Helmut: „Irgendwie hat mich der ganze Mist gepackt“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Helmut begegnet.

Protokoll: Rosa Krohn

 

„Eigentlich wollte ich immer Germanistik studieren, habe es auch angefangen. Ich lese für mein Leben gern, aber die Bücher in einzelne Teile zu schneiden und in alles hinein zu interpretieren… Nach zwei, drei Semestern hab´ ich´s dann geschmissen und erstmal gejobbt. Irgendwann kam mein Vater auf mich zu und sagte, es wäre an der Zeit, etwas Sinnvolles zu tun, am besten sei doch der öffentliche Dienst.

Ich habe mich damals mit der wahrscheinlich schlechtesten Bewerbung aller Zeiten beworben. Ich wollte den Job nicht haben. Ich bin hingegangen und habe mir wirklich große Mühe gegeben, möglichst desinteressiert zu wirken und dann haben die mich trotzdem eingestellt. Irgendwie hat mich der ganze Mist dann gepackt. Jetzt arbeite seit 30 Jahren als Beamter bei der Berufsgenossenschaft, Träger der gesetzlichen Unfallversicherung. Wir entschädigen bei Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten. Es ist ein sozialer Beruf, bei dem man Menschen wirklich helfen kann. Man nimmt ihnen die bürokratischen Angelegenheiten ab – fährt hin, redet mit ihnen und fragt sie, was sie brauchen. Wenn sich die Leute darauf einlassen, bekommt man wirklich viel zurück.

 

„Die Formalitäten waren plötzlich unwichtig“

 

Es gab da zum Beispiel mal ein älteres Ehepaar, bei dem ich regelmäßig vorbeigefahren bin. Die Besuche waren eigentlich sinnlos, denn die beiden waren gut eingestellt und aufgeräumt. Sie waren immer sehr gastfreundlich und baten mir Kaffee und Kekse an. Als sie merkten, dass ich Süßes gar nicht mag, kauften sie extra getrocknete Apfelringe für mich. Die habe ich dann immer gegessen, obwohl ich die auch nicht mochte. Die beiden kabbelten sich herrlich wie Waldorf und Statler aus der Muppetshow. Nach zwei Stunden ging ich und habe eigentlich nichts Anderes gemacht, als ihnen zuzuhören. Es war einfach schön. Der Mann hatte damals aufgrund einer zurückliegenden Krebserkrankung Rente von uns bekommen.

Fünf Jahre später mussten wir die Rente herabsetzen, das ist ein formeller Ablauf. So schrieb ich das Paar an und informierte sie. Als der Mann mich anrief, befürchtete ich seine wütende Reaktion. Aber er sagte: ‚Ach wissen Sie, ich hab´ Ihr Schreiben gekriegt, aber eigentlich ist das egal. Ich war heute beim Arzt, der Krebs ist zurück.‘ Diese ganzen Formalitäten waren plötzlich völlig unwichtig. Er verstarb nach wenigen Monaten. Es war furchtbar traurig, denn man kennt halt die Leute. Aber so ist der Lauf der Dinge.“


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Zehra: „Ich habe mich für Hamburg entschieden“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Zehra begegnet.

Protokoll: Rosa Krohn

 

„Ich bin 1974 in Eimsbüttel geboren und in Billstedt aufgewachsen, lebe also seit 47 Jahren in Hamburg. Meine Eltern kamen als Gastarbeiter aus der Türkei hier her. Zwischenzeitlich war ich selbst anderthalb Jahre in der Türkei. Ich hatte das Gefühl, hier nicht richtig Fuß gefasst zu haben, obwohl ich hier geboren und aufgewachsen bin. Das lag überwiegend an der damaligen pädagogischen Betreuung.

Deshalb habe ich es dann in der Türkei versucht, aber da war es doppelt so schwer – das Schulsystem war ein anderes und um die Zukunftsperspektiven stand es schlecht. Kurz vor meinem 16. Lebensjahr musste ich mich dann entscheiden: Komme ich wieder zurück oder verliere ich alle meine Rechte in Deutschland und bleibe in der Türkei.

 

„Ich sehe mich ein wenig in ihm“

 

Ich habe mich für Hamburg entschieden und es nicht bereut. Die Zeit in der Türkei hat mich gestärkt und ich habe hier nach und nach zu mir selbst gefunden. Hamburg ist eine sehr offene Stadt und ich fühle mich hier Zuhause. Nach meiner Rückkehr habe ich meinen Hauptschulabschluss und die mittlere Reife an einer Berufsschule gemacht und bin seit 1997 als Erzieherin tätig. Die Arbeit macht mir Spaß: Kinder sind so wie sie sind, sie sind ehrlich. Ich genieße die Zeit mit ihnen. Man ist auf einer Höhe mit ihnen und bleibt so selbst auf eine gewisse Art und Weise Kind.

Mein eigener Sohn ist jetzt auch 16 und da mein Mann aus Jordanien kommt und ich selbst einen türkischen Hintergrund habe, fragen wir ihn manchmal, wie er sich eigentlich fühlt – arabisch, türkisch oder deutsch? Er sagt dann immer: ‚Ich fühle mich wohl in Hamburg, es ist meine Heimat.‘ Auch wenn er sich Gedanken macht, wo er später zum Studieren hinwill, ist Hamburg immer eine Option. Ich sehe mich ein wenig in ihm. Er ist wie ich ein Kind der Stadt und es ist schön, eine Generation weiter so mit der Stadt verwurzelt zu sehen.“


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Meisun: „Entweder das eine oder das andere?“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Meisun begegnet.

Protokoll: Kevin Goonewardena

 

„In meinem Leben gab es lange nur Medizin: Mein Vater war Unfallchirurg, ich habe Medizin studiert, einen Facharzt in Anästhesie gemacht und habe schon im Studium im Krankenhaus gejobbt, um mir die Ausbildung zu finanzieren. Irgendwann wurde mir aber klar: Ich will nicht ewig im Krankenhaus sein. Mein Vater ist immer morgens um sechs Uhr aus dem Haus und kam um 22 Uhr wieder. Wir haben ihn kaum gesehen.

Ich habe mich irgendwann nach vielen Jahren auf einer Intensivstation in einem Hamburger Krankenhaus gefragt, wo es eigentlich hingehen soll. Ich hatte mittlerweile einige Kollegen kennengelernt, die nicht mehr Vollzeit im Krankenhaus waren, sondern nebenbei etwas anderes gemacht haben. Das war neu für mich. Bis dahin dachte ich immer, entweder das eine oder das andere. Auch ich habe mich langsam verändert und heute führe ich den Rudolf Beaufays Vintage Store in der Neustadt.

 

Eine große Veränderung

 

Wie ich zu dem Laden gekommen bin? Ich hatte schon immer ein Faible für Mode und Dekoration. Als die Frage nach dem ‚Wohin‘ aufkam, wusste ich, es würde in diese Richtung gehen. Zu der Zeit betreute ich Rudolf, den Besitzer des Ladens medizinisch – außerdem war ich ohnehin schon Stammkundin. Wir kamen mit der Zeit ins Gespräch und daraus wurde eine Freundschaft.

Irgendwann fragte mich Rudolf, ob ich mich nicht mal für ein paar Stündchen in den Laden stellen könnte. Ich dachte, ‚großartig, das machst du‘. Aus diesen paar Stunden wurden ein paar Tage. Ich stand immer mal wieder im Laden, reduzierte die Stunden im Krankenhaus und irgendwann kam Rudolf dann nicht mehr. ‚Kannst du ja allein machen‘, hat er gesagt und ich hatte auf einmal die Schlüssel in der Hand. Mit über 70 Jahren und nach 50 Jahren im Geschäft hatte er einfach keine Lust mehr. ‚Entweder wir fahren den Laden jetzt gemeinsam gegen die Wand – ich war zu dem Zeitpunkt schon Teilhaberin – oder du machst allein weiter‘, hat er gesagt. Dann habe ich den Laden komplett übernommen. Das war 2015. Seitdem hat sich viel verändert, aber im Krankenhaus bin ich bis heute, allerdings nur noch wenige Stunden im Monat.“


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Peppi: „Ich lebe seit 30 Jahren auf der Reeperbahn“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Im Juni 2021 sind wir Peppi begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Mich kennt hier jeder. Ich lebe seit 30 Jahren auf der Reeperbahn. Ich habe gesehen, wie sie das Schmidt Theater neu gebaut haben, den Abriss vom Schwimmbad am Spielbudenplatz und wie die Esso Tankstelle verschwand. Ich habe das alles aus erster Reihe erlebt. Sogar die Polizisten kenne ich alle. Und sie mich. Ich glaube, ich bin ganz schön kompatibel, kann mich gut unterhalten. Mehr zwar nicht. Aber das reicht doch fürs Erste.

1969 bin ich geboren, meine Mutter hat mich 1971 an eine Adoptivfamilie abgegeben. Ich hatte Angst vor ihnen, weil sie mich geschlagen haben. Also bin ich abgehauen und auf der Straße gelandet. Meiner richtigen Mutter habe ich irgendwann verziehen. Meinen Adoptiveltern nie.

Das Leben auf der Straße ist okay, die Leute mögen mich. Momentan schlafe ich in der U3. Irgendwann kommt Hilfe. Das sage ich mir zwar seit einer Ewigkeit, aber ich glaube immer noch dran. Manchmal kam die Hilfe auch schon, aber dann habe ich wieder irgendeinen Fehler gemacht. Neulich hatte ich einen Job, da habe ich für “Zwischenstopp Straße” gearbeitet. Dann habe ich was getrunken, jetzt sitze ich wieder hier. Sie haben mir daraufhin Dante weggenommen, meine französische Bulldogge. Bevor ich Dante bekommen habe, hatte ich einen Hund, der 17 Jahre bei mir gelebt hat. Sie war meine beste Freundin, immer an meiner Seite. Bis sie vor ein paar Jahren eingeschläfert werden musste.

 

Mit zwei Shetland Ponys an der irischen Küste

 

Meinen ersten Hund habe ich 1978 bekommen, ich weiß es noch genau, das war der schönste Tag in meinem Leben. Er hieß Asta, ich war neun und Asta war mein erster wirklicher Freund. Zu der Zeit habe ich noch bei meinen Adoptiveltern im Sauerland gelebt. Ich war jeden Tag mit Asta im Wald und er hat mir ein Gefühl gegeben, als würde er mich in den Arm nehmen und sagen „Ey Peppi, es ist alles gut!“

Aber wirklich gut ist es nur dann, wenn ich träume. Dann stelle ich mir vor, zwei Shetland Ponys zu haben und mit ihnen an der irischen Küste zu leben. Eins links, eins rechts und ich liege dazwischen im Gras. Mehr möchte ich gar nicht. Ich würde keinen Menschen vermissen, denn ganz ehrlich: Ich mag sie nicht. Es gibt tolle Menschen, aber ich kann mit ihnen nicht umgehen. Bei mir wurde eine posttraumatische Belastungsstörung festgestellt. Und obwohl ich mitten auf der Reeperbahn sitze, mich die Leute alle kennen, meine Brüder und Schwestern mich in den Arm nehmen, habe ich eine unheimliche Angst vor ihnen. Ich weiß, dass das paradox ist, aber ich habe so eine Angst vor Gewalt, das kannst du dir gar nicht vorstellen.

Dabei weiß ich ja eigentlich, dass mir keiner etwas tut. Ich tue ja auch keinem etwas. Vor mir braucht keiner Angst zu haben. Weil ich so groß und vielleicht manchmal auch ein bisschen komisch bin, haben das manche. Die meisten wissen aber, wie nett ich bin. Deswegen akzeptieren sie mich. Wollen wir noch eine rauchen, bevor du gehst?”


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Niels: „Hamburg hat ein enormes Potenzial“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Niels begegnet.

Protokoll: Kevin Goonewardena

 

„In den 1990er-Jahren dachte ich, ich würde den Rest meines Lebens in Berlin verbringen. Dann bekam ich einen Job bei einer Zeitung in Hamburg, die Freundin war weg, alles war doof und aus zwei Jahren Hamburg sind mittlerweile 23 Jahre auf St. Pauli geworden. Hier habe ich erfahren, welch enormes Potenzial diese Stadt hat. Ein Potenzial, das sich in Diversem widerspiegelt: Wie in den Netzwerken ‚Recht auf Stadt‘, ‚Es regnet Kaviar‘, bei den Park-Fiction-Leuten, dem CentrO Sociale und vielem mehr. Alle waren in den 2000er-Jahren vom Konzept der ‚wachsenden Stadt‘ unter den verschiedenen Beust-Senaten angepisst. Sie wollten sich gegen die Art und Weise des Wachstums und den damit einhergehenden Begleiterscheinungen, die unter dem Begriff Gentrifizierung abgeheftet werden, wehren.

 

Der Klang nach mehr

 

Bei dem Gründungstreffen von ‚Recht Auf Stadt‘ im Jahr 2009 wurde der Begriff auch gleich neu geframet. Es hieß nicht mehr ‚Gegen Gentrifizierung‘, sondern ‚Für das Recht auf Stadt (für alle)‘. Niemand wusste, was das eigentlich heißen soll. Aber es klang nach einer besseren, gerechteren und sozialeren Stadt.
Jetzt, zwölf Jahre später, sind wir um diverse Erfahrungen reicher. Was das Mitspracherecht für alle angeht, empfinde ich Hamburg als lernresistent: Wer am lautesten schreit, bekommt zwar manchmal etwas zugesprochen, wie beim Gängeviertel oder beim Abriss der Esso-Häuser. Aber kaum ist so was dann durch, sagen viele in der Politik: ‚Das muss aber eine Ausnahme bleiben.

 

Das Fab City-Projekt

 

Man packt Hamburg am besten immer dann, wenn sich die Stadt im Wettbewerb mit anderen befindet oder wenn die Leute das Gefühl haben, man könnte was machen, was noch keine deutsche Stadt gemacht hat. Wie etwa das Fab City-Projekt. Dabei geht es darum, dass eine Stadt dahin kommen soll, für fast alles selbst zu sorgen, was die Menschen benötigen. Es wird nichts importiert oder exportiert, nicht einmal Müll. Das ist eine krass utopische Vision für 2054. Wir sind mit dem Fab Lab im Oberhafen ein Teil der Initiative. Mit Spenden und eigenem Geld haben wir uns in den letzten zehn Jahren einen Maschinenpark aufgebaut.

 

Man muss sich nicht mit allem zufriedengeben

 

Als wir 2014 mit einem 3-D-Drucker vier Wochen lang Open-Source-Handys gebaut, sind die Leute da voll drauf angesprungen. Dabei wurde mir klar, dass man Leuten manchmal auch eine Idee geben muss. In Hamburg läuft in diesem Punkt noch einiges falsch, aber es gibt ein enormes Potenzial. Was könnte Hamburg für eine Stadt werden? Was können wir anschieben? Wo beißen wir uns die Zähne aus? Diese Fragen bewegen mich. Es gibt genug Sachen, mit denen man sich nicht zufriedengeben muss. Und manchmal kommt man auch wie die Jungfrau zum Kinde, wie bei meiner anderen aktuellen Baustelle: Ich habe im letzten Jahr das Barkombinat mitgegründet.“


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Vakil-Mai: „Ich kann einfach nicht weggucken“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Vakil-Mai begegnet.

Protokoll: Kevin Goonewardena

 

„Ich bin ein Kriegskind, Themen wie Menschen, Umwelt und Krieg haben mich immer zutiefst berührt. Meine Welt hatte nie etwas mit Vertrauen zu tun. Ich hatte immer das Gefühl, ich sei daran mit Schuld. Es hat sehr lange gedauert, bis ich gelernt habe, mit diesem Thema und diesen Fragen anders umzugehen. Besonders an Tagen wie dem 9. November merke ich immer wieder, wie sehr mich die Geschichte berührt. Auch deswegen zieht sich dieser Blick nach links und rechts und das politische Engagement wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich kann einfach nicht weggucken und weghören.

 

Millionen Bilder im Kopf

 

Ich bin blind, wodurch mir die visuelle Welt doch überwiegend verschlossen ist, und die akustische Welt ist oft nicht einfach. Es ist alles sehr laut und gerät durcheinander. Seit gut 20 Jahren habe ich nun eine sogenannte Makuladegeneration. Bei mir löst sich die Netzhaut von innen nach außen. Ich kann nur noch Punkte abscannen, wenn sich etwas nicht bewegt, je nach Lichteinfall oder wenn etwas kontrastreich ist, kann ich ein bisschen mehr wahrnehmen. Aber ich kann nichts identifizieren. Die Millionen Bilder, die ich im Kopf habe, helfen mir, mir eine Vorstellung von dem zu machen, was ich nicht sehe. Darüber hinaus versuche ich auch am Ball zu bleiben, so gut es geht, ich bin bis vor Corona beispielsweise in verschiedenen Arbeitsgruppen aktiv gewesen und ich habe viel Kontakt mit Leuten von Fridays for Future, mit Hanseatic Help, teile gerne mein Netzwerk und gebe Erfahrungen weiter.

 

„Als Einzelhandelskauffrau war ich kreuzunglücklich“

 

Nach der Schule habe ich eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau gemacht. Damals in den 1960er-Jahren war es noch üblich, einen Beruf zu lernen und den dann bis zur Pensionierung durchzuziehen. Als Einzelhandelskauffrau war ich kreuzunglücklich. Ich habe mich parallel immer engagiert und zum Beispiel mit anderen das Kinderhaus Heinrichstraße aufgebaut. Irgendwann hat mich eine Freundin gefragt: ‚Warum arbeitest du eigentlich im Büro? Das ist doch gar nicht dein Ding, wieso gehst du nicht in Richtung Kinder und Jugendliche?‘ Das war der Anstoß, überhaupt erstmal in eine andere Richtung zu denken. Ich habe dann als ihre Kollegin völlig ungelernt in den Alsterdorfer Anstalten angefangen. Später habe ich als Heilerziehungspflegerin in der Psychiatrie gearbeitet.

 

Nepal und Nicaragua

 

1985 hat es mich dann weggezogen aus Deutschland. Ich habe meinen Besitz verschenkt und bin nach Nepal, um dort zu arbeiten. In diesem Moment hatte ich immer das Bild einer Schale vor Augen gefüllt mit allem, was meine westliche Kultur ausmacht. Bevor ich mich auf fremde Kulturen einlasse, bin ich in ein Kloster gegangen und habe diese Schale in meinem Kopf geleert. Erst dann war ich in der Lage, die neue Kultur zu verstehen. Nach einem halben Jahr bin ich zurück nach Hamburg und habe mich hier einer Gruppe aus Leuten aus Nicaragua angeschlossen. Weil ich unglaublich viel Lust auf Arbeit hatte, war innerhalb von zwei Monaten klar: Ich gehe nach Nicaragua und habe mich so 1986 einer sogenannten Brigade angeschlossen. Mein politisches Engagement hat mir geholfen, so zu arbeiten, wie ich es mir vorstellte. Das habe ich nicht immer tun können.“


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Jan: „Das ist für mich der Ursprung der Musik“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Jan begegnet.

Protokoll: Kevin Goonewardena

 

„Ich bin in Drage in Schleswig-Holstein aufgewachsen. Als ich ungefähr acht Jahre war, hat mich mein Vater auf mein erstes Konzert mitgenommen. Ein Irish Folk-Konzert im Nachbardorf von unserem 250 Seelen Nest. Das war nur ein Trecker mit einem Anhänger als Bühne, unglaublich intim. Die Musiker haben die Leute nur mit ihren Stimmen und Gitarren in ihren Bann gezogen. Ich kannte so was gar nicht. Aus dem Fernsehen kann ich nur große Pop-Konzerte und wusste nicht, dass es da noch andere Abstufungen gibt. Auch wenn ich noch klein war, fühle ich diese Stimmung heute noch und das Gefühl, was sie damals in mir auslöste.

Für mich ist es eines der schönsten Dinge bei der Kunst ein Gefühl zu vermitteln, dass man nicht unbedingt beschreiben können muss. Das möchte ich auch mit meiner eigenen Musik erreichen. Ich möchte, dass die Leute so nah wie möglich an mich rankommen und verstehen, was ich fühle und dass sie das fühlen, was ich als Kind auf diesen intimen Konzerten gefühlt habe.

 

Fernsehshow: Unauthentisch

 

Ich hoffe, ich ermutige die Leute, zu sein wie sie sind, indem ich ihnen zeige dass ich so bin, wie ich mich gebe. Zwischen mir und meiner Kunstfigur gibt es keinen großen Unterschied. Vor drei oder vier Jahren war ich in Köln, beim Vor-Vor-Entscheid des Eurovision Songcontest – quasi der Vorstufe zu der Fernsehsendung, bei der der deutsche Kandidat gekürt wird. Dort fragte mich eine Choreografin, ob ich eine Choreografie hätte und was ich denn auf der Bühne anziehen würde. Ich hatte ein schwarzes T-Shirt an und meinte: ‚Ja das hier, was ich jetzt auch gerade anhabe‘, eine Choreografie hätte ich nicht. Als mir dann eine angeboten wurde – ich sollte Halb-Playback spielen, ohne Gitarre –, habe ich schnell gemerkt, dass ich da nicht reinpasse. Ich bin kein Pop-Star, dessen Natur es mitbringt, unnahbar und unerreichbar zu sein.

 

Ein Kreis schließt sich

 

Auch heute noch liebe ich besonders die kleinen Konzerte. Da bin ich ganz nah am Publikum und kann nachher noch mit den Leuten schnacken. Ich spiele viele Sofa-Konzerte und Gigs in Kneipen, diese kleinen Sachen ohne Barriere zwischen Künstler und Publikum. Das ist für mich der Ursprung der Musik. Dieses Irish Folk-Konzert damals war sowas, wie ein Schlüsselmoment. Später hat sich dann auch ein ein Kreis geschlossen. ich habe irgendwann auf auf einem meiner eigenen Gigs eine Frau kennengelernt. Sie war damals auch auf diesem Folk-Konzert und kannte meinen Vater und mich.”


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Silvana: „Ich bin dankbar für das, was ich habe“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Silvana begegnet.

Protokoll: Kevin Goonewardena

 

„Ich gehe immer gerne in eine kleine Bar, dort bin ich an einem Abend einer Frau begegnet, die ich schon öfters dort gesehen hatte. Sie wohnte in meiner Straße und man kannte sich vom Sehen. Ich wusste, sie ist Autorin und Journalistin. An diesem Abend fragte sie mich, ob sie sich zu mir setzen könne. Sie bestellte sich ein Bier und wir kamen ins Reden. Es stellte sich heraus, dass sie eine ziemlich erfolgreiche Krimiautorin ist. Ihr Name: Simone Buchholz. Sie hat unsere Begegnung in ihren damals aktuellen Roman Blaue Nacht einfließen lassen. Ich habe mich total gefreut und auch geehrt gefühlt.

 

Offen gegenüber Menschen

 

Diese Anekdote beschreibt ganz gut meine Offenheit gegenüber Menschen. Ich lerne oft neue Leute und ihre Geschichten kennen. Ich finde Menschen interessant, will wissen, wie sie sind, wo sie herkommen, was sie machen oder wie sie heißen. Man nennt es Pareidolie, wenn man in Dingen und Mustern vertraute Gesichter erkennt. So geht mir das immer wieder hier auf St. Pauli. Die ganzen Plakate, Street Art, Kreidezeichnungen, die Kinder auf die Straße gemalt haben, irgendwo hat irgendwer was weggeworfen, irgendwo steht Zeug rum, das sind alles Sachen, die Bilder erzeugen und Geschichten erzählen. Diese Dinge inspirieren mich zu den Illustrationen, die ich mache. Ich könnte gar nicht auf Dauer irgendwo abgeschnitten leben. Auf St. Pauli habe ich die Hälfte meines Lebens verbracht. Seit meinem Kommunikationsdesign-Studium lebe ich der Nähe der Elbe.

 

Verbindungen und eine Erkenntnis

 

Für mich lässt sich die am besten mit dem Fahrrad und zu Fuß entdecken. Dabei fügt sich Stück für Stück zusammen, stellen sich Verbindungen her. Hamburg auf diese Art zu entdecken, aber auch den Menschen zu begegnen, das war mir dieses Jahr so gut wie gar nicht möglich. Ich hatte eine längere, schwere Verletzung. Dadurch konnte ich nicht zeichnen. Das war eine Zeit, in der ich sehr große existenzielle Angst hatte, Angst, dass es nicht mehr wie früher gehen wird. In dieser Zeit habe ich gelernt, den Augenblick zu genießen und im Hier und Jetzt zu leben. Ich möchte nicht mehr warten und denken ‚Irgendwann mal‘. Ich bin dankbar für das, was ich habe, diese Freiheit, dieses bunte Leben, diese Leichtigkeit, die man dann doch in allem so lebt und liebt. Dem liegt eine gewisse Ernsthaftigkeit zugrunde, die darf man nicht aus den Augen verlieren, auch wenn man immer so schnell dabei ist.“


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Osama: „Ich brauche die Freiheit zu leben, wie ich möchte“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Osama begegnet.

Protokoll: Kevin Goonewardena

 

„In meiner Heimat, dem Jemen, wird man immer danach beurteilt, ob man sich religiös verhält oder nicht. Alle sind super eng miteinander: Familie, Freunde, Nachbarn, man hat eigentlich keine Privatsphäre. Egal was man macht, wohin man geht, man steht immer unter Beobachtung. Alle wissen immer alles. Das ist in Deutschland ganz anders und in Hamburg sowieso. Das Problem für mich ist, ich bin überhaupt nicht religiös. Deswegen konnte ich im Jemen nicht so leben, wie ich wollte: Bier auf der Straße trinken, so wie jetzt gerade, oder meine Frau in der Öffentlichkeit küssen, daran wäre überhaupt nicht zu denken gewesen. Im Jemen ist die Gesellschaft einfach eine andere, denn wenn man nicht religiös ist, dann ist vieles nicht möglich. Und ist man gläubig, dann wird man durch die religiösen Regeln beschnitten, auch wenn das natürlich viele Leute nicht so empfinden.

 

Viele haben ein schlechtes Bild“

 

Das hier in Deutschland viele Leute ein schlechtes Bild vom Jemen haben, kann ich verstehen. Aber kennst du einen Deutschen, der schon einmal im Jemen gewesen ist? In den Medien hört man immer nur vom Bürgerkrieg, von Hunger, Armut, den generell sehr schwierigen Bedingungen. Das Leben im Jemen ist für die meisten Menschen tatsächlich nicht einfach und auch überhaupt nicht angenehm. Angenehm ist es nur, wenn man die finanziellen Möglichkeiten hat. Die Mittelschicht im Jemen lebt superluxuriös. Auch wenn ich sehr eingeschränkt gewesen bin, finanziell ging es meiner Familie und mir nicht schlecht. Um hier in Hamburg das Leben wie im Jemen führen zu können, müsste ich wohlhabender sein. Aber die Freiheit, das Leben so leben zu können, wie man sich das vorstellt, wiegt mehr, deswegen bin ich gegangen. Und wirklich schlecht geht es mir ja hier auch nicht.

 

Veränderung durch die Jugend?

 

Die Bevölkerung im Jemen ist sehr jung und wird noch jünger, denn sie wächst sehr schnell. Die Jugendlichen werden hoffentlich irgendwann vermehrt den Weg gehen, den ich gegangen bin und den auch viele andere meiner Landsleute gehen, die etwas vom Leben haben wollen. Sie werden diesen Weg gehen müssen, wenn sich im Jemen nichts ändert. Vor allem wenn man nicht zu denen gehört, die Geld haben oder sich nicht religiösen Regeln unterwerfen möchte. Trotzdem vermisse ich meine Heimat. Perfekt wäre für mich wohl eine Gesellschaft, die ein bisschen so ist wie im Jemen und ein bisschen so wie in Deutschland. Aber die gibt es nicht.

 

Neuanfang in Deutschland

 

Im Jemen war uns alles einfach zu viel. Deswegen habe ich mich vor etwas mehr als vier Jahren auf den Weg gemacht und mich um einen Masterstudiengang in Wirtschaftsökonomie bemüht. Im Jemen und später auch in Beirut habe ich BWL im Bachelor studiert. Mit dem Studiengang hat es nicht geklappt, dann habe ich einen Asylantrag gestellt und erst einmal zwei Jahre in Berlin gewohnt, bevor ich hier noch Hamburg gekommen bin. Hier mache ich gerade einem C1-Sprachkurs und warte mit meiner Frau auf unseren Nachwuchs. Wie unser Leben aussehen soll? Anders als es im Jemen war, natürlich, aber genaue Vorstellungen habe ich noch nicht. Ich genieße die Möglichkeiten hier und lasse die Dinge gerne auf mich zukommen.“


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Dennis: „Ich glaube, jeder Mensch hat eine Geschichte, die es sich lohnt zu erzählen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Dennis begegnet.

Protokoll: Kevin Goonewardena

 

„Ich glaube an Geschichten. Das mag jetzt vielleicht ein wenig naiv klingen, aber ich glaube daran, dass Geschichten uns helfen, unsere Welt ein bisschen besser zu verstehen. Sie können irgendeine Form von Ordnung in dieses wahnsinnige Chaos bringen, das uns täglich umgibt. Darum bin ich Journalist geworden. Denn so habe ich die Möglichkeit, anderen Menschen zuzuhören, Menschen, die vielleicht eine ganz andere Lebensrealität haben als ich selbst. Ich kann ihre Geschichten aufschreiben und sie einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Mich interessieren besonders die leidenschaftlichen Menschen. Dabei ist es in erster Linie egal, wovon die Geschichte handelt: von ihrem Glauben, dem Wunsch nach materiellem Wohlstand, von einer politischen Sache oder einem Hobby. Aber Menschen, die wirklich ihre gesamte Energie in etwas investieren, faszinieren mich. Ich glaube, dass wir von ihren Geschichten lernen können.

 

„Die Allerwenigsten sind bereit zuzuhören“

 

Abseits dieser großen und ungewöhnlichen Geschichten gibt es aber auch viele, die viel zu wenig gehört werden. Ich glaube, jeder Mensch hat eine Geschichte, die es sich lohnt zu erzählen. Denn jeder hat schon einmal in einen Abgrund geblickt, ist an seine Grenzen gestoßen oder hat etwas geleistet, was außergewöhnlich ist. Die allermeisten lassen es sich nur nicht anmerken. Und die Allerwenigsten sind bereit zuzuhören.

Genau das führt uns in diese komische Lage, in der wir uns gerade befinden. Diese Gesellschaft ist gespalten wie nie zuvor. In den sogenannten sozialen Netzwerken und mittlerweile auch im Alltag treffen immer häufiger Weltanschauungen aufeinander, die scheinbar nicht mehr miteinander kompatibel sind. Viel zu oft vergessen wir, dass es um die Menschen geht, die hinter diesen Weltanschauungen stehen. Sie vertreten ihre Standpunkte nicht aus Böswilligkeit, sondern weil sie davon überzeugt sind, auf der richtigen, vermeintlich guten Seite zu stehen, weil sie etwas Gutes wollen. Viele Konflikte und Probleme würden sich auflösen, wenn wir versuchen würden, die Motivation dieser Menschen zu verstehen. Das gelingt aber nur, indem man zuhört und indem Medienschaffende wie ich ihre Geschichte aufschreiben und auf irgendeine Weise weiter erzählen.

 

Häuser voller Geschichten

 

Hamburg steckt voller spannender Geschichten. Ich bin ein großer Fan von Hochhäusern. Dort leben auf kleinem Raum viele Menschen nebeneinander, die alle viele unterschiedliche Schicksale haben. Oft gehe ich an solchen Häusern vorbei und frage mich, wie es den Menschen geht, von was sie träumen, vor was sie sich fürchten, ob sie glücklich sind oder verzweifelt, ob sie gerade die Liebe ihres Lebens gefunden haben oder nicht wissen, wie sie am nächsten Morgen ihre Miete zahlen sollen. Ich glaube, wir sollten den Menschen mehr zuhören, denen sonst keiner zuhört. Weil die Summe ihrer Geschichten uns tatsächlich helfen kann, die Welt besser zu verstehen.”


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