle Floskel versteht. Sondern gemeinsam Fußballspiele besucht, Geburtstage feiert, viel unternimmt.

Doch ist der Boom nachhaltig? Vieles spricht dafür. Die Finanzierung wurde durch das Spitzensportkonzept des Vereins auf breitere Füße gestellt. Der Nachwuchs ist das Faustpfand für die Zukunft. Die zweite Mannschaft ist Zweiter in der Landesliga, die U17 mischt in der Bundesliga Nord/Nordost in der Spitzengruppe mit, ebenso wie die U16 in der Oberliga. „Wir wollen unsere Fußballerinnen sehr gut ausbilden, uns aus dem eigenen Nachwuchs bedienen können. Das stärkt die Spielerinnen, schafft Identifikation und Nachhaltigkeit. Das ist die beste Basis, damit wir Leistungssport betreiben können“, sagt Alpers. Bittere Klagen wie im Mai 2012 von Heike Freese sollen für immer der Vergangenheit angehören.

HSVFrauen.de


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2019. Das Magazin ist seit dem 21. Dezember 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Homophobie im Profisport – Thema im Film Mario

Fußballer sind echte Kerle. Muskulös. Hart im Nehmen. Homosexualität ist in dieser Branche ein Tabuthema wie in kaum einer anderen, auch wenn sich einige wenige Vereine wie der 1. FC St. Pauli klar für eine offene Geisteshaltung aussprechen. Welche Seelenqualen das für einen schwulen Spieler bedeutet, zeigt Marcel Gislers Drama „Mario“. Wir haben mit dem Regisseur gesprochen

Zuerst sieht Mario (Max Hubacher) den Neuen in der Mannschaft nur als Konkurrenten. Auch Leon (Aaron Altaras) ist Stürmer, und nur einer von ihnen beiden – wenn überhaupt – wird den begehrten Profivertrag für die kommende Saison erhalten, auf den alle Spieler der U21-Mannschaft des Berner Clubs YB Young Boys schon ihr ganzes Leben lang hingearbeitet haben. Entsprechend erbittert ist der Konkurrenzkampf unter den jungen Männern.

Doch spätestens, als Mario sich mit Leon eine Spielerwohnung teilen muss, verändern sich seine Gefühle. Aus Misstrauen und Ablehnung wird Freundschaft, schließlich aus Freundschaft Liebe. Eine unmögliche Liebe, die sie öffentlich nicht zeigen dürfen – Sponsoren, Fans, sie alle würden das Paar verurteilen.

Mario, der Film über zwei schwule Fußballer Foto: Pro Fun Media

Die beste Freundin muss als Alibipartnerin herhalten. Foto: Pro Fun Media

Ihr Marktwert? Im Keller. Die Karriere vorbei, bevor sie richtig begonnen hat. „Es gibt Sachen, die gehen einfach nicht!“, faucht Marios Berater ihn an, als die Beziehung schließlich doch auffliegt. Homosexualität ist dabei aus seiner Sicht in einer Liga mit Drogen oder Sex mit Minderjährigen zu sehen. Das Versteckspiel, der innere Kampf gegen die eigenen Gefühle, die Sticheleien der Mannschaftskollegen werden immer unerträglicher, bis Mario und Leon daran zu zerbrechen drohen und eine Entscheidung fällen müssen.

Die Geschichte, die Regisseur Marcel Gisler selber mitgeschrieben hat und in der auch der 1. FC St. Pauli eine Rolle spielt, scheint zu Beginn sehr absehbar. Doch einige überraschende Twists, eine feinfühlige Kamera und vor allem die tolle Schauspielleistung Max Hubachers, der scheinbar mühelos die komplette emotionale Bandbreite von glücklicher Verliebtheit bis hin zu abgrundtiefer Verzweiflung abrufen kann, lassen den Zuschauer intensiv an der zermürbenden Seelenqual des Protagonisten teilhaben. Während Homosexualität in unserer heutigen Gesellschaft weitgehend akzeptiert ist, hinkt die Fußballwelt hier noch weit hinterher. Gut, dass Marcel Gisler das einmal auf so beeindruckende Weise auf die Leinwand holt.


Marcel Gisler, Regisseur Mario, Foto: Pro Fun Media

Marcel Gisler, Regisseur Mario, Foto: Pro Fun Media

Regisseur Marcel Gisler im Interview

Weiterlesen