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Interview: Moritz Bleibtreu über sein Regiedebüt „Cortex“

Moritz Bleibtreu feierte mit „Cortex“ auf dem Filmfest Hamburg Premiere. Der Schauspielstar schrieb das Drehbuch, führte Regie, produzierte den Film und spielte die Hauptrolle. Mit SZENE HAMBURG traf er sich vorab zum Gespräch und sprach über seine Erfahrung als Regisseur, seine Vorbilder und den Reiz komplexer Erzählungen

Interview: Marco Arellano Gomes

 

Mit einem dunklen Mercedes scheint Moritz Bleibtreu zum Interviewtermin. Er steigt aus, geht ein paar Schritte Richtung Lokal, fragt seine Agentin, ob sie ihm eine Flasche Wasser, einen Cappuccino mit Zucker und einen Aschenbecher organisieren könne und schwingt sich auf eine hohe Holzbank. Treffpunkt ist das vor Kurzem wiedereröffnete Restaurant „Farina Meets Mehl“ in Ottensen. Auf dem diesjährigen Hamburger Filmfest feiert Bleibtreus Film „Cortex“ Premiere. Er wirkt entspannt, ist bei bester Laune. Als er die aktuelle SZENE HAMBURG auf dem Tisch liegen sieht, erzählt er, dass seine Mutter (Theaterschauspielerin Monica Bleibtreu, Anm. d. Red.) in den 1980er Jahren das Blatt regelmäßig gelesen habe.

 

SZENE HAMBURG: Moritz, dein neuer Film „Cortex“ feiert dieses Jahr auf dem Filmfest Hamburg Premiere. Wie würdest du dich als Regisseur beschreiben?

Moritz Bleibtreu: Meine Erfahrung ist, dass ich als Regisseur vor allem Motivator bin. Wenn du im Team Leute hast, die gut sind, dann tragen alle von sich aus viel zu dem Film bei und bringen sich ein. Das ist ja das Tolle!
Es gibt im Grunde zwei Arten von Regisseuren: Die, die gerne abgeben und die, die das nicht tun. Ich gehöre definitiv zu denen, die gerne abgeben.

Gab es Regisseure, mit denen du gearbeitet hast, von denen du sehr inspiriert warst? Von denen du sagen würdest: „Von ihm habe ich viel über das Filmemachen gelernt?“

Letztendlich habe ich von jedem Regisseur, mit dem ich gearbeitet habe, auch etwas gelernt. Aber besonders hängen geblieben ist mir die Arbeit mit Steven Spielberg am Film „München“.

Was war an der Arbeit mit Spielberg so besonders?

Er ist die absolute Champions League und die Art Regisseur, in deren Tradition ich mich gerne sehen würde, ohne mich mit ihm vergleichen zu wollen. Damals habe ich Spielberg gefragt: „Kannst du mir jungem Schauspieler etwas mit auf den Weg geben? Und was machst du anders? Was macht dich so erfolgreich?“ Und dann sagte er: „Moritz, I don’t do anything. All I do is, I hire the best people in the world and I tell them how great they are“ („Moritz, ich tue nichts. Ich engagiere nur die besten Leute der Welt und sage ihnen, wie toll sie sind“). Er lässt die Leute am Set einfach ihren Job machen und vertraut ihnen. Spielberg ist eigentlich ein unterschätzter Regisseur, künstlerisch betrachtet.

Hat dich nicht auch Fatih Akin stark geprägt? Immerhin habt ihr vier Filme miteinander gedreht.

Klar, auf jeden Fall. Wir haben uns gegenseitig geprägt. Er würde wahrscheinlich das Gleiche sagen. Es gibt, ehrlich gesagt, kaum einen Regisseur, von dem ich nichts gelernt habe. Jeder hatte seine Stärken. Fatih hat zum Beispiel diesen absoluten Willen zur Wahrhaftigkeit – und wenn er sich dafür prügeln muss. Helmut Dietl hingegen will es genau so, wie er es sagt. Und wenn da ein Bindestrich steht, dann muss man den auch wirklich mitnehmen. Tom Tykwer wiederum ist ein wandelndes Filmlexikon. Der weiß alles über Film.

Als du das Drehbuch zu „Cortex“ geschrieben hast, hattest du da schon die Darsteller vor Augen?

Leider nicht. Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich mich selbst besetzen musste. Ich habe keinen mehr gefunden, der Zeit hatte und den ich wirklich gewollt hätte. Ich habe den großen Fehler gemacht, das Drehbuch nicht auf Schauspieler hin zu schreiben. Ich hatte mir gedacht: Ich schreibe diese Geschichte und dann schauen wir mal. Das würde ich so nicht noch mal machen.

Drehbuch, Regie, Hauptrolle, Produzent: Hattest du irgendwann die Befürchtung, dass du dir etwas zu viel zugemutet hast?

Ja, hatte ich. Ich habe sie auf eine Art noch immer – zumindest, was die Außenwirkung betrifft. Es war nicht so, dass ich gesagt hätte: „So, jetzt mache ich das alles hier für mich. Und alle anderen: Bitte zur Seite!“ So wirkt das nun wahrscheinlich, aber das Gegenteil war der Fall. Ich wollte mich nicht besetzen. Es war bloß niemand zur Verfügung, der mich wirklich begeisterte. Also dachte ich mir, bevor ich jemanden besetze, bei dem ich mir nicht sicher bin oder der sich in der Situation nicht wohlfühlt, nehme ich es lieber auf meine eigenen Schultern.

Bist du mit dem Ergebnis zufrieden?

Der Regisseur ist jedenfalls der Meinung, dass der Bleibtreu das ganz gut gemacht hat (lacht).

Konntest du als Regisseur die eigenen Szenen überhaupt aus der Außenperspektive betrachten?

Ich habe in solchen Momenten komplett an Thomas Kiennast, den Kameramann, abgegeben und gesagt: „Wenn ich spiele, dann führst du Regie.“ Ich habe dann auch voll auf ihn gehört und nichts hinterfragt.

 

„„Cortex“ hat keinen größeren Anspruch, als ein kleiner, verrückter Debütfilm zu sein“

 

Du bist ein sehr erfahrener Schauspieler. Hast du das Gefühl, als Regisseur deshalb ein besseres Händchen für die Darsteller zu haben?

Ich glaube schon, dass es für einen Regisseur von Vorteil ist, wenn er selber das Schauspiel kennt, weil er dann besser weiß, wo sich ein Schauspieler gerade befindet, wie sich eine bestimmte Nervosität äußert und wie der Schauspieler sich in bestimmten Momenten fühlt.

Bist du dann strenger oder gnädiger?

Auf jeden Fall gnädiger.

Die Erwartungshaltung ist hoch, wenn Filmstars bei einem Film das Drehbuch und die Regie übernehmen. Wie hast du dich darauf vorbereitet?

Ich denke, ich habe genügend Filme gemacht, um zumindest eine Vorstellung davon zu haben, was für eine Art Regisseur ich sein möchte. Der Rest ist Lernen. Ich mache das immerhin auch zum ersten Mal. „Cortex“ hat keinen größeren Anspruch, als ein kleiner, verrückter Debütfilm zu sein. Ich habe versucht, mich völlig frei zu machen von übertriebenen Erwartungen. Ich habe einfach das gemacht, was ich schon lange machen wollte – und zwar möglichst kompromisslos. Ich denke, das ist mir auch ganz gut gelungen.

Du machst in der Tat einen zufriedenen Eindruck. Viele Regisseure hadern ja mit ihren Filmen bis zur letzten Minute, da die Filme oftmals nicht so sind, wie ursprünglich gedacht.

Mittlerweile habe ich meinen Frieden damit gemacht.

Mittlerweile?

Es ist ein Prozess, zu verstehen, dass das, was man sich in seinem stillen Kämmerchen ausdenkt, nie das sein wird, was am Ende auf der Leinwand zu sehen ist. Filmemachen ist Teamarbeit. Du hast da mindestens 30 bis 40 Leute, die wichtig sind für alles, was passiert. Die große Kunst ist es, auch mal loszulassen und im richtigen Moment zu sagen: „Ich lass das jetzt und guck mir was Neues an.“ Nichts läuft durchgehend so, wie geplant.

 

Das Schreiben ist das Wichtigste

 

Beunruhigt es dich nicht, wenn nichts wie geplant läuft?

Ich kann mir schwer vorstellen, einen Film zu machen, von dem ich sage: „Ey, was für ein Brett.“ Dafür bin ich viel zu zweifelnd und zu selbstkritisch. Ich sehe immer erst mal Fehler, und erst langsam schleichen sich Gedanken ein, dass ich es vielleicht so schlecht gar nicht gemacht habe.

Was war denn deine wichtigste Erkenntnis bei der Produktion von „Cortex“?

Was ich mitgenommen habe, ist, dass das Schreiben das eigentlich Wichtige ist. Das ist etwas, das mein Leben garantiert verändert und was ich auch weitermachen will.

Wie kamst du überhaupt auf das Thema?

Schwer zu sagen. Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht. Ich habe irgendwann mal im Witz gesagt: „Weißt du, was man mal machen müsste? Einen ernsten Body-Switch-Film. Einen, der nicht lustig ist, auch nicht halblustig, wie bei ,Im Körper des Feindes‘ (,Face/Off ‘), sondern wirklich ernst. Das hat sich irgendwann in meinem Kopf festgesetzt.“ Ich habe immer aus Spaß gesagt: „Ich habe das erste Body- Switch-Drama der Welt gemacht.“
Na ja, möglicherweise ist mir ein Koreaner zuvorgekommen, aber im Westen bin ich, soweit ich weiß, der Erste.

Also hat dich vor allem die Filmgeschichte inspiriert?

Filmemachen ist nun mal ein sehr großer Teil meines Lebens. Künstlerisch betrachtet, spiegelt die Schauspielerei das Leben von jedem wider. Ich werde dafür bezahlt, viel Zeit meines Lebens nicht ich selbst zu sein, sondern anderen etwas vorzuspielen und gleichzeitig mich in dieser Figur zu suchen und zu finden. Das ist eine Parabel für das Leben an sich: Jeder sucht sich selbst. Im besten Fall findet man sich ganz, eventuell ein bisschen oder eben gar nicht. Dabei muss man ab und zu auch loslassen können. Du kannst nichts Neues machen, ohne etwas loszulassen. Du kannst nichts finden, ohne etwas wegzuwerfen.

Hattest du je das Gefühl, in eine Rolle so einzutauchen, dass du dich selbst darin verloren hast und nicht mehr wusstest, wo die Rolle anfängt und der Darsteller Moritz Bleibtreu aufhört?

Nein, weil dieses Suchen, dieses mich in einer Figur finden, nie Formen angenommen hat, die mich selbst kirre gemacht hätten. Es gibt aber Regisseure, die sehr fordernd sind. Und ich habe Filme gemacht, bei denen ich physisch an einen Punkt gekommen bin, wo es nicht mehr ging. Davon ausgehend kann auch persönlicher Kram in Mitleidenschaft gezogen werden. Aber ich gehöre nicht zu den Leuten, die
sich in einer Figur verlieren. Ich habe auch schon erlebt, dass ich von einem Filmset ging und sagen musste: „Ich habe den Charakter wirklich nicht gefunden.“

Bei welcher Figur war das der Fall?

Das sagt man der Presse natürlich nicht. (lacht)

Du hast als Schauspieler oft komplexe, fordernde Rollen gewählt, statt dich dem Mainstream zu verschreiben. Ist das dein Prinzip?

Mir macht kompliziertes Zeug im Allgemeinen einfach Spaß, ohne dass ich den Mainstream verurteile. Es gibt viele Mainstream-Filme, die ich sehr gelungen finde. Ich habe irgendwann einfach großes Interesse an komplexen Thematiken, Geschichten sowie komplexer Literatur und Musik entwickelt. Ich mag Sachen, die nicht auf den ersten Blick gefallen, sondern bei denen man etwas tun muss, um sich diese zu erschließen. Du siehst, liest oder hörst es nochmal und noch mal und noch mal – und beim fünften oder zehnten Mal merkst du: „Ach, das wollte der Typ! Jetzt habe ich das verstanden. Wie geil ist das denn?!“

Zurück zu deinem Film „Cortex“: Der spielt ja in großen Teilen in Hamburg. Hast du besonders gern hier in deiner Heimatstadt gedreht?

Ja, klar. Das war toll. Nicht nur wegen der schönen Kulissen, die diese Stadt bietet, sondern auch, weil ich mich darüber freute, schnell zu Hause zu sein (lacht). Der letzte Film, den ich in Hamburg gedreht habe, war „Soul Kitchen“! In Hamburg wird leider viel zu wenig Kino gemacht.

 

Seht hier den Trailer zu „Cortex“:

 

Es gibt Pläne, mehr High-End-Serien in Hamburg zu produzieren. Es gab eine lebhafte Debatte um eine alte, nicht mehr genutzte Posthalle, in der unter anderem eine Serie von Fatih Akin gedreht werden könnte. Braucht Hamburg ein solches Studio?

Alles, was den Filmstandort Hamburg attraktiver macht, ist definitiv zu begrüßen. Ohne staatliche Subventionen würden wir hier in Deutschland nicht einen einzigen Film machen. Deswegen können wir der Subvention und der Öffentlich-Rechtlichen nicht genug danken. Mich ärgert bloß, dass dieses System so stark ländergebunden ist. Das ist nicht immer hilfreich, vor allem, wenn mehrere Länder subventionieren und man gezwungen ist, in jedem der beteiligten Länder zu drehen. Die Franzosen haben ihre Förderung zentralisiert. Das würde auch hier viel Geld einsparen und dieses ständige Hin- und Herfahren verringern.

Heutzutage können es sich wenige erlauben, komplexe Filme zu machen. Oft scheitert es an der Finanzierung. „Cortex“ ist so gesehen ein mutiges Projekt. Wie würdest du den Film in aller Kürze zusammenfassen?

Ein Mann träumt von einem anderen Mann, bis er zu ihm wird. Der eine versucht, sein Leben zurückzubekommen, der andere versucht, das neue Leben zu behalten. Es ist eigentlich ganz einfach.

Wie, glaubst du, wird das Publikum den Film aufnehmen?

Natürlich hoffe ich, dass ihn viele Leute sehen – aber ich weiß auch, in was für einer Krise das Kino momentan steckt. Viele meiner persönlichen Lieblingsfilme waren im Kino nicht allzu erfolgreich, teilweise sind diese aber im Nachhinein zu Kultfilmen avanciert. Es wäre toll, wenn „Cortex“ dazu führt, dass die Leute sagen: „Lass mal gucken, was der Bleibtreu noch so macht.“


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Die Schönheit des Hamburger Schietwetters

Eine Liebeserklärung ans verschriene Hamburger Nass

Text: Erik Brandt-Höge

 

Hamburg ist nicht Saint-Tropez. Es ist auch nicht Palermo. Nicht mal Passau. Und weil Hamburg eben Hamburg ist, ist das Wetter hier nicht immer doll. Genau genommen ist es oftmals ziemlich mies. So mies, dass es viele Hamburger zum Hassobjekt erklären. Da wird ordentlich gezetert: „Zum Kotzen, dieser Dauerregen!“ Manche erwägen des Wetters wegen gar einen Umzug in trockenere Gebiete. Berechtigte Frage Richtung Meckerheinis: Schon mal die Schönheit im Schietwetter bemerkt? Also, nicht im Schietwetter an sich, sondern in den Möglichkeiten, die es mit sich bringt? Eine Runde im überdachten und jede Menge Snacks und Getränke bereithaltenden Alsterrdampfer kann man auch drehen, wenn das Wasser in Kübeln von oben kommt.

 

Stichwort raue See

 

Schifffahrtsfeeling kommt dann noch mehr auf als eh schon: Stichwort raue See und so. Wem diese Geschichte zu schunkelig ist, der kann sich eine Auszeit zwischen zwei Wetterextremen in Planten un Blomen gönnen. Im schwülwarmen Tropenhaus, zwischen allerhand exotischer Flora, ist es nämlich noch gemütlicher, wenn die Tropfen rhythmisch aufs Glasdach plätschern: Stichwort Regenwald mitten in der Stadt. Und wer mit dem Schietwetter lieber unter sich bleiben will, dem sei ein kurzer, nasskalter, aber von Frischluft gespickter Spaziergang im Friesennerz ans Herz gelegt. Wenn es danach nämlich wieder in die Bude geht, wird diese noch ein bisschen mehr geschätzt – vor allem die Temperaturen drinnen: Stichwort Saunagang, nur umgekehrt. Hat also reichlich für sich, das Hamburger Schietwetter. Am Ende ist es alles andere als ein lästiges Mitbringsel dieser Stadt.


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Plädoyer für ein Grundrecht: Meinungsfreiheit

„Die Freiheit der Rede hat den Nachteil, dass immer wieder Dummes, Hässliches und Bösartiges gesagt wird. Wenn wir aber alles in allem nehmen, sind wir doch eher bereit, uns damit abzufinden, als sie abzuschaffen.“ Winston Churchill

Text: Markus Gölzer

 

Meinungen. Immer Meinungen. Kein Thema ist zu groß oder zu klein, als dass nicht irgendwer eine Meinung dazu hätte. Eine isst Königsberger Klopse dogmatisch nur mit Reis, ihr Freund schwört auf Kartoffeln. Nicht gerade beim Koran, aber doch bei der Kochkunst seiner Mutter. Der Maskengegner spreadet frei vor sich hin und versteht nicht, warum man ihm nicht seine Meinung lässt. Die anderen Fahrgäste im überfüllten Bus verstehen nicht, warum er das nicht versteht. Was alle Meinungen verbindet, ist, dass sie ein persönliches Werturteil sind. Ein ganz besonders wertvolles noch dazu, da es vom Grundgesetz geschützt ist.

Früher war alles einfacher. Auch die Meinungsbildung. Es gab nur eine Meinung – die der Herrschenden. Alles andere fiel unter die Zensur, bei der das Falsche schon im Begriff liegt. „Zensur“ leitet sich vom „Censor“ ab, einem hohen Beamten des Römischen Reiches. Der Censor führte die Volks- und Vermögenschätzung, den Census, durch und überwachte die guten Sitten. Er wollte hauptberuflich an das Geld der Leute. Was sie verzapften, war ihm egal, so lang es kein Schweinkram war. Auch wenn in der Antike nicht nach unseren Vorstellungen zensiert wurde, gab es keine Meinungsfreiheit. Es galt: Über den Kaiser macht man keine Witze. Wer anderer Meinung war, war es nicht lange. Er wurde hingerichtet. Wer im Verdacht stand, erst recht.

 

„Die freie Äußerung von Gedanken und Meinungen ist eines der kostbarsten Menschenrechte.“ Aus Artikel 11 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung 1789

 

Jahrtausende lang hatten die Herrschenden immer recht, und wem würde das nicht gefallen? Dann kam mit der Französischen Revolution die Meinungsfreiheit. Und damit erst mal keine Erfolgsstory. Von Napoleon über Bismarck bis Hitler und Konsorten taten die Mächtigen alles, um der freien Meinung den Garaus zu machen. Beziehungsweise dem, der sie verbreitete. Erst mit Inkrafttreten des Grundgesetzes 1949 wurde jedem zugestanden, zu allem seinen Senf dazuzugeben. Was für ein Fortschritt, nachdem man seit Menschengedenken ständig Gefahr lief, sich um Kopf und Kragen zu reden.

Es gibt wohl kein Grundrecht, das sich im Alltag so positiv bemerkbar macht wie die Meinungsfreiheit. Laut Verfassungsgericht ist das Wesensmerkmal einer Meinung, dass sie sich „nicht als wahr oder unwahr erweisen lasse“. Man kann meinen, was man will, seine Meinung ständig ändern. Meinungsfreiheit ist keine Einbahnstraße, es herrscht brutaler Gegenverkehr. Man hat keine Meinung um der Meinung willen, man glaubt an sie und kämpft für sie.

Das Gespräch am romantischen Pärchenabend verläuft etwas zäh? Einfach ein altes Streitthema aufgreifen, und Unterhaltung ist garantiert. Ob man recht bekommt oder nicht – die Gegenargumente haben die eigenen geschärft. Auch wenn man in seinem Innersten natürlich weiß, dass man recht hatte. Das Einzige, was uns kahlrasierte Viecher vom Rest der Tierwelt unterscheidet, ist die eigene Meinung. Gedanken und Gefühle nicht aussprechen zu dürfen, ist unmenschlich.

Ohne Meinungsfreiheit kein Fortschritt: Der Mensch muss Standpunkte diskutieren und verwerfen dürfen, um voranzukommen. Das ist die Kraft der Wissenschaft. Wie schwierig muss die Erforschung des neuartigen Covid-19-Virus unter den Augen einer Öffentlichkeit sein, die immer zorniger endgültige Erkenntnisse einfordert. Eine neue Position ist kein Fehler. Eine zementierte schon. Aber was machen, wenn die andere Meinung so von der eigenen abweicht, dass es wehtut? Die Frontlinien der Hildmanns und Trumps dieser Welt laufen quer durch Familien. Hier kann man es mit Voltaires berühmtesten Zitat halten, dass nicht von ihm ist, aber immerhin von seiner Biografin Beatrice Evelyn Hall: „Ich hasse, was du sagst, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass du es sagen kannst.“ Kontrovers-Kultur statt Cancel Culture! Allerdings nur so lange, bis der böse Ismus von Antisemitismus über Sexismus bis Rassismus ins Spiel kommt. Dann locker die Gelbe Karte überspringen, die Rote gezückt und Sperre. Oder sperren lassen durch ein offenes Wort mit der Personalabteilung. Hater können weg.


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Klein aber (sehr) fein: Filmfest Hamburg startet

Vom 24. September bis zum 3. Oktober findet das Filmfest Hamburg statt. Einiges ist anders, doch im Mittelpunkt stehen, wie immer, die Filme. Highlights: der Eröffnungsfilm „Enfant Terrible“ über das Leben von Regielegende Rainer Werner Fassbinder sowie „Cortex“, das Regiedebüt von Schauspielstar Moritz Bleibtreu

Text: Marco Arellano Gomes

 

Nicht weniger als einen „Kino-Rausch“ kündigt das Filmfest Hamburg für dieses Jahr an. „Klein, aber (sehr) fein“ soll das werden, gab Filmfest Hamburg-Leiter Albert Wiederspiel bereits im Juni zum Besten, wenn auch „der aktuellen Situation angepasst“. Damals war noch unklar, ob es in diesem Jahr überhaupt ein Filmfest geben wird. Andere Festivals mussten komplett in digitale Sphären ausweichen, andere wurden verschoben oder gar abgesagt.

Das Filmfest Hamburg findet statt. Vom 24. September bis zum 3. Oktober wird es eine der Situation angepasste 28. Ausgabe des Festivals geben – mit Kinovorführungen in den üblichen Lichtspielhäusern, Abaton, Cinemaxx Dammtor, Passage, Metropolis und Studio Kino, einem digitalen Film- und Rahmenprogramm und bis zu 70 hochkarätigen Filmen. Da das Platzkontingent begrenzt ist, werden zusätzliche Streaming-Tickets angeboten. „Streamfest Hamburg“ wird die digitale Option genannt.

Eröffnungsfilm am 24.9. ist „Enfant Terrible“. Der Film von Oskar Roehler zeichnet episodenhaft das Leben des deutschen Ausnahmeregisseurs Rainer Werner Fassbinder (gespielt von Oliver Masucci) nach, der im Mai dieses Jahres 75 Jahre alt geworden wäre. Ursprünglich hätte „Enfant Terrible“ bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes laufen sollen, die aber Corona-bedingt abgesagt wurden. Fassbinder steht, wie kaum ein anderer, für den Neuen Deutschen Film, eine Bewegung, die sich gegen das kommerzielle Kino der unmittelbaren Nachkriegszeit wandte. Bundesweit kommt der Film am 1. Oktober in die Kinos.

 

Seht hier den Trailer zu „Enfant Terrible“:

 

Ein weiterer Höhepunkt ist die erste Regiearbeit von Moritz Bleibtreu: „Cortex“. Der in Hamburg-St. Georg aufgewachsene Schauspieler hat auch das Drehbuch verfasst, den Film produziert und spielt darüber hinaus die Hauptrolle. In dem Streifen spielt er Hagen, den unkontrollierte Schlafphasen plagen, und der zwischen Traum und Realität zunehmend nicht mehr unterscheiden kann. Darunter leidet auch die Beziehung zu seiner Frau Karoline (Nadja Uhl). Als diese einen Seitensprung mit dem Kleinkriminellen Niko (Jannis Niewöhner) eingeht, kommt eine verstörende Verkettung der Geschehnisse in Gang.

 

Seht hier den Trailer zu „Cortex“:

 

Der diesjährige Abschlussfilm ist „Nomadland“ von Chloé Zhao mit Frances McDormand in der Hauptrolle, die eine Frau aus Nevada spielt, die nach einem wirtschaftlichen Zusammenbruch ihr verbliebenes Hab und Gut in einen Van packt, die Stadt verlässt und in den Westen aufbricht, um ein Leben außerhalb der Zivilisation zu führen.

Einige der Filme wären auch bei den Filmfestivals in Venedig und Berlin gezeigt worden und finden nun ihren Weg in die Hansestadt. Zudem werden im Format „Gegenwartskino im Fokus“ auch dieses Jahr zwei Filmemacher im Mittelpunkt stehen: die US-Amerikanerin Kelly Reichardt („First Cow“) und der chilenische Regisseur Pablo Larraín („Ema“). Sowohl ihre beiden aktuellen Werke als auch einige ihrer alten Filme werden gezeigt. Beide stehen auch für digitale Werkgespräche zur Verfügung.

Die im April ausgefallene „17. Dokumentarfilmwoche Hamburg“ findet in einer abgespeckten Version im Rahmen des Filmfestes statt. Zwölf Dokumentationen werden an einem Wochenende (2. bis 3. Oktober) im Metropolis gezeigt. Mit Ausnahme des Publikumspreises für den besten Film sind alle Wettbewerbe ausgesetzt. Neu sind die digitalen Live-Gespräche und die vorab aufgezeichnete Q&As – abrufbar auf der Website des Filmfestes.

filmfest-hamburg.de


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Portrait: Basketball-Coaching-Talent Sükran Gencay

Sükran Gencay ist mit den Basketballern des ETV in die 2. Liga Pro B aufgestiegen, es war der sechste Aufstieg in acht Jahren. Über ein außergewöhnliches Coaching-Talent

Text: Matthias Greulich

 

Sükran Gencay verdreht Augen, als sie einen Spieler der gegnerischen Mannschaft über eine Schiedsrichterentscheidung lamentieren hört. „Spiel’ doch mal Basketball“, ruft sie dem Zwei-Meter-Mann zu. Der Schlaks sieht die 160 Zentimeter große Frau mit dem schwarzen T-Shirt an und hört tatsächlich auf zu meckern.

„Ich mag klare Ansagen, das war schon immer so“, sagt die 34-Jährige, die als Headcoach mit den ETV Basketballern im Frühjahr sensationell in die 2. Bundesliga aufgestiegen ist. Es ist der sechste Aufstieg, seitdem Gencay vor acht Jahren das Team in der Kreisliga übernahm. Wenn in der dritthöchsten deutschen Spielklasse wie geplant am 16. Oktober die Saison beginnen kann, heißen die Gegner ART Giants Düsseldorf, Rhein Stars Köln oder SC Rist Wedel. Einige Spieler in der 2. Bundesliga Pro B können vom Basketball leben, andere sind Halbprofis oder opfern wie die Eimsbütteler Amateure fast ihre gesamte Freizeit für ihr Hobby. Das gilt auch für ihre ehrgeizige Trainerin, die als Projektmanagerin arbeitet und die Basketballabteilung des ETV ehrenamtlich leitet.

 

Ganz oder gar nicht

 

Der Job in einer Logistikfirma macht Gencay unabhängig: „Ich habe wenig Freizeit, sehe die Konstellation aber eher als Vorteil. Basketball bleibt eine Leidenschaft. Ich habe nicht diesen extremen Druck wie andere Trainer.“ Allerdings verzichtet sie in dieser Saison erstmals darauf, selber zu spielen. Bei der BG West, der Basketballgemeinschaft des SV Eidelstedt und des SV Lurup, könnte sie zwar gelegentlich aushelfen, aber „ich will dem Team dann auch gerecht werden“. Etwas nur halb zu machen, widerstrebe ihr.

Bräuchte man übrigens eine Referentin, um die Vorteile des Mannschaftssports zu schildern, wäre Gencay denkbar geeignet. „Die Möglichkeiten, sich als Persönlichkeit weiterzuentwickeln, hast du sonst nicht im Alltag“, findet sie. Umso mehr gilt das für die sehr vielfältige ETV Basketball Community. „Das ist einer unserer größten Reichtümer.“ Die Muslima ist dafür ein Beispiel. In Wilhelmsburg aufgewachsen, ging sie in St. Georg zur Schule und begann beim ETV Basketball zu spielen. Die Towers gab es noch nicht, es war für Wilhelmsburger Mädchen mit türkischen Wurzeln Mitte der 1990er Jahre nicht selbstverständlich, im Verein Basketball zu spielen. „Da ist meine Generation so etwas wie ein Türöffner.“ Mittlerweile seien junge Frauen wie sie in den Vereinen viel präsenter.

 

Wertschätzender Umgang

 

Je höher die Spielklasse ist, der die ETV Basketballer angehören, desto mehr wird es für Außenstehende ein Thema, dass da eine Frau Männer in der dritten Liga trainiert. „Anfangs hat mich das wütend gemacht, weil es für mich nie wichtig war“, sagt Gencay. Inzwischen sehe sie das Interesse der Medien entspannter. „Es ist noch keine Normalität, aber das kann sich ändern.“ Davon, dass Frauen ein Team anders führen als Männer, ist sie überzeugt. „Es geht um einen wertschätzenden Umgang miteinander.“ Sie schaffe es, deutliche Ansagen an der Seitenlinie mit einem guten Verhältnis zum Team zu verbinden, was im Leistungsbasketball eher selten ist.

Als ihre Spieler vor zwei Jahren als Aufsteiger in der Regionalliga reihenweise Spiele verloren, ging das Team reichlich deprimiert in die Weihnachtspause. Der Klassenerhalt war angesichts der vielen Niederlagen weit aus dem Blick geraten. Sükran Gencay schickte jedem ihrer Spieler einen handgeschriebenen Brief, in dem sie an die Stärken jedes Einzelnen im Kader erinnerte. In Zeiten von WhatsApp waren diese Briefe so außergewöhnlich, dass viele Spieler sich noch an den Inhalt erinnern können. „Das Schriftliche hat einen besonderen Wert, ich habe mir genau überlegt, was ich schrieb“, sagt Gencay. Und dass der ETV wieder an sich zu glauben begann, war ein erster Schritt für den Klassenerhalt, der einige Monate später tatsächlich gefeiert werden konnte. „Manchmal bin ich auch nett“, sagt sie und lacht.


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Kleiderspende: Hier könnt ihr Altkleider abgeben

Ihr habt euren Kleiderschrank aussortiert? Gut erhaltene Textilien könnt ihr bei diesen Stellen in Hamburg abgeben.

Text: Michelle Kastrop

 

Die Stadtreinigung hat alle 120 Altkleider-Container in der Stadt abgebaut, auch das Deutsche Rote Kreuz sperrte seine Container. Die Hauptgründe: Die Tatsache, dass unbrauchbare Textilien gespendet werden und die hohe Menge, weil die Hamburger während der Corona-Pandemie ihre Schränke ausgemistet haben. Wer trotzdem helfen oder die Kleidung aus Umweltgründen länger im Kreislauf halten möchte, sollte sich die Frage stellen: Würde ich es meinem besten Freund geben? Wenn die Antwort Nein ist, gehören die Textilien auf Recyclinghöfe. Wenn sie Ja lautet, nehmen folgende Stellen die Ware entgegen.

 

Stilbruch

Als Tochterunternehmen der Stadtreinigung Hamburg ist Stilbruch bekannt für Gebrauchtwaren, die sonst auf dem Müll landen. Auch Privatpersonen können ihre ausrangierten, aber noch brauchbaren Sachen zu Stilbruch bringen – natürlich auch Klamotten. Die Kleidungsstücke müssen allerdings in absolutem Topzustand und eigentlich zu schade zum Wegwerfen sein. Dann nehmen die Gebrauchtwarenkaufhäusern von Stilbruch sie gerne entgegen. Die Stores sind übrigens der perfekte Ort für Schnäppchenjäger.

Ruhrstraße 51 (Altona)
Helbingstraße 63 (Wandsbek)
Lüneburger Straße 39 (Harburg)
stilbruch.de

 

Oxfam Shops

Mittlerweile gibt es 54 Oxfam Shops in Deutschland. In den drei Hamburger Filialen können gut erhaltene Kleidungsstücke abgegeben werden. Doch es geht nicht nur um die Qualität der Secondhand-Artikel, sondern aktuell auch um die Quantität: eine Tasche oder eine kleine Kiste mit Kleidung, die zur Saison passen, reichen aus. Die Oxfam Shops stehen außerdem für nachhaltigen und bewussten Modekonsum und nehmen keine Artikel aus der Fast-Fashion-Industrie an. Die erwirtschafteten Finanzmittel kommen der Nothilfe, den Entwicklungsprojekten sowie der Kampagnenarbeit von Oxfam Deutschland e. V. zugute.

Bahrenfelder Straße 130 (Ottensen)
Hoheluftchaussee 58 (Hoheluft-Ost)
Wandsbeker Marktstraße 10 (Wandsbek)
shops.oxfam.de

 

Hanseatic Help

Im August 2015, als die Flüchtlingsströme in Europa ihren Höhepunkt erreichten, brachten viele Hamburger ihre Spenden zu der Kleiderkammer in den Messehallen. Aus dieser Aktion entstand zwei Monate später der Verein Hanseatic Help. Seit 2016 hat der Verein seinen neuen Standort am Fischmarkt. Es werden alltagstaugliche, saubere und intakte Spenden benötigt und derzeit nehmen die Helfer nur maximal zwei Taschen, Kartons oder Säcke pro Person an. Welche Textilien besonders gebraucht werden, steht auf der Homepage. Da die Festival-Sammelaktion von Hanseatic Help dieses Jahr nicht stattfinden kann, fehlt es insbesondere an Schlafsäcken und Isomatten.

Große Elbstraße 264 (Altona)
hanseatic-help.org

 

Kleiderkammer Caritas

Bis Anfang Oktober öffnen die Caritas im Norden nur die „Kleiderkammer to go“ am Mariendom 5 für Spendenausgaben. Danach nimmt sie wieder Altkleiderspenden entgegen. Die benötigten Klamotten sind: Jeans, Kapuzenpullis und Sportschuhe für junge Männer. Wichtig bei allen Artikeln ist neben der 1A-Qualität, dass sie passend nach Saison abgegeben werden. Kurze Sachen zum Frühling und Sommer, Winterjacken und Pullis zum Herbst und Winter. Also: Im September anfangen auszumisten und Anfang Oktober spenden!

Danziger Straße 66 (St. Georg)
caritas-im-norden.de

 

Nutzmüll

Nutzmüll e.V. wirkt aktiv an der Verbesserung der Lebensqualität von sozial benachteiligten Menschen mit. Die Stärke des Vereins ist die Verknüpfung von Beschäftigung, Qualifizierung sowie beruflicher und sozialer Integration von Langzeitarbeitslosen und Schwerbehinderten. Zugleich praktiziert Nutzmüll Umweltschutz durch Müllvermeidung, Wiederverwendung und Upcycling. Die Abgabe von Spenden ist in Bahrenfeld, Wandsbek und Billstedt möglich.

Boschstraße 15b (Altona) 
Am Stadtrand 56 (Wandsbek) 
Billbrookdeich 266, Zufahrt Berzeliusstraße 95f (Mitte) 
www.nutzmuell.de

 


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Hamburger des Monats: Benjamin Jürgens – Refugee Canteen

Viele Geflüchtete und Migranten haben in der Refugee Canteen erste Grundlagen für gastronomische Berufe gelernt, in denen sie heute arbeiten. Doch nach vier Jahren hat Gründer Benjamin Jürgens sein Herzensprojekt mangels Spenden 2019 vorerst eingestellt. Ein Gespräch mit dem 34-jährigen Gastro-Experten über ein mögliches Comeback dieser einzigartigen Akademie, seine Flucht aus Mümmelmannsberg und kulturelle Unterschiede beim Karottenzählen

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Benjamin, wie entstand die Idee zur Refugee Canteen, eurem Schulungsangebot für Geflüchtete und Migranten?

Benjamin Jürgens: 2015 kam ich zurück aus Indonesien. Ich hörte zum ersten Mal, dass in den Messehallen Geflüchtete untergebracht waren. Wir saßen mit befreundeten Köchen zu­ sammen, haben uns ordentlich einen reingelötet und überlegt, was wir tun können. In der Nacht habe ich das Konzept geschrieben, so ganz genau ist die Erinnerung nicht mehr da.

Aber es war überzeugend.

Ich bekam positives Feedback von der KfW­-Stiftung (Kreditanstalt für Wiederaufbau; Anm. d. Red.), die uns gefördert hat. Wir taten uns mit einem Bildungsträger zusammen. Das Ganze nahm richtig Fahrt auf, weil wir uns die nötige Professionalität im Umgang mit dem Jobcenter ins Boot geholt hatten.

Im Januar 2017 entschlossen wir uns, das Programm für alle Geflüchteten un­ abhängig von ihrem Status zu öffnen. Wir konnten die Menschen erreichen, die zu uns kommen wollten, und muss­ten nicht jeden nach seinem Aufenthaltsstatus fragen.

 

„Den Menschen helfen, die zu uns ins Land kommen“

 

Es lief also ohne Förderung vom Jobcenter?

Ganz genau. Die Crux war: Wo ist das Geschäftsmodell? Von da an waren wir zu 100 Prozent abhängig von Spenden. Anderthalb Jahre lang war das überhaupt kein Problem. Das Thema „Essen, Getränke, Men­schen“ ist ein sehr schönes. Dann kamen weniger Spenden. Wir haben aus einem Zwölf-­Wochen­-Programm ein Drei­-Wochen­-Programm gemacht, um die Kosten immer weiter herunter zu schrauben.

Warum hast du soviel Leidenschaft in das Projekt gesteckt?

Ich wollte den Menschen helfen, die zu uns ins Land kamen. Das war für mich soziale Pflicht. Und ich musste dieser Branche, die mir viel gegeben hat, etwas zurückgeben. Denn ich war in einer ähnlichen Situation, als Kind aus Mümmelmannsberg, das sich ver­stoßen gefühlt hat, nicht zurechtkam in der Welt und in der Gastronomie sein Zuhause fand.

Warum ging es mit der Refugee Canteen nicht weiter?

Wir konnten der Gastronomie und Hotellerie nicht deutlich machen, wie wichtig es ist, heute zu investieren, ob­wohl der Notstand im Personalbereich groß ist. Ebenso wie die Abbrecher­quoten in der Ausbildung. Wir muss­ten deshalb Ende 2019 aufhören.

Man hat uns noch einige Angebote gemacht. Zum Beispiel, nur noch Frauen zu qualifizieren. Das war für uns nicht der richtige Weg. Wir hatten vorher etwa 20 Prozent Frauen bei uns im Programm und es war immer klar, dass jeder gleich wichtig ist.

 

Zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen vermitteln

 

Gibt es neue Ansätze?

Vor einigen Wochen gab es Ge­spräche, die Refugee Canteen auf eine Bar zu beschränken. Aber daraus wird dann ganz oft nichts. Weil das Inte­grieren von Menschen nicht einfach wie ein Hobby funktioniert. Es ist ein spannender Prozess, junge Menschen am Ball zu behalten, wenn sie das erste tiefe Tal haben. Wenn dir langweilig wird und du denkst: „Mann, ich kann keine Karotten mehr sehen.“ Oder es gibt Nachrichten aus dem eigenen Land, die nicht schön sind.

Man kann davon ausgehen, dass jeder, der bei uns war, eine hohe psychische Belastung hatte. Davon konnte sich keiner frei­ machen, selbst wir haben uns einmal im Monat selbst reflektiert und haben Coachings durchlaufen müssen. Weil wir mit Menschen konfrontiert waren, die sich gar nicht öffnen, andere haben einen Riesendruck und wollen den los­ werden.

Was hast du gelernt?

Wenn einer unserer Teilnehmer im Betrieb Probleme hatte, konnten wir sehr schnell erkennen, warum. Wir konnten zwischen den verschiedenen Sprachen und Kulturen vermitteln. Wir konnten dem jungen Teilnehmer sagen: „Wenn der Küchenchef das sagt, meint er das und umgekehrt.“ Ein ganz einfaches Beispiel: Wie viel Finger siehst du? (zeigt mit der offenen linken Hand Daumen, Zeige- und Mittelfinger)

Drei.

In arabischen Ländern wird von rechts nach links gezählt. Der Teilneh­mer schaut also zuerst auf die beiden Finger rechts. Wenn du sagst: „Hol’ mal drei Karotten“, sieht unser Teilnehmer zwei. Und die sehr direkte Ansprache, die wir in Deutschland ja doch haben, wird oft als sehr kritisierend angese­hen.

Unsere Erfahrung war, dass es in­ direkt besser funktioniert. „Bist du der Meinung, dass der Fußboden so sauber ist, dass wir Gäste einladen können?“, ist besser als „Du hast den Fußboden nicht sauber gemacht.“ Jemanden vor der ganzen Gruppe so klein zu machen, bedeutete immer Stress. Ich haben den Betrieben immer gesagt: „Auch wenn sie aus Syrien oder Eritrea kommen, sind das ganz normale Millennials, wie alle anderen auch in dem Alter. Die sind verliebt in ihr Telefon, die wollen ihre Sachen machen und wissen, ob sie in vier Wochen aufs Fes­tival gehen können.

 

Mümmelmannsberg ist ein anderer Stadtteil geworden

 

Was könnte ein nächster Schritt sein?

Im Grunde müsste Hamburg die erste gastronomische Vorschule grün­den, in der sich Menschen orientieren können. Es ist oft so, dass wir junge Menschen haben, die gar nicht wissen, was auf sie zukommt. Uns würde es helfen, Menschen zu finden, die in eine solche Idee investieren wollen. In meinen Augen hat das nichts mehr mit Geflüchteten zu tun. Wenn ich es mir überlege, bin ich aus Mümmelmanns­berg vor 18 Jahren geflohen, um meinen Weg zu gehen.

Ging es vielen ehemaligen Mitschülern ähnlich?

Ja, der Großteil hat studiert, Stipen­dien bekommen und richtig was aus sich gemacht. Das Stigma, mit dem wir aufgewachsen sind, war dann irgend­wann egal. Obwohl ich auch Freunde verloren habe, die bei Messerstechereien ums Leben kamen. Jetzt ist es ein ganz anderer Stadtteil geworden. Einmal im Jahr fahre ich hin, weil es schon Heimat für mich ist.

Ich bin im­mer überrascht, dass es langsam schön dort wird. Die Fassaden werden neu gemacht. Passt mir eigentlich nicht, ich fand es immer schön dort, muss ich sagen. Es war meine Hood, es hat dort immer so eigen gerochen. Auf einmal ist es ganz fancy, was es dort so gibt. Bis auf den Kiosk an der Gesamtschule Mümmelmannsberg. Der ist immer noch da, was ich sehr cool finde.

refugee-canteen.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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„Sicherheitszone“: Katrin Seddigs neuer Roman

Katrin Seddigs Familienroman „Sicherheitszone“ spielt vor dem Hintergrund des G20-Gipfels in Hamburg. Ein Gespräch über gesellschaftliche Brüche, die Unübersichtlichkeit der Welt und Wege aus der Ohnmacht

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Zu Beginn steht ein Zitat der polnischen Dichterin Wisława Szymborska: „Ich ziehe das Chaos der Hölle dem Chaos der Ordnung vor.“ In „Sicherheitszone“ zerfällt die Ordnung der Familie Koschmieder. Die 17-jährige Imke ist bei „Jugend gegen G20“ aktiv. Ihr großer Bruder Alexander steht als Polizist auf der anderen Seite. Thomas, der Vater, verlässt die Familie für eine jüngere Frau – die Ernüchterung folgt schnell. Während einer Demo gerät er auf der Suche nach Imke in einen Tumult und wird von einem Polizisten attackiert: „Er hatte die ganze Zeit gedacht, er könne außen vor bleiben, alles als Beobachter sehen, und sein eigener Irrtum wird ihm so kalt und klar, so höhnisch bewusst, als wäre er ein Irrtum nicht nur in diesem Moment, sondern seines ganzen Lebens.“

Seddigs Roman ist die Geschichte eines Umbruchs und der damit verbundenen Verunsicherung: „Die Welt, wie wir sie kannten, die ist vorbei. Sie ist schon länger vorbei, aber wir haben’s jetzt erst gemerkt“, konstatiert Thomas zum Schluss. Selten wurde das Chaos der Ordnung präziser seziert als in „Sicherheitszone“.

 

SZENE HAMBURG: Katrin, du hast Kultur einmal als lebenswichtig bezeichnet, weil mit ihrer Hilfe Krisen verdaut werden. Hast du G20 nun verdaut?

Katrin Seddig: Nein, ich spüre immer noch Wut und nicht aufgearbeitete Prozesse in mir. Aber während der Arbeit am Roman habe ich gelernt, Abstand zu nehmen und die Ausschreitungen wie ein historisches Bild zu betrachten.

Und kannst du die Ereignisse inzwischen irgendwie für dich einordnen?

Privat war das für mich ein Bruch. Mir wurde schlagartig klar, dass ich mich auf bestimmte Dinge nicht verlassen kann. Ich wusste schon vorher, dass es schwarze Schafe bei der Polizei gibt. Ich sehe auch ein, dass das eine schwierige Lage für die Polizisten war. Aber dass so massiv vorgegangen wird – etwa bei der Räumung des Camps – hat mich schockiert.

Ich habe da erst begriffen, dass man systematisch Gesetze brechen kann und dafür nicht belangt wird, wenn man Macht hat. Das ist vielleicht naiv, aber ich musste das wohl erst sehen, um es zu wissen.

 

Ein strukturelles Problem

 

Wo ist die Wurzel des Problems?

Das ist ein strukturelles Problem. Es ist keine Entscheidung von einzelnen Polizisten, dass es keine Folgen hat, wenn auf Menschen eingeprügelt wird, die schon am Boden liegen. Es gab damals noch keine Kennzeichnung von Polizisten, eine unabhängige Beschwerdeinstanz gibt es bis heute nicht. Und die Leute, die die Befehle geben, sind verantwortlicher als 20-jährige Polizisten, die die ganze Zeit angespuckt werden und irgendwann ausrasten.

Das entschuldigt nichts, ist aber menschlich nachvollziehbarer, als wenn fragwürdige Räumungsbefehle gegeben werden, obwohl man den Überblick hat und gar nicht physisch in Gefahr ist. Du hast die Ereignisse fiktiv verarbeitet.

Welche Rolle spielt das Narrative bei der Aufarbeitung?

Mir ist aufgefallen: Je weiter die Menschen weg von den Ereignissen waren, umso klarer war ihre Vorstellung davon, wie es gewesen ist. Diejenigen, die mittendrin waren, hatten gar keine Vorstellung, weil es so kompliziert und unübersichtlich war. Man kann immer nur einen Bruchteil sehen.

Manche Entwicklungen lassen sich durch Geschichten besser erfassen als durch Berichte. Ich biete nur eine Geschichte von vielen möglichen an. Deswegen war es mir wichtig, kein Sachbuch zu schreiben, sondern einen Familienroman.

Warum ein Familienroman?

Das kommt aus meiner persönlichen Situation heraus, weil ich in einer Familie lebe. Außerdem ist die Familie tatsächlich auch die kleinste Zelle der Gesellschaft, so klischeehaft das klingt. Darin spiegeln sich Konflikte vereinfacht wider. Und ich wollte ein Bild eines gesellschaftlichen Bruchs zeichnen.

Cover_Seddig_SicherheitszoneWie war das, dich in so unterschiedliche Charaktere hineinzudenken, die teilweise konträr zu deiner Einstellung stehen?

Unterschiedlich schwer. Mich in Jugendliche hineinzuversetzen, fällt mir schwerer, weil ich in dieser Gemeinschaft nicht mehr lebe und gerade Jugendliche sich stark von Erwachsenen abgrenzen durch ihre Sprache und sie sind untereinander ganz anders als vor Erwachsenen. Ich habe deswegen keine Jugendsprache verwendet, dieser Versuch hätte nur scheitern können. +

Natürlich ist es einfacher für mich, mich in Menschen meines Alters hineinzuversetzen, und leichter in Frauen als in Männer. Grundsätzlich kann man sich aber in alle Gedankengänge hineinversetzen, auch in böse. Man hat alle Regungen in sich, wenn man die konsequent weiterverfolgt, dann kann man sich alles denken.

Du sagst, es fällt dir leichter, dich in Frauen hineinzuversetzen als in Männer. Interessanterweise vertritt der Vater im Roman viele der Thesen und Meinungen, die du in deiner Taz-Kolumne vertrittst.

Das liegt vielleicht daran, dass der Vater die Hauptfigur sein musste, falls es überhaupt eine Hauptfigur in dem Roman gibt. Er ist der erste Handelnde, indem er die Familie verlässt. Er ist auch die tragischere und zugleich komischere Figur, weil er viel mehr der Lächerlichkeit preisgegeben wird als die anderen Figuren.

Warum eignet sich der Vater am besten für die Rolle der Hauptfigur?

Ich beobachte in meinem Umfeld, dass feinfühlige Männer meines Alters mit dominanten Vätern aufgewachsen sind. Sie haben größere Schwierigkeiten als Frauen, sich in der heutigen Welt zurechtzufinden – gerade weil sie nicht so sein wollen wie ihre Väter, aber doch noch ungewollt in dieser Welt stecken. Es ist bezeichnend, dass Frauen immer noch mehr im Haushalt machen. Der Mann ist also am besten geeignet für diese Art von ambivalenter Figur.

Außerdem ist es als Mann einfacher, auf komische Art zu scheitern. Männern wird mehr zugestanden, sie können großspurig scheitern. Frauen müssen ihren Weg gehen – wenn sie scheitern, ist das tragisch.

Warum ist das deiner Meinung nach so?

Weil die Frau immer als die Mutter gesehen wird. Wenn sie als Mutter scheitert, ist das tragisch für die Kinder. Wenn der Vater scheitert, gibt es für die Kinder noch die Chance, dass die Mutter gut für sie sorgt. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen die Frau schwach ist und die Männer einspringen müssen, aber das sind eher die Ausnahmen.

Dein Blick auf die Menschen ist erst einmal desillusionierend, aber nicht verurteilend. Gehst du so an deine Figuren heran – mit kaltem Blick und Menschenliebe?

So kann man das nennen. Ich muss auf jeden Fall genau sein und darf nichts beschönigen. Gerade wenn man präzise auf einen Menschen blickt, kann man verzeihend sein. Wie man auch mit sich selbst umgehen sollte, so gehe ich mit den Figuren um.

Wie blickst du auf Alexander?

Er ist kein schlechter Mensch. Er ist liebevoll und der Familie zugeneigter als Imke. Er kümmert sich um die Großmutter und hat ein warmes Verhältnis zur Schwester. Er sucht eben nach Orientierung. Sein Problem ist eher, dass er zu wenig Einstellung hat.

 

„In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher“

 

Was andeutungsweise mit einer Grundverunsicherung einhergeht, weil er adoptiert ist. War das eine bewusste Entscheidung von dir?

Ja, schon. Als Komposition in der Familie. Es gibt keine Familie, in der alle Kinder gleich behandelt werden. Aber bei einem Adoptivkind kommt es insofern zu Problemen, als es sich einbilden kann, dass es zurückgesetzt wird. Im Roman wird auch immer wieder angedeutet, dass Alexander dunkler ist, dass er eventuell migrantische Wurzeln hat. Er kann auch als Abbild der Gesellschaft für migrantische Kinder gesehen werden, die nie als ganz angenommen gesehen werden. Das ist ein gesellschaftliches Problem, wie damit umgegangen wird, wenn jemand nicht zu 100 Prozent dazu passt. Bei der Polizei findet Alexander Zugehörigkeit.

Macht die Unübersichtlichkeit dir auch zu schaffen?

Es macht mich fertig. Vor allem die Schnelligkeit der Nachrichten überfordert mich, gerade weil ich genau hinsehen und die Zusammenhänge verstehen will. Man muss aushalten, dass in dem, was man ablehnt, auch richtige und gute Anteile enthalten sein können. Und zugleich muss man immer die eigene Einstellung hinterfragen, weil man in seiner eigenen politischen Position immer auch selbstgefällig ist. Das ist eine große Arbeit, die die Medien nicht leisten könnten. In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher. Die Zersplitterung führt auch zur Handlungsunfähigkeit. Aber auch im Zweifel muss man sich für eine Handlung entscheiden, sonst kann man nicht politisch aktiv sein.

Was glaubst du, wie man in 100 Jahren mit dem Segen der Spätgeborenen auf unsere verunsicherte Gesellschaft blickt?

Ich lese gerade die großen Gesellschaftsromane von Balzac, darin kann man sehen, wie die Menschen im 19. Jahrhundert lebten und dachten. Und wenn man Jane Austen liest und sieht, wie die Menschen in ihren Romanen miteinander umgehen – das sind die gleichen Peinlichkeiten wie heute. Austen ist so originell, weil man zwischendurch vergisst, dass ihre Romane in einer anderen Zeit und Gesellschaftsschicht spielen. Ich glaube, was im Menschen gleich bleibt, sind seine Schwächen. Die sind universell, auch wenn es regionale und zeithistorische Färbungen gibt.

Katrin Seddig: „Sicherheitszone“, Rowohlt Berlin, 464 Seiten
Autorenlesung am 5.9. in der Bücherhalle Elbvororte, 19 Uhr


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Smallville Records: Die Ersten werden die Letzen sein

Corona hat das musikalische Nachtleben weiterhin fest im Griff. Wie geht es Künstlern, Labels und Plattenläden, die eng mit der Szene verbunden sind? Julius Steinhoff, House-DJ, Musiker und Gründungsmitglied von Smallville Records, berichtet von den vergangenen Monaten

Text & Interview: Ole Masch

 

Seine ersten Turntables kaufte der gebürtige Freiburger 1999 von seinem Zivildienstlohn. Platten zum Auflegen hatte Julius Steinhoff damals kaum. Der Überfluss an Vinyl kam erst mit dem Umzug nach Hamburg, wo er 2001 bei einem Plattenvertrieb anfing und das Lager voller House- und Techno-Importen war. Sein Wohnzimmer wurde der Golden Pudel Club. „Es gab dort musikalisch ganz viel Neues zu entdecken. Die Changing Weather Abende der Dial Crew haben mich nachhaltig geprägt“, erzählt er. Nach ersten Schritten in verschiedenen Bars, folgten eigene Club-Veranstaltungen und eine wöchentliche Radiosendung auf Tide mit Lawrence und Cranque&Unique von Einmusik.

2005 dann die Gründung von Smallville und seitdem zahlreiche eigene Veröffentlichungen. „Peter Kersten aka Lawrence, Stella Plazonja und ich hatten damals das Gefühl, dass es in St. Pauli einen Plattenladen für elektronische Musik und gleichzeitig einen Hang-out geben sollte. Der erste Laden in der Hein-Hoyer-Straße war ziemlich klein und gemütlich, die Straße damals noch relativ ranzig.“ Umgezogen in den Neuen Kamp 32, betreibt Julius Steinhoff heute Laden und angeschlossene Label mit Just von Ahlefeld. Vor Corona standen sie zudem als Smallpeople hinter Plattentellern zahlreicher internationaler Clubs und Festivals.

 

Interview: Julius Steinhoff von Smallville Records

 

SZENE HAMBURG: Julius, welche Konsequenzen hatte Corona für dich als Künstler?

Julius Steinhoff: Ziemlich direkt zum Lockdown Mitte März wurde die erste Ausgabe eines Festivals in der Nähe von Nottingham abgesagt. Wir hätten eine Smallville Stage kuratiert, dementsprechend liefen die Planungen auf Hochtouren. Stefan Marx hatte ein Poster entworfen und das Festival sollte in einer Burg in den Highlands stattfinden. Das klang alles sehr schön, wurde dann aber direkt um ein Jahr in den Juli 2021 verschoben. Gefühlsmäßig waren die ersten Maßnahmen eher so etwas wie eine kurze Pause der Normalität, doch mit der direkten und frühzeitigen Absage des Festivals war mir schnell bewusst, dass erst mal nichts mehr sein wird, wie es war. Für DJs brechen die Möglichkeiten damit von 100 auf 0 Prozent ein. Das war schon ernüchternd zu realisieren, dass dieser Bereich als einer der ersten, gleichzeitig aber wohl bis zum Schluss, betroffen sein würde. Ich muss aber klar sagen, dass ich die Maßnahmen natürlich verstanden und voll unterstützt habe. Das war eine Ausnahmesituation für alle – nicht nur für Künstler und Kulturschaffende.

Streaming wurde kurzfristig wahnsinnig populär. Auch für dich?

Es gab schon Möglichkeiten, ich habe aber ehrlich gesagt nicht so Lust darauf. Das Ganze hat natürlich seine absolute Daseinsberechtigung und ist für die ganze Promo-Social-Media-Blase wichtig. Für mich ist es allerdings eher anstrengend und hat mich ehrlicherweise auch mehr abgeschreckt, wenn jeden Abend fünf exklusive DJ-Sets im Netz übertragen wurden. Für mich persönlich war es eher eine Zeit, in der ich mich zurückgezogen habe.

Hast du die Zeit zum Produzieren genutzt?

Anfangs kaum und ich war auch nicht sonderlich inspiriert. Irgendwann kam dann aber doch eine Phase, in der ich wieder mehr im Studio wiedergefunden habe. Auf Smallville kam direkt nach dem Lockdown eine Platte von Christopher Rau raus, die unglaublich gut ist. Den Tonträgerverkäufen hat man allerdings angemerkt, dass viele Plattenläden weltweit schließen mussten, die Clubs zu waren und die Post in manche Länder gar nicht mehr zustellt hat.

Wann musste Smallville Records schließen?

Der Laden selbst war ab Mitte März für einen guten Monat bis Ende April geschlossen. Danach durfte der Einzelhandel wieder öffnen. Die Kunden waren aufgerufen die eigenen Kopfhörer mitzubringen und wir haben relativ viel Platz im Laden.

Habt ihr Hilfen beantragt?

Letztendlich haben wir keine Anträge für Smallville gestellt, nein. Wir kamen durch den Lockdown nicht in direkte Liquiditätsprobleme und es wurde klar vermittelt, dass dies eine Voraussetzung ist.
Es gab hier von Bundesland zu Bundesland doch teilweise erhebliche Unterschiede in den Möglichkeiten für Soforthilfen, insgesamt war die Situation etwas schwammig. Gleichzeitig war die Resonanz bei uns im Onlineshop relativ beachtlich. Als der Laden geschlossen war, hatten wir deutlich mehr Bestellungen, zudem gingen auch die digitalen Verkäufe in dieser Zeit nach oben. Es gab auch verschiedene Aktionen. Bandcamp beispielsweise hat spezielle Tage veranstaltet, an denen alle Einnahmen direkt und komplett an die Labels und Künstler ausbezahlt werden. Da wir in der Zeit des Lockdowns gleichzeitig natürlich nicht so viele Tonträger eingekauft haben und somit weniger Rechnungen begleichen mussten, kamen wir mit dem Laden aber insgesamt ganz gut über die Zeit.

Kam es durch Corona zu mehr Musikveröffnetlichungen?

Nein, eher andersherum. Wahrscheinlich kommt diese Welle erst noch, wenn die ganze Musik veröffentlicht wird, die in den letzten Monaten geschrieben und produziert wurde. Aber die Musik, die wir selber veröffentlichen, spielen sowie im Laden verkaufen ist hauptsächlich Clubmusik. Unsere Kunden sind oft DJs – ein Anteil, der erst mal in Teilen weggefallen ist, außerdem sind Touristen von außerhalb nicht so zahlreich unterwegs. Ich merke auch im Bezug aufs Label, dass ich etwas zögere mit den Planungen von Releases, weil momentan im Vergleich zu Vor-Corona alles runtergefahren ist. Ich denke, es geht vielen Labels ähnlich. Nach wie vor wird natürlich Musik konsumiert, aber der Club-Aspekt fehlt schon.

Eure Club-Veranstaltung fehlt ebenfalls …

Wir haben monatliche Smallville-Nächte im Pudel veranstaltet, das fiel jetzt weg. Der Pudel hat immerhin jetzt Barboncino Zwölphi, wo es draußen wieder losging.

Wünschst du dir weitere Lockerungen im Nachtleben?

Ich finde es schwierig und habe hier durchaus zwei Blickwinkel. Aus Künstler-Perspektive fällt es schwer zum Abwarten verdammt zu sein und nicht spielen zu können. Andererseits merke ich bei mir selber, dass das Verlangen nach großen Menschenansammlungen noch nicht so groß ist. Ich bin absolut für eine verantwortungsbewusste Umsetzung und Weiterführung in Zeiten der Pandemie, damit es irgendwann hoffentlich wieder richtig losgehen kann. Letztendlich gefährden Veranstaltungen mit schwammigen Sicherheitskonzepten und Umsetzungen die Möglichkeiten für alle kulturellen Bereiche. Dem Verlust von diversen kulturellen Einrichtungen sollte zudem durch weitere Hilfen entgegengetreten werden. Clubs sind wohl die letzte Branche, die noch überhaupt nicht wieder anfangen konnten, zumindest wenn keine Außenbereiche vorhanden sind. Hier muss durch Hilfen mit niedrigen bürokratischen Hürden unterstützt werden, vielleicht auch mit Möglichkeiten von Mieterlassen oder anderen kreativen Unterstützungsformen. Es wurde schon so viel Geld in die Rettung von Großkonzernen gepumpt, ich denke es gibt allgemein eine Dringlichkeit für den kulturellen Sektor, damit hier nicht eine ganze Bandbreite von Einrichtungen nie wieder wird öffnen können.

Wie bewertest du den Umgang der Hamburger Politik mit dem Thema?

Es wäre an dieser Stelle vom Senat wichtig, bestimmte Dinge zu überdenken und zu vereinfachen, um neue Möglichkeiten oder Konzepte schaffen zu können. Gehwege oder öffentliche Flächen nutzen zu dürfen, damit Menschen an der frischen Luft eher zusammenkommen können ist für Bars und Restaurants wichtig. Gleichzeitig muss die Verantwortlichkeit jedes Einzelnen natürlich gewährleistet sein.


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Leseempfehlungen: 4 Bücher für die Auszeit

Jetzt ist die Zeit zum Lesen. Sich entspannen und in eine fremde Welt entfliehen geht hervorragend mit diesen vier Büchern

 

Herzklappen von Johnson & Johnson

Vom Theater des Lebens

 

Wie der kanadische Soziologe Erving Goffman schon klarstellte: Wir alle spielen Theater. Das Bild unserer Identität wird auf der Bühne des Lebens sichtbar, wir pflegen unser Image, nur auf der Hinterbühne dürfen wir aus der Rolle fallen. So verhält es sich auch in der Familie der kleinen Alma aus Valerie Fritschs neuem Roman „Herzklappen von Johnson und Johnson“.

herzklappen-fritsch-coverDie Kindheit des Mädchens ist durchsetzt von quälender Sprachlosigkeit, ihre Eltern und Großeltern scheinen eigens für sie Theater zu spielen. Insbesondere ihr Großvater beansprucht das Schweigen für sich: „Der Krieg hatte sein Leben in ein Davor und Danach geteilt.“ Erst im Erwachsenenalter entwickelt Alma eine „späte Liebe“ zu ihrer Großmutter, die das Schweigen der Familie bricht und über die Kriegsverbrechen des Großvaters berichtet.

Alma, inzwischen Ehefrau und Mutter, fasziniert die Leidensgeschichte der Großmutter. Gleichzeitig wächst ihre Sorge, ihr Sohn Emil könnte ebenso kalt und berechnend werden wie der Großvater – zumal Emil mit einem Gendefekt zur Welt kommt, der ihn keinen Schmerz spüren lässt. Wie kann man jemandem, der sich zu Demonstrationszwecken Stifte in den Arm rammt, das Schmerzempfinden anderer Menschen nachvollziehen lassen? Hier setzt sich das Theaterstück auch in der vierten Generation fort: Emil inszeniert, er lernt auswendig und setzt in den passenden Momenten ein schmerzverzerrtes Gesicht auf.

Fritsch besticht mit ihrer altmodischen und lakonischen Sprache. Die von der Grazer Autorin und Fotografin entworfenen Szenen sind wie vergilbte Polaroidfotos, welche die skurrilen Momente mit präzisem Blick umso klarer aufzeigen. Am Ende steht der große Aufbruch bevor, die Suche nach dem Ursprung des Familienschmerzes. Fritsch arbeitet hierbei mit kräftigen, mystischen, teils dystopischen Naturbeschreibungen. „Herzklappen von Johnson & Johnson“ ist ein Buch über Lebensrollen, über Empathie und vererbtes Schweigen. Fritsch selbst wird dabei ihrer Rolle als Schriftstellerin mehr als gerecht – mit eindringlichen Motiven und ungewöhnlichen Sprachbildern. Nach dem Zuklappen möchte man den Roman noch einmal lesen, die Sätze aufsaugen, wie ein Gedicht auswendig lernen und im Geiste nachhallen lassen.

/ Ingrun Gade

Valerie Fritsch: „Herzklappen von Johnson & Johnson“, Suhr- kamp, 174 Seiten

 

Fehlstart

Houellebecqs Erbin?

 

Marion Messinas Debütroman „Fehlstart“ wurde verkaufsfördernd als das neue „Ausweitung der Kampfzone“ angekündigt. Die Berechtigung des Houellebecq-Vergleichs liegt im Thema: die Übertragung der ökonomischen Marktlogik auf andere Lebensbereiche.

fehlstart-coverAurélie ist 18, als erste aus ihrer Familie hat sie das Abitur gemacht. Das Studium entpuppt sich für sie als trostlose Angelegenheit. Aurélie kann sich nicht einfügen, sie beherrscht nicht den Habitus der vergnügungssüchtigen „Bürgerkinder“ mit „netten Gesichtern ohne Zukunftsangst“. Messina beschreibt pointiert und kühl die Anarchie des Wohnungsmarktes, die unterschwelligen Codes des Bürgertums, die zum Bestehen auf dem Arbeitsmarkt gehören, die Lieblosigkeit der Fun-Kultur und die Selbstausbeutung des akademischen Prekariats.

Leider opfert sie im Laufe ihres Romans die Form der politischen Botschaft. Die Analysen werden unmotiviert in die Monologe der Nebenprotagonisten gepresst, die Sprache wird unpräzise, Messina greift auf schwammige Superlative („grenzenlos“) zurück. Die schlafwandlerische Klarheit, die in Houellebecqs boshafter, gekonnter Mischung aus Erzählung und essayistischen Exkursen liegt, hat Messina nicht.

/ Ulrich Thiele

Marion Messina: „Fehlstart“, Hanser, 168 Seiten

 

 

Ganz nebenbei

Woody Allens Memoiren

 

Was für ein Wirbel: Menschen protestierten, Autoren boykottierten, der amerikanische Verleger stoppte die Veröffentlichung. Der Rowohlt Verlag hingegen publizierte trotz des Protests einiger seiner Autoren. „Apropos of Nothing“, in der deutschen Variante: „Ganz nebenbei“ – passend zum koketten Understatement des New Yorker Filmemachers Woody Allen. Sein Nimbus als Drehbuchautor und Regisseur ist – unabhängig von den privaten Anschuldigungen – unbestritten. Umso neugieriger stürzten sich Kritiker wie Fans auf sein Werk.

woody-allenEines vorweg: Das Buch ist eine Verweigerung aller modernen Lesegewohnheiten. Es gibt keine Kapitel, keine Zwischenüberschriften, nur Absätze und alle 30 bis 40 Seiten auch mal ein Initial. Woody Allen mutet dem Leser durchaus was zu. Doch schon nach wenigen Zeilen wird deutlich, dass er sein Handwerk – das Schreiben – versteht.

Es ist, als säße Woody Allen vor einem, an seinem Schreibtisch, in seinem Appartement in Manhattan, an seiner geliebten Olympia-Schreibmaschine: „Ich schweife wieder ab.“. „Wo war ich stehengeblieben?“ Allen schreibt wie er denkt – und so liest sich das Buch: sprunghaft, witzig, launisch. Mal ist er misanthropisch, mal euphorisch, mal herablassend, mal vernichtend.

Wer auf neue Erkenntnisse zum Missbrauchsvorwurf hofft, wird enttäuscht: Auf etwa 50 Seiten kaut Allen seinen bereits bekannten Standpunkt noch einmal ausführlich wieder. Ansonsten führt er in kurzen, griffigen Sätzen durch sein Leben, beginnend bei seiner Kindheit in Brooklyn. Viele Fragen werden anekdotisch beantwortet: Was treibt ihn an? Welche Frauen mochte er? Wer hatte Einfluss auf seine Filmkarriere? Welche Filmdrehs mochte er? Welche nicht? Das ist stellenweise trivial, dann wieder bewegend, hin und wieder auch deplatziert – aber stets in charmantem Allen-Stil vorgetragen. Wer eine kritische oder gar intellektuelle Selbstreflexion erwartet, wird enttäuscht. Wer schlichtweg eine fiese und zugleich unterhaltsame Erzählung eines „zum Filmemacher mutierten Witzboldes“ erwartet, wird seine Freude haben.

/ Marco Arellano Gomes 

Woody Allen: „Ganz nebenbei“, Rowohlt Verlag, 448 Seiten

 

 

Naturtrüb

Dadaistisches Bandtagebuch

 

Ei, ei, ei! Eigentlich ist damit das Buch schon ganz gut zusammengefasst. Tatsächlich ist überdurchschnittlich häufig die Zubereitung von Eierspeisen Thema dieser Sammlung abwechselnd geschriebener Tagebucheinträge mit dem schönen Titel „Naturtrüb“. Naturtrüb ist ja quasi das back to nature des kleinen Mannes, und auch die vier Männer über 50 – als da wären „Reverend“ Christian Dabeler, Timur Mosh Çirak, Gereon Klug und Maurice Summen – haben sich selbst für einige Tage in die Natur zurückgezogen, um eine Band zu gründen. Was erst mal etwas heikel klingt, gestaltet sich erfreulicherweise viel weniger schmierig als ihr Bandname OIL. Im Gegenteil, eher etwas trocken, geradezu sandig rieseln die vielen subjektiven Eindrücke ins Getriebe der Bandgründung und bringen sie hier und da ins Stocken.

naturtrübZu Beginn kreisen die Gedanken noch um die anderen Bandkollegen: „Er (Reverend Christian Dabeler, Anm. d. Red.) will das Sagen haben, den Hut aufhaben, ist Macher und Bestimmer. Das kommt aus seiner Jugend. Alles kommt aus seiner Jugend. Sein beschränkter Musikgeschmack, sein Essensgeschmack, sein Stilgeschmack. Alles hat sich seit seiner Adoleszenz nicht mehr verändert. Und er ist stolz darauf, hält Blues für die Wiege der Menschheit und Wurzel von allem.“ Doch mit der Zeit werden die Gedanken deeper: „Ich kann gar nicht mehr schnell gehen. Ich hab es mir irgendwann abgewöhnt, vielleicht aus Snobismus. Sich wie ein Dienstbote beeilen zu müssen, ist einfach nur grauenvoll. Selbst beim Autofahren stelle ich mir lieber vor, ich würde stillstehen und die Welt um mich herum bewegt sich wie Weltraumschrott an mir vorbei. Das beruhigt mich“, schreibt besagter Reverend an einer Stelle.

Und dann ist da ja noch die Bandhündin Emma, die ihr ganz eigenes Abenteuer erlebt … Am Ende entstehen Songs mit Titeln wie „Derogation“, „Frack it“ oder „Wichsbold“, und man muss die Musik nicht mögen – aber das Buch, begleitet von diversen Zeichnungen, die den ganzen Wahnsinn dieser Unternehmung bebildern, geht direkt ins (Tomaten-)Mark der eigenen nichtigen Existenz.

/ Julia Kleinwächter

Die Gruppe OIL: „Naturtrüb“, Verbrecher Verlag, 224 Seiten


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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