Hamburgerin des Monats: Andrea de Luna von „Deintopf“

Im März 2020 wurde der erste Lockdown ausgerufen. Suppenküchen schlossen – und Andrea de Luna eröffnete die soziale Essens- und Lebensmittelausgabe „Deintopf“ im Karoviertel

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Andrea, Glückwunsch zum Einjährigen. Was steht heute auf dem Speiseplan?

Andrea de Luna: Es gibt Fischfrikadelle mit Kartoffelsalat, Gulaschsuppe mit Kartoffeln oder Spätzlepfanne Veggie mit Gemüse und Rahmsoße. Wir haben immer drei bis vier Gerichte zur Auswahl, damit für jeden Geschmack, aber auch für jede Verträglichkeit was dabei ist. Und immer auch was Vegetarisches.

Wie viele Gäste habt ihr pro Tag?

Das ist verschieden. Am Monatsende sind es mehr Gäste als am Monatsanfang. Das ist auch immer bisschen wetterabhängig, aber wir sprechen hier von einer Zahl von 100–200 Gästen pro Ausgabe.

Hat sich die Gästestruktur seit Beginn der Pandemie verändert?

30 Prozent unserer Gäste sind Menschen ohne festen Wohnsitz. Ich kenne viele von meinem Ehrenamt bei Hanseatic Help, Kältebus, Café mit Herz und Alimaus. Es kommen immer mehr alte Menschen und Alleinerziehende. Die brauchen das wirklich. Die einen für ihre Familien und die Älteren, damit sie überhaupt noch etwas zu essen haben.

Kümmert ihr euch auch um Gäste, die nicht mobil sind?

Ja, das bieten wir an. Wir liefern mit Lastenfahrrädern. Anfangs waren das mehr Gäste. Inzwischen ist es nur noch ein Herr, den wir auch von Anfang an versorgen. Unser Angebot besteht aber weiterhin: Wenn jemand nicht mobil ist, soll er sich bitte melden. Wir bringen das Essen vorbei. Allerdings begrenzt auf das Karoviertel.

Sind Freundschaften mit Gästen entstanden?

Man muss schon so professionell sein, dass man sich ein bisschen abgrenzt. Punkt A: Wir wollen niemanden bevorzugen. Die Gäste achten stark drauf, dass sich keiner vordrängelt oder einer mehr kriegt als der andere. Und B: Es sind es halt Menschen, und hinter jedem Menschen steht ein Schicksal. Diese Schicksale sind manchmal sehr traurig.

Man muss auf sich achten, dass man nicht zu viel davon mit nach Hause nimmt. Aber natürlich haben viele Gäste zu uns ein freundschaftliches Verhältnis. Die Helfer sind ja immer die gleichen. Die bauen Beziehung auf, die freuen sich darüber. Wenn jemand zwei Wochen nicht da ist, fragen sie auch, wo ist denn der? Es sind immer drei Helfer draußen. Die Gäste lieben das, sich einfach mit ihnen zu unterhalten, auch mal Spaß zu machen.

 

„Mich motiviert es, rauszugehen, was zu tun“

 

Du bist im Hauptberuf Erzieherin. Wie kriegst du das alles hin?

Das Wichtige ist ja, diese Projekte anzustoßen, aufzubauen. Wenn sie gut laufen, dann laufen sie halt auch. Und ich habe großes Vertrauen in meine Helfer. Wir treffen uns einmal die Woche im digitalen Meeting, besprechen alles. Jeder soll sich einbringen – ich bin Freund von Schwarmintelligenz.

Die Helfer können sich so mit dem Projekt identifizieren und machen das ein Stück weit zu ihrem eigenen Projekt. Innerhalb des Teams haben sich Freundschaften gebildet, wir haben ja ein sehr harmonisches und liebevolles Miteinander. Das ist uns wichtig. Gut miteinander umzugehen. Das ist Ehrenamt, und wenn man im Ehrenamt genauso gestresst ist wie im Job, dann möchte man es irgendwann nicht mehr machen.

Was ist deine Motivation?

Meine Motivation ist, Menschen zu helfen. Ich weiß, wie sich das anfühlt, wenn man nicht genug zu essen hat oder es einem schlecht geht. Und ich kann das schwer aushalten, wenn ich sehe, dass es Menschen schlecht geht. Ich werde dann aktiv. Es nützt ja niemandem was, wenn ich zu Hause sitze und grüble. Mich motiviert es, rauszugehen, was zu tun. Ich überleg mir dann Dinge, die ich machen kann, um diesen Zustand zu verbessern.

Aus wie vielen Leuten besteht Deintopf?

Wir sind ein Team aus etwas über 50 Menschen. Wir arbeiten mit einem festen Dienstplan, in den sich jeder selber eintragen kann. Die Schichten sind genau aufgeteilt. Man kann nicht einfach herkommen und sagen, ich helfe jetzt mal mit, weil ich Lust zu habe. Außer man bleibt dann die ganze Zeit draußen, weil wir natürlich auch Auflagen haben und darauf achten müssen, dass es in den Räumen nicht zu voll wird. Zum Eigenschutz und zum Schutz unserer Gäste.

Wie ist der Anteil von Frauen und Männern?

Wir haben inzwischen auch schon sehr viele motivierte Männer dabei. Tatsächlich ist es aber so, dass der Großteil Frauen sind. Ich bin ja noch bei anderen Sachen aktiv. Das sehe ich überall im Ehrenamt.

Wie erklärst du das?

Ich will das nicht pauschalisieren, aber ich glaube, Frauen sind doch oft empathischer als Männer. Sie können mehr nachvollziehen, haben eher das Gefühl, dass sie helfen möchten. Es wurde uns irgendwie schon in die Wiege gelegt, dass wir uns immer gut um alle und alles kümmern.

Wer kocht für euch?

Zu Beginn hat der Foodeventclub sehr viel für uns gekocht. Auch die Flora Volksküche ist von Anfang an dabei. Außerdem das Buddels Restaurant, die Passage Gastronomie und die Juwelier Espressobar. Es wechselt auch immer mal. Wir können uns nicht beklagen.

Es möchten noch viel mehr Leute für uns kochen, aber wir haben gar nicht die Kapazitäten, das alles zu verteilen.

Welche Rolle spielt der Gesundheits­aspekt?

Es gibt immer ein vegetarisches oder veganes Gericht. Wir bieten kein Schweinefleisch an. Jeder Gast sucht sich selbst aus, was er mitnimmt. Auch an Lebensmitteln. Wir packen hier keine Taschen. Jeder Mensch kann nach Geschmack und Verträglichkeit selbst auswählen.

 

„Alles wäre erst gut, wenn es das Ehrenamt nicht mehr bräuchte“

 

Hast du da Unterstützung durch Behörden bekommen?

Also, ich habe zumindest vom Bezirksamt Mitte alle Genehmigung bekommen. Das ist ja schon mal gut. Ich bekomme auch Dankesschreiben (lacht). Ansonsten ist es natürlich so, dass Behördenmühlen langsam mahlen. Die sind auf alle Fälle bemüht.

Ich denke, dass die Stadt Hamburg mehr machen könnte. Eigentlich wäre es ja alles erst gut, wenn es das Ehrenamt nicht mehr bräuchte. Wobei wir das alles gerne tun. Manchmal ist es schwierig mit den Behörden. Wenn ich erst mal 20 Anträge und Passierschein 53 B beantragen muss um 100 Euro zu kriegen, dann lass ich das lieber, weil ich eigentlich auf anderen Wegen auf größere Summen komme.

 

Deintopf finanziert sich ausschließlich durch Spenden?

Ja, hier ist alles durch Spenden finanziert. Wir haben ja auch keine Verwaltungskosten, weil wir Gott sei Dank immer noch mietfrei hier sind. Wenn wir endlich Räume gefunden haben, sind Miete und Betriebskosten schon gesichert, weil die Reimund C. Reich Stiftung uns angeboten hat, diese zu übernehmen. Das ist eine große Stiftung in Hamburg, die sich im Bereich Armutsbekämpfung stark macht und viele Projekte unterstützt. Das Problem ist, das wir keine Räume finden.

Arbeitet ihr mit anderen Projekten zusammen?

Wir haben alle zwei Wochen ein großes digitales Meeting. Da sind ich und eine Helferin zusammen mit anderen Initiativen drin. Wir sprechen über wichtige Themen, was sind die Bedarfe, wie können wir noch helfen? Wir arbeiten gemeinsam an Konzepten. Oder jemand schreibt, ich habe 1.000 FFP2-Masken gekriegt. Lass uns die teilen!

Im Sommer, als die Wasserversorgung auf der Straße so schlecht war, haben wir gemeinsam Wasser bestellt. Hanseatic Help hat das alles für uns eingelagert. Wir konnten das dann jederzeit abrufen.

Wie waren die Reaktionen, als du mitten im ersten Lockdown Deintopf gegründet hast?

Von Seiten der Gäste her natürlich positiv. Viele haben wirklich geweint und gesagt, Gott sei Dank, das war meine erste warme Mahlzeit seit zwei Wochen. Diesen Menschen sind ja auch sämtliche sozialen Netzwerke weggebrochen. Meine Familie war zwiegespalten: Oh Gott, es ist Pandemie und du bist da immer mit Menschen! Aus Helferkreisen kam vereinzelt: Alle machen zu und du machst auf? Denkst du, du kannst das besser als die anderen? Ich weiß, dass man gerade zu Pandemiezeiten aufpassen muss. Das ist für uns alle neu.

Ich wusste aber auch, dass ich das gewisse Know-how habe, weil ich seit fünf Jahren ehrenamtlich arbeite und mich auf den Bereich Mobile Aufgaben spezialisiert habe. Jetzt kann ich ein bisschen stolz sagen: Ja, da haben wir das meiste richtig gemacht.

facebook.com/Deintopf


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburgerin des Monats: Kassiererin Karima Quattaybi

Ohne Frauen wie Karima Quattaybi, 40, würde in Hamburg nichts laufen. Sie saß an der Kasse im Rewe Center Altona, als dort im Frühjahr 2020 Menschenmengen einkauften, als würde es dort morgen nichts mehr geben, und hatte ein mulmiges Gefühl, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Anfangs wurde auf den Balkonen auch für die Kassiererinnen und Kassierer geklatscht, doch im zweiten Lockdown gibt es nur noch wenig Aufmunterung der Kunden, bei denen viele mit eigenen Problemen zu kämpfen haben

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Karima Quattaybi, erinnert Sie die aktuelle Situation an den Lockdown im März?

Karima Quattaybi: Wir nehmen im Januar schon wahr, dass die Kunden weiterhin verstärkt einkaufen. Das ist zum Jahresanfang ungewöhnlich. Die Kunden sind aber ruhiger und respektieren die getroffenen Vorkehrungen.

Was ist anders als im Frühjahr 2020?

Durch die Auflagen und Landesverordnungen ist die Kundenanzahl im Markt limitiert, dadurch ist es insgesamt ruhiger als im Frühjahr. Damals habe ich einer Zeitung gesagt: ,Da hatten wir jeden Tag Silvester.‘ Dazu muss man wissen, dass dies normalerweise der stärkste Einkaufstag für uns im Jahr ist.

Wie läuft es mit dem Verkaufsverbot für Alkohol, das in diesem Gebiet in Altona seit vergangenem Sommer gilt?

Wir haben am Eingang und im Markt in der Abteilung entsprechende Aushänge, die darauf hinweisen. Am Anfang haben die Kunden mit Unverständnis reagiert, mittlerweile ist dies aber ebenfalls Gewohnheit und sorgt für wenig Trubel.

Was wird jetzt gehamstert?

Wir haben im Frühjahr viel gelernt, und ich denke die Kunden auch. Aufgrund des Lockdowns merken wir aber eine erhöhte Nachfrage bei Non-Food-Artikeln, beispielsweise den Haushaltsartikeln. Bei uns gilt, unabhängig von der Warengruppe: Wir verkaufen alles in haushaltsüblichen Mengen.

Verstehen Sie, warum so viel gekauft wird?

Eher nicht, wenn man alleine auf das Thema Öffnungszeiten etc. schaut. Wir hatten nicht einen Tag in den letzten Monaten, außer der gesetzlichen Feiertage, zu. Wobei man auch nicht vergessen darf, dass viele Familien zu Hause sind und da natürlich auch ein größerer Bedarf an Lebensmitteln vorhanden ist. Es wird jeden Tag für Groß und Klein gekocht, da braucht man natürlich schon mehr Lebensmittel.

Was beschäftigt die Menschen?

Viele sind in Kurzarbeit. Wir kennen einige Kunden in Altona schon lange und das ist dann traurig zu hören. Gerade von den Menschen in der Gastro, für die es gerade nicht einfach ist. Sie müssen jeden Cent umdrehen und wissen nicht, wie es weitergeht. Und viele haben zurzeit nichts anderes als einzukaufen. Die Kunden sind nicht mehr so gesprächig, muss ich sagen. Das finde ich schade. Wir wollen alle einkaufen gehen und wir machen das hier gerne.

Wie lange arbeiten Sie schon hier?

Seit 2002. Im nächsten Jahr also schon 20 Jahre.

Sie haben eben kurz gelacht, als Ihre Kollegin sagte, Sie seien hier der Sonnenschein.

Nach der Spätschicht von letzter Woche brauche ich noch etwas, um zu strahlen.

 

„Wir bekommen das hin – auf jeden Fall“

 

Wie geht Ihre Familie mit der Situation um?

Ich habe eine Tochter. Die ist 16, geht aufs Gymnasium und sitzt gerade im Online-Schooling. Ist auch alles ein bisschen schwierig. Läuft alles nicht rund gerade. Das Internet bricht dauernd zusammen, hat sie mir berichtet. Ich verlasse mich darauf, dass sie es alleine hinkriegt. Aber sie macht es gut und macht keinen Blödsinn.

Reden Sie mit Ihren Kollegen über die Gefahr, sich anzustecken?

Wir alle haben diese Gedanken. Wir haben Kontakt zu vielen verschiedenen Menschen. Das gibt ein mulmiges Gefühl. Das Risiko, sich anzustecken, ist da. Dazu kommt: Jetzt ist Erkältungszeit und es kommt vor, dass Leute husten. Im Markt weisen wir nach wie vor auf die Abstandsregeln, Maskenpflicht und das regelmäßige Händewaschen hin – denn das sind die wichtigsten Regeln, um gesund zu bleiben.

Fühlen Sie sich sicher hinter der Plexiglasscheibe?

Ich bin froh, dass wir diese Plexiglasscheiben gekriegt haben.

Wie erinnern Sie sich an die Zeit, als abends auf den Balkonen geklatscht wurde?

Das waren zwei Wochen. Wir haben viele Stammkunden, die sagten: ,Toll, dass ihr noch da seid.‘ Es war ja schon beeindruckend, weil man auf einmal wichtig war. Sonst war es selbstverständlich, dass wir da waren. Jetzt gehörten wir zur besonderen Kategorie, die für die Versorgung wichtig ist.

Ist noch etwas aus dieser Zeit bei den Kunden da?

Nein, wirklich nicht viel. Das war ganz schnell vorbei. Der Einzelhandel ist ein bisschen untergegangen, was die Wertschätzung betrifft.

Haben Sie zum Jahresende eine Prämie bekommen?

Ja, die gab es. Vom Arbeitgeber auf freiwilliger Basis. Hat mich gefreut. Und noch etwas ist ganz gut: Wir dürfen uns Obst, einen Snack und Getränke nehmen und müssen die Artikel nicht an den anderen Kassen bezahlen, wenn es voll ist.

Wie sind die Aussichten für die nächsten Wochen und Monate?

Wir haben 120 Mitarbeiter in Altona, unter denen auch viele jünger sind. Ich denke, wir bekommen das hin. Auf jeden Fall. Weil wir uns auch mit den Kollegen austauschen. Dadurch, dass wir zusammenhalten, ist das Team gut. Ansonsten würden wir das nicht so einfach durchstehen. Denn wir sind auch angespannt, muss ich zugeben.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburgerin des Monats: Köchin Cornelia Poletto

Die Hamburger Star-Köchin Cornelia Poletto steht für Genuss – soweit, so bekannt. Aber nicht alle wissen um ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten. Ein Gespräch über Entenkeulen für Senioren und einen Instagram-Takeover für Ärzte und Pfleger des Altonaer Kinderkrankenhauses

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Cornelia Poletto, kürzlich ist die zweite Ausgabe Ihres eigenen Magazins erschienen. Bereits im ersten „Cornelia Poletto“-Heft las man in Ihrem Editorial, Sie wollten damit ein wenig Leichtigkeit und Dolce Vita verschenken in einem herausfordernden Jahr. Schauen wir doch mal auf Ihr 2020: Was war zu Pandemiebeginn für Sie die erste große Herausforderung?

Cornelia Poletto: Konsequent Entscheidungen zu treffen. Auch zu handeln, zu motivieren, Mitarbeiter abzuholen. Und natürlich sich selbst ständig zu informieren, was da eigentlich gerade los ist. Wobei ich in Sachen Pandemie einen kleinen zeitlichen Vorteil hatte.

Weil Sie auch in Shanghai ein Restaurant mitbetreiben und den dortigen Umgang mit der Pandemie kannten?

Genau. Die Menschen dort waren uns Corona-technisch ja zwei Monate voraus. Ich wusste dadurch, was bei uns in Hamburg im März richtig war, nämlich unser Restaurant in Hamburg zu schließen und uns auf Abholung und Lieferung zu konzentrieren.

Diese Alternativen brauchen etwas Vorbereitungszeit. Und da wir das Restaurant bereits vier Tage vor dem offiziellen Lockdown geschlossen haben, konnten wir Delivery und Take-away als eines der ersten Hamburger Restaurants anbieten.

 

„Ich ziehe aus allem das Positive“

 

Hatten Sie in den Frühjahrsmonaten vor allem Sorgen oder eher optimistische Gedanken à la „Wir schaffen das schon!“?

Ich war voll auf die Zukunft fokussiert. Viel Zeit zum Nachdenken hatte ich eh nicht und wollte einfach das Beste aus der Situation machen, genau wie wir es in Shanghai gemacht haben. Ich bin jemand, der aus allem das Positive zieht.

Zum Beispiel, dass ich in den angesprochenen Monaten endlich mal wieder Zeit hatte, mit meinen Mitarbeitern im Restaurant kreativ zu sein. Das hat mir sehr viel Freude bereitet. Wir haben zum Beispiel unsere Kochboxen aufgebaut, die sehr erfolgreich wurden. Bis Weihnachten werden wir noch über 1.000 Stück verschicken.

Was neue Ideen in der Corona-Zeit angeht, habe ich mich auch mit anderen Hamburger Gastronomen ausgetauscht. Es war schön zu sehen, dass in dieser schwierigen Phase niemand nur geschaut hat, wie er oder sie da irgendwie alleine durchkommt, sondern dass alle gemeinsam überlegt haben, wie es gehen könnte.

Sie haben in den ersten Corona-Monaten zudem für ein paar Glücksmomente bei Senioren gesorgt, als Sie Poletto-Mittagessen in Pflegeheimen ablieferten.

Es gab einen Aufruf von der AWO, eine Patenschaft zu übernehmen, also zum Beispiel Einkäufe für Senioren zu erledigen. Ich habe mich dann einfach mal angemeldet, und es vergingen keine zwei Stunden, da rief man bei mir an: „Frau Poletto, sind Sie es selber? Großartig wäre ja, wenn Sie mal für unsere Senioren kochen könnten!“ Das haben wir dann auch gemacht.

600 Essen haben wir während des ersten Lockdowns zubereitet, unterstützt von Stammgästen, und zusammen mit einem Mitarbeiter habe ich alles verteilt. Zum zweiten Lockdown haben wir diese ehrenamtliche Arbeit wieder aufgenommen, seitdem bringen wir Senioren in zwei Einrichtungen an den Adventssonntagen 100 leckere Entenkeulen.

 

„Dann komme ich eben zu euch nach Hause“

 

Kamen Sie bei all dem Engagement auch noch dazu, im Altonaer Kinderkrankenhaus vorbeizuschauen, das Sie als Schirmherrin unterstützen?

Es ist schwierig, direkt vor Ort zu sein bei den kleinen Patienten, man muss da wirklich sehr vorsichtig sein. Aber: Wir haben gemeinsam mit den dortigen Ärzten und Pflegern eine schöne Aktion auf die Beine stellen können, die auch ohne Besuch funktionierte. Ich habe ihnen eine Woche lang meinen Instagram-Account überlassen, um ihnen eine Plattform zu bieten, ihre tägliche Arbeit zu zeigen. Das war unsere Alternative zum gemeinsamen Plätzchenbacken und Kochen, was wir sonst immer machen.

Eine Alternative für die Kochkurse in Ihrer „Cucina Cornelia Poletto“ haben Sie auch entwickelt: Live-Events, die online genossen werden können. Erzählen Sie doch mal, wie Sie Ihre Kochschule digitalisiert haben.

Es rieselte Absagen von Kursen, und mein Palazzo-Zelt findet dieses Jahr auch nicht statt. Zudem können wir mit Delivery und Take-away bei Weitem nicht das Weihnachtsgeschäft abdecken, das wir normalerweise haben. Mir geht es um die Pflege meiner Gäste, die nicht bei mir zusammenkommen können, weder bei Kochkursen, noch bei Weihnachtsfeiern.

Also habe ich gesagt: „Dann komme ich eben zu euch nach Hause!“ Von heute auf morgen habe ich mit meinen Mitarbeitern ein Küchenstudio aufgebaut, mit Kameras, Licht, Schaltpult und vielem mehr. Seitdem können wir wieder alle gemeinsam kochen und lustige wie leckere Live-Events feiern.

cornelia-poletto.de


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Luisa Neubauer im Interview: Raus aus der Komfortzone

Als Luisa Neubauer noch in Blankenese zur Schule ging, hatte sie nie vorgehabt, Vollzeit-Klimaaktivistin zu werden. Doch: Sie wurde zum bekanntesten Gesicht von Fridays for Future Deutschland und beschreibt in ihrem Bestseller, was Hamburg im Jahre 2050 bevorsteht

Text: Mathias Greulich 
Foto: Fridays for Future Deutschland

 

SZENE HAMBURG: Luisa Neubauer, Sie haben mit Peter Tschentscher beim Körber-Forum über die Klimakrise debattiert. Welchen Eindruck haben Sie vom SPD-Bürgermeister? 

Luisa Neubauer: Herr Tschentscher ist ein unaufgeregter Mensch. Man kann mit ihm sachlich diskutieren, es waren angenehme Gespräche. Dennoch ist in der Klimabilanz unter seiner Verantwortung noch dermaßen viel Luft nach oben. Hamburg hat als reiche CO2-intensive Stadt die Möglichkeit, Klimavorreiter zu werden. Ein grüner Leuchtturm im Norden.

Andere Städte sind da weiter.

Es war total irre. Einen Tag nach der Diskussion mit Herrn Tschentscher habe ich den Bürgermeister von Kopenhagen getroffen. Frank Jensen ist ein charismatischer Mensch. Übrigens kein Grüner, sondern ein Sozialdemokrat. Ich war sehr beeindruckt, wie visionär er beim Klimaschutz an die Sache herangeht. Kopenhagen will schon 2025 klimaneutral werden.

Noch im September demonstrieten 100.000 Hamburger für besseren Klimaschutz, am selben Tag hat die Bundesregierung ihr Klimapaket beschlossen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagt inzwischen in Richtung Fridays for Future, dass es nicht reiche, „jede Woche apokalyptische Bedrohungen zu beschreiben, die kaum zu bewältigen scheinen“. Die Demokratie werde schlecht geredet. 

Ich frage mich, aufgrund welcher Sachlage diese Aussagen von Herrn Steinmeier getroffen wurden. Wir sind Teil einer gelebten Demokratie, in dem wir Woche für Woche auf die Straße gehen. Das ist urdemokratisch, ebenso wie ziviler Ungehorsam. Wir wollen eine inhaltliche Debatte darüber führen, was man den Menschen zumuten kann. Es wird Zeit, dass die Regierung beim Klimaschutz endlich loslegt. Aber nicht so, wie es im Klimapaket vereinbart wurde, das zur Erreichung der Klimaziele nicht zielführend ist. Wir sind in einer entscheidenden Phase. Wir sind diejenigen, in deren Händen es liegt, ob das Ende der Klimakrise jetzt beginnen kann.

 

„Menschen brauchen Antworten und keine Beschwichtigungen“

 

Mit Alexander Repenning haben Sie gemeinsam das Buch „Vom Ende der Klimakrise. Eine Geschichte unserer Zukunft“ geschrieben. Sie sind beide aus Hamburg und skizzieren, was Ihrer Heimatstadt durch den Anstieg des Meeresspiegels im Jahr 2050 bevorsteht. Der Satz, dass sich „die Kinder auf den Schulhöfen im Sommer die Füße verbrennen werden“, wird als Panikmache kritisiert. 

Was wir beschreiben, passiert heute schon. Wir haben in der Recherche mit Stadtplanern gesprochen, die Schulhöfe mittlerweile anders konzipieren müssen. Die wissenschaftlichen Szenarien von häufigeren Sturmfluten und sehr viel heißeren Sommern sind die Spitze des Eisbergs. Was uns droht, ist schwer vorstellbar. Viele stellen sich die Frage, wie man mit den vorliegenden Informationen der Wissenschaftler umgeht. Darauf brauchen die Menschen ernsthafte Antworten und keine Beschwichtigungen. Viele Menschen, die unser Buch gelesen haben, schreiben mir. Das zeigt mir, dass es richtig war, diese Dinge so aufzuschreiben.

Als Sie selber noch auf die Grundschule Iserbrook gingen, haben Sie gegen deren drohende Schließung erfolgreich demonstriert. War es für Sie eine wichtige Erfahrung, dass Protest etwas bewirken kann? 

Politik hat im Alltag meist eine entfernte Dimension, aber damals haben wir eine Selbstwirksamkeit im Politischen erfahren. Es war glaube ich der Senat unter Ole von Beust, der reihenweise Grundschulen schließen wollte. Das war natürlich bildungspolitischer Nonsens, gegen den es einen breiten Widerstand gab.

Sie schreiben, dass Sie als 13-Jährige zum ersten Mal etwas über den Treibhauseffekt gehört haben. Eine Doppelstunde im Erdkundeunterricht, das war’s. 

Ich fand es damals irritierend, dass ein so wichtiges Thema in 90 Minuten gequetscht wurde. Ich begann, mich mit der Klimakrise zu beschäftigen. Ein Jahr später beschloss ich als Konsequenz auf die Informationen, die ich nach und nach gewann, Vegetarierin zu werden. Meine Eltern haben das damals noch nicht verstanden. Es gab immer mehr Fragen zu den ökologischen Grenzen des Wachstums und der Zukunft des Planeten, die ich mir stellte. Ein Jahr nach der Schule beschloss ich, Geografie zu studieren.

 

Klimaaktivistin mit 80-Stunden-Woche

 

Schüler bekommen auf dem Marion-Dönhoff-Gymnasium in Blankenese heute wahrscheinlich mehr Antworten zum Treibhauseffekt als Sie vor zehn Jahren. 

Damals hieß die Schule noch Willhöden. Ich war auch mal wieder dort, um über die Klimakrise mit der Oberstufe zu diskutieren. Sie geben sich inzwischen viel mehr Mühe, bei diesem Thema etwas zu verändern.

Was halten Ihre ehemaligen Mitschüler davon, dass Sie jetzt Vollzeit-Klimaaktivistin sind? 

Die finden es glaube ich ganz okay. Wir sind alle nach dem Abi unserer Wege gegangen und machen ganz unterschiedliche Sachen. Ich glaube, sie möchten nicht mit mir tauschen.

Im Frühjahr hatten Sie eine 90-Stunden-Woche. 

Das war als wir mit Fridays for Future begonnen haben, auf die Straße zu gehen. Ich hatte noch niemals eine Demo organisiert und bin aus meiner persönlichen Komfortzone herausgetreten. Mittlerweile mache ich einen Tag in der Woche frei und komme auf 80 Stunden.

Und Sie haben eine Morddrohung bekommen. 

Ja, das war extrem schockierend.

fridaysforfuture.de/ortsgruppen/hamburg

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 29. November 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger des Monats: Hundeführerin Yvonne Mennesclou

Yvonne Mennesclou ist ehrenamtliche Hundeführerin in einer Rettungsstaffel beim Roten Kreuz. Die 40-Jährige und ihr Australian Shepherd Mila werden gerufen, wenn Menschen im Wald oder unter Trümmern vermisst werden

Interview: Matthias Greulich 

 

SZENE HAMBURG: Frau Mennesclou, wie läuft ein Einsatz ab?

Yvonne Mennesclou: Meistens ist es so, dass man gerade schläft, wenn der Alarm losgeht. Wir fahren los und treffen dann unsere Einsatzleitung vor Ort, die mit der Polizei kommuniziert. Wir kriegen unser Gebiet vorgegeben und gehen mit den Hunden in die Suche. Wir suchen vermisste Menschen, Demenzkranke, kleine Kinder und Leute mit suizidalen Absichten. Gerade in den Wintermonaten werden wir schnell gerufen, weil die Kälte für die Vermissten gefährlich ist. Unsere Hunde laufen frei im Wald. Sie zeigen uns alle Menschen, die liegen, hocken oder sitzen an. Wir haben aber auch noch ,Mantrailer‘, die einen speziellen Geruchsstoff suchen. Die sind meist in der Stadt mit einer zehn Meter langen Leine unterwegs und verfolgen eine einzelne Spur. Wenn die Spur abbricht, zeigen es uns die Hunde an.

Beim Fototermin, der am Waldrand in Rissen stattfand, haben Ihre Hunde Mila und Baya vorbeikommende Jogger keines Blickes gewürdigt.

Genau. Auch Fahrradfahrer, Reiter oder Spaziergänger ignorieren die Hunde. Sie wissen, dass sie keine lau­fenden Personen suchen sollen. Das lernen sie in der Ausbildung, in der sich Baya auch noch befindet.

Auf wie viele Einsätze kommen Sie im Monat? 

Das ist ganz unterschiedlich. In den dunklen, kalten Jahreszeiten sind es deutlich mehr. Es gibt mal Wochen, da habe ich drei Einsätze und auch mal Wochen, in denen wir nicht gerufen werden.

Wo wird die Rettungshundestaffel des DRK Kreisverbands Hamburg-Mitte und Altona eingesetzt? 

In Hamburg, wenn wir von anderen Staffeln zur Unterstützung gerufen werden, sind wir auch mal außerhalb. Wir sind aber nicht mehr bei den Aus­landseinsätzen dabei. Andere Staffeln fliegen durchaus noch ins Ausland, wenn internationale Hilfe angefordert wird.

 

„Die Polizei ist froh, dass sie uns hat“

 

Bekommen Sie Anerkennung, wenn Sie einen vermissten Menschen finden? 

Die Polizei ist froh, dass sie uns hat. Meistens sind die Angehörigen nicht vor Ort. Von ihnen hören wir hinterher eher wenig. Ich mache es nicht wegen der Wertschätzung, sondern weil ich anderen Menschen helfen will. Generell ist es aber schwierig für uns, ausreichende Trainingsmöglichkeiten in und um Hamburg zu finden. Viele möchten keine Rettungshunde in ihren Forst- oder Waldgebieten haben. Wir würden uns über neue Angebote sehr freuen.

Wie sind Sie zur Hundestaffel gekommen? 

Ich war mit meinem Hund bereits eine ganze Weile beim Rettungs­hundesport aktiv – ohne an Einsätzen teilzunehmen. Als ich einige DRK-Teams in Wittstock auf einem Trümmergelände sah, war ich beeindruckt. Ich hatte schon länger darüber nach­gedacht, ehrenamtlich bei einer Rettungsstaffel mitzumachen, wenn dort ein gutes Team ist. Jetzt bin ich bereits seit vier Jahren dabei. Man muss sich etwas umstellen, es ist etwas anders als im Sport, weil es um Menschenleben geht. Meine Hunde werden „dual geführt“, das heißt ich führe sie sportlich und im Einsatz. Es ist ein schöner Ausgleich zum Beruf, bei dem ich für ein großes schwedisches Modeunternehmen in der Logistik arbeite.

Ist es schwierig, einen Hund zu trainieren?

Man muss es wollen und es muss Spaß machen. Wenn ich dem Hund vermittele, dass es toll ist, was wir machen, dann findet der Hund das auch. Nur so schafft er es, ohne ein Leckerli längere Zeit bei Fuß zu laufen.

Erkennt man den Charakter der Tiere bereits im Welpenalter? 

Mila habe ich mit zehn Wochen gekriegt. Ich habe schnell gemerkt, dass sie überlegt und mutig ist. Wir haben sie über einen Steg laufen lassen und durch eine Röhre aus Metall. Man kann das also relativ schnell herausfinden, aber sie entwickeln sich natürlich noch. Generell muss ganz viel in der Sozialisierung tun. Damit sie in Situationen klarkommen, in denen man 100 Meter weg ist. Dass sie sich auch mal trauen, über einen Trümmerkegel zu laufen. Es ist viel Arbeit, die Tiere müssen Höchstleistung bringen.

Welche Hunderassen können bei der Suche eingesetzt werden? 

Generell ist fast jeder Hund dazu geeignet. Ich würde allerdings von kurzschnäuzigen Hunden abraten, die Atemprobleme kriegen können. An­sonsten ist es was für jeden, der sich ehrenamtlich beteiligen und etwas gemeinsam mit dem Hund machen will. In unserer Staffel ist alles bunt gemischt. Es sind Angestellte und Selbstständige. Viele kommen aus dem Hamburger Umland, aber wir haben immerhin vier Mitglieder aus Hamburg. Darunter bin auch ich als Billstedterin. Im Stadtverkehr bin ich lange zum Training, das in Rissen stattfindet, unterwegs. Aber ich freue mich immer auf das Training und die Gemeinschaft.

Achten Ihre Hunde nur auf Ihre Kom­mandos oder auch auf Ihre Körper­sprache?

Sowohl als auch. Sie achten sehr stark auf die Körpersprache des Hundeführers. Und auch auf die Stimmung. Wenn ich schlecht gelaunt bin, kann ich davon ausgehen, dass der Hund nicht so gut arbeitet. Da sind sie sehr feinfühlig. Ich mache dann gar nichts mit meinen Hunden. Das bringt nichts. Das muss man lernen. Ebenso aufzuhören, wenn es am schönsten ist. Denn nach perfekt gibt es immer nur schlecht. Und dann lasse ich eine Übung so stehen, wenn sie super gewesen ist.

Hundetrainer wie Martin Rütter sind mittlerweile Stars, weil viele mit ihrem Haustier offenbar nicht klarkommen. Haben Sie Erziehungstipps?

Ich empfehle den Besuch einer guten Hundeschule. Es gibt Fälle, da klappt es ohne. Aber es gibt eben auch Hunde, denen eine Hundeschule gut tun würde. Gerade wenn sie Menschen anbellen oder nicht sozialverträglich sind. Dann kann man lernen, die Hunde zu führen. Und die Hunde lernen, sich auf den Hundehalter zu verlassen. Es gibt Menschen, bei denen dürfen die Hunde alles. Bei mir läuft das ein bisschen anders.

drk-altona-mitte.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2020. Das Magazin ist seit dem 29. Oktober 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger des Monats: Benjamin Jürgens – Refugee Canteen

Viele Geflüchtete und Migranten haben in der Refugee Canteen erste Grundlagen für gastronomische Berufe gelernt, in denen sie heute arbeiten. Doch nach vier Jahren hat Gründer Benjamin Jürgens sein Herzensprojekt mangels Spenden 2019 vorerst eingestellt. Ein Gespräch mit dem 34-jährigen Gastro-Experten über ein mögliches Comeback dieser einzigartigen Akademie, seine Flucht aus Mümmelmannsberg und kulturelle Unterschiede beim Karottenzählen

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Benjamin, wie entstand die Idee zur Refugee Canteen, eurem Schulungsangebot für Geflüchtete und Migranten?

Benjamin Jürgens: 2015 kam ich zurück aus Indonesien. Ich hörte zum ersten Mal, dass in den Messehallen Geflüchtete untergebracht waren. Wir saßen mit befreundeten Köchen zu­ sammen, haben uns ordentlich einen reingelötet und überlegt, was wir tun können. In der Nacht habe ich das Konzept geschrieben, so ganz genau ist die Erinnerung nicht mehr da.

Aber es war überzeugend.

Ich bekam positives Feedback von der KfW­-Stiftung (Kreditanstalt für Wiederaufbau; Anm. d. Red.), die uns gefördert hat. Wir taten uns mit einem Bildungsträger zusammen. Das Ganze nahm richtig Fahrt auf, weil wir uns die nötige Professionalität im Umgang mit dem Jobcenter ins Boot geholt hatten.

Im Januar 2017 entschlossen wir uns, das Programm für alle Geflüchteten un­ abhängig von ihrem Status zu öffnen. Wir konnten die Menschen erreichen, die zu uns kommen wollten, und muss­ten nicht jeden nach seinem Aufenthaltsstatus fragen.

 

„Den Menschen helfen, die zu uns ins Land kommen“

 

Es lief also ohne Förderung vom Jobcenter?

Ganz genau. Die Crux war: Wo ist das Geschäftsmodell? Von da an waren wir zu 100 Prozent abhängig von Spenden. Anderthalb Jahre lang war das überhaupt kein Problem. Das Thema „Essen, Getränke, Men­schen“ ist ein sehr schönes. Dann kamen weniger Spenden. Wir haben aus einem Zwölf-­Wochen­-Programm ein Drei­-Wochen­-Programm gemacht, um die Kosten immer weiter herunter zu schrauben.

Warum hast du soviel Leidenschaft in das Projekt gesteckt?

Ich wollte den Menschen helfen, die zu uns ins Land kamen. Das war für mich soziale Pflicht. Und ich musste dieser Branche, die mir viel gegeben hat, etwas zurückgeben. Denn ich war in einer ähnlichen Situation, als Kind aus Mümmelmannsberg, das sich ver­stoßen gefühlt hat, nicht zurechtkam in der Welt und in der Gastronomie sein Zuhause fand.

Warum ging es mit der Refugee Canteen nicht weiter?

Wir konnten der Gastronomie und Hotellerie nicht deutlich machen, wie wichtig es ist, heute zu investieren, ob­wohl der Notstand im Personalbereich groß ist. Ebenso wie die Abbrecher­quoten in der Ausbildung. Wir muss­ten deshalb Ende 2019 aufhören.

Man hat uns noch einige Angebote gemacht. Zum Beispiel, nur noch Frauen zu qualifizieren. Das war für uns nicht der richtige Weg. Wir hatten vorher etwa 20 Prozent Frauen bei uns im Programm und es war immer klar, dass jeder gleich wichtig ist.

 

Zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen vermitteln

 

Gibt es neue Ansätze?

Vor einigen Wochen gab es Ge­spräche, die Refugee Canteen auf eine Bar zu beschränken. Aber daraus wird dann ganz oft nichts. Weil das Inte­grieren von Menschen nicht einfach wie ein Hobby funktioniert. Es ist ein spannender Prozess, junge Menschen am Ball zu behalten, wenn sie das erste tiefe Tal haben. Wenn dir langweilig wird und du denkst: „Mann, ich kann keine Karotten mehr sehen.“ Oder es gibt Nachrichten aus dem eigenen Land, die nicht schön sind.

Man kann davon ausgehen, dass jeder, der bei uns war, eine hohe psychische Belastung hatte. Davon konnte sich keiner frei­ machen, selbst wir haben uns einmal im Monat selbst reflektiert und haben Coachings durchlaufen müssen. Weil wir mit Menschen konfrontiert waren, die sich gar nicht öffnen, andere haben einen Riesendruck und wollen den los­ werden.

Was hast du gelernt?

Wenn einer unserer Teilnehmer im Betrieb Probleme hatte, konnten wir sehr schnell erkennen, warum. Wir konnten zwischen den verschiedenen Sprachen und Kulturen vermitteln. Wir konnten dem jungen Teilnehmer sagen: „Wenn der Küchenchef das sagt, meint er das und umgekehrt.“ Ein ganz einfaches Beispiel: Wie viel Finger siehst du? (zeigt mit der offenen linken Hand Daumen, Zeige- und Mittelfinger)

Drei.

In arabischen Ländern wird von rechts nach links gezählt. Der Teilneh­mer schaut also zuerst auf die beiden Finger rechts. Wenn du sagst: „Hol’ mal drei Karotten“, sieht unser Teilnehmer zwei. Und die sehr direkte Ansprache, die wir in Deutschland ja doch haben, wird oft als sehr kritisierend angese­hen.

Unsere Erfahrung war, dass es in­ direkt besser funktioniert. „Bist du der Meinung, dass der Fußboden so sauber ist, dass wir Gäste einladen können?“, ist besser als „Du hast den Fußboden nicht sauber gemacht.“ Jemanden vor der ganzen Gruppe so klein zu machen, bedeutete immer Stress. Ich haben den Betrieben immer gesagt: „Auch wenn sie aus Syrien oder Eritrea kommen, sind das ganz normale Millennials, wie alle anderen auch in dem Alter. Die sind verliebt in ihr Telefon, die wollen ihre Sachen machen und wissen, ob sie in vier Wochen aufs Fes­tival gehen können.

 

Mümmelmannsberg ist ein anderer Stadtteil geworden

 

Was könnte ein nächster Schritt sein?

Im Grunde müsste Hamburg die erste gastronomische Vorschule grün­den, in der sich Menschen orientieren können. Es ist oft so, dass wir junge Menschen haben, die gar nicht wissen, was auf sie zukommt. Uns würde es helfen, Menschen zu finden, die in eine solche Idee investieren wollen. In meinen Augen hat das nichts mehr mit Geflüchteten zu tun. Wenn ich es mir überlege, bin ich aus Mümmelmanns­berg vor 18 Jahren geflohen, um meinen Weg zu gehen.

Ging es vielen ehemaligen Mitschülern ähnlich?

Ja, der Großteil hat studiert, Stipen­dien bekommen und richtig was aus sich gemacht. Das Stigma, mit dem wir aufgewachsen sind, war dann irgend­wann egal. Obwohl ich auch Freunde verloren habe, die bei Messerstechereien ums Leben kamen. Jetzt ist es ein ganz anderer Stadtteil geworden. Einmal im Jahr fahre ich hin, weil es schon Heimat für mich ist.

Ich bin im­mer überrascht, dass es langsam schön dort wird. Die Fassaden werden neu gemacht. Passt mir eigentlich nicht, ich fand es immer schön dort, muss ich sagen. Es war meine Hood, es hat dort immer so eigen gerochen. Auf einmal ist es ganz fancy, was es dort so gibt. Bis auf den Kiosk an der Gesamtschule Mümmelmannsberg. Der ist immer noch da, was ich sehr cool finde.

refugee-canteen.com


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Hamburger des Monats: Mark Pomorin, FCSP Spielerberater

Viele seiner Träume hat Mark Pomorin, 43, wahr werden lassen. Der ehemalige Spieler der Amateure des FC St. Pauli und heutige Spielerberater machte parallel zu seinem damaligen Job in einer Werbe­agentur das Abitur und ermuntert heute Hamburger Schüler, sich für eine Welt ohne Rassismus zu engagieren

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Mark Pomorin, was berichtest du Schülern als Wertebotschafter der Bildungsinitiative „German Dream“?

Ich erzähle meine Lebensgeschichte. Welche Hürden ich überwinden musste. Ich will den Kids vermitteln, dass man mit jeder Hürde, egal wie hoch sie auch ist, umgehen kann.

Du bist 1976 in Hamburg geboren und mit acht Jahren mit deinen Eltern nach Ghana gegangen.

Das war am Anfang ein Kulturclash für mich. Ich habe auf Deutsch geträumt und viel geweint. Meine Eltern haben gesehen, dass es mir nicht gut ging. Sie wollten mir ein besseres Leben in Deutschland ermöglichen. Die Zeit in Ghana hat mich aber ein Stück weit geerdet. Als ich wieder in Hamburg war, habe ich alles mit anderen Augen gesehen. Ich war zwar sehr jung, aber das tat mir gut. Es tut mir bis heute gut.

Mit zehn Jahren bist du zu Pflegeeltern nach Hamburg gekommen. Sie adoptierten dich, starben aber kurz nach­einander an Krebs, als du 19 warst. Da warst du schon Fußballer beim FC St. Pauli.

Der Fußball hat mir Halt gegeben, ich konnte mich ablenken. Und ich habe Zusammenhalt im Mannschaftssport erfahren.

Mit Ivan Klasnić, einem deiner Mit­spieler aus dieser Zeit, und der ehemaligen Bundesligaspielerin Tuğba Tekkal warst du auf einem „Wertedialog“ in der Stadtteilschule Poppenbüttel.

Ivan ist einer meiner besten Freunde, selbst er wusste nicht so richtig viel von meiner Lebensgeschichte. Weil ich nicht damit hausieren gehe, aber davon erzähle, wenn ich gefragt werde. Seine Geschichte kennt man besser.

Er ist als erster Profi nach einer Nierentransplantation wieder zurück auf den Platz gekommen und hat jetzt seine dritte Niere bekommen. Die Familie Tekkal kenne ich über Jahre, der Kontakt ist nie abgerissen. Als mich Düzen Tekkal fragte, ob ich Wertebotschafter bei ihrer Initiative „German Dream“ werden wolle, war ich sofort dabei. Es ist genau die Message, die ich rüberbringen will.

 

„Wenn es nicht gut läuft, werden die Spieler beschimpft. “

 

Als die Filmemacherin und Autorin Düzen Tekkal in der NDR­Fernsehsendung „Das“ zu Gast war, wurde ein Beitrag eingespielt, der zeigt, wie du deine alte Schule in Horn besuchst.

Ich habe unseren Hausmeister Herrn Sievers wieder getroffen, der sagte, dass es dort auf der Schule keinen Rassismus oder Ausgrenzung gibt.

Das habe ich auch so erlebt. Wir waren viele Kids mit Migrationshintergrund, besonders in unserer Klasse. Und wir hatten ein Mädchen mit Glasknochen, das kleinwüchsig war. Wir haben sie ganz normal aufgenommen und behandelt. Das war also nicht nur ein Spruch, sondern wird dort auch gelebt. Dort habe ich nie Rassismus empfunden. Es gab nur gut und schlecht.

Anders war es beim Sport, wo man das immer mal wieder vom Gegenspieler gehört hat. Als ich beim FC St. Pauli in der Bundesliga-Nachwuchsrunde bei Hansa Rostock spielte, kam eins zum anderen.

Ist der Rassismus im Fußball seitdem weniger geworden?

Ich bilde mir ein, dass es nach wie vor gleich ist, was den Rassismus der Zuschauer betrifft. Wenn es nicht gut läuft, werden die Spieler beschimpft. Auf dem Platz sind allerdings heute mehr Kameras, sodass sich die Spieler mit Beleidigungen mehr zurückhalten.

Was ist mit den Bekenntnissen des DFB gegen Rassismus?

Das hält ignorante Menschen nicht davon ab, sich homophob oder rassistisch zu äußern. Von den Verbänden ist es gut gemeint, und es ist auch ein wichtiges Signal. Auch viele Vereine leben das vor. Aber es gibt eine Minderheit von Fans, die das nicht wollen.

Hast du strukturellen Rassismus erlebt?

Definitiv. Wenn man nicht zu den People of Color gehört, kann man das schwer nachvollziehen. Ein Beispiel: Nach einem Fußballspiel fuhren wir im Auto eines Mitspielers nach Hause. Wir trugen Trainingsanzüge. Wir wurden von der Polizei angehalten. Alles schön und gut.

Ich wurde aber als Einziger kontrolliert, die anderen durchgewunken. Das mag banal klingen, ist für mich aber Alltagsrassismus. Wenn man in der Bahn ein Erste-Klasse-Ticket hat, wird man beäugt nach dem Motto: „Die zweite Klasse ist aber drüben.“ Wenn ich telefoniere und mich mit „Mark Pomorin“ melde, denkt der Gesprächspartner, er redet mit einem großen blonden Mann. Beim ersten Meeting erscheine ich. Die meisten nehmen das mit Humor, für andere bricht eine Welt zusammen.

 

„Rassismus ist lange gewachsen und geht nicht von heute auf morgen“

 

Bringt es etwas, mit Rassisten zu reden?

Jeder ist in seinem Mikrokosmos ein Pionier und betreibt Aufklärungsarbeit. Sei es im Freundeskreis, wenn man dort Alltagsrassismus spürt und sagt: „Bis hierhin und nicht weiter.“ Das kann etwas bringen, wenn die Person sagt: „Das wusste ich ja gar nicht.“ Das ist die ständige Reaktion: „Ach so fühlst du dich.“

Nicht jeder kann mit einem Wertebot­schafter reden. Gibt es Biografien, die du empfehlen kannst?

Ich hatte eine Phase, in der ich mich selbst finden wollte, und las viel von und über Malcom X. Ein Buch,
das mich besonders gefesselt hat und immer noch fesselt, ist die Biografie von Nelson Mandela. Er beschreibt, wie man mit Menschen umgeht, die einem während der Apartheid Unrecht getan haben. Und er berichtet, wie er mit ihnen in einen Dialog tritt.

Was muss die Mehrheitsgesellschaft ler­nen?

Rassismus gibt es leider schon sehr lange. Der ist lange gewachsen und geht auch nicht von heute auf morgen. Das bedeutet, dass jeder Einzelne lernen muss, damit umzugehen. Die Gesellschaft muss dazulernen. Ich glaube, das passiert gerade.

Nach der „Black Lives Matter“­-De­monstration Anfang Juni in Hamburg gab es auch Kritik am harten Vor­gehen der Polizei gegen die teilweise sehr jungen Demonstranten.

Ich habe auch einige Polizisten im Bekanntenkreis. Man sollte nicht alle Beamten in einen Topf werfen. Ich bin auch wütend und habe mich bei Verallgemeinerungen erwischt. Das ist natürlich nicht so.

germandream.de


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Hamburger des Monats: Sozialarbeiter Philipp von Dewitz

Der Lockdown trifft viele Familien hart. Philipp von Dewitz von „Auf Kurs Jugendhilfe“ betreut Kinder und Jugendliche, die auch ohne Corona unter schwierigen Bedingungen aufwachsen. Ein Gespräch mit dem 29-jährigen Sozialarbeiter über Systemsprenger, die akute Lage in den Familien und solidarisches Klatschen in Winterhude

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Philipp, wie arbeitest du momentan?

Philipp von Dewitz: Relativ normal. Mittler­weile hat sich im Alltag eine Krisenroutine eingestellt. Ich kann da aber nicht für alle Sozialarbeiter sprechen, sondern nur für meinen Bereich, der Jugend und Familienhilfe bei Auf Kurs Jugendhilfe. Ich bin allerdings nicht mehr mit den Öffis, sondern rund 40 Kilometer täglich mit dem Rad beruflich unterwegs.

Du betreust einzelne Kinder und Jugendliche, die du Corona-bedingt schwer zu Hause besuchen kannst.

Wir vermeiden es momentan, in die Wohnungen zu gehen. Wir versuchen, mit den Familienmitgliedern einzeln zu sprechen. Ganz viel findet momentan draußen statt. Es gibt aber auch Fälle, in denen das nicht funktioniert. Wenn es Kontrollaufträge vom Jugendamt gibt, wo geschaut werden muss, wie die Bedingungen für die Kinder in der Wohnung sind.

Wie ist dein Eindruck zur Lage in den Familien?

Ambivalent. Ich bin teilweise be­geistert, weil ich das Gefühl habe, dass die Krise Leute zusammenbringt. Es gibt einen gemeinsamen Gegner, so­ dass andere Probleme in den Hinter­grund rücken. Andererseits verschärfen sich bestehende Konflikte. Besonders um das Thema Schule, bei dem es oft kracht. Dazu kommt die räumliche Enge. Und es fallen Bezugspersonen wie Großeltern weg.

Du arbeitest in unterschiedlichen Stadtteilen wie Farmsen, Steilshoop, Rahlstedt, Billstedt oder Wilhelmsburg. Sind Menschen in sozial schwächeren Stadtteilen stärker von der Krise betroffen?

Ich befürchte, dass sich Ungleich­heiten in dieser Zeit eher manifestieren. Im Bereich materielle Versorgung sehe ich mehr Not und auch im Bereich Bildung. In Familien gibt es teilweise nicht die benötigte Ausstattung. Es fehlen Laptops und Drucker. Und pädagogisch sind viele Eltern überfordert.

Die Unterstützung von Behörden und Schulen ist da sehr unterschiedlich. Da gibt es gerade an den Schulen Licht und Schatten. Ich habe beides erlebt.

Viele befürchten, dass Fälle häuslicher Gewalt zunehmen.

Die Frage ist: Was passiert gerade, was wir nicht sehen? Ich habe eine aktuelle Statistik gelesen, dass es bundesweit bei 43 Prozent der Jugendämter einen deutlichen Rückgang von Meldungen im Bereich Kinderschutz gibt. Das liegt daran, dass die Hauptmelder Schule und Kita gerade in großen Fällen wegfallen.

Deshalb befürchten wir, dass es krasse Nachwirkungen von Sachen, die erst nachher rauskommen, geben wird. Gerade in diesen Grenzbereichen, wo sich Leute jetzt aus Hilfesystemen zurück­ziehen. Normalerweise gibt es eigentlich ein gut funktionierendes System im Kinderschutz. Nach krassen Fällen, wo nicht hingeschaut wurde, als Kinder zu Tode gekommen sind, wurde viel getan.

Auf Netflix läuft der Film „Systemsprenger“. Muss man sich deine Arbeit mit schwierigen Jugendlichen ähnlich vorstellen?

Der Film gibt aus meiner Sicht einen richtig guten Einblick in den Alltag von Pädagogik. Das Coole ist, dass es für mich einen hohen Wiedererkennungswert hat. Man denkt sich: „Ja, das kenne ich!“ Die Protagonistin ist eine sehr gelungene Blaupause für Jugendliche, die aus dem System fallen. Das sind aber Einzelfälle. Nicht jeder Jugendliche, der schwierig ist, fällt aus dem System.

 

„Ich gehe mit der Haltung zur Arbeit, dass der Mensch erst mal gut ist“

 

Deine Sprache hat mit der Fachsprache der Sozialarbeiter wohltuend wenig Ähnlichkeiten.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es wenig Wert hat, wenn mich die, um die es geht, nicht verstehen. Die meisten Leute, auf die ich treffe, sind Jugendhilfe­erfahren. Sie sind selber Profis. Ein 16­-Jähriger hat die Vokabeln teilweise besser drauf als ich, wenn er schon mal in einer Wohngruppe oder Suchtberatung war. Der lässt sich von mir nicht täuschen. Es geht aber nicht darum, dass ich da jetzt einen auf Ju­gendsprache mache. Ich versuche, als Erwachsener mit den Jugendlichen zu sprechen.

Wie hat dich der Job verändert?

Man wird ein bisschen wertschät­zender gegenüber anderen. Ich bin im­mer noch idealistisch in Bezug auf mein Menschenbild. Ich gehe mit der Haltung zur Arbeit, dass der Mensch erst mal gut ist und für sich ein gutes Leben anstrebt.

Das stützt die These des Historikers Rutger Bregman. In seinem Buch „Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit“ schreibt er, dass beim berühmten Stanford-Prison-Experiment nicht seriös gearbeitet wurde. Die Erkenntnisse, dass sich Menschen unter bestimmten Bedingungen zu Sadisten verwandelten, sei daher mit Vorsicht zu genießen.

Ich glaube, wenn man für Jugendliche künstliche Szenarien kreiert, wo man mit einem Anreiz wedelt und sagt: „Du kriegst einen Mercedes­ AMG oder deine Mutter und du habt weniger Streit“, dann würden viele sagen: „Ich nehm’ den AMG.“ Meine Erfahrung zeigt aber schon, dass es bei allem Geprolle und Gehabe doch bei den Jugendlichen darum geht, Anerkennung zu kriegen und Nähe zu Bezugspersonen zu erleben.

Wenn wir ganz allgemein von Wertschätzung reden: Steigt das Ansehen von sozialer Arbeit gerade?

Ich glaube ja. Es ist gerade ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür entstanden, wem man zu Dank verpflichtet ist. Das ist gerade ein Phänomen. Die Sozialarbeiter kommen zwar relativ weit hinten nach Ärzten und Kassiere­ rinnen. Aber immerhin.

Ist das nur ein Hype oder wird das anhalten?

Ich denke, es ist gerade eine sehr prägende Zeit für Leute, daher glaube ich, dass es schon anhalten kann. Es wird im Gedächtnis bleiben und ein bisschen mehr Solidarität übrig bleiben. Gleichzeitig bin ich eher Teil der Fraktion, die sagt, wenn meine Frau geschafft von ihrer Arbeit als Krankenschwester auf der Intensivstation nach Hause kommt und weiterhin wenig Wertschätzung in Form von monetärer Anerkennung bekommt, dann hilft ihr das nicht, wenn in Winterhude jemand klatscht.

Auf Kurs Jugendhilfe: Maimoorweg 52 (Bramfeld)


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger des Monats – Poetry Slammer Claus Günther

Wenn Claus Günther vom Krieg spricht, hört ihm ein junges Publikum bei Poetry Slams oder in Schulen konzentriert zu. Am 5. April wurde Deutschlands ältester Slammer 89 Jahre alt. Ein Gespräch über eine verpasste Stadtmeisterschaft, die „Reichspogromnacht“ in Harburg und was für ihn echter Luxus bedeutet

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Claus Günther, was zeichnet einen guten Poetry Slammer aus?

Claus Günther: Um für mich zu sprechen: Dass ich immer noch Anklang finde. Nicht nur beim Publikum, sondern auch bei den anderen, die mit mir zusammen antreten. Beim monatlich stattfindenden Themenslam im Literaturcafé Mathilde war ich im vergange­nen Jahr elf Mal. Und neun oder zehn Mal habe ich den ersten Platz gemacht. Das ist mein Lebenselixier.

Wo sind Sie noch zu sehen?

Ziemlich regelmäßig in der Auster Bar in Eimsbüttel. Mehr schaffe ich körperlich in meinem Alter nicht. Ab und zu kommt meine Frau Ingrid mit und eine gemeinsame Freundin. Meine Frau ist meine beste Kritikerin. Wenn ich ihr etwas vortrage und sie „geht so“ sagt, muss ich mich noch mal ranset­zen. Aber wissen Sie, warum ich bei den Slammern als „coole Socke“ gelte?

Nein, bitte erzählen Sie.

2018 hatte mich Thomas Nast von der Mathilde für die Hamburger Stadt­meisterschaften im Poetry Slam nominiert. Eines der Halbfinale, zu dem ich antrat, fand im Grünen Jäger statt. Ich sah mich dort zwei ernsthaften Konkurrenten gegenüber, wurde aber vom Publikum zum Sieger gekürt. Also war ich im Finale, doch das fand aus­ gerechnet an einem Datum statt, an dem ich zum Check in einer Klinik angemeldet war – mit Übernachtung. Daher musste ich absagen.

 

„Ich habe mich zum Glück von den überwältigten Kriegserlebnissen befreit“

Claus Günther

 

Was sind Ihre Lieblingsthemen beim Slammen?

Normalerweise sind die Menschen bei den Slams auf Heiterkeit einge­stimmt. Ich bringe aber auch ernste Sachen, die gerade in der heutigen Zeit zum Nachdenken anregen. So war ich Ende Februar bei einer Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bil­dung in der Zentralbibliothek am Hüh­nerposten. Dort habe ich mein Gedicht „Gestern war noch Krieg“ vorgetragen.

In vielerlei Hinsicht bin ich ein aus­gesprochener Spätzünder. Ich denke, dass das mit unbewältigten Kriegserlebnissen zu tun hat. Aber davon habe ich mich zum Glück befreien können.

In Ihrem 2016 erschienenen Buch „Heile, heile Hitler“ beschreiben Sie, wie Sie als Siebenjähriger die „Reichspogromnacht“ in Harburg, wo Sie aufgewachsen sind, erlebt haben.

Mein Vater hat eine zumindest un­rühmliche Rolle gespielt. Er war an die­sem Abend Fahnenträger der SA und hat die Synagoge abgesperrt, als sie ge­plündert wurde. Wenn ich meinen 1972 verstorbenen Vater nach dieser Zeit fragte, hat er aus Scham geschwiegen. Ich habe ihn nicht zum Reden bringen können, da ging es mir wie vielen aus meiner Generation. Ich habe lange ge­ braucht, um die Rolle meines Vaters in der Nazizeit zu akzeptieren.

Versöhnt hat mich mit ihm, als ich ein Dokument fand, das belegte, dass er als Verwal­tungsangestellter im besetzten Polen in Chrzanów zahlreiche Reisepässe an jüdische Menschen ausgestellt und ihnen zur Ausreise verholfen hat. Das war durch seinen Vorgesetzten gedeckt. Viele Jahre später fragte mich mein Schwiegersohn: „Hast du dir das mal auf der Karte angeschaut?“ Nein, sagte ich und wir sahen, dass Chrzanów nur etwa 20 Kilometer von Auschwitz – auf polnisch: Oświęcim – entfernt liegt.

Mir fiel schlagartig ein, wie ich als Zehn­jähriger ins Wohnzimmer gestürmt war, als mein Vater Heimaturlaub hatte. Meine Eltern unterbrachen ihr Ge­spräch mitten im Satz. Sie wirkten wie Schulkinder, die man bei etwas Ver­botenem ertappt hatte. Ich gehe davon aus, dass mein Vater gewusst hat, was in Auschwitz passierte.

Seit 1997 treffen Sie sich mit anderen älteren Hamburgern in der Zeitzeugenbörse.

Es ist eine offene Gruppe. Wir tref­fen uns zweimal im Monat und gehen viel in Schulen, um über unsere Erlebnisse zu berichten. Ich bringe dann immer einen echten Bombensplitter mit, den ich bei den Schülern herum­ gehen lasse.

Das Metallstück ist etwa 20 Zentimeter lang und ziemlich schwer. Wie reagieren die Schüler?

Sie gucken den Splitter mit großen Augen an. Das ist etwas anderes, als den Krieg im Internet oder bei Ballerspielen zu erleben. Viele Lehrer schreiben uns hinterher, dass sie ihre Klasse noch nie so konzentriert wie bei unseren Be­suchen erlebt haben. Die Schüler stellen uns viele Fragen, manchmal auch kritische. Zum Beispiel, wie wir unsere Rolle in der Nazizeit heute sehen.

Bei der Zeitzeugenbörse treffen Sie den 100-jährigen Wilhelm Simonsohn, einen ihrer Vorgänger in dieser Rubrik als „Hamburger des Monats“. Kürzlich waren Sie beide bei einer Fernsehaufzeichnung mit ihrem jungen Poetry Slam-Kollegen Michel Abdollahi in dessen Sendung „Der deutsche Michel“ zu sehen.

Das war ganz witzig. Herr Abdol­lahi ist sehr charmant, leider habe ich ihn bislang noch nie auf einem Poetry Slam getroffen. Wir wurden in einer Villa in Hohenfelde gefilmt. Es ging um das Thema „Luxus“. Ich sagte, welcher Luxus es für mich ist, dass wir seit fast 75 Jahren in Frieden leben. Und dass ich mit meiner Frau in den 1950er Jahren in einem Kino in Harburg zwei Mark extra gezahlt habe, wenn wir etwas Luxuriöses erleben wollten.

Was haben Sie Extravagantes dafür bekommen?

Wir durften den Film in der Rau­cherloge sehen.

zeitzeugen-hamburg.de; „Heile, Heile Hitler“, verlag.marless.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger des Monats – Comicautorin Kathrin Klingner

Die Comicautorin Kathrin Klingner arbeitet in einem Hamburger Medienunternehmen, das Onlinekommentare überprüft. In „Über Spanien lacht die Sonne“ hat sie das Thema Hate Speech im Netz künstlerisch verarbeitet. Ein Gespräch über rechtsradikale Trolle, deren fort­ schreitende Enthemmung und darüber, warum Empörung keine Lösung ist

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Kathrin, welche Kommentare ärgern dich am meisten?

Kathrin Klingner: Wenn nicht-prominente Personen, die in Artikeln vorkommen, auf persönliche Weise attackiert werden. Es ist etwas anderes, wenn zum siebzigsten Mal Claudia Roth beleidigt wird, als wenn eine geflüchtete Frau, die eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin macht, in Kommentaren angegriffen wird. Das ist wie mit dieser Liste von Abiturienten, die neulich in einer Zeitung veröffentlicht wurde. Darunter waren auch arabisch klingende Namen und die rechten Kommentatoren haben sich sofort empört darauf gestürzt und das Niveau des Abiturs infrage gestellt.

Kommentare wie „Bevölkerungsaustausch“ und „Merkel-Diktatur“ stehen für Kitty, deine Protagonistin, auf der Tagesliste. Nimmst du so was noch wahr oder winkst du das nur gelangweilt ab?

Ich finde es lächerlich unoriginell. Es gibt immer Trends. Einer fängt mit etwas an und der Rest steigt mit ein. Eine Zeit lang wurde über Flüchtlinge hämisch als „Goldstücke“ geschrieben. Was am albernsten daran ist, ist wie wahnsinnig originell die Kommentarschreiber sich dabei vorkommen.

Ich denke mir jedes Mal: Leute, das könnt ihr doch nicht schon wieder bringen. Im Comic kommt dieses Phänomen auch vor. Etliche User schreiben: „Über Spanien lacht die Sonne, über Deutschland lacht die ganze Welt“ – und glauben tatsächlich, einen besonderen Beitrag geleistet zu haben.

Das ist wie mit diesen immer gleichen Zitaten, mit denen sie sich als Widerstandskämpfer gerieren: „Je weiter sich eine Gesellschaft von der Wahrheit entfernt, desto mehr wird sie jene hassen, die sie aussprechen.“ Oder: „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus‘. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus.‘“

(lacht) Ja, darin liegt viel Komik, in diesem Kontrast zwischen dem Gefühl dieser Leute, total originell und pointiert zu sein, und der Tatsache, wie abgenutzt ihre Sprüche sind. Das wollte ich in dem Comic auch zeigen. Ich nehme in den Kommentaren oft auch eine Leidenschaft zum Bürgerkrieg wahr.

Diese Leute scheinen sich richtig auf einen Umsturz zu freuen, das bereitet ihnen einen wohligen Schauer. Das lese ich den ganzen Tag, dann gehe ich nach Hause und beobachte auf dem Heimweg, wie das Leben in Deutschland ist. Alles ist geordnet, wir leben in einem der reichsten Länder der Welt. Natürlich gibt es Armut, Kriminalität und viele Probleme. Aber wie sehr diese Bürgerkriegsfantasien im Kontrast zur Realität stehen, ist schon absurd.

comic-kathrin-klingner

Arbeitsalltag im Medien­ unternehmen: Szenen aus „Über Spanien lacht die Sonne“

Warum hast du dich entschieden, das Thema Hate Speech im Netz mit dem Medium Comic, genauer: einem humorvollen Comic, zu behandeln?

Als Moderatoren werden wir in den Kommentarspalten permanent angefeindet, als „Zensor“, als „fetter, hässlicher Sesselfurzer“ und was weiß ich – ohne dass wir Rückmeldung geben können. Ich mochte den Gedanken, dass ein Troll meinen Comic liest und sieht, wie wir uns über die Kommentare lustig machen – auch wenn in der Realität vermutlich keiner von ihnen ihn liest.

Die Geschichte ist aber nicht zu hundert Prozent autobiografisch. Mit der Ästhetik gehe ich auch auf Distanz und sende ein Signal an den Leser, dass nicht alles, was hier passiert, eins zu eins der Wahrheit entspricht. Gleichzeitig war es auch so, dass ich dachte, wie absurd dieser Job ist. Ich hatte das Gefühl, das festhalten zu müssen, weil es für die Nachwelt interessant sein könnte. Ich glaube nicht, dass das immer so weiter geht, in zehn Jahren wird das nicht mehr so sein.

Wie kommst du darauf ?

Viele große Nachrichtenseiten überlegen schon heute, wie sie mit den enthemmten Kommentaren umgehen sollen, die „Süddeutsche Zeitung“ hat die Kommentarfunktion schon komplett abgeschafft. Und Facebook wird auch nicht ewig so weitermachen können.

Woher kommt diese Enthemmung?

Ein Grundproblem mit Kommentaren ist, dass die Empörung, die sie auslösen, die Leute dazu bringt, immer krassere Sachen zu schreiben. Ich weiß nicht, ob alle von ihnen wirklich meinen, was sie schreiben. So wie jemand, der auf Instagram Duckface-Fotos von sich postet und süchtig nach den Herzchen ist, sind sie süchtig nach der Empörung, die sie auslösen.

 

„Empörung ist eine Internetwährung“

Kathrin Klingner

 

Ist Humor deine Methode, um auf Distanz zur Empörung zu gehen?

Vielleicht. Es bringt halt nichts zu sagen: „Ich verurteile Hass im Internet.“ Das hält niemanden davon ab. Mich darüber lustig zu machen natürlich auch nicht, aber es ist eine Möglichkeit, Abstand zu nehmen. Ich weiß auch nicht, wie der richtige Umgang aussieht. Ich glaube nur, dass es der falsche Weg ist, wie in den vergangenen Jahren medial die AfD und ihre Wähler kommentiert wurden. Wie auf jede Äußerung reagiert wurde, darin lag kein Erkenntnisgewinn. Niemand liest einen solchen Artikel über die AfD und denkt: „Achso, die haben also etwas gegen Ausländer. Jetzt versteh ich’s endlich.“ Und das hält auch niemanden davon ab, die AfD zu wählen.

Eine von Kittys Kolleginnen im Comic sagt über das Internet, dass es einerseits Demokratisierung und Teilhabe bedeutet, aber gleichzeitig auch gefährlich ist in seiner Grenzenlosigkeit: „Aber man muss doch darüber reden, was die gesellschaftlichen Folgen von so einer Entwicklung sind.“ Wie sollte man damit umgehen?

Ich habe dazu keine Message, ich finde einfach viele Sachen, die ich beobachte, absurd, und hatte das Gefühl, die müssten mal dringend niedergezeichnet werden, bevor sie in Vergessenheit geraten. Dieser Vergleich mit der Atombombe, der im Comic gezogen wird, spiegelt nicht zu 100 Prozent meine Meinung wider, aber ich stimme zu, dass es so nicht weitergehen kann.

Empörung ist nun einmal eine Internetwährung. Vermutlich müsste jeder aufhören, sich darüber aufzuregen und das einfach wegignorieren. Aber das geht wahrscheinlich nicht.

Du legst auch einen Schwerpunkt auf die Arbeitswelt. Warum?

In den Kommentaren geht es oft um Arbeit. Darum, dass sie, die Trolle, arbeiten und Steuern zahlen und dass die Flüchtlinge angeblich gar nicht arbeiten wollen. Ich fand es interessant zu schauen, was Arbeit ist und was sie mit einem macht. Und ich wollte meine Beobachtungen der Arbeitswelt dokumentieren.

Die Mitarbeiter des Unternehmens haben alle ihre dunklen Seiten. Warum hast du ihre Ambivalenz hervorgehoben?

Wenn ich mir Figuren ausdenke, lerne ich sie immer besser kennen, und sie entwickeln sich selber immer weiter. Ich mag es, wenn sie sich wie echte Personen anfühlen, und dann müssen sie ja auch negative Eigenschaften haben. Ich wollte auch, dass es nicht um durch und durch gute Charaktere geht, die sich heroisch dem rechten Mob im Internet entgegenstellen, das wäre plakativ. Das sind Leute, die einfach zur Arbeit gehen und sich auf den Feierabend freuen.

Wie ernst nimmst du den Rechtsruck?

Sehr ernst. Der Grund, warum ich vor zehn Jahren aus den Niederlanden weggezogen bin, war, dass damals die PVV um Geert Wilders so viele Stimmen bekommen und die Minderheitsregierung von Mark Rutte gestützt hat. Ich habe acht Jahre in Amsterdam gelebt und dachte erst, dass das wieder vorbeigeht. Aber das Klima hat sich schleichend verändert und wurde sehr unangenehm.

UeberSpanienLachtDieSonne_CoverHast du ein Beispiel?

Wenn ich Holländisch geredet habe, wurde ich als „scheiß Ausländerin“ beschimpft. Anscheinend war es plötzlich okay, jemanden so anzugehen. Ich hatte das Gefühl, dass das vorher nicht so war. Das Limit, welche Dinge zu sagen okay ist, hat sich verschoben. Bei uns in Deutschland könne so was ja nicht passieren – dachte ich.

Kathrin Klingner: „Über Spanien lacht die Sonne“, Reprodukt, 128 Seiten, 20 Euro (ersch. am 10.3.)


Szene-Cover-März-2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Februar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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