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destinature Dorf: Den Biber vor der Nase

Im destinature Dorf in Hitzacker übernachten Radwanderer, Familien und Naturfreunde in komfortablen Tiny Houses oder Micro-Hütten. Die Betreiber sind Pioniere in Sachen Nachhaltigkeit

Text: Matthias Greulich

 

„Warte mal eben, das muss ich mir genauer ansehen“, sagte der Tüftler und blieb bei einer Messe lange bei der Fräsmaschine stehen, mit der sich digital auf den Millimeter genau arbeiten ließ. Was wäre, wenn man damit das MDF-Material, das aus Holzabfällen hergestellt wurde, fräsen könnte? Der Tüftler war Holger Danneberg, der bald darauf begann, mit dem innovativen Werkstoff zu experimentieren. „Das MDF kann man schlecht verschrauben, also entwickelte mein Mann ein Stecksystem“, erinnert sich Eva Danneberg an die Anfänge von Werkhaus vor 30 Jahren.

Für die robusten und praktischen Werkhaus-Büroartikel gab es einen kräftig wachsenden Markt. Die selbst gebauten Kaleidoskope, die Eva und Holger Danneberg zuvor in einer kleinen Werkstatt gebaut und auf Weihnachtsmärkten verkauft hatten, blieben dagegen ein Nischenprodukt. „Wir waren Pioniere. Es war uns von Anfang an wichtig, möglichst ressourcenschonend zu produzieren“, so Eva Danneberg. Als Jugendliche hatten sie gegen Atomkraftwerke und Castortransporte demonstriert. „Man war entweder dafür oder dagegen. Dazwischen gab es nichts. Diese Zeit prägt uns bis heute.“

 

Nachhaltiges Reisen

 

Zu diesem Lebensstil gehört auch der Traum vom nachhaltigen Reisen, den sich die Dannebergs mit ihrem in 200 Meter Entfernung vom am Elbradweg im Wendland gelegenen destinature Dorf erfüllten. Bei der Suche nach einem geeigneten Standort half die Lokalpolitik in der landschaftlich reizvollen aber strukturschwachen Region kräftig nach. Eva Danneberg: „Die Stadt Hitzacker hat uns angelockt.“

destinatureDorf; Foto: WERKHAUS

Bett to go (Foto: WERKHAUS)

Seit 2019 steht das Naturhotel, wo jeweils bis zu vier Besucher in Tiny Houses oder noch naturnäher in Betten, die in einer Micro-Hütte liegen, übernachten können. Es kommen Gäste mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit dem Auto, die schon ein halbes Jahr im Voraus gebucht haben, aber auch Radwanderer, die spontan nach einer Übernachtungsmöglichkeit suchen. Es seien viele junge Familien, aber auch ältere Ehepaare, die hier Urlaub machen, berichtet Eva Danneberg. Während der Saison verändert sich auch das Stadtbild des 5.000 Einwohner zählenden Hitzacker. Es sei dort etwas bunter und jünger, wenn die Gäste des destinature Dorfs in der Gemeinde unterwegs seien, heißt es aus dem Büro des Bürgermeisters.

 

Bed to go

 

Die Elbe vor der Nase, das Wendland im Rücken, beschreibt der Reiseprospekt die Lage des Dorfes. Nur zehn Meter entfernt liegt der Biberbach, wo man die Tiere im Biosphärenreservat Elbtalaue beobachten kann, ohne sie zu stören. Um den Eingriff in die Natur so gering wie möglich zu halten, stehen die Tiny Houses auf Stelzen.

Es ist also für Großstädter aus Hamburg oder Berlin durchaus hip, im Dorf zu wohnen, „es ist aber auch gemütlicher als Campen und wir haben dort ein modernes Bistro- und Sanitärgebäude, wo man sich wohlfühlt“, beschreibt Eva Danneberg das „Herzensprojekt“ des Unternehmens. Das Erlebnis, in einem Bed to go zu schlafen, könne man sich so ähnlich wie beim Camping vorstellen. Allerdings deutlich bequemer, die verwendete High-Tech-Matratze sei ein japanisches Patent.

destinatureDorf; Foto: WERKHAUS

destinature Dorf (Foto: WERKHAUS)

2017 wurden die Pioniere von Werkhaus beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis in den Top 3 der Kategorie „Deutschlands nachhaltigste Marken“ geehrt. Bei einem der dazugehörigen Workshops rund um die Preisverleihung in Düsseldorf lernten Eva und Holger Danneberg auch die Gründer von Goldeimer kennen. Malte Schremmer und Rolf Schwander wurden dort für ihr Toilettenpapier ausgezeichnet, dessen Erlös an Viva con Agua fließt. Die Gründer des gemeinnützigen Start-ups und die erfahrenen Unternehmer fanden sich auf Anhieb sympathisch, bald war klar, dass man gemeinsam etwas auf die Beine stellen wollte. Das Ergebnis ist nun in den Hütten des Naturdorfes in Hitzacker im Einsatz: das Klo to Go, eine nachhaltige Komposttoilette, die weder Chemikalien noch Wasser braucht.

Wenn es nach Eva und Holger Danneberg geht, wird es bald mehrere destinature Dörfer geben. „Für uns ist es ein Pilotunternehmen, für das wir momentan mit externer Hilfe ein Franchising-Konzept entwickeln.“ Dann könnte die nächste Innovation der Tüftler in Serie gehen.

werkhaus.de/destinature


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Waldinsel-Lasterkonzerte: Musik auf vier Oldtimer-Rädern

Musik von heute auf einem LKW von gestern

Text: Felix Willeke

 

Nach Kirchdorf-Süd, Allermöhe, in den Elbpark Entenwerder oder auf den Fähranleger Teufelsbrück – die Waldinsel-Lasterkonzerte bringen Musik in alle Ecken der Stadt. Der legendäre Laster von Kim Senger blickt auf eine lange Karriere zurück: als Möbeltransporter, Zirkuslastwagen, Zuhause für eine Familie, als Tourbus und Wohnmobil – und schließlich als mobile Bühne und rollendes Aushängeschild der Waldinselbühne.

Vom 20. Juli bis 15. August fährt die mobile Bühne auf dem ausgebauten Mercedes Benz LKW von 1970 im Rahmen des Kultursommer Hamburgs an die verschiedensten Orte der Hansestadt. Die Künstler:innen spielen vor dem Laster oder vom Dach des Fahrzeugs in circa 3,60 Meter Höhe, das Publikum versammelt sich um den Laster.

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Foto: Jérome Gerull

Bands wie Puder, das John Winston Berta Trio oder FRINK spielen dann luftige und einzigartige Gigs auf dem Dach des Lasters. Am 20. Juli sind Kraus aufgetreten und haben mit ihren Indie-Rock-Songs den Schulhof des Bildungs- und Gemeinschaftszentrums Süderelbe beschallt. Stark war das!

Der Eintritt ist bei jedem Konzert bis auf das Finale am 15. August auf der ehemaligen Wilhelmsburger Reichsstraße, frei, um eine Spende wird gebeten.

waldinsel.com


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Zelt, Schlafsack, Natur: Camping im Umland

Sommerszeit, Urlaubszeit. Doch wohin soll’s dieses Jahr bloß gehen? Corona-bedingt fällt bei vielen die Fernreise noch einmal aus. Die Alternative: Camping im Umland. Also ab in die Natur und gleich nebenan die Seele baumeln lassen

Text: Noa Niss

 

Camping Land an der Elbe

Camping Land an der Elbe in Stove bei Hamburg

Camping Land an der Elbe in Stove bei Hamburg

Direkt am Stover Strand findet ihr das, bereits 60 Jahre bestehende, Camping Land. Ein kleiner Familienbetrieb, der mit zwei parkähnlichen, naturbelassen Stellplätzen zum Selberaussuchen die perfekte Mischung aus Ruhe und Abenteuer bereithält. Neben Sanitäranlagen, Waschmaschinen und Trockner bekommt ihr im Supermarkt nebenan alles, was das Herz für euren Aufenthalt begehrt. Und auch zum Erleben gibt es hier viele Action-Angebote wie Wassersport, Motorboot-Ausflüge oder auch etwas gemütlichere Angelplätze.

Camping Land
Stover Strand 7, 21423 Drage

 

Naturcamping Buchholz

Naturcamping Buchholz

Naturcamping Buchholz am Ratzeburger See

Nicht weit entfernt von der Lüneburger Heide befindet sich der wunderschöne Naturcampingplatz Buchholz. Für einen Ausgleich zum Stadtleben also genau das Richtige. Hier liegt am Ratzeburger See, mitten im Naturparadies der Lauenburgischen Seenplatte, der Campingplatz. Also Idylle pur. Und auch darüber hinaus gibt es noch viele Ausflugsziele drum herum. Ob zum nahe gelegenen Milchbauern, durch die wilde Natur, in die schöne Stadt Scharbeutz an der Ostsee oder mit dem Kanu über den See, die Möglichkeiten sind groß und auch vor Ort ist mit Sanitärgebäude, Waschmaschine und Restaurant ausgesorgt.

Naturcamping Buchholz
Am Campingplatz 1, 23911 Buchholz

 

Campingplatz Rote Schleuse

Camping Rote Schleuse in Lüneburg

Camping Rote Schleuse bei Lüneburg

Ganz in der Nähe vom schönen Lüneburg und nur 45 Minuten entfernt von Hamburg liegt der Campingplatz Rote Schleuse. Schon 1955 wurde er in einem Waldgebiet eröffnet und liegt seit dem im romantischen Ilmenautal umgeben von einer großen Wiese. Hier können Gäste problemlos mit Caravan oder Wohnmobil stehen und auch Zelt-Liebhaber finden Platz zwischen kleinen Bäumen im Schatten. Ein echter Geheimtipp. Denn die Atmosphäre ist wunderbar familiär, es ist ruhig und idyllisch und neben dem historischen Haupthaus mit Wintergarten befindet sich sogar ein biologischer Badeteich für warme sonnige Tage

Camping Rote Schleuse
Platzhirsch OHG, Rote Schleuse 4, 21335 Lüneburg

 

Campingplatz am Waldbad

Camping Waldbad in Ebstorf in der Lüneburger Heide

Camping Waldbad bei Ebstorf in der Lüneburger Heide

Wie der Name schon vermuten lässt, befindet sich der naturbelassene Campingplatz Waldbad inmitten von Bäumen und Gräsern am Rande eines großen Waldes voller Buchen und Eichen. Der Platz liegt nahe Ebstorf und ist somit nur eine Stunde mit dem Auto von Hamburg entfernt. Ob mit dem Camper oder dem Zelt, hier ist reichlich Platz und auch in den sonnigen Stunden viele schattige Nischen für Besucher, die ihren Urlaub eher abgelegen und für sich erleben möchten. Wer nicht den ganzen Tag durch den herrlich duftenden Wald spazieren möchte, kann sich auch Fahrräder ausleihen und die Umgebung erkunden oder ins campingeigene Schwimmbecken springen.

Camping Waldbad
Hans-Rasch-Weg, 29574 Ebstorf


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Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Zeise Open Air: „Nordsee ist Mordsee“

Bald 50 Jahre alt, gehört das Coming of Age-Drama „Nordsee ist Mordsee“ auch heute noch zu den beliebtesten Hamburg-Filmen überhaupt – denn Regisseur Hark Bohm gelang es, die von vorenthaltener Liebe geprägten Lebensverhältnisse der Arbeiterkinder der Nachkriegsjahre glaubhaft zu portraitieren. Die moderne Abenteuer-Geschichte aus Wilhelmsburg wird bei der diesjährigen Open Air-Kino Saison des Zeises im Innenhof des Altonaer Rathauses gezeigt – in Anwesenheit des Regisseurs.

Text: Kevin Goonewardena

 

Der 14-jährige Uwe (gespielt von Bohms späterem Adoptivsohn Uwe Enkelmann) wächst mit seiner Familie in prekären Verhältnissen in einer Hochhaussiedlung in Wilhelmsburg der 1970er Jahre auf. Der Vater trinkt, schlägt ihn und auch die Mutter. 

Als Anführer einer Jugendbande lässt Uwe seinen Frust außerhalb der Familie an anderen ab, Dschingis, ein asiatischer Junge, ist eines der Opfer der Halbstarken. Eines Tages beobachtet Uwe Dschingis dabei, wie dieser ein Floß baut; gleichzeitig fängt Uwes Gang an ihm wegen einbehaltener Beute aus einem geknackten Spielautomaten zu misstrauen. Nach der erneuten Misshandlung durch seinen Vater (in dessen Rolle Bohms Bruder schlüpfte), beschließen Uwe und Dschingis mit dem Floß abzuhauen. Ihre abenteuerliche Reise soll sie bis auf die Elbe führen …

 

Filmisches Denkmal

 

Mit seiner modernen Tom Sawyer und Huckleberry Finn-Geschichte schuf Bohm eine glaubhafte Erzählung der Lebenswirklichkeit ohne Liebe heranwachsender Nachkriegs-Arbeiterkinder, wie Kritiker:innen befanden. 

Der emeritierte Professor für Film und Mitbegründer des Hamburger Filmfests Hark Bohm setzte mit seinem Werk insbesondere dem Stadtteil Wilhelmsburg ein filmisches Denkmal, lange bevor Fatih Akin die Elbinsel durch seinen Film „Soul Kitchen“  von 2009 weit über Hamburg hinaus bekannt machte. 

Mit Akin wiederum hatte Bohm seine letzten Erfolge – zusammen schrieben sie die Drehbücher zur Kino-Adaption des Buches „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf und dem Golden Globe-prämierten „Aus dem Nichts“, für das Hark Bohm auch den Deutschen Filmpreis gewann.

 

 

Viele Drehorte von „Nordsee ist Mordsee“ sind auch heute noch besuchbar – größtenteils wurde der Film im Wilhelmsburger Bahnhofsviertel, rund um die die S-Bahn-Station und das Luna-Einkaufszentrum gedreht. Uwes Familie wohnt im Film beispielsweise in einer Wohnung in der Neuenfelder Straße 86, die Kneipe in der Uwes Mutter im Film arbeitet, befand sich in der Ladenzeile in der heute unter anderem eine Filiale der Kette Schweinske angesiedelt ist.

„Nordsee ist Mordsee“ bildet den filmischen Auftakt der diesjährigen Veranstaltungsreihe im Rahmen des Kultursommers, die neben Filmen (u.a. auch den diesjährigen Oscar-Gewinner „Nomadsland“, „Der Rausch“, die Klassiker „Der Hauptmann von Köpenick“ und Fatih Akins-Durchbruchfilm „Gegen die Wand“ oder die Kult-Mockumentary „Fraktus – Der Film“), Lesungen (u.a. der Bestseller-Autor:innen Kübra Gümüsay und Johann Scheerer, sowie Benjamin Maack und die Vorstellung der Biografie Dieter Kosslick, der über  20 Jahre die Fäden der Berlinale zog), Poetry Slams und Konzerte beinhaltet. 

 

Von Allem etwas

 

Vor allem Film-Fans kommen erwartungsgemäß auf ihre Kosten: Neben Sneak-Previews, sind bei vielen Vorführungen Gäste anwesend, andere Filme feiern im Rahmen des Programms ihre Hamburg-Premiere – etwa „Fabian – oder der Gang vor die Hunde“, eine Adaption des Klassikers von Erich Kästner mit Tom Schilling in der Hauptrolle. Auch „Alles ist eins. Ausser der 0“ des ehemaligen Managers der Band Einstürzende Neubauten, Gesellschafter des ersten Punk-Plattenladens Rip Off (heute Ruff Trade in der Feldstraße), Gründer des Freibank Musikverlags und einer gemeinsamen Filmproduktionsfirma mit Fatih Akin, Klaus Maeck, gibt’s im Zeise Open Air zuerst zu sehen. 

Die Doku „Bis die Gestapo kam – das Chinesenviertel auf St. Pauli“ behandelt hingegen eines der dunkelsten Kapitel der NS-Zeit der Hansestadt: Die Auflösung des Chinesenviertels auf St. Pauli durch die Gestapo, welche mit Inhaftierung, Enteignung und dem Tod einiger chinesischer Mitbürger:innen handelte. Unter den Gefangenen war damals auch Chong Tun Lam, der Gründer des 1934 eröffneten Hotels HongKong auf dem Hamburger Berg. Das ehemalige Chinesenviertel ist auch Standort der zuletzt verlegten und des insgesamt 6000. Stolpersteins, mit denen dort an 13 durch die Nazis ermordete chinesische Mitbürger:innen erinnert wird.

zeise.de


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MS Artville: Wie wir leben wollen

Nach der Corona-bedingten Verlegung in den digitalen Raum im letzten Jahr, starten die Macher:innen des MS Artville Festivals für urbane Kunst 2021 endlich wieder auf gewohntem Gelände in Wilhelmsburg durch. Noch mit Handbremse, aber voller Vorfreude, spannender Kunst und einigen Neuerungen

Text: Kevin Goonewardena | Fotos: Andreas Hornoff

 

Vor fast fünfzehn Jahren mit dem 2007 erstmals veranstalteten MS Dockville-Festival begann die all sommerliche Transformation des einst unscheinbaren Geländes gegenüber des architektonisch auffälligen Getreideterminals am Reiherstieg in Wilhelmsburg. Heute sind das Mutterfestival Dockville und deren in den folgenden Jahren entstandenen Geschwister-Veranstaltungen Spektrum, Vogelball, Butterland und Artville fest etablierte Termine für Popkultur-Begeisterte verschiedener Strömungen.

Längst kommen die Besucher:innen nicht mehr nur aus Hamburg, die Acts sind international. 2019 gelang mit der Verpflichtung des aufstrebenden Superstars Billie Eilish dem Dockville gar ein echter Coup – und dann kam Corona.

 

Die Kunst kommt zurück

 

Nach der, der Pandemie geschuldeten, Pause der Veranstaltungen und einer digitalen Ausgabe des MS Artville im letzten Jahr, ist nun erstmals wieder eine physisches Beisammensein möglich: Zum gemeinsamen Nachdenken über Gegenwart und Zukunft laden die Macher:innen, beteiligte Künstler:innen und Publikum ab dem 17. Juli 2021 auf das Gelände zum MS Artville-Festival für urbane Kunst, auf dem wie gewohnt aus den vorherigen Jahren erhaltene und neu angefertigte Werke unter freiem Himmel zu erleben ist.

Flankiert wird das Ganze von einem Begleitprogramm aus Workshops, Panels, Diskussionsrunden, Musik, auch ein Kinderprogramm ist darunter. Fast ein Festival nennt sich die Post-Lockdown-Ausgabe, für die sich die Verantwortlichen über mehrere Termine und Wochen erstreckende Mini-Festivals unter  Berücksichtigung der geltenden Hygieneregeln konzipiert haben – Fast ein Artville ist ein Teil davon.

 

Spieglein, Spieglein

 

Das wohl  hervorstechendste Werk dort ist der im Stile einer Discokugel umgestaltete alte Saab 900 der Künstlerin Sasha Gold. Why not? Everybody’s darling heißt ihre Arbeit, die auch schon auf Kampnagel die Besucher:innen begeisterte und in einem Video der Rapperin Haiyti zu sehen ist – die auch am Sonntag, 14. August 2021, auf dem Gelände auftreten wird.

 

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„Why not? Everybody’s darling“ der Künstlerin Sasha Gold funkelt in der Sonne auf dem Gelände des MS ARTVILLE

 

Gold, die dem schrottreifen Gefährt mit tausenden Spiegelscherben zu neuem Glanz verhalf, möchte mit der Transformation, die, die Bruchstellen der Scherben sichtbar lässt, auf den Umstand aufmerksam machen, dass weiblich gelesene Personen immer noch hauptsächlich nach ihrem Aussehen bewertet werden. Das Auto selbst, geschlechtslos, aber untrennbar mit der Männerwelt verbunden, bekommt von ihr wiederum eine weibliche Identität zugeordnet. Why not? Everybody’s darling wird sich definitiv ganz vorne unter den  meist fotografierten Arbeiten des Festivals einfinden.

 

Mast und Stäbchen

 

Genau andersrum verhält es sich bei der begehbaren Installation Combi Ticket. Man könnte fast an dem Artwork des belgischen Künstlers Karl Philips vorbeilaufen – es würde jedenfalls nicht verwundern, wenn man es auf den ersten Blick nicht als solches registriert, denn die Arbeit besteht aus Dixi-Toiletten, Absperrzäunen, einem Flutlichtmast, einem Zelt. Also, aus einem für Festivalgelände nicht ungewöhnlichen Mobiliar. Hinter der scheinbar losen Ansammlung steckt jedoch bei genauerer Betrachtung System: Die Zäune stecken die Wege eines Labyrinths ab, als dessen Eingänge die Dixi-Häuschen fungieren.

 

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Dixie-Klos, Flutlicht und dazwischen das Zelt: Der Künstler Karl Philips installiert einen Festival-Moment

 

Das Zelt, aufgestellt am denkbar schlechtesten Schlafplatz: Unter greller Beleuchtung, in der Nähe von Dixies, eingehüllt in den Umgebungslärm, die Zeltenden jedoch nehmen den Platz in Kauf. Dafür wird nicht nur an physische und psychische Grenzen gegangen, sondern auch darüber hinaus: sie werden verschoben – nicht nur hier, auch anderswo.

Wie Philips für sein Werk, bedienen sich auch Vera Drehbusch und Daniel Wrede einem weltweit bekannten Gegenstand; genauer dem Mikado-Spiel beziehungsweise dessen Stäben. Sie fixieren bei ihrer aus riesigen Spielstäben bestehenden Installation den freien Fall des Anfangsmoment des beliebten Spiels und schaffen so ein Werk, das sich stets im Prozess befindet, anstatt in einen abgeschlossenen Zustand aufzugehen.

 

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Spiel und Spaß: Mikado der Künstler Vera Drehbusch und Daniel Wrede

 

Es scheint nur konsequent, dass die Arbeit Mikado durch die Künstler so geplant wurde, das es noch weitere Jahre im Rahmen des Festivals die Hamburger Kulturlandschaft bereichern kann.

 

Kunst in Zeiten der Pandemie

 

Für die Auswahl der vertretenen rund 20 internationalen Künstler:innen griff man sowohl auf jene zurück, die bereits für die 2020 Ausgabe eingeplant waren, die dann in Teilen digital stattfand, sprach aber auch neue Künstler.innen an, wie Martina Marschalk vom Organisationsteam verrät. Neben den behördlichen Vorgaben und einer lange Zeit unsicheren Finanzierung, die unter anderem Dank der Hamburger Kulturbehörde gestemmt werden konnte, hatte die Pandemie auch auf andere Bereiche der Festival-Vorbereitung erheblichen Einfluss und stellte die Organisator:innen vor neue Herausforderungen: So konnten bis auf Karl Philips keine:r der internationalen Künstler:innen nach Hamburg reisen, um ihre Werke selbst aufzubauen und instruierten deswegen teilweise per Videocall den Aufbau, nach vorheriger Begehung des Geländes auf die gleiche Art und Weise.

Die Künstlerin Taba geht für ihr zusammen mit ihrer Partnerin Shooki entstandenes Werk With(out) You gar noch einen Schritt weiter: Sie ruft die Besucher.innen dazu auf das über Videocall entstandene Werk zu vollenden und erörtert so nicht nur die Möglichkeiten wie wir trotz Pandemie-Beschränkungen über Ländergrenzen hinweg miteinander arbeiten können, sondern auch, ob es möglich ist Künstler:in zu sein, wenn man das Werk selbst nicht erschaffen hat.

MS Artville Festival: 17. Juli – 14. August 2021


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Camping war gestern. Wir glampen jetzt!

Das miefige Zelt, dessen Aufbau Stunden dauert. Die unbequemen und wackeligen Regiestühle. Klöternde Alutöpfe auf dem zischenden Gaskocher. Camping-Urlaub kann herrlich oldschool sein. Muss er aber nicht. Denn mit Glamping gibt’s ja einen neuen Trend

Text: Andreas Daebeler

 

Beim Glamping wird dem Bedürfnis nach Natur und einem Outdoor-Erlebnis mit der gewissen Prise Luxus entsprochen. Das Kunstwort Glamping besteht aus den beiden englischen Begriffen „glamourous“ und „camping“. Die Idee hat sich in den vergangenen Jahren in der Tourismusbranche etabliert. Glamper lieben es nicht nur ein wenig komfortabler, sondern sie suchen sich auch gern eine Location abseits des Mainstreams. Außergewöhnlich soll es sein.

Lichterketten-Glamping: Der Retro-Campingwagen Kutschi wartet beim Elbe-Glamping in Stove; Foto: Campingplatz Stover Strand

Lichterketten-Glamping: Der Retro-Campingwagen Kutschi wartet beim Elbe-Glamping in Stove; Foto: Campingplatz Stover Strand

 

Safarizelte, Baumhäuser und Strandkörbe

 

Angesagt sind etwa exotische Behausungen wie zum Beispiel Safarizelte, die in der Zeit der Entdecker unter anderem in Afrika und Indien benutzt wurden. Die modernen und fest installierten Varianten verfügen oft über einen Holzboden und sind mit stylishen Möbeln eingerichtet. Auch Baumhäuser zählen zu den trendigen Übernachtungsplätzen des Glampings. Dazu muss man allerdings schwindelfrei sein.

Romantiker buchen sich einen der liebevoll zurechtgemachten Retro-Camper, die etwa bei Elbe-Glamping in Stove am Strand zu finden sind. Da gibt’s dann gleich auch noch das Hollandrad für die Tour auf dem Deich zu leihen – Nostalgie pur, nur 30 Minuten von Hamburg entfernt. Auch auf dem Dach des Hotels Pierdrei in der HafenCity wird mittlerweile geglampt. In sieben Metern Höhe stehen drei Wohnwagen in der 155 Quadratmeter großen „Camping City“, die ein besonderes Flair haben. Sie sind kunterbunt bemalt mit den Motiven „Flower“ oder „Hippie“, einer ist im Retrolook designt. Alle haben Zugang zu einem gemeinschaftlichen Sanitärbereich mit Warmduschen rund um die Uhr. Danach hat sich schon so mancher Camper auf einem Campingplatz gesehnt. Wer bucht, campt mitten in Hamburg-City.

 

Darum Glamping

 

Bereits seit Jahren ist schon das klassische Camping, das Reisen mit dem Wohnmobil, dem Wohnwagen oder dem ausgebauten Campingbus immer angesagter. Vor allem in Pandemiezeiten hat sich dieser Trend noch einmal verstärkt. Man will raus, an der frischen Luft sein, unabhängig reisen, weg vom Massentourismus. Hinzu kommt der Trend des „Cocoonings“, der seit Jahren anhält. Dabei zieht man sich zurück und findet einen Platz für sich selbst. Es ist ein bisschen, als würde man sich „einigeln“ – nur in kuschelig.

Der Alleskönner von liv.be: Strandkorb, Picknickplatz und Outdoor-Bett; Foto: liv.be

Der Alleskönner von liv.be: Strandkorb, Picknickplatz und Outdoor-Bett; Foto: liv.be

 

Auch nur für eine Nacht

 

Entgegen dreiwöchiger Campingferien mit Zelt oder Wohnmobil, ist Glamping auch für nur eine oder zwei Nächte begehrt. Ein Wochenendausflug mit Campingflair plus Komfort kommt vielen Menschen gerade recht. Und das Beste: Man braucht nicht mal eine eigene Aus-rüstung zu besitzen, sondern setzt sich einfach in das gemachte (und gemütliche) Nest.

Besonders zu empfehlen für nur eine Nacht mit Outdoor-Feeling und Blick in die Sterne ist der Schlafstrandkorb liv.be mit seiner weichen Matratze als Schlafunterlage. Während des Tages können die Matratzen-Teile zu einer Sitzbank geklappt werden und ein kleiner Tisch bietet Platz zum Abstellen. Der lässt sich mit einem Handgriff entfernen und mit einem weiteren wird die Matratze ausgeklappt zu einem komfortablen Doppelbett. Jetzt heißt es zurücklegen, in den Himmel schauen und genießen. Erste Restaurants, Campingplätze und Hotels in ganz Deutschland bieten schon eine solche Übernachtung in einem Schlafstrandkorb an. Manche stehen direkt am Strand. Zeit für echte Entspannung mit Komfort – eine ganz besondere Art des Glampings.

Zu Gast in der „Camping City“ des Pierdrei: der Schlafstrandkorb liv.be; Foto: liv.be

Zu Gast in der „Camping City“ des Pierdrei: der Schlafstrandkorb liv.be; Foto: liv.be

 

Glamping@home

 

Immer mehr Leute nutzen den eigenen Garten zum Aussteigen – gerade in Corona-Zeiten.  Wer sich als „Dauer-Glamper“ versuchen möchte, der holt sich den Schlafstrandkorb liv.be nach Hause. Schließlich ist der Korb ein Alleskönner: Tagsüber spielen und relaxen mit den Kindern oder Freunden, abends den Sonnenuntergang genießen und nachts die Sterne bewundern. Outdoor-Bett, Gästezimmer, Picknick- oder Spielplatz – das hat was. Der Strandkorb bietet bei Wind und Wetter blitzschnell ein Dach über dem Kopf. Und das Gefühl von Urlaub. Auch ohne Meer.


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Zeise Open Air: Kino unter freiem Himmel

Der lauschige Innenhof des Altonaer Rathauses verwandelt sich in diesem Jahr endlich wieder in ein einzigartiges, sommerliches Freilichtkino. Gezeigt werden Arthouse-Filme, Sneak Previews und Oscar-Gewinner

Text: Marco Arellano Gomes

 

Das exquisite tägliche Filmprogramm beim diesjährigen Zeise Open Air, welches vom 1. Juli bis 19. September läuft, bietet nicht nur grandiose Premieren, sondern auch namhafte Gäste und tut sich in diesem Jahr nicht nur mit dem Hamburger „Kultursommer“ (15. Juli bis 16. August), sondern auch mit der Altonale zusammen.

Es gibt jede Menge Gäste – unter anderem den jahrelangen Berlinale-Leiter Dieter Kosslick, Beatles-Expertin Stefanie Hempel mit zwei Konzerten, aber auch die Deutschlandpremiere von der Doku „Together Free“ (3. Juli, 21.30 Uhr), die zwei Hamburgerinnen zeigt, die mit einem Rucksack und einer Kamera ausgestattet das atemberaubende Himalaya-Gebirge erklimmen.

 

 

Zudem kann das Zeise Open Air mit der Hamburg-Premiere des Films „Bad Luck Banging or Loony Porn“ (Goldener Bär auf der Berlinale 2021) aufwarten. Mit dabei: Hauptdarstellerin Katia Pascariu. Die Plätze sind um etwa 50 Prozent reduziert. Also: schnell sein und Tickets sichern.

 

zeise.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Juni 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburger Kultursommer: Carsten Brosda im Interview

Der Senator der Behörde für Kultur und Medien, Carsten Brosda, über den Kultur-Neustart, den Hamburger „Kultursommer“ und die Vorfreude auf einen ganz bestimmten Live-Kultur-Moment

Interview: Erik Brandt-Höge

 

Zweiundzwanzig Millionen Euro ist dem Senat der Kultur-Neustart wert. Ein Teil davon fließt in den Hamburger „Kultursommer“, für den allerhand Veranstalter und Künstler gefördert werden und die Stadt vom 15. Juli bis 16. August mit kulturellen Leben fülle.

SZENE HAMBURG: Carsten Brosda, der „Kultursommer“ steht an. Welche Aufgaben haben Sie im Vorfeld zu erledigen?

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Foto: Bertold Fabricius

Carsten Brosda: Erst mal haben wir uns im Senat darauf verständigt, dass wir einen „Kultursommer“ machen wollen. Jetzt kümmern sich die Kolleginnen und Kollegen in der Behörde zusammen mit Stadtkultur Hamburg und den zahlreichen Veranstaltern um die Umsetzung.

Ich freue mich, dass sich insgesamt über 200 Veranstalter beworben haben und über 100 Konzepte für eine Förderung ausgewählt wurden. Es geht nun darum, dass diese mehr als 100 Orte auch bespielt werden können, und darum Künstlerinnen und Künstler, die sich für die freien Slots beworben haben, mit den Veranstaltern zusammenzubringen.

Ich bin momentan vor allem damit befasst, die Rahmenbedingungen für den Neustart zu klären und allen Beteiligten Zuversicht zu vermitteln, dass es ein richtig praller, kulturvoller Sommer werden kann.

Wer hat denn bestimmt beziehungs­weise wer bestimmt noch, wer gefördert wird – und mit welchem Betrag?

Wir mussten mit einer relativ sportlichen Antragsfrist zur Bewerbung aufrufen, damit der Kultursommer kein Kulturherbst wird. Dann gab es eine Jury, die die Förderungen beschlossen hat. Darin saßen ein Vertreter der Kulturbehörde sowie Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen kul­turellen Sparten. Ziel war es, gemeinsam mit Partnerinnen und Partnern zu entscheiden, die das kulturelle Leben in der Stadt gestalten. Den „Kultursommer“ haben wir uns auch ein bisschen aus Wien abgeguckt, wo es im vergangenen Jahr etwas Ähnliches gegeben hat.

 

Geldfluss

 

Vom Senat werden 22 Millionen für den Neustart der Kultur ausgegeben. Ist das in Ihren Augen ausreichend für eine so große Kulturstadt wie Hamburg?

Es ist ein Baustein von vielen. Seit Beginn der Pandemie haben wir allein in Hamburg rund 100 Millionen Euro ausgegeben, um Kultur zu fördern. Das betraf sowohl die Soforthilfen, als auch das Aufstocken von bestehenden Förderinstrumenten, den Defizitausgleich von Institutionen, und, und, und. Nach diesen Logiken wird auch weiter Geld fließen.

Die 22 Millionen sind jetzt dafür da, in diesem Sommer besonders darauf aufmerksam zu machen, dass kulturelles Leben wieder geht, und dieses auch zu ermöglichen. Von den 22 Millionen fließt ja nicht alles in den „Kultursommer“, sondern zum Beispiel auch in weitere Live-Veranstaltungen sowie in Festivals, die im August, September und Oktober stattfinden sollen, und das unter Umständen noch unter Pandemiebedingungen.

Wir wollen auch in diesem und im nächsten Jahr der Kultur dabei helfen, auch zu veranstalten, wenn die Bedingungen noch nicht so sind, dass es sich wie vor der Pandemie rechnet.

Waren und sind Sie auch mit der Schnelligkeit der Hilfen für Kulturschaffende zufrieden?

In Hamburg hatten wir das erste Förderprogramm bereits Ende März letzten Jahres fertig, dann begannen auch die Auszahlungen. Zu einem Zeitpunkt, als überall sonst in Deutschland noch darüber diskutiert wurde, wie Förderprogramme überhaupt aussehen könnten, hatten hier zum Beispiel schon Clubs und Theater die Zusicherung einer Förderung.

Zudem haben wir in Hamburg eine Sofort­hilfe von 2.500 Euro und eine Neustart-Prämie von 2.000 Euro für Künstler ausgezahlt sowie viele Einzelprogramme aufgelegt, etwa einen Gagenfonds für Musikerinnen und Musiker.

Kritisiert haben Sie hingegen Anfang des Jahres das Bundeswirtschafts­ministerium für dessen verspätete Hilfeleistungen.

Auch andere haben das Bundeswirtschaftsministerium damals etwas angezählt, weil das Programmieren der Überbrückungshilfen und die Möglichkeiten, diese zu beantragen, teilweise recht lange gedauert haben. Das hat zu existenzbedrohenden Lücken geführt.

Haben Sie die Wertschätzung von Kultur auf Seiten des Bundes manchmal angezweifelt?

Zunächst muss man sagen, dass der Bund für Kulturpolitik nicht primär zuständig ist. Insofern bin ich mit Vorwürfen vorsichtig. Unter an­de­rem mit seinen Neustart-Kultur­paketen, dem jetzigen Sonderfonds, den Überbrückungshilfen und der Neu­­startprämie von bis zu 7.500 Euro für Solo-Selbstständige hat der Bund viele wichtige und sinnvolle Instrumente geschaffen. Eine Sorge allerdings habe ich, nämlich dass Kultur in ihrem Eigenwert nicht immer richtig verstanden wurde.

 

„Kommen die wieder?“

 

Woher stammt diese Sorge?

Daher, dass der besondere Wert der Kultur zum Beispiel beim so genannten „Lockdown Light“ und bei der Notbremse nicht ausreichend berücksichtigt wurde. Da bekommt man schon ein bisschen das Gefühl, dass Kultur für manche etwas ist, dass man mal mitmacht, wenn die Zeiten gut sind, und wenn sie schlecht sind, kann man’s auch lassen. Dieser Gestus hat einige aufgeregt, mich auch.

Ich erinnere mich noch gut an den Gottesdienst der Künste, den wir im Thalia Theater am letzten Tag der möglichen Öffnungen abgehalten haben. Es hat ein ganz buntes, genreübergreifendes Programm gegeben. Man spürte deutlich, dass sich viele Künstlerinnen und Künstler nicht ausreichend gesehen fühlten. Es wäre schön gewesen, wenn die Politik mehr reflektiert hätte, was bestimmte Entscheidungen bezüglich Kultur für die Gesellschaft bedeuten. Das müssen wir nachholen.

Fakt ist: Die Pandemie hat in der Hamburger Kulturlandschaft Spuren hinterlassen. Wo sehen Sie im Moment die größten Beschädigungen?

Tatsächlich wissen wir das noch nicht genau. Was wir wissen, ist, dass wir in bestimmten Bereichen, in denen wir sonst nicht fördern, weil wir dort in normalen Zeiten gar nicht gebraucht werden, in Krisenzeiten Hilfen geben konnten – aber eben nicht an jeder Stelle.

Wir bekommen ja oft auch erst in den Momenten des Wiederaufmachens mit, dass jemand nicht mehr da ist. In Berlin hat eine Umfrage gezeigt, dass ein Drittel der professionellen Musi­kerinnen und Musiker mittlerweile etwas anderes machen und möglicherweise nicht mehr in den Musikbereich zurückkehren werden. Es wäre dramatisch, wenn sich eine solche Zahl auch in Hamburg zeigen würde.

Die Beschädigungen sind sicherlich dort am größten, wo es nicht um Institutionen, sondern um einzelne, freie Künstlerinnen und Künstler geht. Die Frage ist: Kommen die wieder? Ich hoffe das sehr.

 

Glücksgefühle

 

Zeigt denn die Bewerbungsanzahl der Künstlerinnen und Künstler für den „Kultursommer“, dass in Hamburg viele weiterhin kulturell arbeiten möchten?

Ja. Sie zeigt, wie lebendig und vielfältig die Szene noch immer ist und wie sehr alle daraufhin gefiebert haben, dass es wieder losgeht. Es steht aber noch eine weitere Frage im Raum: Kommt das Publikum auch wieder? Ich hoffe sehr, dass die Begeisterung, die jetzt erkennbar ist, da etwa Theater und Museen wieder zu besuchen sind, auch anhalten und noch mehr werden wird.

Mit dem „Kultursommer“ wollen wir Lust machen, Kultur wieder im Alltag zu erleben und den Leuten zeigen, wie großartig es ist, vor einer Bühne zu sitzen oder zu stehen, auf der Leute spielen – und zwar in echt – und wenn man Teil des Ganzen ist.

Auf was freuen Sie sich persönlich beim Kultur-Neustart?

Ich freue mich darauf, wenn ich mal wieder in einem Club stehe und das passiert, was ich vor der Krise für mein Wohlbefinden nicht unbedingt immer gebraucht habe: Wenn man da ein­gezwängt vor der Bühne ist und sich links und rechts schwitzende Menschen an einem reiben. Ich kann mir vor­stellen, dass das enorme Glücks­gefühle in mir auslösen wird.

hamburg.de/bkm/hamburger-kultursommer


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