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Tea Addicts: Die Welt retten, aber erst mal Tee trinken

Die Tea Addicts wollen die Welt verbessern – mit Tee. Auf der Suche nach der besten Ernte und passionierten Teeproduzenten reisen Stephan und Jürgen durch Afrika und Asien.


Betritt man den Laden der Tea Addicts im Hamburger Gängeviertel, brodelt mit
großer Wahrscheinlichkeit der Wasserkocher. Die Holzdielen knarren unter jedem Schritt, die unverputzten Wände versprü- hen den typischen rauen Gän- geviertel-Charme, die Teetassen dampfen und duften. Während des Interviews wird die Reihe der Kännchen auf dem Tisch immer länger, Sencha folgt auf Oolong, Pu-Erh und Ceylon. Zu jedem der Tees können Stephan Suen und Jürgen Pitzschel, zwei Drittel der Tea Addicts, eine Ge- schichte erzählen. In den letzten zwei Jahren waren sie auf über 50 Plantagen, haben sich durch die Sorten probiert und die Ar- beitsbedingungen genau ange- schaut – und dabei so manch skurriles Erlebnis gehabt.

SZENE HAMBURG: Stephan und Jürgen, warum Tee?

Stephan: Wir haben eine Vision für uns formuliert, als wir mit Tea Addicts angefangen haben. Jürgen hat dabei den Anstoß gegeben und gesagt: „Wir wollen mit Tee die Welt retten“ (lacht).
Jürgen: Also, zumindest ein Stückchen besser machen.

Ganz schön große Aufgabe. Wie wollt ihr das schaffen?

Stephan: Einmal beim Einkauf, und einmal auf der Bewusstseinsebene.
Jürgen: Tee wird häufig noch auf sogenannten geschlossenen Auktionen gehandelt, da geht es um den kleinsten Preis. Der weltweite Teehandel steckt zum Beispiel in Indien oder auf dem afrikanischen Kontinent noch in Kolonialstrukturen, auch bei Fair Trade und Bio gibt es immer wieder Skandale. Gütesiegel werden gekauft oder nach der Zertifizierung nicht ausreichend kontrolliert.

Wurdet ihr davon auch schon Zeugen?

Stephan: Was wir alles schon erlebt haben! Tore mit Stacheldraht zum Beispiel, und völlige Intransparenz. Das sagt eigentlich schon viel aus. Ich war vor ein paar Wochen in Georgien und bin mit einer Kamera zur Teeplantage gefahren. Als die Securities das Videoequipment gesehen haben, wollten die uns sofort wieder loswerden. Einer zog dann sein T-Shirt hoch und zeigte mir die Pistole, die er in den Hosenbund gesteckt hatte.

Was macht ihr anders als die anderen Teehändler?

Jürgen: Statt einfach nur anonym Tee zu kaufen, wollen wir die Menschen kennenlernen, die auf den Plantagen arbeiten, wollen sehen, wie die Teepflanzen angebaut und verarbeitet werden. Dadurch schalten wir nicht nur Zwischenhändler aus, sondern können auch die Menschen unterstützen, die umdenken.
Stephan: Ich war dieses Jahr auf einer Plantage in Malawi. Der Besitzer ist Mitte 30, schon sein Urgroßvater hat Tee angebaut – in der möglichst billigsten Produktion. Er möchte das aber so nicht mehr. Seitdem produziert er auf der Plantage transparent einen Biotee mit hoher Qualität und bezahlt seine Leute anständig.

Müssen also nur noch die Teekäufer überzeugt werden?

Stephan: Wir wollen nicht überzeugen, sondern begeistern. Man kann zwar auch mit Angst und Skandalbildern zum Umdenken anregen, wir möchten das aber durch Freude und Leidenschaft erreichen. Bei uns kannst du ein Produkt richtig erleben. Wir wissen genau, wer diesen Tee gepflückt und wer ihn getrocknet hat. Wir haben den Tee schließlich vor Ort gekauft. Außerdem stimuliert Tee den Dopamin- und Serotoninspiegel – er macht also einfach richtig gute Laune.

Hinkt die Teebranche in Deutschland hinterher?

Stephan: Mega!
Jürgen: Das ist auch eine Frage der Perspektive. Wenn man auf Hamburg schaut, dann auf jeden Fall. Hamburg ist eine Handelsstadt, die größte Teestadt in Europa. Hier sitzen einige große, weltweit agierende Firmen, die sich aber in den letzten Jahrzehnten kaum aus den überholten, festgefahrenen Strukturen bewegt haben. In Berlin zum Beispiel ist schon mehr Musik drin. Da haben wir mehr Gleichgesinnte gefunden, sind besser vernetzt. In Hamburg tun wir uns damit schwer.

Bei welchen Plantagen bezieht ihr denn euren Tee?

Stephan: Über die Zeit hat sich bei uns ein Muster herauskristallisiert. Zum einen sind das größere Betriebe, die schon seit Generationen Tee produzieren, und jetzt im Generationswechsel umdenken. Sehr häufig sind das aber auch kleine, familienbetriebene Plantagen. Da kommt in der Erntezeit noch die Nichte aus der Stadt, um mit anzupacken. Im Jahr werden dort vielleicht 200 Kilogramm geerntet, es ist also gar nicht darauf ausgelegt, tonnenweise Tee an Händler zu verkaufen. Es ist viel persönlicher. Wir wurden von diesen Familien schon zum Essen eingeladen, haben lange über unser Verständnis von Tee gesprochen, bevor wir dann eine kleine Menge mitnehmen durften.

Klingt aber auch so, also wären diese Betriebe ziemlich schwer aufzutreiben.

Stephan: Oft ist das reines Glück. Wir waren dieses Jahr in Südwest-China und haben eine der größten Plantagen für Oolong besucht. Es war zwar schön da, aber für uns einfach noch nicht das Richtige. Die Dame, die uns dort herumgeführt hat, holte uns einmal von einer Erkundungstour durch die Plantage ab, hat aber den Weg zurück zum Hotel nicht gefunden. Ein Freund von ihr, der dann ins Auto stieg, um uns zu helfen, war Teeproduzent. Ob das nun wirklich eine zufällige Begegnung war, sei mal dahingestellt.

Habt ihr dann auch Tee von ihm gekauft?

Stephan: Ja. Er hat uns mit zu seiner Familie zum Abendessen genommen, wir haben seine drei Brüder kennengelernt, die mit ihm den Tee anbauen. Die vier waren alle höchstens dreißig und hatten richtig Bock auf Tee. Und sie haben verstanden, was wir wollen, haben uns alle Türen geöffnet und uns alles gezeigt. Diese Offenheit findet man nicht durch eine Internetrecherche.
Jürgen: Es sind meistens die Begegnungen in der Hotellobby oder ein Gespräch mit dem Taxifahrer, die uns dann durch Glück zu den kleinen, unbekannteren Produzenten führen. Und das sind dann die Sweet Spots mit der richtig guten Qualität. Dort wird in kleineren Mengen produziert, die gar nicht auf Export ausgelegt sind und das Land dann meistens nicht verlassen.

Ihr wart schon viel unterwegs und habt wahrscheinlich hunderte Teesorten probiert. Welche schmeckt euch am besten?

Jürgen: Das ist immer abhängig von Laune, Wetter und Jahreszeit. In letzter Zeit habe ich viel weißen Tee getrunken, im Winter tendiere ich aber eher zu dunkleren Tees. Wenn mir jemand eine Pistole auf die Brust setzen und mich morgen auf die einsame Insel schicken würde, dann wäre es aber wahrscheinlich ein japanischer Sencha. Der nimmt auch nicht so viel Platz weg, da kann ich mehr mitnehmen (lacht).
Stephan: Ich würde einen Oolong mitnehmen.
Jürgen: Hoffentlich liegen unsere Inseln nebeneinander, dann hätten wir zwei gute Tees zur Auswahl und könnten tauschen. Per Brieftaube vielleicht?

Interview: Sophia Herzog
Fotos: Tea Addicts

Mehr Infos findet ihr auf der Webseite der Tea Addicts. Auf ihrem YouTube-Kanal stellen die Jungs außerdem die neusten Tees ihres Onlineshops vor und erzählen von ihren spannenden Reisen.


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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1 Frage, 1 Antwort – mit Denis Nitschmann

Denis Nitschmann ist Hobbyastronom und ausgebildeter Sozialökonom mit einem Hang zu alkoholischen und kulinarischen Köstlichkeiten. Nach einigen Jahren in England und Georgien betreibt er jetzt die All Bar in Eimsbüttel.

SZENE HAMBURG: Was kann Hamburg richtig gut?

Soviel kulturhistorisches Sediment wurde über die Zeit angespült und setzt sich weiter wunderbar ab. In den verschiedenen Stadtteilen wird es abwechslungsreich gelebt. In selbst gewählten urbanen Räumen entdecken wir uns selbst, dort wo wir sind, werden wir bestätigt.

Eine Ansammlung von Menschen, die massenweise im Großen aneinander vorbeigehen und sich im Kleinen alltäglich liebevoll begegnen. Die Affinität zur Stadt ermutigt uns, einen Raum greifbar, ja fühlbar zu machen, sodass wir diesen entwickeln, in uns tragen und hervorbringen. Jene sind selten umsonst zu erbeuten, werden alltäglich umkämpft und sind fortwährend bedroht. Keine Urbanität kommt ohne Polarität aus und dennoch erlernen wir einen gemeinschaftlichen Umgang.

So können wir unsere individuellen Bedürfnisse in einem gemeinsamen Raum mit einer universellen Kompetenz bereichern – sofern wir ein Leben in der urbanen Gemeinschaft als ein selbst verstandenes Abenteuer genießen. Die Aufgabe einer Großstadt ist es kulturelle Möglichkeiten zu vermitteln, die das Offene und Mögliche widerspiegeln.

Das kann Hamburg richtig gut, aber potenziell, zweifelsohne noch besser.

Foto: Philipp Schmidt

 ALL: Lindenallee 37 (Eimsbüttel), Di-Sa 18 Uhr: www.all-bar.com


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Thomas Sampl – Gesunde Ernährung fängt bei den Eltern an

Das Thema Ernährungsbildung steht bei Spitzenkoch Thomas Sampl ganz oben auf der Agenda. Ob zu Hause oder in der Schule – frische und regionale Produkte sind für ihn Grundvoraussetzung für eine zeitgemäße Esskultur.

SZENE HAMBURG: Thomas Sampl, bewusste Ernährung ist heutzutage ein Riesenthema. Trotzdem ist jedes fünfte Kind zu dick. Warum?

Thomas Sampl: Das liegt daran, was Eltern ihren Kindern zu essen geben und wie sie sich um sie kümmern. Wir haben kein Problem mit unseren Kindern, sondern wir haben ein großes Problem mit den Eltern.

“Gemeinsames Kochen ist essenziell”

Inwiefern?

Zum Beispiel kochen Eltern mit ihren Kindern nicht mehr zu Hause, sondern stellen ihnen stattdessen Fertigprodukte auf den Tisch. Dabei ist gemeinsames Kochen essenziell. Ich wollte mit Viertklässlern in der Elbinselschule einen Kuchen backen und die Kinder konnten nicht mal ein Ei aufschlagen! Zu Hause kriegen sie fertigen Pfannkuchenteig und Waffeln von irgendeinem Discounter vorgesetzt.

… in denen eine Menge Müll ist. Heißt also: Finger weg von Fertigprodukten und lieber selber machen?

Am besten, man bindet Kinder beim Kochen gleich mit ein: Lebensmittel in die Hand und sie einfach mal machen lassen.

Das ist bei manchen aber vielleicht ein Zeitproblem.

Ja genau, das ist immer die Ausrede. So ein Quatsch. Die Leute haben Zeit dafür, fünfmal in der Woche ins Fitnessstudio zu rennen oder stundenlang vor der Glotze zu sitzen, aber sie haben keine Zeit, sich etwas zu essen zu kochen. Das halte ich für Blödsinn.

Selbst wenn wir kochen: Viele Kinder mögen kein Gemüse, und …

Quatsch.

“Wer Billiggemüse kauft, braucht sich nicht zu wundern”

Wie, Quatsch? Ich kenne eine Menge Kinder, die das Gemüse auf dem Teller zur Seite schieben.

Da muss ich widersprechen. Es stimmt, Kinder essen einige Sachen nicht. Vieles gucken sie sich aber auch von den Eltern ab, etwa eine Abneigung gegen Rote Bete. An den Schulen koche ich deswegen mit Gelber und Weißer Bete oder auch Ringelbete – und die essen die Kinder einfach so weg, weil sie nicht merken, dass es eigentlich Rote Bete ist. Das Hauptproblem ist aber, dass unsere Kinder nicht mehr an vernünftige Lebensmittel rankommen. Wenn ich eine konventionell produzierte Karotte vom Discounter kaufe, dann schmeckt die einfach scheiße. Wer Billiggemüse kauft, braucht sich nicht zu wundern, dass Kinder das nicht essen.

Und was sagst du den Leuten, die sich kein teures Biogemüse leisten können?

Die sollen auf den Wochenmarkt gehen, da geben sie weniger Geld aus als bei Discountern. Nicht bei Fleisch oder Käse, das ist klar. Aber bei Gemüse und Obst, und das sollte ja mindestens 50 bis 60 Prozent unserer Ernährung ausmachen. Auf dem Markt bekommst du Sachen, die schmecken, weil sie nicht nach Aussehen, sondern nach Reifegrad geerntet werden.

Wie stehst du zu Vegetarismus und Veganismus bei Kindern, ist das geeignet und gesund?

Kann man machen, allerdings sollte man dann auf eine ausgewogene Ernährung achten. Bei Veganismus droht Vitamin-B12-Mangel, da muss man konsequent gegensteuern. Wichtig ist vor allem, dass man um diese ganzen Fleischersatzprodukte einen Bogen macht. Oft sind da etliche Geschmacksverstärker und Klebestoffe drin.

“Täglich eine Süßigkeit”

Wie sieht es mit Süßigkeiten aus?

Kinder können täglich eine Süßigkeit essen, wenn sie ansonsten keinen Industriezucker zu sich nehmen. Der steckt aber leider in vielen Fertigprodukten, häufig in versteckter Form. In vielen Fruchtjoghurts zum Beispiel ist unglaublich viel Zucker drin. Mit richtigem Joghurt hat das überhaupt nichts mehr tun, auch geschmacklich nicht.

Wenn mein Kind zu dick oder zu dünn ist – sollte ich es darauf ansprechen? Oder beschwört man dann womöglich eine Essstörung herauf?

Nein, unbedingt die Ursachen herausfinden und mit dem Kind darüber sprechen. Wichtig ist vor allem, gesundes Essen so zuzubereiten, dass es den Kindern schmeckt.

Und wenn sie dann trotzdem nur Nudeln ohne alles essen wollen?

Nicht aufgeben, sondern es immer wieder mit anderen Gemüsesorten und anderen Zubereitungsarten versuchen. Und zwar von Anfang an. Kinder, die frisch gekochten Babybrei aus gutem Gemüse bekommen, werden ganz sicher auch später gerne Gemüse essen.

Kommen wir zu den Kindergerichten in Restaurants: Mehr als Nudeln mit Tomatensoße, Chicken Nuggets, Schnitzel oder Fischstäbchen ist da oft nicht drin.

Unsäglich. Viele Hamburger Restaurants sind überhaupt nicht auf Kinder eingestellt und haben keine vernünftige Kinderkarte. Chicken Nuggets oder Fischfilets kann man grundsätzlich auch frisch zubereiten und mit ein bisschen Gemüse servieren. Aber Tiefkühlprodukte in die Fritteuse zu schmeißen, das geht gar nicht. Leider ist das aber fast überall der Fall.

“Gutes Essen in Kitas und Schulen ist eine Frage der Priorität”

Und wie sieht es mit dem Essen in Hamburger Kitas und Schulen aus?

Da gibt es riesige Unterschiede. Es gibt ganz tolle Caterer wie „Wackelpeter“, die frisches Bioessen auf den Tisch bringen. Grundsätzlich können Schulen den Caterer völlig frei wählen. Man muss nur mit dem Budget haushalten, das die Stadt Hamburg vorgibt. Einige Schulen haben einen Koch eingestellt, andere entscheiden sich für billiges Essen, das 2,50 Euro pro Tag kostet. Das restliche Geld wird dann für andere Projekte wie zum Beispiel ein drittes Austauschprogramm ausgegeben. Eine Frage der Priorität, wie man sieht. Wer unzufrieden ist, sollte unbedingt das Gespräch mit der Schulleitung suchen bzw. eine Eltern-Allianz bilden und dagegen angehen.

Gutes Schul- oder Kita-Mittagessen kostet pro Tag locker 3,50 Euro oder mehr. Für viele Eltern ist das auf die Woche hochgerechnet eine Menge Geld.

Ja, stimmt. Das sollte es uns aber Wert sein – schließlich geht es um unsere Kinder! In anderen Ländern ist es absolut üblich, für gutes Essen ein bisschen tiefer in die Tasche zu greifen. Wir müssen Essen einfach mehr wertschätzen.

Interview: Maike Schade und Jasmin Shamsi
Beitragsbild: Gerrit Meyer


THOMAS SAMPL arbeitet seit Jahren eng mit der Stiftung Kinderjahre, Schlaufox e. V. und dem Jugenderholungswerk zusammen. Er war viele Jahre Küchendirektor im VLET in der Speicherstadt. Als Inhaber von Hobenköök Catering, Smutjes Landgang und Sampl Gastro Consulting bietet er heute auch Kinderkochkurse und Ausflüge auf Bauernhöfe an.


Dieses Interview finden Sie auch im SZENE HAMBURG ESSEN+TRINKEN Kinder. 

Hamburgs erster Gastroguide für Eltern und Kinder ist ab sofort im Handel und zeitlos in unserem Onlineshop erhältlich.

 

 


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Sophie Hunger im Interview: „Hamburg wäre schon mein Typ“

Deutsch, Schweizerdeutsch, Englisch, Französisch: Sophie Hungers Songs hatten viele Sprachen. Auf ihrem neuen Album „Molecules“ (VÖ 31.8.) gibt es nur noch eine, und auch sonst hat sich vieles verändert im Künstlerkosmos der Schweizerin. Ein Gespräch mit der 35-Jährigen über musikalische Versteckspiele, süchtig machende Technopartys und eine imaginäre eigene Bar.

SZENE HAMBURG: Sophie, auf deinem neuen Album „Molecules“ hältst du fest: „Today, hooray, I opened a bar!“ Den Namen des Lokals verrätst du allerdings nicht.

Sophie Hunger: (lacht) Stimmt, ich sage nur, dass es in der Bar für alles eine Lösung gibt.

Wie wäre es mit „Sophie Hunger’s Show Bar“?

Denkt man dann nicht schnell an Männer mit Jacketts, aus denen Hasen herauspoppen? Und an Zauberkugeln, in denen man die Zukunft sieht?

Woran sollen die Leute denn denken, wenn sie von deiner Bar hören?

An eine Bühne, gleich wenn man rein kommt. Die Bühne ist der erste Raum, und jeder muss einmal drüber, denn die Bar, also der Tresen, kommt erst dahinter. Einen dritten Raum gibt es auch noch, zum Sitzen und Reden.

Welche Berühmtheiten sollten bei der Eröffnungsfeier dabei sein?

Ich fände es gut, wenn David Shrigley kommen würde. Vielleicht könnte er auch das Plakat zur Party gestalten. Courtney Barnett würde Musik machen, und Eric Cantona würde die Drinks mixen. Gleichzeitig wäre er auch der Rausschmeißer.

Und mal weiter gedacht: Wäre der Soundtrack der Bar grundsätzlich elektronisch geprägt?

Es würde zumindest ab und an DJ-Sets geben. Das könnte mein Freund Bonaparte übernehmen.

 

„Techno hatte mich früher eher abgestoßen, und plötzlich zog er mich an.“

 

Es heißt, du hättest dich elektronischer Musik mit deinem Umzug nach Berlin immer mehr angenähert.

Es gibt ja in Berlin auch fast nichts anderes als elektronische Musik.

Zieht es dich regelmäßig zu Technopartys?

Ich hatte zumindest mal eine Phase, in der ich regelmäßig ins Berghain und in den KitKatClub gegangen bin. Das war sogar eine kleine Sucht. Techno hatte mich früher eher abgestoßen, und plötzlich zog er mich an.

Hat dich dabei nur das Klangästhetische gereizt oder auch die Illusion der Nacht, die in Berlin so zelebriert wird?

Beides, und hinzukam noch die Illusion der Körperlichkeit. Dieses Verlieren des eigenen Körpers. Es gab keine Geschlechter mehr, keine Identitäten. Alles wurde so molekular.

Stimmt die Geschichte, dass du dir mal um vier Uhr morgens den Wecker gestellt hast, um pünktlich zum Auftritt von Paula Temple um fünf im Club zu sein?

Ja, die stimmt. Das war auch im KitKatClub. Der ist anders als das Berghain, ohne Drogen ist es dort nicht so lustig. Ich wollte aber eh vor allem das Set sehen.

In einem anderen Song auf „Molecules“, nämlich „The Actress“, sagst du dann: „I make a living with my songs.“ Das würde in Berlin wohl jeder Musiker gerne behaupten können, aber es schaffen nur wenige. Wie nimmst du die Musikszene wahr?

Berlin ist die europäische Anlaufstelle für alle Leute zwischen 20 und 30 Jahren, die auch nur wage etwas Künstlerisches machen wollen. Einerseits ist es sehr wichtig, dass es diesen Hafen gibt, und gleichzeitig ist er eine große Gefahr.

Inwiefern?

Weil man dort ganz gut ungestört scheitern kann. Viele Leute verpuffen irgendwann. Es gibt ja keinen Druck und keine Zwänge, und dann schmeißen sie ihr Talent einfach aus dem Fenster.

Hattest du immer nur Berlin im Sinn? Oder hast du auch mal über Hamburg nachgedacht?

Ja, schon. Ich dachte immer: Wenn Hamburg eine Person wäre, wäre sie schon mein Typ. Aber es war einfach unkompliziert, nach Berlin zu kommen, und ich habe ja auch noch eine Wohnung in Paris. Zusammen funktioniert das sehr gut.

Für etablierte Künstler wie dich ist Berlin wahrscheinlich auch eher eine Art Lebensbasis als ein dauerhafter Arbeitsplatz.

Genau. Ich arbeite meistens woanders, wohne aber in Berlin.

Wie wohnst du denn? Altbaubude in Prenzlauer Berg und Schrebergarten in Pankow zur Entspannung?

(lacht) Nein, alles falsch. Ich habe ein Wohnung in Kreuzberg an einer sehr befahrenen, lauten Straße. In der Küche habe ich ein Studio, ein Raum ist einfach leer, und in einem anderen schlafe ich. Es haben mehrere Leute Schlüssel zu dieser Wohnung. Wenn ich nicht da bin, wohnen die da und nehmen in der Küche Alben auf.

Ist „Molecules“ eigentlich komplett in Berlin entstanden?

Bis auf zwei Songs, ja. Aufgenommen habe ich dann alles in London.

Hattest du bestimmte Ziele im Entstehungsprozess der Stücke?

Nein, aber ich habe mir ein paar Regeln geschaffen, zum Beispiel dass es nur vier Elemente auf dem Album zu hören geben darf: Gesang, Synthesizer, Drumcomputer und Gitarre. Es sollte keine Band geben. Ich wollte mich einschränken und nur in den Computer hineinarbeiten, ohne eine Art von Dynamik. Und: Ich wollte nur englische Texte.

Du hast kürzlich erwähnt, du hättest das Gefühl gehabt, dich hinter deinen bisher mehrsprachigen Songs versteckt zu haben …

… um mich dem Vergleich zu entziehen. Die wahre Konfrontation wurde erst jetzt möglich, durch die einheitliche Sprache. Wenn man Popmusik macht, ist die englische Sprache eine Art Epizentrum, so was wie die Uhren in der Schweiz. Und ich wollte deshalb auch mal ein ausschließlich englischsprachiges Album machen.

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Marikel Lahana

Sophie Hunger spielt an folgenden Terminen in Hamburg: 29.9., Mojo Club, 20 Uhr; 30.9., Uebel & Gefährlich, 20 Uhr; 2.10., Gruenspan, 20 Uhr.


Wir verlosen 2×2 Tickets für alle drei Konzerte von Sophie Hunger in Hamburg!

Wie könnt Ihr mitmachen? Na so:

  • Mail senden an verlosung@vkfmi.de
  • Betreff: Sophie Hunger
  • Einsendeschluss: 28.09.18, 10 Uhr

Bitte gebt für den Versand des Gewinns Euren vollständigen Namen und Adresse an. 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Wohnungsmarkt – Ungebremste Mieten und schamlose Vermieter

Der Vorsitzende des Mietervereins zu Hamburg, Siegmund Chychla, im Gespräch über die gescheiterte Mietpreisbremse und rücksichtslose Vermieter.

Dieser Tage drängt sich wieder ins öffentliche Bewusstsein, was von manchen schon fast als gottgegeben hingenommen zu werden scheint: Die Lage auf dem Wohnungsmarkt in Hamburg ist erschreckend. Mietpreise, die einem noch vor wenigen Jahren lächerlich überteuert vorkamen, sind inzwischen Normalität. Die horrenden Summen sind nicht nur ein Smalltalk-Dauerbrenner auf Partys – sie geben Grund für ernsthafte Existenzängste, die längst nicht mehr nur Geringverdiener betreffen, sondern bis in die Mittelschicht reichen.

Und so ist es kaum verwunderlich, dass sich die Ereignisse irgendwann überschlagen, wie es in jüngster Vergangenheit der Fall war. Was ist passiert?

Zunächst verschafften Anfang Juni rund 3.000 Menschen aller Couleur ihrem Ärger Ausdruck, als sie beim „MietenMove“ auf die Straße zogen und in der Innenstadt drei Stunden lang „für eine solidarische und soziale Wohnraumpolitik“ in Hamburg demonstrierten.

Die unwirksame Mietpreisbremse

Ein beliebtes Motiv war dabei der Miethai. Gemeint sind jene Immobilienbesitzer, die sich ohne Rücksicht auf die Allgemeinheit selbst bereichern. Das Netzwerk „Recht auf Stadt“, das die Demo mitinitiierte, wirft Miethaien wie dem skandinavischen Immobilienunternehmen „Akelius“ vor, Immobilien in Szenevierteln im großen Stil aufzukaufen, Sanierungen vorzunehmen und sie anschließend für maßlos erhöhte Preise wieder auf den Markt zu werfen.

Auch das jüngste Ereignis hat zur Zuspitzung des Konflikts beigetragen: Die ohnehin kraftlose Mietpreisbremse wurde vom Landgericht für unwirksam erklärt, sie hat für alle Verfahren, die vor September 2017 eingereicht wurden, keine Rechtskraft. Das Landgericht Hamburg wies in zweiter Instanz die Klage eines Mieters aus Ottensen ab, der nach der Einführung der Mietpreisbremse im September 2015 in eine Wohnung in Ottensen gezogen ist.

Dort zahlte er 14,01 Euro pro Quadratmeter. Laut Mietenspiegel liegt die ortsübliche Miete allerdings bei nur 8,75 Euro. Das heißt, die Miete hätte eigentlich bei dem erlaubten Aufschlag von zehn Prozent nur maximal 9,63 Euro betragen dürfen. Das Landgericht gab bei der Berufungsverhandlung an, dass der Hamburger Senat zu spät öffentlich begründet habe, warum der Wohnungsmarkt in Hamburg angespannt sei. Erst im Jahr 2017 sei eine öffentliche Begründung erfolgt. Als der Altonaer Bürger den Mietvertrag im September 2015 abschloss, hätte die Begründung also bereits veröffentlicht sein müssen.

Der Mieterverein zu Hamburg wirft dem Senat nun handwerkliche Fehler vor. Im Gespräch erklärt dessen Vorsitzender, Siegmund Chychla, was passiert ist und was sich in Zukunft auf dem Wohnungsmarkt ändern muss.

SZENE HAMBURG: Herr Chychla, das Landgericht Hamburg hat aus formellen Gründen die Mietpreisbremse für ungültig erklärt – und Sie sind dementsprechend sauer.

Siegmund Chychla ist der Vorsitzende des Mietervereins zu Hamburg.

Siegmund Chychla: Die Mietpreisbremse ist ohnehin keine richtige Bremse. Die vielen Ausnahmen und Inkonsequenzen haben dazu geführt, dass dieses Instrument kaum gewirkt hat. Und dann kam das i-Tüpfelchen, als Mitte 2017 mit der Entscheidung des Amtsgerichts Altona bekannt wurde, dass der Senat bei Erlass der Verordnung möglicherweise handwerkliche Fehler gemacht hat. Wir haben damals schon gesagt, dass der Verordnungsgeber Klarheit schaffen und nachbessern muss. Bedauerlicherweise haben unsere Hinweise nicht gefruchtet, weil die Behörde an ihrer Rechtsauffassung festhielt. Drei Jahre nach Erlass der Verordnung hat nun auch das Landgericht dem Hamburgischen Senat ins Stammbuch geschrieben, dass die Verordnung nicht ordnungsgemäß erlassen wurde.

Wie hat der Senat damals auf ihre Forderung geantwortet?

Der Senat hat sich stets auf die Rechtsposition zurückgezogen, dass es in Hamburg nicht notwendig ist, die Begründungen von Verordnungen zu veröffentlichen. Angesichts der extremen Unsicherheit hätte aber eine umsichtige Verwaltung sämtlichen Zweifeln Rechnung tragen müssen. Ich wähle immer einen überspitzten Vergleich: Wenn bei einem Mixer die Gefahr besteht, dass er Schaden anrichtet, gibt es vom Hersteller eine große Rückrufaktion.

Die Stadtentwicklungsbehörde sagt, bei der Urteilsverkündung in Altona handele es sich um einen Einzelfall und Klagen wegen überhöhter Mieten wären weiterhin möglich.

Das Landgericht ist eine Berufungsinstanz der Amtsgerichte, und es gibt viele Amtsgerichte, die auf diese Entscheidung gewartet haben. Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass sie sich in Zukunft bei gerichtlichen Verfahren nicht gegen das Urteil des Landgerichts entscheiden werden. Man kann unter diesen Umständen keinem Mieter guten Gewissens raten, gegen zu hohe Mieten zu klagen. Die Rechtsunsicherheit führt dazu, dass er am Ende vermutlich auf den Kosten sitzenbleibt.

Abgesehen von den formellen Fehlern: Sie sagten ja schon, dass die Mietpreisbremse sowieso kaum gewirkt hat. Warum?

Weil es zu viele Ausnahmen gibt. Alle Wohnungen, die nach dem 1. Oktober 2014 gebaut worden sind, unterliegen zum Beispiel nicht der Verordnung. Auch umfangreiche Modernisierungen sollen die Anwendung der Mietpreisbremse ausschließen. Der gröbste Fehler ist aber, dass der Vermieter die zu viel gezahlte Miete nicht von Beginn des Mietverhältnisses, sondern erst ab dem Zeitpunkt einer qualifizierten Rüge des Mieters zurückzahlen muss. Das heißt: Wenn Sie jeden Monat im Kaufhaus Sachen einstecken und irgendwann erwischt werden, dann brauchen Sie all das, was sie vorher genommen haben, nicht zurückzugeben. Vermieter gehen gar kein Risiko ein, wenn sie sich nicht gesetzeskonform verhalten. Es fehlen schließlich Sanktionen.

Ein Beispiel: In der Eichenstraße hat die Akelius GmbH eine 106 Quadratmeter große Wohnung saniert und für einen Mietpreis von 25 Euro pro Quadratmeter angeboten. Akelius verwies auf jene Ausnahmeregelung der Mietpreisbremse, laut der eine Wohnung nach umfassenden Sanierungen nicht mehr der Verordnung unterliegt. Das hört man oft: Wohnungen werden minimal saniert und überteuert wieder auf den Markt geworfen.

Was Akelius nicht sagt: Eine umfassende Sanierung, die dazu führt, dass die Mietpreisbremse nicht wirkt, ist nur dann anzunehmen, wenn die Kosten der Sanierung über einem Drittel der Neubaukosten liegen. Das Problem ist, dass der Mieter gar keinen Anspruch darauf hat, vor einem Prozess zu erfahren, wie hoch die Investitionskosten waren. Der Vermieter kann schweigen und erst im Prozess offenlegen, wie er das alles kalkuliert und finanziert hat. Und dann ist der Mieter wieder im Nachteil, weil er erst dann erfährt, ob seine Annahme zutreffend oder unzutreffend war.

Was kann man dagegen tun?

Wir fordern auf Bundesebene als Landesverband des Deutschen Mieterbundes in Hamburg, dass die Mietpreisbremse so nachgebessert wird, dass grundsätzlich keine Ausnahmen mehr zugelassen werden. Und wer sich nicht an die Regeln hält, muss umgehend mit Sanktionen belegt werden.

Ein anderes Thema, das für Aufregung sorgt, ist der Eigenbedarf. Wollen Vermieter ihre Mieter loswerden – um anschließend von den neuen Bewohnern eine höhere Miete zu kassieren – wird Eigenbedarf angemeldet. Und notfalls werden Mieter auch rausgeekelt.

Mein Eindruck ist: Je enger der Wohnungsmarkt, desto höher die Anzahl der Eigenbedarfsklagen. Gegen einen normalen Eigenbedarf kann man nichts sagen. Aber leider hat die Rechtsprechung in der letzten Zeit den Kreis derjenigen, zu deren Gunsten der Vermieter seinem Mieter kündigen kann, sehr erweitert. Das führt dazu, dass Vermieter immer jemanden finden, der angeblich auf die Wohnung angewiesen ist. Und sobald der Mieter auszieht, ändert der Vermieter plötzlich sein Vorhaben und verkauft die entmietete Wohnung. Diese Vorgehensweise ist für den Vermieter lukrativ, weil eine mietfreie Wohnung auf dem Immobilienmarkt ein Drittel mehr bringt als eine vermietete.

Wieder die Frage: Was kann man dagegen tun?

Back to the roots. Der Eigenbedarf soll wieder nur dann angenommen werden, wenn der Vermieter die Wohnung tatsächlich „benötigt“. Ein Student braucht keine 100 Quadratmeter große Wohnung in Harvestehude. Der Eigenbedarf muss nachvollziehbar und angemessen sein. Wir fordern, dass das Gesetz präzisiert wird und damit der Kreis der möglichen Personen, für die man Eigenbedarf geltend machen kann, verringert wird.

Haben Sie eigentlich den MietenMove Anfang Juni verfolgt?

Ja. Der MietenMove hat zu 80 Prozent die Forderungen unseres Vereins aufgenommen. Wir haben aber nicht mitgemacht, weil dort zum Teil Forderungen und Behauptungen aufgestellt wurden, die wir nicht mittragen können.

Welche?

Zum Beispiel die Unterstellung, dass die Stadt nur für Reiche baut. Hamburg ist bundesweit beim Wohnungsbau ein Vorbild für die gesamte Bundesrepublik. Die allgemeine Unterstellung, dass der Wohnungsbau allein nicht dazu geführt hat, dass der Mietenanstieg gestoppt wurde, ist banal. Ohne den Wohnungsbau wären die Mieten noch schneller gestiegen. Und was man auch nicht ausblenden darf: Der Senat hat zwischen 2011 und 2016 Rahmenbedingungen für den Bau von mehr als 40.000 Wohnungen geschaffen. Im selben Zeitraum sind aber eben mehr als 100.000 Menschen dazugekommen.

Welche Forderungen unterstützen Sie?

Auch wir sind natürlich für mehr bezahlbare Wohnungen. Deshalb sagen wir: Hamburg braucht nicht nur 10.000 Wohnungen und davon 3.000 Sozialwohnungen pro Jahr, sondern mindestens 6.000 Sozialwohnungen. Wenn beim MietenMove aber gefordert wird, dass es keine Nachverdichtung im Bestand geben darf und keine freien Flächen bebaut werden dürfen, dann frage ich mich, wo man bauen soll, um etwa die mehr als 30.000 Menschen mit Wohnraum zu versorgen, die zurzeit in Containern und anderen Notunterkünften leben. Nach Angaben des Flüchtlings-Koordinators ist mit einem weiteren jährlichen Zuzug von 5.000 Geflüchteten zu rechnen.

Ganz allgemein: Wie prekär schätzen Sie die Lage ein? Die Wohnungsmarktlage ist schlimm. Der enorme Zuzug hat trotz der vielen Wohnungsneubauten leider dazu geführt, dass die Wohnraumversorgung heute nicht besser ist als 2011, als die SPD das Regierungsruder übernommen hat. Unsere Forderung an die Politik ist deshalb, dass noch mehr gebaut wird. Anders kriegt man den enormen Zuzug nicht in den Griff.

Text & Interview: Ulrich Thiele
Beitragsfoto: Birgit Otte


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Samy Deluxe & Haspa Musikstiftung: „Eine super Synergie“

Zig aufstrebende Künstler haben bereits von der Förderung der Haspa Musikstiftung profitiert, u. a. die Mitglieder des DeluxeKidz e. V., der Kindern und Jugendlichen die Welt des HipHop näherbringt. Zum zehnten Geburtstag der Stiftung: Ein Gespräch mit DeluxeKidz-Gründer Samy Deluxe.

SZENE HAMBURG: Samy, erinnerst du dich an deinen ersten Förderer?

Samy Deluxe: Als Siebtklässler war ich ein halbes Jahr in England, dort hatte ich einen Privatlehrer, der einmal in der Woche Zeit mit mir verbracht hat. Ein derbe flashiger Dude, der schon die ganze Welt bereist hatte. In seinem Haus standen bestimmt hundert Instrumente, von Mandolinen bis zu den krassesten Riesentrommeln aus dem afrikanischen Dschungel. Mit ihm habe ich Musik gemacht und die Natur an der Küste bei Cornwall erkundet. Ich war damals ein kleiner Trouble-Jugendlicher. Dieser Typ hat Kreativität mehr geschätzt als Disziplin und es geschafft, dass ich viele Dinge für mich entdecken konnte, u. a. das Texten, Malen, Graffiti und einiges mehr.

Und was denkst du ist generell das Wichtigste bei der Unterstützung junger Künstler?

Erst mal sollte es um Spaß und Ausdruck gehen. Wenn ich als Mentor die Karriere von Nachwuchskünstlern mit zu verantworten habe, ist es mir allerdings auch wichtig, mein Wissen weiterzugeben. Leidenschaft ist gut, aber man kann keine Karriere starten, ohne zumindest die Eckpfeiler des Business zu kennen.

Du betreust seit 2013 die DeluxeKidz, pushst viele aufstrebende Talente. Was steckt hinter dieser Arbeit: innerer Drang? Pflichtbewusstsein?

Es war vor gut zehn Jahren, als ich mir Gedanken über meinen bisherigen Weg gemacht habe. Darüber, wofür ich stehe, und ob ich bisher mehr Gutes oder mehr Schlechtes in die Welt gebracht habe. Ich hatte dann tatsächlich einen großen Drang nach so einem Hands-on-Aktivismus und habe einen ersten Verein gegründet, der inhaltlich ähnlich lief wie die DeluxeKidz jetzt, der also auf HipHop-Workshops basierte. Zu der Zeit ging ich teilweise dreimal die Woche mehrere Stunden an Schulen. Meine Arbeit wurde später von Freunden weitergeführt. Es war also ein Win-win-Konstrukt.

Für die DeluxeKidz bekommst du auch von anderen Seiten Förderung, etwa von der Haspa Musikstiftung. Wie wichtig ist das für deine Arbeit?

Es ist eine super Synergie. Die Stiftung ermöglicht uns den Start in ein neues Theaterprojekt, in dem die Kidz mit Unterstützung unserer Coaches ihre Themen mit Tanz, Gesang, Rap, DJing, Beatbox und Graffiti auf die Bühne bringen werden. Es ist ja so: Um junge Leute zusammenzubringen und zu motivieren, etwas auf die Beine zu stellen, sind Sport und Musik die größten Schnittstellen. Beim Fußball braucht man nur einen Ball, Tore baut man sich schon irgendwie zusammen. Aber in der Musik braucht man eben mehr: Turntables, Mikrofone und so weiter. Und auch unsere Coaches müssen bezahlt werden. Das wäre ohne Unterstützer nicht möglich. Es ist deshalb cool, was die Stiftung für den Nachwuchs macht.

Interview: Erik Brandt-Höge
Beitragsbild: Romanus Furhmann

www.haspa-musik-stiftung.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Meet the Resident – Patlac

Jeden Monat stellen wir in der SZENE HAMBURG präsentiert von Hamburg Elektronisch Resident DJs vor. Diesmal mit Patlac (35), DJ seit 1999, beim Label liebe*detail.

Dein Sound?
House und Techno.

Größter Moment als DJ?
Immer dann, wenn sich etwas zwischen dir und dem Publikum entwickelt, eine Verbindung entsteht und die Gäste Spaß an der Musik haben die ich in dem Moment ausgewählt habe.

Wo gehst du in Hamburg hin um Spaß zu haben?
Mit Freunden kann ich überall Spaß haben. Wenn es um elektronische Musik geht würde ich wohl den Pudel oder das PAL ansteuern.

Welchen DJ würdest du gerne mal (wieder) in Hamburg sehen?
Eurokai! Toller Dj, mit tollem Geschmack.

Platte des Monats?
Afriqua – Vice/Principle / R&S Records

Hamburgs Stärken?
Die „Unaufgeregtheit“ die in der Stadt herrscht. Und damit meine ich nicht „emotionslos“ sondern eher die entspannte Grundstimmung.

Und die Schwächen?
Schlechte Radwege.

Lieblings-Ort in Hamburg?
Unten am Hafen wo die großen Schiffe schlafen.

Schrecklichste Gast-Frage?
Schwer zu definieren, denn wenn sich mal ein Gast ein Bier bei mir bestellt hat oder sich einen Track wünscht, der so gar nicht passt, empfinde ich es eher als witzig als schrecklich.

Auf wen sollte man in Hamburg momentan ein Auge haben?
Ich würde ungern einen einzelnen hervorheben wollen. Ich denke auf die ganze Hamburger Szene sollte man ein Auge haben.

Welcher Gig in Hamburg ist bisher dein Favorit?
Jeder Gig in Hamburg ist etwas Besonderes, denn es ist nicht immer leicht die Gäste sofort von dir zu überzeugen. Allerdings wenn du es schaffst bleiben sie treu bei dir.

Wo kann man dich als nächstes hören?

In Hamburg etwa alle zwei Monate im PAL, ansonsten werden Berlin, Barcelona, Kiel, San Francisco und New York die nächsten Stationen sein.

Interview: Louis Kreye & Jean Djaman

 


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Bastion – Noch keine Festung guter Gastronomie

Außer einem freundlichen Service hat das Bastion bis jetzt nicht viel zu bieten.

Ein Vierteljahrhundert war das „Fees“ eine Institution im Museum für Hamburgische Geschichte am Holstenwall, Ende 2017 war alles vorbei. Nun geht es weiter: Tomas Benakovic („Hans-Albers-Klause“) und Tim Becker (unter anderem „Gaga“ und „Noho“) haben die Räume übernommen und „Bastion“ getauft. Benannt nach der im 17. Jahrhundert am gleichen Ort von Festungsbaumeister Johan van Valckenburgh errichtete Bastion „Henricus“, die Teil der barocken Hamburger Wallanlagen war. Eine „Bastion“ ist massiv und macht Eindruck. Ist die „Bastion Hamburg“ also eine Festung guter Gastronomie?

Zwei Wochen nach Eröffnung laufen noch die letzten Arbeiten, die große vordere Terrasse mit Grill und zahlreichen Plätzen ist schon fertig, der überdachte Innenhof bei unserem Besuch aber noch gesperrt. Drinnen sitzen wir an schwarzen Tischen auf edel wirkenden Sesseln aus dunkelgrünem Samt. Und wir sind alleine. Zwei Wochen nach der fetten Eröffnungsparty: große Leere. Nun könnte man ja meinen, dass dieser Umstand der Qualität der Speisen (Bistroküche mit kleiner Karte) gut tun könnte: Volle Konzentration des Kochs auf unsere wenigen Gerichte. Doch davon ist heute leider nichts zu spüren.

Neue Betreiber in historischem Ambiente: Tim Becker und Tomas Benakovic

Der „Wildkräutersalat“ (9,50 Euro) ist als Bezeichnung leider eine Unsitte in der Gastronomie. Denn weder besteht er aus Kräutern noch ist er „wild“. Stattdessen handelt es sich um kleine gemischte Blattsalate. Die in diesem Fall auch noch ziemlich schlapp sind und auch deshalb sichtlich unter dem etwas übermäßig dosierten Dressing leiden.

Das Rindertatar „mit seinen Aromen“ (17,50 Euro) ist ebenfalls etwas gestelzt formuliert. Gemeint sind damit die typischen Begleiter wie Kapern und Eigelb. Das Tatar ist zwar frisch jedoch recht ungleichmäßig und grob geschnitten, eher zaghaft abgeschmeckt und auch die rohen Zwiebeln darin muss man mögen.

Ein erstaunlicher Hauptgang

Beim Hauptgang erleben wir Erstaunliches. Wir bestellen Steinbutt mit Safranrisotto (25,50 Euro) und Steak-Frites vom Entrecôte mit Beilagen (an diesem Abend Spargel, 24,50 Euro). Und wir bekommen: zweimal Entrecôte. Dass es der Service bei gerade mal zwei Gästen schafft, sich die Bestellung falsch zu merken, ist mindestens erstaunlich. Das Fleisch ist immerhin in Ordnung, Garpunkt und Qualität stimmen. Spargel und Pommes sind jedoch zu weich. Dem ansonsten sehr freundlichen Service tut das alles sichtlich leid, die Crème brûlée (normalerweise 6 Euro) geht aufs Haus, obendrein bekommen wir 20 Prozent Rechnungsrabatt. Das ist sehr anständig. Dennoch: Zu diesem Zeitpunkt ist dieser Ort noch keine Festung guter Gastronomie. Um das zu ändern, wird man sich sehr anstrengen müssen und grundlegend am Niveau arbeiten.

www.bastion-hamburg.de, Holstenwall 24, Telefon 31 76 76 40

Text: Benjamin Cordes
Foto: Stiftung Historische Museen Hamburg

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