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Bestes Restaurant in der Kategorie Inter-national: Salt & Silver

Lateinamerikanisches Soulfood: Das Salt & Silver Restaurant ist Testsieger in der Kategorie International

 

Text: Hannah Stollmeyer

Während wir an unseren spritzigen Cozy Nights aus Crémant, Apfelsaft, Zimt und Hibiskus (7 Euro) nippen, erklärt uns die freundliche Bedienung, dass das Salt & Silver eine neue Karte habe. Spoiler-Alarm: Das Restaurant direkt über dem Hafen hat immer noch eine der besten lateinamerikanischen Küchen Hamburgs. Mit feinsten regionalen und saisonalen Produkten bereitet das junge, hippe Team eine köstliche Ceviche aus rohem Adlersch (16 Euro) mit reifer Avocado und fruchtiger Mandarine für uns zu.

Mindestens genauso gut schmeckt die geräucherte Lachsforelle mit Forellenkaviar, Avocado und Chili-Öl auf hausgemachter Maistortilla (15,50 Euro). Doch dann geht es erst richtig los. Für unsere Tacos de Pescado (ab 2 Personen 42,50 Euro) sammeln sich mehr und mehr Schälchen mit Soßen und frischen Zutaten um einen knusprig gebratenen Loup de Mer, der Catch of the day.

Dazu bekommen wir einen Korb mit warmen Tortillas, kleinen Teigfladen aus Maismehl, die wir nach Belieben mit Fisch, Korianderreis, milder Salsa Roja, Zwiebeln und Limettensaft befüllen und so unsere Tacos selbst kreieren. Am meisten überrascht und begeistert uns die Salsa Matcha auf Rapsöl-Basis mit geröstetem Sesam, Pinienkernen, Hasel- und Walnüssen und getrockneten Chilis – geschmacklich ist sie leicht rauchig und scharf, nussig und fruchtig.

Wir haben viel Spaß dabei zu sehen, wer es schafft mehr Zutaten gleichzeitig unterzubekommen und die aufmerksame Bedienung versorgt uns stetig mit frischen Tortillas, um neue Taco-Variationen auszuprobieren. Schweren Herzens und vollen Magens müssen wir leider irgendwann aufgeben. Am Ende überzeugt uns die neue Karte absolut. Wie gesagt, Spoiler-Alarm: Hier schmeckt es super!

Salt & Silver 
St. Pauli Hafenstraße 136-138 (St. Pauli),
Di–Sa 18–1 Uhr (Küche bis 22 Uhr) 

 


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Hamburger des Monats: Mark Pomorin, FC St. Pauli Spielerberater

Viele seiner Träume hat Mark Pomorin, 43, wahr werden lassen. Der ehemalige Spieler der Amateure des FC St. Pauli und heutige Spielerberater machte parallel zu seinem damaligen Job in einer Werbe­agentur das Abitur und ermuntert heute Hamburger Schüler, sich für eine Welt ohne Rassismus zu engagieren

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Mark Pomorin, was berichtest du Schülern als Wertebotschafter der Bildungsinitiative „German Dream“?

Ich erzähle meine Lebensgeschichte. Welche Hürden ich überwinden musste. Ich will den Kids vermitteln, dass man mit jeder Hürde, egal wie hoch sie auch ist, umgehen kann.

Du bist 1976 in Hamburg geboren und mit acht Jahren mit deinen Eltern nach Ghana gegangen.

Das war am Anfang ein Kulturclash für mich. Ich habe auf Deutsch geträumt und viel geweint. Meine Eltern haben gesehen, dass es mir nicht gut ging. Sie wollten mir ein besseres Leben in Deutschland ermöglichen. Die Zeit in Ghana hat mich aber ein Stück weit geerdet. Als ich wieder in Hamburg war, habe ich alles mit anderen Augen gesehen. Ich war zwar sehr jung, aber das tat mir gut. Es tut mir bis heute gut.

Mit zehn Jahren bist du zu Pflegeeltern nach Hamburg gekommen. Sie adoptierten dich, starben aber kurz nach­einander an Krebs, als du 19 warst. Da warst du schon Fußballer beim FC St. Pauli.

Der Fußball hat mir Halt gegeben, ich konnte mich ablenken. Und ich habe Zusammenhalt im Mannschaftssport erfahren.

Mit Ivan Klasnić, einem deiner Mit­spieler aus dieser Zeit, und der ehemaligen Bundesligaspielerin Tuğba Tekkal warst du auf einem „Wertedialog“ in der Stadtteilschule Poppenbüttel.

Ivan ist einer meiner besten Freunde, selbst er wusste nicht so richtig viel von meiner Lebensgeschichte. Weil ich nicht damit hausieren gehe, aber davon erzähle, wenn ich gefragt werde. Seine Geschichte kennt man besser.

Er ist als erster Profi nach einer Nierentransplantation wieder zurück auf den Platz gekommen und hat jetzt seine dritte Niere bekommen. Die Familie Tekkal kenne ich über Jahre, der Kontakt ist nie abgerissen. Als mich Düzen Tekkal fragte, ob ich Wertebotschafter bei ihrer Initiative „German Dream“ werden wolle, war ich sofort dabei. Es ist genau die Message, die ich rüberbringen will.

 

„Wenn es nicht gut läuft, werden die Spieler beschimpft. “

 

Als die Filmemacherin und Autorin Düzen Tekkal in der NDR­Fernsehsendung „Das“ zu Gast war, wurde ein Beitrag eingespielt, der zeigt, wie du deine alte Schule in Horn besuchst.

Ich habe unseren Hausmeister Herrn Sievers wieder getroffen, der sagte, dass es dort auf der Schule keinen Rassismus oder Ausgrenzung gibt.

Das habe ich auch so erlebt. Wir waren viele Kids mit Migrationshintergrund, besonders in unserer Klasse. Und wir hatten ein Mädchen mit Glasknochen, das kleinwüchsig war. Wir haben sie ganz normal aufgenommen und behandelt. Das war also nicht nur ein Spruch, sondern wird dort auch gelebt. Dort habe ich nie Rassismus empfunden. Es gab nur gut und schlecht.

Anders war es beim Sport, wo man das immer mal wieder vom Gegenspieler gehört hat. Als ich beim FC St. Pauli in der Bundesliga-Nachwuchsrunde bei Hansa Rostock spielte, kam eins zum anderen.

Ist der Rassismus im Fußball seitdem weniger geworden?

Ich bilde mir ein, dass es nach wie vor gleich ist, was den Rassismus der Zuschauer betrifft. Wenn es nicht gut läuft, werden die Spieler beschimpft. Auf dem Platz sind allerdings heute mehr Kameras, sodass sich die Spieler mit Beleidigungen mehr zurückhalten.

Was ist mit den Bekenntnissen des DFB gegen Rassismus?

Das hält ignorante Menschen nicht davon ab, sich homophob oder rassistisch zu äußern. Von den Verbänden ist es gut gemeint, und es ist auch ein wichtiges Signal. Auch viele Vereine leben das vor. Aber es gibt eine Minderheit von Fans, die das nicht wollen.

Hast du strukturellen Rassismus erlebt?

Definitiv. Wenn man nicht zu den People of Color gehört, kann man das schwer nachvollziehen. Ein Beispiel: Nach einem Fußballspiel fuhren wir im Auto eines Mitspielers nach Hause. Wir trugen Trainingsanzüge. Wir wurden von der Polizei angehalten. Alles schön und gut.

Ich wurde aber als Einziger kontrolliert, die anderen durchgewunken. Das mag banal klingen, ist für mich aber Alltagsrassismus. Wenn man in der Bahn ein Erste-Klasse-Ticket hat, wird man beäugt nach dem Motto: „Die zweite Klasse ist aber drüben.“ Wenn ich telefoniere und mich mit „Mark Pomorin“ melde, denkt der Gesprächspartner, er redet mit einem großen blonden Mann. Beim ersten Meeting erscheine ich. Die meisten nehmen das mit Humor, für andere bricht eine Welt zusammen.

 

„Rassismus ist lange gewachsen und geht nicht von heute auf morgen“

 

Bringt es etwas, mit Rassisten zu reden?

Jeder ist in seinem Mikrokosmos ein Pionier und betreibt Aufklärungsarbeit. Sei es im Freundeskreis, wenn man dort Alltagsrassismus spürt und sagt: „Bis hierhin und nicht weiter.“ Das kann etwas bringen, wenn die Person sagt: „Das wusste ich ja gar nicht.“ Das ist die ständige Reaktion: „Ach so fühlst du dich.“

Nicht jeder kann mit einem Wertebot­schafter reden. Gibt es Biografien, die du empfehlen kannst?

Ich hatte eine Phase, in der ich mich selbst finden wollte, und las viel von und über Malcom X. Ein Buch,
das mich besonders gefesselt hat und immer noch fesselt, ist die Biografie von Nelson Mandela. Er beschreibt, wie man mit Menschen umgeht, die einem während der Apartheid Unrecht getan haben. Und er berichtet, wie er mit ihnen in einen Dialog tritt.

Was muss die Mehrheitsgesellschaft ler­nen?

Rassismus gibt es leider schon sehr lange. Der ist lange gewachsen und geht auch nicht von heute auf morgen. Das bedeutet, dass jeder Einzelne lernen muss, damit umzugehen. Die Gesellschaft muss dazulernen. Ich glaube, das passiert gerade.

Nach der „Black Lives Matter“­-De­monstration Anfang Juni in Hamburg gab es auch Kritik am harten Vor­gehen der Polizei gegen die teilweise sehr jungen Demonstranten.

Ich habe auch einige Polizisten im Bekanntenkreis. Man sollte nicht alle Beamten in einen Topf werfen. Ich bin auch wütend und habe mich bei Verallgemeinerungen erwischt. Das ist natürlich nicht so.

germandream.de


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Bestes Restaurant in der Kategorie Gourmet: Wolfs Junge

Durchdacht, nicht verkopft: Das Wolfs Junge ist Testsieger in der Kategorie Gourmet

 

Text: Stevan Paul

Auf einem Kasten-Tray aus weichem Holz ist buntes Essiggemüse in einer rauen Tonschale angerichtet, begleitet von gehobeltem Entenschinken und Scheiben einer filigranen Roulade vom Hahn auf Porzellan – getoppt mit gebackenen Hahnenkämmen. Der Gruß aus der Küche mutet an wie ein winterliches Bento aus der Tradition der japanischen Kaiseki-Küche, in der die Speisen selbst, wie auch das ausgesuchte Geschirr und die Präsentation, von den Jahreszeiten erzählen.

Wir sitzen in einem jener jungen Restaurants, die Hamburg mittlerweile in Vielzahl kulinarisch prägen: dankenswerter Weise denken immer mehr Köche neuer Generation bewusst regional und saisonal, ohne sich dabei in ihrer Kreativität ausgebremst zu sehen. Das beweist an diesem Abend im gradlinig designten Wolfs Junge auch der nächste Gang: auf dem Grund einer Schale findet sich hausgemachter Seitan auf cremigem Kartoffelpüree, genial begleitet von knackig kühlen Forellen-Kaviar-Perlen und einem bei Niedrigtemperatur gegarten Onsen Ei, mit typisch cremiger Struktur.

Kürbis, Zucchini, Fenchel und vieles mehr: Spitzenkoch Sebastian Junge baut das Gemüse für Wolfs Junge selbst an (Bild: Mareike Suhn)

Die Küche im Wolfs Junge scheint grenzenlos, wie die folgenden Gänge zeigen. Etwa beim durchscheinend pointiert gegarte Stück vom Kabeljau, in süffiger Beurre Blanc Sauce mit Salz-Zitrone, fermentierten und frisch gehobelten Pilzen. Oder dieser unglaubliche Nose-to-tail-„Zwischengang“: hausgemachte Blutwurst mit Apfel und Senfsaat, die Blutwurst fein gewürzt, mit fleischigen Stücken von Zunge und Herz. Es geht, auch bei diesen beiden Tellern des von uns gewählten 5-Gang-Menüs (65 Euro), um eine Grundhaltung: alles wird verwertet, alles ist von Wert. Es ist eine Küche, in der man verstanden hat, dass Kochen auf dem Feld beginnt, im Stall. Der Bauer, der Fischer, der Jäger sind wichtig.

Dabei ist man im Wolfs Junge leiser als in vergleichbaren Restaurants in Hamburg und Berlin. Angenehm unaufdringlich und beiläufig wie der aufmerksame Service selbst werden hier die Werte des Teams um Sebastian Junge erst mal über Handwerk und Können vermittelt. Wer hinhört und nachfragt, kann aber viel lernen – über Erzeuger, Lieferanten und Wertschätzung. Dann erfährt man auch, wo das Teriyaki-Style geschmorte Huhn zum Gua Bao-Dampfbrötchen herkommt. Der Taiwanesische Klassiker wird hier mit koreanisch inspiriertem, wunderbar mildem Kimichi aus heimischen Gemüsen serviert.

Wie das gepickelte und fermentierte Gemüse zum Auftakt kommen auch diese von Biobetrieben aus dem nahen Hamburger Umland – und einer eigenen Gartenparzelle in Ochsenwerder. Dort baut Junge selbst Gemüsesorten nach biologisch-dynamischem Prinzip an. Zum Highlight des Abends gerät das butterzart gegarte Schwein vom Demeter Hof Klostersee in Grömlitz: ein saftiges Referenz-Schwein, an dem sich künftige Zubereitungen werden messen müssen.

Die formidable Weinbegleitung (44 Euro) macht den Abend rund wie der Streifen Dessertkuchen zum Abschluss, eine feine Schnitte aus Biskuit mit eingemachten Beeren und Holundercreme, dazu herb-säuerliches Rote-Bete-Sorbet. Still und leise hat sich Wolfs Junge seit der Eröffnung im Sommer 2018 zur Top-Adresse in Sachen hyperregionaler und nachhaltiger Genusskultur entwickelt, lässig und kreativ!

Am 14.7.2020 wird das Wolfs Junge nach längerer Pause wieder eröffnet!

Wolfs Junge 
Zimmerstraße 30, (Uhlenhorst),Telefon 040 20 96 51 57,
Di–Fr 12–14.30, Di–Sa 18–23 Uhr, (Küchenannahme bis 21 Uhr)

 


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Hinter den Kulissen: Im Backstage der Stadt

Um die Backstagebereiche der Clubs ranken sich oft wilde Legenden. In Pandemie-Zeiten sind auch sie verlassen. Eine Bilderserie

Text: Ole Masch

 

Während verschiedene kulturelle Einrichtungen peu à peu und mit starken Einschränkungen öffnen dürfen, bleiben Musikclubs nach wie vor geschlossen. Um Nachtschwärmern trotzdem einen Einblick in ihre Lieblingsorte zu bieten, zeigt SZENE HAMBURG Fotos von Räumen, die Besucher in der Regel nicht zu sehen bekommen.

Entstanden ist eine Bilderserie aus den seit den Corona-Schließungen verwaisten Backstage-Bereichen der Clubs. Um zu verdeutlichen, wie lange sie als wichtiger kultureller Bestandteil bereits fehlen, zeigen Bildunterschriften, wer sich hier als letztes und zu welchem Anlass aufgehalten hat. Um zu verhindern, dass diese Personen dort auch die letzten geblieben sind, kann weiterhin für die Rettungskampagne S.O.S. – Save Our Sounds auf Startnext gespendet werden.

 

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Fundbureau: Seit dem 7. März ist zu. Damals waren die Racing Snails vom Gaggalacka-Festival geladen (Foto: Claudia Mohr)

 

Hafenklang-Backstage-credit-Claudia-Mohr

Hafenklang: Zuletzt saßen hier die Mitglieder der Band Blaue Bume aus Dänemark, die am 12. März das letzte Konzert vor Corona spielten (Foto: Claudia Mohr)

 

Baalsaal-Backstage-credit-Claudia-Mohr

Baalsaal: Yulia Niko legte hier zuletzt am 14. März bei Electronic Red Light auf (Foto: Claudia Mohr)

 

Astra-Stube-Backstage-credit-Claudia-Mohr

Astra Stube: Am 12. März spielten Ryskinder aus Israel vor knapp 60 Leuten. Support war Grundeis aus Hamburg. Einen Tag später wurde, zunächst auf eigene Initiative hin, geschlossen (Foto: Claudia Mohr)

 

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Waagenbau: Am 7. März wurde hier die letzte Party gefeiert. Bei VER:Bunden spielten Martha von Straaten & Bebetta (Foto: Claudia Mohr)

 

Yoko-Backstage-credit-Claudia-Mohr

Yoko: Bei der großen b2b Nacht „Affaire d`amour“ spielten 3 DJ-Teams die ganze Nacht House Musik. Kurz darauf wurde dicht gemacht (Foto: Claudia Mohr)

 

Terrace-Hill-Backstage-credit-Claudia-Mohr

Terrace Hill: Letztes Konzert war Blind Ego am 2. März. Nach dem Social Developers Club am 7.3. wurde abgeschlossen (Foto: Claudia Mohr)

 

Molotow-Backstage-credit-Dorothea-Bader

Molotow: Der letzte Künstler im Laden war der Hamburger Poetry Slammer Hinnerk Köhn am 12. März mit seiner Solo- Show „Bitter“. Die letzte Band Pyogenesis am 6. März. In den zurückliegenden dreieinhalb Monaten hätten eigentlich knapp 100 Bands hier im Backstage abgehangen (Foto: Dorothea Bader)

 

Mojo-Backstage-credit-Ole-Masch

Mojo: Unmittelbar vor dem Lockdown, am 8. März, gab es für Blues-Rockstar Marcus King Getränke im Backstage (Foto: Ole Masch)

 

Turtur-Backstage-credit-Claudia-Mohr

Turtur: Am Donnerstag den 12. März gab es das letzte Mal Open Decks mit Tischtennis, Kicker, Techno & Oldies bei Lümmelkiez (Foto: Claudia Mohr)


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Soundlotsen: Hamburger Tonstudios im Porträt

Thomas Soltau, Sascha Krüger (Autoren), Thomas Duffé (Fotograf), Florian Zeh (Grafiker) und Alex Gramlich (Ideengeber und Interviewkoordinator) haben für das Buchprojekt „Soundlotsen“ Hamburger Tonstudios und deren Betreiber porträtiert. Ein Gespräch mit Soltau über Frank Spilkers Rumpelhäuschen, Franz Plasas XXL-Aufnahmeareal und Dennis Rux’ 60s-Sound-Labor

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Thomas Soltau, im Vorwort von „Soundlotsen“, das am 24. April erschienen ist, heißt es, ihr hättet vor der Arbeit daran keine Ahnung gehabt, welche Schätze in Hamburgs Tonstudios auf euch warten würden. Was habt ihr euch denn zumindest erhofft, dort zu finden?

Thomas Soltau: Gute Geschichten! Denn eins war uns als Kollektiv, das das Buch ohne Verlag gemacht hat, von vornherein klar: Wir wollten keinen Hightech-Porn machen und nur von Ausstattungen und Maschinen erzählen.

Uns ging es darum, zu zeigen, wer die Leute in den Studios sind, was dort passiert, welche Anekdoten es gibt. Und ich muss vielleicht auch noch dazu sagen, dass die fast 20 Studios, die jetzt im Buch zu finden sind, von uns nicht im Vorfeld genauso aufgelistet wurden.

Vielmehr haben wir dieses Projekt peu à peu zusammen geschnibbelt und für die ganze Nummer rund 18 Monate gebraucht. In dieser Zeit kamen immer mehr Studios dazu, die uns von bereits besuchten Studiobetreibern empfohlen wurden. Die haben oft gesagt: „Wenn ihr schon bei uns seid, dann müsst ihr auch noch da und dort hin!“ Es war also ein Prozess.

Die Empfehlung von Studiobetreibern, auch bei Kollegen vorbeizuschauen, zeigt einmal mehr, dass Hamburger Musikschaffende an einem Strang ziehen. Waren sie euch gegenüber auch sofort offenherzig und angetan von der Buchidee?

Es war schon so, dass einige Betreiber uns erst mal ein wenig skeptisch gegenüberstanden. Als sie dann aber gesehen haben, wie viel Leidenschaft in unserer Arbeit steckt, ging die Vernetzung schnell.

Es gab auch überhaupt keine Berührungsängste zwischen Betreibern, die Indie produzieren, und welchen, die seichten Pop machen. Grenzen, von denen viele denken, dass sie da sind, waren einfach nicht da.

Soundlotsen – Die Tour durch das Buch

 

Und wann hast du den ersten Schatz in einem der von dir besuchten Studios entdeckt?

Das war gleich bei meinem ersten Studiobesuch. Ich war zu Gast bei Frank Spilker in dessen Die Sterne Studio. Das hat Spilker in einem kleinen, windschiefen Haus in Altona eingerichtet, es ist so ziemlich der Gegenentwurf zum schicken Hightech-Studio. Es ist ein wenig unaufgeräumt, überall liegen und stehen alte Geräte herum. Es hatte unheimlich viel Charme! Da war ich also zum ersten Mal geflasht.

Und eine richtige Studiomagie habe ich zum ersten Mal in den H.O.M.E. Studios von Franz Plasa erlebt. Plasa prägt die Hamburger Musikszene ja schon seit Jahrzehnten. Er hat ein 500 Quadratmeter großes Studio mit mehreren Räumen, in denen zig Musikgrößen ihre Alben aufgenommen haben, unter anderem Mariah Carey und Depeche Mode.

Und als Plasa erzählte, wie es mit Depeche Mode war, als die bei ihm über mehrere Monate diszipliniert an ihren Songs gearbeitet haben, wurde mir bewusst, was für ein historischer Ort das ist. So historisch, dass, wie Plasa meinte, dort sogar mal zwei Busse voller Depeche-Mode-Fans aus aller Welt vorgefahren sind.

Haben die Betreiber eigentlich häufig die gängigen Klischees erfüllt, die um sie kreisen? Etwa, dass sie kauzig, nerdig, irgendwie verrückt sind?

Da kann ich nur von den Betreibern sprechen, die ich besucht habe, nämlich die Hälfte derer, die im Buch sind, bei der anderen Hälfte war mein geschätzter Kollege Sascha Krüger. Und ich kann sagen, dass ich auf keine Leute gestoßen bin, die solche Klischees bestätigten.

Im Gegenteil: Ich habe die Betreiber als sehr in sich ruhend erlebt, als sehr klar bei allem, was sie im Studio machten, auch als sehr zugänglich. Und wenn ich Franz Plasa fragte, wie es denn im Studio mit dem alten „Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll“-Klischee aussehe, bekam ich nur die Antwort: „Die Zeiten sind vorbei.“

Soundlotsen_CoverSo was hätte es noch in den 80er und 90er Jahren gegeben, auch allerhand Extravaganzen von Künstlern, aber heute passiere das nicht mehr. Heute können die Leute sogar ihre Musik zu Hause aufnehmen, und die Betreiber wissen natürlich, dass das, was sie da machen, in Teilen anachronistisch ist.

Wobei man dann wiederum sagen muss, dass es auch Betreiber wie Dennis Rux gibt, der sich in seinen Yeah! Yeah! Yeah! Studios auf den Sound der 60er Jahre fokussiert, genauer: auf den Garage- und Beat-Bereich. Er hat dafür spezielles Equipment wie alte Schlagzeuge und Röhrengeräte, auch ein altes Mischpult, das es so nur zwei- oder dreimal gibt, und das er extra mit einem Lastwagen aus Holland geholt hat – einfach nur, um den gewünschten Sound hinzukriegen. Eine solche Leidenschaft gibt es dann eben doch nur in Tonstudios.

„Soundlotsen“, 24,50 Euro; bestellbar unter: copasetic.de 


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger Theater: Hoffen auf Öffnung

Ralf Fiedler, Dramaturg am Schauspielhaus, über das, was ihm in dieser Zeit wichtig ist.

 

SZENE HAMBURG: Was war Ihre schönste Theatererfahrung?

Wenn das Theater zum Beruf geworden ist: fast nicht beantwortbar, weil sich irgendwann alles verbindet und verkettet und vergleicht. Das Erste, was aufleuchtet: „24 Stunden sind kein Tag“ von René Pollesch in der „Neustadt“ von Bert Neumann an Berliner Volksbühne. Einfach wegen der Wucht und Präsenz der Spielerinnen in diesem gigantischen Großraum, von dem man Teil war und sein wollte. Gleichzeitig das Gefühl totaler Relevanz der Themen und Theorien, Texte laut gerufen, ohne Psychologie, aber unmittelbar in Berührung mit dem Leben.

Ralf Fiedler, Dramaturg am Schauspielhaus (Bild: Dan Cermak)

Was ist die größte Herausforderung für Sie während der Corona-Krise?

Menschen, die mir nahestehen, physisch nicht mehr zu treffen – Freunde, weil sie im Ausland „EU“ leben, oder meine Mutter im Pflegeheim, mit der es gar nicht möglich ist, medial zu kommunizieren. Das ist hart, man wird das Gefühl nicht los, jemanden absolut alleinzulassen.

Was stimmt Sie momentan hoffnungsfroh?

Die Hoffnung, dass die Maßnahmen sich ausdifferenzieren, spezifischer und treffsicherer werden und die „Öffnung“ weitergehen kann.

Wem sind Sie in diesen Zeiten besonders dankbar?

Wenn ich die vielen beiseite lasse, die geholfen haben, eine gewisse Normalität aufrechtzuerhalten und die wirklich Dank verdient haben, dann bin ich absolut all den Freunden dankbar, die sich bei mir wieder gemeldet und mir das Gefühl geben haben, noch „in Verbindung zu stehen“.

Wer hätte mehr Dankbarkeit verdient?

Dankbarkeit ist da vielleicht nicht ganz der richtige Begriff, aber ich bin berührt und beschämt all denen gegenüber, die sich jetzt noch um die Not der Menschen in den Flüchtlingslagern, Kriegsgebieten und an den Grenzen kümmern und für deren Belange tatsächlich „kämpfen“. Und die vielleicht sogar bereit waren, ein derart privilegiertes Land wie unseres und eine sichere Versorgung hinter sich zu lassen, um vor Ort etwas zu bewirken.

 


 Der Text stammt aus dem SZENE HAMBURG DANKE!-Magazin. Das Magazin ist seit dem 29. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Marc Degens’ Autofiktion: Oh, Kanada

Vier Jahre lang hat der Schriftsteller, Verleger und Neu-Hamburger Marc Degens in Kanada gelebt. Seine Aufzeichnungen sind in „Toronto“, erschienen im mairisch Verlag, zu lesen

Interview: Ulrich Thiele

 

Viel passiert nicht, zumindest auf der Plot­-Ebene. Degens berichtet in knappen Sätzen von Restaurant­ und Konzertbesuchen, Lesungen und entspannten Nachmittagen in Buchläden und Comicshops sowie von Reisen quer durchs Land. Zwischen den Zeilen passiert hingegen viel, denn diese charmante Zelebrierung des Lebens in einer offenen Gesellschaft macht glücklich und sehnsüchtig zugleich.

 

SZENE HAMBURG: Marc Degens, unter diesen Umständen stachelt „Toronto“ das Fernweh noch mehr an als ohnehin schon.

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Foto: Martina Steber

Marc Degens: Ich glaube, dass es ein Buch ist, mit dem man gut auf Reisen gehen kann, selbst wenn man zu Hause bleibt. Meine Hoffnung ist, dass es weniger ein Reiseführer ist, der anleitet, was man alles ma­chen könnte. Sondern dass man mit dem Buch tatsächlich eine Reise erlebt.

Sie sind seit zwei Jahren wieder in Deutschland. Was vermissen Sie am meisten?

Wunderbare Autofahrten mit Blicken auf Seen und bisher unbekannte Landschaften. Gerade in der jetzigen Zeit, in der ich auf meine eigenen vier Wände zurückgezogen lebe, vermisse ich das ganz deutlich.

Sie waren vier Jahre in Kanada, das Erlebte lesen wir in Ihrem Buch in verdichteter Form. Manche Ihrer Einträge schildern mehrere Tage am Stück, dann gibt es immer wieder mal einen Sprung von mehreren Wochen oder Monaten. Wie haben Sie Ihre Tagebucheinträge für das Buch selektiert?

In Hinsicht auf eine Pointierung. Die Frage war, was der rote Faden ist und welche Geschichte ich erzählen wollte.

Und zwar?

Die Facetten, die dieses Land aus­ machen, und wie man sie erlebt, wenn sie für einen Neuland sind. Also wie gesagt: Auf der einen Seite die Natur­erfahrung, die Weite und Schönheit dieses Landes.

Aber auf der anderen Seite auch die kanadische Mentalität in der Großstadt Toronto, die mich sehr berührt hat und die ich sehr einzigartig fand. Diese Herzlichkeit, Offenheit und Toleranz, die ich besonders in den Kulturveranstaltungen gespürt habe, und die Entspanntheit, die das Leben so angenehm macht.

In einer Szene schreiben Sie, wie Sie ein Bild auf Instagram als Erinnerung für Sie selbst veröffentlichen. „Dass andere das Foto auch sehen können ist allerdings ein schöner Nebeneffekt. Genauso verhält es sich mit dem Schreiben.“ Schreiben Sie also nur für Sie selbst?

Die Stelle bezieht sich auf mein Ta­gebuchschreiben. Dabei ist es tatsächlich so, dass es hauptsächlich einen Sinn für mich erfüllt. Indem ich auch ganz banale Dinge archiviere. Da ist auch der Bogen zu den sozialen Medien.

In­stagram wird gern als ein Medium der Selbstdarstellung gesehen, um Likes zu sammeln. Ich glaube aber, dass ein we­sentlicher Punkt des Postens wie beim Tagebuchschreiben das Archivieren für sich selbst ist. Und auf der Timeline kann man dieses Archiv dann immer wieder durchforsten.

Ich möchte aber nicht mein gesamtes Tagebuch veröffentlicht sehen. Das ist viel zu umfangreich und voller Banalitäten, die ich niemandem zumuten will. Deswegen die Selektion und Reduktion. Das ist dann der schriftstellerische Prozess: herauszufinden, was weggelassen werden kann.

Also das Kürzen als fast schon wichtigster schriftstellerischer Prozess?

Zumindest einer, der immer wich­tiger wird. Oft, wenn ich gefragt werde, woran ich schreibe, kann ich antworten: Ich schreibe gar nicht mehr, ich bin nur noch am Streichen.

 

„„Toronto“ ist ein Buch über das Glück.“

 

Hat das Schreiben umgedreht auch Ihren Blick auf Kanada geprägt?

Ich würde erst einmal bestreiten, dass die schriftstellerische Wahrnehmung zu einem anderen Erleben führt. Persönliche Vorlieben spielen eher eine Rolle als der Beruf. Bei mir ist es das Visuelle: Meine Liebe zu Comics zum Beispiel.

Das passt zu Ihrer Trennung von Kunst und Leben. Das Leben sei wichtiger als die Kunst, schreiben Sie.

Damit richte ich mich gegen dieses Bild, das man in Deutschland oft pflegt: vom gequälten Künstler, der sein eigenes Leben vernachlässigt, um große Kunst zu schaffen. Über Glück zu schreiben ist schwer und es wird eher selten gemacht.

Es gibt einen Satz von Marcel Reich­-Ranicki, der sinngemäß anmerkte, dass immer nur Romane über unglückliche Lieben geschrieben werden, aber nie über glückliche Ehen. Ich wollte etwas thematisieren, was ich in Kanada erfahren habe, nämlich ein großes Gefühl des Glücks und auch der Dankbarkeit. „Toronto“ ist ein Buch über das Glück.

Sie haben in Ihrem Verlag SUKULTUR eine Reihe für Autofiktionen gestartet. Ist „Toronto“ auch Autofiktion?cover-toronto-marc-degens

Das Tagebuch ist ja ein klassisch autobiografisches Format, das es schon gab, bevor es die Autofiktion gab. Autofiktion hat immer auch den Aspekt, dass sich zu dem autobiografischen Geschehen eine literarische Fiktion hinzu­gesellt. In „Toronto“ gibt es nur wenige Stellen, die in Richtung Fiktion gehen, etwa wenn Erinnerungen aufkommen und diese sich zu einer Geschichte ent­wickeln.

Der Begriff ist also literaturwissenschaftlich unscharf, aber wir wissen, was damit gemeint ist: Eine Form des autobiografisch verbürgten Schreibens, die im Gegensatz zum rein Fiktiven steht. Insofern ist „Toronto“ auch Autofiktion.

Warum ist autobiografisch gefärbtes Erzählen derzeit so populär?

Weil traditionelle Literaturgattungen wie der Roman ein bisschen in die Krise geraten sind. Heute wird sich weniger darüber ausgetauscht, welche Romane man gelesen hat, sondern welche Fernsehserien man gesehen hat.

Der Roman ist nicht tot, aber er hat mehr Konkurrenz, weil das epische Erzählen durch die veränderte Medienlandschaft andere Ausformungen bekommen hat. Dadurch sind andere literarische Formen im Aufwind, zum Beispiel kleine Beobachtungen in kurzen, pointierten Formen.

 

„In Hamburg ist das Fernweh am geringsten“

 

In Interviews mit berühmten Schriftstellern entsteht oft der Eindruck, dass sie über das Autobiografische als Stilmittel nicht reden wollen, weil sie die Frage danach als kränkende Nicht-Anerkennung ihrer Fantasiefähigkeit sehen. Teilen Sie den Eindruck?

Ich habe vor einigen Mo­naten das Buch „Das Tagebuch und der moderne Autor“ aus den 1960er Jahren gelesen. Darin melden sich Schriftstellergrößen wie Arno Schmidt, Heinrich Böll und Elias Can­etti zu Wort und man merkt noch deutlich ihre Reserviertheit gegenüber diesem Medium. Arno Schmidt etwa hat das Tagebuch-­Schreiben als literarische Kunstform komplett abgelehnt.

In den Ablehnungen schwingt oft auch noch diese alte Genieästhetik mit. Also die Annahme, dass das Genie von der Muse befeuert wird und dabei Kunst herauskommt, die schon immer da war und nur freigelegt werden müsse. Das ist ein recht überholter Gedanke.

Viele Texte beschreiben heute, unter welchen Schwierigkeiten und von welchen gesellschaftlichen Faktoren beeinflusst Kunst hergestellt wird. Kunst als etwas vom Menschen und nicht vom Genie Gemachtes zu sehen, ist in meinen Augen aber die zeitgemäßere und richtige Lesart.

„Die kanadische Freundlichkeit und das permanente Entschuldigen haben mich für das Leben in Berlin unbrauchbar gemacht“, schreiben Sie an einer Stelle. Sie leben seit letztem Jahr nicht mehr in Berlin, sondern in Hamburg. Was hat Sie hergezogen?

Tatsächlich war Hamburg seit Jahrzehnten ein Sehnsuchtsort für mich, obwohl ich nur selten hier war. Aber die Erfahrungen, die ich hier gemacht habe, waren immer außergewöhnlich.

Hamburg hat eine reiche und diverse Kunst­ und Kulturszene, und es herrscht eine Freundlichkeit in der Stadt, die mich sogar an Toronto erinnert. Ich dachte, wenn schon zurück nach Deutschland, dann ist Hamburg die ideale Stadt. Das Fernweh ist hier am geringsten. Ich befürchte aber, dass ich merken werde, wie sehr mir die weiten kanadischen Landschaften fehlen, wenn ich Ausflüge ins Umland mache.

Was ist das Schönste an der Rastlosigkeit?

(überlegt) Dass sie nicht zu Ende geht.

Marc Degens: „Toronto“, mairisch, 144 Seiten, 12 Euro


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#openbutsafe: Was die Hamburger Museen bewegt

Hamburgs Kultur lebt auf. Als erste der Kultur-Institutionen haben die Hamburger Museen seit dem 7. Mai ihre Türen für Besucher wieder geöffnet. Natürlich gilt es auch hier Regeln zu beachten wie unter anderem der Mindestabstand von 1,50 Meter, keine Gruppenbesuche außer Familien und häusliche Gemeinschaften sowie das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Was die Museumswelt gerade bewegt, erzählen drei der Akteure

 

Interviews: Hedda Bültmann 

3 Fragen an Professorin Tulga Beyerle, Direktorin vom Museum für Kunst und Gewerbe

Professorin Tulga Beyerle, Direktorin vom Museum für Kunst und Gewere (Bild: Henning_Rogge)

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die jetzige Phase der Wiedereröffnung?

Es ist ein wunderbares Gefühl, wieder Men­ schen in unseren Räumen zu sehen. Man spürt, wie sehr unsere ersten Gäste den Museums­ besuch genießen. Kultur wird ja erst lebendig durch das gemeinsame Erlebnis und den Aus­ tausch darüber. Natürlich haben wir in der Zeit der Schließung weiter an unseren Projekten gearbeitet. Aber das Innehalten hat uns auch gezeigt, wie sehr unser Gegenüber, unser Publi­ kum fehlt. Nur gemeinsam entsteht Kultur und nur gemeinsam wird sie rezipiert. Sie gibt uns Orientierung und eröffnet neue Perspektiven, die helfen, in schwierigen Zeiten optimistisch zu bleiben. Museen können hier als kulturelles Gedächtnis wichtige Anregungen geben.

Hat sich während der Schließzeit etwas herauskristallisiert, das Sie zukünftig ändern werden?

Die siebenwöchige Schließung hat uns einmal mehr gezeigt, wie wichtig die Verbindung zu un­serem Publikum über die digitalen Medien ist. Selbst wenn sich unser Alltag wieder normali­siert und die direkte Begegnung mit dem Objekt immer etwas Besonderes bleibt, wird es weiter­hin Menschen geben, die mobil eingeschränkt sind oder weit entfernt wohnen. Sie zu errei­chen war uns immer schon ein Anliegen. Die Schließzeit hat uns den nötigen Schub gegeben, sich noch konzentrierter und mit mehr Lust der Digitalisierung zu widmen. Wir werden diese Aktivitäten in Zukunft ausbauen, denn auch der digitale Besuch ist wertvoll. Die Gleichwertig­keit von analogem und digitalem Besuch wäre übrigens ein spannendes Thema für eine Dis­kussion mit unseren Förderern.

Welche Folgen tragen Sie aus der Zeit?

Ganz praktisch sind unsere Stationen zum Anfassen und Selbermachen aktuell nicht im Einsatz. Bis Ende Juni finden keine Veranstal­tungen, keine Führungen und kein Programm für Kinder und Jugendliche statt. Auf der einen Seite müssen wir kreativ sein und unter den gegebenen Sicherheitsbedingungen Angebote entwickeln. Darüber hinaus lohnt es sich, lang­fristig in Online­Vermittlungsprogramme zu investieren, seien sie für Schulen oder auch als zusätzliches Lehrangebot. Die Corona­-Pande­mie ist auch eine gute Gelegenheit, über den Stellenwert und die Wirkung unserer kulturel­len Arbeit jenseits der Zahlen nachzudenken.

Ausstellungen:
20.6.–1.11.2020 Peter Lindbergh: Untold Stories
Bis 20.9.2020 Das Plakat. 200 Jahre Kunst und Geschichte
www.mkg-hamburg.de 

 

Einige der wichtigsten Museen der Stadt gehören zur Stiftung Historische Museen Hamburg (SHMH). Was Corona für sie bedeutet, was sich verändert hat und wie es weitergeht, erzählt Prof. Dr. Hans-Jörg Czech, Direktor und Vorstand

Prof. Dr. Hans-Jörg Czech, Direktor und Vorstand der STiftung Historische Museen Hamburg (Bild: Sinje Hasheider)

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die jetzige Phase der Wiedereröffnung?

Wir freuen uns in der SHMH riesig, dass wir mit unseren Dauer­ und Sonderausstellungen dem Publikum endlich wieder kulturelles Erleben vor Ort in denen Häusern ermöglichen kön­nen. Inzwischen sind die Maßnahmen zur Um­setzung der Kontaktbeschränkungen und der zusätzlichen Hygieneauflagen schon Teil einer neuen Betriebsroutine geworden. Wir sind fest davon überzeugt, dass wir unseren Besucherin­nen und Besuchern auch unter den gegenwär­tigen Rahmenbedingungen einen angenehmen und sicheren Museumsbesuch bieten können.

Wie lange haben Sie für die Pläne zur Öffnung gebraucht?

Die ersten Überlegungen für ein abgestimm­tes Vorgehen im Falle der Wiedereröffnung zunächst mit den anderen staatlich getragenen Museums­ und Ausstellungshäusern haben un­mittelbar nach Ostern begonnen. Eine gemein­same Linie für die erforderlichen Abstimmun­gen mit der Behörde für Kultur und Medien war dann schnell gefunden. Die folgenden Wochen bis zum 7. Mai waren dann für uns voll erfor­derlich, um die gemeinsamen Beschlüsse auf die Gegebenheiten an den einzelnen Standorten un­serer Stiftung zuzupassen und die spezifischen Hygienekonzepte im Detail auszuarbeiten.

Wie lief dabei die Zusammenarbeit mit dem Senat?

Unsere Abstimmungen mit dem Kultursena­tor und der Behörde für Kultur und Medien verliefen zu jeder Zeit sehr konstruktiv und ermöglichten das gemeinsame, abgestimmte Vorgehen, an das sich dank der Vermittlung der Behörde dann erfreulicherweise auch viele Einrichtungen in nicht staatlicher Trägerschaft angeschlossen haben.

Waren strukturelle Veränderungen notwendig?

Es ist nach wie vor erforderlich, die Wegefüh­rungen für das Publikum in unseren Ausstel­lungsbereichen stärker als früher zu steuern und Engstellen, an den denen die notwendigen Ab­ stände schwierig einzuhalten sind, zu vermei­den. Das geschieht in manchen Einrichtungen der SHMH zum Beispiel durch die Abgrenzung von separaten Ein­ und Ausgangstüren.

Haben Sie aus der Lockdown-Zeit etwas mitgenommen, das Sie zukünftig ändern werden?

In meiner Wahrnehmung haben die digitalen Portale und Inhalte der SHMH nochmals mehr an Bedeutung für unsere Vermittlungsarbeit ge­wonnen. Ich glaube, das geht vielen Kulturein­ richtungen ähnlich, die während der pandemie­ bedingten Schließungen auch nur die digitalen Wege zur Verfügung hatten oder noch haben, um ihr Publikum zu erreichen. Wir werden in Zukunft darauf hinwirken, die Erstellung von digitalen Angeboten noch flexibler und schnel­ ler bewerkstelligen zu können.

Wie ist es Ihnen während der Schließung ergangen?

Die Zeit war für mich selbst, wie für unsere Museumsteams in jedem Falle sehr intensiv und arbeitsreich. Ich schulde allen Kolleginnen und Kollegen in unseren Häusern großen Dank und Respekt für das engagierte und ideenreiche Wirken während der Schließungsphase, ohne das weder die speziellen digitalen Angebote zusammengekommen wären, noch die kompli­kationsfreie Wiedereröffnung. Und obendrein haben wir alle Erfahrungen in neuen Formen der Zusammenarbeit gesammelt – angefangen beim Zusammenwirken aus dem Homeoffice bis zur extensiven Nutzung von Telefon­ und Videokonferenztools.

Ihr Projekt „CoronaCollectionHH“ dokumentiert die Zeit während der Pandemie. Was wird unsere Nachwelt daraus ableiten können?

Für uns als historische Museen ist es eine der wichtigsten Aufgaben, nicht nur Prozesse und Abläufe der Vergangenheit zu erschließen, son­dern auch die Ereignisse der Gegenwart syste­matisch zu dokumentieren. Was wir im Heute nicht aktiv sammeln und festhalten, steht uns und unseren Nachfolgern und Nachfolgerinnen im Amt morgen nicht für ihre Arbeit zur Verfü­gung. Es wird spannend sein, zu sehen, welche Schlüsse aus der Perspektive eines gewissen zeit­lichen Abstands in der Zukunft daraus gezogen werden können.

Ausstellungen:
Bis 23.11.2020 im Altonaer Museum: Fisch. Gemüse. Wertpapiere. Fide Struck fotografiert 
Bis 17.8.2020 im Museum für Hamburgische Geschichte: Reflect – historische Textilien im Prozess
Zu der SHMH gehören das Altonaer Museum, Museum für Hamburgische Geschichte, Mu­seum der Arbeit, Hafenmuseum, Jenisch Haus und das Speicherstadtmuseum 
shmh.de 

 

3 Fragen an Barbara Plankensteiner, Direktorin MARKK

Barbara Plankensteiner, Direktorin MARKK (Bild: Paul Schimweg)

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die jetzige Phase der Wiedereröffnung? 

Wir sind sehr froh, den Menschen in Zeiten wie diesen wieder Begegnung mit Kultur und auch einen gewissen sozialen Austausch ermöglichen zu können. Wir haben großes Glück, als Museum die räumlichen Gegeben­ heiten für eine Wiedereröffnung bieten zu können und konnten sogar unsere große Sonderausstellung „Im Schatten von Venus. Lisa Reihana & Kunst aus dem Pazifik“ bis Oktober verlängern. Sie wurde – kaum eröffnet – direkt wieder geschlossen. Nun können die Besucher und Besucherinnen das beeindruckende Videopanorama der neuseeländischen Künstlerin Lisa Reihana doch noch erleben.

Hat sich während der Schließzeit etwas herauskristallisiert, das Sie zukünftig ändern werden?

Einige digitale Formate, die sozusagen aus der Improvisation entstanden sind, möchten wir gerne weiterführen. So zum Beispiel unseren MARKK in Motion Podcast. Die Idee war, in Zeiten des Stillstands in Bewegung zu bleiben und die Veranstaltungen, die aufgrund der Schließung ausfallen mussten, digital als Videopodcast zu veröffentlichen. Durch die Interviews, die unser Kurator Gabriel Schimmeroth mit den PartnerInnen und Mit­ arbeiterInnen führt, erhalten die ZuschauerInnen einen spannenden Ein­ blick in die Entwicklungsprozesse, die während der Neupositionierung bei uns stattfinden. Solche Blicke hinter die Kulissen schaffen unabhängig von Ort und Zeit Zugang zu unseren Themen.

Welche Folgen tragen Sie aus der Zeit?

Die Ausstellungsplanung wurde durch Verschiebungen, die eine Ketten­reaktion auslösen, längerfristig beeinflusst und natürlich haben wir finan­zielle Einbußen zu verkraften, die uns einschränken und belasten. Wir hoffen vor allem, dass die Möglichkeit international zu reisen bald wieder gegeben ist, da ein Haus wie unseres vom Austausch und der Zusammenar­beit mit unseren PartnerInnen weltweit lebt. Wir haben zwar in dieser Zeit auch erprobt in Online­Meetings den Austausch weiterzupflegen, doch haben wir dabei festgestellt, dass diese Form der Kommunikation eine di­rekte, persönliche Interaktion nicht ersetzen kann.

Ausstellungen:
Seit Mai Ausgezeichnet: Künstlerinnen des Inventars
Bis Oktober 2020 Im Schatten von Venus
markk-hamburg.de

 

Es geht nur gemeinsam

Kultursenator Carsten Brosda, Hans-jörg Czech, Vorstand Historische Museen Hamburg, Tulga Beyerle, Direktorin Museum für Kunst und Gewerbe und Staatsoper-Intendant Georges Delnon (Bild:Philipp Göbel)

Für die Mitarbeiter der Hamburger Museen hat die Hamburgische Staatsoper in circa 70 Stunden 500 Schutzmasken angefertigt. Auch das Schauspielhaus hat mitgewirkt. Denn die Öffnung der Häuser unter den geltenden Hygiene- und Distanzregelung sei eine besondere Herausforderung wie Hans-Jörg Czech sagt, vor allem im Kassen-, Aufsichts- und Reinigungsdienst. Die Staatsoper zeigt sich solidarisch. Gerade in Krisenzeiten sei der Zusammenhalt sehr wichtig, wie Intendant Georges Delnon findet: „Wir alle vermissen unser Publikum schmerzlich. Dass die Museen nun schrittweise wieder öffnen, stimmt uns hoffnungsvoll. Deshalb freuen wir uns, den Hamburger Museen mit den Gesichtsmasken die Hand zu reichen.“

 

 


 Der Text stammt aus dem SZENE HAMBURG DANKE!-Magazin. Das Magazin ist seit dem 29. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Top 5: Das beste Eis in Hamburg

Dafür brauchen wir nicht mal blauen Himmel: Ein, zwei, drei Kugeln von unseren Lieblings-Eisdealern passen immer

 

Eis & Innig

 

Im Eis & innig kommen nur natür­liche Zutaten in die Eismaschine, das heißt auch keine künstlichen Aromen oder Farbstoffe. Heraus­ kommen außergewöhnliche Sorten wie Salzkaramell, dunkles Schokoladensorbet oder Klassiker wie Himbeere und Mango. Die Zutaten dafür stammen übrigens häufig vom nahe gelegenen Isemarkt – regionaler geht’s nicht!

Eis & Innig: Klosterallee 102 (Hoheluft-Ost), Telefon 30 77 96 96, Mo–So 13–18 Uhr

 

Eis kalte Schnauze

 

In dieser Eismanufaktur kann man bei der Herstellung verschiedenster Eissorten live dabei sein und sie anschließend auch direkt probieren. Neben den klassischen Sorten wie Schoko oder Erdbeer hat die Eisdiele in Rissen auch saisonale und sogar orientalische Eisköstlichkeiten zu bieten. Tipp: Im Winter gibt es hier auch leckere Waffeln, Kuchen und sogar Glühwein.

Eis kalte Schnauze: Wedeler Landstrasse 34 (Rissen), Telefon 334 50 67 0, April–September: Mo–Sa 11.30–19, So 13.30–18 Uhr, Oktober–März: Mo–Fr 14–17.30, So 14–18 Uhr

 

Hej Eis

 

Wer das außergewöhnliche Eisver­gnügen sucht, ist bei Hej Eis genau richtig. Neben typischen Klassikern hält die Eisdiele Sorten wie Limette­ Chili, Karamell­Miso oder (Ham­burger aufgepasst!) Franzbrötchen bereit. Das handgefertigte Eis besteht dabei ausschließlich aus natürlichen Zutaten. Da ist mit gutem Gewissen dann auch noch eine zweite oder dritte Kugel drin.

Hej Eis: Schwenckestraße 56 (Eimsbüttel), Te- lefon 307 481 84, Mo–So 12–19.30 Uhr

 

Luicella’s Ice Cream

 

Dieser Laden bringt Spannung und Überraschungen in die Hamburger Eiswelt. Ausgefallene Sorten wie Blau­beer­weiße­-Schokostückchen oder Zitrone­-Basilikum machen einfach glücklich und auf jede Portion gibt es übrigens noch einen kleinen Löffel einer anderen Sorte zum Probieren obendrauf. Das ist so gut, dass mittler­weile fünf Läden die Hamburger mit dem „Eis für alle Fälle“ versorgen.

Luicella’s Ice Cream: Eppendorfer Landstraße 10 (Eppendorf), voraussichtlich Mo–So 12–18 Uhr

 

Milk Made Ice Cream

 

In der kleinen Ottenser Eismanufak­ tur werden mehr als 150 verschie­dene, handgemachte Eissorten her­gestellt – und das mit viel Liebe. Dafür kommen nur echte Früchte, echte Vanille und echte Milch infrage, natürlich meist aus der Region. Klingt gut? Dann ab nach Eppendorf zum Schlemmen in den ersten Ice Cream Shop.

Milk Made Ice Cream: Eppendorfer Landstraße 96 (Eppendorf), Di–So 12–19 Uhr


 SZENE HAMBURG ESSEN+TRINKEN 2020. Das Magazin ist seit dem 3. April 2020 im Handel und auch im Online Shop erhältlich! 

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„Untold Stories“: Peter Lindbergh im MKG

Kurz vor seinem Tod stellte Peter Lindbergh die Schau „Untold Stories“ fertig, ein verblüffendes Best-of seiner Arbeit

Text: Sabine Danek

 

Letztes Jahr im Mai war Peter Lindbergh (1944–2019) noch in Hamburg. Um persönlich einen Blick in das Museum für Kunst und Gewerbe zu wer­fen, der zweiten Station seiner Ausstellung „Untold Stories“ – und der ersten, die er selbst konzipiert hat. Einen „Kampf um Leben und Tod“ nannte er die Auswahl, bei der er sein Werk, das mehr als 40 Jahre umspannt, auf 140 Arbeiten reduzie­ren musste. Felix Kramer, Direktor des Düsseldorfer Kunstpalasts, wo die Ausstellung eröffnete, hatte Lind­bergh den Vorschlag gemacht, sein eigener Kurator zu sein. Der Fotograf hatte sofort zugestimmt und schließlich zwei Jahre daran gearbeitet.

Zwischendurch dachte Lindbergh, die Ausstellung würde nie fertig. Nach jedem seiner Shootings, die ihn beständig um die Welt führten, hatte er andere Ideen. Und irgendwann sogar ein Reisemodell der Museumsräume dabei, in der er die Arbeiten beständig neu arrangierte.

Was letztendlich entstand, ist ein Geschenk. Es ist eine persönliche Auswahl, ein Einblick, wie Lindbergh selbst sein Werk sah und was er daran als essenziell betrachtete. So kam es, dass einige seiner ikonischen Aufnahmen fehlen und stattdessen viel Unveröffentlichtes zu sehen ist.

 

„Ein Interview mit der Kamera“

 

Mit Bildern, drei mal vier Meter groß, zieht er direkt in seine Ausstellung hinein. Models sind darauf zu sehen, Landschaften, Stillleben. Überwältigt solle man zu Beginn werden, sagte Lindbergh selbst. Um dann eine Reise durch sein Werk zu beginnen, durch seine Modestrecken, Kampagnen, Porträts. Darunter zahlreiche Celebritys. „Mit ihm Fotos zu machen, ist wie ein Interview mit der Kamera“, hat Uma Thur­ man über Lindbergh gesagt.

 

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Foto: Uma Thurman, Peter Lindbergh

 

Von Duisburg, wo Lindberg als Peter Brodbeck aufwuchs, ging er nach Krefeld, um Kunst zu studieren, haute schließlich nach Berlin ab, zog dann nach Paris und wur­de zu einem der großen Modefo­tografen. Auch, weil die Mode ihn nicht sonderlich interessierte. 25 Jahre lang besuchte er nicht eine einzige Modenschau, er legte keinen Wert auf Trends und aktuelle Kollektionen, sondern wollte seinen eigenen inneren Bildern nachgehen.

Viele davon kamen aus der Kunst. Die Skulpturen des französischen Bildhauers Aristide Maillol beeinflussten seine Arbeit ebenso wie die Konzeptkunst Joseph Ko­suths, die amerikanische Dokumentarfotografie von Dorothea Lange oder Walker Evans und später auch der Tanz von Pina Bausch, mit der er befreundet war. Für eine seiner bekanntesten Kampagnen für Comme des Garçons kehrte er an die Duisburger Hochöfen zurück und zitierte Fritz Langs „Metropolis“. Immer in Schwarz­-Weiß, weil sich das für ihn authentischer anfühlte, und immer auf der Suche nach dem Moment, in dem ein Bild sich in eine Geschichte verwandelte.

 

Ein ungewöhnlicher Lindbergh

 

Den fand er, wenn er mit einem kleinen Team in den Straßen von Downtown Los Angeles unterwegs war, wo er Uma Thurman zwischen mexikanischen Straßenhändlern und Obdachlosen in mörderisch hohen High Heels entlang stöckeln ließ oder auf riesigen Sets, in denen er Models als 40er­-Jahre­-Ganoven inszenierte, Ufos landen ließ und kleine Außerirdische neben Helena Christensen einen Feldweg entlang hopsen. Oder er in einer sei­ner spektakulärsten Kampagnen, als er 1989 mit Tina Turner den Eiffelturm hochstieg und sie in schwin­delerregender Höhe auf dessen Eisenverstrebungen posierte.

Unter den Arbeiten, die erst­mals zu sehen sind, ist auch „Tes­tament“ von 2013. 300 Fälle zum Tode verurteilter Mörder studierte Lindbergh, unter anderem von Elmer Carroll, den er 30 Minuten lang in einen Spiegel blicken ließ, auf dessen anderer Seite seine Ka­mera stand. Ein ungewöhnlicher Lindbergh. Auch in der Arbeitsweise. Bekannt war er für seine unermüdliche Aktion beim Fotogra­fieren, er tänzelte, rannte, lief rück­wärts und steckte alle an. Mit seinen „kleinen Ewigkeiten von Freu­de“, wie sein Freund Wim Wenders sich im Katalog erinnert, und seiner „Leichtigkeit des Seins“.

Peter Lindbergh: Untold Stories, Museum für Kunst und Gewerbe, 20.6.–1.11.2020

 


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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