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Lessingtage: Festival am Thalia Theater

Unter dem Motto „Wem gehört die Welt?“ finden zum 11. Mal die internationalen Lessingtage statt. Was damit gemeint ist und welche Fragen die Produktionen stellen, erzählen die Leiterin Nora Hertlein und die Dramaturgin Emilia Heinrich im Gespräch

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Nora Hertlein und Emilia Heinrich, wem gehört denn die Welt?

Emilia Heinrich: Jeder mit gesundem Menschenverstand würde natürlich sagen, dass die Welt entweder allen oder niemandem gehört. Der Titel ist bewusst polemisch formuliert, um auf Phänomene wie Kolonialisierung und Aus­beutung der Umwelt zu verweisen. Alle Produktionen beschäftigen sich mit diesen beiden Formen ungerechter Machtverteilung und den daraus re­sultierenden Folgen – aber fast immer mit einem positiven, selbstbestimmten Gestus.

Dystopien stehen aber auch auf dem Programm …

Nora Hertlein: Das stimmt, aber selbst die Dystopien sind keine Schwarz­malerei. Sie haben auf ihre Weise einen positiven Gestus, weil sie einen war­ nenden Charakter haben und eine Idee davon vermitteln, wie die Welt nicht werden sollte.

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Emilia Heinrich (l.) ist feste Dramaturgie- assistentin, Nora Hertlein Kuratorin des internationalen Programms (Foto: Andreas Brüggmann)

Wie genau bringen sich die Produktionen in die aktuellen Debatten ein?

NH: Ein Beispiel: Das Stück „Arctic“, eine Dystopie der belgischen Regisseurin Anne-­Cécile Vandalem, vereint beide Themen. Es geht um die Ausbeutung von Grönland und die Eisschmelze, die diese Ausbeutung er­möglicht. Grönland ist eine Lokalität, die die Zuschauer nicht so sehr auf der kognitiven Landkarte haben, wenn sie an Kolonialisierung denken. Vielen ist nicht bewusst, dass Grönland immer noch nicht vollständig unabhängig von der ehemaligen Kolonialmacht Däne­mark ist. Somit erweitert das Stück die Perspektive auf das Thema.

EH: Das Stück ist auch ästhetisch sehr besonders, weil es kein didaktisches Erklärtheater ist, sondern eine fiktive Geschichte entwirft: Im Plot ist ein Schiff mit einer Bohrinsel kollidiert, die illegal dort vor Grönland aufgebaut wurde, wobei Menschen ums Leben gekommen sind. In einer Mischung aus Live­Theater und Film auf Leinwand dreht sich die Geschichte dann um die Aufklärung des Kriminalfalls – wie ein Thriller.

Sie betonen die internationale Ausrichtung der Lessingtage. Was erwartet die Zuschauer außerhalb von Europa? 

EH: Das Stück „Orest in Mossul“ von Milo Rau, nach der Orestie von Aischylos, hat eine interessante politische Fragestellung. Rau wendet die Folie der Orestie – die nach Selbstbestimmung in der Durchbrechung einer Spirale von Gewalt und Rachemorden fragt – auf die politische Situation im Irak an.

2014 hat dort der selbsternannte „Islamische Staat“ das Kalifat ausgerufen. 2017 wurde die Stadt Mossul im Norden des Landes zurückerobert. Rau ist unter anderem mit der Fragestellung dorthin gereist, wie man mit gefangenen IS-­Terroristen umgeht. Er spricht gerne vom „globalen Realismus“ als Kunstform – weil er zum einen vor Ort recherchiert, Videos macht und mit irakischen Schauspielern arbeitet und somit die Realität des Ortes mit auf die Bühne holt. Zum anderen weil er seine Fragestellungen vor dem Hintergrund globaler Zusammenhänge stellt.

Wie kam es zu dem Mexiko-Schwerpunkt?

NH: Das war keine programmatische Idee im Vorhinein. Ich habe „Andares“ von Héctor Flores Komatsu auf einem Festival gesehen und war begeistert. Vier junge indigene Performer aus dem ländlichen Mexiko stehen auf der Bühne und erzählen von ihrer ethnischen Zugehörigkeit und ihrer modernen Lebensrealität. Es gibt ja viele indigene Gruppen in Mexiko, die sich als eigene Nation mit eigenen Sprachen definieren.

„Amarillo“ von Jorge A. Var­gas ergänzt das Thema. Das Stück ist schon einige Jahre alt, ist aber politisch relevanter denn je in Zeiten, in denen Trump einen Zaun zwischen Mexiko und den USA hochziehen will. Die zwei Stücke bilden ein Panorama mit zwei verschiedenen Lebenswelten in einem Land: Einmal geht es um diejenigen, die wegwollen und für die Mexiko ein Transitland ist. Und es geht um die Indigenen, die nicht wegwollen, aber unter dem Druck des Kapitalismus, der Ausbeutung der Natur, und der Mehr­ heitsgesellschaft leben.

Dazu zeigen wir eine Foto-­Ausstellung der spanischen Künstlerin Griselda San Martin. Sie zeigt auf erschütternde Weise, was für einen Riss es für Familien bedeutet, wenn die einen es auf die andere Seite schaffen, während die anderen zurück­ bleiben.

 

„Es ist wichtig, diese Diskussion anzustoßen“

 

Afrika findet sich in „Hereroland“ und „Reverse Colonialism“ wieder. In Ersterem geht es, wie der Titel schon vermuten lässt, um den deutschen Genozid an den Herero und Nama. Worum geht es in Letzterem?

NH: Um Einwanderer aus Kamerun und Nigeria, die in Belgien leben. Das Stück dreht sich um ihren Konflikt damit, keinen Platz in Europa zu finden, weil sie immer zwischen den Stühlen sitzen. Sie sind europäische Afrikaner oder afrikanische Europäer. Letztendlich führen sie diesen Zustand ad absurdum, indem sie ein eigenes Land für europäische Afrikaner entwerfen wollen.

EH: Das alles natürlich mit einem großen Augenzwinkern. Das Publikum kann abstimmen, wie dieser neue Staat aussehen soll. Das Stück führt den Zuschauern vor Augen, wie absurd Kolonialismus ist. Aber das Stück haben selbstbewusste Afrikaner in der Hand, die auf ihr Recht auf ein gutes Leben in Europa bestehen. Gerade weil das Hamburger Publikum mehrheitlich euro­päischstämmig und weiß ist, kann diese Perspektive interessant sein.

Gibt es auch Stücke, bei denen Sie mit einer Kontroverse oder gespaltener Meinung im Publikum rechnen? Dass Rassismus und Kolonialismus falsch sind, darüber dürften sich ja alle einig sein.

NH: Ich hoffe natürlich darauf, dass sich nicht alle im Publikum einig sein werden. Deswegen gibt es zu jeder Produktion eine Publikumsdiskussion. Bei „Orest in Mossul“ kann man zum Beispiel kritisch nachfragen, wo die Machtverhältnisse in der Produktion liegen, wenn ein europäisches Stadttheater in den Irak fährt und dort ein Stück vorbe­ reitet. Wir wollten das Stück trotzdem unbedingt zeigen. Es ist wichtig, diese Diskussion anzustoßen.

Lessingtage: Thalia Theater und Thalia Gauß, 18.1.-9.2.2020


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Klein Shanghai: Das Yu Garden Teehaus

Im chinesischen Teehaus in Rotherbaum, das heute am 17. Januar wiedereröffnet, entsteht Entspannung durch Kulturaustausch

Text: Erik Brandt-Höge

 

Rund 23 Millionen Menschen, 6.300 Quadratmeter Fläche, XXL-Glitzer-Skyline, größter Containerhafen der Welt: Das ist Shanghai. Die chinesische Metropole ist an Gigantismus kaum zu überbieten, als Wirtschaftsstandort eine globale Macht. Schwer-, Textil- und Elektroindustrie bestimmen die zweitgrößte Stadt des Landes. 13.000 Kilometer entfernt von Hamburg erscheint sie als hochmoderner Riese, wirkt westlicher als manch mitteleuropäisches Zentrum.

Hinter der blitzblanken Hightech-Fassade bietet Shanghai aber auch chinesische Tradition. Fest im Stadtbild verankert und echte architektonische Hingucker sind zum Beispiel Teehäuser. Zwischen den grauen Hochhausarrangements sind kunterbunte Areale dafür angelegt, mit üppig gestalteten Pavillons auf Stelzen, künstlichen Wassergärten und verschnörkelten Holztreppen. Es sind städtische Täler der Entspannung, in denen sich Shanghaier und Touristen vermengen, um bei einer Tasse Tee vom allgegenwärtigen Trubel abzuschalten. Wer teilhaben will an den typisch chinesischen Genussmomenten, muss jedoch keinen Langstreckenflug in Kauf nehmen, sondern nur eine Fahrt nach Rotherbaum.

 

Prestigeobjekt einer Fernbeziehung

 

Hamburg und Shanghai sind Partnerstädte, und das schon seit 1986. Gepflegt wird die Fernbeziehung durch Austauschprogramme für Schüler, Studenten und Praktikanten, durch gemeinsam organisierte Veranstaltungen und natürlich durch wirtschaftliches Hand-in-Hand-Gehen. Ein dauerhaftes Symbol der Liaison wurde 2006 in Hamburg errichtet: der Yu Garden in der Feldbrunnenstraße, direkt hinter dem Museum am Rothenbaum, einst Museum für Völkerkunde Hamburg.

 

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Eine Spezialität des Konfuzius-Instituts: das Laternenfest im Yu Garden (Foto: Universität Hamburg Marketing GmbH)

 

Auf einer Fläche von rund 3.400 Quadratmetern wurde ein Teehausensemble nach südchinesischer Bauart hochgezogen. Vorbild: das gleichnamige Teehaus aus der Ming-Dynastie. Hamburg stellte das Grundstück, Shanghai schickte Ingenieure und Bauerarbeiter. Zwei Jahre lang wurde aus Kiefernholz und Taihu-Steinen eine Anlage geschaffen, die einerseits zur Vermittlung chinesischer Kultur an das Hamburger Publikum dienen, andererseits einfach nur schöne, in Rotherbaum durchaus exotische Wohlfühloase sein sollte. Ab September 2008 war der Yu Garden für alle zugänglich. Und Nutzungsmöglichkeiten gab es viele.

 

Tee & Tagungen

 

Der mehrteilige Gebäudekomplex hatte einiges zu bieten, etwa im Teepavillon. Bei Schwarz-, Grün-, Reis-, Jasmin- und Chrysanthementee konnte der Hamburger Alltagsstress vergessen werden. Geradezu meditative Wirkung hatten die Aufgusszeremonien unterm Licht der überall aufgehängten Laternen. Ebenso gemütlich, aber deutlich deftiger ging es im anliegenden Restaurant des Yu Gardens zu. Hier wurden Ente, Schwein, Fisch, Frühlingsrollen und Suppen aufgetischt. Ziel des kulinarischen Genusses: eine Kultur durch ihre Küche kennenlernen.

Wem das zu schlicht erschien, der konnte am Kulturprogramm des Hauses teilnehmen, das von zuletzt zwei Hauptmietern auf die Beine gestellt wurde: der Uni Hamburg Marketing GmbH, die vor allem Tagungen und Events durchführte, und dem Konfuzius-Institut der Uni, das sich auch auf Vergnügliches konzentrierte wie Konzerte, Lesungen und Laternenfeste. Auch einen Konfuzius-Chor gab es, dem jeder, der Lust auf chinesisches Liedgut hatte, beitreten konnte.

Es passierte viel im Yu Garden, der Betrieb lief rund. Aber er hinterließ auch Spuren. 2017 erfolgte eine Bestandsaufnahme. Ergebnis: umfangreiche Renovierungsarbeiten waren dringend notwendig. Und selbst die waren ein chinesisch-deutsches Gemeinschaftsprojekt. Die Shanghaier Seite bot erneut Spezialisten auf, die zusammen mit der Baufirma CZICC Mannheim vom Marmorboden bis zur goldfarbenen Decke, von den rotbraunen, fein verzierten Fensterrahmen bis zu den winzigen Ziegeln der geschwungenen Dächer allerhand runderneuerten.

 

Auf zur Wiedereröffnung

 

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Wolfgang Wen (links), Hauptansprechpartner für das Ensemble, und Shuangzhi Li, ehrenamtlicher Vizedirektor des Konfuzius-Instituts ( Foto: Erik Brandt-Höge)

Sprung in die Gegenwart. Beim Ortsbesuch Anfang Dezember, zu dem der neue Hauptansprechpartner für das Ensemble, Wolfgang Wen, Präsident verschiedener chinesischer Vereine in Hamburg, einlädt, ist noch nicht alles fertig für die geplante Wiedereröffnung am 17. Januar. Das Wasser im Garten: trüb-grün. Die Pflanzen: farblos und schlaff. Im Inneren bedeckt Baustaub die Fliesen. Tische, Stühle und Bänke stehen nicht am gewohnten Platz. Einzig ein riesiger Aufsteller mit Bild von der Shanghaier Skyline bei Nacht funkelt schon im Eingangsbereich.

Dennoch: Wen wirkt sorglos, was den anvisierten Wiedereröffnungstermin angeht, freut sich gar euphorisch, wenn er davon erzählt. Ganz sicher sei er, dass der gewohnte Schulterschluss zwischen Stadt, Nachbarschaft und Gästen aus China einmal mehr bereichernd sein wird. Schließlich hätte das Yu Garden-Geflecht aus Gastronomie, Wirtschaft und Kultur bereits bewiesen, wie gut es für viele verschiedene Menschen in der Stadt funktionieren kann.

Zum erneuten Erfolg werde dann auch das Konfuzius-Institut seinen Teil beitragen, so Wen, weil es von Sprachkursen bis zum Singkreis wie zuvor zig Programmpunkte habe. Und das Restaurant, jetzt gemietet von Qiuyi Chen, Präsident der Hamburger China-Gesellschaft, werde die Tradition Shanghais in Hamburg einmal mehr abrunden.

Yu Garden: Feldbrunnenstraße 67 (Rotherbaum)


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„Lindenberg! Mach dein Ding!“: Biopic über Udo Lindenberg

Wer war eigentlich dieser Udo, bevor er seinen großen Durchbruch hatte? Hermine Huntgeburth erzählt in „Lindenberg! Mach dein Ding!“ die Geschichte des jungen Rockmusikers, der nach Hamburg kam

 Text und Interview: Patrick Heidmann

 

Eigentlich konnte niemand anderes dieses Biopic inszenieren als Hermine Huntgeburth, trägt die Regisseurin doch den gleichen Vornamen wie Udo Lindenbergs von ihm verehrte Mutter, nach der er 1988 sogar ein Album betitelte. Davon abgesehen natürlich, dass die Regisseurin seit mehr als 25 Jahren zu den erfolgreichsten und vielseitigsten Film- und Fernsehschaffenden des Landes gehört, ausgezeichnet mit dem Deutschen Filmpreis, dem Deutschen Fernsehpreis und mehreren Grimme-Preisen.

In „Lindenberg! Mach dein Ding!“ erzählen sie und Drehbuchautor Alexander Rümelin nun nicht das komplette Leben von Deutschlands wohl bekanntestem Rockstar nach, sondern widmen sich seinen musikalischen Anfängen im Hamburg der 70er Jahre, inklusive Rückblenden in seine Kindheit im westfälischen Gronau. Die Hauptrolle spielt der aufstrebende Newcomer Jan Bülow, außerdem standen unter anderem Max von der Groeben, Julia Jentsch, Detlev Buck und Charly Hübner vor Huntgeburths Kamera. Wir trafen die Wahlhamburgerin zum Interview.

 

 

SZENE HAMBURG: Hermine Huntgeburth, welchen Bezug hatten Sie zu Udo Lindenberg vor der Arbeit an diesem Film?

Hermine Huntgeburth: Mich hat er eigentlich schon begleitet, seit ich bewusst angefangen habe, Musik zu hören. Da war er immer irgendwie da. Und als ich dann 1977 nach Hamburg zog, war er dort sowieso ganz präsent. Das war die Zeit, als er mit Peter Zadek arbeitete und immer im Atlantic war. Aber persönlich gekannt habe ich ihn nicht.

Was war denn Ihr erster Gedanke, als man Sie fragte, ob Sie die Regie bei „Lindenberg! Mach dein Ding!“ übernehmen wollen?

Erst mal wunderte ich mich, wie der Produzent Michael Lehmann auf mich kam, denn ich hatte so etwas ja noch nicht wirklich gemacht. „Die weiße Massai“ war zwar auch die Geschichte einer lebenden Person, aber natürlich doch ein anderer Fall als dieser. Was mich dabei besonders reizte, war der Gedanke, einen Musikfilm zu drehen. Und ausschlaggebend war auch die Tatsache, dass die Handlung nur bis zu Udos erstem großen Konzert ging, also bevor er zu dem wurde, der er heute ist. Kaum jemand kennt ja noch den jungen Mann, der damals aus Nordrhein-Westfalen nach Hamburg kam.

Gab es trotz der Beschränkung auf den jungen Lindenberg ein paar Biopic-Fallstricke, die Sie umgehen mussten?

Ich durfte natürlich nicht in die Falle geraten, ein Udo-Lookalike-Ding aus der Sache zu machen. Natürlich habe ich mich ein paar Mal mit Udo getroffen, aber dabei war für mich vor allem wichtig, so eine Essenz herauszufinden und der Figur eine Wahrheit zu geben. Ich konnte und wollte ihn nicht einfach kopieren.

Hatte er ein Mitspracherecht?

Natürlich war uns wichtig, dass Udo der Film gefällt, aber es ging nie um Gefälligkeiten. Dass ich meinen eigenen Film mache, war immer klar. Wir haben ihn von Anfang an mit einbezogen und ihm das Drehbuch zu lesen gegeben.

Er hat auch Jan Bülow kennengelernt, nachdem wir die Hauptrolle besetzt hatten. Und wenn es Kleinigkeiten gab, die ihm nicht behagt haben, sind wir auch darauf eingegangen. Aber Udo schenkte mir großes Vertrauen und war immer ausgesprochen positiv, was den Film angeht.

 

… eine Rampensau sein und das Rock’n’Roll-Gen haben

 

Wie viel Fiktion steckt denn eigentlich im Film?

Das lässt sich gar nicht so ohne Weiteres sagen. Denn auch viele seiner Songtexte, die ja sehr politisch sind, haben viel mit seinen Lebenserfahrungen zu tun. Wir haben zum Beispiel diese vier jungen Frauen im Drehbuch, die mir sehr wichtig waren, weil ich auch starke Frauenfiguren in der Geschichte haben wollte. Und die basieren teilweise auf realen Figuren, teilweise aber eben auch auf seinen Texten. Der Drehbuchautor Alexander Rümelin hat sehr kunstvoll versucht, das alles miteinander zu verweben.

Am Ende steht und fällt ein Film wie dieser natürlich mit dem richtigen Hauptdarsteller. Wie lange dauerte es, bis Sie Ihren Udo gefunden hatten?

Sehr lange! Die Casterin Simone Bär und ich haben uns eigentlich alle jungen Schauspieler angesehen, die es so gibt. Unser Protagonist musste natürlich viel mitbringen, denn man möchte ja keinen normalen Udo sehen. Wir brauchten jemanden, der nicht nur ein hervorragender Schauspieler ist, sondern er musste auch eine Rampensau sein und das Rock’n’Roll-Gen haben. Sensibel musste er sein und witzig, ein tolles Körpergefühl mitbringen und auch sexy sein.

Jan Bülow erfüllte alle diese Kriterien, und ist auch ein richtiger harter Arbeiter, der sich zum Beispiel Monate Zeit genommen hat, um Schlagzeugspielen zu lernen. Er musste den ganzen Film tragen, und das mit 21 Jahren, frisch von der Schauspielschule. Aber dass man ihn eigentlich noch gar nicht kennt, war auch von Vorteil.

Wer heute durch St. Pauli läuft, weiß, dass da kaum noch etwas an die 70er Jahre erinnert. Wie ist es Ihnen gelungen, diese Zeit wiederauferstehen zu lassen?

Das geht heutzutage nur mit VFX, also mit Computertricks. Dort zu drehen, ist ohnehin schwierig geworden. Kann man nur noch montags und dienstags, und alle Geschäfte müssen mitmachen. Am Ende versucht man dann, mit der Kamera alles nur bis zu einer gewissen Höhe einzufangen und alles, was zu modern aussieht, abzudecken. Der Rest wird dann später digital gemacht.

Das Schlimmste sind heutzutage eigentlich die Tags an den Wänden. In den Siebzigern gab es ja noch gar keine Sprayer, heute aber ist alles vollgeschmiert.

Eine Szene haben Sie auch im Alten Elbtunnel gedreht …

Ja, als Referenz an Roland Klicks Film „Supermarkt“ von 1974. Die Szene dort ist das Ende eines LSD-Trips von Udo und seinem Kumpel Steffi Stephan, der in der Gestaltung der Farben und der Stimmung wiederum an die Likörelle erinnert, die Udo heute malt, und entsprechend einen gewissen kindlichen Faktor haben sollte.

Regie: Hermine Huntgeburth. Mit Jan Bülow, Detlev Buck, Max von der Groeben. Ab 16.01.2020


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klub katarakt: Experimentelle Musik auf Kampnagel

klub katarakt ist ein Festival für experimentelle Musik, das sich auf sämtlichen künstlerischen Ebenen offen präsentiert

Text: Erik Brandt-Höge

 

Das Jahr 1992. Snap!, Dr. Alban und Die Prinzen bestimmen die deutschen Charts, schlichte Beats und noch schlichtere Lyrik laufen im Radio rauf und runter. In ebendieser Zeit gründen Kompositionsstudenten der Hamburger Musikhochschule den Verein katarakt – und stehen damit für das experimentelle Gegenteil zum Gedudel. Sicher, einerseits ging es den Studenten darum, ihre Kompositionen einmal außerhalb der Hochschule aufführen zu können, und zwar an eher ungewöhnlichen Orten dafür, etwa Rockclubs. Aber sie wollten auch nicht-radiofreundliche Sounds der breiten Masse vorstellen.

 

Springer zwischen multimedialen Welten

 

Das gelang ihnen spätestens mit der ersten Ausgabe des klub katarakt 2005. Sie machten Neue Musik zugänglich, indem sie eben diese sprengten, durch sich ständig im Wandel befindende Klang- und Bildinstallationen sowie durch Öffnung der bespielten Räumlichkeiten. Auf Kampnagel hat das Festival ein Zuhause gefunden, in dem die Macher gleich drei ineinander übergehende Hallen zur Verfügung haben. Besucher werden zu Springern zwischen multimedialen Welten, erleben Sounds und Bilder beim Flanieren.

Die klub katarakt-Eröffnung (15.1., 20 Uhr) wird auch in diesem Jahr ein Event der Wandelkonzerte. Viele Hamburger Musiker, Komponisten und Künstler stehe dafür bereit, zum Beispiel die Elektroniker Nika Son und Thomas Leboeg, die Violinistin Lisa Lammel, die Pianistin Daria Iossifova und der Harvestehuder Kammerchor unter der Leitung von Edzard Burchards.

 

 

Der zweite Festivaltag steht ganz im Zeichen einer Arbeit für Blechblasinstrumente und Elektronik, aufgeführt von der schwedischen Komponistin Ellen Arkbro zusammen mit dem Berliner Ensemble Zinc & Copper. An den beiden darauffolgenden Tagen werden das Splitter Orchester & The Pitch zu erleben sein, ein Kollektiv aus 24 international renommierten Musikern, es gibt eine sogenannte „Lange Nacht“ mit unter anderem einem Zusammenspiel von 17 akustischen Gitarren und ein Nachtkonzert mit Streichquartett und Klavier. Im Ganzen ein Spektakel für alle, nicht nur für Fans von Neuer Musik, und nach wie vor ein Gegenpol zu Charts-Stücken für das schnelle Hörerglück.


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Undone: Cocktails ohne Kater

Ein Hamburger Start-up will die Trinkkultur von der Dominanz des Alkohols befreien und serviert alkoholfreie Alternativen zu Rum, Gin, Bitterlikör und Wermut

Text: Laura Lück

 

Nüchtern sein liegt im Trend. Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind die Zahlen zum regelmäßigen Alkoholkonsum Jugendlicher und junger Erwachsenen unter 25 in den letzten Jahren konstant rückläufig. Die junge Generation scheint neben Zigaretten auch der zweiten großen Volksdroge abzuschwören. Null-Promille-Partys wie die Berliner Eventreihe „Sober Sensation“ feiern Erfolge mit Getränkekarten voll Ingwershots und Kombucha, die Supermarktregale mit hippen Limonaden werden immer länger und Bücher wie Ruby Warringons „Sober Curious“ erklimmen die Bestsellerlisten.

 

„Mit Undone verbinden wir Genuss mit Gesundheits-
bewusstsein“

 

Aus diesem Zeitgeist der neuen Achtsamkeit ist auch die Idee zu Undone geboren. Das Hamburger Start-up hat kürzlich die erste Linie alkoholfreier Getränke gelauncht, die aus echten, alkoholischen Destillaten hergestellt wird. „In Bars oder auf Events gibt es immer mehr Gäste, die weniger oder gar keinen Alkohol trinken möchten, ohne jedoch auf die Vielfalt leckerer Drinks zu verzichten. Aus diesem Bedürfnis heraus haben wir unsere Marke entwickelt. Mit Undone verbinden wir Genuss mit Gesundheitsbewusstsein“, erklärt Mehmet Ünlü, Co-Gründer der Marke.

Das Portfolio besteht aus den vier Sorten „No.1 Sugar Cane Type“ (This is not Rum), „No.2 Juniper Type“ (This is not Gin), „No.7 Italian Bitter Type“ (This is not Orange Bitter) und „No.8 Italian Aperitif Type“ (This is not Vermouth). Die Gin- und Rum-Alternativen werden erst im Kupferkessel destilliert. Im Anschluss wird ihnen der Alkohol wieder entzogen, also „undone“, rückgängig gemacht. Das ist so simpel wie genial und füllt zudem eine Lücke im Markt. Dem abstinenten Bargänger bleibt schließlich meist nur die Wahl zwischen stillem oder Sprudel-Wasser, Saftschorlen oder Zuckerschock durch Cola-Überdosis und Virgin Coladas mit zu viel Grenadine.

 

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Alkoholfreier Aperitivo: Rum undone (Foto: Foodboom)

 

Undone versteht sich aber eben auch als Ersatzprodukt für Getränke mit Umdrehungen. Co-Gründer André Stork ist sogar überzeugt, dass Undone das Potenzial hat, den weltweiten Alkoholkonsum bis 2025 um 20 Prozent zu senken. Das klingt sehr ambitioniert, die Resonanz auf die alkoholfreien Spirituosen ist allerdings vielversprechend: Die ersten 30.000 Flaschen waren kurz nach der Erstvorstellung auf dem „Bar Convent Brooklyn“ in New York im Juni ausverkauft. Jetzt soll Europa folgen.

Beim Geschmackstest auf der Launch-Party in der Hamburger Neustadt sind die Gäste sich einig: Undone-Negroni, -GinTonic und Co. sind ihren hochprozentigen Pendants geschmacklich tatsächlich zum Verwechseln ähnlich. Einige glauben nach dem dritten Glas sogar einen leichten Rausch zu bemerken. Den Placebo-Effekt kennt auch Undone-Designchef Felix Schlüter – der empfiehlt auch mal ein Glas Wasser zwischen den Drinks zu trinken, um dem Scheinkater am nächsten Morgen zu entgehen. Den Selbstversuch können Hamburger ab sofort im Standard, der Berglund Bar oder der Boilerman Bar wagen.

itsundone.com


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O Alsterbaum: Die Tradition am Jungfernstieg

Wenn die Alsterfontäne ab- und die Alstertanne aufgestellt wird, heißt das: Weihnachten ist nicht mehr weit.

Text: Marie Filine Abel

 

Seit 1994 läutet die Sehenswürdigkeit Ende November die Adventszeit in Hamburg ein. Doch woher kommt die Tanne überhaupt? Mittlerweile kümmern sich das Bezirksamt Mitte und die Senatskanzlei um die Beschaffung der Alstertanne, davor lag diese Tradition lange Zeit in der Verantwortung der Stiftung Binnenalster.

Dieses Jahr kommt die circa 14 Meter hohe Nordmanntanne von dem rund 25 Kilometer entfernten Hof Oelkers in Klauenburg. Der Baum ist um die 30 Jahre alt und wurde vom bereits verstorbenen Hofbesitzer Joachim Oelkers eigens gepflanzt. Enkelin Angela führt die Familientradition weiter und war beim Fällen dabei, bevor die Tanne am 25. November per Schwertransport abgeholt wurde. Drei Tage später wurde sie mithilfe eines Krans am Jungfernstieg geschmückt, danach auf dem Ponton aufgestellt und anschließend auf die Mitte der Binnenalster gezogen.

Am 28. November, pünktlich um 16.30 Uhr fällt der Startschuss und die 775 Glühbirnen strahlen in die Stadt hinein – betrieben wird das Ganze übrigens mit 100 Prozent Ökostrom. Ist die besinnliche Weihnachtszeit wieder vorüber, wird die Alstertanne ordnungsgemäß in die Grünverwertung gebracht.

Hof Oelkers in Klauenburg (Gemeinde Wenzendorf)


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Kürzer wird’s nicht: Kurzfilmtage zur Wintersonnenwende

Am 21. Dezember ist Wintersonnenwende – der perfekte Tag für Kurzfilme

Text: Maike Schade

 

Beim Saunieren Filme gucken: Das gibt es in der „Lichtspielhaus“- Sauna des Holthusenbads (Goernestraße 21, Eppendorf ) regelmäßig. Selbstverständlich auch am 21. Dezember, denn dann ist Kurzfilmtag. Zu diesem Anlass klemmt sich die Kurzfilmagentur Filmrollen unter den Arm und macht sich auf den Weg zum schweißtreibenden Shorty-Vergnügen. Von 11.30 Uhr an wird jeweils zur halben Stunde ein preisgekrönter, zum 20er-Jahre-Ambiente der Sauna passender Kurzfilm gezeigt.

Dies ist nur eine von vielen Veranstaltungen, die am kürzesten Tag des Jahres stattfinden. Im Filmraum (Müggenkampstraße 45, Eimsbüttel) beispielsweise werden gleich zwei Programme gezeigt: Um 19 Uhr sind Gewinnerfilme der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen (Foto) zu sehen, um 21 Uhr folgen dann die „Golden Shorts“, neun Filmchen, die „dezembertauglich die Welt und das Leben reflektieren“.

 

Bunter Filmmix

 

„Was wäre, wenn…“ lautet das Motto an diesem Abend im Eidelstedter Bürgerhaus (Alte Elbgaustraße 12, 20 Uhr). In den sechs Filmen von Preisträgern und Nominierten des Deutschen Kurzfilmpreises geht es unter anderem um die unendlichen Möglichkeiten des Internets, herausfordernde Paarbeziehungen und kindliche Identitätskrisen.

Das B-Movie (Brigittenstraße 5, St. Pauli) beschäftigt sich ab 20 Uhr mit einem ganz anderen Thema: der Geschichte des Super-8 Kurzfilms. Gezeigt wird die 45-minütige, von Projektoren getaktete Performance „Achtung Bild – Jetzt kommt der Ton!“ von Soyuz Apollo, einem Projekt des Hamburger Medienkünstlers Thorsten Wagner.

Um „Lotto am Samstag“ und andere Pläsierchen geht es ab 19.30 Uhr in der Immanuelkirche auf der Veddel (Wilhelmsburger Str. 73). Kurzweilig wird es gewiss auch im KulturWerk (Boizenburger Weg 7, Rahlstedt) zugehen: Hier wird um 17 Uhr das Programm „Mensch Meier. Echt jetzt?“ gezeigt.

Auch die Kurzen bekommen Kurze serviert: Um 14 Uhr spielt das Alabama Kino auf Kampnagel (Jarrestr. 20, Winterhude) ein Best-of des „Mo&Friese“-Programms. Für Filmfans ab 65 Jahren ist das Programm „SeniorInnen“ am 19. Dezember im Gemeinschaftsraum Hartwig-Hesse-Quartier (Alexanderstraße 29, St. Georg), 14.30 Uhr, sowie am 30. Dezember um 15 Uhr im Festsaal des Hospitals zum Heiligen Geist (Hinsbleek 11, Poppenbüttel) zu sehen.

kurzfilmtag.com


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Luisa Neubauer im Interview: Raus aus der Komfortzone

Als Luisa Neubauer noch in Blankenese zur Schule ging, hatte sie nie vorgehabt, Vollzeit-Klimaaktivistin zu werden. Doch: Sie wurde zum bekanntesten Gesicht von Fridays for Future Deutschland und beschreibt in ihrem Bestseller, was Hamburg im Jahre 2050 bevorsteht

Text: Mathias Greulich 
Foto: Fridays for Future Deutschland

 

SZENE HAMBURG: Luisa Neubauer, Sie haben mit Peter Tschentscher beim Körber-Forum über die Klimakrise debattiert. Welchen Eindruck haben Sie vom SPD-Bürgermeister? 

Luisa Neubauer: Herr Tschentscher ist ein unaufgeregter Mensch. Man kann mit ihm sachlich diskutieren, es waren angenehme Gespräche. Dennoch ist in der Klimabilanz unter seiner Verantwortung noch dermaßen viel Luft nach oben. Hamburg hat als reiche CO2-intensive Stadt die Möglichkeit, Klimavorreiter zu werden. Ein grüner Leuchtturm im Norden.

Andere Städte sind da weiter.

Es war total irre. Einen Tag nach der Diskussion mit Herrn Tschentscher habe ich den Bürgermeister von Kopenhagen getroffen. Frank Jensen ist ein charismatischer Mensch. Übrigens kein Grüner, sondern ein Sozialdemokrat. Ich war sehr beeindruckt, wie visionär er beim Klimaschutz an die Sache herangeht. Kopenhagen will schon 2025 klimaneutral werden.

Noch im September demonstrieten 100.000 Hamburger für besseren Klimaschutz, am selben Tag hat die Bundesregierung ihr Klimapaket beschlossen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagt inzwischen in Richtung Fridays for Future, dass es nicht reiche, „jede Woche apokalyptische Bedrohungen zu beschreiben, die kaum zu bewältigen scheinen“. Die Demokratie werde schlecht geredet. 

Ich frage mich, aufgrund welcher Sachlage diese Aussagen von Herrn Steinmeier getroffen wurden. Wir sind Teil einer gelebten Demokratie, in dem wir Woche für Woche auf die Straße gehen. Das ist urdemokratisch, ebenso wie ziviler Ungehorsam. Wir wollen eine inhaltliche Debatte darüber führen, was man den Menschen zumuten kann. Es wird Zeit, dass die Regierung beim Klimaschutz endlich loslegt. Aber nicht so, wie es im Klimapaket vereinbart wurde, das zur Erreichung der Klimaziele nicht zielführend ist. Wir sind in einer entscheidenden Phase. Wir sind diejenigen, in deren Händen es liegt, ob das Ende der Klimakrise jetzt beginnen kann.

 

„Menschen brauchen Antworten und keine Beschwichtigungen“

 

Mit Alexander Repenning haben Sie gemeinsam das Buch „Vom Ende der Klimakrise. Eine Geschichte unserer Zukunft“ geschrieben. Sie sind beide aus Hamburg und skizzieren, was Ihrer Heimatstadt durch den Anstieg des Meeresspiegels im Jahr 2050 bevorsteht. Der Satz, dass sich „die Kinder auf den Schulhöfen im Sommer die Füße verbrennen werden“, wird als Panikmache kritisiert. 

Was wir beschreiben, passiert heute schon. Wir haben in der Recherche mit Stadtplanern gesprochen, die Schulhöfe mittlerweile anders konzipieren müssen. Die wissenschaftlichen Szenarien von häufigeren Sturmfluten und sehr viel heißeren Sommern sind die Spitze des Eisbergs. Was uns droht, ist schwer vorstellbar. Viele stellen sich die Frage, wie man mit den vorliegenden Informationen der Wissenschaftler umgeht. Darauf brauchen die Menschen ernsthafte Antworten und keine Beschwichtigungen. Viele Menschen, die unser Buch gelesen haben, schreiben mir. Das zeigt mir, dass es richtig war, diese Dinge so aufzuschreiben.

Als Sie selber noch auf die Grundschule Iserbrook gingen, haben Sie gegen deren drohende Schließung erfolgreich demonstriert. War es für Sie eine wichtige Erfahrung, dass Protest etwas bewirken kann? 

Politik hat im Alltag meist eine entfernte Dimension, aber damals haben wir eine Selbstwirksamkeit im Politischen erfahren. Es war glaube ich der Senat unter Ole von Beust, der reihenweise Grundschulen schließen wollte. Das war natürlich bildungspolitischer Nonsens, gegen den es einen breiten Widerstand gab.

Sie schreiben, dass Sie als 13-Jährige zum ersten Mal etwas über den Treibhauseffekt gehört haben. Eine Doppelstunde im Erdkundeunterricht, das war’s. 

Ich fand es damals irritierend, dass ein so wichtiges Thema in 90 Minuten gequetscht wurde. Ich begann, mich mit der Klimakrise zu beschäftigen. Ein Jahr später beschloss ich als Konsequenz auf die Informationen, die ich nach und nach gewann, Vegetarierin zu werden. Meine Eltern haben das damals noch nicht verstanden. Es gab immer mehr Fragen zu den ökologischen Grenzen des Wachstums und der Zukunft des Planeten, die ich mir stellte. Ein Jahr nach der Schule beschloss ich, Geografie zu studieren.

 

Klimaaktivistin mit 80-Stunden-Woche

 

Schüler bekommen auf dem Marion-Dönhoff-Gymnasium in Blankenese heute wahrscheinlich mehr Antworten zum Treibhauseffekt als Sie vor zehn Jahren. 

Damals hieß die Schule noch Willhöden. Ich war auch mal wieder dort, um über die Klimakrise mit der Oberstufe zu diskutieren. Sie geben sich inzwischen viel mehr Mühe, bei diesem Thema etwas zu verändern.

Was halten Ihre ehemaligen Mitschüler davon, dass Sie jetzt Vollzeit-Klimaaktivistin sind? 

Die finden es glaube ich ganz okay. Wir sind alle nach dem Abi unserer Wege gegangen und machen ganz unterschiedliche Sachen. Ich glaube, sie möchten nicht mit mir tauschen.

Im Frühjahr hatten Sie eine 90-Stunden-Woche. 

Das war als wir mit Fridays for Future begonnen haben, auf die Straße zu gehen. Ich hatte noch niemals eine Demo organisiert und bin aus meiner persönlichen Komfortzone herausgetreten. Mittlerweile mache ich einen Tag in der Woche frei und komme auf 80 Stunden.

Und Sie haben eine Morddrohung bekommen. 

Ja, das war extrem schockierend.

fridaysforfuture.de/ortsgruppen/hamburg

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 29. November 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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