Beiträge

Hier gibt‘s was auf die Ohren: 10 Podcasts aus Hamburg

Nicht nur Netflix & Co. boomen in Corona-Zeiten, auch Podcasts sind absolut angesagt und unterhalten die Menschen während der Pandemie. Von Kochanleitungen über Trashtalk bis zu True Crime – Leute lieben es, anderen zuzuhören. Und weil Hamburger bekanntlich die besten Schnacker sind, gibt es hier die Topliste der  10 besten Podcasts aus der Hansestadt

Text: Felix Kirsch

 

Einmal alles, bitte!

Der Genuss-Guide Hamburg von SZENE HAMBURG beschäftigt sich mit allen Aspekten der Kulinarik. In „Einmal alles bitte!“ spricht Gastgeberin und Foodjournalistin Jasmin Shamsi mit Promis, Machern und Experten aus der Gastronomie- und Food-Szene über das Grundbedürfnis des Menschen: Essen und Trinken. Mal zeigen Gastronomen spannende Einblicke in den Alltag eines Restaurants, mal erörtern sie wichtige Themen wie Nachhaltigkeit. Auch Food-Experten kommen zu Wort und schaffen Verständnis für komplexe Themen. Aber auch persönliche Geschichten von Menschen, die, gerade in diesen Zeiten, an ihre Grenzen gehen, werden erzählt. Nach dem Motto: “Einmal alles bitte!”.

 

Gute Leude – Das Hamburg Gespräch

Gemeinsam mit der PR-Agentur Gute Leude Fabrik, dem Radiosender 917 XFM und dem ZEIT Verlag bringt SZENE HAMBURG alle zwei Wochen einen Podcast an den Start. Auf dem Programm steht: Gute Leude erzählen 50 Minuten über die Liebe zu Hamburg, absurde Erlebnisse und bewegte Leben. Hamburger mit Kante, Macher aus Wirtschaft, Sport, Politik und Kultur kommen hier vor das Mikrofon. Und sprechen mit dem Chef der Gute Leude Fabrik, Lars Meier, über alles, was nicht nur sie bewegt, sondern auch die ganze Stadt. Dabei gibt es nur eine Regel: Ausweichen gilt nicht! Auf jede Frage gibt’s eine Antwort.

 

Lena & Liberta

„Weil wir uns am liebsten selber reden hören, machen wir aus unserer Leidenschaft eine Professur.“ So begründen die Freundinnen Lena Ledermann und Liberta Haxhikadriu ihre Entscheidung, einen Podcast zu machen. Worum es geht? Um alles und nichts. Die Wahl-Hamburgerinnen sprechen und lachen über Beobachtungen aus dem Alltag, über küchenphilosophische Probleme und das beschwerliche Leben von Mittzwanzigern in der Großstadt. Verpackt wird das Ganze mit einer ordentlichen Portion Latenight-Attitüde. Der optimale Hör-Begleiter für alle Hamburger Millenials.

Backspin Podcast

Für eingefleischte HipHop-Fans ist die gedruckte Backspin eine Institution. Kaum verwunderlich also, dass die Jungs und Deerns aus der Schwenckestraße das Territorium der Podcasts betreten haben – mit Erfolg! Wöchentlich sprechen die Redakteure Niko und Kevin über aktuelle Alben, interviewen Künstler und philosophieren über Trends in der Szene. Regelmäßig hören sie im Format „Track by Track“ in neue Alben und analysieren die einzelnen Songs Schritt für Schritt. Wer HipHop durch und durch fühlt und gerne hinter die Kulissen der Szene lauschen möchte, flowt mit diesem Podcast einfach gut.

 

Ruhestörung ByteFM

„Bei Ruhestörung darf jede*r laut werden“, heißt es in der Podcast-Beschreibung des Radiosenders aus dem Medienbunker. Und diesem Motto wird Host Leonie Möhring wöchentlich gerecht, indem sie Künstler abseits des Mainstreams zu Wort kommen lässt. In Ruhestörung dreht sich alles um Musik. Ob im Backstage-Gespräch bei einem Konzert oder beim Plausch über die Musikszene im Allgemeinen. Auch erfährt der Hörer wie es ist, auf Tour zu sein und von Stadt zu Stadt reisen. Sehr unterhaltend, denn oft werden dabei lustige Anekdoten ausgeplaudert. Ein Muss für alle Musik-Fans, die wissen wollen, warum Mülltüten vor Lampenfieber schützen und was man beim Soundcheck besser nicht sagen sollte.

 

Jede*r Fünfte

Im Podcast der Hamburger Pestalozzi-Stiftung spricht Journalistin und Autorin Wiebke Bökemeier über ein Leben mit einer psychischen Erkrankung. Schon in ihrem Buch „Wir, ‘Kinski’ und ich“ porträtiert sie 14 Menschen mit seelischen Erkrankungen und erzählt vom Kampf im Alltag und welche Herausforderungen täglich gemeistert werden müssen. Der Titel bezieht sich auf eine aktuelle Statistik aus dem Jahr 2020, nach der jede*r fünfte Deutsche an einer psychischen Erkrankung leidet. Und kaum einer spricht darüber. Das ändert sich mit diesem Podcast. Wiebke Bökemeier trifft einmal im Monat auf Experten und Betroffene und schafft damit ein Bewusstsein für alle, die noch nie oder wenige Berührungspunkte hatten. Was geht in Menschen mit Angststörungen vor? Wie erkennt man, ob Angehörige oder Freunde an einer Psychose leiden? Diese und noch mehr Fragen werden im Podcast geklärt. Absolute Hörempfehlung!

 

MillernTon

Hamburg wäre nicht Hamburg ohne den FC St. Pauli.  Im Podcast „MillernTon“ sprechen die Hosts – selber leidenschaftliche Fans der Kiezkicker und Vereinsmitarbeiter – wöchentlich über die sportliche Leistung der Braunweißen, analysieren die vergangenen Spiele und geben dazu ihre persönlichen Einschätzungen ab. Aber ein Podcast über den FC St. Pauli wäre nicht authentisch, wenn nicht auch über wichtige Themen abseits des Rasens gesprochen werden würde. So tauschen sich die Gastgeber auch über aktuelle Probleme der Fankultur, sportpolitische und gesellschaftliche Themen aus. Nicht nur für Fußballfans ein spannendes Hörerlebnis.

 

ZEIT Verbrechen

Im beliebten True-Crime-Podcast „ZEIT Verbrechen“ stellen die Journalisten Sabine Rückert und Andreas Sentker pro Folge einen echten Kriminalfall vor. Dazu gehören sowohl unbekanntere Verbrechen als auch Fälle mit großer medialer Resonanz. Die Kriminalfälle werden von den beiden Hosts chronologisch aufgearbeitet. Dabei greift die jahrelange Erfahrung der ehemaligen Gerichtsjournalistin Sabine Rückert, die dazu beiträgt, dass sich während des Gesprächs nochmal neue Sichtweisen auf die einzelnen Fälle entwickeln – und dabei zeigen sich oft menschliche Abgründe. Wer wissen will, warum eine Frau ihren Mann hinrichten ließ oder warum Zeugen vor Gericht lügen, drückt bestimmt die Play-Taste. Gänsehaut!

 

In extremen Köpfen

In seinem Podcast spricht „Wer wird Millionär“-Gewinner Leon Windscheid mit Menschen, in deren Biographien extreme Situationen eine große Rolle spielen Menschen, die Kapitalverbrechen begangen haben bis zum Extremsportler, der den Adrenalinkick sucht. Windscheid gräbt mit seinen Gesprächspartnern tief in der menschlichen Psyche und stößt dabei immer wieder auf eines: Wahnsinn – im positiven wie auch negativen Sinne. Wer sich für praktische Psychologie und verrückte Geschichten interessiert, sollte auf jeden Fall reinhören.

 

Endlich OM

Auf Wahnsinn folgt Entspannung: In „Endlich Om“ geht es um ein gut gelauntes Leben und wie man dieses erreichen kann. Gesunde Ernährung, Nachhaltigkeit und Selbstliebe stehen an der Tagesordnung. Stefanie Luxat spricht mit Menschen, die ihr geholfen haben, diese Themen in ihren Alltag zu integrieren und ihr so zu einem friedvollen und ausgeglichenen Leben verholfen haben. Nachmachen ist ausdrücklich erwünscht!

 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Drehort Hamburg: Die besten Filme aus der Hansestadt

Auch wenn Hamburg noch nicht mit Los Angeles und Paris mithalten kann, so sind doch bereits einige Kinohits zwischen Harburg und Norderstedt abgedreht worden. Hier sind die Top Ten der Filme, die in Hamburg gedreht wurden. (Nicht wundern, Filme von Fatih Akin bekommen in einer zusätzlichen Liste gesonderte Aufmerksamkeit)

Text: Felix Kirsch

 

Absolute Giganten  

Etwas in die Jahre gekommen, aber eins der Hamburger Filmoriginale. In Absolute Giganten geht es um die drei unzertrennlichen Hamburger Freunde Floyd, Ricco und Walter, die vor einer großen Veränderung stehen: Aus heiterem Himmel teilt Floyd mit, dass er auf einem Kreuzer angeheuert hat, der bereits am nächsten Morgen Richtung Singapur aufbricht. Als die drei dicken Kumpels realisieren, dass ihnen nur noch eine letzte Nacht im Dreierverbund bleibt, beschließen sie eben diese zur besten, unvergesslichsten und verrücktesten Nacht aller Zeiten zu machen. Was eignet sich dafür besser als der Hamburger Kiez?  

 

Bonnie & Bonnie

Seit ihre ältere Schwester sich abgesetzt hat, hat die 17-jährige Yara die Mutterrolle in ihrer Familie inne. Während der Bruder einen auf dicke Hose macht und mit seinen Kumpels abhängt, kocht und putzt sie, wenn sie nicht im Kiosk arbeitet. Bis sie Kiki kennenlernt und sich in sie verliebt. Ein Unding in der Wilhelmsburger Albaner-Community – und so bleibt den beiden jungen Frauen kein Ausweg als die Flucht… Regisseur Ali Hakim stammt selbst aus Wilhelmsburg und hat diesen sehr berührenden Film Bonnie & Bonnie auch dort gedreht.

 

Gegengerade  

Auch ein Fußballfilm darf in dieser Liste nicht fehlen. Ähnlich wie in Absolute Giganten geht es in Gegengerade um drei dicke Freunde, denen eine Veränderung bevorsteht. Der Unterschied: Die Jungs aus Gegengerade sind leidenschaftliche Fußballfans und – wie der Name schon verrät – in der Fanszene des FC St. Pauli aktiv. Ob die Schlägerei mit den Nazis vorm Millerntor oder die Auseinandersetzung mit der Polizei – all das ist für Magnus, Arne und Kowalski Alltag. Als ihr Herzensverein plötzlich in die 1. Bundesliga aufsteigt ändert sich aber alles für die drei Jungs von der Gegengerade.  Das deutsche Pendant zu „Hooligans“, aber mit viel Charakter und einer ordentlichen Portion Kiez dabei! 

 

So was von da

Clubbetreiber Oskar Wrobel führt – mehr oder weniger erfolgreich – einen Musikclub auf der Reeperbahn. Als sich in einer Silvesternacht auf einmal alles ändert, gerät das Leben des Hamburgers völlig außer Kontrolle: Er braucht Kohle um seine Schulden zu decken. Und das am besten ganz schnell, denn die Schuldeneintreiber sitzen ihm im Nacken. Auch privat geht es für den Lebemann heiß her, aber im positiven Sinne. Regisseur Jakob Lass’s Romanverfilmung des gleichnamigen Bestsellers So was von da von Tino Hanekamp 

 

Rocker  

Absoluter Kiez-Kultfilm von Klaus Lemke: Der in die Jahre gekommene Rocker-Führer Gerd freundet sich über Umwege mit dem 14-jährigen Lehrling Mark an, der erst kürzlich einen Schicksalsschlag verkraften musste und immer mehr aus seinem behüteten Vorstadtleben ausbricht. Schon bald taucht er in die gewaltvolle Parallelwelt des Hamburger Rotlichtviertels ein. 

 

Lindenberg! Mach dein Ding!

Auch der Weltstar aus dem Hotel Atlantik darf in dieser Liste nicht fehlen: Lindenberg! Mach Dein Ding! ist ein Film, der das Leben von Udo Lindenberg biographisch abbildet. Von der Kindheit aus dem langweiligen Gronau in Westfalen geht es 1973 ins sagenumwobene Hamburg. Dort nimmt die musikalische Karriere des Hut-Rockers erst so richtig an Fahrt auf. Aber der Film zeigt auch die Schattenseiten des Geschäftes, die die Jagd nach dem Leben eines Rockstars so mit sich bringt.  

 

Der Mann im Strom

Der Mann im Strom ist ein atmosphärischer Film mit Jan Fedder. Taucher Jan Hinrichs findet in Wismar keinen Job und entscheidet sich für einen radikalen Schritt. Er fälscht seine Papiere, macht sich jünger und wird prompt in Hamburg engagiert. Doch während sein Leben eigentlich ganz ruhig dahin plätschert, plagt den Berufstaucher vor allem die Angst, er könnte auffliegen. Als der Kleinganove Micha in sein Leben tritt, ändert sich plötzlich alles. Dies ist die Neuverfilmung des Klassikers von 1958 mit Hans Albers.  

 

Nordsee ist Mordsee

Der 14-jährige Uwe weiß, dass ihn sein Vater in deren Hamburger Vorstadtsiedlung verdrischt, wenn er nicht spurt. Trotzdem muss er seiner Gang beweisen, dass er der Coolste in der Siedlung ist. Er knackt Automaten und geht mit den anderen auf den Mongolen Dschingis los, der in ihre Klasse geht und mit seiner Mutter in der Nachbarschaft lebt.

Regisseur Hark Bohm, der auch das Drehbuch zu Nordsee ist Mordsee schrieb, gehört zu den Pionieren des westdeutschen Kinderfilms, denn als der Film in den 1970er Jahren entstand, drehte in der alten Bundesrepublik kaum jemand Filme für Kinder und Jugendliche.

 

Vom Kiez zum Kap

Mal was ganz anderes: Die Kumpels Kay und Bernd haben eine verrückte Idee getroffen: Die Weltmeisterschaft in Südafrika steht vor der Tür. Also ab dahin. Mit einem alten VW Bully. Quer durch Afrika. Klingt nach einer Schnapsidee und das ist es auch. Gerade deshalb gelingt die Verfilmung der Reise Vom Kiez zum Kap aber auch. Der Film zeigt alle emotionalen Höhen und Tiefen einer unmöglichen Reise.

 

St. Pauli Nacht

Zum Abschluss dieser Liste gibt es nochmal einen ordentlich Schlag mit der Kiezkeule. In St. Pauli Nacht sieht sich Kiezganove Johnny nach einem langen Gefängnisaufenthalt direkt wieder mit den Problemen der Reeperbahn konfrontiert. Einem Anruf folgend begibt sich Johnny abends auf die Reeperbahn und wird aufgrund einer Verkettung von unglücklichen Umständen vom Postboten Manfred erschossen. Der Film erzählt die Vorgeschichte der Tat und porträtiert in einzelnen Episoden die teils illustren Gestalten der Reeperbahn.  


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Ein Buch über Hamburgs Fußballgeschichte

Ralf Klee und Broder-Jürgen Trede setzen Hamburgs Fußballgeschichte ein Denkmal

Text: Matthias Greulich

 

Wissen Sie, warum dieses Schiff „Peter“ heißt?, fragt der Barkassenführer, um nach einer bedeutungsschweren Pause fortzufahren. Er habe damals beim berühmten FC St. Pauli im Tor gestanden, wo ihm seine Frau Erna bei den Heimspielen hinter dem eigenen Kasten stets die Daumen zu drücken pflegte. Die Verantwortlichen bei St. Pauli fanden das problematisch. So gerne sie Erna mochten, eine Frau als zwölfter Mann brächte dem Verein großes Unglück, befanden sie. Die Lösung: „Erna heißt ab jetzt Peter.“ Einmal dabei, benannten die Eheleute daraufhin ihre Barkasse ebenfalls um. Der St. Pauli-Torwart war Ludwig, genannt „Lutn“ Alm. Er starb 1976, aber die Anekdote wird sich rund ums Millerntor immer noch mit Begeisterung erzählt.

 

„Besser als Fernsehen“

 

Broder-Jürgen Trede kannte die Geschichte und beschloss, der Barkasse einen Besuch abzustatten. „Einen ganzen Nachmittag habe ich auf der ‚Peter‘ verbracht, um mir die Geschichten von Alms Familie anzuhören“, so der Fußball-Autor. Besser als Fernsehen sei das gewesen, und so taucht die Landungsbrücke 7 als 95. Ort der Erinnerung der „Fußballheimat Hamburg“ auf, das Trede gemeinsam mit Ralf Klee geschrieben hat. „Die Menschen, die wir besucht oder telefonisch befragt haben, hatten alle große Lust auf das Thema“, berichtet Trede. Uwe Seeler nahm sich Zeit, um über sein Elternhaus („Zu sechst auf 50 Quadratmetern, Ofenheizung, kein fließend warmes Wasser – aber ich fühlte mich total behütet“) in Eppendorf zu erzählen.

In der Pandemie waren die umtriebigen Autoren, die unter Hamburgs Sportjournalisten immerhin einen Ruf als große Spürnasen zu verteidigen haben, durch die halbe Stadt gewandert, um den Orten der Geschichte einen Besuch abzustatten. „Der Fußball ist ein Vehikel, um sich mit der Geschichte der Stadt zu beschäftigen“, bilanziert Trede.

Dem 46-Jährigen und dem ein Jahr älteren Klee gelang das Kunststück, ihren Anekdotenschatz nach Spaziergängen zwischen Volksdorf und Kirchwerder ebenso fundiert wie unterhaltsam aufzuschreiben. Da für jeden Ort nur zwei Seiten zur Verfügung stehen, musste das Material, das ansonsten ausgeufert wäre, stark verdichtet werden.

Selbst das „Phantom der deutschen Fußballschichte“ fehlt nicht: der Luftwaffen Sportverein Hamburg. Der Militärklub, bei dem unter anderem Nationalspieler Karl Miller (später FC St. Pauli) spielte, verlor 1944 das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft vor 70.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion mit 0:4 gegen den Dresdner SC. „Während zu jedem mehr oder weniger erfolgreichen deutschen Verein heute inflationär Vereinschroniken erscheinen, scheint eine Soldatenmannschaft der Nazis ein zu heißes Eisen zu sein“, schrieb Klee. Er recherchierte daher auch auf dem Poloplatz unweit der S-Bahn Klein Flottbek, wo die Luftwaffensportler im Zweiten Weltkrieg geschützt von Bombenangriffen trainieren konnten.

 

Eine Mannschaftsleistung

 

Das Buch sei eine geschlossene Mannschaftsleistung betonen die Autoren. Dennoch konnte es passieren, dass sich die beiden Studienfreunde beim gegenseitigen Vorlesen der Texte batteleten. Die beiden HSV-Anhänger kennen sich seit Mitte der 1990er Jahre, als sie häufiger nach der Vorlesung am benachbarten Rothenbaum A-Jugend-Spiele der Rothosen besuchten. „Was für ein charmantes Stadion war das“, erinnert sich Trede an die Heimat des HSV, an die nach ihrem Abriss nicht mal eine Plakette erinnert.

Seinerzeit entstand die Idee, diesen Orten ein Denkmal zu setzen. „Jetzt sind wir froh, dass wir seit Unizeiten nicht immer nur gelabert, sondern es durchgezogen haben“, so Trede. Wer dieses, mit grandiosen historischen Fotos bebilderte Fußballbuch liest, kann diese Freude teilen.

Broder-Jürgen Trede, Ralf Klee: „Fußballheimat Hamburg. 100 Orte der Erinnerung. Ein Stadtreiseführer”, Arete Verlag, 216 Seiten, 18 Euro


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Jan-Philipp Kalla: Mehr als ein Sportler

17 Jahre spielte Jan-Philipp Kalla für den FC St. Pauli. Nun kickt er in der Oberliga Hamburg. Er ist das, was dem Fußball heute fehlt: ein echter Typ!

Text: Mirko Schneider 

 

Beim letzten Spiel vor dem November-Lockdown fehlte Jan-Philipp Kalla (34). Das 3:2 bei Union Tornesch in der Oberliga Hamburg erkämpften seine Mitspieler beim SC Victoria ohne ihn. Danach fiel der Vorhang im Hamburger Amateurfußball. Auch für Kalla.

Trüge er noch das Trikot des FC St. Pauli, würde er nun fleißig weiterspielen. Die Profis sind vom Lockdown ausgenommen. Für die Braun-Weißen vom Millerntor hielt Kalla 17 Jahre lang seine Knochen hin (2003-2020), davon 13 Jahre in der Profimannschaft. „Sicher vermisse ich die Spiele mit dem FC St. Pauli. Doch ich hatte noch Bock zu kicken. Deshalb war der Wechsel zu Victoria die absolut richtige Entscheidung. Ich fühle mich hier extrem wohl“, sagt Kalla.

Ex-Profis, die ihre Karriere bei einem Amateurclub ausklingen lassen, sind für sich genommen nichts Besonderes mehr in der heutigen Fußballwelt. Kalla als Typ ist es sehr wohl. Das fängt schon mit seinem Spitznamen an. Niemand ruft ihn „Jan-Philipp“. Alle sagen „Schnecke“ zu ihm. Seine Mutter Eva taufte ihn so, weil er sich nach der Geburt so süß zusammenrollte.

 

Vereinstreue und unermüdlicher Einsatz

 

Für die Fans vom Millerntor war Kalla stets mehr als ein Fußballspieler. Er war einer der Ihren. Für seine Vereinstreue und seinen unermüdlichen Einsatz auf dem Rasen tauften sie ihn „Fußballgott“. „Wenn die Fans das gerufen haben, war das wirklich eine Auszeichnung für mich, eine besondere Ehre“, sagt Kalla.

Sportlich konnte er defensiv jede Position bekleiden. Selbst wenn Kalla seinen Stammplatz über lange Zeit verlor, kämpfte er sich zurück. Viele seiner 172 Profi-Einsätze sind unvergessen. Am besten charakterisiert ihn das Zweitligaheimspiel am 28. April 2018 gegen Greuther Fürth. Fast die gesamte Saison hatte Kalla auf der Bank oder auf der Tribüne gesessen. Im Saisonendspurt erinnerte sich St. Paulis Trainer Markus Kauczinski plötzlich an seinen Defensiv-Allrounder.

St. Pauli musste siegen – und Kalla kam aus dem Nichts wie ein Orkan. Er avancierte in den 90 Minuten zum besten Mann auf dem Platz und fraß auf seiner rechten Außenbahn seine Gegenspieler Khaled Narey und Maximilian Wittek fast auf, so sehr sprühte er vor Einsatzfreude und Kampfeswillen. St. Pauli siegte 3:0 und hielt schließlich die Klasse. „Das war eine meiner Stärken. Ich habe mich immer so vorbereitet, dass ich da war, wenn ich gebraucht wurde“, sagt Kalla im Rückblick.

 

Kallas Mission: Benachteiligten und Diskriminierten zu helfen

 

Zweifellos war Kalla auf dem Rasen das personifizierte St. Pauli der alten Schule. Nicht unbedingt ein großes Talent, aber voller Ehrgeiz, das Maximale aus den eigenen Möglichkeiten herauszuholen. Doch auch außerhalb des Rasens passte Kalla zum FC St. Pauli wie die berühmte Faust aufs Auge. Die Werte des Vereins, der sich stets auf die Fahnen schreibt, den Benachteiligten und Diskriminierten zu helfen, lebte er wie kein zweiter Profi im Club.

„Meine Interessen trafen einfach auf einen Verein, der diese Interessen lebte“, sagt er. Es entstand die große Liebe. Eine seltene Verbindung im heutigen Hochglanz-Business Profifußball. So gründete Kalla mit seinem Kumpel Sven Flohr 2016 den „Friends Cup“, einen Förderverein für hilfsbedürftige Projekte wie zum Beispiel einen Obdachenlosenbus. Die Idee: Einmal im Monat werden Freunde und Partner des Projektes zu einer sportlichen Aktivität eingeladnen.

„Mal Fußball, mal Minigolf, immer was anderes“, so Kalla. Dazu wird eine Spendenbox aufgestellt. Bislang hat der Verein, der auch auf anderen Feldern aktiv ist und Spenden sammelt, knapp 360.000 Euro an eingezahlten Spenden gesammelt. Zu Weihnachten ist Kalla dann übrigens als Kellner zu bewundern. „Wir servieren Obdachlosen in der Fischauktionshalle ein schönes Essen und packen eine bunte Tüte mit Geschenken für jeden von Ihnen“, sagt Kalla.

 

Jan-Philipp Kalla im Interview

 

Immer wieder erhebt Kalla zudem seine Stimme gegen Homophobie im Fußball. So hielt er am 3. November 2019 im Hamburger Rathaus die Rede bei der Siegerehrung des „StartschussMasters“, einem vom Sportverein „Startschuss“ veranstalteten Hallenturnier für schwul-lesbische Fußballer. Stilecht mit einem Totenkopf-T-Shirt in Regenbogenfarben, auf dem auf der Rückseite das Motto „Lieb doch, wen du willst“ zu lesen war.

„Es bleibt an uns, sich laut zu machen und Flagge zu zeigen. Laut gegen Homophobie und Sexismus. Und laut für eine bunte, offene und tolerante Gesellschaft“, lauteten die Schlussworte seiner emotional sehr berührenden Rede, in der er auch von seinem Engagement als Trainer erzählte. „Im Frauenteam St. Paulis, das ich trainiere, sind lesbische Spielerinnen. Es ist auch ein Pärchen dabei. Das stört niemanden. Weil es völlig normal ist“, sagte der dreifache Vater.

Mit jenem Frauenteam hat Kalla, der kürzlich die die B-Elite-Lizenz als Trainer erwarb, übrigens sportlich großen Erfolg. Seine Freundin und er trainieren es gemeinsam und bereits zwei Aufstiege von der Kreisliga bis in die Landesliga durften gefeiert werden. Dort mischt das Team wieder vorne mit. „Die Frauen spielen einen starken Ball und haben für ihre sportlichen Leistungen Akzeptanz verdient. Ich hoffe, das Interesse am Frauenfußball wächst und wird nachhaltiger.“

Darüber hinaus wird er nun auch noch Markenbotschafter im Kinder- und Jugendmarketing des FC. St. Pauli. Und wenn der Amateursport wieder erlaubt wird, wird er für den SC Victoria in der Oberliga Hamburg wieder dem Ball hinterherjagen. „Ehrgeizig auf dem Feld bin ich noch immer“, sagt Kalla. Der FC St. Pauli hat schon angekündigt, für die berühmteste „Schnecke“ der Stadt ein Abschiedsspiel auszurichten. Vor vollen Zuschauerrängen nach Corona. „Darauf“, sagt Kalla, „freue ich mich sehr.“

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hamburger des Monats: Mark Pomorin, FCSP Spielerberater

Viele seiner Träume hat Mark Pomorin, 43, wahr werden lassen. Der ehemalige Spieler der Amateure des FC St. Pauli und heutige Spielerberater machte parallel zu seinem damaligen Job in einer Werbe­agentur das Abitur und ermuntert heute Hamburger Schüler, sich für eine Welt ohne Rassismus zu engagieren

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Mark Pomorin, was berichtest du Schülern als Wertebotschafter der Bildungsinitiative „German Dream“?

Ich erzähle meine Lebensgeschichte. Welche Hürden ich überwinden musste. Ich will den Kids vermitteln, dass man mit jeder Hürde, egal wie hoch sie auch ist, umgehen kann.

Du bist 1976 in Hamburg geboren und mit acht Jahren mit deinen Eltern nach Ghana gegangen.

Das war am Anfang ein Kulturclash für mich. Ich habe auf Deutsch geträumt und viel geweint. Meine Eltern haben gesehen, dass es mir nicht gut ging. Sie wollten mir ein besseres Leben in Deutschland ermöglichen. Die Zeit in Ghana hat mich aber ein Stück weit geerdet. Als ich wieder in Hamburg war, habe ich alles mit anderen Augen gesehen. Ich war zwar sehr jung, aber das tat mir gut. Es tut mir bis heute gut.

Mit zehn Jahren bist du zu Pflegeeltern nach Hamburg gekommen. Sie adoptierten dich, starben aber kurz nach­einander an Krebs, als du 19 warst. Da warst du schon Fußballer beim FC St. Pauli.

Der Fußball hat mir Halt gegeben, ich konnte mich ablenken. Und ich habe Zusammenhalt im Mannschaftssport erfahren.

Mit Ivan Klasnić, einem deiner Mit­spieler aus dieser Zeit, und der ehemaligen Bundesligaspielerin Tuğba Tekkal warst du auf einem „Wertedialog“ in der Stadtteilschule Poppenbüttel.

Ivan ist einer meiner besten Freunde, selbst er wusste nicht so richtig viel von meiner Lebensgeschichte. Weil ich nicht damit hausieren gehe, aber davon erzähle, wenn ich gefragt werde. Seine Geschichte kennt man besser.

Er ist als erster Profi nach einer Nierentransplantation wieder zurück auf den Platz gekommen und hat jetzt seine dritte Niere bekommen. Die Familie Tekkal kenne ich über Jahre, der Kontakt ist nie abgerissen. Als mich Düzen Tekkal fragte, ob ich Wertebotschafter bei ihrer Initiative „German Dream“ werden wolle, war ich sofort dabei. Es ist genau die Message, die ich rüberbringen will.

 

„Wenn es nicht gut läuft, werden die Spieler beschimpft. “

 

Als die Filmemacherin und Autorin Düzen Tekkal in der NDR­Fernsehsendung „Das“ zu Gast war, wurde ein Beitrag eingespielt, der zeigt, wie du deine alte Schule in Horn besuchst.

Ich habe unseren Hausmeister Herrn Sievers wieder getroffen, der sagte, dass es dort auf der Schule keinen Rassismus oder Ausgrenzung gibt.

Das habe ich auch so erlebt. Wir waren viele Kids mit Migrationshintergrund, besonders in unserer Klasse. Und wir hatten ein Mädchen mit Glasknochen, das kleinwüchsig war. Wir haben sie ganz normal aufgenommen und behandelt. Das war also nicht nur ein Spruch, sondern wird dort auch gelebt. Dort habe ich nie Rassismus empfunden. Es gab nur gut und schlecht.

Anders war es beim Sport, wo man das immer mal wieder vom Gegenspieler gehört hat. Als ich beim FC St. Pauli in der Bundesliga-Nachwuchsrunde bei Hansa Rostock spielte, kam eins zum anderen.

Ist der Rassismus im Fußball seitdem weniger geworden?

Ich bilde mir ein, dass es nach wie vor gleich ist, was den Rassismus der Zuschauer betrifft. Wenn es nicht gut läuft, werden die Spieler beschimpft. Auf dem Platz sind allerdings heute mehr Kameras, sodass sich die Spieler mit Beleidigungen mehr zurückhalten.

Was ist mit den Bekenntnissen des DFB gegen Rassismus?

Das hält ignorante Menschen nicht davon ab, sich homophob oder rassistisch zu äußern. Von den Verbänden ist es gut gemeint, und es ist auch ein wichtiges Signal. Auch viele Vereine leben das vor. Aber es gibt eine Minderheit von Fans, die das nicht wollen.

Hast du strukturellen Rassismus erlebt?

Definitiv. Wenn man nicht zu den People of Color gehört, kann man das schwer nachvollziehen. Ein Beispiel: Nach einem Fußballspiel fuhren wir im Auto eines Mitspielers nach Hause. Wir trugen Trainingsanzüge. Wir wurden von der Polizei angehalten. Alles schön und gut.

Ich wurde aber als Einziger kontrolliert, die anderen durchgewunken. Das mag banal klingen, ist für mich aber Alltagsrassismus. Wenn man in der Bahn ein Erste-Klasse-Ticket hat, wird man beäugt nach dem Motto: „Die zweite Klasse ist aber drüben.“ Wenn ich telefoniere und mich mit „Mark Pomorin“ melde, denkt der Gesprächspartner, er redet mit einem großen blonden Mann. Beim ersten Meeting erscheine ich. Die meisten nehmen das mit Humor, für andere bricht eine Welt zusammen.

 

„Rassismus ist lange gewachsen und geht nicht von heute auf morgen“

 

Bringt es etwas, mit Rassisten zu reden?

Jeder ist in seinem Mikrokosmos ein Pionier und betreibt Aufklärungsarbeit. Sei es im Freundeskreis, wenn man dort Alltagsrassismus spürt und sagt: „Bis hierhin und nicht weiter.“ Das kann etwas bringen, wenn die Person sagt: „Das wusste ich ja gar nicht.“ Das ist die ständige Reaktion: „Ach so fühlst du dich.“

Nicht jeder kann mit einem Wertebot­schafter reden. Gibt es Biografien, die du empfehlen kannst?

Ich hatte eine Phase, in der ich mich selbst finden wollte, und las viel von und über Malcom X. Ein Buch,
das mich besonders gefesselt hat und immer noch fesselt, ist die Biografie von Nelson Mandela. Er beschreibt, wie man mit Menschen umgeht, die einem während der Apartheid Unrecht getan haben. Und er berichtet, wie er mit ihnen in einen Dialog tritt.

Was muss die Mehrheitsgesellschaft ler­nen?

Rassismus gibt es leider schon sehr lange. Der ist lange gewachsen und geht auch nicht von heute auf morgen. Das bedeutet, dass jeder Einzelne lernen muss, damit umzugehen. Die Gesellschaft muss dazulernen. Ich glaube, das passiert gerade.

Nach der „Black Lives Matter“­-De­monstration Anfang Juni in Hamburg gab es auch Kritik am harten Vor­gehen der Polizei gegen die teilweise sehr jungen Demonstranten.

Ich habe auch einige Polizisten im Bekanntenkreis. Man sollte nicht alle Beamten in einen Topf werfen. Ich bin auch wütend und habe mich bei Verallgemeinerungen erwischt. Das ist natürlich nicht so.

germandream.de


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Thees Uhlmann: „Schöne Kunst kommt aus dem Zweifel“

Nach dem Roman ist vor dem Album: Thees Uhlmanns neue Platte „Junkies und Scientologen“ erscheint am 20. September

Interview: Erik Brandt-Höge
Fotos: Andreas Hornoff

 

Die Songs heißen „Fünf Jahre nicht gesungen“, „Avicii“, „Was wird aus Hannover“ und „Katy Grayson Perry“. Der Sänger heißt Thees Uhlmann, Ex-Tomte-Frontmann, Bestseller-Autor und Wahlberliner mit Hamburg im Herzen. Ein Gespräch über Fan-Liebe und Selbstekel, große Grübelei und die Wichtigkeit von Angst.

SZENE HAMBURG: Thees Uhlmann, wer singt derzeit am schönsten, weil am härtesten über Liebe?

Thees Uhlmann: Zurzeit ist das, meiner Meinung nach, Billie Eilish. Sie kam aus dem Nichts, machte einfach wundervolle Musik und wurde damit wahnsinnig schnell zum Superstar. Sie singt den Soundtrack für den Gymnasiastenschulhof, vor allem für die fünfte bis zehnte Klasse. Eilishs Texte haben so eine schöne Dunkelheit. Ich glaube, sie können das Leben junger Menschen nachhaltig verändern.

Inwiefern?

Die Texte sagen: Du bist in Ordnung! Deine Gefühle sind in Ordnung! Wenn jemand was anderes sagt, weiche ihm aus!

Du sagtest schon zu Beginn deiner Karriere, du würdest immer versuchen wollen, so hart über Liebe zu singen, wie möglich. Hat sich an diesem Ziel mit der Zeit etwas verändert? 

Überhaupt nichts. Einzig für dieses neue Album hat sich eine Herangehensweise ans Schreiben verändert. Meine Idee war anfänglich: Um 8.10 Uhr, wenn meine Tochter in der Schule ist, habe ich eine gute Idee und bis 11 Uhr einen Song daraus gemacht. Ich wollte dieses Mal über Spontanität gehen, zack, zack, zack.

Und?

Ist nichts draus geworden. Es hat sechs Jahre gedauert, bis ich ein Album zusammen hatte. Ich habe ein fast fertiges Album weggeschmissen, ein ganzes Jahr nachgedacht und dann neu angefangen. Das war hart und tat weh. Ist wohl meine Art der Tätowierung …

… die beim Publikum ankommt, dein Gesang über Liebe kommt immer lauter zurück. Neben deiner Musik wurde auch dein 2015 erschienener Roman „Sophia, der Tod und ich“ von der breiten Masse sehr gemocht. Was macht so viel Liebe mit dir?

(überlegt lange) Ich glaube, nichts. Ein Großteil der Leute, die mich liebhaben, scheißt sich nichts, wie man auf Österreichisch sagen würde.

Was meinst du damit?

Die Leute sagen sich halt: Bei einem Thees-Uhlmann-Konzert wird keine Karriere geplant, der Typ singt einfach nur über das, was in seinem Kopf vor sich geht. Das entspannt sie und zieht sie gleichzeitig in eben diese Liebe zu meiner Musik.

 

 

Klingt nach Fan-­Zuneigung als Zufalls­produkt.

Ach, ich habe auch schon mal versucht, eine richtige Single zu schreiben.

Deiner Meinung nach mit Erfolg?

Nein, es war grauenvoll! Das Grauenvollste, was ich jemals gemacht habe. Ich habe es geschrieben, am nächsten Tag durchgelesen, und es hat mich fast umgehauen, wie schlecht das war. Da habe ich echt künstlerischen Selbstekel entwickelt.

Gab es weitere Single­-Versuche?

Nee, das mit der Single habe ich aufgegeben. Ich singe einfach, was ich will, nämlich über kleine und große Beobachtungen.

Das erste Stück auf deinem neuen Al­bum hat den Titel „Fünf Jahre nicht ge­sungen“, hätte aber auch heißen kön­nen: „Zwei Jahre nicht gesungen“. An­geblich hattest du schon 2016 das ange­sprochene fertige Album.

Richtig. Allerdings ist mir die Platte in meinen Händen zerronnen. Als Künstler hat man ja ziemlich schnell eine Ahnung, wenn etwas nicht so richtig gut ist, und mir hat das damals nicht gefallen, deshalb ist es nicht erschienen. Mein Umfeld hat das verstanden, ich durfte noch mal von vorne anfangen.

Dazu muss man sagen, dass es ein ganz schön großes finanzielles Unterfangen ist, wenn ich sage, dass es in dem Jahr noch nichts mit einer neuen Platte wird – und in dem darauf auch nicht.

Was genau hat dich an der ersten Albumversion gestört?

Da muss ich etwas ausholen. Ich mache Kunst nicht alleine. Ich mag es, wenn mich Freunde beraten, und jemand meinte vor dem Schreiben der ersten Songs zu mir: „Komm, mach mal wieder so Tomte-mäßige Texte!“ Also habe ich es probiert – und es hat überhaupt nicht funktioniert. Im Unterstrom kam dann das Nachdenken über einen riesigen Komplex.

Welchen Komplex?

Ich erzähle mal die Kurzversion: Ich bin 1974 geboren, habe 1986 angefangen, zu denken. 1989 ging die Mauer auf, kurz danach kamen Grunge und Riot Grrrl. Dann wurde Europa größer und Obama gewählt. Als er Präsident wurde, war das ein in meinen Augen riesiger Hoffnungsschimmer für die Welt – und dann gab es plötzlich Trump, Brexit und AfD, und ich dachte: Das kann doch nicht angehen!

 

„Ich habe meine Sprache härter gemacht“

 

Wie hast du das alles verarbeitet?

Das Erste bei Trump war, dass meine Tochter mich gefragt hat, wie so jemand gewählt werden konnte. Also ein Mensch, der sich komplett gegen ihre und meine Erziehungsrichtlinien richtet: Anstand, Moral, alle Menschen erst mal gleich. Erklär das mal einer Siebenjährigen: Trump, gewählt von Frauen, von Männern, nach Nirvana, nach der Maueröffnung und nach 150 Jahren Philosophie. Ich habe konstant jede Sekunde darüber nachgedacht. Am Ende ging das Schreiben einer Tomte-mäßigen Platte einfach nicht mehr.

Und dann?

Ich habe meine Sprache verlängert, direkter und irgendwie härter gemacht. Sodass diese Aufruhr, diese Unrast in mir irgendwie kanalisiert und wiedergegeben werden konnte.

Du bist also distanzloser geworden?

Ich kann verstehen, dass man das so empfindet, aber ich kann mein Schreiben selbst nicht erklären. Ich kann nur sagen, dass ich die Songs, wie sie jetzt sind, super finde. Mehr Leute sollten singen, was ich gerade singe (lacht). Oder zumindest so lange nachdenken, wie ich.

Eine Formel, die für die neue Songsammlung gelten kann, ist: Aus Klein mach Groß, aus Groß mach Klein. Etwa singst du, das Leben sei kein Highway, sondern die B73 …

… was eine der letzten Zeilen war, die wir im Studio für die Platte geschrieben haben, und danach hat es richtig Fäuste gehagelt vor Freude. Ich meine: Wir sind im Instagram-Zeitalter, die Leute fotografieren ihr beschissenes Essen und schreiben darunter 20 Hashtags, warum das geil ist. Die armen Gerichte!

Es suggeriert ein gutes Leben und die Bitte, das alles genauso zu machen. Aber: So ist das Leben nicht. Das Leben ist kein Highway, es ist die B73. Alles andere ist eine Lüge.

 

„Schöne Kunst kommt immer aus dem Zweifel“

 

Auffällig ist auch, dass es gleich zwei Songs auf dem Album über Angst gibt: „Danke für die Angst“ und „Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt“. Ist es einfach passiert, dass dieses Thema so präsent ist?

Ja, ist einfach passiert. Für „Danke für die Angst“ hatte ich Lust, über Stephen King zu schreiben, weil er mir wahnsinnig viel bedeutet. Meine Tochter hat keine Angst mehr vor Monstern. Sie hat Angst vor anderen Sachen, ja, und ich weiß noch nicht so genau, wovor, darüber denke ich noch nach.

Ich dagegen hatte als Kind panische Angst vor Monstern. Ich habe Stephen King gelesen und „Twin Peaks“ auf VHS-Kassetten geguckt, und ich habe Angst bekommen, dass fortan irgendwas hinter mir ist.

Und was steckt hinter „Menschen ohne Angst“? 

Da wollte ich über diese Herrenmenschenscheiße schreiben, die viele zurzeit so toll finden, auch viele Künstler. Immer, wenn ein Sänger das Wort loyal in den Mund nimmt, bekomme ich eine Gänsehaut. Ich meine: Du kannst doch keine nachhaltige Kunst erschaffen, wenn du ständig darüber singst, dass du keine Angst hast und alle immer zusammenstehen. Das ist nämlich Quatsch. Schöne Kunst kommt immer aus dem Zweifel, aus dem Nachdenken und eben auch aus der Angst. Zum Glück habe ich keine Probleme mit Angstzuständen, aber ich finde, Angst an sich ist ein wichtiges, tolles Gefühl.

Kommen wir zu ein paar anderen Albumthemen. Sprich doch mal fol­gende Sätze zu Ende: Käme Katy Perry zu mir und fragte nach einem Duett, wäre meine Antwort …

Ja!

Unser Song hieße …

„Wir waren gestern Nacht mit Marcus Wiebusch tanzen“. (lacht) Nee, mal im Ernst, den Titel dürfte sie sich natürlich aussuchen. Ich möchte nur, dass sie den Song ohne Produzententeam schreibt, stattdessen nur mit Marcus und mir. Das wird dann so ein Disco-Hauer mit Akustikgitarren.

Eine Welt ohne Aviciis wäre …

Vorweg: Mein Song „Avicii“ ist komplett ironiefrei. Ich habe Avicii immer in der Tradition von ABBA gesehen, und ABBA sind für mich so wichtig wie Andy Warhol, ganz weit oben im Pantheon der Kunst. Manche Menschen sind einfach von irgendwem beschenkt worden, haben ein riesiges Talent.

Außerdem: Musik wird nicht schlecht, nur weil sie viele hören. Die Geschichte von Avicii ist mir so nahegegangen, dass es einen Song darüber geben musste. Und ich sage: Aviciis wird es ewig geben.

 

 

Hannover ist wichtig, weil …

Hannover ist nicht wichtig. Aber ich glaube, dass alle Hannoveraner und Hannoveranerinnen einen Deal gemacht haben. Die haben sich irgendwann mal unterm Schwanz getroffen und vereinbart: „Wir sagen das nicht weiter, wie geil das hier ist, sonst kommen die ganzen Arschlöcher hierher.“ Hannover ist grün, cool, man kann sich noch was leisten, aber alle außerhalb denken, dass es ein Deppenkaff ist.

Junkies-und-Scientologen-Thees-Uhlmann-Cover

„Junkies und Scientologen“ erscheint am 20.9.19 bei Grand Hotel van Cleef

In fünf Jahren singe ich bestimmt über …

Weiß ich noch nicht. Ich habe jetzt anderthalb Jahre an dieser Platte gearbeitet, und wenn mir vorher jemand gesagt hätte, dass es die längsten Songtexte werden würden, die ich bisher geschrieben habe, hätte ich es ihm nicht geglaubt. Andererseits: In fünf Jahren werde ich wahrscheinlich ein Wohnungsgesuch in Hamburg singen, mit Vorstellungen. Es wird heißen: „Bitte mit Elbblick.“

Apropos Hamburg, auch wenn hier ein älterer Song bemüht wird: Wie sieht’s aus in Hamburg? 

Das kriege ich inzwischen fast nur noch aus der Ferne mit. Meine Zeit ist knallhart aufgeteilt zwischen Tochter und Kunst. Da sind zwei Tage Abhängen in Hamburg zwischendurch einfach nicht mehr drin. Und wenn ich zu Heimspielen vom FC St. Pauli fahre, nehme ich den letzten Zug zurück nach Hause. Darunter leiden Freundschaften, was mir wahnsinnig weh tut. Ich muss aber auch sagen: Sobald ich auch nur an Hamburg vorbeifahre, zuckt mein Herz ganz schön.

Thees Uhlmann: 27.9.19, Große Freiheit 3617.+18.12.19, Große Freiheit 36


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Millerntor Gallery #9: Wenn aus Kunst Trink-Wasser wird

Zum neunten Mal verbinden Viva con Agua und der FC St. Pauli Kunst und Musik für einen guten Zweck bei der Millerntor Gallery. Warum sich jede Mühe dafür lohnt, erzählt der Geschäftsführer von Viva con Agua Arts, Arne Vogler

Text und Interview: Hedda Bültmann
Foto (o.): Jerome Gerull

arne-vogler-c-andrin-fretz

Viva con Agua Arts Chef Arne Vogler (Foto: Andirn Fretz)

SZENE HAMBURG: Arne, von der Schnapsidee zum festen Bestandteil der Hamburger Kulturszene. Wie geht das?

Es kamen mehrere Fakto­ren zusammen. Zum einen der nicht zu bremsende Akti­vismus der Gründer von Viva con Agua, die alles dranset­zen, eine Idee zu verwirkli­chen. Gemeinsam mit dem freudvollen Engagement un­serer Ehrenamtlichen. Zum anderen die Unterstützung unseres Partners FC St. Pauli, der von der ersten Stunde an dabei war. Die Offenheit und die Bereitschaft sich als Fußballverein und als Unter­nehmen auf das Projekt ein­ zulassen, ist einmalig und hat uns vieles ermöglicht.

Dieses Jahr lautet das Motto „Water is a Human Right“. Wie spiegelt sich das in der Ausstellung wider?

Die gezeigten Werke wer­den von den Künstlern aus aller Welt exklusiv für die Gal­lery entworfen. In der Ver­gangenheit hatten wir eher komplex formulierte Themen wie „Identikey“, was dazu führte, dass nicht alle Künstler themenbezogen gearbeitet ha­ben. Das wollten wir ändern.

Menschenrecht ist ein kon­kretes Thema und bietet nicht nur den Künstlern viele Anknüpfungspunkte, auch unser Kurations-­Team kann noch mehr einem roten Faden fol­gen, um über die Ausstellung eine Geschichte zu erzählen. Einige Künstler werden zum Beispiel Wasser als Thema wählen oder eine politische Herangehensweise, sodass ein schöner Mix unterschied­licher Umsetzungen und Genres zu sehen sein wird.

Ihr habt zum ersten Mal nicht nur das Thema konkreter formuliert, sondern auch wohin die Erlöse fließen …

Ja, genau. In der Vergan­genheit gingen die Spenden allgemein an den Verein. Diesmal haben wir im Vor­feld festgelegt, dass die Erlöse in das Oratta­-Projekt in den Provinzen Cabo Delgado und Nampula fließen. Dort, im Norden vom Mosambik, set­zen wir uns bereits seit 2015 für sauberes Trinkwasser und bessere Hygienebedin­gungen ein. Wir glauben, dass die Motivation der Künstler, Supporter und Besucher noch größer ist, wenn sie nicht nur für einen allgemein guten Zweck arbeiten oder spenden, sondern genau wissen für wen. Wir hoffen, so un­ser Spendenergebnis aus dem letzten Jahr von etwa 90.000 Euro zu übertreffen.

 

Millerntor Gallery #9: So bunt wird’s im Millerntor-Stadion

 

 

Innerhalb weniger Monate stelltet ihr eine Ausstellung mit mehr als 90 Künstlern auf die Beine. Klingt nach einem chronisch hohen Stresspegel?

Die acht bis zehn Wochen der Produktionsphase im Sta­dion sind schon eine enorme Belastung für die Familie und Freunde. Währenddessen bleibt kein Raum für anderes. Es ist, als würde man sich mit einem schweren Rucksack auf den Weg machen und es ist klar, für eine gewisse Zeit sieht man weder seine Fami­lie noch Freunde, es sei denn, man bindet sie als Helfer mit ein.

Doch das Ziel ist es auf je­den Fall wert. Die Gallery ver­braucht viele Ressourcen, aber sie ist auch wie ein Akku, ein Ort, der ganz viel Kraft gibt.

Was ist es, das sie so besonders macht?

Sie ist eine ganz besondere Veranstaltung, weil die soziale Grundhaltung aller Beteiligten besonders ist. Eine Galerie, die Kunst mit Musik verbindet, in einem Fußball­stadion mitten in der Stadt. Und das in einem Viertel, dessen Bewohner grundsätzlich eher gesellschaftskritisch und sozial engagiert sind.

Die Millerntor Gallery ist die Möglichkeit, die Grund­sätze von Viva con Agua zu erleben, das Freudvolle und Aktivistische. Wir kümmern uns um eine positive Verän­derung der Welt, aber auf eine spielerische Weise, indem wir die universelle Sprache von Kunst, Musik und Sport nut­zen, um die Menschen für unsere Themen zu erreichen und zum Mitmachen zu bewegen. Die Gallery ist sozusagen der Schmelztiegel von allem, was den Verein ausmacht.

 

„Unser Traum: den heiligen Rasen nutzen“

 

Der enorme Zulauf aus der Stadt mit 17.000 Besuchern im letzten Jahr, gibt euch Recht. Ruht ihr euch darauf aus, oder ist es eher ein Ansporn neu zu denken?

Natürlich sprechen wir je­des Jahr mit dem FC St. Pauli, ob und wie wir weitere Teile des Stadions in die Millern­tor Gallery einbinden können. Unser Traum wäre natürlich, irgendwann mal den heiligen Rasen nutzen zu können. Auch möchten wir zukünftig vermehrt ein Gleichgewicht zwischen den Genres schaffen, auf der einen Seite Street­ Art und HipHop, gleichzeitig im Kunstbereich die Grenzen erweitern. Noch liegt der Aus­stellungsfokus auf Street Art, aber in diesem Jahr haben wir darüber hinaus einige Hoch­karäter aus der bildenden Kunst dabei.

Was löst Kunst bei dir aus?

Emotionen. Die ganze Palette: von Erstaunen und Begeisterung über Glück bis hin zur Ruhe. Aber auch Trauer. Gerade bei dem dies­jährigen Kurationsprozess habe ich wieder gemerkt, dass Kunst für mich ein Vehikel für einen Perspektivenwech­sel sein kann, so als würde ich mir eine Brille aufsetzen und ein Thema nochmal ganz an­ders entdecken.

Millerntor Gallery #9: 4.-7.7.2019, Millerntor-Stadion (St. Pauli)


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2019 im Handel und zeitlos im 
Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

Konfetti im Bier – Roman über die Ultras von St. Pauli

Im März erscheint der erste Ultras-Roman aus dem deutschsprachigen Raum. Aus Hamburg, aus St. Pauli, mitten aus dem Viertel!

Text: Ole Masch
Foto: Melanie Hendtke

Wer den Roar am Millerntor oder einem anderem Fußballstadion vor dem Spiel einmal mitgemacht hat, weiß mit dem Titel des Romans von Toni Gottschalk sofort etwas anzufangen. „Konfetti im Bier“ ist eine Beschreibung der St. Pauli Ultra-Szene von innen und damit einzigartig. Doch er ist noch viel mehr. Er ist Hamburg-Roman, Antifa, Viertelliebe, Fußball und immer wieder St. Pauli Nachtleben. Gespickt von Insiderwissen und Wortwitz, der durch seine Protagonisten auf die Spitze getrieben wird.

Toni Gottschalk, selbst seit vielen Jahren Teil der St. Pauli Ultras und ab 2006 Comiczeichner für verschiedene Fanzines, gelingt ein Debütroman, der nicht von außen draufschaut, sondern mitten drinsteckt. Er erzählt von Merks, Subbe, Jette und all den anderen, für die der FC St. Pauli und die eigene Gruppe viel mehr bedeuten, als nur jedes Wochenende gemeinsam zum Spiel zu gehen. Während sich Walter durch so ziemlich jede Kaschemme St. Paulis trinkt, beschäftigt sich der Rest mit politischer Viertelverteidigung.

 

Ultras, Nachtleben und ganz viel Hamburg

 

Das klingt dann so: „Na, ihr Pimmelköppe, was gibt’s zu lachen“, begrüßte Torre die vier Leute. Einer der Skins, der manchmal halb verächtlich, halb bewundernd „die Axt im Walde“ genannt wurde, konnte kaum an sich halten. „Wir so noch mit einer Handvoll Leuten im Jolly, kommt der Schwan rein und erzählt, dass er eine Gruppe Nasen auf der Budapester gesehen hat. Wir also mit ein paar hin und, was soll ich sagen, war gut. Backenfutter und dann Reste frühstücken …“

„Konfetti im Bier“ ist ein Subkultur-Roman. Ein Buch für Fußballfans und für Leute, die immer schon mal mehr über die Mechanismen von Ultra- Gruppierungen wissen wollten. Für Hamburger. Für Nachtlebenkenner und für jene, die es immer wieder dort hinzieht.

„Konfetti im Bier“ erscheint am 2.3. im Liesmich Verlag


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Homophobie im Profisport – Thema im Film Mario

Fußballer sind echte Kerle. Muskulös. Hart im Nehmen. Homosexualität ist in dieser Branche ein Tabuthema wie in kaum einer anderen, auch wenn sich einige wenige Vereine wie der 1. FC St. Pauli klar für eine offene Geisteshaltung aussprechen. Welche Seelenqualen das für einen schwulen Spieler bedeutet, zeigt Marcel Gislers Drama „Mario“. Wir haben mit dem Regisseur gesprochen

Zuerst sieht Mario (Max Hubacher) den Neuen in der Mannschaft nur als Konkurrenten. Auch Leon (Aaron Altaras) ist Stürmer, und nur einer von ihnen beiden – wenn überhaupt – wird den begehrten Profivertrag für die kommende Saison erhalten, auf den alle Spieler der U21-Mannschaft des Berner Clubs YB Young Boys schon ihr ganzes Leben lang hingearbeitet haben. Entsprechend erbittert ist der Konkurrenzkampf unter den jungen Männern.

Doch spätestens, als Mario sich mit Leon eine Spielerwohnung teilen muss, verändern sich seine Gefühle. Aus Misstrauen und Ablehnung wird Freundschaft, schließlich aus Freundschaft Liebe. Eine unmögliche Liebe, die sie öffentlich nicht zeigen dürfen – Sponsoren, Fans, sie alle würden das Paar verurteilen.

Mario, der Film über zwei schwule Fußballer Foto: Pro Fun Media

Die beste Freundin muss als Alibipartnerin herhalten. Foto: Pro Fun Media

Ihr Marktwert? Im Keller. Die Karriere vorbei, bevor sie richtig begonnen hat. „Es gibt Sachen, die gehen einfach nicht!“, faucht Marios Berater ihn an, als die Beziehung schließlich doch auffliegt. Homosexualität ist dabei aus seiner Sicht in einer Liga mit Drogen oder Sex mit Minderjährigen zu sehen. Das Versteckspiel, der innere Kampf gegen die eigenen Gefühle, die Sticheleien der Mannschaftskollegen werden immer unerträglicher, bis Mario und Leon daran zu zerbrechen drohen und eine Entscheidung fällen müssen.

Die Geschichte, die Regisseur Marcel Gisler selber mitgeschrieben hat und in der auch der 1. FC St. Pauli eine Rolle spielt, scheint zu Beginn sehr absehbar. Doch einige überraschende Twists, eine feinfühlige Kamera und vor allem die tolle Schauspielleistung Max Hubachers, der scheinbar mühelos die komplette emotionale Bandbreite von glücklicher Verliebtheit bis hin zu abgrundtiefer Verzweiflung abrufen kann, lassen den Zuschauer intensiv an der zermürbenden Seelenqual des Protagonisten teilhaben. Während Homosexualität in unserer heutigen Gesellschaft weitgehend akzeptiert ist, hinkt die Fußballwelt hier noch weit hinterher. Gut, dass Marcel Gisler das einmal auf so beeindruckende Weise auf die Leinwand holt.


Marcel Gisler, Regisseur Mario, Foto: Pro Fun Media

Marcel Gisler, Regisseur Mario, Foto: Pro Fun Media

Regisseur Marcel Gisler im Interview

Weiterlesen