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„Es ist wichtig, wütend und empört zu sein“

Seit 25 Jahren arbeitet Sibylle Ruschmeier beim Frauen Notruf Hamburg. Seither hat sich einiges verändert, doch längst nicht genug. Ein Gespräch über Mythen, Vorurteile und den andauernden Kampf um Gerechtigkeit

Interview: Anarhea Stoffel

SZENE HAMBURG: Sibylle Ruschmeier, 1980 wurde der Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen in Hamburg gegründet. Was waren die übergeordneten Ziele?

Sibylle Ruschmeier: 1980 war die Zeit des Aufkommens der sogenannten Neuen Deutschen Frauenbewegung. Damals waren es vor allem politische Aktionen, zu denen sich engagierte Frauen zusammengefunden haben. Dabei ging es zuerst einmal viel darum, die Gewalt gegen Frauen als alltägliche Männer-Gewalt klar und deutlich zu benennen und für die Rechte von Frauen und Mädchen öffentlich sichtbar zu kämpfen. Schlagkräftige Parolen damals waren „Vergewaltiger wir kriegen euch“ und „Wir holen uns die Nacht zurück“. In den Achtzigern sind dann bundesweit ganz viele autonome Frauenhäuser und Frauennotrufe entstanden. Der Frauen Notruf in Hamburg hat seine Wurzeln in dieser Neuen Deutschen Frauenbewegung. 

„Gesellschaftliche Strukturen begünstigen diese Gewalt“

Sie sind heute ein Team von sieben Mitarbeiterinnen aus verschiedenen beruflichen Bereichen. Welche Voraussetzungen sind dringend nötig für Ihre Arbeit?

Natürlich einmal eine gute Ausbildung für traumasensible Beratungsarbeit und auch ein Verständnis für die gesellschaftlichen Zusammenhänge, die die Gewalt gegen Frauen und Mädchen bedingen und begünstigen. Weil wir ja sexualisierte Gewalt gegen Frauen nicht als ein individuelles Einzelschicksal verstehen, sondern immer den gesellschaftlichen Kontext mit im Blick haben. Ich glaube, es ist auch wichtig, wütend und empört zu sein über das Unrecht der sexualisierten Gewalt, die Frauen und Mädchen und anderen Minderheiten tagtäglich widerfährt. Und Humor ist eine wertvolle Ressource. Wir lachen hier schon auch oft und viel.

„Viele falsche Vorstellungen bestehen nach wie vor in der Gesellschaft über die Taten, wie sie ablaufen, über die Täter, die Opfer und die Folgen.“

Sibylle Ruschmeier

Warum ist für Sie die Öffentlichkeitsarbeit so wichtig?

Zum einen natürlich, um die Beratungs- und Unterstützungsangebote bekannt zu machen. Damit dann auch Betroffene und Vertrauenspersonen den Weg hierher finden und sich Hilfe und Unterstützung holen können. Und zum anderen ist es aber noch immer unglaublich wichtig, über Vergewaltigung aufzuklären. Viele falsche Vorstellungen bestehen nach wie vor in der Gesellschaft über die Taten, wie sie ablaufen, über die Täter, die Opfer und die Folgen. Diese falschen Vorstellungen wirken sich eigentlich alle zum Nachteil der betroffenen Frauen und Mädchen aus. Vergewaltigungsmythen und die sogenannte Vergewaltigungsmythenakzeptanz sind eben sehr verbreitet und halten sich wahnsinnig hartnäckig. Jede Frau, jedes Mädchen spricht über Schuldgefühle und Schamgefühle, und es hilft, das eingeordnet zu bekommen. Dass es nicht ihre Schuld ist, sondern dass da gesellschaftliche Strukturen und Bedingungen dafür zuständig sind, die diese Gewalt begünstigen, bagatellisieren und leugnen.

„Kleidung ist nicht die Ursache, sondern das Täterverhalten“

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, damit sich diese gesellschaftlichen Strukturen verbessern?

Insgesamt müsste genauer hingeschaut werden. Die Bereitschaft müsste größer sein, sich damit auseinanderzusetzen und auch die eigene Abwehr der Thematik zu hinterfragen. Die Vergewaltigungsmythenakzeptanz ist auch deshalb so hartnäckig, weil sie das scheinbar Unerklärliche erklärt. Also ein ganz plattes Vorurteil, welches es aber leider gibt: Eine Frau, die sich so anzieht, muss sich nicht wundern. Da könnte ich ja im Umkehrschluss glauben, wenn ich mich nicht so anziehe, dann bin ich sicher. Das ist nicht der Fall. Sie sind nicht sicher, wenn Sie sich nicht so anziehen, weil die Kleidung nicht die Ursache ist, sondern das Täterverhalten. Unabhängig davon, wie Sie angezogen sind, egal, wie alt Sie sind, egal, welche Tageszeit, egal, welcher Ort. Er entscheidet sich dazu. Es ist seine Entscheidung, Ihnen Gewalt anzutun.

Es ist natürlich schwierig, denn immer hingucken kann man ja auch nicht. Man muss sich auch mal sicher fühlen. Aber zumindest in den Berufen, die ganz offensichtlich mit Betroffenen zu tun haben, sollte es mehr Fortbildung über Traumafolgen, Traumareaktionen, über sogenanntes Opfer- und Täterverhalten geben.

Es gibt mittlerweile so viel Wissen dazu. Es ist eigentlich da, es ist nur wahnsinnig schwierig, es in den Lehrplänen zu verankern.

„Die Arbeit mit den Frauen ist eine, die ich sehr mag“

Sie erleben in diesem Monat Ihr 25- jähriges Jubiläum beim Frauen Notruf. Wie kamen Sie zu diesem Beruf?

Das war zum Ende meines Soziologie-Studiums. Da habe ich mich mit der Thematik sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen befasst, vor allem mit der damaligen Berichterstattung über Gerichtsverfahren. Es gab damals große Prozesse über sexualisierte Gewalt gegen Kinder, die Wellen geschlagen haben. Und das hat mich alles sehr fassungslos und wütend gemacht, weil ich bis dahin gar nicht mit dem Thema in irgendeiner Ausbildung konfrontiert worden bin. Seither hat mich das Thema mit all seinen Ungerechtigkeiten irgendwie nicht mehr losgelassen. Und so habe ich dann nach Beendigung meines Studiums, damals noch als Aushilfe im Büro, hier angefangen.

„Die Vergewaltigungsmythenakzeptanz ist auch deshalb so hartnäckig, weil sie das scheinbar Unerklärliche erklärt.

Sibylle Ruschmeier

Die Arbeit mit den Frauen ist eine Arbeit, die ich sehr mag. Es ist ein toller Beruf und ein großes Privileg, finde ich, so im Einklang mit meinen persönlichen und ethischen Überzeugungen arbeiten zu können. Ich habe in der Beratungsarbeit so viele tolle, kreative, starke und beeindruckende Frauen und Mädchen kennengelernt und von ihnen natürlich auch sehr viel gelernt. Mit den Frauen zu arbeiten ist nicht der belastende Teil. Das Gefühl zu haben, da ändert sich nie was in diesen Institutionen, das ist ermüdend.

Die helle Seite ist wichtig

Einige Geschichten gehen vermutlich nah, trotzdem sind Sie seit 25 Jahren Teil des Teams. Wie schaffen Sie es, weiterzumachen, Distanz zu wahren?

Wichtig ist es, eine gute Ausbildung zu haben, in der man lernt, professionell damit umzugehen. Auch ein gutes Team, das vertrauensvoll zusammenarbeitet, sich austauscht ist hilfreich. Und eine deutliche Grenze zwischen Arbeit und Privatem zu ziehen ist wichtig. Es ist gut für einen Ausgleich im Privaten zu sorgen, sich also zu Hause, in der Freizeit weniger mit den dunklen Seiten der Menschheit zu beschäftigen. Die helle Seite, die es ja auch gibt, mehr in die Waagschale zuwerfen, hilft sehr.

Wie kann man Sie und den Verein als Privatperson unterstützen?

Das kann ideelle oder finanzielle Hilfe sein. Man kann über unsere Homepage regelmäßige Informationen erhalten und es gibt auch einen Förderverein, in dem man Mitglied werden kann. Und man kann außerdem Materialien anfordern und in Arztpraxen oder an anderen Stellen verteilen. Wir freuen uns natürlich immer über Menschen, die sich für unsere Arbeit interessieren und die mit uns an der Seite der betroffenen Frauen und Mädchen stehen.

Der Frauen Notruf Hamburg ist telefonisch unter 040 25 55 66 erreichbar


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„Lingui“: Die Kraft der Frauen

„Lingui“ ist ein Film über feministischen Widerstand und mütterliche Liebe – bildgewaltig, hochaktuell und relevant

Text: Anarhea Stoffel

Ein kleines Dorf im Tschad, eine staubig karge Landschaft, gleißendes Sonnenlicht und eine Frau, die Feuerschalen aus alten Lkw-Reifen herstellt. Es sind eindrucksvolle Bilder, die der tschadische Regisseur Mahamat-Saleh Haroun in seinem neuen Film zeigt. Das Thema des Films ist unterdessen ein Universelles: der Kampf gegen unterdrückende Gesetze und die Bindung zwischen Mutter und Tochter. Diese gerät aus den Fugen, als die 15-jährige Maria (Rihane Khalil Alio) ihrer Mutter Amina (Achouackh Abakar Souleymane) gesteht, schwanger zu sein.

Zwischen Enttäuschung, Religion und einer besseren Zukunft

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„Lingui“, ein Film aus dem Tschad mit viel Relevanz (Foto: Déjà-Vu Film)

Amina ist enttäuscht, glaubt ihre Tochter habe denselben Fehler gemacht wie sie selbst: dem Vater ihrer Tochter zu vertrauen, der sie während der Schwangerschaft verließ. Anna wurde daraufhin von ihrer Familie verstoßen wurde und musste ihr Kind allein großziehen. Maria hingegen verkündet ihrer Mutter, sie wolle das Kind abtreiben. Das stürzt Amina in eine tiefe Krise: Hin- und hergerissen zwischen dem muslimischen Glauben, der eine Abtreibung nicht zulässt, und dem Wunsch, ihrer Tochter eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Immer wieder verspüren beide den Druck, sich den autoritären Vorstellungen ihres patriarchalen Umfelds zu beugen. Nachdem Maria aus Verzweiflung versucht, sich das Leben zu nehmen, versöhnen sich Mutter und Tochter. Amina beschließt, Maria zu helfen. Die beiden Frauen beginnen einen Kampf um Gerechtigkeit und Selbstbestimmung in einer Gesellschaft, die ihnen keine Stimme geben will.

„Lingui“ ist ein bewegender Film über weibliche Solidarität und das nicht nur zwischen den beiden Hauptfiguren. Er zeigt eine bedingungslose Liebe, die weder durch Unterdrückung noch Gewalt zu brechen ist. Im Gegenteil, es ist eine Liebe, die durch Oppression verstärkt wird.

„Lingui“, Regie: Mahamat-Saleh Haroun. Mit Achouackh Abakar Souleymane, Rihane Khalil Alio, Youssouf Djaoro. 87 Min. Ab dem 14. April in den Kinos 

Hier gibt‘s den Trailer zum Film:


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21 Prozent – ein Kommentar zum „Weltfrauentag“

Der 8. März ist „Weltfrauentag“. Wie in jedem Jahr wird demonstriert, doch ein Tag voller Symbolik reicht längst nicht mehr – ein Kommentar

Kommentar: Felix Willeke

Heute schon „Solidarisch aktiv für Frauen*rechte!“ am Clara Zetkin Denkmal in Berlin-Hellersdorf gewesen? Oder den freien Tag bei einem Kaffee an der Spree genossen? Berlin ist schließlich das einzige Bundesland, an dem der 8. März ein Feiertag ist. Genauso wie am Tag der Arbeit wird heute am „Weltfrauentag“ in der Hauptstadt und anderen Städten demonstriert – in Hamburg gibt es ab 16:30 Uhr unter dem Motto „Überlastet, ungesehen, un(ter)bezahlt“ einen Sternmarsch zur Abschlusskundgebung am Jungfernstieg (18:30 Uhr).

21 Prozent Unterschied

Doch wofür demonstrieren? Wer sich das ernsthaft im Jahr 2022 noch fragt, wofür demonstriert wird, lebt wahrscheinlich hinterm Mond (der, maskulin). Man stelle sich vor, der Vorgesetzte biete einem morgen 21 Prozent mehr Gehalt an. Das wären bei 2.500 Euro auf einen Schlag über 500 Euro mehr. Ein wahnsinniger Sprung und echt viel Geld. Stellen wir uns vor, alle Führungskräfte gehen heute auf ihre weiblichen Angestellten zu und geben ihnen 21 Prozent mehr Gehalt als den männlichen Kollegen. Ab sofort. Der Aufschrei wäre riesig, es würde protestiert und „Männerfeindlichkeit“ geschrien. Doch, liebe Männer und liebe Führungsetagen, umgekehrt ist das Ganze schon lange Realität. Vor Corona verdienten in Hamburg Frauen im Durchschnitt 21 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Damit arbeiteten sie von Jahresbeginn bis zum 7. März 2022, dem Equal Pay Day, quasi umsonst.

Keine Blumen und Rabattcodes

Einer der Gründe für diesen krassen Unterschied steckt schon im Motto der Demonstrationen in Hamburg: „Überlastet, ungesehen, un(ter)bezahlt“. Neben den fehlenden Frauen in Führungspositionen arbeiten viel mehr Frauen als Männer in Teilzeit oder schlecht bezahlten Jobs. In Pflege- und Sorgeberufen sind es zum Teil über 90 Prozent Frauen. Deswegen streiken auch bewusst am 8. März 2022 viele Angestellte in den Hamburger Kitas. Ein gutes Zeichen, aber nicht genug. Berlin zeigt, wie die Aufmerksamkeit für den 8. März größer werden kann. Mit Symbolik allein ist es nicht getan – es braucht keine Blumen und Rabattcodes. Es braucht Geschlechtergerechtigkeit, das Ende der Rollenklischees, keinen Gender Pay Gap und die gendergerechte Sprache. Vielleicht wäre, wie es die Autorin Emilia Roig vorschlägt, ein neuer Name der erste Schritt: Aus dem „Weltfrauentag“ wird so der Anti-Patriarchatstag – und das jeden Tag.


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Hamburgerin des Monats: Anne Krüger-Vonderau vom Mitternachtsbus

Im November feierte das spendenfinanzierte Projekt „Mitternachtsbus“ der Diakonie Hamburg seinen 25. Geburtstag – und Anne Krüger-Vonderau 20 Jahre Ehrenamt gleich mit. Ein Gespräch über gesellschaftliche Verantwortung

Text & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Frau Krüger-Vonderau, Gratulation zu 20 Jahren Mitternachtsbus!

Anne Krüger-Vonderau: Fast zwanzig Jahre. Ganz korrekt fehlen zwei Monate. Aber ich fühle mich schon als 20-Jährige (lacht). Ich wurde auch auf dem 25-jährigen Jubiläum, das wir vor dem Michel gefeiert haben, in die Gruppe aufgenommen, die schon seit 20 Jahren dabei sind.

Wie viele Einsätze sind Sie seit 2001 gefahren?

Wie die meisten fahre ich einmal im Monat. Wenn man berufstätig ist und denkt, ich will was für die Gesellschaft leisten, kann man das ganz gut machen. Also 20-mal 12 sind 240 Einsätze. So Pi mal Daumen (lacht).

Wie läuft ein Einsatz ab?

Wir bereiten gegen 18.45 Uhr die Tour vor. Um 20 Uhr starten wir, holen belegte Brötchen und Kuchen von einer Bäckerei, fahren zur Bahnhofsmission. Manchmal haben die Sachen für uns. Gegen 20.15 Uhr ab zur ersten Platte. Das geht tatsächlich bis Mitternacht. Manchmal auch bis 1 Uhr, je nachdem wie groß der Andrang ist. Und wie viele Gespräche stattfinden.

Platte ist der Ort, an dem Obdachlose schlafen?

Richtig. „Ich mach Platte“ heißt, ich schlafe, meist alleine, an einem Ort irgendwo versteckt. Das war ein Grund, warum der damalige Landespastor Dr. Stephan Reimers in den Neunzigern den Mitternachtsbus gegründet hat. Und das Spendenparlament und das Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“: Als Folge der Wende herrschte Wohnungsnot, die Leute lagen überall verteilt in der Stadt, es gab viele Tote. Wir versuchen, diese Orte rauszukriegen, fahren die Platten ab. Unsere Idee der Betreuung ist Grundversorgung und Ansprache als aufsuchende Hilfe: Wenn jemand in seinem Schlafsack liegt, fragen wir ihn: Sollen wir Ihnen was bringen?

 

Das Ziel: Wohnungen für alle

 

Haben Sie noch Gäste der ersten Stunde?

Man lebt nicht so lange auf der Straße. Wenn man jemanden länger kennt, beobachtet man, dass die Verwahrlosung in Wellen stattfindet. Wenn man keine Wohnung hat und ein Alkoholproblem, stirbt man häufig auf der Straße. Es gibt wenig ganz Alte. Zum Volkstrauertag war auch ein ökumenischer Gedenkgottesdienst in Eimsbüttel für die auf der Straße Verstorbenen. Da kommen einige zusammen über das Jahr.

Ihre Gäste sind alle obdachlos?

Manche haben eine eigene Wohnung und kommen wegen der sozialen Kontakte. Die schauen vorbei, holen sich einen Kaffee, klönen und fahren mit der letzten S-Bahn nach Hause. Das Ziel sollte sein, dass alle eine Wohnung bekommen. Jetzt gibt es das erste Projekt von „Hinz&Kunzt“, wo 24 Obdachlose eine Wohnung haben. Nach 25 Jahren! Das ist doch Wahnsinn. Housing First heißt das. Wir konnten kurz vor dem Einzug das Haus besichtigen. Toll, dass das mit unserem Jubiläum zusammenfällt.

Wie wurde das Haus finanziert?

Einzelheiten zur Finanzierung kenn ich nicht. Alle Bewohner haben unbefristete Hamburger Mietverträge. Das können sie über den Verkauf von „Hinz&Kunzt“ oder andere Sachen finanzieren. Das Wichtigste bei Housing First, wie ich von Sozialarbeitern gelernt habe: Sobald man einen festen Ort hat, kann man sich endlich um die anderen Sachen kümmern. Viele haben Ansprüche wie Renten oder Arbeitslosengeld, aber keinen „Perso“. Jetzt haben sie einen Ort, wo man mit ihnen planen kann. Wo sie selbst Ziele entwickeln können. Das geht auf der Straße nicht.

 

Frauen auf der Straße sind unauffälliger

 

Haben sich die Gäste geändert in den Jahrzehnten?

Durch die europäische Grenzöffnung sind es viele Männer aus Osteuropa. Die können kein Deutsch, haben keine Chance auf dem Arbeitsmarkt und fallen durch das Netz. Wir haben viele Ältere. Es gibt auch Frauen auf der Straße, aber die sind unauffälliger. Jüngere Leute weniger, kommt aber auch vor.

Was machen Sie, wenn Stammgäste verschwinden?

Wir machen uns Sorgen, informieren die Straßensozialarbeiter. Die starten einen Rundruf in den Krankenhäusern. Viele sind natürlich, wie man früher sagte, Tippelbrüder. Die sind unterwegs. Manche sagen, ich war jetzt zwei Monate Richtung Süddeutschland unterwegs. Dann kehren sie zurück in die Anonymität der Stadt.

Obdachlose machen auch innerhalb der Stadt ganz schön Strecke.

In Hamburg gibt es unheimlich viele Anlaufstellen. Dafür müssen sie sich bewegen. In Harburg wird ein Superfrühstück angeboten, dann fährt man morgens dahin. Später zum Mittagstisch nach Altona. Die müssen schon ein büschen plietsch sein, um sich zu organisieren und sind dann wirklich in ganz Hamburgs unterwegs.

 

„Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren“

 

Sind in den Jahrzehnten Freundschaften entstanden?

Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren. Ich habe in der Schule als Beratungslehrerin gearbeitet, und weiß, dass das ganz wichtig ist. Dass man sich nicht in seinem Helfersyndrom verliert. Man muss das professionell machen, wenn man was bewirken will. Ansonsten wird man aufgesogen von den Bedürfnissen des anderen. Ich bin voll da, wenn ich fahre, aber ich würde keine Beziehungen aufbauen, die darüber hinausgehen.

Sind Sie noch anderweitig sozial engagiert?

Ich arbeite in der Flüchtlingshilfe, bin in der Christianskirche in Ottensen aktiv, auch seit über 20 Jahren im Chor (lacht). Da gibt es das Willkommenskulturhaus, wo Geflüchtete Sprachunterricht nehmen können. Es soll politische Bildung auf Augenhöhe stattfinden. Man kann sich auch mit wenigen Sprachkenntnissen über die Situation in ihren Ländern und in Deutschland austauschen.

Was treibt Sie an?

Ich habe fast 40 Jahre als Lehrerin gearbeitet. Ich habe eine gute Pension. Mir geht es gut. Ich finde, wir müssen mehr gesellschaftliche Aufgaben übernehmen. Auch wir Oldies. Ich muss nicht mit dem Wohnmobil durch Europa fahren. Ich denke: Ey, das kann doch nicht alles der Staat regeln. Früher haben wir immer diskutiert: Die Obdachlosen, das geht doch nicht, da müssen doch die Behörden was machen. Irgendwann legte sich der Schalter um: Wir sind Teil dieser Gesellschaft und dieser Behörde. Ich bin fit und will etwas zurückgeben. Ich will da auch kein Geld dafür. Wir würden sozial verwahrlosen, wenn wir alle nur noch individualistisch sind. Das soll jetzt nicht sozialromantisch klingen. Ich finde, man kann einfach was tun.

 

Das Angebot ist konstant

 

Hat sich das Angebot des Mitternachtsbusses im Lauf der Jahrzehnte verändert?

Das ist total witzig. Das ist konstant. Wir haben immer heiße Getränke an Bord. Kaffee, Tee, Kakao, alles Fairtrade. Korrekt und eine gute Qualität. Brühe und diese herrlichen, supersüßen Zitronentees (lacht). Coronabedingt zahlt die Sozialbehörde Lunchtüten. Dann gibt es immer Kleidung an Bord für den Notfall. Wenn da jemand liegt und der hat keine Socken an, dann kriegt er Socken von uns. Isomatten, Schlafsäcke und Decken natürlich. Damit die die nicht einfach liegen lassen, müssen sie einen kleinen Obolus entrichten.

Was gibt es an Weihnachten?

Da gibt es meist einen Schokoweihnachtsmann, wie an Ostern Ostereier. Heiligabend ist ja immer ein ganz besonderer Tag. Ich muss da natürlich mit meiner Familie feiern (lacht). Aber ich finde das so toll, dass einige sagen: Heiligabend bedeutet mir nichts, da fahr ich einfach in einem zusammengewürfelten Team die Platten ab.

mitternachtsbus-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Katja Ruge: „Es kitzelt unter den Füßen“

Katja Ruge ist Fotografin, DJ und Musik­ produzentin und vor Co­rona mit ihrer Partyreihe „Kann denn Liebe Synthie sein“ aus dem Nachtleben kaum wegzudenken. Im Interview spricht sie über das neue Fe*male Rap Project, aktuelle Veröffent­lichungen und Bunker­ Bauarbeiten

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Katja, welches deiner vielen Standbeine ist am meisten von der Pandemie betroffen?

Katja Ruge: Natürlich alles, aber DJing fällt außer in Livestreams natürlich komplett flach. Meine letzte Veranstaltung war im Golden Pudel Club mit The Emperor Machine am 7. Februar 2020. Zudem habe ich im Sommer auf einem 50-Leute-Festival draußen gespielt. Wir haben dann insbesondere letztes Jahr viel Zeit im Studio verbracht.

Seit wann machst du selber Musik?

Vor einigen Jahren wollte ich meine DJ-Sets pimpen. Ich spiele viele ältere Musikproduktionen und diese waren oft etwas schwach gegenüber den zum Teil überproduzierten Songs heute. Um das auszugleichen habe ich sie unterfüttert mit Drums, Bass und Flächen. Das hat Frank Husemann mit mir aufgenommen und dann kam von einer Freundin die Anfrage: „Könnt ihr da nicht einen Remix machen?“ Und so saßen Frank und ich auf einmal im Studio.

Wir sind gut eingespielt, es gibt keinen Druck, wir treffen uns, wenn wir Zeit und Lust haben ‒ außer es gibt eine Deadline für einen Remix wie zum Beispiel neulich für Erasure.

Im Mai erscheint dein neuestes Release „Bunker“ …

Wir sind zwei und agieren als „Can Love Be Synth“. Das ist mir sehr wichtig, denn ohne meinen Kumpel Frank Husemann könnte ich das nicht bewerkstelligen. Ihm gehören die Maschinen zusammen mit Sunny Vollherbst vom Synthesizerstudio Hamburg im Feldstraßen-Bunker. Wir haben dort die Bauarbeiter vor unserem Studiofenster aufgenommen.

Mich hat es total an frühen Industrial, an Einstürzende Neubauten oder Depeche Mode erinnert. Und so wurde schnell ein Song draus, mit Remixes von Terr, Richard Fearless und quadratschulz.

 

Neue Projekte

 

Wie stehst du zu den Bauarbeiten am Bunker?

Ach, es ist mal wieder so ein Ego- Stadt-Projekt ohne das Viertel und die Gegebenheiten wirklich einzubinden. Ein Hotel, ehrlich? Das ist wirklich das Letzte, was Hamburg braucht. Eine Mehrzweckhalle lasse ich mir gerade noch gefallen, aber hat man den Verkehr bedacht, der zusätzlich zu dem Dom und anderen Veranstaltungen zu verkraften ist?

Eine Gedächtnisstätte ist ja wohl geplant. Längst überfällig. Aber ob wirklich begrünt wird und wir nachher alle dort Zeit verbringen dürfen, so direkt unter dem Hotelfenster? Stichwort „Zeit verbringen“.

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Teil des Fe*male Rap Projects: Wikiriot (Foto: Katja Ruge)

Hat Corona zu neuen Projekten geführt?

Auf jeden Fall. Mein Treffen über Rockcity e. V. mit Rapper*in Finna, ist sehr fruchtbar. Nicht nur, dass ich eine Freundin dazu gewonnen habe, sondern wir machen zusammen das Fe*male Rap Project.

Worum geht es da?

Wir wollen die Sichtbarkeit und das Empowerment für FLINTA* im Rap schaffen! (Anm. d. Red.: Frauen, Lesben, Inter-, non-binäre, Trans- und a-Gender-Menschen)

In Form von audiovisuellen Ausstellungen, Porträts und filmischer Dokumentation der queerfeministischen Rap-Bewegung wollen wir zeigen, dass das keine Phase oder Trend ist, sondern wunderbare und langfristige Realität! Bis dato sind Wikiriot, Joëlle, Rahsa und Mino Riot dabei.

Wie wählt ihr aus, wer mitmacht?

Ich verlasse mich da auf die Expertise von Finna und Mona Lina von 365 female* MCs. Beide sind in der Musik zu Hause, kennen die Künstler*innen zum Teil persönlich.

 

„Wenn es losgeht, geht es los“

 

Was planst du noch für 2021?

Mein anderes Fotoprojekt „Electric Lights“ geht weiter. Dort treffe ich mich mit Elektroniker*innen wie JakoJako, Amelie Lens, Afrodeutsche und vielen mehr. Ich porträtiere sie, diese Bilder erscheinen mit einem Interview, um das sich Journalist Thomas Venker vom Kaput Magazin kümmert.

Zudem erscheint im Mai die Maté von Frinks Drinks, die ich bebildern durfte. Vier Motive mit meiner Muse Madame Chloé. Die wunderbare Judith Holofernes hat einen Podcast mit mir gemacht für ihren Patreon-Account.

Und mit dem BFF (Berufsverband Freie Fotografen und Filmemacher e. V.) wird es eine Ausstellung geben mit dem Namen Aufschlag. In den Fenstern der Messehallen (10.6. bis 20.7.2021). Da bin ich natürlich dabei.

Glaubst du, dass du bald wieder eigene Veranstaltungen machen kannst?

Ich bin da ehrlich gesagt entspannt. Wenn es losgeht, geht es los. Und dann wird geplant. Ob es meine Partyreihe „Kann denn Liebe Synthie sein“ noch regelmäßig geben wird, da fühle ich rein, wenn es so weit ist. Aber es kitzelt ein wenig unter den Füßen.

instagram.com/katjaruge


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2021. Das Magazin ist seit dem 29. April 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Portrait: Basketball-Coaching-Talent Sükran Gencay

Sükran Gencay ist mit den Basketballern des ETV in die 2. Liga Pro B aufgestiegen, es war der sechste Aufstieg in acht Jahren. Über ein außergewöhnliches Coaching-Talent

Text: Matthias Greulich

 

Sükran Gencay verdreht Augen, als sie einen Spieler der gegnerischen Mannschaft über eine Schiedsrichterentscheidung lamentieren hört. „Spiel’ doch mal Basketball“, ruft sie dem Zwei-Meter-Mann zu. Der Schlaks sieht die 160 Zentimeter große Frau mit dem schwarzen T-Shirt an und hört tatsächlich auf zu meckern.

„Ich mag klare Ansagen, das war schon immer so“, sagt die 34-Jährige, die als Headcoach mit den ETV Basketballern im Frühjahr sensationell in die 2. Bundesliga aufgestiegen ist. Es ist der sechste Aufstieg, seitdem Gencay vor acht Jahren das Team in der Kreisliga übernahm. Wenn in der dritthöchsten deutschen Spielklasse wie geplant am 16. Oktober die Saison beginnen kann, heißen die Gegner ART Giants Düsseldorf, Rhein Stars Köln oder SC Rist Wedel. Einige Spieler in der 2. Bundesliga Pro B können vom Basketball leben, andere sind Halbprofis oder opfern wie die Eimsbütteler Amateure fast ihre gesamte Freizeit für ihr Hobby. Das gilt auch für ihre ehrgeizige Trainerin, die als Projektmanagerin arbeitet und die Basketballabteilung des ETV ehrenamtlich leitet.

 

Ganz oder gar nicht

 

Der Job in einer Logistikfirma macht Gencay unabhängig: „Ich habe wenig Freizeit, sehe die Konstellation aber eher als Vorteil. Basketball bleibt eine Leidenschaft. Ich habe nicht diesen extremen Druck wie andere Trainer.“ Allerdings verzichtet sie in dieser Saison erstmals darauf, selber zu spielen. Bei der BG West, der Basketballgemeinschaft des SV Eidelstedt und des SV Lurup, könnte sie zwar gelegentlich aushelfen, aber „ich will dem Team dann auch gerecht werden“. Etwas nur halb zu machen, widerstrebe ihr.

Bräuchte man übrigens eine Referentin, um die Vorteile des Mannschaftssports zu schildern, wäre Gencay denkbar geeignet. „Die Möglichkeiten, sich als Persönlichkeit weiterzuentwickeln, hast du sonst nicht im Alltag“, findet sie. Umso mehr gilt das für die sehr vielfältige ETV Basketball Community. „Das ist einer unserer größten Reichtümer.“ Die Muslima ist dafür ein Beispiel. In Wilhelmsburg aufgewachsen, ging sie in St. Georg zur Schule und begann beim ETV Basketball zu spielen. Die Towers gab es noch nicht, es war für Wilhelmsburger Mädchen mit türkischen Wurzeln Mitte der 1990er Jahre nicht selbstverständlich, im Verein Basketball zu spielen. „Da ist meine Generation so etwas wie ein Türöffner.“ Mittlerweile seien junge Frauen wie sie in den Vereinen viel präsenter.

 

Wertschätzender Umgang

 

Je höher die Spielklasse ist, der die ETV Basketballer angehören, desto mehr wird es für Außenstehende ein Thema, dass da eine Frau Männer in der dritten Liga trainiert. „Anfangs hat mich das wütend gemacht, weil es für mich nie wichtig war“, sagt Gencay. Inzwischen sehe sie das Interesse der Medien entspannter. „Es ist noch keine Normalität, aber das kann sich ändern.“ Davon, dass Frauen ein Team anders führen als Männer, ist sie überzeugt. „Es geht um einen wertschätzenden Umgang miteinander.“ Sie schaffe es, deutliche Ansagen an der Seitenlinie mit einem guten Verhältnis zum Team zu verbinden, was im Leistungsbasketball eher selten ist.

Als ihre Spieler vor zwei Jahren als Aufsteiger in der Regionalliga reihenweise Spiele verloren, ging das Team reichlich deprimiert in die Weihnachtspause. Der Klassenerhalt war angesichts der vielen Niederlagen weit aus dem Blick geraten. Sükran Gencay schickte jedem ihrer Spieler einen handgeschriebenen Brief, in dem sie an die Stärken jedes Einzelnen im Kader erinnerte. In Zeiten von WhatsApp waren diese Briefe so außergewöhnlich, dass viele Spieler sich noch an den Inhalt erinnern können. „Das Schriftliche hat einen besonderen Wert, ich habe mir genau überlegt, was ich schrieb“, sagt Gencay. Und dass der ETV wieder an sich zu glauben begann, war ein erster Schritt für den Klassenerhalt, der einige Monate später tatsächlich gefeiert werden konnte. „Manchmal bin ich auch nett“, sagt sie und lacht.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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„Schwesterherz“: Internationaler Frauentag im Goldbekhaus

Am 8. März wird der Internatio­nale Frauentag gefeiert – auch in Hamburg. Im Goldbekhaus findet das interkulturelle Frauenfest „Schwesterherz“ statt.

Text: Erik Brandt-Höge

 

Den Internationalen Frauentag gibt es nicht erst seit gestern. Schon 1911 wurde ein Tag ausgewählt, damals noch der 19. März, der symbolisch stehen sollte für Eman­zipation und Gleichberechtigung. Und klar, es hat sich vieles verändert in den vergangenen Jahrzehnten, vieles auch verbessert.

Die Welt ist heute eine andere. Von Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen zu sprechen, wäre allerdings fatal. Deshalb bleibt der Internationale Frauentag bedeutungsvoll, eben­ so wie die vielen Veranstaltungen, die anlässlich dazu stattfinden. Ein Hamburger Highlight: „Schwester­herz“, das interkulturelle Frauenfest im Goldbekhaus. Willkommen sind Frauen jeden Alters, egal, woher sie kommen, egal, ob sie eine Behinderung haben, egal, ob sie hetero, lesbisch, trans, nicht­-binär oder inter sind.

 

Volles Programm

 

Eine Anmeldung ist nicht er­ forderlich, und der Eintritt ist frei. Zentrum des Geschehens ist die Bühne zum Hof. Hier beginnt um 14 Uhr ein Frauengottesdienst, und hier wird später auch gegessen, ge­trunken, geschnackt und getanzt. Später, das ist nach den Workshops, die ab 15.30 Uhr stattfinden. Illustration, Schreibwerkstatt, Kochkurs, Hula, Nia, Improtheater, Ukulele für Anfängerinnen, Upcycling, Erzähl­kunst und mehr: Das „Schwester­herz“­-Programm ist pickepackevoll. Übrigens: Wer mag, darf das Buffet bereichern mit einer selbstgemach­ten internationalen Spezialität.

Goldbekhaus: Moorfurtweg 1 (Winterhude)


Szene-Cover-März-2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Februar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Kübra Gümüşay von „eeden“

In einem Hinterhof an der Stresemannstraße entsteht „die erhoffte Realität schon jetzt“, sagt Kübra Gümüşay. Sie gehört zu den Gründerinnen von „eeden“, das in der Schanze zum Jahresbeginn als ein Netzwerk, Denk- und Arbeitsraum für engagierte Frauen eröffnet hat. In einer der ersten Veranstaltungen hat die Feministin dort mit der Grünen Renate Künast über Hass und Hetze im Internet gesprochen. Ein Gespräch mit der 32-jährigen Autorin und Journalistin über Sprache, den „Sisters’ March“ und ein starkes Zeichen des Kultursenators

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Kübra, was wollt ihr mit „eeden“ erreichen?

Kübra Gümüşay: „eeden“ ist ein experi­menteller Ort, an dem wir Menschen, die in ihren jeweiligen Bereichen visionäre Arbeit machen und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, zusammenbringen und sie gemeinsam nach neuen Lösungen suchen für die Herausforderungen unserer Zeit. Dabei wollen wir es uns nicht leicht machen.

Denn es reicht in diesen aufgewühlten Zeiten nicht, nur reaktiv zu sein. Ja, es ist wichtig, für eine plurale Gesellschaft einzustehen. Haltung zu zeigen. Das ergibt aber nur temporär Sinn. Wenn wir dauerhaft da­mit beschäftigt sind zu reagieren und lediglich versuchen, stagnieren wir als Gesellschaft. Es geht jetzt um was.

Hast du konkrete Beispiele?

Momentan arbeiten wir daran, Strukturen zu schaffen, in denen neue Formen der Begegnung, der Zusam­menarbeit und des gemeinsamen Denkens experimentiert werden können. Aber auch daran, den Zugang zu gesellschaftlichem Engagement zu erleichtern und mehr Menschen dazu zu bewegen, Verantwortung zu übernehmen.

Beispielsweise, als wir 2017 den „Sisters’ March“ organisierten, gingen sehr un­terschiedliche Gruppen gemeinsam auf die Straße – nicht nur gegen die gegen­ wärtige Politik, sondern für die Werte unserer Demokratie, für die Umsetzung demokratischer Ideale. Es war ein Miteinander, das vielen Hoffnung und Mut gemacht hat. Das wollen wir mit „eeden“ verstetigen.

Gründerinnen sind neben dir die Musikerin und Stiftungsbeirätin von „Viva con Agua“ Onejiru Arfmann und Art Directorin Jessica Louis. Wie habt ihr Kultursenator Carsten Brosda von euren Plänen überzeugt, immerhin unterstützt die Kulturbehörde „eeden“ in der Startphase in diesem Jahr mit 100.000 Euro?

Der Kultursenator hat damit ein sehr starkes Zeichen gesetzt. Schon vom ersten Moment an hat er verstanden, worum es uns bei „eeden“ geht und weshalb es gerade jetzt in diesen Zeiten dringlichst Räume braucht, in denen die Zivilgesellschaft neu, offen, zweifelnd und selbstkritisch denken und nach neuen Antworten für die Herausforderungen unserer Zeit suchen kann – statt so zu tun, als gäbe es auf alle großen Fragen klare, absolute Antworten. Diese Unterstützung macht über „eeden“ hinaus Mut, Visionen zu formulieren, zu experimentieren und in einen zugewandten öffentlichen Austausch zu gehen.

 

„Ich vermisse die Lust am Andersdenken“

 

Du bist vor fünf Jahren wieder zurück aus Oxford nach Hamburg gezogen. Wo bist du aufgewachsen?

In meinen ersten Lebensjahren habe ich in Altona gewohnt, dann in Billstedt. Hamburg ist eine sehr schöne Stadt. Es gibt viele Inseln von inspirierenden, engagierten Menschen. Meine Familie und viele meiner Freunde sind hier. Ich fühle mich inzwischen wieder in Hamburg zu Hause. Aber es ist mir manchmal etwas zu träge und zu gemütlich.

Im Vergleich zu London und Oxford vermisse ich die Lust am Andersdenken, generell Dinge zu über­denken, zu hinterfragen oder anders zu machen. Ebenso die Freude am Über­fordertsein. Aber das ändert sich nun hoffentlich durch „eeden“ und zahl­reiche andere Initiativen, denn wir sind natürlich nicht die einzigen, die sich um neue Räume bemühen.

Gerade ist dein Buch „Sprache und Sein“ erschienen. Darin zeigst du Wege auf, wie Menschen weniger hasserfüllt kommunizieren können.

Ja, denn die gegenwärtigen Debatten sind von Destruktivität geprägt. Wir hören absolute, vermeintlich zu Ende gedachte Antworten, die keinen Erkenntnisgewinn bringen, und lediglich gegeneinander antreten und um die Gunst des Publikums buhlen. Diese Art von Inszenierung erleben wir auch im Alltag.

 

„Sprache öffnet uns die Welt“

 

In meinem Buch gehe ich auf die Suche nach den Gründen und beschreibe die Architektur unserer Diskurskultur – aber auch die Architektur der Sprache, welchen Einfluss sie auf unsere Wahrnehmung und unser Denken hat. Denn Sprache ist nicht neutral. Sprache öffnet uns die Welt, sie grenzt uns aber auch ein. Sie formt uns und unseren Blick auf die Welt.

Wie sehr prägen Hassbotschaften im Internet inzwischen den Diskurs?

Mein öffentliches Schreiben wurde sehr früh von Hass und Morddrohun­gen begleitet. Schon vor zehn Jahren, als Kolumnistin bei der „taz“, fanden sich stets hasserfüllte Kommentare unter meinen Texten. Als ich, aber auch zahlreiche andere Autoren, die davon betroffen waren, dies thematisierten, wurde uns kaum Gehör geschenkt.

Inzwischen sind auch andere Bevölkerungsteile davon betroffen und der Hass wird nicht mehr derart normalisiert, die Sorgen etwas ernster genommen. Was lernen wir aber daraus? Zum einen, dass man marginalisierten Gruppen früher hätte zuhören müssen. Die zweite Lehre ist: Die Hassenden haben nicht einfach nur das Ziel, die Betroffenen einzuschüchtern. Nein, es geht viel­ mehr darum, diejenigen zu beeinflussen, die mitlesen. Das Publikum. Da­durch vermitteln sie den Eindruck, bestimmte Personen oder Themen seien zu provokant, zu marginal für die Mitte unserer Gesellschaft. Und der Diskurs wird dadurch künstlich verschoben.

eeden GmbH + e.V.: Stresemannstraße 132a (Altona-Nord)
www.ein-fremdwoerterbuch.com


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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„Systemsprenger“ als bester Film ausgezeichnet

„Systemsprenger“ werden im Amtsjargon Kinder genannt, die in keiner Familie, keinem Heim klarkommen. Regisseurin Nora Fingscheidt hat ein berührendes Drama über solch ein Mädchen geschaffen, das beim deutschen Filmpreis 2020 als bester Film des Jahres ausgezeichnet wurde.

Text und Interview: Sabine Danek
Foto: Yunus Roy Imer – Port au Prince Pictures

 

Gleich mit ihrem ersten Spielfilm hat die Hamburger Regisseurin Nora Fingscheidt es in den Wettbewerb der Berlinale geschafft – und den Silbernen Bären gewonnen. Mit einem Drama wie eine Urgewalt, das von einem Mädchen erzählt, wie man es zuvor nicht kannte.

Von der neunjährigen Benni, die von ihrer überforderten Mutter der Fürsorge übergeben wurde, die Bobby-Cars durch die Gegend schmeißt, die tobt, schreit und abhaut. 27 Heime und Wohngruppen hat sie hinter sich, denn sie will einzig an einen Ort zurück: zu ihrer eigenen Mutter. Bennis Kampf um Liebe ist eine Tour de Force, die weit über die Geschichte hinausreicht, die einen zutiefst berührt, bestürzt und atemlos zurücklässt.

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Mehrfach ausgezeichnet: Nora Fingscheidt (Foto: Philip Leutert)

SZENE HAMBURG: Nora Fingscheidt, Sys­temsprenger ist ein so kalter und ungewöhnlicher Begriff. Wie wurde er Titel?

Nora Fingscheidt: Als ich das Wort das erste Mal gehört habe, ging es mir genauso. Das war während der Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm für die Caritas. Wir haben in einem Heim für wohnungslose Frauen gedreht, einem nicht sehr hoffnungsvollen Ort, wo eines Tages ein 14-jähriges Mädchen einzog.

Ich war schockiert darüber! Aber die Sozialarbeiterin erklärte uns gelassen, sie sei eben ein Systemsprenger. Das Wort ist so hart wie eindrücklich, es klingt nach Explosion und beschreibt gleichzeitig etwas sehr Tragisches. Von da an hat der Begriff mich begleitet.

Du hast auch das Drehbuch geschrie­ben. War es bei dieser Geschichte besonders wichtig, sie von Anfang an zu entwickeln?

Es gibt Stoffe, denen muss man sich einfach selber annähern. Ich hätte das Drehbuch gerne mit jemandem zusammen geschrieben, aber es gab Zeitprobleme. Es alleine zu schreiben war schon recht anstrengend.

War das Mädchen aus dem Haus für wohnungslose Frauen Vorbild?

Auf eine Weise schon, denn sie war der Ausgangspunkt für eine vierjährige Recherche. Die habe ich aber nicht nonstop betrieben, sondern zwischendurch immer wieder geschrieben. Ich war für zwei Wochen in einer Wohngruppe und habe anschließend an dem Drehbuch gearbeitet, dann eine Woche in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, wieder geschrieben, zehn Tage in einer Schule für Erziehungshilfe und so weiter.

Am Ende war ich noch einmal zehn Tage in einer Inobhutnahmestelle. Das war hart. Dorthin kommen die Kinder direkt aus den Familien, wenn es Zuhause eskaliert.

 

„Mein Weltbild hat sich ziemlich verdüstert“

 

Wie nahe geht einem so ein Projekt?

Sehr nahe. Mir ist es schwer gefallen, die vielen tragischen Fälle zu verarbeiten, die furchtbaren Familiengeschichten der Kinder, ihre Traumata und ihre Hilflosigkeit. Mein Weltbild hat sich ziemlich verdüstert und irgendwann konnte ich nicht einmal mehr U-Bahn fahren, ohne mögliche Fälle von Kindesmissbrauch zu sehen.

Ich habe dann ein Jahr pausiert und einen Dokumentarfilm über Mennoniten in Argentinien gedreht. Das Eintauchen in eine so andere Welt ohne Strom, ohne Internet und weltpolitische Überlegungen, in der nur das demütige Leben Gott gegenüber zählt, war gut. Auch wenn es dort andere Konflikte und Kindheitsprobleme gab, hat es die Dinge wieder etwas ins Verhältnis gerückt.

Die damals zehnjährige Helena Zengel, die im Film Benni spielt, war eine der ersten, die für diese Rolle vorgesprochen hat. Dennoch hast du noch viele andere gecastet.

Als ich das Drehbuch geschrieben habe, dachte ich, dass ich nie ein Kind finden werde, das diese Rolle spielen kann. Geschweige denn, dass ich Eltern finde, die das erlauben. Als wir schließlich das erste Casting hatten, war Helena tatsächlich das siebte Kind, das vorgesprochen hat. Ich war beeindruckt, aber habe mich nicht getraut, schon aufzuhören. Michael Haneke hat für „Das weiße Band“ 6.500 Kinder gecastet. Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, dass es so einfach sein kann.

Doch sie ist es dann geworden.

Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich alle anderen Mädchen mit Helena vergleiche. Die Aggression immer auch mit einer solchen Not zu spielen, mit etwas Verletzlichem und gleichzeitig Gefährlichem, das habe ich bei keiner anderen gefunden.

Wie geht man mit einem Kind um, das solche Extreme spielen muss?

Man lässt sich viel Zeit. Sechs Monate vor Beginn der Dreharbeiten haben Helena und ich angefangen, Bennis Charakter zu erforschen, wir haben zusammen Bennis Klamotten ausgesucht. Bennis kleiner Drache war Helenas Idee. Wir haben aufgelistet, wie Benni in verschiedenen Situationen reagiert und wie Helena, damit sie das nicht vermischt.

Gleichzeitig hatten wir so viele Drehtage, dass wir nur ein, zwei Filmminuten am Tag drehen mussten. Komprimiert in zwei Stunden Film sieht es schon so aus, als würde Benni ständig ausrasten, aber wir hatten auch ruhige und lustige Drehtage.

 

 

Wenn Benni ausrastet, wird die Leinwand pink und zu einem Kaleidoskop aus Bildsplittern. Wie kam es dazu?

Ansätze gab es schon im Drehbuch, in das ich Träume, beziehungsweise Albträume hineingeschrieben habe. Aber irgendwie steckten sie voller Klischees. Weil Helena als Kind nur fünf Stunden am Tag arbeiten darf, haben der Kameramann Yunus Roy Imer und ich damit begonnen, nach ihrem Drehschluss mit bunten Glühbirnen und Makroobjektiven zu experimentieren. Der Schnittmeister hat das weitergesponnen und so ist Schritt für Schritt diese Filmsprache entstanden.

Der Film baut eine unglaubliche Span­nung auf, alles scheint möglich. Wie schwer war es, da einen Schluss zu finden?

Das war wahnsinnig schwer. Es gab viele verschiedene Versionen, manche waren ganz ruhig. Aber schließlich wollten wir es knallen lassen. Wir haben versucht, Bennis Energie in alle Ebenen des Films zu übertragen, in die Farben, den Schnitt, die Tongestaltung und in die Dramaturgie. Auch das Ende entspricht ihrer Intensität. Es wird sehr ambivalent aufgenommen, aber ich möchte nicht zu viel verraten.

Für wen ist der Film?

Für Menschen, die sich für Kinder interessieren, ab 20 Jahren aufwärts bis in die hohen 70er. Auf den Festivals habe ich beobachten können, wie die unterschiedlichsten Leute von dem Film berührt sind.

Er handelt auch von der Liebe selbst, davon, was sie kann und wie viele Facetten sie hat.

Ja, von dem Bedürfnis des Menschen nach bedingungsloser Liebe und was passiert, wenn einem diese entzogen oder verweigert wird. Bis heute hat der Film 19 Preise gewonnen und das auf der ganzen Welt, in Taiwan, Portugal, der Ukraine oder auf dem Balkan. Auch wenn er im deutschen Sozialsystem angesiedelt ist, scheint er etwas ganz Universelles zu berühren.

Auf der Berlinale hat der Film den Silbernen Bären gewonnen. Wie war es, auf Anhieb im Wettbewerb zu sein? Und ab wann denkt man, dass man vielleicht gewinnen könnte?

Es war natürlich total großartig, aber gleichzeitig ist das alles auch ziemlich an mir vorbei gerauscht. Ich bin aus der völligen Überarbeitung in die Berlinale geschlittert. Der Film wurde nur drei Tage vorher fertig, erst am Tag vor der Premiere konnte ich mir ein Kleid besorgen.

Bevor ich mich besinnen konnte, war die Berlinale vorbei und plötzlich stand ein Bär in unserer Küche. Im Nachhinein kann ich das sehr genießen, aber währenddessen habe ich mich eher wie in einem Tornado gefühlt. Und damit gerechnet, wirklich einen Preis zu gewinnen, haben wir sowieso nie.

Systemsprenger: Ab 19.9.2019 im Kino


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Karen Köhler über ihr Buch „Miroloi“: Risse im Gehorsam

Die Romanautorin Karen Köhler erzählt in „Miroloi“ von einer jungen Frau, die sich einem autoritären System widersetzt. Ein Gespräch über die politische Weltlage, die Macht der Bildung und über die Notwendigkeit des Aufbegehrens

Interview: Ulrich Thiele
Foto: Christian Rothe

 

Vor fünf Jahren löste Karen Köh­ler mit ihrem Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ ein – ohne Übertreibung – kollektives Entzücken im Feuilleton aus. Gelobt und geliebt wurden ihre modern und zugleich altmodisch anmutenden Geschichten vor allem für ihren radikal eigenen Sprachstil und für ihre eindrucksvollen Frauenfiguren. Dem­ entsprechend heiß wird nun ihr Debüt­roman „Miroloi“ erwartet, der am 18. Au­gust im Hanser Verlag erschien.

Karen Köhler lebt auf St. Pauli, wo das Interview an einem Dienstagvormittag draußen vor einem Café stattfindet. Es ist ein ausführliches Gespräch von anderthalb Stunden, mit Exkursen über die poli­tischen Entwicklungen der letzten vier Jahre, die nicht am Entstehungsprozess von „Miroloi“ vorbeigegangen sind, wie sie sagt.

SZENE HAMBURG: Karen, wann hast du das letzte Mal aufbegehrt?

Karen Köhler: Gerade Sonntag habe ich mit der Seebrücke Hamburg gegen die Kriminalisierung der Seenot­rettung demonstriert. Auf die Straße zu gehen und Gesicht zu zeigen, ist definitiv ein Akt des Aufbegehrens. Aber man kann auch in den kleinsten Augenblicken aufbegehren. Es ist in Deutschland sehr viel durch Gesetze geregelt, das soll unser Zusammenleben wohl einfacher machen, manchmal hält es aber auch vom Denken und Selbst­ entscheiden ab, oder entfernt sich wie im Falle der Kriminalisierung der Seenotrettung von dem demokratischen Wertekanon, auf den man sich in Europa mal geeinigt hat.

 

„Die Welt verändert sich schneller, als ich sie erfassen kann“

 

In „Miroloi“ begehrt eine junge Frau auf gegen die autoritären Strukturen in einem isolierten, archaischen Dorf auf einer Insel. Männer haben das Sagen, Frauen dürfen nicht lesen, es gibt Traditionen, religiöse Gesetze und drako­nische Strafen. Es gibt auch einige Ver­weise auf die Gegenwart jenseits der Insel: Coca­ Cola und Fernseher zum Beispiel. Warum dieses Archaische im Modernen?

Anfang 2015 hatte ich zunehmend Schwierigkeiten, die Welt zu beschreiben. Sie verändert sich schneller, als ich sie erfassen kann. Deswegen habe ich diesen Mikrokosmos einer fiktiven Insel erfunden, den ich auf strukturelle Mechanismen untersuchen konnte: Wie ist eine Gesellschaft organisiert? Wie viele Gesetze braucht sie? Wie be­gegnet sie dem Fremden, was macht das Fremde mit ihr? Wie gehen Machthaber mit ihrer Macht um? Gerade Macht übt eine Faszination auf Menschen aus. Wer sie hat, wird in Versuchung geführt, sie auch zu demonstrieren.

Wie hast du recherchiert, um diese Welt zu entwerfen? Du erfindest ja so­ gar eine Religion.

Ich habe vier Monate auf einer Insel in Griechenland verbracht und dort existente Dorftraditionen kennengelernt. Das Wort „Miroloi“ zum Beispiel kommt aus dem Griechischen und beschreibt eine Totenklage. Es gibt in mehreren Regionen Griechenlands die Tradition, dass die Dorfältesten nach dem Ableben eines Menschen sein gesamtes Leben nachsingen.

Ich habe zudem gemeinsam mit zwei Dolmet­schern die Dorfbewohner interviewt, was viel mit Vertrauen zu tun hatte. Es dauert, bis Menschen an den Punkt kommen, an dem sie bereit sind, über Schmerz zu sprechen.

Hast du ein Beispiel?

Wir haben mit einem alten Bauern gesprochen und saßen in seinem Haus in einem Dorf, in dem der Strom nie angekommen ist und das deswegen verlassen wurde. Er ist aber immer noch jeden Tag dort in diesem Haus, das sein Vater mit eigenen Händen gebaut hat. Auf die Frage, was er sich wünschen würde, wenn er einen Wunsch frei hätte, sagte er, dass er gerne alle seine Nutztiere noch mal sehen würde. Diese Unmittelbarkeit hat mich unfassbar be­rührt, dieses dem Leben und Überleben ausgesetzt zu sein. Davon sind wir in unserer urbanen Alltagswelt auf den ersten Blick sehr weit entfernt.

Warum nur auf den ersten Blick?

Wir sind dennoch Nutznießer des­sen – wir konsumieren jeden Tag das, was Leute irgendwo in der Welt an­gebaut haben. Die Menschen, die in Spanien auf den Feldern unsere Tomaten ernten, sind oftmals geflüchtete Menschen aus Afrika, die unter den schlimmsten Bedingungen leben. Und die Menschen, die Tiere auf niedersächsischen Schlachthöfen schlachten, kommen aus Rumänien und hausen unter unwirtlichen Bedingungen. Wir sind bei genauerer Betrachtung gar nicht so weit weg von den archaischen Verhältnissen, die im Buch beschrieben werden.

Warum hast du im Buch das Dorf mit diesem repressiven Gesellschaftsmodell entworfen?

Ich habe mich gefragt, wie die Unterdrückung der Frau strukturiert ist – indem man sie von Bildung fernhält und an Haus und Kind bindet. Anfang des Jahres habe ich ein Interview mit einem spanischen Priester zum Thema häusliche Gewalt gelesen. Er sagte, Frauen seien selbst schuld, wenn sie geschlagen werden, sie hätten ihren Männern einfach nicht gut genug gedient. Das ist in Europa im Jahr 2019. So lange es dieses Gedankengut noch gibt, kann man nicht aufhören, solche Bücher da­ rüber zu schreiben.

Die Protagonistin in „Miroloi“, die am Anfang noch keinen Namen hat, erfährt diese Unterdrückung sehr extrem.

Sie ist ein Findelkind. Die Gesetze im Dorf schreiben aber vor, dass jeder nach der Mutter oder nach dem Vater benannt wird. Nur wer diesen Stamm­namen hat, darf partizipieren. Die Ungewissheit, woher sie kommt, verängstigt die Dorfbewohner. Sie erhält deswegen keinen Namen und damit fängt die Kette der Ausgrenzung an. Ihr wird die Rolle des Sündenbocks zugeschrieben.

In dem Winter, in dem sie gefunden wurde, gab es Frost, der die Ernte zerstört hat. Das Dorf, das in seiner Aufklärung nicht fortgeschritten ist, gibt ihr dafür die Schuld. Dieses Narrativ begleitet dieses junge Mädchen von Anfang an. Wenn sie nicht in einem religiösen Oberhaupt, dem Bethaus­ Vater, einen Fürsprecher hätte, der sie schützt, hätte sie die ersten Jahre wohl nicht überstanden.

Der Bethaus ­Vater erkennt in ihr den Menschen, wie er in jeder Person den Menschen erkennt. Unter diesem Schutz wächst sie bei ihm auf und gerät irgendwann an ei­nen Punkt, wo sie anfängt, das System zu hinterfragen. Das zwirbelt sich auch an ihrem Namen auf: Warum hat alles einen Namen, nur ich nicht?

 

Ein großer Gesang auf die Selbst-Ermächtigung

 

Da ist ein Riss in ihrem Gehorsam, sagt sie an einer Stelle. Fängt mit dem Riss ihr Leben, ihr Miroloi erst an?

Ja, das kann man so sagen. In meinen Augen ist das ein großer Gesang auf die Selbstermächtigung. Sie lernt heimlich lesen und schreiben und verschafft sich somit Zugang zu Bildung und einen Abstand zur Welt. Sie lernt, sich ins Verhältnis zu setzen und die Dinge zu hinterfragen, und schafft so den Sprung aus dem rein emotionalen Welterleben in eine Abstraktion. Die Stelle, in der sie lernt, was der Konjunk­tiv ist, ist programmatisch für dieses In-­Distanz-­treten.

Auf der anderen Seite beschreibt sie die Welt, die sie sieht und erlebt, mit Sinneslust und Entdeckungsfreude, als könne sie die Welt erst jetzt mit der Sprache so richtig greifen.

Sie ist definitiv ein sehr lebenshungriger Mensch und hat eine große Offen­heit für alles, was sie wahrnimmt. Sie erfindet auch Worte: „Das Haus liegt hier am Berg. Engschattig und drüben­sicher.“ „Drübensicher“, also sicher vor dem Fremden auf der anderen Seite des Meeres, ist so ein typisches Wort für sie. Sie hat ihren eigenen Zugang zur Welt, wie ein durch tausend Kanäle gehendes System.

Der Bethaus-­Vater scheint eine morali­sche Autorität zu sein. Es gibt aber auch Momente, die diesen Eindruck zum Bröckeln bringen. Zum Beispiel, wenn die Protagonistin ihre Angst beschreibt, dass er wieder einen Wutausbruch kriegen könnte. 

Ich wollte eine Figur im Buch ha­ben, die ambivalent ist. Niemand, auch ein religiöses Oberhaupt nicht, ist gefeit vor emotionaler Entrückung, Wut oder Lust. Der Bethaus-­Vater ist sehr lebemännisch, er trinkt und isst gerne. Und er partizipiert an einem System, von dem er weiß, dass es nicht fair ist. Er hat genauso Angst vor einem Machtverlust wie alle anderen. Trotzdem versucht er nach seinem besten Wissen und Gewis­sen das Dorf auf einer religiösen Ebene zu leiten.

Aber er unterläuft das System auch sub­versiv von innen, etwa dann, wenn er der Protagonistin das Lesen beibringt.

Genau. Es gibt eine Strophe, in der die Protagonistin alles aufzählt, was sie vom Bethaus­-Vater gelernt hat. Dazu gehört auch, „wie man das Gesetz biegt, ohne es zu brechen“. Er sucht die Lücken im System. Er hat einen parallelen Subwoofer von eigener Moral am Laufen, nach der er abwägt, welche Gesetze er übersehen und umgehen kann.

Karen-Koehler-Cover-MiroloiIst der Roman optimistisch? Dass sie ihr eigenes Miroloi singt, kann man auch so verstehen, dass sie stirbt.

Auf der einen Seite ist es ein wahnsinnig optimistisches Buch, weil sie sich selbst ermächtigt und den Weg in die Freiheit geht. Sie hat den Mut, sich zu wider­ setzen und riskiert ihr eigenes Wohlergehen. Das Ende habe ich bewusst offen gelassen, ob es pessimistisch oder optimistisch ist – das kann jeder für sich entscheiden.

Karen Köhler: „Miroloi“, Hanser, 464 Seiten, 24 Euro. Der Roman ist am 18.8. erschienen. Am 16.9.2019 liest die Autorin im Rahmen des HarbourFront Literaturfestivals im Nochtspeicher.


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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