Hamburger des Monats – Schwimm-Meister Frank Dobirr

Seit 40 Jahren sorgt Frank Dobirr in Hamburgs Schwimmbädern für Sicherheit. Sein Wunsch: Lasst uns mehr Rücksicht aufeinander nehmen – unser Hamburger des Monats Juli

Text und Interview: Ulrich Thiele
Foto (o.): Jakob Börner

SZENE HAMBURG: Herr Dobirr, sind Sie Schwimmmeister oder Bademeister?

Ich bin Schwimm­meister – und zusätzlich noch Saunameister.

Was ist der Unterschied?

Bademeister ist ein medizinischer Beruf. Das geht in Richtung Masseure und hat viel mit Wannen­ und Wasser­anwendung zu tun. Ein Schwimm­meister kümmert sich um die Wasser­aufbereitung, die Sicherheit, Verfah­renstechniken, die angewendet werden, um die Wasserqualität sicherzustellen, Schwimmunterricht, Kindergeburts­tage und Animation, Sauna, Kasse, Per­sonal. Im Alltagsgebrauch wird aber auch der Schwimmmeister als Bade­meister bezeichnet.

Warum wollten Sie Bade-, pardon: Schwimmmeister werden?

Ursprünglich wollte ich Masseur werden. Aber auf die 40 Ausbildungs­stellen kamen über 1.000 Bewerber, da habe ich mir nicht so viele Chan­cen ausgerechnet. Da ich aus dem Schwimmsport kam, haben mir Bekannte meiner Eltern die Hamburger Wasserwerke empfohlen, die damals für die Schwimmbäder zuständig waren. Also habe ich mich da beworben – zum Glück.

Von den 40 Jahren als Schwimm­meister haben mir 39,5 Jahre richtig Spaß gemacht. Ich liebe meinen Beruf, die Herausforderung, die Abwechslung. Das Arbeiten mit den Kunden und Kollegen ist sehr vielschichtig, was ich damals gar nicht so erwartet hatte. Letztendlich besteht der Beruf aus 15 verschiedenen Berufsfeldern.

 

„Wir müssen den menschlichen Körper kennen“

 

Und zwar?

Wir Schwimmmeister müssen uns mit Reinigungstechniken auskennen, mit dem Kassenwesen, mit Verwaltungs­aufgaben, dem Wassergehalt, der Auf­sicht, der Sauna. Wir können auch handwerkliche Aufgaben übernehmen.

Wir müssen die Physiologie des menschlichen Körpers kennen, wie die Lage der Organe oder die Funktion der Leberwerte und welche Symptome ein Herzinfarkt hat, damit wir entsprechend reagieren können. Meine Frau ist Krankenschwester, als ich meinen Meister gemacht habe, hat sie nur gestaunt, was ich alles lernen musste.

Wie sieht ein typischer Tagesablauf aus bei so vielen Aufgaben?

Das kommt darauf an, ob ich Früh-­ oder Spätschicht habe …

Sagen wir Frühschicht …

Meine Frühschicht fängt in der Wo­che um halb sechs an. Zuerst teile ich das Personal ein. Dann geht es mit den Reinigungsarbeiten los: Ich messe die Wasserparameter, überprüfe, ob die Temperaturen überall stimmen und ob die Betriebssicherheit gegeben ist. Dann reinige ich das Schwimmbad und gegen halb sieben kommen die ersten Gäste – ab dann machen wir zu zweit Aufsicht. Zwischendurch kommt die Ablösung und ich springe derweil in anderen Bereichen ein: Kassenablösung, Sauna­aufgüsse. Nachmittags um halb drei kommt die Spätschicht zur Übergabe.

 

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Die Freibadsaison ist eröffnet! (Foto: Joe Pizzio)

 

Was sind die häufigsten Zwischenfälle?

Es gibt immer mal wieder Unfälle, wenn Gäste barfuß am Beckenrand zu schnell laufen und ausrutschen. Oder wenn ein Gast rückwärts schwimmt und mit einem anderen zusammenstößt – dann gibt es mal eine Beule. Manch­mal gibt es auch Meinungsverschieden­heiten zwischen Badegästen.

Hören die Gäste auf Sie?

Wenn ich dem Gast in einer sach­lichen Sprache erkläre, warum das, was er macht, jetzt gerade nicht angesagt ist, dann hört er in der Regel auf mich. In den seltensten Fällen muss ich mir mal Unterstützung bei den Kolle­gen in Uniform holen. Ich bin jetzt fast 40 Jahre dabei. Wenn unsere Badegäste in die Halle kommen, erkenne ich schon, wen ich im Auge behalten muss.

Woran erkennen Sie das?

Das ist einfach ein Bauchgefühl, erfahrungsbedingt. Mit der Zeit habe ich gelernt, Menschen anhand ihrer Körpersprache zu beurteilen.

Was ist die auffälligste Veränderung in den 40 Jahren?

Handys. Die Smartphone-­Zombies laufen nicht nur auf der Straße herum. Eltern kommen mit ihren Kindern zu uns, scrollen dabei permanent auf ih­ren Smartphones. Manchmal sehe ich, wie Kleinkinder mit Windeln unbeauf­sichtigt am Beckenrand herumlaufen oder sich über das Wasser beugen – da müssen sie nur das Gleichgewicht ver­lieren, um kopfüber ins Wasser zu fallen. Dieser sorglose Umgang mit dem Leben der Kinder ist schon auffällig.

Wie reagieren Sie in so einem Fall?

Wenn wir feststellen, dass ein vier­jähriges Kind allein herumläuft, spre­chen wir es an und fragen, wo seine Eltern sind. Die stellen wir dann zur Rede: „Sie haben Ihre Aufsicht vernach­lässigt. Wenn was passiert, werden Sie Ihres Lebens nicht mehr froh.“ Meist kommen die Eltern ganz schön ins Schwitzen, wenn man ihnen die Kon­sequenzen klar aufzeigt.

Es ist nicht so, dass wir keine Lust haben, auf die Kinder aufzupassen – aber das ist die Verantwortung der Eltern.

Sind die Eltern überhaupt einsichtig?

Viele reagieren empfindlich, des­wegen muss ich mit viel Fingerspitzen­gefühl das Gespräch versachlichen. Dann zeigen sich die meisten Eltern auch einsichtig. Es gibt aber auch sol­che, die das nicht einsehen, nach dem Motto: „Wir haben Sie ja schließlich be­zahlt.“ Wir sind aber keine Kita. Und im Schwimmbad müssen kleine Kin­der einfach besonders gut beaufsichtigt werden, vor allem wenn sie noch nicht schwimmen können.

 

„Es dauert nicht lange, bis ein Kind ertrunken ist“

 

Mussten Sie schon rettend eingreifen?

Einmal ist ein zwölfjähriges Mäd­chen auf der Beckenkante abgerutscht und ins Wasser gefallen. Zum Glück konnte ich schnell eingreifen. Das Mäd­chen hatte einen Stimmritzenkrampf, deswegen ist kein Wasser in die Lunge gekommen. Aber ihr Gesicht war schon taubengrau. Das ist ein schrecklicher Anblick.

Es dauert nicht lange, bis ein Kind ertrunken ist, und genau deswe­gen ist die Aufsichtspflicht der Eltern so wichtig. In diesem Fall haben die Eltern allerdings ihre Aufsichtspflicht nicht verletzt, da das Mädchen schon zwölf und allein im Schwimmbad war.

Was ging in dem Moment in Ihnen vor?

In solch einem Moment kippt ein Schalter um – klack – und dann gilt nur noch: Reagieren. Machen. In dem Mo­ment war ich ganz klar und der Erste­-Hilfe­-Film lief wie automatisiert vor meinen Augen ab. Alle Sinne liefen auf Hochtouren. Entspannen konnte ich mich erst wieder, als die Entwarnung aus dem Krankenhaus kam. Leider be­kommen wir nicht immer eine Info, wie es den Gästen nach einer Rettung geht. Das ist dann sehr heftig für meine Kol­legen und mich, weil wir ja keine Ent­warnung erhalten.

Wie haben die Eltern reagiert?

Ich meine mich zu erinnern, dass die Eltern sich bei mir gemeldet und bedankt haben. Aber früher kam öfter, auch mal nach kleineren Unfällen, ein Dankeschön. Heute wird das immer seltener.

Woran liegt das?

In dem Hollywood­-Film „Avatar“ gibt es einen Schlüsselsatz, der die Ent­wicklung ganz gut verdeutlicht. Die Figuren in dem Film sagen dort: „Ich sehe dich als Wesen.“ Das verschwindet in unserer Gesellschaft. Es wird nicht mehr die Person gesehen, sondern nur noch der Nutzen, der Vorteil, der aus ihr gezogen werden kann. Und was man an die Person abgeben, damit man sich selbst aus der Verantwortung ziehen kann.

Die Zwischenmenschlichkeit, die Wärme, das Miteinander­nett­umge­hen – das wird leider immer weniger. Und seien es nur kleine Gesten im All­tag, wie auch einem Fremden die Tür aufzuhalten.

 

„Ich hole sie aus ihrem Alltag heraus“

 

Was tun Sie dagegen?

Wenn ich an der Kasse sitze, mache ich mir oft einen Spaß mit den Leuten. Wenn eine Familie kommt und 13,70 Euro bezahlen muss, sage ich 1370 Cent. Sie gucken dann erst mal erschrocken, weil die Summe so riesig ist, ehe es ih­nen klar wird. Ich hole sie erst mal aus ihrem Alltag heraus. Die Menschen sind oft im Kopf noch ganz woanders, sodass sie völlig hektisch hier herein­ kommen und sofort in die Sauna stür­men wollen. Ich sage ihnen dann: „Kommen Sie erst einmal an, die Sauna ist ein Bereich der Ruhe.“

Das Leben ist so schnell, was auch wieder mit den Smartphones und der permanenten Errreichbarkeit zu tun hat, dass die Leute sich überhaupt nicht mehr erholen.

Was geben Sie den Hamburgern mit auf den Weg ins Bad?

Nehmt Rücksicht auf die anderen. Alle sollen Spaß haben. Aber es gibt Spielregeln. Wer von der Kante ins Was­ser springt, sollte vorher nachsehen, ob da auch niemand im Wasser ist. Er­wachsene sollten ein positives Vorbild für die Kinder sein. Und hört bitte auf die Anweisungen des Personals. Wir wollen nur sichergehen, dass jeder wie­der heil nach Hause kommt.

Bäderland.de


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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Hamburger des Monats – Anne de Wolff

Die Musikerin Anne de Wolff spielte schon mit Popgrößen wie Bosse, Elif oder BAP zusammen. Eines ihrer Herzensprojekte neben der Musik ist das Benefizkonzert der Stiftung „Initiative Courage“

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Rene van der Voorden

SZENE HAMBURG: Anne, du hast ja einen traumhaften Wintergarten hier bei dir zu Hause …

Anne de Wolff: Danke. Ja, hier haben wir auch schon oft geprobt. Zum Beispiel mit Bosse die „Leise Landung“. Oder mit Mark Forster das zdf@bauhaus. Mit Elif, mit Tokunbo, Stoppok und sogar mit BAP. Natürlich alles nicht in voller Lautstärke. Aber dennoch: Wir haben sehr freundliche Nachbarn, die das geduldig aushalten.

Erzähl doch mal, was du als Musikerin genau machst.

Ich bin Multi-Instrumentalistin. Angefangen hat alles mit der Geige, doch da fühlte ich mich später musikalisch zu sehr eingeschränkt. Nicht jede Band braucht in jedem Song ein Geigengeräusch, deshalb hatte ich schnell Lust, meine klangliche Bandbreite zu erweitern und es kamen unter anderem Bratsche, Akkordeon, Percussion, Cello, ein bisschen Gitarre, Mandoline und Posaune dazu.

Du spielst nicht nur auf der Bühne, sondern arbeitest auch im Studio, das praktischerweise auch hier im Hause ist …

Genau. Vieles nehme ich hier zusammen mit meinem Mann Ulle (Gitarrist Ulrich Rode, Anm. d. Red.) auf. Es kommen oft Musiker zu uns, die noch Farben für ihr Album suchen, so wie letzte Woche zum Beispiel Fayzen. Für Niels Frevert und Johannes Oerding haben wir gerade ein paar Streicher aufgenommen. Momentan bereiten wir das neue BAP-Album vor.

 

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In ihrem Wintergarten hat Anne de Wolff (48) schon mit Bosse geprobt

 

Hast du dir schon einmal gewünscht, du hättest einen anderen Beruf?

Nein, Musik spielte schon in meiner Kindheit eine wichtige Rolle und ließ mich seitdem nie los. Dazu kam noch ein bisschen Glück. Eigentlich hätte ich nie gedacht, dass ich von Musik leben kann – erst recht nicht so lange. Ich dachte früher, Popmusik wäre eher etwas für junge Frauen, da ich quasi keine Instrumentalistinnen jenseits der 40 kannte.

Leider gibt es aber generell einfach ziemlich wenige „Sidefrauen“ – ich frage mich immer, warum? Mittlerweile spiele ich mit vielen unglaublich tollen, zum Teil auch erheblich jüngeren Musikern und Musikerinnen und empfinde dies als sehr bereichernd. Man kann sich gegenseitig inspirieren und voneinander lernen.

Ein anderes Thema. Du bist Schirmherrin der Stiftung Initiative Courage. Wie kam es dazu?

Ich habe die Initiatorin dieser Stiftung, Karin Schmedt, kennengelernt. Und als wir uns unterhalten haben, sprach sie mir so aus der Seele: Ich finde es schlimm, dass Leute sich die ganze Zeit über Missstände beschweren, ohne selbst initiativ zu sein. Dieses passive Gemecker strengt mich an. Ich habe lange nach etwas gesucht, wo ich mich engagieren kann.

Was macht die Stiftung?

Sie schenkt Kindern, denen das nicht möglich ist, schöne Momente. Momente, in denen sie respektiert und wertgeschätzt und dadurch gestärkt werden. Karin macht das beispielsweise für Kinder in Kinderheimen und für Flüchtlingskinder. Aber auch für Kinder, die es offensichtlich zuhause schwerer haben. Damit sie merken, dass es auch Gutes gibt.

 

Fußball-Camps und Reisen ins Wunderland

 

Welche Momente sind das?

Sie betreut mehrere kleinere Initiativen, für die sie Geld sammelt. Es gibt zum Beispiel ein Fußballcamp und die „Wunderlandreisen“, bei denen die Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit ihren Familien eine Woche in den Urlaub fahren können. Es gibt Trommelgruppen und auch eine Zusammenarbeit mit der HipHop Academy. Diese Aktionen unterstützen wir mit dem Geld, das wir unter anderem bei dem jährlichen Benefizkonzert einnehmen.

Und die Organisation des Konzertes ist dein Part …

Genau. Ich kümmere mich um die Bands und stelle das Programm auf. Und natürlich wickle ich die Koordination im Vorfeld ab. Woher kommt der Flügel, wer sponsert den, wie bekommen wir ihn in unsere Location, die Markthalle? Ist der Fahrstuhl groß genug? Es ist übrigens ganz wundervoll, wie schnell alle Musiker immer Lust hatten, dabei zu sein. Das waren in den letzten Jahren unter anderem Aino Löwenmark, Jon Flemming Olsen, das Tingvall Trio, von Brücken, Johannes Oerding, Fayzen, Tokunbo, Diane Weigmann, Phil Siemers …

Die Markthalle steht ja unter anderem auch für soziale Nachhaltigkeit. Eine perfekte Partner-Location …

Die Markthalle ist so großartig und unterstützt uns seit Anfang an – jetzt schon das fünfte Jahr. Bis 2018 war das Konzert eher eine Veranstaltung für Sponsoren, in diesem Jahr wollten wir das Ganze öffnen, um auch andere Menschen für das Thema zu sensibilisieren und weitere Spenden zu generieren. Wir hatten Spendenboxen aufgestellt, und die Eintrittsgelder gingen komplett an die Stiftung. Es war toll, mit den Leuten von der Markthalle zusammenzuarbeiten. Die haben uns den kompletten Tag alles für einen sehr geringen Unkostenbeitrag für Personal zur Verfügung gestellt.

Zurück zum passiven Meckern: Woran liegt es, dass viele Menschen zwar ständig nörgeln, aber nicht aktiv werden?

Gefühlt prasseln auf uns täglich Unmengen von Geschichten ein über Gewalttaten, Umweltsünden, Kriege und Menschen, die betrügen oder schlecht zueinander sind. Zudem fällt es immer schwerer, Dinge in Gut oder Böse einordnen zu können, da alles unheimlich komplex ist in diesen Zeiten der Globalisierung und des Internets. Angesichts dessen fühlt man sich oft überfordert und neigt dazu, immer misstrauischer zu werden. Daraus entstehen dann oft diese Wut und Hilflosigkeit, die unser Leben eigentlich traurig macht, weil das Geschimpfe am Ende nur uns selbst schadet.

Hast du einen Vorschlag, wie es besser gehen kann?

Ich halte es für ganz wichtig, trotz allem davon auszugehen, dass die meisten Menschen gut sind. Dabei hilft ungemein, selbst die Initiative zu ergreifen, sich im Kleinen irgendwie zu engagieren. An jeder Ecke gibt es Gruppierungen, man kann sich etwas aussuchen, das einem liegt. Das könnte das Einkaufen für eine Oma sein und Gespräche mit ihr. Man verbessert so nicht nur das soziale Miteinander, sondern auch das eigene Leben. Man lernt andere tolle, liebevoll engagierte Menschen kennen und spürt die Dankbarkeit und Freude der Menschen, die man unterstützt. Diese kleinen Dinge machen am Ende das große Ganze aus und damit unsere Welt besser.

Annedewolff.de

Sic-stiftung.de


Szene-Hamburg-juni-2019 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2019. Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Jan Schierhorn

Wenn etwas Schönes um ihn herum passiert, bekommt Jan Schierhorn eine Gänsehaut – und die hat er oft. Kein Wunder bei den vielen sozialen und Herzens-Projekten, die er umsetzt. Ein Gespräch über die organische Revolution, Koexistenz und vergessene Menschen.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Andrea Rüster

SZENE HAMBURG: Jan, neben den vielen Projekten, die du machst, ist „Das Geld hängt an den Bäumen“ deine große Liebe?

Jan Schierhorn: Genau. Damit verbringe ich auch 80 Prozent meiner Lebensarbeitszeit aus vollster Überzeugung. Wir sammeln mit, wie wir sie nennen, vergessenen Menschen, vergessenes Obst und machen daraus Säfte und Schorlen. Mit dem Verkaufsertrag schaffen wir neue Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung, Geflüchtete oder Langzeitarbeitslose. All diejenigen, die viel zu oft in ihrem Leben gehört haben, sie seien nichts wert, sie können nichts und werden das auch niemals. So werden aus Hilfe-Empfänger Steuerzahler.

Wie fangt ihr die Menschen, die bei euch arbeiten, auf?

Ich glaube nicht an Inklusion, solange mein Nachbar mir das größere Auto oder den Urlaub neidet. Da können noch so viele Gesetze geschrieben werden, das muss von der anderen Seite kommen. Gleichwohl finde ich es wichtig, dass sich Leute dafür einsetzen, um dieses Wort zu beleben. Unser Ansatz ist, dass jeder was kann. Und jeder, der hier was lernt wie Obstbaum- oder Gehölzschnitt, bringt es wiederum anderen bei.

Dadurch erfahren sie eine Wertigkeit, die dazu führt, dass einige unserer Mitarbeiter nicht mal mehr mit ihrem Therapeuten sprechen müssen, weil ihre Persönlichkeitsentwicklung so enorme Schübe macht, sie sich da durch beispielsweise von ihrer Tabletten- oder Alkoholsucht selbst heilen. Oder depressive Phasen treten nicht mehr auf. Durch ein fast familiäres Arbeitsumfeld, in dem freundschaftliches, soziales Miteinander stattfindet, entsteht ein sicherer Rahmen, in dem sie Ver trauen entwickeln, sodass sie sich auch in Konfliktsituationen öffnen. Das ist ein stabiles Fundament.

 

„Bei uns läuft vieles intuitiv“

 

Habt ihr begleitendes Fachpersonal oder ist es eine Art Therapie durch Arbeit?

Wir machen es nicht programmatisch. Bei uns läuft vieles intuitiv. Aber seit einem halben Jahr ist Johanna, eine Psychologin, bei uns, die an den wöchentlichen Gruppensitzungen teilnimmt. Weil wir mittlerweile so gewachsen sind, war uns ein professionelles Korrektiv wichtig, damit es weiterhin gut läuft, Spaß macht und sich auch Erfolge zeigen, sowohl auf der persönlichen, als auch der betriebswirtschaftlichen Seite.

Gab es einen Initialauslöser, dich vorrangig sozial zu engagieren?

Meine Kinder. Als von ihnen die ersten Fragen kamen, wieso ich im Leben das eine so, das andere so mache, wollte ich ihnen ehrlich antworten. Dabei habe ich festgestellt, dass meine fertigen Antworten auf die Lebensfragen, die eines Singles waren. Und nicht die eines Vaters, der nicht nur seine Generation auf dem Radar haben muss, sondern auch die nachkommenden. Da habe ich klar gespürt, die persönliche Verantwortung endet nicht an der eigenen Haustür, sondern zieht viel mehr Konsequenzen nach sich. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich diese Korrektur in meinem Leben schon vor etwa 13 Jahren machen durfte.

Du wirst im April 50, hast viel gemacht und erreicht. Sind deine Visionen ausgelebt?

Noch lange nicht. Ich möchte mich immer mehr ökonomisch-politisch einbringen, denn da liegt die Kraft der Veränderung. Und so den dringend notwendigen gesellschaftlichen Wandel mitgestalten. Ich lebe ja beide Seiten, die altruistische und die betriebswirtschaftliche. Und die wirtschaftlichen Mantren, die das ständige Weiterwachsen einfordern, sind totaler Schwachsinn, und werden vor allem von einer alten Generation aufrechterhalten.

Früher habe ich gedacht, es braucht eine Revolution, die mit ganz viel aggressiver Kraft das System verändert. Aber ich erlebe gerade, dass die Revolution schon voll im Gange ist. Es sind unsere Kinder, die plötzlich aufstehen und den alten Glaubenssätzen nicht mehr vertrauen. Unsere Kinder strecken die Hände aus und greifen nach dem Ruder der Gesellschaft. Dabei laufen mir die Tränen runter, denn das ist eine Revolution, die organisch ist, menschlich und gut für das Leben.

 

„Wozu brauche ich 20 Paar Turnschuhe?“

 

Könnte die Gemeinwohl-Ökonomie ein Teil des Wandels sein?

Ich bin Fan davon, regionale Kreisläufe aufzubauen. Ich muss keinen Saft nach München transportieren, die machen da auch tolle Säfte. Ich brauche auch kein Pangasiusfilet aus der Südsee. Wasser in Flaschen abzufüllen, einer der größten PR-Tricks, ist so ein großes ökonomisches und ökologisches Desaster, außer für die wenigen Shareholder. Es muss eine Evolution von alten in neue Geschäftsfeldern stattfinden. Nestlé zum Beispiel könnte das Geschäftsmodell „Wasser“ transformieren, indem sie an jede Kommune im Land Wasser-Förderanlagen vermietet. Es geht nicht darum zu beschneiden, es geht immer um Koexistenz und um eine intelligente und sinnhafte Ressourcennutzung.

Auch auf Seiten des Verbrauchers …

Wozu brauche ich 20 Paar Turnschuhe? Wofür brauche ich all den Mist, den ich anhäufe? Weil die innere Leere durch Äußeres gestillt wird. Das ist von unserer Wirtschaft, die wir alle mitanfeuern, so gewollt und auch deren Motor. Und wenn wir hier keine neuen Denkmodelle zulassen, wird unsere Gesellschaft die Konsequenzen zu tragen haben.

Aber eine deiner sechs Firmen, dein Moneymaker Baudek & Schierhorn, verteilt Produktproben für Markenartikler, die genau in diese Kerbe schlagen …

Ja, das stimmt. Und das ist meine größte Polarität, die ich im Leben habe. Aber keine meiner Firmen gauckelt etwas vor, was nicht ist. Es geht nie um Manipulation. Meine Agentur verteilt Produktproben in einem Umfeld, in das sie passen wie zum Beispiel beim Bäcker Frischkäseproben. Dabei brauchen wir keine künstlich geschaffenen Welten, denn der Kunde kann ein – fach das Produkt ausprobieren und sich frei entscheiden, ob er es mag oder scheußlich findet. Aber das grundsätzliche Spannungsfeld ist vorhanden.

Deshalb steht auch in der Satzung der meisten meiner Firmen, dass zehn Prozent des Erlöses an soziale Projekte gespendet werden.

Was wünscht du dir für dich?

Ich möchte ein guter Vater für meine Kinder sein. Und wahrhaftig durchs Leben gehen – mit klarem Verstand und offenem Herzen.

www.dasgeldhaengtandenbaeumen.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Petra und Anne von KulturLeben

Mit kostenlosen Tickets für Theater und Konzerte will der Verein Kulturleben Hamburg prekär lebende Menschen aus der Vereinsamung holen. Vor Kurzem haben die Geschäftsführerin Petra Schilling (links) und Anne Busch, Projektkoordinatorin, den Kulturklub gegründet, der sich speziell an Kinder richtet.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Torben Averkorn

SZENE HAMBURG: Petra und Anne, welche Vision steht hinter Kulturleben Hamburg?

Petra: Kulturleben Hamburg wurde Anfang 2011 als Verein gegründet und die ersten vier Jahre komplett ehrenamtlich betrieben. Der Impuls für die Idee kam damals aus der Tafel-Bewegung, denn das Prinzip lässt sich ja auf viele Bereiche in unserer Gesellschaft übertragen, in denen Teilhabe für Menschen mit geringem Einkommen nicht oder nur sehr begrenzt möglich ist.

Von unseren Kulturpartnern bekommen wir Eintrittskarten als Spende, die wir kostenfrei an unsere Kulturgäste weitervermitteln. Da die Vermittlung über uns läuft, muss niemand an der Abendkasse etwas vorweisen wie einen ALG II-Bescheid, das ist für die meisten sehr wichtig.

Mittlerweile haben sich rund 8.000 Kulturgäste bei euch angemeldet. Wuppt ihr das noch immer ehrenamtlich?

Petra: Aktuell engagieren sich bei uns rund 50 Menschen ehrenamtlich. Alles, was für unsere Arbeit an Kosten anfällt wie Miete, Telefonanschlüsse, Flyer bezahlen wir aus Spendengeldern. Mitte 2015 konnte der Verein dank einer Projektförderung von der Sozialbehörde die Teilzeitstelle schaffen, auf der ich heute arbeite. Das Hauptamt hat noch mal ganz neue Energien freigesetzt, denn in den letzten beiden Jahren ist die Anzahl der Teilnehmer um 60 Prozent gestiegen.

Die Nachfrage ist immens hoch und steigt weiter. Rein ehrenamtlich wäre das mittlerweile nicht mehr machbar. Aber im Kern bleiben wir eine Organisation, die vom Ehrenamt getragen wird. Das ist ein wichtiger Teil unseres Selbstverständnisses.

 

„Wir möchten Kultur als gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen“

 

Wie geht es weiter?

Petra: Wir wollen unser Angebot so vielen Menschen wie möglich zugängig machen. Im kommenden Jahr steht für uns daher die Gewinnung neuer Kulturpartner und der Ausbau unseres bereits bestehenden Netzwerks ganz oben auf der Agenda. Kurz gesagt, wenn die Gästezahlen steigen, brauchen wir auch mehr Kartenspenden, damit wir unser Angebot in gleicher Qualität aufrechterhalten können. Denn wir möchten ja nicht nur zwischendurch mal ein schönes Einzelerlebnis anbieten, sondern regelmäßig Kultur als gelebte gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.

Ihr habt eine Einkommensgrenze festgelegt, die dazu berechtigt, sich bei euch anzumelden. Dabei fallen einige durchs Raster, die gerade so daran vorbeirutschen und sich dennoch keine Kultur leisten können …

Petra: Ja, die gibt es bestimmt. Aber wir mussten eine für uns vertretbare Grenze ziehen. Auch die Kulturhäuser, die öffentliche Gelder erhalten, müssen nachweisen, an wen sie Karten umsonst abgeben. Wir bemühen uns, eine gute Mitte zu finden, so dass wir möglichst viele Menschen mitnehmen, aber auf der Anbieterseite kein Haus verlieren.

Ihr vergebt eure Karten paarweise. Warum?

Petra: Ja genau, in der Regel bekommt jede Person zwei Karten. So können unsere Kulturgäste jemanden ihrer Wahl als Begleitung mitnehmen. Zum einen wirkt das der Vereinsamung entgegen, und zum anderen können die Leute so auch mal wieder jemanden einladen. Das bekommen wir oft zurückgespiegelt, dass es für die Menschen ein besonders schönes Erlebnis ist, mal wieder in der Lage zu sein, einem anderen etwas zu schenken, da viele ja schon seit Jahren prekär leben.

 

„Für viele ist schon das Überschreiten der Stadtteilgrenze ein ungewohnter Schritt“

 

Leben Menschen an der Armutsgrenze oft einsam?

Anne: Ja, Armut ist stark mit Isolation und Einsamkeit verbunden. Die Betroffenen ziehen sich immer mehr zurück. Wir möchten dagegen anarbeiten und den Menschen eine Möglichkeit geben, wieder teilzuhaben. An der Kultur, aber auch an der Gesellschaft. Die Gelegenheit, mal rauszukommen, über den Tellerrand zu blicken und mal was anderes zu sehen. Für viele ist schon das Überschreiten der eigenen Stadtteilgrenze ein ungewohnter und manchmal auch herausfordernder Schritt. Hier wollen wir Mut machen.

Bewirkt die Armut in der Familie auch bei den Kindern Rückzug?

Anne: Oft leben auch die Kinder isoliert. Das hat auch viel mit Scham zu tun. Ein Grund kann der beengte Wohnraum sein oder das, was es bei ihnen zu Hause zu Essen gibt. Die Scham führt dazu, dass sie keine Freunde mit nach Hause bringen mögen. Das fängt früh an, dass sich die Kinder dann ins Familiäre zurückziehen. Gleichzeitig sind die Familien aber auch mehrfach von enormen Stressfaktoren belastet.

Deshalb habt ihr im letzten Jahr den Kulturklub gegründet, der speziell Kinderveranstaltungen vermittelt?

Anne: Wir haben letztes Jahr das Pilotprojekt auf St. Pauli gestartet und wollen jetzt unser Netzwerk, das auf Kinder und Familien ausgerichtet ist, auf andere Stadtteile ausweiten. Auf Seiten der Sozialpartner kooperieren wir beispielsweise mit der GWA auf St. Pauli, der Ganztagsschule im Viertel und mehreren Beratungsstellen für Familien. Für Kinder ist die kulturelle Teilhabe enorm wichtig und kann Weichen für die Zukunft stellen. Der Kulturklub will dazu beitragen, die bestehende sozial bestimmte Chancen-Ungerechtigkeit für Kinder auszugleichen.

 

„Wir bauen auf die Neugierde von Kindern“

 

Kultur hat dazu die Kraft?

Anne: Sie ist auf jeden Fall ein Teil des Pakets, das notwendig ist, um Kinder zu bestärken und aus ihrem Alltag herauszuholen, in dem sie oft mit schwerwiegenden Problemen konfrontiert sind. Beim Theater- oder Konzertbesuch finden sie vielleicht neue Anstöße zu Themen, die sie beschäftigen. Gleichzeitig haben sie einen Raum, ihre Erlebnisse zu reflektieren und eine neue Perspektive zu entdecken. Das kann den Bildungsweg weiter ebnen. Wir bauen auf die Neugierde von Kindern und hoffen, dass sie von dem Angebot profitieren und daraus etwas für ihre Zukunft mitnehmen.

Wenn schon das Verlassen des eigenen Stadtteils eine Herausforderung ist, wie schwer fällt es euren Gästen, ein Theater zu betreten?

Petra: Wir bekommen häufig mit, dass die Hemmschwelle da ist. Das ist auch der Grund, warum wir noch ganz altmodisch den Telefonhörer in die Hand nehmen und nicht online vermitteln. Viele unserer angemeldeten Kulturgäste würden ohne unseren Anruf nicht losgehen. Das liegt auch an teilweise ganz alten Bildern. Dass man zum Beispiel nur im Pelzmantel in die Oper gehen oder im Schauspielhaus keine Jeans tragen darf. Unser Team versucht im Vorfeld, die vorhandenen Schwellen ängste abzubauen und die Menschen zu motivieren, sich auf das Wagnis Kultur einzulassen.

KulturLeben Hamburg e.V.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Benjamin Wenke von Bracenet

„Save the seas, wear a net!“ Zwei Hamburger fertigen aus Geisternetzen, die aus den Ozeanen gezogen werden, zeitlose Armbänder. Wie diese dazu beitragen, die Meere zu retten, erzählt Benjamin Wenke im Interview

SZENE HAMBURG: Benjamin, wie ist das Ganze entstanden?

Benjamin Wenke: Auf die Idee kamen wir vor drei Jahren, als Madeleine und ich an der Ostküste von Afrika unterwegs waren. Wir sind dort häufig am Strand gewesen, sind viel geschnorchelt, getaucht, und wir haben da überall diese Fischernetze gesehen. Große, tief unter Wasser, aber auch Stücke am Strand. In allen Farben, wir waren wirklich überrascht, in welcher Farbenpracht es diese Netze gibt. In einigen hatten sich Schildkröten verfangen, es war grauenvoll, und da war uns klar, dass wir etwas tun wollten. Und dass es aber nicht reichen würde, Videos und Fotos ins Internet zu stellen – da sieht man dann zwar ein schockierendes Bild, scrollt aber weiter und hat das nächste lustige Katzenvideo auf dem Schirm, über dem man alles schon wieder vergisst. Wir haben also eine andere Idee gesucht.

 

„Irgendwann haben wir uns ein Stück Netz über das Handgelenk gelegt“

 

… und das waren dann die Armbänder.

Genau. Wir wollten etwas daraus herstellen, was genauso beständig ist wie die Netze selbst. Man kann daraus beispielsweise feines Yarn fabrizieren, das dann in Teppiche oder Polyester-Kleidung eingearbeitet wird. Bei uns sollte das Produkt aber noch als Netz erkennbar sein. Wir saßen also da in Afrika am Strand, haben gegrübelt und uns irgendwann ein Stück Netz über das Handgelenk gelegt. Da war gleich klar, wir machen Armbänder daraus: Bracenet – Save the seas. Wear a net. Und so war die Idee geboren.

Und dann?

Dann haben wir den Rest des Urlaubs damit verbracht, so viele Netze einzusammeln wie möglich. Im letzten Dorf, in dem wir waren, in Tansania, haben wir alles, was wir in den Rucksäcken hatten, verschenkt und diese mit Netzen vollgestopft. Zu Hause haben wir weiter zum Thema Geisternetze oder ghostnets recherchiert und landeten dann bei zwei Organisationen: Healthy Seas und Ghostfishing, die zwei größten niederländischen Meeresschutzorganisationen in diesem Bereich. Zu der Zeit gab es etwa 50 freiwillige Taucher, die regelmäßig Netze geborgen haben, vor allem in der Nordsee vor den Niederlanden und im Mittelmeer. Die haben wir dann kontaktiert und bei unserem Meeting war Healthy Seas direkt begeistert von der Idee.

 

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Und mit denen arbeitet ihr immer noch zusammen?

Ja, genau. Seitdem hat sich eine ganz, ganz enge Partnerschaft gefestigt. Wir gehen gemeinsam auf Bergungsfahrten von Netzen. Aus denen, die sich eigenen, stellen wir dann die Armbänder her. Zehn Prozent des Verkauf-Erlöses geht wieder an Healthy Seas zurück, damit noch mehr Geisternetze aus dem Meer geholt werden können. Mittlerweile können sie, unter anderem auch durch unsere Spenden, 150 Taucher beschäftigen, und es sind viel mehr Einsatzgebiete dazugekommen: im Libanon, in Neuseeland, in Griechenland.

Wie groß sind die Netze denn, die aus dem Meer gezogen werden?

Sehr unterschiedlich. Manches sind nur kleine Stücke, andere sind aber mehrere hundert Meter lang.

Wieso landen überhaupt so viele Netze im Meer?

Es gibt zwei Hauptursachen. Eine ist das absichtliche Versenken. Wenn die Netze so defekt sind, dass sie nicht mehr geflickt werden können, werden sie einfach über Bord entsorgt, ist ja am einfachsten. Oder, was immer häufiger der Fall ist: Weil sich die Fischbestände durch die Überfischung zurückziehen und sich bei Wracks oder an Riffen verstecken, folgen die Fischer ihnen. Und da ist die Gefahr, mit dem Netz hängen zu bleiben, natürlich um einiges größer. Aus Sicherheitsgründen muss das Netz dann gekappt werden, da das Schiff sonst kentern könnte. Melden tut das natürlich dann kaum einer.

Und wie wird aus den herausgefischten Netzen dann ein Bracenet? Die sind doch bestimmt total spakig, wenn sie aus dem Wasser kommen. Reinigt ihr die selber?

Da kommt unser dritter Partner ins Spiel, die norwegische Firma Nofir. Dort werden die Netze gesammelt, durchgewaschen und selektiert. Die wissen mittlerweile, welche Netze nur noch zum Recyceln taugen und welche wir gut verarbeiten können. Gut erhaltene Netze, in tollen Farben werden inzwischen direkt für uns zur Seite gelegt. Sobald ein Lkw in Richtung Deutschland fährt und noch einen freien Platz hat, mieten wir uns diesen an.

Ihr bastelt die Armbänder aber nicht mehr alle selber zusammen, oder?

Mittlerweile arbeiten wir mit vier Behindertenwerkstätten in Hamburg, Duisburg und Neumünster zusammen, die uns neben unserem eigenen achtköpfigen Team unterstützen.

 

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Gib mir mal eine Hausnummer, welchen Umfang hat das Ganze denn? In Netzen und Geld?

Wir haben mittlerweile knapp drei Tonnen Netze zu Armbändern verarbeitet. Und die letzte große Spende haben wir während der Fußball-WM auf der großen Bühne der Berliner Fanmeile übergeben, fünf Minuten, bevor das Deutschland-Spiel angefangen hat. Das waren 20.000 Euro an Healthy Seas. Und 4.000 Euro an Sea Shepherd, mit denen wir eine Kooperation zum Schutz der Schweinswale in der Ostsee hatten. Es gibt noch etwa 500 Schweinswale und da haben wir eine Special-Edition mit 500 Bracenets mit Schweinswal-Anhänger hergestellt, wovon pro Stück jeweils acht Euro an die Organisation gingen.

Wer kauft denn so ein Bracenet?

Ein großer Teil wird über unsere Website oder über unsere Retailer erworben, die sich eines bestellen. Es gibt aber auch viele Firmen, die auf uns zukommen. Vor kurzem haben wir Bracenet zum Beispiel bei der Otto-Group und dem Forschungsinstitut Senckenberg vorgestellt und auf das Problem der Geisternetze und der Vermeidung von Plastik aufmerksam gemacht. Auch mit der Körber Stiftung haben wir zusammengearbeitet. 2017 haben wir ein Event zum Schutz der Ozeane begleitet, bei dem bundesweit 600 Schüler teilgenommen haben. Jeder Schüler trägt seitdem ein Bracenet und so konnten wir bei der sehr wichtigen jungen Generation auf das Problem der Meeresverschmutzung aufmerksam machen.

Ihr versucht also nicht nur, über den Verkauf der Bracenets Spenden zu generieren, sondern auch das Bewusstsein der Menschen für das Problem zu schärfen?

Ja, genau, und auch bei unseren Firmenkunden. Wir versuchen immer, gemeinsam mit ihnen zu überlegen, wie auch sie selbst ein Stück nachhaltiger agieren können. Zum Beispiel gehören aktuell 16 große Airlines zu unseren Kunden, die Bracenets in ihren Bordshops verkaufen. Nun sind Airlines ja aber nicht ganz unschuldig an der Umweltverschmutzung und deshalb haben wir in Gesprächen gemeinsam nach Lösungen gesucht, wie sie grüner werden können – wenn das Thema Nachhaltigkeit wichtig ist, reicht es nicht, nachhaltige Produkte zu vertreiben. Wir wollten nicht, dass sie sich sozusagen von ihrer Verantwortung freikaufen, indem sie Bracenets anbieten.

Was sind das für Lösungen?

Island Air beispielsweise bringt jetzt den ersten Flieger in die Luft, der komplett plastikfrei sein wird, ohne Plastikbesteck oder -becher. Und die Netze an den Sitzen, in denen die Zeitschriften aufbewahrt werden, könnten künftig aus unseren Geisternetzen bestehen. Insgesamt verlagert sich unser Schwerpunkt immer mehr in Richtung Prävention, damit gar nicht so viele Netze in den Ozeanen landen. Damit verbringen wir immer mehr Zeit, mittlerweile fast 50 Prozent.

Was tut ihr da so?

Wir haben zum Beispiel zwei Studenten, die ihre Master-Thesis aufgrund von Bracenet zu dem Thema „präventive Arbeit“ schreiben. Die entwickeln ein Netz, das trackbar ist und sich wesentlich früher auflöst als ein herkömmliches und somit eine geringere Gefahr für die Meerestiere darstellt – die Netze, die bislang verwendet werden, zerfallen erst nach 600 bis 800 Jahren, und auch dann nur zu Mikroplastik. Diese neuartigen Netze werden wir mit einer irischen, nachhaltigen Fischerei testen, mit der wir bereits zusammengearbeitet haben.

Die Fischer stehen dem Ganzen also auch positiv gegenüber?

Manche. Wir versuchen, die beiden Welten miteinander zu vernetzen, und das gelingt immer besser. Mittlerweile gibt es sogar Fischer, die sich bei uns oder einem unserer Partner melden und uns ihre alten Netze anbieten, statt sie wie bisher im Meer zu versenken. Oder es gibt Familien, die von uns gehört haben, und im Urlaub am Strand Netze sammeln.

 

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Wart ihr schon vorher im Umweltschutz tätig?

Nein. Ich war zuletzt bei Bosch und habe da das Marketing für zwei Startups in der Automotive-Industrie geleitet. Und Madeleine war Head of Art Buying bei BBDO, einer großen, internationalen Kommunikationsagentur.

Der Background war bestimmt nützlich …

Ja, auf jeden Fall. Wir hatten Bracenet nebenberuflich als Herzensprojekt, gestartet bei dem wir etwas Gutes tun konnten. Und standen dann aber irgendwann am Scheideweg: Sollten wir das Ganze weiter nebenbei laufen lassen, mit Nachtschichten, weil es doch immer mehr wurde. Oder ob wir unser Erspartes, was eigentlich für eine Weltreise nach unserer Hochzeit gedacht war, in Bracenet investieren, unsere Jobs kündigen und das ohne zu wissen, ob alles klappt, wie wir es uns gewünscht haben.

Und es passiert offenbar einiges. Aber warum habt ihr keinen Laden, in dem ihr die Bracenets verkauft?

Das würde eine Unmenge Geld für Miete, Inventar und Personal kosten. Das wollen wir nicht, denn für die Summe kann man eine Menge Netze aus den Ozeanen holen. Aber wir haben mittlerweile viele Partner, Juweliere und vor allem auch Surf- und Tauch- Shops, die Bracenets verkaufen. Das ist für uns die bessere Lösung.

Interview: Maike Schade
Foto: Bracenet

Hier werden Bracenets verkauft: Ringe Anke Baumgarten, Colonnaden 43 (Neustadt); bracenet.net



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Ines und David vom Welcome Dinner – Hamburger des Monats

Sich einfach mal kennenlernen, hilft sich zu verstehen, finden Ines und David. Dafür organisieren sie „Welcome Dinner“, um Hamburger und Geflüchtete für einen Abend an einen Tisch zu bringen.

SZENE HAMBURG: Ines und David, nach drei Jahren und mehr als 2.500 Dinner, die ihr organisiert habt, welche Bilanz zieht ihr?

David: Ich bin stolz darauf, was Welcome Dinner geleistet hat. 2.500 Dinner bedeuten etwa 10.000 Hamburger, Einwohner und Gäste, die mitgemacht haben. Davon haben sich laut unserer Umfrage mehr als die Hälfte der Teilnehmer ein zweites Mal oder öfter wiedergetroffen. Es sind Freundschaften und Beziehungen entstanden. Das hat eine enorme Wirkung.

Ines: Ich bin beeindruckt, wie viele Hamburger mitgemacht haben, dass so viele Leute bereit waren, zu sich nach Hause einzuladen. Denn das ist ja was sehr Persönliches. Und wir Deutschen sind oft keine großen Gastgeber und laden nicht wie in anderen Ländern sofort zu uns nach Hause ein. Aber auch, dass die Erlebnisse so positiv waren, hat mich überrascht. Als wir gestartet sind, habe ich eigentlich damit gerechnet, dass es auch mal heikel werden könnte.

Gab es noch nie Schwierigkeiten?

Ines: Nichts Gravierendes. Natürlich gab es mal Rückmeldungen, dass es dem Gast nicht geschmeckt hat oder dass er zu spät war. Es kam auch schon mal vor, dass Gäste kurzfristig abgesagt haben. Aber die allermeisten Dinner laufen sehr gut. Um Missverständnisse zu vermeiden, raten wir jedem Gastgeber, vorher kurz mit dem Gast zu sprechen. Wir schicken den Gastgebern vorab auch ein PDF mit Tipps, zum Beispiel steht da, was Halāl bedeutet. Aber Flüchtlinge definieren Halāl so unterschiedlich. Einige trinken sogar Alkohol, obwohl sie „halal“ angekreuzt haben.

Wie wird man Gastgeber?

David: Das geht ganz einfach. Auf unserer Internetseite kann sich jeder, der möchte, mit einem Wunschtermin eintragen. Wir melden uns dann etwa vier Tage vor dem Dinner und vermitteln den Gast. Es soll für alle einfach sein. Es reicht, beim üblichen Abendbrot einfach zwei Teller dazuzustellen. Es geht nicht darum, ein üppiges Essen zuzubereiten. Es zählt die Geste und das Zusammenkommen.

Ines: Die Dinner haben schon in verschiedensten Locations stattgefunden, bei Familien, einmal haben Bewohner eines Seniorenzentrums eingeladen, WGs, Firmen, Schulklassen. Zwar ist unser Ansatz, dass die Leute nach Hause einladen, weil es ein starkes Zeichen ist, die eigene Tür zu öffnen, aber wir sind offen für alles.

Ihr habt sicherlich auch Dinner bei euch veranstaltet?

David: Am Anfang haben wir einige Dinner gegeben und uns mit einer Familie, die wir darüber kennengelernt haben, oft getroffen. Aber wir haben uns schnell darauf konzentriert, all unsere Kapazität in Welcome Dinner als Organisation zu stecken. Weil wir da einen viel größeren Hebel unserer Wirkung haben.

 

„Das große politische Problem wird plötzlich menschlich“

 

Ines: Uns fehlte irgendwann die Zeit, weil wir so viel organisieren und auch das Team zusammenhalten und entwickeln wollten. Wir konnten jetzt gerade zwei Minijobber einstellen mit Geldern, die wir von der Robert Bosch Stiftung bekommen haben und mithilfe eines Preisgeldes der Google Impact Challenge. Wir erhoffen uns durch die zusätzliche Arbeitskraft, dass das Welcome Dinner noch mal einen Push bekommt. Denn momentan gibt es viel mehr Flüchtlinge, die gerne teilnehmen würden, als angemeldete Gastgeber.

Kann ein einzelnes Abendessen überhaupt etwas bewirken?

David: Das Abendessen dreht alles. Das große abstrakte politische Problem wird plötzlich menschlich. Die Hamburger haben nach den Begegnungen nicht mehr „die Flüchtlingswelle“ und „die Flüchtlinge“ im Kopf, sondern „ihren Mohamed“, von dem sie genau wissen, aus welchen Gründen er nach Deutschland gekommen ist. Sie kennen dann einen konkreten Menschen mit seinen Problemen, seinen Stärken und Schwächen. Wenn wir die Menschlichkeit in das Thema reinkriegen, haben wir gewonnen. Und dann können wir auch alle politischen Fragen diskutieren.

Ines: Für viele war der Abend horizonterweiternd. Die meisten Flüchtlinge finden es toll, eine deutsche Wohnung und ein deutsches Abendessen kennenzulernen und die Möglichkeit zu haben, einfach mal Fragen zu stellen und ihr Deutsch zu üben. Viele erzählen uns, dass sie seit Jahren hier leben, aber noch nie eingeladen wurden. Und dass der Abend für sie der schönste seit ihrer Ankunft war. Auch die Flüchtlinge sind verunsichert, was die Deutschen von ihnen denken. Die Stimmung ist aufgeheizt und es steht so viel in der Presse.

Also Integration auf kleinster Ebene …

Ines: Es stärkt das Verständnis füreinander. Wir sagen nicht, dass alles rosig ist, aber wir alle sind Menschen mit Problemen und Sorgen. Natürlich kann man auf politischer Ebene für Abschiebungen sein, aber der Mensch dahinter sollte trotzdem gesehen, seiner Geschichte mitfühlend begegnet werden, unabhängig von der politischen Meinung. Wir wollen das Menschliche im Miteinander stärken.

Braucht es dies vermehrt in Hamburg?

Ines: Es hat sich schon sehr viel in Hamburg und ganz Deutschland verändert. Es gibt viel Schwarz-Weiß-Denken, viel Ablehnung und auch Hass.

 

„Empathie wird schnell mit Naivität gleichgesetzt“

 

Woran machst du das fest?

Ines: Das, was Leute bereit sind zu sagen, und was mittlerweile toleriert wird, hat sich stark ausgeweitet. Gerade die „Merkel muss weg“-Demos zeigen auch, dass Hamburg nicht nur bunt und tolerant ist, sondern, dass die Stadt auch eine andere Seite hat.

David: Die Debatten sind viel schärfer und die Gräben sind tiefer geworden. Ich bemerke in jeder Diskussion eine Aggressivität, die es oft nicht mehr zulässt, dass man am Ende zusammen ein Bierchen trinkt, wie es früher möglich war. Egal, welche politische Meinung jeder hat.

Ines: Vor allem die Empathie geht momentan verloren. Jeder sollte anderen Menschen mit Respekt begegnen und erst einmal zuhören. Dann kann man sich immer noch eine Meinung bilden. Aber Empathie wird schnell mit Naivität gleichgesetzt. Und Verständnis mit Gutmenscherei. Das ärgert mich sehr oft.

Wer setzt das gleich?

Ines: Die Menschen, die skeptisch gegenüber Flüchtlingen sind, und die wir versuchen zu überzeugen, bei Welcome Dinner mitzumachen.

Kann man diese überzeugen?

Ines: Ja, wir haben auch schon öfter erlebt, dass den Leuten, die anfänglich skeptisch waren, ein Treffen die Augen geöffnet hat. Sie haben verstanden, womit die Menschen, die hierherkommen, zu kämpfen haben.

Liegt es an dem geschützten Raum, in dem die Dinner stattfinden?

Ines: Man muss schon sehr gefühlskalt sein, wenn man seinem direkten Gegenüber sagt: „Ich lehne dich ab.“ Diese Ablehnung passiert meist auf einer abstrakten Ebene, denn da ist es einfach.

David: Wir fordern gerade auch Menschen auf, ein Dinner zu geben, die kritisch gegenüber Grenzöffnungen sind. Denn auch die Menschen, die nicht Hurra schreien, wenn Merkel sagt, „Wir schaffen das“, sollten einen Abend lang mal ihr Herz aufmachen, denn am Ende des Abends sind sie schlauer und reicher.

Ein anderes Thema. Ihr habt euch für den Deutschen Nachbarschaftspreis beworben, der Anfang September an 48 Stunden Wilhelmsburg ging. Bis vor Kurzem war Horst Seehofer Schirmherr. Findet ihr den Gedanken nicht absurd, möglicherweise einen Preis entgegenzunehmen, dessen Schirmherr für Abschottung steht – also entgegengesetzt eurer Ziele?

Als wir uns beworben haben, stand noch nicht fest, dass Seehofer Innenminister und damit Schirmherr wird. Aber wir haben ein Ziel, das wir verfolgen, und finden das wichtiger als Herrn Seehofer. Und wenn uns die Nominierung für diesen Preis mehr Gastgeber bringt, lassen wir uns nicht von einem Herrn Seehofer ablenken, der meint, er müsse sich mit populistischen Sprüchen profilieren. Auf die Schirmherrschaft haben wir reagiert, indem wir ihn eingeladen haben, ein Dinner zu geben. Leider haben wir noch keine Antwort bekommen.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Michael Kohls

Anmeldungen und weitere Infos unter www.welcome-dinner.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2018. Das Magazin ist seit dem 29. September 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Jennifer Schulze a. k. a. Maku Gold

Die Tänzerin Jennifer Schulze a. k. a. Maku Gold war Deutsche Meisterin sowie Europameisterin im Breakdance, ist Theater-Choreografin und bringt seit Jahren Kindern und Jugendlichen das Tanzen bei. Ein Gespräch mit der 24-Jährigen über HipHop als Möglichkeit zur Selbstverwirklichung.

SZENE HAMBURG: Jenny, kann Breakdance die Welt bewegen?

Jenny Schulze: Definitiv!

Inwiefern?

Breakdance ist ein Element der HipHop-Kultur, und im HipHop geht es darum, aus dem, was man macht und ist, etwas Neues zu schaffen. Das ist bewegend, und wenn man es größer fast: weltbewegend.

Du hast als 13-Jährige mit dem Tanzen angefangen. Hattest du damals schon große Ambitionen?

Ja. Ein Jahr später war ich bereits deutschlandweit auf Bühnen unterwegs, drei Jahre später habe ich erste Tanzkurse gegeben, und mit 19 habe ich mich selbstständig gemacht.

Klingt extrem ehrgeizig. Woher kommt das?

Ich habe Sport schon mit vier Jahren leistungsbezogen betrieben, damals war es Rhythmische Sportgymnastik. Mit neun habe ich angefangen, Fußball zu spielen, auch als Leistungssport, weil ich mal etwas nicht so klischeehaft Mädchenmäßiges machen wollte. Mein Zimmer war zwar rosarot, doch beim Sport wollte ich kein typisches Mädchen sein, sondern mit den Jungen auf einer Stufe stehen.

Harte Schale, weicher Kern?

So war es früher, in der Pubertät gab es damit aber einen Bruch. Seitdem kam ich auch nach außen meiner Identität als Mädchen näher.

War das in der Zeit, in der du HipHop für dich entdeckt hast?

Genau. Bei einer Workshop-Woche, wo ich außer dem DJing alle HipHop-Sparten ausprobieren konnte, also Rap, Graffiti und Breakdance. Nach drei Tagen habe ich meinem Trainer gesagt: Ich will für immer Breakdance machen! Fußball lief allerdings noch parallel, und so hatte ich achtmal Training pro Woche.

Wann und warum hast du mit dem Fußball aufgehört?

Ich wurde gerade zu den Damen hochgeholt, als mein Fußball-Trainer starb. Kurz vor seinem Tod hat er zu mir gesagt: „Mache eine Sache zu hundert Prozent, also entscheide dich: Fußball oder Breakdance?“ Er hat mir ein Jahr Zeit gegeben, und nach nicht ganz einem Jahr entschied ich mich für Breakdance …

… bei dem du bis heute geblieben bist. Wie sieht dein Alltag als Tänzerin und Tanzlehrerin heute aus?

Neben Training, Auftritten und Battles gebe ich montags bis freitags zehn Nachwuchskurse an Schulen, Tanzschulen und Häusern der Jugend. Weil ich weiß, dass man viel vom Tanzen hat, wenn man früh anfängt. Ich setze also auf Nachhaltigkeit.

Und auf soziale Aspekte. U. a. unterrichtest du Tanzen an einer Blindenschule.

Das wollte ich unbedingt machen. Ich ging deshalb zum Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte. Dort ist es eine ganz andere Arbeit, als ich sie sonst mache. Ich muss viel sprechen, viel anleiten, auch in Berührung mit den Schülern gehen. Einmal hatte ich einen Schüler, der mich nach einem halben Jahr Unterricht fragte: „Hey, Jenny, kannst du eigentlich sehen?“

Wie sah der Unterricht mit ihm konkret aus?

Er war lange Zeit klein und verhalten, ist wie eine Maus über den Schulhof getapst. Dann habe ich ihm einen Raum zum Tanzen abgesteckt – und er ist voll aus sich herausgekommen. Weil er wusste: Dort passiert ihm nichts, dort kann er er selbst sein, und er wollte bald am liebsten nichts anderes mehr machen.

Den Gewinn von Selbstsicherheit durch Tanzen kennst du bestimmt auch.

Sport an sich gibt einem ja viel Halt, aber das Tanzen, bei dem man nicht immer eine Mannschaft im Rücken hat, ist schon eine große Herausforderung. Ich war lange Zeit schüchtern, musste beim Tanzen aber immer wieder in Kreisen und auf Bühnen performen, also vor anderen zeigen, was ich gelernt hatte. Das hat mich selbstsicher gemacht.

Was hast du vom Tanzen noch gelernt, das du jetzt anderen lehrst?

Wie man auf Augenhöhe mit Menschen umgehen und sie abholen kann. Dafür bin ich sehr dankbar.

Interview: Erik Brandt-Höge
Foto: Michael Kohls


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


 

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Hamburger des Monats: Mohammed Ghunaim

Vor drei Jahren ist der Syrer Mohammed Ghunaim, kurz Ziko, nach Deutschland geflohen. Seit eineinhalb Jahren leitet der Journalist das Embassy of Hope – Café International vom Thalia Theater. Wie lokale Integration funktioniert, erzählt er in dem Gespräch.

SZENE HAMBURG: Ziko, was ist der größte Unterschied zwischen deinem Leben hier und dem in Damaskus?

Ziko: Sicherheit. Als der Krieg ausgebrochen ist, war ich 20 Jahre alt und in Damaskus zuletzt als Sanitäter beim Roten Halbmond, die Schwestergesellschaft des DRK, direkt in den Kriegsgebieten tätig.

Was hast du gemacht bevor der Krieg ausgebrochen ist?

Ich habe Arabische Literatur und Journalismus studiert. Kurz bevor der Krieg ausgebrochen ist, habe ich zusammen mit Freunden eine Internetseite für lokale Nachrichten aus Damaskus aufgebaut.

Du hast über deine Flucht einen Film gedreht …

Ja, genau, er heißt #myescape, eine 90-minütige Doku, die in der ARDMediathek zu sehen ist. Als ich alle Stationen und viele Momente während meiner Flucht dokumentiert habe, war mir noch nicht klar, dass daraus ein Film entsteht.

Wie war dein Gefühl als du in Deutschland angekommen bist?

Ich habe von Anfang dafür gekämpft, als Mensch anerkannt zu werden. Nicht als Flüchtling. Überall. Mit der Polizei an den Grenzen, in den Flüchtlingcamps und auch in Deutschland. Ich finde den Begriff Geflüchteter falsch, weil jeder Mensch grundsätzlich das Recht hat, woanders zu leben. Das ist in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert. Die Politik kategorisiert die Menschen mit Begriffen. Ich komme aus einem Kriegsgebiet, aber ich fühle mich nicht als Geflüchteter. Hamburg ist meine neue Heimat.

Was brauchen Menschen, die hier neu ankommen am dringendsten?

Sie brauchen Zeit. Und Geduld von der Gesellschaft. Denn alle, egal aus welcher Schicht sie kommen, fliehen, um zu leben. Sie möchten Frieden finden. Natürlich sind nicht alle gute Menschen, aber das ist überall so. Die Neuankömmlinge sprechen kein Deutsch, aber von dem Moment an, in dem sie ankommen, wird erwartet, dass sie sich integrieren. Wir haben keine Zeit, uns von der Flucht zu erholen und uns zu orientieren. Mein Bruder hat zwei Jahre gebraucht, um sein Trauma zu bewältigen. Ich wünsche mir, dass beide Seiten sich noch mehr verstehen, und sich dafür Zeit geben und nehmen.

Zeit und Geduld finden sie im Embassy of Hope?

Wir veranstalten tolle Projekte, an denen jeder teilnehmen kann. Es haben sich Theater- und Musikgruppen gefunden, wir kochen zusammen und tauschen uns über unsere Kulturen aus. Viele Ehrenamtliche aus dem Viertel, geben Deutschkurse. Vor Kurzem haben wir eine neue Lesereihe gestartet, die regelmäßig im Thalia Gaußstraße stattfinden wird. Geflüchtete Menschen haben ihre Erfahrungen aufgeschrieben, die auf Deutsch und Arabisch vorgelesen werden. Wir versuchen die Sprache nicht nur über Bücher, sondern vor allem in der Praxis zu vermitteln.

Was für einen Ort möchtest du mit Embassy of Hope erschaffen?

Als wir 2015 eröffnet haben, waren wir ein Ort, an dem die Menschen aus den Erstunterkünften sich wohlfühlen sollten. Ein bisschen durchatmen konnten und zurück ins Leben fanden. Meine Vision ist, dass es nicht nur ein Ort bleiben wird, der Flüchtlinge willkommen heißt, sondern einfach Menschen. Es wäre toll, wenn wir alle einen Schritt weitergehen, und Menschen nicht mehr durch Begriffe definieren. Wir sollten uns alle, Neuankömmlinge und Deutsche, auf gleicher Augenhöhe begegnen. Denn wir können gegenseitig von uns lernen, wenn wir wollen. Nicht nur die Neuankömmlinge von den Hamburgern, auch umgekehrt. Hier im Café zum Beispiel, versuchen die Nachbarn, die kommen, auch auf Arabisch zu kommunizieren. Wir kommen uns alle entgegen.

Wie gut hat hier im Café die Integration funktioniert?

Wir arbeiten nach dem Prinzip des Austausches. Das Thalia Theater setzt Vertrauen in mich, auch wenn ich erst ein paar Jahre in Deutschland bin und die Sprache nicht perfekt beherrsche. Aber sie akzeptieren meine Vision und unterstützen diese. Ich kann hier meine Kultur einbringen. Und das möchte ich weitergeben. Wir haben viel dafür getan, dass sich die Kulturen im Embassy mischen. Und ab September wird der Samstag zum Familientag, damit auch Kinder mitkommen können, was zurzeit nicht möglich ist. Durch die vielen Möglichkeiten, die wir hier haben, konnten wir Impulse setzen und einige sind von hier in einen neuen Alltag gestartet. Zum Beispiel haben sich aus unserer Kochgruppe ein paar Leute zusammengetan und mittlerweile einen Catering-Service für arabisches Essen gegründet.

Was muss sich noch verändern?

Vieles läuft schon gut. Aber wir brauchen mehr Projekte, die sich um die Wohnungssituation der Neuankömmlinge kümmern. Ich habe sechs Monate lang in einer Erstunterkunft gelebt, was für den Zeitraum absolut akzeptabel war. Aber, wie einige, drei Jahre lang? Das ist schlimm. Das verhindert auch Integration. Ich hatte viel Glück, denn ich wohne in einem Umfeld, wo viele Deutsche wohnen. Deshalb habe ich die Sprache ohne Kurs und Lehrer gelernt. Aber die Menschen, die in den Containern leben, bleiben unter sich.

Du arbeitest auch noch bei der GWA St. Pauli e. V. …

Ja, ich leite dort das Projekt „Yalla – Rein in die Stadt“. Jugendliche produzieren Videos über Orte in Hamburg, die wir entdeckt haben und stellen diese ins Internet. Jeder, der wenig Geld hat und/oder neu in der Stadt ist, findet so tolle Möglichkeiten, trotzdem was zu unternehmen.

Was magst du an Hamburg?

Die Leute sind offen und nehmen teil. In Hamburg gibt es viele Vereine, wie Kampnagel und GWA St. Pauli, die offen sind für Integrationsprojekte. Viele Hamburger wollen etwas von mir lernen, es ist ein Geben und Nehmen. Ich kann hier ich selbst sein. Und fühle ich mich zu Hause.

Das Embassy of Hope – Café International findet ihr in der Gaußstraße 190 (Ottensen).

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Ana Maria Arevalo 

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 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Hamburger des Monats: Abgefahren

46.000 staubige Kilometer – Lena Wendt und Ulli Stirnat hatten ein Ziel: in sechs Monaten mit dem eigenen Auto nach Südafrika. Dort kamen sie nie an. Stattdessen ging es zwei Jahre durch Westafrika – eine Reise ins Abenteuer und zu sich selbst. Mitgebracht haben sie jede Menge Material für einen Film über zwei Menschen, die „abgefahren“ sind.

Interview: Ilona Lütje
Beitragsbild: Jakob Börner

SZENE HAMBURG: Beschreibt doch mal euer Leben, bevor ihr aufgebrochen seid.
Lena: Wir waren gerade erst zusammengezogen: sanierter Altbau in Eimsbüttel, toll eingerichtet und mit Kanus im Garten. Eigentlich alles perfekt. Ich bin dann gleich nach Panama gereist und als ich wiederkam, fand ich Ulli in einem jämmerlichen Zustand vor.
Ulli: Ich hab als Medizintechnikingenieur in Lübeck gearbeitet. Es gab plötzlich immer mehr zu tun, der Druck wurde größer, noch dazu bin ich ständig gependelt. Das Leben ist an mir vorbeigerauscht. Ich wusste, dass sich grundlegend etwas ändern muss.
Lena: Als ich nach meinem Journalismus-Studium beim Fernsehen arbeitete, merkte ich schnell: Es ging nur um Quoten. Ich wurde immer unzufriedener. Als Ulli seinen Burnout bekam, hab ich ihn gefragt: Wollen wir nicht nach Westafrika? Und er so: Ja, klar …

Warum Afrika?
Lena: Das war schon immer mein Traum: die westafrikanische Küste mit dem eigenen Auto runter bis Kapstadt. Ulli wollte lieber eine Weltreise machen. Wir hatten dann den Plan, in sechs Monaten bis Südafrika und dann rüber nach Lateinamerika. Insgesamt wollten wir ein Jahr unterwegs sein.

Das hat nicht so geklappt …
Lena: Wir hatten gleich drei Monate in Marokko verbracht. Da war klar, dass wir mit der Zeit gar nicht hinkommen (lacht). Auf der Reise ist immer irgendwas passiert – gutes wie Schlechtes. Nach den schlechten Erlebnissen brauchten wir eine Pause und nach den guten wollten wir mehr. Wir haben entschieden: Der Weg ist das Ziel.

Schlechtes?
Ulli: Wir sind in kurzer Zeit von einer Klimazone in die andere gerutscht, das hat uns an unsere Grenzen gebracht.
Lena: Wir hatten zwar alles fein geplant und wussten genau, wann wir wo sein müssen, um die besten Jahreszeiten zu erleben. Weil wir aber voll hinter unserem Zeitplan waren, sind wir überall in die beschissensten Wetterlagen reingekommen. Erst das Jahrhunderthochwasser in Marokko, dann glühende Hitze in Mali. An der Elfenbeinküste sind wir voll in die Regenzeit gekommen. Erst haben wir uns gefreut: endlich Regen! Und dann hat der zwei Monate nicht mehr aufgehört. Wir haben nichts mehr trocken bekommen.

Was habt ihr über euch gelernt?
Ulli: Dass wir ganz schön unterschiedlich sind. Es war schwierig, das zu sehen und dann auch noch damit umgehen und es akzeptieren zu können.

Welche Unterschiede sind das?
Ulli: Lena ist spontan und planlos. Sie will einfach machen und ich erst mal organisieren. Das größte Problem war das große Unverständnis dem anderen gegenüber. Das Schlimmste war, dass wir nicht kommuniziert haben.
Lena: Dass wir nicht kommunizieren konnten! Wir haben es ja schon versucht. Wenn du niemanden hast, mit dem du mal über deine Probleme reden kannst, ist das schwer. Aber in mir hat das gebrodelt, vor allem, wenn man so eng zusammen ist und sich nicht aus dem Weg gehen kann. Wir waren immer auf diesen zwei Quadratmetern. Ulli hat ständig Pläne gemacht, das hat mich genervt. Ich hab auch Ullis Burn-out völlig unterschätzt und war manchmal einfach überfordert. Ich hätte ihn gern oft zum Mond geschickt, aber das wäre gar nicht gegangen. Wir hatten nicht mal Rucksäcke, um mal eine Zeit lang getrennte Wege zu gehen. Wir hätten uns ganz sicher ein paar mal getrennt, wäre das Auto nicht gewesen. Es war wie ein Schicksal, wir kamen nicht voneinander los. Ob das jetzt gut oder schlecht war: Wir sind auf jeden Fall sehr aneinander gewachsen.

Habt ihr denn an Aufgeben gedacht?
Lena: Ich wollte immer weiterfahren.
Ulli: Ich hatte zwischendurch Zweifel, aber das lag auch an den argen Problemen, die wir miteinander hatten.
Lena: Wir haben zum Glück in einer Eco-Lodge arbeiten können. So wurden wir auch mal wieder Teil von etwas. Wir haben gelernt, mit natürlichen Werkstoffen Häuser zu bauen. Ich hab Yoga unterrichtet, Uli surfen. Es tat gut, mal wieder gebraucht zu werden. Und auch mal was getrennt zu machen. Wir wollten eigentlich vier Wochen bleiben und blieben ein halbes Jahr.

Dann hattet ihr wieder genug Kraft?
Ulli: Es war ein Auf und Ab. Die Zeit in Ghana hat sehr gut getan, aber ich wollte mal Freunde und Familie wiedersehen. Lena hatte mir zwar prophezeit, wie das werden wird. Aber ich musste die Erfahrung selber machen: Hier hatte sich nicht viel verändert; jeder hatte weitergemacht wie bisher, aber das hat nicht mehr funktioniert. Ich bin nach sechs Wochen wieder zurück und bin dann mit neuer Energie weiter.

Weiter nach Südafrika?
Lena: Wir sind durch Togo und Benin und dann war Schluss: Für Nigeria war einfach kein Visum zu bekommen. Wir sind dafür noch nach Liberia und Sierra Leone gefahren.

Wann habt ihr entschieden, zurück zu kommen? Wann war’s dann mal gut?
Lena: Gut war’s für mich überhaupt nicht. Ich war die gesamte Rückreise – ab Sierra Leone frustriert. Ich hab mich nur darauf eingelassen, weil wir abgemacht hatten, dass wir den Winter in Marokko verbringen.
Ulli: Ich musste immer daran denken, dass wir das mit der Wohnung hier endlich mal regeln müssen. Reines Verantwortungsgefühl. Aber die Idee mit Marokko fand ich auch super!

Warum wolltest du nicht zurück, Lena?
Lena: Auf Reisen hatte ich immer das Gefühl, mehr bei mir selber zu sein. Aber ich konnte das nie festhalten. Immer wenn ich in den Alltag zurück bin, war ich wieder in diesem Sog: Du musst funktionieren, produktiv sein. Ich war so mit To-do-Listen beschäftigt, dass ich mich nicht mehr gespürt habe. Für mich war diese Reise eine riesige Chance, vielleicht die einzige, die Zeit zu nutzen und erst dann umzudrehen, wenn mein Korb vollgepackt ist mit genug Munition, um hier alles zu schaffen. Ich war einfach noch nicht so weit.

Hast du jetzt alle Munition zusammen?
Lena: Heute weiß ich: Einfach nur auf eine Reise zu gehen, verändert mich nicht. Erst wenn ich bereit bin, nach innen zu gucken, kann ich mich auch weiterentwickeln. Die Erfahrung habe ich bei einer Vipassana-Meditation in Polen gemacht – das heißt zehn Tage lang elf Stunden meditieren und schweigen. Es ist außerdem gut, sich mit Leuten auseinanderzusetzen, die ähnlich denken. Darum schätze ich es hier doch mehr als gedacht.

Jetzt könntest du also hier bleiben?
Lena: Ich könnte, aber ich will nicht. Mir geht’s gar nicht darum, ganz große Pläne zu machen. Es gibt Dinge, auf die ich nicht mehr verzichten möchte.

Zum Beispiel?
Lena: In der Natur sein, ich möchte draußen leben, barfuß laufen, da sein, wo die Sonne scheint. Ich möchte Zeit haben. Ich hab keinen Bock auf diesen Strudel an Produktivität und diese Sicherheitsdenke. Sicherheiten sind eine Illusion. Ich will das nicht mehr.
Ulli: Ich seh das nicht ganz so krass. Ich habe gerade darüber nachgedacht, wie ich das, was du da grad gesagt hast, empfinde. Das ist so hart – bumm, bumm. Ich hab momentan kein Problem damit, hier zu sein. Ich weiß nur: Ich würde nie wieder so arbeiten wollen wie früher, für das Taschengeld irgendeines Vorstands. Für unseren Film arbeite ich gerade sicher mehr als 40 Stunden in der Woche, aber das fühlt sich gut und richtig an. Ich möchte nicht mehr in einen eintönigen Alltag reinrutschen, sondern neue Sachen lernen. Darum habe ich auch meine Hundetrainerausbildung gemacht. Im Sommer mache ich noch meine Surflehrer-Ausbildung – mal schauen, was dann noch so passiert.

Ihr plant also schon die nächste Reise?
Ulli: Wir planen nicht, wir haben eine Idee davon.
Lena: Ich hab das Gefühl, dass ich weg möchte, dann ist klar, dass ich das auch mache.
Ulli: Der einzige Plan, den wir momentan haben: Wenn der Film fertig ist, gönnen wir uns eine Auszeit.

In dem Trailer zum Film hast du einen kleinen Nervenzusammenbruch. Verrätst du, was der Auslöser war?
Ulli: Das war in Ghana. Wir hatten gerade den Job in der Lodge bekommen. Und dann ist eines Abends unser Hund, der uns von klein auf an begleitet hat, nicht nach Hause gekommen. Wir haben ihn am nächsten Morgen gefunden: Er war im Fluss unter einer Baumwurzel eingeklemmt und einem Krokodil zum Opfer gefallen.
Lena: Das war für uns beide das Schlimmste. Doch mit unseren Gefühlen waren wir ganz allein. In Ghana haben die Leute entschieden, nicht mehr so viel zu weinen. Sie verlieren ständig jemanden, eine Beerdigung wird mit einer dreitägigen Party gefeiert. Die konnten gar nicht damit umgehen, dass es uns so schlecht geht. Und wir haben uns geschämt. Ich weine da um einen Hund, und die beerdigen ihre Kinder. Uns hat es aber wieder näher zusammengebracht.

Für wen ist der Film?
Lena: Für Afrika. Wir wollen den Menschen etwas zurückgeben und zeigen, wie warm und schön und herzlich Afrika ist. Und natürlich ist der Film auch für all diejenigen, die vielleicht nicht die Chance haben, selbst zu reisen oder noch etwas Mut und Motivation brauchen ihren eigenen Traum, wie auch immer der aussieht, in die Tat umzusetzen.

Interview: Ilona Lütje

Beitragsbild: Jakob Börner

www.abgefahrenderfilm.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Hamburger des Monats – „Das Ohr“

Christoph Busch hat einen Kiosk gemietet, obwohl er nichts verkaufen will. Der 71-Jährige wartet in der U-Bahn-Station Emilienstraße auf Menschen, die ihm ihre Geschichte erzählen wollen. Sein Projekt nennt er selbstironisch „Das Ohr“, denn Busch hört von Geburt an nur auf einem Ohr. Aus den Geschichten, die er sammelt, wird er ein Buch machen – einen Vertrag hat er schon.

SZENE HAMBURG: Herr Busch, Sie sitzen in einer U-Bahn-Station in einem Raum, in dem sonst Brötchen und Zigaretten verkauft werden, und hören den Menschen zu. Wie kommt man auf so eine Idee?
Christoph Busch: Ich bin Drehbuchautor und wollte hier ursprünglich Menschen beobachten, um Stoff für meine eigenen Geschichten zu sammeln. Dabei habe ich schnell festgestellt, dass ein großer Bedarf bei den Menschen besteht, dass man ihnen zuhört.

Warum ausgerechnet eine U-Bahn-Station?
Das hat sich alles zufällig entwickelt. Ich habe das „Zu vermieten“-Schild der Hochbahn gesehen und die vage Idee gehabt, hier zu arbeiten. Letztes Jahr im September habe ich angefragt, obwohl ich noch Zweifel hatte. Wer geht schon gerne in eine dunkle U-Bahn-Station? Zu Hause habe ich von meinem Schreibtisch aus einen wunderschönen Ausblick auf Bäume. Während der Renovierung im Dezemberist der ganze Grusel dann aber verflogen und ich habe gemerkt, dass das eine spannende Angelegenheit werden kann.

Wie kam es zu den Gesprächen?
Am Anfang kamen vielleicht drei Leute am Tag und sprachen mich neugierig an – so entwickelten sich längere Gespräche. Im Grunde sind es immer noch so viele, denn viel mehr schaffe ich gar nicht, obwohl ich manchmal länger bleibe. Am Anfang habe ich noch Tagebuch geschrieben, aber schon nach Kurzem kam ich nicht mehr dazu und seitdem höre ich nur noch zu.

Mit welchen Anliegen kommen die Leute zu Ihnen?
Manche kommen nur hergefahren, um mir unbeschwerte Anekdoten zu erzählen. Aber es gibt natürlich auch die Leute, die endlich ihr ganzes Leben aufarbeiten wollen. Dass Menschen mit ihrem Kummer hierherkommen, ist der erste Schritt und zeigt, dass sie schon eine Initiative ergriffen haben. Ganz oft kommt dann etwas in Fahrt, was schon in ihnen selbst angelegt war.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Nun, unglückliche Menschen kommen am häufigsten. Diese Geschichten sind zwar anstrengend, aber auch voller Wendepunkte: Wenn Hans mit 84 Jahren seine Biografie erzählt, dann staunt man nur, wie filmreif sein Leben ist! Heimerziehung, der Krieg in Eimsbüttel, später Boxerlaufbahn. Mit 30 ist er dann Fensterputzer geworden und hat seine Frau kennengelernt. Er trägt immer ein Halstuch von ihr, wenn er hier ist, und besucht sie jeden Tag im Altenheim. Seine Biografie sticht schon heraus.

Was sagen Sie den Leuten?
Ich bin kein Therapeut. Ich gebe auch Ratschläge, was ein Therapeut niemals dürfte. Ich bin Christoph Busch und so reagiere ich auch, wenn ich den Menschen zuhöre. Natürlich einfühlsam, aber wenn ich erkenne, das jemand ein wiederholtes Muster abspult, dann mache ich auch mal einen Witz. Tatsächlich versuche ich immer herauszufinden, wo die Leute selber hinwollen.

Haben Sie keine Bedenken, weil Sie das nicht professionell gelernt haben?
Nein, ich mache immer deutlich, dass ich kein Therapeut bin. Wenn ich merke, dass ich damit verwechselt werden könnte, dann spreche ich das sofort an. Wenn Leute ein langfristiges Problem haben – zum Beispiel Liebeskummer – und der Freundes- und Familienkreis das nicht mehr hören will, dann bin ich da, rate auch mal zu bestimmten Entschlüssen und bin neugierig, was dabei herauskommt.

Es kommen doch bestimmt auch Menschen zu Ihnen, die noch gravierendere Probleme haben als „nur“ Liebeskummer.
Ja, sicher. Zu mir kam zum Beispiel eine Frau, die schon lange traurig ist, weil ihr Bruder bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Sie wird diesen Kummer nicht los, und weil sie auch nach ein paar Jahren nicht klargekommen ist, hat sie angefangen, alle Fotos von ihrem Bruder in ein großes Album einzukleben. Währenddessen hat sie gemerkt, dass sie diese Trauer nicht immer wieder neu durchleben will. Spätestens als sie mir davon erzählte, hat sie von selbst gemerkt, dass sie professionelle Hilfe braucht.

Müssen Sie nicht manchmal auch Distanz halten, um nicht zu nah dran zu sein?
Nein, ich bin zwar nah an den Leuten und die Arbeit hier ist physisch und psychisch anstrengend, aber ich nehme keine Lasten mit nach Hause. Wenn ich nach Hause komme, habe ich mit meiner Frau und meinen beiden Kindern das reine Kontrastprogramm. Wenn man ein Kind in den Arm nimmt, kann man den ganzen Rest vergessen.

Sie selbst haben auch einen interessanten Lebenslauf. Sie hören immer nur die Geschichten anderer Leute, jetzt dürfen Sie auch mal Ihre erzählen!
Meine Mutter würde sich sehr freuen, dass ich hier eine Art Seelsorge betreibe: Meine drei Geschwister und ich wurden sehr katholisch erzogen. Als Jurastudent geriet ich unter die 68er und wusste plötzlich, dass ich nicht mehr Diplomat werden wollte. Ich habe dann alles Mögliche gemacht, bis mich ein Redakteur des WDR mit dem Regisseur Peter Steinbach zusammenbrachte. In der Zeit bin ich oft zu ihm nach Dänemark gefahren und habe viel von ihm gelernt. Wegen der Distanz bin ich aus meiner sehr freundschaftlichen WG in Münster aus- und nach Hamburg in eine neue Wohnung eingezogen. Vor 20 Jahren habe ich hier dann meine Frau kennengelernt, mit der ich jetzt zwei Kinder habe.

Wie findet Ihre Familie das, was Sie hier machen?
Die Kinder finden so was natürlich spannend. Auch, wenn ich jetzt nicht mehr so oft zu Hause bin. Vorher haben meine Frau und ich beide von zu Hause aus gearbeitet. Das fehlt mir ein bisschen. Meine Frau hatte zuerst Bedenken und Sorge, dass mir hier unten etwas passiert. Aber ich bin hier noch nicht einmal angepöbelt worden, noch nicht einmal eine blöde Bemerkung.

Ich höre immer eine gesellschaftspolitische Dimension in Ihren Aussagen.
Nein, so würde ich das nicht sagen. Aber ich beobachte ein generelles Unwohlsein mit der Zwischenmenschlichkeit. Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie nur so vor sich hinleben und keinen mehr zum Zuhören haben.

Woran liegt das?
Ich habe dazu zwei Theorien. Wer sein Menschenbild mit den Medien prägt, kann nur Angst vor den anderen bekommen. Es stehen ja ständig Negativschlagzeilen in den Zeitungen – Angst sells. Ich merke selber, wie ich darauf hereinfalle, wenn ich U-Bahn-Stationen reflexhaft mit Schubsern und Schlägern verbinde. Es gibt aber eben auch viele liebe Leute. In der Werbung hingegen sieht man kein Unglück mehr: Die Menschen schreien ihre Freude heraus. Aber das ist auch nicht die Wirklichkeit. Viele Menschen trauen sich nicht, ihren Kummer herauszulassen, weil sie sich gedrängt fühlen, nur Frohsinn auszustrahlen.

Wir werden in den Medien also von allen Seiten mit Angst bombardiert, die sich ins Unterbewusstsein schleicht. Andererseits ist Angst gesellschaftlich nicht akzeptiert. Interessante Menschen sind optimistisch und angstfrei, wie uns die Werbung weismacht. Ist das nicht ein wahnsinniger Druck, den dieser Widerspruch aufbaut?
Ja, das ergänzt sich bestens. Die Kluft zwischen dem, wie das Leben wirklich ist, und der Vorstellung, wie das Leben zu sein hat, wird dadurch immer größer.

Jetzt sind Sie aber entgegen Ihrer Behauptung doch noch ziemlich gesellschaftspolitisch geworden.
(lacht) Sie haben recht, jetzt bin ich doch in diese Bahn gestolpert.

Würden Sie eigentlich auch mit den Menschen sprechen, ohne ihre Geschichten für ein Buch zu verwerten?
Absolut. Natürlich verwerte ich manche Geschichten, aber das ist nicht mein Antrieb. Ich habe hier ja so spannende Gespräche, weil ich gerne mit den Leuten rede. Heute morgen hat mir ein Besucher etwas erzählt, das ich nicht aufschreiben könnte, ohne seine Anonymität zu gefährden. Ich habe schon währenddessen gemerkt, dass ich nichts davon verwerten kann. Und trotzdem war es für mich sehr aufregend.

Interview: Ulrich Thiele

Foto: Ana Maria Arevalo

Christoph Busch ist montags bis freitags zwischen 9.30 und 15 Uhr im U-Bahnhof Emilienstraße anzutreffen.

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, April 2018. Das Magazin ist seit dem 29. März 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!