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Inszenierung im Schauspielhaus: „Richard the Kid“

Richard III. ist vielleicht Shakespeares abgründigste Figur. Er lügt, intrigiert und mordet. Im Schauspielhaus geht „Richard the Kid“ in der Inszenierung von Karin Henkel auf die Suche nach seiner frühkindlichen Prägung. Ein Gespräch mit Dramaturgin Sybille Meier über eine Inszenierung, die keine einfachen Erklärmuster bietet

Interview: Dagmar Ellen Fischer

 

SZENE HAMBURG: Sybille Meier, Lina Beckmann wird Richard III. verkörpern – warum wird die männliche Figur weiblich besetzt?

Sybille Meier: Es geht um die Schauspielerin Lina Beckmann, die in ihrer Wandelbarkeit und großen Virtuosität genau die richtige Besetzung für diese Figur ist. Sie vermittelt einerseits: „Ich spiele euch den Bösewicht“, wird aber andererseits immer mehr tatsächlich zu diesem Tyrannen. Dass eine Frau die Rolle spielt, ist sekundär. Richard selbst bezeichnet sich im Stück als „Kröte“ und als „Wesen“, das sich keiner eindeutigen Kategorie zuordnen lässt, also auch keiner geschlechtlichen. Regisseurin Karin Henkel interessiert das Grenzgängerische und Spielerische daran.

„The Kid“ im Titel lässt an einen Jungen denken, verwandelt sich Lina Beckmann tatsächlich in ein Kind?

Sie spielt auch das Kindliche ihrer Figur, also den Zwölfährigen, mit ihren Mitteln. Wenn man in Shakespeares Dramen das Alter nachrechnet, stellt man fest, dass Figuren durchaus mit zwölf Jahren schon in die Schlacht geschickt oder mit 14 verheiratet werden.

Woher weiß man überhaupt etwas über die Kindheit dieses Shakespeare’schen Despoten?

Wir haben schnell gemerkt, dass wir weiter in der Geschichte zurückgehen müssen, um etwas über seine ersten Jahre zu erfahren. Also haben wir uns auch mit Shakespeares „Heinrich VI.“ auseinandergesetzt, darin wird von Richards Kindheit erzählt. Wir nutzen also Texte aus beiden Dramen, sonst wären die Beweggründe der Figuren gar nicht verständlich.

Das Ensemble besteht in diesem Fall aus nur vier Darstellern, warum diese kleine Crew?

Ursprünglich war geplant, „Richard III.“ in Koproduktion mit den Salzburger Festspielen zu inszenieren. Dann kam Corona, und wir waren herausgefordert, darauf zu reagieren. Wir beschlossen, das Stück in zwei Teilen zu machen: erstens „the Kid“, und zweitens „the King“. Der erste Teil wird unter den aktuellen Pandemie-Auflagen mit wenigen Schauspielern umgesetzt, der zweite Teil dann hoffentlich im nächsten Jahr mit einem großen Ensemble unter normalen Bedingungen. Dass Lina Beckmann Richard III. spielt, stand von Anfang an fest – das war der Ausgangspunkt für Karin Henkels Vorhaben, das Stück überhaupt inszenieren zu wollen.

Dann bleiben für die anderen zahlreichen Figuren also nur drei Schauspieler, Bettina Stucky, Kate Strong und Kristof Van Boven?

Wir haben uns bei dieser Inszenierung auf die Familiengeschichte konzentriert, auf die beiden Familien York und Lancaster, die sich bekämpfen. Darum geht es ja im Grunde von Anfang an in diesen Rosenkriegen, um zwei Herrscherfamilien, die ihren scheinbar legitimen Anspruch auf die Krone mit Krieg beantworten. Die Politiker, die darüber hinaus bei Shakespeare eine Rolle spielen, werden bei uns im ersten Teil nicht vorkommen.

Trotzdem wird jeder mehrere Rollen übernehmen müssen, welche Charaktere sind denn unentbehrlich?

Das sind die beiden Brüder von Richard, Edward und George zum Beispiel, und Anne natürlich, seine spätere Frau. Außerdem werden König Heinrich und dessen Frau Margareta aufauchen, die eine große und wichtige Rolle in Richards Kindheit gespielt haben.

Wird auch hier wieder gegen den Strich besetzt, geschlechtlich gesehen?

Ja, das finde ich toll, dass man in unserer heutigen Zeit künstlerisch so frei ist zu entscheiden, wer was spielen kann. Diese Offenheit in der Figurengestaltung ergibt immer neue Spannungen.

Es geht also mehr um Familie und damit auch um Psychologie als um die Herrschaftshäuser?

Ich bin unsicher, ob man bei Shakespeare-Texten von einer komplexen Psychologie im heutigen Sinn sprechen kann. Wir beschäftigen uns mit den Konstellationen in den Familien, deren Haltungen. Und wir werden bestimmt nicht historisch korrekt sein, das war Shakespeare schon nicht, denn inzwischen weiß man ja, dass Richard III. gar nicht so ein schlimmer Herrscher gewesen ist, wie ihn der Autor zeichnet.

Wenn es um die Kindheit Richards geht, kommt sicher die Beziehung zu seiner Mutter ins Spiel?

Ja, das war ein Ansatz, der Karin Henkel sehr interessierte: diese traumatische Geburt, bei der das Kind missgestaltet auf die Welt kam und schon Zähne im Mund hatte. Hätte man das als Vorzeichen deuten und verstehen müssen, dass er ein Bösewicht ist? Aber wie hätte man damit umgehen sollen? Bei Shakespeare hatte Richards Mutter Schwierigkeiten, überhaupt eine empathische Beziehung zu diesem Kind aufzubauen.

Oder ist es genau diese fehlende Mutterliebe, die ihn zu einem Monster macht? Denn Shakespeare lässt Richard III. an einer Stelle sagen, er habe sich bewusst dafür entschieden, böse zu sein …

Das ist eine sehr aktuelle Frage: Wie kann es sein, dass Menschen so sind? Wie kann dieses Böse so plötzlich hervorbrechen? Ist es von Anfang an da, und man kann im Grunde nichts tun, weil schon zu Beginn eine Deformation des Geistes existiert? Oder machen die Umstände ihn dazu? Ist es die zerstörte Kindheit aus Krieg und Gewalt und auch Lieblosigkeit, die aus ihm das gemacht hat, was er später geworden ist? Das ist eine sehr interessante Frage, die wir uns heute immer noch stellen: Woher kommt das Böse im Menschen?

Also: Ist er böse, weil ihm Mutterliebe fehlt, oder kann die Mutter ihn nicht lieben, weil er schon als Neugeborener böse war?

Vielleicht gibt es da keine eindeutige Zuweisung von Ursache und Wirkung. Oder keine eindeutige Schuld. Das bleibt in unserer Inszenierung offen, auch in der allgemeinen Verteidigung von Müttern, denn schnell könnte man denken: Na ja, wenn die Mütter in der Kindheit nicht dies und jenes getan hätten, dann wäre alles besser oder anders gelaufen.

Schlägt Karin Henkel den Bogen ins Hier und Jetzt?

Für sie ist folgende Frage interessant: Wie kann es denn sein, dass eine Nation oder ein Land in die Hände eines Tyrannen fällt? Warum akzeptieren Menschen, dass ein Staatsoberhaupt so offensichtlich lügt, und trotzdem gehen viele Menschen diesen Weg mit? Die Parallelen zur heutigen Zeit sind klar.

Schauspielhaus
10.10. (Premiere), 12., 14., 24., 29.10. und weitere


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger Theater: Hoffen auf Öffnung

Ralf Fiedler, Dramaturg am Schauspielhaus, über das, was ihm in dieser Zeit wichtig ist.

 

SZENE HAMBURG: Was war Ihre schönste Theatererfahrung?

Wenn das Theater zum Beruf geworden ist: fast nicht beantwortbar, weil sich irgendwann alles verbindet und verkettet und vergleicht. Das Erste, was aufleuchtet: „24 Stunden sind kein Tag“ von René Pollesch in der „Neustadt“ von Bert Neumann an Berliner Volksbühne. Einfach wegen der Wucht und Präsenz der Spielerinnen in diesem gigantischen Großraum, von dem man Teil war und sein wollte. Gleichzeitig das Gefühl totaler Relevanz der Themen und Theorien, Texte laut gerufen, ohne Psychologie, aber unmittelbar in Berührung mit dem Leben.

Ralf Fiedler, Dramaturg am Schauspielhaus (Bild: Dan Cermak)

Was ist die größte Herausforderung für Sie während der Corona-Krise?

Menschen, die mir nahestehen, physisch nicht mehr zu treffen – Freunde, weil sie im Ausland „EU“ leben, oder meine Mutter im Pflegeheim, mit der es gar nicht möglich ist, medial zu kommunizieren. Das ist hart, man wird das Gefühl nicht los, jemanden absolut alleinzulassen.

Was stimmt Sie momentan hoffnungsfroh?

Die Hoffnung, dass die Maßnahmen sich ausdifferenzieren, spezifischer und treffsicherer werden und die „Öffnung“ weitergehen kann.

Wem sind Sie in diesen Zeiten besonders dankbar?

Wenn ich die vielen beiseite lasse, die geholfen haben, eine gewisse Normalität aufrechtzuerhalten und die wirklich Dank verdient haben, dann bin ich absolut all den Freunden dankbar, die sich bei mir wieder gemeldet und mir das Gefühl geben haben, noch „in Verbindung zu stehen“.

Wer hätte mehr Dankbarkeit verdient?

Dankbarkeit ist da vielleicht nicht ganz der richtige Begriff, aber ich bin berührt und beschämt all denen gegenüber, die sich jetzt noch um die Not der Menschen in den Flüchtlingslagern, Kriegsgebieten und an den Grenzen kümmern und für deren Belange tatsächlich „kämpfen“. Und die vielleicht sogar bereit waren, ein derart privilegiertes Land wie unseres und eine sichere Versorgung hinter sich zu lassen, um vor Ort etwas zu bewirken.

 


 Der Text stammt aus dem SZENE HAMBURG DANKE!-Magazin. Das Magazin ist seit dem 29. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Coolhaze: Neues Theaterstück von Studio Braun

Nach „Der goldene Handschuh“ inszeniert das Trio Studio Braun am Schauspielhaus einen literarischen Klassiker und einen Rache-­Thriller der 1970er Jahre als Stück im Stück. Heinz Strunk erklärt, warum er, Rocko Schamoni und Jacques Palminger auf Bezüge zur Gegenwart verzichten

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Herr Strunk, für „Coolhaze“, das neue Stück von Studio Braun, haben Sie Heinrich von Kleists Erzählung „Michael Kohlhaas“ als Vorlage gewählt. Darin wird ein unbescholtener Pferdehändler zum Mordbrenner, weil an einer Grenze unrechtmäßig zwei seiner Pferde konfisziert wurden. Was reizt Sie an diesem Stoff ?

Heinz Strunk: Es geht bei uns ja nicht um Kohlhaas alleine, sondern darum, dass ein durchgeknallter Filmregisseur im Jahr 2020 auf die Idee kommt, die Geschichte als Verschnitt des Actionklassikers „Ein Mann sieht rot“ zu inszenieren. Diesem Film mit Charles Bronson liegt die gleiche Thematik zugrunde, nämlich Rache.

Die Handlung haben wir in die USA verlegt. Coolhaze, wie Michael Kohlhaas bei uns heißt, handelt mit Motorrädern. Zwei davon werden von New York nach New Jersey gebracht und dort steht plötzlich ein Schlagbaum – wie bei Kleist.

Man sieht also ein Stück im Stück?

Es gibt zwei Ebenen: die Film­-Ebene, auf der wir verfolgen, wie der Film gedreht wird, und die Set­-Ebene, wo wir die Schauspieler und den Regisseur privat erleben und wo all die Konflikte gezeigt werden, die innerhalb einer Theater-­ oder Filmhierarchie auftreten.

 

„Das hat nichts mit Trash zu tun“

Heinz Strunk

 

Der Film im Stück wird mit großen Worten als „Action-Musical mit erotischen Horrorszenen“ angekündigt …

Von dieser Bezeichnung haben wir uns schon wieder verabschiedet, weil die irreführend ist. Bei unseren Inszenierungen war in der Presse immer wieder vom „Trash-­Trio Studio Braun“ die Rede. Vielleicht hatte das, was wir früher gemacht haben, etwas mit Trash zu tun, aber mittlerweile ist das überhaupt nicht mehr der Fall.

Was haben wir stattdessen zu erwarten? Spaßige Unterhaltung? Oder wollen Sie den Leuten auch darüber hinaus etwas mitteilen?

Rache, Selbstjustiz und deren Rechtfertigung beruhen ja auf komplexen psychologischen Sachverhalten und berühren grundlegende Fragen der Ethik. Insofern ist das keine leichte Unterhaltung. Dafür sollte man lieber ins Musical gehen. Alle Studio­-Braun-­Stücke sollen zwar unterhaltend sein, aber das alleine wäre uns zu wenig.

Wollen Sie vielleicht auch ein politisches Statement abgeben und ein Amerika zeigen, das die Grenzen dichtmacht und mit seiner Politik die Selbstjustiz herausfordert?

Um Gottes willen! Auf der Bühne etwas zu machen, wo Trump und Amerika eine Rolle spielen, wäre das Allerschlimmste.

Inwiefern?

Das ist so ungefähr das abgewrackteste, abgeschmackteste und ödeste, von allen Satire­ und Kabarettveranstaltungen winkelbeleuchtete Nichtthema. Trump am deutschen Theater zu verhandeln und am besten noch jemanden über die Bühne zu jagen, der so aussieht wie er, das ist richtig schlimm. Bezüge zur Gegenwart werden bei uns nicht beleuchtet.

Charly Hübner, der jetzt als Titelfigur Coolhaze auftritt, hat auch schon den Serienmörder Fritz Honka in der Studio-Braun-Inszenierung Ihres Romans „Der goldene Handschuh“ gespielt. Soll die Gleichbesetzung irgendeine Parallele zwischen beiden Figuren aufzeigen?

Auf keinen Fall. Ich habe mit Charly auch einen Film gedreht, und er ist einfach eine absolute Spitzenkraft. Es ist ein wahnsinniges Glück, dass ich mit ihm befreundet bin und er bei uns mitmacht.

 

Erwartungen an Studio Braun

 

Sie inszenieren das Stück zusammen mit Rocko Schamoni und Jacques Palminger und stehen auch mit den beiden gemeinsam auf der Bühne. Wie sieht Ihre Arbeitsteilung aus?

In rund zwanzig Jahren haben wir acht oder neun Inszenierungen zusammen gemacht. Wir sind so gut aufeinander eingespielt, dass man da schon von einem blinden Verständnis sprechen kann.

In welcher Rolle sind Sie selbst zu sehen?

Ich bin die Mutter von Coolhaze.

Wie ist das, eine Frauenrolle zu spielen?

In unseren Inszenierungen habe ich schon fünf, sechs Mal die Mutter gespielt. Das ist sozusagen meine Para­derolle.

Verunsichert es, wenn man als Schauspieler nicht aus dem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen kann?

Auch als Schriftsteller muss ich mich ständig in andere Figuren hineinverset­zen. Wenn ich eines kann, dann das.

Keine Angst vor Klamauk?

Wir kopieren hier ja nicht „Charleys Tante“. Aber das Groteske fanden wir schon immer reizvoll.

Sie sprachen eben das Trash-Vorurteil an. Die Mitglieder von Studio Braun kennt man von Telefonstreichen im Radio, als Filmschauspieler, Musiker, Entertainer, Theatermacher und Buchautoren. Ärgern Sie sich manchmal darüber, dass die Leute mit Erwartungen, die Sie vielleicht nicht bedienen wollen, Studio-Braun-Aufführungen besuchen?

Da kann ich nur für mich sprechen. Ich mache ja sehr viele verschiedene Dinge, wobei die Musik wohl am wenigsten wahrgenommen wird. Die anderen Sachen sind aber alle ganz erfolgreich. Ich denke, wenn etwas gut ist, setzt es sich auch durch. Dann spielt es keine Rolle, ob man eigentlich für etwas anderes steht.

„Der goldene Handschuh“ war vielleicht mit „Unterwer­fung“ die erfolgreichste Produktion des Schauspielhauses. Auch die Produk­tionen „Dorfpunks“ und „Fleisch ist mein Gemüse“ waren sehr beliebt.

Gibt es ein geheimes Erfolgsrezept von Studio Braun?

Nein. Wenn man sich wie wir immer originäre Stoffe vornimmt, ist der Erfolg unkalkulierbar.

Sie haben als Autor bereits elf Bücher geschrieben. Sind Sie auch für den „Coolhaze“-Text verantwortlich?

Der ist noch gar nicht fertig. Wir haben natürlich etwas vorbereitet, aber die Dialoge werden während der Pro­duktion geschrieben.

Das heißt, die Schauspieler arbeiten mit szenischen Vorgaben?

Das kommt darauf an. Manche Szenen kann man ganz schlecht vorausplanen. Da sagen wir den Schauspielern, worum es in etwa geht und dann wird improvisiert. Das gilt für etwa ein Drittel der Szenen. Für den Rest gibt es textliche Vorgaben, die während des Spiels verfeinert werden.

Gibt es auch Filmbilder auf der Bühne zu sehen?

Ja, aber wir übertreiben es damit nicht, weil diese ständigen Video­-Einblendungen im Theater ja auch nerven.

Außerdem wird eine Bigband angekündigt …

Eine abgespeckte Bigband mit vier­ zehn Musikern.

Und was spielen die?

Filmmusik aus den 1970er und 1980er Jahren.

Bekommt der Coolhaze am Ende seine Motorräder wieder?

Das wird nicht verraten.

Deutsches Schauspielhaus: Kirchenallee 39 ( St. Georg), Coolhaze: 14.3. (Premiere), 17., 18.3. und weitere


Szene-Cover-März-2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Februar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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„Das Schloss“: Neue Kafka-Inszenierung am Schauspielhaus

Nach „Ich, das Ungeziefer“ bringt der ungarische Regisseur Viktor Bodo mit „Das Schloss“ erneut Franz Kafka auf die Bühne des Schauspielhauses. Dramaturgin Sybille Meier, die ihn zum zweiten Mal begleitet, erzählt im Interview von der Sehnsucht nach dem Abwesenden und wie sie Kafkas Werk weiterspinnen.

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Sybille Meier, Franz Kafka hat seinen Roman „Das Schloss“ unfertig hinterlassen. Es gibt keinen richtigen Schluss, zwei alternative Anfänge und viele auf­ schlussreiche, aber vom Autor gestrichene Stellen. Wie geht man mit einem solchen Stoff auf der Bühne um?

Sybille Meier: Wir nehmen den Ro­man als Basis und schauen, welche The­ men uns interessieren. Eine wichtige Ausgangsfrage wirft der Protagonist auf, der als Fremder auf eine neue Gemein­ schaft stößt, aber von ihr nie wirklich aufgenommen wird. Im Roman ist es ein Dorf unterhalb des Schlosses. Viktor Bodo macht aus dem Dorf eine Arbeits­ gemeinschaft, eine geschlossene Welt, in der bestimmte Gesetze vorherrschen. Der Fremde, der im Roman K. genannt wird, ist ja tatsächlich ins Dorf gekom­ men, um zu arbeiten …

Er gibt vor, als Landvermesser be­stellt worden zu sein, aber diese Idee ist ein großer Bluff. Er kategorisiert sich mit einem Beruf, der vor Ort nicht ge­ braucht wird.

Gibt es da eine Parallele zur heutigen Welt, in der man bluffen und alter­ native Fakten schaffen muss, um erfolg­reich zu sein?

Ich glaube, ja. Am Anfang des Ro­mans beginnt K. mit großer Souveräni­ tät und vielleicht sogar Arroganz eine Art Spiel. Das wird aber konterkariert, durch das Schloss, das als ein allwis­ sendes System erscheint und das Spiel immer wieder umdreht und pervertiert. Das hat viel mit unserer modernen Arbeitswelt zu tun, in der Menschen mittels Algorithmen eingeschätzt und Suchprofile erstellt werden, denen man sich anzugleichen versucht. In diesem Kontext werden wir auch das Thema Überwachung aufgreifen.

 

„Ich finde Kafka geradezu prophetisch“

 

Kafka entlarvt also vor fast hundert Jahren die Wirklichkeit als ein Kon­strukt, das als solches erst im heutigen digitalen Zeitalter augenfällig wird?

Kafka beherrscht die hohe Kunst, den Leser in einer Gewissheit zu wiegen, die er kurz darauf schon wieder in Frage stellt. Das ist eine sehr aktuelle Erfahrung: Jede Gemeinschaft hat ihre eigenen kommunikativen Codes, die ein Fremder nicht beherrscht, weshalb er in der Gesellschaft auch nicht weiter­ kommt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass K.s Kommunikation mit dem Schloss nur auf medialem Weg per Telefon, Brief und mittels Doku­menten erfolgt, wobei völlig im Dunkeln bleibt, was auf der anderen Seite ankommt und welche Auswertungen dort stattfinden.

Da finde ich Kafka geradezu prophetisch. Dieses Spiel mit Möglichkeiten, mit Virtualität ist in unserer Inszenierung ein großes Thema und lässt sich wunderbar auf das Internet übertragen. Wir aktualisieren das aber nur bedingt, weil wir das Parabelhafte des Romans beibehalten wollen.

In dieser Parabel spielt natürlich das titelgebende Schloss eine zentrale Rolle. Es übt eine große Macht aus, bleibt aber für K. und die Dorfbewohner unerreichbar. Wofür steht dieses Sinnbild und wie übertragen Sie es auf die Bühne?

Das Schloss ist bei uns nicht zu sehen. Es steht für die Sehnsucht nach dem Abwesenden. Nach einer Vision von einer Zukunft, die eine neue Ordnung im metaphysischen oder gesellschaftlichen Sinn mit sich bringt. Zugleich ist es auch eine ungeheure Drohung.

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Sybille Meier wechselte 2013 mit Intendantin Karin Beier von Köln nach Hamburg (Foto: Thomas Aurin)

Diese Sehnsucht wird aufrechterhalten um den Preis der Selbstunterdrückung. Die Frauen unterhalten sexuelle Beziehungen mit den Schlossbeamten, und man unterwirft sich dem strengen Reglement des Schlosses, ohne dass dieses jemals offen Druck ausübt oder Strafen verhängt.

Diese Atmosphäre aus Angst, Duckmäusertum und starken Hierarchien kennen wir aus Diktaturen. Oder noch eher aus der Zeit danach, wenn die übergeordnete Macht nicht mehr vorhanden ist, die Strukturen aber weiterhin existieren. Jeder ope­riert in der Verdächtigung des anderen, in der Angst, Verantwortung zu übernehmen vor dieser imaginären Macht.

Das Schloss repräsentiert genau dieses Zwischenstadium, in dem wir auch das Stück ansiedeln. Eine Atmosphäre des gegenseitigen Misstrauens, in der es keine direkte Auseinandersetzung gibt, sondern jeder nur in Abwesenheit des anderen über diesen spricht.

Eine gesellschaftliche Atmosphäre, die auch in der Biografie des Regisseurs eine Rolle spielt?

Viktor Bodo hat den real existierenden Sozialismus in Ungarn noch miterlebt. Die Frage ist allerdings, ob unser kapitalistisches System nicht ähnliche Strukturen entwickelt hat, nur versteckt, auf eine perfidere Art und Weise. Diese Spiegelung versuchen wir in der Inszenierung herzustellen.

In Anspielung an Kafkas rätselhaftes Universum wird häufig der Begriff „kafkaesk“ verwendet. Steht dieser Begriff einer unvoreingenommenen Annäherung an Kafkas Werk im Weg?

Mit dem „Kafkaesken“ verbinden wir das Unheimliche, Beängstigende, Undurchsichtige. Viktor Bodos großes Verdienst besteht darin, dass er das Komische und Groteske bei Kafka sucht.

Das hat er bei „Der Prozess“ getan und bei „Ich, das Ungeziefer“ nach Kafkas „Verwandlung“ eigentlich auch. Es gibt tatsächlich Seiten von Kafka, die gerade in der deutschen Rezeption unter dem sogenannten Kafkaesken begraben wurden.

 

Auseinandersetzung mit Machtgefügen

 

Weiß man, welche Inspirationsquellen Kafkas komischen Figuren zugrunde liegen, die oft als männliches Doppel auftreten wie die Gehilfen von K. in „Das Schloss“?

Ich glaube, Kafka hat sich sehr mit dem damals neuen Medium Film beschäftigt, in denen Komikerpaare wie Laurel und Hardy oder Pat und Patachon auftraten.

Und die wahnwitzigen Verwaltungs­apparate in seinen Romanen?

Hat er aus seiner eigenen Biografie geschöpft. Er war ja bei einer Versicherung angestellt. Die Auseinandersetzung mit der ewigen Bürokratie und dem Beamtentum, mit Machtgefügen innerhalb von Firmen, kannte er aus eigener Erfahrung.

Da versteht man, weshalb Kafka seine Romanhelden mit seinem eigenen Ini­tial „K.“ taufte …

Die Biografie des Autors spielt bei uns allerdings kaum eine Rolle. Von Anfang an haben wir entschieden, K. mit Carlo Ljubek zu besetzen, der auch schon bei „Ich, das Ungeziefer“ den Protagonisten Gregor Samsa gespielt hat. Insofern ist „Das Schloss“ auch eine künstlerische Fortsetzung einer gemeinsamen Arbeit an der Titelfigur.

Deutsches Schauspielhaus: Kirchenallee 39 (St.Georg)
„Das Schloss“: 22.2 (Premiere), 25.2. und weitere


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Petra und Anne von KulturLeben

Mit kostenlosen Tickets für Theater und Konzerte will der Verein Kulturleben Hamburg prekär lebende Menschen aus der Vereinsamung holen. Vor Kurzem haben die Geschäftsführerin Petra Schilling (links) und Anne Busch, Projektkoordinatorin, den Kulturklub gegründet, der sich speziell an Kinder richtet.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Torben Averkorn

SZENE HAMBURG: Petra und Anne, welche Vision steht hinter Kulturleben Hamburg?

Petra: Kulturleben Hamburg wurde Anfang 2011 als Verein gegründet und die ersten vier Jahre komplett ehrenamtlich betrieben. Der Impuls für die Idee kam damals aus der Tafel-Bewegung, denn das Prinzip lässt sich ja auf viele Bereiche in unserer Gesellschaft übertragen, in denen Teilhabe für Menschen mit geringem Einkommen nicht oder nur sehr begrenzt möglich ist.

Von unseren Kulturpartnern bekommen wir Eintrittskarten als Spende, die wir kostenfrei an unsere Kulturgäste weitervermitteln. Da die Vermittlung über uns läuft, muss niemand an der Abendkasse etwas vorweisen wie einen ALG II-Bescheid, das ist für die meisten sehr wichtig.

Mittlerweile haben sich rund 8.000 Kulturgäste bei euch angemeldet. Wuppt ihr das noch immer ehrenamtlich?

Petra: Aktuell engagieren sich bei uns rund 50 Menschen ehrenamtlich. Alles, was für unsere Arbeit an Kosten anfällt wie Miete, Telefonanschlüsse, Flyer bezahlen wir aus Spendengeldern. Mitte 2015 konnte der Verein dank einer Projektförderung von der Sozialbehörde die Teilzeitstelle schaffen, auf der ich heute arbeite. Das Hauptamt hat noch mal ganz neue Energien freigesetzt, denn in den letzten beiden Jahren ist die Anzahl der Teilnehmer um 60 Prozent gestiegen.

Die Nachfrage ist immens hoch und steigt weiter. Rein ehrenamtlich wäre das mittlerweile nicht mehr machbar. Aber im Kern bleiben wir eine Organisation, die vom Ehrenamt getragen wird. Das ist ein wichtiger Teil unseres Selbstverständnisses.

 

„Wir möchten Kultur als gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen“

 

Wie geht es weiter?

Petra: Wir wollen unser Angebot so vielen Menschen wie möglich zugängig machen. Im kommenden Jahr steht für uns daher die Gewinnung neuer Kulturpartner und der Ausbau unseres bereits bestehenden Netzwerks ganz oben auf der Agenda. Kurz gesagt, wenn die Gästezahlen steigen, brauchen wir auch mehr Kartenspenden, damit wir unser Angebot in gleicher Qualität aufrechterhalten können. Denn wir möchten ja nicht nur zwischendurch mal ein schönes Einzelerlebnis anbieten, sondern regelmäßig Kultur als gelebte gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.

Ihr habt eine Einkommensgrenze festgelegt, die dazu berechtigt, sich bei euch anzumelden. Dabei fallen einige durchs Raster, die gerade so daran vorbeirutschen und sich dennoch keine Kultur leisten können …

Petra: Ja, die gibt es bestimmt. Aber wir mussten eine für uns vertretbare Grenze ziehen. Auch die Kulturhäuser, die öffentliche Gelder erhalten, müssen nachweisen, an wen sie Karten umsonst abgeben. Wir bemühen uns, eine gute Mitte zu finden, so dass wir möglichst viele Menschen mitnehmen, aber auf der Anbieterseite kein Haus verlieren.

Ihr vergebt eure Karten paarweise. Warum?

Petra: Ja genau, in der Regel bekommt jede Person zwei Karten. So können unsere Kulturgäste jemanden ihrer Wahl als Begleitung mitnehmen. Zum einen wirkt das der Vereinsamung entgegen, und zum anderen können die Leute so auch mal wieder jemanden einladen. Das bekommen wir oft zurückgespiegelt, dass es für die Menschen ein besonders schönes Erlebnis ist, mal wieder in der Lage zu sein, einem anderen etwas zu schenken, da viele ja schon seit Jahren prekär leben.

 

„Für viele ist schon das Überschreiten der Stadtteilgrenze ein ungewohnter Schritt“

 

Leben Menschen an der Armutsgrenze oft einsam?

Anne: Ja, Armut ist stark mit Isolation und Einsamkeit verbunden. Die Betroffenen ziehen sich immer mehr zurück. Wir möchten dagegen anarbeiten und den Menschen eine Möglichkeit geben, wieder teilzuhaben. An der Kultur, aber auch an der Gesellschaft. Die Gelegenheit, mal rauszukommen, über den Tellerrand zu blicken und mal was anderes zu sehen. Für viele ist schon das Überschreiten der eigenen Stadtteilgrenze ein ungewohnter und manchmal auch herausfordernder Schritt. Hier wollen wir Mut machen.

Bewirkt die Armut in der Familie auch bei den Kindern Rückzug?

Anne: Oft leben auch die Kinder isoliert. Das hat auch viel mit Scham zu tun. Ein Grund kann der beengte Wohnraum sein oder das, was es bei ihnen zu Hause zu Essen gibt. Die Scham führt dazu, dass sie keine Freunde mit nach Hause bringen mögen. Das fängt früh an, dass sich die Kinder dann ins Familiäre zurückziehen. Gleichzeitig sind die Familien aber auch mehrfach von enormen Stressfaktoren belastet.

Deshalb habt ihr im letzten Jahr den Kulturklub gegründet, der speziell Kinderveranstaltungen vermittelt?

Anne: Wir haben letztes Jahr das Pilotprojekt auf St. Pauli gestartet und wollen jetzt unser Netzwerk, das auf Kinder und Familien ausgerichtet ist, auf andere Stadtteile ausweiten. Auf Seiten der Sozialpartner kooperieren wir beispielsweise mit der GWA auf St. Pauli, der Ganztagsschule im Viertel und mehreren Beratungsstellen für Familien. Für Kinder ist die kulturelle Teilhabe enorm wichtig und kann Weichen für die Zukunft stellen. Der Kulturklub will dazu beitragen, die bestehende sozial bestimmte Chancen-Ungerechtigkeit für Kinder auszugleichen.

 

„Wir bauen auf die Neugierde von Kindern“

 

Kultur hat dazu die Kraft?

Anne: Sie ist auf jeden Fall ein Teil des Pakets, das notwendig ist, um Kinder zu bestärken und aus ihrem Alltag herauszuholen, in dem sie oft mit schwerwiegenden Problemen konfrontiert sind. Beim Theater- oder Konzertbesuch finden sie vielleicht neue Anstöße zu Themen, die sie beschäftigen. Gleichzeitig haben sie einen Raum, ihre Erlebnisse zu reflektieren und eine neue Perspektive zu entdecken. Das kann den Bildungsweg weiter ebnen. Wir bauen auf die Neugierde von Kindern und hoffen, dass sie von dem Angebot profitieren und daraus etwas für ihre Zukunft mitnehmen.

Wenn schon das Verlassen des eigenen Stadtteils eine Herausforderung ist, wie schwer fällt es euren Gästen, ein Theater zu betreten?

Petra: Wir bekommen häufig mit, dass die Hemmschwelle da ist. Das ist auch der Grund, warum wir noch ganz altmodisch den Telefonhörer in die Hand nehmen und nicht online vermitteln. Viele unserer angemeldeten Kulturgäste würden ohne unseren Anruf nicht losgehen. Das liegt auch an teilweise ganz alten Bildern. Dass man zum Beispiel nur im Pelzmantel in die Oper gehen oder im Schauspielhaus keine Jeans tragen darf. Unser Team versucht im Vorfeld, die vorhandenen Schwellen ängste abzubauen und die Menschen zu motivieren, sich auf das Wagnis Kultur einzulassen.

KulturLeben Hamburg e.V.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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In der Sommerpause – 3 Fragen an Nils Wendtland

Das Schauspielhaus schließt bereits im Mai seine Türen. Warum das notwendig ist und wo dennoch einige Produktionen zu sehen sind, erzählt der Pressesprecher.

SZENE HAMBURG: 2012 wurde das Schau­spielhaus das letzte Mal saniert, jetzt ab Mai stehen erneut Sanierungs­arbeiten an. Warum?
Nils Wendtland: Die beiden Ränge des knapp 120 Jahre alten Zuschauersaals müssen vollständig entkernt und statisch verstärkt werden. Eine Stabilisierung der Ränge ist dringend notwendig, um den schönen Saal auch für die nächsten 120 Jahre spielfähig zu halten. Der Saal wird damit an die Erfordernisse der heutigen Aufführungspraxis angepasst und lässt in Zukunft eine wesentlich dynamischere Nutzung zu. Die Sanierung erfolgt natürlich denkmalschutzgerecht, unsere Besucher werden daher später keine optische Veränderung feststellen. Parallel dazu sollen die sanitären Anlagen saniert sowie Teppichböden und Tapeten erneuert werden.

Dadurch können von Mai bis Oktober keine Aufführungen im Haus statt finden. Inwieweit machen sich die fehlen­ den Einnahmen durch den Kartenverkauf für das Haus bemerkbar?
In den genannten Zeitraum fallen ja auch die regulären Sommerferien (Betriebsferien) des Theaters sowie üblicherweise drei Wochen für technische Einrichtung und Endproben der Eröffnungspremieren. Der Spielbetrieb in der Kirchenallee verkürzt sich daher effektiv um 14 Wochen. In dieser Zeit sind wir mit vielen Gastspielen unterwegs, sowohl hier in Hamburg als auch europaweit. Damit erzielt das Schauspielhaus einen Teil seiner Einnahmen. Den Rest kompensiert die Behörde für Kultur und Medien verteilt auf zwei Spielzeiten im Rahmen ihrer Zuwendungen.

Was machen die Mitarbeiter und das Ensemble während der langen „Zwangspause“?
Wir arbeiten natürlich weiter, von einer „Pause“ kann nicht die Rede sein! Insgesamt sieben Produktionen des Deutschen Schauspielhauses und des Jungen Schauspielhauses sollen auf Tour gehen. Die derzeitige Planung sieht Gastspiele unter anderem in Berlin, Mülheim, München, Wien, Gütersloh, Dresden, Fürstenfeldbruck, Amsterdam, Brünn und Moskau vor. Und dazu kommen die Vorstellungen hier in Hamburg im Monsun Theater, auf Kampnagel, im Hotel „Stadt Altona“ und in der Immanuel-Kirche auf der Veddel. Parallel dazu laufen die Proben für die Premieren der nächsten Spielzeit. Da haben sowohl die technischen Gewerke als auch das Ensemble alle Hände voll zu tun.

Interview: Hedda Bültmann


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Theater in der Kritik: Der haarige Affe

Frank Castorf inszeniert den Roman von Eugene O’Neill am Schauspielhaus – Castorf-Wahnsinn in jeder Hinsicht.

Die Abwesenheit von Liebe, Identitätssuche, seinen Platz in der Welt finden – Themen, die Eugene O’Neill in seinen Romanen verarbeitet. So auch in „Der haarige Affe“ aus dem Jahr 1923, welches Frank Castorf jetzt im Schauspielhaus inszenierte. Und dabei auch gleich zwei weitere O’Neill-Dramen, „Kaiser Jones“ und „Der große Gott Brown“, verwertete. Mehr als fünf Stunden versuchen die mehr oder weniger Verlorenen mit sich innerhalb der Gesellschaftsstrukturen ihrer Zeit zurechtzukommen, was kläglich endet.

Den Bühnenrahmen bilden ein Zeitungskiosk, ein übergroßes Reklameschild und ein U-Bahn-Eingang, dessen Treppe das Oben und das Unten verbindet. Unten ist der Bauch eines Ozeandampfers, wo eine Truppe von Heizern sowohl die Kessel als auch das Stück befeuert. Tonangebend unter den „haarigen Affen“ ist der raubeinige Yank (Charly Hübner), brutal und schwitzend. Nackte Wampen unter Hosenträgern, Gebrüll und der Alkohol fließt in Strömen – so geht Proletariat, nur durchbrochen von poetischen Wehklagen: „Wir brechen unsere Rücken und unsere Herzen in der Hölle des Kesselraums.“ Das Spiel unter Deck wird per Handkameras auf Leinwände übertragen, was die Dramatik zwar verstärkt, aber auf Dauer doch etwas ermüdend ist. Auch wird die Szenerie ein wenig zu überdeutlich, als die reiche Mildred für eine Sozialstudie aus der ersten Klasse zu ihnen hinuntersteigt. In ihrem Glitzerfummel wird sie erst bedrängt und dann mit Kohle zugeschüttet. Und ob eine Frau nackt Kohle schaufeln muss, während die Männer auf der Bühne über Kapitalismus sinnieren, ist fraglich.

Dennoch: Gerade groteske und starke Bilder überzeugen. Gute Ideen geben dem Stück immer wieder eine neue Richtung und ein hervorragendes Ensemble macht die zähen Momente wett – ob das Ganze tatsächlich diese fünfeinhalb Stunden gebraucht hat, oder es Castorfs Hang zum Überformat geschuldet ist, bleibt offen.

/ Hedda Bültmann

Der haarige Affe, Deutsches SchauSpielHaus, Spielzeit 2017/18

Falk Richters Königsweg

Das neue Jelinek-Stück am Schauspielhaus ist ein starker Stoff über autokratische Herrscher in unserer Zeit und das Debüt des frisch gebackenen Hausregisseurs Falk Richter. Im Interview spricht er über Rechtsextremismus, den kulturellen Wandel und persönliche Bedrohungen aus dem rechten Lager.

SZENE HAMBURG: Sie sind in Hamburg geboren und haben vor 18 Jahren im Schauspielhaus erste Erfahrungen als Regisseur gemacht. Ist es für Sie eine besondere Herausforderung in Hamburg zu inszenieren?
Falk Richter: Es ist besonders schön, wieder in Hamburg zu sein. Ich habe hier meine ersten Theatererfahrungen gemacht, mit 14, 15 Jahren, als Peter Zadek Intendant war. Und Ilse Ritter am Schauspielhaus gespielt hat. Sie spielt jetzt auch in meiner Inszenierung „Am Königsweg“. Damals habe ich meine Liebe fürs Theater entdeckt. Das ist auch eine persönliche Geschichte für mich. Ich freue mich total, hier inszenieren zu dürfen. Herausforderung ist es immer, weil es eines der größten Theater in Deutschland ist. Mit meinem Interesse an aktuellen, gesellschaftspolitisch relevanten Stoffen fühle ich mich hier am Haus gut aufgehoben. Das Stück von Elfriede Jelinek ist ein Auftragswerk. Die Intendantin Karin Beier hat Jelinek sofort nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten angerufen.

Das Stück „Am Königsweg“ ist eine Parodie auf Trump, worum geht es?
Es geht um die Verzweiflung darüber, dass jetzt wirklich Rechtsextreme an die Regierung gekommen sind in den USA, und dass die autokratischen Herrscher zunehmen in der Welt. Dieser Schock ist unglaublich spürbar. Jelinek erlebt das als echte Kulturrevolution, als Bruch auch. Und es ist eine Selbstanklage an sich und die Intellektuellen, die es trotz jahrelanger Warnungen nicht geschafft haben, diesen Prozess zu stoppen.

Sehen Sie auch so einen kulturellen Wandel?
Ja, das sehe ich ähnlich. Wir werden in den nächsten Jahren einen krassen gesamtgesellschaftlichen Wandel auf allen Ebenen erleben. Der Klimawandel wird zunehmen, das ist wahrscheinlich die schlimmste Bedrohung. Aufgrund von Klimakatastrophen, Kriegen und Hunger werden immer mehr Menschen weltweit ihre Heimat verlassen und sich auf die Flucht begeben müssen, auch nach Europa. Die westlichen Demokratien sind stark gefährdet, wir erleben auch in Deutschland einen enormen Rechtsruck, eine Radikalisierung der Gesellschaft und eine zunehmende Gewaltbereitschaft.

Vor zwei Jahren haben Sie in der Berliner Schaubühne „Fear“ aufgeführt, ein Stück über die Ängste von Rechtspopulisten. Dafür wurden Sie angezeigt und haben auch Morddrohungen erhalten. Wie hat sich das auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Ich versuche, mich nicht davon beeindrucken zu lassen. Die drei Klägerinnen Beatrix von Storch, Hedwig von Beverfoerde und Gabriele Kuby stehen alle den Positionen der AfD sehr, sehr nahe. Das sind schwerst reaktionäre, radikal christliche Aktivistinnen, die aus dem gleichen ideologischen Lager wie Trump, Putin, Orban, Le Pen stammen. Ich habe alle drei Gerichtsverfahren gewonnen. Das war nervig, zeitaufwendig und ärgerlich. Jedes Verfahren war verbunden mit einer großen Internet- Aktion gegen mich. Die Neurechten sind ja sehr umtriebig in den sozialen Medien. Sie nutzen das Internet viel aggressiver als die etablierten Parteien. Es sind alte faschistische Positionen, die jetzt mit den sozialen Medien im neuen Gewand zu den Menschen getragen werden. Es hat mich nicht davon abgehalten, weiter politische Texte zu schreiben oder Stücke zu inszenieren, in denen ich neurechte Strategien beschreibe und ihre antidemokratischen und rassistischen Positionen offenlege. Ich habe noch mehr über die Arbeits- und Wirkungsweise der neuen Rechten gelernt. Auch über ihre Verleumdungskampagnen, wie sie im Internet versuchen, Hass zu schüren. Ich kriege viele Mails von Leuten, die noch nie ein Stück von mir gesehen haben und nur auf bestimmte Trigger-Wörter reagieren, die im Internet über mich verbreitet werden.

Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek zieht in ihrem Stück einen Bogen von Ödipus zu Donald Trump.
Das Stück zeigt Trump als Teil einer riesigen Muppet Show. Dahinter verbergen sich aber viel größere Kräfte: Kolonialisierung und Imperialismus, die weiße Vorherrschaft, die letztlich die Welt ausbeutet. Ödipus tritt an, das Land von der Pest zu befreien. Irgendwann wird klar, dass er die Ursache dafür ist. Ähnlich ist es mit Donald Trump, der nur vorgibt, er würde die Gesellschaft heilen und Menschen Arbeit geben. Aber es ist genau dieser Geschäftsmann Trump, der ausbeutet und das Land spaltet. Er ist genau das Gegenteil von dem, was er verspricht. So ein Mensch regiert jetzt die Welt!

Interview: Angela Kalenbach

Am Königsweg, 28.10.2017 (Premiere), SchauSpielHaus

 


Dieser Text ist ein Auszug aus der SZENE HAMBURG, November 2017. Das Magazin ist zeitlos in unserem Online Shop erhältlich!