„Sexualität ist eine positive Lebensenergie“

Familienplanung und sexuelle Selbstbestimmung sollten mittlerweile für alle selbstverständlich sein. Warum das nicht so ist und wie es doch noch werden kann, erklären die Frauenbeauftragen der Elbe-Werkstätten Bianca Bicker, Andrea Junginger, Kristine Westermann mit ihren Vertrauenspersonen Chasa Chahine und Margarita Martinez und die Sexualpädagogin Annica Petri vom Familienplanungszentrum HH e. V. (FPZ)

Text & Fotos: Markus Gölzer

 

Man sitzt als besorgte Mutter am Bett seines Kindes auf der Intensivstation. Endlich kommt der Arzt. Seine erste Frage: Wo sind die Eltern? Dann könnte es sein, dass man im Rollstuhl sitzt. Und der Arzt nicht der Erste im Leben war, der einem das klassische Lebensmodell „Mutter“ nicht zugetraut hat. Kinderwunsch von Menschen mit Behinderung ist immer noch ein Tabu. Es gibt ganz schnell den Reflex: Alles darf sein, nur das nicht. Der Wind kommt bei behinderten Menschen mit Kinderwunsch nicht nur von gesellschaftlicher Seite von vorn, sondern auch aus dem persönlichen Umfeld. Vom Frauenarzt, der empfiehlt, doch bitte die Pille zu nehmen, bis hin zu den eigenen Eltern. Kristine Westermann, Frauenbeauftragte Elbe Ost, über ihre Erfahrungen: „Kinder zu bekommen, ist teilweise verpönt gewesen. Man hört ‚Du darfst keine Kinder haben‘ oder ,Das Jugendamt nimmt dir das Kind weg‘. Sogar ‚Du darfst nicht heiraten.‘ Das stimmte alles nicht. Ich habe zwei Kinder mit meinem Ehemann.“

 

Eine Behinderung ist nichts Defizitäres

 

Behinderung wird nach wie vor mit Krankheit verbunden. Es wird davon ausgegangen, dass sich diese Menschen nicht um ihre Kinder kümmern können. Annica Petri: „Behinderung wird von der Mehrheitsgesellschaft oft als etwas Defizitäres verstanden. Das ist falsch: Wie komme ich darauf, dass eine Mutter oder ein Vater im Rollstuhl ihr Kind nicht versorgen können? Da müssen wir über Assistenzgeräte reden und wie man eine Babywippe am Rollie anbringt und so weiter. Warum denken Menschen, dass das nicht möglich ist? Das ist das, was bei Inklusion fehlt: der Blickwechsel.“ Oder wie es Kristine Westermann in einem Statement formuliert: „Es muss noch viel bekannter werden, dass Frauen mit einer Einschränkung auch gute Mütter sein können.“

 

„Wir werden von vornherein schon als Opfer gesehen“

 

Mit oder ohne Kinderwunsch – Frauen mit Behinderung werden öfter benachteiligt, erleben häufiger Diskriminierung. Sie werden schlechter bezahlt und viermal so häufig Opfer sexueller Gewalt.

Bianca Bicker, Frauenbeauftragte Elbe ReTörn: „Viele wissen nicht, was ihre Rechte sind. Das sie Nein sagen dürfen, dass sie nicht alles machen müssen. Die Aufklärung fehlt bei vielen. Anders­rum denken die Menschen, die diese Gewalt ausüben, mit denen kann man’s ja machen.“ Andrea Junginger, Frauenbeauftragte Elbe West: „Wir werden von vornherein schon als Opfer gesehen. Ich selbst hatte da auch schon ein Erlebnis. Ich dachte früher, dein Freund ist auch mein Freund, und da bin ich eines Besseren belehrt worden. Der Punkt ist: Das frisst sich so tief rein, dass man das nicht vergisst. Auch wenn man einen 120-prozentigen Schaden im Kurzzeitgedächtnis hat – das ist eine Sache, die vergisst du dein Leben lang nicht.“

Aufklärungs- und Informationsmaterial im Familienplanungszentrum (FPZ) (Foto: Markus Gölzer)

Aufklärungs- und Informationsmaterial im Familienplanungszentrum (FPZ) (Foto: Markus Gölzer)

 

„Menschen mit Behinderung haben ein Glaubwürdigkeitsproblem“

 

Chasa Chahine ergänzt: „Ich würde noch sagen, Frauen, die mit einer Behinderung aufwachsen, psychisch, geistig, körperlich, sind oft in Institutionen aufgewachsen, hatten viel mit ÄrztInnen zu tun, haben immer so erlebt, dass der Körper allen gehört, haben kein Gefühl für die Grenzen des eigenen Körpers auf psychischer Ebene. Viele Täter denken: Die kann ja froh sein, dass die überhaupt mal ein Mann beachtet und berührt.“ „Menschen mit Behinderung haben ein Glaubwürdigkeitsproblem“, führt Bianca Bicker weiter aus. „Viele denken sich, die weiß ja gar nicht, was das ist, der hat sie vielleicht nur an der Schulter angefasst. Man sollte dem Opfer glauben, aber viele machen es einfach nicht.

Das gibt es auch innerhalb von Einrichtungen. Der Gruppenleiter sagt: Das war doch nur ein Scherz. Die Frau denkt: Nein, das wollte ich jetzt nicht.“ Das macht es Tätern und Täterinnen leicht, ihre Strategien auszuspielen. Annica Petri: „Das Opfer einbinden in die Handlung, Angst machen, bedrohen, Schweigegebot auferlegen. Wenn jemand eine Lernschwierigkeit oder kognitive Behinderung hat, wirken Täter noch viel mächtiger. Und sind es auch. Dann ist es sehr wichtig, wie sensibel das Umfeld reagiert: Wenn ich berichten will als Opfer. Es kommt darauf an: Kann ich sprechen? Was ist, wenn ich gebärde? Wer versteht meine Gebärden? Was ist, wenn ich Autistin bin? Wer versteht meine Zeichen? Da kommt eine Vielfalt an Gründen zusammen, wo wir in allem, auch bei den Behörden, bei der Polizei, Fortbildung brauchen. Wenn jemand kommt und sagt, es ist etwas Schlimmes passiert: Jemand hat mich angefasst. Dass die Leute sensibilisiert sind, auch für verschiedene Behinderungsarten, Material haben wie zum Beispiel Gebärdenvideos.“

 

„Nein heißt Nein“

 

Bianca Bicker: „Barrierefreiheit fängt in den Köpfen an. Wo darf ich hin, was ist erlaubt, darf ich Nein sagen. Dann geht das weiter: Ärzte, Anwälte, Polizei, Beratungsstellen, an wen kann ich mich wenden. Man googelt das im Internet und viele verstehen das gar nicht. Ich habe bei den Elbe-Werkstätten ein Schulungskonzept in Einfacher Sprache entwickelt: ‚Nein heißt Nein: Schutz vor sexualisierter Gewalt am Arbeitsplatz‘. Solche Sachen sind überall wichtig. Nicht nur in Werkstätten und Wohnungseinrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigungen, sondern auch außerhalb.“

„Auch ein Mensch mit Lernschwierigkeiten ist ein erwachsener Mensch.“ Andrea Junginger spricht aus ureigener Erfahrung. Ihr wurde als erwachsene Frau auf einer Polizeistation wegen einer anderen Sache ein Polizeiteddy zur Beruhigung gereicht.

 

„Die Sexuelle Selbstbestimmung ist an vielen Punkten eingeschränkt“

 

Annica Petri im FPZ mit Materialien für die sexuelle Bildung (Foto: Markus Gölzer)

Annica Petri im FPZ mit Materialien für die sexuelle Bildung (Foto: Markus Gölzer)

Für Annica Petri ist es in der sexuellen Bildung wichtig, dass Menschen Worte haben für die Genitalien, Zeichen, Gebärden. Manche nutzen einen Talker, einen kleinen Sprachcomputer mit Bildern auf den Tasten oder ganzen Sätzen zur Sprachausgabe. „Wenn auf dem Talker Vulva, Vagina und Penis nicht eingearbeitet sind, und ein Jugendlicher oder eine Jugendliche will berichten, es hat mich jemand an den Genitalien angefasst, wie sollen sie das machen? Das geht dann nicht. Oder wenn das in der Familie sehr schamhaft ist, dann erklär’ ich den Eltern, warum es gut ist, über das Thema zu sprechen. Nur wenn Kinder Worte haben, können sie auch berichten. Wir haben mal einen Jugendlichen in der Jungsgruppe gehabt, der mit Talker kommuniziert hat und der ganz lang was eingetippt hat für meinem Kollegen, und am Ende kam raus: Er wollte, dass ihm jemand Worte für die Genitalien programmiert. Und dass ihm jemand ‚Fuck‘ programmiert. Er meinte: Ich will dazugehören, ich will das so gerne sagen. Die Erwachsenen wollen nicht, dass ich das einprogrammiere.

Das ist ein Minibeispiel, wie sexuelle Selbstbestimmung an vielen Punkten eingeschränkt ist und es niemandem auffällt. Und wenn wir das Thema nicht besprechen, dann können sich die Menschen darin weder fortbilden, noch ihre Lust entdecken. Das ist ein Teil meiner Arbeit in der sexuellen Bildung, zu vermitteln, dass Sexualität eine positive Lebensenergie ist. Dass auch für das Lustvolle ein Raum geschaffen wird. Etwas, was wahnsinnig bereichernd sein kann und wo alle Menschen das Recht haben, rauszufinden: Was ist für mich schön, mit wem will ich das leben, auf welche Art will ich das leben.“

familienplanungszentrum.de; elbe-werkstaetten.de


Information:

Das Familienplanungszentrum HH e. V. ist eine Schwangerenberatungsstelle mit einem breiten Angebotsspektrum rund um Körper, Partnerschaft, Liebe, Sexualität und Kinderwunsch. Die Elbe-Werkstätten bieten 3100 Menschen mit Behinderung einen Arbeitsplatz. Frauenbeauftragte sind gesetzliche Pflicht. Sie sind in den Werkstätten beschäftigt, vertreten die Interessen der dort beschäftigten Frauen gegenüber der Werkstattleitung. Schwerpunkte sind: Vereinbarkeit von Familie und Beschäftigung, Gleichstellung von Frauen und Männern sowie Schutz vor körperlicher, sexueller, psychischer Belästigung und Gewalt.



 VIELFALT LEBEN ist in Zusammenarbeit mit dem Inklusionsbüro Hamburg entstanden und liegt der SZENE HAMBURG aus dem Dezember 2021 bei. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Kita-Helferin: „Das ist ein gesellschaftliches Problem“

Mit der Qualifikation als Kita-HelferIn erhalten junge lernbeeinträchtigte Menschen die Chance, auf dem Arbeitsmarkt teilzuhaben. Ganz barrierefrei ist das inklusive Bildungsangebot allerdings nicht

Text: Sarah Seitz

 

Die Menschen werden auf dem Arbeitsmarkt ganz stark auf ihre Defizite reduziert“, sagt Birthe Nowak. Sie ist Abteilungsleiterin für die Qualifikation als Kita-HelferIn an der Staatlichen Fachhochschule für Sozialpädagogik FSP2. Seit fast 20 Jahren bietet sie mit dem Bildungsangebot für HelferInnen in Kindertagesstätten jungen Menschen, die sich am Rand des leistungsorientierten Arbeitsmarktes entlanghangeln, eine Alternative.

Saskia N., 19, angehende Kita-Helferin (Foto: Christiane Koch-Engelhorn)

Saskia N., 19, angehende Kita-Helferin (Foto: Christiane Koch-Engelhorn)

In enger Zusammenarbeit mit den Elbe-Werkstätten soll die deutschlandweit einzigartige Qualifikation der Kita-HelferIn für mehr Inklusion am Arbeitsmarkt sorgen. Die SchülerInnen der FSP2 werden während der vierjährigen Bildungsmaßnahme ganz individuell gefördert – je nach Beeinträchtigung. Denn die Qualifikation richtet sich ausschließlich an junge Menschen mit Behinderung. Eine von ihnen ist Saskia N. Die 19-Jährige ist im zweiten Lehrjahr. Neben der Kita-Kompetenz hat sie in dieser Zeit auch viel für sich selbst gelernt. „Ich halte mich nicht mehr so zurück“, erzählt sie. In der Kita, in der sie arbeitet, fühle sie sich mittlerweile als richtige Kollegin. So wie Saskia geht es auch den aktuell insgesamt 23 weiteren angehenden Kita-HelferInnen. Durch die Arbeit mit den Kindern und Erziehenden fühlen sie sich gesellschaftlich bedeutsam, werden mutiger und selbstbewusster.

 

SpielpartnerInnen, TrösterInnen oder WegbegleiterInnen

 

Neben der persönlichen Entwicklung eignen sich die angehenden Kita-HelferInnen viel fachliche Kompetenzen an. Von Beginn an sind sie, parallel zur Schule, auf die 19 aktuell teilnehmenden Hamburger Kitas verteilt. Dort sind sie als SpielpartnerInnen, TrösterInnen oder WegbegleiterInnen im Einsatz. „Und das können sie unwahrscheinlich gut, weil sie einfach aus einer anderen Lebenswelt kommen. Mit neuen Impulsen und ihrer anderen Denkweise bringen sie uns manchmal ganz tolle Dinge näher, auf die wir selbst gar nicht erst gekommen wären“, erzählt Nowak. Im ständigen Wechsel von Theorie und Praxis konzentriert sich die erste Hälfte der Qualifikation auf die sogenannte Berufsvorbereitung. Anschließend folgt im dritten und vierten Jahr der Berufsbildungsbereich. Die Jugendlichen lernen den Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern. Aber auch hauswirtschaftliche Aufgaben, die Orientierung im Berufsalltag oder Musik, Sport und Spiel stehen auf dem Lehrplan. So haben mittlerweile 74 KitaHelferInnen ausgelernt.

Ob als Unterstützung für das Fachpersonal oder auch im Austausch mit den Kindern – viele Betriebe, die KitaHelferInnen beschäftigen, sind begeistert. Doch es fehle leider an Offenheit und Bereitschaft, klagt Nowak. Denn trotz des inklusiven Bildungsangebots bleibt es für die SchülerInnen hart auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

 

Schwierige Finanzierung

 

Abteilungsleiterin für die Qualifikation als Kita-HelferIn an der Staatlichen Fachhochschule für Sozialpädagogik FSP2: Birthe Nowak (Foto: Christiane Koch-Engelhorn)

Abteilungsleiterin für die Qualifikation als Kita-HelferIn an der Staatlichen Fachhochschule für Sozialpädagogik FSP2: Birthe Nowak (Foto: Christiane Koch-Engelhorn)

Bürokratische Hürden erschweren den Sprung aus der Qualifikation in die Festanstellung. Vor allem in den letzten Jahren sei es schwieriger geworden, Kitas zu finden, die die ausgelernten HelferInnen übernehmen, erzählt Nowak. Denn in der vierjährigen Bildungsmaßnahme gibt es weder Klausuren noch Tests. Das könnten viele der SchülerInnen nicht leisten, erklärt Nowak. Keine Abschlussprüfung bedeutet allerdings auch keine anerkannte Ausbildung. Hinzu kommt: Kita-HelferInnen sind nicht im Landesrahmenvertrag für Kindertagesstätten aufgeführt – was die Finanzierung der HelferInnen für die Kitas schwer macht. Unterstützung leistet da zum einen das Hamburger Budget für Arbeit, das Kitas mit festangestellten HelferInnen bezuschusst. Zum anderen bieten die Elbe-Werkstätten, als Kooperationspartner der Qualifikation, sogenannte Außenarbeitsplätze. Das heißt, die Kindertagesstätten beschäftigen die HelferInnen, Hauptarbeitgeber sind aber die Elbe-Werkstätten.

 

Im kommenden Sommer geht es weiter

 

Aber auch Vorurteile machen es den Kita-HelferInnen schwer. „Erwachsene Frauen und Männern mit Beeinträchtigung werden immer als Synonym für das dritte Kind gesehen. Wir haben häufig gar nicht die Chance, Schülerinnen und Schüler zu verorten, damit sie überhaupt zeigen können, was in ihnen steckt“, erklärt Nowak. Für sie ist es ein gesellschaftliches Problem: „Es braucht eine Bewusstseinsveränderung bei uns allen, nicht nur bei den ArbeitgeberInnen, sondern auch tatsächlich bei den KollegInnen, bei den MitarbeiterInnen.“

Im kommenden Sommer startet eine neue Klasse der Kita-HelferInnen. Bewerben können sich SchülerInnen, die eine Integrationsklasse oder eine Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung besuchten und sich gut in ihrem Umfeld orientieren können. „Jeder und jede, der und die sich bewirbt und orientieren kann, wird genommen. Das ist unser Ansinnen“, versichert Nowak.

fsp2-hamburg.de


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Nachhaltig und inklusiv – Was fürn Saftladen!

Die Idee ist so genial wie simpel: Äpfel, die normalerweise verderben würden, werden zu Saft verarbeitet. Das Geld fließt zurück in die Firma. Und die finanziert damit Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung. 23 Menschen haben so einen Job in der freien Wirtschaft bekommen – beim gemeinnützigen Unternehmen „Das Geld hängt an den Bäumen“.

Der Mann mit der Latzhose schüttelt den Kopf: „Warum stehst du nicht zu deinem Alter?“, fragt er. „Ich verstehe nicht, warum Frauen sich die überhaupt die Haare färben …“ Jan Schierhorn lacht laut auf. Er kennt diese Fettnäpfchen, in die Olaf gern mit vollem Anlauf springt. Schierhorn ist Gründer dieses Saftladens. Und in dem müsse man mit dieser „Abwesenheit von Diplomatie“ umgehen können, sagt er. Dann sei die Ehrlichkeit ein großes Geschenk.

23 Mitarbeiter zählt das Team um die beiden Geschäftsführer Jan Schierhorn und Svenja Weber mittlerweile. Fast jeder hat irgendeine Art von Behinderung. Asperger, taub, blind, lernverzögert, sozialphobisch. „Mich interessiert das aber erst mal nicht“, sagt Weber. „Ich muss wissen, was der­jenige kann, worauf man achten muss und wie man jemanden weiterentwickeln kann.“ Sie traut Menschen grundsätzlich erst einmal mehr zu, will Stärken fördern. Und das sei auch das Schöne: „Top ausgebildete Leute haben vielleicht noch ein Potenzial von fünf bis zehn Prozent“, sagt Jan Schierhorn. „Bei unseren Leuten liegt das bei 80-90 Prozent.“

Die Äfpel kommen aus den Gärten der Stadt und von Streuobstwiesen. Foto: ISADORA TAST

Dass er mit stolz geschwellter Brust einen Schluck vom selbst produzierten Apfelsaft nimmt, passiert eher unbewusst. Schierhorn ist keiner, der mit seinen Erfolgen protzen muss. Das „Ich“ hat er fast aus seinem Wortschatz verbannt, will nicht im Fokus stehen. Das war nicht immer so. Damals, als er sich noch über seinen Job in der Werbe- und Kommunikationsbranche definierte, wollte er gern beweisen, was er alles kann. Immer auf der Jagd nach Erfolg, immer mit dem Kopf bei der Arbeit. So richtig bewusst sei ihm das erst geworden, als seine dreijährige Tochter neben ihm auf dem Fußboden spielte und dabei immer vor sich hin brabbelte: „Papa nicht da, Papa nicht da.“ Da wusste Schierhorn: Er muss runter vom Gaspedal, Tempo aus dem Leben nehmen.

Foto: ISADORA TAST

An einem Sommerabend 2008 blickte er gedankenverloren in seinen Garten im Stadtteil Groß Borstel: Trotz unzähliger Apfelkuchen und Gläser voller Apfelmus trug der alte Apfelbaum noch immer viel zu viele Früchte. Beim Grübeln darüber, was man mit all den Äpfeln tun solle und dass sicher auch anderswo vieles auf dem Kompost lande, kam ihm eine Blitzidee: Die Äpfel alter Streuobstwiesen und aus Nachbars Gärten zu Saft verarbeiten und mit den Einnahmen Arbeitsplätze schaffen, vielleicht sogar für diejenigen, die es sonst nicht ganz so leicht haben – warum nicht Nachhaltigkeit und Soziales verbinden? Der Startschuss für „Das Geld hängt an den Bäumen“.

Dass das anfangs nicht gleich klappte, lag am Ich. „Ich habe versucht, die Idee im Habitus eines Unternehmers nach vorn zu bringen: ICH weiß das, ICH hab den Kontakt, immer nur Ich.“ Aber soziales Arbeiten funktioniert nicht, wenn einer ruft und alle anderen müssen springen. „Das ist wenig demütig“, weiß Schierhorn heute. Ein Lernprozess. „Das hat mich sehr geerdet.

Wenn er heute von dem Projekt erzählt, spricht er darum vom Wir. Und das hat ganz schön viel erreicht: 50 Tonnen Äpfel wurden in der vergangenen Saison in einer Slow-Food-Mosterei zu Saft verarbeitet und in 120.000 0,5 l- und 88.000 0,75 l-Flaschen abgefüllt. Die Flaschen mit dem originellen Etikett, das die eigenen Mit­arbeiter zieren, werden hauptsächlich an Privatkunden, Gastronomen und Unternehmen in der Metropolregion verkauft, darunter auch das Rathaus und das Inklu­sionsbüro. Die neu aufgelegte naturtrübe Apfelschorle soll jetzt als erstes Produkt des Unternehmens bundesweit an den Start gehen. Rund 150.000 Flaschen werden in 2018 dafür voraussichtlich produziert.

Foto: ISADORA TAST

„Schmeckt immer immer anders“ lautet der Slogan und der ist wörtlich gemeint. „Wir wollen gar keine Revolution des Massenmarktes“, betont Schierhorn. Es sei einfach eine Haltungsfrage: „Warum müssen wir ein stetig gleich schmeckendes Produkt machen, wenn es das in der Natur gar nicht gibt?“ Wichtig ist: Nur reifes und ungespritztes Obst wird verarbeitet, vornehmlich alte Sorten. Anders als in den Anfangszeiten kommen die meisten Äpfel heute aber nicht mehr aus Omas Garten, sondern von Streuobstwiesen der Hansestadt und alter Höfe. Auch neue Streuobstwiesen legt das Team an. So werden Ende des Jahres 2.000 Bäume bewirtschaftet.

Experten sind Schierhorn und Weber aber noch lange nicht. „Wir lernen jeden Tag“, betonen sie. „Wir wissen, bei wie viel Grad die Biene fliegt, welche Schädlinge ­ es gibt und welche Äpfel gut schmecken. Aber wenn du mir jetzt drei Äpfel hinstellst, wüsste ich nicht, welcher lecker ist“, gibt Schierhorn zu. Er beschreibe das häufig mit Dilettantismus. Oder, um es positiver zu sagen: „Wir sind Generalisten.“ Alles wissen müsse man auch nicht: „Dafür gibt es Experten“, ergänzt Weber. „So können wir die Qualität sichern und ein Produkt auf den Markt bringen, an das wir einen sehr hohen Anspruch haben.“

Foto: ISADORA TAST

Lager, Etikettierung, Konfektionierung, Auslieferung, Garten- und Landschaftsbau, Büro – die Einsatzorte für die Mitarbeiter sind vielseitig. Als Kooperationspartner von den Elbe-Werkstätten bietet das gemeinnützige Unternehmen ausgelagerte Arbeitsplätze, andere werden über das Jobcenter oder das Arbeitsintegrationsnetzwerk Arinet besetzt. Über ein mehrstufiges Praktikum wird nicht nur geprüft, ob der Bewerber der Aufgabe gewachsen ist, sondern auch ins Team passt. „Es ist jedes Mal wieder eine Herausforderung, neue Kollegen zu integrieren.“ Schließlich hat jeder so seine kleine Macke, mit der auch alle anderen umgehen können müssen. „Es können nicht auf einen Schlag zehn Leute dazu kommen, wir müssen so wachsen, dass es für jeden machbar ist und das Team es auch aushalten kann.“

Wenn ein Kollege zum Beispiel montags erst mal die Mülltonnen sortieren muss, dann kostet das zwar Zeit und damit auch Geld. Aber es sei eben auch elementar wichtig, damit er sich hier wohlfühlen könne. Und wehe, da fehle mal eine Palette oder eine Tüte. Dann brenne die Luft. „Wir haben hier ganz andere Auseinandersetzungen und Emotionen als andere Unternehmen. Ganz andere Themen, die dazu beitragen, das kleinere Eklats entstehen.“ Das sei zwar aufwendig, doch dafür sei es auch ein großes Geschenk zu erleben, dass etwas passiert, was eigentlich nicht passieren kann: „Dass ein Autist plötzlich eine vertrauensvolle Nähe zulässt und vielleicht sogar Interviews gibt, ist fast unmöglich. Bei uns passiert so was aber“, erzählt Svenja Weber und betont: „Wir wollen hier niemanden umerziehen, aber die Stigmatisierung auflösen und Facetten zeigen, die bisher nicht so deutlich wurden.“ Klar ist: „Hier arbeiten Leute miteinander und als Team füreinander, die du normalerweise nicht zusammenarbeiten lassen würdest.“

Nachbars Garten heißt der Apfelsaft, weil die Äpfel genau daher kommen. Foto: ISADORA TAST

Dass sie das ganz erfolgreich tun, zeigt die steigende Nachfrage. Erst im Frühjahr konnte mit Eurest einer der größten Betriebsrestaurant-Betreiber als Kunde gewonnen werden. Muss der Saft aber nicht auch auf den Getränkekarten der Hamburger Gastronomie stehen, die Nachhaltigkeit und Soziales ganz großschreibt? „Ach“, wehrt Schierhorn ab. „wenn ein Saft 20, 30 Cent mehr kostet als der andere, dann ist das mit der Nachhaltigkeit so eine Sache.“ Er will niemandem etwas verkaufen. „Das würde bedeuten, dass ich jemanden von meinem Produkt überzeugen will“, wehrt er ab. Darum wird an den Preisen auch nicht geschraubt, lieber verzichtet Schierhorn auf einen neuen Kunden. „Kein Mensch braucht noch einen neuen Apfelsaft. „Aber wenn jemand von unserer Geschichte überzeugt ist, gibt es eine ganz, ganz große Kundenloyalität. Fluktuation ist nicht unser Problem“, sagt er.

Das Minus auf dem Konto dagegen ist eines. Bei 450.000 Euro Umsatz klafft am Ende ein Loch in Höhe von 150.000 Euro. Trotz all des Erfolgs, der Förderprogramme und der Zuschüsse ist das Unternehmen darum auf Spenden angewiesen. Aber: ­ „Ich kann unsere Arbeit hier nicht in Geld messen“, sagt Schierhorn fast entschuldigend. Doch auch hier lernt er dazu: „Ich weiß, dass das Blödsinn ist. Unsere gesellschaftliche Arbeit ist viel wert. Wir entlasten das System: Jeder, der hier ist, wird vom Hilfeempfänger zum Steuerzahler – das ist eigentlich eine ziemlich coole Sache. Und für den Menschen und die Natur sowieso, da kann man eigentlich schon mal irgendwo klopfen und um Hilfe bitten.“

Wenn er einen Wunsch frei hätte, würde er genau das tun: Um 150.000 Euro bitten. „Wir haben im letzten Jahr 14 Leute eingestellt. Wir haben sehr große Kunden dazugewonnen, aber wir haben alle Reserven aufgebraucht“, so Schierhorn. Es gehe da­rum, agieren zu können statt immer nur zu reagieren. „Wir haben nie Luft, um mal in Ruhe zu testen, was noch so geht“, sagt auch Svenja Weber. Sie würde am liebsten auch einen Sozialpädagogen einstellen. „Die Professionalität, die jedes Unternehmen braucht, wenn man diesen Wachstumsschritt gemacht hat, lässt sich bei uns noch nicht von allein finanzieren.“ Ideen haben die beiden noch viele. Zum Beispiel Strandkörbe aus alten Obstkisten produzieren. „Jetzt müssen wir uns aber erst mal fokussieren und optimieren.“

Was die beiden als Arbeitgeber auszeichnet und warum die Mitarbeiter mit viel Leidenschaft dabei sind? „Woanders wird nicht gelobt, da wird nur gesehen, dass man schnell die Arbeit fertig macht – zack, zack“, sagt Olaf und bekommt ein zustimmendes Nicken von Samuel, der seit 2011 dabei ist: „Hier ist das komplett anders. Hier achtet man aufs Tempo. Einige sind schneller, andere langsamer. Und man hilft sich gegenseitig.“

Text: Ilona Lütje
Beitragsbild: Ana Maria Arevalo

Um die Arbeitsplätze finanzieren zu können, die Olaf und seinen Kollegen ein unabhängiges Leben ermöglichen, ist das Projekt auf Spenden angewiesen: IBAN: DE78 2005 0550 1002 1182 38; www.dasgeldhaengtandenbaeumen.de


 Dieser Text stammt aus der Beilage „Vielfalt Leben“, dem gemeinsamen Magazin von SZENE HAMBURG (Juni 2018) und dem Inklusionsbüro. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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