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Kettenduldung – Überall ungewollt

So wie die Familie Adzovic leben viele Roma in Hamburg – zwischen Duldung und Abschiebung. Ein Status, der ein Leben unmöglich macht.

Text & Foto: Frank Berno Timm

Das evangelische Gemeindezentrum Mümmelmannsberg am Ostrand der Hansestadt, ist ein Ort, an dem würde nie­mand die Adzovics wegschi­cken. Schon gar nicht an die­sem Nachmittag: Ein Fest der Begegnung findet statt, Linke, Grüne, Kirchenleute und ver­schiedene Migrantengruppen haben es vorbereitet. Das Bild ist so bunt, wie man sich solche An­lässe vorstellt: Tanzende musli­mische Frauen, türkisches Bier und allerhand exotische Lecke­ reien, wechselnde Musikgrup­pen treten auf.

 

„Wer nur geduldet wird, ist dauernd dazwischen.“

 

Als es draußen schon dun­kel ist, stellen ein paar junge Leute Tische auf, verlegen Ka­bel und installieren einen Bea­mer. Schlagzeug und Keyboard kommen dazu, am Rand steht noch ein Pult mit Leselampe. Dorothea Grießbach – Filmerin, Journalistin, eine der Organisatorinnen der Langen Nacht der Weltreligionen im Thalia The­ater – arbeitet seit drei Jahren mit der Roma­-Familie Adzovic. Herausgekommen ist die Per­formance „Dauernd dazwi­schen“, die an diesem Abend ein weiteres Mal gezeigt wer­den soll. Sie setzt sich mit den schwierigen Folgen der immer wieder verlängerten Duldung auseinander. Ein Status, den die meisten Mitglieder der Fa­milie Adzovic haben. Nach dem Aufenthaltsgesetz ist das die „vo­rübergehende Aussetzung der Abschiebung“.

Wer geduldet ist, darf – im Fall der Familie Adzo­vic – nicht arbeiten, Hamburg nicht verlassen und eine Berufs­ausbildung oder eine Beschäf­tigung nur mit Genehmigung der Ausländerbehörde antreten. Für die Arbeitsaufnahme oder eine Ausbildung braucht es die Genehmigung des Einwohner­zentralamts bzw. der Ausländer­behörde. Anders ausgedrückt: Das Leben ist unplanbar, nahezu jederzeit von der Abschiebung bedroht, wer nur geduldet wird, ist „dauernd dazwischen“.

Die Familie Adzovic hat eine lan­ge Wanderung kreuz und quer durch Europa hinter sich. Seit rund acht Jahren leben sie in Hamburg, bis auf wenige Aus­nahmen hingehalten durch immer wieder neu ausgespro­chene Verlängerungen ihrer Duldungen, die manchmal nur für Wochen erteilt werden und verunsichert von Forderungen der Ausländerbehörde, die sie nicht erfüllen kann. Davon er­zählt die Performance: Zitiert werden Briefe der Ausländer­behörde, Ausschnitte eines eige­nen, angefangenen Films, Musik – alles selbst gemacht.

 

„Bis zum 31. Oktober 2018 hatten insgesamt 5.612 Personen eine Duldung in Hamburg.“

 

Seit dem 6. November 2018 hat sich die Situation der Familie deutlich verschärft. Nachts um elf rücken zwei Mitarbeiter, ein Dolmetscher und sechs Sicher­heitsleute von der Ausländer­behörde in der Wohnung der Familie an. „Nach vorliegenden Erkenntnissen kam es in diesem Zusammenhang aufgrund von Diskussionen Unbeteiligter mit den Ausführenden zu einem Einsatz weiterer Polizeikräf­te“, so Matthias Krumm von der Ausländerbehörde – sprich Proteste von Unter­stützern. Mutter und Vater Adzovic, eine Tochter und zwei weitere Familienmit­glieder werden in einen Bus verfrachtet. Die Mutter erlei­det einen nervlichen und kör­perlichen Zusammenbruch – das berichtet Raphael Merkle, der ebenso an der Performan­ce mitgearbeitet hat und Zeu­ge dessen war. Die Familie wird nach seiner Auskunft die Nacht durch nach Frank­furt gefahren und nach Mon­tenegro ausgeflogen, von wo aus sie sich bei ihm gemel­det haben.

Wie viele Roma mit Dul­dung in Hamburg leben, kann Krumm nicht sagen: „Anga­gben über die ethnische Zuge­hörigkeit werden statistisch und im aufenthaltsrechtli­lchen Fachverfahren als aus­wertbarer Datenbankeintrag nicht erfasst.“ Klar jedoch ist, dass bis zum 31. Oktober 2018 insgesamt 5.612 Personen eine Duldung in Hamburg hatten, es seien 885 Rückführungen vollzogen worden, 324 in die Herkunftsländer, 120 in Dritt­staaten und 441 freiwillige Ausreisen.

Die nächste Abschie­bung droht. Kulturarbeiterin Sina Schröppel vom Projekt „New Hamburg“, einem Ge­meinschaftsunternehmen des Kirchenkreises Hamburg­-Ost, der Kirche auf der Veddel und des Deutschen Schauspiel­hauses, schätzt, dass bis zu sieben Roma­familien auf der Veddel in Unruhe seien. Es bestehe die Gefahr, dass ein 18­-Jähriger, der einen Ausbil­dungsvertrag in der Tasche habe, nach Mazedonien ab­geschoben werde. „Ich ver­stehe nicht, warum man mit einem solchen Schritt zehn Jahre wartet und dann nicht einmal die freiwillige Aus­reise zulassen will“, sagt Sina Schröppel. Dann nämlich könne der Junge mit einem Arbeitsvisum zurückkom­men. Mazedonisch spricht er nicht.

NEW HAMBURG: Wilhelmsburger Str. 73


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2019. Das Magazin ist seit dem 21. Dezember 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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Top 12 – Die besten Arbeitsplätze für Freelancer

Als Freelancer fehlt es manchmal an Freiräumen und Austausch. Dafür gibt es eine Lösung: Raus aus den einsamen vier Wänden und mit dem Laptop unter dem Arm ab ins kollektive Arbeitsleben. Wer weiß wohin, ist klar im Vorteil.

Texte: Nadine Eder
Foto: Kathrine Uldbæk Nielsen

 

Coworking Spaces

 

1) Betahaus

Trotz der hippen Schanzenlage ist das Beta haus ohne viel Schnickschnack (Beitragsfoto). Es bietet rund um die Uhr ein Zuhause für Hamburgs Kreativ- und Digitalszene. Über 450 Menschen kommen hier zusammen, um Kontakte zu knüpfen und sich zu vernetzen. Zusätzlich finden regelmäßig Events statt, die online einsehbar sind. Wer kurzfristig und flexibel einen Arbeitsort sucht, wird hier fündig. Mit einem Tagesticket für 17 Euro ist man dabei. Zudem ist auch ein fester Arbeitsplatz ab 250 Euro pro Monat mietbar. Angeboten werden außerdem eine Coworking-Flatrate sowie Meeting- und Konferenzräume.

Eifflerstraße 43 (Sternschanze); hamburg.betahaus.de


2) Beehive

Für alle, die die Abwechslung suchen, stellt das Beehive gleich drei Standorte bereit: in der Neustadt, Altstadt und in Bahrenfeld. Was alle drei eint: die einladende Umgebung. So ist zum Beispiel der Coworking Space in der Neustadt in einem alten Kontorhaus untergebracht. Unentschlossene können das Beehive drei Tage lang kostenlos testen. Ob Einzeloder Teamraum – alle Angebote können vorab online oder über die App gebucht werden und starten ab einem Preis von vier Euro pro Tag.

Steinstr. 5-7 (Altstadt), Kaiser-Wilhelm-Str. 83 (Neustadt), Gasstr. 18 (Bahrenfeld); www.beehive.work

 

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3) Shhared Hamburg

Ausgefallenes Design oder durchgestylte Räume haben bei Shhared Hamburg keinen hohen Stellenwert. Es soll stattdessen eine Infrastruktur zum Verwirklichen von Ideen bereitgestellt werden, denn diese brauchen ein Netzwerk. Dafür stehen Spaces zu unterschiedlichen Zeiträumen zur Verfügung – für einen Preis ab 10 Euro. Daneben sind auch komplette Büro- und Konferenzräume mietbar.

Daimlerstraße 71 (Bahrenfeld); www.shhared.de

 

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4) Coworking Airport

Der Coworking Aiport besticht durch seine Lage, die sich, wie der Name schon sagt, in unmittelbarer Nähe zum Hamburger Flughafen befindet. Ideal für alle, die zur Zeitüberbrückung einen Ort zum Arbeiten suchen und ihren Kurzaufenthalt sinnvoll nutzen möchten. Ob Schreibtisch, ein ganzes Büro oder ein Konferenzraum – wie der Arbeitsplatz beschaffen sein soll, ist frei wählbar. Ab 200 Euro pro Monat gibt es einen festen Arbeitsplatz und ab 180 Euro pro Tag einen vollständigen Konferenzraum.

Suhrenkamp 59 (Ohlsdorf); www.coworking-airport.com


5) Mindspace Hamburg

Wer eine Schwäche für stilvolles Design hat und über das nötige Budget verfügt, ist im Mindspace gut aufgehoben. Mit seinen rund 4.000 Quadratmetern Fläche werden auf mehreren Etagen eine Mischung aus Büro- und Gemeinschaftsflächen in angenehmer Wohlfühlatmosphäre angeboten. Auch Meetings oder Workshops können hier veranstaltet werden. Daneben finden hier diverse Events statt wie der Crowdfunding Club. Diese Ausstattung hat natürlich ihren Preis: Für einen „Open Space Desk“ muss man im Monat 400 Euro hinblättern und ein privates Büro gibt es ab 1.000 Euro.

Rödingsmarkt 9 (Altstadt); www.mindspace.me

 

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 6) Wittkielhof (SPONSORED)

Wer im Alltag mal eine ordentliche Brise Meeresluft braucht, hat die Möglichkeit, seinen Arbeitsplatz an die Ostsee zu verlegen. Der Wittkielhof in Schleswig-Holstein bietet beides: temporär mietbare Arbeitsplätze in idyllischer Atmosphäre und Natur pur. Der am Ortsrand von Wittkiel gelegene Wittkielhof ist ein originaler Angeliter Dreiseithof nahe der Ostsee, der im Jahre 850 errichtet und ursprünglich landwirtschaftlich genutzt wurde. Die ehemalige Kornscheune wurde 2003 mit viel Liebe zum Detail zu einem individuellen Veranstaltungsort umgebaut ohne den ursprünglichen Charme zu tangieren. In der sogenannten „Eventscheune“ finden regelmäßig Hochzeiten, Tagungen sowie diverse Feiern statt. Allerdings wird dort nicht nur gefeiert.

Auch stehen hier je nach Bedarf rund 30 Arbeitsplätze zur Verfügung mit Anbindung an die Infrastruktur des Hauptgebäudes. Die Preise pro Tag und Zimmer liegen zwischen 120 und 150 Euro und unter der Telefonnumer 04642/92 05 35 können sich Interessierte anmelden. Wer Erholung mit Arbeiten verbinden möchte, sollte diesen Ort unbedingt ausprobieren.

Wittkielhof, 24409 Wittkiel; www.wittkiel-events.de

Wir verlosen einen Arbeitsplatz für 5 Tage inklusive Übernachtungen!

Wie könnt Ihr mitmachen? Na so:

  • Mail senden an verlosung@vkfmi.de
  • Betreff: Wittkielhof
  • Einsendeschluss: 24.02.19, 10 Uhr

Bitte gebt für den Versand des Gewinns Euren vollständigen Namen und Adresse an. 


7) Hellomonday.de

Keine Ahnung, wohin zum Arbeiten? Hellomonday schafft Abhilfe und ist die erste Vermittlung für Büroflächen und Coworking Spaces. Ob Eigentümer oder privater Vermieter: Hellomonday arbeitet mit diversen Partnern zusammen, bietet ein umfangreiches Netzwerk und übernimmt die Abwicklung. Die Auswahl erfolgt zunächst online. Falls das nicht ausreicht, stehen Experten gerne für ein persönliches Gespräch zur Verfügung. Das Ziel ist es, Menschen Orte zum Arbeiten zu geben, die zu ihnen passen und die dazu beitragen sollen, gerne ins Büro zu fahren. Vor allem montags – daher auch der Name.

www.hellomonday.de

 

Bibliotheken

 

8) Bibliothek im Museum der Arbeit

Wer sich für die Sozialgeschichte Hamburgs von 1800 bis heute interessiert, sollte der Bibliothek im Museum der Arbeit, der wissenschaftlichen Spezialbibliothek für dieses Gebiet, einen Besuch abstatten. Die Präsenzbestände dienen der wissenschaftlichen Arbeit im Museum und sind für alle Interessierten frei zugänglich. Zudem bieten sie ein umfassendes Archiv – darunter 100 aktuelle Zeitschriften im Abonnement. Die Schwerpunkte sind u. a. Alltags- und Sozialgeschichte, soziale und politische Bewegungen und Stadtkultur. Um eine Anmeldung wird gebeten.

Wiesendamm 3 (Barmbek-Nord); www.shmh.de


9) Bibliothek der Hamburger Kunsthalle

Wieso nicht mal einen Ausstellungsbesuch mit Arbeit kombinieren: Die Bibliothek der Hamburger Kunsthalle liefert Informationen zu 800 Jahren Kunstgeschichte – darunter circa 200.000 Bücher, Kataloge, Zeitschriften zu Künstlern und Themen der Kunstgeschichte. Vordergründig werden die Sammlungsgebiete und Forschungsaktivitäten der Hamburger Kunsthalle abgedeckt, jedoch sammelt die Bibliothek ebenso Ausstellungs- und Sammlungskataloge von Museen und Galerien weltweit. Sie ist die wichtigste kunstwissenschaftliche Fachbibliothek im norddeutschen Raum.

Glockengießerwall 5 (Hamburg-Altstadt); www.hamburger-kunsthalle.de

 

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10) Zentrale Bibliothek Frauenforschung

Die Hamburger Frauenbibliothek umfasst über 18.000 Medien und spiegelt interdisziplinär die Schwerpunkte feministischer Diskussionen wider. Dazu gehören Gender Studies, Queer Theory, Migration, feministische Theorie und kritische Männerforschung. In den Räumen der Bibliothek finden gelegentlich auch Veranstaltungen wie das „Fem*Quiz“ statt. Die Ausleihe erfolgt für alle Interessierten kostenlos.

Monetastraße 4 (Rotherbaum); www.hamburger-frauenbibliothek.de

 

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11) Bibliothek der Forschungsstelle für Zeitgeschichte

Thematisch werden hier die Schwerpunkte der Zeitgeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Geschichte des Nationalsozialismus und der Arbeiterbewegung in Hamburg und Norddeutschland abgedeckt. Geführt werden außerdem die Bereiche der frühen Geschichte der Bundesrepublik, insbesondere Mediengeschichte, Sozial- und Kommunalgeschichte des 20. Jahrhunderts sowie völkische und nationale Verbände und Organisationen. Mit einem Bestand von gegenwärtig circa 92.000 Bänden verfügt die „FHZ“ über eine öffentlich zugängliche wissenschaftliche Präsenzbibliothek.

Beim Schlump 83 (Rotherbaum); www.zeitgeschichte-hamburg.de

 

Alternativen & WLAN

 

12) Public Coffee Roasters

Der Goldbekplatz in Winterhude ist einer der drei Standorte, an dem das Public Coffee Roasters ansässig ist. Enge Tische und böse Blicke sind nicht zu befürchten, denn das Café in der alten Stahlfabrik bietet optimale Bedingungen zum Arbeiten: ausreichend Platz, reichlich Steckdosen und kostenloses WLAN. Lichtdurchflutete Räume schaffen eine wohlige Atmosphäre – hilfreich beim kreativen Nachdenken. Und: Wer ein paar Stunden im Roasters arbeitet, hat jederzeit Zugriff auf frischen Kaffee-Nachschub und Snacks.

Goldbekplatz 1 (Winterhude); www.publiccoffeeroasters.com


13) Strandkiosk Ahoi

Zugegeben, der Strandkiosk Ahoi ist nicht der erste Ort, den man mit Arbeiten verbindet. Und er ist vielleicht auch nicht der beste Ort, um den Laptop auszupacken. Solange man sich nicht zu sehr von den Schiffen ablenken lässt, bietet er jedoch bei feinem Ausblick eine Möglichkeit, nachzudenken und zu reflektieren. Falls man doch mal seine Notizen aus der Tasche holt und einen Blick auf das Tablet oder Handy wirft: Für WLAN wird gesorgt. Und für Pizza auch.

Övelgönne 57 (Othmarschen); www.strandkiosk-hamburg.de

 

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 Diese Topliste stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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FoodSZENE – „Blutleere Gastronomie braucht kein Mensch“

Jasmin unterwegs – Schanzen-Gastronom Gerrit Lerch hat Anfang November 2018 sein 20-jähriges Jubiläum gefeiert. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Interview: Jasmin Shamsi

SZENE HAMBURG: Galopper des Jahres, Jolly Jumper und seit Neuestem das Chambre Basse – das alles gehört zu deinem Imperium und zum Haus 73. Wie hängen die Bars zusammen?

Im Galopper des Jahres gibt es mittlerweile 16 Hähne mit unterschiedlichen Bieren, regelmäßige Bier-Degustationen und öffentliche Brauerstammtische. Der Jolly Jumper bietet freitags und samstags Clubfeeling mit guter Musik und gut gelaunten Gästen und das Chambre Basse, das ich seit Anfang 2018 zusammen mit David Struck und Felix Piechotta betreibe, ist eine schicke Cocktailbar, in die man sich zurückziehen kann, wenn man den Trubel vom Schulterblatt abschütteln möchte.

Die beiden Kultkneipen BP1 und Bedford, mit denen du ab 1998 eine neue Ära in der Schanze eingeläutet hast, musstest du 2014 schließen. Was hat sich seitdem getan?

Diese beiden Läden abgeben zu müssen, war tragisch und auch ein wenig sinnbildlich für die Entwicklung im Viertel. Subkultur hat es schwer, sich im ständigen Profitstreben zu behaupten. Mit Herzblut betriebene Bars geben einem Viertel Identität, Farbe und Charakter. Blutleere Gastronomien braucht kein Mensch.

 

„Das Hier und Jetzt bei lauter Gitarrenmusik feiern“

 

An welchem Punkt würdest du die Uhr noch mal zurückdrehen, wenn du könntest?

Ich vermisse einen Laden, in dem man zu jeder Nachtzeit gleichgesinnte und spannende Menschen trifft, die in selbstzerstörerischer Art das Hier und Jetzt bei lauter Gitarrenmusik feiern. Am besten auf dem Tresen! So war es halt im BP1. Trotzdem: Ich will überhaupt nichts rückgängig machen. In der Schanze fühle ich mich immer noch zu Hause.

Wo siehst du schwarz für die Schanze?

Gäste, die sich nicht benehmen können, haben schon immer genervt. Belanglose Gastronomien genauso. Geldgeile Vermieter, die durch überhöhte Mieten der Subkultur die Tür vor der Nase zuschlagen sind ein absolutes Ärgernis. Und von Kiosken, die ohne jede Infrastruktur unsere Gäste abgreifen und mit billigen Longdrinks abfüllen, halte ich auch nicht viel.

 

„Eine faire Bezahlung ist das Fundament für ein nettes Miteinander“

 

Überall heißt es, der Gastrobranche gehe der Nachwuchs aus. Bist du davon betroffen?

Zum Glück finden wir immer wieder neue Leute, die Lust haben, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen. Den Speisegastronomien geht es da anders. Grundsätzlich gilt: Für die Branche muss man gemacht sein. Ich erinnere mich an ein Bewerbungsgespräch für einen Ausbildungsplatz zum Hotelfachmann. Die Frage meines damaligen Personalchefs ist mir bis heute im Kopf hängengeblieben: „Sie wissen schon, dass Sie jetzt immer dann arbeiten, wenn andere Leute feiern?“ Unter ständigem Stress nachts an Wochenenden und Feiertagen zu arbeiten und dafür nur ein mäßiges Gehalt zu bekommen, darauf haben viele keinen Bock mehr. Die Arbeitszeiten sind leider nicht zu ändern. Der Stress ist auch da, aber in einem funktionierenden Team ganz gut erträglich. Eine faire Bezahlung ist aber definitiv das Fundament für ein nettes Miteinander!

Schulterblatt 73 (Sternschanze); www.dreiundsiebzig.de


Who the fuck is…

Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online und in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG.


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Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2019. Das Magazin ist seit dem 21. Dezember 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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Wissen, was gut ist #4 – Das Gut Wulksfelde in Tangstedt

Wer sich mit guten und ehrlichen Lebensmitteln beschäftigt, will wissen, wo sie ihren Ursprung haben. Deswegen haben wir fünf regionale Erzeuger besucht. Hier kommt Teil 4 unser Serie „Wissen, was gut ist“, in der wir euch das Gut Wulksfelde vorstellen.

Geschäftsführer Rolf Winter und Leiterin der Tierhaltung Ulrike Schreiber stehen stellvertretend für das gesamte Team von 160 festen Mitarbeitern und ca. 40 Saisonarbeitern des Guts Wulksfelde in Tangstedt. Es liegt direkt vor den Toren Hamburgs und wird seit 1989 konsequent ökologisch bewirtschaftet. Auf den Äckern des Guts wachsen Gemüse und Getreide, Kartoffeln und Erdbeeren (auch zum Selberpflücken).

Rund um den Hof leben außerdem 250 Rinder der robusten Rasse Limousin und Deutsch Angus. Auch die Schweine haben jede Menge Platz zum Ausleben ihres Wühltriebs und die rund 2.350 Legehennen und ihre 40 Hähne leben in zwei Mobilställen, die regelmäßig auf frische Grasnarben verschoben werden.

Als Vorzeigebetrieb ist das Gut Wulksfelde auch ein beliebtes Ausflugsziel: „Mit unseren Veranstaltungen bieten wir den Hamburgern eine tolle Möglichkeit, mit der ökologischen Landwirtschaft, der Natur und mit uns in Kontakt zu kommen“, sagt Winter.

Das hofeigene Restaurant, der Hofladen und das Café sind besonders an den Wochenenden sehr gut besucht. Gut so, denn schließlich steht der Betrieb für eine transparente Landwirtschaft zum Anfassen. Hofführungen, Märkte und Feriencamps für Kinder gehören ebenso zum Programm wie die Möglichkeit, einen der vorbepflanzten, biozertifizierten Gemüseäcker für eine Saison selbst zu bewirtschaften – eine Kooperation mit dem Anbieter Ackerhelden.

Ein Acker mit einer Fläche von 40 Quadratmetern kostet für eine Saison (Mai bis November) 199 Euro und versorgt bis zu drei Erwachsene mit Biogemüse.

Text: Mira Eggerstedt
Foto: Philipp Schmidt

Wulksfelder Damm 15-17, 22889 Tangstedt/Hamburg; www.gut-wulksfelde.de


Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG Essen+Trinken 2018/2019. Das Magazin ist zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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Appetit auf mehr?

Tea Addicts: Die Welt retten, aber erst mal Tee trinken

Die Tea Addicts wollen die Welt verbessern – mit Tee. Auf der Suche nach der besten Ernte und passionierten Teeproduzenten reisen Stephan und Jürgen durch Afrika und Asien.


Betritt man den Laden der Tea Addicts im Hamburger Gängeviertel, brodelt mit
großer Wahrscheinlichkeit der Wasserkocher. Die Holzdielen knarren unter jedem Schritt, die unverputzten Wände versprühen den typischen rauen Gängeviertel-Charme, die Teetassen dampfen und duften. Während des Interviews wird die Reihe der Kännchen auf dem Tisch immer länger, Sencha folgt auf Oolong, Pu-Erh und Ceylon. Zu jedem der Tees können Stephan Suen und Jürgen Pitzschel, zwei Drittel der Tea Addicts, eine Geschichte erzählen. In den letzten zwei Jahren waren sie auf über 50 Plantagen, haben sich durch die Sorten probiert und die Arbeitsbedingungen genau ange- schaut – und dabei so manch skurriles Erlebnis gehabt.

SZENE HAMBURG: Stephan und Jürgen, warum Tee?

Stephan: Wir haben eine Vision für uns formuliert, als wir mit Tea Addicts angefangen haben. Jürgen hat dabei den Anstoß gegeben und gesagt: „Wir wollen mit Tee die Welt retten“ (lacht).
Jürgen: Also, zumindest ein Stückchen besser machen.

Ganz schön große Aufgabe. Wie wollt ihr das schaffen?

Stephan: Einmal beim Einkauf, und einmal auf der Bewusstseinsebene.
Jürgen: Tee wird häufig noch auf sogenannten geschlossenen Auktionen gehandelt, da geht es um den kleinsten Preis. Der weltweite Teehandel steckt zum Beispiel in Indien oder auf dem afrikanischen Kontinent noch in Kolonialstrukturen, auch bei Fair Trade und Bio gibt es immer wieder Skandale. Gütesiegel werden gekauft oder nach der Zertifizierung nicht ausreichend kontrolliert.

Wurdet ihr davon auch schon Zeugen?

Stephan: Was wir alles schon erlebt haben! Tore mit Stacheldraht zum Beispiel, und völlige Intransparenz. Das sagt eigentlich schon viel aus. Ich war vor ein paar Wochen in Georgien und bin mit einer Kamera zur Teeplantage gefahren. Als die Securities das Videoequipment gesehen haben, wollten die uns sofort wieder loswerden. Einer zog dann sein T-Shirt hoch und zeigte mir die Pistole, die er in den Hosenbund gesteckt hatte.

Was macht ihr anders als die anderen Teehändler?

Jürgen: Statt einfach nur anonym Tee zu kaufen, wollen wir die Menschen kennenlernen, die auf den Plantagen arbeiten, wollen sehen, wie die Teepflanzen angebaut und verarbeitet werden. Dadurch schalten wir nicht nur Zwischenhändler aus, sondern können auch die Menschen unterstützen, die umdenken.
Stephan: Ich war dieses Jahr auf einer Plantage in Malawi. Der Besitzer ist Mitte 30, schon sein Urgroßvater hat Tee angebaut – in der möglichst billigsten Produktion. Er möchte das aber so nicht mehr. Seitdem produziert er auf der Plantage transparent einen Biotee mit hoher Qualität und bezahlt seine Leute anständig.

Müssen also nur noch die Teekäufer überzeugt werden?

Stephan: Wir wollen nicht überzeugen, sondern begeistern. Man kann zwar auch mit Angst und Skandalbildern zum Umdenken anregen, wir möchten das aber durch Freude und Leidenschaft erreichen. Bei uns kannst du ein Produkt richtig erleben. Wir wissen genau, wer diesen Tee gepflückt und wer ihn getrocknet hat. Wir haben den Tee schließlich vor Ort gekauft. Außerdem stimuliert Tee den Dopamin- und Serotoninspiegel – er macht also einfach richtig gute Laune.

Hinkt die Teebranche in Deutschland hinterher?

Stephan: Mega!
Jürgen: Das ist auch eine Frage der Perspektive. Wenn man auf Hamburg schaut, dann auf jeden Fall. Hamburg ist eine Handelsstadt, die größte Teestadt in Europa. Hier sitzen einige große, weltweit agierende Firmen, die sich aber in den letzten Jahrzehnten kaum aus den überholten, festgefahrenen Strukturen bewegt haben. In Berlin zum Beispiel ist schon mehr Musik drin. Da haben wir mehr Gleichgesinnte gefunden, sind besser vernetzt. In Hamburg tun wir uns damit schwer.

Bei welchen Plantagen bezieht ihr denn euren Tee?

Stephan: Über die Zeit hat sich bei uns ein Muster herauskristallisiert. Zum einen sind das größere Betriebe, die schon seit Generationen Tee produzieren, und jetzt im Generationswechsel umdenken. Sehr häufig sind das aber auch kleine, familienbetriebene Plantagen. Da kommt in der Erntezeit noch die Nichte aus der Stadt, um mit anzupacken. Im Jahr werden dort vielleicht 200 Kilogramm geerntet, es ist also gar nicht darauf ausgelegt, tonnenweise Tee an Händler zu verkaufen. Es ist viel persönlicher. Wir wurden von diesen Familien schon zum Essen eingeladen, haben lange über unser Verständnis von Tee gesprochen, bevor wir dann eine kleine Menge mitnehmen durften.

Klingt aber auch so, also wären diese Betriebe ziemlich schwer aufzutreiben.

Stephan: Oft ist das reines Glück. Wir waren dieses Jahr in Südwest-China und haben eine der größten Plantagen für Oolong besucht. Es war zwar schön da, aber für uns einfach noch nicht das Richtige. Die Dame, die uns dort herumgeführt hat, holte uns einmal von einer Erkundungstour durch die Plantage ab, hat aber den Weg zurück zum Hotel nicht gefunden. Ein Freund von ihr, der dann ins Auto stieg, um uns zu helfen, war Teeproduzent. Ob das nun wirklich eine zufällige Begegnung war, sei mal dahingestellt.

Habt ihr dann auch Tee von ihm gekauft?

Stephan: Ja. Er hat uns mit zu seiner Familie zum Abendessen genommen, wir haben seine drei Brüder kennengelernt, die mit ihm den Tee anbauen. Die vier waren alle höchstens dreißig und hatten richtig Bock auf Tee. Und sie haben verstanden, was wir wollen, haben uns alle Türen geöffnet und uns alles gezeigt. Diese Offenheit findet man nicht durch eine Internetrecherche.
Jürgen: Es sind meistens die Begegnungen in der Hotellobby oder ein Gespräch mit dem Taxifahrer, die uns dann durch Glück zu den kleinen, unbekannteren Produzenten führen. Und das sind dann die Sweet Spots mit der richtig guten Qualität. Dort wird in kleineren Mengen produziert, die gar nicht auf Export ausgelegt sind und das Land dann meistens nicht verlassen.

Ihr wart schon viel unterwegs und habt wahrscheinlich hunderte Teesorten probiert. Welche schmeckt euch am besten?

Jürgen: Das ist immer abhängig von Laune, Wetter und Jahreszeit. In letzter Zeit habe ich viel weißen Tee getrunken, im Winter tendiere ich aber eher zu dunkleren Tees. Wenn mir jemand eine Pistole auf die Brust setzen und mich morgen auf die einsame Insel schicken würde, dann wäre es aber wahrscheinlich ein japanischer Sencha. Der nimmt auch nicht so viel Platz weg, da kann ich mehr mitnehmen (lacht).
Stephan: Ich würde einen Oolong mitnehmen.
Jürgen: Hoffentlich liegen unsere Inseln nebeneinander, dann hätten wir zwei gute Tees zur Auswahl und könnten tauschen. Per Brieftaube vielleicht?

Interview: Sophia Herzog
Fotos: Tea Addicts

Mehr Infos findet ihr auf der Webseite der Tea Addicts. Auf ihrem YouTube-Kanal stellen die Jungs außerdem die neusten Tees ihres Onlineshops vor und erzählen von ihren spannenden Reisen.


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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1 Frage, 1 Antwort – mit Denis Nitschmann

Denis Nitschmann ist Hobbyastronom und ausgebildeter Sozialökonom mit einem Hang zu alkoholischen und kulinarischen Köstlichkeiten. Nach einigen Jahren in England und Georgien betreibt er jetzt die All Bar in Eimsbüttel.

SZENE HAMBURG: Was kann Hamburg richtig gut?

Soviel kulturhistorisches Sediment wurde über die Zeit angespült und setzt sich weiter wunderbar ab. In den verschiedenen Stadtteilen wird es abwechslungsreich gelebt. In selbst gewählten urbanen Räumen entdecken wir uns selbst, dort wo wir sind, werden wir bestätigt.

Eine Ansammlung von Menschen, die massenweise im Großen aneinander vorbeigehen und sich im Kleinen alltäglich liebevoll begegnen. Die Affinität zur Stadt ermutigt uns, einen Raum greifbar, ja fühlbar zu machen, sodass wir diesen entwickeln, in uns tragen und hervorbringen. Jene sind selten umsonst zu erbeuten, werden alltäglich umkämpft und sind fortwährend bedroht. Keine Urbanität kommt ohne Polarität aus und dennoch erlernen wir einen gemeinschaftlichen Umgang.

So können wir unsere individuellen Bedürfnisse in einem gemeinsamen Raum mit einer universellen Kompetenz bereichern – sofern wir ein Leben in der urbanen Gemeinschaft als ein selbst verstandenes Abenteuer genießen. Die Aufgabe einer Großstadt ist es kulturelle Möglichkeiten zu vermitteln, die das Offene und Mögliche widerspiegeln.

Das kann Hamburg richtig gut, aber potenziell, zweifelsohne noch besser.

Foto: Philipp Schmidt

 ALL: Lindenallee 37 (Eimsbüttel), Di-Sa 18 Uhr: www.all-bar.com


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Thomas Sampl – Gesunde Ernährung fängt bei den Eltern an

Das Thema Ernährungsbildung steht bei Spitzenkoch Thomas Sampl ganz oben auf der Agenda. Ob zu Hause oder in der Schule – frische und regionale Produkte sind für ihn Grundvoraussetzung für eine zeitgemäße Esskultur.

SZENE HAMBURG: Thomas Sampl, bewusste Ernährung ist heutzutage ein Riesenthema. Trotzdem ist jedes fünfte Kind zu dick. Warum?

Thomas Sampl: Das liegt daran, was Eltern ihren Kindern zu essen geben und wie sie sich um sie kümmern. Wir haben kein Problem mit unseren Kindern, sondern wir haben ein großes Problem mit den Eltern.

“Gemeinsames Kochen ist essenziell”

Inwiefern?

Zum Beispiel kochen Eltern mit ihren Kindern nicht mehr zu Hause, sondern stellen ihnen stattdessen Fertigprodukte auf den Tisch. Dabei ist gemeinsames Kochen essenziell. Ich wollte mit Viertklässlern in der Elbinselschule einen Kuchen backen und die Kinder konnten nicht mal ein Ei aufschlagen! Zu Hause kriegen sie fertigen Pfannkuchenteig und Waffeln von irgendeinem Discounter vorgesetzt.

… in denen eine Menge Müll ist. Heißt also: Finger weg von Fertigprodukten und lieber selber machen?

Am besten, man bindet Kinder beim Kochen gleich mit ein: Lebensmittel in die Hand und sie einfach mal machen lassen.

Das ist bei manchen aber vielleicht ein Zeitproblem.

Ja genau, das ist immer die Ausrede. So ein Quatsch. Die Leute haben Zeit dafür, fünfmal in der Woche ins Fitnessstudio zu rennen oder stundenlang vor der Glotze zu sitzen, aber sie haben keine Zeit, sich etwas zu essen zu kochen. Das halte ich für Blödsinn.

Selbst wenn wir kochen: Viele Kinder mögen kein Gemüse, und …

Quatsch.

“Wer Billiggemüse kauft, braucht sich nicht zu wundern”

Wie, Quatsch? Ich kenne eine Menge Kinder, die das Gemüse auf dem Teller zur Seite schieben.

Da muss ich widersprechen. Es stimmt, Kinder essen einige Sachen nicht. Vieles gucken sie sich aber auch von den Eltern ab, etwa eine Abneigung gegen Rote Bete. An den Schulen koche ich deswegen mit Gelber und Weißer Bete oder auch Ringelbete – und die essen die Kinder einfach so weg, weil sie nicht merken, dass es eigentlich Rote Bete ist. Das Hauptproblem ist aber, dass unsere Kinder nicht mehr an vernünftige Lebensmittel rankommen. Wenn ich eine konventionell produzierte Karotte vom Discounter kaufe, dann schmeckt die einfach scheiße. Wer Billiggemüse kauft, braucht sich nicht zu wundern, dass Kinder das nicht essen.

Und was sagst du den Leuten, die sich kein teures Biogemüse leisten können?

Die sollen auf den Wochenmarkt gehen, da geben sie weniger Geld aus als bei Discountern. Nicht bei Fleisch oder Käse, das ist klar. Aber bei Gemüse und Obst, und das sollte ja mindestens 50 bis 60 Prozent unserer Ernährung ausmachen. Auf dem Markt bekommst du Sachen, die schmecken, weil sie nicht nach Aussehen, sondern nach Reifegrad geerntet werden.

Wie stehst du zu Vegetarismus und Veganismus bei Kindern, ist das geeignet und gesund?

Kann man machen, allerdings sollte man dann auf eine ausgewogene Ernährung achten. Bei Veganismus droht Vitamin-B12-Mangel, da muss man konsequent gegensteuern. Wichtig ist vor allem, dass man um diese ganzen Fleischersatzprodukte einen Bogen macht. Oft sind da etliche Geschmacksverstärker und Klebestoffe drin.

“Täglich eine Süßigkeit”

Wie sieht es mit Süßigkeiten aus?

Kinder können täglich eine Süßigkeit essen, wenn sie ansonsten keinen Industriezucker zu sich nehmen. Der steckt aber leider in vielen Fertigprodukten, häufig in versteckter Form. In vielen Fruchtjoghurts zum Beispiel ist unglaublich viel Zucker drin. Mit richtigem Joghurt hat das überhaupt nichts mehr tun, auch geschmacklich nicht.

Wenn mein Kind zu dick oder zu dünn ist – sollte ich es darauf ansprechen? Oder beschwört man dann womöglich eine Essstörung herauf?

Nein, unbedingt die Ursachen herausfinden und mit dem Kind darüber sprechen. Wichtig ist vor allem, gesundes Essen so zuzubereiten, dass es den Kindern schmeckt.

Und wenn sie dann trotzdem nur Nudeln ohne alles essen wollen?

Nicht aufgeben, sondern es immer wieder mit anderen Gemüsesorten und anderen Zubereitungsarten versuchen. Und zwar von Anfang an. Kinder, die frisch gekochten Babybrei aus gutem Gemüse bekommen, werden ganz sicher auch später gerne Gemüse essen.

Kommen wir zu den Kindergerichten in Restaurants: Mehr als Nudeln mit Tomatensoße, Chicken Nuggets, Schnitzel oder Fischstäbchen ist da oft nicht drin.

Unsäglich. Viele Hamburger Restaurants sind überhaupt nicht auf Kinder eingestellt und haben keine vernünftige Kinderkarte. Chicken Nuggets oder Fischfilets kann man grundsätzlich auch frisch zubereiten und mit ein bisschen Gemüse servieren. Aber Tiefkühlprodukte in die Fritteuse zu schmeißen, das geht gar nicht. Leider ist das aber fast überall der Fall.

“Gutes Essen in Kitas und Schulen ist eine Frage der Priorität”

Und wie sieht es mit dem Essen in Hamburger Kitas und Schulen aus?

Da gibt es riesige Unterschiede. Es gibt ganz tolle Caterer wie „Wackelpeter“, die frisches Bioessen auf den Tisch bringen. Grundsätzlich können Schulen den Caterer völlig frei wählen. Man muss nur mit dem Budget haushalten, das die Stadt Hamburg vorgibt. Einige Schulen haben einen Koch eingestellt, andere entscheiden sich für billiges Essen, das 2,50 Euro pro Tag kostet. Das restliche Geld wird dann für andere Projekte wie zum Beispiel ein drittes Austauschprogramm ausgegeben. Eine Frage der Priorität, wie man sieht. Wer unzufrieden ist, sollte unbedingt das Gespräch mit der Schulleitung suchen bzw. eine Eltern-Allianz bilden und dagegen angehen.

Gutes Schul- oder Kita-Mittagessen kostet pro Tag locker 3,50 Euro oder mehr. Für viele Eltern ist das auf die Woche hochgerechnet eine Menge Geld.

Ja, stimmt. Das sollte es uns aber Wert sein – schließlich geht es um unsere Kinder! In anderen Ländern ist es absolut üblich, für gutes Essen ein bisschen tiefer in die Tasche zu greifen. Wir müssen Essen einfach mehr wertschätzen.

Interview: Maike Schade und Jasmin Shamsi
Beitragsbild: Gerrit Meyer


THOMAS SAMPL arbeitet seit Jahren eng mit der Stiftung Kinderjahre, Schlaufox e. V. und dem Jugenderholungswerk zusammen. Er war viele Jahre Küchendirektor im VLET in der Speicherstadt. Als Inhaber von Hobenköök Catering, Smutjes Landgang und Sampl Gastro Consulting bietet er heute auch Kinderkochkurse und Ausflüge auf Bauernhöfe an.


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