„Unsere Gesellschaft ist nicht gespalten“

Die Apotheke am Neuen Pferdemarkt gibt es seit 1825, der Vater von Dr. Maurice Khalil übernahm sie 1972. Dr. Khalil hat Zehntausende von Corona-Tests durchgeführt. Ein Gespräch über soziale Verantwortung, zufriedene Kunden und tätliche Übergriffe

Interview & Foto: Markus Gölzer

SZENE HAMBURG: Herr Khalil, war immer klar, dass Sie Apotheker werden wollen?

Dr. Khalil: Ja. Ich bin hier in der Schanze aufgewachsen, als Kind habe ich immer in der Apotheke gespielt. Seitdem wollte ich Apotheker werden. Früher war das so, dass hier kaum einer wohnen wollte. Hier war ein hoher Anteil an Zuwanderern, die Stück für Stück verdrängt wurden. Es war auch schwierig, Mitarbeiter zu finden.

Da hat Ihr Vater Pionierarbeit geleistet, wenn man so will.

Mein Vater war, man glaubt es kaum, der erste Nichteuropäer, der in Deutschland eine Betriebserlaubnis für eine Apotheke bekommen hat. Der Zweite Weltkrieg ist 1945 zu Ende gegangen. 1972 war ja nur eine Generation später. Das war damals für Nichtdeutsche schwer und ist es heute.

Es gibt auch für Spanier oder Portugiesen trotz EU abstruse Regeln, dass sie so und so lange in Deutschland gearbeitet haben müssen, um eine Betriebserlaubnis zu bekommen und eine Apotheke übernehmen zu dürfen. Viele Jahre waren Menschen mit anderer Hautfarbe ein seltenes Bild in einer Apotheke. Mit der Folgegeneration der ehemaligen Einwanderer hat sich das geändert.

Was haben Sie sich als Apotheker gedacht, als die ersten Berichte über ein neues Virus kamen?

Ich habe an eine Pandemie gedacht. Das war der 14. Januar. Da wurde ich von Kollegen ausgelacht, weil ich vieles umgestellt habe, mich nicht nur mit den wichtigsten Arzneimitteln bevorratet habe, sondern auch mit Schutzmasken und Desinfektionsmitteln.

Hintergrund war, dass mit Lieferengpässen zu rechnen war. Die auch kamen. Im Zuge der Gesundheitsreform werden nur noch wenige Arzneimittel in Deutschland hergestellt, sondern beispielsweise in Indien oder China. Das Bevorraten war ein enormes Risiko, weil wir vorfinanzieren mussten. Aber Kunden und Patienten waren dankbar. Die haben schnell bemerkt: Bei dem gibt’s das noch.

„Die Bundesregierung hätte die Preise deckeln müssen“

Dr. Maurice Khalil

Kam es zu Preissteigerungen?

Die Preise bei Arzneimitteln sind festgelegt. Bei Corona-Tests oder solchen Geschichten nicht. Da haben sich Ende letzten Jahres die Preise mindestens verdoppelt. Die Infektionen gehen nach oben, die Nachfrage steigt, die Preise auch. Das sehe ich als großen Fehler an. Die Bundesregierung hätte die Preise deckeln müssen.

Ganz extrem war es im Frühjahr vergangenen Jahres, als man für FFP2-Masken 25 oder 30 Euro bezahlen musste, die zu Nicht-Pandemiezeiten Cent-Artikel waren. Wir sind irgendwann ausgestiegen und haben keine Masken mehr verkauft, weil die Preise gar nicht vermittelbar waren.

Wer genau hat die Preise so erhöht?

Das waren die Importeure. Manchmal hatte man das Gefühl, dass die sich abgesprochen haben. Normalerweise gibt es so etwas im pharmazeutisch-medizinischen Bereich nicht, weil das ein ethischer Beruf ist. Es ist nicht zulässig, eine Empfehlung auszusprechen, nur weil ich einen höheren Gewinn an dem Medikament habe. Das hätte ich mir auch in dem Bereich medizinische Masken oder Desinfektionsmittel von den entsprechenden Behörden gewünscht. Das galt auch für Tests. Für einen kurzen Zeitraum waren diese kostenpflichtig. Wir haben das für acht Euro gemacht, während kommerzielle Anbieter zwischen 14 und 25 Euro genommen haben. Irgendwann im Oktober war das. Wir sind plus/minus null rausgegangen, weil wir das als unsere soziale Verantwortung gesehen haben. Das ist initial auch der Grund, warum wir die Tests jetzt noch durchführen.


SZENE HAMBURG Ein Jahr mit Corona 22/2021

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Bieten Sie noch PCR-Tests an?

Das war der Vorschlag des neuen Gesundheitsministers, dass es nur noch für Risikopatienten oder Berufe wie Krankenschwestern aufgrund eines vermuteten Engpasses bevorzugt die PCR bekommen sollen. Ob der Mangel wirklich so hoch ist, weiß ich nicht. Was ich weiß, ist, dass nicht jeder, der testet, auch PCR anbietet. Der Grund: Die Vergütung durch die Stadt Hamburg für Durchführung, Vorbereitung und Nachbereitung eines PCR-Tests ist extrem niedrig, das Infektionsrisiko extrem hoch. Dafür müssen Sie erst mal einen finden.

Unser Einzugsgebiet ist riesig. Es kommen Leute aus Norderstedt oder Harburg. Die sagen, sie sind schon den ganzen Tag rumgelaufen, weil das Kind in der Schule positiv getestet wurde, und keiner wollte das machen. Wir bieten den Menschen, die wir positiv testen, niedrigschwellig den Zugang zu einer PCR an.

„Bei uns geht es nicht nur um das reine Testen, sondern auch um die Beratung der Menschen“

Dr. Maurice Khalil

Wie viele Leute testen Sie pro Monat? Wie viele sind positiv?

Ich weiß es nicht genau, aber es sind Tausende im Monat, die wir testen und Hunderte, die wir positiv testen und denen wir den Weg zu einer PCR ermöglichen. Viele unserer Kunden haben keinen Zugang zu elektronischen Medien, können keinen QR-Code scannen. Oder sie haben Probleme zu schreiben. Da müssen Sie den Leuten richtig helfen. Das können Sie gar nicht mit dem, was die Stadt Hamburg dafür bezahlt.

Bei uns geht es nicht nur um das reine Testen, sondern auch um die Beratung der Menschen und am Ende auch um Qualitätsmanagement. Mit der PCR-Testung überprüfen wir gleichzeitig unsere Schnelltests. Wir haben viele Zehntausend Menschen getestet, und die, die wir falsch positiv getestet haben, waren eine Handvoll.

Wurden Sie schon von Corona-Leugnern bedroht?

Ja (lacht). Menschen lassen sich aus unterschiedlichsten Gründen testen. Die einen aus Gesundheitsvorsorge, auch wenn sie geimpft oder geboostert sind. Sie wollen andere nicht gefährden. Wir haben Menschen, die nicht geimpft sind und partout nicht geimpft sein wollen. Und wir haben ganz, ganz wenige, die sich testen müssen, sich aber weigern. Und das ist ganz, ganz anstrengend.

Es ist nicht angenehm, ein Stäbchen im Rachen oder in der Nase zu haben. Aber wenn Menschen anfangen rumzuschreien, obwohl sie das Stäbchen noch nicht richtig in der Nase haben, wissen Sie, wo die Geschichte hingeht. Alle, die dahinterstehen, gucken ganz erschrocken, sind geschockt. Und leider gibt es auch ein extremes Beispiel: Da kommt einer vorbei, stürmt hinten in die Apotheke und schlägt zu. Auch einer, der sich nicht testen lassen wollte, aber musste. Ich habe keinen Ton gesagt und schon die Faust im Gesicht gehabt. Der hat so zugeschlagen, dass ich erst mal ins Krankenhaus musste. Man muss aber sagen: Wir haben einige Zehntausend Menschen getestet – davon wurden vielleicht 30 auffällig.

Waren Sie traumatisiert?

Auf alle Fälle. Körperliche Schäden habe ich jetzt noch. Ich habe wochenlang ein Problem gehabt, Fremden gegenüberzutreten. Jemanden beim Testen zwanzig oder dreißig Zentimeter entgegenzukommen, ohne zu wissen, wie der tickt.

Zum Glück muss ich nicht mehr daran denken. Aber es war unglaublich, wie viele Menschen danach zur Apotheke gekommen sind. Ich habe unzählige Geschenke und Briefe bekommen. Von allen möglichen Leuten bis hin zu Prominenten. Ganz, ganz groß. Sonst hätte ich das gar nicht weitergemacht. Aber wie der Bundespräsident gesagt hat: Unsere Gesellschaft ist nicht gespalten. Die überwiegende Mehrheit der Menschen ist sich einig. Es ist eine kleine Minderheit von Corona-Leugnern, die anderer Meinung sind.

Schon Pläne für die Zeit nach Corona?

Ich habe seit sicher zwei Jahren keinen Urlaub mehr gehabt. Da fahr ich erst mal an die Ostsee. Da ist es schön (lacht).

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Benin-Bronzen: Geraubte Geschichte

Als erste Stadt Deutschlands gibt Hamburg die legendären Benin-Bronzen an Nigeria zurück. Maßgeblich beteiligt ist Prof. Dr. Barbara Plankensteiner, Direktorin des Museums am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt (MARKK). Sie kämpft seit Jahrzehnten für die Restitution, die Rückerstattung dieser Raubkunst, und richtet die Abschiedsausstellung „Benin. Geraubte Geschichte“ aus

Interview: Markus Gölzer

SZENE HAMBURG: Frau Plankensteiner, Hamburg leitet die Rückgabe der Benin-Bronzen ein. Und damit auch das Ende der Völkerkundemuseen, weil ohne Raubkunst die Ausstellungsstücke knapp werden?

Prof. Dr. Plankensteiner: Nein. Wir haben ja nicht nur Raubkunst in unseren Sammlungen. Das ist ein sehr vielfältiges Spektrum an Objekten. Wir sind gerade dabei, in Provenienzforschungsprojekten größere Klarheit zur Herkunft zu gewinnen. Wer waren die Besitzer, wie sind sie zu ihren Sammlungen gekommen, wie bewerten ihre Nachfahren diese Objekte. Das erfordert aufwendige Forschung in Archiven. Aber auch Zusammenarbeit mit Vertretern der Herkunftsgesellschaften, um ein Verständnis zu gewinnen, ob diese Objekte rechtmäßig in den Besitz des Museums gelangt sind. Aber unsere Depots werden sicher nicht leer werden. Die Ausstellung trägt den eindeutigen Titel „Benin. Geraubte Geschichte“.

Was erwartet die Besucher?

Wir zeigen jedes einzelne Stück, um transparent zu zeigen: Daraus setzt sich eine Benin-Sammlung zusammen. Aus wirklich herausragenden Kunstwerken. Und aus Fragmenten, kleinteiligen Dingen, Alltagsobjekten. Wir erzählen, warum es notwendig ist, die Sammlung zurückzugeben. Unter welchen gewaltvollen Umständen diese Dinge nach Europa gelangt sind, über welche Personen das Museum sie erworben hat, was diese Personen vor Ort gemacht haben. Wir erklären auch die Kunst. Was war ihre Bedeutung? Welchen Wert hat sie für die heutige Edo-Bevölkerung im Edo State, dem Kern des ehemaligen Königreichs Benin? Wie interpretieren die Wissenschaftler dort die Werke?

„Man erkennt das Leid der Kolonialzeit an“

Was bedeuten die Werke für die Edo?

Manche Gegenstände werden in religiösen Ritualen verwendet, andere waren Repräsentationskunst des Königs, die den Palast geschmückt hat. Es gibt zum Beispiel. die königlichen Gedenkköpfe, sie spielen eine wichtige Rolle für das ganze Reich. Die waren auf Ahnenaltären aufgestellt, haben an königliche Vorfahren erinnert, aber auch an die spirituelle Bedeutung der Könige, die religiöse Oberhäupter sind und denen man jährlich gedenkt. Diese Zeremonien bestärken die spirituelle Kraft des Königs und sorgen für Wohlbefinden und Wohlstand der Bevölkerung.

Was ist Ihre Empfindung bei der Rückgabe? Trennungsschmerz oder Erleichterung?

Natürlich ist es für Museumsleute immer schwierig, sich von lieb gewonnen Objekten zu trennen. In diesem Fall macht es glücklich, dass dieser Schritt endlich gesetzt werden kann nach so vielen Jahrzehnten. Ich denke, sie werden vor Ort eine viel größere Bedeutung haben als bei uns, weil die Menschen dort eine ganz andere emotionale Bindung zu diesen Werken haben. Auch die junge Generation. Die Restitution bringt zum Ausdruck, dass man das Leid der Kolonialzeit anerkennt. Ich glaube, das ist sehr wichtig für die Bevölkerung vor Ort.

Zusammenarbeit

Seit wann fordert Nigeria die Kunstwerke zurück?

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Im Interview: Prof. Dr. Barbara Plankensteiner, Direktorin des Museums am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt (MARKK) (Foto: Paul Schumweg)

Seit den 1930er-Jahren äußern Könige den Wunsch, dass gewisse Objekte zurückgegeben werden. In den 1970er-Jahren gab es erste Restitutionsforderungen, auch über die UNESCO. Bénédicte Savoy stellt das in ihrem Buch „Afrikas Kampf um seine Kunst“ sehr schön dar. Nach der Unabhängigkeit haben viele afrikanische Staaten ihr Kulturerbe zurückgefordert. Vergeblich. Es gab keine internationale Gesetzgebung, auf die sich eine Rückforderung von kolonialem Raubgut berufen hätte können. Aber inzwischen ist das eine ganz klare moralische und ethische Entscheidung, wie auch der Außenminister der letzten Regierung, Heiko Maaß, betont hat. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit.

Inwieweit war Nigeria an dem Projekt beteiligt?

Wir haben das große Digitalprojekt „Digital Benin“ ins Leben gerufen. Daran sind nigerianische Historikerinnen und Historiker wie auch Anthropologinnen und Anthropologen beteiligt. Sie haben die Ausstellung mitgestaltet. Wir arbeiten mit nigerianischen Künstlern zusammen, die uns beraten und in der Benin Dialogue Group mitwirken. Die Benin Dialogue Group (BDG) wurde von Nath Mayo Adediran, dem damaligen Direktor der Museumsabteilung der National Commission for Museums and Monuments (NCMM) und mir im Jahr 2010 gegründet, um gemeinsam der Rückgabe den Weg zu ebnen. Wir haben eine Agentur in London eingeladen, die von nigerianischen Historikern betrieben wird. Die haben den Einführungsfilm gemacht. Wir stehen kontinuierlich in engem Austausch mit unseren nigerianischen Kollegen.

Viele Initiativen

Was geschieht mit den Werken nach der Ausstellung?

Es gibt Pläne, in Benin City ein großes Museum, das Edo Museum of West African Art (EMOWAA) zu gründen. Dazu hat man den weltberühmten Architekten Sir David Adjaye eingeladen, eine Vision zu entwickeln. Gleichzeitig soll auf dem Palastgelände ein Royal Museum entstehen in kleinerem Format. Die Werke sollen verknüpft mit zeitgenössischer Kunst dargestellt werden.

Die Ausstellung ist auch eine Auseinandersetzung mit Hamburgs kolonialer Vergangenheit. Wie ist es in der Hansestadt um diese Aufarbeitung bestellt?

Es gibt viele Initiativen: Die Forschungsstelle für postkoloniales Erbe an der Universität Hamburg, einen Runden Tisch, es gibt einen Beirat, der sich mit dem Stadtraum und dem kolonialen Erbe der Stadt beschäftigt. Da sind wir aber nur am Rande beteiligt. Wir haben genug mit unserer Sammlung zu tun (lacht). Wir sind auch ein koloniales Denkmal. Dessen sind wir uns bewusst und dem wollen wir gerecht werden.

Den Blick über den Tellerrand fördern

Sie übernahmen 2017 die wissenschaftliche Leitung des Museums für Völkerkunde in Hamburg, 2018 wurde es in Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt (MARKK) umbenannt. Wie geht es der Ethnologie in Zeiten, in denen man sich mit Rastalocken der kulturellen Aneignung verdächtig macht?

Das Fach hat sich radikal verändert. Es heißt an den meisten Instituten nicht mehr Ethnologie, sondern Kultur- und Sozialanthropologie. Es beschäftigt sich nicht mit dem Erforschen von „Völkern“, sondern mit der gesellschaftlichen Verankerung des Menschen. Die Forschungsmethoden sind andere als früher. Man arbeitet zusammen. Deshalb ist die Aneignung, die Sie gerade beschrieben haben, ein Gegenstand unserer Forschung.

Ein letzter Satz zu Ihrem Anliegen?

Ich möchte betonen: Das Aufarbeiten des kolonialen Erbes ist für uns ganz wichtig. Das ist ein bedeutendes Thema für uns als Museum in der Stadtgesellschaft und gerade auch das Thema Kolonialgeschichte für Schulen, weil wir da ein spezielles Angebot machen können. Trotz allem ist es uns ein großes Anliegen, auch künstlerische und kulturelle Errungenschaften in den Vordergrund zu stellen, die Bedeutung der Werke und ihre Anerkennung zu fördern. Das fehlt in unserer Gesellschaft, weil der Blick immer nur auf europäischer Kunstgeschichte liegt. In unserer globalisierten Welt ist es wichtig, über diesen Tellerrand hinauszusehen. Das wollen wir mit unserer Arbeit befördern.

Museum am Rothenbaum. Kulturen und Künste der Welt (MARKK)


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Nicolaas Schmidt: „Da entstehen echte Momente“

Nicolaas Schmidt zeigt in seinem Film „FIRST TIME [The Time for All but Sunset – VIOLET]“ zwei junge Passagiere, die die U3 komplett durchfahren und bis auf einen Satz kein Wort verlieren. „First Time“ wurde mit dem Deutschen Kurzfilmpreis 2021 „Sonderpreis für mittellange Filme“ ausgezeichnet

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Nicolaas Schmidt, Gratulation zum Deutschen Kurzfilmpreis. Der dritte Hauptdarsteller von „First Time“ ist die U3. Warum?

Nicolaas Schmidt: Ich hatte damals viel Zeit im Haus verbracht. Abends, wenn die Sonne mein Fenster erreichte, kam so ein Drang: Ich muss noch raus! Die letzten Sonnenstrahlen! Wo ich wohnte, gab es außer dem Parkdeck der „Hamburger Meile“ keine größere Freifläche, wo so spät noch wärmende Strahlen den Boden erreichten. Da blieb nur die U3. Die fährt oft hoch und im Kreis. Man hat immer irgendwo einen Moment, in dem die Sonne auch zum Sunset ins Gesicht strahlt. Der Ausgangspunkt zum Film war, die Goldene Stunde zu dokumentieren. Auf diesen Rundfahrten kam mir die Idee zu der Geschichte, die entsteht, indem man – hoffentlich – das präsente Hafenpanorama wiedererkennt, das die Protagonisten zweimal durchfahren. Der Zuschauer bemerkt die Kreisfahrt, die keinen Sinn ergibt, wenn man sich fortbewegen will. Mindestens einer von beiden will nicht aussteigen– warum?

Bei aller Kürze hat der Film etwas Meditatives.

Das liegt wohl an der Redundanz des Musiksamples im ersten Track. Durch Wiederholungen, Loops hatte ich bereits in früheren Kurzfilm-Experimenten eine Inhaltslosigkeit hinbekommen, die Abdriften oder Meditieren ermöglicht, aber zunächst den Zuschauenden fordert – man muss sich darauf einlassen können. Ein guter Slowloop schafft das. Dieser Spagat ist das Interessante für mich am Kurzfilm. Narrative Sachen finde schwierig im klassischen Kurzfilm bis 15 Minuten Dauer, da bleibt kaum Zeit, Inhaltslosigkeiten oder Banalitäten einzusetzen. „First Time“ geht über 49 Minuten. Da konnte ich ein wenig narrativ arbeiten und dennoch mit diesen Mittel spielen.

 

„Mich interessieren Sachen, die man nicht einordnen kann“

 

Das Intro mit dem Coke-Clip aus den Achtzigern, der mit Robin Becks „First Time“ die Jugend feiert, fand ich etwas lang.

Ich wollte neben einem Werbeclip als Vorfilm, dass man schon eine erste Hürde nimmt für das, was danach kommt. Mit der Musik und der ultrakitschigen Werbeästhetik funktioniert das super. Die Bilder ähneln sich alle auch so schön. Wenn man es schafft, die Werbung durchzugucken, schafft man auch den Film. Und es gibt diesen krassen Kontrast – Coke Commercial vs. the real thing.

Deine Filme wie das bereits 2017 erschienene Sequel von „First Time“, „Final Stage“, spielen oft in Übergangssituationen: in der S-Bahn, am Bahnhof, auf den Korridoren einer Mall. Oder auch im Herbst, nach Trennungen oder in der Pubertät.

Mich interessieren vor allem Graubereiche, Ambivalenz, die man nicht so einfach einordnen kann. Deshalb auch keine Junge-Mädchen-Konstellation. Wenn es Zuschauende schaffen, sich darauf einzulassen, finde ich es richtig, auch ein Angebot zu machen, ins Grübeln kommen – rein optional. Filme können super inspirierend sein. Ich denke, das ist etwas Schönes. Doch mittlerweile gibt’s ja kaum noch Momente, wo man die Muße und die Zeit dafür hat. Kino hat da mega Potenzial. Dochbei vielen Filmen muss man 100 Prozent dabei sein, um den Handlungsstrang oder etliche davon zu kapieren. Oder es gibt so viel Action, dass man gar nicht abtauchen kann. Dann ist der Film vorbei, und zack, ist man wieder im echten Leben. Was bleibt da hängen?

 

Eine Liebesgeschichte? Villeicht

 

Nicolaas Schmidt Credit Nicolaas Schmidt-klein

Erhielt den Deutschen Kurzfilmpreis 2021: Nicolaas Schmidt (Foto: Nicolaas Schmidt)

Bei „First Time“ bleibt die Frage hängen, ob es eine Liebesgeschichte ist. Vielleicht.

Deshalb möchte ich diese Frage besser nicht beantworten. Ja, vielleicht ist das nur eine weitere Liebesgeschichte.

Oder einfach eine konzeptionelle Videoarbeit oder ein Experimentalfilm? Tragödie? Oder gar Komödie? Mir wurde schon gesagt, dass es komische Momente gibt. Oder Kapitalismuskritik? Im Abteil hängt ein ein Poster von „Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit“, einer Platte von „Ja Panik“.

Dieses Plakat ist das Filmposter eines früheren Kurzfilms meines guten Freundes Ray Juster und mir. Wir haben echte Werbung damit überklebt. Bei der Montage des Films fanden meine Dramaturgin Anne Döring und ich den Spruch schwierig, weil zu eindeutig.

Der Film scheint ohne Schnitt durchgefilmt zu sein.

Nicht jede U3 fährt unterbrechungsfrei im Kreis. Manchmal muss man in Barmbek umsteigen. Ich hatte mir daher eine Schnittmöglichkeit offen gehalten. Wir sind aber durchgefahren im Kreis.

 

Freiraum für Zufälle

 

Waren die anderen Fahrgäste auch Schauspieler?

Es gibt die beiden Schauspieler und etliche Statisten. Die haben wir auch gebraucht, um das Wagenabteil abzublocken vor den echten Passanten. Das war auch das Spannende, zu probieren: Klappt es oder kommen Leute rein. Da entstehen echte Momente, die hätte man sich nicht besser ausdenken können. Das finde ich interessant: Was passiert, mit dem entsprechenden Risiko. Die erste der drei Fahrten war zur Probe. Die zweite war gut, aber es war etwas zu früh. Da wollte die Sonne noch nicht so (lacht). Die dritte Fahrt hat geklappt, mit sehr viel Glück natürlich. Aber wenn alles exakt vorbereitet, alle möglichen Problemstellen gecheckt sind und das meiste feststeht, kann man so ein Risiko eingehen. Wir wussten genau, welches Abteil wir benutzen, wo die Bahn hält, wie viel Zeit zwischen den Stationen ist, wann was passiert – da kann man auch Freiraum für Zufälle lassen.

Was gab es für Zufälle?

In der U-Bahn-Station St. Pauli hält der Zug vor einem Kiosk. Der füllt exakt das Fenster aus. Der genaue Standpunkt des Abteils beim Halten war in der Dopplung dann wohl Glück. Das Interessante ist auch der dokumentarische Aspekt: Diesen Kiosk gibt’s mittlerweile nicht mehr. Die Werbeposter auf den Bahnsteigen sind natürlich auch Zeitdokumente. In einem anderen Moment steht ein Passant ziemlich im Hintergrund am Gleis. Wie künstlich platziert und sehr einsam dabei. Wäre das inszeniert, hätte man es eventuell platt gefunden. Ebenfalls ganz toll: In der Station Hamburger Straße ist eine Bank zentriert im Fenster-Bild, auf der zwei erwachsene Männer nebeneinandersitzen – wunderbar korrespondierend zu den beiden Jungs in der Bahn. Aber: nicht geplant. Da gab es viele Sachen.

 

Zu sehen – hoffentlich bald

 

Auch die Musik spielt eine wichtige Rolle.

Ja, den ersten Instrumental-Track „Delta Roth“ in einem Album meines früheren HFBK-Kommilitonen Iason Joumkos zu entdecken, war wichtig für den Film. Er hat den Song dafür noch verlängert und für den zweiten Teil des Films darauf einen weiteren Track „Omega Roth“ komponiert.

Aktuell stehen in Hamburg keine Festivals an, auf denen „First Time“ gezeigt werden könnte. Kann man ihn wenigstens schon im Netz sehen?

Leider nein. Es geht darum, den Film komplett unterbrechungsfrei schauen zu können, nicht aufzugeben und bestenfalls abzutauchen. Ich möchte möglichst vielen Menschen die Chance dazu geben. Wie gesagt, man muss sich erst mal darauf einlassen und dazu braucht es Kino – den Raum, die anderen Zuschauer, die Dunkelheit, die Soundanlage. Ich hoffe sehr, es wird sich hier ein Festival in 2022 finden, denn wegen Corona gab es nicht mal eine kleine Teampremiere in Hamburg.

endjoy.org/firsttime


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburgerin des Monats: Anne Krüger-Vonderau vom Mitternachtsbus

Im November feierte das spendenfinanzierte Projekt „Mitternachtsbus“ der Diakonie Hamburg seinen 25. Geburtstag – und Anne Krüger-Vonderau 20 Jahre Ehrenamt gleich mit. Ein Gespräch über gesellschaftliche Verantwortung

Text & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Frau Krüger-Vonderau, Gratulation zu 20 Jahren Mitternachtsbus!

Anne Krüger-Vonderau: Fast zwanzig Jahre. Ganz korrekt fehlen zwei Monate. Aber ich fühle mich schon als 20-Jährige (lacht). Ich wurde auch auf dem 25-jährigen Jubiläum, das wir vor dem Michel gefeiert haben, in die Gruppe aufgenommen, die schon seit 20 Jahren dabei sind.

Wie viele Einsätze sind Sie seit 2001 gefahren?

Wie die meisten fahre ich einmal im Monat. Wenn man berufstätig ist und denkt, ich will was für die Gesellschaft leisten, kann man das ganz gut machen. Also 20-mal 12 sind 240 Einsätze. So Pi mal Daumen (lacht).

Wie läuft ein Einsatz ab?

Wir bereiten gegen 18.45 Uhr die Tour vor. Um 20 Uhr starten wir, holen belegte Brötchen und Kuchen von einer Bäckerei, fahren zur Bahnhofsmission. Manchmal haben die Sachen für uns. Gegen 20.15 Uhr ab zur ersten Platte. Das geht tatsächlich bis Mitternacht. Manchmal auch bis 1 Uhr, je nachdem wie groß der Andrang ist. Und wie viele Gespräche stattfinden.

Platte ist der Ort, an dem Obdachlose schlafen?

Richtig. „Ich mach Platte“ heißt, ich schlafe, meist alleine, an einem Ort irgendwo versteckt. Das war ein Grund, warum der damalige Landespastor Dr. Stephan Reimers in den Neunzigern den Mitternachtsbus gegründet hat. Und das Spendenparlament und das Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“: Als Folge der Wende herrschte Wohnungsnot, die Leute lagen überall verteilt in der Stadt, es gab viele Tote. Wir versuchen, diese Orte rauszukriegen, fahren die Platten ab. Unsere Idee der Betreuung ist Grundversorgung und Ansprache als aufsuchende Hilfe: Wenn jemand in seinem Schlafsack liegt, fragen wir ihn: Sollen wir Ihnen was bringen?

 

Das Ziel: Wohnungen für alle

 

Haben Sie noch Gäste der ersten Stunde?

Man lebt nicht so lange auf der Straße. Wenn man jemanden länger kennt, beobachtet man, dass die Verwahrlosung in Wellen stattfindet. Wenn man keine Wohnung hat und ein Alkoholproblem, stirbt man häufig auf der Straße. Es gibt wenig ganz Alte. Zum Volkstrauertag war auch ein ökumenischer Gedenkgottesdienst in Eimsbüttel für die auf der Straße Verstorbenen. Da kommen einige zusammen über das Jahr.

Ihre Gäste sind alle obdachlos?

Manche haben eine eigene Wohnung und kommen wegen der sozialen Kontakte. Die schauen vorbei, holen sich einen Kaffee, klönen und fahren mit der letzten S-Bahn nach Hause. Das Ziel sollte sein, dass alle eine Wohnung bekommen. Jetzt gibt es das erste Projekt von „Hinz&Kunzt“, wo 24 Obdachlose eine Wohnung haben. Nach 25 Jahren! Das ist doch Wahnsinn. Housing First heißt das. Wir konnten kurz vor dem Einzug das Haus besichtigen. Toll, dass das mit unserem Jubiläum zusammenfällt.

Wie wurde das Haus finanziert?

Einzelheiten zur Finanzierung kenn ich nicht. Alle Bewohner haben unbefristete Hamburger Mietverträge. Das können sie über den Verkauf von „Hinz&Kunzt“ oder andere Sachen finanzieren. Das Wichtigste bei Housing First, wie ich von Sozialarbeitern gelernt habe: Sobald man einen festen Ort hat, kann man sich endlich um die anderen Sachen kümmern. Viele haben Ansprüche wie Renten oder Arbeitslosengeld, aber keinen „Perso“. Jetzt haben sie einen Ort, wo man mit ihnen planen kann. Wo sie selbst Ziele entwickeln können. Das geht auf der Straße nicht.

 

Frauen auf der Straße sind unauffälliger

 

Haben sich die Gäste geändert in den Jahrzehnten?

Durch die europäische Grenzöffnung sind es viele Männer aus Osteuropa. Die können kein Deutsch, haben keine Chance auf dem Arbeitsmarkt und fallen durch das Netz. Wir haben viele Ältere. Es gibt auch Frauen auf der Straße, aber die sind unauffälliger. Jüngere Leute weniger, kommt aber auch vor.

Was machen Sie, wenn Stammgäste verschwinden?

Wir machen uns Sorgen, informieren die Straßensozialarbeiter. Die starten einen Rundruf in den Krankenhäusern. Viele sind natürlich, wie man früher sagte, Tippelbrüder. Die sind unterwegs. Manche sagen, ich war jetzt zwei Monate Richtung Süddeutschland unterwegs. Dann kehren sie zurück in die Anonymität der Stadt.

Obdachlose machen auch innerhalb der Stadt ganz schön Strecke.

In Hamburg gibt es unheimlich viele Anlaufstellen. Dafür müssen sie sich bewegen. In Harburg wird ein Superfrühstück angeboten, dann fährt man morgens dahin. Später zum Mittagstisch nach Altona. Die müssen schon ein büschen plietsch sein, um sich zu organisieren und sind dann wirklich in ganz Hamburgs unterwegs.

 

„Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren“

 

Sind in den Jahrzehnten Freundschaften entstanden?

Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren. Ich habe in der Schule als Beratungslehrerin gearbeitet, und weiß, dass das ganz wichtig ist. Dass man sich nicht in seinem Helfersyndrom verliert. Man muss das professionell machen, wenn man was bewirken will. Ansonsten wird man aufgesogen von den Bedürfnissen des anderen. Ich bin voll da, wenn ich fahre, aber ich würde keine Beziehungen aufbauen, die darüber hinausgehen.

Sind Sie noch anderweitig sozial engagiert?

Ich arbeite in der Flüchtlingshilfe, bin in der Christianskirche in Ottensen aktiv, auch seit über 20 Jahren im Chor (lacht). Da gibt es das Willkommenskulturhaus, wo Geflüchtete Sprachunterricht nehmen können. Es soll politische Bildung auf Augenhöhe stattfinden. Man kann sich auch mit wenigen Sprachkenntnissen über die Situation in ihren Ländern und in Deutschland austauschen.

Was treibt Sie an?

Ich habe fast 40 Jahre als Lehrerin gearbeitet. Ich habe eine gute Pension. Mir geht es gut. Ich finde, wir müssen mehr gesellschaftliche Aufgaben übernehmen. Auch wir Oldies. Ich muss nicht mit dem Wohnmobil durch Europa fahren. Ich denke: Ey, das kann doch nicht alles der Staat regeln. Früher haben wir immer diskutiert: Die Obdachlosen, das geht doch nicht, da müssen doch die Behörden was machen. Irgendwann legte sich der Schalter um: Wir sind Teil dieser Gesellschaft und dieser Behörde. Ich bin fit und will etwas zurückgeben. Ich will da auch kein Geld dafür. Wir würden sozial verwahrlosen, wenn wir alle nur noch individualistisch sind. Das soll jetzt nicht sozialromantisch klingen. Ich finde, man kann einfach was tun.

 

Das Angebot ist konstant

 

Hat sich das Angebot des Mitternachtsbusses im Lauf der Jahrzehnte verändert?

Das ist total witzig. Das ist konstant. Wir haben immer heiße Getränke an Bord. Kaffee, Tee, Kakao, alles Fairtrade. Korrekt und eine gute Qualität. Brühe und diese herrlichen, supersüßen Zitronentees (lacht). Coronabedingt zahlt die Sozialbehörde Lunchtüten. Dann gibt es immer Kleidung an Bord für den Notfall. Wenn da jemand liegt und der hat keine Socken an, dann kriegt er Socken von uns. Isomatten, Schlafsäcke und Decken natürlich. Damit die die nicht einfach liegen lassen, müssen sie einen kleinen Obolus entrichten.

Was gibt es an Weihnachten?

Da gibt es meist einen Schokoweihnachtsmann, wie an Ostern Ostereier. Heiligabend ist ja immer ein ganz besonderer Tag. Ich muss da natürlich mit meiner Familie feiern (lacht). Aber ich finde das so toll, dass einige sagen: Heiligabend bedeutet mir nichts, da fahr ich einfach in einem zusammengewürfelten Team die Platten ab.

mitternachtsbus-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Nachbarschaftspreis für Hamburger des Monats

In der aktuellen Ausgabe der SZENE HAMBURG ist Kareem Ahmed der Hamburger des Monats, jetzt haben er und sein Team den Deutschen Nachbarschaftspreis für ihr Projekt „Silbersack Hood Gym“ gewonnen

Text: Felix Willeke

 

„Mein Bruder hat in der Corona-Zeit gesagt, dass wir wieder Sport machen müssen“, sagt Kareem Ahmed im Gespräch mit SZENE HAMBURG. Dieser Satz war der Beginn des sozialen Sportprojekts „Silbersack Hood Gym“ auf St. Pauli. Heute treibt Kareem das Projekt zusammen mit seiner Schwester Nassy Ahmed-Buscher und seinem Bruder Jameel Ahmed voran und mittlerweile trainieren über 50 Schüler:innen auf dem Sportplatz am Silbersack. Jetzt haben sie den mit 5.000 Euro dotieren Deutschen Nachbarschaftspreis gewonnen. Das Projekt gehe über das rein sportliche hinaus und fördere die soziale Vernetzung der Kinder aus der Nachbarschaft, so die Begründung der Jury. Das Preisgeld will das Projekt in die Miete einer Halle für den Winter investieren, eine passende Räumlichkeit in der Nähe wird noch gesucht.

 

Der Preis

 

Der Deutsche Nachbarschaftspreis wird seit 2017 von der nebenan.de Stiftung, einer Tochterorganisation des Berliner Sozialunternehmens Good Hood GmbH, verliehen. Die Insgesamt 57.000 Euro Preisgeld gingen 2021 an die Gewinner:innen in den Kategorien Generationen, Kultur & Sport, Nachhaltigkeit, Öffentlicher Raum, Vielfalt und an je ein Landessiegerprojekt.

Den Gewinnerfilm für das „Silbersack Hood Gym“, Gewinner in der Kategorie Kultur & Sport, gibt es hier:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Kareem Ahmed: „Ihr sollt nicht weggucken“

Der Hamburger des Monats Kareem Ahmed treibt mit seiner Schwester Nassy Ahmed-Buscher und seinem Bruder Jameel Ahmed das soziale Sportprojekt Silbersack Hood Gym voran. Durch Zufall entstanden, ist das Gym für die drei, ihr Team und über 50 Schüler zur Herzensangelegenheit geworden

Interview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Kareem, warum macht Kampfsport Kinder friedlich?

Kareem Ahmed: Weil es sie auspowert, weil sie einschätzen können, was sie mit ihrer Kraft bewirken. Kinder ohne Kampfsport können sich oft nicht kontrollieren, schlagen voll zu. Durch den Sport lernen sie kennen, was sie da machen. Was es bedeutet, einen Schlag ins Gesicht zu bekommen. Wie es sich anfühlt, einstecken zu müssen. Auf einer sportlichen Basis lernen sie, dass sie keinem so etwas antun wollen, weil sie das selbst nicht erleben wollen.

Welche Kampfsportarten unterrichtet ihr?

Ich mache Muay Thai und Kickboxen, wir haben Boxtrainer. Immer, was gerade für Leute da sind. Escrima, Straßenkampf als pure Selbstverteidigung. Erst recht für kleine Mädchen, damit sie sich auf St. Pauli verteidigen können.

Wie läuft ein Training ab?

Wir machen uns warm. Manchmal sind die Kinder überdreht, dann haben wir erst mal Spaß, spielen Fußball. Dann geht’s los mit den Pratzen, Sparringtraining für die Erwachseneren und Partnerübungen. Ich will keine professionelle Haltung vermitteln. Ab und zu muss mal der Thrill-Sergeant rein, weil die Kinder hier oft disziplinlos sind. Wie man sich Kiezkinder vorstellt. Nicht bösartig. Sie testen ihre Grenzen aus. Zum Schluss reden wir über Rassismus, Mobbing, über Sachen, die nicht gehen als Kampfsportler. Dass wir keinen unterdrücken, dass wir anderen helfen, die unterdrückt werden. Einfache Sachen, mit denen jeder aufwachsen sollte. Zum Abschluss machen wir ein Bauch- oder ein Athletiktraining. Dann stellen wir uns in einer Reihe auf und verabschieden uns. Jeder gibt jedem einmal die Hand und bedankt sich fürs Training.

 

Gegen Rassismus. Gegen Ausgrenzung. Gegen Unterdrückung.

 

Welche Werte zählen bei euch?

Wir sind gegen Rassismus. Gegen Ausgrenzung. Gegen Unterdrückung. Wir sind für Zusammenhalt. Dafür, dass die Stärkeren den Schwächeren helfen. Und Schwächere stark werden können. Das ist alles eine Sache vom Kopftraining. Wir wollen in einer Zeit, in der alle nur noch auf ihr Handy schauen, sich hauptsächlich über soziale Medien austauschen, vermitteln, dass so etwas wie der Silbersack-Fußballplatz ganz wichtig ist. Für die Nachbarschaft, für alle. Für die, die dran vorbeilaufen, was Schönes sehen. Wir gehen kleine Schritte, aber wir gehen sie.

Welche Regeln vermittelst du deinen Schülern beim Thema Gewalt?

Ich sag ganz klar: Ihr sollt nicht weggucken. Außer, wenn Erwachsene auf dem Kiez streiten, Penner, Messerstechereien, dies, das. Dann nicht denken, sie wären Batman. Da sollen sie weglaufen. Wenn sie in der Schule Ungerechtigkeit sehen, sollen sie die Person ansprechen. Sie sollen sich nichts gefallen lassen, aber nicht schlagen, dass einer schwer verletzt wird. Ich sag denen nach dem Training immer: Als Kampfsportler hast du Verantwortung. Der musst du gerecht werden. Ihr firmiert als Silbersack Hood Gym unter Silbersack Hood Talentförderung.

 

„Ohne meine Schwester Nassy läuft gar nichts“

 

Welche Talente fördert ihr?

Neben Sport bieten wir auch Musikförderung und Nachhilfe an. Bald kommt Kunst, also Graffitikurse dazu.

Wie ist das Silbersack Hood Gym entstanden?

Mein Bruder hat in der Corona-Zeit gesagt, dass wir wieder Sport machen müssen. Wir haben mit Freunden auf dem Platz trainiert. Mohammed kam dazu, der kleine Junge, den du gerade gesehen hast. Der wollte mitmachen, hat zwei, drei Monate mit uns trainiert. Dann sind immer mehr Kinder gekommen. Heute sind wir rund 50 Schüler und ein Team aus zwölf Trainern und Trainerinnen.

Wer ist außer dir noch dabei?

Unser TrainerInnen-Team, der feste Kern besteht aus fünf Leuten, die immer am Start sind. Der Rest unterstützt flexibel, meist einmal wöchentlich. Mein Bruder Jameel alias BOZ hilft mir ganz viel, macht auch Musik. Ein angesehener Rapper. Und meine Schwester Nassy. Ohne sie läuft gar nichts. Sie hat dem Ganzen den Stempel aufgedrückt. Wir haben lange davon geredet, einen Verein zu gründen, aber dieses Unternehmen ist genau durchdacht. Wir sind sehr glücklich damit. Das hat uns noch mehr zusammengeschweißt. Meine Schwester ist der Kopf hinter der ganzen Sache. Wenn sie was will, dann erreicht sie das auch.

Erkennst du dich selbst in deinen Schülern?

Auf alle Fälle. Viele haben eine extrem schwere Autoritätsschwierigkeit, und die hatte ich auch. Respekt habe ich erst durch den Kampfsport gelernt. Außer meiner Mutter und meinem Vater waren meine ersten Autoritätspersonen meine Trainer.

 

„Ich bin ein Kiezmensch“

 

Du hast Einblick in schwierige familiäre Situationen. Gab es schon einen Punkt, an dem du überlegt hast, die Polizei einzuschalten, obwohl man auf dem Kiez Dinge lieber ohne regelt?

Nur bei Sachen wie einer Vergewaltigung würde ich die Polizei einschalten. Wenn ich sehe, dass einer sein Kind schlägt, dann gibt es richtig Probleme. Mit mir. Da würde ich persönlich hingehen. Ich glaube nicht, dass die Polizei bei bestimmten Sachen so viel regeln kann. Viele Kinder hier haben Omas, Opas, Familie. Womöglich wird das Kind aus seinem Umfeld gerissen, kommt ins Heim. Die können das auch nur im Rahmen des Gesetzes regeln, das von irgendwelchen Bürokraten gemacht ist. Die können Sätze auf Papier schreiben, haben aber keine Ahnung von der Realität. Ich bin ehrlich. Ich bin ein Kiezmensch. Wenn ich Sachen zu klären habe, klär ich sie. Immer zum Wohle des Kindes.

Du bist auf dem Kiez bekannt als Rapper Reeperbahn Kareem. Auf Insta läufst du unter kareeminell67. In deinen Texten geht’s zur Sache: Drogen, Knarren, Gewalt. Hat der Umgang mit den jungen Leuten Einfluss auf deine Musik?

Auf jeden Fall. Die nächste Musik, die von mir kommt, ist Musik, die man nicht von mir erwarten würde. Aber sie passt zu dem Bild, das ich lebe und vermittle. Ich will mit meiner Musik zeigen, wie die Realität ist. Jetzt bricht eine Phase an, in der ich durch dieses Projekt ein wenig Hoffnung vermitteln kann. Es wird auch melancholischere Töne geben, und meine nächste EP wird hauptsächlich mit diesem Thema hier zu tun haben.

instagram.com/silbersackhoodgym/


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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„Zu viel Toleranz kann gefährlich sein“

Die Hamburgerin des Monats Monty produziert urbane Kleidung mit integriertem Denkanstoß. Ein Gespräch über Worte, Werte und eigene Wege

Interview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Monty, auf jedem Produkt deines Labels mon-t steht ein „Pip“. Was ist ein Pip und warum heißt er so?

Monty: Ein Pip ist ein Begriff, der wie ein Impuls funktioniert. Ein Anstupsen, ein Denkanstoß. Was man damit macht, bleibt einem selbst überlassen. Ich fand, dass es sich lustig anhört. „Pip“ hat sich Rike Drust, Autorin von „Muttergefühle“, für mon-t ausgedacht.

Wie kam es dazu und wann ging’s los?

Ich hatte bis vor vier Jahren 15 Jahre den Laden Holy Moly in der Marktstraße. Neben meinen Designs gab’s da Anker- und Möwenkram für Laufkundschaft. Ich musste schließlich meine Miete bezahlen. Irgendwann sagte ich: „Ich mache jetzt, was ich will.“ Ich habe meine Shirts über Instagram angeboten und gemerkt, mit welcher Energie ich da meine Zielgruppe anspreche. Social Media ist wie ein Messer. Du kannst es jemandem in den Rücken stecken, du kannst damit aber auch Brot teilen. Jetzt findet man mich einmal in der Woche bei „Rebelzer“ im Laden. Echter, analoger Kundenkontakt fehlt mir doch.

 

„Hör auf zu lesen. Genieß dein Leben.“

 

Wie kamst du zur Mode?

Mit 25 habe ich mich an der Fachhochschule für Design und Medien in Hannover beworben. Die meinten, ich bräuchte Abitur. Ich sagte, das kann ich auch ohne. Die Antwort: „Okay, dann musst du deine überragende künstlerische Befähigung bestätigen.“ Mit meiner ersten Mappe habe ich von 15 Punkten einen Punkt bekommen. Richtig schlecht. Ich habe mich ein Jahr hingesetzt, die Mappe abgegeben, Prüfung gemacht – 13 Punkte. Ab 13 Punkten hat der Mensch wohl „überragende künstlerische Befähigung“. Ich hatte unter anderem aus Zeitungen Buchstaben rausgeschnitten: „Geben Sie mir 13 Punkte, und es wird niemandem etwas passieren.“ Das Studium hat mich schnell gelangweilt. Ich habe dann mit ein paar Leuten eine Agentur für Streetfashion-Design eröffnet: Fools Gold.

Wie lief die?

Gut. Ich habe unter anderem für das Skaterlabel „Vision Street Wear“ die Kollektion gemacht. Unsere Klamotten auf der ISPO. Das war geil. Irgendwann kam ein Jobangebot aus Hamburg von „Broadway“, auch Klamotten. Das Studium habe ich nie beendet. Nach zweieinhalb Jahren Festanstellung bei Broadway hatte ich überall Schmerzen. Meine Frauenärztin meinte: „Kündigen Sie.“ Dann habe ich mich vor 18 Jahren selbstständig gemacht. Erst mit dem mon-t-Label, dann mit dem Laden Holy Moly. Was ich heute nicht mehr machen würde. Zu wenig Freiheiten.

War tatsächlich als letzte Frage geplant: Was empfiehlst du jungen Leuten bei der Berufswahl?

Macht keinen Laden auf. Chillt (lacht). Mit 17 habe ich Sartre gelesen und meine Mutter damit genervt. Die meinte, frag deinen Onkel, der ist Experte. Der war Journalist und 1975 vor der Revolution nach Amerika geflohen. Ich habe ihm einen Brief geschrieben. Seine Antwort: Ein 100-Dollar-Scheck und der Tipp: Hör auf zu lesen. Genieß dein Leben. Ich war total beleidigt. Heute denke ich: „Watt’n geiler Typ.“

 

Flucht

 

Vor welcher Revolution ist dein Onkel geflüchtet?

Vor der Iranischen. Ich komme aus dem Iran, war sechs, als die Islamische Revolution losging. Ich bin mit 15 nach Deutschland gekommen. Erste Welle Flüchtlingskind. Heute bin ich 25 (lacht). Ich komme aus einem kommunistisch-sozialistischen Haushalt. Onkel und Tanten waren bei Zeitung und Fernsehen, mussten alle flüchten. Alles, was heute in Afghanistan passiert, haben wir damals schon erlebt. Als ich sechs war, hat meine Mutter ausgesehen wie eine „freie Frau“, was überwiegend als „westlich“ tituliert wird. Eine Woche später musste sie Kopftuch tragen. Vor Khomeini wollten alle den Schah stürzen. Dafür gingen auch meine Eltern auf die Straße. An sich eine schöne Revolution, weil das ganze Volk was ändern wollte. Nur war es in sich gespalten.

In welche Form gespalten?

Irgendwann haben meine kommunistisch-sozialistischen Eltern erkannt: „Okay, das wird hier ein fundamentalistisch islamischer Staat.“ Noch schlimmer als es war. Aber mein Vater hat gesagt: „Ich bleibe in diesem Land.“ Meine zehn Jahre ältere Schwester hat eine Kunst- und Ballettschule besucht. Die haben meine Eltern sofort nach Amerika geschickt. Meine Schwester und ich kommen aus einer Familie, aber aus zwei verschiedenen Ländern. Die kennt den Iran nur als „freies Land“. Immer witzig, wenn ich ihr erzähle, dass ich mit Kopftuch zur Schule gegangen bin. Das kann sie sich nicht richtig vorstellen. Im Dezember ’87 bin ich als 15-Jährige mit meiner anderen Schwester nach Deutschland geschickt worden. Leider aus nicht schönen Gründen.

Mit deinen Eltern?

Nein, alleine.

Als unbegleitete Minderjährige.

Genau. Wir haben dann in Deutschland Asylantrag gestellt, weil wir kein Visum für die USA bekommen haben. Zurück in den Iran ging sowieso nicht. Ich durfte mit meiner 19-jährigen Schwester zusammenziehen, musste nicht ins Heim. Nach drei Monaten Deutschkurs ging die Schule los. Ich wäre gerne länger Kind geblieben. Ich kam aus einer behüteten Familie, es war schwer, plötzlich alleine klarzukommen. Ich kannte keine Ausländerfeindlichkeit. Das war ein Kulturschock für mich.

 

„Intoleranz wird nicht toleriert“

 

Was war deine Motivation, Werte auf T-Shirts zu drucken?

Ohne die Streetfashion-Agentur hätte ich vielleicht Bilder mit den Pips gemalt. Ich habe gelernt, dass der Mensch eine wandelnde Säule ist. Du bewegst dich – der Pip bewegt sich mit. Die Leute kommen durch meine Teile ins Gespräch. Meine Tochter hatte in der zweiten Klasse „Loyalty“ an. Ihre Lehrerin hat das gesehen, dann mit der ganzen Klasse über Loyalität gesprochen. Ich hatte Tränen in den Augen. Ein Pip ist „Tolerance“.

Wann endet die bei dir?

Intoleranz wird nicht toleriert. Toleranz ist eines der interessantesten Motive, das ich sehr gut verkaufe. Ich frage mich oft, ob die wirklich wissen, was Toleranz bedeutet. Zu viel Toleranz kann gefährlich sein. Eine Frau meinte mal, man muss den Taliban eine Chance geben, wenn sie sagen, dass sie es anders machen möchten. Das ist, wie wenn ein Massenmörder sagt, er hat gerade 50 Kinder umgebracht und will jetzt aufhören.

Was machst du neben Klamotten?

Freelance-Designjobs, neuerdings Siebdruck-Workshops in Schulen mit dem Farbfabrique-Team aus dem Gängeviertel. Die haben mich mit an Bord genommen. Ich hatte nur die Idee, mit den Kids auch Themen zu bearbeiten. Das ist unfassbar gut. Wir haben mal über Solidarität gesprochen, da kamen wunderbare Sachen raus. Kinder sind die besten Lehrer. Ich wachse mit meiner Tochter, es macht mir Spaß, mit Kindern zu arbeiten. Ich drucke in der Gängeviertelwerkstatt auch meine Sachen. Ich habe angefragt, ob ich die Werkstatt stundenweise mieten kann. Die sagten, „verdiene doch erst mal Geld“. Das ist das Gängeviertel. Ein Geben und Nehmen. Mach du was für uns und wir machen was für dich. ALLES ALLEN halt.

 

Was gutes machen und das Patriotismus-Gen

 

Du hast eine Kollabo mit Linda Zervakis.

Linda hat ihr zweites Buch geschrieben, „Etsikietsi“. Da durfte ich begleitend mitwirken und T-Shirts entwerfen. Damit haben wir eine Obdachlosenzeitung und eine Einrichtung in Athen, „Shedia Home“, unterstützt. Linda ist ’ne tolle Frau. Die hilft, wo sie kann. Das finde ich schön an „Berühmtheiten“. Wenn sie ihre Reichweite einsetzen.

Du selbst organisiert auch Spendenaktionen.

Ich habe gesagt: „Wäre doch schön, wenn ein Teil des Geldes, das man ausgibt, Sinn macht.“ Ich habe Aktionen für die Flüchtlingshilfe gestartet, für Moria, für ein Kinderdorf. Da gingen von jedem verkauften Teil 25 Prozent weg. Das hat funktioniert. Werbung nur für mich zu machen, wäre mir peinlich. Aber wenn ich sage: „Kommt, kauft meine Sachen und lasst uns was Gutes machen“, dann ist das für mich leichter.

Viele Labels hier arbeiten mit Hamburgbezügen. Du nicht, bis auf die hanseatisch-knappen Pips.

Mir fehlt das Patriotismus-Gen. Ich finde „Moin“ auf Pullis lustig. Aber mir ist egal, ob etwas iranisch oder aus Hamburg ist. Allerdings: Auf St. Pauli habe ich mich zum ersten Mal, seit ich nach Deutschland gekommen bin, zu Hause gefühlt. Egal, wie hoch die Miete wird – ich werde alles tun, um hier nicht wegziehen zu müssen.

mon-t.com


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Hamburgerin des Monats: „Igel sollen Wildtiere bleiben“

1998 gründete Sigrun Goroncy das Igelkomitee Hamburg e.V. mit 23 Mitgliedern. Heute hat der Verein 370 Mitglieder und Tausenden von Igeln das Leben gerettet. Ein Gespräch mit der Hamburgerin des Monats über Mähroboter, Igelnamen und lange Schlafphasen

Inteview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Was haben Igel, was andere Tiere nicht haben?

Sigrun Goroncy: Das ist ein außergewöhnlich liebreizendes Tier. Das ist das Besondere.

Haben Igel so etwas wie eine Persönlichkeit?

Auf alle Fälle. Jeder Igel ist anders. So wie auch wir Menschen.

Haben Sie auch einen Lieblingsigel?

Eigentlich nicht. Einen Igel, der zutraulich ist, findet man vielleicht besser als einen, der abwehrend ist. Weil er dann so hochschnuppert, während sich der andere nicht anfassen lässt. So hat jeder seine eigene Art.

Wie wird man zur Mutter solch stacheliger Gesellen?

Ich fand vor 45 Jahren meinen ersten Igel im Volkspark. Im Oktober 1976. Da ging das los. Der war bedürftig mit 180 Gramm. Ein ausgewachsener Igelmann sollte 800 Gramm wiegen. Der wäre nicht durch den Winter gekommen, wenn mein Mann und ich ihn nicht aufgenommen hätten. 1998 haben wir dann das Igelkomitee gegründet.

 

Das Igelkomitee

 

Was genau leistet das Igelkomitee?

Wenn wir einen Igel aufnehmen, dann wird er entsprechend versorgt. Also, im Hospital gesund gepflegt oder vorbereitet, damit er in den Winterschlaf verfallen kann. Dazu regeln wir die Temperatur im Abstand von drei Tagen um zwei Grad herab, sodass der Igel langsam in den Winterschlaf verfällt. Das dauert circa drei Wochen. Dann wird er ins Winterhaus gebracht. Da verbringt er seinen Winterschlaf bis zu den Eisheiligen im Mai. Insgesamt kann der Igel bis zu sechs Monaten schlafen.

Komplett ohne Nahrungsaufnahme?

Während dieser Zeit nimmt er nichts zu sich. Davor wird er angefüttert. Da nimmt er dann pro Tag zehn Gramm zu. Je mehr er sich dem Winterschlaf nähert, desto weniger frisst er. Kurz vor dem Winterschlaf gibt’s dann nur noch einen Klacks. Igelfutter kann sein: Katzen­-Dosen­futter ohne Soße, Geflügel, feine Haferflocken oder Igel­-Trockenfutter. Das Ganze wird dann gemischt und darf weder zu trocken noch zu klebrig sein. Futterreste auf der Igelnase verursachen Haarausfall und Pilzbefall.

 

Wenn der Igel Hilfe braucht

 

Wenn man einen verletzten Igel findet, kann man auch zu Ihnen kommen?

Wir nehmen nur verletzte oder untergewichtige Igel auf. Unterge­wichtige Igel haben im Oktober unter 200 Gramm, im November unter 300 und im Dezember unter 400. Das ist die Voraussetzung.

Was sind typische Verletzungen?

Wir haben viele verletzte Igel durch Hundebisse oder Gartengeräte wie Rasentrimmer. Neuerdings durch Mähroboter. Das ist das Schlimmste im Moment. Ich hatte kürzlich einen Igel, dem hat es oben am Kopf die Haut weggezogen. Ein anderer hatte alle Stacheln verloren.

Wie wurde der Igel behandelt?

Der bekam dann eine besondere 46-­Tage­-Kur. Der wird medizinisch behandelt, damit die Stacheln wieder nachwachsen können. Mit viel Mühe geht das dann. Nach drei Wochen brechen die neuen Stacheln durch die Haut, dann dauert es noch mal drei Wochen, bis er wieder ausgewildert werden kann. Es ist eine bestimmte Prozedur. Igel können auch Pilze haben. Da dauert die Behandlung auch recht lange. Wenn die Igel gelähmt sind, bekommen sie einen Vitamin B­-Kom­plex und Vitamin B12. Dann können sie nach sieben Tagen wieder laufen.

Wie lange sind Igel im Durchschnitt bei Ihnen?

Ungefähr drei Wochen. Aber wenn er sehr krank ist, eben mit einem Pilz, dann können das auch mal sechs Monate sein.

Wann kommt der Tierarzt ins Spiel?

Wenn der Igel ein Abszess hat. Oder ein gebrochenes Bein. Dann wird eine Röntgenaufnahme gemacht.

 

Der Igel und der Klimawandel

 

Ist die Klimaveränderung eine Gefahr für Igel?

Ich habe schon 2006 Auswirkungen der Klimaveränderung festgestellt. Die Igel nehmen wegen der längeren Warm­phasen später für den Winterschlaf zu. Sie sind eine gefährdete Spezies. Deshalb kostet es auch bis zu 50.000 Euro, wenn man ein Igelnest zerstört. Laut Naturschutzgesetz.

Können Sie sagen, wie viele Igel Sie schon gepflegt haben?

Tausende. Ich arbeite neben der Pflege auch wissenschaftlich mit Igeln. Ich habe eine bunte Liste, in der alles eingetragen wird. Jede Krankheit hat eine Nummer. Es ist alles nummerisch aufgebaut, was man dann gut verwen­ den kann. Unter anderem ist eine Spalte dabei, wo in welchem Stadtteil die Igel gefunden worden sind. Hamburg hat 104 Stadtteile, jeder Stadtteil hat seine Nummer. Diese Eintragungen flossen dann auch in den „Atlas der Säugetiere Hamburgs“. Da habe ich Unterlagen aus zehn Jahren zur Verfügung gestellt, zwei Studenten haben das ausgewertet. Dann wusste man, wo wie viele Igel sind. Das ganze Alstergebiet ist ein Gebiet mit sehr vielen Igeln.

Betreiben Sie noch weitere Aktivitäten?

Wir machen sehr viel. Im Wildpark Schwarze Berge haben wir 2009 einen Igellehrpfad gebaut. Da haben wir Möglichkeiten aufgezeigt, wie man in einem Garten Unterschlupf für Igel errichten kann, sodass er ein natur­ nahes Zuhause findet. Wir betreiben auch viel Öffentlichkeitsarbeit, haben Infostände. Wir sind überall da, wo es grün ist. Im Botanischen Garten in Flottbek sind wir jedes Jahr, im Botanischen Garten in Wandsbek oder im Landesbund der Gartenfreunde.

Wie viel Stunden pro Woche kümmern Sie sich um Igel?

Jeden Tag 20 Stunden.

 

Der wilde Igel

 

Geben Sie Ihren Schutzbefohlenen auch Namen?

Jeder Igel bekommt einen Namen und eine Nummer. Wir hatten Igel aus Ellerbeck, da hieß die Igelfrau Elli und der Mann Ello. Ist er aus Stellingen, heißt er Stello. Keine Menschennamen. Der Igel soll ein Wildtier bleiben.

Viele Tierbesitzer vermenschlichen ja ihre Tiere.

Ja, da gibt es genügend. Mit Namen eben, oder dass sie die Igel die ganze Zeit streicheln. Das ist Quatsch bei einem Wildtier. Wir machen ja auch das „Das aktuelle Igel­-Journal“. Da gibt es viele Anekdoten über den Umgang mit Igeln.

Zum Beispiel?

Eine Tierärztin hat immer an den Türrahmen ihrer Praxis geklopft. Da fragt die Igelfinderin: „Warum klopfen Sie denn immer an den Türrahmen?“ „Damit der Igel aus seiner Igelrolle rauskommt und ich ihm eine Spritze geben kann.“ Die Igelfinderin darauf: „Das ist doch genau das Gegenteil: Wenn Sie klopfen, kriegt er Angst und bleibt in der Rolle.“ Herrlich.

Wie kann ich meinen Garten igelfreundlich gestalten?

Indem man das Laub liegen lässt. Der Igel findet seine Nahrung unter dem Laub. Oder indem man einen Reisighaufen mit einer Höhlung darunter aufsetzt. Oder man nimmt einen Tannenbaum von Weihnachten. Eine Tanne hat ja verschiedene Etagen, wird von unten nach oben konisch immer schmäler. Die zerschneidet man dann, legt sie aufeinander mit etwas Laub dazwischen. So muss man den Tannenbaum nicht schreddern und hat ein Zuhause für viele Tiere. Unten für Igel, oben für den Zaunkönig oder für andere Vögel. Auch Käfer finden hier Unterschlupf. Für viele muss im Garten immer alles klar und aufgeräumt sein. Das ist unser Verderb. Deshalb werden die Igel irgendwann ausgestorben sein.

igelkomitee-hamburg.de


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Crazy Horst: Der faire Mann vom Kiez

Seit 1974 betreibt Horst Schleich, 76, die Bar Crazy Horst auf St. Pauli. Er war mit Domenica befreundet, ist eng mit Ulrich Tukur, hatte Gäste von Drafi Deutscher bis Brad Pitt. Ein Gespräch über Sanktpaulianismus und das Leben im Hier und Jetzt

Inteview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Horst, du wolltest als Kind evangelischer Pfarrer werden. Heute bist du die Kiezlegende Crazy Horst. Was war da los?

Horst Schleich: Ich habe seit meinem 13. Lebensjahr die Ferien bei meiner Tante in Hamburg verbracht. Das erste Mal Hamburg war wie ein Urknall. Nicht so wie im Dorf, wo man die Jalousien hochgemacht hat, damit der Nachbar nicht denkt, man würde am Sonntag bis halb neun schlafen. Das hat mich dann mehr interessiert als die Theologie. 1966, mit 22, nach der Bundeswehr, bin ich endgültig hergezogen. Meine Tante hat mich mit offenen Armen aufgenommen.

Wie kamst du in die Gastronomie?

Ich war zuerst Staubsauger-, dann Getränkeautomatenvertreter. Irgendwann bin ich zu Karstadt, wo mich Hoover als Waschmaschinenverkäufer abgeworben hat. Da habe ich im ersten Monat 8.000 Mark verdient. Bei 100 Mark Miete. Anfang der 70er wurde mir die Hafenarbeiterkneipe. „Kiek Ut“ („Guck raus“ auf Plattdeutsch; Anm. d. Red.) angeboten. Da gab es jeden Morgen Aufrufe im Radio: „Wir brauchen 3.000 Hafenarbeiter.“ Die haben die Nacht bei mir gepennt in der Kneipe, sind zum Hafen, haben gearbeitet, sind zurückgekommen und haben ihren Zettel gezahlt. Wunderschöne Zeit mit herzlichen Menschen. 1974 war ich schon in der Otzenstraße als Crazy Horst. Da hat mich aber der Name der Straße gestört. Dann habe ich in die Hein-Hoyer-Straße gewechselt. Und da bin ich bis heute.

 

Den Kiez geprägt

 

Du hast ja auch das legendäre Molotow eröffnet.

Beim Vorbesitzer war es eine Schlagerdisco. Das lief nicht. Dann wurde es mir angeboten. Ich habe von Bookern ein Konzept entwickeln lassen. Das hat vom ersten Moment an geballert. Wir haben Punk gespielt. Ich wusste, wie man Punk schreibt, aber nicht, was es ist. Ich musste lernen, was Pogo ist. Ich habe meine Security gerufen, wenn die ins Publikum gesprungen sind: „Guckt mal, die hauen sich.“ Da haben die gesagt: „Nee, Alter, das macht man so.“ Das war 1989. Wir haben auch die ersten SM-Partys in Deutschland veranstaltet. Da kamen sie aus ganz Europa. Und ich mittendrin in Lederklamotten für 1.000 Mark, völlig fehl am Platz. SM ist Liebe. Wussten alle da. Nur ich nicht.

Du bist, wenn man so will, der Letzte deiner Art.

Der Letzte und der Längste. Zuerst waren hier Jugendliche, die wir um 22 Uhr rausgeschmissen haben. Dann kamen die Zuhälter. Da war das ganze Haus voll mit den Jungs. Stefan Hentschel wohnte hier. Das war der mit dem ausgestochenen Auge. Der hat vor laufender Kamera mal einen niedergeboxt. „Hast’n Problem?“ War ein Hit auf Youtube. Peinlich. Eigentlich war das ein ganz liebenswerter Mensch. Domenica hat auch hier gewohnt. Mit der war ich sieben Jahre ganz gut befreundet. Also, befreundet. Und sonst nichts. Wir haben ganz viel zusammen gemacht. Ich habe sie begleitet, als sie ihr Lokal am Fischmarkt eröffnete. Aber sie war halt keine Geschäftsfrau. Aber ein Riesenherz. Größer als der Busen.

Hast du heute noch Kontakt zu Kiezgrößen?

Ja, zum schönen Klaus zum Beispiel. Mit dem haben wir neulich was gedreht zu Kiezprominenz. Klar, ich kenne die ja alle. Aber die sind halt alle alt und haben kein Geld mehr. Ich kenne einen einzigen von den Früheren, der noch Geld hat. Und der ist an die 90. Der macht nicht mehr viel.

 

Der Schlichter

 

Du galtst und giltst ja als der faire Mann vom Kiez.

Ja, ich habe immer bei Streitereien geschlichtet. Und als in den 80ern die Pinzner-Mordserie auf dem Kiez war, haben sich die Insider immer hier in der Bar getroffen, um ungestört zu reden. Ich wusste da einiges drüber. Und hier vorne war ein Pfandhaus. Wenn einer diskret Schmuck versetzen wollte, habe ich das für ihn gemacht. Der Ruf hängt mir heute noch an.

In welchem Jahrzehnt waren die Partys am besten?

Die waren immer anders. Ich war mal mit Domenica bei der Schauspielerin Inge Meysel. Und die hat gesagt: „Gestern ist vorbei. Heute lebe ich. Und morgen macht der liebe Gott.“ Da hat sie recht gehabt. Ich hänge nicht dem Vergangenen hinterher. Ich kümmere mich ein wenig um die Zukunft, aber ich lebe jetzt. Und dann geh ich aus der Tür und mir schmeißt einer einen Blumentopf auf den Kopf. Das ist mir wirklich mal passiert. Hat aber zum Glück nicht getroffen.

Was bedeutet St. Pauli für dich?

Ich denke sanktpaulianisch. Die Gesetze von damals habe ich heute noch drin. Wenn du eine Frau hast, dann schlaf ich nicht mit der. Man verpetzt keinen. Man ruft die Polizei erst dann, wenn es ums Leben geht. Ich sage immer: „Ich komme aus der Nähe von Kassel. Das ist meine Heimat. Auf St. Pauli bin ich zu Hause.“

 

Der Kiez heute

 

Die Veränderungen auf St. Pauli sind ein großes Thema. Was sagst du dazu?

Ich war 15 Jahre im Sanierungsbeirat. Wir waren zuständig, die Gentrifizierung zu verhindern, aber das haben wir nicht geschafft. Als ich Mitte der 70er hergezogen bin, hat meine Viereinhalbzimmer-Wohnung 307 Mark gekostet. Und als ich ausgezogen bin, nach 30 Jahren, 1.190 Euro. Die Wohnung über mir hat zu Beginn meiner Zeit hier 40.000 D-Mark gekostet. Die Nachfolgerin hat jetzt 225.000 Euro dafür bezahlt. Für 46 Quadratmeter.

Was war für dich die größte Bausünde auf St. Pauli?

Die größte Sünde waren die Essohäuser. Da mussten 2013 alle raus wegen Einsturzgefahr, mitten in der Vorweihnachtszeit. Bewohner, Bars und Clubs, unter anderem auch das Molotow.

Der Besitzer, die Bayerische Hausbau, hatte da ja alles Mögliche versprochen.

Ja, Beteiligungsprozesse von Bürgern und so weiter. Da gibt es ja auch die Planbude, aber da wurde nichts erreicht. Da ist bis heute nichts passiert. Das Molotow dürfte zurück. Für 30.000 Euro Miete im Monat. Das geht ja gar nicht.

Man kann sagen, dass dir nach 40 Jahren St. Pauli nichts Menschliches fremd ist. Bleibt bei so viel Realismus noch Platz für Spiritualität?

Ja, da bin ich ganz schlimm drin. Als 1983 meine Oma gestorben ist, hatte ich ein Jahr oder länger mit der Trauer zu tun. Wenn ein Bild von der Wand fiel, dachte ich, das wäre sie. Und als ich auf Mallorca war, hat mich ein Hypnotiseur verfolgt bis hierher, weil ich so empfänglich bin. Der wollte mich als Medium mit auf Tournee nehmen. Ich habe in Trance Zitronen gegessen und dachte, es wäre eine Apfelsine. So überm Stuhl gehangen als schwebende Jungfrau. Mit mir geht so was wunderbar.

 

Die Folgen der Pandemie

 

Du hattest seit den 70ern fast durchgehend Barbetrieb. Dann kam der Lockdown. Hast du dich isoliert gefühlt?

Nein. Ich bin allein, aber nicht einsam. Ich hab ganz engen Kontakt zu meinem Bruder. Der lebt in Köln und war da im Entwicklungshilfeministerium Direktor. Schwägerin auch. Die haben auch noch eine Tochter, die ist auch schon wieder 40. Und die Schwester meiner Mutter, die ist so alt wie ich. Oder zwei Jahre älter. Die lebt noch. Und da telefonieren wir auch die ganze Woche hin und her.

Was sagst du zu den Corona-Maßnahmen in der Gegend mit ihren Regelungen, die sich von Straße zu Straße ändern?

Das ist gequirlte Scheiße. Keiner blickt da durch. Ich kenne ja auch die Leute. Ich kenne den Andy Grote. Und den Platzbecker, den Abgeordneten für unseren Bezirk. Ich krieg da keine richtige Auskunft. Herr Tschentscher ist ja jetzt ein büschen merkelhaft. Immer schön abwarten. Und gleichzeitig gnadenlos.

Du hast vermutlich einen unerschöpflichen Fundus an Anekdoten. Gibst du eine zum Besten?

In den 80ern wurde zur Umsatzsteuer die Getränkesteuer als Steuer obendrauf in Hamburg eingeführt. Da gab es eine Demo dagegen. Ich bin kein Typ für Demos. Ich bin da nicht hingegangen. Aber ich habe gesagt: „Nach der Demo machen wir geschlossene Gesellschaft bei Crazy Horst.“ Domenica war auch eingeladen und kam in einem Nerzmantel. Mit nichts drunter. Den hat sie dann aufgemacht, und das war ein Auftritt, den keiner erwartet hatte. Sensationell.


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Hamburgerin des Monats: Julia Hermann von ArztMobil

Seit 2017 ist ArztMobil Hamburg auf den Straßen der Hansestadt unterwegs. 30 ehrenamtlich Tätige kümmern sich jedes Wochenende um bedürftige Patienten. Julia Hermann ist Mitgründerin und Geschäftsführerin

Inteview & Fotos: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Julia, ArztMobil Hamburg hat drei Fahrzeuge, und die haben Namen: „Ellen“, „Lola“ und „Rudi“. Was war da los?

Julia Hermann: Unser erster Bus „Ellen“ war ein Maskenmobil einer Filmfirma. Die hatten so viel Fahrzeuge, dass jedes für die Versicherung einen eigenen Namen hatte. Wir haben den Namen einfach mal übernommen.

Als uns 2018 das Hamburger Spendenparlament die Hälfte für einen neuen Bus zugesagt hat, haben wir den bei einer Firma namens JOLA-Rent gefunden. So kam „Lola“. 2019 hat uns die Mackprang-Stiftung einen Caddy gesponsert. Da haben die Männer im Team gesagt: Jetzt brauchen wir aber mal einen Männernamen! Das war kurz vor Weihnachten, also nannten wir ihn „Rudi“. The Rednose.

Wer ist der Oberbus?

„Lola“ haben wir perfekt nach unseren Vorstellungen ausgebaut. Wir haben zwei Batterien an Bord, mit denen wir autark stehen können. Auf dem Dach sind Solarpanels. Damit laden wir zusätzlich die Batterien auf. Es gibt eine Klimaanlage. Wir können am Heck eine Rollstuhlrampe ausfahren. Wir können eine Wunde nähen oder einen Abszess aufmachen. Wir sind voll ausgestattet. „Lola“ ist eine rollende Arztpraxis.

Warum kommen Patienten zu euch und nicht zum Arzt?

Viele leben auf der Straße. Auch Altersarmut spielt eine große Rolle. Die Patienten können sich die Zuzahlung der Medikamente nicht leisten. Wir haben auch versicherte Patienten, die so eine hohe Schamgrenze haben, dass sie nicht zum Arzt gehen möchten.

Warum diese Scham?

Weil sie schlimme Wunden an den Beinen haben, die riechen. Wir haben viele Drogenabhängige, die nicht in der Lage sind, sich selbst um ihre Wunden zu kümmern. Zu uns kann jeder kommen, der Hilfe braucht.

Wir schicken ihn auch zu anderen Organisationen, um Blutbilder oder ein Herz-Ultraschall zu bekommen. Das können wir nicht leisten. Praxis ohne Grenzen machen das dann für uns.

Mit wem arbeitet ihr noch zusammen?

Mit Hamburger Hilfskonvoi und Hanseatic Help. Die Elmshorner Suppenhühner unterstützen uns mit warmen Essen für unsere Patienten. Wir arbeiten mit den Drogenhilfeeinrichtungen ragazza e. V. und Freiraum e. V. ABRIGADO. Die schicken uns Patienten für unser Substitutionsprogramm. Wir bieten seit zwei Jahren Substitutionsprogramme für Nichtversicherte an.

Wie laufen die Programme ab?

Zuerst haben die Patienten Termine bei unserem Substitutionsarzt Dr. Stahlberg, bis sie stabil sind. Dann können sie bei uns ihr Substitutionsrezept abholen. Damit gehen sie zu einer unserer Partnerapotheken. Wir bezahlen das. Sie geben weiterhin bei Dr. Stahlberg Urinproben ab, um Beikonsum auszuschließen. Gibt es einen Aussetzer, kommt eine Verwarnung.

Es wurden auch schon Patienten ausgeschlossen. Unser Programm ist eine Ausnahme. Als Nichtversicherter kommt man kaum in so ein Projekt rein. Wir sind, soweit ich weiß, die Einzigen in Deutschland.

 

Schatten und viel Licht

 

Kommt es vor, dass das ihr weiterführende medizinische Hilfe empfehlt und sich der Patient weigert?

Das haben wir immer wieder, dass wir einen Rettungswagen rufen. Die meisten Patienten machen mit. Wenn sie sich dann doch umentscheiden, sprechen die Rettungssanitäter mit ihnen. Aber man kann keinen gegen seinen Willen behandeln.

Habt ihr schon Gewalterfahrungen gemacht? Sanitäter werden ja auch mal angegriffen.

Helferin oder Helfer versuchen dann, zu deeskalieren. Das klappt meistens. Im Bus gab es noch nie eine gefährliche Situation. Auf der Schlange in der Straße gibt es schon mal Krawall unter den Patienten. Wir mussten aber erst einmal die Polizei anrufen, weil es kurz vor der Schlägerei war. Mit Schaulustigen hatten wir noch nie Ärger.

Was war dein schlimmstes Erlebnis?

Jeder von uns im Team hatte schon mal ein schlimmes Erlebnis. Für mich war es ein Mädchen, das gerade 18 geworden und drogenabhängig war. Sie sagte Doktor Stahlberg, dass sie seit 14 Drogen konsumiere. Grund war, dass ihr der Bezug zu ihren Eltern fehlte. Jedes Mal, wenn sie sich einen Schuss setzte, fühlte sich das an, als wenn ihre Mama sie in den Arm nimmt. Das hören wir oft, dass Patienten Drogen wie einen Menschen beschreiben, der eine warme Decke um sie legt.

Meine Jungs sind in dem Alter, 14 und 15. Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen, dass man so ein Verhältnis hat. Das hat mich sehr bedrückt. Und natürlich, wenn wir Patienten verlieren, die uns nahestehen.

Entstehen auch Freundschaften?

Ja, das ist eine freundschaftliche Bindung. Es ist ja nicht nur die medizinische Versorgung, sondern auch das offene Ohr, das Trösten, das Beraten, das Begleiten. Dass Probleme besprochen werden. Das ist ein großer Teil unserer Arbeit.

Keiner von uns ist Psychotherapeut, wir können nur mit Bauchgefühl rangehen. Wir versuchen, das Gefühl zu geben, dass wir da sind für die Patienten. An ihrem Vertrauen liegt uns sehr viel.

Was war das schönste Erlebnis?

Jeder im Team hat andere schöne Erlebnisse. Ein Patient bringt öfter Blumen mit. Da freuen wir uns natürlich. Und einfach dieses Danke, mit dem sie hier rausgehen. Ich habe letztes Wochenende auf der Reeperbahn gearbeitet. Wenn man in so einer Hood Patienten trifft, die sich freuen, einen wiederzusehen, dann ist das schön.

Schaffst du es, nach einem harten Tag abzuschalten?

Nein. Wenn ich auf dem Heimweg alleine für mich bin, denke ich viel nach. Über Patienten-Themen, die schwer zu lösen sind oder eindrucksvoll waren aufgrund der Verletzung. Wir sprechen viel im Team, wenn wir den Einsatz nachbereiten. Zur Vorbereitung gehört die Nachbereitung. Das Auffüllen von Medikamenten, Verbandsmaterial, Unterwäsche, Socken. Und das Putzen. Das ist ein schöner Moment. Dann schreibt einer den Post für Facebook, der in Gemeinschaftsarbeit entsteht. Das ist noch mal eine Aufarbeitung des Tages.

Du bist gelernte Erzieherin. Wie bist du zu ArztMobil gekommen?

Mein Vater, mein Großvater und mein Onkel sind und waren Ärzte. Ich habe bei meinem Vater als Jugendliche in der Praxis mitgearbeitet. Mit vier Kindern und einem Mann ist man sowieso schon eine halbe Krankenschwester (lacht).

Irgendwann haben wir festgestellt, dass an Wochenenden eine Versorgungslücke für Menschen auf der Straße besteht. Das wollten und wollen wir ändern. Ich habe gesagt, ich mach die Geschäftsführung. Ich wusste natürlich nicht, was auf mich zukommt. Das wussten wir alles damals nicht. Das ist ja nicht nur meine Arbeit, sondern die vom ganzen Team. Und ja, wir sind weit gekommen.

 

Was kommt und wie kann man helfen?

 

Habt ihr so etwas wie das nächstes große Ziel?

Unser ständiges großes Ziel ist, dass nie ein Dienst ausfällt. Seit wir 2017 gestartet sind, haben jedes Wochenende Sprechstunden stattgefunden. Das ist manchmal auch ein großer Kraftakt. Wir können nur an Feiertagen und am Wochenende arbeiten, weil wir alle berufstätig sind und das alles ehrenamtlich ist.

Viele Einrichtungen mussten während Corona schließen.

Wir konnten weiter Sprechstunden anbieten, weil hinter uns kein großer Träger steht. Wir sind rein spendenfinanziert. Das macht uns unabhängig.

Euer Motto lautet „Wer die Not sieht, muss handeln!“. Man sieht auf dem Kiez überall Menschen, die weggetreten sind, offensichtlich Hilfe brauchen, diese aber auch oft ablehnen. Wie verhält man sich am besten?

Ich glaube, es ist diesen Menschen wichtig, dass sie gesehen werden. Sie leben mitten unter uns und sind eine Randgruppe. Mit Geld können und müssen sie ihre Sucht finanzieren. Wenn jemand kein Geld hat und in die Entzügigkeit kommt, ist das lebensbedrohlich.

Aber jetzt, wenn’s heiß wird, freuen sie sich auch über eine Flasche Wasser, Obst oder Brötchen. Man muss einfach nur fragen. Sie sagen es einem schon, wenn sie nicht angesprochen werden möchten.

arztmobilhamburg.org


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Juni 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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