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„Es macht Spaß, mein Unvermögen zu zeigen“

In Karin Henkels Inszenierung zur Saisoneröffnung am Deutschen Schauspielhaus spielt Kristof Van Boven als frisch gebackenes Ensemblemitglied Shakespeares blutrünstigen Königsmörder Macbeth. Im Interview wirkt der Belgier eher schüchtern

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Kristof, zur Eröffnung des diesjährigen Zürcher Theater Spektakels bist du in „Waterworks“ der Choreografin Meg Stuart zu sehen. Den Pressefotos nach zu urteilen eine ziemlich nasse Angelegenheit …

Kristof Van Boven: Mit Meg arbeite ich schon seit 20 Jahren zusammen. Verrückterweise spielen wir diesmal an der Saffa-Insel im Zürichsee im Wasser. Das Publikum sitzt dabei auf zwei Schwimmelementen.

Choreograf:innen arbeiten ja primär mit den Ausdrucksformen des Körpers und Tanzes …

Ich würde mich niemals als Tänzer bezeichnen. Aber es stimmt: Mein Spiel ist eher körperlich. Es beginnt nicht erst mit der Sprache, sondern sobald mein erster Finger oder Zeh auf der Bühne zu sehen ist.

Du hast aber eine klassische Schauspielschule besucht …

Weil gute Freunde von mir gesagt haben, ich solle das mal ausprobieren. Ich war nie derjenige, der auf dem Tisch stand und die Familie unterhalten hat. Ich habe dann in Arnheim in den Niederlanden vorgesprochen, um das für mich abzuhaken, und mich danach gar nicht mehr darum gekümmert. Plötzlich klingelte das Telefon, und man sagte mir, ich könne im August mit dem Unterricht beginnen. Während der Ausbildung habe ich dann ein Jahr lang geschwiegen, weil ich meine eigene Stimme nicht hören wollte. Ich wollte zwischen dem Text und seinen möglichen Betrachtungsweisen nicht im Weg stehen.

Ein Nein, das wie ein Ja klingt

Und das haben die Lehrer durchgehen lassen?

Manche waren sehr böse mit mir, aber andere, die den Unterricht eher körperlich angingen, fanden das genau richtig und fühlten sich durch mein Schweigen positiv herausgefordert. Ihnen habe ich es zu verdanken, dass ich nicht von der Schule geschmissen wurde.

Und wie hast du schließlich zur Sprache gefunden?

Irgendwann forderte mich eine Lehrerin vor der ganzen Gruppe auf, „ja“ zu sagen. Doch jedes Mal, wenn ich „ja“ sagte, klang es wie „nein“. Dann forderte sie mich auf „nein“ zu sagen, und es klang wie „ja“. Durch die Liebe und Zuwendung dieser Frau habe ich nach und nach kapiert, dass es nicht schlimm ist, wenn die Wörter durch mich hindurchgehen.

Das ist doch eine von vielen Theaterkonventionen. Muss man die überhaupt hinterfragen?

Ich war einmal bei meinem Bruder zu Besuch, der Botschafter in Sambia in Afrika ist. Dort ist es uns nicht gelungen zu erklären, was ich beruflich mache. Dass viele Menschen zusammen im Dunkeln sitzen, um zuzuschauen, wie ich vorgebe, ein mittelalterlicher König zu sein, erschien ihnen völlig absurd. Von daher bin ich wahnsinnig dankbar, dass die Menschen in unseren Breitengraden bereit sind, sich auf das Ritual des Theaters einzulassen und Vorgänge auf der Bühne zu verfolgen, die nicht immer leicht zu verdauen sind.

„Dann verwandelt sich meine Angst in Freude“

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Frisch im Ensemble und gleich die Hauptrolle als Macbeth zur Spielzeiteröffnung: Kristof Van Boven (Foto: Monika Rittershaus)

Hast du auf der Bühne Zeit, dir Gedanken über die Gedanken des Publikums zu machen?

Ja, alles läuft wie beim Billard über Bande. Ich war auch immer bis zum Kotzen nervös, habe mir das aber abtrainiert, weil es sehr ungesund war. Es hat sehr geholfen, überall auf der Welt zu spielen und Menschen zu begegnen – auch ohne Sprache. Dadurch gewöhnt sich der Körper daran, dass er nicht in Gefahr ist. Ich mache in meiner Garderobe auch immer das Fenster auf und schaue mir die Menschen draußen an, die absolut nichts mit dem Theater zu tun haben. Dann verwandelt sich meine Angst in Freude, dass ich diesen Beruf ausüben darf.

Du hast viele Theaterpreise gewonnen …

Auch sie haben mir geholfen, nicht nur so zu tun, als sei ich Schauspieler, sondern es wirklich zu sein. Denn auch nach der Ausbildung habe ich oft gedacht, dass ich für diesen Beruf nicht geeignet bin. Das Unvermögen oder das Gefühl, dass etwas nicht geht, ist für mich immer ein Motor. Auch in jedem guten dramatischen Text zieht die Figur in voller Fahrt eine Handbremse. Dadurch stiftet sie einen Konflikt mit sich selbst oder anderen, aus dem sie sich dann wieder herauszulügen versucht.

Schauspieler: Etwas „Vernünftiges“ machen

Zur Saisoneröffnung am Schauspielhaus spielst du den Macbeth, dem die Hexen zu Beginn prophezeien, dass er König von Schottland wird. Welchen Stellenwert haben das Stück und die Rolle für dich?

Die Engländer nennen das Stück bis heute „the scottish play“. Der Aberglaube verbietet es, den Titel „Macbeth“ wörtlich zu nennen. Man fürchtet den Teufel, der in diesem außer Kontrolle geratenen Jedermann steckt. Wenn man so einem Jedermann eine Prophezeiung ins Ohr tröpfelt – auch wenn sie noch so undenkbar, abscheulich und dumm ist –, setzt das etwas in Gang. Für den prophezeiten Königstitel schlachtet er dann sogar König Duncan ab, den er übrigens für einen absolut perfekten Herrscher hält.

Er will die Macht um jeden Preis?

Bei Vorstellungen habe ich einmal Angela Merkel und auch den König von Belgien getroffen. Solche Menschen haben immer jemanden dabei, der ihnen etwas ins Ohr flüstert, von dem sie dann so tun, als hätten sie es schon immer gewusst. Sie spielen das Spiel von Souveränität, sind dabei sehr sympathisch und nett, aber in ihren Augen sieht man: Wenn du Macht hast, dann hast du die gewollt und geplant. Macbeth hingegen hat überhaupt keinen Plan, der über seine Krönung hinausgeht. Mit ihr kreiert er nur sein nächstes Trauma.

Die Magie der Weissagung wendet sich gegen ihn …

Die Prophezeiung verstehe ich nicht als Magie. Sie ist das, was die Eltern und Großeltern von einem verlangen. Ich war früher Jockey. Meine Eltern haben mich da herausgezogen, weil sie einerseits Angst um mich hatten, aber auch wollten, dass ich etwas „Vernünftiges“ mache. Mit diesem „Hexenspruch“ im Rücken bin ich dann Schauspieler geworden. Und die Pferde habe ich immer noch.

„In Deutschland reden die Schauspieler auf der Bühne manchmal nicht wie Menschen“

Bist du deinen Eltern rückblickend dankbar?

Ich bin wahnsinnig dankbar, dass ich innerhalb meines Berufs immer wieder alles neu denken und den Texten so nahe kommen kann, wie jetzt mit Regisseurin Karin Henkel. Wenn ich aber wieder auf den Hof komme und den Geruch dort atme, denke ich jedes Mal, ich hätte mir den ganzen Umweg sparen können. Aber dann hätte ich alles verpasst, ich würde reden, wie man auf einem Hof redet, und mir würden wahrscheinlich auch ein paar Zähne fehlen.

Wie unterscheidet sich die Sprache des Reiterhofs von der des Schauspielers?

In Deutschland reden die Schauspieler auf der Bühne manchmal wie Schauspieler und nicht wie Menschen. In Holland gab es Ende der 1960er-Jahre die „Aktion Tomate“. Da haben die Leute Tomaten auf die Bühne geworfen, wenn die Schauspieler nicht wie Menschen gesprochen haben. Irgendwann haben sie dann Netze vor die Bühne gespannt.

„Es fragt sich nur, woher das Böse kommt“

Noch einmal zurück zu Macbeth. Ferdinand von Schirach sagt: Es gibt keine bösen Menschen, nur böse Taten. Würdest du dem zustimmen?

Ich glaube, dass es auch sehr böse Menschen gibt. Es fragt sich nur, woher das Böse kommt. Das hat viel damit zu tun, dass in deinem Leben zur falschen Zeit das Falsche passiert: ein traumatisches Erlebnis, ein Unfall, eine Ungerechtigkeit oder emotionale Verletzung. Diese ganze Paul-McCartney-Generation, die jetzt gerade wegstirbt, wurde von den Eltern, die den Krieg noch miterlebt hatten, so verwöhnt, dass dort eine große Gleichgültigkeit entstanden ist. Diese Gleichgültigkeit macht mir Angst.

Bestimmt lässt eure Aufführung niemanden gleichgültig, wenn du mit der Figur des Macbeth gegen dein eigenes Unvermögen anspielst, wie du vorhin gesagt hast …

Macbeth sagt auf der Bühne: „Es ist noch gar nichts passiert, und ich zittere schon am ganzen Körper.“ Wenn ich dann denke: Der kleine Belgier, Eröffnungsvorstellung, Vergleich mit anderen Shakespeare-Abenden – also ich zittere auch schon am ganzen Körper. Es ist krass, wenn so viele Leute da sitzen. Warum tue ich mir das an? Weil es ein geiler Abend wird. Weil es Spaß macht, dieses Unvermögen zu zeigen.

„Macbeth“ am Deutschen Schauspielhaus, 5. Oktober 2022 (Premiere), weitere Termine: 13. Oktober und mehr

 


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Theaternacht Hamburg: Viel mehr als nur Appetithäppchen

Vielfalt gehört zur Theaternacht Hamburg seit ihrer Gründung, doch nun genügt sie sogar den Ansprüchen der allseits geforderten Diversität. 2022 Erstmals dabei ist das inklusive Klabauter Theater

Text: Dagmar Ellen Fischer 

 

Am 10. September ist wieder Zeit für die Theaternacht Hamburg. In diesem Jahr ist das Theater-Hopping so inklusiv und mobil wie nie zuvor. Rund ein Drittel der teilnehmenden Theater bei der Theaternacht Hamburg bietet rollstuhlgerechten Zugang, zahlreiche Programmpunkte werden von Audiodeskription, Untertitelung und Gebärdendolmetschen begleitet. Außerdem darf man mit dem Theaternacht-Ticket sowohl die speziell für dieses Event gecharterten Shuttle-Busse als auch sämtliche HVV-Linien nutzen. Wie schon vor der Corona-Zwangspause etabliert, teilt sich das Angebot in ein Familienprogramm von 15 bis 19 Uhr und in das Abendprogramm von 19 bis nach 1 Uhr; ab Mitternacht lockt die After-Show-Party im Thalia Theater am Alstertor.

Angebote für Jung und Alt

Ein Angebot für die Allerjüngsten hält die Opera Stabile bereit: „Tut tut! Baby an Bord“ heißt das halbstündige Musiktheater mit einem akustischen Spektrum zwischen bekannten Alltagsgeräuschen und Kunstmusik für Baby-Ohren. Etwas älteren Kindern präsentiert sich das Fundus Theater am neuen Standort – dem Platz der Kinderrechte am Sievekingdamm – nicht nur mit Bühnenausschnitten: Die ganze Familie kann entweder ein spannendes Brettspiel ausprobieren, in dem „Table Animals“ ungewöhnliche Regeln aufstellen, oder eine interaktive Ausstellung besuchen. Auch das Junge Schauspielhaus lockt sein Publikum mit Theaterszenen, aber zusätzlich mit abenteuerlichem Verkleiden und Schminken. Verdammt viel vorgenommen hat sich das Klabauter Theater: Es macht sich zum Anwalt der Natur und einiger Waldbewohner in seinem Stück „und alle tiere rufen: dieser titel rettet die welt auch nicht mehr“!

Theater, Tombola und Traditionelles

Zum Kern der Theaternacht gehören szenische Appetithäppchen, die Lust machen aufs Wiederkommen, entweder mit einem Best-of aus bewährten Inszenierungen oder durch Ausblicke auf kommende Werke. Doch einige Häuser haben sich darüber hinaus Fantasievolles ausgedacht: Im Fundus des Thalia Theaters lagern Kleiderstangen in einer Gesamtlänge von rund 500 Metern, Interessierte können in einer Gruppenführung von maximal zehn Teilnehmern an historischen Kleidern, Fantasiekostümen und Ritterrüstungen entlangschlendern (Treffpunkt: Abendkasse im Foyer). Nicht nur zum Anschauen, sondern sogar zum Mitnehmen bietet das Schauspielhaus Dinge mit bewegter Bühnenvergangenheit: Per Tombola werden sie verlost, und die Einnahmen ermöglichen Kindern und Jugendlichen aus finanziell schlechter gestellten Familien einen Theaterbesuch. Direkt gegenüber hat sich das Ohnsorg Theater ebenfalls etwas jenseits der Bühne einfallen lassen: einen theatralen Rundgang durch den Stadtteil mit dem Titel „St. Georg – en Eiland?“ (Treffpunkt: Wo die bronzene Heidi Kabel die Hand aufhält).

Ein Ticket, 40 Häuser und einige Überraschungen

Das Musiktheater mit dem schönsten Elbblick, das Opernloft, lässt in einem Opern-Slam Sängerinnen und Sänger im Wettstreit gegeneinander ansingen. Und in John Neumeiers Ballettzentrum können Besucher auf vier Etagen einen Blick auf Training und Proben der Ballettschule, des Bundesjugendballetts und des Ensembles des Hamburg Ballett werfen. Auf St. Pauli zeigt das Imperial Theater einen ganzen Abend lang ausnahmsweise keine Krimis, sondern eine berühmte Schauergeschichte: Bram Stokers „Dracula“. In dieser besonderen Nacht öffnet ein Ticket die Türen zu rund 40 Theatern. Und die bespielen längst nicht mehr nur ihre Theatersäle, sondern auch Flure und Foyers, ihren Gastronomie- sowie mitunter den Außenbereich. Noch nicht einmal vor den Shuttle-Bussen macht der Spieltrieb Halt – doch wo genau, das bleibt eine Überraschung!

Tickets gibt’s für 17 Euro (Abendkasse 19 Euro). Für das Familienprogramm von 15 bis 19 Uhr kosten die Karten 8 Euro.

 


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Top 10: Events über Ostern in Hamburg

Ostern 2022 findet nicht mehr im kleinsten Kreis und mit nächtlicher Ausgangssperre statt, deswegen gibt es auch wieder mehr zu Erleben. Die besten Events in Hamburg gibt’s hier:

Freitag, 15.04. | Theater | Don Carlos | Ernst Deutsch Theater

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Sebastian Eggers als Don Carlos (mitte) und Hannes Hellmann als König Philipp II. (rechts) am Ernst Deutsch Theater (Foto: Oliver Fantitsch)

Drei Stunden spanischer Hof, das ist Don Carlos im Ernst Deutsch Theater. Regisseurin Mona Kraushaar bringt Schillers Klassiker auf die Bühne. Während Sebastian Egger als Kronprinz Don Carlos mit dem Liebeskummer ringt, spielt Hannes Hellmann einen König zwischen verletztem männlichen Ego und der Macht des Einzelnen. Im Stück wird dabei nicht weniger als die Zukunft Europas verhandelt. Durch die aktuellen Ereignisse hat dieses Thema nur noch mehr an Relevanz gewonnen. Noch bis zum 16. April ist die Inszenierung an der Mundsburg zu sehen.

Don Carlos im Ernst Deutsch Theater
15. & 16. April 2022, jeweils 19:30 Uhr

Freitag, 15.04. | Nachtleben | Friday I’m in love | Molotow

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Molotow: Getanzt wird immer (Foto: Erik Brandt-Höge)

Tanzverbot an Karfreitag? Gibt‘s auf‘m Kiez nicht! Deswegen lädt das Molotow ab 23 Uhr auch zu einem „Feuerwerk aus 60 Jahren Rock’n’Roll und Pop“. Bei Friday I’m in love legen die DJ‘s Axelmania und Jet Boy alles auf, was das Tänzer:innenherz begehrt. Der Eintritt kostet 5 Euro für alle Floors und das Ganze ist eine 2G-Plus-Veranstaltung.

Friday I’m in love
15. April 2022, 23 Uhr

Samstag, 16.04. | Musik | Dan Gotthalls‘s – Artful Earfull | Birdland

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Steht bei Dan Goothall’s – Artful Earful mit auf der Bühne: Die Hamburgerin Sandra Hempel (Foto: Natascha Protze)

Altehrwürdig und ein Klassiker, das ist das Birdland in Hamburg. Seit 1985 gibt es im Kellerclub in der Gärtnerstraße besten Jazz, so auch am Ostersamstag. Bei „Dan Gotthalls‘s – Artful Earfull“ geben sich fünf außergewöhliche Künstler:innen die Ehre. Neben dem Posaunisten Dan Gottshall sind unter anderem die Hamburger Gitarristin Sandra Hempel und der Kieler Pianist Buggy Braune mit von der Partie. Das Konzert ist eine 2G-Plus-Veranstaltung und kostet 19,90 Euro.

Dan Gotthalls‘s – Artful Earfull
16. April 2022, Einlass 19 Uhr und Beginn 20:30 Uhr

Samstag, 16.04. | Sonstiges | Osterfeuer | Ganz Hamburg

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2022: Die Osterfeuer sind zurück in Hamburg (Foto: pixabay/floerio)

Egal ob im eigene garten, bei Freunden oder am Elbstrand: Das Osterfeuer gehört zu Ostern wie das Eiersuchen. Dieses Jahr ist es auch wieder möglich, denn die Kontaktbeschränkungen wie 2021 gibt es nicht mehr. Neben den traditionsreichen Feuern in Blankenese gibt es noch viele weiter öffentliche, zum Beispiel im Strandbad Farmsen oder an der Kreuzkirche in Stellingen.

Osterfeuer in Hamburg
16. April 2022, diverse Orte, Beginn meistens zum Sonneruntergang

Samstag, 16.04. | Nachtleben | Hip-Hop | Chief Brody

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Im Chief Brody gibt‘s zu Ostern was zum Tanzen (Foto: unsplash / Sam)

Auch im Kellerclub auf der Schanze darf zu Ostern natürlich getanzt werden. Im Fokus: Richtig guter Hip-Hop. Während sich Karfreitag Ticklish & Buzz-T die Ehre geben, gibt es am Ostersamstag von Dipped in Colors & Draft X was auf die Ohren. Los geht‘s um 23 Uhr, der Eintritt kostet 10 Euro und das Ganze ist eine 2G-Plus-Veranstaltung.

Dipped in Colors & Draft X im Chief Brody
16. April 2022, jeweils 23 Uhr

Sonntag, 17.04. | Sonstiges | Street Food Festival | Landhaus Walter

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Es geht auch mexikanisch beim Street Food Festival am Landhaus Walter (Foto: unsplash)

Ostern kann man fein dinieren, brunchen oder einfach mal neues Ausprobieren. Viel Neues gibt es beim Street Food Festival am Landhaus Walter unter dem Motto „New Yorker Food Klassiker“. Von Süßem über mexikanische Leckerbissen bis zum klassischen Hot Dog ist für jede:n etwas dabei. Der Eintritt kostet 5 Euro, alle unter 12 Jahren kommen gratis rein.

Street Food Festival
17. April 2022, 11:30 bis 18:30 Uhr

Sonntag, 17.04. | Sonstiges | U96 mit Claude-Oliver Rudolph | Planetarium

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Führt als Nautilus durch die Jules Verne Experience: Claude Oliver-Rudolph (Foto: The Jules Verne Experience)

Jules Vernes Science-Fiction-Romane haben Millionen fasziniert. 150 Jahre nach der Erstausgabe von „20.000 Meilen unter dem Meer“ haben die Elektronik-Band U96 daraus ein bild- und klanggewaltiges Unterwasser-Erlebnis geschaffen. Schauspieler Claude-Oliver Rudolph entführt das Publikum als Kapitän Nemo an Bord der Nautilus in eine fantastische Unterwasserwelt – eine 360-Grad-Tauchfahrt in nie gehörte und nie gesehene phantastische Welten. Das 60-minütige Erlebnis kostet 14 Euro und ist für Menschen ab 10 Jahren empfohlen.

U96 mit Claude-Oliver Rudolph – 20.000 Meilen unter dem Meer
17. April 2022, 17:30 Uhr & weitere Termine

Sonntag, 17.04. | Nachtleben | Soul Allnighter | Mojo Club

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Ein Klassiker kehrt zurück: Der Soul Allnighter (Foto: unsplash/Vishnu R Nair)

Corona ist gefühlt schon fast vorbei. Höchste Zeit, das Nüske & Berge aus der Corona-Pause zurückkehren. Beim mittlerweile traditionellen und fast schon legendären Soul Allnighter legen die beiden wieder so lange auf, bis alle tanzen und jede Sohle qualmt. Am 17. April ab 22 Uhr darf also wieder bester Soul genossen werden, für 10 Euro Eintritt und natürlich unter 2G-Plus-Bedingungen.

Soul Allnighter
17. April 2022, 22 Uhr

Montag, 18.04. | Sonstiges | Kulturflohmarkt | Museum der Arbeit

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Flohmarkt geht immer (Foto: pixabay)

Feiertag, Zeit zum Stöbern, Feilschen und Entdecken. Am besten geht das auf einem der vielen Flohmärkte der Stadt. Ein guter alter Bekannter ist dabei der Kulturflohmarkt am Museum der Arbeit. Am Ostermontag ist Start für die Saison 2022. Bei hoffentlich bestem Wetter lässt es sich auf dem Gelände nach Lust und und Laune verweilen, schlendern und echte Schätze entdecken.

Kulturflohmarkt am Museum der Arbeit
18. April 2022, 9 bis 16 Uhr

Montag, 18.04. | Musik | Soulounge | Fabrik

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Soulounge in der Fabrik: Ein Live-Erlebnis für die Seele (Foto: Marcus May)

Wie kommt man am besten raus aus dem Osterwochenende? Mit Musik für die Seele! Genau das gibt es am Ostermontag in der Fabrik. Hier feiern Soulounge ihr 20-jähriges Bandjubiläum. Alle, die die Band schonmal erlebt haben wissen, Soulounge ist ein ganz besonderes Live-Erlebnis – auch nach 20 Jahren. Einlass für das Konzert in der Fabrik ist um 19 Uhr, Konzertbeginn um 20 Uhr und die Tickets kosten 19 Euro im Vorverkauf. Auch dieses Konzert ist eine 2G-Plus-Veranstaltung.

Soulounge in der Fabrik
18. April 2022, 20 Uhr


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„Eine neue Form der Regie ohne Machtgefälle“

Eva Mattes teilt sich mit Josefine Israel die Rolle der Mutter in „Die Freiheit einer Frau“. Falk Richter inszeniert eine eigene Bühnenfassung der neuesten autobiografischen Erzählung von Édouard Louis Im Interview spricht Mattes über Mütter, Édouard Louis und Theater in Zeiten von Corona

Interview: Sören Ingwersen

SZENE HAMBURG: Frau Mattes, in „Die Freiheit einer Frau“ spielen sie eine Frau, die nach jahrelangen Demütigungen durch zwei Ehemänner beschließt, ihr Dorf zu verlassen und ein neues Leben zu beginnen. Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

Eva Mattes. Ich habe erst mal alle Bücher von Édouard Louis gelesen. Außerdem machen wohl alle Frauen Erfahrungen in diese Richtung. Ich denke oft: Ach, jetzt muss ich mich schon wieder emanzipieren. Im Fall von Édouard Louis und seiner Mutter ist es natürlich noch krasser, weil die in sehr armen Verhältnissen aufgewachsen sind.

Édouard Louis, der viele homophobe Erfahrungen gemacht hat, befreit sich aus diesen Verhältnissen …

Er hat das Gymnasium besucht, danach studiert und ist jetzt ein intellektueller Mensch. Hochachtung vor so einem Schritt! Die Mutter folgt ihm quasi, verlässt ihren zweiten Mann und zieht in die Stadt. Aber wirklich heraus aus ihrer Gesellschaftsschicht kommt sie nicht. Sie findet auch schwer Kontakte. Wir wissen ja, dass sich in Städten wie Paris nicht so leicht Beziehungen entwickeln, wenn man von außen dazukommt. Das ist in Berlin anders. Ich lebe in Kreuzberg, da ist die Bevölkerung sehr gemischt.

Ein offener Brief an die Mutter

Man hat Édouard Louis vorgeworfen, dass seine Bücher immer wieder das gleiche Thema behandeln …

Er ist ja noch wahnsinnig jung, nicht einmal dreißig, und hat noch eine große Entwicklung vor sich. Deshalb wird er immer wieder anders auf seine Vergangenheit blicken. Als studierter Soziologe kann er sich auch ein Bild davon machen, warum seine Eltern und die Verhältnisse so sind, wie sie sind.

Er hat offenbar viel aufzuarbeiten …

Er schreibt, dass er in der Schule jeden Tag im gleichen Flur auf die beiden Typen gewartet hat, die ihn dann zusammenschlagen haben. Er wollte nicht im Schulhof verprügelt werden, weil es dort alle anderen mitbekommen hätten. Dabei hat er immer gelächelt, weil er dachte, dann tun die Jungs ihm nicht so weh. Auch vor seiner Mutter hat er immer nur gelächelt. Er wollte nicht, dass sie erkennt, wer er ist und was er für ein Leben führt. Um all diese Erfahrungen zu überwinden, ist harte Arbeit nötig.

Könnte man das Buch als eine Art offenen Brief an die Mutter verstehen?

Ja. Falk Richter hat eine sehr schöne Bühnenfassung geschrieben, die nahe am Buch bleibt. Josefine Israel spielt die junge Mutter und ich die Mutter in der Gegenwart.

„Prosa ist auf der Bühne spannender“

Warum werden immer öfter Prosatexte auf die Bühne geholt? Gibt es keine guten Theaterstücke mehr?

Wahrscheinlich möchte man einfach gute Stoffe erschließen. Ehrlich gesagt, lese ich Texte von Theaterstücken immer erst, wenn ich gebeten werde, darin mitzuspielen. Deshalb kann ich gar nicht beurteilen, ob es zu wenige gute neue Stücke gibt.

Andererseits gibt es Gegenwartsautoren, die auch für die Bühne Prosatexte schreiben wie Elfriede Jelinek. Für Ihre Darstellung der Kirke in der Uraufführung von Jelineks Stück „Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!“ am Deutschen Schauspielhaus haben Sie im letzten Jahr den „Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares“ erhalten.

Auf der Bühne sind diese Texte aber spannender, als wenn man sie nur lesen würde. Bei dieser Produktion habe ich zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, wie man einem Text, der ohne Punkt und Komma und ohne Rollenverteilung geschrieben ist, in ein Stück verwandelt.

Dort spielten Sie ja eine Art Gegenstück zu Ihrer aktuellen Rolle und traten als Zauberin auf, die die Männer in Schweine verwandelt, um über sie zu herrschen.

Andererseits sagt auch die Mutter in „Die Freiheit einer Frau“, als sie einen neuen Mann kennenlernt: „Jetzt lasse ich mich nicht mehr unterdrücken. Jetzt bestimme ich!“

Aber reproduziert sie damit nicht nur den Machtmechanismus mit entgegengesetzten Vorzeichen?

Man sucht sich immer die Muster, die einen geprägt haben. Aus denen kommt man nur heraus, wenn man verstanden hat, warum in der Vergangenheit etwas so passiert ist. Erst dann kann sich das ganze System verändern.

Die Freiheit des Spiels

Haben Sie schon früher mit Falk Richter zusammengearbeitet?

Nein. Aber die Arbeit macht großen Spaß und findet – wie im letzten Jahr mit Karin Baier – auf Augenhöhe statt. Das ist auch eine Art Befreiung, eine neue Form der Regie ohne Machtgefälle. Mit Peter Zadek war das anders. Obwohl wir uns gut verstanden haben und ich ihn durchaus vermisse, konnte er ganz schön austeilen.

Rainer Werner Fassbinder aber doch sicher auch …

Mir gegenüber waren die Regisseure zum Glück immer respektvoll und vorsichtig. Und als ich mit Fassbinder angefangen habe zu arbeiten, war ich erst sechzehn. Der hatte sozusagen genauso Respekt vor mir – vor meiner Jugend und meiner hohen Disziplin – wie ich vor ihm.

Heißt das trotzdem, dass Sie heute ihre Vorstellungen als Schauspielerin stärker einbringen können?

Nein, bei Zadek kam ja auch viel von der Bühne. Da habe ich überhaupt erst gelernt, selbstständig zu arbeiten. Einerseits war das sehr locker, andererseits richtete sich doch alles nach ihm. Aber die Freiheit des Spiels habe ich seit Zadek eigentlich immer gehabt. Wir haben manchmal monatelang bei ihm improvisiert und hatten wahnsinnig viel Zeit, unsere Rollen zu entwickeln.

Corona und die Kunst

Im Moment sind ja wegen Corona ja nur wenige Zuschauer zugelassen. Wie geht es Ihnen damit?

Wenn ich in den Saal hinunterschaue, empfinde ich das manchmal sogar als persönlicher. Am Ende sind die Leute auch unglaublich dankbar und applaudieren wie verrückt, weil sie uns wohl auch zeigen wollen, wie froh sie sind, dass sie dabei sein können. Trotzdem wünscht man sich natürlich volle Säle. Jetzt mache ich schon die dritte Produktion hier am Schauspielhaus nach „Iwanow“ und dem Jelinek-Stück und fühle mich sehr privilegiert. Leider gibt es viele Menschen in unserer Branche, die derzeit nicht auftreten können und denen es richtig schlecht geht.

Muss man nicht sogar sagen, dass die Themen des aktuellen Stücks – Armut und Gewalt – Themen sind, die durch Corona verstärkt in den Fokus geraten? Die Menschen verlieren ihre Arbeit, sitzen zu Hause und werden immer aggressiver.

Natürlich, ich kenne das aus meiner eigenen Familie. Meine Nichte hat drei Söhne von ganz klein bis elf Jahre. Das ist selbst zu zweit schwer. Ich bin froh, dass meine Kinder erwachsen sind.

Wenn Sie zu einer Anhörung in den Bundestag geladen würden, um die Corona-Situation in den Theatern aus Sicht einer praktizierenden Schauspielerin einzuordnen und Ratschläge zu geben, was würden Sie dem Ausschuss sagen?

Ich glaube, ich würde da nicht hingehen. Selbst für die Fachleute scheint eine Beurteilung schwierig zu sein, weil es ja fast täglich neue Erkenntnisse gibt. Ich hatte mich auch mit der Omikron-Variante angesteckt. Es war eine ganz normale Erkältung, und jetzt bin ich genesen – für drei Monate immerhin. Viele kommen nicht so glimpflich davon, und es gibt Tote. Aber das Spiel mit der Angst, das mag ich nicht.

„Die Freiheit einer Frau“, ab dem 5. März 2022 (Premiere) im Deutschen Schauspielhaus


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Die Freiheit einer Frau

Shootingstar der Literatur, Édouard Louis, zeichnet in seinem neuen Buch „Die Freiheit einer Frau“ das Porträt einer Mutter

Text: Ulrich Thiele

Édouard Louis misstraut der Literatur: „Man hat mir gesagt, die Literatur dürfe niemals versuchen, die Wirklichkeit zu erklären, sondern sie nur illustrieren, aber ich schreibe, um das Leben meiner Mutter zu verstehen“, beschreibt der Franzose an einer Stelle sein antiliterarisches Programm.

Seine Herkunft, das Arbeitermilieu, Armut, die Herablassung der Intellektuellen gegenüber der Landbevölkerung, die rauen und engen Rollenverhältnisse im Arbeitermilieu – all das waren schon in seinem ersten Roman, „Das Ende von Eddy“, die zentralen Themen. Nachdem er sich zuletzt in „Wer hat meinen Vater umgebracht?“ seinem Vater näherte und wie die Klassenverhältnissen ihn durchdrängten, porträtiert er in „Die Freiheit einer Frau“ nun also seine Mutter – wieder zärtlich und wütend mit einem (meist) schnörkellosen Stil, den man emphatisch-soziologisch nennen könnte.

Kein glattes Happy End

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Die Freiheit einer Frau von Édouard Louis

Ausgangspunkt ist ein Bild seiner Mutter in jungen Jahren, das das Cover ziert: „Sie frei zu sehen, mit ganzem Körper in die Zukunft projiziert, rief meine Erinnerung an ihre mit meinem Vater geteilten Lebensjahre wach, die von ihm ausgegangenen Demütigungen, die Armut, zwanzig Jahre ihres Lebens versehrt und fast zerstört durch die männliche Gewalt und das Elend.“ Als Mädchen hatte sie davon geträumt, Köchin zu werden. Sie blieb ohne Ausbildung, war zweimal verheiratet, bekam fünf Kinder und war „gefangen im häuslichen Rahmen.“ Doch wie auch sein Vater, dessen spätes Infragestellen seiner Männlichkeitsvorstellungen Louis in „Wer hat meinen Vater umgebracht?“ schildert, findet seine Mutter zumindest teilweise einen Weg aus der Ohnmacht. Mit 45 Jahren verlässt sie ihren Mann, zieht vom Dorf nach Paris, findet einen Partner.

Es ist kein glattes Happy End. „Die bourgeoisen Frauen aus ihrer Straße“ begegnen ihr „voller Herablassung“, manchmal langweilt sie sich, doch sie sei glücklich, sagt sie. Am Schluss stellt Louis die Frage, ob die Fähigkeit, Glück zu empfinden, eine Grundbedingung sein könnte für individuellen und gesellschaftlichen Wandel. Womöglich wird Louis ihr in seinem nächsten Buch nachgehen.

Édouard Louis: „Die Freiheit einer Frau“, Fischer, 96 Seiten, 17 Euro. Autorenlesung und Gespräch am 4. März, 19:30 Uhr im Schauspielhaus


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Hamburg beim Berliner Theatertreffen

Das Berliner Theatertreffen hat für das Festival 2022 zwei Hamburger Inszenierungen eingeladen

Text: Felix Willeke

Seit 1964 gibt es das Berliner Theatertreffen im Rahmen der Berliner Festspiele. Eine unabhängige Kritiker:innen-Jury wählt in jedem Jahr die „zehn bemerkenswerte Inszenierungen der Saison“ aus. Für das Treffen vom 6. bis 22. Mai 2022 sind die Hamburger Theater – neben den Berlinern – als einzige mit zwei Inszenierungen vertreten. 

„Die Ruhe“ – Deutsches SchauSpielHaus Hamburg

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Die Performance „Die Ruhe“ wurde im November 2021 uraufgeführt (Foto: Erich Goldmann)

Im November 2021 eröffnete in der ehemaligen Post- und Paketzentrale von Altona ein neuartiges Regenerationszentrum. In der von Signa Köstler konzipierte Performance „Die Ruhe“ sollen sich alle Lebewesen umfassend von Trauma, Erschöpfung und Verwirrung erholen. Am 19. November 2021 vom Schauspielhaus uraufgeführt, ist die Performance jetzt zum Berliner Theatertreffen 2022 eingeladen. „Auf die posthumanistischen Theorien und Ideen, die gegenwärtig durch viele Diskurse geistern, reagieren SIGNA mit einem konkreten Konzept, wie die Menschheit Mensch für Mensch verschwinden könnte“, sagt dir Jury. Die fünfeinhalbstündige Performance gleiche „einer Einladung, sich in dieser sektenähnlichen Gemeinschaft geborgen zu fühlen. Wer sie annimmt, steigt tief hinab in ein Kaninchenloch aus Manipulation und Missbrauch, Todessehnsucht und Verzweiflung.“ „Die Ruhe“ war eine bis dato einmalige Performance und wird aktuell nicht aufgeführt.

„Doughnuts“ – Thalia Theater

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„Doughnuts“ läuft seit Januar 2022 am Thalia Gaußstraße (Foto: Fabian Hammerl)

Die zweite Einladung geht an das Thalia Theater. Am Standort Gaußstraße führt Toshiki Okada bei „Doughnuts“ Regie. Dabei lässt er Menschen der Hypermoderne an verschiedenen Orten aufeinandertreffen. Das Ganze ist dabei an das japanischen No¯ Theaters angelehnt. Die Jury der Berliner Theatertreffens bezeichnet die Inszenierung als einen „Ausflug ins absurde Theater der Hochmoderne“, bei der die Figuren nur davon aufgehalten werden, dass das Taxi einfach nicht kommt. „Was bleibt, ist warten, reden und bewegen. Sie begleiten ihre Sätze mit komplizierten, hochkonzentriert ausgeführten Choreografien aus gerne gegenläufigen und trotzdem vollkommen organischen Arm-, Bein- und Hüftverrenkungen“, so die Jury weiter. „Doughnuts“ ist noch bis voraussichtlich Ende März 2022 im Thalia Gaußstraße zu sehen.


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Günther Gründgens – ein Tribut ans (imaginäre) Idol

Während Gustaf Gründgens vielen ein Begriff ist, zollt „Günther Gründgens – ein Leben, zu wahr, um schön zu sein“ am Hamburger Schauspielhaus dem fiktiven Namensvetter Tribut

Text: Dagmar Ellen Fischer

 

Günther Gründgens – nie gehört? Tatsächlich ist er mit dem berühmten Gustaf weder verwandt noch verschwägert, denn es gab ihn gar nicht. Und dennoch wird ihm ausgerechnet am Deutschen Schauspielhaus ein Abend gewidmet: „Günther Gründgens – ein Leben, zu wahr, um schön zu sein“. Darin dichten Regisseurin Barbara Bürk und Musiker Clemens Sienknecht dem legendären ehemaligen Schauspielhaus-Intendanten einen Zeitgenossen als Namensvetter an, dessen (fiktives) Leben indes einen gänzlich anderen Verlauf nahm: Obwohl auch als Sänger und Schauspieler in Operette, Film und Theater tätig, blieb ihm der Erfolg versagt. Das hindert den ebenfalls frei erfundenen „Klub der Freunde von Günther Gründgens“ nicht daran, ihrem Idol einen musikalischen Festakt auszurichten und darin biografische Stationen Revue passieren zu lassen.

An dieser Heldenfeier lässt die Fangemeinde das Publikum teilhaben, und dafür wurde ein an Peinlichkeiten kaum zu überbietendes Programm auf die Beine gestellt. Ein Auftritt der Lambada Dance Company Hopphausen Weiersbach e. V. dürfte die unter(irdisch)ste Grenze der Veranstaltung markieren. Eine witzige Parabel auf fragwürdigen Starkult.

„Günther Gründgens – ein Leben, zu wahr, um schön zu sein“, Schauspielhaus, 21. Januar 2021 (Premiere), weitere Termine


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburger Theater Festival 2021: Masken sprechen

2021 ist das Hamburger Theater Festival vom 10. bis 18. Oktober kleiner als sonst. In diesem Jahr lässt Festival-Kurator Nikolaus Besch die Masken sprechen

Text: Dagmar Ellen Fischer

 

Hochkarätig wie gewohnt, aber 2021 sogar hochverdichtet, zeigt sich das diesjährige Hamburger Theater Festival: Fünf Produktionen an acht Tagen mit 14 klangvollen Namen. Eigentlich sind es 19, doch die Namen – und insbesondere die Gesichter – der großartigen Spieler von „Familie Flöz“ sind nur deshalb weniger populär, weil sie in ihren herzerwärmenden Stücken grundsätzlich Masken tragen. In diesem Jahr zeigt die international erfolgreiche Crew um Michael Vogel, wie man „Feste“ feiert (Kampnagel, 15.+16.10.): Doch nicht aus einem glanzvoll geschmückten Saal, sondern von der Rückenansicht, aus der Perspektive derjenigen, die im Hintergrund schuften, damit andere strahlen dürfen. Dass es dabei nicht bleibt, ahnt man, denn die Flöz-Familie ist bekannt dafür, ihren vielschichtigen Geschichten voll feinstem Humor eine unerwartete Wendung zu geben. Beredter kann ein Theaterabend kaum sein als mit dieser berührenden, wortlosen Körperkunst.

 

Das Deutsche Theater Berlin zu Gast

 

Ähnlich stumm ist auch die Rolle der Protagonistin in Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ angelegt, und auch dessen gleichnamige Verfilmung lebt von Ereignisarmut. Das ändert sich drastisch in der Bühnenfassung des Deutschen Theaters Berlin: „Sophie Rois fährt gegen die Wand im Deutschen Theater“ (Schauspielhaus, 12.+13.10.) – und das durchaus wörtlich und wortgewandt. Die österreichische Schauspielerin interpretiert die surreale Story um eine riesige gläserne Wand inmitten einer ohnehin einsamen Berglandschaft neu: Unter der Regie von Clemens Maria Schönborn ringt sie dem absurden Gegensatz von idyllischer Natur und Endzeitstimmung eigenwillige Nuancen ab; sie schießt und klettert, grübelt und verzweifelt, und von allem erzählt sie mit ihrer markant heiseren Stimme. Weitere Coups von Festival-Kurator Nikolaus Besch: „Die Blechtrommel“ nach Grass, Strindbergs „Totentanz“ sowie „Die Glorreichen Sieben“!

Hamburger Theaterfestival, 10.–18.10. 2021


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Karin Beier: „Wir verlernen, andere Perspektiven einzunehmen“

„Kindeswohl“: Mit der deutschsprachigen Erstaufführung von Ian McEwans „The Children Act“ lotet Karin Beier die Grenzen unserer Freiheitsrechte aus

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Frau Beier, warum haben Sie sich entschieden, Ian McEwans Roman „The Children Act“ auf die Bühne zu bringen?

Karin Beier: Ich finde diesen Roman brandaktuell. Es werden darin verschiedene Themen verhandelt, die mich seit Langem beschäftigen und die gerade jetzt in der Pandemie wieder mitten ins Zentrum unserer gesellschaftlichen und politischen Debatten gerückt sind. Zum Beispiel der Konflikt unserer Grundwerte, mit dem wir akut zu kämpfen haben: Ist der unbedingte Schutz des Lebens höher anzusetzen als die Würde des Menschen? Wie viel Eingriff von Seiten des Staates in unsere demokratisch garantierten Freiheitsrechte, wozu beispielsweise auch die Religionsfreiheit oder das Recht auf Selbsttötung gehören, sind wir als Gesellschaft bereit zu akzeptieren? Und wer ist wie und für welche Konsequenzen verantwortlich zu machen? Das sind nicht nur juristische, sondern vor allem auch ethische Fragestellungen. Und nicht zufällig ist „Kindeswohl“ der Begriff der Stunde im Zusammenhang mit den staatlichen Schutzmaßnahmen gegen die Corona-Krise, weil es vor allem immer wieder die Kinder sind, die einen hohen Preis für unsere politischen und zivilgesellschaftlichen Entscheidungen bezahlen.

 

Ein eigener Zugang

 

Der Autor Ian McEwan hat auf Grundlage seines Romans ein Drehbuch für die Verfilmung des Stoffs mit Hauptdarstellerin Emma Thompson geschrieben. Nutzen Sie auch diese Vorlage oder wählen Sie und Dramaturgin Sybille Meier einen ganz eigenen Zugang? Und wie sieht dieser aus?

Wir haben natürlich auch die Verfilmung des Romans wahrgenommen, aber auf Grundlage des Romans eine eigene Theateradaption erarbeitet. Dabei war es wichtig, eine Form für diesen Stoff zu finden, der einerseits komplexe psychologische Figuren zeigt und andererseits sehr spannende diskursive Passagen enthält. Wir haben dabei bestimmte Aspekte herausgearbeitet, unter anderem die Frage nach dem Sinn des Leidens, nach unseren Wertvorstellungen und unserem Verhältnis zum Tod.

Im Roman „The Children Act“ ordnet Familienrichterin Fiona Maye eine lebensrettende Bluttransfusion für den 17-jährigen, an Leukämie erkrankten Adam an. Er und seine Eltern haben sich dieser Maßnahme widersetzt, weil sie als Zeugen Jehovas Gottes Wille bedingungslos gehorchen. Wie kommt es, dass Adam schließlich doch die Entscheidung der Richterin akzeptiert?

Zunächst muss sich Adam ja dem Urteil von Fiona Maye und damit dem Gesetz beugen. Emotional und psychisch kommt er da nicht hinterher, er findet die Vorstellung im wahrsten Sinne des Wortes zum Kotzen, dass sich fremdes Blut mit seinem eigenen vermischt. Es fühlt sich für ihn an, als habe er den Speichel eines anderen Menschen getrunken. Doch durch die Begegnung mit Fiona gelingt es ihm, eine Fremdperspektive auf seine eigene Religion einzunehmen, und er kann die Begrenztheit dieses Weltbildes zumindest rational erkennen. Nur leider ist Fiona nicht bereit, die emotionale Lücke zu schließen, die sein Ausschluss aus seiner bisherigen Lebensgemeinschaft bei ihm hinterlässt.

 

Gibt es Fehler?

 

Juristisch handelt Fiona korrekt, indem sie das Kindeswohl über das Recht auf Selbstbestimmung stellt. Später wird ihr klar, dass ihre Entscheidung dem jungen Mann alles andere als geholfen hat. Was hat sie falsch gemacht?

Sie hat vielleicht gar nichts falsch gemacht, sondern einfach nur sehr menschlich gehandelt und damit zwangsläufig ein paar juristische Grenzen überschritten. In dem Moment, in dem sie ihr professionelles Umfeld, also den Gerichtssaal, verlässt, um Adam persönlich im Krankenhaus aufzusuchen, nähert sie sich ihm als Mensch oder, besser gesagt, als Frau und eben nicht als distanzierte Richterin. Sie geht eine Beziehung zu ihm ein, die sie dann aber nicht einlösen will. Das kann Adam eigentlich nur missverstehen. Und gerade dieser Aspekt interessiert mich besonders: das Verhältnis von Verantwortung, Gesetz und Individuum. Durch ihr Urteil reißt Fiona Adam aus seiner bisherigen Welt heraus, lehnt aber gleichzeitig eine persönliche Verantwortung ab. Dieser Widerspruch führt Adam letztlich in die Katastrophe.

Für welche Figur im Roman haben Sie die größte Sympathie? Und warum?

Ich möchte gar nicht einseitig für eine Figur Partei ergreifen. Ich habe versucht, allen Charakteren eine gleichwertige, eine plausible Stimme zu geben. Dramaturgisch interessant wird der Konflikt ja erst, wenn ich jede Position nachvollziehen kann, also auch diejenige, die in meinem Leben erst einmal die am weitesten entfernte ist. Das scheinen wir in unserer modernen Welt ja zu verlernen, also was es heißt, auch einmal eine andere Perspektive einzunehmen, die nicht unserer eigenen Vorstellungswelt entspricht. Ich muss ja nicht zwangsläufig am Ende meine Meinung ändern, aber ich muss mein Gegenüber verstehen wollen!

 

Die Wichtigkeit von Musik

 

Ein Schlüsselmoment im Roman ist das gemeinsame Musizieren von Fiona und Adam, bei dem sie sich menschlich näherkommen. Welche Rolle spielt die Musik in Ihrer Inszenierung?

Die Musik ist eine ganz wichtige Ebene in meiner Inszenierung. Auf einer Probe haben wir die Arbeit einmal ein „rhetorisches Kammermusikspiel“ genannt, und ich glaube, das trifft es ganz gut. Die Musik ist wie eine zweite Erzählebene über die Emotionen und Zustände der Figuren, die sie nicht verbal miteinander zu kommunizieren imstande sind.

„Kindeswohl“, Deutsches Schauspielhaus, 18.9. (Premiere), 21., 22., 28., 30.9. und weitere Termine; schauspielhaus.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2021. Das Magazin ist seit dem 28. August 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Corona in Hamburg: Kultur im Käfig

Seit fast einem Jahr leiden die Kulturbetriebe unter den Coronabeschränkungen. Nach den Lockerungen im Sommer wurden sie im Herbst wieder geschlossen – doch der künstlerische Betrieb läuft vielerorts eingeschränkt weiter

Text: Sören Ingwersen

 

Die Welt werden nicht gleich untergehen, wenn die Theater mal ein paar Monate geschlossen sind, ließ Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard jüngst verlauten. Die Schauspiel-, Opern- und Konzerthäuser stehen derzeit zwar vor ihrer größten Herausforderung der Nachkriegszeit. Aber kann die Kunst an Herausforderungen nicht auch wachsen? Keine attraktive These in einer Zeit, in der der direkte Faden zwischen Schauspielern und Publikum radikal durchtrennt ist, in der die kulturellen Räume, in denen gesellschaftliche Debatten unter künstlerischen Vorzeichen öffentlich geführt werden, schmerzlich fehlen und in denen nicht zuletzt viele Kreativschaffende in eine existenzbedrohende finanzielle Schieflage geraten.

 

Menschenleere Säle

 

Ein gruseliges Panorama – wie jene menschenleeren Säle, Räume, Gänge und Treppenhäuser des Deutschen Schauspielhauses, die derzeit als Filmkulisse für die Online-Streaming-Serie „Haus der Geister“ dienen: In kurzen Episoden entfesseln einzelne Ensemblemitglieder einen Spuk, von dem nach altem Aberglauben vorzugsweise verlassene Theatergebäude heimgesucht werden. Wie auf den Internetseiten des Thalia Theaters, der Staatsoper oder Kampnagel sind auch abendfüllende Aufführungen als Stream abrufbar, im November gab es sogar eine Online- Premiere: Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Hier ließ Regisseurin Heike M. Goetze vermummte Menschen auftreten, die ihre sozialen Distanzen nicht überwinden können. Kommt einem irgendwie bekannt vor.

Und zwischen den beiden Lockdowns? „Ab Anfang Mai hatte ich Proben für die Saisoneröffnung ,Reich des Todes‘, und ab da lief es für mich fast wieder normal“, berichtet Ensemblemitglied Markus John. „Nach der Sommerpause hatte ich dann in kurzer Zeit mit den Wiederaufnahmen schon wieder sieben, acht Stücke laufen, nur dass eben sehr viel weniger Zuschauer im Saal sitzen durften und dass die Vorsichtsmaßnahmen auf und hinter der Bühne eine große Rolle spielten.“

 

„Nicht frei und normal-menschlich“

 

Noch stärker – aufgrund der kleineren Räumlichkeiten – schlugen die Sicherheitsvorkehrungen in den Privat- und Off-Theatern zu Buche. „Man spürte, dass man in eine Art Käfig gestellt wurde, und dadurch nicht frei und normal-menschlich auf der Bühne agieren konnte“, erinnert sich Mezzosopranistin Feline Knabe an ihre Proben zu „Carmen“ am Allee Theater. Auf der engen Bühne blieb den Liebenden nichts anderes übrig, als sich „wie Tiger auf Abstand“ zu umkreisen, wobei die Sängerinnen und Sänger auch dem mit nur drei Musikern besetzten Orchestergraben nicht zu nahekommen durften.

In Händels Barockoper „Alcina“ verzichtete man ganz auf eine Inszenierung, ließ die drei Sänger einzeln mit ausgewählten Arien auftreten, während Lutz Hoffmann als Erzähler durch die Handlung führte. In der Vorweihnachtszeit wollte man dann Humperdincks „Hänsel und Gretel“ auf die Bühne bringen: „Als der Lockdown losging, waren wir gerade mit den Proben fertig. Wir waren voller Enthusiasmus, endlich loszulegen. Dann wurde der Premierentermin gestrichen.“ Für Knabe, die hier als Hexe im Einsatz war, eine doppelte Enttäuschung: „Meine sechsjährige Tochter spielte den Engel. Sie war so aufgeregt und wollte so gerne vor Publikum auftreten. Dass es dann keine Aufführung gab, war für sie ganz schwer zu akzeptieren.“

Schwer umzusetzen waren die Hygienevorschriften auch von den räumlich noch begrenzteren Off-Theatern. Umso mehr zeugt es von künstlerischer Leidenschaft, wenn etwa das Theater das Zimmer als kleinstes Theater der Stadt seinen Spielbetrieb im September mit vier Inszenierungen wieder aufnahm, wobei die regulären 40 Sitzplätze auf 12 reduziert wurden und auf der winzigen Spielfläche bis zu drei Darsteller den Mindestabstand einhalten mussten.

 

Digitaler Raum

 

Das Lichthof Theater konnte dagegen während der Pandemie seinen Zuschauerkreis sogar erweitern. „Wir haben schon den ersten Lockdown genutzt, um mit dem #lichthof_lab Schritte in den digitalen Raum zu machen und Projekte entwickelt, die speziell für dieses Format entstanden sind“, erzählt Matthias Schulze-Kraft, der künstlerische Leiter des Hauses. Mit dem Hilfsprogramm des Bundes „Neustart Kultur“ habe man die nötige Streaming-Technologie angeschafft, sodass auch für die Zeit der Corona-bedingten Theaterschließungen Projekte ausgeschrieben und realisiert werden konnten.

Als virtuelle Bühne und digitaler Experimentierraum bietet das #lichthof_lab Streams und Live-Streams von Veranstaltungen und Gesprächsrunden mit Künstlern etwa zum Thema „Theater, Digitales und Präsenz“. Das Lichthof Theater möchte mit seinem digitalen Angebot nicht bloß einen medialen Ersatz für das Live-Erlebnis im Theatersaal schaffen, sondern die ästhetisch-theatralen Möglichkeiten des Digitalen selbst ins Blickfeld rücken. Mit Erfolg: Die Online-Aufführung von Jane Austens Klassiker „Stolz und Vorurteil“ wurde von Zuschauenden aus ganz Deutschland und weltweit sogar bis nach Kanada begleitet: „Nur noch 30 Prozent der Tickets wurden in Hamburg verkauft. Das heißt, unser kleines Haus erweitert sich gerade enorm, und wir haben die Möglichkeit, unsere Produktionen einer viel größeren Öffentlichkeit zu zeigen.“

Auch bei der vorübergehenden Wiedereröffnung der Theater im Herbst wurde das Streaming-Angebot des Lichthof Theaters genutzt. Während bis zu 30 Leute im Zuschauerraum saßen, haben zeitgleich bis zu 120 Zuschauerinnen und Zuschauer das Bühnengeschehen online verfolgt. Das neue virtuelle Foyer soll zudem eine Plattform bieten, auf der Zuschauende sich austauschen und im Anschluss an den Live-Stream die beteiligten Künstler treffen können.

Das parallele Angebot von Präsenztheater und Online-Übertragung möchte Schulze-Kraft über Corona hinaus beibehalten, wobei die Digitalisierung auch neue Möglichkeiten der Theatervermittlung biete. Vielleicht kann man tatsächlich sagen, das Lichthof Theater sei an der Krise gewachsen. Trotzdem erwartet man auch hier sehnlich den Moment, an dem der Corona-Spuk ein Ende hat und sich die realen Theatertüren wieder öffnen. Schließlich ist und bleibt Theater vor allem eines: ein Ort der körperlichen Nähe und Begegnung.


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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