„Zu viel Toleranz kann gefährlich sein“

Die Hamburgerin des Monats Monty produziert urbane Kleidung mit integriertem Denkanstoß. Ein Gespräch über Worte, Werte und eigene Wege

Interview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Monty, auf jedem Produkt deines Labels mon-t steht ein „Pip“. Was ist ein Pip und warum heißt er so?

Monty: Ein Pip ist ein Begriff, der wie ein Impuls funktioniert. Ein Anstupsen, ein Denkanstoß. Was man damit macht, bleibt einem selbst überlassen. Ich fand, dass es sich lustig anhört. „Pip“ hat sich Rike Drust, Autorin von „Muttergefühle“, für mon-t ausgedacht.

Wie kam es dazu und wann ging’s los?

Ich hatte bis vor vier Jahren 15 Jahre den Laden Holy Moly in der Marktstraße. Neben meinen Designs gab’s da Anker- und Möwenkram für Laufkundschaft. Ich musste schließlich meine Miete bezahlen. Irgendwann sagte ich: „Ich mache jetzt, was ich will.“ Ich habe meine Shirts über Instagram angeboten und gemerkt, mit welcher Energie ich da meine Zielgruppe anspreche. Social Media ist wie ein Messer. Du kannst es jemandem in den Rücken stecken, du kannst damit aber auch Brot teilen. Jetzt findet man mich einmal in der Woche bei „Rebelzer“ im Laden. Echter, analoger Kundenkontakt fehlt mir doch.

 

„Hör auf zu lesen. Genieß dein Leben.“

 

Wie kamst du zur Mode?

Mit 25 habe ich mich an der Fachhochschule für Design und Medien in Hannover beworben. Die meinten, ich bräuchte Abitur. Ich sagte, das kann ich auch ohne. Die Antwort: „Okay, dann musst du deine überragende künstlerische Befähigung bestätigen.“ Mit meiner ersten Mappe habe ich von 15 Punkten einen Punkt bekommen. Richtig schlecht. Ich habe mich ein Jahr hingesetzt, die Mappe abgegeben, Prüfung gemacht – 13 Punkte. Ab 13 Punkten hat der Mensch wohl „überragende künstlerische Befähigung“. Ich hatte unter anderem aus Zeitungen Buchstaben rausgeschnitten: „Geben Sie mir 13 Punkte, und es wird niemandem etwas passieren.“ Das Studium hat mich schnell gelangweilt. Ich habe dann mit ein paar Leuten eine Agentur für Streetfashion-Design eröffnet: Fools Gold.

Wie lief die?

Gut. Ich habe unter anderem für das Skaterlabel „Vision Street Wear“ die Kollektion gemacht. Unsere Klamotten auf der ISPO. Das war geil. Irgendwann kam ein Jobangebot aus Hamburg von „Broadway“, auch Klamotten. Das Studium habe ich nie beendet. Nach zweieinhalb Jahren Festanstellung bei Broadway hatte ich überall Schmerzen. Meine Frauenärztin meinte: „Kündigen Sie.“ Dann habe ich mich vor 18 Jahren selbstständig gemacht. Erst mit dem mon-t-Label, dann mit dem Laden Holy Moly. Was ich heute nicht mehr machen würde. Zu wenig Freiheiten.

War tatsächlich als letzte Frage geplant: Was empfiehlst du jungen Leuten bei der Berufswahl?

Macht keinen Laden auf. Chillt (lacht). Mit 17 habe ich Sartre gelesen und meine Mutter damit genervt. Die meinte, frag deinen Onkel, der ist Experte. Der war Journalist und 1975 vor der Revolution nach Amerika geflohen. Ich habe ihm einen Brief geschrieben. Seine Antwort: Ein 100-Dollar-Scheck und der Tipp: Hör auf zu lesen. Genieß dein Leben. Ich war total beleidigt. Heute denke ich: „Watt’n geiler Typ.“

 

Flucht

 

Vor welcher Revolution ist dein Onkel geflüchtet?

Vor der Iranischen. Ich komme aus dem Iran, war sechs, als die Islamische Revolution losging. Ich bin mit 15 nach Deutschland gekommen. Erste Welle Flüchtlingskind. Heute bin ich 25 (lacht). Ich komme aus einem kommunistisch-sozialistischen Haushalt. Onkel und Tanten waren bei Zeitung und Fernsehen, mussten alle flüchten. Alles, was heute in Afghanistan passiert, haben wir damals schon erlebt. Als ich sechs war, hat meine Mutter ausgesehen wie eine „freie Frau“, was überwiegend als „westlich“ tituliert wird. Eine Woche später musste sie Kopftuch tragen. Vor Khomeini wollten alle den Schah stürzen. Dafür gingen auch meine Eltern auf die Straße. An sich eine schöne Revolution, weil das ganze Volk was ändern wollte. Nur war es in sich gespalten.

In welche Form gespalten?

Irgendwann haben meine kommunistisch-sozialistischen Eltern erkannt: „Okay, das wird hier ein fundamentalistisch islamischer Staat.“ Noch schlimmer als es war. Aber mein Vater hat gesagt: „Ich bleibe in diesem Land.“ Meine zehn Jahre ältere Schwester hat eine Kunst- und Ballettschule besucht. Die haben meine Eltern sofort nach Amerika geschickt. Meine Schwester und ich kommen aus einer Familie, aber aus zwei verschiedenen Ländern. Die kennt den Iran nur als „freies Land“. Immer witzig, wenn ich ihr erzähle, dass ich mit Kopftuch zur Schule gegangen bin. Das kann sie sich nicht richtig vorstellen. Im Dezember ’87 bin ich als 15-Jährige mit meiner anderen Schwester nach Deutschland geschickt worden. Leider aus nicht schönen Gründen.

Mit deinen Eltern?

Nein, alleine.

Als unbegleitete Minderjährige.

Genau. Wir haben dann in Deutschland Asylantrag gestellt, weil wir kein Visum für die USA bekommen haben. Zurück in den Iran ging sowieso nicht. Ich durfte mit meiner 19-jährigen Schwester zusammenziehen, musste nicht ins Heim. Nach drei Monaten Deutschkurs ging die Schule los. Ich wäre gerne länger Kind geblieben. Ich kam aus einer behüteten Familie, es war schwer, plötzlich alleine klarzukommen. Ich kannte keine Ausländerfeindlichkeit. Das war ein Kulturschock für mich.

 

„Intoleranz wird nicht toleriert“

 

Was war deine Motivation, Werte auf T-Shirts zu drucken?

Ohne die Streetfashion-Agentur hätte ich vielleicht Bilder mit den Pips gemalt. Ich habe gelernt, dass der Mensch eine wandelnde Säule ist. Du bewegst dich – der Pip bewegt sich mit. Die Leute kommen durch meine Teile ins Gespräch. Meine Tochter hatte in der zweiten Klasse „Loyalty“ an. Ihre Lehrerin hat das gesehen, dann mit der ganzen Klasse über Loyalität gesprochen. Ich hatte Tränen in den Augen. Ein Pip ist „Tolerance“.

Wann endet die bei dir?

Intoleranz wird nicht toleriert. Toleranz ist eines der interessantesten Motive, das ich sehr gut verkaufe. Ich frage mich oft, ob die wirklich wissen, was Toleranz bedeutet. Zu viel Toleranz kann gefährlich sein. Eine Frau meinte mal, man muss den Taliban eine Chance geben, wenn sie sagen, dass sie es anders machen möchten. Das ist, wie wenn ein Massenmörder sagt, er hat gerade 50 Kinder umgebracht und will jetzt aufhören.

Was machst du neben Klamotten?

Freelance-Designjobs, neuerdings Siebdruck-Workshops in Schulen mit dem Farbfabrique-Team aus dem Gängeviertel. Die haben mich mit an Bord genommen. Ich hatte nur die Idee, mit den Kids auch Themen zu bearbeiten. Das ist unfassbar gut. Wir haben mal über Solidarität gesprochen, da kamen wunderbare Sachen raus. Kinder sind die besten Lehrer. Ich wachse mit meiner Tochter, es macht mir Spaß, mit Kindern zu arbeiten. Ich drucke in der Gängeviertelwerkstatt auch meine Sachen. Ich habe angefragt, ob ich die Werkstatt stundenweise mieten kann. Die sagten, „verdiene doch erst mal Geld“. Das ist das Gängeviertel. Ein Geben und Nehmen. Mach du was für uns und wir machen was für dich. ALLES ALLEN halt.

 

Was gutes machen und das Patriotismus-Gen

 

Du hast eine Kollabo mit Linda Zervakis.

Linda hat ihr zweites Buch geschrieben, „Etsikietsi“. Da durfte ich begleitend mitwirken und T-Shirts entwerfen. Damit haben wir eine Obdachlosenzeitung und eine Einrichtung in Athen, „Shedia Home“, unterstützt. Linda ist ’ne tolle Frau. Die hilft, wo sie kann. Das finde ich schön an „Berühmtheiten“. Wenn sie ihre Reichweite einsetzen.

Du selbst organisiert auch Spendenaktionen.

Ich habe gesagt: „Wäre doch schön, wenn ein Teil des Geldes, das man ausgibt, Sinn macht.“ Ich habe Aktionen für die Flüchtlingshilfe gestartet, für Moria, für ein Kinderdorf. Da gingen von jedem verkauften Teil 25 Prozent weg. Das hat funktioniert. Werbung nur für mich zu machen, wäre mir peinlich. Aber wenn ich sage: „Kommt, kauft meine Sachen und lasst uns was Gutes machen“, dann ist das für mich leichter.

Viele Labels hier arbeiten mit Hamburgbezügen. Du nicht, bis auf die hanseatisch-knappen Pips.

Mir fehlt das Patriotismus-Gen. Ich finde „Moin“ auf Pullis lustig. Aber mir ist egal, ob etwas iranisch oder aus Hamburg ist. Allerdings: Auf St. Pauli habe ich mich zum ersten Mal, seit ich nach Deutschland gekommen bin, zu Hause gefühlt. Egal, wie hoch die Miete wird – ich werde alles tun, um hier nicht wegziehen zu müssen.

mon-t.com


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Hamburgerin des Monats: „Igel sollen Wildtiere bleiben“

1998 gründete Sigrun Goroncy das Igelkomitee Hamburg e.V. mit 23 Mitgliedern. Heute hat der Verein 370 Mitglieder und Tausenden von Igeln das Leben gerettet. Ein Gespräch mit der Hamburgerin des Monats über Mähroboter, Igelnamen und lange Schlafphasen

Inteview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Was haben Igel, was andere Tiere nicht haben?

Sigrun Goroncy: Das ist ein außergewöhnlich liebreizendes Tier. Das ist das Besondere.

Haben Igel so etwas wie eine Persönlichkeit?

Auf alle Fälle. Jeder Igel ist anders. So wie auch wir Menschen.

Haben Sie auch einen Lieblingsigel?

Eigentlich nicht. Einen Igel, der zutraulich ist, findet man vielleicht besser als einen, der abwehrend ist. Weil er dann so hochschnuppert, während sich der andere nicht anfassen lässt. So hat jeder seine eigene Art.

Wie wird man zur Mutter solch stacheliger Gesellen?

Ich fand vor 45 Jahren meinen ersten Igel im Volkspark. Im Oktober 1976. Da ging das los. Der war bedürftig mit 180 Gramm. Ein ausgewachsener Igelmann sollte 800 Gramm wiegen. Der wäre nicht durch den Winter gekommen, wenn mein Mann und ich ihn nicht aufgenommen hätten. 1998 haben wir dann das Igelkomitee gegründet.

 

Das Igelkomitee

 

Was genau leistet das Igelkomitee?

Wenn wir einen Igel aufnehmen, dann wird er entsprechend versorgt. Also, im Hospital gesund gepflegt oder vorbereitet, damit er in den Winterschlaf verfallen kann. Dazu regeln wir die Temperatur im Abstand von drei Tagen um zwei Grad herab, sodass der Igel langsam in den Winterschlaf verfällt. Das dauert circa drei Wochen. Dann wird er ins Winterhaus gebracht. Da verbringt er seinen Winterschlaf bis zu den Eisheiligen im Mai. Insgesamt kann der Igel bis zu sechs Monaten schlafen.

Komplett ohne Nahrungsaufnahme?

Während dieser Zeit nimmt er nichts zu sich. Davor wird er angefüttert. Da nimmt er dann pro Tag zehn Gramm zu. Je mehr er sich dem Winterschlaf nähert, desto weniger frisst er. Kurz vor dem Winterschlaf gibt’s dann nur noch einen Klacks. Igelfutter kann sein: Katzen­-Dosen­futter ohne Soße, Geflügel, feine Haferflocken oder Igel­-Trockenfutter. Das Ganze wird dann gemischt und darf weder zu trocken noch zu klebrig sein. Futterreste auf der Igelnase verursachen Haarausfall und Pilzbefall.

 

Wenn der Igel Hilfe braucht

 

Wenn man einen verletzten Igel findet, kann man auch zu Ihnen kommen?

Wir nehmen nur verletzte oder untergewichtige Igel auf. Unterge­wichtige Igel haben im Oktober unter 200 Gramm, im November unter 300 und im Dezember unter 400. Das ist die Voraussetzung.

Was sind typische Verletzungen?

Wir haben viele verletzte Igel durch Hundebisse oder Gartengeräte wie Rasentrimmer. Neuerdings durch Mähroboter. Das ist das Schlimmste im Moment. Ich hatte kürzlich einen Igel, dem hat es oben am Kopf die Haut weggezogen. Ein anderer hatte alle Stacheln verloren.

Wie wurde der Igel behandelt?

Der bekam dann eine besondere 46-­Tage­-Kur. Der wird medizinisch behandelt, damit die Stacheln wieder nachwachsen können. Mit viel Mühe geht das dann. Nach drei Wochen brechen die neuen Stacheln durch die Haut, dann dauert es noch mal drei Wochen, bis er wieder ausgewildert werden kann. Es ist eine bestimmte Prozedur. Igel können auch Pilze haben. Da dauert die Behandlung auch recht lange. Wenn die Igel gelähmt sind, bekommen sie einen Vitamin B­-Kom­plex und Vitamin B12. Dann können sie nach sieben Tagen wieder laufen.

Wie lange sind Igel im Durchschnitt bei Ihnen?

Ungefähr drei Wochen. Aber wenn er sehr krank ist, eben mit einem Pilz, dann können das auch mal sechs Monate sein.

Wann kommt der Tierarzt ins Spiel?

Wenn der Igel ein Abszess hat. Oder ein gebrochenes Bein. Dann wird eine Röntgenaufnahme gemacht.

 

Der Igel und der Klimawandel

 

Ist die Klimaveränderung eine Gefahr für Igel?

Ich habe schon 2006 Auswirkungen der Klimaveränderung festgestellt. Die Igel nehmen wegen der längeren Warm­phasen später für den Winterschlaf zu. Sie sind eine gefährdete Spezies. Deshalb kostet es auch bis zu 50.000 Euro, wenn man ein Igelnest zerstört. Laut Naturschutzgesetz.

Können Sie sagen, wie viele Igel Sie schon gepflegt haben?

Tausende. Ich arbeite neben der Pflege auch wissenschaftlich mit Igeln. Ich habe eine bunte Liste, in der alles eingetragen wird. Jede Krankheit hat eine Nummer. Es ist alles nummerisch aufgebaut, was man dann gut verwen­ den kann. Unter anderem ist eine Spalte dabei, wo in welchem Stadtteil die Igel gefunden worden sind. Hamburg hat 104 Stadtteile, jeder Stadtteil hat seine Nummer. Diese Eintragungen flossen dann auch in den „Atlas der Säugetiere Hamburgs“. Da habe ich Unterlagen aus zehn Jahren zur Verfügung gestellt, zwei Studenten haben das ausgewertet. Dann wusste man, wo wie viele Igel sind. Das ganze Alstergebiet ist ein Gebiet mit sehr vielen Igeln.

Betreiben Sie noch weitere Aktivitäten?

Wir machen sehr viel. Im Wildpark Schwarze Berge haben wir 2009 einen Igellehrpfad gebaut. Da haben wir Möglichkeiten aufgezeigt, wie man in einem Garten Unterschlupf für Igel errichten kann, sodass er ein natur­ nahes Zuhause findet. Wir betreiben auch viel Öffentlichkeitsarbeit, haben Infostände. Wir sind überall da, wo es grün ist. Im Botanischen Garten in Flottbek sind wir jedes Jahr, im Botanischen Garten in Wandsbek oder im Landesbund der Gartenfreunde.

Wie viel Stunden pro Woche kümmern Sie sich um Igel?

Jeden Tag 20 Stunden.

 

Der wilde Igel

 

Geben Sie Ihren Schutzbefohlenen auch Namen?

Jeder Igel bekommt einen Namen und eine Nummer. Wir hatten Igel aus Ellerbeck, da hieß die Igelfrau Elli und der Mann Ello. Ist er aus Stellingen, heißt er Stello. Keine Menschennamen. Der Igel soll ein Wildtier bleiben.

Viele Tierbesitzer vermenschlichen ja ihre Tiere.

Ja, da gibt es genügend. Mit Namen eben, oder dass sie die Igel die ganze Zeit streicheln. Das ist Quatsch bei einem Wildtier. Wir machen ja auch das „Das aktuelle Igel­-Journal“. Da gibt es viele Anekdoten über den Umgang mit Igeln.

Zum Beispiel?

Eine Tierärztin hat immer an den Türrahmen ihrer Praxis geklopft. Da fragt die Igelfinderin: „Warum klopfen Sie denn immer an den Türrahmen?“ „Damit der Igel aus seiner Igelrolle rauskommt und ich ihm eine Spritze geben kann.“ Die Igelfinderin darauf: „Das ist doch genau das Gegenteil: Wenn Sie klopfen, kriegt er Angst und bleibt in der Rolle.“ Herrlich.

Wie kann ich meinen Garten igelfreundlich gestalten?

Indem man das Laub liegen lässt. Der Igel findet seine Nahrung unter dem Laub. Oder indem man einen Reisighaufen mit einer Höhlung darunter aufsetzt. Oder man nimmt einen Tannenbaum von Weihnachten. Eine Tanne hat ja verschiedene Etagen, wird von unten nach oben konisch immer schmäler. Die zerschneidet man dann, legt sie aufeinander mit etwas Laub dazwischen. So muss man den Tannenbaum nicht schreddern und hat ein Zuhause für viele Tiere. Unten für Igel, oben für den Zaunkönig oder für andere Vögel. Auch Käfer finden hier Unterschlupf. Für viele muss im Garten immer alles klar und aufgeräumt sein. Das ist unser Verderb. Deshalb werden die Igel irgendwann ausgestorben sein.

igelkomitee-hamburg.de


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Crazy Horst: Der faire Mann vom Kiez

Seit 1974 betreibt Horst Schleich, 76, die Bar Crazy Horst auf St. Pauli. Er war mit Domenica befreundet, ist eng mit Ulrich Tukur, hatte Gäste von Drafi Deutscher bis Brad Pitt. Ein Gespräch über Sanktpaulianismus und das Leben im Hier und Jetzt

Inteview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Horst, du wolltest als Kind evangelischer Pfarrer werden. Heute bist du die Kiezlegende Crazy Horst. Was war da los?

Horst Schleich: Ich habe seit meinem 13. Lebensjahr die Ferien bei meiner Tante in Hamburg verbracht. Das erste Mal Hamburg war wie ein Urknall. Nicht so wie im Dorf, wo man die Jalousien hochgemacht hat, damit der Nachbar nicht denkt, man würde am Sonntag bis halb neun schlafen. Das hat mich dann mehr interessiert als die Theologie. 1966, mit 22, nach der Bundeswehr, bin ich endgültig hergezogen. Meine Tante hat mich mit offenen Armen aufgenommen.

Wie kamst du in die Gastronomie?

Ich war zuerst Staubsauger-, dann Getränkeautomatenvertreter. Irgendwann bin ich zu Karstadt, wo mich Hoover als Waschmaschinenverkäufer abgeworben hat. Da habe ich im ersten Monat 8.000 Mark verdient. Bei 100 Mark Miete. Anfang der 70er wurde mir die Hafenarbeiterkneipe. „Kiek Ut“ („Guck raus“ auf Plattdeutsch; Anm. d. Red.) angeboten. Da gab es jeden Morgen Aufrufe im Radio: „Wir brauchen 3.000 Hafenarbeiter.“ Die haben die Nacht bei mir gepennt in der Kneipe, sind zum Hafen, haben gearbeitet, sind zurückgekommen und haben ihren Zettel gezahlt. Wunderschöne Zeit mit herzlichen Menschen. 1974 war ich schon in der Otzenstraße als Crazy Horst. Da hat mich aber der Name der Straße gestört. Dann habe ich in die Hein-Hoyer-Straße gewechselt. Und da bin ich bis heute.

 

Den Kiez geprägt

 

Du hast ja auch das legendäre Molotow eröffnet.

Beim Vorbesitzer war es eine Schlagerdisco. Das lief nicht. Dann wurde es mir angeboten. Ich habe von Bookern ein Konzept entwickeln lassen. Das hat vom ersten Moment an geballert. Wir haben Punk gespielt. Ich wusste, wie man Punk schreibt, aber nicht, was es ist. Ich musste lernen, was Pogo ist. Ich habe meine Security gerufen, wenn die ins Publikum gesprungen sind: „Guckt mal, die hauen sich.“ Da haben die gesagt: „Nee, Alter, das macht man so.“ Das war 1989. Wir haben auch die ersten SM-Partys in Deutschland veranstaltet. Da kamen sie aus ganz Europa. Und ich mittendrin in Lederklamotten für 1.000 Mark, völlig fehl am Platz. SM ist Liebe. Wussten alle da. Nur ich nicht.

Du bist, wenn man so will, der Letzte deiner Art.

Der Letzte und der Längste. Zuerst waren hier Jugendliche, die wir um 22 Uhr rausgeschmissen haben. Dann kamen die Zuhälter. Da war das ganze Haus voll mit den Jungs. Stefan Hentschel wohnte hier. Das war der mit dem ausgestochenen Auge. Der hat vor laufender Kamera mal einen niedergeboxt. „Hast’n Problem?“ War ein Hit auf Youtube. Peinlich. Eigentlich war das ein ganz liebenswerter Mensch. Domenica hat auch hier gewohnt. Mit der war ich sieben Jahre ganz gut befreundet. Also, befreundet. Und sonst nichts. Wir haben ganz viel zusammen gemacht. Ich habe sie begleitet, als sie ihr Lokal am Fischmarkt eröffnete. Aber sie war halt keine Geschäftsfrau. Aber ein Riesenherz. Größer als der Busen.

Hast du heute noch Kontakt zu Kiezgrößen?

Ja, zum schönen Klaus zum Beispiel. Mit dem haben wir neulich was gedreht zu Kiezprominenz. Klar, ich kenne die ja alle. Aber die sind halt alle alt und haben kein Geld mehr. Ich kenne einen einzigen von den Früheren, der noch Geld hat. Und der ist an die 90. Der macht nicht mehr viel.

 

Der Schlichter

 

Du galtst und giltst ja als der faire Mann vom Kiez.

Ja, ich habe immer bei Streitereien geschlichtet. Und als in den 80ern die Pinzner-Mordserie auf dem Kiez war, haben sich die Insider immer hier in der Bar getroffen, um ungestört zu reden. Ich wusste da einiges drüber. Und hier vorne war ein Pfandhaus. Wenn einer diskret Schmuck versetzen wollte, habe ich das für ihn gemacht. Der Ruf hängt mir heute noch an.

In welchem Jahrzehnt waren die Partys am besten?

Die waren immer anders. Ich war mal mit Domenica bei der Schauspielerin Inge Meysel. Und die hat gesagt: „Gestern ist vorbei. Heute lebe ich. Und morgen macht der liebe Gott.“ Da hat sie recht gehabt. Ich hänge nicht dem Vergangenen hinterher. Ich kümmere mich ein wenig um die Zukunft, aber ich lebe jetzt. Und dann geh ich aus der Tür und mir schmeißt einer einen Blumentopf auf den Kopf. Das ist mir wirklich mal passiert. Hat aber zum Glück nicht getroffen.

Was bedeutet St. Pauli für dich?

Ich denke sanktpaulianisch. Die Gesetze von damals habe ich heute noch drin. Wenn du eine Frau hast, dann schlaf ich nicht mit der. Man verpetzt keinen. Man ruft die Polizei erst dann, wenn es ums Leben geht. Ich sage immer: „Ich komme aus der Nähe von Kassel. Das ist meine Heimat. Auf St. Pauli bin ich zu Hause.“

 

Der Kiez heute

 

Die Veränderungen auf St. Pauli sind ein großes Thema. Was sagst du dazu?

Ich war 15 Jahre im Sanierungsbeirat. Wir waren zuständig, die Gentrifizierung zu verhindern, aber das haben wir nicht geschafft. Als ich Mitte der 70er hergezogen bin, hat meine Viereinhalbzimmer-Wohnung 307 Mark gekostet. Und als ich ausgezogen bin, nach 30 Jahren, 1.190 Euro. Die Wohnung über mir hat zu Beginn meiner Zeit hier 40.000 D-Mark gekostet. Die Nachfolgerin hat jetzt 225.000 Euro dafür bezahlt. Für 46 Quadratmeter.

Was war für dich die größte Bausünde auf St. Pauli?

Die größte Sünde waren die Essohäuser. Da mussten 2013 alle raus wegen Einsturzgefahr, mitten in der Vorweihnachtszeit. Bewohner, Bars und Clubs, unter anderem auch das Molotow.

Der Besitzer, die Bayerische Hausbau, hatte da ja alles Mögliche versprochen.

Ja, Beteiligungsprozesse von Bürgern und so weiter. Da gibt es ja auch die Planbude, aber da wurde nichts erreicht. Da ist bis heute nichts passiert. Das Molotow dürfte zurück. Für 30.000 Euro Miete im Monat. Das geht ja gar nicht.

Man kann sagen, dass dir nach 40 Jahren St. Pauli nichts Menschliches fremd ist. Bleibt bei so viel Realismus noch Platz für Spiritualität?

Ja, da bin ich ganz schlimm drin. Als 1983 meine Oma gestorben ist, hatte ich ein Jahr oder länger mit der Trauer zu tun. Wenn ein Bild von der Wand fiel, dachte ich, das wäre sie. Und als ich auf Mallorca war, hat mich ein Hypnotiseur verfolgt bis hierher, weil ich so empfänglich bin. Der wollte mich als Medium mit auf Tournee nehmen. Ich habe in Trance Zitronen gegessen und dachte, es wäre eine Apfelsine. So überm Stuhl gehangen als schwebende Jungfrau. Mit mir geht so was wunderbar.

 

Die Folgen der Pandemie

 

Du hattest seit den 70ern fast durchgehend Barbetrieb. Dann kam der Lockdown. Hast du dich isoliert gefühlt?

Nein. Ich bin allein, aber nicht einsam. Ich hab ganz engen Kontakt zu meinem Bruder. Der lebt in Köln und war da im Entwicklungshilfeministerium Direktor. Schwägerin auch. Die haben auch noch eine Tochter, die ist auch schon wieder 40. Und die Schwester meiner Mutter, die ist so alt wie ich. Oder zwei Jahre älter. Die lebt noch. Und da telefonieren wir auch die ganze Woche hin und her.

Was sagst du zu den Corona-Maßnahmen in der Gegend mit ihren Regelungen, die sich von Straße zu Straße ändern?

Das ist gequirlte Scheiße. Keiner blickt da durch. Ich kenne ja auch die Leute. Ich kenne den Andy Grote. Und den Platzbecker, den Abgeordneten für unseren Bezirk. Ich krieg da keine richtige Auskunft. Herr Tschentscher ist ja jetzt ein büschen merkelhaft. Immer schön abwarten. Und gleichzeitig gnadenlos.

Du hast vermutlich einen unerschöpflichen Fundus an Anekdoten. Gibst du eine zum Besten?

In den 80ern wurde zur Umsatzsteuer die Getränkesteuer als Steuer obendrauf in Hamburg eingeführt. Da gab es eine Demo dagegen. Ich bin kein Typ für Demos. Ich bin da nicht hingegangen. Aber ich habe gesagt: „Nach der Demo machen wir geschlossene Gesellschaft bei Crazy Horst.“ Domenica war auch eingeladen und kam in einem Nerzmantel. Mit nichts drunter. Den hat sie dann aufgemacht, und das war ein Auftritt, den keiner erwartet hatte. Sensationell.


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Hamburgerin des Monats: Julia Hermann von ArztMobil

Seit 2017 ist ArztMobil Hamburg auf den Straßen der Hansestadt unterwegs. 30 ehrenamtlich Tätige kümmern sich jedes Wochenende um bedürftige Patienten. Julia Hermann ist Mitgründerin und Geschäftsführerin

Inteview & Fotos: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Julia, ArztMobil Hamburg hat drei Fahrzeuge, und die haben Namen: „Ellen“, „Lola“ und „Rudi“. Was war da los?

Julia Hermann: Unser erster Bus „Ellen“ war ein Maskenmobil einer Filmfirma. Die hatten so viel Fahrzeuge, dass jedes für die Versicherung einen eigenen Namen hatte. Wir haben den Namen einfach mal übernommen.

Als uns 2018 das Hamburger Spendenparlament die Hälfte für einen neuen Bus zugesagt hat, haben wir den bei einer Firma namens JOLA-Rent gefunden. So kam „Lola“. 2019 hat uns die Mackprang-Stiftung einen Caddy gesponsert. Da haben die Männer im Team gesagt: Jetzt brauchen wir aber mal einen Männernamen! Das war kurz vor Weihnachten, also nannten wir ihn „Rudi“. The Rednose.

Wer ist der Oberbus?

„Lola“ haben wir perfekt nach unseren Vorstellungen ausgebaut. Wir haben zwei Batterien an Bord, mit denen wir autark stehen können. Auf dem Dach sind Solarpanels. Damit laden wir zusätzlich die Batterien auf. Es gibt eine Klimaanlage. Wir können am Heck eine Rollstuhlrampe ausfahren. Wir können eine Wunde nähen oder einen Abszess aufmachen. Wir sind voll ausgestattet. „Lola“ ist eine rollende Arztpraxis.

Warum kommen Patienten zu euch und nicht zum Arzt?

Viele leben auf der Straße. Auch Altersarmut spielt eine große Rolle. Die Patienten können sich die Zuzahlung der Medikamente nicht leisten. Wir haben auch versicherte Patienten, die so eine hohe Schamgrenze haben, dass sie nicht zum Arzt gehen möchten.

Warum diese Scham?

Weil sie schlimme Wunden an den Beinen haben, die riechen. Wir haben viele Drogenabhängige, die nicht in der Lage sind, sich selbst um ihre Wunden zu kümmern. Zu uns kann jeder kommen, der Hilfe braucht.

Wir schicken ihn auch zu anderen Organisationen, um Blutbilder oder ein Herz-Ultraschall zu bekommen. Das können wir nicht leisten. Praxis ohne Grenzen machen das dann für uns.

Mit wem arbeitet ihr noch zusammen?

Mit Hamburger Hilfskonvoi und Hanseatic Help. Die Elmshorner Suppenhühner unterstützen uns mit warmen Essen für unsere Patienten. Wir arbeiten mit den Drogenhilfeeinrichtungen ragazza e. V. und Freiraum e. V. ABRIGADO. Die schicken uns Patienten für unser Substitutionsprogramm. Wir bieten seit zwei Jahren Substitutionsprogramme für Nichtversicherte an.

Wie laufen die Programme ab?

Zuerst haben die Patienten Termine bei unserem Substitutionsarzt Dr. Stahlberg, bis sie stabil sind. Dann können sie bei uns ihr Substitutionsrezept abholen. Damit gehen sie zu einer unserer Partnerapotheken. Wir bezahlen das. Sie geben weiterhin bei Dr. Stahlberg Urinproben ab, um Beikonsum auszuschließen. Gibt es einen Aussetzer, kommt eine Verwarnung.

Es wurden auch schon Patienten ausgeschlossen. Unser Programm ist eine Ausnahme. Als Nichtversicherter kommt man kaum in so ein Projekt rein. Wir sind, soweit ich weiß, die Einzigen in Deutschland.

 

Schatten und viel Licht

 

Kommt es vor, dass das ihr weiterführende medizinische Hilfe empfehlt und sich der Patient weigert?

Das haben wir immer wieder, dass wir einen Rettungswagen rufen. Die meisten Patienten machen mit. Wenn sie sich dann doch umentscheiden, sprechen die Rettungssanitäter mit ihnen. Aber man kann keinen gegen seinen Willen behandeln.

Habt ihr schon Gewalterfahrungen gemacht? Sanitäter werden ja auch mal angegriffen.

Helferin oder Helfer versuchen dann, zu deeskalieren. Das klappt meistens. Im Bus gab es noch nie eine gefährliche Situation. Auf der Schlange in der Straße gibt es schon mal Krawall unter den Patienten. Wir mussten aber erst einmal die Polizei anrufen, weil es kurz vor der Schlägerei war. Mit Schaulustigen hatten wir noch nie Ärger.

Was war dein schlimmstes Erlebnis?

Jeder von uns im Team hatte schon mal ein schlimmes Erlebnis. Für mich war es ein Mädchen, das gerade 18 geworden und drogenabhängig war. Sie sagte Doktor Stahlberg, dass sie seit 14 Drogen konsumiere. Grund war, dass ihr der Bezug zu ihren Eltern fehlte. Jedes Mal, wenn sie sich einen Schuss setzte, fühlte sich das an, als wenn ihre Mama sie in den Arm nimmt. Das hören wir oft, dass Patienten Drogen wie einen Menschen beschreiben, der eine warme Decke um sie legt.

Meine Jungs sind in dem Alter, 14 und 15. Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen, dass man so ein Verhältnis hat. Das hat mich sehr bedrückt. Und natürlich, wenn wir Patienten verlieren, die uns nahestehen.

Entstehen auch Freundschaften?

Ja, das ist eine freundschaftliche Bindung. Es ist ja nicht nur die medizinische Versorgung, sondern auch das offene Ohr, das Trösten, das Beraten, das Begleiten. Dass Probleme besprochen werden. Das ist ein großer Teil unserer Arbeit.

Keiner von uns ist Psychotherapeut, wir können nur mit Bauchgefühl rangehen. Wir versuchen, das Gefühl zu geben, dass wir da sind für die Patienten. An ihrem Vertrauen liegt uns sehr viel.

Was war das schönste Erlebnis?

Jeder im Team hat andere schöne Erlebnisse. Ein Patient bringt öfter Blumen mit. Da freuen wir uns natürlich. Und einfach dieses Danke, mit dem sie hier rausgehen. Ich habe letztes Wochenende auf der Reeperbahn gearbeitet. Wenn man in so einer Hood Patienten trifft, die sich freuen, einen wiederzusehen, dann ist das schön.

Schaffst du es, nach einem harten Tag abzuschalten?

Nein. Wenn ich auf dem Heimweg alleine für mich bin, denke ich viel nach. Über Patienten-Themen, die schwer zu lösen sind oder eindrucksvoll waren aufgrund der Verletzung. Wir sprechen viel im Team, wenn wir den Einsatz nachbereiten. Zur Vorbereitung gehört die Nachbereitung. Das Auffüllen von Medikamenten, Verbandsmaterial, Unterwäsche, Socken. Und das Putzen. Das ist ein schöner Moment. Dann schreibt einer den Post für Facebook, der in Gemeinschaftsarbeit entsteht. Das ist noch mal eine Aufarbeitung des Tages.

Du bist gelernte Erzieherin. Wie bist du zu ArztMobil gekommen?

Mein Vater, mein Großvater und mein Onkel sind und waren Ärzte. Ich habe bei meinem Vater als Jugendliche in der Praxis mitgearbeitet. Mit vier Kindern und einem Mann ist man sowieso schon eine halbe Krankenschwester (lacht).

Irgendwann haben wir festgestellt, dass an Wochenenden eine Versorgungslücke für Menschen auf der Straße besteht. Das wollten und wollen wir ändern. Ich habe gesagt, ich mach die Geschäftsführung. Ich wusste natürlich nicht, was auf mich zukommt. Das wussten wir alles damals nicht. Das ist ja nicht nur meine Arbeit, sondern die vom ganzen Team. Und ja, wir sind weit gekommen.

 

Was kommt und wie kann man helfen?

 

Habt ihr so etwas wie das nächstes große Ziel?

Unser ständiges großes Ziel ist, dass nie ein Dienst ausfällt. Seit wir 2017 gestartet sind, haben jedes Wochenende Sprechstunden stattgefunden. Das ist manchmal auch ein großer Kraftakt. Wir können nur an Feiertagen und am Wochenende arbeiten, weil wir alle berufstätig sind und das alles ehrenamtlich ist.

Viele Einrichtungen mussten während Corona schließen.

Wir konnten weiter Sprechstunden anbieten, weil hinter uns kein großer Träger steht. Wir sind rein spendenfinanziert. Das macht uns unabhängig.

Euer Motto lautet „Wer die Not sieht, muss handeln!“. Man sieht auf dem Kiez überall Menschen, die weggetreten sind, offensichtlich Hilfe brauchen, diese aber auch oft ablehnen. Wie verhält man sich am besten?

Ich glaube, es ist diesen Menschen wichtig, dass sie gesehen werden. Sie leben mitten unter uns und sind eine Randgruppe. Mit Geld können und müssen sie ihre Sucht finanzieren. Wenn jemand kein Geld hat und in die Entzügigkeit kommt, ist das lebensbedrohlich.

Aber jetzt, wenn’s heiß wird, freuen sie sich auch über eine Flasche Wasser, Obst oder Brötchen. Man muss einfach nur fragen. Sie sagen es einem schon, wenn sie nicht angesprochen werden möchten.

arztmobilhamburg.org


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Hamburgerin des Monats: Suzanne Darouiche von Vagabunt.Hamburg

Bei Vagabunt.Hamburg machen Jugendliche mit selbst entworfener Mode Bambule. Das Projekt an der Schnittstelle zwischen sozialer Einrichtung und Fashionbranche bietet ihnen kreativen Freiraum und eine erste berufliche Orientierung. Mit dabei: Modedesignerin Suzanne Darouiche, die den Entstehungsprozess der Kollektionen fachlich begleitet

Interview & Foto: Anna Meinke

 

SZENE HAMBURG: Suzanne, wann und warum hast du beschlossen, Modedesign zu deinem Beruf zu machen?

Suzanne: Ich komme aus einer Mode- und Schneiderinnenfamilie, bin quasi zwischen Stoffresten aufgewachsen. Schon früh war mir klar, dass ich das Gleiche machen möchte wie meine Mama und meine Oma. Natürlich gab es zwischendurch auch mal kleine Ausbrüche – da wollte ich kurz Glasbläserin werden, dann Schuhdesignerin – aber immer ging es in die künstlerische Richtung. Letztendlich wurde ich an der Modeschule in München angenommen. So kam es dann, dass ich in die Fußstapfen meiner Familie getreten bin.

Du hättest auch in der konventionellen Modebranche arbeiten können – Stichwort Fast Fashion. Weshalb bist du zu Vagabunt gegangen?

Mir gefällt an der Arbeit in der Modebranche besonders die Kreativität, die Idee des Ausdrucks durch Kleidung. Ich mag die Dinge, die man in der Modeschule lernt: schöne Moodboards erstellen, tief in Themen eintauchen, avantgardistisch arbeiten. In der Realität findet man das alles selten. Den großen, konventionellen Unternehmen fehlt die Seele. Der Gedanke an Mensch und Natur kommt zu kurz oder ist gar nicht präsent.

Auch die Kreativität bleibt auf der Strecke, wenn lediglich jede Saison die Farbe und irgendein Kragen verändert werden. Das ist nicht mein Anspruch an eine kreative Designtätigkeit. Bei Vagabunt hingegen finde ich all das.

vagabunt.hamburg

Vagabunt ist ein „Social Fashion Label“. Was bedeutet das konkret?

Der Begriff steht erst einmal für die Kombination aus Pädagogik und Mode. Für uns steht dabei der soziale Gedanke im Vordergrund: Vagabunt soll ein Safe Space für die Jugendlichen sein, hier sind alle willkommen. Egal, ob jemand Lust hat, kreative Muster und Schnitte zu entwickeln, ob jemand nähen kann oder nicht, irgendetwas gibt es immer zu tun.

Ein Jugendlicher ist zum Beispiel unser Textilgestalter, weil er gerne Stoffe bemalt. Ein anderer ist Hausmeister. Wichtig ist auch, dass die Jugendlichen eine kleine Entlohnung für ihre Tätigkeiten erhalten. Im Team arbeiten neben einer Pädagogin auch eine Meisterschneiderin, studentische Aushilfen, eine Schnittdirektrice und ich als Modedesignerin. Dieser Mix tut uns gut und schafft eine entspannte Grundstimmung, die nicht immer über-pädagogisch ist. Hier müssen die Jugendlichen sich nicht verstellen. Sie können sie selbst sein, dürfen ihre Yum Yum-Suppe essen, quatschen und einfach eine gute Zeit haben.

Was sind das für junge Menschen, die die Kollektionen entwickeln?

Alle Jugendlichen werden durch unseren Träger Basis & Woge e. V. betreut, sind Teil eines seiner vielen Projekte. Es gibt zum Beispiel Projekte für Straßenkinder, für männliche Prostituierte, für Mädchen mit Gewalterfahrungen. Alle Jugendlichen können zu uns kommen, sofern sie zwischen 14 und 25 Jahre alt sind. Sie bringen ihre eigene, teils schwierige Geschichte mit und haben einfach Lust, etwas Cooles zu machen.

Wie schlagen sich die Erfahrungen der Jugendlichen in ihren Designs nieder?

Die Jugendlichen sprechen hier über ihre individuellen Erfahrungen, tauschen sich aus und finden manchmal Überschneidungspunkte. Bei der letzten Kollektion, „Melancholie“, war die Gemeinsamkeit die Erfahrung des Mobbings in der Schule. Auf dieser Grundlage entstand eine recht dunkle, von Grau- und Schwarztönen dominierte Kollektion, die die Themen der Jugendlichen widerspiegelt.

Auch die Kollektion „your dream is my life bitch“ drückte das aus, was in der Lebenswelt der Jugendlichen von Bedeutung ist, was sie beschäftigt und was für andere Menschen bloß ein böser Traum wäre. Das sind in dem Fall Erlebnisse, die rund um den Hamburger Hauptbahnhof passierten. Das alles schlägt sich schließlich in den Materialien, den Farben und Schnitten der Kollektionen nieder. Und in zuletzt genannter Kollektion auch unmittelbar im Titel, der ein Zitat einer Teilnehmerin ist (lacht). Die Jugendlichen präsentieren sich und ihre Welt ganz ungefiltert.

 

„Mode war und ist immer auch ein politisches Statement“

 

Welches Feedback geben die Jugendlichen dir, was die Bedeutung dieser Arbeit für sie betrifft?

Das ist sehr unterschiedlich. Für die einen ist Vagabunt ein Ort, um mit Freunden abzuhängen und sich ein bisschen Geld dazuzuverdienen. Für die anderen wiederum ist es eine Möglichkeit zum Abschalten. Und gerade aktuell genießen viele Jugendliche die Abwechslung zum eintönigen Homeschooling.

Im Vordergrund steht für alle einfach der Spaß und das lockere Miteinander, das wir hier pflegen. Auch die persönlichen Bindungen zu uns Mitarbeitenden und unter den Jugendlichen selbst sind essenziell wichtig für sie.

Und was bedeutet dir diese Arbeit?

Für mich bedeutet die Arbeit bei Vagabunt vor allem Freiheit: Durch die Grundfinanzierung der Sozialbehörde arbeiten wir in einer Art Utopie, in der es keinen finanziellen Druck gibt. Wir müssen die Kollektionen nicht möglichst gewinnbringend verkaufen, sind nicht von Umsätzen abhängig. Kreativität hat oberste Priorität. Das ist wunderbar und macht großen Spaß.

Manchmal wünschte ich, die Jugendlichen würden diese Freiheit noch mehr ausnutzen, einfach mal ausrasten und etwas total Abgefahrenes entwerfen. Aber sie wollen ihre Mode gerne auf der Straße sehen. Das kann ich natürlich auch verstehen.

Mal ganz generell: Inwiefern glaubst du, kann Mode zu gesellschaftlicher Veränderung beitragen, inwiefern kann sie eine politische Botschaft transportieren?

Gesellschaftlicher Umschwung hat sich immer auch in der Mode geäußert. Man denke nur an die Frauen in den 1960ern, die sich Miniröcke anzogen, oder an die ersten Frauen in Hosen. Mode war und ist immer auch ein politisches Statement, das ganz ohne Worte auskommt.

Ich habe das Gefühl, dass wir uns stets politisch positionieren müssen. Einfach, weil das Leben an sich – und auch das Leben der Jugendlichen, mit all ihren Hintergründen und Erfahrungen – ein politisches ist. Mithilfe von Mode gelingt diese Positionierung ganz einfach, irgendwie subtil. Mode ist eine ästhetische Form des Protests, die es zulässt, unbequeme Dinge auf schöne Art und Weise zu äußern. Auf einer unserer Jacken steht: „Bist du homophob? Schön – lass es sein und sei nicht mehr so gemein!“. Zack, politisches Statement.

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 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Mai 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburgerin des Monats: Mariya Kostadinova von Sperrgebiet

Bei Sperrgebiet, einer Beratungsstelle des Dia­konischen Werks in Hamburg, kämpft Mariya Kostadinova für die Rechte von Sexarbeiterinnen und ihre gesellschaftliche Anerkennung

Interview: Anna Meinke

 

SZENE HAMBURG: Mariya, wann und warum hast du dich für die Arbeit bei Sperrgebiet entschieden?

Mariya Kostadinova: Ich bin seit Dezember 2016 bei Sperrgebiet St. Georg. Ich bin ausgebildete Sozialarbeiterin und habe mein Diplom aus Bulgarien hier in Deutschland anerkennen lassen. Nachdem ich in einem Hilfsprojekt für zugewanderte Frauen aus Bulgarien und Rumänien, die hier in Hamburg als Sexarbeiterinnen arbeiten, tätig war, bin ich zu Sperrgebiet gekommen.

Mein Wunsch war und ist es, Menschen in Not bei der Hilfesuche zu unterstützen. Außerdem fand ich die Arbeit bei Sperrgebiet so spannend, weil das Thema Sexarbeit in meinem Heimatland Bulgarien tabu ist. Dort ist Sexarbeit offiziell verboten – natürlich passiert es auf illegalem Weg trotzdem. Das Verbot führt dazu, dass das Milieu total unkontrolliert bleibt.

Die Menschen, die dort der Sexarbeit nachgehen, sind nicht geschützt, weil sie außerhalb des Gesetzesrahmens tätig sind. Oft sind sie Opfer von Gewalt, manchmal sogar von Menschenhandel. Ich finde es toll, dass es hier in Deutschland Beratungs- und Hilfssysteme wie das von Sperrgebiet gibt.

Welche Angebote bietet Sperrgebiet den Sexarbeiterinnen?

Unsere Angebote wirken auf einem niedrigschwelligen Niveau. Das heißt, dass hier in der Beratungsstelle St. Georg zuallererst die Grundbedürfnisse der Frauen abgedeckt werden: Sie bekommen warmes Essen und Hygieneartikel, sie können duschen, sich aufwärmen oder ihre Wäsche waschen. Außerdem können sie mit all ihren Fragen zu uns kommen.

Auch bei gesundheitlichen Problemen sind wir für die Frauen da. Zweimal die Woche kommt eine tolle Ärztin, die die Frauen untersucht, ihre Fragen beantwortet oder sie an Fachärzte vermittelt. Wenn es dann zum Arzt, zur Bank oder zum Arbeitsamt geht, begleiten wir die Frauen. Die aufsuchende Arbeit auf der Straße ist normalerweise auch ein zentraler Teil von Sperrgebiet.

Und wie reagieren die Frauen auf eure Angebote – vor allem, wenn ihr sie auf der Straße ansprecht?

Oft reagieren die Frauen sehr ungläubig. Sie denken dann, dass wir ihnen etwas verkaufen wollen und können es nicht fassen, dass unsere Hilfe kostenlos ist. Das liegt vor allem daran, dass sie solche Hilfeleistungen nicht kennen – speziell, wenn sie aus dem Ausland kommen. In vielen Ländern gibt es gar keine Hilfssysteme für Sexarbeiterinnen.

Welche Erwartungen hattest du von der Beratung und Unterstützung von Sexarbeiterinnen?

Die größte Erwartung an meine eigene Arbeit war, den Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen. Zumindest die Grundversorgung möchte ich sicherstellen, etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf bieten. Frauen schätzen sich selbst sehr gering, weil sie der Sexarbeit nachgehen. Ich möchte ihnen jedoch erklären, dass sie sich nicht schämen oder als zweitklassig fühlen müssen. Denn Sexarbeit ist ein richtiger Beruf ! Und wir als Fachberatungsstelle wünschen uns, dass Sexarbeit als richtiger, anerkannter Job wahrgenommen und behandelt wird.

War und ist die Arbeit auch in etwa so, wie du sie dir vorgestellt hast?

Ja, teilweise. Was ich jedoch nicht wusste, ist, dass viele Frauen zum Beispiel gar nicht alphabetisiert sind. Solche Probleme kommen dann noch obendrauf – besonders bei der Jobsuche. Auch die große Skepsis vieler Frauen, die wir zum ersten Mal ansprechen, hat mich überrascht.

 

„Für Sexarbeiterinnen ist die Pandemie verhängnisvoll“

 

Hast du bei Sperrgebiet eine Art Arbeitsalltag, also gewisse Routinen? Oder ist jeder Tag anders?

Vor Corona, oder nach Corona (lacht)? Es gibt natürlich Dinge, die wir jeden Tag erledigen. Papierkram, Beratungsgespräche, Behördengänge, Essensausgabe. Die individuellen Probleme der Frauen führen dazu, dass die Arbeit nie langweilig wird. Jeden Tag erlebe ich etwas Neues und lerne andere Frauen kennen. Das stellt mich Tag für Tag vor neue Herausforderungen. Durch Corona hat sich jedoch einiges verändert.

Was bedeutet die Pandemie denn für deine Arbeit – und natürlich für die Sexarbeiterinnen?

Für die Sexarbeiterinnen ist die Pandemie verhängnisvoll. Das Berufsverbot führt sie gezwungenermaßen in die Illegalität: Suchen sich die Frauen keine neuen Wege, um ihrer Arbeit nachzugehen, verlieren sie ihre Einkommensquelle. Ihnen wird durch das Verbot die Arbeitsgrundlage genommen.

Für die Arbeit von Sperrgebiet bedeutet die Pandemie, dass wir sie auf ein Minimum begrenzen müssen. Wir haben uns dazu entschlossen, geöffnet zu bleiben, so weit es eben geht. Wir beschränken die Arbeit auf dringend notwendige Bereiche, wie etwa die medizinische Versorgung durch unsere Ärztin, die Vergabe von Lebensmitteln und Hygieneartikeln sowie die Hilfe bei Existenzfragen. Außerdem begleiten wir die Frauen bei kurzfristigen Terminen. Die sonst sehr wichtige Arbeit auf der Straße können wir leider gerade nicht anbieten. So werden unsere Angebote schwerer zugänglich.

Was ist für dich die größte Herausforderung bei der Arbeit?

Das Vertrauen der Frauen zu gewinnen. Viele von ihnen haben regelrecht Angst vor Beratungsstellen, weil sie damit nicht vertraut sind. Sie trauen sich nicht, Angebote in Anspruch zu nehmen, haben Angst, die Sprache nicht zu verstehen. Für uns ist es also wichtig, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, sodass die Frauen sich wohlfühlen und unsere Angebote in Anspruch nehmen. Nur so können wir ihnen helfen.

Und was waren deine bisher größten Arbeitserfolge?

Wir schaffen es trotz aller Schwierigkeiten immer wieder, die Frauen auf dem Weg in eine offizielle Anmeldung ihrer Tätigkeit zu begleiten, einen neuen Job für einige zu finden oder ihnen zumindest eine Grundversorgung zu bieten.

Wenn wir uns hier in unserer Küche in St. Georg versammeln – also in Nicht-Corona-Zeiten – und zusammen kochen und uns austauschen, merke ich, dass sich die Frauen zumindest für einen kurzen Moment geborgen fühlen. Das ist für mich der größte Erfolg.

Wie gehst du damit um, auch schwere Schicksale kennenzulernen? Nimmst du die Arbeit oft mit nach Hause?

Vielen Frauen, mit denen wir hier in St. Georg arbeiten, geht es sehr schlecht. Sie leiden unter psychischen und körperlichen Beschwerden, sind sehr belastet. Sie leben zusätzlich unter äußerst prekären Umständen, haben manchmal kein Dach über dem Kopf. Das trifft mich natürlich. Ich versuche, professionell zu sein, die Grenzen zwischen Privatleben und Arbeit zu wahren. Ich sage mir dann, dass ich selbst psychisch, mental und körperlich fit sein muss, um die Frauen unterstützen zu können. Doch wenn ich morgens aufwache und sehe, dass es regnet, denke ich direkt an Klientinnen, die auf der Straße schlafen. Abschalten kann ich da nicht.

Würdest du dir mehr Unterstützung aus der Politik wünschen? Vielleicht auch gewisse Gesetzesänderungen?

Ich wünsche mir, dass Sexarbeit besser geschützt wird und die Rechte der Sexarbeiterinnen geachtet werden. Außerdem muss ein gutes Netzwerk von Beratungsstellen vorhanden sein, um den Frauen genügend Hilfe bieten zu können.

sperrgebiet-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2021. Das Magazin ist seit dem 29. April 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburgerin des Monats: Andrea de Luna von „Deintopf“

Im März 2020 wurde der erste Lockdown ausgerufen. Suppenküchen schlossen – und Andrea de Luna eröffnete die soziale Essens- und Lebensmittelausgabe „Deintopf“ im Karoviertel

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Andrea, Glückwunsch zum Einjährigen. Was steht heute auf dem Speiseplan?

Andrea de Luna: Es gibt Fischfrikadelle mit Kartoffelsalat, Gulaschsuppe mit Kartoffeln oder Spätzlepfanne Veggie mit Gemüse und Rahmsoße. Wir haben immer drei bis vier Gerichte zur Auswahl, damit für jeden Geschmack, aber auch für jede Verträglichkeit was dabei ist. Und immer auch was Vegetarisches.

Wie viele Gäste habt ihr pro Tag?

Das ist verschieden. Am Monatsende sind es mehr Gäste als am Monatsanfang. Das ist auch immer bisschen wetterabhängig, aber wir sprechen hier von einer Zahl von 100–200 Gästen pro Ausgabe.

Hat sich die Gästestruktur seit Beginn der Pandemie verändert?

30 Prozent unserer Gäste sind Menschen ohne festen Wohnsitz. Ich kenne viele von meinem Ehrenamt bei Hanseatic Help, Kältebus, Café mit Herz und Alimaus. Es kommen immer mehr alte Menschen und Alleinerziehende. Die brauchen das wirklich. Die einen für ihre Familien und die Älteren, damit sie überhaupt noch etwas zu essen haben.

Kümmert ihr euch auch um Gäste, die nicht mobil sind?

Ja, das bieten wir an. Wir liefern mit Lastenfahrrädern. Anfangs waren das mehr Gäste. Inzwischen ist es nur noch ein Herr, den wir auch von Anfang an versorgen. Unser Angebot besteht aber weiterhin: Wenn jemand nicht mobil ist, soll er sich bitte melden. Wir bringen das Essen vorbei. Allerdings begrenzt auf das Karoviertel.

Sind Freundschaften mit Gästen entstanden?

Man muss schon so professionell sein, dass man sich ein bisschen abgrenzt. Punkt A: Wir wollen niemanden bevorzugen. Die Gäste achten stark drauf, dass sich keiner vordrängelt oder einer mehr kriegt als der andere. Und B: Es sind es halt Menschen, und hinter jedem Menschen steht ein Schicksal. Diese Schicksale sind manchmal sehr traurig.

Man muss auf sich achten, dass man nicht zu viel davon mit nach Hause nimmt. Aber natürlich haben viele Gäste zu uns ein freundschaftliches Verhältnis. Die Helfer sind ja immer die gleichen. Die bauen Beziehung auf, die freuen sich darüber. Wenn jemand zwei Wochen nicht da ist, fragen sie auch, wo ist denn der? Es sind immer drei Helfer draußen. Die Gäste lieben das, sich einfach mit ihnen zu unterhalten, auch mal Spaß zu machen.

 

„Mich motiviert es, rauszugehen, was zu tun“

 

Du bist im Hauptberuf Erzieherin. Wie kriegst du das alles hin?

Das Wichtige ist ja, diese Projekte anzustoßen, aufzubauen. Wenn sie gut laufen, dann laufen sie halt auch. Und ich habe großes Vertrauen in meine Helfer. Wir treffen uns einmal die Woche im digitalen Meeting, besprechen alles. Jeder soll sich einbringen – ich bin Freund von Schwarmintelligenz.

Die Helfer können sich so mit dem Projekt identifizieren und machen das ein Stück weit zu ihrem eigenen Projekt. Innerhalb des Teams haben sich Freundschaften gebildet, wir haben ja ein sehr harmonisches und liebevolles Miteinander. Das ist uns wichtig. Gut miteinander umzugehen. Das ist Ehrenamt, und wenn man im Ehrenamt genauso gestresst ist wie im Job, dann möchte man es irgendwann nicht mehr machen.

Was ist deine Motivation?

Meine Motivation ist, Menschen zu helfen. Ich weiß, wie sich das anfühlt, wenn man nicht genug zu essen hat oder es einem schlecht geht. Und ich kann das schwer aushalten, wenn ich sehe, dass es Menschen schlecht geht. Ich werde dann aktiv. Es nützt ja niemandem was, wenn ich zu Hause sitze und grüble. Mich motiviert es, rauszugehen, was zu tun. Ich überleg mir dann Dinge, die ich machen kann, um diesen Zustand zu verbessern.

Aus wie vielen Leuten besteht Deintopf?

Wir sind ein Team aus etwas über 50 Menschen. Wir arbeiten mit einem festen Dienstplan, in den sich jeder selber eintragen kann. Die Schichten sind genau aufgeteilt. Man kann nicht einfach herkommen und sagen, ich helfe jetzt mal mit, weil ich Lust zu habe. Außer man bleibt dann die ganze Zeit draußen, weil wir natürlich auch Auflagen haben und darauf achten müssen, dass es in den Räumen nicht zu voll wird. Zum Eigenschutz und zum Schutz unserer Gäste.

Wie ist der Anteil von Frauen und Männern?

Wir haben inzwischen auch schon sehr viele motivierte Männer dabei. Tatsächlich ist es aber so, dass der Großteil Frauen sind. Ich bin ja noch bei anderen Sachen aktiv. Das sehe ich überall im Ehrenamt.

Wie erklärst du das?

Ich will das nicht pauschalisieren, aber ich glaube, Frauen sind doch oft empathischer als Männer. Sie können mehr nachvollziehen, haben eher das Gefühl, dass sie helfen möchten. Es wurde uns irgendwie schon in die Wiege gelegt, dass wir uns immer gut um alle und alles kümmern.

Wer kocht für euch?

Zu Beginn hat der Foodeventclub sehr viel für uns gekocht. Auch die Flora Volksküche ist von Anfang an dabei. Außerdem das Buddels Restaurant, die Passage Gastronomie und die Juwelier Espressobar. Es wechselt auch immer mal. Wir können uns nicht beklagen.

Es möchten noch viel mehr Leute für uns kochen, aber wir haben gar nicht die Kapazitäten, das alles zu verteilen.

Welche Rolle spielt der Gesundheits­aspekt?

Es gibt immer ein vegetarisches oder veganes Gericht. Wir bieten kein Schweinefleisch an. Jeder Gast sucht sich selbst aus, was er mitnimmt. Auch an Lebensmitteln. Wir packen hier keine Taschen. Jeder Mensch kann nach Geschmack und Verträglichkeit selbst auswählen.

 

„Alles wäre erst gut, wenn es das Ehrenamt nicht mehr bräuchte“

 

Hast du da Unterstützung durch Behörden bekommen?

Also, ich habe zumindest vom Bezirksamt Mitte alle Genehmigung bekommen. Das ist ja schon mal gut. Ich bekomme auch Dankesschreiben (lacht). Ansonsten ist es natürlich so, dass Behördenmühlen langsam mahlen. Die sind auf alle Fälle bemüht.

Ich denke, dass die Stadt Hamburg mehr machen könnte. Eigentlich wäre es ja alles erst gut, wenn es das Ehrenamt nicht mehr bräuchte. Wobei wir das alles gerne tun. Manchmal ist es schwierig mit den Behörden. Wenn ich erst mal 20 Anträge und Passierschein 53 B beantragen muss um 100 Euro zu kriegen, dann lass ich das lieber, weil ich eigentlich auf anderen Wegen auf größere Summen komme.

 

Deintopf finanziert sich ausschließlich durch Spenden?

Ja, hier ist alles durch Spenden finanziert. Wir haben ja auch keine Verwaltungskosten, weil wir Gott sei Dank immer noch mietfrei hier sind. Wenn wir endlich Räume gefunden haben, sind Miete und Betriebskosten schon gesichert, weil die Reimund C. Reich Stiftung uns angeboten hat, diese zu übernehmen. Das ist eine große Stiftung in Hamburg, die sich im Bereich Armutsbekämpfung stark macht und viele Projekte unterstützt. Das Problem ist, das wir keine Räume finden.

Arbeitet ihr mit anderen Projekten zusammen?

Wir haben alle zwei Wochen ein großes digitales Meeting. Da sind ich und eine Helferin zusammen mit anderen Initiativen drin. Wir sprechen über wichtige Themen, was sind die Bedarfe, wie können wir noch helfen? Wir arbeiten gemeinsam an Konzepten. Oder jemand schreibt, ich habe 1.000 FFP2-Masken gekriegt. Lass uns die teilen!

Im Sommer, als die Wasserversorgung auf der Straße so schlecht war, haben wir gemeinsam Wasser bestellt. Hanseatic Help hat das alles für uns eingelagert. Wir konnten das dann jederzeit abrufen.

Wie waren die Reaktionen, als du mitten im ersten Lockdown Deintopf gegründet hast?

Von Seiten der Gäste her natürlich positiv. Viele haben wirklich geweint und gesagt, Gott sei Dank, das war meine erste warme Mahlzeit seit zwei Wochen. Diesen Menschen sind ja auch sämtliche sozialen Netzwerke weggebrochen. Meine Familie war zwiegespalten: Oh Gott, es ist Pandemie und du bist da immer mit Menschen! Aus Helferkreisen kam vereinzelt: Alle machen zu und du machst auf? Denkst du, du kannst das besser als die anderen? Ich weiß, dass man gerade zu Pandemiezeiten aufpassen muss. Das ist für uns alle neu.

Ich wusste aber auch, dass ich das gewisse Know-how habe, weil ich seit fünf Jahren ehrenamtlich arbeite und mich auf den Bereich Mobile Aufgaben spezialisiert habe. Jetzt kann ich ein bisschen stolz sagen: Ja, da haben wir das meiste richtig gemacht.

facebook.com/Deintopf


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburgerin des Monats: Kassiererin Karima Quattaybi

Ohne Frauen wie Karima Quattaybi, 40, würde in Hamburg nichts laufen. Sie saß an der Kasse im Rewe Center Altona, als dort im Frühjahr 2020 Menschenmengen einkauften, als würde es dort morgen nichts mehr geben, und hatte ein mulmiges Gefühl, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Anfangs wurde auf den Balkonen auch für die Kassiererinnen und Kassierer geklatscht, doch im zweiten Lockdown gibt es nur noch wenig Aufmunterung der Kunden, bei denen viele mit eigenen Problemen zu kämpfen haben

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Karima Quattaybi, erinnert Sie die aktuelle Situation an den Lockdown im März?

Karima Quattaybi: Wir nehmen im Januar schon wahr, dass die Kunden weiterhin verstärkt einkaufen. Das ist zum Jahresanfang ungewöhnlich. Die Kunden sind aber ruhiger und respektieren die getroffenen Vorkehrungen.

Was ist anders als im Frühjahr 2020?

Durch die Auflagen und Landesverordnungen ist die Kundenanzahl im Markt limitiert, dadurch ist es insgesamt ruhiger als im Frühjahr. Damals habe ich einer Zeitung gesagt: ,Da hatten wir jeden Tag Silvester.‘ Dazu muss man wissen, dass dies normalerweise der stärkste Einkaufstag für uns im Jahr ist.

Wie läuft es mit dem Verkaufsverbot für Alkohol, das in diesem Gebiet in Altona seit vergangenem Sommer gilt?

Wir haben am Eingang und im Markt in der Abteilung entsprechende Aushänge, die darauf hinweisen. Am Anfang haben die Kunden mit Unverständnis reagiert, mittlerweile ist dies aber ebenfalls Gewohnheit und sorgt für wenig Trubel.

Was wird jetzt gehamstert?

Wir haben im Frühjahr viel gelernt, und ich denke die Kunden auch. Aufgrund des Lockdowns merken wir aber eine erhöhte Nachfrage bei Non-Food-Artikeln, beispielsweise den Haushaltsartikeln. Bei uns gilt, unabhängig von der Warengruppe: Wir verkaufen alles in haushaltsüblichen Mengen.

Verstehen Sie, warum so viel gekauft wird?

Eher nicht, wenn man alleine auf das Thema Öffnungszeiten etc. schaut. Wir hatten nicht einen Tag in den letzten Monaten, außer der gesetzlichen Feiertage, zu. Wobei man auch nicht vergessen darf, dass viele Familien zu Hause sind und da natürlich auch ein größerer Bedarf an Lebensmitteln vorhanden ist. Es wird jeden Tag für Groß und Klein gekocht, da braucht man natürlich schon mehr Lebensmittel.

Was beschäftigt die Menschen?

Viele sind in Kurzarbeit. Wir kennen einige Kunden in Altona schon lange und das ist dann traurig zu hören. Gerade von den Menschen in der Gastro, für die es gerade nicht einfach ist. Sie müssen jeden Cent umdrehen und wissen nicht, wie es weitergeht. Und viele haben zurzeit nichts anderes als einzukaufen. Die Kunden sind nicht mehr so gesprächig, muss ich sagen. Das finde ich schade. Wir wollen alle einkaufen gehen und wir machen das hier gerne.

Wie lange arbeiten Sie schon hier?

Seit 2002. Im nächsten Jahr also schon 20 Jahre.

Sie haben eben kurz gelacht, als Ihre Kollegin sagte, Sie seien hier der Sonnenschein.

Nach der Spätschicht von letzter Woche brauche ich noch etwas, um zu strahlen.

 

„Wir bekommen das hin – auf jeden Fall“

 

Wie geht Ihre Familie mit der Situation um?

Ich habe eine Tochter. Die ist 16, geht aufs Gymnasium und sitzt gerade im Online-Schooling. Ist auch alles ein bisschen schwierig. Läuft alles nicht rund gerade. Das Internet bricht dauernd zusammen, hat sie mir berichtet. Ich verlasse mich darauf, dass sie es alleine hinkriegt. Aber sie macht es gut und macht keinen Blödsinn.

Reden Sie mit Ihren Kollegen über die Gefahr, sich anzustecken?

Wir alle haben diese Gedanken. Wir haben Kontakt zu vielen verschiedenen Menschen. Das gibt ein mulmiges Gefühl. Das Risiko, sich anzustecken, ist da. Dazu kommt: Jetzt ist Erkältungszeit und es kommt vor, dass Leute husten. Im Markt weisen wir nach wie vor auf die Abstandsregeln, Maskenpflicht und das regelmäßige Händewaschen hin – denn das sind die wichtigsten Regeln, um gesund zu bleiben.

Fühlen Sie sich sicher hinter der Plexiglasscheibe?

Ich bin froh, dass wir diese Plexiglasscheiben gekriegt haben.

Wie erinnern Sie sich an die Zeit, als abends auf den Balkonen geklatscht wurde?

Das waren zwei Wochen. Wir haben viele Stammkunden, die sagten: ,Toll, dass ihr noch da seid.‘ Es war ja schon beeindruckend, weil man auf einmal wichtig war. Sonst war es selbstverständlich, dass wir da waren. Jetzt gehörten wir zur besonderen Kategorie, die für die Versorgung wichtig ist.

Ist noch etwas aus dieser Zeit bei den Kunden da?

Nein, wirklich nicht viel. Das war ganz schnell vorbei. Der Einzelhandel ist ein bisschen untergegangen, was die Wertschätzung betrifft.

Haben Sie zum Jahresende eine Prämie bekommen?

Ja, die gab es. Vom Arbeitgeber auf freiwilliger Basis. Hat mich gefreut. Und noch etwas ist ganz gut: Wir dürfen uns Obst, einen Snack und Getränke nehmen und müssen die Artikel nicht an den anderen Kassen bezahlen, wenn es voll ist.

Wie sind die Aussichten für die nächsten Wochen und Monate?

Wir haben 120 Mitarbeiter in Altona, unter denen auch viele jünger sind. Ich denke, wir bekommen das hin. Auf jeden Fall. Weil wir uns auch mit den Kollegen austauschen. Dadurch, dass wir zusammenhalten, ist das Team gut. Ansonsten würden wir das nicht so einfach durchstehen. Denn wir sind auch angespannt, muss ich zugeben.


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Hamburgerin des Monats: Köchin Cornelia Poletto

Die Hamburger Star-Köchin Cornelia Poletto steht für Genuss – soweit, so bekannt. Aber nicht alle wissen um ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten. Ein Gespräch über Entenkeulen für Senioren und einen Instagram-Takeover für Ärzte und Pfleger des Altonaer Kinderkrankenhauses

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Cornelia Poletto, kürzlich ist die zweite Ausgabe Ihres eigenen Magazins erschienen. Bereits im ersten „Cornelia Poletto“-Heft las man in Ihrem Editorial, Sie wollten damit ein wenig Leichtigkeit und Dolce Vita verschenken in einem herausfordernden Jahr. Schauen wir doch mal auf Ihr 2020: Was war zu Pandemiebeginn für Sie die erste große Herausforderung?

Cornelia Poletto: Konsequent Entscheidungen zu treffen. Auch zu handeln, zu motivieren, Mitarbeiter abzuholen. Und natürlich sich selbst ständig zu informieren, was da eigentlich gerade los ist. Wobei ich in Sachen Pandemie einen kleinen zeitlichen Vorteil hatte.

Weil Sie auch in Shanghai ein Restaurant mitbetreiben und den dortigen Umgang mit der Pandemie kannten?

Genau. Die Menschen dort waren uns Corona-technisch ja zwei Monate voraus. Ich wusste dadurch, was bei uns in Hamburg im März richtig war, nämlich unser Restaurant in Hamburg zu schließen und uns auf Abholung und Lieferung zu konzentrieren.

Diese Alternativen brauchen etwas Vorbereitungszeit. Und da wir das Restaurant bereits vier Tage vor dem offiziellen Lockdown geschlossen haben, konnten wir Delivery und Take-away als eines der ersten Hamburger Restaurants anbieten.

 

„Ich ziehe aus allem das Positive“

 

Hatten Sie in den Frühjahrsmonaten vor allem Sorgen oder eher optimistische Gedanken à la „Wir schaffen das schon!“?

Ich war voll auf die Zukunft fokussiert. Viel Zeit zum Nachdenken hatte ich eh nicht und wollte einfach das Beste aus der Situation machen, genau wie wir es in Shanghai gemacht haben. Ich bin jemand, der aus allem das Positive zieht.

Zum Beispiel, dass ich in den angesprochenen Monaten endlich mal wieder Zeit hatte, mit meinen Mitarbeitern im Restaurant kreativ zu sein. Das hat mir sehr viel Freude bereitet. Wir haben zum Beispiel unsere Kochboxen aufgebaut, die sehr erfolgreich wurden. Bis Weihnachten werden wir noch über 1.000 Stück verschicken.

Was neue Ideen in der Corona-Zeit angeht, habe ich mich auch mit anderen Hamburger Gastronomen ausgetauscht. Es war schön zu sehen, dass in dieser schwierigen Phase niemand nur geschaut hat, wie er oder sie da irgendwie alleine durchkommt, sondern dass alle gemeinsam überlegt haben, wie es gehen könnte.

Sie haben in den ersten Corona-Monaten zudem für ein paar Glücksmomente bei Senioren gesorgt, als Sie Poletto-Mittagessen in Pflegeheimen ablieferten.

Es gab einen Aufruf von der AWO, eine Patenschaft zu übernehmen, also zum Beispiel Einkäufe für Senioren zu erledigen. Ich habe mich dann einfach mal angemeldet, und es vergingen keine zwei Stunden, da rief man bei mir an: „Frau Poletto, sind Sie es selber? Großartig wäre ja, wenn Sie mal für unsere Senioren kochen könnten!“ Das haben wir dann auch gemacht.

600 Essen haben wir während des ersten Lockdowns zubereitet, unterstützt von Stammgästen, und zusammen mit einem Mitarbeiter habe ich alles verteilt. Zum zweiten Lockdown haben wir diese ehrenamtliche Arbeit wieder aufgenommen, seitdem bringen wir Senioren in zwei Einrichtungen an den Adventssonntagen 100 leckere Entenkeulen.

 

„Dann komme ich eben zu euch nach Hause“

 

Kamen Sie bei all dem Engagement auch noch dazu, im Altonaer Kinderkrankenhaus vorbeizuschauen, das Sie als Schirmherrin unterstützen?

Es ist schwierig, direkt vor Ort zu sein bei den kleinen Patienten, man muss da wirklich sehr vorsichtig sein. Aber: Wir haben gemeinsam mit den dortigen Ärzten und Pflegern eine schöne Aktion auf die Beine stellen können, die auch ohne Besuch funktionierte. Ich habe ihnen eine Woche lang meinen Instagram-Account überlassen, um ihnen eine Plattform zu bieten, ihre tägliche Arbeit zu zeigen. Das war unsere Alternative zum gemeinsamen Plätzchenbacken und Kochen, was wir sonst immer machen.

Eine Alternative für die Kochkurse in Ihrer „Cucina Cornelia Poletto“ haben Sie auch entwickelt: Live-Events, die online genossen werden können. Erzählen Sie doch mal, wie Sie Ihre Kochschule digitalisiert haben.

Es rieselte Absagen von Kursen, und mein Palazzo-Zelt findet dieses Jahr auch nicht statt. Zudem können wir mit Delivery und Take-away bei Weitem nicht das Weihnachtsgeschäft abdecken, das wir normalerweise haben. Mir geht es um die Pflege meiner Gäste, die nicht bei mir zusammenkommen können, weder bei Kochkursen, noch bei Weihnachtsfeiern.

Also habe ich gesagt: „Dann komme ich eben zu euch nach Hause!“ Von heute auf morgen habe ich mit meinen Mitarbeitern ein Küchenstudio aufgebaut, mit Kameras, Licht, Schaltpult und vielem mehr. Seitdem können wir wieder alle gemeinsam kochen und lustige wie leckere Live-Events feiern.

cornelia-poletto.de


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Luisa Neubauer im Interview: Raus aus der Komfortzone

Als Luisa Neubauer noch in Blankenese zur Schule ging, hatte sie nie vorgehabt, Vollzeit-Klimaaktivistin zu werden. Doch: Sie wurde zum bekanntesten Gesicht von Fridays for Future Deutschland und beschreibt in ihrem Bestseller, was Hamburg im Jahre 2050 bevorsteht

Text: Mathias Greulich 
Foto: Fridays for Future Deutschland

 

SZENE HAMBURG: Luisa Neubauer, Sie haben mit Peter Tschentscher beim Körber-Forum über die Klimakrise debattiert. Welchen Eindruck haben Sie vom SPD-Bürgermeister? 

Luisa Neubauer: Herr Tschentscher ist ein unaufgeregter Mensch. Man kann mit ihm sachlich diskutieren, es waren angenehme Gespräche. Dennoch ist in der Klimabilanz unter seiner Verantwortung noch dermaßen viel Luft nach oben. Hamburg hat als reiche CO2-intensive Stadt die Möglichkeit, Klimavorreiter zu werden. Ein grüner Leuchtturm im Norden.

Andere Städte sind da weiter.

Es war total irre. Einen Tag nach der Diskussion mit Herrn Tschentscher habe ich den Bürgermeister von Kopenhagen getroffen. Frank Jensen ist ein charismatischer Mensch. Übrigens kein Grüner, sondern ein Sozialdemokrat. Ich war sehr beeindruckt, wie visionär er beim Klimaschutz an die Sache herangeht. Kopenhagen will schon 2025 klimaneutral werden.

Noch im September demonstrieten 100.000 Hamburger für besseren Klimaschutz, am selben Tag hat die Bundesregierung ihr Klimapaket beschlossen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagt inzwischen in Richtung Fridays for Future, dass es nicht reiche, „jede Woche apokalyptische Bedrohungen zu beschreiben, die kaum zu bewältigen scheinen“. Die Demokratie werde schlecht geredet. 

Ich frage mich, aufgrund welcher Sachlage diese Aussagen von Herrn Steinmeier getroffen wurden. Wir sind Teil einer gelebten Demokratie, in dem wir Woche für Woche auf die Straße gehen. Das ist urdemokratisch, ebenso wie ziviler Ungehorsam. Wir wollen eine inhaltliche Debatte darüber führen, was man den Menschen zumuten kann. Es wird Zeit, dass die Regierung beim Klimaschutz endlich loslegt. Aber nicht so, wie es im Klimapaket vereinbart wurde, das zur Erreichung der Klimaziele nicht zielführend ist. Wir sind in einer entscheidenden Phase. Wir sind diejenigen, in deren Händen es liegt, ob das Ende der Klimakrise jetzt beginnen kann.

 

„Menschen brauchen Antworten und keine Beschwichtigungen“

 

Mit Alexander Repenning haben Sie gemeinsam das Buch „Vom Ende der Klimakrise. Eine Geschichte unserer Zukunft“ geschrieben. Sie sind beide aus Hamburg und skizzieren, was Ihrer Heimatstadt durch den Anstieg des Meeresspiegels im Jahr 2050 bevorsteht. Der Satz, dass sich „die Kinder auf den Schulhöfen im Sommer die Füße verbrennen werden“, wird als Panikmache kritisiert. 

Was wir beschreiben, passiert heute schon. Wir haben in der Recherche mit Stadtplanern gesprochen, die Schulhöfe mittlerweile anders konzipieren müssen. Die wissenschaftlichen Szenarien von häufigeren Sturmfluten und sehr viel heißeren Sommern sind die Spitze des Eisbergs. Was uns droht, ist schwer vorstellbar. Viele stellen sich die Frage, wie man mit den vorliegenden Informationen der Wissenschaftler umgeht. Darauf brauchen die Menschen ernsthafte Antworten und keine Beschwichtigungen. Viele Menschen, die unser Buch gelesen haben, schreiben mir. Das zeigt mir, dass es richtig war, diese Dinge so aufzuschreiben.

Als Sie selber noch auf die Grundschule Iserbrook gingen, haben Sie gegen deren drohende Schließung erfolgreich demonstriert. War es für Sie eine wichtige Erfahrung, dass Protest etwas bewirken kann? 

Politik hat im Alltag meist eine entfernte Dimension, aber damals haben wir eine Selbstwirksamkeit im Politischen erfahren. Es war glaube ich der Senat unter Ole von Beust, der reihenweise Grundschulen schließen wollte. Das war natürlich bildungspolitischer Nonsens, gegen den es einen breiten Widerstand gab.

Sie schreiben, dass Sie als 13-Jährige zum ersten Mal etwas über den Treibhauseffekt gehört haben. Eine Doppelstunde im Erdkundeunterricht, das war’s. 

Ich fand es damals irritierend, dass ein so wichtiges Thema in 90 Minuten gequetscht wurde. Ich begann, mich mit der Klimakrise zu beschäftigen. Ein Jahr später beschloss ich als Konsequenz auf die Informationen, die ich nach und nach gewann, Vegetarierin zu werden. Meine Eltern haben das damals noch nicht verstanden. Es gab immer mehr Fragen zu den ökologischen Grenzen des Wachstums und der Zukunft des Planeten, die ich mir stellte. Ein Jahr nach der Schule beschloss ich, Geografie zu studieren.

 

Klimaaktivistin mit 80-Stunden-Woche

 

Schüler bekommen auf dem Marion-Dönhoff-Gymnasium in Blankenese heute wahrscheinlich mehr Antworten zum Treibhauseffekt als Sie vor zehn Jahren. 

Damals hieß die Schule noch Willhöden. Ich war auch mal wieder dort, um über die Klimakrise mit der Oberstufe zu diskutieren. Sie geben sich inzwischen viel mehr Mühe, bei diesem Thema etwas zu verändern.

Was halten Ihre ehemaligen Mitschüler davon, dass Sie jetzt Vollzeit-Klimaaktivistin sind? 

Die finden es glaube ich ganz okay. Wir sind alle nach dem Abi unserer Wege gegangen und machen ganz unterschiedliche Sachen. Ich glaube, sie möchten nicht mit mir tauschen.

Im Frühjahr hatten Sie eine 90-Stunden-Woche. 

Das war als wir mit Fridays for Future begonnen haben, auf die Straße zu gehen. Ich hatte noch niemals eine Demo organisiert und bin aus meiner persönlichen Komfortzone herausgetreten. Mittlerweile mache ich einen Tag in der Woche frei und komme auf 80 Stunden.

Und Sie haben eine Morddrohung bekommen. 

Ja, das war extrem schockierend.

fridaysforfuture.de/ortsgruppen/hamburg

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 29. November 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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