Beiträge

deep dive club: Besseres Business

Der deep dive club ist eine Nachhaltigkeitskonferenz am 20. Februar 2020 für Unternehmen jeder Größe

Text: Erik Brandt-Höge

 

Der Klimawandel geht alle an. Niemand kommt vorbei an den Veränderungen, die von Menschen gemacht sind, und die den Planeten bedrohen. Da reicht es nicht, auf Politgipfeln Einsicht zu zeigen und Besserung zu geloben. Worte sind nicht genug. Ein Umdenken auf allen Ebenen ist gefragt, natürlich auch in der Wirtschaft.

Ein Zeichen setzt schon mal der deep dive club. Der wurde gegründet, damit Unternehmen jeder Größe zusammenkommen und sich in Sachen Nachhaltigkeit beraten und weiterbringen können. Vom Start-up bis zum Großkonzern ist jeder willkommen, der an neuen, klimafreundlichen Lösungen interessiert ist.

 

Workshops, Masterclasses, Marketplaces

 

Die nächste Möglichkeit bietet die DDConference bei Stereo Events (alte Kutschenwerkstatt) in Eimsbüttel. Workshop, Masterclass, Marketplace, Job Wall, After-Show-Party mit Live-Act und DJ: Das Programm bietet enorm viel. Im Zentrum der Konferenz stehen die Speaker, die den Teilnehmern reichlich Wege Richtung nachhaltiger Wirtschaft aufzeigen. Unter anderem dabei sind Pinkstinks, Pohlmann, Prof. Dr. Fabisch, Tomorrow, die Umweltdruckerei, Micha Fritz (Viva con Agua), Gruner + Jahr, KLAN, Lena Wittneben und Mitra Kassai (Oll Inklusiv).

Infos zu Zeiten und Tickets: deepdiveclub.de


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Heldenmarkt zeigt: So geht umweltbewusster Konsum

Die Verbrauchermesse „Heldenmarkt“ kommt dieses Wochenende nach Hamburg und zeigt, wie einfach und spaßig umweltbewusster Konsum geht

Text: Ulrich Thiele

 

Neue Helden braucht das Land, nein, die Welt. Nachhaltigkeit ist das Schlagwort des Heldenmarkts, Deutschlands größter Verbrauchermesse für umweltbewussten Konsum, die am 25. und 26. Januar 2020 in Halle A2 der Hamburger Messehallen ihre ökologisch korrekten Pforten öffnet. Das Motto: #fuerallediewasmerken. Nein, keine Angst, der Hashtag steht nicht für Verurteilungsgestus und Konsumanprangern. Der Heldenmarkt will lediglich zeigen, wie einfach es ist, nachhaltig und gesund zu leben, ohne sich in strenger Askese üben zu müssen. Damit jeder zum Helden des Alltags werden kann, jenseits industrieller Massenproduktion.

 

Vom Plattenladen zum Heldenmarkt

 

Ins Leben gerufen wurde die Messe, die neben Hamburg auch in Großstädten wie Berlin, Nürnberg, München und Stuttgart stattfindet, von Lovis Willenberg aus Berlin. Der ist eigentlich studierter Landschaftsplaner, wollte dann aber lieber DJ werden und einen Plattenladen aufmachen. Eines Tages las er im Greenpeace-Magazin einen Artikel über Turnschuhe aus gänzlich recyceltem Material und fand sie so cool, dass er sie haben musste.

Da der Schuhproduzent aber nicht in Deutschland, sondern in Großbritannien saß und sein Produkt nur in großen Mengen verkaufte, bestellte er kurzerhand eine große Ladung und bot sie in seinem Plattenladen an. Bald kamen fair produzierte T-Shirts dazu – Willenberg hat die Ökomode für sich entdeckt, die Idee einer großen Messe schlummerte damals wohl schon in der weichen Biobaumwolle der Babystrampler, die ebenfalls im Sortiment standen.

 

Konsum sollte Spaß machen

 

Willenbergs seitdem unveränderte Botschaft: Konsum sollte Spaß machen, ohne dass sich das schlechte Gewissen meldet. Und zwar in allen Lebensbereichen, wie die mehr als 80 Aussteller auf dem Heldenmarkt zeigen: Von Ökostromanbietern über ethische Geldanlagen bis hin zu bio-fairer Streetwear und Accessoires, Naturkosmetik und Bio-Lebensmitteln. In den Bereichen Wohnen und Lifestyle, Urlaub und Reisen, Freizeit und Mobilität gibt es diverse Angebote, die sich dem fairen Handel und einer ressourcenschonenden Produktion verschrieben haben. Sei es durch die Verwendung von recycelten Materialien oder durch die Förderung von Klimaschutzprojekten. Über 50 Prozent an jedem Standort sind zudem regionale Aussteller.

heldenmarkt-c-forum_futura

Gummistiefel, 100 Prozent ökologisch korrekt? Ja, das geht! (Foto: Forum Futura)

Damit niemand schummelt, man weiß ja nie, müssen alle Aussteller nachweisen, dass ihre Lebensmittel biologisch produziert worden sind. Recycelte Materialien dürfen nur zu einem Viertel aus neuen Stoffen bestehen, Entwickler von Geldanlagen müssen beweisen, dass sie in ökologische Projekte investieren. Zudem erhalten die Besucher auch einen Blick hinter die Kulissen der Produktion. Wer wissen will, woher sein Produkt kommt, welchen Weg es gegangen ist und welche Menschen dahinterstehen, kann die Hersteller hinter dem Markenzeichen in persönlichen Gesprächen kennenlernen.

Ein reine Konsumveranstaltung ist der Heldenmarkt nicht, dafür sorgt das umfangreiche Rahmenprogramm zum Thema Nachhaltigkeit. Workshops, interaktive Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, Vorträge, eine Tombola, DIY-Bastelaktionen, Modenschauen, Kochshows – puh, Moment, kurze Atempause – und Angebote für Kinder stehen auf der Liste. Sozusagen nachhaltige Nachhaltigkeit, denn für nachhaltigkeitsbewusste Generationen muss ja schließlich vorgesorgt sein.

Heldenmarkt: 25.1., 10-19 Uhr und 26.1., 10-18 Uhr, Messehallen (Halle A2)


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 20. Dezember 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Bridge & Tunnel: Fair Fashion aus Wilhelmsburg

Ein kleines Wilhelmsburger Textillabel stemmt sich gegen den Fast-Fashion-Strom – und inspiriert die ganz Großen

Text: Leona Stahlmann
Foto: Jakob Börner

 

Die Insel nennen Wilhelmsburger ihren Stadtteil bescheiden. Dabei ist der Bezirk zwischen Norder- und Süderelbe nicht nur die größte der deutschen Elbinseln. Sondern, wie alle guten Inseln, viel mehr als ein bisschen flaches Land mit Wasser drumherum. Eine Insel, das ist immer auch eine Idee – eine Idee davon, dass die Dinge anders laufen können, wenn man es will: Utopia.

Das Hamburger Utopia heißt Wilhelmsburg. Über Brücken und durch Tunnel schlängelt sich die S-Bahn auf die andere Elbseite. Eine Inspiration für Conny. Sie fährt die Strecke jeden Tag zur Arbeit, Altona–Wilhelmsburg und zurück, über Brücken und durch Tunnel. Und hat ihr Unternehmen direkt danach benannt: Bridge & Tunnel heißt das Label, das sie zusammen mit Textildesignerin Lotte führt. Die muss zwar keine Hindernisse überwinden auf dem Weg zum Atelier von Bridge & Tunnel (Lotte lebt in Wilhelmsburg), aber seit 2015 schlägt sie jeden Tag gemeinsam mit Conny Brücken – für ihr insgesamt elfköpfiges Team im Atelier am Veringkanal, das alles anders macht, als es in der Branche üblich ist.

Bridge & Tunnel arbeitet mit Menschen, die auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt sind: Langzeitarbeitslose, Menschen nach einem Burnout und Geflüchtete etwa, die trotz handwerklicher Begabung keine Anstellung finden – zum Beispiel, weil sie ihre Qualifikationen nicht auf Dokumenten nachweisen können. Weil sie sich selbst das Nähen beigebracht, aber nie eine Ausbildung gemacht haben oder Zeugnisse auf der Flucht verloren gegangen sind wie bei Sayed, dem einzigen Mann im Team. Im Irak hat er als Herrenschneider gearbeitet. „Papiere sind uns schnuppe“, sagt Conny schlicht und sehr entschieden. „Hier zählt nur, was jemand kann.“

 

Bei der letzten Ausschreibung gab es 60 Bewerbungen

 

Das hat sich inzwischen herumgesprochen in Hamburg: Bei der letzten Ausschreibung gab es 60 Bewerbungen. Jeder bringt seine Fähigkeiten ein, und alle lernen voneinander – nicht nur das Nähen und Gestalten der schicken Designtextilien, sondern auch und vor allem: mit den Besonderheiten jedes Einzelnen umzugehen. Die gebürtige Russin Swetlana etwa ist gehörlos. „Gar kein Problem!“, versichert Conny. „Mit Lippen- oder Gebärdensprache verstehen wir uns prima.“

Swetlanas Haare leuchten fröhlich knallblau vor den deckenhohen Stoffregalen, aus denen es in allen Blautönen zurückleuchtet: Bridge & Tunnel vernäht ausschließlich Jeansstoffe. Dabei bezahlen sie ihren Mitarbeitern nicht nur faire Löhne, sondern brechen mit ihrer Produktionsweise ganz nebenbei auch noch alle anderen Regeln der Fast-Fashion-Betriebe, die den Weltmarkt der Mode regieren: Alle verarbeiteten Stoffe kommen von bereits getragenen Kleidern. Um eine einzige Jeans herzustellen, braucht es in der konventionellen Textilindustrie 8.000 Liter Wasser. „50 gefüllte Badewannen Wasser sind das!“, sagt Conny, und macht sich auf dem sympathisch abgewetzten Besuchersofa kerzengerade: „Fünfzig!“

In den Räumlichkeiten im Reiherstiegviertel, direkt über dem bekannten Alternativclub Turtur, werden unter den Händen von Sayed, Swetlana und den anderen Näherinnen alte Jeanshosenbeine und verwaschene Jeansjacken zu schicken Blousons, Taschen oder Kissen. Wer sich von seinen alten Jeans gar nicht trennen mag, kann das Leben der Lieblingsfestivalhose bei Bridge & Tunnel verlängern lassen: „Neulich haben wir aus den Jeans eines Brautpaars ein Ringkissen für die Hochzeit genäht“, erzählt Conny, „oder aus Umstandshosen nach zwei Schwangerschaften eine Reisetasche.“

 

Das Label gibt Menschen auf dem Arbeitsmarkt eine zweite Chance

 

Das Label gibt nicht nur Menschen auf dem Arbeitsmarkt eine zweite Chance, sondern auch unseren abgelegten Textilien. Aus ganz Deutschland schicken Menschen inzwischen Kleiderspenden zu Bridge & Tunnel, „Mit Liebesbriefen obendrauf“, erzählt Conny, „Und Schokolade fürs Team.“ Dass Fair Fashion und Upcycling gut ankommen und Verbraucher bewusster konsumieren wollen, merken derweil auch die großen Unternehmen – und orientieren sich an kleineren Playern, die den Fortschritt zwar mit kleinerer Marktmacht, aber viel größerer Agilität vorantreiben können.

Wenn dann große Tanker und kleine Kähne aufeinander- treffen, können sie sich ergänzen: Seit dem Herbst kooperiert Bridge & Tunnel mit einer Marke, die jedem Deutschen geläufig sein dürfte – und zwar nicht unbedingt ihrer Nachhaltigkeitspolitik wegen. Mit dem Claim „Jede Woche eine neue Welt“ hat das Traditionshaus Tchibo bislang Produkte in die Haushalte gebracht, dessen Sinnhaftigkeit nicht immer erkennbar ist: So nützliche Alltagshilfen wie der „LED-Toilettenpapierhalter“ oder den „mitzählenden Bierflaschenöffner“ zählen dazu, Konsumwelten also, die im Wochenrhythmus von einer neuen Produktpalette abgelöst werden.

Viele dieser Artikel sind aus Plastik hergestellt, ihre Lebensdauer ist begrenzt. Tatsächlich arbeitet Tchibo mit seiner Nachhaltigkeitsabteilung bereits seit 14 Jahren daran, seine Produktion nachhaltiger und fairer zu machen. So experimentiert Tchibo seit rund zwei Jahren erfolgreich mit einem Leihservice für Kinderkleidung. Über die Website tchibo-share.de können Eltern von T-Shirt bis Schneeanzug alles ausleihen, was benötigt wird, und zahlen eine monatliche Leihgebühr. Wachsen die Kinder aus den Kleidern heraus, werden sie zurückgeschickt und können vom Nächsten ausgeliehen werden, und so weiter und so fort.

Bis die Kleidung schließlich auseinanderfällt – und da kommt Bridge & Tunnel ins Spiel: Aus diesen Resten verschlissener Kinderkleidung stellt das Team noch einmal etwas Neues her: Bauchtaschen, Haarbänder, jedes Stück ein Unikat. Die beiden Unternehmen verlängern durch ihre Kooperation also den Produktkreislauf der Kleider um einen weiteren Schritt. Das hat so gut geklappt, dass wir uns im nächsten Jahr auf eine Ausweitung der Zusammenarbeit freuen können – es geht voran, mit kleinen Schritten auf eine neue Perspektive zu. Nicht nur in Wilhelmsburg können die Dinge anders laufen: rauf aufs Festland mit diesen Ideen!

bridgeandtunnel.de

 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 29. November 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

 

 

 

Gut Haidehof: Von Agrar-Rebellen und Gemüse-Liebhabern

Ein neues Referenzzentrum des Gemüseanbaus: Auf dem Haidehof zählen Handarbeit und der perfekte Kuhfladen

Text: Laura Lück
Fotos: Haidehof

 

Samstagvormittags haben die ersten Besucher des Haidehofs ihren Wocheneinkauf im Hofladen schon hinter sich. Auf dem Rückweg ragen Frühlingszwiebeln aus ihren Fahrradkörben, viele haben Kinder im Schlepptau. Betritt man den schönen alten Hof, fällt der Blick auf Heuballen, Gemüsekisten und junge Väter, die mit ihren Sprösslingen Pfauenfedern suchen – ist das noch Wedel oder sind wir schon in Bullerbü?

Man spricht kein Schwedisch, sondern Englisch auf Gut Haidehof. Das Farm-Team ist international. Dänen, Spanier, Briten und Deutsche kommunizieren über Walkie-Talkies auf dem weitläufigen Hof. Jeder ist Experte für ein anderes Gebiet von Gemüseanbau über Saatgutproduktion bis Viehhaltung.

Stephan (Foto o.) leitet das regenerative Agrarprojekt des Haidehofs nicht nur, er darf sich auch erster zertifizierter Lehrer des Holistic Management, einem regenerativen Farming System in Deutschland, nennen. Dahinter steckt das US-amerikanische Savory Institute.

 

Gut-Haidehof-c-Haidehof

Alba und Astrid bei der Sieben-Uhr-morgens-Ernte / Foto: Haidehof

 

„Das ist der perfekte Kuhfladen! Nicht zu dünn, nicht zu großflächig und schön dicht besiedelt“, verkündet Stephan und weist auf einen Haufen, der tatsächlich nach Insekten-Partylocation aussieht. Hier treffen sich Mistkäfer, Würmer und diverse Mikroorganismen.

Ganz bald sollen weitere Gäste dazu stoßen und ihnen bei der Dungverteilung helfen: Hühner. Nach dem Konzept des Holistic Management folgen sie den Dungspuren der Kühe. Diese wandern nämlich täglich in neue Weideareale, die mit Elektrozäunen abgesteckt werden. Der Boden kann sich dann zwischen 40 und 60 Tage erholen.

Das Gras wird so nie ganz heruntergefressen und kann ein tiefgehendes Wurzelwerk entwickeln. Dort sorgen dann mikroorganische Prozesse dafür, dass selbst in trockenen Jahren grünes frisches Gras nachwächst. Die wie so oft visionären Skandinavier haben mit der Ridgedale Farm in Schweden die europäische Brutstätte zur Verbreitung der Savory-Lehre geschaffen. Dort sind sich auch Stephan, Astrid, Alba und Hannes begegnet, die das Permakultur-Konzept vergangenen Januar auf den Haidehof brachten.

 

„Never fight nature“

 

Der ist nun Referenzzentrum für Deutschland und will die „gute Botschaft“ von Hamburg aus verbreiten. Zwei weitere Höfe in Bayern und der Eifel ziehen bereits nach. Dass das irgendwie nach Religion klingt, ist Stephan bewusst: „Wir sind alle Überzeugungstäter.“ „Never fight nature“ ist dabei das Motto, dem das internationale Netzwerk um Guru Allan Savory folgt. Der Bewegung ein Hipster-Öko-Label mit Sekten-Beigeschmack aufzudrücken, wäre aber ungerecht. Es geht darum, alte Prinzipien mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu bereichern. Also quasi zurück zum Garten Eden, aber eben wissenschaftlich und nicht zuletzt wirtschaftlich gedacht.

Die Büllerbü-Fantasie vom Mehrgenerationenhof schwebt Stephan tatsächlich vor. Nachhaltigkeit, Selbstversorgung, Arbeitsplätze mit Sinn – und Profitabilität. Aber wie soll sich ein handwerklicher Landwirtschaftsbetrieb halten? Erst mal durch den Glauben ans Konzept. Daran, dass die Natur ihre Kreisläufe am besten selbst steuert und Menschen verstehen, dass Handarbeit ihren Preis hat.

Außerdem: durch Wachstum. Der Gemüsegarten soll im nächsten Jahr um 50 Prozent vergrößert werden und weitere Mitarbeiter und Hofbewohner beschäftigen. Ab Herbst soll die Rindfleischproduktion anlaufen und es gibt erste Lieferanfragen von Kantinen nach dem glücklichen Gemüse.

 

Revolution auf dem Feld

 

Neuester Hofzuwachs auf Probe ist Ben, Brite und ehemaliger Sternekoch. Er mäht den Rasen und kocht täglich mit hofeigenen Zutaten fürs Team. Aber auch Hofladenbesucher profitieren von seinen Tipps. Der Koriander hat zum Beispiel gerade Saison und wem er zumeist in Bowls beim Vietnamesen in der Schanze begegnet, muss zweimal hinsehen; im Hofladen trägt das Bund für 2,50 Euro nämlich weiße Blüten. „Die sind toll zum Garnieren und alles Grüne ist viel intensiver im Geschmack, als du es vom herkömmlichen Koriander kennst.“ Ben empfiehlt, die Stängel direkt mitzukochen. Gekauft.

Wie Ben sind fast alle Quereinsteiger auf Gut Haidehof. Stephan hat neben der Bodenrettung auch einen Lehrauftrag in der Anästhesie-Forschung an der Uni Rostock. Astrid war Mathematikerin, bevor sie Algebra gegen Weidemanagement tauschte. Was die Landwirtschaft mit Traktoren, Antibiotika und Chemiekeule plattgemacht hat, wollten sie aufräumen, denn Desertifikation ist ein Problem, das nunmehr zwei Drittel der Graslandschaften der Erde betrifft und den Klimawandel beschleunigt. Auch Gärtnerin und Autodidaktin Alba, die Gemüse als die Liebe ihres Lebens bezeichnet, nimmt das Problem in die Hand.

Und zwar wörtlich: kein Pflügen, keine Traktoren. Ihr No-dig-Ansatz nach dem Prinzip des Market Gardening soll den Boden beim Gemüseanbau nur minimal stören. Ihre Strategie erhöht nicht nur die Biodiversität im Boden und den Ertrag pro Quadratmeter; sie reduziert auch die Bewässerung erheblich und sorgt außerdem dafür, dass das CO₂ im Boden bleibt und nicht in die Atmosphäre gelangt.

 

Gut-Haidehof-3-c-Haidehof

Satte Farben und intensiver Geschmack: Gemüse vom Haidehof

 

Klingt nach Revolution? Das denken auch die Endverbraucher der frischen Ernte: Die ist unglaublich schmackhaft, bleibt lang frisch und ist ihren Preis wert – darin ist man sich einig. Und das bleibt nicht unerhört: Es bildet sich erste Stammkundschaft, TV-Sender klopfen an und möchten über den Haidehof berichten. Denn in einer Zeit in der Klimafragen immer lauter werden, bemüht man sich vor den Toren der Hansestadt tatsächlich um Antworten.

Vielleicht ist Hamburg noch nicht so weit wie die Schweden, aber neue, nachhaltige Konzepte und Denkrichtungen entstehen. Regio- und Saisonalität sind auch Themen, die die Gastroszene bewegen, von der auch die Wedeler Agrar-Rebellen sicher nicht ungesehen bleiben werden.

Wer mehr über regenerative Landwirtschaft erfahren, richtig leckeres Gemüse kaufen oder bloß mal einen perfekten Kuhfladen bestaunen möchte, dem sei ein Samstagsausflug nach Wedel (allein für den Radweg zum Ziel lohnt der Besuch) ans Herz gelegt. Und probieren Sie den Koriander, solange er noch blüht!

Gut Haidehof: Haidehof 3-10 (Wedel)


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


Auf den Geschmack  gekommen? Für mehr Stories aus Hamburgs #foodszene folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

MenschHamburg: „Anpacken fühlt sich gut an!“

Mit witzigen Ideen und einem großen Netzwerk unterstützt Lars Meier, Kopf der PR-Agentur Gute Leude Fabrik, Hamburger Bedürftige, die oft übersehen werden. Dafür hat er 2011 den Verein MenschHamburg gegründet

Interview: Karin Jirsak
Foto: Gute Leude Fabrik

 

SZENE HAMBURG: Lars, wie und wen unterstützt ihr mit MenschHamburg?

Lars Meier: Ein großer Unterschied zwischen MenschHamburg und anderen Organisationen ist, dass wir Geld einsammeln mit dem Spaß der Spender und nicht mit der Not der Notleidenden. Die einzige Begrenzung ist im Grunde, dass das Geld, das wir mit verschiedenen, oft kreativen und ungewöhnlichen Aktionen sammeln, innerhalb des Stadtgebiets bei den Leuten ankommen muss, die es brauchen. Grundsätzlich unterstützen wir gerne Projekte, die sonst nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen.

Da sind wir bewusst sehr bunt aufgestellt – MenschHamburg ist ja auch ein buntes Team. Wir treffen uns regelmäßig und überlegen dann zusammen, wo und wie man helfen könnte. Mal setzen wir das Geld für ältere Leute ein, mal für Naturschutzprojekte, mal für Kinder. Einer Grundschule in Billstedt haben wir zum Beispiel eine neue Küche ermöglicht, in der die Kinder zusammen kochen und so den Umgang mit Lebensmitteln lernen.

Mit welchen Aktionen generiert ihr die Spenden?

Wir haben jedes Jahr drei große Events: das Kamelrennderby auf dem Frühjahrsdom, den Welttrinkgeldtag am 21. Mai und das MauMau-Turnier im Herbst, auf das ich mich schon sehr freue. Außerdem hatten wir zum Beispiel im Jahr 2015, als die Geflüchtetenkrise auf dem Höhepunkt war, die Idee zu unserem „Moin Moin Refugees“-Button, mit dem wir die Hamburger auffordern wollten, hanseatische Willkommenskultur zu zeigen – auch um dem Geschrei, das gerade damals von rechts kam, bewusst etwas entgegenzusetzen.

Ich wollte erst mal nur 500 von diesen Buttons machen lassen. Aber die Nachfrage war extrem hoch. Bis heute haben wir über 50.000 für einen Euro pro Stück verkauft. Vor ein paar Wochen habe ich eine junge Frau in der U-Bahn gesehen, die den Button immer noch getragen hat – nach vier Jahren! Ich hätte sie am liebsten umarmt.

Erzähl mal, wie bist du auf das Kamelrennderby gekommen?

Das Kamelrennen auf dem Dom ist auf jeden Fall Kult. Als Kind habe ich das sehr gerne, aber sehr schlecht gespielt. Irgendwann saß ich mit dem Welt-Hamburg-Redaktionsleiter Jörn Lauterbach bei einer Brause zusammen, dem es genauso ging, und wir kamen auf die Idee, eine Meisterschaft zu veranstalten, bei der Firmen gegen eine Spende von 300 Euro mit je einem Dreierteam mitmachen können. Das so eingenommene Geld kommt immer unterschiedlichen Projekten zugute. Seit 2015 findet das Derby einmal im Jahr statt, und es ist immer ein Riesenspaß.

 

Echtes Engagement findet offline statt

 

Du veranstaltest aber nicht nur Aktionen für MenschHamburg. Die Gute Leude Fabrik organisiert auch den sogenannten N Klub. Stichwort: Nachhaltigkeit …

Der N Klub ist ein Netzwerk für Leute, die sich mit den unterschiedlichsten Nachhaltigkeitsthemen befassen, zum Beispiel beruflich, oder sich in einer Initiative engagieren. Bei den N Klub-Treffen sind vom CSR-Manager mit Krawatte bis zum Aktivisten, der sich vor den Castor-Transport stellt, die unterschiedlichsten Menschen dabei. Wenn wir auf ein spannendes Projekt oder eine Idee stoßen, dann laden wir die Leute ein. Durch den intensiven Austausch bei diesen Treffen konnten schon viele tolle Ideen verbreitet und realisiert werden.

Auf der MenschHamburg-Website schreibst du: „Es gibt viele Gründe etwas zu tun, aber nur einen sich nicht zu engagieren: Bequemlichkeit!“ Muss man die Bequemlichkeit vielleicht akzeptieren und das Engagement entsprechend bequemer gestalten?

Auf keinen Fall. Viele Leute kritisieren ja heute sehr bequem in sozialen Netzwerken und denken, das wäre Engagement. Aber echtes Engagement, egal, ob man nun Bäume pflanzt oder auf Kinder aufpasst, das ist was ganz anderes, und kann eine ganz tolle Erfahrung sein. Wer zum Beispiel mal Samstagvormittags eine Stunde lang in der Kleiderkammer Hanseatic Help beim Sortieren geholfen hat, weiß: Anzupacken fühlt sich gut an. Und dabei kann man auch sehr gut den Kopf frei kriegen.

Mensch.hamburg


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

FoodSZENE: Wie sich junge Gastronomen Gehör verschaffen

Als die drei jungen Inhaber die Türen ihres Restaurants Klinker im vergangenen Mai endlich öffnen konnten, lag eine achtmonatige Odyssey hinter ihnen. Die Gründe? Zu viel Bürokratie und fehlende fachliche Unterstützung, wie sie sagen

Text und Fotos: Jasmin Shamsi

 

Sich mit einer eigenen Gastronomie selbstständig zu machen, ist für viele der große Traum. Knapp 60 Neueröffnungen in Hamburg seit Frühjahr 2018 – das ist Rekord. Was auffällt: Vor allem junge Menschen, die sogenannte „Generation Y“, scheinen die Branche für sich entdeckt zu haben. Man sagt den Millennials einen gewissen Weltverbesserungsethos nach. Das spiegelt sich in vielerlei Hinsicht auch in den gastronomischen Konzepten wider: Auf den Teller kommen wenig überladene Gerichte, die dafür mit Top-Produkten – idealerweise aus der Region – zubereitet wurden.

Nachhaltigkeit ist ein großes Thema, ebenso bewusster Genuss sowie ein verantwortungsvoller Umgang mit natürlichen Ressourcen und, ja, auch (Fach-)Personal. Wichtigste Devise: Die Arbeit soll Sinn machen und gleichzeitig Sinn stiften.

Die charismatischen Fernsehköche der 1990er Jahre haben der Gastronomie zu neuem Ansehen verholfen – jetzt ist es Zeit, wieder mehr zu fokus­sieren. Gutes Handwerk abzuliefern und „die Klappe zu halten“, wie Marianus von Hörsten fordert. Zumindest, was das ­Kochen betrifft. Zusammen mit seinen beiden Kollegen Aaron Hasenpusch und Claudia Steinbauer hat er Ende Mai das Res­taurant Klinker in der Schlankreye eröffnet.

 

Restaurant-Klinker-c-Jasmin-Shamsi

Alles fertig, nur die Konzession lässt auf sich warten: das Restaurant Klinker kurz vor der Eröffnung

 

Der 27-Jährige ist auf dem Demeter-Hof Wörme am Rand der Lüneburger Heide aufgewachsen und weiß, wie viel Arbeit hinter einem landwirtschaftlichen Betrieb steckt. Seine Kochausbildung absolvierte er in Jesteburg im Restaurant Hof & Gut und trat anschließend eine Stelle im Sra Bua by Tim Raue in Berlin an. Durch Zufall lernte er dort seinen Kollegen Aaron kennen, der ebenfalls in einem von Raues Restaurants kochte, dem 2-Sterne-Flaggschiff am Checkpoint Charlie.

Sie beschlossen, gemeinsame Sache zu machen: Ein dreitägiges Pop-up-Restaurant in Berlin-Kreuzberg ­brachte sie über Umwege nach Hamburg, wo sie drei Wochen unter dem Arbeitstitel „Tabula Rasa“ im Cook Up kochten. „Der Laden war jeden Abend ausgebucht“, erinnert sich Aaron. Kurz darauf erfuhren sie von einer frei werdenden Immobilie direkt neben dem Holi-Kino und schlugen zu – angesichts der aktuellen Marktlage ein unverschämtes Glück. 

 

Ausgebremst durch immer neue Auflagen

 

Die Sache hat natürlich einen Haken. Mehr als acht Monate hat das Dreiergespann darauf gewartet, endlich eröffnen zu können. „Wir haben uns in der Zeit mit mehreren Jobs über Wasser gehalten“, sagt Gastgeberin Claudia Steinbauer, die unter anderem jahrelang im Berliner Grill Royal tätig war. Sie hat das Gefühl, dass es Gründern in Hamburg schwer gemacht würde. Während Personal, ausgewählte Produzenten und Konzept schon früh standen, gab es bis zum Schluss Probleme mit der Konzession.

Da ist zum Beispiel die Sache mit den Fluchtwegen, die aufgrund der denkmalgeschützten Fassade durch den Keller verlaufen müssen. Ein hüfthohes Mäuerchen am Kellereingang fiel durch die Statikprüfung. Ständig haben sich neue Auflagen ergeben, nicht nur von Seiten des Denkmalschutzamts. Zuletzt waren 480 Euro für die Generalinspektion des Fettabscheiders fällig.

„Die Verzögerung ist zum Teil auch unsere Schuld“, gibt Claudia zu. Sie seien an die ganze Sache recht blauäugig rangegangen. Könnten sie die Zeit zurückdrehen, würden sie von Anfang an die Behörden mit ins Boot holen. Wer hilft jungen Gründern, an die entsprechenden Infos zu kommen? Reicht es, dass die Handelskammer Hamburg auf ihrer Website Checklisten für Selbstständige und Infos zu Rechtsvorschriften bereitstellt? Werden die Beratungsangebo­te der Handelskammer oder auch Verbraucherschutzämter genutzt? Welche Rolle kommt dem DEHOGA als Lobby für die Branche zu und wird der Interessenverband seinen Zielen gerecht?

 

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Restaurant Klinker (@restaurant_klinker) am

 

Insgesamt bleibt der Eindruck, dass eine Neugründung in Hamburg viel Bürokratie mit sich bringt. „Wir fühlen uns gegängelt und bei wichtigen Themen wiederum alleingelassen“, beschwert sich das Team vom Restaurant Klinker. „Für die Hotellerie ist der DEHOGA ein wichtiger Ansprechpartner. Belange der Gastronomie bleiben dagegen häufig unter dem Radar.“

Der anfänglichen Euphorie ist mittlerweile ein bitterer Nachgeschmack gewi­chen. Darüber möchten die drei Gründer gerne reden, ihr Lokal soll zukünftig auch als Plattform für Diskussionsrunden zur Verfügung stehen. Fachkräftemangel, Bezahlung nach Tarif, Besteuerung von Lebensmitteln, Nachhaltigkeit – das sind auch Themen der Stadtpolitik. 

Die Hamburger Gastro­szene befindet sich im Umbruch, das sollte die Stadt als Chance sehen. Nicht nur, dass die Branche ein wachsender Wirtschaftsfaktor ist, immer mehr wird sie auch von Menschen gestaltet, die mitdenken und Verantwortung für ihre Umwelt übernehmen. Schade, wenn dieser Auftrieb durch Bürokratismus ausgebremst wird.

Restaurant Klinker: Schlankreye 73 (Harvestehude)


Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online und in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG.


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich!


Auf den Geschmack gekommen? Für mehr Stories aus Hamburgs #foodszene folge uns auf Facebook und Instagram.


Appetit auf mehr?

Klimaziele: Bio-Apfelbauer verklagt die Bundes-Regierung

Der Bioapfelbauer Claus Blohm und seine Kinder verklagen die Bundesregierung, weil sie ihr Klimaziel 2020 nicht einhält. Der Vorwurf: Die Tatenlosigkeit gefährde die Existenz der Familie. Ein Besuch im Alten Land

Text: Ulrich Thiele
Foto (o.): Gordon Welters – Greenpeace

Es regnet, Gott sei Dank. Der April war warm und trocken, das milde Wetter hat dieses Jahr schon früh die ersten Mücken ins Freie gelockt. Meteorologen befürchten einen weiteren Dürresommer. An diesem Samstag kurz vor Maibeginn hängt aber ein grauer Wolkenteppich tief über Claus Blohms Apfelplantage in Guderhandviertel im Alten Land und lässt seine Schauer los. „Das reicht längst nicht“, sagt der Bioapfelbauer mit dem unverkennbar norddeutschen Einschlag trocken, als er mit seinem bunt bemalten Subaru-Kleinbus über die Felder zum Schalter des Bewässerungssystem fährt. „Wir brauchen 50 Liter, damit wir wieder durchsuppt sind.“

 

„Der Klimawandel bedroht meine Existenz“

 

Überhaupt: Was heißt hier „Gott sei Dank“? Mit göttlicher Fügung haben die schwierigen Bedingungen wenig zu tun. „Der Klimawandel bedroht meine Existenz“, sagt Blohm. Seit 1560 steht die Familie Blohm in den Kirchenbüchern, auf 21 Hektar baut der 62-Jährige mit der Unterstützung seiner beiden Kinder Johannes (28) und Franziska (26) Äpfel, Birnen und Pflaumen an.

Doch der Obstbau wird immer beschwerlicher. Laut Informationen der Umweltorganisation Greenpeace ist die Durchschnittstemperatur im Alten Land in den vergangenen 30 Jahren um einen Grad gestiegen. Für die Bauern in Nordeuropas größtem Obstanbaugebiet hat das schwerwiegende Folgen: Der Schädlingsbefall nimmt zu, unberechenbare Extremwetter-Phänomene häufen sich. Laut eigenen Angaben macht Blohm Ernteverluste von bis zu 30 Prozent.

Im Frühjahr 2017 führten die starken Regenfälle zu Staunässe auf dem Boden, wodurch die Erde aufgeweicht ist und seine Bäume umkippten. Ein Jahr später kam der Hitzesommer und hinterließ einen Sonnenbrand auf den Äpfeln. Bedeutet: dunkle Flecken und ledrige Schalen. Hinzu kommen die sich verbreitenden Apfelwickler – Schmetterlingsraupen, die sich in das Fruchtfleisch bohren. Wegen des milden Klimas fühlen sich die Schädlinge neuerdings auch im Norden wohl.

Mit Pestiziden darf Blohm sie nicht bekämpfen, seitdem er 1999 den Betrieb auf Bio umsattelte – als einer der ersten unter den insgesamt rund 650 Obstbauern im Alten Land. Den Hauptverantwortlichen für ihre bedrohte Existenz sehen die Blohms in niemand Geringerem als der Bundesregierung.

 

blohm-apfel-c-greenpeace

Claus Blohm und seine beiden Kinder Johannes und Franziska / Foto: Gordon Welters – Greenpeace

 

Gemeinsam mit zwei weiteren Bauernfamilien und Greenpeace im Rücken ziehen sie deswegen gegen eben diese vor Gericht. Vergangenen Oktober reichten sie beim Verwaltungsgericht Berlin eine Verbandsklage ein, um die Regierung zur Einhaltung des Klimaschutzziels 2020 zu zwingen – inklusive nachträglichen Kompensationen.

Zur Erinnerung: 2007 beschloss die erste unter Kanzlerin Angela Merkel geführte Große Koalition, die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 zu reduzieren. 2016 wurde das Vorhaben mit dem „Klimaschutzplan 2050“ ergänzt: Bis 2030 sollten die Emissionen um 55, bis 2040 um 70 und bis 2050 um 80 bis 95 Prozent gesenkt worden sein.

Doch mit dem aktuellen Koalitionsvertrag kam die Ernüchterung: Der 2020-Plan solle nur noch so weit wie möglich erreicht werden, heißt es darin. Im aktuellen Klimaschutzbericht rechnet die Bundesregierung nur noch mit einer Minderung der Treibhausgasemissionen um ungefähr 32 Prozent – also acht Prozent weniger als ursprünglich vorgesehen.

 

Eingriff in die Grundrechte

 

apfelhof-blohm-c-Fred-Dott-Greenpeace

Nach der Ernte werden die Bioäpfel direkt im Alten Land sortiert und verpackt / Foto: Fred Dott – Greenpeace


In der Anklageschrift werfen die drei Bauernfamilien und Greenpeace der Regierung vor, ihre Handlungen „ohne gesetzliche Grundlage oder Rechtfertigung“ eingestellt zu haben. Dies sei ein unzulässiger Eingriff in die Grundrechte der Kläger auf Leben und Gesundheit, Berufsfreiheit und Eigentumsgewährleistung, das Kabinett Merkel vernachlässige die Schutzpflichten gegenüber seinen Bürgern. Neben der Verletzung der Grundrechte verstoße die Bundesregierung zudem auch gegen europäisches Umweltrecht. Denn die Versprechen seien auch die Grundlage für internationale Verpflichtungen: das 2030-Ziel auf EU-Ebene und das Paris-Abkommen.

„Die Regierung verfehlt ihr Klimaziel krachend und versucht auch gar nicht mehr, das Versäumte nachzuholen“, sagt Anike Peters von Greenpeace. Die Diplom-Ingenieurin für Umweltverfahrenstechnik unterstützt die Familie Blohm bei der Klage. Schon als die Bundesregierung parallel zum wiederholt bekräftigten Versprechen neue Kohlekraftwerke plante und baute, habe Greenpeace gemahnt, dass eine echte Energiewende nicht mit dem Festhalten an der Kohlekraft vereinbar sei, sagt sie.

Ein Beispiel steht in Hamburg vor der Tür: Ab 2007 entstand in Moorburg ein neues Kohlekraftwerk. Peters ist sicher: „Wenn der Klimaschutz weiterhin verzögert wird, dann rast unsere ganze Erde und damit auch Deutschland auf eine Katastrophe zu.“ Der Dürresommer 2018 sei nur ein Vorgeschmack gewesen – Unwetter, verdorrte Ernten und ausgetrocknete Flüsse würden zur Normalität werden, mit Folgen von unvorstellbarem Ausmaß.

Dabei sei es durchaus möglich, die Klimaziele zu erreichen, sagt sie, das von Greenpeace beauftrage Energieszenario „2030 kohlefrei“ des Fraunhofer Instituts bestätige dies. Demnach könne die Bundesregierung bis zum Jahr 2030 Kohlekraftwerke gänzlich durch Gaskraftwerke sowie Solar- und Windkraftanlagen ersetzen und so das Klimaziel 2020 erreichen. Bis zum Jahr 2030 würde der CO2-Ausstoß zudem so weit sinken, dass Deutschland seinen Beitrag zum Pariser Klimaabkommen leisten könnte, den weltweiten Temperaturanstieg bei 1,5 Grad zu stabilisieren. Die Stromversorgung würde dabei nicht gefährdet werden, heißt es.

Stephan Gamm von der CDU ist Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft und Fachsprecher seiner Fraktion für Umwelt und Energie. Er hält die Vorwürfe für ungerechtfertigt. „Von einem Einstellen der Handlungen der Bundesregierung kann keine Rede sein“, sagt er.

 

„Erst wenn alle an einem Strang ziehen“

 

Die Erreichung der Klimaziele sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und könne nicht von oben verordnet werden. „Gerade Teile der Umweltschützer und die Grünen müssen sich die Frage gefallen lassen, ob es nicht unredlich ist, den Ausbau der erneuerbaren Energie vehement zu fordern und gleichzeitig den Ausbau der Übertragungsnetze – Stromautobahnen – bei jeder Gelegenheit auf lokaler Ebene mit allen Mitteln zu bekämpfen“, kritisiert er. Dies habe dazu geführt, dass Deutschland mit dem Ausbau der Netze zehn Jahre zurückliege und allein im letzten Jahr 1,3 Milliarden Euro für nicht genutzten Ökostrom gezahlt werden mussten.

„Erst wenn alle an einem Strang ziehen, werden wir unsere ambitionierten Klimaziele erreichen können.“ Es könnten nicht ohne Sinn und Verstand radikale Maßnahmen umgesetzt und dadurch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes in Gefahr gebracht werden. „Gerade unsere wirtschaftliche Stärke ermöglicht erst den hohen Standard in Umwelt-, Arten- und Klimaschutz“, so Gamm.

Auf das Argument der Wirtschaftskraft angesprochen, reagiert Anike Peters mit einem empörten Lachen. „In all den Geschäften, die heute getätigt werden, sind die finanziellen Folgen der Klimakrise durch die Nutzung fossiler Energieträger noch gar nicht mit einberechnet.“ Man müsse sich allein den Braunkohleabbau im Rheinland und der Lausitz ansehen: „Da wird seit Jahrzehnten der Grundwasserspiegel künstlich abgesenkt und die Pumpen müssen noch weitere Jahrzehnte laufen, bis alles wieder im Gleichgewicht ist – das sind Folgekosten, die noch gar nicht abschätzbar sind“, entgegnet sie.

blohm-apfel-c-greenpeace

Die Idylle trügt: Blohms Plantage ist wachsenden Gefahren ausgesetzt / Foto: Fred Dott – Greenpeace

 

Die Versprechen der Bundesregierung sind nicht verbindlich, Kabinettsbeschlüsse sind keine Verwaltungsgepflogenheiten – normalerweise. Die Frage ist: Kann es dennoch rechtlich relevant sein, wenn die Regierung ihre Versprechen nicht einhält?

Ja, ist Roda Verheyen in diesem Fall überzeugt. Die auf Umwelt- und Völkerrecht spezialisierte Rechtsanwältin aus Hamburg vertritt die Familie Blohm. Sie sagt: „Das Versprechen ist die Grundlage mehrerer Gesetze für die Energiewende, die viel Geld gekostet haben – zum Beispiel das Strommarktgesetz 2014 mit der Einführung der teuren Stilllegungsreserve im Energiewirtschaftsgesetz. Man kann hier von einer Selbstbindung der Verwaltung sprechen.“

Die Rechte einzelner Betroffener und der Umweltschutz generell sind Verheyens große Themen. Sie arbeitet in einer Kanzlei nahe der Alster und vertritt Bauern aus aller Welt. Ihr wohl aufsehenerregendster Prozess ist jener des peruanischen Bauern Saúl Luciano Lliuya gegen den Großkonzern RWE, Deutschlands zweitgrößter Stromversorger und einer der größten CO2-Verursacher weltweit.

Über der Heimatstadt von Lliuya in den peruanischen Anden schmilzt ein Gletscher. Der Bauer befürchtet deswegen, dass sein Haus überschwemmt werden könnte. Weil RWE seit Jahrzehnten in großem Stil Kohle verbrenne und damit zur Erderwärmung beitrage, müsse der Konzern dem Bauern finanziell helfen, sich vor den Fluten zu schützen, sagt Verheyen.

 

Die Regierung schweigt

 

Die Klage der Blohms ist vor einem deutschen Gericht Neuland. Doch sie kommt in einer Zeit, in der die Anzahl der Klimaklagen zunimmt. Als die Familie vergangenen Oktober ihre Klage einreichte, verlangten von den weltweit 1.160 klimabezogenen Klagen 77 mehr Klimaschutz von Regierungen. In den Niederlanden wurde letztes Jahr die Klage einer Stiftung für Nachhaltigkeit zugelassen, die der Regierung vorschreibt, bis 2020 die CO2-Emissionen um 25 Prozent gegenüber 1990 zu verringern.

So weit ist es mit der Vollzugsklage der Familie Blohm noch nicht. Der Prozess kommt schleppend voran. Die Anwälte des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) haben bereits zum zweiten Mal eine Verlängerung der Prüfungsfrist bis Mitte Juni beantragt, man habe einige Unterlagen erst im März erhalten. „Das passt ins Bild dieser sich vorm Klimaschutz wegduckenden Bundesregierung – sie taktiert und betreibt eine klare Verzögerungspolitik“, glaubt Anike Peters, schließlich habe man die Unterlagen bereits im Oktober eingereicht.

Auf Anfrage beim Bundesumweltministerium antwortet ein Sprecher, man wolle, wie bei laufenden Verfahren üblich, zum jetzigen Zeitpunkt keine Aussage zu den detaillierten Vorwürfen treffen. „Es ist aber das gute Recht von Greenpeace und den Familien, vor Gericht zu ziehen und auf diese Weise öffentliche Aufmerksamkeit zu suchen und Druck zu machen.“

Die Klimaschutzanstrengungen Deutschlands hätten durchaus Fortschritte gebracht, sagt er, aber eben noch nicht zum Erreichen der Ziele geführt. „Deshalb konzentrieren wir uns darauf, beim Klimaschutz wieder nach vorne zu kommen.“ Die Klimaschützer und die Regierung eine also dasselbe Ziel. „Zu prüfen, ob die Klage gerechtfertigt ist oder nicht, ist jedoch Sache der Gerichte, hier mischen wir uns nicht ein.“ Bedeutet für Familie Blohm: abwarten und Kaffee trinken.

 

Schwieriger Schritt

 

Zurück nach Guderhandviertel ins Alte Land. Claus, Johannes und Franziska Blohm sitzen bei Kaffee am Küchentisch, sichtlich erschöpft. Claus Blohm ist auch am Wochenende permanent auf Zack, gerade ist er von einem Kontrollgang über die Plantage zurückgekehrt. Später erwartet die Familie noch einen von Greenpeace beauftragten Fotografen, der Bilder für die Pressearbeit der Organisation macht. Als das Gespräch wieder auf die Regierung kommt, ballt Claus Blohm die Fäuste. „Ich darf mich nicht aufregen“, sagt er und lächelt in einer Mischung aus Selbstironie und Verärgerung.

Seit der Elbvertiefung ist er von der Bundesregierung enttäuscht. Er befürchtet, dass das Wasser verschmutzt und der Salzwassergehalt im Fluss ansteigt, aus dem er das Wasser für seine Apfelbäume zapft. „In Berlin werden Entscheidungen getroffen ohne Rücksicht auf ihre Auswirkungen“, sagt er frustriert.

Das Ausmaß seiner Enttäuschung hat auch eine nicht rein finanzielle Komponente. Vor drei Jahren musste die Familie ihre Kirschbäume – ein Viertel des gesamten Baumbestandes – roden. Die Kirschfruchtfliege, deren Maden im Fruchtfleisch schlüpfen, hat die Früchte verdorben. Bis vor einigen Jahren war sie nur südlich von Kassel beheimatet, inzwischen ist sie der steigenden Temperaturen wegen bis ins Alte Land vorgedrungen.

Gerade für Johannes und Franziska Blohm, für die die Bäume mit Kindheitserinnerungen verbunden sind, sei der Schritt schmerzhaft gewesen. Zu ihren schönsten Erinnerungen gehören die Fahrten am Wochenende nach Hamburg zum Markt, um die Ernte zu verkaufen – damals noch unter dem Siegel „garantiert madenfrei“.

 

apfelhof-c-ulrich-thiele

Gerodete Kirschbäume: Mit dem Klimawandel kamen die Schädlinge / Foto: Ulrich Thiele

 

Als Franziska Blohm von einem Auslandsjahr zurückkehrte, waren die Bäume fort. Die Überreste liegen noch immer auf der Plantage, ein tristes Brachland zwischen der gerade sprießenden Blütenpracht der Apfelbäume. „Das war ein Schock, als die Bäume, unter denen wir als Kinder gespielt haben, weg waren“, sagt die Studentin. Ihr Bruder Johannes sieht die Entscheidung als notwendigen Schritt: „Wir konnten die Kirschen so einfach nicht mehr verkaufen, unsere Kunden erwarten Qualität“, sagt er.

„Im großen Stil die Klappe aufmachen“, sagte er einmal einem Journalisten, das sei es, was sie mit dieser Klage tun. Der Fotograf für die Pressebilder ist inzwischen aus Berlin angekommen. Claus, Johannes und Franziska Blohm streifen mit ihm zwischen den Apfelbäumen entlang, posieren mit ihrem Hund Jürgen für die Fotos. Sie sind ruhig und wirken müde, doch auch das hier sei eine Form des Klappeaufmachens, wie sie sagen, denn die Bilder werden durch die Medien gehen. Vielleicht wird im Juni ein Meilenstein gesetzt. Sollte das Verwaltungsgericht die Klage zulassen, käme der Prozess erst richtig ins Rollen.

Biobauerblohm.de


Szene-Hamburg-juni-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juni 2019. Titelthema: Was ist los, Altona?
Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im 
Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

Das sind die Gewinner des Food Innovation Camps

Der essbare Eislöffel „Spoonie“ und das Bratpulver „Paudar“: Diese preisverdächtigen Produkte wurden beim Food Innovation Camp 2019 ausgezeichnet.

Text: Laura Lück

Während der gemeine Coffee-to-go-Trinker heute mit verachtenden Blicken von Bambusfaser-Becherträgern rechnen muss, wird der Plastik-Eislöffel von Gastronomie und Konsument wenig hinterfragt. Bis jetzt. Die Stuttgarter Master-Studentinnen Amelie Vermeer, Julia Piechotta und Anja Wildermuth haben innerhalb eines Jahres Großes bewirkt und das Start-up „Spoontainable“ gegründet. Die Idee: ein essbarer Eislöffel. Die Mission: das Plastikmodell vom Markt zu verdrängen, dadurch Plastikmüll zu reduzieren und so gegen die Umweltverschmutzung anzukämpfen.

Der Nachhaltigkeitsgedanke ist ja erst mal lobenswert, aber schmeckt der „Spoonie“ auch? Der Löffel besteht aus verschiedenen Mehlsorten und natürlichen Nahrungsfasern. Hauptkomponente sind die Fasern der Kakaoschale. So schmeckt der er ohne Zugabe von Zucker und Geschmacksverstärkern auf natürliche Weise dezent nach Schokolade. Angst vorm Schmelzen bei sommerlichen Temperaturen ist unbegründet, da er die Haptik eines Kekses aufweist.

Für Schoki-Verschmäher gibt es aber auch gute Nachrichten: Der Spoonie ist nicht nur vollständig verzehr- sondern auch kompostierbar. Der Abbauprozess ist laut eigenen Tests nach weniger als zwei Monaten abgeschlossen (schneller als bei einer Bananenschale!).

 

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Spoontainable (@spoontainable) am

 

Was als kleines soziales Uni-Projekt und mit ersten Backversuchen in der WG-Küche anfing, darf sich heute Food-Award-Preisträger nennen. In der Kategorie bester Newcomer haben die drei Gründerinnen am 20. Mai beim Food Innovation Camp von Hamburg Startups gewonnen. Mehr als 360 Millionen Eislöffel aus Plastik landen jährlich in der Tonne. Dank Spoontainable gehört das hoffentlich bald der Vergangenheit an.

 

Kleine Revolution: Bratfett in Pulverform

 

Auch Johannes Schmidt und Deniz Schöne dürfen sich Gewinner nennen. Sie haben eine kleine schwarze Streudose ins Rennen geschickt, die auf den ersten Blick nach einer hippen Gewürzmischung aussieht. Drin steckt aber weder Oregano, noch Pommessalz, sondern eine kleine Revolution: ein Bratfett in Pulverform. Braucht man so was? Ja! Da ist die Jury des Food-Awards sich einig. „Paudar“ ist nämlich nicht nur praktisch und spritzt nicht, sondern macht vor allem gesünderen Bratgutgenuss möglich.

Das vegane Produkt besteht nämlich zu 100 Prozent aus pflanzlichen Rohstoffen, in denen keine gehärteten Fette oder Transfette enthalten sind. Dem kritischen Konsumenten sei vor dem Lesen der Inhaltsstoffe gesagt: Das enthaltene Palmfett ist besser als sein Ruf! Es ist nicht nur hoch erhitzbar und bietet eine ausgewogene Zusammensetzung an Fettsäuren, sondern stammt aus zertifizierten nachhaltig bewirtschafteten Anbaugebieten, die natürliche Urwälder schützen und faire Lebensbedingungen ermöglichen.

So können Fleisch, Fisch und Gemüse guten Gewissens mit Paudar bestreut und in die heiße Pfanne gegeben werden. Es lässt sich übrigens auch hervorragend mit Gewürzen mischen. Die vielen Vorteile und seine natürlichen Inhaltsstoffe haben die Jury überzeugt, Johannes, Deniz und ihrem Bratpulver den Food Award für das beste Produkt zu verleihen. Herzlichen Glückwunsch!

 

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von PAUDAR (@paudarofficial) am

 

Algensalate aus heimischen Gefilden

 

Weil die Auswahl der Teilnehmer des diesjährigen Food Innovation Camps so groß und spannend war, schlug Fernsehkoch und Kochbuchautor Christian Rach spontan einen Sonderpreis vor. Mit Jochen Vogel von REWE Nord hatte er auch gleich einen Partner gefunden. „Nordic Oceanfruit“ produziert Salate mit heimischen Algen und erhält nun ein Coaching für die weitere Produktentwicklung.

Auf den Geschmack  gekommen? Für mehr Stories aus Hamburgs #foodszene folge uns auf Facebook und Instagram.


Appetit auf mehr? 

Food Innovation Camp – So schmeckt die Zukunft

Fleisch ohne Tier und Verpackungen ohne Müll? Nach dem Motto „Geht nicht gibt’s nicht“ zeigen Start-ups beim Hamburger Food Event ihre Ideen und Produkte rund um innovativen, nachhaltigen Genuss.

Text: Laura Lück
Foto: Stefan Groenveld

Algen Jerky, Bohnennudeln und ökologische Grillkohle: Am 20. Mai präsentiert das Food Innovation Camp Produktneuheiten und kreative junge Unternehmen aus dem deutschen Kulinarik-Kosmos. Zum dritten Mal veranstaltet Hamburg Startups das Event in Kooperation mit Startup-Spot in der Handelskammer Hamburg. Neben Panels mit den Schwerpunkten „Zukunft der Logistik“ und „Zukunft der Gastronomie“ und Workshops mit Tipps und Tricks für Gründer, wird auch wieder der Food Award in den Kategorien „Newcomer“ und „Bestes Produkt“ verliehen. Zur Jury gehört unter anderem Fernseh- und Sternekoch Christian Rach.

Besucher dürfen probieren und sich mit aktuellen Trends vertraut machen. In den letzten Jahren hat sich zum Beispiel Insekten-Mehl als Proteinlieferant auf dem Markt etabliert. Nachdem das Unternehmen „Swarm“ 2018 den Food Award für das beste Produkt, einen Insekten-Riegel, mit nach Hause nahm, setzt „Snack Insects“ 2019 noch einen drauf. Der Grille geht es nicht mehr mit dem Mörser an den Kragen. Das Tier bleibt ganz und wird zum Beispiel mit Schokolade überzogen oder gefriergetrocknet für die heimische Küche vertrieben.

 

80 Food-Innovatoren – und jede Menge Messe-Highlights

 

Konzepte wie dieses bekommen bei den 5-Minuten-Pitches eine Bühne. In den Kategorien „Beverages“, „Fitness & Nahrungsergänzung“, „Fresh-Food“, „Trockenprodukte & Snacks“ und „Digital“ netzwerken Startups und Fachpublikum um die Wette. Über 80 Aussteller nehmen teil. Damit die Food-Innovatoren mit den passenden potenziellen Partnern ins Gespräch kommen, gibt es außerdem Speeddatings mit Medienvertretern, Investoren und Kooperationspartnern aus Handel und Gastronomie. Einer der Hauptpartner der Veranstaltung ist auch in diesem Jahr wieder Rewe, dessen Einkäufer sich im Camp auf die Suche nach interessanten Produkten fürs Supermarktregal machen.

Messe-Highlight für Vegetarier und Veganer, die gummiartige Tofu-Burger-Pattys satthaben, ist ein rein pflanzliches Ersatzprodukt der Firma Beyond Meat. Bei Blindverkostungen soll es nicht von Fleisch zu unterscheiden sein. Die Täuschung aus Erbseneiweis, Bambuszellulose und Kartoffelstärke fliege nicht mal auf, wenn das Auge mit isst – die Pflanzenfrikadelle soll dank Rote-Bete-Saft sogar genauso bluten wie echtes Beef.

 

 

Neu ist in diesem Jahr die Non-Food-Area. Von Frischhaltetüchern aus Bienenwachs über essbare Eislöffel der Firma Spoontainable bis zum kompostierbaren Verpackungsmaterial gibt’s auch hier jede Menge kreativen Input.

Food Innovation Camp: 20. Mai, Handelskammer Hamburg (Adolphsplatz 1)


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

FoodSZENE – Atlantic Grill & Health

Küchenchef Christian Michel setzt im neuen Restaurant des Hotel Atlantic ganz selbstverständlich auf Nachhaltigkeit und bewussten Genuss.

Text: Jasmin Shamsi

Ziegenkaese-von-Kober-auf-Sellerie_Foto-Jasmin

Ziegenkäse von Kober auf Sellerie. Foto: Jasmin Shamsi

Das Hotel Atlantic hat gastronomischen Zuwachs bekommen. Mit dem frisch eröffneten Atlantic Grill & Health weht ein neuer Wind durch das Traditionshaus an der Alster. Küchenchef Christian Michel, der letztes Jahr vom Münchener Restaurant Schwarzreiter nach Hamburg wechselte, möchte ein jüngeres Publikum ansprechen – mit einer Küche, die auf hochwertige Produkte aus der Region und lokale Superfoods wie Berberitzen, Buchweizen und Leinsamen setzt. Dogmatisch soll es aber nicht werden: Bei Gerichten „für die Seele“ kommen auch mal schön Butter und Zucker zum Einsatz. Auf Nachfrage werden übrigens alle vegetarischen Speisen auch als vegane Variante angeboten. Auf Extrawünsche flexibel zu reagieren, stellt für den 35-jährigen Küchenchef kein Problem dar. Im Gegenteil – das sei heutzutage eine Selbstverständlichkeit, bekräftigt der gebürtige Hesse.

Der ökologische Gedanke setzt sich auch in der Getränkekarte fort: Viele der Säfte und Weine sind aus biologischem Anbau und die hausgemachten Limos werden mit Strohhalmen aus Glas serviert. Einziger Wermutstropfen: Für’s gute Gewissen muss man tief in die Tasche greifen. Für eine gegrillte Hühnerbrust von Odefey & Töchter zahlt man 31 Euro. Kennt man die Aufzuchtbedingungen und den Einkaufspreis, ist das allerdings mehr als fair: Für ein Weidehuhn, das viel Platz, Tageslicht, Ruhe und Futtermittel von Bio-Qualität genossen hat, werden Küchenchef Christian Michel rund 24 Euro in Rechnung gestellt. Belohnt wird der bewusste Genuss mit einem tollen Blick auf die Alster. Kann man sich ja mal gönnen!

An der Alster 79 (St. Georg); www.atlantic-grillhealth.com


Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online und in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG.


Auf den Geschmack gekommen? Für mehr Stories aus Hamburgs #foodszene folge uns auf Facebook und Instagram.


Appetit auf mehr?