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Spots zum Schlittschuhlaufen in Hamburg

Es ist Winter, Zeit für‘s Eis. In Hamburg gibt es einige Möglichkeiten sich die Schlittschuhe anzuziehen und auf den Kufen zu tanzen. Hier kommen vier Spots zum Schlittschuhlaufen – manchmal sogar für den Sommer

 

Indoo Eisarena

 

Auf der Indoo Eisarena lassen sich mitten in Hamburg bei Planten un Blomen ein paar coole Runden drehen. Freitag und Samstag dreht der DJ auf und lässt die Discokugel leuchten, zweimal im Monat gibt’s eine Ladys-Night. Und wer noch ein wenig auf wackeligen Kufen steht, kann sich donnerstags auch von Vize-Europameister Heinz Germershausen coachen lassen. Schlittschuhe gibt’s vor Ort und wer es sportlich mag, meldet sich zum Eisstockschießen an. Hier gilt aktuell die 2G-Regel. Tipp: Wer unter der Woche zwischen 14 und 17 Uhr kommt, kann auf kurze Wartezeiten hoffen.

Holstenwall 30 (Neustadt), Mo-So 10–22 Uhr (Dienstags nur bis 20 Uhr); eisarena-hamburg.de; hier gilt aktuell die 2G-Regel

 

Eisland Farmsen

 

Auf die Kufen, fertig … und ab nach Farmsen: Im Eisland geht’s sportlich und dennoch familienfreundlich zu. Damit die Kleinsten nicht unter die Kufen kommen, gibt’s für sie an den Wochenenden eine extra Eisfläche inklusive Pinguinen als Laufhilfe. Samstags können die Besucher abends in der Polarlicht-Disco über die Eisfläche tanzen. Aufgrund der 2G-Plus-Regel empfiehlt es sich aktuell online Slots zu buchen.

Berner Heerweg 152 (Farmsen-Berne), Öffnungszeiten variieren aktuell, nähre Infos unter baederland.de/bad/eisland; hier gilt aktuell die 2G-Plus-Regel

 

q.beyond Arena

 

Hier ist fast das ganze Jahr über Winter: In der 2.600 Quadratmeter großen Eissporthalle im Volkspark können die ganz Coolen von August bis Mai an jedem Sonntag Schlittschuh laufen. Von Dezember bis Februar drehen sich jeden ersten Samstag im Monat über der Eisfläche auch die Discolichter: Von 19 bis 21.30 Uhr bringen DJs die Kufen zum Glühen. Und für die sportlichen bleibt dann noch das Eisstockschießen jeden Donnerstag von 20 bis 21.30 Uhr und Freitag von 17.30 bis 19 Uhr. Ein eiskaltes Vergnügen auch im Sommer – das gibt’s sonst nirgends.

Hellgrundweg 50 (Bahrenfeld), So 14.30–17 Uhr; volksbank-arena.net; hier gilt aktuell die 2G-Plus-Regel

 

Eisbahn Stellingen

 

Da auf unseren Winter hier nie besonders Verlass ist, lohnt ein Ausflug auf die Eisbahn Stellingen. Dank zeltförmiger Überdachung läuft man auch bei Hamburger Schmuddelwetter wind- und wettergeschützt. Auf den 1.800 Quadratmetern sind aber nicht nur die Eisflitzer und Hockeyspieler zu Hause: Für Senioren und Familien mit Kindern gibt es extra Laufzeiten, in denen die Raser etwas zurückstecken müssen.

Hagenbeckstraße 124 (Stellingen), Di-So 2–3 Laufzeiten; eisbahn-stellingen.de; hier gilt aktuell die 2G-Regel


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Den Kopf frei kriegen: Fünf Orte zum Entspannen

Entspannung, einfach nur Entspannung. Bitter nötig in dieser Zeit. SZENE HAMBURG-Autor:innen erzählen, wo sie derzeit besonders gut durchschnaufen können

 

Ordentlich Wind um die Ohren

 

Text: Rosa Krohn

Erholung am Klütjenfelder Hauptdeich in Wilhelmsburg (Foto: Rosa Krohn)

Erholung am Klütjenfelder Hauptdeich in Wilhelmsburg (Foto: Rosa Krohn)

Ich bin sicher nicht die einzige, bei der ein Großteil der letzten zwei Jahre pandemiebedingt zu Hause stattfand. Als Studentin wurde der sonst recht lange Fahrweg zur Uni durch den, nun ja, erheblich kürzeren Gang zum eigenen Schreibtisch ersetzt. Das war zwar durchaus bequem, doch gab es Tage, an denen musste ich buchstäblich nicht ein einziges Mal meine Wohnungstür öffnen. So beschloss ich eines Tages während der zähen Tage im Lockdown: mindestens einmal raus, jeden Tag. Denn, wie sehr einem die Decke auf den Kopf fällt, hat man bis zur Dämmerung nicht einmal das Haus verlassen, muss ich hier wohl gar nicht schildern. Den Vorsatz habe ich seitdem nicht mehr gebrochen. Teils waren es schöne Tagesausflüge, wenn die Zeit das erlaubte. Aber oft reichte die nur für einen Spaziergang im eigenen Viertel. Und so war es für mich ein großes Glück, dass es zwei Minuten von meiner Haustür entfernt einen Deich gibt.

Von Anfang an bedeutete der Klütjenfelder Hauptdeich für mich nicht nur – seinem Zweck folgend – Schutz vor Sturmfluten, sondern Zuflucht an stressigen Tagen. Einmal den Blick über die Elbe in die Weite des Hafens schweifen lassen, sich den heftigen Wind da oben um die Ohren wirbeln lassen, runterkommen, abschalten. An warmen Tagen im Sommer bietet der Deich sich ebenso gut dafür an, sich mit einem guten Buch in sein warmes Gras zu legen. In den Lockdowns wurde der Deich essenziell, brachte mich, eine Person, die Joggen zutiefst verabscheute, schließlich sogar dazu, die Runde joggend zu drehen. Das mache ich bis heute. Ja, es gibt Tage, da mag ich nicht. Gerade im Winter ist es kalt, oft grau und es kostet Überwindung, sich aufzuraffen. Doch wann immer es gelingt und ich doch eine Runde über den Deich jogge oder einfach nur spaziere, werde ich stets mit einem freien Kopf belohnt, mit dem sich die Dinge leichter verrichten lassen. Ist so vieles ungewiss und unstet in den letzten Monaten – der Deich hat mich noch nicht hängen lassen.

 

Natur Pur

 

Text: Felix Willeke

Zu jeder Jahreszeit entspannend: der Wohldorfer Wald (Foto: Felix Willeke)

Zu jeder Jahreszeit entspannend: der Wohldorfer Wald (Foto: Felix Willeke)

Hamburg ist grün, das wissen mittlerweile alle. Was den meisten dabei aber noch nicht klar ist: Hamburg ist zu fast zehn Prozent ein Naturschutzgebiet. Dabei ist es egal, ob Norden, Süden, Osten oder Westen, in der Stadt gibt es 36 geschützte Gebieten. Orte, an denen fast überall Entspannung garantiert ist. Einer dieser entspannten Orte ist der Wohldorfer Wald. Nur wenige Gehminuten von der U-Bahn-Station Ohlstedt entfernt liegt das fast 300 Hektar große Naturschutzgebiet. Ein riesiges Areal, an denen man selbst an den schönsten Tagen oftmals keiner Menschenseele begegnet – erst recht im Winter. Ein idealer Ort für alle, die dem Trubel der Stadt entkommen wollen. Hier können Kinder durch das Unterholz flitzen, Eltern die frische Luft genießen oder bei einem Kaffee am Mühlenteich entspannen. Auch mit dem Rad lässt sich das Gebiet auf den vielen Wegen bestens erkunden.

Dazu kommt: Der Wohldorfer Wald ist umgeben von noch mehr Natur: Während sich im Norden mit dem Duvenstedter Brook das drittgrößte Naturschutzgebiet der Stadt anschließt, ist es im Süden nur ein Schritt über die Hauptstraße und man steht am Alsterlauf. Hier im Norden zwischen Duvenstedt und Poppenbüttel verläuft die Alster durch das Rodenbeker Quellental und vorbei am Hainesch-Iland, zwei weiteren Hamburger Naturschutzgebieten. Also auf geht’s: feste Schuhe an Winterjacke übergestreift und Mütze auf, es ist Zeit für einen Spaziergang in der herrlichen Wintersonne.

 

Romantik beim Container

 

Text: Erik Brandt-Höge

An der Brücke 10 am Alten Elbtunnel gibt es einen entspannten Blick auf die schönste Stadt der Welt (Foto: Jasmin Tran)

An der Brücke 10 am Alten Elbtunnel gibt es einen entspannten Blick auf die schönste Stadt der Welt (Foto: Jasmin Tran)

Ich wollte mal nach Wilhelmsburg, kam aber nie an. Lag daran, dass ich nicht wie zuvor mit den Öffis die Strecke vom Karoviertel bis zum Inselpark zurücklegte, in dem ich gerne joggte, sondern mit dem Rad unterwegs war. Die Radroute führte durch den Alten Elbtunnel, diese mehr als 400 Meter lange Fliesenröhre unterm Fluss. Heraus kam ich an einem schwarzen Container, auf dem stand: Brücke 10 am Alten Elbtunnel. Brücke 10? Da war doch was! Genau, die Fischbrötchenbude auf den Landungsbrücken. Nur herrschte rund um den neu entdeckten Container weit weniger Trubel als dort, wo Dutzende und Dutzende sich in die Barkassen schoben, um gemeinsam Richtung Elbstrand zu tuckern.

Der Container, wo es die gleichen Fischbrötchen gab wie gegenüber, war im Vergleich ein Ruhepol. Geradezu ein Ort der Romantik – denn der Blick von dort auf die Landungsbrücken war fantastisch. Auf der Containerseite tummelten sich keine alles und jeden knipsenden Touri-Trupps, sondern Pärchen, die sich mit ihren Rollmops-Snacks und Bierchen auf die Mauern setzten, schnackten, knutschten, die Stille genossen. Kann man so machen, dachte ich, kann man sogar öfter machen. Ende dieser Radtour. Seitdem komme ich regelmäßig zurück. Nichts gegen Wilhelmsburg, schon gar nichts gegen den Inselpark. Aber auf dem Weg dorthin lädt diese Station dazu ein, einfach mal nicht weiterzufahren.

 

Runde um Runde

 

Text: Erik Brandt-Höge

Der Eppendorfer park ist einer von vielen Erholungsorten in der Stadt (Foto: Erik Brandt-Höge)

Der Eppendorfer Park ist einer von vielen Erholungsorten in der Stadt (Foto: Erik Brandt-Höge)

Es gibt größere Parks als den Eppendorfer Park. Das Areal, direkt beim UKE gelegen, ist nur eine kleine, grüne Oase des Stadtteils. Aber sie reicht: für Dates, die hier ihre Runden drehen. Für Familien, die hier ihre Runden drehen. Für Jogger, die hier … ja, schon klar. Anwohner und Eppendorf-Besucher machen das Beste aus dem Stückchen Natur, das es hier gibt. Manche spannen eine Slackline zwischen den dicken Birken, andere nutzen die Wiesen zum Gruppensport, stellen ein Tablet auf und lassen Pamela Reif die Übungen vormachen.

Im Winter ist der Eppendorfer Park deshalb so empfehlenswert, weil in seinem Zentrum ein Teich ist. Einen See kann man die paar Liter Wasser schlichtweg nicht nennen. Immerhin: Sie sind genug, damit ein gutes Dutzend Menschen – bei ausreichenden Minusgraden versteht sich – mit oder ohne Schlittschuhen übers Eis gleiten kann. Entspannen geht nicht bloß an Orten, die gefühlt unendliche Weiten bieten. Entspannung geht auch da, wo jederzeit jede Menge möglich ist. Zum Beispiel im Eppendorfer Park.

 

Hoch über der Hektik

 

Text: Marco Arellano Gomes

Entspannt mit Blick auf den Hafen am Aussichtspunkt: Bei der Erholung (Foto: Marco Arellano Gomes)

Entspannt mit Blick auf den Hafen am Aussichtspunkt: Bei der Erholung (Foto: Marco Arellano Gomes)

Hier, direkt am Hotel Hafen Hamburg, ist der Name des Ortes Programm: „Aussichtspunkt Bei der Erholung“. Es sind nur einige Treppen zu besteigen, um zu dieser einzigartigen Plattform mit Panoramablick über den Hafen zu gelangen, bei der man sich ganz nebenbei von der Hektik und dem Trubel der Stadt erholen kann. Links im Hintergrund grüßt die Elphi, die gerade ihr fünfjähriges Bestehen feiert, direkt vor einem erstrecken sich die Landungsbrücken, und auf der rechten Seite sieht man im Hintergrund die Kräne, die die Container aus Übersee entladen, um die Kaufhausregale mit all dem Spielzeug, den Elektrogeräten und Fahrrädern zu füllen, die seit Monaten zuverlässig ausverkauft sind.

Wer der Fotografie zugeneigt ist (mit einer echten Kamera, nicht diesen Handy-Spielzeugen!), dem wird hier an klaren Wintertagen ein Lichtspektakel sondergleichen geboten: Wenn die Sonne im Stile von „Apocalypse Now“ hinter der Elbe verschwindet und die Skyline, während die Schiffe ein- und auslaufen, in ein rot-orange-vanille-farbenes Tableau färbt. Es ist unzweifelhaft eine der schönsten Aussichtsplattformen der Stadt, aus dem seltsamerweise ein Braukessel aus Messing herausragt: Astra. Was dagegen? Seit 2004 gibt es hier auch einen kleinen, knapp 600 Meter langen, feinen Wanderweg, der sinnigerweise „Bei der Erholung“ heißt. Sitzgelegenheiten sind vorhanden, bei den winterlichen Temperaturen allerdings nur mit Zeitung oder SZENE HAMBURG unterm Hintern zu empfehlen. Ach ja: Und unbedingt passend anziehen! Es kann zzzzzziemmmmlich fffffrosssssstig werden.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist ab dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburgerin des Monats: Anne Krüger-Vonderau vom Mitternachtsbus

Im November feierte das spendenfinanzierte Projekt „Mitternachtsbus“ der Diakonie Hamburg seinen 25. Geburtstag – und Anne Krüger-Vonderau 20 Jahre Ehrenamt gleich mit. Ein Gespräch über gesellschaftliche Verantwortung

Text & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Frau Krüger-Vonderau, Gratulation zu 20 Jahren Mitternachtsbus!

Anne Krüger-Vonderau: Fast zwanzig Jahre. Ganz korrekt fehlen zwei Monate. Aber ich fühle mich schon als 20-Jährige (lacht). Ich wurde auch auf dem 25-jährigen Jubiläum, das wir vor dem Michel gefeiert haben, in die Gruppe aufgenommen, die schon seit 20 Jahren dabei sind.

Wie viele Einsätze sind Sie seit 2001 gefahren?

Wie die meisten fahre ich einmal im Monat. Wenn man berufstätig ist und denkt, ich will was für die Gesellschaft leisten, kann man das ganz gut machen. Also 20-mal 12 sind 240 Einsätze. So Pi mal Daumen (lacht).

Wie läuft ein Einsatz ab?

Wir bereiten gegen 18.45 Uhr die Tour vor. Um 20 Uhr starten wir, holen belegte Brötchen und Kuchen von einer Bäckerei, fahren zur Bahnhofsmission. Manchmal haben die Sachen für uns. Gegen 20.15 Uhr ab zur ersten Platte. Das geht tatsächlich bis Mitternacht. Manchmal auch bis 1 Uhr, je nachdem wie groß der Andrang ist. Und wie viele Gespräche stattfinden.

Platte ist der Ort, an dem Obdachlose schlafen?

Richtig. „Ich mach Platte“ heißt, ich schlafe, meist alleine, an einem Ort irgendwo versteckt. Das war ein Grund, warum der damalige Landespastor Dr. Stephan Reimers in den Neunzigern den Mitternachtsbus gegründet hat. Und das Spendenparlament und das Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“: Als Folge der Wende herrschte Wohnungsnot, die Leute lagen überall verteilt in der Stadt, es gab viele Tote. Wir versuchen, diese Orte rauszukriegen, fahren die Platten ab. Unsere Idee der Betreuung ist Grundversorgung und Ansprache als aufsuchende Hilfe: Wenn jemand in seinem Schlafsack liegt, fragen wir ihn: Sollen wir Ihnen was bringen?

 

Das Ziel: Wohnungen für alle

 

Haben Sie noch Gäste der ersten Stunde?

Man lebt nicht so lange auf der Straße. Wenn man jemanden länger kennt, beobachtet man, dass die Verwahrlosung in Wellen stattfindet. Wenn man keine Wohnung hat und ein Alkoholproblem, stirbt man häufig auf der Straße. Es gibt wenig ganz Alte. Zum Volkstrauertag war auch ein ökumenischer Gedenkgottesdienst in Eimsbüttel für die auf der Straße Verstorbenen. Da kommen einige zusammen über das Jahr.

Ihre Gäste sind alle obdachlos?

Manche haben eine eigene Wohnung und kommen wegen der sozialen Kontakte. Die schauen vorbei, holen sich einen Kaffee, klönen und fahren mit der letzten S-Bahn nach Hause. Das Ziel sollte sein, dass alle eine Wohnung bekommen. Jetzt gibt es das erste Projekt von „Hinz&Kunzt“, wo 24 Obdachlose eine Wohnung haben. Nach 25 Jahren! Das ist doch Wahnsinn. Housing First heißt das. Wir konnten kurz vor dem Einzug das Haus besichtigen. Toll, dass das mit unserem Jubiläum zusammenfällt.

Wie wurde das Haus finanziert?

Einzelheiten zur Finanzierung kenn ich nicht. Alle Bewohner haben unbefristete Hamburger Mietverträge. Das können sie über den Verkauf von „Hinz&Kunzt“ oder andere Sachen finanzieren. Das Wichtigste bei Housing First, wie ich von Sozialarbeitern gelernt habe: Sobald man einen festen Ort hat, kann man sich endlich um die anderen Sachen kümmern. Viele haben Ansprüche wie Renten oder Arbeitslosengeld, aber keinen „Perso“. Jetzt haben sie einen Ort, wo man mit ihnen planen kann. Wo sie selbst Ziele entwickeln können. Das geht auf der Straße nicht.

 

Frauen auf der Straße sind unauffälliger

 

Haben sich die Gäste geändert in den Jahrzehnten?

Durch die europäische Grenzöffnung sind es viele Männer aus Osteuropa. Die können kein Deutsch, haben keine Chance auf dem Arbeitsmarkt und fallen durch das Netz. Wir haben viele Ältere. Es gibt auch Frauen auf der Straße, aber die sind unauffälliger. Jüngere Leute weniger, kommt aber auch vor.

Was machen Sie, wenn Stammgäste verschwinden?

Wir machen uns Sorgen, informieren die Straßensozialarbeiter. Die starten einen Rundruf in den Krankenhäusern. Viele sind natürlich, wie man früher sagte, Tippelbrüder. Die sind unterwegs. Manche sagen, ich war jetzt zwei Monate Richtung Süddeutschland unterwegs. Dann kehren sie zurück in die Anonymität der Stadt.

Obdachlose machen auch innerhalb der Stadt ganz schön Strecke.

In Hamburg gibt es unheimlich viele Anlaufstellen. Dafür müssen sie sich bewegen. In Harburg wird ein Superfrühstück angeboten, dann fährt man morgens dahin. Später zum Mittagstisch nach Altona. Die müssen schon ein büschen plietsch sein, um sich zu organisieren und sind dann wirklich in ganz Hamburgs unterwegs.

 

„Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren“

 

Sind in den Jahrzehnten Freundschaften entstanden?

Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren. Ich habe in der Schule als Beratungslehrerin gearbeitet, und weiß, dass das ganz wichtig ist. Dass man sich nicht in seinem Helfersyndrom verliert. Man muss das professionell machen, wenn man was bewirken will. Ansonsten wird man aufgesogen von den Bedürfnissen des anderen. Ich bin voll da, wenn ich fahre, aber ich würde keine Beziehungen aufbauen, die darüber hinausgehen.

Sind Sie noch anderweitig sozial engagiert?

Ich arbeite in der Flüchtlingshilfe, bin in der Christianskirche in Ottensen aktiv, auch seit über 20 Jahren im Chor (lacht). Da gibt es das Willkommenskulturhaus, wo Geflüchtete Sprachunterricht nehmen können. Es soll politische Bildung auf Augenhöhe stattfinden. Man kann sich auch mit wenigen Sprachkenntnissen über die Situation in ihren Ländern und in Deutschland austauschen.

Was treibt Sie an?

Ich habe fast 40 Jahre als Lehrerin gearbeitet. Ich habe eine gute Pension. Mir geht es gut. Ich finde, wir müssen mehr gesellschaftliche Aufgaben übernehmen. Auch wir Oldies. Ich muss nicht mit dem Wohnmobil durch Europa fahren. Ich denke: Ey, das kann doch nicht alles der Staat regeln. Früher haben wir immer diskutiert: Die Obdachlosen, das geht doch nicht, da müssen doch die Behörden was machen. Irgendwann legte sich der Schalter um: Wir sind Teil dieser Gesellschaft und dieser Behörde. Ich bin fit und will etwas zurückgeben. Ich will da auch kein Geld dafür. Wir würden sozial verwahrlosen, wenn wir alle nur noch individualistisch sind. Das soll jetzt nicht sozialromantisch klingen. Ich finde, man kann einfach was tun.

 

Das Angebot ist konstant

 

Hat sich das Angebot des Mitternachtsbusses im Lauf der Jahrzehnte verändert?

Das ist total witzig. Das ist konstant. Wir haben immer heiße Getränke an Bord. Kaffee, Tee, Kakao, alles Fairtrade. Korrekt und eine gute Qualität. Brühe und diese herrlichen, supersüßen Zitronentees (lacht). Coronabedingt zahlt die Sozialbehörde Lunchtüten. Dann gibt es immer Kleidung an Bord für den Notfall. Wenn da jemand liegt und der hat keine Socken an, dann kriegt er Socken von uns. Isomatten, Schlafsäcke und Decken natürlich. Damit die die nicht einfach liegen lassen, müssen sie einen kleinen Obolus entrichten.

Was gibt es an Weihnachten?

Da gibt es meist einen Schokoweihnachtsmann, wie an Ostern Ostereier. Heiligabend ist ja immer ein ganz besonderer Tag. Ich muss da natürlich mit meiner Familie feiern (lacht). Aber ich finde das so toll, dass einige sagen: Heiligabend bedeutet mir nichts, da fahr ich einfach in einem zusammengewürfelten Team die Platten ab.

mitternachtsbus-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hilfe für Obdachlose: der Kältebus fährt wieder

Es ist wieder kälter und viele verziehen sich in die eigene Wohnung. Doch in Hamburg gibt es über 2.000 Menschen ohne Wohnung. Mit dem Kältebus ist am 1. November 2021 wieder eines von vielen dringend benötigten Hilfsangeboten gestartet

Text: Felix Willeke

 

Für viele beginnt mit einer warmen Decke und einem Buch auf dem heimischen Sofa langsam die Vorfreude auf Weihnachten. Doch während es vielen drinnen kuschelig warm wird, ist die kalte Jahreszeit besonders für die über 2.000 Obdachlosen in Hamburg gefährlich. Hilfe bietet dabei unter anderem der Kältebus. Seit dem Winter 2020/2021 wird dieser vom CaFée mit Herz auf St. Pauli betrieben und fährt vom 1. November 2021 bis März 2022 wieder täglich von zwischen 19 bis 24 Uhr durch die Stadt. Wenn man in diesen kalten und nassen Tagen hilfsbedürftige Menschen auf der Straße sieht, kann man den Kältebus unter der Telefonnummer 0151/65 68 33 68 erreichen. Tagsüber steht die Hotline der Stadt Hamburg unter 040/428 28 5000 zur Verfügung.

 

Das Gesundheitsmobil

 

Im letzten Winter haben die etwa 70 freiwilligen Helfer:innen des Kältebusses nach eigenen angeben 587 Menschen in Notunterkünfte gebracht und 467 Schlafsäcke und 315 Isomatten ausgegeben. Dabei wurde 27-mal der Rettungsdienst gerufen, um Obdachlose medizinisch zu versorgen. Neben dem Kältebus stellt das CaFée mit Herz zusätzlich das Gesundheitsmobil. Hier erhalten jeden Sonntag von 14:30 bis 16:30 Uhr am Hamburger Hauptbahnhof und jeden zweiten Sonntag von 12 bis 14 Uhr auf der Reeperbahn Menschen ohne Krankenversicherung ambulante medizinische Leistungen.

Das CaFée mit Herz wird von Ehrenamtlichen getragen und finanziert sich aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Alle weiteren Informationen zu Arbeit des Vereins gibt es unter cafeemitherz.de.

 

Weitere Hilfen für Obdachlose

 

Neben dem Kältebus gibt es auch den Mitternachtsbus der Diakonie Hamburg. Dieser fährt täglich von 20 bis 24 Uhr durch die Innenstadt und verteilt Kaffee, Tee, Kakao, Brühe, Brötchen, Kuchen, Decken und Schlafsäcke an obdachlose Menschen. Die Stadt Hamburg stellt zudem fast 1.500 Übernachtungsplätze im Rahmen des Winternotprogramms zur Verfügung.


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Cordula: „Jeder muss zuerst sich selbst verstehen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Cordula begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Eben sind ein paar Kinder an mir vorbeigelaufen und haben gesagt: ‚Guck mal, was die Oma da macht‘. Damit meinten sie mich. Dabei kam ich mir gerade so flott und fit beim Langlauf vor – und keineswegs omahaft.

Heute scheint die Sonne so schön, da dachte ich, ich hole mal die Skier raus und laufe hier am Kaifu entlang. Das ewige Spazierengehen ist ja auf Dauer langweilig und das Niendorfer Gehege habe ich so langsam mal durch. Jetzt laufe ich zwar seit 2 Stunden immer hin und her, aber das ist ja quasi so, wie im Sommer nebenan im Schwimmbad seine Bahnen zu ziehen.

Seit einem Jahr bin ich Rentnerin, daher habe ich mittags nun Zeit und Muße hier herumzuspazieren. Von Beruf bin ich Psychologin und habe viele Jahre im Kinderschutzzentrum gearbeitet. Da ging es viel darum, Krisen und Notlagen von Familien zu verstehen.

 

„Das entschwundene Land“

 

Vielleicht ist das Verstehen-Wollen eine Art Berufskrankheit, die ich mitgenommen habe. Dabei halte ich es eigentlich für alles andere als eine Krankheit, sondern für essentiell. Es geht darum, andere Menschen zu verstehen, nicht zu analysieren – auch wenn das viele über Psychologen denken. Dafür muss ein jeder sich natürlich zuallererst selbst verstehen. Aber auch uns Psychologen gelingt das mal mehr und mal weniger.

Mir hat die Literatur immer sehr dabei geholfen, Lebenswelten zu verstehen. Kennen Sie „Das entschwundene Land“ von Astrid Lindgren? Darin beschreibt sie drei zentrale Erfahrungen aus ihrer Kindheit: die Liebe ihrer Eltern zueinander, das Aufwachsen in einer bäuerlichen Hofgemeinschaft und die Bedeutung von Büchern und Phantasie. Lindgren hatte eine Haltung zum Leben, die für mich sehr wichtig und richtig ist. Kann man das so sagen? Dann würde ich jetzt nämlich noch ein paar Runden weiterfahren.“


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Hinz&Kunzt: Chefredakteurin Annette Bruhns im Interview

Nach 25 Jahren beim „Spiegel“ übernahm Annette Bruhns die Chefredaktion bei „Hinz&Kunzt“. Im Interview spricht sie über ihre Motivation, die Bedeutung des Magazins für die Hamburger Obdachlosen und was beim Hamburger Winternotprogramm schiefläuft

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Annette Bruhns, Sie waren 25 Jahre lang beim „Spiegel“ und sind jetzt seit Anfang des Jahres Chefredakteurin bei „Hinz&Kunzt“. Warum?

Annette Bruhns: Weil das für mich einer der coolsten Jobs ist, den der Journalismus zu vergeben hat. Ich habe hier tolle Gestaltungsfreiheiten: 60 Seiten, die ich Monat um Monat mit Themen füllen kann, mit spannenden, relevanten Texten. Und mit Bildern von hervorragenden Fotografen. Die „Hinz&Kunzt“ bietet alles, was ein gutes Magazin ausmacht.

Was ist der größte Unterschied zum „Spiegel“?

Der „Spiegel“hat natürlich irre hohe Standards, die arbeitsteilig organisiert sind, mit eigenem Archiv, Verifikationsabteilung, Justiziariat, Schlussredaktion. Diese Standards habe ich quasi inhaliert. Da muss sich die Redaktion nun beugen – ein wenig zumindest (lacht). Ich habe aber den Eindruck, dass alle dazu auch Lust haben.

 

Professioneller Journalismus und soziales Projekt

 

Was ist in Ihren Augen das Besondere an „Hinz&Kunzt“?

Die „Hinz&Kunzt“ bietet professionellen Journalismus und ist zugleich ein soziales Projekt. Die obdachlosen Verkäufer und Verkäuferinnen sind quasi freie Unternehmer und haben durch den Verkauf der Straßenzeitung Einnahmen sowie eine Struktur in ihrem Alltag.

Das Besondere ist, dass sie den Mitmenschen gegenüber gleichberechtigt auftreten und etwas anbieten können, statt nur um Almosen zu bitten. Dadurch entsteht ein ganz anderer Umgang.

Was möchten Sie anders machen?

Ich kann mich mit dem Bisherigen gut identifizieren und sehe einen langsamen, behutsamen Wandel vor mir. Eine Sache, die wir ändern werden, ist, dass wir weniger Verkäuferinnen und Verkäufer auf dem Cover zeigen, damit nicht der Eindruck entsteht, dass Obdachlosigkeit unser einziges Thema ist.

Dieses Magazin ist ungeheuer vielseitig. Wir sind und bleiben als Projekt eine Lobby für Arme, aber als Magazin fühlen wir uns ganz klar dem unabhängigen Journalismus verpflichtet.

Wird es keine inhaltliche Neuausrichtung geben?

Ich sehe eine Menge Themen, die wir spielen können, ohne den Markenkern zu vernachlässigen. Ich möchte unbedingt Frauen sichtbarer machen, die zwar nicht obdachlos sind, aber bettelarm. Meiner Meinung nach tut Deutschland nicht genug für Ein-Eltern-Familien.

Es wird auch jede Menge Tipps geben, wie man seine Freizeit ohne viel Knete bestreiten kann, nach dem Motto: „Elbinsel statt Elphi“.

 

Digitale Veränderungen

 

Viele Magazine haben an Auflage und Anzeigen verloren. Wie sieht es bei Hinz&Kunzt aus?

Natürlich merken wir, dass die Leute weniger Print lesen. Ich will deshalb, dass wir so schnell wie möglich den digitalen Erwerb der Zeitschrift ermöglichen. Die Verkäufer könnten das Heft mittels eines QR-Code anbieten und die Zahlung digital abwickeln. Wir hoffen, dass Wirtschaftsminister Altmaier, der ja für die Digitalisierung 200 Millionen Euro zur Verfügung stellt, jetzt mal in die Puschen kommt, sodass die Straßenmagazine gemeinsam einen Antrag stellen können.

Ist „Hinz&Kunzt“ bei den Menschen ausreichend präsent?

Nein, deshalb müssen wir die Informationen verstärkt über unsere Website und Social-Media-Kanäle an die Hamburger und Hamburgerinnen herantragen – und das werden wir auch.

„Hinz&Kunzt“ hat schon immer viel Unterstützung von Profis oder Agenturen pro bono bekommen. Das ist großartig! Ich kann mir auch gut vorstellen, ehemalige Kollegen als Autoren zu gewinnen.

Wie wird man eigentlich Hinz&Künztler?

Die Verkäufer und Verkäuferinnen in spe wenden sich dazu an unsere Sozialarbeiter und werden im Vertrieb geschult. Zu Beginn erhalten sie zehn Zeitungen kostenlos. Mit den Gewinnen können sie weitere Zeitungen für 1,10 Euro erwerben und zum regulären Preis von 2,20 Euro verkaufen. Oft kriegen sie etwas mehr drauf. Sie bilden also eine Art Mini-Kapital, das sie vermehren können, wenn sie mit ihrem Geld und den Magazinen gut umgehen. Das ist klassische Hilfe zur Selbsthilfe.

Wir helfen auch dabei, Wohnungen zu finden und stellen Bürgschaften bereit. Niemand ist freiwillig obdachlos. Diese Menschen brauchen Unterstützung, denn das Leben auf der Straße macht mürbe.

Wie sieht die Schulung der Verkäufer aus?

Wir haben Mitarbeiter im Vertrieb, die selbst als Straßenverkäufer angefangen haben. Die geben Ratschläge und können das gut vermitteln. Dazu gehören ganz banale Dinge wie ein höfliches, unaufdringliches Auftreten.

 

„Die Pandemie hat massive Folgen für uns“

 

Wie hat sich Corona auf „Hinz&Kunzt“ ausgewirkt?

Die Pandemie hat massive Folgen für uns. Im April vergangenen Jahres gab es erstmals in der Geschichte des Magazins kein gedrucktes Heft, weil man die Gesundheit aller schützen wollte. Seither gibt es auch gewisse Berührungsängste. Viele Menschen gehen nicht mehr oft aus dem Haus und zahlen nur noch mit Karte oder Handy. Das macht den Verkauf der Zeitschrift schwierig.

Ist Hamburg eine hilfsbereite Stadt?

In Hamburg gibt es – und das finde ich hocherfreulich – ein Bewusstsein für die Nöte der Obdachlosen. Erst kürzlich hat Ulrich Tukur, der „Tatort“- Schauspieler, bei einem Fernsehquiz die Hälfte seines Gewinns in Höhe von 50.000 Euro an „Hinz&Kunzt“ gespendet. Aber auch die unzähligen kleinen Spenden helfen ungemein. Danke!

In Hamburg ist die Unterbringung der Obdachlosen im Winter in die Schlagzeilen geraten – weil seit Silvester fünf Obdachlose durch die Kälte auf der Straße starben (Stand: 20.1.2020). Tut die Politik genug für Obdachlose?

Die Stadt scheint stets darauf zu warten, dass irgendein Mäzen sich der Sache schon annehmen wird, dabei ist es die ureigenste Aufgabe der Politik, den Bedürftigen zu helfen. Man ist unheimlich stolz darauf, dass man die Markthalle als Wärmestube bereitstellt oder die Sammelunterkünfte öffnet, statt sich zu überlegen, dass es in einer Pandemie gefährlich ist, Menschen zusammenzupferchen.

In den Unterkünften des Winternotprogramms schlafen vier Personen und mehr in einem Raum! Dabei hat
das Robert-Koch-Institut vor Sammelunterkünften explizit gewarnt wegen der Infektionsgefahr. Ich hatte für „Hinz&Kunzt“ mit Prof. Dr. Friedemann Weber, dem Leiter der Virologie an der Uni Gießen, über die Unterbringung der Obdachlosen gesprochen. Der sagte: „Was Hamburg da macht, ist ein Rezept für ein Desaster.“

 

Klima der Angst

 

Was ist die Folge dieser Politik?

Die Obdachlosen schlafen wieder auf der Straße, weil sie Angst haben, sich in den Notunterkünften mit dem Coronavirus anzustecken. Diese Menschen sind ja schon oft krank, ihr Immunsystem ist geschwächt. Sie müssten geschützt werden. Das gebietet die Humanität.

Zudem kann es in den Unterkünften rau zugehen. Aber auch auf der Straße herrscht teilweise ein ungeheures Maß an Gewalt. Es wird geschlagen, getreten, geraubt. Da herrscht ein Klima der Angst.

Wie könnte eine gute Lösung aussehen?

Wir plädieren schon lange für kleinere Unterkünfte, die in der Stadt besser verteilt sind. In der Zwischenzeit ist wie im letzten Lockdown die Zivilgesellschaft aktiv geworden und hat Hotelzimmer für Obdachlose gebucht. Ohne die Großspende der Reemtsma Cigarrettenfabriken in Höhe von 300.000 Euro wäre das nicht möglich.

Solche Spenden sind begrüßenswert und zugleich beschämend, weil es eigentlich die Aufgabe der Stadt wäre, sich um die Obdachlosen zu kümmern. Die Sozialsenatorin Melanie Leonhard und die rot-grüne Mehrheit in der Bürgerschaft haben eine Hotelunterbringung im Dezember aber abgelehnt.

Woran liegt das?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass in der Sozialbehörde ein gewisses dogmatisches Denken herrscht, nach dem Motto: Wir machen es denen mal nicht zu bequem, sonst gibt es bald noch mehr Obdachlose …

Drückt sich die Hamburger Politik vor der eigenen Verantwortung?

Der rot-grüne Senat setzt sehr stark auf Freiwilligkeit und Ehrenamt – und das nicht nur bei der Unterbringung im Winternotprogramm, sondern auch bei medizinischen Hilfen. Die Leute, die den Kältebus betreiben oder die medizinischen Praxen für Obdachlose, beklagen schon länger, dass sich die Stadt immer mehr aus ihrer Daseinsvorsorge herauszieht.

 

Verbunden fühlen

 

Gilt für „Hinz&Kunzt“ nun das alte „Spiegel“-Motto: „im Zweifelsfall links“?

Einer unserer Gesellschafter ist die Diakonie. Die würde wohl eher einen Satz erwarten wie: „Im Zweifel mit Gott“ (lacht). Aber im Ernst: Das Thema Armut betrifft letztlich uns alle. Wir alle haben eine soziale Verantwortung, egal, ob wir links oder eher konservativ sind.

Warum sollten die Hamburger „Hinz&Kunzt“ kaufen?

Es ist ein schönes Magazin und zugleich eine großartige Möglichkeit zu helfen. Es geht ja nicht nur um das bloße Kaufen der Zeitschrift: Vielleicht spricht man mit dem Verkäufer oder der Verkäuferin auch mal ein paar Worte. Es hilft ihnen ungemein, sich mit den Mitmenschen verbunden zu fühlen, dazuzugehören. Das sind Menschen, die oft niemanden sonst haben. Wir haben unsere Familie, Freunde, Kollegen. Diese Menschen haben oft keine Familie mehr, keine Heimat, nichts. Sie können jederzeit den Halt verlieren.

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 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Streitgespräch: Wird Obdachlosen im Corona-Winter ausreichend geholfen?

Wird Obdachlosen in Hamburg im Corona-Winter 2020/21 ausreichend geholfen? Ein Streitgespräch zwischen Julien Thiele von der Straßenvisite des Caritasverbands für das Erzbistum Hamburg e. V. und Iftikhar Malik, SPD, Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft und im Sozialausschuss

Moderation: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Iftikhar Malik, wir sind mitten im Winter, es ist kalt, und Corona gibt es auch noch. Wie haben Sie und Ihre Kollegen Kollegen sich im Sozialausschuss auf diese ja seit Monaten vorhersehbare Situation vorbereitet?

Iftikhar Malik: Das bewährte Hamburger Winternotprogramm wurde aufgestockt. Es gibt eine neue Tagesaufenthaltsstätte, auch eine neue Unterkunft. Wir haben zudem darauf gedrängt, dass die Belegungen entsprechend der Corona-Hygiene- und -Schutzbedingungen umgesetzt werden.

 

Deutungshoheit über Lebensrealitäten

 

Wobei das aktuelle Winternotprogramm nur 1.400 Plätze für Obdachlose bietet. Es gibt aber mehr als 2.000 Obdachlose in der Stadt, die Dunkelziffer noch gar nicht mitgerechnet.

Julien Thiele: Richtig. Das Winternotprogramm deckt die aus der 2018 durchgeführten städtischen Obdachlosenstudie fast 2.000 gezählten Obdachlosen sowie die ungewisse Dunkelziffer nicht ab. Es widerspricht sich also, wenn das Motto der Stadt lautet, dass jeder Obdachlose in Hamburg ein Bett bekommen könne und niemand auf der Straße schlafen müsse.

Die Deutungshoheit über die Lebensrealitäten und Notlagen liegt einfach nicht mehr bei den Betroffenen, sondern wird immer mehr von gezielten Akzenten der Politik bestimmt. Uns berichten Obdachlose von Unterkünften und erzählen dabei von 8-Bett-Zimmern, in denen teilweise nur ein oder zwei Betten freibleiben.

Dabei wechseln die Bettnachbarn teils täglich und das individuelle Hygieneverhalten der fremden Personen kann nicht eingeschätzt werden. Die Personen haben zum Beispiel unterschiedliche Ver- ständnisse von der Notwendigkeit der regelmäßigen oder dauerhaften Lüftung über Nacht. Wir können wenig tun, da die Unterbringungen fast komplett in städtischer Hand liegen.

 

„Das würde ich gerne sofort zurückweisen“

Julien Thiele

 

Malik: Was die Kapazitäten angeht: Mir liegt die Erkenntnis vor, dass die 1.400 Schlafplätze unter Berücksichtigung der lockeren Belegung erfolgt sind. Weiterhin wurde berücksichtigt, dass nicht mehr als zwei Personen in einer Räumlichkeit untergekommen sind. Das ist die jüngste Aussage aus der Sozialbehörde.

Zudem seien die Kapazitäten nicht ausgeschöpft. Aktuell, heißt es, seien 30 Prozent der Plätze nicht belegt. Die Berichterstattung, die es jüngst gab, dass das Winternotprogramm eine Gefahr darstellen solle, ist eine gegenteilige Darstellung der tatsächlichen Situation, und das wirkt sich auch auf die Wahrnehmung der Betroffenen aus.

Thiele: Das würde ich gerne sofort zurückweisen. Eine Diskursverschiebung wie diese, bei der die Interessenvertretung der Betroffenen und damit die Freie Wohlfahrtspflege zum Gefahrenrisiko der Betroffenen ernannt wird, ist absurd.

Wir diskutieren seit mehreren Jahren mit der Behörde darüber, warum das Winternotprogramm für viele Menschen nicht annehmbar ist. Das Hilfesystem versucht, Lösungen zu finden und die Menschen zu motivieren, teils fast zu überreden, sich in dieses Winternotprogramm zu begeben, damit alle Kapazitäten genutzt werden. Ich will Ihnen, Herr Malik, gar nicht zu nahetreten. Ich habe mit Ihnen nur leider noch nie gesprochen und würde Sie gerne fragen: Woher erfahren Sie eigentlich von den Realitäten der Menschen? Von der Sozialbehörde? Und: Inwiefern stehen Sie mit dem Hilfesystem im Austausch?

 

Verbesserung des Winternotprogramms

 

Ich würde Sie gerne einladen, mit uns zusammen auch mal die Hilfen umzusetzen und mich auf der Straße zu begleiten. Die Behörde weiß schließlich, dass es eine fehlende Annahmebereitschaft des Winternotprogramms gibt und dass es dafür vielfältige Gründe gibt.

Es werden zudem seit mehreren Jahren Menschen aus dem Winternotprogramm verwiesen. Sie erhalten kein Bett, sondern nur einen Stuhl in der Wärmestube, die kürzer geöffnet ist und wo es keine Dusche, kaum Verpflegung und keine Sozialberatung gibt. Die Behörde möchte alle Menschen erreichen, bietet aber nicht allen die gleiche Hilfe und schafft dadurch ein Klassen-System mit herabgesetzten Standards für bestimmte Personenkreise. Wir wollen eine Verbesserung des Winternotprogramms beziehungsweise die Schaffung von vielfältigen de- zentralen Schutzräumen, damit wir die Menschen von der Straße bekommen.

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„Gut, dass Ziele klar formuliert werden“: Iftikhar Malik

Malik: Ich bin überzeugt davon, dass wir in dieser Sache sehr nah beieinander sind – und ich würde Ihr Angebot gerne annehmen. Bisher bin ich mit unterschiedlichen Organisationen in Kontakt, zum Beispiel mit den Bergedorfer Engeln. Ich habe auch bereits an Hilfs- und Verteilaktionen teilgenommen.

Noch einmal zum Winternotprogramm: Das soll ja nicht nur einen Schlafplatz, sondern auch eine begleitende Betreuung bieten – genau wie Sie es gerade beschrieben haben. Mir liegen derzeit keine Zahlen vor, wie viele Menschen abgelehnt und wie viele auf andere Einrichtungen verwiesen worden sind. Auch liegen mir keine Fakten darüber vor, wie die Hygienestandards sind. Was Sie gerade beschreiben, haben wird nicht in offiziellen Dokumenten vorliegen, was es uns erschwert, damit zu arbeiten. Genau um diese Fakten zu erfragen, habe ich kürzlich eine Anfrage an den Senat gestellt.

Thiele: Die Fakten gibt es zum Teil, zum anderen Teil fordern wir seit mehreren Jahren mehr Transparenz über diese Problematiken! Zum Beispiel wurde erfasst, wie viele Menschen monatlich in die Wärmestube verwiesen wurden und wie wenige diese tatsächlich nutzen möchten, ohne Betten und Co.

Eine Anfrage von Die Linke im Dezember 2020 ergab, dass zum Beispiel in der Männernotunterkunft Pik As am 1. Dezember 2020 eine Zimmerbelegung von vier Personen im Durchschnitt bestand. Damit ist die von der Sozialbehörde publizierte lockere Belegung von maximal zwei bis drei Personen widerlegt. Hier frage ich mich, ob es nicht wirklich höhere Belegungen gibt, wenn es sich um einen Durchschnitt handelt, und weil ich die Schilderungen der Betroffenen als die Wahrheit erachte.

 

Mehr Empathie

 

Malik: Diese Zahlen liegen mir nicht vor. Ich teile zum Teil Ihre Auffassung, dass wir aus dem politischen Betrieb diese Thematik mit ein bisschen mehr Empathie bearbeiten sollten und könnten. Wir sollten dabei auch den Lebensrealitäten und Befindlichkeiten der Betroffenen folgen und nicht parteipolitischen Logiken – da bin ich ganz bei Ihnen. Die qualitative Weiterentwicklung des Winternotprogramms ist stets der Gedanke dahinter.

Woran arbeiten Sie denn gerade in Sachen Weiterentwicklung des Programms?

Malik: Zum Beispiel an der Erreichbarkeit von weitläufigeren Bezirken wie Bergedorf. Der Bedarf dort ist registriert worden, und an dieser Stelle müssen wir schrauben. Auch um die Weiterentwicklung des Programms zu besprechen, wird es einen Sonder-Sozialausschuss geben, der in den kommenden Wochen stattfinden wird.

Es bestand ja bereits die Möglichkeit eines Runden Tischs aus unter anderem Sozialbehörde, Streetworkern, Polizei und Feuerwehr. Dafür gab es aber keine Mehrheit im Sozialausschuss. Warum nicht?

Malik: Weil es schon Gremien dieser Art gab und auch fortlaufend gibt. Die Begleit-AG zum Winternotprogramm ist beispielsweise erst am 18. Dezember, also kurz vor Weihnachten, zusammengekommen, um die Problemlage zu besprechen. Es wurde auch gerade erst im Rahmen einer Anfrage beantwortet, welche Austauschrunden zwischen professionellen und ehrenamtlichen Akteuren es gibt. Ein weiterer Runder Tisch hätte unserer Ansicht nach nur zu einer Zerfaserung in verschiedenen Gremien geführt.

Thiele: Ja, es stimmt, es gibt eine Vielzahl von Gremien in Hamburg – die sich aber nie explizit damit beschäftigen, einen Sozialen Notstand wie den jetzigen anzuerkennen. Seit Dezember letzten Jahres sind bis heute acht Personen verstorben. Seit Ende 2019 insgesamt 54 bis heute (15.1.; Anm. d. Red.).

Wir hadern nach wie vor damit, dass der Alltag der Obdachlosen nicht von der Lebensrealität bestimmt wird, sondern von politischen Entscheidungen, die angeblich alle Sorgen beseitigen sollen. Und natürlich haben nicht bloß wir daran zu knabbern, sondern vor allem die betroffenen Menschen. So sehr, dass sie teilweise daran zerfallen.

Es gibt übrigens auch ein Ordnungsrecht, das besagt: Jeden Tag muss erneut geprüft werden, ob Gefahr für Leib und Leben besteht und die individuelle Würde geschützt ist. Allerdings hat Hamburg sich an dem Instrument bedient, dieses Ordnungsrecht mit Sozialrecht zu verschränken – und damit Menschen von Überlebenshilfen teils auszuschließen. Fakt ist: Das gesamte Hilfesystem muss einmal komplett umgedreht werden. Nicht Menschen müssen sich beweisen in den Stufen des Hilfesystems, sondern es muss neuer Wohn- und Schutzraum für eben diese Menschen geschaffen werden, da Obdachlosigkeit kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem ist. Nur so erreichen wir das Ziel der EU, bis 2030 Obdachlosigkeit zu beenden.

Malik: Es ist gut, dass Ziele klar formuliert werden, aber natürlich auch sehr leicht aus Sicht des Europäischen Parlaments, wenn es diese nicht umsetzen muss. Die Umsetzung passiert ja in den Gemeinden, Städten und Kommunen. Es sind da also mehrere Ebenen im Spiel – und haben Aufholbedarf.

 

Hotels for Homeless

 

Noch einmal weg von langfristigen und zurück zu kurzfristigen Lösungen für diesen Winter. Eine Lösung bietet unter anderem Hotels for Homeless. Derzeit werden 120 Obdachlose in Hamburg in leerstehenden Hotelbetten untergebracht – bei mehr als 30.000 leerstehenden Betten insgesamt.

Thiele: Es gibt unterschiedliche Institutionen, die bei dieser Hilfe mitwirken. Die Diakonie, Caritas und Hinz&Kunzt können dies dank einer Großspende von Reemtsma anbieten. Zudem gibt es ein Kollektiv um den Verein StrassenBlues und weitere Vereine und Initiativen wie Leben im Abseits e. V. oder die Bergedorfer Engel, die eine Hotelunterbringung realisieren.

Die Vernetzung untereinander, vor allem zur Sicherstellung der Versorgung und Sozialberatung, funktioniert gut. Aber: Es ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, unsere Warteliste ist lang. Die Hotelunterbringung hat meines Wissens noch kein Mensch abgelehnt. Die meisten können es gar nicht glauben, dass es so etwas überhaupt gibt. Es geht ja auch nicht um einen Fernseher, um Catering oder einen tollen Teppich, sondern erst mal nur um die Möglichkeit, allein zu sein und die Tür hinter sich abschließen zu können.

Malik: Das Winternotprogramm verfolgt, wie schon gesagt, das Ziel, die Menschen mit einem umfassenden Beratungs- und Betreuungsangebot in das Regelhilfesystem zu bekommen. Es gab und gibt ja bereits Einzelunterbringungen, auch mit Hotelcharakter, insbesondere für Familien oder im Rahmen der sogenannten Geschwächten-Regelung, also für Betroffene mit psychischen und physischen Vorbelastungen. Auch weitere Einzelunterbringungen werden derzeit geprüft.

 

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Julien Thiele bei der aufsuchenden Sozialarbeit
Titel (Foto: Caritas)


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hotels for Homeless: Es reicht (nicht)!

Seit Monaten setzen sich Hamburger Sozialprojekte für die Unterbringung von Obdachlosen in leer stehenden Hotels ein. Die zivilgesellschaftlichen Aktionen haben Vorbildcharakter, trotzdem verweigert sich der Senat dem Konzept

Text: Ulrich Thiele

 

Fünf tote Menschen, das muss ein Fanal sein. Das Jahr hat gerade erst angefangen, und seit Silvester sind binnen einer Woche fünf Obdachlose auf der Straße gestorben. „Es reicht!“-Stimmung liegt in der Luft, als sich Sozialarbeiter von „Hinz&Kunzt“ und der Diakonie an diesem Mittwoch Anfang Januar am Jungfernstieg versammeln, um mit einer Mahnwache an die Verstorbenen zu erinnern.

Es ist kalt, eben hat es noch gehagelt. Eingepackt in dicke Jacken, Schals und Mützen stehen sie in Sichtweite zum Rathaus, in dem gerade die Hamburgische Bürgerschaft tagt. Die Botschaft der Demonstranten steht auf einem Banner: „Open The Hotels“. „Hinz&Kunzt“-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer spricht eindringliche Worte in die Mikrofone der Journalisten. Wütend sei ein falscher Ausdruck für seine Stimmung, sagt er, er sei sprachlos, „weil das nicht mehr beschreibbar ist, wie dramatisch die Situation der Wohnungslosen ist. Wir sehen das Elend auf der Straße und dass mehr getan werden muss. Wenn die Sozialbehörde das einfach verneint, dann verstehe ich das nicht.“ Das Ergebnis habe man seit Silvester gesehen, dabei war es zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal richtig kalt. „Ich habe große Befürchtungen, dass noch weitaus mehr Menschen auf der Straße sterben, wenn die Temperaturen weiter sinken.“

Karrenbauer fordert schnelle Unterstützung. Die wäre möglich, da fast alle Hotels in Hamburg leer stehen. Die Zivilgesellschaft hat es vorgemacht: Für 120 Obdachlose wurden diesen Winter Hotelzimmer organisiert. Bei 2.000 Obdachlosen in Hamburg plus einer Dunkelziffer von ungefähr 1.000 ist das zwar nur ein Bruchteil, aber die Aktion hat Vorbildcharakter. „Wer erlebt, wie schnell die Menschen sich dort erholen, wie wichtig es für sie ist, zur Ruhe kommen zu können und dadurch auch eine Genesung zu erfahren – der kann das nur unterstützen.“ Warum die Stadt dies nicht tue, sei ihm unverständlich.

 

Projekt mit Modellcharakter

 

Die fundamentale Wirkung der Hotelunterbringung kann Nikolas Migut von StrassenBLUES e. V. nur bestätigen. Er ist der Initiator des Bündnisses „Hotels für Homeless“. Zusammen mit anderen gemeinnützigen Organisationen will StrassenBLUES 20 Menschen sicher durch den Winter bringen. Seit dem 9. November läuft die Aktion, die am 30. April endet. „Wir spüren, hören und sehen eine große Dankbarkeit bei den Menschen. Für sie ist die Aktion ein Sprungbrett, um in ihrem Leben neu anzufangen“, sagt Migut im Zoom-Interview.

Die Menschen sind in einem Hotel oder Hostel in Einzelzimmern untergebracht, werden mit Essen, Hygieneartikeln, Wäschegeld versorgt und sowohl medizinisch als auch persönlich betreut. Zudem bekommen sie Handys, um in Zeiten des Lockdowns Kontakt zur Außenwelt halten zu können. Das Hilfsangebot zielt darauf ab, die Menschen aus der Obdachlosigkeit zurück in die Gesellschaft zu führen. Viele haben keinen Personalausweis oder sind nie zur Behörde gegangen, um ALG II zu beantragen. Das wird nun nachgeholt.

Die ersten Monate wurden zum Zur-Ruhe-Kommen und zum Anschieben des Prozedere genutzt. Es galt, zu prüfen, wer überhaupt arbeitsfähig ist. Im Januar ist dann die Arbeits- und Wohnungssuche losgegangen. Nach zwei Monaten im Hotel hat kürzlich einer von ihnen eine eigene Mietwohnung gefunden. „Das ist ein absoluter Erfolg für uns“, freut sich Migut. Ein Erfolgserlebnis anderer Art gab es auch: Paddys Einzug ins Hotel wurde filmisch begleitet und ist auf der StrassenBLUES-Homepage zu sehen. Seine Ex-Freundin hat das Video gesehen und ihn kontaktiert – inzwischen sind sie wieder ein Paar.

 

Im Büro der Sozialsenatorin

 

Nikolas Migut und sein Team kümmern sich auf unterschiedlichen Ebenen. In der Vergangenheit haben sie zum Beispiel Geburtstags- und Weihnachtsfeiern organisiert und bringen so immer wieder Menschen mit und ohne Obdach auf Augenhöhe zusammen. Als Corona anfing, um sich zu greifen, war der Verein sehr schnell mit immer neuen Ideen am Start, um die Menschen auf der Straße zu unterstützen. Als der erste Lockdown im März kam, den Obdachlosen die Spenden von Passanten und die Pfandflaschen fehlten, startete StrassenBLUES spontan die Aktion StrassenSPENDE – Ehrenamtliche verteilten über 25.000 Euro Bargeld in 20-Euro-Scheinen sowie Supermarktgutscheine an Obdachlose auf der Straße. Gleichzeitig startete ein Crowdfunding, mit dem sie in kurzer Zeit 150.000 Euro sammelten und direkt für obdachlose Menschen auf der Straße einsetzten. Unter anderem verwendeten sie die Spenden für die Aktion StrassenSUPPE, die eine Woche später, am 24. März, folgte: TV-Koch Tarik Rose vom Restaurant Engel kochte und die Kollegen von recyclehero lieferten die Suppen mit ihren Lastenrädern direkt an Obdachlose aus. „Die Obdachlosen hatten Tränen in den Augen“, sagt Migut.

Bereits im April erkannte Migut, dass „Hotels for Homeless“ eine kurzfristige Lösung sei. Um das dafür notwendige Geld zu bekommen, initiierte Strassen- BLUES eine Forderungsaktion: Sie listeten auf ihrer Homepage Städte auf, die im Bereich der Hotelunterbringung aktiv waren, nannten die verantwortlichen Politiker unter anderem aus Hamburg mit dem Appell, sie zu kontaktieren und auf die Hotelunterbringung hinzuweisen. Und sie fertigten Papp-Plakate für die Obdachlosen an – die daraus entstandenen Schwarz-Weiß-Fotos gingen viral.

Nur: Die Stadt reagierte nicht. „Die Sozialbehörde hat die Hotelunterbringung von Anfang an als nicht nötig empfunden“, sagt Migut. Dabei sei sie nicht nur sinnig, sondern auch günstiger als das Winternotprogramm: Zwischen 20 und 30 Euro pro Zimmer koste eine Hotelunterbringung. „Die Argumentation der Sozialbehörde, dass man sich zuerst um den Erfrierungsschutz kümmern muss, ist falsch. Dass Erfrierungsschutz und Infektionsschutz zusammengehören, haben die bis heute nicht verstanden.“

Obwohl der Senat im April nicht auf Miguts Forderungen einging, zeichnete er StrassenBLUES im August mit dem Annemarie Dose Preis für innovative Engagement- Projekte aus. Dadurch hatte Migut die Gelegenheit, eine Stunde lang mit Sozialsenatorin Melanie Leonhard in ihrem Büro zu sprechen. Volker, ein Obdachloser (lesen Sie das Porträt auf S. 36), war mit dabei und brachte die UN-Menschenrechtscharta mit, die ein Recht auf Wohnen festlegt. Er schob sie zu Leonhard rüber und sagte: „Hier, lies das mal.“ Was folgte, war, laut Migut, eine harte, leidenschaftliche, aber auch lösungsorientierte Diskussion. Auch die Wahlversprechen der rot-grünen Koalition im Januar sprach Migut an. Dazu gehört „Housing First“, das aber „in der Finanzplanung der Stadt für 2021 und 2022 überhaupt nicht mitgedacht ist“. Leonhard sei nicht darauf eingegangen, habe nur betont, dass der Senat nun etwas für psychisch erkrankte Obdachlose tue.

 

Langfristige Planung

 

Das Prinzip „Housing First“ ist eine Alternative zum Programm der Notunterkünfte und setzt auf eine bedingungslose Unterbringung von obdachlosen Menschen. Die EU will damit bis 2030 Obdachlosigkeit gänzlich abschaffen. Trotzdem käme von den Städten nichts, so Migut, sie sagten nur, es bräuchte ein Modellprojekt. „Wir gehen das jetzt an, denn mir reicht es!“ Zusammen mit ausgewählten Experten will StrassenBLUES ein langfristiges Konzept erarbeiten, das auf drei Säulen aufbaut: Wohnen, Arbeit, Integration.

Der erste Schritt ist getan: Eine Projektstelle konnte durch Spenden finanziert werden. Jetzt sucht Migut Experten, die bei der Konzepterarbeitung mithelfen. „Mein Wunsch ist, dass wir Wohnungen nicht anmieten, sondern kaufen oder bauen und die Menschen in unseren eigenen Wohnungen unterbringen“, sagt Migut. In großem Maße dürfte das schwierig werden, aber man könne ja klein anfangen. Dafür vernetzt er sich deutschlandund weltweit mit Akteuren – auch mit dem schottischen Sozialunternehmer und „Social Bite“-Gründer Josh Littlejohn will er Kontakt aufnehmen. Littlejohn hat bereits ein Konzept in die Wege geleitet, dass obdachlose Menschen für 18 Monate unterbringt und in den Arbeitsmarkt überführt. „Hotels for Homeless“ ist eine kurzfristige Aktion für fünf Monate, „Housing First“ ist ein Projekt über Jahre.

 

A Change is gonna come

 

Auf die fünf auf der Straße verstorbenen Menschen angesprochen, macht Migut eine Pause. „Es ist schade, dass obdachlose Menschen keine Lobby haben. Und es scheint, dass die Gesellschaft einfach akzeptiert, dass Menschen im Winter auf der Straße sterben.“ Auch bei ihm: „Es reicht!“-Stimmung. „Ich bin es leid, mir anzusehen, dass für obdachlose Menschen in Hamburg zu wenig gemacht wird. Man fühlt sich ein bisschen ohnmächtig. Aber um es positiv zu formulieren: Es gibt Lösungen. Die kosten Zeit, Geld und Energie, aber es gibt sie.“ Dazu gehöre, das Winternotprogramm neu zu denken, in dem Gewalt herrscht, die Menschen ständig andere Zimmer haben und perspektivlos bleiben. „Wir als Gesellschaft müssen uns daran messen lassen, wie wir mit den Schwächsten umgehen. Und da hat Hamburg bisher ganz klar versagt.“

Was sich bisher zum Guten verändert hat, weiß Stephan Karrenbauer, der seit 30 Jahren als Sozialarbeiter in der Stadt unterwegs ist. „Als ich damals anfing, hatten wir noch die Bibby Altona unten am Hafen. Ein Schiff, das die Stadt mit Obdachlosen vollgestopft habe. Ich kenne noch die Unterbringung in einem Bunker unter dem Hauptbahnhof, ohne Fenster und Türen, mit Vorhängen vor den Toiletten. Ich kenne noch Winternotprogramme, da haben sie in den Wänden Lüftungslöcher durchgebohrt, damit Frischluft reinkommt. Das alles wurde skandalisiert und kam nie wieder. Es verändert sich jedes Jahr etwas. Man muss den Finger immer wieder in die Wunde stecken – sonst hat man aufgegeben und das tue ich nicht.“

strassenblues.de


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Hamburger des Monats – Thorben Goebel-Hansen

Südlich der Elbe gab es lange keine Unterkunft für obdachlose Menschen – bis das Deutsche Rote Kreuz letztes Jahr das Harburg-Huus eröffnete. Einrichtungsleiter Thorben Goebel-Hansen über eine Einrichtung, die ihren Gästen nicht nur einen Schlafplatz, sondern auch Hoffnung schenkt

Interview: Sophia Herzog

 

SZENE HAMBURG: Herr Goebel-Hansen, wenn Sie über Ihre Arbeit im Harburg-Huus sprechen, fällt selten das Wort „Obdachlose“ und viel häufiger „Gäste“. Welche Bedeutung hat dieses Wort für Sie?

Thorben Goebel-Hansen: Die Menschen, die zu uns kommen, sind ja nicht nur obdachlos. Sie sind auch Musikliebhaber, Fußballfans, lesen gern, sind Mutter, Vater, Oma, Opa … Das alles wird bei der Bezeichnung Obdachlose ausgeblendet. Wir wollen unseren Gästen aber einen Perspektivenwechsel ermöglichen, und auch dafür ist es wichtig, sie nicht auf die Rolle eines Obdachlosen zu reduzieren.

Erst im Juni letzten Jahres wurde das Harburg-Huus als erste Obdachlosenunterkunft in Harburg eröffnet. Warum erst jetzt?

Das kann ich nicht beurteilen. Das DRK hat schon sehr lange auf dieses Thema hingewiesen und schließlich auf die immer weiter wachsende Obdachlosigkeit in Harburg reagiert. Vielleicht hat man sich auf behördlicher Ebene auf die anderen Einrichtungen in Hamburg verlassen. In Gesprächen wurde oft auf Unterkünfte im Zentrum Hamburgs, also nördlich der Elbe, verwiesen, zu denen die Obdachlosen ja gehen könnten.

 

„Freundschaften sind auf der Straße selten“

 

Die kommen aber für die obdachlosen Menschen in Harburg nicht immer infrage …

Für viele unserer Gäste ist die Innenstadt einfach schwer zu erreichen. Erst mal muss ja eine Fahrkarte her, die kostet Geld. Außerdem hat jeder Mensch seine eigene Sozialraumorientierung – eine Gegend, in der er lebt und sich auskennt.

Für obdachlose Menschen ist es zum Beispiel wichtig zu wissen, welcher Bäcker um die Ecke ihnen mal ein Brötchen spendiert. Viele sind hier verankert, der Stadtteil ist ihr Zuhause. Freundschaften sind auf der Straße selten, wenn sie also noch soziale Kontakte vor Ort haben, wollen sie ihr Quartier nicht einfach wechseln.

Werden die 15 Schlafplätze im Harburg-Huus denn seit der Eröffnung regelmäßig in Anspruch genommen?

Wir sind so gut wie jede Nacht komplett ausgebucht. Ab und zu bleibt ein Bett frei, wenn uns Gäste, die sich telefonisch angemeldet haben oder uns zum Beispiel von einer anderen sozialen Einrichtung angekündigt wurden, dann doch nicht erreichen. Der Bedarf ist offensichtlich da, wir hatten sogar schon vor der offiziellen Eröffnung eine Warteliste.

Wir vergeben unsere Betten zuerst an die Menschen, die sie nötig brauchen, zum Beispiel weil sie gesundheitlich geschwächt sind. Auch bei Frauen sehen wir häufig eine besondere Dringlichkeit. Für sie gibt es ein eigenes Zimmer.

Wenn ein obdachloser Mensch spontan bei uns vor der Tür steht und wir ihm keinen Schlafplatz mehr anbieten können, versuchen wir kurzfristig etwas in einer anderen Unterkunft zu organisieren.

Warum kommt das Konzept des Harburg-Huus bis jetzt so gut an?

Das mag daran liegen, dass wir als Deutsches Rotes Kreuz einen Vertrauensvorschuss haben. Einige Gäste haben in der Vergangenheit vielleicht keine guten Erfahrungen mit Behörden gemacht, die oft Träger anderer Unterkünfte sind.

Außerdem erlauben wir als eine der wenigen Notunterkünfte im Hamburger Raum auch Hunde. Viele obdachlose Menschen schlafen lieber auf der Straße, als sich von ihren vierbeinigen Begleitern zu trennen.

Warum werden dann nicht in mehr Unterkünften Hunde zugelassen?

Weil es schon ein gewisser Aufwand ist. Wie vertragen sich die Hunde untereinander? Wie vertragen sich die Hunde und die anderen Gäste? Das müssen wir bei der Bettenverteilung bedenken, und deshalb muss sich auch jeder potenzielle Gast mit seinem Hund bei uns vorstellen, damit wir einschätzen können, ob das funktioniert. Außerdem geht es auch um die Folgebetreuung der Tiere. Man muss sie nicht nur unterbringen, sondern Hundefutter bereitstellen oder medizinische Versorgung. Viele Träger schrecken dabei wohl auch vor den Kosten zurück.

 

„Jeden Cent müssen wir über Spenden reinholen“

 

Wie finanzieren Sie das denn?

Wir erhalten keine öffentliche Förderung, das heißt: Jeden Cent, den wir ausgeben, müssen wir über Spenden wieder reinholen. Bei 250.000 Euro im Jahr ist das eine große Herausforderung. Mit dem DRK haben wir aber einen Träger, der Projekte wie das Harburg-Huus anschieben kann und mit seinem Namen natürlich eine gewisse Wirkung hat.

Außerdem bekommen wir Unterstützung vom Förderkreis des Harburg-Huus, gegründet von Schirmherr Rüdiger Grube. Lebensmittel liefert uns die Tafel. Die Tierarztkosten, die sich unsere Gäste für ihre Hunde nicht leisten können, übernimmt ein Hamburger Verein.

Und nicht nur das – Sie organisieren auch Lesungen im Harburg-Huus, schauen gemeinsam mit Ihren Gästen Fußball oder bieten Musik- und Zeichenkurse. Warum schaffen Sie diese zusätzlichen Angebote?

Menschen brauchen Hoffnung, auf eine gute Zukunft, auf ein gutes Leben. Deshalb ist es für uns enorm wichtig, unseren Gästen zu zeigen: Es gibt so viele Dinge im Leben, die Spaß machen. Bitte verliere nicht die Hoffnung! Deshalb wollen wir ihnen genau diese Angebote auch machen.

Zusätzlich gibt es bei uns auch eine psychosoziale Betreuung, und einmal wöchentlich kommen das Caritas Krankenmobil und ein mobiler Zahnarzt bei uns vorbei. In Zukunft planen wir noch den Ausbau der Suchtberatung.

Was sagen Ihre Gäste?

Viele sagen, dass wir eine sehr familiäre Einrichtung aufgebaut haben. Das liegt daran, dass wir überschaubare Räumlichkeiten mit einem sehr wohnlichen Gemeinschaftsraum für den Tagesaufenthalt und 15 Betten für die Übernachtung anbieten. Auf diese Anzahl kommen dann nicht nur 15 festangestellte Mitarbeiter, sondern auch noch die gleiche Zahl an Ehrenamtlichen, die zum Beispiel abends eine kleine Mahlzeit ausgeben.

Natürlich sind nicht alle gleichzeitig vor Ort. Doch es ist immer jemand da und ansprechbar, die Gäste fühlen sich wahrgenommen. Das fängt schon bei den Kleinigkeiten an. Wenn jemand Geburtstag hat, organisieren wir immer ein kleines Geschenk, also vielleicht Buntstifte für jemanden, der gerne malt. Oder einen Kuchen, den wir zusammen essen. Da fließen nicht selten Tränen, weil unsere Gäste das lange nicht mehr erlebt haben.

 

Neue Strukturen

 

Umso schlimmer ist es, dass Sie im August die Nachricht bekommen haben, dass das Gelände für Wohnungsbau verkauft wurde …

Ja, das hat uns alle schockiert und entsetzt. Als wir 2017 mit dem Vermieter der ehemaligen Gewerbeimmobilie ins Gespräch kamen, haben wir uns darauf verständigt, dass wir dieses Objekt umbauen. Wir haben über 200.000 Euro an Spenden- und Eigenmitteln dafür aufgebracht. Das wir, so wie es jetzt aussieht, in spätestens drei Jahren raus sollen, trifft uns auch angesichts dieser enormen Summe natürlich sehr.

Was passiert mit Ihren Gästen bei einem Standortwechsel?

Obdachlose Menschen brauchen sichere Strukturen. Alles, was wir hier aufbauen, das ist nicht von heute auf morgen gemacht. Das ist eine unglaubliche Vertrauensarbeit, den Menschen einen Ort zu geben, den sie in ihren Alltag integrieren können. Dass diese Strukturen eingerissen werden sollen, stimmt das Team mehr als traurig.

Wie geht es jetzt weiter?

Ich habe die Hoffnung, dass wir neue Räume finden, in denen wir ein paar Betten mehr unterbringen. Aber dieses Objekt müssen wir erst mal finden. Das Thema Obdachlosenhilfe berührt Menschen. Aber wenn ich Vermieter anspreche, schrecken die häufig zurück, weil sie Angst haben, dass sie Räumlichkeiten in unmittelbarer Nähe einer Obdachloseneinrichtung nicht mehr für den gleichen Preis vermieten können.

Wir rennen bei unserer Suche keine offenen Türen ein. Deshalb bin ich für jeden Hinweis dankbar, wo es in Harburg vielleicht eine geeignete Immobilie gibt.

Haben Sie Ihre Entscheidung, die Leitung zu übernehmen, bereut?

Nein, auf keinen Fall. Das klingt plakativ, aber ich gehe jeden Tag wirklich gerne zur Arbeit. Wir sind noch eine junge Einrichtung, das heißt auch, dass sich noch vieles entwickelt. Das finde ich spannend, weil ich dabei auch viel Neues lernen kann.

Möglichkeiten dazu habe ich hier reichlich. Die Menschen, die zu uns kommen, kommen von überall her. Die meisten aus Deutschland, einige aus Osteuropa, wir hatten aber auch schon Gäste aus Brasilien, den USA, Afghanistan, dem Iran oder Irak. Gerade in der Sozialberatung kommen also ganz viele unterschiedliche Lebensläufe zum Vorschein. Jeder Gast hat seine eigene Geschichte zu erzählen. Einen anderen Arbeitsplatz als diesen könnte ich mir gerade gar nicht vorstellen.

www.drk-harburg.hamburg


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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