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Hamburger Ferienprogramm: SalutDeluxe Summercamp

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Von den Besten lernen: HipHop meets Klassik beim SalutDeluxe Summercamp

Klassik trifft auf Rap, Etüden auf Freestyle und Konzertsaal auf Clubkultur. Vom 10. bis 17. August 2022 erwartet Kinder und Jugendliche bei SalutDeluxe ein spannendes Summercamp zum krönenden Abschluss der Hamburger Schulferien.

Auf dem Programm stehen Workshops wie Breakdance & HipHop, Graffiti oder Drum&Rhythm. Bei allen Workshops steht ein Übersetzer-Team bereit, um die Teilnahme auch für ukrainische Kinder und Jugendliche zu ermöglichen.

Musikpädagogisches Angebot

Der Verein SalutDeluxe wurde 2020 mit Unterstützung der Haspa Musik Stiftung gegründet. Initiatoren und Gründer sind der Rapper Samy Deluxe und die Frontfrau und Geigerin Angelika Bachmann von dem Klassik-Quartett Salut Salon. Ziel des Vereins ist es, in einem geschützten Raum Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Welten zusammenzubringen und sie unabhängig von ihrem sozialen Background und ihrer musikalischen Vorprägung anzuregen und zu inspirieren.

„Wer verschiedene Milieus kennenlernt und diverse Einflüsse zulässt, ist weniger anfällig für ausgrenzendes Verhalten‟, erläutert Samy Deluxe. „Samy und ich haben unabhängig voneinander immer wieder festgestellt, wie groß das Thema Rassismus auch in der Musik ist. Warum zum Beispiel sind People of Color so extrem unterrepräsentiert in den Orchestern? Warum wird Afrodeutschen eher Hip-Hop als Klassik zugetraut? Das ist absurd. Damit wollen wir aufräumen“, ergänzt Angelika Bachmann.

SalutDeluxe richtet sich an Kinder und Jugendliche ab dem Schulalter. Besonderes Augenmerk liegt darauf, dass sich Coaches, Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf Augenhöhe begegnen. Nach dem Prinzip „each one teach one‟ sollen sich die Kinder und Jugendlichen auch untereinander Wissen und Fähigkeiten vermitteln.

Weiteres Highlight im Sommerprogramm von SalutDeluxe: das Kinderkonzert „Mozart“ auf ukrainisch und russisch. Hier spielen die Pianistinnen Olga Shkrygunova (Salut Salon) und
Oksana Poleshook zwei- und vierhändig auf dem Klavier und erzählen über Mozart, einen der berühmtesten Komponisten der Welt. Zu hören sind seine allerersten Werke mit dem Cembalo-Klang, und es gibt ein Treffen mit der Königin der Nacht und der Zauberflöte. Für Bewegung sorgt ein Stopp-Tanz während des Konzertes.

Mehr Infos und Anmeldung unter: salutdeluxe.hamburg


SalutDeluxe e.V.
Volkmannstraße 6
22083 Hamburg

Eingang: Biedermannplatz 19, 22083 Hamburg


Talente an die Waterkant – das ist das Motto der Haspa Musik Stiftung. Seit 2008 unterstützt die Stiftung den Nachwuchs auf seinem musikalischen Weg und fördert vielfältige Musikprojekte.

Top 10: Events über Ostern in Hamburg

Ostern 2022 findet nicht mehr im kleinsten Kreis und mit nächtlicher Ausgangssperre statt, deswegen gibt es auch wieder mehr zu Erleben. Die besten Events in Hamburg gibt’s hier:

Freitag, 15.04. | Theater | Don Carlos | Ernst Deutsch Theater

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Sebastian Eggers als Don Carlos (mitte) und Hannes Hellmann als König Philipp II. (rechts) am Ernst Deutsch Theater (Foto: Oliver Fantitsch)

Drei Stunden spanischer Hof, das ist Don Carlos im Ernst Deutsch Theater. Regisseurin Mona Kraushaar bringt Schillers Klassiker auf die Bühne. Während Sebastian Egger als Kronprinz Don Carlos mit dem Liebeskummer ringt, spielt Hannes Hellmann einen König zwischen verletztem männlichen Ego und der Macht des Einzelnen. Im Stück wird dabei nicht weniger als die Zukunft Europas verhandelt. Durch die aktuellen Ereignisse hat dieses Thema nur noch mehr an Relevanz gewonnen. Noch bis zum 16. April ist die Inszenierung an der Mundsburg zu sehen.

Don Carlos im Ernst Deutsch Theater
15. & 16. April 2022, jeweils 19:30 Uhr

Freitag, 15.04. | Nachtleben | Friday I’m in love | Molotow

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Molotow: Getanzt wird immer (Foto: Erik Brandt-Höge)

Tanzverbot an Karfreitag? Gibt‘s auf‘m Kiez nicht! Deswegen lädt das Molotow ab 23 Uhr auch zu einem „Feuerwerk aus 60 Jahren Rock’n’Roll und Pop“. Bei Friday I’m in love legen die DJ‘s Axelmania und Jet Boy alles auf, was das Tänzer:innenherz begehrt. Der Eintritt kostet 5 Euro für alle Floors und das Ganze ist eine 2G-Plus-Veranstaltung.

Friday I’m in love
15. April 2022, 23 Uhr

Samstag, 16.04. | Musik | Dan Gotthalls‘s – Artful Earfull | Birdland

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Steht bei Dan Goothall’s – Artful Earful mit auf der Bühne: Die Hamburgerin Sandra Hempel (Foto: Natascha Protze)

Altehrwürdig und ein Klassiker, das ist das Birdland in Hamburg. Seit 1985 gibt es im Kellerclub in der Gärtnerstraße besten Jazz, so auch am Ostersamstag. Bei „Dan Gotthalls‘s – Artful Earfull“ geben sich fünf außergewöhliche Künstler:innen die Ehre. Neben dem Posaunisten Dan Gottshall sind unter anderem die Hamburger Gitarristin Sandra Hempel und der Kieler Pianist Buggy Braune mit von der Partie. Das Konzert ist eine 2G-Plus-Veranstaltung und kostet 19,90 Euro.

Dan Gotthalls‘s – Artful Earfull
16. April 2022, Einlass 19 Uhr und Beginn 20:30 Uhr

Samstag, 16.04. | Sonstiges | Osterfeuer | Ganz Hamburg

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2022: Die Osterfeuer sind zurück in Hamburg (Foto: pixabay/floerio)

Egal ob im eigene garten, bei Freunden oder am Elbstrand: Das Osterfeuer gehört zu Ostern wie das Eiersuchen. Dieses Jahr ist es auch wieder möglich, denn die Kontaktbeschränkungen wie 2021 gibt es nicht mehr. Neben den traditionsreichen Feuern in Blankenese gibt es noch viele weiter öffentliche, zum Beispiel im Strandbad Farmsen oder an der Kreuzkirche in Stellingen.

Osterfeuer in Hamburg
16. April 2022, diverse Orte, Beginn meistens zum Sonneruntergang

Samstag, 16.04. | Nachtleben | Hip-Hop | Chief Brody

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Im Chief Brody gibt‘s zu Ostern was zum Tanzen (Foto: unsplash / Sam)

Auch im Kellerclub auf der Schanze darf zu Ostern natürlich getanzt werden. Im Fokus: Richtig guter Hip-Hop. Während sich Karfreitag Ticklish & Buzz-T die Ehre geben, gibt es am Ostersamstag von Dipped in Colors & Draft X was auf die Ohren. Los geht‘s um 23 Uhr, der Eintritt kostet 10 Euro und das Ganze ist eine 2G-Plus-Veranstaltung.

Dipped in Colors & Draft X im Chief Brody
16. April 2022, jeweils 23 Uhr

Sonntag, 17.04. | Sonstiges | Street Food Festival | Landhaus Walter

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Es geht auch mexikanisch beim Street Food Festival am Landhaus Walter (Foto: unsplash)

Ostern kann man fein dinieren, brunchen oder einfach mal neues Ausprobieren. Viel Neues gibt es beim Street Food Festival am Landhaus Walter unter dem Motto „New Yorker Food Klassiker“. Von Süßem über mexikanische Leckerbissen bis zum klassischen Hot Dog ist für jede:n etwas dabei. Der Eintritt kostet 5 Euro, alle unter 12 Jahren kommen gratis rein.

Street Food Festival
17. April 2022, 11:30 bis 18:30 Uhr

Sonntag, 17.04. | Sonstiges | U96 mit Claude-Oliver Rudolph | Planetarium

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Führt als Nautilus durch die Jules Verne Experience: Claude Oliver-Rudolph (Foto: The Jules Verne Experience)

Jules Vernes Science-Fiction-Romane haben Millionen fasziniert. 150 Jahre nach der Erstausgabe von „20.000 Meilen unter dem Meer“ haben die Elektronik-Band U96 daraus ein bild- und klanggewaltiges Unterwasser-Erlebnis geschaffen. Schauspieler Claude-Oliver Rudolph entführt das Publikum als Kapitän Nemo an Bord der Nautilus in eine fantastische Unterwasserwelt – eine 360-Grad-Tauchfahrt in nie gehörte und nie gesehene phantastische Welten. Das 60-minütige Erlebnis kostet 14 Euro und ist für Menschen ab 10 Jahren empfohlen.

U96 mit Claude-Oliver Rudolph – 20.000 Meilen unter dem Meer
17. April 2022, 17:30 Uhr & weitere Termine

Sonntag, 17.04. | Nachtleben | Soul Allnighter | Mojo Club

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Ein Klassiker kehrt zurück: Der Soul Allnighter (Foto: unsplash/Vishnu R Nair)

Corona ist gefühlt schon fast vorbei. Höchste Zeit, das Nüske & Berge aus der Corona-Pause zurückkehren. Beim mittlerweile traditionellen und fast schon legendären Soul Allnighter legen die beiden wieder so lange auf, bis alle tanzen und jede Sohle qualmt. Am 17. April ab 22 Uhr darf also wieder bester Soul genossen werden, für 10 Euro Eintritt und natürlich unter 2G-Plus-Bedingungen.

Soul Allnighter
17. April 2022, 22 Uhr

Montag, 18.04. | Sonstiges | Kulturflohmarkt | Museum der Arbeit

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Flohmarkt geht immer (Foto: pixabay)

Feiertag, Zeit zum Stöbern, Feilschen und Entdecken. Am besten geht das auf einem der vielen Flohmärkte der Stadt. Ein guter alter Bekannter ist dabei der Kulturflohmarkt am Museum der Arbeit. Am Ostermontag ist Start für die Saison 2022. Bei hoffentlich bestem Wetter lässt es sich auf dem Gelände nach Lust und und Laune verweilen, schlendern und echte Schätze entdecken.

Kulturflohmarkt am Museum der Arbeit
18. April 2022, 9 bis 16 Uhr

Montag, 18.04. | Musik | Soulounge | Fabrik

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Soulounge in der Fabrik: Ein Live-Erlebnis für die Seele (Foto: Marcus May)

Wie kommt man am besten raus aus dem Osterwochenende? Mit Musik für die Seele! Genau das gibt es am Ostermontag in der Fabrik. Hier feiern Soulounge ihr 20-jähriges Bandjubiläum. Alle, die die Band schonmal erlebt haben wissen, Soulounge ist ein ganz besonderes Live-Erlebnis – auch nach 20 Jahren. Einlass für das Konzert in der Fabrik ist um 19 Uhr, Konzertbeginn um 20 Uhr und die Tickets kosten 19 Euro im Vorverkauf. Auch dieses Konzert ist eine 2G-Plus-Veranstaltung.

Soulounge in der Fabrik
18. April 2022, 20 Uhr


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Verlosung: Nina Chuba in der Elbphilharmonie

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Mit der Haspa Musik Stiftung in die Elbphilharmonie: Wir verlosen 2×2 Tickets für das Konzert von Nina Chuba im Kleinen Saal am 30. März 2022

Foto: Rico Zartner

Das Nachwuchsformat „Made in Hamburg“ in der Elbphilharmonie zeigt, was in Hamburg musikalisch alles los ist. Auf der Bühne des großen Konzerthauses stehen experimentierfreudige Künstler:innen, die sonst vor allem in Clubs, Kneipen, Off-Locations und Proberäumen am Sound der Zukunft feilen. Am 30. März 2022 erwartet die Besucher:innen das spannende Konzert von Nina Chuba.

Von den „Pfefferkörnern“ zu heißen Beats und Rhymes

Die Allrounderin begann ihre Karriere 2008 vorerst als Kinderschauspielerin in der Fernsehserie „Die Pfefferkörner“. Zeitgleich entdeckte die gebürtige Hamburgerin ihre Leidenschaft für die Musik. In den Folgejahren war sie noch im Deutschen Fernsehen in Serien wie „Das Traumschiff“ oder „Notruf Hafenkante“ zu sehen, arbeitete aber auch bereits an ihrer Karriere als Singer-Songwriterin.

Mit ihrer ersten EP „Power“, die im Juli 2020 veröffentlicht wurde, erreichte die Musikerin auf Spotify mehrere Millionen Streams. Ihre Musik: eine einzigartige Mischung aus Soul und Indie-Pop.

Die Haspa Musik Stiftung unterstützt den Hamburger Musiknachwuchs und ist darum auch Partner der Konzertreihe „Made in Hamburg“.

www.haspa-musik-stiftung.de


Wir verlosen zusammen mit der Haspa Musik Stiftung 2×2 Tickets für das bereits ausverkaufte Konzert von Nina Chuba am 30. März 2022 um 20:30 Uhr in der Elbphilharmonie!

Wie ihr mitmachen könnt? Na so:

Bitte gebt für die Teilnahme euren vollständigen Namen an.


Neonschwarz: „Rap geht auch anders“

Am 25. Februar 2022 erscheint das neue Album „Morgengrauen“ der vierköpfigen Hamburger Band Neonschwarz. Johnny Mauser und Marie Curry über Arschlöcher, Attitüden und Aktivismus.

Interview: Henry Lührs

SZENE HAMBURG: Johnny und Marie, am Wochenende dürfen die Clubs in Hamburg wieder öffnen, Freitag erscheint euer neues Album „Morgengrauen“. Perfektes Timing, oder?  

Marie Curry: Wir hoffen ganz stark, dass mit unserer Tour alles klappt. Wir haben mega Bock, nach so einer endlos langen Pause endlich wieder live zu spielen. 

Johnny Mauser: Im Vergleich zu anderen Bands haben wir aber Glück, bisher nichts verschieben zu müssen. Als Corona anfing, waren wir sowieso in die Arbeit an unserem Album eingebunden. Der Tourstart könnte tatsächlich haargenau funktionieren. 

Auf dem Song „War was“ singst du sogar, dass Lockdown auch etwas Gutes haben kann. Das wird dir an einer Raststätte bewusst…

Johnny Mauser: (lacht) In einer Zeit, in der du keine Menschen siehst, außer deine guten Freunde oder Verwandten, triffst du auch keine Arschlöcher. Wenn du aber an einer Raststätte in Deutschland anhälst, triffst du auf jeden Fall einen Idioten, da hängt der Querschnitt der Gesellschaft. 

Bildlich gedacht, ist der Song der erste Tag, an dem wir aus dem Winterschlaf aufwachen, wieder losfahren in die Wirklichkeit, wieder unter Menschen sind und merken „Fuck, es sind ja doch nicht alle Leute geil”.

Weniger Aktivismus, weniger Hängematten-Lifestyle

Auf dem Album kann man hören, dass ihr euch als Band weiterentwickelt habt. Sowohl stilistisch als auch textlich. Liegt das am Älterwerden?

Marie Curry: Ich glaube die neuen Songs sind nicht mehr so parolenlastig, sondern haben etwas mehr dahinter. 

Johnny Mauser: Es ist weniger Aktivismus. Wir kommen nicht mehr aus einer Studi-WG und rennen auf jede Demo. Von den Themen ist es jetzt breitgefächerter. Jeder von uns ist älter geworden. 

Weniger Aktivismus heisst aber nicht weniger politisch? 

Johnny Mauser: Auch wenn ich nach wie vor hinter dem Thema einer Demo stehe, schaffe ich es aber zum Beispiel nicht mehr, überall dabei zu sein und in der ersten Reihe rumzurennen. Auch wenn mich sowas nicht mehr so umtreibt wie damals, heißt das nicht, dass ich einer Ideologie oder einem Wert nicht weiterhin zustimmen würde. 

Marie Curry: Ich finde einen Idealismus, gerade bei jungen Menschen, die sich auf die Straße schmeißen und sich einsetzen, ungemein wichtig. Aber ich glaube auch nicht, dass man irgendwann mit Themen total glatt gebügelt umgehen muss. 

Textlich ist unser neues Album nicht weniger politisch als vorher. In Fast jedem Song ist etwas Politisches zu hören. 

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Foto: Julia Schwendner

Auf dem Song „Gimma“ singt Johnny Mauser “Gib mir mal bitte den Lifestyle, den ich in meinen Texten propagiere“. Wie stark ist der Kontrast bei euch als Band und Privatperson. 

Marie Curry: Wir leben nicht mehr den Hängematten-Lifestyle, mit dem wir angefangen habe. Uns fällt gerade auf, dass unsere Leben viel voller und stressiger geworden sind.  

Fernab von Kapitalismus und Leistungsdruck zu leben, ist natürlich Wunschdenken.

Johnny Mauser: Ich war noch nie dafür nichts zu machen. Wenn du nichts machst, dann machst du auch kein Album. Aber natürlich führen Familie und Geldverdienen dazu, dass man morgens nicht ausschlafen kann. In diesem Punkt weicht unsere Musik schon von der Realität ab.

Komplexe Themen statt Partysongs

Momentan überlagert eine Krise die nächste: Rechtsruck, Corona, Klimawandel und nicht zuletzt Krieg mitten in Europa. Viele Themen finden auf eurem Album Platz. Wie schafft man es, sich mit der aktuellen Weltlage auseinanderzusetzen, ohne sich damit zu überfordern?

Johnny Mauser:  Wir haben uns mit keiner Agenda an das Album gesetzt. Klimawandel ist zum Beispiel eher unfunky als Thema, da macht man eigentlich keinen Song drüber. Wir wollten mit dem Song „Hitzefrei“ aber einen coolen, bildsprachlichen Weg finden. „Wolkenkratzer“ ist dagegen eher klassische Kapitalismuskritik. So etwas haben wir lange nicht mehr gemacht. 

Ich glaube viele Menschen haben gerade ein Ohnmachtsgefühl. Im Worst-Case wird sich dann nicht mehr in den Medien informiert sondern abgeschaltet. Es ist aber die Realität und man muss diese Themen angehen, auch wenn sie noch so komplex sind. Wir hätten natürlich mit Ü30 auch nur noch Partysongs machen können. Das wäre dann zwar ein Ausweg gewesen, aber da haben wir uns dagegen entschieden. 

Marie Curry: Es ist eher die Verarbeitung der Themen, die überfordernd ist. Wenn du alles in zugespitzten, kurzen Nachrichten oder Tweets mitbekommst, geht alles durcheinander. Ich fand es interessant, das in dem Film „Don’t look up“ zu sehen. In dem Drama auf Netflix wird filmisch verdeutlicht, was ein Wirrwarr an Nachrichten mit dem Menschen machen kann. Wichtige von unwichtigen und richtige von falschen Informationen zu unterscheiden fällt zunehmend schwerer.

Auf den drei letzten Alben gab es jeweils einen Song mit dem aktuellen Jahr als Titel. Kritisiert habt ihr darin vor allem den Rechtsruck. Warum gibt es kein „2022“ auf dem neuen Album?

Johnny Mauser: Es hat uns aus künstlerischer Sicht nicht geschockt die Rolle zu haben, immer diesen Jahresrückblick zu schreiben. Das wird zwar oft gefordert, aber wenn man frei im Kopf bleiben möchte, dann muss man das nicht bedienen. Der Track „Einzelfall“ beleuchtet das ähnlich. Außerdem wäre es selbstentlarvend gewesen, dass wir vier Jahre lang kein Album gemacht haben (lacht).

Marie Curry: Gerade kommt auch so vieles zusammen, dass es einen Song wahrscheinlich sprengen würde. Wir haben uns darum lieber ein Thema rausgepickt, das wir in diesem Kontext als besonders wichtig empfanden. 

„Resultat hätte ja auch sein können, dass einige Rapper aus ihren Labels fliegen.“

Johnny Mauser

Ein Feature ist in der Rapszene essentiell für die Reputation eines Künstlers oder einer Künstlerin. Mit eurem Song „Features“ nehmt ihr das Thema auf die Schippe und featured euch mit nachgeahmten Stimmen selbst. Habt ihr keinen Bock auf den Ego-Push?

Marie Curry: Wenn wir ein Feature machen, dann im Freundeskreis. Die Kritik geht nicht gegen das Feature als solches, sondern aus Marketingzwecken. Das ist einfach kapitalistischer Bullshit. Wir regen uns aber nicht auf, der Song ist eher aus Spaß entstanden. 

Johnny Mauser: Mit dem Song stellen wir fest, dass es etwas besonderes ist, dass wir alle vier als Band auf allen Tracks stattfinden wollen. Wir wollten zeigen, dass wir uns selbst geil finden und uns ausreichen. Wir sind vier verschiedene Charaktere auf einem Beat. Das hat etwas Spielerisches. 

Auf dem Song „Nix“ wird die Kritik an der Deutschrap Szene ernster. Problematisiert wird der Umgang mit minderjährigen Fans, Rape-Culture, Machtstrukturen und Sexismus. Deutschrap-MeToo hat im letzten Jahr eine große Debatte angestoßen. Seht ihr auch eine positive Entwicklung?

Marie Curry: Ich habe das Thema letztens nochmal gegoogelt und die ganzen Artikel waren vom Sommer 2021. Danach kam nix mehr und es ist die Frage, was bleibt davon. Ich glaube schon, dass sich dadurch etwas verändert hat. Manche Sachen bleiben jetzt zumindest nicht mehr unkritisiert stehen. 

Auch fand ich cool, dass sich Musiker wie LGoony oder Shirin David positioniert haben, die ich in dem Kontext so noch nicht kannte. Lange war das ein Nischenthema, bei dem Leute wie die Künstlerin Sookee laut und alle davon genervt waren oder es nicht ernst genommen haben. Hier hat sich eine Tür geöffnet. 

Johnny Mauser: Es ist krass, dass es Deutschrap-MeToo gab. Das hat einigen die Augen geöffnet. Es ist aber auch krass, wie schnell das wieder vorbei war. Aus diesem Loch entstand auch der Track. Resultat hätte ja auch sein können, dass einige Rapper aus ihren Labels fliegen. Von solchen Konsequenzen habe ich aber nicht viel mitbekommen. 

„Der Stempel Zeckenrap hat irgendwann genervt“

Johnny Mauser

Lange Zeit wurde euch das Narrativ „Zeckenrap“ zugeschrieben. Ihr habt euch den Begriff irgendwann ironisch selbst angeeignet. Wie zeitgemäß ist das noch?

Johnny Mauser: Das hatte seinen Impact, aber das Thema ist durch. Wir würden uns selbst so nicht mehr nennen. Der Stempel Zeckenrap hat irgendwann genervt und die Schublade steht uns nicht so gut. Rappende Sozialpädagogen mit erhobenem Zeigefinger, die den Takt nicht treffen – das traf auf viele anfangs schon zu. Das konnte man sich nicht anhören. 

Wir haben dann irgendwann größere Locations in Hamburg und Berlin gefüllt. Die Leute haben gesehen, dass wir eine gute Show machen, abliefern können und es auch anders funktioniert. Wir waren aber nicht die einzigen. Die Antilopen Gang zum Beispiel hat vorher auch nur Polit-Rap gemacht. 

Marie Curry: Das hat viel gebracht und hat vielen Leuten gezeigt, Rap geht auch anders. Viele Leute haben in dem Kontext, der Zeckenrap genannt wurde,  angefangen, überhaupt Musik zu machen. 

„Morgengrauen“ von Neonschwarz erscheint am 25. Februar 2022 bei Audiolith


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Gute Geschichte: Wie kam der Deutsch-Rap nach Hamburg? 

Chronik: Wie kam der Deutsch-Rap nach Hamburg? Von der 187 Strassenbande über Fettes Brot bis zum ersten HipHop-Club der Stadt spulen wir die Kassette drei Dekaden zurück

Text: Jan Wehn

 

Hamburg und HipHop, das ging schon Mitte der 80er Jahre los. Die Filme „Wildstyle“ und „Beatstreet“ flimmern in den bundesdeutschen Haushalten über die Mattscheiben und erklären einer ganzen Generation, was HipHop überhaupt ist und wie sich die neue Jugendkultur aus den Elementen Rap, DJing, Breakdance und Graffiti zusammensetzt. An HipHop-Musik ist zu der Zeit, wenn überhaupt, durch importierte Platten heranzukommen – oder sie läuft in der Sendung „Soultrain“ im NDR, wo Ruth Rockenschaub im Nachtprogramm regelmäßig Soul-, Funk- und auch immer mal wieder Rapsongs spielt. Rockenschaub ist es auch, die DJ Marius No. 1 im Jahr 1988 einen eigenen Sendeplatz verschafft.

Marius No. 1, der später der DJ von Cora E. werden soll, legt in seiner „Number One Mixshow“ Rap auf, aber stellt den Songs auch die originalen Sample-Quellen gegenüber und legt im ersten HipHop-Club der Stadt, dem Defcon Five, auf. Ungefähr zur gleichen Zeit formieren sich in Hamburg erste Crews: Dialektik oder in Halstenbek die Poets of Peeze, die mit Samplerbeiträgen und einer Mini-LP von sich reden machen.

 

 

Die Poets of Peeze rappen in englischer Sprache, bis ein Teil der Jungs sich 1992 – das Jahr, in dem Die Fantastischen Vier gerade mit „Die da?!“ im Radio rauf- und runterlaufen – dazu entscheidet, das mit dem Rappen doch mal in deutscher Sprache zu probieren und sich einen neuen Namen geben: Fettes Brot. Über den Musikmanager und Mailorder-Betreiber Jens Herrndorf entsteht der Kontakt zu André Luth von Yo Mama, wo Fettes Brot – damals noch zu fünft – kurz darauf die „Mitschnacker“-EP veröffentlichen.

1993 erscheint über das ursprünglich eher Punk orientierte Label Buback der Sampler „Kill The Nation With A Groove“ mit Songs von Cora E., Advanced Chemistry und einer Hamburger Gruppe mit dem Namen Absolute Beginner. Letztere veröffentlichen nach der „Gotting“-EP zwei Jahre später ihr Debütalbum „Flashinizm (Stylopath)“ und trotzen mit Band-Sound und Crossover-Anleihen den Realness-Dogmen der noch kleinen Szene. Auch Fettes Brot releasen mit „Auf einem Auge blöd“ zur gleichen Zeit ihre Debüt-LP, haben mit „Nordisch by Nature“ einen veritablen Hit vorzuweisen und feiern ein gutes Jahr später mit dem in bester Geschichtenerzähler-Manier ganz ähnlich gestrickten  „Jein“ und dem Album „Außen Top Hits, Innen Geschmack“ gleich die nächsten Erfolge.

 

Hamburg in den Charts

 

Während Fettes Brot schon Dauergäste in den Charts sind, formiert sich in Hamburg nach und nach eine vitale Szene an Rappern und Produzenten. Fischmob vermengen für „Männer können seine Gefühle nicht zeigen“ Partylaune mit mundgemischtem Plattdeutsch-Schnack, handfester Systemkritik und obskuren Soundspielereien. Der Tobi & Das Bo, die sich schon zuvor mit „Genie und Wahnsinn liegen dicht beieinander“ verdient gemacht hatten, bilden fortan mit marcnesium und DJ Coolmann Fünf Sterne deluxe. Dendemann zieht aus dem Sauerland in die Hansestadt, gründet mit DJ Rabauke das Duo Eins Zwo und die beiden setzen mit ihrer „Sport“-EP einen neuen Standard in Sachen Reim- und Samplefertigkeit.

Mit dem Künstlerkonglomerat Mongo Clikke um Rapper wie Eißfeldt, Samy Deluxe und Das Bo hat man außerdem eine Entsprechung zu der Kolchose in Stuttgart, wo mit dem Freundeskreis, den Massiven Tönen und Afrob etwa zur gleichen Zeit ein HipHop-Epizentrum entsteht. Aber die großen Plattenfirmen interessieren sich nicht wirklich für den eigenen Sound von Bands wie dem gerade frisch gegründeten Trio Dynamite Deluxe – also gründet Beginner-Drittel Eißfeldt 1997 kurzerhand das Label Eimsbush Entertainment und nimmt die Gruppe um Samy Deluxe dort unter Vertrag, die kurz darauf erste Angebote von den Majorriesen erhält.

 

HipHop-Hochburg

 

Mit der richtigen Infrastruktur und einer vielschichtigen Szene mausert sich Hamburg 1998 mit der Veröffentlichung des zweiten Beginner-Albums „Bambule“ endgültig zur HipHop-Hochburg. Mit Denyo und Eißfeldt als MCs, DJ Mad an den Turntables und Gastbeiträgen von Das Bo, Samy Deluxe und Dendemann ist das Album so etwas wie eine eindrucksvolle Standortbestimmung des HipHop aus der Hansestadt. Parallel dazu verkaufen Fünf Sterne Deluxe nach der Single „Dein Herz schlägt schneller“ von ihrem Debütalbum „Sillium“ über 150.000 Einheiten, ehe im Jahr darauf Eins Zwo mit „Gefährliches Halbwissen“ nachlegen und Doppelkopf mit „Von Abseits“ eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass auch düster-atmosphärische Outness eine Berechtigung in der noch jungen Hamburger HipHop-Szene hat.

Plötzlich interessieren sich auch die Medien für das, was da in Sachen HipHop im hohen Norden geht. Das Jugendmagazin Bravo versucht sich regelmäßig an der mehr schlecht als recht gearteten Berichterstattung. Aber die Hamburger HipHop-Szene, allen voran die Beginner, haben keine Lust auf den Ausverkauf: Sie verweigern Interviews, schicken Doubles zu ihren Fernsehauftritten und veröffentlichen mit dem Allstar-Song „KZwo“ an der Seite von Das Bo, Dendemann, Falk, Ferris MC, Illo und Samy Deluxe eine Abrechnung mit der sensationsgeilen und anbiedernden Teeniepresse.

Anfang 2000 veröffentlichen Dynamite Deluxe ihr Debüt „Deluxe Soundsystem“, landen damit auf Platz 4 der Charts und werden im Anschluss mit einem Echo-Musikpreis und einer goldenen Schallplatte ausgezeichnet. Mit Ferris MC, Deichkind, Mr. Schnabel, Illo, Digger Dance, Nico Suave und den Moqui Marbles rücken immer neue Künstler nach, die Szene wächst und wächst bis das stadteigene Hip-Hop-Festival Flash im Jahr 2000 mit 18.000 Besuchern im Millentorstadion seinen Höhepunkt erreicht. Es gibt jetzt kein Vorbeikommen mehr an Hamburg, jener Stadt aus der mit „Füchse“, „Ladies & Gentlemen“, „Jein“, „Susanne zur Freiheit“, „Bon Voyage“ und die Beteiligung von Ferris MC an „Reimemonster“ bis heute die wohl größten HipHop-Hits kommen.

Rap-Rarität: Erste Promokassette zum Album "Bambule", veröffentlicht vom Independet-Label Buback

Rap-Rarität: Erste Promokassette zum Album “Bambule”, veröffentlicht vom Independet-Label Buback

Die HipHop-Hochphase in der Hansestadt wird auch in Berlin wahrgenommen, wo Rapper wie Kool Savas bis dato weitestgehend ein Schattendasein abseits der deutschlandweiten Szene fristen. Der Unmut über den Erfolg der spaßig-sorglosen und brav-biederen Partymusik aus den beiden HipHop-Metropolen Hamburg und Stuttgart wächst. In Kombination mit der Ignoranz der Berliner Szene durch Medien und Fans werden Samy Deluxe oder Eißfeldt immer wieder zur Zielscheibe für Seitenhiebe auf Songs der Berliner Rapper.

 

Egotrips

 

Gänzlich unbeeindruckt von Vorfällen dieser Art, machen insbesondere die beiden Letztgenannten dort weiter, wo sie aufgehört haben – allerdings auf Solopfaden. Samy Deluxe veröffentlicht sein gleichnamiges Debütalbum und stellt einmal mehr unter Beweis, dass er einer der besten Battlerapper des Landes mit humorvollen und arroganten Punchlines gleichermaßen ist, während Eißfeldt nach dem Erfolg seiner Coverversion zu Nenas „Irgendwie Irgendwo Irgendwann“ als Jan Delay das Reggae-Album „Searching For The Jan Soul Rebels“ herausbringt.

Eißfeldts einvernehmlicher Egotrip in Dancehall-Gefilde ist vielleicht das erste Anzeichen dafür, dass etwas im Busch ist – nicht bei den Beginnern, sondern in Bezug auf Rap im Allgemeinen. Straßenrap aus der Hauptstadt wird immer populärer und Labels wie Aggro Berlin laufen dem größtenteils gutgelaunten HipHop aus Hamburg mit Künstlern wie Bushido oder Sido den Rang ab. In der Folge versucht Samy Deluxe sich mit „Verdammtnochma“ an einer Übersetzung amerikanischer HipHop-Sounds ins Deutsche, während die Beginner für „Blast Action Heroes“ mit eklektischen Sounds experimentieren und nach den Fantastischen Vier mit „4:99“ die zweite Nummer 1 für ein deutschsprachiges Rap-Album in den Charts holen.

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Samy Deluxe: Ist heute nicht nur Rapper sondern auch Gastronom | Foto: Pascal Kerouche

Danach wird es ziemlich ruhig um Rap aus Hamburg. Dendemann, Samy Deluxe und Jan Delay veröffentlichen in den Jahren darauf weiterhin gute Platten, aber der Hype der frühen 2000er scheint endgültig vorbei zu sein. Auch an anderen Ecken und Enden der Republik steckt Rap in einer Sinnkrise. Von der breiten Öffentlichkeit als Soundtrack für die Unterschicht belächelt bis verteufelt, fehlte es zeitweilig sogar innerhalb der Szene an Bemühungen, den eingefahrenen Status Quo aufzubrechen. Die Folge: Nach dem Erfolg von deutschem Straßenrap stagnieren schließlich auch dessen Verkäufe – niemand hat mehr Lust auf stumpfe Räuberpistolen und Betonromantik.

 

Waffen, Sex und Drogen

 

In den Jahren sind es vor allem die hanseatischen Produzenten, die von sich reden machen. Monroe, seines Zeichens für große Hits von Kool Savas und Azad verantwortlich, vereint auf seinen Alben „Your Favorite Rappers Favorite Producer“ und „Movement“ von Samy Deluxe über Curse bis Aphroe und Eko Fresh alles, was in der deutschen Rap-Szene Rang und Namen hat. PhreQuincy baut nicht mehr nur noch Beats für deutsche MCs, sondern erhält für seine Beteiligung am Album „Ouest Side“ des französischen Rappers Booba eine Platinauszeichnung und streckt danach seine Fühler in Richtung USA aus, um Beats für Künstler auf Eminems Label Shady Records zu produzieren.

Ganz ähnlich m3, der nicht nur Deutschrap-Koryphäen wie Kollegah, Bushido, Haftbefehl oder Sido mit Beats beliefert, sondern auch mit den französischen Größen Sefyu und dem schon erwähnten Booba oder US-Rappern wie Talib Kweliund Ace Hood zusammenarbeitet und 2007 gemeinsam mit Azad die Titelmusik zur RTL-Erfolgsserie „Prison Break“ beisteuert. Sein Kollege Farhot teilt sich derweil mit Nneka, Haftbefehl und Talib Kweli, aber auch Culcha Candela, den Fantastischen Vier und Fettes Brot das Studio.

Erst im Sommer 2010 tut sich auch in Sachen Rap wieder was. Nämlich dann, als plötzlich mit dem Song „Waffenfreiezone“ jemand aus dem Hamburger Karoviertel auf der Bildfläche erscheint, der das eintönige Straßenrap-Vokabular der immer gleichen Schilderungen über den Alltag in den Problembezirken um neue musikalische und inhaltliche Ansätze anreichert. Sein Name: Nate 57. Zwar rappt auch er über Waffen, Sex und Drogen – aber eben anders. Das über das Label Rattos Locos veröffentlichte Mixtape „Stress auf dem Kiez“ erreicht aus dem Stand Platz 37 in den deutschen Charts.

Gzuz ist bekanntestes Mitglied der 187 Straßenbande | Foto: Bobby Analog

Gzuz ist bekanntestes Mitglied der 187 Strassenbande | Foto: Bobby Analog

Im Jahr darauf macht erneut ein Hamburger von sich reden. Nachdem Marteria und Casper das darbende Genre Deutschrap wiederbelebt haben, ist auch Platz für eine ganze Reihe junger Talente. Eines davon heißt Ahzumjot. Sein Debütalbum „Monty“ ist ein mutiger Markt der Möglichkeiten, für den er Spandau Ballet, Cults und Lady Gaga samplet und mit Oldschool-Drums und futuristischen Bässen verschneidet. Das in bester DIY-Manier selbst vertriebene Album, lässt erste Labels aufhorchen, in der Folge spielt Ahzumjot Touren mit Cro und Rockstah, begleitet Casper live und wird als eines der nächsten großen Dinger gehandelt.

 

 

Und es hört nicht auf: 2014 hat sich auch Straßenrap von seinem Tief erholt und einer der Gründe dafür ist Kalim, dessen „Sechs Kronen“-Mixtape eine gekonnte Verbeugung vor dem US-Gangsterrap der 90er ist. Ungefähr zur gleichen Zeit, macht sich der linkspolitisch sozialisierte Disarstar auf seiner EP „Tausend in einem“ und dem anschließenden Debütalbum „Kontraste“ Gedanken über das gesellschaftliche Ungleichgewicht und die Rapperin Haiyti kommt mit einem Sound um die Ecke, der Kiezkneipenromantik und zeitgeistige Beats zu einer gänzlichen eigenen Melange verbindet.

Und dann ist da schließlich auch noch die 187 Strassenbande. Lange unter dem Radar geflogen und als asoziale Unterschichtenmusik von Kleinkriminellen abgetan, steigen die beiden Mitglieder Gzuz und Bonez MC 2014 mit ihrem gemeinsamen Album „High & Hungrig“ zum ersten Mal in den Charts ein und setzen diese Erfolgssträhne auch mit der anschließenden Veröffentlichung „Obststand“ von LX & Maxwell fort. Warum? Weil die Strassenbande sich einen Dreck darum schert, was im HipHop gerade wie gemacht werden muss. Sie erinnern mit ihrem ganz eigenen Humor an den vollkommen überdrehten Vibe der frühen Jahre von Aggro Berlin, aber halten in beinahe jedem Song auch die Fahne für Hamburg hoch.

Vermutlich einer der Gründe, warum die Beginner sich für „Ahnma“, die erste Single ihres Comebackalbums „Advanced Chemistry“ neben Gentleman auch Gzuz als Feature geholt haben. Die Proteste der Fans waren groß, allerorts machte sich Unverständnis darüber breit, dass die Beginner plötzlich gemeinsame Sache mit den bösen Straßenrappern machen – aber der gemeinsame Song zeigt, was HipHop aus Hamburg 2016 heißt: Er ist immer noch da und vor allem auch so vielschichtig wie nie zuvor.


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Foto: Jens Oellermann

Der Autor Jan Wehn ist Gründer des HipHop-Onlinemagazins ALL GOOD. Davor war er Autor für Juice sowie Kolumnist und Redakteur bei Spex und De:Bug. 2013 und 2015 wurde er mit dem Rocco-Clein-Preis für Musikjournalismus ausgezeichnet


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Martin: „Es hilft zu verstehen, dass man Menschen nicht ändern kann“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Martin begegnet.

Protokoll & Foto: Kevin Goonewardena

 

„Jan Delay hat einen Song geschrieben, der heißt „Kartoffeln“ und den finde ich sehr bezeichnend – zumindest für mich. In dem Song rappt er darüber, dass wir Kartoffeln zwar viel Stärke haben, aber keinen Geschmack. Und deswegen in die Großstadt müssen, denn dort sind die vielen Gewürze.

Das sehe ich ganz genau so. Ich komme aus Emden in Ostfriesland und bin nach meiner Ausbildung weggezogen. Ich mag es mit unterschiedlichen Gewürzen in Berührung zu kommen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich mich hier in Wilhelmsburg so wohl fühle. Wo sonst hört man neun bis zehn Sprachen im selben Bus? Auch wenn ich die meisten davon nicht verstehe, finde ich das immer ganz geil, nicht so im eigenen Sud rumzuhängen. Dieses Blasen-hafte ist noch nie so meins gewesen. Ich war auch in Emden schon eher der Rucksack-Dude, der nicht HipHop, nicht Punk, nicht Metall oder sonst was war. Ich fand es schon damals geil, mit allen down zu sein, einen Abend bei den Metallern im Proberaum rumzuhängen, dann bei den Punks, später kam HipHop dazu. Mit möglichst vielen Sachen in Kontakt zu kommen und sich nicht in nur einem Freundeskreis zu bewegen, der ja eh meist nur dadurch zustande kommt, weil die Leute eine ähnliche Einstellung, eine ähnliche Haltung zum Leben haben, macht das Leben spannender.

Mich macht zwar eine Offenheit, eine Neugier, eine gewisse Unbekümmertheit aus, aber ich finde Vorurteile per se gar nicht schlimm. Ich habe mal gelesen, dass der Kopf automatisch Dinge in Schubladen einordnet, um nicht von dem was sonst ungefiltert auf einen einprasseln würde, überfallen zu werden. Wenn du einen Punker siehst, dann speicherst du den so ab. Aber man sollte den Leuten die Möglichkeit geben, da wieder raus zu kommen. Kann ja sein, dass ich am Wochenende einen Punker sehe und am Montag muss ich zur Bank und bei dem dann ein Girokonto eröffnen. Und das muss möglich sein. Um ein gewisses Denken, was man so hat, wenn man Leute sieht, die sympathisch findet oder nicht, da kommt man nicht drumherum, aber die Leute dann aus dieser Schublade nicht mehr raus zu lassen, das wäre wack.

 

Frage des Blickwinkels

 

Wenn man Menschen kennenlernen will, muss man in Kauf nehmen, dass sie nicht so denken wie man selbst, dass deren Meinung nicht deckungsgleich mit der eigenen ist. Wenn da jetzt der Arm hochgeht, dann geht das gar nicht, aber ansonsten … Ich mag mich lieber angeregt unterhalten, diskutieren, argumentieren – solange es nicht menschenverachtend wird. Aber man muss nicht immer einer Meinung sein.

Es ist aber auch eine Frage des Blickwinkels: Wenn du auf einem Stuhl in einem Raum sitzt und du kannst nur drei Ecken sehen, dann hat sich der Raum nicht geändert, wenn du den Stuhl verstellst und auch noch die andere Ecke sehen kannst. Aber vielleicht sehe ich dann in der Ecke die Tür, durch die ich raus kann.

Es hilft zu verstehen, dass man Menschen nicht ändern kann – das können nur sie selbst. Mal geht das besser, mal schlechter.“


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Jan Delay: „Alles was ich bin, bin ich wegen dieser Stadt“

„Earth, Wind & Feiern“ ist der Titel des neuen Albums von Jan Delay – und der hält, was er verspricht. Die Songs behandeln teils ernste Themen, machen aber jederzeit Spaß. Ein Gespräch über den textlichen Umgang mit der Klimakatastrophe, Rassismus und Faschismus sowie Hamburg als ewige Liebe des Künstlers

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Jan, HipHop, Disco, Trap, Afrobeat, Dub – alles drauf auf deinem neuen Album. Hast du dir vorgenommen, möglichst viele Genres in den Songs unterzubringen, oder ist das einfach so passiert?

Jan: Als ich mit meinem musikalischen Partner und Produzenten Tropf zum ersten Mal über neue Songs gesprochen habe, meinte er: „Wenn wir ein neues Jan Delay-Album machen, dann halten wir uns nicht an ein Genre, auch nicht an eine Parole – wir machen nur, was uns Spaß macht!“ Das war auch mein Wunsch. Außerdem war mir wichtig: Fokus immer auf gute Laune! Ich wollte eine positive Platte machen, also das Gegenteil von meiner zuletzt erschienenen Platte.

Keinen Mittelfinger, kein „Leckt mich alle am Arsch, ihr seid alle scheiße!“ Was natürlich nicht bedeutet, dass man nicht auch mal ernste Themen anschneiden darf …

… was du jetzt ja auch mit Zeilen wie „Es sind finstere Zeiten“ tust. Wobei du damit nicht die Corona-Krise meinst, denn die Songs sind bereits vor der Pandemie entstanden.

Genau. Wovor ich damals Angst hatte und heute noch habe: die Klimakatastrophe und der Rechtsruck. Ich wollte diese Themen auf der Platte haben – aber mit positiven Gedanken besetzt.

Inwiefern?

Insofern, als dass, wenn man über so etwas redet, jemandem auch ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann. Man kann auch Songs zu solchen Themen machen, zu denen man tanzen und feiern kann. Songs, die Kraft geben. Denn: Feiern bedeutet ja nicht immer nur, dass man am nächsten Tag einen Kater hat, sondern auch, dass man aus der Feier neue Energie geschöpft hat. So geht es mir zumindest. Und wer es will, der kann es mit diesem Album genauso machen.

Man muss übrigens auch sagen, dass dieses die erste zeitgemäße Jan Delay-Platte ist. So was gab es ja bisher noch nicht. Selbst, als ich damals die Reggae-Platte gemacht habe („Searching For The Jan Soul Rebels“, 2001; Anm. d. Red.), war es keine Dancehall-Platte, sondern eine Roots-Reggae-Platte.

„Earth, Wind & Feiern“ hingegen sollte so werden, dass ich sie heute jederzeit auflegen kann. So, dass die Songs im Club nicht abkacken, wenn sie zwischen Cardi B und Major Lazer laufen.

 

Boogie und Disco im Hier und Jetzt

 

Wie seid ihr vorgegangen, um das zu schaffen?

Wie Mark Ronson oder Bruno Mars: Wir haben alte Musikrichtungen, zum Beispiel Boogie oder Disco, ins Hier und Jetzt geholt. Wir hatten Sessions, in denen wir die Rhythmen fertig gemacht haben – und danach haben wir einfach die Drums rausgeschmissen und nachprogrammiert (lacht). So haben wir beides in die Songs bekommen: Den Vibe der Band und den Rumms der digitalen Technik.

Textlich machst du in Songs wie „Gestern“ klare Ansagen zur musikalischen Ausrichtung, wenn du etwa singst: „Nichts ist so kalt wie der heiße Scheiß von gestern“ …

… stimmt! Wobei ich das auch mit einem zwinkernden Auge singe. Ich liebe die Musik, die ich früher gemacht habe, schließlich auch. Ich komme ja von da. Es gibt nur oft so ein paar Nasen, die sagen: „Mach doch mal wie früher! Mach doch noch mal Reggae, das war so geil!“ Aber ich habe das ja schon gemacht, warum sollte ich das noch mal machen? Wäre doch bescheuert!

Übrigens habe ich den „Nichts ist so kalt wie …“ Satz gemopst – von Sven Regener. Ich habe ihn mal in einer Talkshow gesehen, und da hat er den gesagt. Hat mich total weggeballert, der war zu gut! Deswegen habe ich den Satz im Song benutzt.

 

 

Du hast vorhin erwähnt, es sollte keinen Mittelfinger auf der Platte geben. Ein bisschen anti bist du aber schon, zum Beispiel im Song „Spaß“, wenn es heißt: „Sie hatten alle noch nie Spaß, und darum sind sie voller Hass. Sie wissen gar nicht, wie das geht, wie man liebt und wie man lebt.“

Hier geht es um die Ursprünge des besorgten Bürgers. Der Begriff „besorgter Bürger“ beschreibt die Anfänge des Rechtsrucks, der AfD und dieses ganzen Krams. Da muss man dann auch mal anti sein. Bei Umweltzerstörung, Rassismus und Faschismus bin ich immer anti. Trotzdem geht der Song auf eine unterhaltsame Weise mit all dem um. Er soll kein Referat sein, sondern rütteln, bewegen, Emotionen auslösen.

Wie ist es eigentlich, wenn du dich textlich mit den genannten Themen, bei denen du anti bist, beschäftigst: Regst du dich dann noch mehr darüber auf oder ist das Schreiben ein Stück weit ein Ventil und beruhigt dich?

Gute Frage (überlegt lange). Es ist eine Art Beschäftigungstherapie. Die Frage ist letztlich: Wohin mit meiner Wut? Schlage ich in einen Sandsack? Oder schreibe ich etwas dazu auf? Jeweils ist die Lage danach kein bisschen besser – aber vielleicht geht es mir ein bisschen besser, weil ich Dampf abgelassen habe. Es gibt auch Momente, wenn ich zum Beispiel einen Brief oder eine Mail von Leuten bekomme, die „danke“ sagen für etwas, das ich in einem Song transportiert habe, weil es ihnen geholfen hat. Da denke ich dann: Krass! Geil!

Man bekommt die Wirkung von den eigenen Texten ja oft gar nicht mit. Aber die Chance auf eine solche Wirkung besteht, wenn man etwas rausbringt, und das ist sehr viel wert.

 

„Hamburg, die pompöse Kulturstadt! Am Arsch!“

 

Als „Advanced Chemistry“ erschien, sagtest du uns im Interview, dass wenn Deutschland im Ganzen ein bisschen mehr wie Hamburg wäre, es in der Gesellschaft auch weniger Angst vor Fremden gäbe …

… ja, das denke ich immer noch.

Du hast es begründet mit der Offenheit Hamburgs, die der Hafen den Leuten nahelegen würde. Denkst du, dass Hamburg auch in der jetzigen Corona-Krise ein Stück weit Vorreiter war und ist für das gesamte Land, etwa, was die Politik angeht?

Nein, leider nicht. Was ich wirklich als Schlag ins Gesicht empfand, war, als erst nach einem gefühlten halben Corona-Jahr die ersten Hilfspakete von je 2.500 Euro eintrudelten – und in der Pleitestadt Berlin die selbstständigen Kreativen 5.000 Euro bekamen. Da war ich richtig sauer. Hamburg, die pompöse Kulturstadt! Am Arsch! Hamburg hat sich da während der Pandemie kein bisschen mit Ruhm bekleckert.

Auf kleine Liebeserklärungen an Hamburg verzichtest du allerdings auch auf „Earth, Wind & Feiern“ nicht.

Wenn ich über Hamburg meckere, dann wie eben in einer speziellen Sache. Da haben die Leute, die in Hamburg das Sagen haben, Scheiße gebaut. Aber das tut meiner Liebe zu Hamburg keinen Abbruch. Alles, was ich bin, bin ich wegen dieser Stadt. Die Musik, die ich mache, mache ich wegen dieser Stadt. Meine Offenheit, meine Toleranz – die habe ich von Hamburg. Wenn es Hamburg nicht geben würde, würde es auch diese Platte nicht geben.

Ich gehe den Leuten anderswo in Deutschland auch schon auf den Sack mit meiner Hamburg-Liebe (lacht). Die wird nie aufhören.

Wo in Hamburg würdest du denn am liebsten eine Release-Party für das neue Album machen?

Im Fernsehturm, für ein paar seelige Wenige. Danach würde ich auch gerne mit der Platte im Millerntor-Stadion spielen. Aber das haben wir mit den Beginnern schon drei Jahre hintereinander versucht, zusammen mit dem Verein und dem Präsidenten. Wir wollten es alle unbedingt. Aber der Bezirksamtsleiter hat es wegen einer DB-Beschränkung nicht zugelassen. 91 DB ist die Grenze. Zum Vergleich: Wenn St. Pauli ein Tor schießt und der Blur-Song ertönt, sind das 105 DB.

Also nicht im Millerntor-Stadion. Aber sehr gerne auf der Trabrennbahn. Dort herrscht eine tolle Atmosphäre und man kann so laut sein, wie es Spaß macht.

„Earth, Wind & Feiern“ ist am 21.5. auf Vertigo Berlin/ Universal erschienen


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Mai 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburger des Monats: Esche Geschäftsführer Andreas Fleischmann

2016 wurde die Esche in Altona eröffnet. Mit kostenlosen Graffiti- und HipHop-Kursen bietet sie Jugendlichen seitdem kreative Freiräume – die momentan schmerzlich vermisst werden. Geschäftsführer Andreas Fleischmann hat das Jugendkunsthaus mit seinem Team konzipiert und aufgebaut

Interview & Foto: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Andreas, Glückwunsch zu fünf Jahren Esche. Stimmt es, dass du vor der Eröffnung Angst hattest, dass keine Jugendlichen zu euch in den Eschelsweg kommen?

Andreas Fleischmann: Das war tatsächlich so. Zum Glück wurden unsere Kurse von Beginn an gut angenommen. Ein Grund des Erfolgs war, dass wir uns genau angeschaut hatten, welche Angebote es in Altona gab. Die richteten sich meist an Sechs- bis 14-Jährige. Also haben wir etwas Weiterführendes gemacht. Relativ früh war klar: Wir wollen eine Art Jugendkunstschule aufbauen, wie es sie besonders in Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern flächendeckend gibt.

Warum habt ihr euch Jugendkunsthaus genannt?

Wir wollten den Begriff Schule lieber rauslassen, um die Kids nicht zu verschrecken. Die Idee ist: Wir sind für alle offen und die Kurse für die Jugendlichen kostenlos. Du musst es dir vorstellen wie eine coole Volkshochschule nur für Jugendliche.

Euer Ziel in der Esche ist es, Freiräume für Jugendliche zu schaffen. Gibt es davon zu wenig?

Ich glaube, es gibt noch zu wenig kreative Freiräume. Der Stellenwert kultureller Bildung könnte in Hamburg höher sein. Nach dem ersten Lockdown lag der Schwerpunkt der Lockerungen in den Schulen bei den sogenannten Kernfächern wie Mathematik, Deutsch und Englisch.

Doch auch kulturelle Bildungsangebote, in denen man zum Beispiel lernt, sich vor einer Gruppe zu präsentieren, ein selbstbewusstes Auftreten zu üben und seine ganz eigene Ausdrucksform zu finden – warum ist das weniger wichtig als Mathematik? Die Jugendlichen brauchen dringend selbstbestimmte Freiräume, in denen sie sich austauschen und ausprobieren können.

 

Jugendliche für Kunst begeistern

 

Füllt ihr mit der Esche eine Lücke aus?

Wichtig war uns, niemandem im Stadtteil Konkurrenz machen. Wir machen kein Töpfern, denn das gibt es im HausDrei, keine Holzwerkstatt, die es damals in der MOTTE gab und keinen Comic-Kurs, denn den gibt es in der GWA St. Pauli.

Stattdessen bieten wir Graffiti-Kurse, Breakdance, HipHop, Gesang, Songwriting und einen Zeichen- und Malkurs für die Älteren – inklusive Mappenvorbereitung. Wir wollen die Jugendlichen nachhaltig für Kunst begeistern. Deshalb bieten wir Anfänger- und Fortgeschrittenenkurse an. Wir wollen die künstlerische Entwicklung begleiten, machen hier aber keinen Spitzensport.

Wen erreicht ihr?

Jugendliche aus dem Stadtteil, aber auch von weiter her, da wir mit der S-Bahn vom Bahnhof Königstraße gut zu erreichen sind. Einige kommen zu uns, die man nicht durch einen Flyer erreicht, weil wir viel mit Schulen und Jugendeinrichtungen im Viertel kooperieren. Wir richten uns in erster Linie an junge Menschen, die sich keine Mal-, Tanz- oder Gesangsschule leisten können – sind aber offen für alle!

Haben die Kinder und Jugendlichen Schwellenangst?

Das kommt schon vor. Man darf nicht vergessen: Es sind Jugendliche, die in der Pubertät stecken. Die kommen hier rein und sind noch nicht Teil der Tanzgruppe und kommen in den Tanzraum, wo sich alle kennen. Die sind aufgeregt und blass. Einige drehen auch auf der Stelle wieder um.

 

„Each one, teach one“

 

Die Jugendlichen sollen hier also nicht abhängen?

Wir wollen die Kinder zum Machen bewegen. Zum kreativ werden. Zum Selber-was-schaffen. Das haben wir aus dem HipHop: „Each one teach one.“ Diese Methode ist super wichtig. Dass sich die Kids auch gegenseitig etwas beibringen. Das ist hier kein Frontalunterricht, man erschafft etwas gemeinsam. Die Jugendlichen, die anfangs blass in einen Kurs gingen, tanzen uns ein halbes Jahr später voller Stolz die neue Choreo vor.

Ihr sprecht in normalen Zeiten jede Woche 200 Jugendliche an. Wie war es zwischen den Lockdowns, wie ist es jetzt?

Im September waren wir schon fast wieder bei den alten Besucherzahlen. Wir hatten noch einen zusätzlichen Graffiti- und Tanzkurs dazu genommen, weil die Anzahl der jeweiligen Kursteilnehmer durch unser Hygienekonzept kleiner wurde. Aus unserem Förderkreis haben wir Spenden bekommen, um die zusätzlichen Kurse bezahlen zu können. Jetzt bleibt uns nur die Möglichkeit, digital Kontakt zu halten.

Schade, dass du nicht sehen kannst, was sonst hier los wäre. Wir haben normalerweise alle zwei Monate einen Auftritt mit einem Kurs. Altonale, Kampnagel, Mädchenspektakel – alles 2020 ausgefallen. Da wollen wir wieder hin und da werden wir auch wieder hinkommen. Gesang und Songwriting machen wir momentan über Zoom weiter. Bei den Tanzkursen haben wir Videos gemacht. Die Videos können es aber nicht ersetzen, im Tanzraum gemeinsam zu proben.

Sobald wir wieder loslegen können, geht es weiter. Wir scharren mit den Füßen. Die Jugendlichen. Wir vom Team und die freischaffenden Künstler, die in einer schwierigen Situation sind.

Du hast fünf Jahre Esche erlebt. Was waren die schönsten Momente – und gab es auch mal Stress?

Die schönsten Momente waren für mich immer die Sommer- und Winterfeste. Die haben Meilensteine markiert und wir sahen, welche Früchte unsere Arbeit trägt. Zum Glück habe ich auch den Kontakt zu den Jugendlichen und sitze nicht nur im Büro und organisiere. Aber was in den Kursen geprobt und gemacht wird, sehe ich dann erst richtig auf den Festen. Das ist für mich superschön.

Und natürlich gibt es immer mal wieder Stress. Meine Kollegin Tanja Brenner ist nicht umsonst Diplomsozialpädagogin. Wir haben auch Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen, die hier ihr Herz ausschütten. Solche Fälle gibt es immer.

esche.eu


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Plattenkünstler Ludwig Mausberg streamt bei YouTube

Der DJ und Produzent Ludwig Mausberg streamt seit Sommer über seinen YouTube-Kanal. Mit SZENE HAMBURG spricht er über hohe Reichweiten, den Austausch in Pandemiezeiten und Kommerz. Die Corona-Hilfen kritisiert er scharf

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Ludwig, wie erlebst du als DJ die Pandemie?

Ludwig Mausberg: Für mich ist das Nachtleben ein integraler Bestandteil meines Lebens. Im Moment kann ich dort nicht auflegen und viele soziale Kontakte sind weggebrochen. Die sind für mich als Künstler aber sehr wichtig, da ich dadurch Inspiration bekomme. Austausch mit anderen Leuten hat eine Auswirkung auf die Musik. Das geht nicht nur mir so.

Wir alle brauchen diesen Austausch. Trotzdem sehe ich ein, dass die Beschränkungen notwendig sind. Es schränkt ein, aber wir müssen sie in Kauf nehmen, damit es besser wird.

Wann hast du das letzte Mal vor Leuten aufgelegt?

Das war zur „Little Deeper“-Party, Mitte Februar im Pudel. Es frustriert mich sehr. Seit ich 13 bin gehört es für mich dazu, mit Leuten, die im Raum sind, Musik zu teilen. Es ist keine Brosche, die einem vom Revers gerissen wird und für die man Ersatz bekommt. Es ist etwas, wofür ich 20 Kilometer wegen eines Kabels durch den dunklen Wald gelaufen bin, nur um es möglich zu machen.

Es bedeutet für mich die Welt. Aber da diese Welt kostbar ist, ist sie schützenswert. Deswegen ist es ist gut, sich jetzt zurückzuziehen, damit es nicht das letzte Mal gewesen sein wird, dass man miteinander Musik erlebt hat.

Was hat sich noch für dich verändert?

Ich habe sehr große finanzielle Einbußen. Zum Glück habe ich eine Anstellung als Radkurier bei Thomas i Punkt. Die haben mich von Anfang an unterstützt und nicht hängengelassen. Großer Respekt dafür. Das machen nicht alle Unternehmen. Trotzdem fehlt mir eine Menge Geld vom Auflegen und Live-spielen.

Zu den klassischen Solo-Selbstständigen zählst du also nicht?

Seit drei, vier Jahren nicht mehr. Das hängt ein bisschen damit zusammen, dass ich dabei bin, unser Label The Crate als GbR aufzubauen und dort alles hinein investiere. Also noch einen Job habe, um hundert Prozent zu geben.

 

Nicht gewünscht, nicht gedacht

 

Konntest du irgendwelche Hilfen in Anspruch nehmen?

Natürlich habe ich davon gehört, aber als ich mir das richtig angeschaut habe, waren es im Prinzip alles Hilfen für Leute, die vorher schon finanziell gut aufgestellt waren. Ich möchte auch nichts hinterhergeworfen oder geschenkt bekommen und habe erarbeitet, was mir gehört.

Welche Unterstützung hättest du dir gewünscht?

Richtige Hilfen für richtige Künstler. Leute, die schon alles haben und in der Künstlersozialkasse nie Probleme hatten, die brauchen diese Scheißunterstützung nicht. Ich bin wirklich wütend, denn diese Hilfen greifen für die wenigsten und sind nur für diejenigen gedacht, die sowieso durchkommen.

Musiker, die wirklich ihre eigene Vision durchboxen wollen, können sich in dieser Verwertungsgesellschaft nicht aufstellen. Das ist nicht gewünscht und nicht gedacht. Man muss den ganzen Kommerz mitmachen und das ist armselig.

Was bräuchte es stattdessen?

Einen Twist der öffentlichen Wahrnehmung. Dass Musiker wieder dort gesehen werden, wo sie sind. Ganz viel im Nachtleben, mit zig Knochenjobs nebenbei und es trotzdem nicht reicht. Musiker, die alles geben, weil sie es irgendwie schaffen wollen und komplett hinter ihrer Sache stehen.

Und dann sieht man irgendwelche Bratzen, die seit einem halben Jahr auflegen, bei diesen ganzen konstitutionellen Sachen mitgemacht haben und die dann die Hilfen abbekommen. Das finde ich verachtenswert und enttäuscht mich sehr. Nicht nur als Künstler, sondern auch auf menschlicher Ebene.

 

Wegbrechende Verbindlichkeiten

 

Nimmst du auch etwas Positives aus dieser Zeit mit?

Ja, ganz viel! Es ist ein starkes Bewusstsein dahingehend entstanden, was wir aneinander haben. Und wie man miteinander Musik macht. Zum Beispiel hat sich die Studioarbeit sehr verändert. Weil keiner weg kann.

Vorher waren wir im Zeitalter der wegbrechenden Verbindlichkeiten. Jeder hat ein Telefon und kann fünf Minuten vorher mit irgendeinem triftigen Grund absagen. Jetzt gibt es keine triftigen Gründe mehr. Alle waren pünktlich und man hat einfach für drei Stunden etwas gemacht, weil da draußen nichts ist, was man verpassen kann.

Glaubst du, das bleibt?

Ich glaube, dass die Leute ein bisschen mehr Erfahrung mit sich selbst gesammelt haben und merken, was ihnen wichtig ist. Die Reduktion führt vor Augen, dass sich viele früher oft nur unterhalten lassen wollten. Aber menschliches Leben ist dafür zu schade.

Ich will aktiver Teil der Unterhaltung sein. Und ich habe die große Hoffnung, dass es einigen Leuten genauso ergangen ist und sie diese Gedankengänge in die Tat umsetzen, um irgendetwas mit ihrer Zeit zu machen.

Ist so auch die Idee für deinen YouTube-Kanal entstanden?

Nicht ganz. Den Kanal habe ich mit einem Freund ins Leben gerufen als wir 17 waren. Wir haben dort Underground HipHop aus den USA hochgeladen, um sie mal bei Freunden abzuspielen und damit sie überhaupt im Internet vorhanden ist.

 

 

Wir waren damals schon DJs. Ich bin morgens aufgestanden und so wie andere Computer spielten, habe ich stundenlang nach rarer Musik gegraben. Seit Corona nutze ich diesen Kanal zum Streamen von zu Hause oder aus verschiedenen Plattenläden.

Die Abrufzahlen einiger Videos gehen bis weit über die Millionen. Wie erklärst du dir diesen Zuspruch?

Damit, dass wir damals die ersten waren, die diese unbekannten HipHop- Tracks in sehr hoher Qualität hochgeladen haben. Wir sorgten damit für konstant gute Musik, die für eine hohe Zuschauerschaft anders nicht verfügbar war. Und da hängt sicher irgendein Algorithmus dahinter, wo man öfter vorgeschlagen wird, umso länger man dabei ist. So kamen wir irgendwann überall hin.

Wie nutzt du diese Reichweite?

Wir haben den Kanal gerade von Boobacrazy in Deeper umbenannt. Er heißt jetzt wie die Partyreihe unseres Labels. Wir können darauf hinweisen, was wir hier für Musik spielen. Also alle unterschiedlichen Genres, nicht nur HipHop. Auch weil es viele internationale Booking-Anfragen gibt.

Wir wollen dort, wenn es wieder losgeht, unsere Partys streamen und die Zuhörerschaft auf Spotify oder anderen Diensten erweitern, sodass Künstler von unserem Label dort regelmäßig Musik veröffentlichen können.

Ich arbeitete gerade mit der Sängerin Zariah an einer Veröffentlichung in Richtung Soul und Disco. Und eine House-Platte ist auch so gut wie fertig.

Lohnen sich solche Abrufzahlen auch finanziell?

Die monetären Möglichkeiten sind begrenzt. Ich mache damit null Geld. Aber die anderen sind viel besser, nämlich mit Leuten in den bereits erwähnten Austausch zu kommen. Wenn sich den Stream einige Tausend Leute anschauen, dann geben sie mir direktes Feedback und man spürt die Liebe und was es ihnen bedeutet.

Viele sind selbst im Lockdown und für sie ist Musik einfach eine Notwendigkeit, um diese Zeit mental irgendwie zu überstehen. Musik war auch für mich immer eine Therapie im Leben. Wenn ich anderen damit etwas geben kann, werde ich es sofort machen.

Livestream jeden Sonntag 17–20 Uhr

 

Gebt euch hier den Stream für den 17.01.2021:

 


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Deeper: Die Tiefen der Musik

Der Künstler Ludwig Mausberg ist Teil des Labels The Crate. Dessen Reihe Deeper feiert im Februar Jubiläum. In SZENE HAMBURG spricht Mausberg über sein neues Album „Get Free“, Digging in Zeiten von Internet und die Hamburger Veranstaltungsszene.

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Ludwig Mausberg, was ist Deeper?

Ludwig Mausberg: Es ist die Party unseres Labels The Crate, welches Tobi, Amran, Sascha und ich zusammen haben. Als Reihe funktioniert Deeper als genreübergreifendes Konzept, alle zwei Monate, wo an einem Abend viele verschiedene Musikrichtungen gespielt werden können. Aber ohne Willkür, sondern in einer Art Kanon, der sich beim Schallplattensuchen herausbildet.

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Lebensinhalt Vinyl: Ludwig Mausberg

Wie meinst du das genau?

Man hat irgendwann eine Landkarte von Dingen im Kopf die zueinander passen. Wenn du das lange machst, blendest du Genres völlig aus, kannst Dinge abstrahieren und einzelne Richtungen miteinander mischen. Da hört sogar ein Laie den Zusammenhang. Die Idee von Deeper: eine tiefere Auseinandersetzung mit Zusammenhängen in der Musik.

Klingt hochtrabend …

Ja, aber es ist ganz simpel. Es geht darum Gemeinsamkeiten in unterschiedlichen Sachen zu finden. Deswegen lege ich auch so gerne mit Sascha vom Bluesleeve Select Store auf, der unter Block Barley Musik macht. Wir beide sind der feste DJ-Part von Deeper und haben ein ähnliches Verständnis. Es wird da keine Technomusik geben, sondern wir wollen einen Party-Kontext erschaffen, den es sonst nicht gibt.

Wo feiert ihr?

Unsere feste Location ist im Frappant. Wir sind manchmal im Nachtasyl, waren auch schon in der Astra Stube. Mit Little Deeper lege ich außerdem an ausgewählten Abenden im Golden Pudel Club auf. Im Februar hat Deeper zweijähriges Jubiläum. Für die Nacht laden wir zwei besondere Gäste ein, die ich heute noch nicht verraten kann.

Wie bist du zur Musik gekommen?

Wenn man es genau nimmt, bin ich aus einem klassisch geprägten Umfeld. Mein Vater hatte als Musiker in der DDR Berufsverbot und ist Pfarrer geworden. Mit acht Jahren lernte ich bereits mein erstes Instrument, Trompete. Meinen ersten Schallplattenspieler hatte ich mit 14.

Was für Musik hörst du?

Durch die Scheiben meiner Eltern, mochte ich Tangomusik sehr. Von dort bin ich zum Soul und HipHop gekommen. Aber Musik hat mich immer insgesamt interessiert. Sachen anhören und alles durchforsten. Ich habe nicht nur hier und dort mal reingehört, sondern immer komplett abgegrast und alle Infos zusammengetragen. Am Anfang war das ja noch ohne Internet.

Ist der Spaß am „Durchforsten“ damit verloren gegangen?

Nein, es ist nur ein krasserer und schnellerer Prozess geworden. Ich mache genau das Gleiche, nur viel effektiver als früher. Es ist wie bei jemanden, der an einer Goldmine sitzt. Wenn er weiß, wo etwas zu suchen ist, dann findet er was.

Ich verbringe in der Woche mindestens fünf bis acht Stunden um Musik rauszufinden. Was du konstant machst, kann dich selber mit Dopamin, also mit Glücksgefühlen versorgen.

 

„Ein Sinnfindungsspiel auf Schallplattenlänge“

 

Im April erscheint dein achtes Album „Get Free“. Was wird darauf zu hören sein?

Es wird ein Konzept-Album mit instrumentaler HipHop-Musik auf Vinyl. Wir haben verschiedene Instrumente eingespielt. Timo Eilbek ist mit Saxofon vertreten. Der Jazzmusiker Leon Raum spielt Schlagzeug und es gibt einen vokalen Gastbeitrag der Sängerin Alisa von Shi Offline.

Was bedeutet der Schlüssel auf dem Cover?

Auf dem Album sind überall kleine Aussagen versteckt. Durch sie kann man darüber nachdenken, wo man rein will, wo man raus will. Ob man den richtigen Schlüssel für die falsche Tür findet oder umgekehrt. Einfach mal
die Chance nutzen, für 16 Minuten pro Seite das Internet und Telefon auszumachen, nicht an die Tür zu gehen und sich Zeit nehmen, über solche Dinge nachzudenken. Ein Sinnfindungsspiel auf Schallplattenlänge.

Wo gibt es das Album?

Man findet es in Hamburger Schallplatten Läden wie Hanseplatte oder der Plattenrille.

Warum released du auf Vinyl?

Es ist einfach der Inhalt meines bisherigen Lebens. Meine ganze Wahrnehmung, wie ich die Welt kennengelernt habe, hat viel mit Schallplatten, mit Plattenläden und den Menschen dort zu tun. Ich bin kein Dogmat, aber es gehört zur mir und hat mich ganz gefangen. Vieles kann ich darüber besser verstehen.

In der Schnelllebigkeit irgendwelcher Releases ist es für mich wichtig, dass ich meine ganzen Gefühle, die ich zu dem Album hatte, in einem finalen Medium abfeiern kann. Es ist was Abgeschlossenes und fühlt sich kompletter an.

 

 

Auch beim Auflegen? 

Ja, total. Man baut eine Beziehung auf. Seit der ersten Schallplatte war es ein Wunsch, ein Teil von dieser Welt zu sein. Mittlerweile weiß ich, wie ich mich darin am besten ausdrücken kann.

Du bist seit drei Jahren in Hamburg. Hast vorher unter anderem in Dresden und Berlin Partys gemacht. Wie erlebst du die Veranstalterszene?

Tatsächlich mache ich seit 2008 Veranstaltungen und mittlerweile weiß ich, was ich alles nicht möchte. Es gibt immer die Möglichkeit irgendeine Bediener-Veranstaltung zu machen. Und in Zeiten von Clubsterben ist der Erlebnisfaktor ein größerer Punkt geworden, um die Leute vom Hocker zu holen. Aber ich weiß ganz sicher, dass ich lieber mit einer kleineren Crowd glücklich bin, wo alle cool sind.

Kulturelles Angebot besteht aus Vielfalt. Wir spielen bei Deeper nicht jedes Mal die gleiche Musik. Im Grunde ist eher das Zeil, dass beim nächsten Mal was völlig anderes läuft. Das ist auch so eine Art Wettbewerb zwischen den DJs.

Ist Wettbewerb auch sonst ein großes Thema im Hamburger Nachtleben?

Ähnlich wie in vielen anderen Städten auch, mit einem entscheidenden Twist. Ich glaube die Leute sind sich nicht darüber bewusst, wie viel und gut sie hier miteinander auskommen und miteinander arbeiten. Jemand, der hier länger wohnt, sieht vielleicht mehr die Konkurrenz und das jeder sein eigenes Süppchen kocht.

Da sollte man mal woanders sein. Vielleicht braucht alles immer ein bisschen Zeit, aber die Herzlichkeit und die Art und Weise, wie unangestrengt Leute in Hamburg miteinander Dinge machen, habe ich so noch nie woanders erlebt.

Frappant: Bodenstedtstraße 16 (Altona), Deeper: 22.02.2020, 23 Uhr


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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