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Der Krimi-König

Zu Hause in einem ehemaligen Porno-Kino und Spezialist für Mord und Intrigen – im Imperial steht zum 12. Mal Edgar Wallace auf dem Spielplan. Warum gerade er es dem Intendanten Frank Thannhäuser angetan hat, erzählt dieser im Gespräch

SZENE HAMBURG: Frank, „Der Frosch mit der Maske“ ist die 12. Edgar-Wallace-Inszenierung am Imperial Theater. Was macht ihn so attraktiv für dich?
Frank Thannhäuser: Die Leute lieben Edgar Wallace! Man kann tun, was man will, aber es ist so: Die Leute lieben ihn. Es ist ein Phänomen. Zum Glück können wir uns viel mit dem Stoff erlauben, wenn wir uns treu an die Geschichte halten. Wir können das Buch auf die Belange hier in unserem Haus zuschneiden. Jedes Edgar-Wallace-Stück, das wir gemacht haben, ist somit immer auch eine Uraufführung gewesen.

Wallace hat über 130 Romane geschrieben, warum hast du dich für diesen entschieden?
Es gibt großartige Titel wie „Großfuß“ oder „Drei Eichen“, die nur eingefleischte Fans kennen. Aber davon können wir leider nicht leben. Deswegen müssen wir Titel auswählen, die bekannt sind. Auch wenn wir viel, viel Hirn benutzen müssen, um sie zum Laufen zu kriegen: Für „Die Toten Augen von London“ habe ich beim Schreiben drei Anläufe gebraucht, bis das Buch für die Bühne funktioniert hat.

Was veränderst du in deiner Bühnenadaption?
Wallace ist nicht der Humorstärkste. Aber ein Augenzwinkern sollte in einem Krimi der 30er Jahre nicht fehlen. Man darf die Figuren und die Handlung nicht denunzieren, aber unsere Schauspieler sind Krimi-erfahren und wissen, dass ein Gag, wenn er sich anbietet, mehr als in Ordnung ist.

Zum Beispiel?
Wallace mag keine Anwälte und hohe Regierungsvertreter, sie kommen immer schlecht weg bei ihm. Diese Figuren kann man dann überhöhen. Zum Beispiel im neuen Stück Lord Farmley. Er ist so ein richtiger Regierungsarsch: hochnäsig, despotisch, und selbst wenn er vom Schicksal eine reingewürgt bekommt, ist er immer noch ein Arsch. Das kann man ausspielen und das ist auch lustig, auch wenn es jetzt nicht so klingt (lacht).

Du übernimmst wieder fast alle Tätigkeiten, vom Skript bis zum Nähen der Damenkostüme. Bist du nicht erschöpft?
Ach nein, ich bin ja schon seit einem Vierteljahr in der Produktion. Da kommt immer eins nach dem anderen: erst das Buch, dann das Bühnenbild, die Kostüme, die Proben…

…und du übernimmst für einige Aufführungen ein paar Rollen…
Ja, bei diesem Stück passiert es seit langem mal wieder, dass ich selber mitspiele. Weil unser Schauspieler Heiko Fischer – der bei uns schon den Sherlock Holmes gespielt hat und diesmal gleich sieben Rollen übernimmt – noch woanders engagiert ist. Und da ich ihn nicht aufgrund anderer Engagements verlieren wollte, habe ich mich bereit erklärt, für ihn einzuspringen, wenn er mal keine Zeit hat.

Wie gehst du vor, wenn du so einen üppigen Roman für eure relativ kleine Bühne adaptierst?
Das ist in der Tat immer das Problem. Das Originalbuch hat 280 Seiten, das sind locker mal eben 180 zu viel (lacht). Aber wenn der gute Edgar erst einmal im Fluss ist, dann fügt er gerne einen wei-teren Handlungsstrang nach dem anderen ein. Nicht jeder ist wichtig. Wir verzichten außerdem auf große Umbauarien. Wir haben uns erstmals ein Simultanbühnenbild ausgedacht, in dem alles stattfinden kann. Und es gibt eine Figur – Richard Gordon, der Staatsanwalt und eigentlich die Hauptfigur – die retrospektiv erzählt, was passiert ist. So sparen wir uns Verfolgungsjagden, die wir eh nicht zeigen können.

Welche Locations wird es geben?
Eine alte Fabrikhalle, in der alles anfängt und endet. Die Halle verwandelt sich zwischendurch in sämtliche Nachtclubs, in Scotland Yard, in Waldlichtungen und alles Mögliche. Dafür arbeiten wir viel mit Licht und Ton. Die Wechsel sind im Buch schnell und das Tempo muss man beibehalten. Wenn man nach jeder fünfminütigen Szene zehn Minuten Umbaupause macht, dann geht die Spannung verloren.

Worauf achtest du beim Bühnenbild und bei den Kostümen besonders?
Ich finde es bei so einem Stück wichtig, dass es das Zeitkolorit perfekt widerspiegelt. Je mehr man alte Geschichten modernisiert, desto weniger funktionieren sie. Wenn in „Die Mausefalle“ von Agatha Christie alle Handys gehabt hätten, dann wäre da nicht so viel passiert. Für „Der Frosch mit der Maske“ sind wir in die 30er Jahre zurückgegangen, weil das die Ursprungszeit der Geschichte ist und in diesem Kontext auch gut funktioniert mit der Angst vor der Weltwirtschaftskrise im Hintergrund.

Interview: Ulrich Thiele
Foto: Stefan Malzkorn

Imperial Theater, „Der Frosch mit der Maske“, ab 30.3. (Premiere), immer Do–Sa um 20 Uhr

 


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

 

 

WohnSZENE – Wie viel dürfen Möbel kosten?

(Sponsored) Wie viel ein Möbel kosten darf, diese Frage löste neulich auf Sarah Ramroths Blog Wohn.glück spannende Diskussionen aus. Vor allem wenn es sich um kleinere Möbelstücke, wie ein Stuhl, Beistelltisch oder Regal handelt. Jetzt erklärt Sarah auf www.wohnfreude.de, warum sich ein Mix aus günstigen Trendteilen und teureren Designklassikern bezahlt macht.

Hej,

was ist der teuerste Betrag, den du je für ein Möbelstück ausgegeben hast? Kannst du dich noch daran erinnern? Ich habe mir vor kurzem einen Stuhl gegönnt, der eine spannende Diskussion ausgelöst hat: Wie viel darf ein Möbelstück eigentlich kosten?

Jedem von uns fällt bei der Frage nach hochpreisigen Möbeln als erstes die eigene Couch oder der Kleiderschrank ein. Ja, das sind natürlich Möbel, die einem gerne mal ein Loch ins eigene Bankkonto fressen, welches aber häufig gar nicht in Frage gestellt wird. Schließlich handelt es sich dabei um Möbelstücke, die benötigt werden. Aber was ist mit den anderen ,,kleineren“ Möbelstücken , die im ersten Moment nicht lebensnotwendig sind, wie zum Beispiel ein Stuhl, Beistelltisch oder Regal? Angenommen man hat sich unsterblich in eines davon verliebt, welches dann im ersten Moment gar nicht teuer erscheint, der Blick auf den Preiszettel einem allerdings einen Schlag in die Magengrube versetzt – ist es dann besser direkt einen Haken daran zu machen und nach günstigeren Alternativen zu schauen oder sich zu hinterfragen, warum besagter Stuhl oder das Regal eigentlich so teuer ist?

Text & Foto: Sarah Ramroth

 Dieser Text ist ein Auszug aus Sarahs Beitrag Neue Möbel? Die richtige Mischung macht’s. Weiter geht’s auf www.wohnfreude.de, das Hamburger Online-Magazin rund ums Bauen, Wohnen, Finanzieren mit freundlicher Unterstützung der Sparda-Bank Hamburg eG.


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Sarah Ramroth gibt auf wohnglueck.hamburg und  @wohnglueckhamburg (Instagram) seit über einem Jahr praktische Einrichtungstipps und verbindet sie mit ihrer Liebe zu Hamburg. Einmal pro Monat berichtet sie über Hamburger Wohnthemen für www.szene-hamburg.com und www.wohnfreude.de.

Wanda – „Der Kontrollverlust ist mir sehr recht“

Die Rockgruppe aus Wien spielte sich mit Liedern über kaputte Liebe, Alkohol und Tod in die ganz großen Hallen. Sänger Marco Michael Wanda über Gefühle vor der Masse und Bühnenmomente, die nicht mehr zu beeinflussen sind.

SZENE HAMBURG: Wer zu Wanda kommt …
Marco Michael Wanda: … der kommt! (lacht)

… zum Exzess – zumindest ist das ein weitverbreitetes Bild unter Konzertgängern. Kannst du damit etwas anfangen?
Jeder darf es erleben, wie er mag. Aber es soll um Gottes Willen kein Druck bei den Besuchern entstehen, sich irgendwann in Trance wiegen und durchdrehen zu müssen. Ein Konzert von uns soll erst mal nur ein Anreiz sein, ein Happening. Wir sind da, die Besucher sind da, und wir schauen dann gemeinsam, was passiert.

Und umgekehrt: Welche Gedanken habt ihr beim Bühnengang?
Ich gehe auf die Bühne, weil ich nichts anderes kann. Und ich gehe jedes Mal, als wäre es das letzte Konzert.

Auf der Bühne gibt es viele verschiedene Momente, auch einsame.

Ist es auch jedes Mal ein ähnliches Gefühl dort oben?
Es ist immer anders. Auf der Bühne gibt es viele verschiedene Momente, auch einsame. Vor allem aber gibt es welche, in denen man in ein Energiefeld kommt mit Menschen, die einem vorher völlig fremd waren. Das hat dann etwas sehr Nahes und Wohliges.

Du sprachst von einsamen Momenten. Kannst du die beschreiben?
Man muss sich das Ganze vorstellen wie eine heftige Droge. Es spielen sich Sequenzen ab, ganz von alleine. Auf der Bühne kann man nichts mehr bewusst entscheiden. Man wird von Dingen irgendwann irgendwo hingezogen, die man gar nicht beschreiben kann.

Also ein Kontrollverlust?
Ein Kontrollverlust, der mir sehr recht ist.

Routine und Sicherheit setzen nicht ein, nach so vielen gespielten Konzerten?
Bis jetzt habe ich das noch nicht bei mir beobachtet. Sicher auch deshalb nicht, weil ich Konzerten immer noch mit großem Respekt und Demut begegne. Ich erlebe ja gerade einen unglaublichen Existenzialismus, der einfach geil ist.

Die Masse vor der Bühne will dich kennenlernen, du kennst die Masse schon etwas. Kennst du auch eine Sucht nach der Masse?
Zumindest mag ich die Situation, vor vielen Menschen zu stehen, sehr gerne. Ich finde, dass in der Anonymität eine tiefe Vertrautheit steckt.

Das musst du erklären.
Man muss sich mal anschauen, wie wir leben: Wir gehen eigentlich ständig aneinander vorbei und begegnen uns kaum. Der Begriff „Masse“ ist allgemein auch eher negativ konnotiert und mit Angstgefühlen behaftet. Ein Konzert empfinde ich da geradezu als erlösend. Ich muss sogar sagen, dass ich manchmal lieber im Publikum wäre als auf der Bühne. Es zieht mich zu diesen Menschen.

Erfolg ist so eine blutleere Sache, eigentlich gibt es ihn gar nicht.

Gibt es denn etwas, was der Band-Erfolg mit sich bringt, und wovon du gar nicht mehr genug bekommen kannst?
Erfolg ist so eine blutleere Sache, eigentlich gibt es ihn gar nicht. Es gibt nur Musik und Menschen, zumindest nehme ich nichts anderes wahr. Ich habe also ein Nicht-Verhältnis zum Erfolg. In ruhigen Momenten habe ich schon mal versucht zu spüren, ob das alles etwas mit mir macht, aber es macht erstaunlich wenig mit mir.

Und kannst du der ständig gesteigerten Popularität an sich nur Positives abgewinnen? Oder würdest du auch gerne mal wieder durch Wien gehen können, ohne Selfies machen zu müssen?
Das ist mir schon noch möglich. Die Menschen sind ja auch überfüttert mit Inhalten. Natürlich, wenn eine Platte herauskommt, stehe ich in der Öffentlichkeit und werde sehr oft erkannt. Und wenn es dann ein bisschen ruhiger wird, werde ich nur noch angeschaut, und man scheint zu denken: „Das ist er nicht, das kann er nicht sein!“ Das alles läuft in Wellen. Ich habe das Gefühl, sechs Monate ist man wer, und sechs Monate ist man niemand.

Würde es für dich die Schönheit der Kunst reduzieren, wenn weniger Menschen zu euren Konzerten kämen?
Hmm (überlegt lange). Keine Ahnung, bisher habe ich das noch nicht erlebt, es werden eigentlich immer mehr. Aber auch, wenn ich es noch nicht in der Karriere erfahren habe, habe ich doch schon Auf- und Abwärtsbewegungen im Leben erleiden müssen. Ich bin mittlerweile schon etwas geschult, mit Niederlagen umzugehen. Auf jeden Fall habe ich vor, mich in jeder noch kommenden Lebensniederlage tapfer zu schlagen.

Du hast mal gesagt, dass du schon als Zwölfjähriger gewusst hättest, dass du ein Star wirst. Hast du aus heutiger Star-Sicht auch ein Bild von deinem 50-jährigen Ich?
Ich glaube, dass man als Kind ein sehr festes Bild von dem hat, der man mal sein wird. Zu der Zeit ist ja auch noch alles möglich. Jetzt werde ich mich nicht mehr prognostisch oder mystisch puschen. Ohne den Vorteil der jugendlichen Hybris maße ich mir nicht an, in die Zukunft zu schauen. Ich hoffe einfach, dass ich lange genug da bin, um dieses komische Ding in meinem Hirn zu besiegen. Ich möchte schon in Klarheit abtreten, und das ist noch lange nicht der Fall. (lacht)

Interview: Erik Brandt-Höge

Sporthalle
24.3.18, 20 Uhr


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Erster Teil: Die glorreichen 8 – Nina Kämpf

Acht Frauen, eine Branche: Wir haben grandiose Hamburgerinnen getroffen, die jeden Tag aufs Neue die Gastroszene aufmischen. Mit Pizza und Pasta, mit Fleisch und Wein – und mit viel Leidenschaft. Den Anfang macht Nina Kämpf von Mama aempf.

Nina Kämpf, 24, arbeitet als freie Foodjournalistin – unter anderem für den Hamburg-Blog von Mit Vergnügen, das starke Frauenmagazin Barbara und den Fernsehsender Kabel 1. Im Herbst 2017 erwartet die junge Hamburgerin ihr erstes Kind und schreibt darüber ganz und gar ehrlich auf ihrem Blog Mama aempf. Aber: Nina Kämpf will keine dieser Influencer mit perfektem Instagram-Kanal werden: „Ich möchte auch nach außen sein, wie ich bin, mein eigenes Ding machen und schreiben, wie es mir gefällt.“ Authentizität steht für sie an erster Stelle – denn das fehle vielen Printmedien heute. Für sie auch der Grund, warum einige Blogs so erfolgreich sind. Ob sie für immer im Journalismus bleiben möchte, weiß Nina Kämpf noch nicht. „Vielleicht mache ich irgendwann doch noch eine Kochausbildung.“

Fotos: Philipp Schmidt

Texte: Jennifer Meyer

www.mamaaempf.com

 


Essen+Trinken 2017/18 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG ESSEN + Trinken 2017/2018. Das Magazin ist zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Thalia Premiere – Ein Panorama der Generationen

Die Popliteratur hält mit „Panikherz“ Einzug auf der Bühne des Thalia Theater. Der Dramaturg Matthias Günther erzählt, warum das Buch es wert ist.

SZENE HAMBURG: „Panikherz“ als Popliteratur sticht im Premierenplan zwischen den Klassikern hervor. Wie kam es zu dieser Wahl?
Matthias Günther: Das war ein Vorschlag des Regisseurs Christopher Rüping und wir fanden die Idee gut. Der Roman von Benjamin Stuckrad-Barre hat einen starken Hamburg-Bezug. Ein wichtiger Teil seiner Stadterfahrung hat hier stattgefunden und war nach seinen Jugendjahren in der Provinz für seine persönliche Entwicklung eine wichtige Station. Zudem spielt Udo Lindenberg, der ja bekanntermaßen eine zentrale Größe in der Stadt ist, eine wichtige Rolle. Der Roman ist große Literatur, denn Stuckrad-Barre ist ein sehr beachtlicher Journalist, der sehr genau die Wirklichkeit, in der wir uns bewegen, mit einer großen Sprachwucht beschreibt.

Warum gerade Udo Lindenberg?
„Panikherz“ orientiert sich an der Schattenfigur Udo Lindenberg, weil es zum einen witzige Anekdoten sind, wenn er sich auf dessen Lieder in den jeweiligen Lebensphasen bezieht. Aber vor allem war es die Musik seiner Jugend, durch die er zum ersten Mal Zugriff auf die Welt bekam. Udo Lindenberg ist immer er selbst. Sein Ich und sein Image sind komplett verschmolzen, was für Stuckrad-Barre eine hochinteressante Konstruktion ist. Wie kann man ein Image entwerfen, das mit sich selbst identisch ist? Und das in einer Oberflächen-Kultur zu Spott führt. So wie seine Mutter in ganz frühen Jahren zu ihm sagte: „So haben wird dich nicht erzogen, zu so einer Oberflächlichkeit.“ Und damit meinte, da müsse doch mehr sein, als dass er davon träumt, mit einem neuen Nike-T-Shirt in der Schule auftrumpfen zu wollen.

Was meinen Sie mit Oberflächen-Kultur?
Stuckrad-Barres Bücher stehen ja für einen bestimmten Stil, die Popliteratur. Ein zentrales Kennzeichen dieses Genres ist das Hantieren mit Oberflächen. Böse gesagt, mit Oberflächlichkeit. Wie präsentiere ich mich? Was habe ich für ein Image und wie kann ich mein eigenes Ich immer wieder so formen, dass es ein leuchtendes Beispiel wird? An dieser Oberflächlichkeit arbeitet sich Stuckrad-Barre ab, durchlebt sie in der Gestalt als Popliterat. Bei dem Versuch aus seinem eigenen Leben ein Image zu kreieren, stößt er an Grenzen. Wodurch er, ähnlich wie viele Rockstars, nach der großen Karriere, nach den strahlenden Momenten, fürchterlich abstürzt. In eine Drogensucht und Bulimie, deren Krankheitssymptome schrecklich sind und die er in Panikherz schonungslos beschreibt. Die Kehrseite vom Ruhm und Ekstase zeigt sich bei ihm in einem kompletten Zusammenbruch.

Ist das die Kehrseite vom Ruhm oder die Folgen einer nicht erfüllten Sehnsucht?
Die Frage ist, was man in sich trägt. Bei ihm spielt sicherlich die Grundvoraussetzung, dass er unbedingt ins Scheinwerferlicht wollte, eine große Rolle. Und dafür ist er einen sehr graden aber erbarmungslosen Weg gegangen.

Welche Relevanz hat der Roman für die heutige Zeit?
Wir behaupten die kühne These, dass Stuckrad-Barres Literatur vielleicht in 200 Jahren die Bedeutung hat wie Goethe für uns heute. Das ist eine sehr kühne These, aber seine Literatur ist so stark, die Satzkonstruktionen brillant, und sie ist von unglaublicher literarischer Qualität. Durch die Genauigkeit mit der er Situationen beschreibt, versteht der Leser erst, dass der konstruierte Held seiner Biografie in einem Dauerdialog mit seinen Erinnerungen steht. Mit dem, was er einst in seiner Jugend war und was er heute ist. Als Stuckrad-Barre „Panikherz“ schreibt, ist er in keiner guten Verfassung. Er befindet sich in einem Hotel in Los Angeles und wird mit seinen Erinnerungen konfrontiert. Und wie er selber sagte, müsse man höllisch aufpassen, wenn man sich in die eigenen Erinnerungen hineinbegebe und sie dadurch zur Gegenwart werden. Das sei, als würde man einen Kampfhund kitzeln. Dadurch schreibt Stuckrad-Barre mit diesem Doppelblick – der Riss zwischen der individuellen Formulierung und der Bestimmtheit einer Gesellschaft, den große Literaten auszeichnet. Auch gibt es eine Verbindung zu Heinrich von Kleist, der ihm in dieser Ruhelosigkeit, sich nicht verorten und nicht wohnen zu können, sehr ähnlich war. Von Kleist rutschte ständig in Krisen, wusste nicht, wie es weitergeht und hatte keinenLebensplan. Und das zeigt Stuckrad-Barre für unsere heutige Zeit an der Figur Stuckrad-Barre.

Wie bringen Sie die vielen inneren Welten der Figur auf die Bühne?
Christopher Rüping stellt ein Ensemble auf die Bühne, das unterschiedliche Altersgruppen repräsentiert. Zum Beispiel beginnt das Stück mit der legendären Eingangsszene als Stuckrad-Barre und Udo Lindenberg am Flughafen in Amerika einreisen. Gesprochen wird dieser Textabschnitt von Sebastian Zimmler, Mitte dreißig, und Peter Maertens, der über achtzig Jahre alt ist. Diese Konstellation stellt nicht figürlich einen jungen und alten Mann dar, sondern eine jüngere und eine ältere Position. Es ist eine andere Form der Verbildlichung. Denn der Hauptdarsteller ist der Text, der unverändert geblieben ist, und in Verbindung mit den Stimmen und der Körperlichkeit der Schauspieler entsteht ein Panorama der Generationen. Der Text soll nicht in der Generation Stuckrad-Barre festgezurrt werden, denn seine Wucht ist altersübergreifend.

Was ist Ihre Aufgabe als Dramaturg?
Ich begleite diese Produktion beratend im Sinne von „Der alte Mann erzählt von früher“ (lacht). Ich bin zehn Jahre älter als Stuckrad-Barre und kenne die von ihm beschrieben Lebenswelten aus eigener Erfahrung – wie zum Beispiel die damalige Bedeutung von Udo Lindenberg. Oder die Passagen, in denen er beschreibt, wie sich für ihn die Welt öffnet, als er nach Jahren in der Provinz plötzlich in Göttingen überall die Plakate sieht, die Westernhagen, Grönemeyer und Kunze in der Eissporthalle Kassel ankündigen. Ich komme aus Kassel und kann mich noch genau daran erinnern. Zum anderen werde ich selbst als Pop-Dramaturg betitelt. Das heißt, ich befasse mich schon sehr lange mit der gleichen Fragestellung, die die Popliteratur umtreibt. Die Welten, in denen Stuckrad-Barre andockt, erzählen mir sofort was.

Interview: Hedda Bültmann 

Foto: Philipp Schmidt 

Thalia Theater, „Panikherz“, 17.3. (Premiere)


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

WohnSZENE – Mit Stil in die neue Wohnung

(Sponsored) Jeder, der schon mal umgezogen ist, kennt das Gefühl: Das Ein- und Auspacken kann schon mal etwas anstrengend werden – das Einrichten des neuen Zuhauses hingegen macht Spaß und ist inspirierend zugleich. Interior-Bloggerin Sarah Ramroth erzählt uns hier und auf www.wohnfreude.de – dem informativen Lifestyle-Blog der Sparda-Bank Hamburg – wie sich mit Kreativität und guter Organisation die neue Wohnung stillvoll einrichten lässt.

Hej,

in meinem letzten Beitrag habe ich mich mit dem Thema Umzug und den dazugehörigen To-dos beschäftigt. Die beinhalten ja meist eher die Dinge, die leider viel Geld kosten (Umzugswagen, Halteverbotsschilder & Co.), um die man aber auch leider nicht herumkommt. Viel schöner sind da doch die To-dos, die bei einem Umzug anfallen und für die jeder nur allzu gerne Geld ausgibt! Okay. Jeder ist jetzt wahrscheinlich auch wieder übertrieben, aber ich denke die meisten von uns lieben es, sich neue Möbel auszusuchen. Bevor es allerdings zum Schweden & Co. geht, um mal nicht nur Kerzen zu kaufen, sollte man sich im Vorfeld vielleicht einige To-dos überlegen.

Während in der alten Wohnung noch die Farbe weiß dominierte, sind jetzt dank einer dunkelblauen Wand viele Messingakzente eingezogen. Foto: Sarah Ramroth

Ich habe bei meinen letzten Umzug verschiedene To-do-Listen (insgesamt waren es vier) angelegt, um den Überblick zu behalten. Es gab zwei Listen, die sich sowohl mit der alten als auch der neuen Wohnung beschäftigt haben und auf denen jeweils stand, was alles erledigt werden muss. Zusätzlich habe ich zwei Listen geführt, die mir ein wenig mehr am Herzen lagen. Auf der einen habe ich alles notiert, was ich an Möbelstücken und Krimskrams verkaufen möchte. Auf der anderen stand, welche Möbel oder Deko ich mir gerne neu kaufen möchte. Diese Liste war so gesehen das Herzstück meiner Umzugs-To-do-Listen! Sie war wirklich nicht schwer vollzubekommen, da für mich feststand, dass ich nicht vieles aus meiner alten Wohnung mit umziehen lassen wollte.

Die Idee, sich komplett neu einzurichten, klingt für die meisten von uns wahrscheinlich sehr verlockend. Im nächsten Atemzug stellt sich dann allerdings die Frage, woher man das Geld dafür nehmen soll. Und genau das ist der Grund, weshalb viele wieder von dem Gedanken abweichen, bei einem Umzug in neue Möbel zu investieren und doch lieber die alten Möbel mit umziehen lassen. Schließlich ist man ja nicht Krösus und hat mal eben ein paar Tausender auf dem Konto über. In diese Falle wollte ich diesmal allerdings nicht tappen! Es musste somit ein Plan her, wie ich mir meine neuen Möbel finanziere!

Text & Foto: Sarah Ramroth

 Dieser Text ist ein Auszug aus Sarahs Beitrag Einrichten – mit Stil in die neue Wohnung. Weiter geht’s bei www.wohnfreude.de, das Hamburger Online-Magazin rund ums Bauen, Wohnen, Finanzieren mit freundlicher Unterstützung der Sparda-Bank Hamburg eG.


Who the fuck is…

Sarah Ramroth gibt auf wohnglueck.hamburg und  @wohnglueckhamburg (Instagram) seit über einem Jahr praktische Einrichtungstipps und verbindet sie mit ihrer Liebe zu Hamburg. Einmal pro Monat berichtet sie über Hamburger Wohnthemen für www.szene-hamburg.com und www.wohnfreude.de.

Meet the Resident: Melbo

Jeden Monat stellen wir in der SZENE HAMBURG Resident DJs vor. Im Januar 2017 ist Melbo an der Reihe. Gebürtig aus London, aufgewachsen in Wien, steht die 32-Jährige seit 2013 in Hamburg hinter den Decks.

Schrägster Gast- Kommentar: Du hast richtig gut aufgelegt, aber ich bin besser.

Platte des Monats: Ryan Murgatroyd – Something Said.

Lieblingsplatten:
Kruder & Dorfmeister – The K&D Sessions, Röyksopp – Melody A.M., Trentemøller – The Last Resort, Dj Shadow – Entroducing.

Größter Moment als DJ:
Ich habe einmal vor „nur“ drei Leuten aufgelegt, aber einer von ihnen ist nach meinem Gig zu mir gekommen und meinte, dass es wunderschön war und dass er sich so richtig fallen lassen konnte. Das hat diesen eigentlich bescheidenen Gig völlig aufgewertet und mich daran erinnert, dass es egal ist, vor wievielen Leuten man als DJ spielt. Das Wichtigste daran bleibt, dass man eine Geschichte erzählt, die jemanden berührt hat.

Was nervt in Hamburg:
Eindeutig das Wetter und der hohe Mietspiegel.

Party des Monats (Februar 2018): Recondite live (16.2.18, Uebel & Gefährlich, 24 Uhr) / Konzert: Mars Mobil im Jazz Café (1.2.18).

/ OMA 

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Lucy Fricke – Das Archiv im Kopf

Ein Gespräch mit der Autorin über ihr Erfolgsprojekt HAM.LIT, die Schwierigkeiten der Kunst und ihren neuen Roman.

SZENE HAMBURG: Lucy, du bist gebürtige Hamburgerin und lebst jetzt in Berlin. Als Schriftstellerin: Welche Stadt ist inspirierender? Und warum überhaupt?
Lucy Fricke: In der Millennium-Nacht habe ich hoch pathetisch verkündet, dass ich Hamburg verlassen werde. Zwei Wochen später hatte ich eine Wohnung in Berlin. Ich musste einfach mal raus, wollte durch andere Straßen ziehen und nicht an jeder Ecke irgendwelchen Erinnerungen begegnen. Das war nötig und enorm befreiend, ich kannte damals niemanden in Berlin, und habe auch erst hier ernsthaft mit dem Schreiben begonnen. Alles Neue ist für mich inspirierend. Inzwischen ist Berlin längst nicht mehr neu und Hamburg als Heimatstadt natürlich auch nicht, also versuche ich, so oft wie möglich auf Reisen zu gehen. Ich reise nicht, um zu entspannen, sondern um wach zu werden. An anderen Orten sind bei mir alle Kanäle offen, ich sauge alles auf und kehre dann zum Arbeiten an den Schreibtisch zurück.

Als Mitglied des PEN Deutschland hast du nicht nur den Blick durch die Augen einer Schreibenden, sondern auch die exogene Perspektive auf das Schaffen anderer Autoren. Mit welchen Schwierigkeiten bist du dort konfrontiert?
Vor einigen Jahren war ich zehn Wochen lang im International Writing Program an der Universität Iowa. Von 30 Schriftstellern aus 28 Ländern war ich die einzige, die vom Schreiben halbwegs leben konnte. Nicht, weil ich mehr Erfolg, Talent oder Disziplin gehabt hätte, sondern weil ich in Deutschland lebe. Hier gibt es Preise und Stipendien, Verlagsvorschüsse, Honorare für Lesungen.

Das ist die Frage nach dem Überleben des Künstlers…
Und die nach der Freiheit, das zu schreiben, was man will. Ich saß dort abends mit Autoren in der Kneipe, die in ihren Heimatländern Todesdrohungen erhalten hatten, jahrelang inhaftiert gewesen sind oder auf der Liste des pakistanischen Geheimdienstes standen. Sie schrieben unter Lebensgefahr. Wenn einem das erst einmal bewusst ist, fängt man an, sich für verfolgte und inhaftierte Schriftsteller zu engagieren, das ist eines der Hauptanliegen vom PEN-Club. Außerdem hört man auf zu jammern. Jedes Selbstmitleid verbietet sich, sobald man weiß, unter welchen Bedingungen die internationalen Kollegen leben und schreiben.

Du selbst hast gerade dein viertes Buch zur Welt gebracht und gehst damit auf Premierenlesung. Ist der Konflikt in „Töchter“ biografisch beeinflusst oder ein fiktives Dokument gesellschaftlicher Geschichte?
Die Handlung im Roman ist fiktiv, alles andere ist so oder so ähnlich gesagt, gedacht und erlebt worden. Man könnte sagen: Alle Details stimmen, der Rest ist frei erfunden. Seit ein paar Jahren sind im Freundeskreis die Eltern ein größeres Thema. Das Verhältnis kehrt sich um, sie brauchen jetzt unsere Hilfe. Der Blick auf sie ändert sich, wenn sie kurz vorm Tod stehen. Meinen Eltern geht es zum Glück noch sehr gut, aber meine Hoffnung beim Schreiben war auch, mit Gesprächen zu beginnen, bevor es zu spät ist.

Vor deiner schriftstellerischen Ausbildung in Leipzig hast du beim Film gearbeitet: Für die Hamburger Klassiker „Kurz und Schmerzlos“ und „Absolute Giganten“ warst du verantwortlich für Script und Übergänge. Wie haben diese Projekte dein späteres, jetziges Schaffen beeinflusst?
Script/Continutiy ist ein wahnsinnig akribischer Job, man ist zuständig für die sogenannten Anschlüsse und muss sich alles merken. Nach über 20 Filmproduktionen habe ich das Beobachten aufs Härteste trainiert, das ist ins Unterbewusstsein eingedrungen. Ich scanne quasi permanent meine Umgebung und kann das beim Schreiben abrufen. Also verfüge ich über ein riesiges Archiv detailgenauer Aufnahmen. Ich erfinde wenig und hole fast alles aus der Erinnerung.

2010 war dann endlich das Jahr der HAM.LIT: Du hast die Veranstaltung initiiert und leitest sie noch heute. Was hat sich in den letzten acht Jahren verändert – sowohl notgedrungen, als auch aus gewollter Entwicklung heraus?
Das Kuratieren ist viel aufwendiger geworden. In den ersten zwei Jahren habe ich hauptsächlich Freunde und Bekannte eingeladen, Autoren, die ich kannte, deren Arbeit ich schätzte. Aber so viele Freunde habe ich nun auch nicht, dass ich jedes Jahr 15 neue bei der HAM.LIT präsentieren könnte. Inzwischen wählen wir aus etwa 40 bis 50 Büchern aus, wir fordern viel an, aber noch viel mehr wird uns zugeschickt, von den Verlagen, manchmal auch von den Autoren direkt. Es ist wirklich in Arbeit ausgeartet.

Nach welchen Kriterien wählt ihr Autoren und Musiker des Line-ups aus?
Daniel Beskos als Verleger und ich als Autorin bewegen uns viel in der Szene, alles was uns auffällt kommt erst mal auf die Liste. Es ist zum Glück immer noch so, dass wir einladen können, wer uns gefällt und überzeugt, unabhängig von Verkäuflichkeit. Die Qualität ist für uns das Wichtigste. Und es sollen nicht nur verschiedene Gattungen präsentiert werden, sondern auch unterschiedliche Stile und Themen, Debütanten und etablierte Autoren.

Dafür bedarf es sicherlich eines guten Supports…
Seit Jahren stärken uns die Kulturbehörde und verschiedene Stiftungen den Rücken, allen voran die Hamburgische Kulturstiftung, die uns von Beginn an auf beeindruckende Weise unterstützt, ohne die würde gar nichts gehen.

Und deine Motivation?
Tatsächlich habe ich die HAM.LIT aus purem Frust gegründet. Mein erstes Buch war erschienen, ein ziemlicher Flop, und ich hatte Lesungen hinter mir, die von Seiten der Veranstalter derart lieblos und inkompetent organisiert waren, dass ich dachte: Das muss doch anders gehen. Ich habe von Autorenseite aus gedacht: Wie sollte eine Veranstaltung sein, bei der ich selbst gern lesen würde. Das halte ich immer noch für den besten Weg: Wenn es den Künstlern gut geht, profitiert davon das Publikum. Und ich glaube, das bekommen wir ganz gut hin. Dass der Abend inzwischen jedes Jahr ausverkauft ist, spricht dafür. Das sorgt auch für die hohe Motivation, wenn sich am Ende des Abends die Gäste und die Künstler bei uns bedanken, das macht uns glücklich. Wir träumen schon lange davon, HAM.LIT auf Tour zu schicken. Alle KünstlerInnen in einen Bus und am nächsten Tag dasselbe Programm in einer anderen Stadt. Eine Band, die jedes Jahr nur für ein paar Tage existiert, das wäre was.

Interview: Jenny V. Wirschky 

HAM.LITUebel & Gefährlich, 1.2.18, 19 Uhr

 

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Tocotronic: Das hat viel Kraft gekostet

Die Band, die sich bisher so schwertat, etwas Persönliches preiszugeben, veröffentlicht plötzlich ein autobiografisches Album: „Die Unendlichkeit“. Warum, wieso, weshalb: ein Gespräch mit Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzow.

SZENE HAMBURG: Dirk, über das neue Tocotronic-Album „Die Unendlichkeit“ habt ihr als Band bereits festgehalten: „Mit ganz einfachen Worten, offen und ungepanzert, berichten wir über uns selbst.“ Wie würdest du diese vorherigen „Panzer“ denn beschreiben? Und: Fiel es schwer, sie abzulegen?
Dirk von Lowtzow: Ich denke, man trägt zunächst immer eine Art Körperpanzer mit sich herum, wenn es um persönliche, autobiografische Themen geht. Man will sich schützen, wenig von sich preisgeben. Man sucht nach einer gewissen Distanz. Nicht zuletzt auch zu sich selbst. Im autobiografischen Schreiben für das Album musste ich diese Distanz zu mir selber überwinden, was teilweise eine sehr verstörende, im Großen und Ganzen aber spannende Erfahrung war. Die Entscheidung, für das Album autobiografische Lieder zu schreiben, erforderte auch eine Entscheidung in der Form: Während wir mit Tocotronic bei vorherigen Alben oft nach abwegigen Konstruktionen gesucht haben, um etwas von uns preiszugeben, haben wir hier die Einfachheit gesucht, weil wir wussten, dass in ihr eine große Kraft steckt.

Geführt hat diese Öffnung zu Liedern, die von nicht weniger als Angst, Liebe, Einsamkeit und Tod handeln. Welches Thema hat beim Songschreiben am meisten von dir abverlangt?
Der Song „Unwiederbringlich“, der vom angekündigten Tod meines ältesten Jugendfreundes handelt, war sicherlich der am schwersten zu schreibende Song. Das hat viel Kraft gekostet und ich habe mit Jan Müller, der ein hervorragender Lektor ist, um jedes Wort gerungen.

Es geht nun auch um deine Zeit vor Hamburg: Ums Außenseiterdasein, Beleidigungen, Flucht. Rückblickend: Welche Lebenslektionen musstest du in deiner Jugend lernen?
Ich bin recht behütet in der westdeutschen Provinz der siebziger und achtziger Jahre aufgewachsen, war als Kind sehr fantasievoll und kreativ, aber auch ein Angsthase. Ich habe früh gelernt, dass ich nicht in die auf Stärke und Dominanz ausgerichtete Welt meiner männlichen Mitschüler passe. Außerdem hatte ich ein frühes Faible für modische Extravaganzen, weshalb ich oft Beleidigungen und Bedrohungen ausgesetzt war, wenn ich durch die Fußgängerzone stolzierte (lacht). Diese Erfahrung haben wir alle in der Band gemacht, selbst Rick drüben in Maine, so kam es zu dem Lied „Hey Du“.

Für Dirk von Lowtzow war Hamburg ein „absoluter Sehnsuchtsort“. Foto: Michael Petersohn

Wann war die erwähnte Flucht unausweichlich? Und warum fiel die Wahl auf Hamburg?
Mein großer Traum war es schon als Jugendlicher, in einer Rockband zu spielen, das gestaltete sich in der Provinz aber sehr schwierig. Hamburg war mein absoluter Sehnsuchtsort, da ich die ersten Alben der Bands der „Hamburger Schule“ kannte. Ich war Fan von „Capt. Kirk &“, der „Kolossalen Jugend“ und „Huah!“ Als ich durch einen Zufall Jan Müller kennenlernte und durch ihn Arne Zank und wir durch die Bandgründung diesen Zufall sozusagen fixierten, war mein Traum endlich Wirklichkeit geworden. Das hätte zu diesem Zeitpunkt nur in Hamburg passieren können.

Habt ihr euch als Tocotronic auch sofort gut aufgehoben gefühlt in der Hamburger Musiklandschaft? Oder war eure Szene vergleichsweise klein und das Gefühl des Andersseins auf neue Weise wieder sehr präsent?
Die Hamburger Musikszene zu jener Zeit hatte eine eigene Strenge, eine eigene Härte, die sich zum großen Teil noch einem sehr maskulinen 80er-Jahre-Weltbild verdankte, gewürzt mit einem Schuss Ironie und einem Spritzer Ideologie. Es war ein bisschen wie eine außerinstitutionelle Akademie. Oft war ich als etwas zu gefühliger süddeutscher Indieboy mit einer Schroffheit konfrontiert, die ich so vorher nicht kannte. Aber es war eine gute Ausbildung (lacht).

Was meinst du, welche Denkweise oder auch Bandphilosophie euch karrieretechnisch vorangebracht hat? Ein schlichtes Sich-niemals-Verbiegen-lassen? Oder gab es mehr als eine Regel, die ihr euch auferlegt habt? Oder aber: gar keine Regel?
Ich glaube, wir sind ein ziemlich schrulliger Haufen. Bei uns ist in mancherlei Hinsicht, auch karrieretechnisch, Hopfen und Malz verloren.

Ein weiteres Thema auf „Die Unendlichkeit“: Hoffnungen. Welche haben sich denn in Hamburg für dich voll und ganz erfüllt?
Ich bin Musiker geworden. Und ich habe in Hamburg Jan, Arne und später Rick kennengelernt, und darf mit ihnen im Kollektiv arbeiten. Es klingt ein bisschen kitschig, aber ich bin darüber sehr glücklich und meine Hoffnungen haben sich dadurch erfüllt. Ich finde es nachgerade ein Politikum, dass es diese Band nach 25 Jahren noch gibt und wir mit der Gruppe immer genau das machen konnten, was wir wollten. Das ist heutzutage keine Selbstverständlichkeit mehr. Mit Klick-Zahlen kann man leider keine Diskurse führen. Man fühlt sich demgegenüber manchmal ein bisschen wie ein alter Freibeuter. Das passt ja wiederum ganz gut zu Hamburg (lacht).

Nicht ganz unspannend am Ende: Würdest du es noch mal genauso machen? Noch mal nach Hamburg flüchten?
Ja, selbstverständlich.

Könntest du dir auch eine Rückkehr nach Hamburg aus Berlin vorstellen?
Im Augenblick ehrlich gesagt nicht, denn ich fühle mich in Berlin sehr geborgen. Aber man soll ja nie „nie“ sagen. Eine steife Hamburger Brise kann ja ganz wohltuend sein.

Interview: Erik Brandt-Höge

„Die Unendlichkeit“ erscheint am 26.1. (Vertigo Berlin/Universal); 16.3., Große Freiheit 36, 19 Uhr

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!