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Fettes Brot über „Viva La Bernie“ und Protestkultur

Fettes Brot: Die Hamburger HipHopper haben kürzlich gemeinsam mit weiteren Künstlern ihr Arbeitszuhause in der Bernstorffstraße 117 gerettet. Die Bewegung „Viva La Bernie“ wurde zum Symbol gegen Gentrifizierung nicht nur in Hamburg, sondern in allen deutschen Großstädten.

Wir haben Dokter Renz, König Boris und Björn Beton besucht und über Band- und Stadtpolitik gesprochen.

Interview: Erik Brandt-Höge
Fotos: Jens Herrndorff

SZENE HAMBURG: Fettes Brot, im Rahmen eurer Radioshow „Was Wollen Wissen“, zu der es nun auch ein Buch gibt, habt ihr erklärt: „Wir wissen zwar nicht alles, haben aber auf alles eine Antwort.“ Beschreibt das auch den Drang, zu allem etwas zu sagen?

Björn: Null! Ich finde, es ist eine bescheuerte Entwicklung unserer Zeit – vermutlich durch das Internet befeuert – zu allem seinen Senf abzugeben.

Bei anderen vielleicht auch eine Folge des ständigen In-der-Öffentlichkeit-Stehens? Viele prominente Künstler entwickeln mit der Zeit geradezu einen Äußerungszwang.

Björn: Ja, wobei wir Musiker mittlerweile ja auch zu den absurdesten Themen der Welt befragt werden – als ob wir dazu wirklich etwas sagen könnten.

Nie in Versuchung gekommen?

Boris: Ist ’ne Trainingssache. Ich spreche jetzt mal nur für mich: Als wir mit Fettes Brot anfingen, war ich deutlich ängstlicher, was das Dasein in der Öffentlichkeit angeht.

Inwiefern?

Boris: Ich war unsicher, wie ich reagieren sollte, wenn mich Leute ansprechen und mir sagen, dass sie mich entweder toll oder doof finden. Das musste ich erst mal lernen.

 

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Fettes Brot wollen Hamburg nicht als „Hort der Glückseligkeit“ erhöhen.

 

Wie hast du das geschafft?

Boris: Indem ich mir eine Distanz zu mir selbst bewahrt habe, also mich nicht all zu ernst genommen habe. Ich habe nie geglaubt, besonders wichtig zu sein, nur weil wir zum Beispiel gerade einen Chart-Hit hatten. Ich wusste immer: Es ist nur Musik – wir retten nicht die Welt.

Nicht die ganze, aber kleine Teile – etwa einen Hamburger Hinterhof, in dem ihr seit Jahren ein Arbeitszuhause habt – wie Dutzende andere Künstler. Um diesen Ort in der Bernstorffstraße zu erhalten, habt ihr euch klar positioniert …

Björn: … allerdings nicht, ohne vorher ausreichend darüber nachzudenken und zu reden. Wir sind da sehr besonnen.

 

„Es war eine sehr emotionale Geschichte für uns“

 

Was war das Contra-Argument bei „Viva La Bernie“?

Boris: Das generelle Problem, wenn wir uns äußern, ist dass es dann schnell heißt: „Fettes Brot sind gegen …“ Da geht es dann plötzlich nicht mehr um einzelne Berufe und Schicksale, sondern nur noch um unsere Fressen in der Presse. Aber damit muss man letztlich leben können.

War das Verantwortungsbewusstsein für euch und andere am Ende so groß, dass ihr euch entschieden habt, das Gesicht von der Bewegung zu werden?

Boris: Es war vor allem eine sehr emotionale Geschichte für uns. Hier auf dem Hof sind nur nette Leute, die sich kennen und ein solidarisches Miteinander pflegen. Wenn man so was hat und es bedroht wird, kann man sich aus der Sache eigentlich gar nicht raushalten.

Renz: Es war ein gemischtes Gefühl aus persönlicher Betroffenheit und eben diesem Verantwortungsbewusstsein einer Stadtentwicklung gegenüber, die letztlich nicht nur Hamburg, sondern ganz Deutschland betrifft.

 

„Geld regiert die Welt! Und das Kapital walzt die Freiräume nieder“

 

Viele fühlen sich dieser Entwicklung gegenüber nahezu ohnmächtig. Ihr euch auch manchmal?

Björn: Ja und nein. Einerseits denke ich: Verdammt, Geld regiert wirklich die Welt! Und das Kapital walzt die Freiräume nieder. Auf der anderen Seite gibt es immer wieder kleine Siege, die mich optimistisch stimmen. Ein weiterer Grund zur Hoffnung ist, dass es ein Umdenken in der Politik gibt, zumindest kommt es mir so vor. Ich will da gar nicht von bestimmten Parteien sprechen, aber es scheint doch, als würden gewisse Werte von denen, die in den wichtigen Ämtern sind, mehr und mehr verstanden werden.

Den Immobilieninvestoren kann man mit Pop-Kultur, Coolness, Kreativität und Diversität nicht kommen. Den Politikern schon. Und wenn die Stadt daraufhin die ein oder andere Immobilie zurückkauft, finden wir das toll.

Apropos Politik: Auf eurem neuen Album „Lovestory“ gibt es den Song „Du driftest nach rechts“. Es geht um die persönliche Enttäuschung des lyrischen Ichs, als es merkt, dass sein Freund sich zum Negativen verändert. Der Song erscheint durch seine Ohrwurm-Melodie am massentauglichsten auf dem Album. Habt ihr das ganz bewusst so gestaltet, damit die Message auch ins Radio kommt?

Renz: Mir war erst mal wichtig, dass wir das Thema Rechtsruck in einem Liebeslied abhandeln. Es wird also ganz anders erzählt, als in den meisten Songs, die es darüber gibt. Weder geht es um Parteien, noch gibt es einen erhobenen Zeigefinger. Nur die persönliche Ebene.

Boris: Wenn der Song ins Radio kommt, freuen wir uns natürlich, aber es gibt keinen Trojanisches-Pferd-Gedanken dahinter. Das Stück ist eher einfach so passiert.

 

„Du driftest nach rechts“ von Fettes Brot könnt ihr hier hören

 

Passiert euch Politik in Songtexten immer einfach so?

Boris: Ja, Politik ist fest in unsere Band-DNA. Sie kommt immer vor, aber wir müssen sie uns nie vornehmen.

Was den Rechtsruck in Hamburg angeht, ist Kollege Jan Delay sehr entspannt und meint: „Wenn Deutschland ein bisschen mehr wie Hamburg wäre, gäbe es zum Beispiel viel weniger Angst vor dem Fremden …“

Boris: … und das sagt man über eine Stadt, in der mal 20 Prozent Schill gewählt haben.

Jan meinte, durch den Hafen hätten Hamburger gelernt, dass ein Zusammenkommen der Kulturen eine Bereicherung wäre.

Björn: Klingt für mich nach Seefahrerromantik.

Renz: Aber ich mag dieses romantische Bild.

Björn: Ja, wohl fühle ich mich auch damit, dass man in Hamburg theoretisch Heimund Fernweh haben kann.

Boris: Fakt ist: Es gibt eine starke linke Protestkultur in Hamburg, die über Jahrzehnte gewachsen ist und feste Strukturen geschaffen hat. Das kann man richtig gut finden – aber ein Rückkehrschluss, dass es hier deshalb nur noch Friede, Freude, Eierkuchen und keine Idioten mit falschen Gedanken mehr gibt, ist nicht zulässig. Das Erhöhen von Hamburg als Hort der Glückseligkeit stößt bei uns auf Ablehnung.

Fettes Brot: 25.3., Knust, 20 Uhr (Die Lesung ist bereits ausverkauft).


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Auf einen Song mit … Sepalot

Der einstige Blumentopf-DJ Sepalot führt mit dem Sepalot Quartet Beats und Jazz zusammen und gibt Empfehlungen aus beiden musikalischen Lagern.

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Nico Reger

SZENE HAMBURG: Sepalot, wir brauchen Beats und Bässe! Welche drei Tracks hauen uns von jetzt auf gleich vom Hocker?

Son Lux: „Easy“. Ich liebe den arty und verspulten Ansatz von Son Lux. Ist einfach eine super interessante Band. Von „Easy“ gibt es auch eine gute Orchesterversion, zusammen mit Woodkid.

Uffe: „My Love Was Real“. Das ganze Album „Radio Days“ ist sehr fein. Ich mag die Mischung aus BoomBap-Sample-Ästhetik und UK Dance Music.

World’s Fair: „Elvis’ Flowers (On My Grave)“. Das ist der Rap-Song, der mich 2018 am meisten umgehauen hat. So schön durchgeknallt. Wie ein Update von „ The Pharcyde“.

 

„HipHop hat sich schon immer viel beim Jazz ausgeborgt.“

 

Okay, und jetzt wieder runterkommen – am liebsten mit Jazz! Hast du hierfür auch drei Stücke parat?

Web Web: „Land Of Arum Flower“. Web Web ist das Jazz-Projekt meines geschätzten Kollegen Roberto Di Gioia aus München. Roberto ist ein begnadeter Pianist. Diese Platte im Stil des Spiritual Jazz der 70er Jahre ist einfach fantastisch.

Fazer: „White Sedan“. Das Münchner Quintett um Martin Brugger (a. k. a. Occupanther) ist New Generation Jazz. Die Jungs sind sowohl mit Clubmusik als auch mit dem Jazz bestens vertraut.

Matthias Lindermayr: „Massave“. Schon wieder ein Münchner! Ja, es tut sich gerade was in der Stadt. Matthias hat nicht nur den schönsten Trompetensound, er ist auch ein Teil des Sepalot Quartets und hat 2018 sein zweites Soloalbum „New Born“ über Enja Records veröffentlicht.

Du mixt nun auf der Bühne die Vom-Hocker-Hauer-Beats mit Jazz. Warum gehören diese musikalischen Puzzleteile zusammen?

Ich war viele Jahre im HipHop zu Hause. Ein Genre, dass sich schon immer viel beim Jazz ausgeborgt hat. Und jetzt, da ich nach meiner Zeit bei Blumentopf ohne Rapper auf der Bühne stehe, ist wieder Platz in meiner Musik. Der Jazz schließt die Lücke, und es fühlt sich ganz natürlich an.

Sepalot: 15.2.19, Birdland, 20 Uhr

 

Hört hier „Rainbows“ von Sepalot


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Jennifer Schulze a. k. a. Maku Gold

Die Tänzerin Jennifer Schulze a. k. a. Maku Gold war Deutsche Meisterin sowie Europameisterin im Breakdance, ist Theater-Choreografin und bringt seit Jahren Kindern und Jugendlichen das Tanzen bei. Ein Gespräch mit der 24-Jährigen über HipHop als Möglichkeit zur Selbstverwirklichung.

SZENE HAMBURG: Jenny, kann Breakdance die Welt bewegen?

Jenny Schulze: Definitiv!

Inwiefern?

Breakdance ist ein Element der HipHop-Kultur, und im HipHop geht es darum, aus dem, was man macht und ist, etwas Neues zu schaffen. Das ist bewegend, und wenn man es größer fast: weltbewegend.

Du hast als 13-Jährige mit dem Tanzen angefangen. Hattest du damals schon große Ambitionen?

Ja. Ein Jahr später war ich bereits deutschlandweit auf Bühnen unterwegs, drei Jahre später habe ich erste Tanzkurse gegeben, und mit 19 habe ich mich selbstständig gemacht.

Klingt extrem ehrgeizig. Woher kommt das?

Ich habe Sport schon mit vier Jahren leistungsbezogen betrieben, damals war es Rhythmische Sportgymnastik. Mit neun habe ich angefangen, Fußball zu spielen, auch als Leistungssport, weil ich mal etwas nicht so klischeehaft Mädchenmäßiges machen wollte. Mein Zimmer war zwar rosarot, doch beim Sport wollte ich kein typisches Mädchen sein, sondern mit den Jungen auf einer Stufe stehen.

Harte Schale, weicher Kern?

So war es früher, in der Pubertät gab es damit aber einen Bruch. Seitdem kam ich auch nach außen meiner Identität als Mädchen näher.

War das in der Zeit, in der du HipHop für dich entdeckt hast?

Genau. Bei einer Workshop-Woche, wo ich außer dem DJing alle HipHop-Sparten ausprobieren konnte, also Rap, Graffiti und Breakdance. Nach drei Tagen habe ich meinem Trainer gesagt: Ich will für immer Breakdance machen! Fußball lief allerdings noch parallel, und so hatte ich achtmal Training pro Woche.

Wann und warum hast du mit dem Fußball aufgehört?

Ich wurde gerade zu den Damen hochgeholt, als mein Fußball-Trainer starb. Kurz vor seinem Tod hat er zu mir gesagt: „Mache eine Sache zu hundert Prozent, also entscheide dich: Fußball oder Breakdance?“ Er hat mir ein Jahr Zeit gegeben, und nach nicht ganz einem Jahr entschied ich mich für Breakdance …

… bei dem du bis heute geblieben bist. Wie sieht dein Alltag als Tänzerin und Tanzlehrerin heute aus?

Neben Training, Auftritten und Battles gebe ich montags bis freitags zehn Nachwuchskurse an Schulen, Tanzschulen und Häusern der Jugend. Weil ich weiß, dass man viel vom Tanzen hat, wenn man früh anfängt. Ich setze also auf Nachhaltigkeit.

Und auf soziale Aspekte. U. a. unterrichtest du Tanzen an einer Blindenschule.

Das wollte ich unbedingt machen. Ich ging deshalb zum Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte. Dort ist es eine ganz andere Arbeit, als ich sie sonst mache. Ich muss viel sprechen, viel anleiten, auch in Berührung mit den Schülern gehen. Einmal hatte ich einen Schüler, der mich nach einem halben Jahr Unterricht fragte: „Hey, Jenny, kannst du eigentlich sehen?“

Wie sah der Unterricht mit ihm konkret aus?

Er war lange Zeit klein und verhalten, ist wie eine Maus über den Schulhof getapst. Dann habe ich ihm einen Raum zum Tanzen abgesteckt – und er ist voll aus sich herausgekommen. Weil er wusste: Dort passiert ihm nichts, dort kann er er selbst sein, und er wollte bald am liebsten nichts anderes mehr machen.

Den Gewinn von Selbstsicherheit durch Tanzen kennst du bestimmt auch.

Sport an sich gibt einem ja viel Halt, aber das Tanzen, bei dem man nicht immer eine Mannschaft im Rücken hat, ist schon eine große Herausforderung. Ich war lange Zeit schüchtern, musste beim Tanzen aber immer wieder in Kreisen und auf Bühnen performen, also vor anderen zeigen, was ich gelernt hatte. Das hat mich selbstsicher gemacht.

Was hast du vom Tanzen noch gelernt, das du jetzt anderen lehrst?

Wie man auf Augenhöhe mit Menschen umgehen und sie abholen kann. Dafür bin ich sehr dankbar.

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Michael Kohls


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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Samy Deluxe & Haspa Musikstiftung: „Eine super Synergie“

Zig aufstrebende Künstler haben bereits von der Förderung der Haspa Musikstiftung profitiert, u. a. die Mitglieder des DeluxeKidz e. V., der Kindern und Jugendlichen die Welt des HipHop näherbringt. Zum zehnten Geburtstag der Stiftung: Ein Gespräch mit DeluxeKidz-Gründer Samy Deluxe.

SZENE HAMBURG: Samy, erinnerst du dich an deinen ersten Förderer?

Samy Deluxe: Als Siebtklässler war ich ein halbes Jahr in England, dort hatte ich einen Privatlehrer, der einmal in der Woche Zeit mit mir verbracht hat. Ein derbe flashiger Dude, der schon die ganze Welt bereist hatte. In seinem Haus standen bestimmt hundert Instrumente, von Mandolinen bis zu den krassesten Riesentrommeln aus dem afrikanischen Dschungel. Mit ihm habe ich Musik gemacht und die Natur an der Küste bei Cornwall erkundet. Ich war damals ein kleiner Trouble-Jugendlicher. Dieser Typ hat Kreativität mehr geschätzt als Disziplin und es geschafft, dass ich viele Dinge für mich entdecken konnte, u. a. das Texten, Malen, Graffiti und einiges mehr.

Und was denkst du ist generell das Wichtigste bei der Unterstützung junger Künstler?

Erst mal sollte es um Spaß und Ausdruck gehen. Wenn ich als Mentor die Karriere von Nachwuchskünstlern mit zu verantworten habe, ist es mir allerdings auch wichtig, mein Wissen weiterzugeben. Leidenschaft ist gut, aber man kann keine Karriere starten, ohne zumindest die Eckpfeiler des Business zu kennen.

Du betreust seit 2013 die DeluxeKidz, pushst viele aufstrebende Talente. Was steckt hinter dieser Arbeit: innerer Drang? Pflichtbewusstsein?

Es war vor gut zehn Jahren, als ich mir Gedanken über meinen bisherigen Weg gemacht habe. Darüber, wofür ich stehe, und ob ich bisher mehr Gutes oder mehr Schlechtes in die Welt gebracht habe. Ich hatte dann tatsächlich einen großen Drang nach so einem Hands-on-Aktivismus und habe einen ersten Verein gegründet, der inhaltlich ähnlich lief wie die DeluxeKidz jetzt, der also auf HipHop-Workshops basierte. Zu der Zeit ging ich teilweise dreimal die Woche mehrere Stunden an Schulen. Meine Arbeit wurde später von Freunden weitergeführt. Es war also ein Win-win-Konstrukt.

Für die DeluxeKidz bekommst du auch von anderen Seiten Förderung, etwa von der Haspa Musikstiftung. Wie wichtig ist das für deine Arbeit?

Es ist eine super Synergie. Die Stiftung ermöglicht uns den Start in ein neues Theaterprojekt, in dem die Kidz mit Unterstützung unserer Coaches ihre Themen mit Tanz, Gesang, Rap, DJing, Beatbox und Graffiti auf die Bühne bringen werden. Es ist ja so: Um junge Leute zusammenzubringen und zu motivieren, etwas auf die Beine zu stellen, sind Sport und Musik die größten Schnittstellen. Beim Fußball braucht man nur einen Ball, Tore baut man sich schon irgendwie zusammen. Aber in der Musik braucht man eben mehr: Turntables, Mikrofone und so weiter. Und auch unsere Coaches müssen bezahlt werden. Das wäre ohne Unterstützer nicht möglich. Es ist deshalb cool, was die Stiftung für den Nachwuchs macht.

Interview: Erik Brandt-Höge
Beitragsbild: Romanus Fuhrmann

www.haspa-musik-stiftung.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Chains – Immer laut, immer forsch!

Ein neuer Club auf dem Kiez widmet sich internationalen Subkulturen des HipHop. SZENE HAMBURG sprach mit den Macherinnen Carina Lue und Jana Federov.

Ein eiskalter Freitagabend auf der Reeperbahn. Draußen prangt kein Schild, nur die Hausnummer „25“ weist den Weg. Hier, in den Räumen des ehemaligen Neidklubs, ist jetzt das Chains beheimatet. Der schwarz getünchte Raum im zweiten Stock ist kaum gefüllt, als wir um halb zwölf vorbeischauen. An den Wänden prangen in schnörkeliger Schrift HipHop-Zitate, „Only god can judge me“ darf da nicht fehlen. Aggressive, aber nicht unangenehme Sounds kommen aus den Boxen. „Treaggaeton“ nennen die Macherinnen den Style, der diesen Freitag gespielt wird, eine Mischung Trap und Reggaeton, die aber auch Platz für Grime, Dancehall und Latin lässt.

Seit Anfang Januar machen die beiden Endzwanzigerinnen jeden Freitag Partys im Haus 25. Jana Federov und Carina Lue kuratieren das Chains. Als Designerin kümmert sich Jana alias Xuli um die Raumgestaltung, Carina aka Cri$pyC legt als Resident DJ auf. Hier finden Sounds statt, die angesagt sind, aber auch ein wenig radikaler als das, was unter dem Sammelbegriff „HipHop“ im Radio und bei den angesagten Playlists läuft. Mit sichtlicher Begeisterung sprechen die beiden von ihrer Liebe zur Musik und einer Club-Kultur, die anders ist: Man setzt auf fette Beats und Streetwear, geht aber gleichzeitig entschieden gegen Rassismus und Sexismus vor. Das Gespräch beginnt mit dem Kunst-Hintergrund der Frauen: Carina studiert an der Hochschule für Bildende Künste, Jana studierte an der HAW, der Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Es ist halb zwei in dieser Freitagnacht im Chains, die Stripperin hat kurzfristig abgesagt. Dafür steht nun Lizz, eine stark geschminkte Frau mit hellgelb gefärbten Haaren und Pelzmantel hinterm DJ-Pult und legt derbe Beats auf, aber auch traditionellen Cumbia aus ihrer Heimat Chile. Der Club hat sich gefüllt, eine entspannte Grundstimmung herrscht, die Hälfte des Publikums besteht aus Frauen. Menschen aller Hautfarben tummeln sich auf dem Dancefloor, es wird geflirtet, Zigaretten werden geschnorrt: Toleranz statt Proll-Gehabe.

SZENE HAMBURG: Mit Cap, Kapuzenpulli und Trainingshose entsprecht ihr nicht unbedingt dem typischen Bild von Kunststudenten.
Carina: Stimmt, als ich vor zehn Jahren nach Hamburg kam, hatte ich nicht viele Freunde. Ich war eher Außenseiter an der Uni, unter all den Mädels mit Anzughose und Lederschnürstiefeln. Ich war denen immer zu prollig mit meinen HipHop-Freunden.
Jana: So richtig habe ich zum typischen Studentenleben an der HAW nicht gepasst. Ich war immer ein bisschen zu laut, immer zu forsch. Viele konnten mich einfach nicht einordnen. Und dann kamen dumme Sprüche, weil ich auf Rap-Partys ging. „Yo, Jana, Gangsta, yo“, das war die Standardreaktion. HipHop war vor zehn Jahren einfach nicht cool. Jetzt fangen auch Mainstream-Künstler an, sich für Trap und Grime zu interessieren.

Was kam nach der Uni?
Carina: Ich bin noch da, ich bin die Langzeitstudentin von uns beiden. Ich habe zuerst Literatur und Philosophie studiert, jetzt promoviere ich zu den Themen neue Technologien und Virtual Reality.
Jana: Nach meinem Bachelor im Kommunikationsdesign habe ich direkt angefangen, selbständig zu arbeiten. Ich hatte keine Lust, für 400 Euro im Monat in einer Agentur meine Seele zu verkaufen. Ich habe dann bald Design- Aufträge bekommen. Viel Geld gab es nie, aber dafür war ich unabhängig. Im Bereich Kalligrafie und Typografie ar- beite ich bis heute. Und dann gab’s noch die Musik Projekte.

Dafür werdet ihr auch auf der Reeperbahn unterwegs gewesen sein. Man hört immer wieder, dass Menschen mit anderer Hautfarbe dort Schwierigkeiten haben, in Clubs zu kommen.
Carina: Das Wort „Schwarzkopf “ habe ich auf der Reeperbahn zum ersten Mal gehört. Es bezeichnet Menschen mit bestimmten Merkmalen, nicht nur Nordafrikaner, die generell nicht in Clubs gelassen werden. Bei uns ist das anders, unsere Türsteher sind auch entsprechend gebrieft.

Wie ist das mit den Typen, die mit Geldscheinen wedeln?
Carina: Tja, Jungs mit Geld, Mädels mit High Heels – so funktioniert die Reeperbahn.Wir haben eine ganz klare Clubpolitik. Grölende Anzugjungs, die 200 Euro auf den Tisch knallen, kommen nicht rein. Junggesellenabschiede auch nicht, Nazis sowieso nicht.
Jana: Wir beziehen übrigens alle Arten von Frauen mit ein, nicht nur linke Feministinnen. Wir arbeiten auch mit Stripperinnen.
Carina: Manche leben so ihre Sexualität aus. Eine Frau, die strippt, ist nicht automatisch ein Opfer. In den USA ist Strippen ein Sport, das sind leidenschaftliche Tänzerinnen, tolle Frauen, die Macht haben.

Läuft euer Club schon gut?
Carina: Wir sind zufrieden, sind aber noch am Anfang. Natürlich könnten wir etwas machen, von dem wir wissen, dass es sofort funktioniert. Aber das ist künstlerisch uninteressant. Es ist etwas anderes, ob man HipHop von Charts-Playlists spielt oder Experimentelles aus ausländischen Subkulturen. Auf der Reeperbahn gibt es kommerzielle Strukturen, die haben mittlerweile entdeckt, dass auch Trap funktioniert. Wenn wir dagegen irgendwo am Strand eine Unterart von Samba hören, versuchen wir herauszufinden, wer das ist. Das ist ganz organisch.
Jana: Ausländische Acts können wir uns nur durch Sponsoren leisten. Wir buchen viele DJs auf Freundschaftsbasis. Aber wenn es nicht läuft, fange ich nicht an zu heulen und fange in einer Werbeagentur an. „Get rich or die tryin’“, sagte schon 50 Cent.

Chains, Reeperbahn 25, Freitags ab 23 Uhr

„Only God can Judge me.“ Foto: Nikolaj Rohde

Text und Interview: Jan Paersch

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, April 2018. Das Magazin ist seit dem 29. März 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!