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„Den Fuß in die Drehtür der Zeit stellen“

Der Hafengeburtstag wurde wegen der Corona-Lage auf September verschoben. Aber gefeiert wird trotzdem im Mai – mit dem Stück „Umschlagplatz der Träume“. Darin erzählt Autor und Regisseur Erik Schäffler die Geschichte des Hamburger Hafens von 1888 bis heute

Interview: Sören Ingwersen

SZENE HAMBURG: Erik, der Hamburger Hafen feiert dieses Jahr seinen 833. Geburtstag, aber die Handlung deines Stücks beginnt erst im Jahr 1888. Warum?

Erik Schäffler: Die ganze Geschichte des Hafens in einem Stück zu erzählen, ist unmöglich. Einer der größten Umbrüche in Hamburg war die Entstehung des Sandtorhafens 1866 als erster künstlicher Hafen der Stadt und drittgrößter Hafen der Welt. Das Stück beginnt 22 Jahre später mit der Einweihung der Speicherstadt und des neuen Freihafens. Das ist der Beginn der modernen Geschichte des Hafens.

Stücke erzählen sich immer über Figuren. Welche sind das?

Hauptfigur ist die fiktive Reederin Charlotte Tiedenbreuk, gespielt von Mignon Remé. Anhand ihrer Geschichte und der ihrer Familie erzähle ich die Geschichte des Hafens in 22 Episoden. Um die Ober- und Unterschicht gleichwertig auftreten zu lassen, verliebt Charlotte sich in einen Ketelklopper, einen Kesselklopfer, der auf den Dampfschiffen den Kalk im Kessel abschlägt. Für die anderen Reeder war dieses Verhältnis empörend. Die Klammer öffnet sich in der Neuzeit. Da ist die Reederin 135 Jahre alt. Sie ist so begabt im Organisieren, dass sie keine Zeit hat zu sterben.

Soziale Umrüche heiter thematisiert

Geschichte ist immer Rekonstruktion des Vergangenen. Wird diese Rekonstruktion nicht umso spekulativer, je mehr man sich mit dem individuellen Erleben und privaten Schicksal einzelner Personen beschäftigt?

Geschichtsschreibung zielt ja eher auf die größeren politischen Zusammenhänge. Natürlich ist jeder Satz, den ich geschrieben habe, spekulativ. Aber ich habe ein Jahr lang recherchiert, habe Bücher gelesen, mit Historikern gesprochen und Interviews mit Hamburger Hafengrößen geführt. So entstand für mich ein Bild, wie der Reeder um die Jahrhundertwende lebte und wie sein Selbstbild war.

Sobald in der Stadt eine Katastrophe passiert, kalfatert er den Rumpf, den Grundnährboden des Standorts Hamburg.

Erik Schäffler

Ein Bild, dass du einbettest in eine typische Romeo-und-Julia-Geschichte einbettest?

Das Stück beginnt wie ein Musical, komponiert von dem genialen Musiker Markus Voigt, packt dann aber auch gesellschaftliche und politische Themen an. Wir thematisieren soziale Umbrüche – etwa den Nationalsozialismus. Trotzdem ist alles ein großer Spaß und hat einen sehr heiteren Ton.

Wie entstand die Idee zum Stück?

Sie entstand in einer Runde mit Markus Linzmair von der IPT – einem Immobilienberater und guten Freund von mir und Freund des Theaters, der uns dieses Projekt zusammen mit der Bank Julius Bär ermöglicht –, Isabella Vértes-Schütter vom Ernst Deutsch Theater und mir, zusammen mit der Freien Theatergruppe Axensprung. Wir wollten ein Stück angehen, das bei Erfolg jedes Jahr weitergeschrieben und zum Hafengeburtstag gespielt werden soll.

„Wenn der Kaufmann nimmt, muss er auch etwas geben“

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„Ich bin ein glücklicher Mensch“: Regisseur und Schauspieler Erik Schäffler (Foto: Michael Batz)

Wie bringt ihr den Hafen visuell auf die Bühne?

Durch das Stück defilieren sämtliche Schiffstypen, die beim Hafengeburtstag auf der Elbe defilieren. Ein Augenmerk liegt auf der Segelschifffahrt, namentlich den „Flying P-Linern“ der Reederei Laeisz. Das waren die schönsten und besten Segelschiffe der Welt Anfang des letzten Jahrhunderts. Parallel entstand die Dampfschifffahrt. Das Dampfschiff gewinnt aus ökonomischen Gründen, aber das Segelschiff kommt mit der Klimawende zurück. Am Ende plädiere ich dafür, dass Ökonomie und Ökologie endlich wieder Hand in Hand gehen sollten. Wenn der Kaufmann nimmt, muss er auch etwas geben.

Klingt da der Glaube an, dass man aus der Geschichte lernen kann?

Ja. Wir haben eine mythische Figur, die unsere Reederin durch die Zeiten hilft. Das ist der Klabautermann, gespielt von Sven Walser. Er kalfatert den Schiffsrumpf und sorgt dafür, dass das Schiff nicht untergeht. Nur der Kapitän kann den Klabautermann sehen. Meine ursprüngliche Idee war, dass der Klabautermann mit dem Ende der Frachtsegelschifffahrt in den 1950er-Jahren verschwindet. Aber er ist bei uns mehr als ein Hafenmännchen: Er kalfatert weiter. Sobald in der Stadt eine Katastrophe passiert, kalfatert er den Rumpf, den Grundnährboden des Standorts Hamburg.

„Hamburg hat einen ganz anderen Atem“

Du bist in Schwäbisch Gmünd geboren, lebst aber seit über dreißig Jahren in Hamburg. Fühlst du dich als Hamburger? Oder ist es auch der Blick von außen, der für dich die Hamburger Geschichte so interessant macht?

Ich bin in der Tat Exilant und habe einen anderen Blick auf Hamburg. Hamburg hat einen ganz anderen Atem, eine andere Luft, die mir lange fremd war, aber der Menschenschlag, den ich hier angetroffen habe, hat mich sofort für sich eingenommen. Ich mag das Understatement, die Kargheit der Worte, die Zuverlässigkeit und diesen feinen, kleinen, schönen Humor, mit dem man auch Katastrophen betrachtet. Den bringe ich auch im Hafenstück zum Ausdruck. Am meisten reingezogen ins Hamburgische hat mich der „Hamburger Jedermann“ von Michael Batz. Seine Geschichte des Hafens hat mir Heimat geboten.

Zwei große Lebenswünsche

In den Open-Air-Aufführungen in der Speicherstadt hast du 25 Jahre lang den Teufel verkörpert, bis der Spielbetrieb 2018 eingestellt wurde. Und auch mit der freien Theatergruppe Axensprung packst du geschichtliche Themen an, die von euch theatralisch aufbereitet werden. Woher kommt diese Vorliebe fürs Historische?

Ich habe Geschichte, Latein und Griechisch studiert und wollte beruflich in diese Richtung gehen. Dann hat mich das Theater eingeholt. Nach zwanzig Jahren kam die Geschichte zu mir zurück. Bei Axensprung – die Gruppe spielt auch im Umschlagplatz der Träume mit – verheiraten sich diese beiden großen Lebenswünsche.

Und das mit Erfolg. Ihr spielt in ganz Deutschland, sogar im europäischen Ausland …

Wir spielen in der deutschen Botschaft in Brüssel, in Strafvollzugsanstalten, Schulen und Seniorenheimen und natürlich in Theatern. Wir haben auch ein Stück über posttraumatische Belastungsstörungen bei Heimkehrern aus dem Afghanistan-Kriegseinsatz im Repertoire, mit dem wir bei der Bundeswehr wirklich tolle Erfahrungen gemacht haben. Die buchen uns jetzt am häufigsten. So oft, dass wir schon gefragt wurden, ob wir auch vor zivilem Publikum spielen. Sehr lustig.

Ein Leben mit vielen Geschichten

Die Produktionen, für die du als Autor, Schauspieler, Regisseur oder Produzent tätig bist, vereinst du unter dem Label „Theater Ruhm“. Was verbindest du als Künstler mit diesem Begriff?

Der Titel ist von Daniel Kehlmanns Roman „Ruhm“ abgeleitet, den ich für die Bühne adaptiert und im Theater im Zimmer aufgeführt habe. Natürlich wollte ich berühmt werden und habe mir eine Karriere gewünscht. Nach vielen enttäuschenden Erfahrungen habe ich diesen Wunsch aber abgelegt. Einfach um gesund zu bleiben. Seitdem fühle ich mich sehr wohl und bin ein glücklicher Mensch. Was ich will, ist genau das, was ich jetzt mache: eigene Produktionen mit oft eigenen Texten, die den Inhalt haben, den ich rüberbringen möchte.

Auch ein Lernen aus der eigenen individuellen Geschichte als ehemaliges Ensemblemitglied am Deutschen Schauspielhaus, als TV- und Filmschauspieler, als Synchron- und Hörbuchsprecher?

Was du aufzählst, stimmt, aber ich selber vergesse das manchmal. Es ist, als hätte das jemand anderes gemacht. Ich empfinde mich mittlerweile als ein Mensch mit vielleicht dreißig Lebensschichten. Ich grabe manchmal und bin ganz erstaunt, was ich da finde.

Was ist Ruhm?

Die Begriffe Karriere und Ruhm kann man ja auch ganz unterschiedlich fassen …

Du sagst es. Als Schauspielerin Ines Nieri den Theaterpreis Hamburg Rolf Mares für ihre Rolle in „Tyll“ am Ernst Deutsch Theater bekommen hat – auch dort habe ich Regie geführt – stand in der Begründung der Jury: „In diesem Stück sprüht das Leben.“ Das war für mich der Ruhm, das hat mich am meisten gefreut. Wir sind so voller Leben und haben so viel in uns, dass es mich manchmal überwältigt. Vielleicht versuche ich nur, das im Theater kurz festzuhalten. Den Fuß in die Drehtür der Zeit stellen, weil alles so schnell geht.

„Umschlagplatz der Träume“, Ernst Deutsch Theater, 5. Mai 2022 (Premiere), 6.–8., 30., 31. Mai 2022 und weitere Termine


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„Spanien war schon immer ein geteiltes Land“

Im Rahmen seines neuen Films „Parallele Mütter“ spricht Starregisseur Pedro Almodóvar über die Geschichte Spaniens, seine Faszination über Frauen und Mütter und die Zusammenarbeit mit Penélope Cruz

Interview: Patrick Heidmann

SZENE HAMBURG: Pedro Almodóvar, nach Ihrem bislang persönlichsten Film „Leid und Herrlichkeit“ legen Sie nun mit „Parallele Mütter“ Ihren politischsten vor. Besteht da ein Zusammenhang?

Pedro Almodóvar: Nicht wirklich. Höchstens in dem Sinne, dass mir diese autobiografische Auseinandersetzung unwiederbringlich gezeigt hat, dass ich alt werde. Weswegen ich mir wohl mehr Gedanken denn je über die Vergangenheit und das Vergehen von Zeit mache. Aber „Parallele Mütter“ ist keineswegs eine Reaktion auf den Film davor. Im Gegenteil: Ich hatte die Geschichte für den Neuen schon lange mit mir herumgetragen und bereits vor zehn Jahren eine erste Drehbuchfassung geschrieben.

Haben Sie in früheren Filmen politische Themen bewusst gemieden?

Nein, aber mich trieben andere Sachen um. Ich begann meine Karriere als Filmemacher in einer sehr besonderen Zeit, als Spanien sich gerade neu erfand und zur Demokratie wurde. Da war es uns jungen Menschen wichtiger, im Hier und Jetzt zu leben und auf die Gegenwart zu schauen als in die Vergangenheit zu blicken. Und unsere neue Freiheit zu genießen. Wobei das ja gar nicht heißt, dass wir damals unpolitisch waren. Mir ging es, auch in meiner Arbeit, um Drogen und Sex, aber auch um Gleichberechtigung und die Rechte von Homo- und Transsexuellen.

Die Rolle der eigenen Mutter

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Penélope Cruz (r.) ist für ihre Rolle in „Parallele Mütter“ für einen Oscar nominiert (Foto: El Deseo / Studiocanal)

In „Parallele Mütter“ geht es nun – in einem von zwei Handlungssträngen – um die Aufarbeitung von Verbrechen aus der Franco-Zeit und das Öffnen anonymer Massengräber. Ist das heutzutage in Spanien noch ein kontroverses Thema?

Auf jeden Fall eines, das uns seit einiger Zeit endlich mehr umtreibt denn je. Spanien war schon immer ein sehr geteiltes Land, nicht zuletzt deswegen gab es ja damals den Bürgerkrieg. Inzwischen gibt es, zumindest in den jüngeren Generationen, eine große Mehrheit, die dringend dafür ist, dass wir uns mit unserer Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen und dass vor allem die Opfer des Bürgerkrieges und der Franco-Zeit Wiedergutmachung erfahren. Gleichzeitig gibt es auch starken Widerstand von Rechts, wo man lieber auf Geschichtsrevisionismus und Fake News setzt. Deswegen war es mir ein Anliegen, diesem Thema – und der Wahrheit – mit meinem Film breites Gehör zu verschaffen.

Sie setzten sich aber – der Titel deutet es an – auch wieder mit Mutterschaft auseinander. Was interessiert Sie daran so sehr?

Herunterbrechen kann man es sicherlich darauf, dass meine eigene Mutter eine so wichtige Rolle in meinem Leben gespielt hat. Sie und die anderen ländlichen Mütter ihrer Generation haben mich sehr geprägt, denn die meisten von ihnen habe ich als liebevolle, vorurteilsfreie Frauen erlebt, denen ich stets ein Denkmal setzen wollte. In praktisch allen meinen Filmen waren die Mutterfiguren letztlich eine Version meiner Mutter, kombiniert mit Elementen moderner Frauen. „Parallele Mütter“ ist nun der erste, der ohne den Schatten meiner Mutter auskommt und wo ich ganz bewusst andere, jüngere Frauen als Vorbilder im Kopf hatte.

Penélope Cruz war noch nie so gut“

Wir müssen noch über Penélope Cruz sprechen, die so etwas wie Ihre Muse ist. Kann sie Sie nach all den gemeinsamen Filmen noch überraschen?

Als Schauspielerin immer wieder. In „Parallele Mütter“ hat sie mich sprachlos gemacht. So gut war sie noch nie. Gleichzeitig ist es natürlich wichtig, dass wir uns so gut kennen, befreundet sind, und sie sich in all den Jahren eigentlich nicht verändert hat. Penélope ist so leidenschaftlich und geduldig wie früher – und nicht zuletzt großzügig mit ihrer Zeit. Ich verlange als Regisseur meinen Schauspielern viel Engagement und Zeit ab. Gerade in Fällen wie diesem, wo Penélope jemanden spielt, der das Gegenteil von ihr selbst ist. So eine Rolle stemmt man nicht über Nacht. Obwohl sie mittlerweile ein viel beschäftigter Weltstar, Mutter und Ehefrau ist, stand sie mir kein bisschen weniger zur Verfügung als bei unserem allerersten gemeinsamen Film.

„Parallele Mütter“ von Pedro Almodóvar mit Penélope Cruz, Milena Smit und Israel Elejalde. 123 Min. Ab dem 10. März 2022 im Kino.

Hier gibt´s den Trailer zum Film:


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Gute Geschichte: Wie kam der Deutsch-Rap nach Hamburg? 

Chronik: Wie kam der Deutsch-Rap nach Hamburg? Von der 187 Strassenbande über Fettes Brot bis zum ersten HipHop-Club der Stadt spulen wir die Kassette drei Dekaden zurück

Text: Jan Wehn

 

Hamburg und HipHop, das ging schon Mitte der 80er Jahre los. Die Filme „Wildstyle“ und „Beatstreet“ flimmern in den bundesdeutschen Haushalten über die Mattscheiben und erklären einer ganzen Generation, was HipHop überhaupt ist und wie sich die neue Jugendkultur aus den Elementen Rap, DJing, Breakdance und Graffiti zusammensetzt. An HipHop-Musik ist zu der Zeit, wenn überhaupt, durch importierte Platten heranzukommen – oder sie läuft in der Sendung „Soultrain“ im NDR, wo Ruth Rockenschaub im Nachtprogramm regelmäßig Soul-, Funk- und auch immer mal wieder Rapsongs spielt. Rockenschaub ist es auch, die DJ Marius No. 1 im Jahr 1988 einen eigenen Sendeplatz verschafft.

Marius No. 1, der später der DJ von Cora E. werden soll, legt in seiner „Number One Mixshow“ Rap auf, aber stellt den Songs auch die originalen Sample-Quellen gegenüber und legt im ersten HipHop-Club der Stadt, dem Defcon Five, auf. Ungefähr zur gleichen Zeit formieren sich in Hamburg erste Crews: Dialektik oder in Halstenbek die Poets of Peeze, die mit Samplerbeiträgen und einer Mini-LP von sich reden machen.

 

 

Die Poets of Peeze rappen in englischer Sprache, bis ein Teil der Jungs sich 1992 – das Jahr, in dem Die Fantastischen Vier gerade mit „Die da?!“ im Radio rauf- und runterlaufen – dazu entscheidet, das mit dem Rappen doch mal in deutscher Sprache zu probieren und sich einen neuen Namen geben: Fettes Brot. Über den Musikmanager und Mailorder-Betreiber Jens Herrndorf entsteht der Kontakt zu André Luth von Yo Mama, wo Fettes Brot – damals noch zu fünft – kurz darauf die „Mitschnacker“-EP veröffentlichen.

1993 erscheint über das ursprünglich eher Punk orientierte Label Buback der Sampler „Kill The Nation With A Groove“ mit Songs von Cora E., Advanced Chemistry und einer Hamburger Gruppe mit dem Namen Absolute Beginner. Letztere veröffentlichen nach der „Gotting“-EP zwei Jahre später ihr Debütalbum „Flashinizm (Stylopath)“ und trotzen mit Band-Sound und Crossover-Anleihen den Realness-Dogmen der noch kleinen Szene. Auch Fettes Brot releasen mit „Auf einem Auge blöd“ zur gleichen Zeit ihre Debüt-LP, haben mit „Nordisch by Nature“ einen veritablen Hit vorzuweisen und feiern ein gutes Jahr später mit dem in bester Geschichtenerzähler-Manier ganz ähnlich gestrickten  „Jein“ und dem Album „Außen Top Hits, Innen Geschmack“ gleich die nächsten Erfolge.

 

Hamburg in den Charts

 

Während Fettes Brot schon Dauergäste in den Charts sind, formiert sich in Hamburg nach und nach eine vitale Szene an Rappern und Produzenten. Fischmob vermengen für „Männer können seine Gefühle nicht zeigen“ Partylaune mit mundgemischtem Plattdeutsch-Schnack, handfester Systemkritik und obskuren Soundspielereien. Der Tobi & Das Bo, die sich schon zuvor mit „Genie und Wahnsinn liegen dicht beieinander“ verdient gemacht hatten, bilden fortan mit marcnesium und DJ Coolmann Fünf Sterne deluxe. Dendemann zieht aus dem Sauerland in die Hansestadt, gründet mit DJ Rabauke das Duo Eins Zwo und die beiden setzen mit ihrer „Sport“-EP einen neuen Standard in Sachen Reim- und Samplefertigkeit.

Mit dem Künstlerkonglomerat Mongo Clikke um Rapper wie Eißfeldt, Samy Deluxe und Das Bo hat man außerdem eine Entsprechung zu der Kolchose in Stuttgart, wo mit dem Freundeskreis, den Massiven Tönen und Afrob etwa zur gleichen Zeit ein HipHop-Epizentrum entsteht. Aber die großen Plattenfirmen interessieren sich nicht wirklich für den eigenen Sound von Bands wie dem gerade frisch gegründeten Trio Dynamite Deluxe – also gründet Beginner-Drittel Eißfeldt 1997 kurzerhand das Label Eimsbush Entertainment und nimmt die Gruppe um Samy Deluxe dort unter Vertrag, die kurz darauf erste Angebote von den Majorriesen erhält.

 

HipHop-Hochburg

 

Mit der richtigen Infrastruktur und einer vielschichtigen Szene mausert sich Hamburg 1998 mit der Veröffentlichung des zweiten Beginner-Albums „Bambule“ endgültig zur HipHop-Hochburg. Mit Denyo und Eißfeldt als MCs, DJ Mad an den Turntables und Gastbeiträgen von Das Bo, Samy Deluxe und Dendemann ist das Album so etwas wie eine eindrucksvolle Standortbestimmung des HipHop aus der Hansestadt. Parallel dazu verkaufen Fünf Sterne Deluxe nach der Single „Dein Herz schlägt schneller“ von ihrem Debütalbum „Sillium“ über 150.000 Einheiten, ehe im Jahr darauf Eins Zwo mit „Gefährliches Halbwissen“ nachlegen und Doppelkopf mit „Von Abseits“ eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass auch düster-atmosphärische Outness eine Berechtigung in der noch jungen Hamburger HipHop-Szene hat.

Plötzlich interessieren sich auch die Medien für das, was da in Sachen HipHop im hohen Norden geht. Das Jugendmagazin Bravo versucht sich regelmäßig an der mehr schlecht als recht gearteten Berichterstattung. Aber die Hamburger HipHop-Szene, allen voran die Beginner, haben keine Lust auf den Ausverkauf: Sie verweigern Interviews, schicken Doubles zu ihren Fernsehauftritten und veröffentlichen mit dem Allstar-Song „KZwo“ an der Seite von Das Bo, Dendemann, Falk, Ferris MC, Illo und Samy Deluxe eine Abrechnung mit der sensationsgeilen und anbiedernden Teeniepresse.

Anfang 2000 veröffentlichen Dynamite Deluxe ihr Debüt „Deluxe Soundsystem“, landen damit auf Platz 4 der Charts und werden im Anschluss mit einem Echo-Musikpreis und einer goldenen Schallplatte ausgezeichnet. Mit Ferris MC, Deichkind, Mr. Schnabel, Illo, Digger Dance, Nico Suave und den Moqui Marbles rücken immer neue Künstler nach, die Szene wächst und wächst bis das stadteigene Hip-Hop-Festival Flash im Jahr 2000 mit 18.000 Besuchern im Millentorstadion seinen Höhepunkt erreicht. Es gibt jetzt kein Vorbeikommen mehr an Hamburg, jener Stadt aus der mit „Füchse“, „Ladies & Gentlemen“, „Jein“, „Susanne zur Freiheit“, „Bon Voyage“ und die Beteiligung von Ferris MC an „Reimemonster“ bis heute die wohl größten HipHop-Hits kommen.

Rap-Rarität: Erste Promokassette zum Album "Bambule", veröffentlicht vom Independet-Label Buback

Rap-Rarität: Erste Promokassette zum Album “Bambule”, veröffentlicht vom Independet-Label Buback

Die HipHop-Hochphase in der Hansestadt wird auch in Berlin wahrgenommen, wo Rapper wie Kool Savas bis dato weitestgehend ein Schattendasein abseits der deutschlandweiten Szene fristen. Der Unmut über den Erfolg der spaßig-sorglosen und brav-biederen Partymusik aus den beiden HipHop-Metropolen Hamburg und Stuttgart wächst. In Kombination mit der Ignoranz der Berliner Szene durch Medien und Fans werden Samy Deluxe oder Eißfeldt immer wieder zur Zielscheibe für Seitenhiebe auf Songs der Berliner Rapper.

 

Egotrips

 

Gänzlich unbeeindruckt von Vorfällen dieser Art, machen insbesondere die beiden Letztgenannten dort weiter, wo sie aufgehört haben – allerdings auf Solopfaden. Samy Deluxe veröffentlicht sein gleichnamiges Debütalbum und stellt einmal mehr unter Beweis, dass er einer der besten Battlerapper des Landes mit humorvollen und arroganten Punchlines gleichermaßen ist, während Eißfeldt nach dem Erfolg seiner Coverversion zu Nenas „Irgendwie Irgendwo Irgendwann“ als Jan Delay das Reggae-Album „Searching For The Jan Soul Rebels“ herausbringt.

Eißfeldts einvernehmlicher Egotrip in Dancehall-Gefilde ist vielleicht das erste Anzeichen dafür, dass etwas im Busch ist – nicht bei den Beginnern, sondern in Bezug auf Rap im Allgemeinen. Straßenrap aus der Hauptstadt wird immer populärer und Labels wie Aggro Berlin laufen dem größtenteils gutgelaunten HipHop aus Hamburg mit Künstlern wie Bushido oder Sido den Rang ab. In der Folge versucht Samy Deluxe sich mit „Verdammtnochma“ an einer Übersetzung amerikanischer HipHop-Sounds ins Deutsche, während die Beginner für „Blast Action Heroes“ mit eklektischen Sounds experimentieren und nach den Fantastischen Vier mit „4:99“ die zweite Nummer 1 für ein deutschsprachiges Rap-Album in den Charts holen.

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Samy Deluxe: Ist heute nicht nur Rapper sondern auch Gastronom | Foto: Pascal Kerouche

Danach wird es ziemlich ruhig um Rap aus Hamburg. Dendemann, Samy Deluxe und Jan Delay veröffentlichen in den Jahren darauf weiterhin gute Platten, aber der Hype der frühen 2000er scheint endgültig vorbei zu sein. Auch an anderen Ecken und Enden der Republik steckt Rap in einer Sinnkrise. Von der breiten Öffentlichkeit als Soundtrack für die Unterschicht belächelt bis verteufelt, fehlte es zeitweilig sogar innerhalb der Szene an Bemühungen, den eingefahrenen Status Quo aufzubrechen. Die Folge: Nach dem Erfolg von deutschem Straßenrap stagnieren schließlich auch dessen Verkäufe – niemand hat mehr Lust auf stumpfe Räuberpistolen und Betonromantik.

 

Waffen, Sex und Drogen

 

In den Jahren sind es vor allem die hanseatischen Produzenten, die von sich reden machen. Monroe, seines Zeichens für große Hits von Kool Savas und Azad verantwortlich, vereint auf seinen Alben „Your Favorite Rappers Favorite Producer“ und „Movement“ von Samy Deluxe über Curse bis Aphroe und Eko Fresh alles, was in der deutschen Rap-Szene Rang und Namen hat. PhreQuincy baut nicht mehr nur noch Beats für deutsche MCs, sondern erhält für seine Beteiligung am Album „Ouest Side“ des französischen Rappers Booba eine Platinauszeichnung und streckt danach seine Fühler in Richtung USA aus, um Beats für Künstler auf Eminems Label Shady Records zu produzieren.

Ganz ähnlich m3, der nicht nur Deutschrap-Koryphäen wie Kollegah, Bushido, Haftbefehl oder Sido mit Beats beliefert, sondern auch mit den französischen Größen Sefyu und dem schon erwähnten Booba oder US-Rappern wie Talib Kweliund Ace Hood zusammenarbeitet und 2007 gemeinsam mit Azad die Titelmusik zur RTL-Erfolgsserie „Prison Break“ beisteuert. Sein Kollege Farhot teilt sich derweil mit Nneka, Haftbefehl und Talib Kweli, aber auch Culcha Candela, den Fantastischen Vier und Fettes Brot das Studio.

Erst im Sommer 2010 tut sich auch in Sachen Rap wieder was. Nämlich dann, als plötzlich mit dem Song „Waffenfreiezone“ jemand aus dem Hamburger Karoviertel auf der Bildfläche erscheint, der das eintönige Straßenrap-Vokabular der immer gleichen Schilderungen über den Alltag in den Problembezirken um neue musikalische und inhaltliche Ansätze anreichert. Sein Name: Nate 57. Zwar rappt auch er über Waffen, Sex und Drogen – aber eben anders. Das über das Label Rattos Locos veröffentlichte Mixtape „Stress auf dem Kiez“ erreicht aus dem Stand Platz 37 in den deutschen Charts.

Gzuz ist bekanntestes Mitglied der 187 Straßenbande | Foto: Bobby Analog

Gzuz ist bekanntestes Mitglied der 187 Strassenbande | Foto: Bobby Analog

Im Jahr darauf macht erneut ein Hamburger von sich reden. Nachdem Marteria und Casper das darbende Genre Deutschrap wiederbelebt haben, ist auch Platz für eine ganze Reihe junger Talente. Eines davon heißt Ahzumjot. Sein Debütalbum „Monty“ ist ein mutiger Markt der Möglichkeiten, für den er Spandau Ballet, Cults und Lady Gaga samplet und mit Oldschool-Drums und futuristischen Bässen verschneidet. Das in bester DIY-Manier selbst vertriebene Album, lässt erste Labels aufhorchen, in der Folge spielt Ahzumjot Touren mit Cro und Rockstah, begleitet Casper live und wird als eines der nächsten großen Dinger gehandelt.

 

 

Und es hört nicht auf: 2014 hat sich auch Straßenrap von seinem Tief erholt und einer der Gründe dafür ist Kalim, dessen „Sechs Kronen“-Mixtape eine gekonnte Verbeugung vor dem US-Gangsterrap der 90er ist. Ungefähr zur gleichen Zeit, macht sich der linkspolitisch sozialisierte Disarstar auf seiner EP „Tausend in einem“ und dem anschließenden Debütalbum „Kontraste“ Gedanken über das gesellschaftliche Ungleichgewicht und die Rapperin Haiyti kommt mit einem Sound um die Ecke, der Kiezkneipenromantik und zeitgeistige Beats zu einer gänzlichen eigenen Melange verbindet.

Und dann ist da schließlich auch noch die 187 Strassenbande. Lange unter dem Radar geflogen und als asoziale Unterschichtenmusik von Kleinkriminellen abgetan, steigen die beiden Mitglieder Gzuz und Bonez MC 2014 mit ihrem gemeinsamen Album „High & Hungrig“ zum ersten Mal in den Charts ein und setzen diese Erfolgssträhne auch mit der anschließenden Veröffentlichung „Obststand“ von LX & Maxwell fort. Warum? Weil die Strassenbande sich einen Dreck darum schert, was im HipHop gerade wie gemacht werden muss. Sie erinnern mit ihrem ganz eigenen Humor an den vollkommen überdrehten Vibe der frühen Jahre von Aggro Berlin, aber halten in beinahe jedem Song auch die Fahne für Hamburg hoch.

Vermutlich einer der Gründe, warum die Beginner sich für „Ahnma“, die erste Single ihres Comebackalbums „Advanced Chemistry“ neben Gentleman auch Gzuz als Feature geholt haben. Die Proteste der Fans waren groß, allerorts machte sich Unverständnis darüber breit, dass die Beginner plötzlich gemeinsame Sache mit den bösen Straßenrappern machen – aber der gemeinsame Song zeigt, was HipHop aus Hamburg 2016 heißt: Er ist immer noch da und vor allem auch so vielschichtig wie nie zuvor.


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Foto: Jens Oellermann

Der Autor Jan Wehn ist Gründer des HipHop-Onlinemagazins ALL GOOD. Davor war er Autor für Juice sowie Kolumnist und Redakteur bei Spex und De:Bug. 2013 und 2015 wurde er mit dem Rocco-Clein-Preis für Musikjournalismus ausgezeichnet


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Vakil-Mai: „Ich kann einfach nicht weggucken“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Vakil-Mai begegnet.

Protokoll: Kevin Goonewardena

 

„Ich bin ein Kriegskind, Themen wie Menschen, Umwelt und Krieg haben mich immer zutiefst berührt. Meine Welt hatte nie etwas mit Vertrauen zu tun. Ich hatte immer das Gefühl, ich sei daran mit Schuld. Es hat sehr lange gedauert, bis ich gelernt habe, mit diesem Thema und diesen Fragen anders umzugehen. Besonders an Tagen wie dem 9. November merke ich immer wieder, wie sehr mich die Geschichte berührt. Auch deswegen zieht sich dieser Blick nach links und rechts und das politische Engagement wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich kann einfach nicht weggucken und weghören.

 

Millionen Bilder im Kopf

 

Ich bin blind, wodurch mir die visuelle Welt doch überwiegend verschlossen ist, und die akustische Welt ist oft nicht einfach. Es ist alles sehr laut und gerät durcheinander. Seit gut 20 Jahren habe ich nun eine sogenannte Makuladegeneration. Bei mir löst sich die Netzhaut von innen nach außen. Ich kann nur noch Punkte abscannen, wenn sich etwas nicht bewegt, je nach Lichteinfall oder wenn etwas kontrastreich ist, kann ich ein bisschen mehr wahrnehmen. Aber ich kann nichts identifizieren. Die Millionen Bilder, die ich im Kopf habe, helfen mir, mir eine Vorstellung von dem zu machen, was ich nicht sehe. Darüber hinaus versuche ich auch am Ball zu bleiben, so gut es geht, ich bin bis vor Corona beispielsweise in verschiedenen Arbeitsgruppen aktiv gewesen und ich habe viel Kontakt mit Leuten von Fridays for Future, mit Hanseatic Help, teile gerne mein Netzwerk und gebe Erfahrungen weiter.

 

„Als Einzelhandelskauffrau war ich kreuzunglücklich“

 

Nach der Schule habe ich eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau gemacht. Damals in den 1960er-Jahren war es noch üblich, einen Beruf zu lernen und den dann bis zur Pensionierung durchzuziehen. Als Einzelhandelskauffrau war ich kreuzunglücklich. Ich habe mich parallel immer engagiert und zum Beispiel mit anderen das Kinderhaus Heinrichstraße aufgebaut. Irgendwann hat mich eine Freundin gefragt: ‚Warum arbeitest du eigentlich im Büro? Das ist doch gar nicht dein Ding, wieso gehst du nicht in Richtung Kinder und Jugendliche?‘ Das war der Anstoß, überhaupt erstmal in eine andere Richtung zu denken. Ich habe dann als ihre Kollegin völlig ungelernt in den Alsterdorfer Anstalten angefangen. Später habe ich als Heilerziehungspflegerin in der Psychiatrie gearbeitet.

 

Nepal und Nicaragua

 

1985 hat es mich dann weggezogen aus Deutschland. Ich habe meinen Besitz verschenkt und bin nach Nepal, um dort zu arbeiten. In diesem Moment hatte ich immer das Bild einer Schale vor Augen gefüllt mit allem, was meine westliche Kultur ausmacht. Bevor ich mich auf fremde Kulturen einlasse, bin ich in ein Kloster gegangen und habe diese Schale in meinem Kopf geleert. Erst dann war ich in der Lage, die neue Kultur zu verstehen. Nach einem halben Jahr bin ich zurück nach Hamburg und habe mich hier einer Gruppe aus Leuten aus Nicaragua angeschlossen. Weil ich unglaublich viel Lust auf Arbeit hatte, war innerhalb von zwei Monaten klar: Ich gehe nach Nicaragua und habe mich so 1986 einer sogenannten Brigade angeschlossen. Mein politisches Engagement hat mir geholfen, so zu arbeiten, wie ich es mir vorstellte. Das habe ich nicht immer tun können.“


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Crazy Horst: Der faire Mann vom Kiez

Seit 1974 betreibt Horst Schleich, 76, die Bar Crazy Horst auf St. Pauli. Er war mit Domenica befreundet, ist eng mit Ulrich Tukur, hatte Gäste von Drafi Deutscher bis Brad Pitt. Ein Gespräch über Sanktpaulianismus und das Leben im Hier und Jetzt

Inteview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Horst, du wolltest als Kind evangelischer Pfarrer werden. Heute bist du die Kiezlegende Crazy Horst. Was war da los?

Horst Schleich: Ich habe seit meinem 13. Lebensjahr die Ferien bei meiner Tante in Hamburg verbracht. Das erste Mal Hamburg war wie ein Urknall. Nicht so wie im Dorf, wo man die Jalousien hochgemacht hat, damit der Nachbar nicht denkt, man würde am Sonntag bis halb neun schlafen. Das hat mich dann mehr interessiert als die Theologie. 1966, mit 22, nach der Bundeswehr, bin ich endgültig hergezogen. Meine Tante hat mich mit offenen Armen aufgenommen.

Wie kamst du in die Gastronomie?

Ich war zuerst Staubsauger-, dann Getränkeautomatenvertreter. Irgendwann bin ich zu Karstadt, wo mich Hoover als Waschmaschinenverkäufer abgeworben hat. Da habe ich im ersten Monat 8.000 Mark verdient. Bei 100 Mark Miete. Anfang der 70er wurde mir die Hafenarbeiterkneipe. „Kiek Ut“ („Guck raus“ auf Plattdeutsch; Anm. d. Red.) angeboten. Da gab es jeden Morgen Aufrufe im Radio: „Wir brauchen 3.000 Hafenarbeiter.“ Die haben die Nacht bei mir gepennt in der Kneipe, sind zum Hafen, haben gearbeitet, sind zurückgekommen und haben ihren Zettel gezahlt. Wunderschöne Zeit mit herzlichen Menschen. 1974 war ich schon in der Otzenstraße als Crazy Horst. Da hat mich aber der Name der Straße gestört. Dann habe ich in die Hein-Hoyer-Straße gewechselt. Und da bin ich bis heute.

 

Den Kiez geprägt

 

Du hast ja auch das legendäre Molotow eröffnet.

Beim Vorbesitzer war es eine Schlagerdisco. Das lief nicht. Dann wurde es mir angeboten. Ich habe von Bookern ein Konzept entwickeln lassen. Das hat vom ersten Moment an geballert. Wir haben Punk gespielt. Ich wusste, wie man Punk schreibt, aber nicht, was es ist. Ich musste lernen, was Pogo ist. Ich habe meine Security gerufen, wenn die ins Publikum gesprungen sind: „Guckt mal, die hauen sich.“ Da haben die gesagt: „Nee, Alter, das macht man so.“ Das war 1989. Wir haben auch die ersten SM-Partys in Deutschland veranstaltet. Da kamen sie aus ganz Europa. Und ich mittendrin in Lederklamotten für 1.000 Mark, völlig fehl am Platz. SM ist Liebe. Wussten alle da. Nur ich nicht.

Du bist, wenn man so will, der Letzte deiner Art.

Der Letzte und der Längste. Zuerst waren hier Jugendliche, die wir um 22 Uhr rausgeschmissen haben. Dann kamen die Zuhälter. Da war das ganze Haus voll mit den Jungs. Stefan Hentschel wohnte hier. Das war der mit dem ausgestochenen Auge. Der hat vor laufender Kamera mal einen niedergeboxt. „Hast’n Problem?“ War ein Hit auf Youtube. Peinlich. Eigentlich war das ein ganz liebenswerter Mensch. Domenica hat auch hier gewohnt. Mit der war ich sieben Jahre ganz gut befreundet. Also, befreundet. Und sonst nichts. Wir haben ganz viel zusammen gemacht. Ich habe sie begleitet, als sie ihr Lokal am Fischmarkt eröffnete. Aber sie war halt keine Geschäftsfrau. Aber ein Riesenherz. Größer als der Busen.

Hast du heute noch Kontakt zu Kiezgrößen?

Ja, zum schönen Klaus zum Beispiel. Mit dem haben wir neulich was gedreht zu Kiezprominenz. Klar, ich kenne die ja alle. Aber die sind halt alle alt und haben kein Geld mehr. Ich kenne einen einzigen von den Früheren, der noch Geld hat. Und der ist an die 90. Der macht nicht mehr viel.

 

Der Schlichter

 

Du galtst und giltst ja als der faire Mann vom Kiez.

Ja, ich habe immer bei Streitereien geschlichtet. Und als in den 80ern die Pinzner-Mordserie auf dem Kiez war, haben sich die Insider immer hier in der Bar getroffen, um ungestört zu reden. Ich wusste da einiges drüber. Und hier vorne war ein Pfandhaus. Wenn einer diskret Schmuck versetzen wollte, habe ich das für ihn gemacht. Der Ruf hängt mir heute noch an.

In welchem Jahrzehnt waren die Partys am besten?

Die waren immer anders. Ich war mal mit Domenica bei der Schauspielerin Inge Meysel. Und die hat gesagt: „Gestern ist vorbei. Heute lebe ich. Und morgen macht der liebe Gott.“ Da hat sie recht gehabt. Ich hänge nicht dem Vergangenen hinterher. Ich kümmere mich ein wenig um die Zukunft, aber ich lebe jetzt. Und dann geh ich aus der Tür und mir schmeißt einer einen Blumentopf auf den Kopf. Das ist mir wirklich mal passiert. Hat aber zum Glück nicht getroffen.

Was bedeutet St. Pauli für dich?

Ich denke sanktpaulianisch. Die Gesetze von damals habe ich heute noch drin. Wenn du eine Frau hast, dann schlaf ich nicht mit der. Man verpetzt keinen. Man ruft die Polizei erst dann, wenn es ums Leben geht. Ich sage immer: „Ich komme aus der Nähe von Kassel. Das ist meine Heimat. Auf St. Pauli bin ich zu Hause.“

 

Der Kiez heute

 

Die Veränderungen auf St. Pauli sind ein großes Thema. Was sagst du dazu?

Ich war 15 Jahre im Sanierungsbeirat. Wir waren zuständig, die Gentrifizierung zu verhindern, aber das haben wir nicht geschafft. Als ich Mitte der 70er hergezogen bin, hat meine Viereinhalbzimmer-Wohnung 307 Mark gekostet. Und als ich ausgezogen bin, nach 30 Jahren, 1.190 Euro. Die Wohnung über mir hat zu Beginn meiner Zeit hier 40.000 D-Mark gekostet. Die Nachfolgerin hat jetzt 225.000 Euro dafür bezahlt. Für 46 Quadratmeter.

Was war für dich die größte Bausünde auf St. Pauli?

Die größte Sünde waren die Essohäuser. Da mussten 2013 alle raus wegen Einsturzgefahr, mitten in der Vorweihnachtszeit. Bewohner, Bars und Clubs, unter anderem auch das Molotow.

Der Besitzer, die Bayerische Hausbau, hatte da ja alles Mögliche versprochen.

Ja, Beteiligungsprozesse von Bürgern und so weiter. Da gibt es ja auch die Planbude, aber da wurde nichts erreicht. Da ist bis heute nichts passiert. Das Molotow dürfte zurück. Für 30.000 Euro Miete im Monat. Das geht ja gar nicht.

Man kann sagen, dass dir nach 40 Jahren St. Pauli nichts Menschliches fremd ist. Bleibt bei so viel Realismus noch Platz für Spiritualität?

Ja, da bin ich ganz schlimm drin. Als 1983 meine Oma gestorben ist, hatte ich ein Jahr oder länger mit der Trauer zu tun. Wenn ein Bild von der Wand fiel, dachte ich, das wäre sie. Und als ich auf Mallorca war, hat mich ein Hypnotiseur verfolgt bis hierher, weil ich so empfänglich bin. Der wollte mich als Medium mit auf Tournee nehmen. Ich habe in Trance Zitronen gegessen und dachte, es wäre eine Apfelsine. So überm Stuhl gehangen als schwebende Jungfrau. Mit mir geht so was wunderbar.

 

Die Folgen der Pandemie

 

Du hattest seit den 70ern fast durchgehend Barbetrieb. Dann kam der Lockdown. Hast du dich isoliert gefühlt?

Nein. Ich bin allein, aber nicht einsam. Ich hab ganz engen Kontakt zu meinem Bruder. Der lebt in Köln und war da im Entwicklungshilfeministerium Direktor. Schwägerin auch. Die haben auch noch eine Tochter, die ist auch schon wieder 40. Und die Schwester meiner Mutter, die ist so alt wie ich. Oder zwei Jahre älter. Die lebt noch. Und da telefonieren wir auch die ganze Woche hin und her.

Was sagst du zu den Corona-Maßnahmen in der Gegend mit ihren Regelungen, die sich von Straße zu Straße ändern?

Das ist gequirlte Scheiße. Keiner blickt da durch. Ich kenne ja auch die Leute. Ich kenne den Andy Grote. Und den Platzbecker, den Abgeordneten für unseren Bezirk. Ich krieg da keine richtige Auskunft. Herr Tschentscher ist ja jetzt ein büschen merkelhaft. Immer schön abwarten. Und gleichzeitig gnadenlos.

Du hast vermutlich einen unerschöpflichen Fundus an Anekdoten. Gibst du eine zum Besten?

In den 80ern wurde zur Umsatzsteuer die Getränkesteuer als Steuer obendrauf in Hamburg eingeführt. Da gab es eine Demo dagegen. Ich bin kein Typ für Demos. Ich bin da nicht hingegangen. Aber ich habe gesagt: „Nach der Demo machen wir geschlossene Gesellschaft bei Crazy Horst.“ Domenica war auch eingeladen und kam in einem Nerzmantel. Mit nichts drunter. Den hat sie dann aufgemacht, und das war ein Auftritt, den keiner erwartet hatte. Sensationell.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Juli 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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„Das hat Hamburg noch nicht gesehen!“

Das erste internationale Spielbudenplatzfestival lockt im Juli mit Straßentheater auf den Kiez. Initiator und Schmidts Tivoli-Geschäftsführer Corny Littmann knüpft damit an die Historie des Platzes auf St. Pauli an

Text: Sören Ingwersen

 

Corny, seit wann schlummert die Idee in deinem Kopf, ein Spielbuden Festival auf die Beine zu stellen?

Die Idee, Straßentheater in Form eines Festivals auf dem Spielbudenplatz zu veranstalten, ist schon sehr alt. Wir haben ja vor etwa 15 Jahren schon mal eines gemacht, da war der Spielbudenplatz noch eine Sandfläche. Nur stellte sich immer die Frage, wie so etwas überhaupt organisatorisch und finanziell gestemmt werden kann.

Es gibt doch die Spielbudenplatz Betreibergesellschaft …

Diese Gesellschaft führt mit knapp 30 Angestellten tatsächlich alle Veranstaltungen auf dem Spielbudenplatz durch, bei denen aber kein Eintritt erhoben werden darf. Das ist ein schönes Ansinnen, aber welcher Künstler kommt schon ohne Gage nach Hamburg?

Vor über zwei Jahren habe ich meine Stiftung gegründet, die jetzt 100.000 Euro für das Festival zur Verfügung stellt. Für die notwendigen organisatorischen Corona-Maßnahmen unterstützt uns die Stadt zusätzlich mit 30.000 Euro.

Heißt das, Künstler, die sonst im Schmidt Theater und im Schmidts Tivoli auftreten, sind jetzt auf dem Spielbudenplatz zu erleben?

Im Gegenteil. Straßentheater ist eine ganz eigene Kunstform. Es wird für die Straße konzipiert und kann in der Regel auch nur dort stattfinden. Unser künstlerischer Leiter Bernd Busch ist selbst ein sehr erfahrener Straßentheaterkünstler mit vielen Kontakten zu Kollegen im In- und Ausland, die er für unser Festival gewinnen konnte. Insgesamt treten 25 Künstler und Gruppen auf, die – mit Ausnahme von „Die Buschs“ – in Hamburg noch nie zu sehen waren.

Kannst du ein paar Namen nennen?

Ein herausragendes Beispiel ist die spanische Gruppe Cia la Tal, deren Bühne ein aufgeklappter Lkw ist. Diese Mischung aus visuellem Theater, Magie und Clownerie ist der schiere Wahnsinn. Das hat Hamburg in der Form noch nicht gesehen!

 

Die Schaubude

 

Im Zentrum des Festivals steht eine Schaubude. Da denken viele jetzt wahrscheinlich an eine Unterhaltungssendung im Fernsehen. Die hat damit aber nichts zu tun … 

Einige erinnern sich vielleicht noch an die Schaubuden auf dem Dom vor zuletzt zehn oder fünfzehn Jahren. Da preist ein Ausrufer Kuriositäten an, wie „Die Frau ohne Unterleib“, und lockt das Publikum für ein 20-minütiges Programm in ein kleines Theater mit Holzbänken. Diese Schaubuden waren früher auf allen Volksfesten vertreten. Heute ist die Schaubude von Dominik Schmitz die letzter ihrer Art in Deutschland. Sie wurde übrigens in Elmshorn von der Firma Köhler Fahrzeugbau gefertigt und bietet normalerweise Platz für rund 150 Zuschauer. Neben der Kuriositäten-Show laufen dort auch andere gemischte Programme.

Corny Littmann wurde bundesweit bekannt durch die Schmidt Mitternachtsshow in den frühen Neunzigern; Foto: Stefan Malzkorn

Corny Littmann wurde bundesweit durch die Schmidt Mitternachtsshow in den frühen Neunzigern bekannt (Foto: Stefan Malzkorn)

Ein dunkles Kapitel der Schaubuden waren ja die sogenannten Freakshows, in denen Menschen mit körperlichen Fehlbildungen den voyeuristischen Blicken der Zuschauenden dargeboten wurden. Muss man sich Sorgen machen, wenn bei euch Sensationen wie „Die Spinnenfrau“ oder „Die Frau ohne Kopf“ angekündigt werden?

Überhaupt nicht. Das sind ja alles nur Tricks. Es gibt keine Freakshow oder kleinwüchsigen Menschen, die zur Schau gestellt werden.

Wollen wir kurz über das leidige Thema Corona sprechen?

Der Ablauf wird von uns unter den heutigen Bedingungen vorbereitet. Wir erwarten, dass wir zu einem bestimmten Zeitpunkt nur eine bestimmte Menge von Menschen auf dem Platz zulassen können. Es wird also Tickets mit einem wohl dreistündigen Zeitfenster für den Ein- und Auslass geben. Die können vorab kostenlos über das Internet erworben werden. So bekommt man im Verbund mit einem Corona-Schnelltest – etwa von „Corona Freepass“ nebenan – Zugang zum Platz. Anfang Juli wird das alles definitiv festgelegt und unter www.spielbudenfestival.de kommuniziert.

Für Essen und Trinken ist sicher auch gesorgt …

Dafür ist die Betreibergesellschaft zuständig.

Eigentlich sollte die Festival-Premiere ja schon im letzten Jahr stattfinden, musste aber wegen Corona verschoben werben. Konnte das Programm trotzdem beibehalten werden?

Fast alle Künstler, die wir im letzten Jahr dabei haben wollten, werden auch dieses Jahr dabei sein.

 

Viele Highlights

 

Auf welche Künstler können wir uns denn noch freuen?

Auf die klassische Seiltänzerin Silea aus Berlin und einen irischen Straßenclown: Shiva Grings. Der ist einfach toll, weil seine Programme vollständig improvisiert sind. Jede Show ist anders und hängt von der Reaktion des Publikums ab. Es gibt eine Clowns-Frau mit dem schönen Namen Anna de Lirium und „Das kleinste Varieté der Welt“ mit normalerweise nur vier bis sechs Zuschauern im Zelt und einer sehr witzigen zehnminütigen Show. Wir überlegen noch, wie wir das unter den Corona-Bedingungen anbieten können.

Außerdem wird Roc Roc-it bei uns auftreten. Er ist der Punk unter den Straßenkünstlern, spielt viel mit Feuer, spickt sein Gesicht mit Wäscheklammern und durchsticht sich die Wangen. Das ist ein total schräger und ausgeflippter Typ.

Eine Puppenspielerin und ein Papierreißer stehen auch in der Ankündigung … 

Wir haben darauf geachtet, dass möglichst viele Künstler eine Verbindung zur Tradition herstellen. Das Papierreißen ist ja eine sehr alte Kunstform. So wollen wir auch an die Geschichte des Spielbudenplatzes anknüpfen, wo es solche Attraktionen in Spielbuden ja schon vor über 200 Jahren gab. Hagenbeck hat mit einer Show mit Seehunden dort angefangen.

Außerdem gibt es in Hamburg seit den 1970er-Jahren das „Alstervergnügen“, das anfangs eines der größten Straßentheaterfestivals in Deutschland war. Heute ist nur noch die Gastronomie übrig geblieben. Diese Traditionen wollen wir wiederbeleben.

Macht ihr den historischen Bezug für die Besucher auch transparent?

In der Konzeption für das letzte Jahr war das vorgesehen. Da hatten wir schon mit Mitarbeiterinnen des Sankt Pauli Museums gesprochen, die uns Stellwände zur Verfügung stellen wollten, auf denen die Geschichte des Platzes dargestellt wird. Nun gibt es das Museum leider nicht mehr, und unsere kleine Mannschaft wäre mit einer solchen Dokumentation überfordert. Ich hoffe aber, dass wir diese Idee in einem der nächsten Festivals wieder aufgreifen können.

Das heißt, es wird noch weitere Spielbudenplatzfestivals geben?

So ist die Planung. Wir treten jetzt mit der Stiftung sozusagen in Vorleistung und hoffen auf so viel positive Resonanz, dass wir für das nächste Jahr verschiedene Unternehmen oder private Sponsoren gewinnen können, die die Finanzierung übernehmen.

Spielbudenfestival: 23.–25. Juli 2021


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Netflix für die Ohren: Das Hörspiel „Head Money“

Das Hörspiel „Head Money“ des Hamburger Verlags „Lausch Medien“ verhandelt die sozialen Verwerfungen unserer Zeit. Ein Gespräch mit Verlagschef, Autor und Sprecher Günter Merlau über Kunst als Gesellschaftsinkubator und die Vorzüge des Hörspiels

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Man stelle sich vor: 100 Milliarden Dollar für den Kopf eines Milliardärs – wortwörtlich. So viel ruft die anonyme Organisation „Janus“ für die Ermordung eines OPEC-Generalsekretärs aus. Anfangs halten Politik und Medien die Aktion für einen makabren Streich. Ist es aber nicht, wie nach einer pulpigen Szene in der Elbphilharmonie klar wird.

Günter Merlau entwirft in „Head Money“ eine Dystopie, die eines der drastischeren unter den möglichen Zukunftsszenarien durchdekliniert. Dafür baut er verschiedene Handlungsstränge auf : Ein EU-Abgeordneter, der gegen die globale Steuerflucht kämpft, muss sich in Norwegen seiner linksradikalen Vergangenheit stellen. Eine Gaming-Bloggerin und ein LKA-Beamter kommen einer Verschwörung auf die Schliche. In Nigeria findet eine Polizistin die Spuren von „Janus“.

Das klingt nach Netflix und Co. Kein Zufall: Zur Zielgruppe gehören Fans von Serien wie „House of Cards“, „Homeland“ und „Westworld“. Merlau weiß den Unterhaltungsfaktor – inklusive Zuspitzungen und (manchmal über-) dramatischer Geräuschkulisse – mit politischem Anspruch zu verknüpfen. Die im Kopf entstehende Bilderwelt ist dank der hervorragenden Sprecher – darunter Rolf Becker und Dayan Kodua – reich und farbenprächtig. Die erste Staffel mit sechs Folgen ist seit dem 21. Februar auf dem Markt. Die Fortsetzung der auf drei Staffeln angelegten Serie soll ein halbes Jahr später folgen. Man darf gespannt sein.

 

SZENE HAMBURG: Herr Merlau, finden Sie es legitim, einem Milliardär den Kopf abzuschneiden?

Günter Merlau: Das ist die große Frage, mit der sich die Serie beschäftigt: Darf ein Zweck die Mittel heiligen? Als ich für die Recherche bei einem linksradikalen Wirtschaftsblatt in Berlin saß, haben sich zwei Redakteure gestritten, als ich sie nach ihrer Bewertung des Szenarios fragte. Der eine sagte, daraus könne nichts Gutes entstehen. Die andere sagte, jede Revolution habe blutig begonnen, deswegen könne sie sich vorstellen, dass ein solches Szenario auch positive Effekte hätte. Die meisten ordnen sich wohl irgendwo zwischen „absolut nein“ und „absolut ja“ ein.

 

„Wer mehr als 100 Millionen Euro für sich nutzt, ist ein Verbrecher“

Günter Merlau

 

Sie geben in der Serie sehr vielen Milieus Raum: von den Linksradikalen bis zu den Rechtsradikalen inklusive antisemitischer Kapitalismuskritik, bis hin zu den normalen Durchschnittsbürgern, den Konservativen und den Linksliberalen. Wo positionieren Sie sich?

Ich halte jemanden, der über 100 Millionen Euro für sich beansprucht, für einen Verbrecher. Man kann sicherlich unterscheiden zwischen Leuten, die Kapital und Vermögensinhalte verwalten, und Unternehmern, die nachhaltig Produktionsmittel und Arbeitsplätze schaffen. Grundsätzlich halte ich es aber für falsch, so viele Ressourcen an eine einzelne Person zu binden.

Das heißt, Sie sind auch für eine Reichensteuer, wie die von Ihnen gesprochene Figur des Politikers Alexander Schachat?

Ja, allerdings gibt es zahlreiche Details, und da liegt der Teufel begraben. Es gibt verschiedene Konzepte, momentan wird auch wieder die Transaktionssteuer verstärkt diskutiert, nachdem sie lange brach lag. Ich finde es wichtig, dass Derivate und der gesamte Aktienhandel endlich mal besteuert werden. Das kann doch alles nicht wahr sein – auch diese ganze Cum-Ex-Geschichte.

Das Thema Cum-Ex hatten wir gerade in Hamburg, als im Zusammenhang mit der privaten Warburg Bank der SPD politische Einflussnahme vorgeworfen wurde. Den meisten Bürgern schien das aber egal zu sein, obwohl sie die fehlenden Steuergelder zu spüren bekommen. Warum?

Weil es so weit weg ist. Man guckt dann doch lieber den Mercedes an, der durch die Straßen fährt, oder den Migranten, der einem angeblich „die Arbeit wegnimmt“, was natürlich nicht stimmt. Die 0,1 Prozent der Superreichen sind zu weit weg und der Abstraktionsgrad ist zu hoch, deswegen will man sich nicht weiter damit beschäftigen.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass Politiker wie Sven Giegold das tun. Er kämpft seit neun Jahren im Europaparlament gegen Steuerflucht und dafür, dass die Finanztransaktionssteuer durchgesetzt wird.

Cover-HeadMoneyIst Alexander Schachat nach Giegold konzipiert?

Ja. Ich habe Giegold für meine Recherchen interviewt. Natürlich habe ich vieles geändert, aber er ist eine Art Role Model für Schachat. Ich muss ihn allerdings ganz klar freisprechen von einer Nähe zum Szenario im Hörspiel. Er ist ein sehr menschenfreundlicher Geselle und sagt ganz klar: Wenn wir den Rechtsstaat verlassen, dann ist alles verloren.

Schachat ist ein ehemaliger Linksradikaler, der regierungsfähig geworden ist…

…und mit den Zwängen und der Realität in einer Art konfrontiert wird, wie wir es bei allen gesehen haben – von Joschka Fischer bis zu Otto Schily. In meinen Augen ist er ein weiser Politiker – also jemand, der führungsfähig ist, nicht herumwütet, die Probleme und die notwendigen Kompromisse auf dem Lösungsweg nicht wegleugnet. Jemand, der sich der Verantwortung nicht entzieht und der nicht so tut, als könnte man die Probleme der Welt mit Molotow-Cocktails wegbomben. Eine Gesellschaft besteht nun einmal aus vielen Teilen und sie braucht Staatsmänner, die integrativ sind und verbinden.

Neben Giegold haben Sie für Ihre Recherchen mit Experten wie Tom Strohschneider und Benedikt Strunz gesprochen und sich von NGOs wie Oxfam, Attac und Sea Shepherds beinflussen lassen. Warum haben Sie nicht mit Konservativen geredet?

Das ist eine kleine Lücke. Ich habe das nicht im Rahmen der Recherchen getan, allerdings vorher schon für andere Projekte und mich daran auch beim Schreiben bedient. Ich setze mich intensiv mit internationaler Politik auseinander, auch in verschiedenen Medien, so bekomme ich etwas von allen Stimmen aus den verschiedenen Meinungsmilieus mit. Es gibt viele tolle konservative Politiker und Unternehmer, die ich schätze.

Ich bin ja selbst ein Unternehmer. Ich lebe selbst in einem ambivalenten Spannungsfeld. Meine Mitarbeiter werden sich kein Häuschen in Hamburg leisten können mit dem Geld, das sie bei mir verdienen. Ich habe meinen Wohlstand nur durch die „Ausbeutung“ von Mitarbeitern bekommen. „Ausbeutung“ im Sinne von: Ich habe ihre Arbeitskraft genutzt, um Kapital zu vermehren. Die eigene Arbeit allein kann niemals Reichtum erzielen.

Wie würden Sie reagieren, wenn verstärkte Steuererhöhungen Ihre Einkommensklasse beträfen?

Ich habe nichts dagegen, viele Steuern zu zahlen. Ich zahle tatsächlich den Spitzensteuersatz. Es ist nicht ungerecht, dass man als wohlhabender Mensch viel abgeben muss, es ist ungerecht, dass Multimilliardäre nur ein Prozent oder weniger Steuern zahlen. Wenn die Steuerflucht der Konzerne nicht eingedämmt wird, ist das falsch – sieben bis acht Milliarden Euro pro Jahr sind ja die Regel.

Keine Angst vor Einschränkungen Ihres Lebensstils?

Ich lebe bescheiden, ich habe kein Problem damit. Aber ich möchte dann auch vom Staat sichergestellt bekommen, dass ich im Alter existieren kann. Es kann doch nicht sein, dass ich mein Leben lang hohe Steuern zahle und trotzdem in Altersarmut ende. Das gilt ja nicht nur für mich: Zumal die Leute in Deutschland viel weniger absicherndes Eigentum haben als zum Beispiel in Portugal. In Hamburg kann sich kaum einer ein Haus leisten. Das ist doch scheiße! Ein vernünftiges Sozialsystem kann es nur mit den Milliarden der Superreichen geben.

Kann man Millionär oder sogar Milliardär und trotzdem links sein?

Waren Buffett gilt ja als Paradebeispiel für jemanden, der sich seiner Position sehr bewusst ist. Es gibt unter den 0,01 Prozent der Reichsten durchaus Bestrebungen, das eigene Vermögen für die Gesellschaft einzusetzen.

Es gibt auch Kritik an der Charity der Milliardäre.

Das stimmt, man kann alles kritisieren. Ich finde trotzdem, dass man schwerreich und links sein kann. Wenn ein Milliardär seine Ressourcen der Gesellschaft zur Verfügung stellt, finde ich das richtig.

 

 

Sie sagten, Themen wie Steuerflucht seien zu abstrakt für die meisten Menschen. Es gibt eine Szene, in der Alexander Schachat auf einer Pressekonferenz erklärt, wie die Steuerflucht der Multimilliardäre und der Konzerne funktioniert. Ist das Ihre Intention: Aufklärung im Unterhaltungsmedium?

Absolut. Ich will mich näher an die Finanztransaktionssteuer wagen. Im besten Fall akklimatisieren sich Hörer mit den Themen, die ja wirklich maßgeblich für die Zukunft der Menschheit sind. Wie gehen wir mit der globalen Steuerflucht und der enormen sozialen Ungleichheit um? Die Ressourcen verschwinden in Kanäle, die keiner mehr beobachten kann – wir brauchen diese Ressourcen aber dringend, um die Klimakatastrophe, Armut und Überbevölkerung zu regeln.

Was sagt das über uns und unsere Medienwelt aus, dass wir uns für derart maßgebliche Themen, die für Milliarden Menschen physisch spürbare Folgen haben, erst interessieren, wenn sie unterhaltsam verpackt sind?

Tja, und was sagt das über mich aus, der solche Medien herstellt? Ich sehe das so: Man muss dahin gehen, wo die Menschen sind – also in die Medien. Wenn man etwas zu sagen hat, muss man mit seinen Inhalten dahin gehen. Vielleicht ist es so einfach. Wie frag- würdig es ist, dass wir so sehr vom Me- dienkonsum geprägt sind, wäre noch- mal ein Thema für eine eigene Serie.

Es gibt eine Szene, in der ein Kreis von Milliardären, darunter Edward Silberstein, auf den später ein Kopfgeld ausgesetzt wird, als betont dekadent und unsympathisch dargestellt wird. Im diesjährigen Oscar-Gewinner „Parasite“ gibt es eine Szene, in der es sinngemäß heißt: „Wie kann jemand, der so reich ist, so freundlich sein?“. Die Antwortet darauf lautet: „Diese Leute sind so freundlich, gerade weil sie reich sind.“ Ist das nicht ein viel stärkeres Bild?

Die Kritik ist absolut berechtigt. Aber ich fange gerade erst an. Ich verfolge eine Entwicklung über drei Stufen. Am Anfang der Serie können sich viele Hörer sehr schnell auf eine Haltung einigen: Die Reichsten der Reichen müssen von ihrem Reichtum abgeben. In der zweiten Staffel wird das eine neue Farbe bekommen. Die anfängliche Verbrüderung gegen „die da oben“ wird weniger eindeutig. Die zweite Staffel wird sich schon deutlich dem System an sich widmen. In der dritten Staffel wird sich jeder Hörer unsicher sein.

Ich spüre auch in mir: Ich bin nicht so eindeutig. Ich bin ein Feld aus konservativen, linksradikalen, rückwärtsgewandten und progressiven Milieus. Es wird nicht moralisch eindeutig, denn es ist so, dass etwas Schlechtes etwas Gutes und das wiederum etwas Schlechtes auslösen kann – das ist das Wesen der Janusköpfigkeit.

Ist das Szenario eigentlich realistisch?

Das ist absolut möglich. Vor einigen Wochen wurden 80 Millionen Dollar auf Donald Trump ausgesetzt. Ich frage mich schon lange, warum es eine solche Situation noch nicht gab. Warum haben die Rechten eine Liste von Journalisten, die sie zum Abschuss freigeben, aber die Linken noch keine Liste von korrupten Milliardären? Ich unterstütze das nicht, aber ich wundere mich.

 

„Die eigene Bilderwelt füllt die Lücken, die das Hörspiel gibt“

Günter Merlau

 

Um noch ein Filmbeispiel zu nennen: Als letztes Jahr „Joker“ in die Kinos kam – in dem es ebenfalls um den sozialen Sprengstoff der ungleichen Verteilung geht –, wurde die ewige Debatte wieder aufgerollt, ob Kunst eine Verantwortung trägt, weil die dargestellte Gewalt Nachahmer anstiften könnte. Haben Sie Angst vor Nachahmern?

Ach, die Leute sollten sich lieber darum kümmern, einander in den sozialen Medien nicht permanent zu beschimpfen und zu Unmenschen zu erklären. Ich sehe das anders. Ich würde sagen: Das ist nicht der Punkt.

Kunst ist ein Inkubator. Wir können in der Kunst gesellschaftliche Simulationen beobachten, studieren und auf unsere Gesellschaft anwenden. Kunst ist so frei wie der Narr am Königshofe. Wenn es diesen Freiraum nicht mehr gibt, wird es schwierig. Ich mache in meiner Kunst, was ich will, verfolge aber ein Aufklärungsmoment, indem ich mich selber bilde und das weitergebe.

Andererseits ist es eine Bestandsaufnahme dessen, was ich mitkriege, und am Ende der Serie wird es durchaus einen konkreten Vorschlag geben, wie es anders sein könnte. Die Kunst ist also in diesem Fall eine Was-wäre-wenn-Maschine.

Man liest im Zusammenhang mit Hörspielen oft von „Netflix für die Ohren“. Was kann ein Hörspiel, was eine Fernsehserie nicht kann?

Grundsätzlich bereitet einem das, was man sieht und was einem mit blauem Licht vermittelt wird, viel mehr Stress. Das Flackerbild ermüdet die Sensorik. Beim Hörspiel ist das anders: Die Bilder werden nicht vorgegeben, deswegen hat das Hören von Geschichten einen ganz anderen psychologischen Effekt.

Dem Hörer wird nichts reingedrückt, er wird in die Geschichte gezogen. Weil seine gesamte Sensorik, seine Bilderwelt die Lücken füllt, die das Hörspiel gibt. Das ist eine echte Interaktion, eine echte Verknüpfung und das hat emotional einen ganz anderen Impact. Ein Teil vom Hörer geht ins Hörspiel, und ein Teil vom Hörspiel geht in den Hörer – so erlebt man die Geschichte gemeinsam.

Die erste Staffel von „Head Money“ ist als CD erhältlich (Lausch Medien, 316 Minuten, 30,99 Euro) sowie digital auf Spotify, Audible, Deezer, Apple Music und YouTube Music


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Zeitreise: Metropolis Kino feiert 40. Jubiläum

Das kommunale Kino ist mehr als ein Leinwandtempel: Es ist ein Ausstellungsraum für Filme, die sonst nicht in Hamburg zu sehen sind. Und das seit 40 Jahren

Text: Maike Schade

 

Es war Mitte der 70er Jahre. Eine Gruppe avantgardistischer Filmemacher aus Hamburg gründete eine Initiative. Das Ziel: ein kommunales Kino, um zum einen das eigene Filmschaffen, vor allem aber auch Filme abseits des Mainstreams – aktuell wie historisch – der Allgemeinheit zugänglich zu machen. „Zunächst wurde das von Seiten der Politik misstrauisch beäugt. Filmemacher, experimentelle noch dazu. Was für ein linker Haufen mochte das sein, und wer weiß, was sie wirklich vorhatten?“, erinnert sich Martin Aust, heute Geschäftsführer des Metropolis Kino.

Es wurde ein exemplarisches Filmprogramm zusammengestellt und gezeigt, verhandelt, geredet – „und plötzlich war das Geld da“. Auch ein Geschäftsführer wurde gefunden: Heiner Roß, damals tätig im Arsenal Kino in Berlin, das mit seinem Programm Vorbild für das Hamburger kommunale Kino war.

 

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Von Anfang an dabei: der heutige Geschäftsführer Martin Aust (Foto: Kinemathek Hamburg)

 

Auch ein Raum für das neue Kino war bereits anvisiert: das (seit 1982 geschlossene) Programmkino Klick auf St. Pauli, in dem die Initiative schon seit Jahren seine Programme gezeigt hatte. „Aus irgendeinem Grund platzte die Vereinbarung aber. Und nun stand das kommunale Kino da: mit Geld, mit einem Plan und einem Geschäftsführer – aber ohne Räume.“ Heiner Roß, so erzählt Martin Aust, hat sich damals auf die Suche gemacht.

Irgendwann landete er im Kino am Dammtor, seinerzeit noch Aktualitäten­ und Neuheitenkino. „Er ging hinein, kaufte eine Eintrittskarte und sah sich einen Film an. Danach kaufte er eine weitere, sah noch einen Film. Und noch einen. Danach ging er zur Kassiererin und sagte: Ich möchte das Kino mieten. Die Kassiererin war konsterniert, fürchtete um ihren Job. Heiner Roß sagte: Sie miete ich mit. Haben Sie keine Sorge. Und er bekam das Kino – und die Kassiererin, Frau Herta Prigge, blieb noch viele Jahre bei uns.“ Zumindest, so Aust, sei das die Geschichte, die Roß erzählte.

Eines ist definitiv eine Tatsache: Mitte Oktober 1979, vor rund 40 Jahren, wurde das Me­tropolis Kino – benannt nach dem gleichnamigen Film von Fritz Lang, der zur Eröffnung ge­zeigt wurde – eingeweiht.

 

 

Martin Aust war von Anfang an dabei. Eher zufällig, wie er heute sagt: „Ich kam als Student nach Hamburg und hatte einen Job beim Filmfest. Da lernte ich Heiner Roß kennen, und er fragte mich, ob ich nicht in dem neuen Kino arbeiten wollte. Klar wollte er. „Ich habe alle möglichen Jobs da gemacht, zum Beispiel die Filmrollen, die tagtäglich am Bahnhof Dammtor per Express ankamen oder losgeschickt werden mussten, mit dem Auto hin-­ und hergefahren.“ Nach und nach war er aber immer mehr in die Programmgestaltung eingebunden, und als der bisherige Programmchef im Jahr 1986 das Kino verließ, bekam er den Job. Seit 2005 ist er Geschäftsführer. Das Programm macht er noch immer.

 

Zeitzeugnisse und Kunst

 

Und das unterscheidet sich fundamental von dem anderer Hamburger Kinos. Denn ein solches im eigentlichen – kommerziellen – Sinne sei das Metropolis nicht, sagt Aust: „Ich sehe uns mehr als Ausstellungsraum für Filme.“ Eine Art Museum, im dem das ansonsten nicht zugängliche Werk Filmschaffender aus über einem Jahrhundert für alle zu sehen ist, vom Stummfilm mit Live­-Musik der 1920er Jahre bis hin zum utopischen Experimentalfilm der Gegenwart, digital, aber auch auf 8, 16 und 35 Millimetern, abgespielt von zwei Filmprojektoren.

Dafür hat das Metropolis Kino ein eigenes Archiv aus mittlerweile rund 5.500 Fil­men, die in einem Keller in St. Georg fachgerecht verwahrt werden. Darunter befindet sich das Belegarchiv der Filmförderung Hamburg Schleswig-­Hol­stein plus eine große Sammlung aus Werken von US-­amerikanischen Exil­-Hamburgern aus den 1940er Jahren, die vor den Nazis nach Amerika geflohen waren – Zeitzeugnisse und Kunst zugleich, wie Aust sagt.

Die Relevanz des kommu­nalen Kinos – oder der Kine­mathek, wie sich der Verein, der Kino und Archiv betreibt, nennt – sei in der Politikaner­ kannt, sagt Aust. Zu zwei Dritteln wird das Kino von der Stadt subventioniert, ein Drit­tel spielt es selbst ein.

Das Pu­blikum sei dabei so bunt wie das Programm. Tendenziell älter, ja, „aber ich bin überzeugt, das wächst nach. Irgendwann ha­ben die Leute genug vom Pop­corn-­Kino und wollen mehr sehen.“ Die Auslastung sei konstant und in Ordnung. Reichen tut das Geld trotzdem nie. „Wir zeigen die Filme ja nur zwei oder drei Mal, und die Ausleihe der Filme kostet manchmal horrend viel Geld.“ Ganz zu schweigen von der nötigen Digitalisierung der Archiv­Schätze – irgend­wann wird das Filmmaterial auf den Rollen mürbe. Und ir­gendwann, auch wenn das lange dauert, ist es unbrauchbar und für immer verloren.

 

Originalzustand der 1950er Jahre

 

Nicht nur die gezeigten Filme entführen in vergangene Zeiten. Auch das Kino selbst: Der Saal ist (bis auf brand-­ und sicherheitstechnische Kleinigkeiten) im Originalzustand der 1950er Jahre. Dabei stand das auf der Kippe, als das Gebäude im Jahr 2008 von Investoren auf­gekauft wurde und abgerissen werden sollte. Doch der Kino­saal wurde unter Denkmal­schutz gestellt und Stuhl für Stuhl, Schraube für Schraube sorgfältig abgebaut, eingela­gert und absolut originalgetreu wieder aufgebaut.

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Im Filmtheater Dammtor fand das Metropolis sein Zuhause (Foto: Kinemathek Hamburg)

Nicht im Erd­geschoss, wie früher, sondern ein Stockwerk tiefer im Keller. Aber dennoch. Der Besuch einer Filmvorführung im Metropolis Kino ist wie eine Zeitreise – in die längst verflogene Vergangenheit, in die jüngere, manchmal auch in die Zukunft. Eine Er­fahrung ist es immer.

Das Jubiläum feiert das Metropolis Kino für die Öf­fentlichkeit (plus den 30. Ge­burtstag des Hamburgischen Filmforschungszentrums Cine­ Graph) ab dem 26. Oktober mit einem vielseitigen Programm, unter anderem mit einer vir­tuellen Reise ins Archiv. Mehr Infos dazu auf der Homepage.

metropoliskino.de


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Das Thalia Theater wird zum „Neverland“

Antú Romero Nunes hat Schauspieler aus neun verschiedenen Nationen zusammengetrommelt, um sie ins „Neverland“ zu führen. Auf der Folie von James Matthew Barries „Peter Pan“ erzählt der Regisseur von einer entwurzelten Generation

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Warum hast du ausge­rechnet einen Stoff, der als Kinderbuch erfolg­reich wurde, als Vorlage für deine Inszenierung „Neverland“ ausgewählt?

Antú Romero Nunes: „Peter Pan“ war ja kein Kinderbuch, sondern ein Stück für Erwachsene, das nach der Uraufführung 24 Spielzeiten auf dem Programm stand. Ich nutze es aber nur als Blaupause, um meine eigene Geschichte zu erzählen mit einer Konstellation von Figuren, die in den letzten hundert Jahren fast schon zu Archetypen geworden sind: Peter Pan, Tinkerbell, Hook und Wendy.

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Von Hamburg demnächst nach Basel: Antú Romero Nunes (Foto: Armin Smailovic)

Worin liegt das Erfolgsgeheimnis von „Peter Pan“?

Es war damals ein totales Novum, so viele Welten in einem Stück unter­zubringen: die Indianerwelt, die Pira­tenwelt, die Waisenkinderwelt. Aber vor allem hat James Matthew Barrie wahnsinnig gute Szenen geschrieben, die in sich so schlüssig und knackig sind, dass man einfach seinen Spaß hat.

Er beschreibt ein sehr bürgerliches Milieu, in dem es zwar viele Regeln gibt, aber auch eine große Entwur­zelung. Das betrifft auch den Autor selbst, der wie Michael Jackson irgend­wann aufgehört hat zu wachsen, wie ein Kind weitergelebt und sich nur noch mit Kindern verstanden hat.

Barrie ist eine sehr rührende Figur, und ich setze ja immer bei der Person des Autors an, wenn ich einen Stoff auf die Bühne bringe.

Inwiefern ist die Entwurzelung auch heute ein Thema?

Wir sind Europäer, aber Europa stiftet keine Identität mehr. Deshalb er­zähle ich die Geschichte eines Mannes, der in der Mitte seines Lebens durch die Welt reist, aber eigentlich nirgends wirklich ankommt und nur darauf wartet, dass die Welt sich auflöst, so wie er selbst.

Dieses apokalyptische Gefühl hat ja auch mit unserer eigenen Leere zu tun. Es gibt keine neuen Inhalte mehr. Die endlose Wiederholung der Geschichte wird auf Dauer langweilig. Wie man innerlich ausbrennt, brennt auch die Welt um einen herum ab.

Wenn du von Entwurzelung sprichst und ich an die „Lost Boys“ aus „Peter Pan“ denke, liegt auch das Flüchtlings­thema auf der Hand …

Darum geht es mir überhaupt nicht. Ich will die Leute nicht aufklären. Po­litik ist keine Sache des Theaters. Sie ist das Ergebnis von menschlichen Zusammenhängen. Also geht es darum, sich im Leben zu positionieren. Man sollte Fragen, warum Menschen so handeln, wie sie handeln. Versuchen wir nicht immer nur, unseren körper­ eigenen Hormonhaushalt optimal aus­ zugleichen? Sind wir konditionierbar?

Oder: Was haben wir mit den Hunden gemeinsam? Warum lassen wir Hunde überhaupt zu? Was machen die mit uns? Und was steckt alles in einer Liebesbeziehung? Wie kann man sie vergleichen mit der Gentrifizierung einer Stadt? Solche Fragen führen zu hochemotionalen Ergebnissen, die zwar nichts beantworten, aber Türen aufmachen. Dann wird Theater intel­ligenter als ich selbst, und ich sage: Toll, jetzt fängt das Biest an zu leben und erzählt mit etwas!

 

„Das Kollektiv ist das Genie“

 

Wie positionierst du dich selbst als Regisseur? Bist du der Peter Pan, der die Zuschauer mit Feenstaub betäubt, um sie anschließend mit ihren Träumen und Ängsten zu konfrontieren?

Es wäre natürlich sehr schön, wenn man sich so sehen könnte. Ich sehe mich aber nicht als Inspirator, sondern sage nur: Hier sind die Türen. Für „Ne­verland“ habe ich – diesmal zusammen mit Anne Haug – auch den Text ge­schrieben, was ich schon häufiger getan, aber nie öffentlich gemacht habe.

Für mich ist nicht der Autor oder Regisseur, sondern das Kollektiv das Genie. Das besteht diesmal aus Schauspielern, die aus vier Theatern und sieben Schau­spielschulen unterschiedlicher Länder kommen und nicht einmal alle richtig Englisch verstehen. Daher geht es uns auch um die Sprache selbst, um ihren Klang und die Verständigungsmöglich­keiten.

Was macht die Erfindung des Leiselesens eines Buches mit deinem Kopf? Wie beschränkt uns die Tat­ sache, dass wir alles nur noch abstrakt begreifen und kaum noch agieren? Diese Fragen werfe ich in die Gruppe und schaue, was sich daraus entwickelt. Wir sind einfach ein Haufen charismatischer Menschen und zapfen uns alle gegenseitig an.

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„Neverland im Thalia Theater (Foto: Krafft Angerer)

Gibt es einen Weg, Neverland zu ver­lassen, um wieder zur eigenen Identität zu finden?

Vielleicht muss man nur begreifen, dass man sich in einem Neverland befindet und dass es Identität gar nicht gibt und sie auch nicht wichtig ist. Oft fragen mich die Leute: Wie lebst du seit sieben Jahren ohne Wohnung? In welcher Sprache denkst du? In welchem deiner drei Länder – in meiner Familie gibt es ja auch Fluchterfahrungen – fühlst du dich am meisten zu Hause?

Ich finde diese Fragen sehr merkwür­dig. Fragt mich doch lieber, was ich gerne esse oder für welches Buch ich mich interessiere.

Aber steht das alles nicht für eine bestimmte Identität?

Nein, das sind alles bewusste Ent­scheidungen. Man weiß doch, dass Menschen sich von einer zur anderen Sekunde komplett neu erfinden und alles hinter sich lassen können.

Das könnte aber auch heißen, dass Identität eben nur temporär ist. Wenn sie ins Wanken gerät und man einen Therapeuten konsultiert, ist die erste Frage: Was bedeutet Ihnen am meis­ten im Leben? Dahinter steht doch die Frage, was einen ausmacht, wohin man sich bewegen möchte.

Mein Vater ist ja Psychoanalytiker, ich bin damit aufgewachsen und arbeite auch ein bisschen so. Natürlich leben wir auf Grundlage bestimmter Voraussetzun­gen. Aber wichtig ist, dass man ständig Entscheidungen trifft. Und die Summe dieser Entscheidungen und Handlun­gen macht einen Menschen aus. Das be­inhaltet allerdings, dass man sehr wohl verantwortlich ist für das, was man tut.

Verantwortung wirst du ab der nächsten Spielzeit in noch größerem Umfang übernehmen. Stichwort: Basel.

Jörg Pohl vom Ensemble des Thalia Theaters und ich werden zusammen mit den Dramaturginnen Anja Dirks und Inga Schonlau Schauspieldirek­toren am Theater Basel. Nach unserem Leitsatz „Das Genie ist das Kollektiv“ wollen wir auch dort alles aus dem Ensemble und aus den Persönlichkeiten der Schauspieler heraus entwickeln.

Thalia Theater: Alstertor (Altstadt), „Neverland“: 12.10. (Premiere), 13.+17.+18.10.


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Top 10 – Was ist los in Eppenhude?

Zwischen trendigen Cafés und mondänen Boutiquen finden sich viele Orte, die man in Eppendorf und Winterhude kennen sollte.

1) Für Kaffeeliebhaber: Elbgold

Das Elbgold ist bei Hamburgern so bekannt wie beliebt. Das Café serviert fair gehandelten Kaffee, der frisch aus der Rösterei in der Schanze geliefert wird. Neben dem Heißgetränk gibt es auch Snacks und süße Leckereien wie Bagels und den Cheesecake.

Eppendorfer Baum 26 (Eppendorf); www.elbgold.com

 

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2) Für Schwedenfans: Frau Larsson

Das schwedische Café beglückt seine Gäste mit einem wechselnden Mittagstisch, und nicht nur die berühmten Fleischbällchen stehen hier auf der Karte. Sondern einiges mehr, was die Heimat von Astrid Lindgren zu bieten hat. Zu vorgerückter Stunde wird hier die Fika eingeläutet, die tradi- tionelle und von den Schweden heißgeliebte Kaffeepause mit Kuchen. Schwedenherz, was willst du mehr?!

Peter-Marquard-Straße 13 (Winterhude); www.fraularsson.de

3) Für Kinder: Bauspielplatz

Mitten im Eppendorfer Park liegt der Baui. Ein Ort, der auf 2.000 Quadratmeter ein Tierhaus, ein Tiergehege und eine Blockhütte beherbergt. Aber auch zwei Container voll mit Kinderfahrzeuge, eine Feuerstelle und einen Bauwagen als Fahrradwerkstatt beherbergt. Neben unterschiedlichen Programmpunkten können sich Kinder hier so richtig austoben.

Frickestraße 1 (Eppendorf); www.baui-eppendorf.de

4) Für Ruhesuchende: Garten der Alma de L’aigle

In dieser kleinen Oase wachsen seit 1888 Apfelbäume und bildschöne Rosen. Gründer des Gartens ist die Familie de l’Aigle. Seit den frühen 1990er-Jahren ist das Areal im Besitz der Stiftung Anscharhöhe und wird von der Stiftung Denkmalpflege Hamburg betreut. Der Park ist öffentlich zugänglich.

Zugang über Lokstedter Weg 102 (Eppendorf)

5) Für Geschichtsinteressierte: Medizinhistorisches Museum

Hier wird die Geschichte der modernen Medizin sichtbar: Zum Beispiel ist der Kampf um sauberes Trinkwasser eng verknüpft mit der Entwicklung der Krankheitsbilder. Die Ausstellung „Aus dem Krieg. Feldpostkarten aus dem Lazarett, 1914-1918“, die am 19.10. eröffnet wird, zeigt Bildpostkarten, die vvon verwundeten Soldaten verfasst wurden. Diese dokumentieren das Leben im Lazarett.

Martinistraße 52 (Eppendorf); www.uke.de

 

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6) Für Kulturinteressierte: Kulturhaus Eppendorf

Das Kulturhaus gibt es seit den späten 80er Jahren. Vom Kabarett über Theater und Konzerten bis hin zu Lesungen bietet diese Stätte regelmäßig an. Darüber hinaus treffen sich hier 40 Kultur-Gruppen um sich auszutauschen.

Julius-Reincke-Stieg 13a (Eppendorf)

7) Für Kabarettfans: Alma Hoppes Lustspielhaus

Das Kabarett-Duo, Jan-Peter Petersen und Nils Loenicker, eröffneten ihr eigenes Kabarett im März 1994. Politische Satire, bissig und ehrlich, kommt hier regelmäßig auf die Bühne. Im Oktober wird „Die Schöne und das Biest“ in einer Comedy-Edition gezeigt.

Ludolfstraße 53 (Eppendorf); www.almahoppe.de

 

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8) Für Naschkatzen: Die Lakritzerie

Lakritz-Liebhaber aufgepasst! Hier findet man internationale Spezialitäten und alles, wofür das Lakritz-Herz schlägt. Zudem bietet die Besitzerin Barbara Matthias auch Pralinen aus deutscher Manufaktur an.

Barmbeker Str. 189 (Winterhude); www.lakritzerie.com

 

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9) Für die gute Einrichtung: Holzconnection

„Möbel nach Maß – für jeden Raum“ – das Motto der Tischlerei seit über 35 Jahren. Statt konformer Massenproduktionen, findet man hier ausschließlich Unikate. Natürlich können auf Wunsch auch individuelle Möbel entworfen und gebaut werden.

Eppendorfer Landstraße 90 (Eppendorf); www.holzconnection.de

10) Für die Freizeit: Porzellanfräulein

In dem Atelier können Talentierte und auch weniger Kreative ihr eigenes Porzellan herstellen. Mit vorgefertigten Schablonen oder frei nach Schnauze kann hier geknetet und geformt werden, egal ob ein Klassiker wie der Becher oder der Händeabdruck vom Nachwuchs. Nach dem Bemalen kommt das Geschirr in den Ofen, um anschließend auf dem Frühstückstisch zu landen oder an der Wand.

Preystraße 8 (Winterhude); www.porzellanfraeulein.de

 

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Beitragsbild: Suse Multhaupt

Die komplette Liste ist zu finden in der Printausgabe SZENE HAMBURG, Oktober 2018.



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2018. Das Magazin ist seit dem 29. September 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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