3 Gastro-Tipps für einen Restaurantbesuch mit Kindern

Still sitzen – nervt. Warten – nervt. Kinder suchen Beschäftigung, auch im Restaurant. Nur: Was macht ein kinderfreundliches Restaurant aus? Wir haben gelernt: Es kommt aufs Alter der Kinder an. Und den Anspruch der Eltern. Und die wollen dahin, wo alle anderen sind. Hier drei heiße Tipps fürs Wochenende!

Frühstück im Osterdeich

Osterdeich

Klein, günstig und toll zum Kuchenessen

Als wir am Freitagnachmittag den Außenbereich des Café Osterdeich betreten, frühstückt dort ein Pärchen in der Sonne. Von Freitag bis Sonntag bekommt man hier selbst um 14 Uhr noch eine ausladende Frühstücksplatte mit Käse-Etagère und hausgemachter Marmelade (26,50 Euro für zwei Personen). Uns ist allerdings nach Mittagessen: Die Spinatquiche mit Feldsalat (5,90 Euro) schmeckt dem Vater genauso gut wie der Tochter das auf Wunsch nur mit Käse belegte Toast-Sandwich. Es duftet nach frisch Gebackenem und die beiden zutiefst sympathischen Damen hinterm Tresen sind mit einer größeren Catering-Bestellung beschäftigt. Seitdem das Osterdeich auf die Sonnenseite der Müggenkampstraße umgezogen ist, ist nicht mehr viel Platz in dem kleinen Café mit der familiären Atmosphäre. Umso gemütlicher ist es auf der Fensterbank mit den vielen Kissen. Der Aufbruch fällt uns schwer – nicht zuletzt, weil wir selten so oft angelacht worden sind wie im Osterdeich.

JP, 1 Kind (9 J.)

  • Hochstuhl
  • Niedrige Toiletten/Waschbecken
  •  Malstifte/Bücher
  •  Außensitzplätze
  • Vierbeiner willkommen!

€ Müggenkampstraße 34 (Eimsbüttel), Telefon 43 27 46 50,Mi-So 10–17 Uhr, Kreditkarten: keine; www.osterdeich.net

 

Brechtmanns Bistro, kinderverliebtes Edelrestaurant

Brechtmanns Bistro

Kinderverliebtes Edelrestaurant

Eines vorweg: Kinder sind hier sehr willkommen! Das Personal bezieht die Kleinsten auf eine sehr aufrichtige Art in das Restaurantgeschehen mit ein: noch bevor wir bestellt haben, liegt eine bemalbare Kinderkarte samt Buntstiften auf dem Tisch. Heruntergefallene Löffel sind fix ausgetauscht und zusätzliche Servietten wie selbstverständlich an den Tisch gebracht. So müssen wir uns um nichts kümmern und können uns voll und ganz aufs Essen und unseren Kleinen konzentrieren. Die Speisen im Brechtmanns Bistro sind unglaublich frisch und vielfältig. Man legt hier Wert auf saisonales und möglichst auch regionales Gemüse. Die Kinderkarte ist kurz, aber durchdacht: Fünf verschiedene Kindergerichte wie hausgemachte Fischstäbchen mit Kartoffelpüree (8,50 Euro), Nudeln mit Tomatensauce (5,50 Euro) oder gebratene Hähnchenbrust mit Gemüse und Reis (7 Euro) treffen den Kindergeschmack. Auch die Speisen und Getränke sind kindgerecht angerichtet, das Wasser ungekühlt und in einem kleinen Glas mit Strohhalm serviert. Und nach dem Essen gesellen sich sogar drei Servicekräfte zu unserem Jungen und malen mit ihm zusammen Bilder.

JVW, 1 Kind (1 J.)

  • Kinderkarte
  • Hochstuhl
  • Malstifte/Bücher
  • Platz für Kinderwagen
  • Vierbeiner willkommen!

€€€ Erikastraße 43 (Eppendorf), Telefon 41 30 58 88, Mo-Fr 12–22, Sa ab 18 Uhr, Kreditkarten: keine; EC-Karte; www.brechtmann-bistro.de

 

Pizza Bande – freundlich und entspannt

Pizza Bande

Pizza auf lässig

Lässige Kneipen sind üblicherweise keine besonders empfehlenswerten Orte für Kinder. Die Pizza Bande in St. Pauli ist zwar keine Kneipe, sieht aber von innen ein bisschen so aus. Alle Gäste werden hier gleich behandelt: freundlich und entspannt. In der offenen Küche wirbelt der tätowierte Pizzabäcker die Teigplatten durch die Luft, bestellt und bezahlt wird an der Theke. Dort stehen auch bunte Strohhalme für die Getränke bereit. Als die Thekenkraft sieht, dass Kinder dabei sind, fragt sie nach deren Namen und notiert sie auf dem Bestellbon – also doch eine kleine Extrawurst. Und siehe da: Sowie die Pizzen fertig sind, werden die Kinder ausgerufen und freuen sich über die neidischen Blicke all derer in der Warteschlange, die ihre Bestellung noch nicht abgegeben haben. Das Prinzip dieses Ladens kommt verwöhnten Gaumen entgegen: Der eine mag dies nicht, der andere das nicht? Kein Problem, hier stellt sich jeder seine Pizza selbst zusammen. Es gibt auf die Basisvariante für 5,90 Euro klassische Beläge wie Mais, exotische wie Banane und seltene wie Sucuk oder veganen Speck (Extras zwischen 1,20 und 2,90 Euro). „Ich würde da gerne öfters hingehen“, sagt die Kleine auf dem Heimweg. Na bitte.

MHO, 2 Kinder (9 & 16 J.)

  •  Malstifte
  • Platz für Kinderwagen
  • Außensitzplätze
  • Vierbeiner willkommen!

€ Lincolnstraße 10 (St. Pauli), Mo-Do 12.30–22, Fr 12.30–23, Sa 13.30–23, So 13.30–22 Uhr (Küche So-Do bis 22, Fr-Sa bis 23 Uhr), Kreditkarten: keine; www.pizza-bande.de

Legende:

€        Hauptgerichte für 5-15 Euro
€€     Hauptgerichte für 10-20 Euro
€€  Hauptgerichte für 15-25 Euro


Diese Restauranttipps finden Sie auch im neuen SZENE HAMBURG ESSEN+TRINKEN Kinder. Wir haben mit unseren Sprösslingen 100 Restaurants getestet, mit Spitzenköchen über eine gesunde Esskultur zu Hause, in Schulen und Kitas gesprochen, einen Sternekoch für Kinder kochen lassen, appetitliche Buchtipps zusammengestellt und variantenreiche Pausenbrotrezepte gesammelt. Unsre Empfehlung: Reinschauen und Entdecken!

Hamburgs erster Gastroguide für Eltern und Kinder ist ab sofort im Handel erhältlich.

So wollen wir arbeiten: Neid oder faire Bezahlung – Was bringt Gehaltstransparenz?

In der Eimsbüttler Agentur Elbdudler kennt jeder das exakte Gehalt seines Kollegen – trotzdem ist niemand neidisch. Ist Gehaltstransparenz die Zukunft unserer Arbeit?

In einer alten Kirche in Eimsbüttel hört man statt Orgelklängen und Gebeten klackernde Tastaturen und das leise Knattern der Kaffeemaschine – die Kreativagentur Elbdudler hat eines der ungewöhnlichsten Büros in Hamburg. Zuletzt hat sie aber nicht wegen ihres Standortes Schlagzeilen gemacht, sondern wegen ihres Gehaltssystems. Früher wurden hier einmal im Monat die Gehaltswünsche der Mitarbeiter im Plenum ausdiskutiert, inzwischen gibt es ein Tarifsystem. „Elbdudler ist so schnell gewachsen, da ging das irgendwann nicht mehr“, erklärt Maraike Czieslik, die als Grafikerin seit Anfang des Jahres für Elbdudler arbeitet.

Besonders spannend an der Arbeitsweise der Agentur aber ist vor allem eines: Alles ist transparent. Die Mitarbeiter können nicht nur alle E-Mails einsehen, sondern auch die Gehaltslisten der Kollegen. „Durch diese Transparenz ist das Gehalt kein großes Thema mehr“, sagt Luisa Stärk, Social-Media-Managerin im Unternehmen. Als der Leistungsdruck in ihrem letzten Job sich auch gesundheitlich bemerkbar machte, kündigte die heute 27-Jährige fristlos und bewarb sich bei Elbdudler. Inzwischen arbeitet sie seit drei Monaten in der Agentur. Wie Luisa erlebt auch ihre Kollegin Maraike die Arbeitssituation in der Agentur als entspannt: „Niemand tuschelt hintenrum über die Bezahlung des Kollegen, es gibt weniger Konflikte.“

In Deutschland wird schon seit mehreren Jahren darüber diskutiert, Gehälter transparenter zu machen.

In Norwegen ist man da hingegen schon viel weiter. Dort werden seit 2001 jedes Jahr Einkommen, Vermögen und die Steuerabgaben aller Bürger im Internet veröffentlicht. Um die Daten einzusehen, muss man sich ein Nutzerkonto im Internet anlegen. Die Bürger erfahren dann aber auch, wer ihre Gehaltsinformationen eingesehen hat.

Dass eine totale Lohntransparenz in Deutschland funktionieren würde, bezweifelt Mark Fallak. Er ist Pressesprecher des unabhängigen Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit, kurz IZA, mit Sitz in Bonn: „Bei dieser Form der Lohntransparenz müsste man hierzulande auch die verschiedenen Faktoren nachvollziehbar machen, die in Gehaltsunterschiede einfließen. Sonst drohen Neid und Missgunst.“ Aber warum funktioniert das System dann in Norwegen? Dafür nennt der Experte zwei Gründe. Erstens: „Norwegen hat eine Kultur der Offenheit und Transparenz, Deutschland eine Kultur der Privatsphäre und des Datenschutzes.“ Und zweitens: „Die Lohnlücke ist in Norwegen kleiner, das Neidpotenzial also geringer.“ Die Norweger können schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts die Gehaltsdaten auf den Ämtern einsehen. Im Gegensatz zu Deutschland ist ein offener Umgang mit Geld dort schon lange gang und gäbe. „Es ist aber wissenschaftlich nicht klar belegt, ob die Transparenz zu mehr Gleichheit geführt hat oder mehr Gleichheit die Transparenz nur akzeptabler macht“, so Fallak weiter.

In zwei Punkten kann Gehaltstransparenz aber durchaus Sinn machen.

„Mehr Transparenz soll zum einen helfen, Exzesse nach oben und unten zu verhindern“, erklärt Fallak. So wäre beispielsweise die Diskussion über die Deckelung von Top-Manager-Gehältern erst gar nicht aufgekommen, wenn das Einkommen der DAX-Vorstände geheim wäre. „Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Beseitigung von versteckter Lohndiskriminierung.“ Bei einer vergleichbaren Tätigkeit und Qualifikation liegt der Lohnunterschied zwischen Mann und Frau immerhin bei 6 Prozent. Durch transparente Gehälter fällt es Arbeitgebern schwerer, einer Frau grundlos weniger Gehalt auszuzahlen.

Das „Gesetz zur Förderung der Transparenz von Entgeltstrukturen“ , das in Deutschland im Juli in Kraft getreten ist, ist der erste Schritt in diese Richtung.

Von nun an haben Mitarbeiter eines Betriebs mit mehr als 200 Beschäftigten ein Auskunftsrecht über das Gehalt der Mitarbeiter des anderen Geschlechts. Allerdings kann man deswegen nicht gleich den Gehaltscheck des unbeliebten Kollegen vom Schreibtisch gegenüber einsehen – Auskunft bekommen Arbeitnehmer nur über das durchschnittliche Gehalt der Mitarbeiter mit einer gleichen oder vergleichbaren Beschäftigung. Und das auch nur, wenn mindestens sechs davon vom jeweils anderen Geschlecht sind. Wirkliche Transparenz, wie sie bei Elbdudler herrscht, schafft das Gesetz also nicht.

Auch wenn die totale Gehaltstransparenz in Deutschland kein universell anwendbares Modell ist, war für Elbdudler dieser Schritt sicherlich der richtige. „ Viele junge Unternehmen ziehen einen Mitarbeitertypus an, der moderne Arbeitsformen und Aspekte wie zum Beispiel Transparenz besonders wertschätzt“, so Fallak. Das schließe die Neiddebatte zwar nicht aus, federe sie aber zumindest ab. Auch Maraike Czieslik, die 25-jährige Grafikerin von Elbdudler, äußert Bedenken. „Unser Modell pauschal auf alle Unternehmen zu übertragen, ist wahrscheinlich utopisches Wunschdenken.“ Trotzdem würde sie sich einen offeneren Umgang mit Gehalt wünschen.

„Diese ‚Wir reden nicht über Geld‘-Mentalität ist leider ziemlich verwurzelt.“

Direkt nach dem Studium ist auch Maraike erst einmal auf die Nase gefallen. Ohne große Erfahrung in Gehaltsverhandlungen hat sie sich im Vorstellungsgespräch einschüchtern lassen und dann zu wenig verlangt. „Junge Menschen haben oft ein Dankbarkeitsgefühl, überhaupt arbeiten zu dürfen und nicht gleich mit fehlender Erfahrung abgespeist zu werden. Viele machen dann das Erstbeste, das sie kriegen können – auch für wenig Geld.“ Wenn das Gehalt nicht angemessen ist, sollte man erst einmal versuchen, nachzuverhandeln. Wenn auch das nicht hilft, empfiehlt Kollegin Luisa: „Wir sollten uns öfter trauen, einen Schlussstrich zu ziehen und uns nicht mit zu kleinen Gehältern abspeisen lassen.“

www.elbdudler.de

Text: Sophia Herzog


 Dieser Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte „So wollen wir arbeiten“ in der SZENE HAMBURG, November 2017. Wir wollten von euch wissen: Was – außer Geld – treibt euch eigentlich zu eurem Job? Welche Jobs machen glücklich? Und wer hat es gewagt, noch einmal ganz neu anzufangen? Für unser Titelthema haben wir Hamburger an ihren Arbeitsplätzen besucht. Das Magazin ist seit 28. Oktober  2017 am Kiosk und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


Zeit für Inklusion

Zeit für Inklusion: Am Rathaus weht die Inklusionsfahne, vier Wochen lang stehen Menschen mit Behinderungen im Mittelpunkt.

Hamburg ist inklusiv! Oder zumindest auf dem besten Weg dorthin. Seit die UN die Behindertenrechtskonvention 2006 auf den Weg gebracht hat, spielt das Thema eine immer größere Rolle in der Stadt. In Hamburg engagieren sich vor allem die Senatskoordinatorin Ingrid Körner und das Inklusionsbüro für ein gleichberechtigtes Miteinander aller Menschen. Doch obwohl die Gleichberechtigung bereits im Grundgesetz verankert ist, ist sie noch längst nicht Alltag. Vorurteile, Unsicherheiten, Unkenntnis, Ignoranz – es gibt viele Gründe, die ein gemeinschaftliches Miteinander immer noch erschweren.

Mit dem Hissen der Inklusionsfahne am Rathaus haben Carola Veit, Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft, und Ingrid Körner, Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen, die Veranstaltungsreihe „Zeit für Inklusion“ eröffnet

Darum ist es „Zeit für Inklusion“: „Es ist wichtig, das Bewusstsein der Öffentlichkeit für das Thema Inklusion zu schärfen. Nach wie vor sehen wir an vielen Orten in der Stadt, dass noch viel zu tun ist etwa in Sachen Barrierefreiheit. Denn ohne sie ist Inklusion und Teilhabe für behinderte Menschen nicht möglich“, sagte denn auch Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit, als sie am  1. November zusammen mit Senatskoordinatorin Ingrid Körner am Hamburger Rathaus die Inklusionsfahne hisste. Am 13. November beginnt  offiziell die „Woche der Inklusion“. Bis zum 4. Dezember 2017 bieten  im gesamten Stadtgebiet Sportvereine, Kultureinrichtungen, Stiftungen, Bücherhallen und Bürgervereine weit mehr als 100 unterschiedliche Veranstaltungen für Menschen mit Behinderungen an. Auch wir sind dabei: In unserer Dezember-Ausgabe der SZENE HAMBURG erscheint unser zweites Inklusions-Special.

Tipp: Der NDR sendet am 14. November 2017  im Radio (NDR 90,3) und im Fernsehen (Hamburg Journal) einen „Thementag Inklusion“.

Den Abschluss bildet die Auszeichnung „Wegbereiter der Inklusion“ im Rathaus am 4. Dezember durch Senatskoordinatorin Körner. Gewürdigt werden Projekte, Personen oder Initiativen, die sich auf den Weg gemacht haben, ihre Angebote inklusiv zu gestalten. „Mit der ‚Zeit für Inklusion‘ möchten wir auf die große Bedeutung dieses Themas für Menschen mit Behinderung aber auch für unsere gesamte Gesellschaft hinweisen. Ich freue mich, dass sich so viele Menschen in Hamburg mit Aktivitäten und Aktionen daran beteiligen“, so Senatskoordinatorin Körner.

Alle Angebote sind in einer Broschüre zusammengefasst und online erhältlich unter www.hamburg.de/inklusion

/ ILO / FOTOS: JAKOB BÖRNER


 Die erste Inklusionsbeilage ist erschienen im Juni 2017 – mit viel Herzblut eines großartigen inklusiven Teams. Doch trotzdem sind wir längst nicht Weltmeister in dem Thema. So kapitulierten wir zum Beispiel an der Erstellung einer wirklich barrierefreien Ausgabe. Denn das würde bedeuten, dass dieses Magazin auch für Sehbehinderte problemlos zu lesen ist (große Schrift, wenig Text – siehe Beispiel Seite 16) und auch gleichzeitig noch in einfacher Sprache erscheint. Wir haben uns in diesem Fall dagegen entschieden. Denn vor allem wollen wir mit diesen Specials vor allem eines: Das Thema in der Welt der Menschen ohne Behinderung platzieren, sensibilisieren, Ängste nehmen, aufklären, denn so fängt Inklusion bereits an. Wichtig auch: Fragen stellen, sich trauen. Und verstehen: Wir sind alle Menschen – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, Religion, sexuellen Orientierungen oder Behinderungen!

Hamburger des Monats: Konzertveranstalter Karsten Jahnke

Karsten Jahnke setzt seit den 1960er Jahren auf sein Bauchgefühl – und hat damit nicht nur seine Konzertagentur groß gemacht, sondern von Herbert Grönemeyer bis Depeche Mode auch zig Künstlerkarrieren aufgebaut. Diesen Monat feiert Jahnke seinen 80. Geburtstag. Ein Gespräch über Jazz in der Blütezeit, Agenten auf Abwegen und den „schönsten Veranstaltungsort Hamburgs“

SZENE HAMBURG: 
Karsten Jahnke, mal 
was ganz Einfaches zu Beginn: Nennen Sie die Top 3 der aktuellen Media Control Charts.

Karsten Jahnke: Die kenne ich nicht (lacht).

Andrea Berg, Helene Fischer und Mert. Legen Sie keinen besonderen Wert darauf zu wissen, was der breiten Masse gerade gefällt?

Das habe ich eigentlich noch nie. Ich bin nämlich der Meinung, dass 
eine hohe Chartplatzierung nicht 
unbedingt bedeutet, dass es auch konzertmäßig läuft. Klar, bei Helene Fischer und Andrea Berg ist es anders, aber es gab auch schon Künstler, die waren Nummer eins, aber deren Konzerte besuchte niemand.

Sehen Sie den Zeitgeist grundsätzlich als sekundär wichtig im Konzertgeschäft?

Zumindest ist es doch bezeichnend, dass die alten Stars wie Elton John immer noch die Säle füllen. Ein weiteres Beispiel ist der mittlerweile leider verstorbene Joe Cocker. Deren Publikum kommt seit Jahrzehnten, um sie zu sehen, und akzeptiert inzwischen auch Eintrittspreise, von denen man vor 20 Jahren noch dachte: never, ever.

Ich war immer stolz auf mein Bauchgefühl

Die gestiegenen Preise sind die Reaktion der Künstler und Veranstalter auf den Zerfall der Musikindustrie: Ausbleibende Plattenverkäufe werden durch teure Tickets aufgefangen.

Richtig. Früher sind die Leute auf Tour gegangen, damit sie ihre Platte weitere 1 Million mal verkaufen konnten. Heute sind Chartkünstler froh, wenn sie zumindest 8.000 Kopien loswerden. Erstaunlich ist allerdings, dass ein Künstler wie Gregory Porter, der zudem ja eindeutig dem Genre Jazz zuzurechnen ist, 250.000 Exemplare von seinem „Liquid Spirit“-Album in Deutschland verkauft hat. In meinen Augen einen erfreuliche Entwicklung …

… sicher auch, weil Ihnen das Genre seit Jahrzehnten bekanntlich am Herzen liegt.

Genau. Ich habe ja noch die Blütezeit in den 50ern mitgemacht. Damals gab es eigentlich nur Jazz, Rock kam erst ein Jahrzehnt später auf.

In den 60er Jahren  haben Sie dann auch begonnen, neben Ihrer Arbeit als Kaufmann erste Konzerte zu veranstalten. Wie hat sich damals der eine mit dem anderen Job die Waage gehalten?

Es war mein Vater, der meinte, ich solle etwas Vernünftiges lernen. Also habe ich eine Ausbildung zum Im- und Exportkaufmann gemacht und als solcher auch zehn Jahre gearbeitet. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie einige meiner damaligen Kollegen und ich es geschafft haben, regelmäßig nach Feierabend Konzerte zu organisieren. Irgendwann sagte jedenfalls mein Chef zu mir, ich solle mich mal selbstständig machen – als Konzertveranstalter.

Wobei Ihnen Ihre Kaufmannslehre 
sicher nicht geschadet hat.

Im Gegenteil, sie war enorm wertvoll. Es gibt ja genügend Beispiele in der Musikbranche, wo Leute zwar tolle Ideen hatten, aber nicht kalkulieren konnten. Die sind dann über den Jordan gegangen.

Sie hingegen hatten dauerhaft Erfolg. Was hat Ihnen dabei denn mehr geholfen: Der Sinn fürs Wirtschaftliche oder ein Händchen für die richtigen Künstler?

Ich war immer stolz auf mein Bauchgefühl. Klar, kein Mensch ist davor gefeit, sich zu irren, aber wenn man wirklich überzeugt von einer Band ist, ist es nicht so schlimm, wenn es mit ihr konzerttechnisch nicht gut läuft. Schlimm ist, wenn man eine Band angeboten bekommt, die man gar nicht haben will, sie aber trotzdem annimmt, und man dann Verluste macht. Ich habe immer Bands auf Tour geschickt, zu deren Konzerten ich selbst gerne gegangen wäre. Deshalb habe ich mich auch nie geärgert, wenn ich Geld verloren habe.

Ich bin kein Nostalgiker

Irgendwelche anderen Ärgernisse?

Sie erwähnten meine Vorliebe für Jazz. In der Vergangenheit kam es vor, dass manche Künstleragenten diese Vorliebe überhöht und mich als reinen Jazz-Veranstalter gesehen haben, was natürlich nicht stimmte. Wir wollten zum Beispiel mal Jamie Cullum nach Hamburg holen, haben ihn aber nicht bekommen, weil sein Agent „nicht mit einem reinen Jazz-Veranstalter“ zusammenarbeiten wollte. Das hat mich schon sauer gemacht. Ich meine, wir haben ja wirklich Konzerte von Acts aus jedem denkbaren Genre veranstaltet …

… bis auf Klassik.

Ja, denn da kenne ich mich nicht aus. Man könnte mir sagen: „Das hier ist der bedeutendste japanische Konzertpianist aller Zeiten!“ Und ich würde ihn weder kennen noch beurteilen können.

Hat das Geschäft in den 60ern und 70ern womöglich generell mehr Spaß gemacht, weil der Kontakt zwischen Künstlern und Veranstaltern noch deutlich enger war?

Tatsächlich hatte man damals als Veranstalter noch das Gefühl, man säße mit den Künstlern in einem Boot. Natürlich, es musste Geld eingespielt werden, aber man hat immer gemeinsam geguckt, wie man zum Beispiel Kosten reduzieren kann. Heute, speziell im internationalen Geschäft, hat man vor einer Tour gar nicht mehr die Möglichkeit, die Künstler zu sprechen – und wehe, man tut es trotzdem und auf eigene Faust, dann sind die Agenten und Manager stinkig.

Und die nationalen Künstler: Wie 
ist das generelle Verhältnis zu ihnen derzeit?

Mit denen konnte und kann man nach wie vor gut reden und auch vernünftige Deals machen. Jemand wie Johannes Oerding geht bei uns ein und aus. Dadurch kann man Ideen, die man für eine Tournee hat, auch viel besser kommunizieren.

Kennen Sie denn Nostalgie-Gefühle?

Ich bin kein Nostalgiker. Klar, es gab in den 70ern diesen einmaligen Deal mit Insterburg & Co., der war ein Traum. Die haben jedes ihrer jährlich 150 Konzerte ausverkauft – und das acht Jahre lang. Wir haben dann immer alles durch fünf geteilt, weshalb wir in der Konzertagentur auch immer Geld hatten und die Verluste aus anderen Tourneen auffangen konnten. Ich war und bin aber niemand, der Geld anhäuft. Der Laden muss nur laufen, das ist das Wichtigste.

Allgemein glaube ich, dass es keinen schöneren Beruf gibt als meinen

Ihr Gewinn war das Finanzielle, der Gewinn der Künstler waren langlebige Karrieren. Auf welche blicken Sie besonders gerne zurück?

Wir haben ja 20 Jahre Grönemeyer gemacht, und am Anfang haben wir eine Tournee organisiert mit nur 80 Besuchern pro Abend. Es gab sogar ein Konzert in Berlin, vor dem mich der Tourleiter anrief und meinte: „Wir haben jetzt 14 Karten verkauft, und wenn wir bis 21 Uhr auf 20 kommen, spielen wir.“ Eine Minute nach neun waren dann tatsächlich 21 Karten verkauft, und Grönemeyer musste vier Zugaben spielen (lacht). Auf so was bin ich schon ein bisschen stolz. Auch Westernhagen haben wir aufgebaut. Und Depeche Mode! Die füllen immer noch Stadien – nur leider nicht mit uns.

Depeche Mode haben in den 80er Jahren unter anderem  auf der Freilichtbühne im Stadtpark gespielt, die Sie als schönsten Veranstaltungsort Hamburgs bezeichnen …

… und das trotz Elbphilharmonie. Ich habe auch mal davon geträumt, im Winter, bei Schnee, dort etwas zu machen. Aber der Charme der Freilichtbühne liegt ja vor allem in dieser wunderbaren grünen Buchenhecke. Wenn die im Herbst und Winter braun oder gar nicht zu sehen ist, fehlt etwas.

Nun haben Sie für Ihre veranstalterischen Errungenschaften schon zig Preise bekommen, wurden „Hamburger des Jahres“ und für Ihr „Lebenswerk“ geehrt. Was hat Ihnen bisher am meisten geschmeichelt?

Allgemein glaube ich, dass es keinen schöneren Beruf gibt als meinen, weil ich unzählige Leute glücklich machen kann, indem ich Konzerte für sie veranstalte. Das bedeutet mir am meisten.

Interview: Erik Brandt-Höge / Foto: Steven Haberlandt

www.kj.de

Eimsbüttel 2040 : Wie kann die Stadt wachsen?

Eimsbüttel 2040 Die Stadt wächst. Auf knapp 2 Millionen soll die Einwohnerzahl in den nächsten 20 Jahren steigen. Hamburg gehört mit 9,1 % Wachstum (Quelle: Institut der Deutschen Wirtschaft) zu den Spitzenreitern in Deutschland, nur Berlin wächst schneller. Doch wo kann die Stadt eigentlich wachsen? Und wie? Eimsbüttel will vorbereitet sein. Und hat als erster Bezirk ein räumliches Leitbild vorgelegt

Wenn es um eine wachsende Stadt geht, steht Eimsbüttel vor einer ganz besonderen Herausforderung: Der Bezirk ist nicht nur der kleinste der sieben Hamburger Bezirke, sondern auch der am dichtesten besiedelte – 14 Prozent der Einwohner leben hier auf gerade mal 6 Prozent der Fläche. Und Eimsbüttel ist begehrt. Allerdings gibt es weder große Flächen, noch alte Krankenhäuser oder Kasernen, die sich umwandeln ließen. Hinzu kommt der Flughafen als große Begrenzung. Die Rahmenbedingungen seien knackig, sagt denn auch Bezirksamtsleiter Kay Gätgens (Foto). Aber: „Wir wollen das Wachstum gestalten und nicht hinterherlaufen.“ Und dabei geht er ungewöhnliche Wege: Um das Konzept „Eimsbüttel 2040“ auf die Beine zu stellen, durften die Eimsbüttler selbst auch mitreden. „Hier soll niemand vor vollendete Tatsachen gestellt werden“, betont er.

Über eine Online-Befragung, Ständen auf Wochen- und Weihnachtsmärkten sowie Workshops an Schulen mit rund 70 Kindern wurden seit Sommer 2016 Ideen und Hinweise in die Planungen einbezogen. Wichtigstes Thema dabei: „Mobilität und Infrastruktur“. Zu groß sind offenbar die Konflikte zwischen Radfahrern, Autofahrern und Fußgängern. Gefordert wurde allerdings nicht nach einer Entscheidung zwischen Auto oder Fahrrad, sondern: Für wen brauchen wir mehr Platz? „Das ist eine ganz andere Diskussion“, betont Gätgens. Die Antwort ist eindeutig: Auch in Eimsbüttel wächst der Wunsch nach mehr Flächen für Radverkehr. „Das passt zum weltweiten Trend“, betont Gätgens. „Barcelona, Amsterdam und Kopenhagen machen vor, in welche Richtung es geht.“

Fünf wichtige Leitthemen wurden in dem Konzept erarbeitet. Oberstes Gebot: Die Stadt braucht qualitätsvolle Grünflächen. Der Erhalt und die Schaffung neuer Grün- und Erholungsflächen werden von 27 Prozent der Befragten als wichtigstes Zukunftsthema benannt. Die Landschaftsachse aus Grünzügen, Forst, Parks und Wasserflächen soll – so die daraus resultierenden Planungen – über ein verbessertes Wegenetz zu kleineren Grünflächen gestärkt werden. Einig sind sich die Befragten vor allem auch darin: Wenn es um das Thema Bauen geht, dann sollten Grünflächen davon komplett ausgeschlossen werden.

Die Zentren in den Stadtteilen sollen zu „lebendigen Kernen“ ausgebaut werden, die sich vor allem durch eine gute Mischung aus Einkaufen, Wohnen und öffentlichen Plätzen zusammensetzen. Flächenpotenzial böten hier vor allem gering bebaute Grundstücke, gewerblich genutzte Parkplätze oder niedrige Gebäude. Aktuell macht sich der Bezirk wenig Sorgen um den Wohnungsbau. „Wir liegen heute mit 1600 Wohneinheiten weit über unserer Planzahl von 1050“, sagt Gätgens stolz. Das werde sich auch in den nächsten Jahren nicht ändern. Der Bezirk muss aber nicht nur entsprechende Flächen für Wohnraum, sondern auch eine passende Infrastruktur für die heutigen und künftigen Einwohner zur Verfügung stellen.

Auch neue Schnellbahnen sollen dem Wachstum gerecht werden. So sei der Ausbau des Schnellbahnnetzes der stärkste Motor für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung, so Gätgens. Vor allem Lokstedt und Stellingen würden von dem geplanten Bau der U5 profitieren, Eidelstedt und Schnelsen von der S21.

Weiteres Leitthema in dem Gesamtkonzept sind „attraktive Magistralen“. Würde sich erstmal der Hauptverkehr dank eines ausgebauten Schnellbahnnetzes unter die Erde verlegen, böten die großen Verkehrsachsen gute Entwicklungsperspektiven. Lärm und Emissionen nehmen ab, die Straßen könnten zu „urbanen, attraktiven Straßen mit Aufenthaltsqualität“ umgestaltet werden. „Und vielleicht wird die Grindelallee dann auch tatsächlich wieder zur Allee“, wagt Gätgens den Blick nach vorn.

Auch beim Thema Gewerbe hat die Verwaltung Pläne. Hier ginge es aufgrund fehlender Flächen vor allem darum, Gewerbe mit hohem Arbeitsplatzanteil und geringem Platzbedarf weiterzuentwickeln.

Eimsbüttel 2040: Bis zum 30.November 2017 mitreden!

Das Leitbild sei natürlich dynamisch, betont Gätgens. „Wir maßen uns nicht an, zu wissen, wie die Stadt in 20 bis 30 Jahren aussehen wird. Aber wichtig ist ein Rahmen.“ Dieser soll regelmäßig alle 2 bis 5 Jahre überprüft werden. Das Konzept wurde jetzt auch im Stadtplanungsausschuss vorgestellt und der politischen Diskussion übergeben. Auch die Bürger dürfen und sollen sich weiter beteiligen. Bis zum 30. November können sie das Leitbild online einsehen und über die Kernthesen abstimmen. Anfang 2018 soll das Leitbild dann beschlossen werden. „Es ist gut, konzeptionell aufgestellt zu sein“, so Gätgens. „Für die eigene inhaltliche, aber auch die politische und öffentliche Diskussion ist es gut, klare Vorstellungen zu haben.“

/ Text und Beitragsbild: Ilona Lütje /

www.eimsbuettel2040.de