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Grafy: „Kunst kann man nicht lernen“

Grafy, 23, entschied sich nach dem Abitur, hauptberuflich Künstler zu werden. Das Zusammenspiel von Abstraktion und Realismus zeichnet seine Kunst aus. Sein Malstil kombiniert Techniken und Arbeitsweisen vergangener Epochen auf neue Art und Weise. Grafy hat mittlerweile Kunden in aller Welt

Inteview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Grafy, wie hast du gemerkt, dass du Künstler werden willst?

Grafy: Das ist eigentlich ein ganz natürlicher Prozess gewesen. Der einschneidenste Punkt war tatsächlich: Mit 16 war ich in New York, habe dort die ganzen großen Künstler in Museen gesehen und war absolut begeistert. Mich hat die Frage getrieben, was einen Künstler veranlasst, seine Werke zu machen. Daraus ist meine Energie entstanden, Kunst zu machen. Das hat sich mit der Zeit geformt, und jetzt sind es diese alltäglichen Dinge wie Gespräche, die mich inspirieren. Es kann alles sein, was mich zu einem Werk treibt.

Wie waren die Reaktionen in Familien- und Freundeskreis?

Langwieriger Prozess (lacht). Also, das Wort „Brotlose Kunst“ wird einem natürlich schnell in die Wiege gelegt. Ich war überzeugt, dass das so nicht sein wird. Und nachdem ich da mit so einer Leidenschaft ran gegangen bin, wusste ich, dass ich Erfolg haben werde – wenn ich es so in meinem Herzen weiter fühle. Aber die ersten zwei Jahre waren schon manchmal ein Überzeugungskampf. Danach hatte ich dann die volle Unterstützung. Viele Zweifler sind heute irgendwie kleine große Fans.

Wäre für dich noch ein anderer Beruf infrage gekommen?

Nein, absolut nicht.

 

Der eigene Weg

 

Du bist Autodidakt, warst nie auf einer Kunsthochschule. Warum?

Die Düsseldorfer Kunstakademie hatte einen Claim auf der Website: „Kunst kann man nicht lernen.“ Das ist auf alle Fälle mein Motto. Ich liebe es, aus mir selbst die Kunst herauszuziehen und daraus mein eigenes Weltbild und meine eigene Kunst zu erschaffen. Deshalb habe ich mich dagegen entschieden.

Wie würdest du deinen Stil bezeichnen?

Ich habe bewusst einen Künstlernamen gewählt, der einen – meinen – Stil beschreiben könnte: Grafy. So steht eine Mixtur aus Graffiti, Fotografie und Kalligrafie für meinen Malstil – keine gelernte, ‚klassisch-etablierte‘ Stilrichtung.

Was macht gute Kunst für dich aus?

Das ist sehr individuell. Und natürlich subjektiv. Für mich macht gute Kunst aus, dass sie Tiefgang und Energie hat. Und dass sie etwas mit den Menschen macht. Beziehungsweise, was sie mit mir macht. Wenn ich ein Kunstwerk anschaue, dann soll es einfach vor Energie strotzen, ein Thema haben, es auf den Punkt bringen. Das macht für mich gute Kunst aus.

Hast du Vorbilder?

Vorbild ist so ein Wort … Ich würde sagen, dass ich bei Menschen Inspiration finde. Und ich finde den Gedanken toll, dass mein eigenes schaffendes Zukunfts-Ich mein Vorbild sein könnte (lacht).

Hast du einen Plan, wo dein Zukunfts-Ich in zehn Jahren stehen soll?

Man weiß natürlich nie, wie sich der Weg so entwickelt und was daraus entsteht, aber ich weiß auf alle Fälle, dass ich bestimmte Dinge noch erreichen möchte. Vor allem möchte ich den Weg dahin genießen.

 

Ran an die Großen

 

Du traust dich an die ganz Großen ran: Muhammad Ali, Nelson Mandela, Karl Lagerfeld, Frida Kahlo. Faszinieren dich Ikonen, ist das ein Kommentar zum Personenkult oder ganz unironisch eine Verbeugung vor ihnen?

Tatsächlich, wie anfangs gesagt, interessiert mich: Was treibt eine bestimmte Persönlichkeit an? Ich habe sehr viel über Künstler gelesen und irgendwann bin ich auf Ikonen gestoßen. Ich habe mich da eingelesen und fand sehr viele Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Nelson Mandela und Muhammad Ali unheimlich stark. Das ist zum einen die Ikone, und wenn man dann in die Tiefe geht, bekommt man ein komplett anderes Bild von der Person. Und das finde ich unglaublich spannend, daraus für sich selbst seine Lehren zu ziehen.

Deine Bilder sind dann auch so eine Art Tiefenanalyse.

Auf alle Fälle. Ich habe deren Leben sozusagen dargestellt. Habe versucht, das in einem Bild kompakt zu präsentieren. Oder auch eine bestimmte Lebenssituation.

Was bewegt dich sonst noch so?

Ich liebe die Ästhetik. Ich liebe psychologische Themen. Wenn ich eine Person interessant finde und sie eine Emotion bei mir auslöst, dann stelle ich sie dar. Das finde ich unheimlich spannend.

 

Selfmade

 

Hast du eine Galerie, die dich vertritt oder vermarktest du dich selbst?

Ich vermarkte mich tatsächlich selbst, aber ich habe auch Galerien, mit denen ich zusammenarbeite.

Wie vermarktest du dich?

Soziale Medien spielen eine Rolle. Aber hauptsächlich über mein eigenes Netzwerk.

Wie hast du das aufgebaut?

Auch das ist wieder ein Prozess. Ich bin zu Ausstellungen gegangen, habe versucht, Menschen aus der Kunst kennenzulernen. Davon lebt ja auch meine Kunst. Ich liebe es, mich zu unterhalten, zu lernen, daraus Inspiration zu ziehen. Und irgendwann lernt man dann Menschen kennen, die verstehen, was man mit seiner Kunst ausdrücken will. Und diese Menschen unterstützen einen dann, indem sie die Kunst kaufen.

Hattest du so etwas wie einen Mäzen, der dich besonders gefördert hat?

Ich habe Kunstsammler als Kunden, die mehrere Werke gekauft haben, aber einen Mäzen als solchen nicht.

Was kostet ein echter Grafy?

Kommt darauf an. 3.000 Euro aufwärts und es geht dann je nach Größe auch ins Fünfstellige. Einen fixen Preis zu nennen, ist schwierig, aufgrund der unterschiedlichen Techniken, Maße und Materialien.

Graffiti kommt aus dem HipHop-Kontext. Hörst du Rap?

Ich höre vieles gern, auch Rap. Aber ich komme nicht aus der Streetart-Szene. Auch wenn meine Kunst viele Streetart-Einflüsse hat. Aber das liegt daran, dass ich Graffities unheimlich interessant finde, wegen der hohen Lack-Deckkraft, einer Verschmelzung aus Pigmenten und Harz. Ich finde aber auch Kalligrafie spannend, experimentiere viel mit Materialien.

 

Darum Hamburg

 

Du bist von Lübeck nach Hamburg gezogen. Warum?

Ich liebe das Hanseatische. Die Kunstwelt hier ist offener. Ich habe mich da sofort hingezogen gefühlt. Ich war, wie gesagt, auch auf vielen Ausstellungen, und der Kulturbereich hier ist natürlich anders als in Lübeck. Ich liebe Hamburg und werde hier auf alle Fälle länger bleiben.

Was inspiriert dich an Hamburg?

Vor allem die Menschen.

Was würdest du jungen Menschen mit auf den Weg geben, die auch Künstler werden wollen?

Einfach machen. Jeden Tag dahinter zu sein. Sich ein Ziel vor Augen zu setzen, wo man hinmöchte. Das zu definieren. Galerien, Ausstellungen, Museen besuchen, sich weiterentwickeln. Immer daran festhalten.

Wann und wo kann man deine nächste Ausstellung besuchen?

Im Oktober in der Barlach Halle K am Klosterwall.

grafy.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2021. Das Magazin ist seit dem 29. Juli 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Fotografie: Marion von der Mehden zeigt die Kraft des Sports

Die Hamburgerin Marion von der Mehden arbeitet seit 1991 als selbstständige Fotografin. Ihr neues Fotoprojekt „Sport und Integration“ zeigt in ruhigen Bildern die Schicksale mutiger Menschen und die Kraft des Sports

Interview: Mirko Schneider

 

SZENE HAMBURG: Bis Ende März wird Ihr Fotoprojekt „,Sport und Integration“ an den Messehallen entlang der Karolinenstraße zu sehen sein. Wie kam es dazu?

Es begann mit der Einladung zum Oberstdorfer Fotogipfel für den September 2020 durch Kurator Christian Popkes. Nach der positiven Resonanz auf das Projekt wollte ich unbedingt in Hamburg ausstellen. Die Messehallen als Ausstellungsort waren schon immer ein Traum von mir. Wir stießen bei der Hamburg Messe & Congress GmbH sofort auf Begeisterung.

Als Sie erfuhren, dass 2020 in Oberstdorf das Thema „,Sport“ lauten würde: Was haben Sie da gedacht?

Ich dachte spontan „Oje, ich bin doch keine Sportfotografin“. Actionfotos von Sportveranstaltungen konnte ich nicht anbieten. Doch dann überlegte ich, wie ich an das Thema herangehen könnte. So kam ich auf „Sport und Integration“.

Sport bedeutet ja schließlich viel mehr als Gewinnen oder Verlieren. Und Integration ist aktuell ein wichtiges Thema, wobei Sport das Potential hat, Integration gelingen zu lassen.

Für Ihr Fotoprojekt traten Sie direkt an 17 Sportlerinnen und Sportler heran. Welche Rolle spielte der Hamburger Sportbund?

Eine sehr wichtige Rolle. Der HSB, beziehungsweise das Team Integration durch Sport, fand die Idee sofort super, hat mich in jeder Hinsicht hervorragend unterstützt. Alle Vereinskontakte kamen über den HSB zustande.

Ich wusste auch vorher gar nicht, wie viel der HSB als Dachverband der Hamburger Sportvereine und -verbände eigentlich leistet. Ich habe mich mit deren Arbeit beschäftigt und fand viele der Angebote auch recht kreativ.

Zum Beispiel das „Fahrradtraining für Frauen“ im Rahmen des Programms „Integration durch Sport“. Hier hat mich die Geschichte der Ägypterin Dina sehr berührt, die als junges Mädchen nicht Fahrradfahren lernen durfte. Nun nimmt sie an einem der Kurse teil und ist sehr glücklich darüber.

 

„Jeder einzelne Mensch ist wichtig“

 

Welche Erlebnisse und Begegnungen haben Sie noch besonders bewegt?

Hier möchte ich ein Wort einfügen: uns. Denn Texterin Sarah Beckmann hat die Interviews geführt, aus denen die kleinen Textbaukästen zu den Fotos entstanden sind. Damit fielen wir in Oberstdorf übrigens total aus der Reihe. Aber diese kurzen Erklärungen waren nötig, um den Menschen auf dem Foto noch besser zu verstehen, ihm noch näher zu kommen.

Sarah und ich waren beeindruckt davon, wie wenig Berührungsängste es gab. Wir wurden stets wie gute Freunde aufgenommen. Sehr beeindruckend war Cricketspieler Said. Er wurde von den Taliban verfolgt und ist aus Afghanistan geflohen. Bis heute weiß er nicht, ob seine Eltern noch leben, und sie wissen nicht, ob er noch lebt. Ich bin selbst Mutter und das ist unvorstellbar für mich.

Oder Ali, ein Parkoursportler, der in Syrien zum Militär sollte. Er floh in einem Boot nach Lesbos. In Hamburg setzte er sein in Damaskus abgebrochenes Schauspielstudium fort, hat seit 2019 unter anderem Engagements am Schauspielhaus Hamburg. Und noch eine Sportart möchte ich herausheben: das Ringen.

Wieso?

Ich dachte immer, Ringer sind nur Muskelpakete. Aber die haben uns einen Handstand gezeigt, sogar einen Flic Flac. Wir sahen weichfließende, technisch perfekte Bewegungsabläufe des ganzen Körpers. Wir haben viele Informationen und einen spannenden Einblick in den Ringsport bekommen.

Sie haben alle Bilder in Schwarz-Weiß aufgenommen. Warum?

Wegen der Unterschiedlichkeit der Motive. Wir waren an so vielen Plätzen mit so vielen verschiedenen Bedingungen, da dachte ich: „Ich muss da irgendwie Ruhe reinbringen. Farbe ist hier nicht wichtig.“

Gibt es eine Botschaft, die Sie mit dieser Ausstellung den Menschen vermitteln möchten?

Ja. Jeder einzelne Mensch ist wichtig. Zusammenhalt, Teamgeist und Fairplay zählen. Im Sport und im Leben. Nicht die Hautfarbe, der Glauben oder die Kultur.


Sport-SZENE_01_21-1 SZENE HAMBURG SPORT, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 als Heft im Heft in der Februar Ausgabe SZENE HAMBURG im Handel erhätlich!

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Elliott Landy’s Woodstock Vision: Erinnerungen an die Liebe

Das Woodstock-Festival 1969 war eine XXL-Demonstration der damaligen Friedensgeneration. Unvergessen bleibt deren Lebensgefühl auch dank Ausstellungen wie „Elliott Landy’s Woodstock Vision“

Text: Erik Brandt-Höge

 

Eine Milchfarm bei New York sollte vom 15. bis 17. August 1969 zur Kulisse eines Mega-Events werden. Das Woodstock-Festival stand an, und nicht weniger als eine halbe Million Menschen strömte heran, um für Liebe und Frieden zu protestieren und nicht zuletzt den passenden Live-Soundtrack von Musikgrößen à la Jimi Hendrix, Joan Baez, Janis Joplin, Santana und Joe Cocker zu zelebrieren.

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Woodstock, meine Liebe (Foto: Elliott Landy)

Auf den grünen Hügeln vor der Bühne machte es sich eine Generation gemütlich, die vom Vietnamkrieg, von der Kuba-Krise und allerhand ähnlichen sie verstörenden Ereignissen schlichtweg die Schnauze voll hatte. Während einige der größten Hits der Rockmusik übers Areal schallten, schalteten alle Anwesenden einfach mal ab vom Weltwahnsinn und setzten voll und ganz auf Harmonie.

Festgehalten wurden diese Glücksmomente vom amerikanischen Fotografen und Autor Elliott Landy, der zu den wenigen zählte, die nicht bloß vor, sondern auch auf der Woodstock-Bühne Bilder machen durften. „Elliott Landy’s Woodstock Vision“ ist nun der Titel einer Ausstellung im Überseeboulevard 5, die in vier Sektionen („I Vision of a Generation“, „II Stars and Stones“, „III Hight on Musik“, „IV Woodstock“) den Zeitgeist der späten 60er Jahre ins Hier und Jetzt hievt. Zu erleben sind etwa meterhohe Porträts der Live-Acts, eine audiovisuelle Psychdelic Show und ein Woodstock Café.

Elliott Landy’s Woodstock Vision: 1.8.–31.10., Überseeboulevard 5, täglich 14–20 Uhr, Fr–Sa 14–21 Uhr


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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„Untold Stories“: Peter Lindbergh im MKG

Kurz vor seinem Tod stellte Peter Lindbergh die Schau „Untold Stories“ fertig, ein verblüffendes Best-of seiner Arbeit

Text: Sabine Danek

 

Letztes Jahr im Mai war Peter Lindbergh (1944–2019) noch in Hamburg. Um persönlich einen Blick in das Museum für Kunst und Gewerbe zu wer­fen, der zweiten Station seiner Ausstellung „Untold Stories“ – und der ersten, die er selbst konzipiert hat. Einen „Kampf um Leben und Tod“ nannte er die Auswahl, bei der er sein Werk, das mehr als 40 Jahre umspannt, auf 140 Arbeiten reduzie­ren musste. Felix Kramer, Direktor des Düsseldorfer Kunstpalasts, wo die Ausstellung eröffnete, hatte Lind­bergh den Vorschlag gemacht, sein eigener Kurator zu sein. Der Fotograf hatte sofort zugestimmt und schließlich zwei Jahre daran gearbeitet.

Zwischendurch dachte Lindbergh, die Ausstellung würde nie fertig. Nach jedem seiner Shootings, die ihn beständig um die Welt führten, hatte er andere Ideen. Und irgendwann sogar ein Reisemodell der Museumsräume dabei, in der er die Arbeiten beständig neu arrangierte.

Was letztendlich entstand, ist ein Geschenk. Es ist eine persönliche Auswahl, ein Einblick, wie Lindbergh selbst sein Werk sah und was er daran als essenziell betrachtete. So kam es, dass einige seiner ikonischen Aufnahmen fehlen und stattdessen viel Unveröffentlichtes zu sehen ist.

 

„Ein Interview mit der Kamera“

 

Mit Bildern, drei mal vier Meter groß, zieht er direkt in seine Ausstellung hinein. Models sind darauf zu sehen, Landschaften, Stillleben. Überwältigt solle man zu Beginn werden, sagte Lindbergh selbst. Um dann eine Reise durch sein Werk zu beginnen, durch seine Modestrecken, Kampagnen, Porträts. Darunter zahlreiche Celebritys. „Mit ihm Fotos zu machen, ist wie ein Interview mit der Kamera“, hat Uma Thur­ man über Lindbergh gesagt.

 

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Foto: Uma Thurman, Peter Lindbergh

 

Von Duisburg, wo Lindberg als Peter Brodbeck aufwuchs, ging er nach Krefeld, um Kunst zu studieren, haute schließlich nach Berlin ab, zog dann nach Paris und wur­de zu einem der großen Modefo­tografen. Auch, weil die Mode ihn nicht sonderlich interessierte. 25 Jahre lang besuchte er nicht eine einzige Modenschau, er legte keinen Wert auf Trends und aktuelle Kollektionen, sondern wollte seinen eigenen inneren Bildern nachgehen.

Viele davon kamen aus der Kunst. Die Skulpturen des französischen Bildhauers Aristide Maillol beeinflussten seine Arbeit ebenso wie die Konzeptkunst Joseph Ko­suths, die amerikanische Dokumentarfotografie von Dorothea Lange oder Walker Evans und später auch der Tanz von Pina Bausch, mit der er befreundet war. Für eine seiner bekanntesten Kampagnen für Comme des Garçons kehrte er an die Duisburger Hochöfen zurück und zitierte Fritz Langs „Metropolis“. Immer in Schwarz­-Weiß, weil sich das für ihn authentischer anfühlte, und immer auf der Suche nach dem Moment, in dem ein Bild sich in eine Geschichte verwandelte.

 

Ein ungewöhnlicher Lindbergh

 

Den fand er, wenn er mit einem kleinen Team in den Straßen von Downtown Los Angeles unterwegs war, wo er Uma Thurman zwischen mexikanischen Straßenhändlern und Obdachlosen in mörderisch hohen High Heels entlang stöckeln ließ oder auf riesigen Sets, in denen er Models als 40er­-Jahre­-Ganoven inszenierte, Ufos landen ließ und kleine Außerirdische neben Helena Christensen einen Feldweg entlang hopsen. Oder er in einer sei­ner spektakulärsten Kampagnen, als er 1989 mit Tina Turner den Eiffelturm hochstieg und sie in schwin­delerregender Höhe auf dessen Eisenverstrebungen posierte.

Unter den Arbeiten, die erst­mals zu sehen sind, ist auch „Tes­tament“ von 2013. 300 Fälle zum Tode verurteilter Mörder studierte Lindbergh, unter anderem von Elmer Carroll, den er 30 Minuten lang in einen Spiegel blicken ließ, auf dessen anderer Seite seine Ka­mera stand. Ein ungewöhnlicher Lindbergh. Auch in der Arbeitsweise. Bekannt war er für seine unermüdliche Aktion beim Fotogra­fieren, er tänzelte, rannte, lief rück­wärts und steckte alle an. Mit seinen „kleinen Ewigkeiten von Freu­de“, wie sein Freund Wim Wenders sich im Katalog erinnert, und seiner „Leichtigkeit des Seins“.

Peter Lindbergh: Untold Stories, Museum für Kunst und Gewerbe, 20.6.–1.11.2020

 


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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David Abel: Fotos for Future

Nicht nur in Sachen Umweltschutz sind sie ganz weit vorne. Auch die Künste in der Stadt leben von der Eigeninitiative und den Visionen junger Talente. Einer von ihnen ist der Nachwuchs-Foto- und Videograf David Abel (20)

Interview: Hedda Bültmann

 

SZENE HAMBURG: David, momentan legst du deinen Fokus mehr auf die Fotografie und nicht auf Videografie, was auch eine Leidenschaft von dir ist. Warum?

David Abel: Auf einem Foto kann man den Moment mit seinen ganzen Emotionen festhalten und darstellen. Videoaufnahmen zeigen natürlich mehr vom Umfeld der Situation und sind eindeutiger. Aber genau das mag ich an Fotos: Sie bieten Raum für unterschiedliche Interpretationen.

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Melonen pflücken in Vietnam: „Perception“ aus der Vision-Serie

Zum Beispiel das Bild, auf dem das Kind die Wassermelone hält (l.), habe ich verschiedenen Personen gezeigt und ein Teil derer hat mich gefragt, ob das eine Granate sei. Total spannend, dass sie im ersten Moment ein ausländisches Kind mit einer Granate assoziiert haben. Darauf wäre ich nie gekommen, da ich nur die Freude des Kindes gesehen habe, das mit seinen Freunden auf dem Feld gespielt hat.

Welche Momente möchtest du mit der Welt teilen?

Aktuell stelle ich meine Fotoserie „Vision“ auf der Kunstmeile Blankenese aus. Das sind sechs Fotos, die ich in Asien aufgenommen habe. Diese zeigen genau das, was ich vermitteln möchte. Menschen in ihrer Heimat und ihren Emotionen in dem Moment.

Gerade Gefühle versteht jeder und hat einen Bezug dazu. Und darüber auch einen Zugang zu den Menschen aus anderen Kulturen. Emotionen sind wie eine internationale Sprache, die jeder kennt. Ich beschäftige mich gerne mit Gesichtern und was sich darin widerspiegelt. Das zeigt den Menschen und erzählt die Geschichte des Moments.

Zeigst du auch unschöne Seiten?

Ich arbeite gerade mit einem Freund zusammen an einer Fotoserie zum Thema Umweltpolitik. Das abgebildete Foto (u.r.) ist in meinem kleinen Fotostudio entstanden und symbolisiert, dass durch Menschenhand Öl und Plastik in die Weltmeere gelangen und diese zerstören. Wir wollen verschiedene Themen, die gerade in der Umwelt stattfinden auf kreative Weise festhalten und so nochmal darauf aufmerksam machen.

 

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Teil einer Fotoserie über Umweltthemen

 

Gibt es Künstler, die dich beeinflussen?

Heutzutage kann man sich sehr schnell durch Social Media beeinflussen lassen, was für mich positive und negative Auswirkungen hat. Negativ ist das Bremsen der eigenen Kreativität durch Mitlaufen des Mainstreams. Positiv ist, dass man sehr viel lernen und sich inspirieren lassen kann.

So habe ich zum Beispiel den Fotografen Brendan North entdeckt und mit ihm Kontakt aufgenommen. Trotzdem versuche ich, mich auch auf dem altmodischen Wege inspirieren zu lassen.

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Auf den Traintracks in Hanoi: David Abel

Ich besuche gerne Ausstellungen und Galerien wie beispielsweise in den Deichtorhallen. Jeder sollte sich und seinen eigenen Stil entdecken.

Du reist ja viel. Hast du einen Lieblingsort?

Es gibt viele Orte, die ich mit schönen Erinnerungen verbinde. Ein Ort wird für mich durch die Erlebnisse dort schön. Wenn diese ausschlaggebend waren und die Gefühle dort gestimmt haben, macht ihn das direkt sehr viel schöner. Hamburg ist mein Zuhause, ich liebe die Stadt. Als ich das letzte Mal von einer Reise zurückgekommen bin, habe ich mich auch einfach darüber gefreut, wie frisch die Luft hier riecht.

Kunstmeile Blankenese bis zum 24.5. | Instagram: dba.photography


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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True Stories: Fotografie der Wirklichkeit

In „True Stories“ untersucht die aktuelle Meisterklasse der Ostkreuzschule für Fotografie die Wirklichkeit

Text: Sabine Danek

 

Um ihre subjektive Wahr­nehmung der Vergangen­heit, dem Jetzt oder der Zu­kunft festzuhalten, zog es die 12 Meisterschüler der Klasse von Fotolegende Ute Mahler und Deichtorhallen­-Kurator Ingo Taubhorn an die unterschiedlichsten Orte. Und egal wie nah oder fern sie sind, ob sie auf dem Land liegen oder das eigene Ich sind, eine Zukunftsvision oder ein Blick zurück, nehmen sie einen mit auf herrlich unbekanntes Terrain.

Nele Gülck erkundete ein albanisches Dorf im Morava­ Gebirge und dessen „guten Berg“, dem mythische Kräfte zugeschrieben werden, von Katholiken ebenso wie von orthodoxen Christen, von Muslimen, Bektashi Sufis und auch alten Sozialisten, die sonst wahrscheinlich nicht an allzu viel glauben. Gehen die Bewohner mal auf die Reise, vergessen sie nie, eine Handvoll Erde des Berges einzustecken. Nina Hansch näherte sich in „800 Meter tief “ dem Leben in Groß Vahlberg an, das nur zwei Kilometer von dem Atommülllager Asse II entfernt liegt. Ralf Bittner hielt in „Zwischenland“ die kaum wahrnehmbaren, kleinen Veränderung in einem 65.000 ­Ein­wohner ­Städtchen fest. Heide Krautwald hingegen erforschte ihre sozialen Rollen als Frau, Geliebte, Mutter und Natalya Reznik machte sich in die Zukunft auf. In „Die Alte Welt“ des Jahres 2050, in der DJs, Stewardessen oder Models stolz angegraute ältere Damen sind.

Ab dem 3. April wollten die Meisterschüler ihre „True Stories“ im Frappant zeigen. Updates auf der Website www.tru­estories­oks.de, genauso wie auf Instagram (truestories_oks), wo die Fotoserien gut dokumentiert sind.

truestories-oks.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Shirana Shahbazi – Von lichten Räumen und tintiger Nacht

Das Kunsthaus Hamburg zeigt Shirana Shahbazis Lichtkunst  im Rahmen der Photo-Triennale.

Shirana Shahbazi liebt die klare Kante. In ihrer Kunst bezeugen das die klaren Konturen ihrer fotografischen Konstruktionen. Sie selbst bezeugte es beim Presserundgang am Tag der Eröffnung. Da stand die iranisch-deutsch-schweizerische Künstlerin recht entschieden vor ihren Arbeiten im Kunsthaus und korrigierte, was ihr falsch oder auch nur ungenau erschien: Nein, meinte sie. Das, was viele als abstrakt bezeichnen, die im Studio fotografierten Arbeiten seien nicht abstrakt.

Foto: Shirana Shahbazi, Raum-Gelb-01, 2017, C-print on aluminium, Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zurich

Und tatsächlich. Man kann das so sehen: Denn diese hier eleganten, leuchtend monochromen, manchmal aber auch vielfarbigen geometrischen Strukturen sind in ihrem Züricher Atelier entstandene Fotografien von realen, sorgfältig austarierten Arrangements lackierter Podeste, Stellwände und Objekte. Sie sind also Bilder realer Szenerien – insofern sind sie geometrisierend und konstruiert, aber nicht abstrakt.

Und umgekehrt mögen, so betonte Shahbazi, ihre großformatigen Siebdrucke, bei denen sich Naturfragmente, Innenräume und Menschen in unterschiedlich farbigen Schichten überlagern, zwar auf den ersten Blick wie Abbilder der Wirklichkeit scheinen, tatsächlich aber seien es Konstruktionen hybrider, sich in der Wirklichkeit nicht eröffnender Kombinationen. Und ja: Diese Arbeiten überlagern Ansichten des kalifornischen L.A. mit solchen des japanischen Kirishima. Sie verblenden das subtropische Ishigaki mit dem türkischen Istanbul und rücken das kroatische Plitvica optisch an das ostanatolische Erzurum heran.

Shirana Shahbazi, Raum-Rot-01, 2017, C-print on aluminium, Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Ähnlich wie die Arbeiten Wolfgang Tillmans’ kreisen Shahbazis Arbeiten im Kern um das Verhältnis Abstraktion und Repräsentation in der Fotografie. Und auch ihre Einzelarbeiten tauchen in Büchern wie in Ausstellungen in immer neuen Konstellationen auf und aktivieren so das Nebeneinander von dokumentarisch scheinenden Wirklichkeitsansichten und Studiokonstruktionen immer wieder neu.

Die 1974 in Teheran geborene Künstlerin kam im Alter von elf Jahren nach Deutschland, sie studierte in Dortmund, später in Zürich, wo sie heute lebt. Zu den eindringlichsten der in Hamburg gezeigten Arbeiten gehören die als Lithografien auf Büttenpapier gedruckten nächtlichen Ansichten ihrer Geburtsstadt. Ihr Titel „Tehran North“ verweist auf den wohlhabenderen und westlicher anmutenden Teil der Stadt.

In ihnen scheinen aber nicht deren charakteristischen Orte und Sehenswürdigkeiten auf, vielmehr die Spuren des Lichts im tintigen Dunkel der Nacht, wie erhascht im Vorüberfahren: die Lichterbänder der Autos auf den Schnellstraßen, die Reflexionen in den Scheiben der Wohnblöcke, der Lichtkegel eines Verkaufstandes. So zeichnen die Blicke ins Dunkle eine Annäherung an eine Stadt nach, die sich nur zögernd preisgibt – zumindest, so kann man vielleicht ergänzen, dem fragenden Kamerablick einer Frau, die schon lange in Mitteleuropa lebt und nicht mehr recht zu Hause ist in der Stadt ihrer Kindheit.

Shirana Shahbazi, Raum-Blau-01, 2017, C-print on aluminium, Courtesy the artist and Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Besonders wichtig ist Shahbazi die Materialität, die Objekthaftigkeit ihrer Bilder. Ihre Publikationen erscheinen nicht als Kataloge, sondern als eigenständige Präsentationsformen. Sie entstehen, wie sie selbst sagt, „in symbiotischer Zusammenarbeit“ mit ihrem Partner, dem Grafikdesigner Manuel Krebs. Gemäß ihrem genauen Gespür für Präsentationsweisen hat sie auch im Kunsthaus ihre Arbeiten nicht einfach nebeneinander gehängt, sondern zusammen mit starkfarbigen getönten Wandflächen in eine Wandmalerei einfügt, so dass der Raum den Betrachter – trotz und entlang der vielen klaren Kanten – in einen poetisch-zarten Bilderstrom hineinzieht.

Text: Karin Schulze
Beitragsbild: Galerie Peter Kilchmann, Zürich

Shirana Shahbazi: Objects in Mirror Are Closer than They Appear. Bis 26.8.2018, Kunsthaus Hamburg


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2018. Das Magazin ist seit dem 29. Juni 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Noch mehr Lust auf Fotografie?

Die Documenta der Fotos – Triennale der Photographie

Zum 7. Mal verwandelt sich die Triennale der Photographie Hamburg in einen Hotspot – und in diesem Jahr in einen sehr politischen. Wir sprachen mit dem künstlerischen Leiter Krzysztof Candrowicz darüber, was Fotografie so besonders macht und wie sie den Geist öffnen kann.

SZENE HAMBURG: Ging es bei der letzten Phototriennale noch um die technische und ästhetische Zukunft der Fotografie, haben Sie jetzt gesagt: „zu viel Nachdenken über Form macht Kunst bedeutungslos“. Was hat sich in den letzten drei Jahren für die Fotografie geändert?

Krzysztof Candrowicz: Es ist kaum zu glauben, aber das Medium Fotografie wurde tatsächlich noch populärer. Alle Social-Media-Kanäle leben von Fotografie. Einzig bei Twitter überwiegt noch der Text. Die große Veränderung in den letzten drei Jahren ist, wie wir Bilder verarbeiten seit die Fotografie so unmittelbar geworden ist. Die Beliebtheit von Snapchat, Gifs und „Stories“ haben unsere Wahrnehmung beeinflusst. Bilder verschwinden nach ein paar Sekunden wieder und der langsame Konsum eines Bildes, die Meditation darüber, ist eher selten geworden. Natürlich machen auch Fotofestivals es nicht gerade einfacher, denn wir versuchen ein Thema durch Hunderte von Bildern zu umreißen. Dennoch wird es auf der Triennale viele Möglichkeiten geben, über einzelne Bilder zu meditieren.

Zum zweiten Mal künstlerischer Leiter der Triennale: Krzysztof Candrowicz

Fotografen sind für Sie heute nicht mehr nur Bildermacher, sondern Philosophen, Dichter, Forscher mit der Kamera. Können sie das genauer erklären?

Eine simple fotografische Dokumentation ist heute nicht mehr besonders aufregend. Es gibt Millionen Fotografen, Tonnen an Fotoprojekten. Nahezu jedes Thema ist abgedeckt und fast alle Bilder landen in der globalen Bildermülltonne Google Images. Fotografen, die ohne Intention oder Aussage alles um sie herum fotografieren, von links nach rechts und ohne eigene „Botschaft“, reproduzieren einfach die Realität. Dabei ist das Wertvolle die Idee hinter einem Bild, hinter einem Projekt. Deshalb sind diejenigen, die auf Ideen und Inhalte fokussiert sind, nicht mehr länger nur Bildermacher, sondern vielmehr auch Philosophen, Poeten oder Soziologen, die mit der Kamera ihre Theorien und Geschichten visualisieren.

Was kann Fotografie heute als Medium, was kein anderes kann?

Darauf zu antworten ist eine wirkliche Herausforderung. Fotografie berührt die Augen und das Sehen ist der unmittelbarste und wirkungsvollste aller Sinne. Gleichzeitig kann man Fotografien am schnellsten und einfachsten teilen. Bilder haben keinen Ton, bewegen sich nicht und ermöglichen, uns auf eine sehr einfache Art und Weise und ohne Worte auszudrücken. Das Phänomen Selfie ist das beste Beispiel dafür. Für mich ist die Stärke der Fotografie aber vor allem ihre Langsamkeit. Wir können mit ihr den Fluss der Zeit anhalten und über Momente nachsinnen, die für unsere Augen unsichtbar sind.

Sie haben die Phototriennale „Documenta der Fotografie“ genannt …

Tatsächlich war die Documenta bei der Entwicklung der Triennale für mich der wichtigste Bezugspunkt. Die letzten Triennalen haben sich mit der Ästhetik und der sozialen Wirkung der Fotografie beschäftigt. Dieses Mal aber interessiert uns nicht so sehr ihre visuelle Sprache. Als Medium selbst ist sie viel transparenter geworden und deshalb konzentrieren wir uns stärker auf ihren Inhalt. Ich persönlich finde die meisten Ausstellungen und Festivals, die vor allem Porträts, Landschaften oder andere formale Aspekte im Blick haben, ziemlich langweilig. Die Documenta aber war von Anfang an eine Art politischer Kommentar, eine Stimme der Künstler. Und ich wünsche mir, dass die Triennale 2018 auch ein gemeinsames Statement ist, in diesem Fall durch Fotografie.

Foto: Salvatore Vitale: How to Secure a Country, 2015- 2017

Die einzelnen Ausstellungen der Triennale sind durch Computerbegriffe wie Home, Control, Space verbunden. Welche neuen Aspekte zu Heimat und Heimatlosigkeit, urbanem Raum und Machtverhältnissen kann man erwarten?

Tastatur-Begriffe wie Enter, Space oder Control sind für mich nicht mehr als Symbole für die digitale Transformation und Automatisierung. Wir verwenden diese Begriffe als Metaphern, um den Einfluss von Technologie, Globalisierung, von Massenproduktions- und Konsum-Kreisläufen zu verdeutlichen. Der Fortschritt will uns glauben machen, dass die heutige Welt einfach ist. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Abseits der Tastatur und des Screens ist die Welt komplizierter geworden und das Programm der Triennale 2018 beschäftigt sich mit dieser Komplexität. Die Triennale ist ein politisches und gesellschaftliches Statement mithilfe von Bildern und ist neben der Fotografie von Autoren wie Noam Chomsky, Noah Harari und Naomi Klein inspiriert.

Während in der Kunsthalle eher bekannte Künstler wie Thomas Demand oder Sophie Calle zu sehen sind und im Bucerius Kunst Forum Anton Corbijn, scheinen die Bilder der Schau [ENTER] in den Deichtorhallen sehr intensiv zu sein.

Genau das ist die Struktur des Festivals! Das gesamte Programm heißt ja „Breaking Point“. Die Ausstellungen dazu, mit Titeln wie [ENTER], [HOME] oder [ESCAPE], werden in den großen Museen gezeigt und beziehen direkt Stellung zu politischen, wirtschaftlichen oder ökologischen Themen. Darüber hinaus gibt es „Special Shows“, die nicht unbedingt einen Bezug zum Festival-Thema haben. Dafür haben wir die Künstler Anton Corbjin, Joan Fontcuberta und Shirana Shahbazi eingeladen. Alle stellen zum ersten Mal in Hamburg aus.

Auch viele OFF-Räume nehmen diesmal teil.

Die [OFF] Triennale wurde entwickelt, um ein breiteres Publikum zu erreichen und auch Menschen, die normalerweise nicht ins Museum gehen. Dank Pop-up-Orten und weniger bekannten Galerien werden wir auch für ein jüngeres Publikum sichtbar. Außerdem konnte sich jeder für die OFF Sektion bewerben. Über 800 Ausstellungskonzepte wurden eingereicht und die Triennale wird so demokratischer und offener.

Foto: Andreas Herzau: Girl, aus der Serie Moscow Street, 2008

Was ist die große Herausforderung der Triennale?

Ich weiß, dass es sich fast zu vielversprechend oder vielleicht sogar trivial anhört, aber die große Herausforderung der Triennale ist, durch Fotografie zu einem Wandel zu inspirieren. Da visuelle Sprachen wichtig sind, um Dinge zu vermitteln, die nicht in Worte zu fassen sind, ist sie das perfekte Werkzeug, wichtige globale Themen zu veranschaulichen. Deswegen hebt die Triennale auch Künstler hervor, die sich mit ihren Arbeiten an der Grenze von Kunst und Aktivismus bewegen. Ich hoffe, dass ihre Projekte den Blick und Geist der Besucher öffnen.

Darüber hinaus sollen Initiativen zum Handeln und Inspiration für nachhaltige Alternativen entstehen.

Neben inspirierenden und packenden Fotografen haben wir den Künstler Joshua Schwebel eingeladen, der sich mit sozialen und politischen Interventionen beschäftigt. Er wird sich an Hamburger Museumsdirektoren wenden und sie zu Projekten einladen, die zum Umdenken anregen – Aktionen, Proteste oder Manifeste. Schließlich ist die Triennale auch eine riesige gemeinschaftliche Plattform auf der wir alle voneinander lernen.

Ist Hamburg eine gute Stadt für Fotografie?

Hamburg ist ein wahrer Knotenpunkt für Fotografie, wenn auch international eher immer noch unentdeckt. Die erste Fotoausstellung, die je in einem Museum gezeigt wurde, fand 1890-1898 in der Hamburger Kunsthalle statt. Die Museen hier haben tolle Fotografie-Kollektionen und die Deichtorhallen sind vielleicht der größte Ort, der sich ganz der zeitgenössischen Fotografie verschrieben hat. Auf jeden Fall in Europa und wenn nicht sogar weltweit. Wenn man dann noch die Bildungstradition der HFBK nimmt, die Tatsache, dass die meisten Verlage in Hamburg sitzen und dazu die Triennale der Photographie, ist klar, dass Hamburg der Spot ist!

/ Interview: Sabine Danek

/ Beitragsfoto: Martin Errichiello & Filippo Menichetti, Untitled, 2016, Laino Borgo (Cs) Italy, aus der Serie: In fourth Person

Die Triennale der Photographie findet vom 7.6. bis 26.8. in den Deichtorhallen und an vielen anderen Orten in Hamburg statt.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!