Hamburger des Monats: Benjamin Jürgens – Refugee Canteen

Viele Geflüchtete und Migranten haben in der Refugee Canteen erste Grundlagen für gastronomische Berufe gelernt, in denen sie heute arbeiten. Doch nach vier Jahren hat Gründer Benjamin Jürgens sein Herzensprojekt mangels Spenden 2019 vorerst eingestellt. Ein Gespräch mit dem 34-jährigen Gastro-Experten über ein mögliches Comeback dieser einzigartigen Akademie, seine Flucht aus Mümmelmannsberg und kulturelle Unterschiede beim Karottenzählen

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Benjamin, wie entstand die Idee zur Refugee Canteen, eurem Schulungsangebot für Geflüchtete und Migranten?

Benjamin Jürgens: 2015 kam ich zurück aus Indonesien. Ich hörte zum ersten Mal, dass in den Messehallen Geflüchtete untergebracht waren. Wir saßen mit befreundeten Köchen zu­ sammen, haben uns ordentlich einen reingelötet und überlegt, was wir tun können. In der Nacht habe ich das Konzept geschrieben, so ganz genau ist die Erinnerung nicht mehr da.

Aber es war überzeugend.

Ich bekam positives Feedback von der KfW­-Stiftung (Kreditanstalt für Wiederaufbau; Anm. d. Red.), die uns gefördert hat. Wir taten uns mit einem Bildungsträger zusammen. Das Ganze nahm richtig Fahrt auf, weil wir uns die nötige Professionalität im Umgang mit dem Jobcenter ins Boot geholt hatten.

Im Januar 2017 entschlossen wir uns, das Programm für alle Geflüchteten un­ abhängig von ihrem Status zu öffnen. Wir konnten die Menschen erreichen, die zu uns kommen wollten, und muss­ten nicht jeden nach seinem Aufenthaltsstatus fragen.

 

„Den Menschen helfen, die zu uns ins Land kommen“

 

Es lief also ohne Förderung vom Jobcenter?

Ganz genau. Die Crux war: Wo ist das Geschäftsmodell? Von da an waren wir zu 100 Prozent abhängig von Spenden. Anderthalb Jahre lang war das überhaupt kein Problem. Das Thema „Essen, Getränke, Men­schen“ ist ein sehr schönes. Dann kamen weniger Spenden. Wir haben aus einem Zwölf-­Wochen­-Programm ein Drei­-Wochen­-Programm gemacht, um die Kosten immer weiter herunter zu schrauben.

Warum hast du soviel Leidenschaft in das Projekt gesteckt?

Ich wollte den Menschen helfen, die zu uns ins Land kamen. Das war für mich soziale Pflicht. Und ich musste dieser Branche, die mir viel gegeben hat, etwas zurückgeben. Denn ich war in einer ähnlichen Situation, als Kind aus Mümmelmannsberg, das sich ver­stoßen gefühlt hat, nicht zurechtkam in der Welt und in der Gastronomie sein Zuhause fand.

Warum ging es mit der Refugee Canteen nicht weiter?

Wir konnten der Gastronomie und Hotellerie nicht deutlich machen, wie wichtig es ist, heute zu investieren, ob­wohl der Notstand im Personalbereich groß ist. Ebenso wie die Abbrecher­quoten in der Ausbildung. Wir muss­ten deshalb Ende 2019 aufhören.

Man hat uns noch einige Angebote gemacht. Zum Beispiel, nur noch Frauen zu qualifizieren. Das war für uns nicht der richtige Weg. Wir hatten vorher etwa 20 Prozent Frauen bei uns im Programm und es war immer klar, dass jeder gleich wichtig ist.

 

Zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen vermitteln

 

Gibt es neue Ansätze?

Vor einigen Wochen gab es Ge­spräche, die Refugee Canteen auf eine Bar zu beschränken. Aber daraus wird dann ganz oft nichts. Weil das Inte­grieren von Menschen nicht einfach wie ein Hobby funktioniert. Es ist ein spannender Prozess, junge Menschen am Ball zu behalten, wenn sie das erste tiefe Tal haben. Wenn dir langweilig wird und du denkst: „Mann, ich kann keine Karotten mehr sehen.“ Oder es gibt Nachrichten aus dem eigenen Land, die nicht schön sind.

Man kann davon ausgehen, dass jeder, der bei uns war, eine hohe psychische Belastung hatte. Davon konnte sich keiner frei­ machen, selbst wir haben uns einmal im Monat selbst reflektiert und haben Coachings durchlaufen müssen. Weil wir mit Menschen konfrontiert waren, die sich gar nicht öffnen, andere haben einen Riesendruck und wollen den los­ werden.

Was hast du gelernt?

Wenn einer unserer Teilnehmer im Betrieb Probleme hatte, konnten wir sehr schnell erkennen, warum. Wir konnten zwischen den verschiedenen Sprachen und Kulturen vermitteln. Wir konnten dem jungen Teilnehmer sagen: „Wenn der Küchenchef das sagt, meint er das und umgekehrt.“ Ein ganz einfaches Beispiel: Wie viel Finger siehst du? (zeigt mit der offenen linken Hand Daumen, Zeige- und Mittelfinger)

Drei.

In arabischen Ländern wird von rechts nach links gezählt. Der Teilneh­mer schaut also zuerst auf die beiden Finger rechts. Wenn du sagst: „Hol’ mal drei Karotten“, sieht unser Teilnehmer zwei. Und die sehr direkte Ansprache, die wir in Deutschland ja doch haben, wird oft als sehr kritisierend angese­hen.

Unsere Erfahrung war, dass es in­ direkt besser funktioniert. „Bist du der Meinung, dass der Fußboden so sauber ist, dass wir Gäste einladen können?“, ist besser als „Du hast den Fußboden nicht sauber gemacht.“ Jemanden vor der ganzen Gruppe so klein zu machen, bedeutete immer Stress. Ich haben den Betrieben immer gesagt: „Auch wenn sie aus Syrien oder Eritrea kommen, sind das ganz normale Millennials, wie alle anderen auch in dem Alter. Die sind verliebt in ihr Telefon, die wollen ihre Sachen machen und wissen, ob sie in vier Wochen aufs Fes­tival gehen können.

 

Mümmelmannsberg ist ein anderer Stadtteil geworden

 

Was könnte ein nächster Schritt sein?

Im Grunde müsste Hamburg die erste gastronomische Vorschule grün­den, in der sich Menschen orientieren können. Es ist oft so, dass wir junge Menschen haben, die gar nicht wissen, was auf sie zukommt. Uns würde es helfen, Menschen zu finden, die in eine solche Idee investieren wollen. In meinen Augen hat das nichts mehr mit Geflüchteten zu tun. Wenn ich es mir überlege, bin ich aus Mümmelmanns­berg vor 18 Jahren geflohen, um meinen Weg zu gehen.

Ging es vielen ehemaligen Mitschülern ähnlich?

Ja, der Großteil hat studiert, Stipen­dien bekommen und richtig was aus sich gemacht. Das Stigma, mit dem wir aufgewachsen sind, war dann irgend­wann egal. Obwohl ich auch Freunde verloren habe, die bei Messerstechereien ums Leben kamen. Jetzt ist es ein ganz anderer Stadtteil geworden. Einmal im Jahr fahre ich hin, weil es schon Heimat für mich ist.

Ich bin im­mer überrascht, dass es langsam schön dort wird. Die Fassaden werden neu gemacht. Passt mir eigentlich nicht, ich fand es immer schön dort, muss ich sagen. Es war meine Hood, es hat dort immer so eigen gerochen. Auf einmal ist es ganz fancy, was es dort so gibt. Bis auf den Kiosk an der Gesamtschule Mümmelmannsberg. Der ist immer noch da, was ich sehr cool finde.

refugee-canteen.com


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Hamburger des Monats: Mark Pomorin, FCSP Spielerberater

Viele seiner Träume hat Mark Pomorin, 43, wahr werden lassen. Der ehemalige Spieler der Amateure des FC St. Pauli und heutige Spielerberater machte parallel zu seinem damaligen Job in einer Werbe­agentur das Abitur und ermuntert heute Hamburger Schüler, sich für eine Welt ohne Rassismus zu engagieren

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Mark Pomorin, was berichtest du Schülern als Wertebotschafter der Bildungsinitiative „German Dream“?

Ich erzähle meine Lebensgeschichte. Welche Hürden ich überwinden musste. Ich will den Kids vermitteln, dass man mit jeder Hürde, egal wie hoch sie auch ist, umgehen kann.

Du bist 1976 in Hamburg geboren und mit acht Jahren mit deinen Eltern nach Ghana gegangen.

Das war am Anfang ein Kulturclash für mich. Ich habe auf Deutsch geträumt und viel geweint. Meine Eltern haben gesehen, dass es mir nicht gut ging. Sie wollten mir ein besseres Leben in Deutschland ermöglichen. Die Zeit in Ghana hat mich aber ein Stück weit geerdet. Als ich wieder in Hamburg war, habe ich alles mit anderen Augen gesehen. Ich war zwar sehr jung, aber das tat mir gut. Es tut mir bis heute gut.

Mit zehn Jahren bist du zu Pflegeeltern nach Hamburg gekommen. Sie adoptierten dich, starben aber kurz nach­einander an Krebs, als du 19 warst. Da warst du schon Fußballer beim FC St. Pauli.

Der Fußball hat mir Halt gegeben, ich konnte mich ablenken. Und ich habe Zusammenhalt im Mannschaftssport erfahren.

Mit Ivan Klasnić, einem deiner Mit­spieler aus dieser Zeit, und der ehemaligen Bundesligaspielerin Tuğba Tekkal warst du auf einem „Wertedialog“ in der Stadtteilschule Poppenbüttel.

Ivan ist einer meiner besten Freunde, selbst er wusste nicht so richtig viel von meiner Lebensgeschichte. Weil ich nicht damit hausieren gehe, aber davon erzähle, wenn ich gefragt werde. Seine Geschichte kennt man besser.

Er ist als erster Profi nach einer Nierentransplantation wieder zurück auf den Platz gekommen und hat jetzt seine dritte Niere bekommen. Die Familie Tekkal kenne ich über Jahre, der Kontakt ist nie abgerissen. Als mich Düzen Tekkal fragte, ob ich Wertebotschafter bei ihrer Initiative „German Dream“ werden wolle, war ich sofort dabei. Es ist genau die Message, die ich rüberbringen will.

 

„Wenn es nicht gut läuft, werden die Spieler beschimpft. “

 

Als die Filmemacherin und Autorin Düzen Tekkal in der NDR­Fernsehsendung „Das“ zu Gast war, wurde ein Beitrag eingespielt, der zeigt, wie du deine alte Schule in Horn besuchst.

Ich habe unseren Hausmeister Herrn Sievers wieder getroffen, der sagte, dass es dort auf der Schule keinen Rassismus oder Ausgrenzung gibt.

Das habe ich auch so erlebt. Wir waren viele Kids mit Migrationshintergrund, besonders in unserer Klasse. Und wir hatten ein Mädchen mit Glasknochen, das kleinwüchsig war. Wir haben sie ganz normal aufgenommen und behandelt. Das war also nicht nur ein Spruch, sondern wird dort auch gelebt. Dort habe ich nie Rassismus empfunden. Es gab nur gut und schlecht.

Anders war es beim Sport, wo man das immer mal wieder vom Gegenspieler gehört hat. Als ich beim FC St. Pauli in der Bundesliga-Nachwuchsrunde bei Hansa Rostock spielte, kam eins zum anderen.

Ist der Rassismus im Fußball seitdem weniger geworden?

Ich bilde mir ein, dass es nach wie vor gleich ist, was den Rassismus der Zuschauer betrifft. Wenn es nicht gut läuft, werden die Spieler beschimpft. Auf dem Platz sind allerdings heute mehr Kameras, sodass sich die Spieler mit Beleidigungen mehr zurückhalten.

Was ist mit den Bekenntnissen des DFB gegen Rassismus?

Das hält ignorante Menschen nicht davon ab, sich homophob oder rassistisch zu äußern. Von den Verbänden ist es gut gemeint, und es ist auch ein wichtiges Signal. Auch viele Vereine leben das vor. Aber es gibt eine Minderheit von Fans, die das nicht wollen.

Hast du strukturellen Rassismus erlebt?

Definitiv. Wenn man nicht zu den People of Color gehört, kann man das schwer nachvollziehen. Ein Beispiel: Nach einem Fußballspiel fuhren wir im Auto eines Mitspielers nach Hause. Wir trugen Trainingsanzüge. Wir wurden von der Polizei angehalten. Alles schön und gut.

Ich wurde aber als Einziger kontrolliert, die anderen durchgewunken. Das mag banal klingen, ist für mich aber Alltagsrassismus. Wenn man in der Bahn ein Erste-Klasse-Ticket hat, wird man beäugt nach dem Motto: „Die zweite Klasse ist aber drüben.“ Wenn ich telefoniere und mich mit „Mark Pomorin“ melde, denkt der Gesprächspartner, er redet mit einem großen blonden Mann. Beim ersten Meeting erscheine ich. Die meisten nehmen das mit Humor, für andere bricht eine Welt zusammen.

 

„Rassismus ist lange gewachsen und geht nicht von heute auf morgen“

 

Bringt es etwas, mit Rassisten zu reden?

Jeder ist in seinem Mikrokosmos ein Pionier und betreibt Aufklärungsarbeit. Sei es im Freundeskreis, wenn man dort Alltagsrassismus spürt und sagt: „Bis hierhin und nicht weiter.“ Das kann etwas bringen, wenn die Person sagt: „Das wusste ich ja gar nicht.“ Das ist die ständige Reaktion: „Ach so fühlst du dich.“

Nicht jeder kann mit einem Wertebot­schafter reden. Gibt es Biografien, die du empfehlen kannst?

Ich hatte eine Phase, in der ich mich selbst finden wollte, und las viel von und über Malcom X. Ein Buch,
das mich besonders gefesselt hat und immer noch fesselt, ist die Biografie von Nelson Mandela. Er beschreibt, wie man mit Menschen umgeht, die einem während der Apartheid Unrecht getan haben. Und er berichtet, wie er mit ihnen in einen Dialog tritt.

Was muss die Mehrheitsgesellschaft ler­nen?

Rassismus gibt es leider schon sehr lange. Der ist lange gewachsen und geht auch nicht von heute auf morgen. Das bedeutet, dass jeder Einzelne lernen muss, damit umzugehen. Die Gesellschaft muss dazulernen. Ich glaube, das passiert gerade.

Nach der „Black Lives Matter“­-De­monstration Anfang Juni in Hamburg gab es auch Kritik am harten Vor­gehen der Polizei gegen die teilweise sehr jungen Demonstranten.

Ich habe auch einige Polizisten im Bekanntenkreis. Man sollte nicht alle Beamten in einen Topf werfen. Ich bin auch wütend und habe mich bei Verallgemeinerungen erwischt. Das ist natürlich nicht so.

germandream.de


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger des Monats: Sozialarbeiter Philipp von Dewitz

Der Lockdown trifft viele Familien hart. Philipp von Dewitz von „Auf Kurs Jugendhilfe“ betreut Kinder und Jugendliche, die auch ohne Corona unter schwierigen Bedingungen aufwachsen. Ein Gespräch mit dem 29-jährigen Sozialarbeiter über Systemsprenger, die akute Lage in den Familien und solidarisches Klatschen in Winterhude

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Philipp, wie arbeitest du momentan?

Philipp von Dewitz: Relativ normal. Mittler­weile hat sich im Alltag eine Krisenroutine eingestellt. Ich kann da aber nicht für alle Sozialarbeiter sprechen, sondern nur für meinen Bereich, der Jugend und Familienhilfe bei Auf Kurs Jugendhilfe. Ich bin allerdings nicht mehr mit den Öffis, sondern rund 40 Kilometer täglich mit dem Rad beruflich unterwegs.

Du betreust einzelne Kinder und Jugendliche, die du Corona-bedingt schwer zu Hause besuchen kannst.

Wir vermeiden es momentan, in die Wohnungen zu gehen. Wir versuchen, mit den Familienmitgliedern einzeln zu sprechen. Ganz viel findet momentan draußen statt. Es gibt aber auch Fälle, in denen das nicht funktioniert. Wenn es Kontrollaufträge vom Jugendamt gibt, wo geschaut werden muss, wie die Bedingungen für die Kinder in der Wohnung sind.

Wie ist dein Eindruck zur Lage in den Familien?

Ambivalent. Ich bin teilweise be­geistert, weil ich das Gefühl habe, dass die Krise Leute zusammenbringt. Es gibt einen gemeinsamen Gegner, so­ dass andere Probleme in den Hinter­grund rücken. Andererseits verschärfen sich bestehende Konflikte. Besonders um das Thema Schule, bei dem es oft kracht. Dazu kommt die räumliche Enge. Und es fallen Bezugspersonen wie Großeltern weg.

Du arbeitest in unterschiedlichen Stadtteilen wie Farmsen, Steilshoop, Rahlstedt, Billstedt oder Wilhelmsburg. Sind Menschen in sozial schwächeren Stadtteilen stärker von der Krise betroffen?

Ich befürchte, dass sich Ungleich­heiten in dieser Zeit eher manifestieren. Im Bereich materielle Versorgung sehe ich mehr Not und auch im Bereich Bildung. In Familien gibt es teilweise nicht die benötigte Ausstattung. Es fehlen Laptops und Drucker. Und pädagogisch sind viele Eltern überfordert.

Die Unterstützung von Behörden und Schulen ist da sehr unterschiedlich. Da gibt es gerade an den Schulen Licht und Schatten. Ich habe beides erlebt.

Viele befürchten, dass Fälle häuslicher Gewalt zunehmen.

Die Frage ist: Was passiert gerade, was wir nicht sehen? Ich habe eine aktuelle Statistik gelesen, dass es bundesweit bei 43 Prozent der Jugendämter einen deutlichen Rückgang von Meldungen im Bereich Kinderschutz gibt. Das liegt daran, dass die Hauptmelder Schule und Kita gerade in großen Fällen wegfallen.

Deshalb befürchten wir, dass es krasse Nachwirkungen von Sachen, die erst nachher rauskommen, geben wird. Gerade in diesen Grenzbereichen, wo sich Leute jetzt aus Hilfesystemen zurück­ziehen. Normalerweise gibt es eigentlich ein gut funktionierendes System im Kinderschutz. Nach krassen Fällen, wo nicht hingeschaut wurde, als Kinder zu Tode gekommen sind, wurde viel getan.

Auf Netflix läuft der Film „Systemsprenger“. Muss man sich deine Arbeit mit schwierigen Jugendlichen ähnlich vorstellen?

Der Film gibt aus meiner Sicht einen richtig guten Einblick in den Alltag von Pädagogik. Das Coole ist, dass es für mich einen hohen Wiedererkennungswert hat. Man denkt sich: „Ja, das kenne ich!“ Die Protagonistin ist eine sehr gelungene Blaupause für Jugendliche, die aus dem System fallen. Das sind aber Einzelfälle. Nicht jeder Jugendliche, der schwierig ist, fällt aus dem System.

 

„Ich gehe mit der Haltung zur Arbeit, dass der Mensch erst mal gut ist“

 

Deine Sprache hat mit der Fachsprache der Sozialarbeiter wohltuend wenig Ähnlichkeiten.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es wenig Wert hat, wenn mich die, um die es geht, nicht verstehen. Die meisten Leute, auf die ich treffe, sind Jugendhilfe­erfahren. Sie sind selber Profis. Ein 16­-Jähriger hat die Vokabeln teilweise besser drauf als ich, wenn er schon mal in einer Wohngruppe oder Suchtberatung war. Der lässt sich von mir nicht täuschen. Es geht aber nicht darum, dass ich da jetzt einen auf Ju­gendsprache mache. Ich versuche, als Erwachsener mit den Jugendlichen zu sprechen.

Wie hat dich der Job verändert?

Man wird ein bisschen wertschät­zender gegenüber anderen. Ich bin im­mer noch idealistisch in Bezug auf mein Menschenbild. Ich gehe mit der Haltung zur Arbeit, dass der Mensch erst mal gut ist und für sich ein gutes Leben anstrebt.

Das stützt die These des Historikers Rutger Bregman. In seinem Buch „Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit“ schreibt er, dass beim berühmten Stanford-Prison-Experiment nicht seriös gearbeitet wurde. Die Erkenntnisse, dass sich Menschen unter bestimmten Bedingungen zu Sadisten verwandelten, sei daher mit Vorsicht zu genießen.

Ich glaube, wenn man für Jugendliche künstliche Szenarien kreiert, wo man mit einem Anreiz wedelt und sagt: „Du kriegst einen Mercedes­ AMG oder deine Mutter und du habt weniger Streit“, dann würden viele sagen: „Ich nehm’ den AMG.“ Meine Erfahrung zeigt aber schon, dass es bei allem Geprolle und Gehabe doch bei den Jugendlichen darum geht, Anerkennung zu kriegen und Nähe zu Bezugspersonen zu erleben.

Wenn wir ganz allgemein von Wertschätzung reden: Steigt das Ansehen von sozialer Arbeit gerade?

Ich glaube ja. Es ist gerade ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür entstanden, wem man zu Dank verpflichtet ist. Das ist gerade ein Phänomen. Die Sozialarbeiter kommen zwar relativ weit hinten nach Ärzten und Kassiere­ rinnen. Aber immerhin.

Ist das nur ein Hype oder wird das anhalten?

Ich denke, es ist gerade eine sehr prägende Zeit für Leute, daher glaube ich, dass es schon anhalten kann. Es wird im Gedächtnis bleiben und ein bisschen mehr Solidarität übrig bleiben. Gleichzeitig bin ich eher Teil der Fraktion, die sagt, wenn meine Frau geschafft von ihrer Arbeit als Krankenschwester auf der Intensivstation nach Hause kommt und weiterhin wenig Wertschätzung in Form von monetärer Anerkennung bekommt, dann hilft ihr das nicht, wenn in Winterhude jemand klatscht.

Auf Kurs Jugendhilfe: Maimoorweg 52 (Bramfeld)


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger des Monats – Poetry Slammer Claus Günther

Wenn Claus Günther vom Krieg spricht, hört ihm ein junges Publikum bei Poetry Slams oder in Schulen konzentriert zu. Am 5. April wurde Deutschlands ältester Slammer 89 Jahre alt. Ein Gespräch über eine verpasste Stadtmeisterschaft, die „Reichspogromnacht“ in Harburg und was für ihn echter Luxus bedeutet

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Claus Günther, was zeichnet einen guten Poetry Slammer aus?

Claus Günther: Um für mich zu sprechen: Dass ich immer noch Anklang finde. Nicht nur beim Publikum, sondern auch bei den anderen, die mit mir zusammen antreten. Beim monatlich stattfindenden Themenslam im Literaturcafé Mathilde war ich im vergange­nen Jahr elf Mal. Und neun oder zehn Mal habe ich den ersten Platz gemacht. Das ist mein Lebenselixier.

Wo sind Sie noch zu sehen?

Ziemlich regelmäßig in der Auster Bar in Eimsbüttel. Mehr schaffe ich körperlich in meinem Alter nicht. Ab und zu kommt meine Frau Ingrid mit und eine gemeinsame Freundin. Meine Frau ist meine beste Kritikerin. Wenn ich ihr etwas vortrage und sie „geht so“ sagt, muss ich mich noch mal ranset­zen. Aber wissen Sie, warum ich bei den Slammern als „coole Socke“ gelte?

Nein, bitte erzählen Sie.

2018 hatte mich Thomas Nast von der Mathilde für die Hamburger Stadt­meisterschaften im Poetry Slam nominiert. Eines der Halbfinale, zu dem ich antrat, fand im Grünen Jäger statt. Ich sah mich dort zwei ernsthaften Konkurrenten gegenüber, wurde aber vom Publikum zum Sieger gekürt. Also war ich im Finale, doch das fand aus­ gerechnet an einem Datum statt, an dem ich zum Check in einer Klinik angemeldet war – mit Übernachtung. Daher musste ich absagen.

 

„Ich habe mich zum Glück von den überwältigten Kriegserlebnissen befreit“

Claus Günther

 

Was sind Ihre Lieblingsthemen beim Slammen?

Normalerweise sind die Menschen bei den Slams auf Heiterkeit einge­stimmt. Ich bringe aber auch ernste Sachen, die gerade in der heutigen Zeit zum Nachdenken anregen. So war ich Ende Februar bei einer Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bil­dung in der Zentralbibliothek am Hüh­nerposten. Dort habe ich mein Gedicht „Gestern war noch Krieg“ vorgetragen.

In vielerlei Hinsicht bin ich ein aus­gesprochener Spätzünder. Ich denke, dass das mit unbewältigten Kriegserlebnissen zu tun hat. Aber davon habe ich mich zum Glück befreien können.

In Ihrem 2016 erschienenen Buch „Heile, heile Hitler“ beschreiben Sie, wie Sie als Siebenjähriger die „Reichspogromnacht“ in Harburg, wo Sie aufgewachsen sind, erlebt haben.

Mein Vater hat eine zumindest un­rühmliche Rolle gespielt. Er war an die­sem Abend Fahnenträger der SA und hat die Synagoge abgesperrt, als sie ge­plündert wurde. Wenn ich meinen 1972 verstorbenen Vater nach dieser Zeit fragte, hat er aus Scham geschwiegen. Ich habe ihn nicht zum Reden bringen können, da ging es mir wie vielen aus meiner Generation. Ich habe lange ge­ braucht, um die Rolle meines Vaters in der Nazizeit zu akzeptieren.

Versöhnt hat mich mit ihm, als ich ein Dokument fand, das belegte, dass er als Verwal­tungsangestellter im besetzten Polen in Chrzanów zahlreiche Reisepässe an jüdische Menschen ausgestellt und ihnen zur Ausreise verholfen hat. Das war durch seinen Vorgesetzten gedeckt. Viele Jahre später fragte mich mein Schwiegersohn: „Hast du dir das mal auf der Karte angeschaut?“ Nein, sagte ich und wir sahen, dass Chrzanów nur etwa 20 Kilometer von Auschwitz – auf polnisch: Oświęcim – entfernt liegt.

Mir fiel schlagartig ein, wie ich als Zehn­jähriger ins Wohnzimmer gestürmt war, als mein Vater Heimaturlaub hatte. Meine Eltern unterbrachen ihr Ge­spräch mitten im Satz. Sie wirkten wie Schulkinder, die man bei etwas Ver­botenem ertappt hatte. Ich gehe davon aus, dass mein Vater gewusst hat, was in Auschwitz passierte.

Seit 1997 treffen Sie sich mit anderen älteren Hamburgern in der Zeitzeugenbörse.

Es ist eine offene Gruppe. Wir tref­fen uns zweimal im Monat und gehen viel in Schulen, um über unsere Erlebnisse zu berichten. Ich bringe dann immer einen echten Bombensplitter mit, den ich bei den Schülern herum­ gehen lasse.

Das Metallstück ist etwa 20 Zentimeter lang und ziemlich schwer. Wie reagieren die Schüler?

Sie gucken den Splitter mit großen Augen an. Das ist etwas anderes, als den Krieg im Internet oder bei Ballerspielen zu erleben. Viele Lehrer schreiben uns hinterher, dass sie ihre Klasse noch nie so konzentriert wie bei unseren Be­suchen erlebt haben. Die Schüler stellen uns viele Fragen, manchmal auch kritische. Zum Beispiel, wie wir unsere Rolle in der Nazizeit heute sehen.

Bei der Zeitzeugenbörse treffen Sie den 100-jährigen Wilhelm Simonsohn, einen ihrer Vorgänger in dieser Rubrik als „Hamburger des Monats“. Kürzlich waren Sie beide bei einer Fernsehaufzeichnung mit ihrem jungen Poetry Slam-Kollegen Michel Abdollahi in dessen Sendung „Der deutsche Michel“ zu sehen.

Das war ganz witzig. Herr Abdol­lahi ist sehr charmant, leider habe ich ihn bislang noch nie auf einem Poetry Slam getroffen. Wir wurden in einer Villa in Hohenfelde gefilmt. Es ging um das Thema „Luxus“. Ich sagte, welcher Luxus es für mich ist, dass wir seit fast 75 Jahren in Frieden leben. Und dass ich mit meiner Frau in den 1950er Jahren in einem Kino in Harburg zwei Mark extra gezahlt habe, wenn wir etwas Luxuriöses erleben wollten.

Was haben Sie Extravagantes dafür bekommen?

Wir durften den Film in der Rau­cherloge sehen.

zeitzeugen-hamburg.de; „Heile, Heile Hitler“, verlag.marless.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger des Monats – Comicautorin Kathrin Klingner

Die Comicautorin Kathrin Klingner arbeitet in einem Hamburger Medienunternehmen, das Onlinekommentare überprüft. In „Über Spanien lacht die Sonne“ hat sie das Thema Hate Speech im Netz künstlerisch verarbeitet. Ein Gespräch über rechtsradikale Trolle, deren fort­ schreitende Enthemmung und darüber, warum Empörung keine Lösung ist

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Kathrin, welche Kommentare ärgern dich am meisten?

Kathrin Klingner: Wenn nicht-prominente Personen, die in Artikeln vorkommen, auf persönliche Weise attackiert werden. Es ist etwas anderes, wenn zum siebzigsten Mal Claudia Roth beleidigt wird, als wenn eine geflüchtete Frau, die eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin macht, in Kommentaren angegriffen wird. Das ist wie mit dieser Liste von Abiturienten, die neulich in einer Zeitung veröffentlicht wurde. Darunter waren auch arabisch klingende Namen und die rechten Kommentatoren haben sich sofort empört darauf gestürzt und das Niveau des Abiturs infrage gestellt.

Kommentare wie „Bevölkerungsaustausch“ und „Merkel-Diktatur“ stehen für Kitty, deine Protagonistin, auf der Tagesliste. Nimmst du so was noch wahr oder winkst du das nur gelangweilt ab?

Ich finde es lächerlich unoriginell. Es gibt immer Trends. Einer fängt mit etwas an und der Rest steigt mit ein. Eine Zeit lang wurde über Flüchtlinge hämisch als „Goldstücke“ geschrieben. Was am albernsten daran ist, ist wie wahnsinnig originell die Kommentarschreiber sich dabei vorkommen.

Ich denke mir jedes Mal: Leute, das könnt ihr doch nicht schon wieder bringen. Im Comic kommt dieses Phänomen auch vor. Etliche User schreiben: „Über Spanien lacht die Sonne, über Deutschland lacht die ganze Welt“ – und glauben tatsächlich, einen besonderen Beitrag geleistet zu haben.

Das ist wie mit diesen immer gleichen Zitaten, mit denen sie sich als Widerstandskämpfer gerieren: „Je weiter sich eine Gesellschaft von der Wahrheit entfernt, desto mehr wird sie jene hassen, die sie aussprechen.“ Oder: „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus‘. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus.‘“

(lacht) Ja, darin liegt viel Komik, in diesem Kontrast zwischen dem Gefühl dieser Leute, total originell und pointiert zu sein, und der Tatsache, wie abgenutzt ihre Sprüche sind. Das wollte ich in dem Comic auch zeigen. Ich nehme in den Kommentaren oft auch eine Leidenschaft zum Bürgerkrieg wahr.

Diese Leute scheinen sich richtig auf einen Umsturz zu freuen, das bereitet ihnen einen wohligen Schauer. Das lese ich den ganzen Tag, dann gehe ich nach Hause und beobachte auf dem Heimweg, wie das Leben in Deutschland ist. Alles ist geordnet, wir leben in einem der reichsten Länder der Welt. Natürlich gibt es Armut, Kriminalität und viele Probleme. Aber wie sehr diese Bürgerkriegsfantasien im Kontrast zur Realität stehen, ist schon absurd.

comic-kathrin-klingner

Arbeitsalltag im Medien­ unternehmen: Szenen aus „Über Spanien lacht die Sonne“

Warum hast du dich entschieden, das Thema Hate Speech im Netz mit dem Medium Comic, genauer: einem humorvollen Comic, zu behandeln?

Als Moderatoren werden wir in den Kommentarspalten permanent angefeindet, als „Zensor“, als „fetter, hässlicher Sesselfurzer“ und was weiß ich – ohne dass wir Rückmeldung geben können. Ich mochte den Gedanken, dass ein Troll meinen Comic liest und sieht, wie wir uns über die Kommentare lustig machen – auch wenn in der Realität vermutlich keiner von ihnen ihn liest.

Die Geschichte ist aber nicht zu hundert Prozent autobiografisch. Mit der Ästhetik gehe ich auch auf Distanz und sende ein Signal an den Leser, dass nicht alles, was hier passiert, eins zu eins der Wahrheit entspricht. Gleichzeitig war es auch so, dass ich dachte, wie absurd dieser Job ist. Ich hatte das Gefühl, das festhalten zu müssen, weil es für die Nachwelt interessant sein könnte. Ich glaube nicht, dass das immer so weiter geht, in zehn Jahren wird das nicht mehr so sein.

Wie kommst du darauf ?

Viele große Nachrichtenseiten überlegen schon heute, wie sie mit den enthemmten Kommentaren umgehen sollen, die „Süddeutsche Zeitung“ hat die Kommentarfunktion schon komplett abgeschafft. Und Facebook wird auch nicht ewig so weitermachen können.

Woher kommt diese Enthemmung?

Ein Grundproblem mit Kommentaren ist, dass die Empörung, die sie auslösen, die Leute dazu bringt, immer krassere Sachen zu schreiben. Ich weiß nicht, ob alle von ihnen wirklich meinen, was sie schreiben. So wie jemand, der auf Instagram Duckface-Fotos von sich postet und süchtig nach den Herzchen ist, sind sie süchtig nach der Empörung, die sie auslösen.

 

„Empörung ist eine Internetwährung“

Kathrin Klingner

 

Ist Humor deine Methode, um auf Distanz zur Empörung zu gehen?

Vielleicht. Es bringt halt nichts zu sagen: „Ich verurteile Hass im Internet.“ Das hält niemanden davon ab. Mich darüber lustig zu machen natürlich auch nicht, aber es ist eine Möglichkeit, Abstand zu nehmen. Ich weiß auch nicht, wie der richtige Umgang aussieht. Ich glaube nur, dass es der falsche Weg ist, wie in den vergangenen Jahren medial die AfD und ihre Wähler kommentiert wurden. Wie auf jede Äußerung reagiert wurde, darin lag kein Erkenntnisgewinn. Niemand liest einen solchen Artikel über die AfD und denkt: „Achso, die haben also etwas gegen Ausländer. Jetzt versteh ich’s endlich.“ Und das hält auch niemanden davon ab, die AfD zu wählen.

Eine von Kittys Kolleginnen im Comic sagt über das Internet, dass es einerseits Demokratisierung und Teilhabe bedeutet, aber gleichzeitig auch gefährlich ist in seiner Grenzenlosigkeit: „Aber man muss doch darüber reden, was die gesellschaftlichen Folgen von so einer Entwicklung sind.“ Wie sollte man damit umgehen?

Ich habe dazu keine Message, ich finde einfach viele Sachen, die ich beobachte, absurd, und hatte das Gefühl, die müssten mal dringend niedergezeichnet werden, bevor sie in Vergessenheit geraten. Dieser Vergleich mit der Atombombe, der im Comic gezogen wird, spiegelt nicht zu 100 Prozent meine Meinung wider, aber ich stimme zu, dass es so nicht weitergehen kann.

Empörung ist nun einmal eine Internetwährung. Vermutlich müsste jeder aufhören, sich darüber aufzuregen und das einfach wegignorieren. Aber das geht wahrscheinlich nicht.

Du legst auch einen Schwerpunkt auf die Arbeitswelt. Warum?

In den Kommentaren geht es oft um Arbeit. Darum, dass sie, die Trolle, arbeiten und Steuern zahlen und dass die Flüchtlinge angeblich gar nicht arbeiten wollen. Ich fand es interessant zu schauen, was Arbeit ist und was sie mit einem macht. Und ich wollte meine Beobachtungen der Arbeitswelt dokumentieren.

Die Mitarbeiter des Unternehmens haben alle ihre dunklen Seiten. Warum hast du ihre Ambivalenz hervorgehoben?

Wenn ich mir Figuren ausdenke, lerne ich sie immer besser kennen, und sie entwickeln sich selber immer weiter. Ich mag es, wenn sie sich wie echte Personen anfühlen, und dann müssen sie ja auch negative Eigenschaften haben. Ich wollte auch, dass es nicht um durch und durch gute Charaktere geht, die sich heroisch dem rechten Mob im Internet entgegenstellen, das wäre plakativ. Das sind Leute, die einfach zur Arbeit gehen und sich auf den Feierabend freuen.

Wie ernst nimmst du den Rechtsruck?

Sehr ernst. Der Grund, warum ich vor zehn Jahren aus den Niederlanden weggezogen bin, war, dass damals die PVV um Geert Wilders so viele Stimmen bekommen und die Minderheitsregierung von Mark Rutte gestützt hat. Ich habe acht Jahre in Amsterdam gelebt und dachte erst, dass das wieder vorbeigeht. Aber das Klima hat sich schleichend verändert und wurde sehr unangenehm.

UeberSpanienLachtDieSonne_CoverHast du ein Beispiel?

Wenn ich Holländisch geredet habe, wurde ich als „scheiß Ausländerin“ beschimpft. Anscheinend war es plötzlich okay, jemanden so anzugehen. Ich hatte das Gefühl, dass das vorher nicht so war. Das Limit, welche Dinge zu sagen okay ist, hat sich verschoben. Bei uns in Deutschland könne so was ja nicht passieren – dachte ich.

Kathrin Klingner: „Über Spanien lacht die Sonne“, Reprodukt, 128 Seiten, 20 Euro (ersch. am 10.3.)


Szene-Cover-März-2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Februar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Kübra Gümüşay von „eeden“

In einem Hinterhof an der Stresemannstraße entsteht „die erhoffte Realität schon jetzt“, sagt Kübra Gümüşay. Sie gehört zu den Gründerinnen von „eeden“, das in der Schanze zum Jahresbeginn als ein Netzwerk, Denk- und Arbeitsraum für engagierte Frauen eröffnet hat. In einer der ersten Veranstaltungen hat die Feministin dort mit der Grünen Renate Künast über Hass und Hetze im Internet gesprochen. Ein Gespräch mit der 32-jährigen Autorin und Journalistin über Sprache, den „Sisters’ March“ und ein starkes Zeichen des Kultursenators

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Kübra, was wollt ihr mit „eeden“ erreichen?

Kübra Gümüşay: „eeden“ ist ein experi­menteller Ort, an dem wir Menschen, die in ihren jeweiligen Bereichen visionäre Arbeit machen und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, zusammenbringen und sie gemeinsam nach neuen Lösungen suchen für die Herausforderungen unserer Zeit. Dabei wollen wir es uns nicht leicht machen.

Denn es reicht in diesen aufgewühlten Zeiten nicht, nur reaktiv zu sein. Ja, es ist wichtig, für eine plurale Gesellschaft einzustehen. Haltung zu zeigen. Das ergibt aber nur temporär Sinn. Wenn wir dauerhaft da­mit beschäftigt sind zu reagieren und lediglich versuchen, stagnieren wir als Gesellschaft. Es geht jetzt um was.

Hast du konkrete Beispiele?

Momentan arbeiten wir daran, Strukturen zu schaffen, in denen neue Formen der Begegnung, der Zusam­menarbeit und des gemeinsamen Denkens experimentiert werden können. Aber auch daran, den Zugang zu gesellschaftlichem Engagement zu erleichtern und mehr Menschen dazu zu bewegen, Verantwortung zu übernehmen.

Beispielsweise, als wir 2017 den „Sisters’ March“ organisierten, gingen sehr un­terschiedliche Gruppen gemeinsam auf die Straße – nicht nur gegen die gegen­ wärtige Politik, sondern für die Werte unserer Demokratie, für die Umsetzung demokratischer Ideale. Es war ein Miteinander, das vielen Hoffnung und Mut gemacht hat. Das wollen wir mit „eeden“ verstetigen.

Gründerinnen sind neben dir die Musikerin und Stiftungsbeirätin von „Viva con Agua“ Onejiru Arfmann und Art Directorin Jessica Louis. Wie habt ihr Kultursenator Carsten Brosda von euren Plänen überzeugt, immerhin unterstützt die Kulturbehörde „eeden“ in der Startphase in diesem Jahr mit 100.000 Euro?

Der Kultursenator hat damit ein sehr starkes Zeichen gesetzt. Schon vom ersten Moment an hat er verstanden, worum es uns bei „eeden“ geht und weshalb es gerade jetzt in diesen Zeiten dringlichst Räume braucht, in denen die Zivilgesellschaft neu, offen, zweifelnd und selbstkritisch denken und nach neuen Antworten für die Herausforderungen unserer Zeit suchen kann – statt so zu tun, als gäbe es auf alle großen Fragen klare, absolute Antworten. Diese Unterstützung macht über „eeden“ hinaus Mut, Visionen zu formulieren, zu experimentieren und in einen zugewandten öffentlichen Austausch zu gehen.

 

„Ich vermisse die Lust am Andersdenken“

 

Du bist vor fünf Jahren wieder zurück aus Oxford nach Hamburg gezogen. Wo bist du aufgewachsen?

In meinen ersten Lebensjahren habe ich in Altona gewohnt, dann in Billstedt. Hamburg ist eine sehr schöne Stadt. Es gibt viele Inseln von inspirierenden, engagierten Menschen. Meine Familie und viele meiner Freunde sind hier. Ich fühle mich inzwischen wieder in Hamburg zu Hause. Aber es ist mir manchmal etwas zu träge und zu gemütlich.

Im Vergleich zu London und Oxford vermisse ich die Lust am Andersdenken, generell Dinge zu über­denken, zu hinterfragen oder anders zu machen. Ebenso die Freude am Über­fordertsein. Aber das ändert sich nun hoffentlich durch „eeden“ und zahl­reiche andere Initiativen, denn wir sind natürlich nicht die einzigen, die sich um neue Räume bemühen.

Gerade ist dein Buch „Sprache und Sein“ erschienen. Darin zeigst du Wege auf, wie Menschen weniger hasserfüllt kommunizieren können.

Ja, denn die gegenwärtigen Debatten sind von Destruktivität geprägt. Wir hören absolute, vermeintlich zu Ende gedachte Antworten, die keinen Erkenntnisgewinn bringen, und lediglich gegeneinander antreten und um die Gunst des Publikums buhlen. Diese Art von Inszenierung erleben wir auch im Alltag.

 

„Sprache öffnet uns die Welt“

 

In meinem Buch gehe ich auf die Suche nach den Gründen und beschreibe die Architektur unserer Diskurskultur – aber auch die Architektur der Sprache, welchen Einfluss sie auf unsere Wahrnehmung und unser Denken hat. Denn Sprache ist nicht neutral. Sprache öffnet uns die Welt, sie grenzt uns aber auch ein. Sie formt uns und unseren Blick auf die Welt.

Wie sehr prägen Hassbotschaften im Internet inzwischen den Diskurs?

Mein öffentliches Schreiben wurde sehr früh von Hass und Morddrohun­gen begleitet. Schon vor zehn Jahren, als Kolumnistin bei der „taz“, fanden sich stets hasserfüllte Kommentare unter meinen Texten. Als ich, aber auch zahlreiche andere Autoren, die davon betroffen waren, dies thematisierten, wurde uns kaum Gehör geschenkt.

Inzwischen sind auch andere Bevölkerungsteile davon betroffen und der Hass wird nicht mehr derart normalisiert, die Sorgen etwas ernster genommen. Was lernen wir aber daraus? Zum einen, dass man marginalisierten Gruppen früher hätte zuhören müssen. Die zweite Lehre ist: Die Hassenden haben nicht einfach nur das Ziel, die Betroffenen einzuschüchtern. Nein, es geht viel­ mehr darum, diejenigen zu beeinflussen, die mitlesen. Das Publikum. Da­durch vermitteln sie den Eindruck, bestimmte Personen oder Themen seien zu provokant, zu marginal für die Mitte unserer Gesellschaft. Und der Diskurs wird dadurch künstlich verschoben.

eeden GmbH + e.V.: Stresemannstraße 132a (Altona-Nord)
www.ein-fremdwoerterbuch.com


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Luisa Neubauer im Interview: Raus aus der Komfortzone

Als Luisa Neubauer noch in Blankenese zur Schule ging, hatte sie nie vorgehabt, Vollzeit-Klimaaktivistin zu werden. Doch: Sie wurde zum bekanntesten Gesicht von Fridays for Future Deutschland und beschreibt in ihrem Bestseller, was Hamburg im Jahre 2050 bevorsteht

Text: Mathias Greulich 
Foto: Fridays for Future Deutschland

 

SZENE HAMBURG: Luisa Neubauer, Sie haben mit Peter Tschentscher beim Körber-Forum über die Klimakrise debattiert. Welchen Eindruck haben Sie vom SPD-Bürgermeister? 

Luisa Neubauer: Herr Tschentscher ist ein unaufgeregter Mensch. Man kann mit ihm sachlich diskutieren, es waren angenehme Gespräche. Dennoch ist in der Klimabilanz unter seiner Verantwortung noch dermaßen viel Luft nach oben. Hamburg hat als reiche CO2-intensive Stadt die Möglichkeit, Klimavorreiter zu werden. Ein grüner Leuchtturm im Norden.

Andere Städte sind da weiter.

Es war total irre. Einen Tag nach der Diskussion mit Herrn Tschentscher habe ich den Bürgermeister von Kopenhagen getroffen. Frank Jensen ist ein charismatischer Mensch. Übrigens kein Grüner, sondern ein Sozialdemokrat. Ich war sehr beeindruckt, wie visionär er beim Klimaschutz an die Sache herangeht. Kopenhagen will schon 2025 klimaneutral werden.

Noch im September demonstrieten 100.000 Hamburger für besseren Klimaschutz, am selben Tag hat die Bundesregierung ihr Klimapaket beschlossen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagt inzwischen in Richtung Fridays for Future, dass es nicht reiche, „jede Woche apokalyptische Bedrohungen zu beschreiben, die kaum zu bewältigen scheinen“. Die Demokratie werde schlecht geredet. 

Ich frage mich, aufgrund welcher Sachlage diese Aussagen von Herrn Steinmeier getroffen wurden. Wir sind Teil einer gelebten Demokratie, in dem wir Woche für Woche auf die Straße gehen. Das ist urdemokratisch, ebenso wie ziviler Ungehorsam. Wir wollen eine inhaltliche Debatte darüber führen, was man den Menschen zumuten kann. Es wird Zeit, dass die Regierung beim Klimaschutz endlich loslegt. Aber nicht so, wie es im Klimapaket vereinbart wurde, das zur Erreichung der Klimaziele nicht zielführend ist. Wir sind in einer entscheidenden Phase. Wir sind diejenigen, in deren Händen es liegt, ob das Ende der Klimakrise jetzt beginnen kann.

 

„Menschen brauchen Antworten und keine Beschwichtigungen“

 

Mit Alexander Repenning haben Sie gemeinsam das Buch „Vom Ende der Klimakrise. Eine Geschichte unserer Zukunft“ geschrieben. Sie sind beide aus Hamburg und skizzieren, was Ihrer Heimatstadt durch den Anstieg des Meeresspiegels im Jahr 2050 bevorsteht. Der Satz, dass sich „die Kinder auf den Schulhöfen im Sommer die Füße verbrennen werden“, wird als Panikmache kritisiert. 

Was wir beschreiben, passiert heute schon. Wir haben in der Recherche mit Stadtplanern gesprochen, die Schulhöfe mittlerweile anders konzipieren müssen. Die wissenschaftlichen Szenarien von häufigeren Sturmfluten und sehr viel heißeren Sommern sind die Spitze des Eisbergs. Was uns droht, ist schwer vorstellbar. Viele stellen sich die Frage, wie man mit den vorliegenden Informationen der Wissenschaftler umgeht. Darauf brauchen die Menschen ernsthafte Antworten und keine Beschwichtigungen. Viele Menschen, die unser Buch gelesen haben, schreiben mir. Das zeigt mir, dass es richtig war, diese Dinge so aufzuschreiben.

Als Sie selber noch auf die Grundschule Iserbrook gingen, haben Sie gegen deren drohende Schließung erfolgreich demonstriert. War es für Sie eine wichtige Erfahrung, dass Protest etwas bewirken kann? 

Politik hat im Alltag meist eine entfernte Dimension, aber damals haben wir eine Selbstwirksamkeit im Politischen erfahren. Es war glaube ich der Senat unter Ole von Beust, der reihenweise Grundschulen schließen wollte. Das war natürlich bildungspolitischer Nonsens, gegen den es einen breiten Widerstand gab.

Sie schreiben, dass Sie als 13-Jährige zum ersten Mal etwas über den Treibhauseffekt gehört haben. Eine Doppelstunde im Erdkundeunterricht, das war’s. 

Ich fand es damals irritierend, dass ein so wichtiges Thema in 90 Minuten gequetscht wurde. Ich begann, mich mit der Klimakrise zu beschäftigen. Ein Jahr später beschloss ich als Konsequenz auf die Informationen, die ich nach und nach gewann, Vegetarierin zu werden. Meine Eltern haben das damals noch nicht verstanden. Es gab immer mehr Fragen zu den ökologischen Grenzen des Wachstums und der Zukunft des Planeten, die ich mir stellte. Ein Jahr nach der Schule beschloss ich, Geografie zu studieren.

 

Klimaaktivistin mit 80-Stunden-Woche

 

Schüler bekommen auf dem Marion-Dönhoff-Gymnasium in Blankenese heute wahrscheinlich mehr Antworten zum Treibhauseffekt als Sie vor zehn Jahren. 

Damals hieß die Schule noch Willhöden. Ich war auch mal wieder dort, um über die Klimakrise mit der Oberstufe zu diskutieren. Sie geben sich inzwischen viel mehr Mühe, bei diesem Thema etwas zu verändern.

Was halten Ihre ehemaligen Mitschüler davon, dass Sie jetzt Vollzeit-Klimaaktivistin sind? 

Die finden es glaube ich ganz okay. Wir sind alle nach dem Abi unserer Wege gegangen und machen ganz unterschiedliche Sachen. Ich glaube, sie möchten nicht mit mir tauschen.

Im Frühjahr hatten Sie eine 90-Stunden-Woche. 

Das war als wir mit Fridays for Future begonnen haben, auf die Straße zu gehen. Ich hatte noch niemals eine Demo organisiert und bin aus meiner persönlichen Komfortzone herausgetreten. Mittlerweile mache ich einen Tag in der Woche frei und komme auf 80 Stunden.

Und Sie haben eine Morddrohung bekommen. 

Ja, das war extrem schockierend.

fridaysforfuture.de/ortsgruppen/hamburg

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 29. November 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger des Monats – Thorben Goebel-Hansen

Südlich der Elbe gab es lange keine Unterkunft für obdachlose Menschen – bis das Deutsche Rote Kreuz letztes Jahr das Harburg-Huus eröffnete. Einrichtungsleiter Thorben Goebel-Hansen über eine Einrichtung, die ihren Gästen nicht nur einen Schlafplatz, sondern auch Hoffnung schenkt

Interview: Sophia Herzog

 

SZENE HAMBURG: Herr Goebel-Hansen, wenn Sie über Ihre Arbeit im Harburg-Huus sprechen, fällt selten das Wort „Obdachlose“ und viel häufiger „Gäste“. Welche Bedeutung hat dieses Wort für Sie?

Thorben Goebel-Hansen: Die Menschen, die zu uns kommen, sind ja nicht nur obdachlos. Sie sind auch Musikliebhaber, Fußballfans, lesen gern, sind Mutter, Vater, Oma, Opa … Das alles wird bei der Bezeichnung Obdachlose ausgeblendet. Wir wollen unseren Gästen aber einen Perspektivenwechsel ermöglichen, und auch dafür ist es wichtig, sie nicht auf die Rolle eines Obdachlosen zu reduzieren.

Erst im Juni letzten Jahres wurde das Harburg-Huus als erste Obdachlosenunterkunft in Harburg eröffnet. Warum erst jetzt?

Das kann ich nicht beurteilen. Das DRK hat schon sehr lange auf dieses Thema hingewiesen und schließlich auf die immer weiter wachsende Obdachlosigkeit in Harburg reagiert. Vielleicht hat man sich auf behördlicher Ebene auf die anderen Einrichtungen in Hamburg verlassen. In Gesprächen wurde oft auf Unterkünfte im Zentrum Hamburgs, also nördlich der Elbe, verwiesen, zu denen die Obdachlosen ja gehen könnten.

 

„Freundschaften sind auf der Straße selten“

 

Die kommen aber für die obdachlosen Menschen in Harburg nicht immer infrage …

Für viele unserer Gäste ist die Innenstadt einfach schwer zu erreichen. Erst mal muss ja eine Fahrkarte her, die kostet Geld. Außerdem hat jeder Mensch seine eigene Sozialraumorientierung – eine Gegend, in der er lebt und sich auskennt.

Für obdachlose Menschen ist es zum Beispiel wichtig zu wissen, welcher Bäcker um die Ecke ihnen mal ein Brötchen spendiert. Viele sind hier verankert, der Stadtteil ist ihr Zuhause. Freundschaften sind auf der Straße selten, wenn sie also noch soziale Kontakte vor Ort haben, wollen sie ihr Quartier nicht einfach wechseln.

Werden die 15 Schlafplätze im Harburg-Huus denn seit der Eröffnung regelmäßig in Anspruch genommen?

Wir sind so gut wie jede Nacht komplett ausgebucht. Ab und zu bleibt ein Bett frei, wenn uns Gäste, die sich telefonisch angemeldet haben oder uns zum Beispiel von einer anderen sozialen Einrichtung angekündigt wurden, dann doch nicht erreichen. Der Bedarf ist offensichtlich da, wir hatten sogar schon vor der offiziellen Eröffnung eine Warteliste.

Wir vergeben unsere Betten zuerst an die Menschen, die sie nötig brauchen, zum Beispiel weil sie gesundheitlich geschwächt sind. Auch bei Frauen sehen wir häufig eine besondere Dringlichkeit. Für sie gibt es ein eigenes Zimmer.

Wenn ein obdachloser Mensch spontan bei uns vor der Tür steht und wir ihm keinen Schlafplatz mehr anbieten können, versuchen wir kurzfristig etwas in einer anderen Unterkunft zu organisieren.

Warum kommt das Konzept des Harburg-Huus bis jetzt so gut an?

Das mag daran liegen, dass wir als Deutsches Rotes Kreuz einen Vertrauensvorschuss haben. Einige Gäste haben in der Vergangenheit vielleicht keine guten Erfahrungen mit Behörden gemacht, die oft Träger anderer Unterkünfte sind.

Außerdem erlauben wir als eine der wenigen Notunterkünfte im Hamburger Raum auch Hunde. Viele obdachlose Menschen schlafen lieber auf der Straße, als sich von ihren vierbeinigen Begleitern zu trennen.

Warum werden dann nicht in mehr Unterkünften Hunde zugelassen?

Weil es schon ein gewisser Aufwand ist. Wie vertragen sich die Hunde untereinander? Wie vertragen sich die Hunde und die anderen Gäste? Das müssen wir bei der Bettenverteilung bedenken, und deshalb muss sich auch jeder potenzielle Gast mit seinem Hund bei uns vorstellen, damit wir einschätzen können, ob das funktioniert. Außerdem geht es auch um die Folgebetreuung der Tiere. Man muss sie nicht nur unterbringen, sondern Hundefutter bereitstellen oder medizinische Versorgung. Viele Träger schrecken dabei wohl auch vor den Kosten zurück.

 

„Jeden Cent müssen wir über Spenden reinholen“

 

Wie finanzieren Sie das denn?

Wir erhalten keine öffentliche Förderung, das heißt: Jeden Cent, den wir ausgeben, müssen wir über Spenden wieder reinholen. Bei 250.000 Euro im Jahr ist das eine große Herausforderung. Mit dem DRK haben wir aber einen Träger, der Projekte wie das Harburg-Huus anschieben kann und mit seinem Namen natürlich eine gewisse Wirkung hat.

Außerdem bekommen wir Unterstützung vom Förderkreis des Harburg-Huus, gegründet von Schirmherr Rüdiger Grube. Lebensmittel liefert uns die Tafel. Die Tierarztkosten, die sich unsere Gäste für ihre Hunde nicht leisten können, übernimmt ein Hamburger Verein.

Und nicht nur das – Sie organisieren auch Lesungen im Harburg-Huus, schauen gemeinsam mit Ihren Gästen Fußball oder bieten Musik- und Zeichenkurse. Warum schaffen Sie diese zusätzlichen Angebote?

Menschen brauchen Hoffnung, auf eine gute Zukunft, auf ein gutes Leben. Deshalb ist es für uns enorm wichtig, unseren Gästen zu zeigen: Es gibt so viele Dinge im Leben, die Spaß machen. Bitte verliere nicht die Hoffnung! Deshalb wollen wir ihnen genau diese Angebote auch machen.

Zusätzlich gibt es bei uns auch eine psychosoziale Betreuung, und einmal wöchentlich kommen das Caritas Krankenmobil und ein mobiler Zahnarzt bei uns vorbei. In Zukunft planen wir noch den Ausbau der Suchtberatung.

Was sagen Ihre Gäste?

Viele sagen, dass wir eine sehr familiäre Einrichtung aufgebaut haben. Das liegt daran, dass wir überschaubare Räumlichkeiten mit einem sehr wohnlichen Gemeinschaftsraum für den Tagesaufenthalt und 15 Betten für die Übernachtung anbieten. Auf diese Anzahl kommen dann nicht nur 15 festangestellte Mitarbeiter, sondern auch noch die gleiche Zahl an Ehrenamtlichen, die zum Beispiel abends eine kleine Mahlzeit ausgeben.

Natürlich sind nicht alle gleichzeitig vor Ort. Doch es ist immer jemand da und ansprechbar, die Gäste fühlen sich wahrgenommen. Das fängt schon bei den Kleinigkeiten an. Wenn jemand Geburtstag hat, organisieren wir immer ein kleines Geschenk, also vielleicht Buntstifte für jemanden, der gerne malt. Oder einen Kuchen, den wir zusammen essen. Da fließen nicht selten Tränen, weil unsere Gäste das lange nicht mehr erlebt haben.

 

Neue Strukturen

 

Umso schlimmer ist es, dass Sie im August die Nachricht bekommen haben, dass das Gelände für Wohnungsbau verkauft wurde …

Ja, das hat uns alle schockiert und entsetzt. Als wir 2017 mit dem Vermieter der ehemaligen Gewerbeimmobilie ins Gespräch kamen, haben wir uns darauf verständigt, dass wir dieses Objekt umbauen. Wir haben über 200.000 Euro an Spenden- und Eigenmitteln dafür aufgebracht. Das wir, so wie es jetzt aussieht, in spätestens drei Jahren raus sollen, trifft uns auch angesichts dieser enormen Summe natürlich sehr.

Was passiert mit Ihren Gästen bei einem Standortwechsel?

Obdachlose Menschen brauchen sichere Strukturen. Alles, was wir hier aufbauen, das ist nicht von heute auf morgen gemacht. Das ist eine unglaubliche Vertrauensarbeit, den Menschen einen Ort zu geben, den sie in ihren Alltag integrieren können. Dass diese Strukturen eingerissen werden sollen, stimmt das Team mehr als traurig.

Wie geht es jetzt weiter?

Ich habe die Hoffnung, dass wir neue Räume finden, in denen wir ein paar Betten mehr unterbringen. Aber dieses Objekt müssen wir erst mal finden. Das Thema Obdachlosenhilfe berührt Menschen. Aber wenn ich Vermieter anspreche, schrecken die häufig zurück, weil sie Angst haben, dass sie Räumlichkeiten in unmittelbarer Nähe einer Obdachloseneinrichtung nicht mehr für den gleichen Preis vermieten können.

Wir rennen bei unserer Suche keine offenen Türen ein. Deshalb bin ich für jeden Hinweis dankbar, wo es in Harburg vielleicht eine geeignete Immobilie gibt.

Haben Sie Ihre Entscheidung, die Leitung zu übernehmen, bereut?

Nein, auf keinen Fall. Das klingt plakativ, aber ich gehe jeden Tag wirklich gerne zur Arbeit. Wir sind noch eine junge Einrichtung, das heißt auch, dass sich noch vieles entwickelt. Das finde ich spannend, weil ich dabei auch viel Neues lernen kann.

Möglichkeiten dazu habe ich hier reichlich. Die Menschen, die zu uns kommen, kommen von überall her. Die meisten aus Deutschland, einige aus Osteuropa, wir hatten aber auch schon Gäste aus Brasilien, den USA, Afghanistan, dem Iran oder Irak. Gerade in der Sozialberatung kommen also ganz viele unterschiedliche Lebensläufe zum Vorschein. Jeder Gast hat seine eigene Geschichte zu erzählen. Einen anderen Arbeitsplatz als diesen könnte ich mir gerade gar nicht vorstellen.

www.drk-harburg.hamburg


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Der Hundertjährige Wilhelm Simonsohn

Es war ein aufregender Sommer für Wilhelm Simonsohn. Er bekam für seinen Einsatz als Zeitzeuge an Schulen das Bundesverdienstkreuz, nahm an einer Fridays-for-Future-Demo teil und wurde am 9. September 100 Jahre alt. Ein Gespräch über die Geschwister Scholl, die Sahara und einen Brief an Angela Merkel

Interview: Matthias Greulich
Foto: Jakob Börner

 

SZENE HAMBURG: Herr Simonsohn, vor einigen Wochen waren Sie auf Ihrer ersten Fridays-for-Future-Demonstration. Wie war’s?

Ganz wunderbar. Ich war mit meinen Töchtern, einem Enkel und zwei Urenkeln demonstrieren. Es war ein seltenes Bild, wie wir mit vier Generationen auf dem Hamburger Rathausmarkt saßen.

Mussten Sie lange überredet werden?

Absolut nicht. Fridays for Future ist ein Tritt in den Hintern unserer etablierten Parteien. Wir nehmen unsere Ressourcen stärker in Anspruch als es unsere Welt verkraften kann. Dabei gibt es Möglichkeiten, ohne fossile Brennstoffe auszukommen.

Mein Steckenpferd ist die Technologie Thermischer Solarkraftanlagen, um den steigenden Energiebedarf decken zu können. 1982 war ich mit meiner 2005 verstorbenen Ehefrau Liesel zum ersten Mal mit unserem Reisemobil zwischen Tunis und Agadir unterwegs. Als Saharafahrer habe ich erfahren, wie stark die Kraft der Sonne dort ist. Technisch ist das heute längst möglich und ich wünsche mir sehr, dass meine Enkel es bald erleben.

In Ihrem Buch „Ein Leben zwischen Krieg und Frieden“ ist ein Brief abgedruckt, den Sie an Frau Merkel geschrieben haben.

Zehn Jahre ist das jetzt her. Ich bat die Bundeskanzlerin darin, sich politisch für den Bau von Solarkraftwerken in der Sahara einzusetzen. Zur Beantwortung des Briefes ist Frau Merkel bisher leider noch nicht gekommen.

Sie sind durch eine Augenkrankheit fast erblindet und können keine Bücher und Zeitungen mehr lesen. Wie informieren Sie sich?

Mein Leib-und-Magen-Sender ist Phoenix. Ich verfolge fast jede Debatte aus dem Parlament, auch wenn der Bundestag nicht mehr das Niveau und den Esprit wie zu Zeiten eines Herbert Wehner hat.

Außerdem bringt mir ein ehrenamtlicher Bücherbote, er ist pensionierter Richter, regelmäßig Hörbücher aus der Bücherhalle vorbei. Das alles ist meine geistige Nahrung.

 

„Ich wurde als „Judenlümmel“ beschimpft“

 

Mit 100 Jahren besuchen Sie immer noch Schulen, um als Zeitzeuge aus Ihrem Leben zu berichten. Was sagen Sie den Schülern?

Wenn ich beispielsweise die Geschwister-Scholl-Stadtteilschule am Osdorfer Born besuche lautet mein Einleitungssatz: „Ich hatte nicht das Format der Geschwister Scholl, deshalb sitze ich hier vor Ihnen.“ Hans Scholl ist mein Jahrgang, Sophie Scholl war drei Jahre jünger. Vier Tage nachdem sie beim Auslegen von Flugblättern vom Hausmeister der Münchner Universität entdeckt worden waren, wurden sie verurteilt und getötet.

Ich rede in den Schulen von Europa. Dass ich in Sorge bin, dass unser Europa wieder Schlagseite kriegt. Dank dieses Europas leben wir seit 74 Jahren in Frieden. Es scheint für die jungen Menschen nicht alltäglich zu sein, dass ein Hundertjähriger vor ihnen steht. Aber ich langweile Sie doch nicht?

Absolut nicht. Als Sie so alt waren wie die Schüler, die Sie heute besuchen, sind Sie aus der Marine-Hitlerjugend ausgetreten.

Noch heute versetzt es mich in Erstaunen, dass ich als 15-Jähriger so handelte. Mein Vater war zur See gefahren und hatte die Begeisterung für alles Maritime in mir gefördert. Er dachte deutschnational, war Teilnehmer des Ersten Weltkriegs und ein überassimilierter Jude. Bei der Marine-Hitlerjugend wurde ich als „Judenlümmel“ beschimpft und wusste nicht, was los war.

Erst dann erfuhr ich, dass ich adoptiert und mein Vater Jude war. Er sagte immer: „Man weiß doch wie ich denke. Man wird mich nicht holen.“ Dann haben sie ihn im November 1938 abgeholt. Als er aus dem KZ Sachsenhausen zurückkam, war er ein gebrochener Mann. Er starb im November 1939 an den Folgen der Haft.

Zu diesem Zeitpunkt waren Sie bereits Wehrmachtssoldat und kämpften im Zweiten Weltkrieg.

Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen am 29. September 1939 in einem Motorrad mit Beiwagen ins zerstörte Warschau zu fahren. Der penetrante Geruch der menschlichen Leichen und der Kadavergeruch der Pferde haben mir das Elend eines Krieges erst so richtig ins Bewusstsein gebracht. Ich fühlte mich auf einen Schlag zehn Jahre älter und habe mir geschworen, niemals Bomben auf menschliche Siedlungen zu werfen.

 

„Durch meine Erlebnisse bei der Luftwaffe wurde ich zum Pazifisten“

 

Das konnte ich einhalten, weil wir nach der Pilotenausbildung als wertvolles menschliches Humankapital ein wenig mitbestimmen konnten, wo wir eingesetzt werden sollten. Ich wurde Nachtjäger, mit der etwas naiven Vorstellung, die Bombenangriffe auf deutsche Städte verhindern zu können.

Ich wurde zweimal abgeschossen. Drei weitere Male hielt der liebe Gott bei Bruchlandungen seinen Daumen zwischen Leben und Tod. Durch meine Erlebnisse bei der Luftwaffe wurde ich zum Pazifisten. Je stärker der zeitliche Abstand und der Abstand zu mir selbst wird, desto stärker wird diese Einstellung.

Für Ihren unermüdlichen Einsatz für die Demokratie haben Sie im August das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Es war eine sehr schöne Veranstaltung im Turmzimmer des Rathauses. Schulsenator Ties Rabe hat eine mitfühlende Rede gehalten. Er vergaß auch nicht, von einer Begegnung nach einem Schulbesuch zu berichten.

Was war passiert?

Ich bin mittlerweile geschrumpfte 1,80 Meter groß. Eine mit 15 Jahren ähnlich große Schülerin kam zu mir und sagte: „So einem Menschen wie Ihnen bin ich noch nie begegnet.“ Es sind diese kleinen Glücksgefühle, die mein Leben noch lebenswert machen.


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Der LKA-Beamte Uwe Chrobok

In 40 Jahren beim Landeskriminalamt Hamburg hat Uwe Chrobok einiges miterlebt. Ein Gespräch über Berufsethik und die enorme Entwicklung der DNA-­Analyse

Interview: Ulrich Thiele
Foto: Jakob Börner

 

SZENE HAMBURG: Herr Chrobok, zugespitzt formuliert, suchen Sie und Ihr Team keine Mörder, sondern ob überhaupt ein Mord oder ein Fremdeinwirken stattgefunden haben könnte. Wie gehen Sie dabei vor?

Uwe Chrobok: In aller Regel wer­den wir von Streifenwagenbesatzungen angerufen, wenn es bei einem Todesfall dubiose Umstände gibt. Je nach Lage entscheiden wir dann, ob wir ausrücken und uns die Situation vor Ort ansehen. Wenn wir hinfahren, gehen wir so vor wie die Mordkommission und die Spurensicherung: unter Vollschutz, mit weißem Anzug, Handschuhen, Mundschutz, Kapuze, um nicht einen eventuellen Tatort zu kontaminieren. Dann untersuchen wir den Leichnam so, wie ein Rechtsmediziner es auch tut.

Wie viele Fälle untersuchen Sie im Jahr?

Von insgesamt rund 18.000 Sterbefällen in Hamburg untersuchen wir ungefähr ein Drittel.

In einigen Fällen erhalten Sie auch Nachricht vom Hausarzt, wenn er ein mögliches Fremdeinwirken feststellt.

Genau. Die Schutzpolizei wird vom Hausarzt informiert, dass eine natürliche Todesursache nicht bestätigt werden kann, weil dem Tod zum Beispiel ein Sturz vorausgegangen ist, oder weil jemand im Zuge einer Operation gestorben ist und es durchaus einen Zusammenhang geben könnte. Dann wird der Sterbefall zwar gemeldet, wir stellen den Leichnam aber sicher, er kommt ins Institut für Rechtsmedizin, und wir übernehmen die Aufklärung.

 

Die sogenannte Kausalkette

 

Laut Statistik sind nur rund zwei Prozent der Todesbescheinigungen fehlerfrei. Wie kommt es dazu?

Es kommt häufig vor, dass die Ärzte einen natürlichen Tod bescheinigen, weil die Todesursache natürlich und isoliert betrachtet auch nachvollzieh­bar erscheint. Gleichwohl kann sich ein scheinbar natürlicher Todesfall aber auch anders darstellen.

Mein Pa­radebeispiel ist ein realer Fall: Es gibt einen Verkehrsunfall, der Beifahrer ist danach von Hals ab gelähmt, dadurch bettlägerig und bedarf der Pflege. Nach einem halben Jahr erkrankt er an einer Lungenentzündung. Der Patient verstirbt an dieser Lungenentzündung und die Todesursache ist, rein medizinisch betrachtet, natürlich. Dann aber kommen die Zusammenhänge ins Spiel: Warum ist er an dieser Lungenentzündung überhaupt erkrankt?

Dann greift die sogenannte Kausalkette: Wäre der Unfall nicht gewesen, hätte er keinen hohen Querschnitt erlitten, wäre nicht bettlägerig geworden und wäre durch die Bettlägerigkeit nicht an der Lungen­ entzündung erkrankt.

Mit welchen Folgen?

Es entstehen juristische Kniffe: Der Fahrer, der den Verkehrsunfall verursacht hat, wurde wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt. Da der verletzte Mensch aber später daran gestorben ist, hat sich die Rechtsart in der Form geändert, dass aus der fahrlässigen Körperverletzung eine fahrlässige Tötung geworden ist.

Wie kam der Fall heraus?

Der verstorbene Mann wurde eingeäschert. Vor jeder Einäscherung ist, anders als bei einer klassischen Beerdigung, noch mal eine amtsärztliche Leichenschau vorgeschrieben. In Hamburg sind es die Rechtsmediziner, die diese Leichenschau durchführen, und die uns in diesem Fall gemeldet haben: Verkehrsunfall mit hohem Querschnitt in der Vorgeschichte – das kann daher kein natürlicher Tod sein. Wäre er beerdigt worden, wäre das nicht herausgekommen.

 

„Wir gehen mit schwierigen Themen ganz offen um“

 

Gibt es Methoden gegen solche Lücken?

Im Moment gibt es in Hamburg keine Methoden, die das sicherstellen können. Andere Bundesländer arbeiten nach einem anderen System. Bremen hat das Prinzip, dass alle Verstorbenen solange bei den Bestattungsunternehmen bleiben, bis eine amtsärztliche Un­tersuchung durchgeführt wurde.

Das Hauptproblem an dieser Methode ist aber, dass, wenn der Leichnam vom Fundort entfernt wird, ohne dass die Polizei dort tätig gewesen ist, alles verändert ist und die Spurensicherung nicht mehr richtig arbeiten kann. Der Fundort muss „eingefroren“ werden, bis wir uns den Tatort zusammen mit der Spurensicherung gründlich angesehen haben.

Was schlagen Sie vor?

Für Hamburg wäre die Ideallösung, dass die Amtsärzte gemeinsam mit der Polizei, die Leichenschau für jeden Verstorbenen vor Ort durchführen würden.

Sie sind oft mit dem Tod konfrontiert. Wie gehen Sie mit der Schwere Ihres Berufs um?

Wir haben die Möglichkeit, an unsere Seelsorger oder psychosoziale Notfallbetreuung heranzutreten. Wir in unserem speziellen Sachgebiet gehen mit schwierigen Themen ganz offen und ehrlich um. Aber nicht jeder kann mit jeder Art des Versterbens gleich gut umgehen.

Ich mag überhaupt keine Fälle, in denen Menschen von einer Bahn überfahren wurden. Wenn Leute sich vor einen Zug geworfen haben in suizidaler Absicht, birgt die Feuerwehr die Leichenteile. Ich muss dann in diesen Leichenteilen zum Beispiel nach einem Ehering suchen, was es mir ermöglicht, diese Person zu identifizieren. Andere haben damit überhaupt kein Problem.

 

Der „CSI“­-Effekt

 

Ihre Arbeit beinhaltet spezielle Herausforderungen. Wie sieht es mit Nachwuchs aus?

Wer zu uns will, hospitiert zunächst für rund zwei Wochen bei uns, in denen wir gucken, ob derjenige überhaupt geeignet ist und die Aufgabe ernst nimmt. Ich habe auch schon Leute abgelehnt, die die Voraussetzungen nicht mitgebracht haben.

Ich bin auch als Prüfer bei Bewerbungsgesprächen dabei und stelle immer wieder fest: Viele denken, die Arbeit hier wäre so, wie sie in Fernsehserien dargestellt wird. Die wollen am liebsten Forensiker und Profiler in einem sein und auch noch die bösen Buben selbst überführen.

Gucken Sie Krimiserien oder ärgern Sie sich dann nur?

(lacht) Ich war auch mal großer „CSI“-­Fan. Dieser „CSI“­-Effekt ist tatsächlich wissenschaftlich erwiesen – die Leute sehen sich diese Serie an und erwarten das gleiche Verhalten, das ein Horatio Caine an den Tag legt, auch von uns – also locker die Sonnenbrille abnehmen und dann aus fünf Metern Entfernung die Hautschuppe auf dem Gardinenbrett entdecken. Aber das ist natürlich alles nicht realistisch. Außerdem sind die Amerikaner auch weiter als wir, was die DNA­-Analytik und die Geschwindigkeit der DNA-­Ausmusterung angeht.

Aber auch in Deutschland haben sich die technischen Möglichkeiten entwickelt …

Als ich Mitte der 90er zur Mordkommission kam, steckte die DNA­-Analytik noch in den Kinderschuhen. Wir haben damals immer eine Röhre mit Blut in der Serologie abgegeben und waren schon froh, wenn wir die Blutgruppe definieren konnten.

Heute können wir einen mikroskopisch kleinen Blutfleck am Tatort sichern. Die Möglichkeiten reichen bis zum genetischen Phantombild, allerdings dürfen wir in Deutschland aus Datenschutzgründen nur bestimmte Sequenzen eines DNA-­Strangs untersuchen.

Den Niederländern und den USA ist es erlaubt, aus dem DNA­-Material ein Phantombild zu erstellen. Ich war ein­ mal dabei, als die Software mit Probanden getestet wurde – ich war beeindruckt, wie frappierend die Ähnlichkeit zwischen der realen Person und dem Phantombild war.

 

„Die Berufsethik ist enorm wichtig“

 

Wie sieht Ihre Arbeit in der Identifizierungskommission aus?

Zum Beispiel nach dem Tsunami in Südostasien 2004 waren wir Teil einer internationalen Unit, die die Identifizierung dieser Zigtausenden Menschen durchgeführt hat. Wir haben die so­ genannten Ante­-Mortem­-Daten, also der Daten, die vor dem Tod entstanden sind, beigesteuert. Auch beim Absturz der German Wings vor vier Jahren in den Alpen waren wir in diesem Bereich beteiligt.

Unser letzter Einsatz war das Busunglück auf Madeira. Da war ein Hamburger Ehepaar dabei und wir haben bei der Identifizierung geholfen, indem wir diese Daten hier erhoben haben in Form von Fingerabdrücken und DNA­-Material. Bei dieser Arbeit ist übrigens die Berufsethik enorm wichtig – ein Thema, das mich sehr beschäftigt und über das ich Vorträge halte.

Erzählen Sie.

Bei dem German-Wings-­Absturz sind sehr viele, auch kleine Leichenteile gefunden worden. Ein Beispiel: Nun findet man den Teil einer Fingerkuppe, und dann stellt sich die ethisch-­moralische Frage: Wenn ich diese Fingerkuppe untersuche, habe ich am Ende ein DNA­-Muster, aber keine Fingerkuppe mehr. Was soll ich den Angehörigen sagen? Wir haben die Fingerkuppe Ihrer Tochter gefunden, aber jetzt ist sie nicht mehr da, weil wir jetzt sicher sind, dass das die Fingerkuppe Ihrer Tochter war. Das sind die Fragestellungen, die richtig tief in den Bereich Ethik, Theologie und alles, was damit zusammen­ hängt, hineingehen.

Landeskriminalamt Hamburg: Bruno-Georges-Platz 1 (Winterhude)


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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