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„Untold Stories“: Peter Lindbergh im MKG

Kurz vor seinem Tod stellte Peter Lindbergh die Schau „Untold Stories“ fertig, ein verblüffendes Best-of seiner Arbeit

Text: Sabine Danek

 

Letztes Jahr im Mai war Peter Lindbergh (1944–2019) noch in Hamburg. Um persönlich einen Blick in das Museum für Kunst und Gewerbe zu wer­fen, der zweiten Station seiner Ausstellung „Untold Stories“ – und der ersten, die er selbst konzipiert hat. Einen „Kampf um Leben und Tod“ nannte er die Auswahl, bei der er sein Werk, das mehr als 40 Jahre umspannt, auf 140 Arbeiten reduzie­ren musste. Felix Kramer, Direktor des Düsseldorfer Kunstpalasts, wo die Ausstellung eröffnete, hatte Lind­bergh den Vorschlag gemacht, sein eigener Kurator zu sein. Der Fotograf hatte sofort zugestimmt und schließlich zwei Jahre daran gearbeitet.

Zwischendurch dachte Lindbergh, die Ausstellung würde nie fertig. Nach jedem seiner Shootings, die ihn beständig um die Welt führten, hatte er andere Ideen. Und irgendwann sogar ein Reisemodell der Museumsräume dabei, in der er die Arbeiten beständig neu arrangierte.

Was letztendlich entstand, ist ein Geschenk. Es ist eine persönliche Auswahl, ein Einblick, wie Lindbergh selbst sein Werk sah und was er daran als essenziell betrachtete. So kam es, dass einige seiner ikonischen Aufnahmen fehlen und stattdessen viel Unveröffentlichtes zu sehen ist.

 

„Ein Interview mit der Kamera“

 

Mit Bildern, drei mal vier Meter groß, zieht er direkt in seine Ausstellung hinein. Models sind darauf zu sehen, Landschaften, Stillleben. Überwältigt solle man zu Beginn werden, sagte Lindbergh selbst. Um dann eine Reise durch sein Werk zu beginnen, durch seine Modestrecken, Kampagnen, Porträts. Darunter zahlreiche Celebritys. „Mit ihm Fotos zu machen, ist wie ein Interview mit der Kamera“, hat Uma Thur­ man über Lindbergh gesagt.

 

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Foto: Uma Thurman, Peter Lindbergh

 

Von Duisburg, wo Lindberg als Peter Brodbeck aufwuchs, ging er nach Krefeld, um Kunst zu studieren, haute schließlich nach Berlin ab, zog dann nach Paris und wur­de zu einem der großen Modefo­tografen. Auch, weil die Mode ihn nicht sonderlich interessierte. 25 Jahre lang besuchte er nicht eine einzige Modenschau, er legte keinen Wert auf Trends und aktuelle Kollektionen, sondern wollte seinen eigenen inneren Bildern nachgehen.

Viele davon kamen aus der Kunst. Die Skulpturen des französischen Bildhauers Aristide Maillol beeinflussten seine Arbeit ebenso wie die Konzeptkunst Joseph Ko­suths, die amerikanische Dokumentarfotografie von Dorothea Lange oder Walker Evans und später auch der Tanz von Pina Bausch, mit der er befreundet war. Für eine seiner bekanntesten Kampagnen für Comme des Garçons kehrte er an die Duisburger Hochöfen zurück und zitierte Fritz Langs „Metropolis“. Immer in Schwarz­-Weiß, weil sich das für ihn authentischer anfühlte, und immer auf der Suche nach dem Moment, in dem ein Bild sich in eine Geschichte verwandelte.

 

Ein ungewöhnlicher Lindbergh

 

Den fand er, wenn er mit einem kleinen Team in den Straßen von Downtown Los Angeles unterwegs war, wo er Uma Thurman zwischen mexikanischen Straßenhändlern und Obdachlosen in mörderisch hohen High Heels entlang stöckeln ließ oder auf riesigen Sets, in denen er Models als 40er­-Jahre­-Ganoven inszenierte, Ufos landen ließ und kleine Außerirdische neben Helena Christensen einen Feldweg entlang hopsen. Oder er in einer sei­ner spektakulärsten Kampagnen, als er 1989 mit Tina Turner den Eiffelturm hochstieg und sie in schwin­delerregender Höhe auf dessen Eisenverstrebungen posierte.

Unter den Arbeiten, die erst­mals zu sehen sind, ist auch „Tes­tament“ von 2013. 300 Fälle zum Tode verurteilter Mörder studierte Lindbergh, unter anderem von Elmer Carroll, den er 30 Minuten lang in einen Spiegel blicken ließ, auf dessen anderer Seite seine Ka­mera stand. Ein ungewöhnlicher Lindbergh. Auch in der Arbeitsweise. Bekannt war er für seine unermüdliche Aktion beim Fotogra­fieren, er tänzelte, rannte, lief rück­wärts und steckte alle an. Mit seinen „kleinen Ewigkeiten von Freu­de“, wie sein Freund Wim Wenders sich im Katalog erinnert, und seiner „Leichtigkeit des Seins“.

Peter Lindbergh: Untold Stories, Museum für Kunst und Gewerbe, 20.6.–1.11.2020

 


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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David Abel: Fotos for Future

Nicht nur in Sachen Umweltschutz sind sie ganz weit vorne. Auch die Künste in der Stadt leben von der Eigeninitiative und den Visionen junger Talente. Einer von ihnen ist der Nachwuchs-Foto- und Videograf David Abel (20)

Interview: Hedda Bültmann

 

SZENE HAMBURG: David, momentan legst du deinen Fokus mehr auf die Fotografie und nicht auf Videografie, was auch eine Leidenschaft von dir ist. Warum?

David Abel: Auf einem Foto kann man den Moment mit seinen ganzen Emotionen festhalten und darstellen. Videoaufnahmen zeigen natürlich mehr vom Umfeld der Situation und sind eindeutiger. Aber genau das mag ich an Fotos: Sie bieten Raum für unterschiedliche Interpretationen.

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Melonen pflücken in Vietnam: „Perception“ aus der Vision-Serie

Zum Beispiel das Bild, auf dem das Kind die Wassermelone hält (l.), habe ich verschiedenen Personen gezeigt und ein Teil derer hat mich gefragt, ob das eine Granate sei. Total spannend, dass sie im ersten Moment ein ausländisches Kind mit einer Granate assoziiert haben. Darauf wäre ich nie gekommen, da ich nur die Freude des Kindes gesehen habe, das mit seinen Freunden auf dem Feld gespielt hat.

Welche Momente möchtest du mit der Welt teilen?

Aktuell stelle ich meine Fotoserie „Vision“ auf der Kunstmeile Blankenese aus. Das sind sechs Fotos, die ich in Asien aufgenommen habe. Diese zeigen genau das, was ich vermitteln möchte. Menschen in ihrer Heimat und ihren Emotionen in dem Moment.

Gerade Gefühle versteht jeder und hat einen Bezug dazu. Und darüber auch einen Zugang zu den Menschen aus anderen Kulturen. Emotionen sind wie eine internationale Sprache, die jeder kennt. Ich beschäftige mich gerne mit Gesichtern und was sich darin widerspiegelt. Das zeigt den Menschen und erzählt die Geschichte des Moments.

Zeigst du auch unschöne Seiten?

Ich arbeite gerade mit einem Freund zusammen an einer Fotoserie zum Thema Umweltpolitik. Das abgebildete Foto (u.r.) ist in meinem kleinen Fotostudio entstanden und symbolisiert, dass durch Menschenhand Öl und Plastik in die Weltmeere gelangen und diese zerstören. Wir wollen verschiedene Themen, die gerade in der Umwelt stattfinden auf kreative Weise festhalten und so nochmal darauf aufmerksam machen.

 

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Teil einer Fotoserie über Umweltthemen

 

Gibt es Künstler, die dich beeinflussen?

Heutzutage kann man sich sehr schnell durch Social Media beeinflussen lassen, was für mich positive und negative Auswirkungen hat. Negativ ist das Bremsen der eigenen Kreativität durch Mitlaufen des Mainstreams. Positiv ist, dass man sehr viel lernen und sich inspirieren lassen kann.

So habe ich zum Beispiel den Fotografen Brendan North entdeckt und mit ihm Kontakt aufgenommen. Trotzdem versuche ich, mich auch auf dem altmodischen Wege inspirieren zu lassen.

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Auf den Traintracks in Hanoi: David Abel

Ich besuche gerne Ausstellungen und Galerien wie beispielsweise in den Deichtorhallen. Jeder sollte sich und seinen eigenen Stil entdecken.

Du reist ja viel. Hast du einen Lieblingsort?

Es gibt viele Orte, die ich mit schönen Erinnerungen verbinde. Ein Ort wird für mich durch die Erlebnisse dort schön. Wenn diese ausschlaggebend waren und die Gefühle dort gestimmt haben, macht ihn das direkt sehr viel schöner. Hamburg ist mein Zuhause, ich liebe die Stadt. Als ich das letzte Mal von einer Reise zurückgekommen bin, habe ich mich auch einfach darüber gefreut, wie frisch die Luft hier riecht.

Kunstmeile Blankenese bis zum 24.5. | Instagram: dba.photography


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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True Stories: Fotografie der Wirklichkeit

In „True Stories“ untersucht die aktuelle Meisterklasse der Ostkreuzschule für Fotografie die Wirklichkeit

Text: Sabine Danek

 

Um ihre subjektive Wahr­nehmung der Vergangen­heit, dem Jetzt oder der Zu­kunft festzuhalten, zog es die 12 Meisterschüler der Klasse von Fotolegende Ute Mahler und Deichtorhallen­-Kurator Ingo Taubhorn an die unterschiedlichsten Orte. Und egal wie nah oder fern sie sind, ob sie auf dem Land liegen oder das eigene Ich sind, eine Zukunftsvision oder ein Blick zurück, nehmen sie einen mit auf herrlich unbekanntes Terrain.

Nele Gülck erkundete ein albanisches Dorf im Morava­ Gebirge und dessen „guten Berg“, dem mythische Kräfte zugeschrieben werden, von Katholiken ebenso wie von orthodoxen Christen, von Muslimen, Bektashi Sufis und auch alten Sozialisten, die sonst wahrscheinlich nicht an allzu viel glauben. Gehen die Bewohner mal auf die Reise, vergessen sie nie, eine Handvoll Erde des Berges einzustecken. Nina Hansch näherte sich in „800 Meter tief “ dem Leben in Groß Vahlberg an, das nur zwei Kilometer von dem Atommülllager Asse II entfernt liegt. Ralf Bittner hielt in „Zwischenland“ die kaum wahrnehmbaren, kleinen Veränderung in einem 65.000 ­Ein­wohner ­Städtchen fest. Heide Krautwald hingegen erforschte ihre sozialen Rollen als Frau, Geliebte, Mutter und Natalya Reznik machte sich in die Zukunft auf. In „Die Alte Welt“ des Jahres 2050, in der DJs, Stewardessen oder Models stolz angegraute ältere Damen sind.

Ab dem 3. April wollten die Meisterschüler ihre „True Stories“ im Frappant zeigen. Updates auf der Website www.tru­estories­oks.de, genauso wie auf Instagram (truestories_oks), wo die Fotoserien gut dokumentiert sind.

truestories-oks.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Shirana Shahbazi – Von lichten Räumen und tintiger Nacht

Das Kunsthaus Hamburg zeigt Shirana Shahbazis Lichtkunst  im Rahmen der Photo-Triennale.

Shirana Shahbazi liebt die klare Kante. In ihrer Kunst bezeugen das die klaren Konturen ihrer fotografischen Konstruktionen. Sie selbst bezeugte es beim Presserundgang am Tag der Eröffnung. Da stand die iranisch-deutsch-schweizerische Künstlerin recht entschieden vor ihren Arbeiten im Kunsthaus und korrigierte, was ihr falsch oder auch nur ungenau erschien: Nein, meinte sie. Das, was viele als abstrakt bezeichnen, die im Studio fotografierten Arbeiten seien nicht abstrakt.

Foto: Shirana Shahbazi, Raum-Gelb-01, 2017, C-print on aluminium, Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zurich

Und tatsächlich. Man kann das so sehen: Denn diese hier eleganten, leuchtend monochromen, manchmal aber auch vielfarbigen geometrischen Strukturen sind in ihrem Züricher Atelier entstandene Fotografien von realen, sorgfältig austarierten Arrangements lackierter Podeste, Stellwände und Objekte. Sie sind also Bilder realer Szenerien – insofern sind sie geometrisierend und konstruiert, aber nicht abstrakt.

Und umgekehrt mögen, so betonte Shahbazi, ihre großformatigen Siebdrucke, bei denen sich Naturfragmente, Innenräume und Menschen in unterschiedlich farbigen Schichten überlagern, zwar auf den ersten Blick wie Abbilder der Wirklichkeit scheinen, tatsächlich aber seien es Konstruktionen hybrider, sich in der Wirklichkeit nicht eröffnender Kombinationen. Und ja: Diese Arbeiten überlagern Ansichten des kalifornischen L.A. mit solchen des japanischen Kirishima. Sie verblenden das subtropische Ishigaki mit dem türkischen Istanbul und rücken das kroatische Plitvica optisch an das ostanatolische Erzurum heran.

Shirana Shahbazi, Raum-Rot-01, 2017, C-print on aluminium, Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Ähnlich wie die Arbeiten Wolfgang Tillmans’ kreisen Shahbazis Arbeiten im Kern um das Verhältnis Abstraktion und Repräsentation in der Fotografie. Und auch ihre Einzelarbeiten tauchen in Büchern wie in Ausstellungen in immer neuen Konstellationen auf und aktivieren so das Nebeneinander von dokumentarisch scheinenden Wirklichkeitsansichten und Studiokonstruktionen immer wieder neu.

Die 1974 in Teheran geborene Künstlerin kam im Alter von elf Jahren nach Deutschland, sie studierte in Dortmund, später in Zürich, wo sie heute lebt. Zu den eindringlichsten der in Hamburg gezeigten Arbeiten gehören die als Lithografien auf Büttenpapier gedruckten nächtlichen Ansichten ihrer Geburtsstadt. Ihr Titel „Tehran North“ verweist auf den wohlhabenderen und westlicher anmutenden Teil der Stadt.

In ihnen scheinen aber nicht deren charakteristischen Orte und Sehenswürdigkeiten auf, vielmehr die Spuren des Lichts im tintigen Dunkel der Nacht, wie erhascht im Vorüberfahren: die Lichterbänder der Autos auf den Schnellstraßen, die Reflexionen in den Scheiben der Wohnblöcke, der Lichtkegel eines Verkaufstandes. So zeichnen die Blicke ins Dunkle eine Annäherung an eine Stadt nach, die sich nur zögernd preisgibt – zumindest, so kann man vielleicht ergänzen, dem fragenden Kamerablick einer Frau, die schon lange in Mitteleuropa lebt und nicht mehr recht zu Hause ist in der Stadt ihrer Kindheit.

Shirana Shahbazi, Raum-Blau-01, 2017, C-print on aluminium, Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Besonders wichtig ist Shahbazi die Materialität, die Objekthaftigkeit ihrer Bilder. Ihre Publikationen erscheinen nicht als Kataloge, sondern als eigenständige Präsentationsformen. Sie entstehen, wie sie selbst sagt, „in symbiotischer Zusammenarbeit“ mit ihrem Partner, dem Grafikdesigner Manuel Krebs. Gemäß ihrem genauen Gespür für Präsentationsweisen hat sie auch im Kunsthaus ihre Arbeiten nicht einfach nebeneinander gehängt, sondern zusammen mit starkfarbigen getönten Wandflächen in eine Wandmalerei einfügt, so dass der Raum den Betrachter – trotz und entlang der vielen klaren Kanten – in einen poetisch-zarten Bilderstrom hineinzieht.

Text: Karin Schulze
Beitragsbild: Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Shirana Shahbazi: Objects in Mirror Are Closer than They Appear. Bis 26.8.2018, Kunsthaus Hamburg


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Noch mehr Lust auf Fotografie?

Die Documenta der Fotos – Triennale der Photographie

Zum 7. Mal verwandelt sich die Triennale der Photographie Hamburg in einen Hotspot – und in diesem Jahr in einen sehr politischen. Wir sprachen mit dem künstlerischen Leiter Krzysztof Candrowicz darüber, was Fotografie so besonders macht und wie sie den Geist öffnen kann.

SZENE HAMBURG: Ging es bei der letzten Phototriennale noch um die technische und ästhetische Zukunft der Fotografie, haben Sie jetzt gesagt: „zu viel Nachdenken über Form macht Kunst bedeutungslos“. Was hat sich in den letzten drei Jahren für die Fotografie geändert?

Krzysztof Candrowicz: Es ist kaum zu glauben, aber das Medium Fotografie wurde tatsächlich noch populärer. Alle Social-Media-Kanäle leben von Fotografie. Einzig bei Twitter überwiegt noch der Text. Die große Veränderung in den letzten drei Jahren ist, wie wir Bilder verarbeiten seit die Fotografie so unmittelbar geworden ist. Die Beliebtheit von Snapchat, Gifs und „Stories“ haben unsere Wahrnehmung beeinflusst. Bilder verschwinden nach ein paar Sekunden wieder und der langsame Konsum eines Bildes, die Meditation darüber, ist eher selten geworden. Natürlich machen auch Fotofestivals es nicht gerade einfacher, denn wir versuchen ein Thema durch Hunderte von Bildern zu umreißen. Dennoch wird es auf der Triennale viele Möglichkeiten geben, über einzelne Bilder zu meditieren.

Zum zweiten Mal künstlerischer Leiter der Triennale: Krzysztof Candrowicz

Fotografen sind für Sie heute nicht mehr nur Bildermacher, sondern Philosophen, Dichter, Forscher mit der Kamera. Können sie das genauer erklären?

Eine simple fotografische Dokumentation ist heute nicht mehr besonders aufregend. Es gibt Millionen Fotografen, Tonnen an Fotoprojekten. Nahezu jedes Thema ist abgedeckt und fast alle Bilder landen in der globalen Bildermülltonne Google Images. Fotografen, die ohne Intention oder Aussage alles um sie herum fotografieren, von links nach rechts und ohne eigene „Botschaft“, reproduzieren einfach die Realität. Dabei ist das Wertvolle die Idee hinter einem Bild, hinter einem Projekt. Deshalb sind diejenigen, die auf Ideen und Inhalte fokussiert sind, nicht mehr länger nur Bildermacher, sondern vielmehr auch Philosophen, Poeten oder Soziologen, die mit der Kamera ihre Theorien und Geschichten visualisieren.

Was kann Fotografie heute als Medium, was kein anderes kann?

Darauf zu antworten ist eine wirkliche Herausforderung. Fotografie berührt die Augen und das Sehen ist der unmittelbarste und wirkungsvollste aller Sinne. Gleichzeitig kann man Fotografien am schnellsten und einfachsten teilen. Bilder haben keinen Ton, bewegen sich nicht und ermöglichen, uns auf eine sehr einfache Art und Weise und ohne Worte auszudrücken. Das Phänomen Selfie ist das beste Beispiel dafür. Für mich ist die Stärke der Fotografie aber vor allem ihre Langsamkeit. Wir können mit ihr den Fluss der Zeit anhalten und über Momente nachsinnen, die für unsere Augen unsichtbar sind.

Sie haben die Phototriennale „Documenta der Fotografie“ genannt …

Tatsächlich war die Documenta bei der Entwicklung der Triennale für mich der wichtigste Bezugspunkt. Die letzten Triennalen haben sich mit der Ästhetik und der sozialen Wirkung der Fotografie beschäftigt. Dieses Mal aber interessiert uns nicht so sehr ihre visuelle Sprache. Als Medium selbst ist sie viel transparenter geworden und deshalb konzentrieren wir uns stärker auf ihren Inhalt. Ich persönlich finde die meisten Ausstellungen und Festivals, die vor allem Porträts, Landschaften oder andere formale Aspekte im Blick haben, ziemlich langweilig. Die Documenta aber war von Anfang an eine Art politischer Kommentar, eine Stimme der Künstler. Und ich wünsche mir, dass die Triennale 2018 auch ein gemeinsames Statement ist, in diesem Fall durch Fotografie.

Foto: Salvatore Vitale: How to Secure a Country, 2015- 2017

Die einzelnen Ausstellungen der Triennale sind durch Computerbegriffe wie Home, Control, Space verbunden. Welche neuen Aspekte zu Heimat und Heimatlosigkeit, urbanem Raum und Machtverhältnissen kann man erwarten?

Tastatur-Begriffe wie Enter, Space oder Control sind für mich nicht mehr als Symbole für die digitale Transformation und Automatisierung. Wir verwenden diese Begriffe als Metaphern, um den Einfluss von Technologie, Globalisierung, von Massenproduktions- und Konsum-Kreisläufen zu verdeutlichen. Der Fortschritt will uns glauben machen, dass die heutige Welt einfach ist. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Abseits der Tastatur und des Screens ist die Welt komplizierter geworden und das Programm der Triennale 2018 beschäftigt sich mit dieser Komplexität. Die Triennale ist ein politisches und gesellschaftliches Statement mithilfe von Bildern und ist neben der Fotografie von Autoren wie Noam Chomsky, Noah Harari und Naomi Klein inspiriert.

Während in der Kunsthalle eher bekannte Künstler wie Thomas Demand oder Sophie Calle zu sehen sind und im Bucerius Kunst Forum Anton Corbijn, scheinen die Bilder der Schau [ENTER] in den Deichtorhallen sehr intensiv zu sein.

Genau das ist die Struktur des Festivals! Das gesamte Programm heißt ja „Breaking Point“. Die Ausstellungen dazu, mit Titeln wie [ENTER], [HOME] oder [ESCAPE], werden in den großen Museen gezeigt und beziehen direkt Stellung zu politischen, wirtschaftlichen oder ökologischen Themen. Darüber hinaus gibt es „Special Shows“, die nicht unbedingt einen Bezug zum Festival-Thema haben. Dafür haben wir die Künstler Anton Corbjin, Joan Fontcuberta und Shirana Shahbazi eingeladen. Alle stellen zum ersten Mal in Hamburg aus.

Auch viele OFF-Räume nehmen diesmal teil.

Die [OFF] Triennale wurde entwickelt, um ein breiteres Publikum zu erreichen und auch Menschen, die normalerweise nicht ins Museum gehen. Dank Pop-up-Orten und weniger bekannten Galerien werden wir auch für ein jüngeres Publikum sichtbar. Außerdem konnte sich jeder für die OFF Sektion bewerben. Über 800 Ausstellungskonzepte wurden eingereicht und die Triennale wird so demokratischer und offener.

Foto: Andreas Herzau: Girl, aus der Serie Moscow Street, 2008

Was ist die große Herausforderung der Triennale?

Ich weiß, dass es sich fast zu vielversprechend oder vielleicht sogar trivial anhört, aber die große Herausforderung der Triennale ist, durch Fotografie zu einem Wandel zu inspirieren. Da visuelle Sprachen wichtig sind, um Dinge zu vermitteln, die nicht in Worte zu fassen sind, ist sie das perfekte Werkzeug, wichtige globale Themen zu veranschaulichen. Deswegen hebt die Triennale auch Künstler hervor, die sich mit ihren Arbeiten an der Grenze von Kunst und Aktivismus bewegen. Ich hoffe, dass ihre Projekte den Blick und Geist der Besucher öffnen.

Darüber hinaus sollen Initiativen zum Handeln und Inspiration für nachhaltige Alternativen entstehen.

Neben inspirierenden und packenden Fotografen haben wir den Künstler Joshua Schwebel eingeladen, der sich mit sozialen und politischen Interventionen beschäftigt. Er wird sich an Hamburger Museumsdirektoren wenden und sie zu Projekten einladen, die zum Umdenken anregen – Aktionen, Proteste oder Manifeste. Schließlich ist die Triennale auch eine riesige gemeinschaftliche Plattform auf der wir alle voneinander lernen.

Ist Hamburg eine gute Stadt für Fotografie?

Hamburg ist ein wahrer Knotenpunkt für Fotografie, wenn auch international eher immer noch unentdeckt. Die erste Fotoausstellung, die je in einem Museum gezeigt wurde, fand 1890-1898 in der Hamburger Kunsthalle statt. Die Museen hier haben tolle Fotografie-Kollektionen und die Deichtorhallen sind vielleicht der größte Ort, der sich ganz der zeitgenössischen Fotografie verschrieben hat. Auf jeden Fall in Europa und wenn nicht sogar weltweit. Wenn man dann noch die Bildungstradition der HFBK nimmt, die Tatsache, dass die meisten Verlage in Hamburg sitzen und dazu die Triennale der Photographie, ist klar, dass Hamburg der Spot ist!

/ Interview: Sabine Danek

/ Beitragsfoto: Martin Errichiello & Filippo Menichetti, Untitled, 2016, Laino Borgo (Cs) Italy, aus der Serie: In fourth Person

Die Triennale der Photographie findet vom 7.6. bis 26.8. in den Deichtorhallen und an vielen anderen Orten in Hamburg statt.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Suzaan Talib präsentiert: US-Starfotograf Tony Ward

(Sponsored) Nach 17 Jahren gemeinsamer Produktion präsentiert Suzaan Talib ihre 1. Ausstellung mit Fotos des US Star-Fotografen Tony Ward im Fikki Beach in Hamburg-Winterhude.

Tony Wards Besonderheit: Seine Fotografien vereinen erotische Kunst mit Wards Leidenschaft für Mode, zeitgenössische Kunst und aussagekräftige fotografische Arbeiten. Tony Ward begann seine berufliche Laufbahn 1980 als Unternehmensfotograf für die Smithkline Corporation. Nachdem er mehrere Jahre für das Unternehmen gearbeitet hatte, eröffnete er 1984 das Tony Ward Studio, um eine Vielzahl von Unternehmen zu betreuen. 1998 erlangte er weltweite Berühmtheit durch sein erstes Buch über erotische Fotografie, die umstrittenen und hoch gelobten „Obsessions“. Der Monographie folgten vier herausfordernde, innovative und von der Kritik gelobte Bände über Erotik und Fotografie um die Jahrhundertwende. Wissenschaftler, die sich auf die Geschichte und Ästhetik der Fotografie spezialisieren, wie A. D. Coleman, Rick Wester und Reinhold Misselbeck, haben aufschlussreiche Essays geschrieben, die Wards veröffentlichte Werke begleiteten. Seine Kunstfotografien werden weltweit gesammelt, ausgestellt und syndiziert. Wards Atelier und Zuhause sind im historischen Herzen von Philadelphia. Aber seine endlose Suche nach inspirierenden Themen, neuen Projekten und Aufgaben treibt ihn immer wieder zu verschiedenen kosmopolitischen Zentren, darunter: New York, Los Angeles, Miami, London, Paris, Hamburg und besonders in sein geliebtes Amsterdam.

Wards grafische Meditationen über seine Lieblingsthemen Erotik, Mode, Porträt und die Anwendung von Sex in den Medien sind über seine Website TonyWard.com einsehbar. Die Seite hebt die verschiedenen Werke des Künstlers aus den 70er Jahren hervor und reicht bis zur Gegenwart. Tony Ward lehrt derzeit auch als Professor für Fotografie an der School of Design der University of Pennsylvania, wo er seit Herbst 2010 verschiedene Fotografie-Kurse für Studenten gibt. Editorials über Tony Ward und seine Arbeit wurden in zahlreichen internationalen Magazinen, im Fernsehen und im Internet veröffentlicht. Darunter: Stern, Max, Cosmopolitan, GQ, Männer Gesundheit, Penthouse, Nerve, Playboy TV, RTL, ARD, ARTE, VOX,TVA (Amsterdam), 2001 Museum für KUNST und GEWERBE zeitgleich mit Helmut Newton, ABC und NBC (US Mediengruppen).

Bei der Ausstellung werden Prints von TONY WARD persönlich signiert.

Alle Interessenten für die Ausstellung werden gebeten sich bitte unter folgender E-Mail Adresse anzumelden. Sie erhalten dann eine persönliche Einladung: EINLADUNG-TW@email.de

Fotos: Tony Ward

Fikki Beach

16.12.17, 11 Uhr

Jenischpark: Fotografien und Videoinstallationen

Im Jenischpark sind gleich zwei spannende Ausstellungen zu sehen. Die perfekte Kombination aus Freiluft und Kunstvergnügen

Foto: © Nachlass Leonore Mau, S. Fischer Stiftung

Selbstporträt © Nachlass Leonore Mau, S. Fischer Stiftung

„Von Hamburg in die Welt“ hat es die Fotografin Leonore Mau (1916–2013) ihr Leben lang gezogen – in die Favelas von Rio de Janeiro, auf Hundefriedhöfe in Miami, zu religiösen Ritualen in Venezuela und Grenada, in die Psychiatrien Afrikas und die Arbeiter- und Künstlerviertel von New York.

Zu sehen war das in Stern, Spiegel oder Geo.

Doch in der Hamburger Heimat erforschte sie die Geschehnisse, die Entwicklung der Stadt, das Leben in St. Pauli und die Literaten, Freunde und Verleger rund um ihren Lebensgefährten Hubert Fichte.

Foto: © Nachlass Leonore Mau, S. Fischer Stiftung

Foto: © Nachlass Leonore Mau, S. Fischer Stiftung

Am 22. September wäre Leonore Mau 100 Jahre alt geworden und aus diesem Anlass zeigt das Jenisch Haus mehr als 130 ihrer Arbeiten, die durch die Hansestadt und zum Palais d’amour der 1970er Jahre auf der Reeperbahn führen, auf vier Kontinente und in ihr eigenes Leben hinein, das in vier Fotofilmen von Mau und Fichte zu sehen ist.

Nachlass Leonore Mau,

Foto: © Nachlass Leonore Mau, S. Fischer Stiftung

Ein paar Schritte weiter im Ernst Barlach Haus hingegen taucht man in Hochaktuelles ein – in Videos und eine Audioinstallation der Künstlerin Ute Friederike Jürß. Bekannt und gleichzeitig irritierend anders wirken die Bilder ihrer Videoinstallation „Die Zeit hält den Atem an“, in der eine Gruppe Menschen in Decken gehüllt in einer Halle kauert. Ein unbekanntes Ereignis brachte sie zu einer Notgemeinschaft zusammen, in der die Individualität der einzelnen Personen sich auflöst und sie, einförmig und zur Passivität gezwungen, zu einer Einheit werden lässt.

Foto: Ute Friederike Jürss

Foto: Ute Friederike Jürss

Bereits 2005 ist das Video entstanden, heute aber legen sich intuitiv Bilder von Geflüchteten darüber. Die Filmarbeit „Der Denuziant“ hingegen beobachtet, wie in einer Gruppe von Anzugträgern Interessen und Machtstrukturen das Umgehen miteinander prägen, nimmt dabei die Perspektive einer Überwachungskamera ein oder friert Szenen zu Stills ein.

Foto: Ute Friederike Jürss

Foto: Ute Friederike Jürss

Doch nicht nur visuell, sondern auch akustisch eröffnet Ute Friederike Jürß Räume. Im Artrium des Barlach Hauses kann man sie per Kopfhörer betreten: in fiktiven Texten, geschrieben und gesprochen von dem Schriftsteller Feridun Zaimoglu. / SD / Foto oben: Leonore Mau, o.T., Haiti, 1973, © Nachlass Leonore Mau, S. Fischer Stiftung

 Leonore Mau: Von Hamburg in die Welt hinaus, Jenisch Haus, bis 23.4.17; Ute Friederike Jürß: Die Zeit hält den Atem an, Ernst Barlach Haus, bis 19.2.17