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Drehort Hamburg: Die besten Filme aus der Hansestadt

Auch wenn Hamburg noch nicht mit Los Angeles und Paris mithalten kann, so sind doch bereits einige Kinohits zwischen Harburg und Norderstedt abgedreht worden. Hier sind die Top Ten der Filme, die in Hamburg gedreht wurden. (Nicht wundern, Filme von Fatih Akin bekommen in einer zusätzlichen Liste gesonderte Aufmerksamkeit)

Text: Felix Kirsch

 

Absolute Giganten  

Etwas in die Jahre gekommen, aber eins der Hamburger Filmoriginale. In Absolute Giganten geht es um die drei unzertrennlichen Hamburger Freunde Floyd, Ricco und Walter, die vor einer großen Veränderung stehen: Aus heiterem Himmel teilt Floyd mit, dass er auf einem Kreuzer angeheuert hat, der bereits am nächsten Morgen Richtung Singapur aufbricht. Als die drei dicken Kumpels realisieren, dass ihnen nur noch eine letzte Nacht im Dreierverbund bleibt, beschließen sie eben diese zur besten, unvergesslichsten und verrücktesten Nacht aller Zeiten zu machen. Was eignet sich dafür besser als der Hamburger Kiez?  

 

Bonnie & Bonnie

Seit ihre ältere Schwester sich abgesetzt hat, hat die 17-jährige Yara die Mutterrolle in ihrer Familie inne. Während der Bruder einen auf dicke Hose macht und mit seinen Kumpels abhängt, kocht und putzt sie, wenn sie nicht im Kiosk arbeitet. Bis sie Kiki kennenlernt und sich in sie verliebt. Ein Unding in der Wilhelmsburger Albaner-Community – und so bleibt den beiden jungen Frauen kein Ausweg als die Flucht… Regisseur Ali Hakim stammt selbst aus Wilhelmsburg und hat diesen sehr berührenden Film Bonnie & Bonnie auch dort gedreht.

 

Gegengerade  

Auch ein Fußballfilm darf in dieser Liste nicht fehlen. Ähnlich wie in Absolute Giganten geht es in Gegengerade um drei dicke Freunde, denen eine Veränderung bevorsteht. Der Unterschied: Die Jungs aus Gegengerade sind leidenschaftliche Fußballfans und – wie der Name schon verrät – in der Fanszene des FC St. Pauli aktiv. Ob die Schlägerei mit den Nazis vorm Millerntor oder die Auseinandersetzung mit der Polizei – all das ist für Magnus, Arne und Kowalski Alltag. Als ihr Herzensverein plötzlich in die 1. Bundesliga aufsteigt ändert sich aber alles für die drei Jungs von der Gegengerade.  Das deutsche Pendant zu „Hooligans“, aber mit viel Charakter und einer ordentlichen Portion Kiez dabei! 

 

So was von da

Clubbetreiber Oskar Wrobel führt – mehr oder weniger erfolgreich – einen Musikclub auf der Reeperbahn. Als sich in einer Silvesternacht auf einmal alles ändert, gerät das Leben des Hamburgers völlig außer Kontrolle: Er braucht Kohle um seine Schulden zu decken. Und das am besten ganz schnell, denn die Schuldeneintreiber sitzen ihm im Nacken. Auch privat geht es für den Lebemann heiß her, aber im positiven Sinne. Regisseur Jakob Lass’s Romanverfilmung des gleichnamigen Bestsellers So was von da von Tino Hanekamp 

 

Rocker  

Absoluter Kiez-Kultfilm von Klaus Lemke: Der in die Jahre gekommene Rocker-Führer Gerd freundet sich über Umwege mit dem 14-jährigen Lehrling Mark an, der erst kürzlich einen Schicksalsschlag verkraften musste und immer mehr aus seinem behüteten Vorstadtleben ausbricht. Schon bald taucht er in die gewaltvolle Parallelwelt des Hamburger Rotlichtviertels ein. 

 

Lindenberg! Mach dein Ding!

Auch der Weltstar aus dem Hotel Atlantik darf in dieser Liste nicht fehlen: Lindenberg! Mach Dein Ding! ist ein Film, der das Leben von Udo Lindenberg biographisch abbildet. Von der Kindheit aus dem langweiligen Gronau in Westfalen geht es 1973 ins sagenumwobene Hamburg. Dort nimmt die musikalische Karriere des Hut-Rockers erst so richtig an Fahrt auf. Aber der Film zeigt auch die Schattenseiten des Geschäftes, die die Jagd nach dem Leben eines Rockstars so mit sich bringt.  

 

Der Mann im Strom

Der Mann im Strom ist ein atmosphärischer Film mit Jan Fedder. Taucher Jan Hinrichs findet in Wismar keinen Job und entscheidet sich für einen radikalen Schritt. Er fälscht seine Papiere, macht sich jünger und wird prompt in Hamburg engagiert. Doch während sein Leben eigentlich ganz ruhig dahin plätschert, plagt den Berufstaucher vor allem die Angst, er könnte auffliegen. Als der Kleinganove Micha in sein Leben tritt, ändert sich plötzlich alles. Dies ist die Neuverfilmung des Klassikers von 1958 mit Hans Albers.  

 

Nordsee ist Mordsee

Der 14-jährige Uwe weiß, dass ihn sein Vater in deren Hamburger Vorstadtsiedlung verdrischt, wenn er nicht spurt. Trotzdem muss er seiner Gang beweisen, dass er der Coolste in der Siedlung ist. Er knackt Automaten und geht mit den anderen auf den Mongolen Dschingis los, der in ihre Klasse geht und mit seiner Mutter in der Nachbarschaft lebt.

Regisseur Hark Bohm, der auch das Drehbuch zu Nordsee ist Mordsee schrieb, gehört zu den Pionieren des westdeutschen Kinderfilms, denn als der Film in den 1970er Jahren entstand, drehte in der alten Bundesrepublik kaum jemand Filme für Kinder und Jugendliche.

 

Vom Kiez zum Kap

Mal was ganz anderes: Die Kumpels Kay und Bernd haben eine verrückte Idee getroffen: Die Weltmeisterschaft in Südafrika steht vor der Tür. Also ab dahin. Mit einem alten VW Bully. Quer durch Afrika. Klingt nach einer Schnapsidee und das ist es auch. Gerade deshalb gelingt die Verfilmung der Reise Vom Kiez zum Kap aber auch. Der Film zeigt alle emotionalen Höhen und Tiefen einer unmöglichen Reise.

 

St. Pauli Nacht

Zum Abschluss dieser Liste gibt es nochmal einen ordentlich Schlag mit der Kiezkeule. In St. Pauli Nacht sieht sich Kiezganove Johnny nach einem langen Gefängnisaufenthalt direkt wieder mit den Problemen der Reeperbahn konfrontiert. Einem Anruf folgend begibt sich Johnny abends auf die Reeperbahn und wird aufgrund einer Verkettung von unglücklichen Umständen vom Postboten Manfred erschossen. Der Film erzählt die Vorgeschichte der Tat und porträtiert in einzelnen Episoden die teils illustren Gestalten der Reeperbahn.  


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Ein Buch über Hamburgs Fußballgeschichte

Ralf Klee und Broder-Jürgen Trede setzen Hamburgs Fußballgeschichte ein Denkmal

Text: Matthias Greulich

 

Wissen Sie, warum dieses Schiff „Peter“ heißt?, fragt der Barkassenführer, um nach einer bedeutungsschweren Pause fortzufahren. Er habe damals beim berühmten FC St. Pauli im Tor gestanden, wo ihm seine Frau Erna bei den Heimspielen hinter dem eigenen Kasten stets die Daumen zu drücken pflegte. Die Verantwortlichen bei St. Pauli fanden das problematisch. So gerne sie Erna mochten, eine Frau als zwölfter Mann brächte dem Verein großes Unglück, befanden sie. Die Lösung: „Erna heißt ab jetzt Peter.“ Einmal dabei, benannten die Eheleute daraufhin ihre Barkasse ebenfalls um. Der St. Pauli-Torwart war Ludwig, genannt „Lutn“ Alm. Er starb 1976, aber die Anekdote wird sich rund ums Millerntor immer noch mit Begeisterung erzählt.

 

„Besser als Fernsehen“

 

Broder-Jürgen Trede kannte die Geschichte und beschloss, der Barkasse einen Besuch abzustatten. „Einen ganzen Nachmittag habe ich auf der ‚Peter‘ verbracht, um mir die Geschichten von Alms Familie anzuhören“, so der Fußball-Autor. Besser als Fernsehen sei das gewesen, und so taucht die Landungsbrücke 7 als 95. Ort der Erinnerung der „Fußballheimat Hamburg“ auf, das Trede gemeinsam mit Ralf Klee geschrieben hat. „Die Menschen, die wir besucht oder telefonisch befragt haben, hatten alle große Lust auf das Thema“, berichtet Trede. Uwe Seeler nahm sich Zeit, um über sein Elternhaus („Zu sechst auf 50 Quadratmetern, Ofenheizung, kein fließend warmes Wasser – aber ich fühlte mich total behütet“) in Eppendorf zu erzählen.

In der Pandemie waren die umtriebigen Autoren, die unter Hamburgs Sportjournalisten immerhin einen Ruf als große Spürnasen zu verteidigen haben, durch die halbe Stadt gewandert, um den Orten der Geschichte einen Besuch abzustatten. „Der Fußball ist ein Vehikel, um sich mit der Geschichte der Stadt zu beschäftigen“, bilanziert Trede.

Dem 46-Jährigen und dem ein Jahr älteren Klee gelang das Kunststück, ihren Anekdotenschatz nach Spaziergängen zwischen Volksdorf und Kirchwerder ebenso fundiert wie unterhaltsam aufzuschreiben. Da für jeden Ort nur zwei Seiten zur Verfügung stehen, musste das Material, das ansonsten ausgeufert wäre, stark verdichtet werden.

Selbst das „Phantom der deutschen Fußballschichte“ fehlt nicht: der Luftwaffen Sportverein Hamburg. Der Militärklub, bei dem unter anderem Nationalspieler Karl Miller (später FC St. Pauli) spielte, verlor 1944 das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft vor 70.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion mit 0:4 gegen den Dresdner SC. „Während zu jedem mehr oder weniger erfolgreichen deutschen Verein heute inflationär Vereinschroniken erscheinen, scheint eine Soldatenmannschaft der Nazis ein zu heißes Eisen zu sein“, schrieb Klee. Er recherchierte daher auch auf dem Poloplatz unweit der S-Bahn Klein Flottbek, wo die Luftwaffensportler im Zweiten Weltkrieg geschützt von Bombenangriffen trainieren konnten.

 

Eine Mannschaftsleistung

 

Das Buch sei eine geschlossene Mannschaftsleistung betonen die Autoren. Dennoch konnte es passieren, dass sich die beiden Studienfreunde beim gegenseitigen Vorlesen der Texte batteleten. Die beiden HSV-Anhänger kennen sich seit Mitte der 1990er Jahre, als sie häufiger nach der Vorlesung am benachbarten Rothenbaum A-Jugend-Spiele der Rothosen besuchten. „Was für ein charmantes Stadion war das“, erinnert sich Trede an die Heimat des HSV, an die nach ihrem Abriss nicht mal eine Plakette erinnert.

Seinerzeit entstand die Idee, diesen Orten ein Denkmal zu setzen. „Jetzt sind wir froh, dass wir seit Unizeiten nicht immer nur gelabert, sondern es durchgezogen haben“, so Trede. Wer dieses, mit grandiosen historischen Fotos bebilderte Fußballbuch liest, kann diese Freude teilen.

Broder-Jürgen Trede, Ralf Klee: „Fußballheimat Hamburg. 100 Orte der Erinnerung. Ein Stadtreiseführer”, Arete Verlag, 216 Seiten, 18 Euro


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Lessingtage 2021: „Es ist ein großes Experiment“

Die vom Thalia Theater und dem Königlichen Dramatischen Theater in Stockholm initiierten Lessingtage 2021 werden per Internet-Stream präsentiert. Kuratorin Nora Hertlein und Intendant Joachim Lux wünschen sich eine „paneuropäische Theatercouch“

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Herr Lux, wie schnell und leicht haben Sie die Entscheidung getroffen, die Lessingtage aufgrund des erneuten Corona-Lockdowns digital stattfinden zu lassen?

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Intendant des Thalia Theaters: Joachim Lux (Foto: Armin Smailovic)

Joachim Lux: Wir hatten uns bis November noch der Illusion hingegeben, die Lessingtage würden das erste Festival sein, bei dem europäische Kultur sich nach Corona wieder treffen kann. Dafür haben wir aus unserer Sicht eines der spannendsten Programme zusammengestellt, die wir je hatten.

Danach fällt es einem natürlich wahnsinnig schwer, das zu streichen. Im Rahmen von „mitos21“, einem Netzwerk europäischer Theatermacher, dem auch wir angehören, haben wir dann beschlossen, alles zu ändern und ein nicht kuratiertes Festival auf die Beine zu stellen, für das die Theater selbst entscheiden, welche Aufführungen sie zeigen möchten.

Frau Hertlein, als Kuratorin des internationalen Programms am Thalia Theater haben Sie im letzten Jahr zum ersten Mal die Lessingtage kuratiert. Wie hat sich Ihre organisatorische Arbeit für das Festival durch Corona verändert?

Nora Hertlein: Durch die Reiseeinschränkungen ist der Anteil von Theateraufführungen, die ich mir per Video Nora-Hertlein-Foto-Armin-Smailovic1angeschaut habe, massiv in die Höhe geschnellt. Wir haben unsere Kolleginnen und Kollegen in den unterschiedlichen Ländern gebeten, uns Aufnahmen von Inszenierungen zu schicken, von denen sie glauben, dass sie ihr jeweiliges Theater am besten repräsentieren.

Von den meisten Häusern haben wir, zwei bis drei Stücke zur Auswahl bekommen, wodurch ich die Möglichkeit hatte, noch einen kleinen kuratorischen Bogen zu spannen. Dabei kam es mir diesmal besonders auf die Herstellung von Kontexten und die dramaturgisch-inhaltliche Aufbereitung der Inszenierungen an. Auf unserer Homepage findet man Hintergrundmaterialien, Making-of-Videos, Interviews mit Regieführenden und kommentierende Texte.

 

Welten der Fantasie, der Freiheit und der Schönheit erschaffen

 

Wie gehen Theatermacher mit der gesellschaftlichen Fokussierung auf das Corona-Thema um? Muss das Theater in diesem Strom mitschwimmen, um interessant zu bleiben? Oder kommt es gerade jetzt darauf an, die Themenvielfalt zu wahren?

Lux: Ganz klar Letzteres. Das gilt auch für die zukünftige Arbeit. Es herrscht ja ein fast terroristischer Gestus dieses Virus vor, dem die Medien aus ökonomischen Interessen folgen, indem sie tägliche neue Überbietungsnachrichten präsentieren.

Ich glaube, die große Sehnsucht der Menschen zielt darauf, eine Gegenwelt zu erfahren. Welten der Fantasie, der Freiheit und der Schönheit zu erschaffen, das ist unsere Aufgabe. Das Theater wäre sehr schwach, wenn es nur versuchen würde, die aktuelle Situation zu spiegeln.

Hertlein: Wobei viele wichtige politische Themen durch die Pandemie an den Rand gedrängt werden. Es geht also nicht nur darum, eskapistisch andere Geschichten anzubieten, sondern um viele andere Probleme in der Welt, um die wir uns als künstlerische Institution kümmern wollen. Was passiert derzeit in Ungarn und Polen? Wie kann man den politischen Druck dort künstlerisch ins Blickfeld holen?

Lux: Wir hatten auch kurz überlegt, Live-Streamings der einzelnen Aufführungen anzubieten. Das war aber organisatorisch in der kurzen Zeit nicht möglich, was zugleich bedeutet, dass die meisten der gezeigten Aufführungen vor Corona entstanden sind. Nur unser eigener Beitrag ist in der Zeit der Pandemie entstanden: Christopher Rüpings „Paradies fluten / hungern / spielen“ möchten wir als Live-Stream anbieten.

Wie stark verändert sich der Charakter des Festivals dadurch, dass die Theater ihre Beiträge diesmal selbst ausgewählt haben?

Lux: Sehr stark. Wenn wir etwas aussuchen – wie es normalerweise geschieht –, fließt unser persönlicher Geschmack in die Auswahl ein. Diesmal wird sich aber möglicherweise herausstellen, dass man in anderen Ländern ganz andere ästhetische Wege geht als bei uns, die wir so stolz sind auf unsere großartige, avantgardistische Theaternationen – das sage ich jetzt mit Ironie. Europa ist sehr vielfältig und unterschiedlich. Gott sei Dank.

Hertlein: Gerade in dieser Zeit, in der die Grenzen geschlossen und wie physisch so immobil sind, wie schon lange nicht mehr, ist die Konfrontation mit ganz anderen Ästhetiken und Theatersprachen eine bereichernde Erfahrung und ein wichtiges Zeichen.

 

Identische Erfahrungen

 

Der Grundgedanke der Lessingtage ist die Verständigung von Kulturen und Religionen. Hat in Ihren Augen die Pandemie diese Verständigung eher vorangetrieben oder geschadet?

Lux: Was jetzt gerade passiert, hat es in der Geschichte der Menschheit überhaupt noch nie gegeben: dass ungefähr 10 Milliarden Menschen vollkommen identische Erfahrung durchmachen müssen. Das ist zugleich etwas Verbindendes, aber auch etwas Trennendes, weil viele Debatten gerade nicht geführt werden: Wie kommen privilegierte Nationen wie Deutschland durch die Krise mit einem ökonomischen Polster für jeden Einzelnen? Und wie stößt die Pandemie in anderen Teilen der Welt wie Südamerika oder Afrika die Menschen wirklich komplett in den Abgrund?

Während sich im Moment nur jeder um sich selber kümmert, wird sich die Frage der Solidarität wahrscheinlich bald noch sehr viel massiver stellen als ohnehin schon.

Das Motto der diesjährigen Lessingtage lautet „Stories from Europe“. Welche Geschichten werden da erzählt? Sie haben zum Beispiel zwei unterschiedliche Inszenierungen von Dostojewskis „Der Idiot“ im Programm …

Hertlein: Ursprünglich wollten wir nicht zwei gleiche Stücke zeigen, doch der starke Unterschied der Inszenierungen hat uns begeistert. Die Inszenierung von Mattis Andersson für das Königliche Dramatische Theater in Stockholm, unserem Koproduktionspartner, ist eine moderne Lesart, in der sich sehr zeitgenössische Figuren den Text aneignen.

Der russische Beitrag vom Theater der Nationen in Moskau ist komplett anders und orientiert sich an der Ästhetik des Cirque Noir. Hier konzentriert sich alles auf die Gesichter, die Körper und eine holzschnittartige Bildlichkeit in den Farben Schwarz, Weiß und Rot. Dadurch erzählt der junge Regisseur Maxim Didenko, ein absoluter Shooting-Star der russischen Szene, eine komplett andere Geschichte.

Und ihr persönlicher Favorit?

Hertlein: … kommt aus Antwerpen. Es handelt sich um eine Doppelvorstellung mit zwei zeitgenössischen Bearbeitungen antiker Stoffe: „Antigone in Molenbeek“ von Stefan Hertmans und „Tiresias“ von Kate Tempest.

Antigones Bruder, der aus Gründen der Staatsräson nicht bestattet werden darf, ein bei Hertmans, der die Handlung im Brüsseler Stadtteil Molenbeek ansiedelt, ein radikalisierter Islamist.

Lux: Wir erinnern uns, dass Molenbeek 2015 der Hotspot war, von dem die Pariser Anschläge unter anderem auf das Bataclan-Theater ausgingen.

Hertlein: Guy Cassiers hat das Stück als Monolog für eine Frau mit einem virtuellen Kammermusikensemble inszeniert, sodass die Schauspielerin mit der Musik von Schostakowitsch kommuniziert. „Teresias“ greift eine andere zeitgenössische Debatte auf: die Gender-Fluidität des Protagonisten, der zugleich Mann und Frau ist.

Sie haben auch ein Stück von Luigi Pirandello im Programm, ein italienischer Klassiker, der hierzulande nur selten inszeniert wird …

Hertlein: Spannend ist, dass „So ist es (wenn es Ihnen so scheint)“ in der Regie von Filippo Dini derzeit das erfolgreichste italienische Tourneestück im Ausland ist, das selbst in China Begeisterungsstürme ausgelöst hat, aber noch nie in Deutschland zu sehen war. Hier sieht man, wie ein junger Regisseur ein Stück, das eher eine Schmonzette ist, in einer grotesken Interpretation verwandelt.

 

Das Zeremoniell zu Hause

 

Herr Lux, in der Ankündigung der Lessingtage sprechen Sie von einer „paneuropäischen Theatercouch“. Was meinen Sie damit?

Lux: Mich fasziniert die Idee, dass sich Freunde und Bekannte aus Amsterdam, Moskau, Barcelona oder Stockholm miteinander verabreden und sozusagen „gemeinsam“ an einem bestimmten Tag eine Aufführung angucken, sich hinterher dazu austauschen, chatten oder per Zoom mit einem Glas Wein anstoßen und sich die Köpfe darüber heißreden, ob das jetzt eine gute Aufführung war. In einer Zeit, in der Kontakte nicht mehr möglich sind, kann das die Menschen auf eine schöne Weise miteinander verbinden.

Bieten Sie dafür auch eine digitale Plattform an?

Hertlein: Wir werden die Kommunikation mit dem Publikum über unsere sozialen Medien betreiben und wahrscheinlich auch einige Mitmach-Aktionen anbieten.

Lux: Man erlebt ja auch ganz lustige Szenen im Bereich des Streamings. Mir haben Freunde aus Amsterdam erzählt, wo Live-Streamings grundsätzlich entgeltpflichtig sind, dass ein Ehepaar sich zwei Karten anstelle von einer gekauft und sich auch etwas Anständiges angezogen hat – wie bei einem traditionellen Theaterbesuch.

Ist doch schön, wenn man auch zu Hause das Zeremoniell pflegt …

Hertlein: Aus diesem Grund haben wir uns auch entschlossen, die Stücke jeweils nur einen Abend zwischen 19 und 24 Uhr online zu stellen, damit das Gefühl des Einmaligen und Besonderen erhalten bleibt und der Wert dieser Aufführungen geschätzt wird.

Lux: Mit dieser Zeitspanne tragen wir auch den europäischen Zeitzonen für unsere Zuschauer von Moskau bis Paris Rechnung, die die Videos mit englischen Untertiteln präsentiert bekommen. Es ist ein großes Experiment, von dem wir nicht wissen, ob es funktionieren wird.

Und wer teilnehmen möchte, kauft sich ein Online-Ticket und meldet sich damit an?

Lux: Nur für unseren eigenen Live-Stream von „Paradies“ muss online eine Karte erworben werden, alles andere wird kostenfrei angeboten.

Lessingtage 2021
20.1.-31.1.2021, täglich 19-24 Uhr


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YOU GIVE, WE GIVE – Hamburg hält zusammen

Hamburgs Kulturlandschaft leidet unter der Lockdown-Krise. Deshalb gibt es „YOU GIVE, WE GIVE – Hamburg hält zusammen“, ein neues Projekt, das die positive Macht und Reichweite sozialer Medien nutzt, um die Branche zu unterstützen

 

Ausgewählte Kulturbetriebe werden zur aktuellen Situation bei „YOU GIVE, WE GIVE – Hamburg hält zusammen“ interviewt und die Beiträge auf Instagram und Facebook veröffentlicht – mit der Idee, dass Clubs, Theater, Kinos und andere Kulturinstitutionen der Hansestadt für die Öffentlichkeit präsent bleiben und den Lockdown gut überstehen.

 

Altonaer Theater und Kammerspiele mit dabei!

 

In Interviews mit den Kulturschaffenden entsteht Platz für die Sonnen- und Schattenseiten der vergangenen Monate, für den Umgang mit den Corona bedingten Herausforderungen, für innovative Projekte, für Leidenschaft und Zusammenhalt in der Szene. Außerdem wollen die beiden Macherinnen Katrin Mengen und Isabella Hunstiger mit vereinten Kräften neue Impulse und Perspektiven entwickeln – Not macht erfinderisch, oder?!

Auch das Altonaer Theater macht mit: Ein Interview mit Intendant und künstlerischem Leiter Axel Schneider gibt’s hier:

 

Bei ihrem Besuch in den Hamburger Kammerspielen sprechen Katrin Mengen und Isabella Hunstiger mit dem Künstlerischen Leiter Sewan Latchinian und der Leitenden Dramaturgin Anja Del Caro und fördern zu Tage, was seit der Eröffnung des Hauses vor 75 Jahren zählt – die Wahrheit des Theaters, das gemeinsame Atmen der Theaterluft:

Für mehr Interviews folgt Katrin Mengen und Isabella Hunstiger auf Instagram!


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Goethe in den Kammerspielen: Geschlechterrollen auf dem Prüfstand

Mit ihrer eigenen Fassung von Goethes Schauspiel „Stella“ stellt die Berliner Regisseurin und Autorin Amina Gusner Geschlechterrollen auf den Prüfstand und untersucht mit viel Witz – und unter erschwerten Corona-Bedingungen – die kapitalistische Verformung romantischer Liebesmodelle

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Frau Gusner, Sie inszenieren Goethes Drama „Stella“: Cäcilie bittet im Haus von Stella um eine Anstellung für ihre Tochter Lucie. Dort trifft auch Fernando ein. Beide Frauen erkennen in ihm den seit vielen Jahren zurück­ ersehnten Ehemann beziehungsweise Liebhaber. Ist das Stück noch zeitgemäß?

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Will nie wieder unter Corona- Bedingungen arbeiten: Amina Gusner (Foto: Martin Mai)

Amina Gusner: Es geht um Menschen, die von der ständigen Sehnsucht nach Liebe angetrieben werden. Das passt in unsere neoliberalistische Zeit, in der wir immer die höchsten Gefühle haben wollen und enttäuscht sind, wenn sie sich nicht einstellen. Dann müssen wir weitersuchen, bis wir einen besseren Partner finden.

Der ewig suchende Mann und die ewig wartende Frau – unter diesem Aspekt habe ich auch meine eigene Fassung des Stücks erstellt.

Goethe selbst hat den Schluss seines Stücks dreißig Jahre später noch einmal umgeschrieben und quasi ins Gegenteil verkehrt …

Die erste Fassung endet mit einer Liebe zu dritt und wurde ausgebuht. Aber auch die Tragödienfassung, in der Stella und Fernando Selbstmord begehen, kam nicht gut an. „Stella“ war ein echter Flop.

 

„Ich glaube, dass wir von der romantischen Liebe aus dem 19. Jahrhundert träumen“

 

Goethe bietet unterschiedliche Liebeskonzepte an. Sind diese eins zu eins ins Hier und Jetzt übertragbar?

Heute stellt man natürlich die Genderfrage: Was ist typisch Mann, was typisch Frau? Ich glaube aber, dass wir immer noch von der romantischen Liebe aus dem 19. Jahrhundert träumen. Die Sehnsucht nach dem Happy End, dem richtigen Mann oder der richtigen Frau sitzt einfach in uns drin.

Ist Goethes Doppelehe aus der Früh­fassung ein Happy End?

Auf jeden Fall ist sie sehr modern. Cäcilie hat als Ehefrau einen ziemlich realistischen Blick auf die Sache. Wie viel Sex hat man nach so vielen Ehejahren noch? Sollen sie sich wirklich scheiden lassen, nur weil ihr Mann Fernando mit Stella eine Affäre hat? Stella hat das Geld, das Cäcilie fehlt, und Cäcilie hat das Kind, das Stella fehlt. Warum also nicht eine große WG aufmachen, in der jeder jeden mag und versteht? Das ist die positive Vision einer weitergedachten Patchworkfamilie. Ich kenne Leute, die gar nicht mal so unähnlich leben.

 

Moderne Geschlechterrollen

 

Sie haben „Stella“ ja schon einmal im Jahr 2014 inszeniert und an der Neuen Bühne Senftenberg und am Volkstheater Rostock aufgeführt. Nun proben Sie das Stück mit komplett neuer Besetzung …

Und ich inszeniere es auch anders – allein schon wegen Corona. Damals sind die Schauspieler in einem goldenen Käfig aufgetreten und waren deutlich jünger. Heute können wir auch nicht mehr so tun, als gäbe es die #MeToo-Debatte nicht.

Die Gender- und Rollen-Thematik greife ich vor allem mit der Figur von Cäcilies und Fernandos Tochter Lucie auf. Wir erzählen die Geschichte aus ihrer Perspektive. Lucie, die sich erinnert und das Ende erträumt, das sie sich wünscht.

Wenngleich das schöne Ende bei Goethe wie aus dem Hut gezaubert wirkt …

Goethe lässt sich oft schwer spielen, weil er immer lebensphilosophisch oder utopistisch denkt und die
Figuren dadurch oft sehr behauptet und hölzern wirken. Unser Anliegen ist es aber, den Zuschauern das Gefühl zu vermitteln, dass hier ihre eigenen Nachbarn zu ihnen sprechen. Wir wollen verstanden werden und sind dabei, Goethes Sprache für uns zu entdecken und sie so klingen zulassen, als würden sie uns gerade aus dem Maul fallen.

Hört man trotzdem den Originaltext?

Ja, wobei etwa ein Drittel des Textes von mir stammt. Mir war es wichtig, in diesem Zusammenhang das neoliberale Prinzip „besser, mehr und irgendwie schöner“ zu untersuchen. Gründet es in der unserer Biologie, im Narzissmus oder in der Konsumgesellschaft?

Kann es nach diesem Prinzip noch so etwas wie Treue, tiefes Vertrauen und langfristige Bindungen geben?

Das steht alles auf der Kippe. Früher fand ich es immer ganz furchtbar, wenn alte Menschen gesagt haben, Liebe ist auch Arbeit. Heute glaube ich, nirgendwo hat man so viele Möglichkeiten, sich als Mensch zu entwickeln, wie in einer Beziehung.

Niemand ist so ehrlich zu dir, wie dein Liebster – im Guten wie im Schlechten. Ich glaube, wir brauchen es, dass jemand uns spiegelt und wachsen lässt. Wenn ich aber das Interesse an dem anderen verliere, weil er plötzlich nicht mehr so ist, wie ich mir das wünsche, dann ist das auch eine Art Faulheit, an sich selbst zu arbeiten.

Sind die Frauen im Stück bereit, sich auf ihren Partner einzulassen?

Ich denke nicht. Sie wollen gerettet werden. Beiden Frauen wurden verlassen und haben schreckliche Schicksale hinter sich. Stellas Kind ist gestorben, sie lebt fern von ihren Eltern und schrammt latent am Wahnsinn vorbei. Sie ist total fokussiert auf Fernandos Rückkehr und bleibt dabei vollkommen passiv.

Ein sehr klischeehaftes Rollenbild …

Schrecklich! So ein Frauenleben scheint offensichtlich so unwichtig und langweilig zu sein, dass es darüber nicht mal ein Theaterstück gibt. Es gibt nur Stücke über Frauen, die sich in irgendeiner Weise mit Männern beschäftigen, während man den Männern immer tolle Ideen zuschreibt.

Das thematisieren wir auch auf der Bühne. Diese Selbstaufgabe, dieses Gerettet-werden-Wollen mit Liebe zu verwechseln, führt zu unmündigen Frauen, die Fernando gegenüber nur noch hochgradig indirekte Vorwürfe äußern können. Das ist das Klischee der Frau, die Kopfschmerzen hat, weil der Mann sie nicht so liebt, wie sie geliebt werden will. Das alles findet auf einer ganz kindlichen Ebene statt.

Keiner ist erwachsen. Eine neoliberale Gesellschaft, die sehr komisch wirkt, weil man ja auch selbst oft ganz unerwachsen ist und sich da wiedererkennt.

 

Theater und Corona

 

Goethe und Humor? Passt das zusammen?

Klar. Es ist wirklich lustig, wie Fernando immer mehr in Not gerät und sich im Laufe des Stücks um Kopf und Kragen redet. Was mir aber auch gefällt: Eigentlich ist es ein Stück für junge Schauspieler, aber bei uns sind alle 45 plus – außer Lucie.

Selten sieht man im Theater Frauen um die 50, die nicht nur die Mütter, sondern komplexe Figuren spielen dürfen. Schön ist aber auch, dass wir einen älteren Fernando haben. Ich stelle mir vor: Wenn der früher in den Raum kam, musste er nur „hallo“ sagen und die Frauen lagen flach. Jetzt muss er sich richtig anstrengen und überzeugt trotzdem nicht.

Sozusagen ein verhinderter Don Juan …

Genau, und das ist extrem witzig. Ich lebe in Berlin-Mitte und die Jungs der 1990er Jahre sind alle mit mir älter geworden. Damals wollten sie cool sein, sich nicht binden und haben geraucht, was das Zeug hielt. Heute sitzen sie immer noch hier herum und sind ganz einsame Wölfe, weil sie niemand mehr umschwärmt. Alles alleinstehende Männer, die den Absprung verpasst haben.

In der Ankündigung zum Stück steht, Sie haben die unterschiedlichen Schlussteile der beiden Fassungen zusammengeführt. Wollen Sie Näheres verraten?

Das soll eine Überraschung bleiben.

Vielleicht nur so viel: Gibt es Tote auf der Bühne?

Vorübergehende Tote. Und auch Blut.

Dann wünsche ich Ihnen, dass die Premiere am 18. Januar trotz Corona stattfinden kann. (Anm. d. Red.: Das Theater ist Corona-bedingt bis 31. Januar geschlossen. Die Premiere von „Stella“ wurde auf den 3. Februar 2021 verschoben.)

Das hoffe ich sehr. In den Theatern wurden die Viren ja überhaupt nicht verbreitet, weil es dort gute Sicherheitskonzepte gibt. Dass die Häuser wieder schließen mussten, ist wirklich eine ungerechte Nummer.

Die Proben sind sicher nicht einfach …

Es ist eine große Herausforderung, ein Stück zum Thema Liebesumklammerungen mit Corona-Abständen
zu proben. Das ist eine total theaterfeindliche Sache, denn auf der Bühne geht es immer um Nähe und Austausch und gemeinsames Kreieren. Ich habe zwar ein tolles Ensemble, das alles ganz tapfer mitmacht, aber das sind Bedingungen, unter denen ich nie wieder arbeiten möchte.

Kammerspiele
03.02.2021, 19:30 Uhr (Premiere)


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Plattenkünstler Ludwig Mausberg streamt bei YouTube

Der DJ und Produzent Ludwig Mausberg streamt seit Sommer über seinen YouTube-Kanal. Mit SZENE HAMBURG spricht er über hohe Reichweiten, den Austausch in Pandemiezeiten und Kommerz. Die Corona-Hilfen kritisiert er scharf

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Ludwig, wie erlebst du als DJ die Pandemie?

Ludwig Mausberg: Für mich ist das Nachtleben ein integraler Bestandteil meines Lebens. Im Moment kann ich dort nicht auflegen und viele soziale Kontakte sind weggebrochen. Die sind für mich als Künstler aber sehr wichtig, da ich dadurch Inspiration bekomme. Austausch mit anderen Leuten hat eine Auswirkung auf die Musik. Das geht nicht nur mir so.

Wir alle brauchen diesen Austausch. Trotzdem sehe ich ein, dass die Beschränkungen notwendig sind. Es schränkt ein, aber wir müssen sie in Kauf nehmen, damit es besser wird.

Wann hast du das letzte Mal vor Leuten aufgelegt?

Das war zur „Little Deeper“-Party, Mitte Februar im Pudel. Es frustriert mich sehr. Seit ich 13 bin gehört es für mich dazu, mit Leuten, die im Raum sind, Musik zu teilen. Es ist keine Brosche, die einem vom Revers gerissen wird und für die man Ersatz bekommt. Es ist etwas, wofür ich 20 Kilometer wegen eines Kabels durch den dunklen Wald gelaufen bin, nur um es möglich zu machen.

Es bedeutet für mich die Welt. Aber da diese Welt kostbar ist, ist sie schützenswert. Deswegen ist es ist gut, sich jetzt zurückzuziehen, damit es nicht das letzte Mal gewesen sein wird, dass man miteinander Musik erlebt hat.

Was hat sich noch für dich verändert?

Ich habe sehr große finanzielle Einbußen. Zum Glück habe ich eine Anstellung als Radkurier bei Thomas i Punkt. Die haben mich von Anfang an unterstützt und nicht hängengelassen. Großer Respekt dafür. Das machen nicht alle Unternehmen. Trotzdem fehlt mir eine Menge Geld vom Auflegen und Live-spielen.

Zu den klassischen Solo-Selbstständigen zählst du also nicht?

Seit drei, vier Jahren nicht mehr. Das hängt ein bisschen damit zusammen, dass ich dabei bin, unser Label The Crate als GbR aufzubauen und dort alles hinein investiere. Also noch einen Job habe, um hundert Prozent zu geben.

 

Nicht gewünscht, nicht gedacht

 

Konntest du irgendwelche Hilfen in Anspruch nehmen?

Natürlich habe ich davon gehört, aber als ich mir das richtig angeschaut habe, waren es im Prinzip alles Hilfen für Leute, die vorher schon finanziell gut aufgestellt waren. Ich möchte auch nichts hinterhergeworfen oder geschenkt bekommen und habe erarbeitet, was mir gehört.

Welche Unterstützung hättest du dir gewünscht?

Richtige Hilfen für richtige Künstler. Leute, die schon alles haben und in der Künstlersozialkasse nie Probleme hatten, die brauchen diese Scheißunterstützung nicht. Ich bin wirklich wütend, denn diese Hilfen greifen für die wenigsten und sind nur für diejenigen gedacht, die sowieso durchkommen.

Musiker, die wirklich ihre eigene Vision durchboxen wollen, können sich in dieser Verwertungsgesellschaft nicht aufstellen. Das ist nicht gewünscht und nicht gedacht. Man muss den ganzen Kommerz mitmachen und das ist armselig.

Was bräuchte es stattdessen?

Einen Twist der öffentlichen Wahrnehmung. Dass Musiker wieder dort gesehen werden, wo sie sind. Ganz viel im Nachtleben, mit zig Knochenjobs nebenbei und es trotzdem nicht reicht. Musiker, die alles geben, weil sie es irgendwie schaffen wollen und komplett hinter ihrer Sache stehen.

Und dann sieht man irgendwelche Bratzen, die seit einem halben Jahr auflegen, bei diesen ganzen konstitutionellen Sachen mitgemacht haben und die dann die Hilfen abbekommen. Das finde ich verachtenswert und enttäuscht mich sehr. Nicht nur als Künstler, sondern auch auf menschlicher Ebene.

 

Wegbrechende Verbindlichkeiten

 

Nimmst du auch etwas Positives aus dieser Zeit mit?

Ja, ganz viel! Es ist ein starkes Bewusstsein dahingehend entstanden, was wir aneinander haben. Und wie man miteinander Musik macht. Zum Beispiel hat sich die Studioarbeit sehr verändert. Weil keiner weg kann.

Vorher waren wir im Zeitalter der wegbrechenden Verbindlichkeiten. Jeder hat ein Telefon und kann fünf Minuten vorher mit irgendeinem triftigen Grund absagen. Jetzt gibt es keine triftigen Gründe mehr. Alle waren pünktlich und man hat einfach für drei Stunden etwas gemacht, weil da draußen nichts ist, was man verpassen kann.

Glaubst du, das bleibt?

Ich glaube, dass die Leute ein bisschen mehr Erfahrung mit sich selbst gesammelt haben und merken, was ihnen wichtig ist. Die Reduktion führt vor Augen, dass sich viele früher oft nur unterhalten lassen wollten. Aber menschliches Leben ist dafür zu schade.

Ich will aktiver Teil der Unterhaltung sein. Und ich habe die große Hoffnung, dass es einigen Leuten genauso ergangen ist und sie diese Gedankengänge in die Tat umsetzen, um irgendetwas mit ihrer Zeit zu machen.

Ist so auch die Idee für deinen YouTube-Kanal entstanden?

Nicht ganz. Den Kanal habe ich mit einem Freund ins Leben gerufen als wir 17 waren. Wir haben dort Underground HipHop aus den USA hochgeladen, um sie mal bei Freunden abzuspielen und damit sie überhaupt im Internet vorhanden ist.

 

 

Wir waren damals schon DJs. Ich bin morgens aufgestanden und so wie andere Computer spielten, habe ich stundenlang nach rarer Musik gegraben. Seit Corona nutze ich diesen Kanal zum Streamen von zu Hause oder aus verschiedenen Plattenläden.

Die Abrufzahlen einiger Videos gehen bis weit über die Millionen. Wie erklärst du dir diesen Zuspruch?

Damit, dass wir damals die ersten waren, die diese unbekannten HipHop- Tracks in sehr hoher Qualität hochgeladen haben. Wir sorgten damit für konstant gute Musik, die für eine hohe Zuschauerschaft anders nicht verfügbar war. Und da hängt sicher irgendein Algorithmus dahinter, wo man öfter vorgeschlagen wird, umso länger man dabei ist. So kamen wir irgendwann überall hin.

Wie nutzt du diese Reichweite?

Wir haben den Kanal gerade von Boobacrazy in Deeper umbenannt. Er heißt jetzt wie die Partyreihe unseres Labels. Wir können darauf hinweisen, was wir hier für Musik spielen. Also alle unterschiedlichen Genres, nicht nur HipHop. Auch weil es viele internationale Booking-Anfragen gibt.

Wir wollen dort, wenn es wieder losgeht, unsere Partys streamen und die Zuhörerschaft auf Spotify oder anderen Diensten erweitern, sodass Künstler von unserem Label dort regelmäßig Musik veröffentlichen können.

Ich arbeitete gerade mit der Sängerin Zariah an einer Veröffentlichung in Richtung Soul und Disco. Und eine House-Platte ist auch so gut wie fertig.

Lohnen sich solche Abrufzahlen auch finanziell?

Die monetären Möglichkeiten sind begrenzt. Ich mache damit null Geld. Aber die anderen sind viel besser, nämlich mit Leuten in den bereits erwähnten Austausch zu kommen. Wenn sich den Stream einige Tausend Leute anschauen, dann geben sie mir direktes Feedback und man spürt die Liebe und was es ihnen bedeutet.

Viele sind selbst im Lockdown und für sie ist Musik einfach eine Notwendigkeit, um diese Zeit mental irgendwie zu überstehen. Musik war auch für mich immer eine Therapie im Leben. Wenn ich anderen damit etwas geben kann, werde ich es sofort machen.

Livestream jeden Sonntag 17–20 Uhr

 

Gebt euch hier den Stream für den 17.01.2021:

 


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Regie-Kunst: Portraits berühmter Regisseure

Der Hamburger Illustrator Julian Rentzsch kam 2014 auf die Idee, berühmte Regisseure auf kreative Weise zu porträtieren und kooperierte hierzu mit dem Designstudio Stellavie. Wir sprachen mit ihm über die Entstehung der Bilder, seine Lieblingsfilme und welches Bild sich am besten verkauft hat

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Hallo Julian, wie kamst du auf die Idee, Hollywood-Regisseure zu illustrieren?

Julian Rentzsch: Ich mochte schon immer Kinofilme. Ich dachte, es wäre doch mal interessant, zur Abwechslung nicht die Hollywood- Stars zu porträtieren, sondern die Leute hinter den Filmen, die maßgeblich für die Filme verantwortlich sind und am meisten geleistet haben, vor allem die Regisseure.

Mir schwebte von Beginn an vor, nicht einfach die Filmemacher zu zeigen, sondern Motive aus ihren Filmen in die Porträts einzubauen.

portrait_Alfred-Hitchcock_c-Stellavie_Julian-RentMit welchem Regisseur hast du begonnen?

Angefangen habe ich 2015 mit Alfred Hitchcock, Martin Scorsese und David Lynch. Im März habe ich die an Stellavie geschickt, um über die Umsetzung möglicher Drucke zu sprechen.

Die fanden die Reihe super und konnten sich ein gemeinsames Projekt sehr gut vorstellen. Sie haben die Typografie gestaltet, mich bei der Recherche der einzelnen Filmszenen unterstützt und die Drucke hochwertig produziert.

Wonach hast du die Regisseure ausgewählt?

Das war zu Beginn sicherlich eine persönliche Entscheidung. Scorsese verbinde ich sehr stark mit der Zeit der 1990er, die Gangsterfilm-Zeit, in der ich sehr gerne Filme im Kino geschaut habe. Hitchcock ist ein Klassiker, dessen zeitlose Filme immer funktionieren und jede Generation überzeugen. Und die Filme von Lynch haben mich künstlerisch sehr beeindruckt.

Hattest du dir damals alle Filme angeschaut, um die Motive für die Bilder auszuwählen, oder bist du nach dem gegangen, was dir von den Filmen in Erinnerung geblieben ist?

Viele Filme kannte ich bereits. Hier und da musste ich aber auch den Film anschauen, um auf die passenden Ideen zu kommen. Bei einigen Regisseuren muss man auch aufpassen, dass man das Bild nicht überlädt, weil derjenige so viele gute Filme gemacht hat. So war es zum Beispiel bei Spielberg.

 

Film-Phasen

 

Würdest du dich als Cineasten bezeichnen?

Ich komme inzwischen selten dazu, mich einen Abend lang ins Kino zu setzen und in Ruhe zwei bis drei Stunden einen Film zu gucken. Ich gucke mehr Serien.

Welches Bild der Reihe hat sich bis heute am besten verkauft?

Tarantino. Der ist am besten angekommen, wahrscheinlich, weil er so viele Kultfilme gemacht hat. Danach kommt Hitchcock, der ja auch ein sehr breites Publikum hat.

Hast du einen Lieblingsfilm oder einen Lieblingsregisseur?

Nicht wirklich. Scorseses Phase war in den 1990ern. Seine Gangsterfilme, unter anderem „GoodFellas“ und „Casino“ habe ich damals oft gesehen und fand die toll.

Tarantinos Phase begann mit „Pulp Fiction“ Mitte der 90er. Die Hitchcock-Filme gefallen mir auch sehr. Ich kann gut verstehen, wieso die immer noch so beliebt sind.

Wird die Reihe fortgesetzt, oder ist die Arbeit daran beendet?

Wir haben jetzt gerade ein neues Bild veröffentlicht: Ridley Scott. Die Illustration hatte ich vor längerer Zeit bereits begonnen und nun endlich fertiggestellt.

Wie lange dauert die Produktion eines solchen Bildes eigentlich?

Die ersten drei hatten wir im März 2015 veröffentlicht, im Herbst kamen die nächsten drei: Spielberg, Coppola und Tarantino. Da jedes Motiv unterschiedlich aufwendig von der Recherche und der Umsetzung der einzelnen Motive ist, kann man die Frage nicht pauschal beantworten.

 

Viel Aufmerksamkeit

 

Wie entsteht ein solches Bild?

Ich beginne mit einer Vorzeichnung mit Bleistift, um die Proportionen festzulegen. Dann setze ich die einzelnen Motive in Aquarell um. Dafür orientiere ich mich an Fotos und Film-Stills.

Ich versuche immer mit hohem Kontrast zu malen, dadurch wirken die Bilder eher wie mit Tinte gemalt. Es ist aber hoch pigmentierte Aquarellfarbe.

Es ist also kein einzelnes Bild, das in einem Stück gemalt wird?

Nein. Ich male Motiv für Motiv einzeln. Das Gesicht des Regisseurs male ich meist in etwa DIN A2-Größe, damit man möglichst viele Details zeigen kann. Die einzelnen Motive wiederum auf DIN A3 oder DIN A4, je nachdem, wie groß sie auf dem Gesamtbild werden sollen. Dann scanne ich die einzelnen Aquarelle und baue sie mit Photoshop wieder zusammen und korrigiere Kleinigkeiten.

Was hat die Reihe „Movie Directors“ für deinen Werdegang bedeutet?

Das war mein Beginn, selbst initiierte Sachen zu machen und es hat für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Es kamen darüber aber auch viele eigenartige Job-Anfragen.

Es gab zum Beispiel einen Werbekunden, der wollte, dass ich im selben Stil ein Mädchen vor seinem Kaufhaus male, das in Richtung Sterne guckt und die ganzen Kaufhausfilialen sind dann in den Kopf gebaut.

Würdest du von dir selbst sagen, dass du ein Perfektionist bist?

Perfektionist würde ich mich nicht nennen, ich würde mich eher als detailverliebt bezeichnen.

julianrentzsch.de; stellavie.com


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Open-Air-Kino: Schanzenkino vor dem Aus?

Das Bezirksamt Altona könnte nach einer Vorlage der Grünen das Sponsoring im Schanzenpark komplett untersagen. Damit fiele eine wichtige Finanzierungsquelle des Veranstalters weg. Droht das Ende des Schanzenkinos?

Text: Marco Arellano Gomes

 

Man stelle sich vor, es ist Sommer, aber das Schanzenkino ist weg. Dieses vor Kurzem noch undenkbare Szenario könnte dieses Jahr Wirklichkeit werden, denn aufgrund eines Antrags der Grünen plant das Bezirksamt Altona Sponsoring in Parkanlagen gänzlich zu untersagen.

Zwar gilt in öffentlichen Parkanlagen seit einer Verordnung von 1975 grundsätzlich die Regel der Werbefreiheit, doch für das Open-Air-Kino im Schanzenpark gab es seit knapp 20 Jahren von Jahr zu Jahr eine Ausnahmeregelung seitens der Bezirksverwaltung. Eine solche Ausnahmeregelung ist in der entsprechenden Verordnung auch explizit vorgesehen.

 

Wirtschaftliches Überleben

 

Für 2021 sieht die Beschlussvorlage der Grünen jedoch vor, die Ausnahmegenehmigung nicht mehr zu erteilen. Das hätte gravierende Folgen für das Schanzenkino. „Die Einnahmen aus dem Ticketverkauf reichen nicht aus, um die Kosten zu decken“, betont Dirk Evers, Betreiber von der Outdoor Cine GmbH. Die Entscheidung würde das Aus für das Open-Air-Kino bedeuten – und das „in einer Zeit, wo die Kino- und Veranstaltungsbranche um das wirtschaftliche Überleben kämpft“.

Etwa 20.000 Besucher finden sich Jahr für Jahr im Schanzenpark unter dem Sternenhimmel wieder, um gebannt auf die Leinwand zu schauen und bei einem guten Film den Feierabend oder das Wochenende zu genießen. Damit könnte bald Schluss sein. Für viele ist das ein Horror-Szenario. Denn das Schanzenkino ist eine Veranstaltung mit Kultcharakter – mit dem Angebot vom Blockbuster bis zu Independentfilmen.

Das Open-Air-Kino „finanziert sich ohne jede Förderung der öffentlichen Hand komplett aus Abendkasseneinnahmen und Sponsorengeldern“, sagt Evers. „An guten Tagen decken die Erlöse des Ticketverkaufs alle Kosten, doch bei schlechtem Wetter sieht es anders aus“. Diese Lücke würde durch die Sponsoren- und Werbegelder in Höhe von 80.000 Euro gefüllt. Allein mit der Werbung auf der Leinwand – die dem Beschluss zufolge noch immer erlaubt wäre – kann dies nicht gegenfinanziert werden. Es drohten drastische Erhöhungen der Ticketpreise – was von den Besuchern wohl kaum auf Akzeptanz stieße.

 

Kein Verständnis

 

Nach Angaben des Betreibers wird die Außenwerbung tagsüber ohnehin mit Planen abgedeckt und nur unmittelbar vor den Aufführungen sichtbar gemacht. Evers hat daher kein Verständnis für die Entscheidung des Bezirksamts. „Ich bin entsetzt. Der Film- und Kinokultur wird ein weiterer, diesmal bürokratischer Knüppel zwischen die Beine geworfen, der ihr Überleben zusätzlich gefährdet.“

Evers vermutet, dass es auch mit dem Disput im vergangenen Jahr bezüglich des Autokinos auf der Trabrennbahn zwischen ihm und der derzeitigen Bezirksamtsleiterin Stefanie von Berg (Grüne) zusammenhängen könnte. Im vergangenen Sommer wurden die Grünen von einer Mehrheit von SPD, CDU, FDP und Linken überstimmt. Das Autokino durfte betrieben werden. Ist das nun die Retourkutsche? Evers gibt zu, dass es sich um eine reine Spekulation handelt.

Die Zukunft des Open-Air-Schanzenkinos ist nun jedenfalls offen. Evers plant bereits Aktionen, um das Überleben des Open-Air-Kinos zu sichern und hofft auf eine breite Unterstützung der Bevölkerung und eine Stellungnahme seitens der Hamburger Behörden, insbesondere der Kulturbehörde.

Am Donnerstag, 14. Januar,  kommt der Hauptausschuss im Bezirksamt Altona zusammen. Auf der Tagesordnung stehen auch die „Veranstaltungen in Grünanlagen“. Dort werden die bis Ende vergangenen Jahres eingegangenen Konzepte für die Nutzung der Parkflächen im Schanzenpark im Sommer 2021 besprochen. Für das Freilichtkino gibt es auch einen weiteren überraschenden Bewerber: Das 3001 Kino aus der Schanzenstraße. Das will wohl gänzlich ohne Sponsoring auskommen. Die Entscheidung, welcher Veranstalter den Zuschlag für das Freiluftkino erhält, ist offen.


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Das epische Format: Florian Weischer über Kinowerbung

Florian Weischer gehört mit seinem Unternehmen Weischer.Cinema zu den Marktführern im Bereich Kinowerbung. Mit SZENE HAMBURG spricht er über die gegenwärtige Situation, die Entwicklung der Kinobranche und wie er in die Welt des Kinos kam

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Herr Weischer, Sie haben Ihrem Unternehmen vor einem Jahr eine neue Corporate Identity verpasst. Was auffiel, war die Welle im neuen Logo. Haben Sie die Infektionswellen vorausgesehen, oder was wollten Sie damit zum Ausdruck bringen?

Florian Weischer: (lacht) Die Welle in unserem Logo ist das Ergebnis eines langen Diskussionsprozesses. Sie steht für Veränderung, Bewegung und die Nähe zum Wasser, da unsere Hamburger Zentrale am Hafen liegt. Wir gucken auf die Elbe und sehen das tägliche Kommen und Gehen des Wassers. Diese permanente Veränderung ist für uns etwas sehr Prägendes. Medienlandschaften verändern sich auch oft gravierend – und das in kurzen Zeitabschnitten. Darauf müssen wir reagieren, aber auch agieren, indem wir die Veränderungen mitgestalten.

Nun gab es 2020 eine ziemlich massive Veränderung, mit der so keiner gerechnet hatte: Welchen Einfluss hat die Pandemie auf Ihr Geschäft?

Wir haben mit unserer Kinosparte in diesem Jahr gut 80 Prozent unseres geplanten Umsatzes eingebüßt.

 

Kino und Lockdown

 

Als der erste Lockdown beschlossen war, haben Sie eine Kampagne namens #hilfdeinemkino ins Leben gerufen. Durch das Anschauen von Kinowerbung im Internet wurde Geld für die Kinos gesammelt. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Das war die Idee unseres Innovationsteams. Die haben sich organisiert, über Videokonferenzen abgestimmt und in wenigen Tagen das Konzept #hilfdeinemkino aus der Taufe gehoben. Die technischen Möglichkeiten dazu hatten wir, die Menschen mit ausreichender Kreativität und Vorstellungsvermögen auch. Da haben wir Gesellschafter am nächsten Morgen gesagt: „Mensch, das ist toll. Macht das!“ Das war wichtig für die Moral – sowohl in unserem Unternehmen als auch bei den Kinobetreibern und -besuchern.

Welche Summe kam zusammen?

Es waren knapp hunderttausend Euro, die wir auf diesem Wege generieren konnten. Wir haben dieses Geld zum größten Teil an die Kinos ausgeschüttet, was bei knapp 4.500 Leinwänden in Deutschland pro Kino kein riesiger Betrag ist. Aber zumindest konnten wir so Aufmerksamkeit für die Filmtheater generieren.

Ihr Unternehmen betreibt unter anderem auch Außen- und Onlinewerbung. Konnten Sie die Verluste in der Kinosparte dadurch etwas ausgleichen?

Es ist dadurch weniger dramatisch gewesen, aber der Einschnitt ist dennoch gewaltig. Es ist bei uns ein zweistelliger Millionenverlust entstanden. Wir überstehen das, aber wir standen durchaus vor der Frage: Glauben wir an die Zukunft des Kinos oder nicht?

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Wir glauben daran, dass das Kino zurückkommt. Das kann aber ein bisschen dauern. Wir hätten die Freiheit, auch anders darüber zu denken. Tun wir aber nicht.

Sie haben auch einen Trailer mit dem Titel „Dein Kino – Du fehlst“ produzieren lassen, der die Sehnsucht nach dem Kinoerlebnis spürbar macht. Was haben Sie gefühlt, als sie den Clip erstmals sahen?

Ich hatte Gänsehaut. Ich war gerührt von der Emotionalität der filmischen Umsetzung. Die Idee zum Clip kam ebenfalls von unserem Innovationsteam. Der Clip ist mit einem Mikrobudget produziert worden. Es waren höchstens eine Handvoll Tausend Euro. Sky du Mont hat uns seine Stimme kostenlos geliehen. Eine schöne Aktion. Der Trailer wurde später ins Englische übersetzt und kam weltweit in über 20 Ländern zum Einsatz.

 

„Kino braucht das epische Format“

 

Ihr Unternehmen wurde 1954 von Ihrem Vater, Hans Weischer, als Spezialagentur für Kinowerbung gegründet. Die Kinobranche wird seither immer wieder gern totgesagt. Ist Ihnen die Kinosparte nur aufgrund der Unternehmensgeschichte wichtig oder lohnt es sich auch?

Wir haben in den letzten Jahren eine gute Entwicklung gehabt. 2019 war ein super Jahr mit zweistelligen Wachstumsraten bei der Kinowerbung, aber auch zweistelligem Wachstum bei den Kinobesuchen. Das ist vielen gar nicht so klar. Viele denken, das Kino sei allgemein in der Krise. Das ist aber ein völlig falsches Bild.

Viele Besucher schauen sich die Reklame im Kino komplett an. Wie erklären Sie sich das?

Kinowerbung ist wahrscheinlich das letzte Medienformat, bei dem sich Menschen bewusst, freiwillig und zufrieden mit Werbung befassen (lacht). Der Akzeptanzwert für Kinowerbung liegt bei über 80 Prozent. Wir haben uns damals, als die Kinos vor etwa 25 Jahren die Platzreservierung und Buchungssysteme eingeführt hatten, große Sorgen gemacht.

Wir befürchteten, dass die Zuschauer erst nach dem Werbeblock in den Saal gehen würden, da ihr Sitzplatz sicher ist. Das ist aber nicht eingetreten. Die Zuschauer empfinden das Vorprogramm als attraktiv. Werbung wird akzeptiert, wenn es unterhaltsam, spannend, attraktiv und lustig ist.

Nicht wenige empfinden die Werbung im Kino sogar als Teil des Kinoerlebnisses, wie eine Art Vorspiel zum eigentlichen Hauptfilm. Sehen Sie das auch so?

Ja, absolut. Ich bin mit Kinowerbung groß geworden. Ich habe damals als Teenager für das Unternehmen meines Vaters Kontrollbögen ausgefüllt. Ich musste überprüfen, ob alle Werbefilme auch in den Kinos abgespielt wurden. Als Entlohnung erhielt ich Kinotickets. Die Werbung war quasi mein Zugang zum Kino. (lacht)

Stanley Kubrick soll von Nescafé-Werbespots fasziniert gewesen sein. Er fragte sich damals, Sydney Pollack zufolge, wie man eine Geschichte in so kurzer Zeit überhaupt erzählen kann …

Es ist schon eine Kunst, eine Geschichte in ein bis zwei Minuten zu erzählen. Das erfordert, dass sie auch wirklich gut ist. Bei der Kinowerbung kommt hinzu, dass das Format und der Ton auch wirklich genutzt werden müssen. Das Kino kann mit modernen Social-Media-Erzählformen und -Formaten wenig anfangen. Ein Siebensekünder funktioniert in einem Filmtheater einfach nicht. Kino braucht das epische Format.

Sehen Sie das Kino angesichts der Streaming-Konkurrenz in Gefahr?

Es ist nicht so, dass Streaming-Dienste das Kino in irgendeiner Weise ersetzen könnten – und das tun sie auch nicht. Für mich sind die Streaming-Dienste eine andere Form von Fernsehen. Wir haben eine ziemlich stabile Entwicklung bei den Kinobesuchen und schwanken seit etwa zehn Jahren zwischen 110 und 130 Millionen Kinobesuchen im Jahr. Die Kinobesucher sind zwar inzwischen älter als noch vor 20 Jahren, aber das ist für uns nicht schlecht, denn dass die 30-, 40- und 50-Jährigen das Kino wiederentdeckt haben, bedeutet für uns einen größeren Markt.

Viele Filmstudios sind dazu übergegangen, ihre Filme direkt in die Streaming-Portale zu geben. Warner Bros. planen, ihre Filme für 2021 zeitgleich in den Kinos und im eigenen Streaming-Kanal HBO herauszubringen. Wird das nicht die gesamte Kinokultur verändern?

Ich glaube nicht, dass die Filmverleiher sich langfristig vom Kino abwenden. Das mag im Moment so erscheinen, aber das kann ich mir angesichts der Gewinne, die die Filmverleiher und Filmproduzenten sich entgehen ließen, nicht vorstellen. Die Wertschöpfung der Streaming-Dienste ist im Vergleich zu dem der Kinos wesentlich geringer.

 

Sehen, was im Kino funktioniert und was nicht

 

Welches Hamburger Kino besuchen Sie gerne?

Ich mag das Cinemaxx-Dammtor mit seinen 1.000 Plätzen, ich bin sehr gerne in der Astor Lounge in der HafenCity, wenn es mal die Originalsprache sein soll im Savoy, und wenn es um Filmkunst geht im Abaton. Es ist schön, dass Hamburg diese Bandbreite bietet.

Hand aufs Herz: Wenn Sie in ein Kino gehen, schauen Sie sich die komplette Werbung an oder schleichen Sie sich kurz vor Filmbeginn hinein?

(lacht) Ich bin tatsächlich ab dem ersten Bild schon auf dem Platz, weil ich neugierig bin, wie die Menschen auf die Werbung reagieren. Ich finde es wichtig, zu sehen, was im Kino funktioniert und was nicht. Das kriegt man anhand der Reaktionen ganz gut mit.

Gibt es einen Kino-Werbespot, den sie nie vergessen haben?

Wir hatten vor vielen Jahren die Idee, ein sogenanntes Duftkino zu machen. Hierzu hatten wir eine Apparatur, die mit der Klimaanlage des Kinos gekoppelt war und die punktgenau einen Duft ausspielte. An einem Abend testeten wir das im Cinemaxx-Dammtor. Es lief ein Nivea-Werbespot. Der Spot selbst war unspektakulär. Er zeigte einige Strandszenen, Dünen an der Nordsee, spazierende Menschen, vorbeifliegende Möwen, rauschende Wellen.

Dann prallte, wie mit einer Keule geschwungen, der Duft von Nivea-Sonnenlotion in die Nasen der Zuschauer. Alle hatten sofort Assoziationen von Sommer, Strand, Urlaub im Kopf. Einige sprangen sogar kurz enthusiastisch von ihren Sitzen auf, weil der Geruchsreiz direkt im Stammhirn verarbeitet wird. Das war ein phänomenales Erlebnis.

Ihr Unternehmen zog 1971 von Hannover nach Hamburg. Warum?

Die Kundennähe war für meinen Vater sehr wichtig. Die größten Auftragnehmer für unser Unternehmen saßen damals und sitzen noch heute in Hamburg. Da wollte mein Vater nah ran. Das fanden mein Bruder Marcus und ich als Kinder zwar nur so mittelprächtig, weil unser Vater von Montag bis Freitag in Hamburg war und wir in Hannover lebten, aber aus Sicht des Unternehmens war das eine sehr kluge Entscheidung.

Ihr Unternehmen ist seit 60 Jahren im Geschäft. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Da sind wir wieder beim Logo (lacht). Ich denke, die Bereitschaft und die Fähigkeit Veränderungen mitzugehen oder zu gestalten hat wesentlich dazu beigetragen, dass es uns gut gegangen ist und wir uns gut entwickeln konnten. Kino ist das mit Abstand Wichtigste für uns.

weischer.media


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„Jede*r Fünfte“: Podcast über psychische Erkrankungen

In der neuen Podcast-Reihe „Jede*r Fünfte“ spricht die Journalistin und Autorin Wiebe Bökemeier mit prominenten Gästen über psychische Erkrankungen. Ihr Ziel: Berührungsängste und Stigmatisierungen abbauen

Text: Ulrich Thiele

 

Sie sind unsere Nachbarn, Arbeitskollegen, ihre Kinder sind in derselben Kita. Und doch sehen wir diese Menschen nicht. Klar, wir begegnen ihnen im täglichen Leben, aber nehmen wir sie wirklich wahr? „Sie laufen unter dem Radar unserer Gesellschaft“, sagt die Journalistin und Autorin Wiebe Bökemeier. Die Rede ist von psychisch erkrankten Menschen.

Fast 18 Millionen Menschen in Deutschland sind von einer solchen Erkrankung betroffen, das ist jeder Fünfte, beziehungsweise „Jede*r Fünfte“, wie Bökemeier ihren neuen Podcast folgerichtig nennt. Seelisch Erkrankte sind oft mit Vorurteilen und Stigmatisierung aus der Gesellschaft konfrontiert. Bökemeier will dem entgegenwirken und baut mit der Pestalozzi-Stiftung Hamburg und der Kreativagentur SOCIAL SOCIAL Berührungsängste ab, klärt über Krankheitsbilder auf, und hilft dabei, diese zu verstehen.

In insgesamt fünf Folgen spricht die Journalistin an jedem Fünften des Monats mit einem prominenten Gast über dessen eigene Erfahrungen und Berührungspunkte mit psychischen Erkrankungen. Die erste Folge startete am 5. Dezember mit der Comedian Käthe Lachmann, die 20 Jahre lang erfolgreich auf der Bühne stand und in ihren schlimmsten Phasen Todesangst beim Essen einer Suppe hatte. Lachmann erzählt, wie wichtig es ist, über psychische Erkrankungen zu sprechen, wie sie mit ihren Panikattacken umgeht, welche Rolle ihr Freund dabei spielt und ob Humor helfen kann.

„Hast du eine gebrochene Seele, wirst du aus der Gesellschaft ausgestoßen“

 

In der nächsten Folge spricht Bökemeier mit Dirk Ahrens, Landespastor und Leiter des Diakonischen Werks Hamburg, über Psychosen und das Entstehen und Erkennen psychischer Erkrankungen. Ausgangspunkt einer jeden Folge ist stets eine Geschichte aus Bökemeiers 2019 erschienenem Buch „Wir, ‚Kinski‘ und ich – Alltag im Ausnahmezustand“, in dem sie Menschen mit seelischen Erkrankungen und deren ungewöhnliche und doch normale Gedankenwelten porträtiert. Eine davon ist Nati. „Hast du ein gebrochenes Bein, akzeptieren das alle. Hast du eine gebrochene Seele, wirst du aus der Gesellschaft ausgestoßen“, erklärt sie.

Nati malt gerne, liebt Fantasybücher, aber viele sehen in ihr nur „eine Frau, der das eigene Leben phasenweise entgleitet“. Sie hasst Menschenmengen. Symptome wie Panik, Angst, Schweißausbrüche und innerer Stillstand überkommen sie, wenn sie rausgeht. Dennoch begleitet die 46-Jährige für ihr Porträt Bökemeier auf den Weihnachtsmarkt in der Hamburger Innenstadt. Nati erzählt von ihren „Ankern in die reale Welt“, die sie braucht: „Als Ablenkung von der Erinnerung an ihren Onkel, der sie das erste Mal missbrauchte, als sie vier Jahre alt war. An die Eltern, die ihr damals nicht glaubten. Oder die Erinnerung an ihren Stiefvater, der seine Finger um ihren Hals schloss, um ihre Teenager-Widerworte nie mehr hören zu müssen“, wie Bökemeier schreibt. Aber Nati will als das gesehen werde, was sie ist: „eine Frau, die gern malt“.

Zu dem emotionalen Kern des Podcasts gesellt sich Fachwissen: Nach den persönlichen Geschichten aus ihrem Buch und jenen ihrer Gäste, wird jede Folgte ergänzt durch eine Analyse mit Simone Iwanski, Sozialpädagogin bei der Pestalozzi-Stiftung Hamburg, und Dr. Dietrich Eck, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Zu den weiteren Gästen gehören unter anderem Ex-St.-Pauli-Coach Ewald Lienen, Musiker Flo Mega und Schauspielerin Anna Irmgard Jäger.

jederfuenfte.de


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