Hamburgerin des Monats: Julia Hermann von ArztMobil

Seit 2017 ist ArztMobil Hamburg auf den Straßen der Hansestadt unterwegs. 30 ehrenamtlich Tätige kümmern sich jedes Wochenende um bedürftige Patienten. Julia Hermann ist Mitgründerin und Geschäftsführerin

Inteview & Fotos: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Julia, ArztMobil Hamburg hat drei Fahrzeuge, und die haben Namen: „Ellen“, „Lola“ und „Rudi“. Was war da los?

Julia Hermann: Unser erster Bus „Ellen“ war ein Maskenmobil einer Filmfirma. Die hatten so viel Fahrzeuge, dass jedes für die Versicherung einen eigenen Namen hatte. Wir haben den Namen einfach mal übernommen.

Als uns 2018 das Hamburger Spendenparlament die Hälfte für einen neuen Bus zugesagt hat, haben wir den bei einer Firma namens JOLA-Rent gefunden. So kam „Lola“. 2019 hat uns die Mackprang-Stiftung einen Caddy gesponsert. Da haben die Männer im Team gesagt: Jetzt brauchen wir aber mal einen Männernamen! Das war kurz vor Weihnachten, also nannten wir ihn „Rudi“. The Rednose.

Wer ist der Oberbus?

„Lola“ haben wir perfekt nach unseren Vorstellungen ausgebaut. Wir haben zwei Batterien an Bord, mit denen wir autark stehen können. Auf dem Dach sind Solarpanels. Damit laden wir zusätzlich die Batterien auf. Es gibt eine Klimaanlage. Wir können am Heck eine Rollstuhlrampe ausfahren. Wir können eine Wunde nähen oder einen Abszess aufmachen. Wir sind voll ausgestattet. „Lola“ ist eine rollende Arztpraxis.

Warum kommen Patienten zu euch und nicht zum Arzt?

Viele leben auf der Straße. Auch Altersarmut spielt eine große Rolle. Die Patienten können sich die Zuzahlung der Medikamente nicht leisten. Wir haben auch versicherte Patienten, die so eine hohe Schamgrenze haben, dass sie nicht zum Arzt gehen möchten.

Warum diese Scham?

Weil sie schlimme Wunden an den Beinen haben, die riechen. Wir haben viele Drogenabhängige, die nicht in der Lage sind, sich selbst um ihre Wunden zu kümmern. Zu uns kann jeder kommen, der Hilfe braucht.

Wir schicken ihn auch zu anderen Organisationen, um Blutbilder oder ein Herz-Ultraschall zu bekommen. Das können wir nicht leisten. Praxis ohne Grenzen machen das dann für uns.

Mit wem arbeitet ihr noch zusammen?

Mit Hamburger Hilfskonvoi und Hanseatic Help. Die Elmshorner Suppenhühner unterstützen uns mit warmen Essen für unsere Patienten. Wir arbeiten mit den Drogenhilfeeinrichtungen ragazza e. V. und Freiraum e. V. ABRIGADO. Die schicken uns Patienten für unser Substitutionsprogramm. Wir bieten seit zwei Jahren Substitutionsprogramme für Nichtversicherte an.

Wie laufen die Programme ab?

Zuerst haben die Patienten Termine bei unserem Substitutionsarzt Dr. Stahlberg, bis sie stabil sind. Dann können sie bei uns ihr Substitutionsrezept abholen. Damit gehen sie zu einer unserer Partnerapotheken. Wir bezahlen das. Sie geben weiterhin bei Dr. Stahlberg Urinproben ab, um Beikonsum auszuschließen. Gibt es einen Aussetzer, kommt eine Verwarnung.

Es wurden auch schon Patienten ausgeschlossen. Unser Programm ist eine Ausnahme. Als Nichtversicherter kommt man kaum in so ein Projekt rein. Wir sind, soweit ich weiß, die Einzigen in Deutschland.

 

Schatten und viel Licht

 

Kommt es vor, dass das ihr weiterführende medizinische Hilfe empfehlt und sich der Patient weigert?

Das haben wir immer wieder, dass wir einen Rettungswagen rufen. Die meisten Patienten machen mit. Wenn sie sich dann doch umentscheiden, sprechen die Rettungssanitäter mit ihnen. Aber man kann keinen gegen seinen Willen behandeln.

Habt ihr schon Gewalterfahrungen gemacht? Sanitäter werden ja auch mal angegriffen.

Helferin oder Helfer versuchen dann, zu deeskalieren. Das klappt meistens. Im Bus gab es noch nie eine gefährliche Situation. Auf der Schlange in der Straße gibt es schon mal Krawall unter den Patienten. Wir mussten aber erst einmal die Polizei anrufen, weil es kurz vor der Schlägerei war. Mit Schaulustigen hatten wir noch nie Ärger.

Was war dein schlimmstes Erlebnis?

Jeder von uns im Team hatte schon mal ein schlimmes Erlebnis. Für mich war es ein Mädchen, das gerade 18 geworden und drogenabhängig war. Sie sagte Doktor Stahlberg, dass sie seit 14 Drogen konsumiere. Grund war, dass ihr der Bezug zu ihren Eltern fehlte. Jedes Mal, wenn sie sich einen Schuss setzte, fühlte sich das an, als wenn ihre Mama sie in den Arm nimmt. Das hören wir oft, dass Patienten Drogen wie einen Menschen beschreiben, der eine warme Decke um sie legt.

Meine Jungs sind in dem Alter, 14 und 15. Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen, dass man so ein Verhältnis hat. Das hat mich sehr bedrückt. Und natürlich, wenn wir Patienten verlieren, die uns nahestehen.

Entstehen auch Freundschaften?

Ja, das ist eine freundschaftliche Bindung. Es ist ja nicht nur die medizinische Versorgung, sondern auch das offene Ohr, das Trösten, das Beraten, das Begleiten. Dass Probleme besprochen werden. Das ist ein großer Teil unserer Arbeit.

Keiner von uns ist Psychotherapeut, wir können nur mit Bauchgefühl rangehen. Wir versuchen, das Gefühl zu geben, dass wir da sind für die Patienten. An ihrem Vertrauen liegt uns sehr viel.

Was war das schönste Erlebnis?

Jeder im Team hat andere schöne Erlebnisse. Ein Patient bringt öfter Blumen mit. Da freuen wir uns natürlich. Und einfach dieses Danke, mit dem sie hier rausgehen. Ich habe letztes Wochenende auf der Reeperbahn gearbeitet. Wenn man in so einer Hood Patienten trifft, die sich freuen, einen wiederzusehen, dann ist das schön.

Schaffst du es, nach einem harten Tag abzuschalten?

Nein. Wenn ich auf dem Heimweg alleine für mich bin, denke ich viel nach. Über Patienten-Themen, die schwer zu lösen sind oder eindrucksvoll waren aufgrund der Verletzung. Wir sprechen viel im Team, wenn wir den Einsatz nachbereiten. Zur Vorbereitung gehört die Nachbereitung. Das Auffüllen von Medikamenten, Verbandsmaterial, Unterwäsche, Socken. Und das Putzen. Das ist ein schöner Moment. Dann schreibt einer den Post für Facebook, der in Gemeinschaftsarbeit entsteht. Das ist noch mal eine Aufarbeitung des Tages.

Du bist gelernte Erzieherin. Wie bist du zu ArztMobil gekommen?

Mein Vater, mein Großvater und mein Onkel sind und waren Ärzte. Ich habe bei meinem Vater als Jugendliche in der Praxis mitgearbeitet. Mit vier Kindern und einem Mann ist man sowieso schon eine halbe Krankenschwester (lacht).

Irgendwann haben wir festgestellt, dass an Wochenenden eine Versorgungslücke für Menschen auf der Straße besteht. Das wollten und wollen wir ändern. Ich habe gesagt, ich mach die Geschäftsführung. Ich wusste natürlich nicht, was auf mich zukommt. Das wussten wir alles damals nicht. Das ist ja nicht nur meine Arbeit, sondern die vom ganzen Team. Und ja, wir sind weit gekommen.

 

Was kommt und wie kann man helfen?

 

Habt ihr so etwas wie das nächstes große Ziel?

Unser ständiges großes Ziel ist, dass nie ein Dienst ausfällt. Seit wir 2017 gestartet sind, haben jedes Wochenende Sprechstunden stattgefunden. Das ist manchmal auch ein großer Kraftakt. Wir können nur an Feiertagen und am Wochenende arbeiten, weil wir alle berufstätig sind und das alles ehrenamtlich ist.

Viele Einrichtungen mussten während Corona schließen.

Wir konnten weiter Sprechstunden anbieten, weil hinter uns kein großer Träger steht. Wir sind rein spendenfinanziert. Das macht uns unabhängig.

Euer Motto lautet „Wer die Not sieht, muss handeln!“. Man sieht auf dem Kiez überall Menschen, die weggetreten sind, offensichtlich Hilfe brauchen, diese aber auch oft ablehnen. Wie verhält man sich am besten?

Ich glaube, es ist diesen Menschen wichtig, dass sie gesehen werden. Sie leben mitten unter uns und sind eine Randgruppe. Mit Geld können und müssen sie ihre Sucht finanzieren. Wenn jemand kein Geld hat und in die Entzügigkeit kommt, ist das lebensbedrohlich.

Aber jetzt, wenn’s heiß wird, freuen sie sich auch über eine Flasche Wasser, Obst oder Brötchen. Man muss einfach nur fragen. Sie sagen es einem schon, wenn sie nicht angesprochen werden möchten.

arztmobilhamburg.org


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Juni 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburgerin des Monats: Suzanne Darouiche von Vagabunt.Hamburg

Bei Vagabunt.Hamburg machen Jugendliche mit selbst entworfener Mode Bambule. Das Projekt an der Schnittstelle zwischen sozialer Einrichtung und Fashionbranche bietet ihnen kreativen Freiraum und eine erste berufliche Orientierung. Mit dabei: Modedesignerin Suzanne Darouiche, die den Entstehungsprozess der Kollektionen fachlich begleitet

Interview & Foto: Anna Meinke

 

SZENE HAMBURG: Suzanne, wann und warum hast du beschlossen, Modedesign zu deinem Beruf zu machen?

Suzanne: Ich komme aus einer Mode- und Schneiderinnenfamilie, bin quasi zwischen Stoffresten aufgewachsen. Schon früh war mir klar, dass ich das Gleiche machen möchte wie meine Mama und meine Oma. Natürlich gab es zwischendurch auch mal kleine Ausbrüche – da wollte ich kurz Glasbläserin werden, dann Schuhdesignerin – aber immer ging es in die künstlerische Richtung. Letztendlich wurde ich an der Modeschule in München angenommen. So kam es dann, dass ich in die Fußstapfen meiner Familie getreten bin.

Du hättest auch in der konventionellen Modebranche arbeiten können – Stichwort Fast Fashion. Weshalb bist du zu Vagabunt gegangen?

Mir gefällt an der Arbeit in der Modebranche besonders die Kreativität, die Idee des Ausdrucks durch Kleidung. Ich mag die Dinge, die man in der Modeschule lernt: schöne Moodboards erstellen, tief in Themen eintauchen, avantgardistisch arbeiten. In der Realität findet man das alles selten. Den großen, konventionellen Unternehmen fehlt die Seele. Der Gedanke an Mensch und Natur kommt zu kurz oder ist gar nicht präsent.

Auch die Kreativität bleibt auf der Strecke, wenn lediglich jede Saison die Farbe und irgendein Kragen verändert werden. Das ist nicht mein Anspruch an eine kreative Designtätigkeit. Bei Vagabunt hingegen finde ich all das.

vagabunt.hamburg

Vagabunt ist ein „Social Fashion Label“. Was bedeutet das konkret?

Der Begriff steht erst einmal für die Kombination aus Pädagogik und Mode. Für uns steht dabei der soziale Gedanke im Vordergrund: Vagabunt soll ein Safe Space für die Jugendlichen sein, hier sind alle willkommen. Egal, ob jemand Lust hat, kreative Muster und Schnitte zu entwickeln, ob jemand nähen kann oder nicht, irgendetwas gibt es immer zu tun.

Ein Jugendlicher ist zum Beispiel unser Textilgestalter, weil er gerne Stoffe bemalt. Ein anderer ist Hausmeister. Wichtig ist auch, dass die Jugendlichen eine kleine Entlohnung für ihre Tätigkeiten erhalten. Im Team arbeiten neben einer Pädagogin auch eine Meisterschneiderin, studentische Aushilfen, eine Schnittdirektrice und ich als Modedesignerin. Dieser Mix tut uns gut und schafft eine entspannte Grundstimmung, die nicht immer über-pädagogisch ist. Hier müssen die Jugendlichen sich nicht verstellen. Sie können sie selbst sein, dürfen ihre Yum Yum-Suppe essen, quatschen und einfach eine gute Zeit haben.

Was sind das für junge Menschen, die die Kollektionen entwickeln?

Alle Jugendlichen werden durch unseren Träger Basis & Woge e. V. betreut, sind Teil eines seiner vielen Projekte. Es gibt zum Beispiel Projekte für Straßenkinder, für männliche Prostituierte, für Mädchen mit Gewalterfahrungen. Alle Jugendlichen können zu uns kommen, sofern sie zwischen 14 und 25 Jahre alt sind. Sie bringen ihre eigene, teils schwierige Geschichte mit und haben einfach Lust, etwas Cooles zu machen.

Wie schlagen sich die Erfahrungen der Jugendlichen in ihren Designs nieder?

Die Jugendlichen sprechen hier über ihre individuellen Erfahrungen, tauschen sich aus und finden manchmal Überschneidungspunkte. Bei der letzten Kollektion, „Melancholie“, war die Gemeinsamkeit die Erfahrung des Mobbings in der Schule. Auf dieser Grundlage entstand eine recht dunkle, von Grau- und Schwarztönen dominierte Kollektion, die die Themen der Jugendlichen widerspiegelt.

Auch die Kollektion „your dream is my life bitch“ drückte das aus, was in der Lebenswelt der Jugendlichen von Bedeutung ist, was sie beschäftigt und was für andere Menschen bloß ein böser Traum wäre. Das sind in dem Fall Erlebnisse, die rund um den Hamburger Hauptbahnhof passierten. Das alles schlägt sich schließlich in den Materialien, den Farben und Schnitten der Kollektionen nieder. Und in zuletzt genannter Kollektion auch unmittelbar im Titel, der ein Zitat einer Teilnehmerin ist (lacht). Die Jugendlichen präsentieren sich und ihre Welt ganz ungefiltert.

 

„Mode war und ist immer auch ein politisches Statement“

 

Welches Feedback geben die Jugendlichen dir, was die Bedeutung dieser Arbeit für sie betrifft?

Das ist sehr unterschiedlich. Für die einen ist Vagabunt ein Ort, um mit Freunden abzuhängen und sich ein bisschen Geld dazuzuverdienen. Für die anderen wiederum ist es eine Möglichkeit zum Abschalten. Und gerade aktuell genießen viele Jugendliche die Abwechslung zum eintönigen Homeschooling.

Im Vordergrund steht für alle einfach der Spaß und das lockere Miteinander, das wir hier pflegen. Auch die persönlichen Bindungen zu uns Mitarbeitenden und unter den Jugendlichen selbst sind essenziell wichtig für sie.

Und was bedeutet dir diese Arbeit?

Für mich bedeutet die Arbeit bei Vagabunt vor allem Freiheit: Durch die Grundfinanzierung der Sozialbehörde arbeiten wir in einer Art Utopie, in der es keinen finanziellen Druck gibt. Wir müssen die Kollektionen nicht möglichst gewinnbringend verkaufen, sind nicht von Umsätzen abhängig. Kreativität hat oberste Priorität. Das ist wunderbar und macht großen Spaß.

Manchmal wünschte ich, die Jugendlichen würden diese Freiheit noch mehr ausnutzen, einfach mal ausrasten und etwas total Abgefahrenes entwerfen. Aber sie wollen ihre Mode gerne auf der Straße sehen. Das kann ich natürlich auch verstehen.

Mal ganz generell: Inwiefern glaubst du, kann Mode zu gesellschaftlicher Veränderung beitragen, inwiefern kann sie eine politische Botschaft transportieren?

Gesellschaftlicher Umschwung hat sich immer auch in der Mode geäußert. Man denke nur an die Frauen in den 1960ern, die sich Miniröcke anzogen, oder an die ersten Frauen in Hosen. Mode war und ist immer auch ein politisches Statement, das ganz ohne Worte auskommt.

Ich habe das Gefühl, dass wir uns stets politisch positionieren müssen. Einfach, weil das Leben an sich – und auch das Leben der Jugendlichen, mit all ihren Hintergründen und Erfahrungen – ein politisches ist. Mithilfe von Mode gelingt diese Positionierung ganz einfach, irgendwie subtil. Mode ist eine ästhetische Form des Protests, die es zulässt, unbequeme Dinge auf schöne Art und Weise zu äußern. Auf einer unserer Jacken steht: „Bist du homophob? Schön – lass es sein und sei nicht mehr so gemein!“. Zack, politisches Statement.

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 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Mai 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburgerin des Monats: Mariya Kostadinova von Sperrgebiet

Bei Sperrgebiet, einer Beratungsstelle des Dia­konischen Werks in Hamburg, kämpft Mariya Kostadinova für die Rechte von Sexarbeiterinnen und ihre gesellschaftliche Anerkennung

Interview: Anna Meinke

 

SZENE HAMBURG: Mariya, wann und warum hast du dich für die Arbeit bei Sperrgebiet entschieden?

Mariya Kostadinova: Ich bin seit Dezember 2016 bei Sperrgebiet St. Georg. Ich bin ausgebildete Sozialarbeiterin und habe mein Diplom aus Bulgarien hier in Deutschland anerkennen lassen. Nachdem ich in einem Hilfsprojekt für zugewanderte Frauen aus Bulgarien und Rumänien, die hier in Hamburg als Sexarbeiterinnen arbeiten, tätig war, bin ich zu Sperrgebiet gekommen.

Mein Wunsch war und ist es, Menschen in Not bei der Hilfesuche zu unterstützen. Außerdem fand ich die Arbeit bei Sperrgebiet so spannend, weil das Thema Sexarbeit in meinem Heimatland Bulgarien tabu ist. Dort ist Sexarbeit offiziell verboten – natürlich passiert es auf illegalem Weg trotzdem. Das Verbot führt dazu, dass das Milieu total unkontrolliert bleibt.

Die Menschen, die dort der Sexarbeit nachgehen, sind nicht geschützt, weil sie außerhalb des Gesetzesrahmens tätig sind. Oft sind sie Opfer von Gewalt, manchmal sogar von Menschenhandel. Ich finde es toll, dass es hier in Deutschland Beratungs- und Hilfssysteme wie das von Sperrgebiet gibt.

Welche Angebote bietet Sperrgebiet den Sexarbeiterinnen?

Unsere Angebote wirken auf einem niedrigschwelligen Niveau. Das heißt, dass hier in der Beratungsstelle St. Georg zuallererst die Grundbedürfnisse der Frauen abgedeckt werden: Sie bekommen warmes Essen und Hygieneartikel, sie können duschen, sich aufwärmen oder ihre Wäsche waschen. Außerdem können sie mit all ihren Fragen zu uns kommen.

Auch bei gesundheitlichen Problemen sind wir für die Frauen da. Zweimal die Woche kommt eine tolle Ärztin, die die Frauen untersucht, ihre Fragen beantwortet oder sie an Fachärzte vermittelt. Wenn es dann zum Arzt, zur Bank oder zum Arbeitsamt geht, begleiten wir die Frauen. Die aufsuchende Arbeit auf der Straße ist normalerweise auch ein zentraler Teil von Sperrgebiet.

Und wie reagieren die Frauen auf eure Angebote – vor allem, wenn ihr sie auf der Straße ansprecht?

Oft reagieren die Frauen sehr ungläubig. Sie denken dann, dass wir ihnen etwas verkaufen wollen und können es nicht fassen, dass unsere Hilfe kostenlos ist. Das liegt vor allem daran, dass sie solche Hilfeleistungen nicht kennen – speziell, wenn sie aus dem Ausland kommen. In vielen Ländern gibt es gar keine Hilfssysteme für Sexarbeiterinnen.

Welche Erwartungen hattest du von der Beratung und Unterstützung von Sexarbeiterinnen?

Die größte Erwartung an meine eigene Arbeit war, den Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen. Zumindest die Grundversorgung möchte ich sicherstellen, etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf bieten. Frauen schätzen sich selbst sehr gering, weil sie der Sexarbeit nachgehen. Ich möchte ihnen jedoch erklären, dass sie sich nicht schämen oder als zweitklassig fühlen müssen. Denn Sexarbeit ist ein richtiger Beruf ! Und wir als Fachberatungsstelle wünschen uns, dass Sexarbeit als richtiger, anerkannter Job wahrgenommen und behandelt wird.

War und ist die Arbeit auch in etwa so, wie du sie dir vorgestellt hast?

Ja, teilweise. Was ich jedoch nicht wusste, ist, dass viele Frauen zum Beispiel gar nicht alphabetisiert sind. Solche Probleme kommen dann noch obendrauf – besonders bei der Jobsuche. Auch die große Skepsis vieler Frauen, die wir zum ersten Mal ansprechen, hat mich überrascht.

 

„Für Sexarbeiterinnen ist die Pandemie verhängnisvoll“

 

Hast du bei Sperrgebiet eine Art Arbeitsalltag, also gewisse Routinen? Oder ist jeder Tag anders?

Vor Corona, oder nach Corona (lacht)? Es gibt natürlich Dinge, die wir jeden Tag erledigen. Papierkram, Beratungsgespräche, Behördengänge, Essensausgabe. Die individuellen Probleme der Frauen führen dazu, dass die Arbeit nie langweilig wird. Jeden Tag erlebe ich etwas Neues und lerne andere Frauen kennen. Das stellt mich Tag für Tag vor neue Herausforderungen. Durch Corona hat sich jedoch einiges verändert.

Was bedeutet die Pandemie denn für deine Arbeit – und natürlich für die Sexarbeiterinnen?

Für die Sexarbeiterinnen ist die Pandemie verhängnisvoll. Das Berufsverbot führt sie gezwungenermaßen in die Illegalität: Suchen sich die Frauen keine neuen Wege, um ihrer Arbeit nachzugehen, verlieren sie ihre Einkommensquelle. Ihnen wird durch das Verbot die Arbeitsgrundlage genommen.

Für die Arbeit von Sperrgebiet bedeutet die Pandemie, dass wir sie auf ein Minimum begrenzen müssen. Wir haben uns dazu entschlossen, geöffnet zu bleiben, so weit es eben geht. Wir beschränken die Arbeit auf dringend notwendige Bereiche, wie etwa die medizinische Versorgung durch unsere Ärztin, die Vergabe von Lebensmitteln und Hygieneartikeln sowie die Hilfe bei Existenzfragen. Außerdem begleiten wir die Frauen bei kurzfristigen Terminen. Die sonst sehr wichtige Arbeit auf der Straße können wir leider gerade nicht anbieten. So werden unsere Angebote schwerer zugänglich.

Was ist für dich die größte Herausforderung bei der Arbeit?

Das Vertrauen der Frauen zu gewinnen. Viele von ihnen haben regelrecht Angst vor Beratungsstellen, weil sie damit nicht vertraut sind. Sie trauen sich nicht, Angebote in Anspruch zu nehmen, haben Angst, die Sprache nicht zu verstehen. Für uns ist es also wichtig, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, sodass die Frauen sich wohlfühlen und unsere Angebote in Anspruch nehmen. Nur so können wir ihnen helfen.

Und was waren deine bisher größten Arbeitserfolge?

Wir schaffen es trotz aller Schwierigkeiten immer wieder, die Frauen auf dem Weg in eine offizielle Anmeldung ihrer Tätigkeit zu begleiten, einen neuen Job für einige zu finden oder ihnen zumindest eine Grundversorgung zu bieten.

Wenn wir uns hier in unserer Küche in St. Georg versammeln – also in Nicht-Corona-Zeiten – und zusammen kochen und uns austauschen, merke ich, dass sich die Frauen zumindest für einen kurzen Moment geborgen fühlen. Das ist für mich der größte Erfolg.

Wie gehst du damit um, auch schwere Schicksale kennenzulernen? Nimmst du die Arbeit oft mit nach Hause?

Vielen Frauen, mit denen wir hier in St. Georg arbeiten, geht es sehr schlecht. Sie leiden unter psychischen und körperlichen Beschwerden, sind sehr belastet. Sie leben zusätzlich unter äußerst prekären Umständen, haben manchmal kein Dach über dem Kopf. Das trifft mich natürlich. Ich versuche, professionell zu sein, die Grenzen zwischen Privatleben und Arbeit zu wahren. Ich sage mir dann, dass ich selbst psychisch, mental und körperlich fit sein muss, um die Frauen unterstützen zu können. Doch wenn ich morgens aufwache und sehe, dass es regnet, denke ich direkt an Klientinnen, die auf der Straße schlafen. Abschalten kann ich da nicht.

Würdest du dir mehr Unterstützung aus der Politik wünschen? Vielleicht auch gewisse Gesetzesänderungen?

Ich wünsche mir, dass Sexarbeit besser geschützt wird und die Rechte der Sexarbeiterinnen geachtet werden. Außerdem muss ein gutes Netzwerk von Beratungsstellen vorhanden sein, um den Frauen genügend Hilfe bieten zu können.

sperrgebiet-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2021. Das Magazin ist seit dem 29. April 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburgerin des Monats: Andrea de Luna von „Deintopf“

Im März 2020 wurde der erste Lockdown ausgerufen. Suppenküchen schlossen – und Andrea de Luna eröffnete die soziale Essens- und Lebensmittelausgabe „Deintopf“ im Karoviertel

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Andrea, Glückwunsch zum Einjährigen. Was steht heute auf dem Speiseplan?

Andrea de Luna: Es gibt Fischfrikadelle mit Kartoffelsalat, Gulaschsuppe mit Kartoffeln oder Spätzlepfanne Veggie mit Gemüse und Rahmsoße. Wir haben immer drei bis vier Gerichte zur Auswahl, damit für jeden Geschmack, aber auch für jede Verträglichkeit was dabei ist. Und immer auch was Vegetarisches.

Wie viele Gäste habt ihr pro Tag?

Das ist verschieden. Am Monatsende sind es mehr Gäste als am Monatsanfang. Das ist auch immer bisschen wetterabhängig, aber wir sprechen hier von einer Zahl von 100–200 Gästen pro Ausgabe.

Hat sich die Gästestruktur seit Beginn der Pandemie verändert?

30 Prozent unserer Gäste sind Menschen ohne festen Wohnsitz. Ich kenne viele von meinem Ehrenamt bei Hanseatic Help, Kältebus, Café mit Herz und Alimaus. Es kommen immer mehr alte Menschen und Alleinerziehende. Die brauchen das wirklich. Die einen für ihre Familien und die Älteren, damit sie überhaupt noch etwas zu essen haben.

Kümmert ihr euch auch um Gäste, die nicht mobil sind?

Ja, das bieten wir an. Wir liefern mit Lastenfahrrädern. Anfangs waren das mehr Gäste. Inzwischen ist es nur noch ein Herr, den wir auch von Anfang an versorgen. Unser Angebot besteht aber weiterhin: Wenn jemand nicht mobil ist, soll er sich bitte melden. Wir bringen das Essen vorbei. Allerdings begrenzt auf das Karoviertel.

Sind Freundschaften mit Gästen entstanden?

Man muss schon so professionell sein, dass man sich ein bisschen abgrenzt. Punkt A: Wir wollen niemanden bevorzugen. Die Gäste achten stark drauf, dass sich keiner vordrängelt oder einer mehr kriegt als der andere. Und B: Es sind es halt Menschen, und hinter jedem Menschen steht ein Schicksal. Diese Schicksale sind manchmal sehr traurig.

Man muss auf sich achten, dass man nicht zu viel davon mit nach Hause nimmt. Aber natürlich haben viele Gäste zu uns ein freundschaftliches Verhältnis. Die Helfer sind ja immer die gleichen. Die bauen Beziehung auf, die freuen sich darüber. Wenn jemand zwei Wochen nicht da ist, fragen sie auch, wo ist denn der? Es sind immer drei Helfer draußen. Die Gäste lieben das, sich einfach mit ihnen zu unterhalten, auch mal Spaß zu machen.

 

„Mich motiviert es, rauszugehen, was zu tun“

 

Du bist im Hauptberuf Erzieherin. Wie kriegst du das alles hin?

Das Wichtige ist ja, diese Projekte anzustoßen, aufzubauen. Wenn sie gut laufen, dann laufen sie halt auch. Und ich habe großes Vertrauen in meine Helfer. Wir treffen uns einmal die Woche im digitalen Meeting, besprechen alles. Jeder soll sich einbringen – ich bin Freund von Schwarmintelligenz.

Die Helfer können sich so mit dem Projekt identifizieren und machen das ein Stück weit zu ihrem eigenen Projekt. Innerhalb des Teams haben sich Freundschaften gebildet, wir haben ja ein sehr harmonisches und liebevolles Miteinander. Das ist uns wichtig. Gut miteinander umzugehen. Das ist Ehrenamt, und wenn man im Ehrenamt genauso gestresst ist wie im Job, dann möchte man es irgendwann nicht mehr machen.

Was ist deine Motivation?

Meine Motivation ist, Menschen zu helfen. Ich weiß, wie sich das anfühlt, wenn man nicht genug zu essen hat oder es einem schlecht geht. Und ich kann das schwer aushalten, wenn ich sehe, dass es Menschen schlecht geht. Ich werde dann aktiv. Es nützt ja niemandem was, wenn ich zu Hause sitze und grüble. Mich motiviert es, rauszugehen, was zu tun. Ich überleg mir dann Dinge, die ich machen kann, um diesen Zustand zu verbessern.

Aus wie vielen Leuten besteht Deintopf?

Wir sind ein Team aus etwas über 50 Menschen. Wir arbeiten mit einem festen Dienstplan, in den sich jeder selber eintragen kann. Die Schichten sind genau aufgeteilt. Man kann nicht einfach herkommen und sagen, ich helfe jetzt mal mit, weil ich Lust zu habe. Außer man bleibt dann die ganze Zeit draußen, weil wir natürlich auch Auflagen haben und darauf achten müssen, dass es in den Räumen nicht zu voll wird. Zum Eigenschutz und zum Schutz unserer Gäste.

Wie ist der Anteil von Frauen und Männern?

Wir haben inzwischen auch schon sehr viele motivierte Männer dabei. Tatsächlich ist es aber so, dass der Großteil Frauen sind. Ich bin ja noch bei anderen Sachen aktiv. Das sehe ich überall im Ehrenamt.

Wie erklärst du das?

Ich will das nicht pauschalisieren, aber ich glaube, Frauen sind doch oft empathischer als Männer. Sie können mehr nachvollziehen, haben eher das Gefühl, dass sie helfen möchten. Es wurde uns irgendwie schon in die Wiege gelegt, dass wir uns immer gut um alle und alles kümmern.

Wer kocht für euch?

Zu Beginn hat der Foodeventclub sehr viel für uns gekocht. Auch die Flora Volksküche ist von Anfang an dabei. Außerdem das Buddels Restaurant, die Passage Gastronomie und die Juwelier Espressobar. Es wechselt auch immer mal. Wir können uns nicht beklagen.

Es möchten noch viel mehr Leute für uns kochen, aber wir haben gar nicht die Kapazitäten, das alles zu verteilen.

Welche Rolle spielt der Gesundheits­aspekt?

Es gibt immer ein vegetarisches oder veganes Gericht. Wir bieten kein Schweinefleisch an. Jeder Gast sucht sich selbst aus, was er mitnimmt. Auch an Lebensmitteln. Wir packen hier keine Taschen. Jeder Mensch kann nach Geschmack und Verträglichkeit selbst auswählen.

 

„Alles wäre erst gut, wenn es das Ehrenamt nicht mehr bräuchte“

 

Hast du da Unterstützung durch Behörden bekommen?

Also, ich habe zumindest vom Bezirksamt Mitte alle Genehmigung bekommen. Das ist ja schon mal gut. Ich bekomme auch Dankesschreiben (lacht). Ansonsten ist es natürlich so, dass Behördenmühlen langsam mahlen. Die sind auf alle Fälle bemüht.

Ich denke, dass die Stadt Hamburg mehr machen könnte. Eigentlich wäre es ja alles erst gut, wenn es das Ehrenamt nicht mehr bräuchte. Wobei wir das alles gerne tun. Manchmal ist es schwierig mit den Behörden. Wenn ich erst mal 20 Anträge und Passierschein 53 B beantragen muss um 100 Euro zu kriegen, dann lass ich das lieber, weil ich eigentlich auf anderen Wegen auf größere Summen komme.

 

Deintopf finanziert sich ausschließlich durch Spenden?

Ja, hier ist alles durch Spenden finanziert. Wir haben ja auch keine Verwaltungskosten, weil wir Gott sei Dank immer noch mietfrei hier sind. Wenn wir endlich Räume gefunden haben, sind Miete und Betriebskosten schon gesichert, weil die Reimund C. Reich Stiftung uns angeboten hat, diese zu übernehmen. Das ist eine große Stiftung in Hamburg, die sich im Bereich Armutsbekämpfung stark macht und viele Projekte unterstützt. Das Problem ist, das wir keine Räume finden.

Arbeitet ihr mit anderen Projekten zusammen?

Wir haben alle zwei Wochen ein großes digitales Meeting. Da sind ich und eine Helferin zusammen mit anderen Initiativen drin. Wir sprechen über wichtige Themen, was sind die Bedarfe, wie können wir noch helfen? Wir arbeiten gemeinsam an Konzepten. Oder jemand schreibt, ich habe 1.000 FFP2-Masken gekriegt. Lass uns die teilen!

Im Sommer, als die Wasserversorgung auf der Straße so schlecht war, haben wir gemeinsam Wasser bestellt. Hanseatic Help hat das alles für uns eingelagert. Wir konnten das dann jederzeit abrufen.

Wie waren die Reaktionen, als du mitten im ersten Lockdown Deintopf gegründet hast?

Von Seiten der Gäste her natürlich positiv. Viele haben wirklich geweint und gesagt, Gott sei Dank, das war meine erste warme Mahlzeit seit zwei Wochen. Diesen Menschen sind ja auch sämtliche sozialen Netzwerke weggebrochen. Meine Familie war zwiegespalten: Oh Gott, es ist Pandemie und du bist da immer mit Menschen! Aus Helferkreisen kam vereinzelt: Alle machen zu und du machst auf? Denkst du, du kannst das besser als die anderen? Ich weiß, dass man gerade zu Pandemiezeiten aufpassen muss. Das ist für uns alle neu.

Ich wusste aber auch, dass ich das gewisse Know-how habe, weil ich seit fünf Jahren ehrenamtlich arbeite und mich auf den Bereich Mobile Aufgaben spezialisiert habe. Jetzt kann ich ein bisschen stolz sagen: Ja, da haben wir das meiste richtig gemacht.

facebook.com/Deintopf


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Hamburgerin des Monats: Kassiererin Karima Quattaybi

Ohne Frauen wie Karima Quattaybi, 40, würde in Hamburg nichts laufen. Sie saß an der Kasse im Rewe Center Altona, als dort im Frühjahr 2020 Menschenmengen einkauften, als würde es dort morgen nichts mehr geben, und hatte ein mulmiges Gefühl, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Anfangs wurde auf den Balkonen auch für die Kassiererinnen und Kassierer geklatscht, doch im zweiten Lockdown gibt es nur noch wenig Aufmunterung der Kunden, bei denen viele mit eigenen Problemen zu kämpfen haben

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Karima Quattaybi, erinnert Sie die aktuelle Situation an den Lockdown im März?

Karima Quattaybi: Wir nehmen im Januar schon wahr, dass die Kunden weiterhin verstärkt einkaufen. Das ist zum Jahresanfang ungewöhnlich. Die Kunden sind aber ruhiger und respektieren die getroffenen Vorkehrungen.

Was ist anders als im Frühjahr 2020?

Durch die Auflagen und Landesverordnungen ist die Kundenanzahl im Markt limitiert, dadurch ist es insgesamt ruhiger als im Frühjahr. Damals habe ich einer Zeitung gesagt: ,Da hatten wir jeden Tag Silvester.‘ Dazu muss man wissen, dass dies normalerweise der stärkste Einkaufstag für uns im Jahr ist.

Wie läuft es mit dem Verkaufsverbot für Alkohol, das in diesem Gebiet in Altona seit vergangenem Sommer gilt?

Wir haben am Eingang und im Markt in der Abteilung entsprechende Aushänge, die darauf hinweisen. Am Anfang haben die Kunden mit Unverständnis reagiert, mittlerweile ist dies aber ebenfalls Gewohnheit und sorgt für wenig Trubel.

Was wird jetzt gehamstert?

Wir haben im Frühjahr viel gelernt, und ich denke die Kunden auch. Aufgrund des Lockdowns merken wir aber eine erhöhte Nachfrage bei Non-Food-Artikeln, beispielsweise den Haushaltsartikeln. Bei uns gilt, unabhängig von der Warengruppe: Wir verkaufen alles in haushaltsüblichen Mengen.

Verstehen Sie, warum so viel gekauft wird?

Eher nicht, wenn man alleine auf das Thema Öffnungszeiten etc. schaut. Wir hatten nicht einen Tag in den letzten Monaten, außer der gesetzlichen Feiertage, zu. Wobei man auch nicht vergessen darf, dass viele Familien zu Hause sind und da natürlich auch ein größerer Bedarf an Lebensmitteln vorhanden ist. Es wird jeden Tag für Groß und Klein gekocht, da braucht man natürlich schon mehr Lebensmittel.

Was beschäftigt die Menschen?

Viele sind in Kurzarbeit. Wir kennen einige Kunden in Altona schon lange und das ist dann traurig zu hören. Gerade von den Menschen in der Gastro, für die es gerade nicht einfach ist. Sie müssen jeden Cent umdrehen und wissen nicht, wie es weitergeht. Und viele haben zurzeit nichts anderes als einzukaufen. Die Kunden sind nicht mehr so gesprächig, muss ich sagen. Das finde ich schade. Wir wollen alle einkaufen gehen und wir machen das hier gerne.

Wie lange arbeiten Sie schon hier?

Seit 2002. Im nächsten Jahr also schon 20 Jahre.

Sie haben eben kurz gelacht, als Ihre Kollegin sagte, Sie seien hier der Sonnenschein.

Nach der Spätschicht von letzter Woche brauche ich noch etwas, um zu strahlen.

 

„Wir bekommen das hin – auf jeden Fall“

 

Wie geht Ihre Familie mit der Situation um?

Ich habe eine Tochter. Die ist 16, geht aufs Gymnasium und sitzt gerade im Online-Schooling. Ist auch alles ein bisschen schwierig. Läuft alles nicht rund gerade. Das Internet bricht dauernd zusammen, hat sie mir berichtet. Ich verlasse mich darauf, dass sie es alleine hinkriegt. Aber sie macht es gut und macht keinen Blödsinn.

Reden Sie mit Ihren Kollegen über die Gefahr, sich anzustecken?

Wir alle haben diese Gedanken. Wir haben Kontakt zu vielen verschiedenen Menschen. Das gibt ein mulmiges Gefühl. Das Risiko, sich anzustecken, ist da. Dazu kommt: Jetzt ist Erkältungszeit und es kommt vor, dass Leute husten. Im Markt weisen wir nach wie vor auf die Abstandsregeln, Maskenpflicht und das regelmäßige Händewaschen hin – denn das sind die wichtigsten Regeln, um gesund zu bleiben.

Fühlen Sie sich sicher hinter der Plexiglasscheibe?

Ich bin froh, dass wir diese Plexiglasscheiben gekriegt haben.

Wie erinnern Sie sich an die Zeit, als abends auf den Balkonen geklatscht wurde?

Das waren zwei Wochen. Wir haben viele Stammkunden, die sagten: ,Toll, dass ihr noch da seid.‘ Es war ja schon beeindruckend, weil man auf einmal wichtig war. Sonst war es selbstverständlich, dass wir da waren. Jetzt gehörten wir zur besonderen Kategorie, die für die Versorgung wichtig ist.

Ist noch etwas aus dieser Zeit bei den Kunden da?

Nein, wirklich nicht viel. Das war ganz schnell vorbei. Der Einzelhandel ist ein bisschen untergegangen, was die Wertschätzung betrifft.

Haben Sie zum Jahresende eine Prämie bekommen?

Ja, die gab es. Vom Arbeitgeber auf freiwilliger Basis. Hat mich gefreut. Und noch etwas ist ganz gut: Wir dürfen uns Obst, einen Snack und Getränke nehmen und müssen die Artikel nicht an den anderen Kassen bezahlen, wenn es voll ist.

Wie sind die Aussichten für die nächsten Wochen und Monate?

Wir haben 120 Mitarbeiter in Altona, unter denen auch viele jünger sind. Ich denke, wir bekommen das hin. Auf jeden Fall. Weil wir uns auch mit den Kollegen austauschen. Dadurch, dass wir zusammenhalten, ist das Team gut. Ansonsten würden wir das nicht so einfach durchstehen. Denn wir sind auch angespannt, muss ich zugeben.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburgerin des Monats: Köchin Cornelia Poletto

Die Hamburger Star-Köchin Cornelia Poletto steht für Genuss – soweit, so bekannt. Aber nicht alle wissen um ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten. Ein Gespräch über Entenkeulen für Senioren und einen Instagram-Takeover für Ärzte und Pfleger des Altonaer Kinderkrankenhauses

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Cornelia Poletto, kürzlich ist die zweite Ausgabe Ihres eigenen Magazins erschienen. Bereits im ersten „Cornelia Poletto“-Heft las man in Ihrem Editorial, Sie wollten damit ein wenig Leichtigkeit und Dolce Vita verschenken in einem herausfordernden Jahr. Schauen wir doch mal auf Ihr 2020: Was war zu Pandemiebeginn für Sie die erste große Herausforderung?

Cornelia Poletto: Konsequent Entscheidungen zu treffen. Auch zu handeln, zu motivieren, Mitarbeiter abzuholen. Und natürlich sich selbst ständig zu informieren, was da eigentlich gerade los ist. Wobei ich in Sachen Pandemie einen kleinen zeitlichen Vorteil hatte.

Weil Sie auch in Shanghai ein Restaurant mitbetreiben und den dortigen Umgang mit der Pandemie kannten?

Genau. Die Menschen dort waren uns Corona-technisch ja zwei Monate voraus. Ich wusste dadurch, was bei uns in Hamburg im März richtig war, nämlich unser Restaurant in Hamburg zu schließen und uns auf Abholung und Lieferung zu konzentrieren.

Diese Alternativen brauchen etwas Vorbereitungszeit. Und da wir das Restaurant bereits vier Tage vor dem offiziellen Lockdown geschlossen haben, konnten wir Delivery und Take-away als eines der ersten Hamburger Restaurants anbieten.

 

„Ich ziehe aus allem das Positive“

 

Hatten Sie in den Frühjahrsmonaten vor allem Sorgen oder eher optimistische Gedanken à la „Wir schaffen das schon!“?

Ich war voll auf die Zukunft fokussiert. Viel Zeit zum Nachdenken hatte ich eh nicht und wollte einfach das Beste aus der Situation machen, genau wie wir es in Shanghai gemacht haben. Ich bin jemand, der aus allem das Positive zieht.

Zum Beispiel, dass ich in den angesprochenen Monaten endlich mal wieder Zeit hatte, mit meinen Mitarbeitern im Restaurant kreativ zu sein. Das hat mir sehr viel Freude bereitet. Wir haben zum Beispiel unsere Kochboxen aufgebaut, die sehr erfolgreich wurden. Bis Weihnachten werden wir noch über 1.000 Stück verschicken.

Was neue Ideen in der Corona-Zeit angeht, habe ich mich auch mit anderen Hamburger Gastronomen ausgetauscht. Es war schön zu sehen, dass in dieser schwierigen Phase niemand nur geschaut hat, wie er oder sie da irgendwie alleine durchkommt, sondern dass alle gemeinsam überlegt haben, wie es gehen könnte.

Sie haben in den ersten Corona-Monaten zudem für ein paar Glücksmomente bei Senioren gesorgt, als Sie Poletto-Mittagessen in Pflegeheimen ablieferten.

Es gab einen Aufruf von der AWO, eine Patenschaft zu übernehmen, also zum Beispiel Einkäufe für Senioren zu erledigen. Ich habe mich dann einfach mal angemeldet, und es vergingen keine zwei Stunden, da rief man bei mir an: „Frau Poletto, sind Sie es selber? Großartig wäre ja, wenn Sie mal für unsere Senioren kochen könnten!“ Das haben wir dann auch gemacht.

600 Essen haben wir während des ersten Lockdowns zubereitet, unterstützt von Stammgästen, und zusammen mit einem Mitarbeiter habe ich alles verteilt. Zum zweiten Lockdown haben wir diese ehrenamtliche Arbeit wieder aufgenommen, seitdem bringen wir Senioren in zwei Einrichtungen an den Adventssonntagen 100 leckere Entenkeulen.

 

„Dann komme ich eben zu euch nach Hause“

 

Kamen Sie bei all dem Engagement auch noch dazu, im Altonaer Kinderkrankenhaus vorbeizuschauen, das Sie als Schirmherrin unterstützen?

Es ist schwierig, direkt vor Ort zu sein bei den kleinen Patienten, man muss da wirklich sehr vorsichtig sein. Aber: Wir haben gemeinsam mit den dortigen Ärzten und Pflegern eine schöne Aktion auf die Beine stellen können, die auch ohne Besuch funktionierte. Ich habe ihnen eine Woche lang meinen Instagram-Account überlassen, um ihnen eine Plattform zu bieten, ihre tägliche Arbeit zu zeigen. Das war unsere Alternative zum gemeinsamen Plätzchenbacken und Kochen, was wir sonst immer machen.

Eine Alternative für die Kochkurse in Ihrer „Cucina Cornelia Poletto“ haben Sie auch entwickelt: Live-Events, die online genossen werden können. Erzählen Sie doch mal, wie Sie Ihre Kochschule digitalisiert haben.

Es rieselte Absagen von Kursen, und mein Palazzo-Zelt findet dieses Jahr auch nicht statt. Zudem können wir mit Delivery und Take-away bei Weitem nicht das Weihnachtsgeschäft abdecken, das wir normalerweise haben. Mir geht es um die Pflege meiner Gäste, die nicht bei mir zusammenkommen können, weder bei Kochkursen, noch bei Weihnachtsfeiern.

Also habe ich gesagt: „Dann komme ich eben zu euch nach Hause!“ Von heute auf morgen habe ich mit meinen Mitarbeitern ein Küchenstudio aufgebaut, mit Kameras, Licht, Schaltpult und vielem mehr. Seitdem können wir wieder alle gemeinsam kochen und lustige wie leckere Live-Events feiern.

cornelia-poletto.de


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Luisa Neubauer im Interview: Raus aus der Komfortzone

Als Luisa Neubauer noch in Blankenese zur Schule ging, hatte sie nie vorgehabt, Vollzeit-Klimaaktivistin zu werden. Doch: Sie wurde zum bekanntesten Gesicht von Fridays for Future Deutschland und beschreibt in ihrem Bestseller, was Hamburg im Jahre 2050 bevorsteht

Text: Mathias Greulich 
Foto: Fridays for Future Deutschland

 

SZENE HAMBURG: Luisa Neubauer, Sie haben mit Peter Tschentscher beim Körber-Forum über die Klimakrise debattiert. Welchen Eindruck haben Sie vom SPD-Bürgermeister? 

Luisa Neubauer: Herr Tschentscher ist ein unaufgeregter Mensch. Man kann mit ihm sachlich diskutieren, es waren angenehme Gespräche. Dennoch ist in der Klimabilanz unter seiner Verantwortung noch dermaßen viel Luft nach oben. Hamburg hat als reiche CO2-intensive Stadt die Möglichkeit, Klimavorreiter zu werden. Ein grüner Leuchtturm im Norden.

Andere Städte sind da weiter.

Es war total irre. Einen Tag nach der Diskussion mit Herrn Tschentscher habe ich den Bürgermeister von Kopenhagen getroffen. Frank Jensen ist ein charismatischer Mensch. Übrigens kein Grüner, sondern ein Sozialdemokrat. Ich war sehr beeindruckt, wie visionär er beim Klimaschutz an die Sache herangeht. Kopenhagen will schon 2025 klimaneutral werden.

Noch im September demonstrieten 100.000 Hamburger für besseren Klimaschutz, am selben Tag hat die Bundesregierung ihr Klimapaket beschlossen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagt inzwischen in Richtung Fridays for Future, dass es nicht reiche, „jede Woche apokalyptische Bedrohungen zu beschreiben, die kaum zu bewältigen scheinen“. Die Demokratie werde schlecht geredet. 

Ich frage mich, aufgrund welcher Sachlage diese Aussagen von Herrn Steinmeier getroffen wurden. Wir sind Teil einer gelebten Demokratie, in dem wir Woche für Woche auf die Straße gehen. Das ist urdemokratisch, ebenso wie ziviler Ungehorsam. Wir wollen eine inhaltliche Debatte darüber führen, was man den Menschen zumuten kann. Es wird Zeit, dass die Regierung beim Klimaschutz endlich loslegt. Aber nicht so, wie es im Klimapaket vereinbart wurde, das zur Erreichung der Klimaziele nicht zielführend ist. Wir sind in einer entscheidenden Phase. Wir sind diejenigen, in deren Händen es liegt, ob das Ende der Klimakrise jetzt beginnen kann.

 

„Menschen brauchen Antworten und keine Beschwichtigungen“

 

Mit Alexander Repenning haben Sie gemeinsam das Buch „Vom Ende der Klimakrise. Eine Geschichte unserer Zukunft“ geschrieben. Sie sind beide aus Hamburg und skizzieren, was Ihrer Heimatstadt durch den Anstieg des Meeresspiegels im Jahr 2050 bevorsteht. Der Satz, dass sich „die Kinder auf den Schulhöfen im Sommer die Füße verbrennen werden“, wird als Panikmache kritisiert. 

Was wir beschreiben, passiert heute schon. Wir haben in der Recherche mit Stadtplanern gesprochen, die Schulhöfe mittlerweile anders konzipieren müssen. Die wissenschaftlichen Szenarien von häufigeren Sturmfluten und sehr viel heißeren Sommern sind die Spitze des Eisbergs. Was uns droht, ist schwer vorstellbar. Viele stellen sich die Frage, wie man mit den vorliegenden Informationen der Wissenschaftler umgeht. Darauf brauchen die Menschen ernsthafte Antworten und keine Beschwichtigungen. Viele Menschen, die unser Buch gelesen haben, schreiben mir. Das zeigt mir, dass es richtig war, diese Dinge so aufzuschreiben.

Als Sie selber noch auf die Grundschule Iserbrook gingen, haben Sie gegen deren drohende Schließung erfolgreich demonstriert. War es für Sie eine wichtige Erfahrung, dass Protest etwas bewirken kann? 

Politik hat im Alltag meist eine entfernte Dimension, aber damals haben wir eine Selbstwirksamkeit im Politischen erfahren. Es war glaube ich der Senat unter Ole von Beust, der reihenweise Grundschulen schließen wollte. Das war natürlich bildungspolitischer Nonsens, gegen den es einen breiten Widerstand gab.

Sie schreiben, dass Sie als 13-Jährige zum ersten Mal etwas über den Treibhauseffekt gehört haben. Eine Doppelstunde im Erdkundeunterricht, das war’s. 

Ich fand es damals irritierend, dass ein so wichtiges Thema in 90 Minuten gequetscht wurde. Ich begann, mich mit der Klimakrise zu beschäftigen. Ein Jahr später beschloss ich als Konsequenz auf die Informationen, die ich nach und nach gewann, Vegetarierin zu werden. Meine Eltern haben das damals noch nicht verstanden. Es gab immer mehr Fragen zu den ökologischen Grenzen des Wachstums und der Zukunft des Planeten, die ich mir stellte. Ein Jahr nach der Schule beschloss ich, Geografie zu studieren.

 

Klimaaktivistin mit 80-Stunden-Woche

 

Schüler bekommen auf dem Marion-Dönhoff-Gymnasium in Blankenese heute wahrscheinlich mehr Antworten zum Treibhauseffekt als Sie vor zehn Jahren. 

Damals hieß die Schule noch Willhöden. Ich war auch mal wieder dort, um über die Klimakrise mit der Oberstufe zu diskutieren. Sie geben sich inzwischen viel mehr Mühe, bei diesem Thema etwas zu verändern.

Was halten Ihre ehemaligen Mitschüler davon, dass Sie jetzt Vollzeit-Klimaaktivistin sind? 

Die finden es glaube ich ganz okay. Wir sind alle nach dem Abi unserer Wege gegangen und machen ganz unterschiedliche Sachen. Ich glaube, sie möchten nicht mit mir tauschen.

Im Frühjahr hatten Sie eine 90-Stunden-Woche. 

Das war als wir mit Fridays for Future begonnen haben, auf die Straße zu gehen. Ich hatte noch niemals eine Demo organisiert und bin aus meiner persönlichen Komfortzone herausgetreten. Mittlerweile mache ich einen Tag in der Woche frei und komme auf 80 Stunden.

Und Sie haben eine Morddrohung bekommen. 

Ja, das war extrem schockierend.

fridaysforfuture.de/ortsgruppen/hamburg

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 29. November 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger des Monats: Hundeführerin Yvonne Mennesclou

Yvonne Mennesclou ist ehrenamtliche Hundeführerin in einer Rettungsstaffel beim Roten Kreuz. Die 40-Jährige und ihr Australian Shepherd Mila werden gerufen, wenn Menschen im Wald oder unter Trümmern vermisst werden

Interview: Matthias Greulich 

 

SZENE HAMBURG: Frau Mennesclou, wie läuft ein Einsatz ab?

Yvonne Mennesclou: Meistens ist es so, dass man gerade schläft, wenn der Alarm losgeht. Wir fahren los und treffen dann unsere Einsatzleitung vor Ort, die mit der Polizei kommuniziert. Wir kriegen unser Gebiet vorgegeben und gehen mit den Hunden in die Suche. Wir suchen vermisste Menschen, Demenzkranke, kleine Kinder und Leute mit suizidalen Absichten. Gerade in den Wintermonaten werden wir schnell gerufen, weil die Kälte für die Vermissten gefährlich ist. Unsere Hunde laufen frei im Wald. Sie zeigen uns alle Menschen, die liegen, hocken oder sitzen an. Wir haben aber auch noch ,Mantrailer‘, die einen speziellen Geruchsstoff suchen. Die sind meist in der Stadt mit einer zehn Meter langen Leine unterwegs und verfolgen eine einzelne Spur. Wenn die Spur abbricht, zeigen es uns die Hunde an.

Beim Fototermin, der am Waldrand in Rissen stattfand, haben Ihre Hunde Mila und Baya vorbeikommende Jogger keines Blickes gewürdigt.

Genau. Auch Fahrradfahrer, Reiter oder Spaziergänger ignorieren die Hunde. Sie wissen, dass sie keine lau­fenden Personen suchen sollen. Das lernen sie in der Ausbildung, in der sich Baya auch noch befindet.

Auf wie viele Einsätze kommen Sie im Monat? 

Das ist ganz unterschiedlich. In den dunklen, kalten Jahreszeiten sind es deutlich mehr. Es gibt mal Wochen, da habe ich drei Einsätze und auch mal Wochen, in denen wir nicht gerufen werden.

Wo wird die Rettungshundestaffel des DRK Kreisverbands Hamburg-Mitte und Altona eingesetzt? 

In Hamburg, wenn wir von anderen Staffeln zur Unterstützung gerufen werden, sind wir auch mal außerhalb. Wir sind aber nicht mehr bei den Aus­landseinsätzen dabei. Andere Staffeln fliegen durchaus noch ins Ausland, wenn internationale Hilfe angefordert wird.

 

„Die Polizei ist froh, dass sie uns hat“

 

Bekommen Sie Anerkennung, wenn Sie einen vermissten Menschen finden? 

Die Polizei ist froh, dass sie uns hat. Meistens sind die Angehörigen nicht vor Ort. Von ihnen hören wir hinterher eher wenig. Ich mache es nicht wegen der Wertschätzung, sondern weil ich anderen Menschen helfen will. Generell ist es aber schwierig für uns, ausreichende Trainingsmöglichkeiten in und um Hamburg zu finden. Viele möchten keine Rettungshunde in ihren Forst- oder Waldgebieten haben. Wir würden uns über neue Angebote sehr freuen.

Wie sind Sie zur Hundestaffel gekommen? 

Ich war mit meinem Hund bereits eine ganze Weile beim Rettungs­hundesport aktiv – ohne an Einsätzen teilzunehmen. Als ich einige DRK-Teams in Wittstock auf einem Trümmergelände sah, war ich beeindruckt. Ich hatte schon länger darüber nach­gedacht, ehrenamtlich bei einer Rettungsstaffel mitzumachen, wenn dort ein gutes Team ist. Jetzt bin ich bereits seit vier Jahren dabei. Man muss sich etwas umstellen, es ist etwas anders als im Sport, weil es um Menschenleben geht. Meine Hunde werden „dual geführt“, das heißt ich führe sie sportlich und im Einsatz. Es ist ein schöner Ausgleich zum Beruf, bei dem ich für ein großes schwedisches Modeunternehmen in der Logistik arbeite.

Ist es schwierig, einen Hund zu trainieren?

Man muss es wollen und es muss Spaß machen. Wenn ich dem Hund vermittele, dass es toll ist, was wir machen, dann findet der Hund das auch. Nur so schafft er es, ohne ein Leckerli längere Zeit bei Fuß zu laufen.

Erkennt man den Charakter der Tiere bereits im Welpenalter? 

Mila habe ich mit zehn Wochen gekriegt. Ich habe schnell gemerkt, dass sie überlegt und mutig ist. Wir haben sie über einen Steg laufen lassen und durch eine Röhre aus Metall. Man kann das also relativ schnell herausfinden, aber sie entwickeln sich natürlich noch. Generell muss ganz viel in der Sozialisierung tun. Damit sie in Situationen klarkommen, in denen man 100 Meter weg ist. Dass sie sich auch mal trauen, über einen Trümmerkegel zu laufen. Es ist viel Arbeit, die Tiere müssen Höchstleistung bringen.

Welche Hunderassen können bei der Suche eingesetzt werden? 

Generell ist fast jeder Hund dazu geeignet. Ich würde allerdings von kurzschnäuzigen Hunden abraten, die Atemprobleme kriegen können. An­sonsten ist es was für jeden, der sich ehrenamtlich beteiligen und etwas gemeinsam mit dem Hund machen will. In unserer Staffel ist alles bunt gemischt. Es sind Angestellte und Selbstständige. Viele kommen aus dem Hamburger Umland, aber wir haben immerhin vier Mitglieder aus Hamburg. Darunter bin auch ich als Billstedterin. Im Stadtverkehr bin ich lange zum Training, das in Rissen stattfindet, unterwegs. Aber ich freue mich immer auf das Training und die Gemeinschaft.

Achten Ihre Hunde nur auf Ihre Kom­mandos oder auch auf Ihre Körper­sprache?

Sowohl als auch. Sie achten sehr stark auf die Körpersprache des Hundeführers. Und auch auf die Stimmung. Wenn ich schlecht gelaunt bin, kann ich davon ausgehen, dass der Hund nicht so gut arbeitet. Da sind sie sehr feinfühlig. Ich mache dann gar nichts mit meinen Hunden. Das bringt nichts. Das muss man lernen. Ebenso aufzuhören, wenn es am schönsten ist. Denn nach perfekt gibt es immer nur schlecht. Und dann lasse ich eine Übung so stehen, wenn sie super gewesen ist.

Hundetrainer wie Martin Rütter sind mittlerweile Stars, weil viele mit ihrem Haustier offenbar nicht klarkommen. Haben Sie Erziehungstipps?

Ich empfehle den Besuch einer guten Hundeschule. Es gibt Fälle, da klappt es ohne. Aber es gibt eben auch Hunde, denen eine Hundeschule gut tun würde. Gerade wenn sie Menschen anbellen oder nicht sozialverträglich sind. Dann kann man lernen, die Hunde zu führen. Und die Hunde lernen, sich auf den Hundehalter zu verlassen. Es gibt Menschen, bei denen dürfen die Hunde alles. Bei mir läuft das ein bisschen anders.

drk-altona-mitte.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2020. Das Magazin ist seit dem 29. Oktober 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger des Monats: Benjamin Jürgens – Refugee Canteen

Viele Geflüchtete und Migranten haben in der Refugee Canteen erste Grundlagen für gastronomische Berufe gelernt, in denen sie heute arbeiten. Doch nach vier Jahren hat Gründer Benjamin Jürgens sein Herzensprojekt mangels Spenden 2019 vorerst eingestellt. Ein Gespräch mit dem 34-jährigen Gastro-Experten über ein mögliches Comeback dieser einzigartigen Akademie, seine Flucht aus Mümmelmannsberg und kulturelle Unterschiede beim Karottenzählen

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Benjamin, wie entstand die Idee zur Refugee Canteen, eurem Schulungsangebot für Geflüchtete und Migranten?

Benjamin Jürgens: 2015 kam ich zurück aus Indonesien. Ich hörte zum ersten Mal, dass in den Messehallen Geflüchtete untergebracht waren. Wir saßen mit befreundeten Köchen zu­ sammen, haben uns ordentlich einen reingelötet und überlegt, was wir tun können. In der Nacht habe ich das Konzept geschrieben, so ganz genau ist die Erinnerung nicht mehr da.

Aber es war überzeugend.

Ich bekam positives Feedback von der KfW­-Stiftung (Kreditanstalt für Wiederaufbau; Anm. d. Red.), die uns gefördert hat. Wir taten uns mit einem Bildungsträger zusammen. Das Ganze nahm richtig Fahrt auf, weil wir uns die nötige Professionalität im Umgang mit dem Jobcenter ins Boot geholt hatten.

Im Januar 2017 entschlossen wir uns, das Programm für alle Geflüchteten un­ abhängig von ihrem Status zu öffnen. Wir konnten die Menschen erreichen, die zu uns kommen wollten, und muss­ten nicht jeden nach seinem Aufenthaltsstatus fragen.

 

„Den Menschen helfen, die zu uns ins Land kommen“

 

Es lief also ohne Förderung vom Jobcenter?

Ganz genau. Die Crux war: Wo ist das Geschäftsmodell? Von da an waren wir zu 100 Prozent abhängig von Spenden. Anderthalb Jahre lang war das überhaupt kein Problem. Das Thema „Essen, Getränke, Men­schen“ ist ein sehr schönes. Dann kamen weniger Spenden. Wir haben aus einem Zwölf-­Wochen­-Programm ein Drei­-Wochen­-Programm gemacht, um die Kosten immer weiter herunter zu schrauben.

Warum hast du soviel Leidenschaft in das Projekt gesteckt?

Ich wollte den Menschen helfen, die zu uns ins Land kamen. Das war für mich soziale Pflicht. Und ich musste dieser Branche, die mir viel gegeben hat, etwas zurückgeben. Denn ich war in einer ähnlichen Situation, als Kind aus Mümmelmannsberg, das sich ver­stoßen gefühlt hat, nicht zurechtkam in der Welt und in der Gastronomie sein Zuhause fand.

Warum ging es mit der Refugee Canteen nicht weiter?

Wir konnten der Gastronomie und Hotellerie nicht deutlich machen, wie wichtig es ist, heute zu investieren, ob­wohl der Notstand im Personalbereich groß ist. Ebenso wie die Abbrecher­quoten in der Ausbildung. Wir muss­ten deshalb Ende 2019 aufhören.

Man hat uns noch einige Angebote gemacht. Zum Beispiel, nur noch Frauen zu qualifizieren. Das war für uns nicht der richtige Weg. Wir hatten vorher etwa 20 Prozent Frauen bei uns im Programm und es war immer klar, dass jeder gleich wichtig ist.

 

Zwischen verschiedenen Sprachen und Kulturen vermitteln

 

Gibt es neue Ansätze?

Vor einigen Wochen gab es Ge­spräche, die Refugee Canteen auf eine Bar zu beschränken. Aber daraus wird dann ganz oft nichts. Weil das Inte­grieren von Menschen nicht einfach wie ein Hobby funktioniert. Es ist ein spannender Prozess, junge Menschen am Ball zu behalten, wenn sie das erste tiefe Tal haben. Wenn dir langweilig wird und du denkst: „Mann, ich kann keine Karotten mehr sehen.“ Oder es gibt Nachrichten aus dem eigenen Land, die nicht schön sind.

Man kann davon ausgehen, dass jeder, der bei uns war, eine hohe psychische Belastung hatte. Davon konnte sich keiner frei­ machen, selbst wir haben uns einmal im Monat selbst reflektiert und haben Coachings durchlaufen müssen. Weil wir mit Menschen konfrontiert waren, die sich gar nicht öffnen, andere haben einen Riesendruck und wollen den los­ werden.

Was hast du gelernt?

Wenn einer unserer Teilnehmer im Betrieb Probleme hatte, konnten wir sehr schnell erkennen, warum. Wir konnten zwischen den verschiedenen Sprachen und Kulturen vermitteln. Wir konnten dem jungen Teilnehmer sagen: „Wenn der Küchenchef das sagt, meint er das und umgekehrt.“ Ein ganz einfaches Beispiel: Wie viel Finger siehst du? (zeigt mit der offenen linken Hand Daumen, Zeige- und Mittelfinger)

Drei.

In arabischen Ländern wird von rechts nach links gezählt. Der Teilneh­mer schaut also zuerst auf die beiden Finger rechts. Wenn du sagst: „Hol’ mal drei Karotten“, sieht unser Teilnehmer zwei. Und die sehr direkte Ansprache, die wir in Deutschland ja doch haben, wird oft als sehr kritisierend angese­hen.

Unsere Erfahrung war, dass es in­ direkt besser funktioniert. „Bist du der Meinung, dass der Fußboden so sauber ist, dass wir Gäste einladen können?“, ist besser als „Du hast den Fußboden nicht sauber gemacht.“ Jemanden vor der ganzen Gruppe so klein zu machen, bedeutete immer Stress. Ich haben den Betrieben immer gesagt: „Auch wenn sie aus Syrien oder Eritrea kommen, sind das ganz normale Millennials, wie alle anderen auch in dem Alter. Die sind verliebt in ihr Telefon, die wollen ihre Sachen machen und wissen, ob sie in vier Wochen aufs Fes­tival gehen können.

 

Mümmelmannsberg ist ein anderer Stadtteil geworden

 

Was könnte ein nächster Schritt sein?

Im Grunde müsste Hamburg die erste gastronomische Vorschule grün­den, in der sich Menschen orientieren können. Es ist oft so, dass wir junge Menschen haben, die gar nicht wissen, was auf sie zukommt. Uns würde es helfen, Menschen zu finden, die in eine solche Idee investieren wollen. In meinen Augen hat das nichts mehr mit Geflüchteten zu tun. Wenn ich es mir überlege, bin ich aus Mümmelmanns­berg vor 18 Jahren geflohen, um meinen Weg zu gehen.

Ging es vielen ehemaligen Mitschülern ähnlich?

Ja, der Großteil hat studiert, Stipen­dien bekommen und richtig was aus sich gemacht. Das Stigma, mit dem wir aufgewachsen sind, war dann irgend­wann egal. Obwohl ich auch Freunde verloren habe, die bei Messerstechereien ums Leben kamen. Jetzt ist es ein ganz anderer Stadtteil geworden. Einmal im Jahr fahre ich hin, weil es schon Heimat für mich ist.

Ich bin im­mer überrascht, dass es langsam schön dort wird. Die Fassaden werden neu gemacht. Passt mir eigentlich nicht, ich fand es immer schön dort, muss ich sagen. Es war meine Hood, es hat dort immer so eigen gerochen. Auf einmal ist es ganz fancy, was es dort so gibt. Bis auf den Kiosk an der Gesamtschule Mümmelmannsberg. Der ist immer noch da, was ich sehr cool finde.

refugee-canteen.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger des Monats: Mark Pomorin, FCSP Spielerberater

Viele seiner Träume hat Mark Pomorin, 43, wahr werden lassen. Der ehemalige Spieler der Amateure des FC St. Pauli und heutige Spielerberater machte parallel zu seinem damaligen Job in einer Werbe­agentur das Abitur und ermuntert heute Hamburger Schüler, sich für eine Welt ohne Rassismus zu engagieren

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Mark Pomorin, was berichtest du Schülern als Wertebotschafter der Bildungsinitiative „German Dream“?

Ich erzähle meine Lebensgeschichte. Welche Hürden ich überwinden musste. Ich will den Kids vermitteln, dass man mit jeder Hürde, egal wie hoch sie auch ist, umgehen kann.

Du bist 1976 in Hamburg geboren und mit acht Jahren mit deinen Eltern nach Ghana gegangen.

Das war am Anfang ein Kulturclash für mich. Ich habe auf Deutsch geträumt und viel geweint. Meine Eltern haben gesehen, dass es mir nicht gut ging. Sie wollten mir ein besseres Leben in Deutschland ermöglichen. Die Zeit in Ghana hat mich aber ein Stück weit geerdet. Als ich wieder in Hamburg war, habe ich alles mit anderen Augen gesehen. Ich war zwar sehr jung, aber das tat mir gut. Es tut mir bis heute gut.

Mit zehn Jahren bist du zu Pflegeeltern nach Hamburg gekommen. Sie adoptierten dich, starben aber kurz nach­einander an Krebs, als du 19 warst. Da warst du schon Fußballer beim FC St. Pauli.

Der Fußball hat mir Halt gegeben, ich konnte mich ablenken. Und ich habe Zusammenhalt im Mannschaftssport erfahren.

Mit Ivan Klasnić, einem deiner Mit­spieler aus dieser Zeit, und der ehemaligen Bundesligaspielerin Tuğba Tekkal warst du auf einem „Wertedialog“ in der Stadtteilschule Poppenbüttel.

Ivan ist einer meiner besten Freunde, selbst er wusste nicht so richtig viel von meiner Lebensgeschichte. Weil ich nicht damit hausieren gehe, aber davon erzähle, wenn ich gefragt werde. Seine Geschichte kennt man besser.

Er ist als erster Profi nach einer Nierentransplantation wieder zurück auf den Platz gekommen und hat jetzt seine dritte Niere bekommen. Die Familie Tekkal kenne ich über Jahre, der Kontakt ist nie abgerissen. Als mich Düzen Tekkal fragte, ob ich Wertebotschafter bei ihrer Initiative „German Dream“ werden wolle, war ich sofort dabei. Es ist genau die Message, die ich rüberbringen will.

 

„Wenn es nicht gut läuft, werden die Spieler beschimpft. “

 

Als die Filmemacherin und Autorin Düzen Tekkal in der NDR­Fernsehsendung „Das“ zu Gast war, wurde ein Beitrag eingespielt, der zeigt, wie du deine alte Schule in Horn besuchst.

Ich habe unseren Hausmeister Herrn Sievers wieder getroffen, der sagte, dass es dort auf der Schule keinen Rassismus oder Ausgrenzung gibt.

Das habe ich auch so erlebt. Wir waren viele Kids mit Migrationshintergrund, besonders in unserer Klasse. Und wir hatten ein Mädchen mit Glasknochen, das kleinwüchsig war. Wir haben sie ganz normal aufgenommen und behandelt. Das war also nicht nur ein Spruch, sondern wird dort auch gelebt. Dort habe ich nie Rassismus empfunden. Es gab nur gut und schlecht.

Anders war es beim Sport, wo man das immer mal wieder vom Gegenspieler gehört hat. Als ich beim FC St. Pauli in der Bundesliga-Nachwuchsrunde bei Hansa Rostock spielte, kam eins zum anderen.

Ist der Rassismus im Fußball seitdem weniger geworden?

Ich bilde mir ein, dass es nach wie vor gleich ist, was den Rassismus der Zuschauer betrifft. Wenn es nicht gut läuft, werden die Spieler beschimpft. Auf dem Platz sind allerdings heute mehr Kameras, sodass sich die Spieler mit Beleidigungen mehr zurückhalten.

Was ist mit den Bekenntnissen des DFB gegen Rassismus?

Das hält ignorante Menschen nicht davon ab, sich homophob oder rassistisch zu äußern. Von den Verbänden ist es gut gemeint, und es ist auch ein wichtiges Signal. Auch viele Vereine leben das vor. Aber es gibt eine Minderheit von Fans, die das nicht wollen.

Hast du strukturellen Rassismus erlebt?

Definitiv. Wenn man nicht zu den People of Color gehört, kann man das schwer nachvollziehen. Ein Beispiel: Nach einem Fußballspiel fuhren wir im Auto eines Mitspielers nach Hause. Wir trugen Trainingsanzüge. Wir wurden von der Polizei angehalten. Alles schön und gut.

Ich wurde aber als Einziger kontrolliert, die anderen durchgewunken. Das mag banal klingen, ist für mich aber Alltagsrassismus. Wenn man in der Bahn ein Erste-Klasse-Ticket hat, wird man beäugt nach dem Motto: „Die zweite Klasse ist aber drüben.“ Wenn ich telefoniere und mich mit „Mark Pomorin“ melde, denkt der Gesprächspartner, er redet mit einem großen blonden Mann. Beim ersten Meeting erscheine ich. Die meisten nehmen das mit Humor, für andere bricht eine Welt zusammen.

 

„Rassismus ist lange gewachsen und geht nicht von heute auf morgen“

 

Bringt es etwas, mit Rassisten zu reden?

Jeder ist in seinem Mikrokosmos ein Pionier und betreibt Aufklärungsarbeit. Sei es im Freundeskreis, wenn man dort Alltagsrassismus spürt und sagt: „Bis hierhin und nicht weiter.“ Das kann etwas bringen, wenn die Person sagt: „Das wusste ich ja gar nicht.“ Das ist die ständige Reaktion: „Ach so fühlst du dich.“

Nicht jeder kann mit einem Wertebot­schafter reden. Gibt es Biografien, die du empfehlen kannst?

Ich hatte eine Phase, in der ich mich selbst finden wollte, und las viel von und über Malcom X. Ein Buch,
das mich besonders gefesselt hat und immer noch fesselt, ist die Biografie von Nelson Mandela. Er beschreibt, wie man mit Menschen umgeht, die einem während der Apartheid Unrecht getan haben. Und er berichtet, wie er mit ihnen in einen Dialog tritt.

Was muss die Mehrheitsgesellschaft ler­nen?

Rassismus gibt es leider schon sehr lange. Der ist lange gewachsen und geht auch nicht von heute auf morgen. Das bedeutet, dass jeder Einzelne lernen muss, damit umzugehen. Die Gesellschaft muss dazulernen. Ich glaube, das passiert gerade.

Nach der „Black Lives Matter“­-De­monstration Anfang Juni in Hamburg gab es auch Kritik am harten Vor­gehen der Polizei gegen die teilweise sehr jungen Demonstranten.

Ich habe auch einige Polizisten im Bekanntenkreis. Man sollte nicht alle Beamten in einen Topf werfen. Ich bin auch wütend und habe mich bei Verallgemeinerungen erwischt. Das ist natürlich nicht so.

germandream.de


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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