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Mit Pomp und Plüsch: Happy Birthday, Corny Littmann!

Was wäre Hamburg ohne Corny Littmann? Kulturell sicherlich völlig anders und deutlich langweiliger. Heute feiert er seinen 70. Geburtstag und SZENE HAMBURG gratuliert herzlich

Text: Marina Höfker

 

Als Theaterchef, Schauspieler, ehemaliger Präsident des FC St. Pauli und Aktivist hat er Hamburg und besonders die Reeperbahn mitgeprägt wie kaum ein anderer: Cornelius „Corny“ Littmann ist aus der Stadt nicht mehr wegzudenken. Der gebürtige Münsteraner kam mit 15 Jahren in die Hansestadt und machte schon früh auf sich aufmerksam. Mit der Theatergruppe „Brühwarm“ setzte sich Littmann, der sein eigenes Coming-Out mit 18 Jahren hatte, für schwule Emanzipation ein. Auch als Mitgründer des Tourneetheaters „Familie Schmidt“ macht er sich anschließend auf seinen Touren durch Deutschland weiterhin für die Rechte der Homosexuellen stark.

 

„Wir sind überzeugt, dass es in Hamburg Hunderte von Sumpfblüten gibt, die nur zum Blühen kommen müssen.“
Corny Littmann 1988 anlässlich der Eröffnung des Schmidt Theaters

 

Dabei stets an seiner Seite: Schauspieler und Travestiekünstler Ernie Reinhardt – alias Lilo Wanders –, mit dem er sich am 8. August 1988 den Traum vom eigenen Theater auf dem Hamburger Kiez erfüllte. Mit dem Schmidt Theater wollte Littmann vor allem unbekannteren Künstler:innen eine Bühne bieten. Zur Eröffnung sagte er damals der SZENE HAMBURG: „Wir sind überzeugt, dass es in Hamburg Hunderte von Sumpfblüten gibt, die nur zum Blühen kommen müssen.“

 

Über Nacht berühmt mit der „Schmidt Mitternachtsshow“

Bei einem Theater blieb es nicht: Nur drei Jahre später kam das Schmidts Tivoli hinzu, 2015 schließlich das „Schmidtchen“. Doch als Theaterchef und Regisseur der Hausproduktionen blieb Littmann keinesfalls nur hinter den Kulissen aktiv. So stand er unter anderem in „Das Geheimnis der Irma Vep“, „Fifty Fifty“ und „Die Schmidtparade“ auf der Bühne.

Bundesweite Berühmtheit erlangte er in den 1990er-Jahren als Herr Schmidt mit seiner „Schmidt Mitternachtsshow“, die im NDR Fernsehen gezeigt wurde. Hier blieb die Provokationen selten aus: So hielt er einmal ein Plakat der Deutschen Aidshilfe in die Kamera, auf dem zwei Männer beim Oralverkehr zu sehen waren.

Schmidt Theater (c) Ingo Boelter

Am 8. August 1988 eröffnete das Schmidt Theater (© Ingo Boelter)

Mit Corny Littmann zum Aufstieg

Das Theater war allerdings nie seine einzige große Leidenschaft. Von 2003 bis 2010 war er Präsident des FC St. Pauli und schaffte es nicht nur, den damals finanziell angeschlagenen Verein vor dem Konkurs zu retten. Unter seiner Präsidentschaft gelang sogar der Aufstieg von der Regionalliga in die Bundesliga.

Ob auf der Reeperbahn oder am Millerntor: Was Littmann anpackt, wird zum Erfolg. Dabei drückt er allem seinen pompösen, plüschigen und unverwechselbaren Stempel auf. Davon werden Hamburg und der Kiez hoffentlich noch lange etwas haben. Herzlichen Glückwunsch, Corny!


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Sicherer mit dem Rad über die Reeperbahn

Noch in diesem Jahr bekommt die Reeperbahn einen Radfahrstreifen stadteinwärts. Anfang 2023 folgt die Fahrbahn für den Radverkehr in die Gegenrichtung

Text: Katharina Stertzenbach

 

Die Stadt Hamburg bekommt an prominenter Stelle einen neuen Radfahrstreifen. Bis Ende 2022 soll auf der Reeperbahn ein 900 Meter langer Radfahrstreifen eingerichtet werden. Damit soll das Fahrradfahren bald auch auf dem Kiez deutlich sicherer werden. Bis dato mussten sich Radfahrer:innen an dieser Stelle die Straße mit dem Autoverkehr teilen, weil der bisher existierende Radfahrstreifen an der Kreuzung zur Königstraße endet und es auch sonst keinen abgetrennten Radweg auf der Reeperbahn gibt. Das ist nicht immer ganz ungefährlich, besonders wenn es rund um die Reeperbahn zum Abend hin immer voller wird. Auch deswegen begrüßt Verkehrssenator Anjes Tjarks das Vorhaben für die neue Straßenaufteilung: „Die Fahrradstreifen werden den Komfort und die Sicherheit für Radfahrende spürbar verbessern.“

Weniger Lärm, bessere Luft

An einigen Stellen wird der Radstreifen für den Busverkehr geöffnet um den Komfort für Anwohner:innen und Tourist:innen zu erhalten. Neben der Sicherheit für die Fahrradfahrer:innen soll die neue Straßenaufteilung auch für weniger Lärm und bessere Luft auf St. Pauli sorgen. „Insofern zahlen die neuen Radfahrstreifen gleichermaßen auf die Mobilitätswende, aber auch auf eine verbesserte Aufenthaltsqualität vor Ort ein“, so Tjarks.  


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Hamilton-Premiere in Hamburg

Das Musical „Hamilton“ feiert am 6. Oktober Premiere in Hamburg. Fans des Klassikers aus New York können sich auf ein sehr präsentes Ensemble und liebevoll gestaltete Kostüme freuen

Text: Anna Reclam

 

Es ist der Broadway-Hit schlechthin: „Hamilton“ gibt es nun erstmals auch auf Deutsch und zwar im Stage Operettenhaus zu sehen. Zur Deutschlandpremiere haben sich zahlreiche prominente Gäste angekündigt: Darunter Hamilton-Schöpfer Lin-Manuel Miranda, der extra aus den USA anreist. Der international gefeierte Star ist unter anderem auch für seine Hits aus Disney-Filmen wie „Vaiana“ und „Encanto“ bekannt.

Das mehrfach prämierte Original vom Broadway ist an mancher Stelle mit Akzent vorgetragen, an anderer etwas holprig übersetzt. Der Handlung kann man dennoch gut folgen: Sie dreht sich um das Leben von Alexander Hamilton, der als einer der Gründungsväter der Vereinigten Staaten gilt. Grundkenntnisse der US-amerikanischen Geschichte sind bei diesem Stoff durchaus von Vorteil.

Das Bühnenbild gleich dem des Originals, es ist einfach, überschaubar und kommt ganz ohne Special-Effects aus. Doch die braucht es auch gar nicht: Das 34-köpfige Ensemble zeigt sich im Stile einer Brooklyn Dance Company durchgehend präsent und performt engagiert zu einem musikalischen Mix aus Pop, Swing und Deutsch Rap. Auch die detailverliebten Kostüme sind sehr ansprechend. Fazit: „Hamilton“ ist solide amerikanische Unterhaltung – ohne große musikalische Überraschungen.

 


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Reeperbahn Festival: Große Sause auf St. Pauli

Nach zwei Pandemie-Editionen brachte das 17. Reeperbahn Festival wieder die volle Ladung Musik auf den Kiez

Text: Janine Pylypchuk 

 

Das größte Club-Festival Europas ist zurück, wie man es kennt: laut, bunt und bestens besucht. Rund 41.000 Besucher:innen lockte das Reeperbahn Festival vom 21. bis 24. September 2022 auf den Kiez. Über 400 Konzerte von Künstler:innen aus mehr als 40 Ländern, zudem 80 Veranstaltungen u.a. aus Kunst und Film: Der Kiez wurde zum Rummelplatz für Live-Kultur-Fans. Ein Highlight: Das Überraschungskonzert von Kraftklub am Mittwoch auf der abgesperrten Reeperbahn vor circa 10.000 Menschen. Auch das Fachpublikum kam auf seine Kosten, etwa 4.300 Kulturschaffende konnten sich über ein ausgedehntes Konferenzprogramm aus Networking-Events, Showcases und Preisverleihungen freuen.

ANCHOR-Award geht an Cassia

Cassia – ANCHOR Award 2022 ©Ilona Henne2-klein

Das Trio Cassia aus Manchester gewann den ANCHOR Award 2022 (Foto: Ilona Henne)

Apropos Preisverleihungen: Den begehrten ANCHOR – Reeperbahn Festival International Music Award erhielt das britische Trio Cassia. Eine Jury, bestehend aus Joy Denalane, Bill Kaulitz, Pabllo Vittar, Pelle Almqvist, Tayla Parx und Tony Visconti, zeichnete die Band aus Manchester am 24. September auf der ANCHOR-Gala aus.

 

Nachdem das erste Festival unter nicht-pandemie Bedingungen erfolgreich zu Ende gegangen ist, freut sich der Kiez schon auf das nächste Reeperbahn Festival, vom 20. bis 23. September 2023. Tickets für die Early Birds gibt es schon jetzt.

Hier der Auftritt der ANCHOR-Gewinner von Cassia:


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Niklas: „Damit entsteht so ein nostalgischer 90s-Vibe“ 

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Für SZENEzeigen fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Niklas begegnet

Protokoll: Katharina Stertzenbach

„Ich bin 30 und arbeite seit mittlerweile sieben Jahren in der „Parzelle“ hier auf St. Pauli. In diesem ausgelassenen Nachtleben auf dem Kiez fühle ich mich wohl. Am besten wäre es, ich könnte hauptberuflich als Barleitung arbeiten, aber das geht nicht. Dafür ist die Arbeit auf dem Kiez einfach zu schlecht bezahlt. Unter der Woche arbeite ich deswegen als Sales Manager bei einem IT-Betrieb. Das ist ein guter Job und von dem Geld kann ich mir mein Leben gut finanzieren. Die Arbeit erfüllt mich nicht, ich bin auch kein Computerfreak, aber kann gut schnacken und das hilft. 

Der Sozialpädagoge hinterm Tresen

Auch bei der Arbeit hinterm Tresen muss man viel schnacken. Doch für den Job in der Parzelle brenne ich tausendmal mehr. Vor allem wegen der Leute. Manchmal siehst du dich in der Kneipe auch selbst als Sozialpädagoge. Wenn die Leute anfangen, dir ihre Probleme und Geschichten zu erzählen oder wenn du Konflikte lösen musst – egal ob verbal oder körperlich. Du wirst immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert. Auch deswegen mache ich den Job im Nachtleben so gerne.

Echter 90s-Vibe

Mittlerweile hat sich sogar noch mehr entwickelt. Mit einem unserer DJs habe ich das DJ-Duo Two Solala ins Leben gerufen. Im Moment legen wir hauptsächlich in der Parzelle auf. Wir möchten uns mit der Musik – einem Mix aus Oldschool- und 90er-HipHop – von den Mainstream-Playlisten anderer Läden abheben. Deswegen legen wir auch selbst gebrannte CDs auf und machen die Übergänge zwischen den Tracks selbst. Damit entsteht so ein nostalgischer 90s-Vibe. Und man bleibt immer kreativ. Bei uns gibt es keine computergesteuerte Warteschlange, sondern nur den eigenen Kopf. Wir gucken genau, welche Leute im Laden sind, und reagieren spontan, worauf die Bock haben. Vor Kurzem kam ein Gast aus Berlin in die Parzelle und meinte zu mir: ‚Ey, Alter das hab’ ich seit zehn Jahren nicht mehr gehört.‘ Das ist das schönste Kompliment, das ich als DJ je bekommen habe.“


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Schlager, move!

Corona ist „vorbei“ und der Schlagermove kehrt zurück. Am ersten Juliwochenende ist der Kiez wieder voll von kotzenden Prilblumen und schlechter Musik. Das zerstört den Stadtteil, eine Lösung muss her – ein Kommentar

Kommentar: Felix Willeke

Auf St. Pauli ist es DAS Wochenende. Nein, es geht weder um Fußball noch um ein hochkulturelles Highlight. Es ist das Wochenende, an dem einer der beliebtesten Stadtteile Hamburgs komplett durchdreht und das nur bedingt freiwillig: Es ist Schlagermove.

Man kann von dieser Veranstaltung halten, was man will. Nicht jedem gefallen die Lieder von Costa Cordalis oder Jürgen Drews und die Klischee-Bilder von kotzenden Menschen in Schlaghosen sind schon zu oft wiederholt worden. Fest steht: An diesem Wochenende kommen voraussichtlich über 300.000 Menschen nach St. Pauli. Das sind 15-mal mehr Menschen, als hier wohnen und genau da liegt das Problem: Diese Festivalisierung lässt den Stadtteil ausbluten.

St. Pauli: Der Eventstadtteil

Wir alle kennen den Kiez und wissen, wie sehr er in den letzten Jahren zur Ballermann-Amüsiermeile geworden ist. Neben den ganzen Touris kommt dazu, dass fast alle großen Events in Hamburg auf St. Pauli stattfinden: Seien es Marathon und Triathlon, die ihre Strecken über Kiez und am Hafenrand entlangführen, alle zwei Jahre ein Fanfest zu WM und EM und dreimal im Jahr der Dom auf dem Heiligengeistfeld. Und an diesem Wochenende eben der Schlagermove, der aus dem Kiez einen riesigen Open-Air-Bierkönig macht.

„Der Kiez wird ein riesiger Open-Air-Bierkönig“

Felix Willeke

Während das Partyvolk – von dem ein nicht unwesentlicher Teil von außerhalb anreist – über die Reeperbahn zieht, überlegen sich mutmaßlich deutlich mehr Menschen Vermeidungsstrategien. Für viele St. Paulianer:innen heißt es: Weg aus meinem Stadtteil und viele Hamburger:innen meiden das Gebiet um Kiez und Hafenrand am Samstag wie die Pril-Blume die Versenkung. Muss das sein?

Profit vs. Stadtteil

Bei der Antwort lohnt der Blick auf die Politik. Hamburgs Strategie für die Zukunft ist die Stärkung des Tourismus und der Schlagermove ist ein wahres Party-Flaggschiff. Schließlich spült er pro Jahr rund 250.000 Euro Tourismussteuer in die Kassen. Dazu kommt, dass die Hotels genau an diesem Wochenende die Preise erhöhen wie zu Zeiten des Hafengeburtstags oder während der großen Messen. Der Profit ist zweifelsohne da. Er geht aber ganz klar zulasten des Stadtteils.

Der SPD-Politiker Arik Willner sagte 2018 der Welt, dass „St. Pauli ein realer Stadtteil mit realen Bewohnern ist und keine Disney-Kulisse.“ Wahre Worte. Doch diese Stimme verhallt ungehört, denn in diesem Jahr „nach“ Corona wollen alle wieder feiern und die Strategie der Stadt für St. Pauli lautet scheinbar: „Den Kiez-Kult melken, bis er ausblutet.“ Doch wenn das passiert und die Großveranstaltungen dem Stadtteil endgültig den Garaus machen, können wir bald Eintritt für den Vergnügungspark verlangen. Die Menschen, die den Kiez „kultig“ machen, sind dann nämlich längst verschwunden.

Verlegt den Schlagermove!

Was tun? Die Antwort auf diese Frage soll nicht lauten, den Schlagermove zu streichen. Die Lösung ist die Verlegung der Veranstaltung. Das hat schon bei den Harley Days gut funktioniert, die mittlerweile am Großmarkt stattfinden. Für den Schlagermove wäre diese Fläche sicherlich zu klein. Hier müsste man über andere Orte nachdenken.

„Die Antwort ist nicht: Nie mehr Schlagermove“

Felix Willeke

Wie wäre es zum Beispiel mit dem Elbdeich in Wilhelmsburg, hier gibt es Platz, es ist weit genug von Wohnungen entfernt, sodass der Lärmschutz weniger eine Rolle spielt. Alternativ wäre zukünftige auch der kleine Grasbrook denkbar, hier sollen zwar irgendwann einmal Menschen wohnen, aber bis dahin könnte man die entstehende Brache prima als Eventfläche nutzen. Und dann ist da noch Billwerder-Moorfleet: Ein Gebiet voller Industrie, wenig Wohnraum und mit viel Platz. Das Festivalzentrum könnte man hier zum Beispiel bestens auf dem riesigen Parkplatz vor IKEA einrichten, mit sechs Kilometern wäre die Strecke für die Trucks sogar doppelt so lang wie bisher und wenn einmal die Schlickdeponie Feldhofe nicht mehr gebraucht wird, gibt es sogar noch mehr Platz.

Alles Ideen, über die man nachdenken könnte. Für 2022 ist das allerdings zu spät und kommendes Wochenende werden sich wieder Horden in schwitzigen und zu engen Schlaghosen über den Kiez schieben. Vielen St. Paulianer:innen bleibt dann nur die Flucht an den schattigen Alsterlauf, zum gemütlichen Bier in die Strandperle oder sie genießen die Vorzüge des Neun-Euro-Tickets. In diesem Sinne: Hossa!


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St. Pauli

Über kaum einen Hamburger Stadtteil gibt es so viele Geschichten und kaum einer wird so oft besucht wie St. Pauli. Kein Wunder, schließlich gibt es zwischen Elbe und Messe auch viel zu entdecken

Text: Felix Willeke

Etwas mehr als 20.000 Einwohner:innen und rund 2 Quadratkilometer groß. Das sind die nackten Zahlen. Doch St. Pauli ist mehr als Zahlen: Hier gibt es Kultur, Party, Fußball, maritimes und es ist überraschend grün. Kurzum, St. Pauli ist die Vielfalt Hamburgs in einem Stadtteil. Wir begeben uns auf eine Reise durch die ehemalige Hamburger Vorstadt, die ihrer Lage zwischen Dänemark und Hamburg ihre Einzigartigkeit verdankt. Dabei gucken wir über die Landungsbrücken hinweg auf den Kiez und hoch bis zum Hamburger Fernsehturm.

Landungsbrücken

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Von der Dachterrasse des Blockbräu hat man den vielleicht schönsten Blick auf die Landungsbrücken (Foto: Blockbräu )

„An den Landungsbrücken raus, dieses Bild verdient Applaus“, so eine Liedzeile der Hamburger Band Kettcar. Nicht nur gehört „Landungsbrücken raus“ seit 2002 zu einem der beliebtesten Lieder der Band, es trifft auch den Nagel auf den Kopf. „Na dann herzlich Willkommen Zuhaus“, heißt es weiter und für viele sind die Landungsbrücken das Symbol Hamburgs und der eigenen Heimat. Seit 1839 legen hier Schiffe an. Waren es früher die großen Überseelinien, sind es heute Hafenfähren und Hafenrundfahrtschiffe. Darüber hinaus bringt der Holunder Jet seine Gäste noch heute von den Landungsbrücken aus auf Deutschlands einzige Hochseeinsel, nach Helgoland

Wer im Sommer an den Landungsbrücken entlang schlendert sieht Einheimische, Touristen, Kreuzfahrtschiffe und viel Hamburger Geschichte. 

Alter Elbtunnel

Eines der berühmtesten historischen Bauwerke am und unterm Hamburger Hafen ist der Alte Elbtunnel. Von 1907 bis 1911 baute Otto Stockhausen die erste Unterquerung der Elbe. Damals sollte der Elbtunnel die Werften im Hamburger Hafen besser anbinden und besonders im Winter, wenn die Fähren wegen Eis auf der Elbe nicht fahren konnten, den Weg zu Arbeit erleichtern. Heute ist der fast 500 Meter lange und 24 Meter unter der Wasseroberfläche gelegene Tunnel denkmalgeschützt und im Sommer angenehm kühl. Aktuell fahren wegen Renovierungsarbeiten keine Autos durch den Tunnel, für Radfahrer:innen und Fußgänger:innen ist er jedoch täglich (außer zu Silvester) und rund um die Uhr geöffnet.

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Schon längst ein Denkmal: der Alte Elbtunnel (Foto: Mediaserver Hamburg/ThisIsJuliaPhotography)

Auf dem Weg zum Kiez

Von den Landungsbrücken geht es 70 Stufen über die Willy-Bartels-Treppe nach oben und direkt unter dem ikonischen Hotel Hafen Hamburg hat man einen der besten Blicke auf den Hafen, die Docks bei Blohm&Voss und die Musicaltheater auf der anderen Elbseite. Geht man weiter, vorbei am Tropeninstitut, sind es nur wenige Meter und schon steht man auf der berühmten Davidstraße, dem Eingang zum Kiez und dem Herz von St. Pauli. 

Kiez

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Das Molotowcocktail ist einer der bekanntesten Musikklubs auf St. Pauli (Foto: Alexander Schliephake)

Der Kiez ist das Partyzentrum der Stadt. Rund um die Reeperbahn gibt es rund 500 Kneipen – darunter die Ritze und das La Paloma –, Bars und Clubs, rund zehn kleine und große Konzertsäle, sechs Theater und etliche Bordelle. Ein Schmelztiegel von Kultur, Party und vielen Events. Neben dem Schlagermove gibt es jährlich den St. Pauli Weihnachtsmarkt „Santa Pauli“ und das Reeperbahnfestival. Darüber hinaus hält sich seit dem 19. Jahrhundert eine Tradition: die offene Straßenprostitution.

Sex

Die berühmte Herbertstraße zweigt kurz nach dem Hafenrand von der Davidstraße ab und ist der Anfang der Zone, in der jeden Abend von 20 Uhr bis 6 Uhr morgens Prostituierte um Freier werben. Prostitution ist seit 2002 in Deutschland nicht mehr sittenwidrig und hat auf dem Kiez eine lange Tradition.

Schon im 19. Jahrhundert kamen die Matrosen aus dem Hafen, um die Dienste der Damen in Anspruch zu nehmen. Zu dieser Zeit wurde auch die Herbertstraße gebaut und ist seitdem ein Symbol der Prostitution in Hamburg. Auch die Nationalsozialisten schafften es nicht, ihr Verbot von Prostitution hier durchzusetzen – sie verbarrikadierten die Herbertstraße lediglich mit einem Sichtschutz, den es heute noch gibt. Aktuell gibt es auf St. Pauli immer weniger Bordelle, die Szene der käuflichen Liebe hat sich in andere Teile der Stadt verlagert, doch die Straßenprostitution ist nach wie vor ein Teil des Kiezes. 

„Ich bin zwar in Liverpool geboren, doch erwachsen wurde ich in Hamburg.“

angeblich John Lennon

Davidwache und Großstadtrevier

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Legendär: Der Weihnachtsmarkt auf St. Pauli „Santa Pauli“ (Foto: Mediaserver Hamburg)

Eines der berühmtesten Gebäude auf der Reeperbahn ist die Davidwache. Das kleine Backsteinhaus wurde vom Hamburger Architekten Fritz Schumacher erdacht und beherbergt das wohl bekannteste Polizeirevier der Stadt. Mit nur 0,935 Quadratkilometern hat die Davidwache den kleinsten Zuständigkeitsbereich in ganz Europa, aber genug zu tun. Viele verbinden mit der Wache nicht nur Kriminalität, sondern auch berühmte Serien wie Notruf Hafenkante, den Tatort – obwohl hier nie für den Tatort gedreht wurde – und das Großstadtrevier mit Jan Fedder. Seit 1986 gibt es die Vorabendserie um den mittlerweile verstorbenen Hamburger Kult-Schauspieler. Gedreht wurden die Szenen auf einer fiktiven Wache in der Innenstadt und in Hamburg-Altona, seit 2019 steht „die Wache“ im Studio Hamburg im Stadtteil Tonndorf. Doch auf dem Kiez ist das Großstadtrevier immer wieder zu Gast und auch die Davidwache wird von Zeit zu Zeit als Drehort genutzt. 

Kultur

Doch das der Kiez viel mehr ist als Sex und Party zeigen zwei Namen: Ernst Drucker und Corny Littmann. Ernst Drucker übernahm 1884 das später nach ihm benannte Theater direkt neben der Davidwache. Heute ist das Haus unter dem Namen St. Pauli Theater bekannt. Die Nationalsozialisten strichen den Namen des Juden Ernst Drucker in den 1930er Jahren, heute trägt das St. Pauli Theater wieder den Beinamen seines ehemaligen Leiters und ist eines der schönsten Privattheater der Stadt.

Direkt daneben befindet sich das Schmidts Tivoli. Es ist neben dem Schmidtchen und dem Schmidt Theater Teil des Lebenswerks von Corny Littmann. Der Schauspieler und Regisseur eröffnete am 8.8.1988 mit dem Schmidt Theater das erste Haus. Damals wie heute erhalten seine Theater keinen Cent öffentliche Förderung. Waren sich zur Eröffnung viele sicher, Littmanns Konzept würde keine drei Monate überleben, sind er und seine drei Theater heute prägend für Hamburgs Theater-, Comedy- und Musicalszene. In vielen Shows wie der Schmidt Mitternachtsshow machten bekannte Größen wie Olivia Jones, Lilo Wanders, Wolfgang Trepper und Kay Ray ihre ersten Schritte auf Hamburgs Bühnen.

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Eine Institution: das Schmidts Tivoli (Foto: Mediaserver Hamburg/ThisIsJulia Photography)

FC St. Pauli

Nur rund zehn Minuten zu Fuß von der Davidwache entfernt steht das Millerntor-Stadion, das Stadion des FC St. Pauli. Auch wenn der Verein seit Jahren in der 2. Bundesliga spielt, hat er weltweit Sympathisanten: Es gibt Fanclubs in den USA, Mexico, Indien und sogar auf Grönland. Und so verwundert es nur wenig, dass das Stadion mit seinen knapp 30.000 Plätzen bei fast jedem Heimspiel ausverkauft ist. War der Verein noch bis in die 1980er-Jahre ein klassischer Arbeiterverein, entdeckte ihn nach und nach die linke Szene für sich. Angetrieben von den Hausbesetzer:innen der Hafenstraße wandelte sich das Publikum und 1987 brachte „Doc Mabuse“ erstmals den Jolly Roger mit ins Stadion. Der Totenkopf ist bis heute das Symbol des Vereins und auch im St. Pauli Fanshop überall zu finden. 

1988 schrieb das Hamburger Abendblatt: „Der FC St. Pauli ist mehr als Fußball“ und das gilt bis heute. So setzt sich der Verein mit den Kiezhelden für Soziale Projekte ein, schrieb als einer der ersten Deutschen Profiklubs ein Verbot von Homophobie, Sexismus und Rassismus in seine Stadionordnung und mit Benjamin Adrion gründete ein ehemaliger Spieler die Non-Profit Organisation Viva con Agua. 

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Einmal im Jahr gibt es im Millerntor Stadion Kunst statt Fußball: Bei der Millerntor Gallery von Viva con Agua (Foto: Stefan Groenveld)

Das Viertel

Das wahre Herz von St. Pauli sind aber weder Fußballverein, noch der Kiez, es sind seine Menschen. Das merkt man, wenn man durch das Viertel streift. Früher lag St. Pauli „zwischen den Welten“. Im Osten verteidigte sich Hamburg an den Großen Wallanlagen (heute Planten un Blomen) und ließ die Menschen nur über seine Stadttore wie das Millerntor, in die Hansestadt. Im Westen hingegen lag Altona. Altona stand bis 1864 unter dänischer Verwaltung und das Gebiet zwischen diesen beiden Städten war und ist St. Pauli.

Hier ließen sich mehrheitlich Arbeiter nieder, die sich die Städte nicht leisten konnten oder wollten. Dazu kamen das leichte Gewerbe und die Matrosen, die während der damals noch langen Liegezeiten der Schiffe Abwechslung suchten. Eine Vielfalt, die auch heute noch zu spüren ist. Mittlerweile wohnt im Viertel ein Mix aus Studierenden, Alt-Eingesessenen und Neuen Bewohner:innen, die das „hippe“ St. Pauli für sich entdeckt haben. Diese Mischung und die noch großenteils erhaltenen Gründerzeithäuser machen den Stadtteil in Hamburg einzigartig. 

Musik

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Haben ihr Denkmal auf St. Pauli: die Beatles (Foto: Mediaserver Hamburg/Konstantin Beck)

Neben dem Kiez, dem Hafen und der einzigartigen Geschichte ist wahrscheinlich nichts so mit St. Pauli verbunden wie die Musik. War es doch der Kiez, wo die Beatles im Indra, Top Ten Club, Kaiserkeller und im Starclub ihren Durchbruch feierten. John Lennon soll einmal gesagt haben: „Ich bin zwar in Liverpool geboren, doch erwachsen wurde ich in Hamburg.“ Noch heute kann man im Indra Konzerte und Shows besuchen.

Und nach den Beatles? Nach dem aufkommen der DJ’s konnten viele Musikklubs nicht überleben, doch die Musik starb nie. So gab es mit dem Onkel Pö, und gibt es mit dem Mojo Club und dem Grünspan legendäre Konzertlocations in Hamburg und auf St. Pauli. Auch musikalisch war immer viel los: So entwickelte sich in den 1980er Jahren auf St. Pauli und in ganz Hamburg eine deutschsprachige Musik, die mit Vertretern wie Kettcar oder Tocotronic als „Hamburger Schule“ bekannt wurde. Noch heute ist mit dem Grand Hotel van Cleef das Label des Sängers von Kettcar (Marcus Wiebusch) und Thees Uhlmann auf St. Pauli zu Hause.

Bunker

Was früher das J’s war, ist heute das Übel & Gefährlich. Im Hochbunker auf St. Pauli gab es immer Musik. Bevor 2019 der Umbau begann, residierte hier mit JustMusic eines der größten Musikgeschäfte der Stadt. Dazu kamen etliche Proberäume und zwei Konzertlocations: Das Übel & Gefährlich – das aus dem legendären Promi-Club J’s hervorging – und der Resonanzraum. Doch mit dem Umbau wird vieles neu: JustMusic ist bereits verschwunden und das neue grüne Dach macht den Bunker 20 Meter höher. Nach dem Umbau können Besucher:innen in 58 Metern Höhe im Dachgarten chillen. Dazu wird der Bunker auf St. Pauli neben einem Hotel auch die Georg-Elser-Halle, Hamburgs neuste Konzerthalle beheimaten. 

Kulinarik

Wo viel Kultur, Kulturen und Menschen aufeinandertreffen, entsteht neben Musik und Kunst auch häufig bestes Essen und St. Pauli hat dabei viel zu bieten. So gibt es neben dem Ashoka – einem der besten indischen Restaurants Hamburgs – auch den Weinladen St. Pauli, der, auch wenn er nicht mehr ganz auf St. Pauli liegt, neben coolem Ambiente auch beste Beratung zu bieten hat. Hinzu kommt rund um die Paul-Roosen-Straße von der Imbissbude bis zum Restaurant auf Sterne-Niveau alles, was das Herz begehrt. 

Planten un Blomen

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Die berühmten Wasserlichtkonzerte in Planten un Blomen sind einfach schön (Foto: Mediaserver Hamburg)

Was viele nicht wissen: Planten un Blomen gehört zu St. Pauli. Wenn man von der Paul-Rosen-Straße vorbei am Millerntor-Stadion und über das Heiligengeistfeld – wo drei Mal im Jahr der Hamburger Dom stattfindet – schlendert, kommt man an den südlich Eingang der großen Parkanlage. Etwa 47 Hektar groß, entstand Planten un Blomen ab 1821 auf dem Gelände der alten Wallanlagen. Von 1897 bis 1973 fanden hier fünf Gartenausstellungen statt und prägten den Park. Von Süden nach Norden finden sich neben einer Minigolfanlage, einer Eisbahn – die im Sommer als Rollschuhbahn genutzt wird –, die Tropengewächshäuser (aktuell geschlossen), ein Musikpavillon, indem im Sommer viele Open Air Konzerte stattfinden und Hamburgs berühmte Wasserlichtkonzerte. Am Parksee wird in jedem Jahr von Mai bis September täglich nach Sonnenuntergang zu klassischer Musik die Wasserorgel live gespielt.

Heinrich-Hertz-Turm

Wenn man Planten und Blomen auf Höhe der Hamburg Messe verlässt, wartet ein letztes architektonisches Highlight des Stadtteils: der Heinrich-Hertz-Turm. 1968 eröffnet, war er bis ins Jahr 2000 für das Publikum geöffnet und bot aus über 120 Metern Höhe einen Rundblick auf die Stadt. Ab 2023 soll das wieder möglich sein. Ein Team aus Online Marketing Rockstars (OMR), dem Immobilienentwickler Home United und der Hamburg Messe will den Turm dann für das Publikum öffnen.


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Zurück ins Club-Glück

Auf ein Neues: Endlich machen Hamburgs Clubs wieder auf. Carsten Brosda, Senator der Behörde für Kultur und Medien, im Gespräch über die Spuren des vergangenen Corona-Winters und das Tanzen in Zeiten weltpolitischer Krisen

Interview: Anna Meinke

SZENE HAMBURG: Carsten Brosda, am 4. März 2022 öffneten Hamburgs Clubs ihre Türen erneut. Unter 2G+-Bedingungen darf seitdem ohne Maske gefeiert werden. Haben Sie die neue Freiheit schon ausgenutzt und mal wieder so richtig das Tanzbein geschwungen?

Carsten Brosda: Noch nicht. Ich bin ohnehin eher einer von denen, die bei einem Konzert mit einem Bier in der Hand im Raum stehen und die Musik aufsaugen. Ich freue mich aber sehr, dass endlich wieder die Clubkultur gefeiert werden kann!

Gleichzeitig wurde Hamburg am 30. März zum Corona-Hotspot erklärt. Haben Sie trotzdem ein gutes Gefühl dabei, das Feiern wieder möglich gemacht zu haben, oder ist Ihnen auch ein wenig mulmig zumute?

Es ist gut, dass Hamburg angesichts der noch immer hohen Infektionszahlen vorsichtig ist. Schließlich ist Corona noch nicht vorbei, die Infektionszahlen sind hoch. Mit wenigen Maßnahmen können wir uns vergleichsweise wirksam schützen. Neben der Notwendigkeit zum Impfen ist es deshalb klug, auch weiterhin vorsichtig zu sein, gerade auch damit der ganze Wahnsinn nicht im Herbst wieder von vorne beginnt.

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„Viele haben in den letzten Monaten gemerkt, was alles fehlt“, sagt Kultursenator Carsten Brosda (Foto: Bertold Fabricius)

Das Personalproblem

Nach dem zehnwöchigen Winterschlaf ist das Bedürfnis bei vielen groß, sich ins Getümmel zu stürzen und die Nächte durchzutanzen. Was zeigt denn die Erfahrung der letzten Wochen – gibt es gerade eine regelrechte Party-Explosion?

Mein Eindruck ist schon, dass viele in den letzten Monaten gemerkt haben, was alles fehlt, wenn diese Orte wegfallen, an denen wir mit anderen zusammenkommen. Wir sehen das auch in anderen Kultureinrichtungen. Es macht einen Unterschied, ob ich auf dem Sofa Netflix gucke oder ob ich zum Beispiel im Theater ein einmaliges Live-Erlebnis habe. Und dann steht man im Anschluss mit anderen Menschen zusammen und tauscht sich aus. Das gilt natürlich erst Recht für Clubs, die ja gerade von dieser physischen Enge leben. Ich hoffe sehr, dass wir uns dieses Bewusstsein für den Wert des gemeinsamen Erlebens bewahren!

Irgendwelche nennenswerten Corona-Ausbrüche?

Wie gesagt: Generell sehen wir, dass die Zahlen weiter hoch sind und wir noch vorsichtig seien müssen. Insofern ist es gut, dass wir in den Clubs weiterhin die 2G+ Regelung gilt. Mein Eindruck ist, dass wir damit die Situation derzeit ganz gut im Griff haben.

Und wie sieht es hinter den Bars, am Eingang und an der Club-Garderobe aus? Machen sich Fachkräftemangel und Personalnot bemerkbar?

Das ist ein echtes Problem. Darum ist es auch gut, dass zum Beispiel die Clubs auf dem Kiez jetzt mit einer Kampagne gezielt Personal ansprechen. Daher war uns aber auch wichtig, dass wir mit unseren Hilfen immer so weit wie möglich nicht nur Einnahmeausfälle gezahlt haben, sondern vor allem weiter das Veranstalten unter Corona-Bedingungen ermöglichen wollten. So konnte wenigstens ein Teil des Personals gehalten werden.

„Ich wünsche mir, dass diese Corona-Generation jetzt durchstartet“

Also, alles wie immer, getreu dem Motto „The Kiez is back“?

Ich bin mir nicht sicher, ob unser Ziel sein sollte, dass einfach alles zum Alten zurückkehrt. Wir können ja auch aus den Erfahrungen der letzten zwei Jahre lernen und manches besser machen. Vielleicht gehen wir mit den Kulturorten ja jetzt auch viel bewusster um und erkennen zum Beispiel den großen Wert der vielfältigen Clubkultur in der Stadt. Das wünsche ich mir jedenfalls. Vor allem aber muss sich das Publikum seinen Kiez jetzt wieder zurückerobern und mit Leben füllen. Man muss sich ja vor Augen führen, dass da jetzt auch eine Generation die Clubkultur ganz neu erleben wird, die eigentlich in den letzten Jahren die Nächte hätte erobern sollen, stattdessen aber zu Hause bleiben musste. Ich wünsche mir sehr, dass diese Corona-Generation jetzt durchstartet und die Erfahrungen machen kann, die man in dem Alter machen muss!

„How can we dance when our world is turning? How do we sleep while our beds are burning?“

Midnight Oil

Es hätte so schön sein können – bundesweit sinken die Fallzahlen und es darf endlich wieder getanzt werden. Doch vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges in der Ukraine stellt sich die Frage, inwiefern eine hemmungslose Feierei gerade überhaupt möglich ist. Gegen den Weltschmerz antanzen – ist das eine gute Idee?

In meiner Jugend haben Midnight Oil gefragt: „How can we dance when our world is turning. How do we sleep while our beds are burning.“ Die Frage stellt sich immer wieder. Aber die Geschichte zeigt ja auch, dass gerade die Popkultur Veränderung fördern kann. Deswegen finde ich die Idee, gegen den Weltschmerz anzutanzen, eigentlich recht schön. Auch das bedeutet ja, diesem Wahnsinn unsere Haltung von einer freien Kultur entgegenzustellen. Aber ich gebe zu, dass das schwerfällt – und dass die Form immer wieder überprüft werden muss.

Momente der Gemeinschaft

Welchen Stellenwert haben das gemeinsame Feiern und Live-Musik-Erlebnisse Ihrer Meinung nach? Und was bleibt vielleicht auf der Strecke, wenn wir nicht tanzen gehen können?

Für mich sind das Momente, in denen Gemeinschaft spürbar wird. Kae Tempest beschreibt in ihrem Buch „Verbundensein“, dass sich bei einem Konzert sogar der Puls der Anwesenden angleicht. Das Wissen darum, dass wir einander brauchen und aufeinander reagieren, ist wichtig.

Ich finde die Idee, gegen den Weltschmerz anzutanzen, eigentlich recht schön.

Kultursenator Carsten Brosda

Clubbetreiber:innen beklagten in den vergangenen zwei Jahren vielfach eine gewisse Leichtfertigkeit, die den Umgang der Politik mit der Schließung von Clubs vermeintlich prägte. Kommt mit der „neuen Feierei“ auch eine neue, vielleicht absehbarere Corona-Strategie für die Kulturszene?

Da haben wir in den letzten Monaten schon eine Menge voneinander gelernt. Ich denke noch mit Schrecken an die ersten Corona-Verordnungen, in denen die Kultur mit Freizeiteinrichtungen und Puffs auf eine Stufe gestellt wurde. Das hat zu Recht einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Inzwischen wird der besondere Stellenwert der Kultur erkannt. Bund und Länder haben auch deutlich gemacht, dass es sehr genauer Begründungen bedarf, wenn die Freiheit der Kunst eingeschränkt wird. Mit Blick auf die Live-Musik macht mir Mut, dass die neue Bundesregierung nun erstmals Clubs als Kulturorte anerkannt hat und auch entsprechend schützen will. Wir in Hamburg wissen schon lange, wie wichtig eine lebendige und vielfältige Club-Szene für die Kultur ist. Da kann es nur helfen, wenn da künftig Bund und Länder mit der Szene an einem Strang ziehen.


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Marathon in Hamburg erleben – und mehr

Es wird wieder gelaufen in der Stadt. Am 24. April 2022 startet der 36. Hamburg-Marathon. Rund um die Strecke können dabei nicht nur die Läufer:innen angefeuert werden, es gibt auch viel zu erleben. Hier kommen zehn Tipps für den Marathonsonntag

Während beim diesjährigen Hamburg-Marathon fast 30.000 Läufer:innen an den Start gehen, werden sie von deutlich mehr Menschen an der Strecke unterstützt. Was es drumherum zu erleben gibt, zeigen wir hier: 

Start & Ziel an den Messehallen

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Auf der Marathon-Messe können sich Sportler:innen nochmal mit allem Notwenigen versorgen (Foto: unsplash/Hobi industri)

Die Ersten und die Letzten kommen und gehen sehen, das geht natürlich am besten an Start und Ziel direkt unterm Fernsehturm. Während sich die Läufer:innen um 9:30 Uhr auf den Weg machen, kann man von hier aus wunderbar auf einen Kaffee ins Karolinenviertel schlendern und ist pünktlich um 11:30 Uhr zurück, wenn die ersten im Ziel erwartet werden.
Kleiner Tipp: Auf der Marathon-Messe gibt es kurz vor dem Marathon rund um den Lauf alles, was Läufer:innen brauchen – insbesondere günstige Laufschuhe.

Marathon-Messe
22. April 2022 12 bis 19 Uhr & 23. April 9 bis 19 Uhr

Nach der Party-Nacht Marathon gucken

Kilometer 2 & 11

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Nach der langen Kiez-Nacht auf den Fischmarkt und dabei auch noch Marathon gucken, das geht nur in Hamburg (Foto: Johanna Zobel)

Samstagabend auf dem Kiez, Sonntagmorgen für Kaffee und Fischbrötchen auf den Fischmarkt – ein Klassiker. Doch an diesem Sonntag geht noch mehr: Beseelt von einer guten Nacht kann man auf dem Heimweg noch die ersten Sportler:innen anfeuern. Zwischen 8:30 Uhr (Rollstuhlfahrer:innen) und 10:15 Uhr (die letzten Läufer:innen) führt der Marathon über die komplette Reeperbahn. Und wer besonders viel Ausdauer hat, kann bis 11:30 Uhr auch noch an den Landungsbrücken Athlet:innen abfangen.

An den Landungsbrücken raus

Kilometer 11

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Die Landungsbrücken: Ein beliebter Spot zum Marathon gucken (Foto: unsplash/Christian Lue)

„An den Landungsbrücken raus, dieses Bild verdient Applaus“, ist zwar eine der bekanntesten Liedzeilen der Hamburger Band Kettcar, doch hoffentlich nicht das Motto der Läufer:innen. Aber egal was man hier tut, die Landungsbrücken sind und bleiben einer der beliebtesten Orte in Hamburg – nicht nur für Tourist:innen. Beim Marathon ist hier fast immer gute Stimmung. Schließlich sind die Landungsbrücken einer von 23 Spots, an denen Bands die Marathonis nach vorne treiben. Traditionell ist dabei am Alten Elbtunnel Samba angesagt. 

Neue Eindrücke im Museum für Kunst und Gewerbe

Kilometer 14

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DRIFT: Shylight, 2006 im Museum für Kunst und Gewerbe (Foto: Henning Rogge)

Sport ist ein Kulturgut, genauso wie das gute alte Museum. Wer nach dem Läufer:innengucken noch im mehr Eindrücke sammeln will, für den lohnt sich ein Ausflug ins Museum für Kunst und Gewerbe. Aktuell werden hier mit „Die Sprache der Mode“ und „Dressed“ gleich zwei Ausstellungen zum Thema Mode und Textil gezeigt. Hinzu kommt mit „Drift“ eine Installation anlässlich des fünften Geburtstags der Elbphilharmonie. Und natürlich setzt auch das MK&G ein Zeichen gegen den Angriffskrieg auf die Ukraine. Im ganzen Haus sind daher Plakate und Fotografien zu sehen, die sich auf unterschiedlichste Art und Weise mit dem Wunsch nach Frieden und dem Land Ukraine auseinandersetzen.

Museum für Kunst und Gewerbe
Sonntags von 10 bis 18 Uhr, Eintritt 12 Euro (ermäßigt 8 Euro), alle unter 18 Jahren haben freien Eintritt

Brunch im Café Paris

Kilometer 15,5

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Perfekt zum brunchen: Das Café Paris (Foto: Café Paris)

Es ist 10:15 Uhr, die Spitze der Läufer:innen ist gerade durch und jetzt wartet man noch auf die oder den Liebste:n, aber dann muss auch mal was gefrühstückt werden. Wieso nicht genau hier der Strecke den Rücken zuwenden und im Café Paris direkt hinterm Rathaus richtig lecker brunchen? Das gemütliche Café gehört dabei zu den besten Spots der Stadt für einen gemütlichen Brunch

Café Paris
Geöffnet ab 9:30 Uhr

Alsterspaziergang

Kilometer 16 – 20 & 38,5 – 39,5

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Nichts geht über einen gemütlichen Sonntagsspaziergang an der Alster (Foto: Isabel Rauhut)

Und er sah, dass das Wetter gut war – hoffentlich. Der April in Hamburg hält zwar immer die ein oder andere Überraschung bereit, doch aktuell verspricht der Sonntag zumindest nicht, verregnet zu werden. Daher lohnt parallel zum Marathon auch immer ein Spaziergang an der Alster. Während sich die Läufer:innen 10 bis 12:30 Uhr (Ostseite) und von 11:30 bis 15:00 Uhr (Westseite) an Hamburgs blauer Mitte entlang quälen, können sich diejenigen, für die das Café Paris nicht gepasst hat, gemütlich schlendern oder sich im Literaturhaus Café verwöhnen lassen. 

Literaturhaus Café
Geöffnet ab 9:30 Uhr (Reservierung empfohlen)

Neue Perspektive auf die Stadt

ab Kilometer 22

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Auf dem Wasser durchs Grüne – eine ganz neue Perspektive auf die Stadt (Foto: Felix Willeke)

Sonntag in Hamburg ist auch immer Familienzeit. Für viele geht es deswegen zum Fußball spielen, Minigolfen oder einfach zum Spazieren in den Stadtpark. Für die etwas andere Perspektive lohnt ein Abstecher auf die Liebesinsel. Am hiesigen Bootsverleih lassen sich neben Tretbooten auch Ruderboote und Kanus leihen, um Hamburg vom Wasser aus zu erkunden. 

Bootsvermietung auf der Liebesinsel
Geöffnet bei gutem Wetter ab ca. 9:30 Uhr

Familiäre Atmosphäre

Kilometer 30,5

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Frisches vom Grill und gute familiäre Stimmung gibt‘s in Ohlsdorf fast in jedem Jahr (Foto: pixabay)

Marathon in Hamburg und Ohlsdorf, das ist eine wahre Liebesbeziehung. Während die Strecke in den vergangenen Jahren immer wieder angepasst wurde, blieb der nördlichste Punkt immer gleich: Die Querung der Alster „am Hasenberge“. Direkt am S- und U-Bahnhof Ohlsdorf trifft sich der Hamburger Norden zum Marathon gucken. Hier gibt es frisch Gegrilltes von der Freiwilligen Feuerwehr und dem THW, dazu extrem viel gute Laune und familiäre Stimmung. 

Eppendorf und der „Mann mit dem Hammer“

Kilometer 36 – 38

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Wenn am Eppendorfer Baum die Beine brennen, helfen gute Stimmung und grüße von oben (Foto: Alice von der Laden)

Wenn der sprichwörtliche „Mann mit dem Hammer“ kommt, dann braucht es erst recht Unterstützung. Spätestens ab Kilometer 37 setzen bei vielen Marathonis Krämpfe und Erschöpfung ein. Gut, dass der Hamburg-Marathon hier sein stimmungsmäßiges Epizentrum bereit hält: den Eppendorfer Baum. Geht es bei Kilometer 36 an der Eppendorfer Landstraße um 11:15 Uhr schon mit den ersten Bands los, erreicht die Stimmung an der U-Bahn Eppendorfer Baum ihren Höhepunkt. Bis kurz vor drei werden hier auch die letzten Läufer:innen nach vorne gepeitscht.

Eine Ruheoase kurz vor dem Ziel

Kilometer 41

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Direkt neben Start und Ziel liegt mit Planten un Blomen eine Oase der Ruhe (Foto: Berndt Andresen)

Man hat schon über 40 Kilometer in den Beinen, läuft bei der Spielbank Hamburg um die Ecke und vor einem taucht der Gorch-Fock-Wall auf, die letzte „Steigung“ beim Hamburg Marathon. Auch wenn das Wort Steigung hier wohl kaum ernsthaft verwendet werden sollte, tut den Läufer:innen jeder Schritt weh und jeder Höhenmeter nervt. Deswegen brauchen sie gerade hier besonders viel Unterstützung. Und wer keine Lust aufs Anfeuern hat, für den wartet mit Planten un Blomen eine echte Ruheoase direkt um die Ecke.

Wer sich selbst nochmal orientieren möchte: Den Strecken- und Zeitplan sowie alle Infos rund um den Marathon gibt es auf haspa-marathon-hamburg.de


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Ottensen: Der Kiez der Filmschaffenden

Vor 28 Jahren wurden die Zeise Kinos in Ottensen eröffnet, ein kultureller Hotspot in dem Viertel und überhaupt von ganz Hamburg. Seit 2019 hat hier Matthias Elwardt das Sagen. Er spricht über berühmte Schauspieler als Nachbarn, neue Technologie in den Sälen und sein Haus in Zeiten der Pandemie

Text: Andreas Daebeler

 

Wenn Matthias Elwardt sein Büro in Richtung Friedensallee verlässt, kann es gut passieren, dass er Hamburgs Kult-Regisseur Fatih Akin in die Arme läuft. Oder dem Schauspieler Peter Lohmeyer. „Ottensen ist längst zu einem Kiez der Filmschaffenden geworden, Hans Löw wohnt um die Ecke, Andrew Bird auch, Sibel Kekilli sitzt hier vor unseren Hallen“, sagt Elwardt. Für ihn ist das eine ziemlich willkommene Nachbarschaft. Führt er doch die Geschäfte in den Zeise Kinos, in denen das kulturelle Herz des Stadtteil besonders laut schlägt.

„Die Filmförderung gehört ebenfalls zu unseren Nachbarn, das kannte ich früher am Grindelhof so nicht“, erinnert sich der 58-Jährige. „Früher“ – das meint die Zeit vor 2019, als er nach fast 30 Jahren als Programmchef des Abaton Kinos das wuselige Uni-Viertel verließ, um kurz darauf seine beruflichen Zelte in Ottensen aufzuschlagen. Eingelebt hat er sich schnell. Um dann, wie alle anderen in seiner Branche, voll von Corona und den Lockdowns erwischt zu werden. Schotten dicht, kein Betrieb, keine Zuschauer – schwierige Zeiten.

 

Neue Ideen in der Pandemie

 

Den Blues hat Matthias Elwardt deswegen nicht. „Ich bin ziemlich resilient, das Wort habe ich in den vergangenen Monaten erst kennengelernt“, sagt er. „Man kann aber auch wirklich nicht sagen, dass die Kultur von der Politik im Stich gelassen wurde, da waren andere Branchen schlechter dran“, ergänzt der Zeise-Chef. „Für Filmkunstkinos gab es gute Hilfen.“ In Ottensen sei aus der Not sogar eine Tugend gemacht worden. Etwa indem neu aufgelegte Fördertöpfe genutzt worden seien. „Wir konnten einen Geburtsfehler unseres Kinos beheben, haben jetzt endlich eine Klimaanlage. Und die Tontechnik war immer gut, aber ist jetzt top.“ Zudem seien während Corona auch Ideen entstanden, die nach der Pandemie weiter funktionierten.

„Das Wunschkino wird es sicher auch weiterhin geben“, sagt Elwardt. Das Konzept ermöglicht es, einen der drei Säle samt Film für private Vorstellungen zu mieten. „Das hat sich nach dem ersten Lockdown angeboten und wird sehr gut angenommen, die Leute lieben das.“ Auch der Kultursommer mit Lesungen und Konzerten vor den ohnehin beliebten Open-Air-Vorführungen des Zeise im Innenhof des Altonaer Rathauses habe funktioniert. „Das werden wir sicher weiter so machen.“ Ein akutes, von der Pandemie geschaffenes Problem hingegen sei, dass große Tageszeitungen in Hamburg in den vergangenen Monate ihre Berichterstattung über Kino und Filme sehr stark reduziert hätten. „Ich weiß nicht, ob das mal wiederkommt, aber ich hoffe es. Vor allem für die kleinen Filme wäre das unheimlich wichtig.“

 

Das Zeise: Ein Kino mitten im Leben

 

Poetry Slam im Zeise mit Michel Abdollahi in der ersten Reihe. Zwei Reihen dahinter sitzt der heutige Geschäftsführer Matthias Elwardt, damals noch als Gast (Foto: Zeise Hamburg/Jan Brandes)

Poetry Slam im Zeise mit Michel Abdollahi in der ersten Reihe. Zwei Reihen dahinter sitzt der heutige Geschäftsführer Matthias Elwardt, damals noch als Gast (Foto: Zeise Hamburg/Jan Brandes)

Der Umbau der früheren Schiffsschraubenfabrik zum Zentrum für Stadtteilkultur ist ein Leuchtturmprojekt für Hamburg. Die Geburtsstunde des Kinos liegt mittlerweile 28 Jahre zurück. Damals galt der Umbau der ehemaligen Schiffsschraubenfabrik in Ottensen sowohl architektonisch als auch in puncto Stadtteilkultur als Leuchtturmprojekt. Die 1869 von Theodor Zeise erbauten Hallen atmen noch heute Hamburger Wirtschaftsgeschichte. Mehr als hundert Jahre wurden dort Antriebsschrauben hergestellt und in alle Welt exportiert.

Heute verbindet sich das rustikale, ziegelrote Industrie-Hallen-Flair gekonnt mit moderner Glas-Stahl-Architektur. Umgeben von Kneipen, Cafés und jeder Menge Leben werden im Zeise häufig Filme jenseits des Mainstreams gezeigt. Arthouse hat hier ein Zuhause, der deutsche Film findet seine Bühne. Und eben auch die Akteure von vor und hinter der Kamera. Nur zu gern lädt Matthias Elwardt Regisseure, Schauspieler und Produzenten zu Werkstattgesprächen und Diskussionen ein. Hark Bohm, Lars Eidinger und Tom Schilling etwa waren schon da. Auch Campino, Wim Wenders, Roland Klick, Burhan Qurbani und Nora Fingscheidt kennen den großen Saal, den der Zeise-Chef als einen der schönsten seiner Art in Deutschland beschreibt. Auch und gerade weil er Platz für Veranstaltungen und Begegnungen bietet.

 

Von Detlev Buck zum Poerty Slam

 

Die am 3. März 1993 mit Detlev Bucks Film „Wir können auch anders“ eröffneten Zeise Kinos verfügen heute über drei Vorführsäle mit insgesamt 523 Sitzplätzen. Im großen Saal finden 367 Menschen vor der knapp 60 Quadratmeter großen Leinwand Platz. Aber Zeise ist mehr als nur Kino. Slams haben hier ihre eigene Geschichte. Warum das so ist, weiß Jan-Oliver Lange, der heute das Kultur-Unternehmen „Kampf der Künste“ leitet.

Lange erinnert sich an seine Anfänge als Veranstalter: „Die Idee entstand im Frühjahr 2005. Damals war das Kino in einer wirtschaftlichen Krise und die Geschäftsführerin hatte den Plan, die Spätvorstellung abzuschaffen.“ Er selbst habe damals an der Kino­kasse gejobbt und sich gedacht, das Kino sei so schön, es müsse doch möglich sein, ein Programm auf die Beine zu stellen, dass die Leute auch in die Spätvorstellung lockt. Er habe sich an ein Konzept gesetzt, den Titel „Zeise Latenight“ erfunden und zu seiner eigenen Überraschung das Go bekommen.

Slams sind von Anfang zentraler Bestandteil des Programms. „Ich wusste, dass Michel Abdollahi, mein alter Schulfreund aus der Grundschule Heidacker, eine Zeit lang immer als Bühnenautor zu Poetry Slams gegangen war und dachte, das könnte der richtige Moderator für diese Reihe sein“, erinnert Jan-Oliver sich heute. „Michel hatte zu der Zeit noch nie moderiert – aber er fand die Sache interessant und folgte meiner Einladung, als Moderator bei den Slams einzusteigen.“

 

Die Slams brachten den Aufschwung

 

Das Zeise erlebt vor 15 Jahren turbulente Zeiten, als parallel zur Startphase des Veranstaltungsprogramms eine Insolvenz droht, was die Gesellschafter aber letztlich dann doch abwenden. Es geht also weiter in den Hallen an der Friedensallee. Und ab April 2006 sind die Singer und Songwriter am Start, gleich mit 150 Besuchern. Der Modus für die Veranstaltungen im Zeise ist seitdem annähernd unverändert.

Am ersten Freitag im Monat gibt’s den Singer Slam, am zweiten Freitag sie die Poeten am Start. Der dritte Freitag im Monat gehört den Kurzfilm-Cracks, die sich im Shortfilm Slam messen. „Das Besondere daran ist, dass die Filme nur gezeigt werden, wenn die Filmemacher auch dabei sind“, sagt Elwardt. Anfangs wurden auch die kleinen Säle genutzt, seit Januar 2007 nur noch der große. Und das Zeise hat schon eine Menge Künstler gesehen, die mittlerweile zu Stars wurden. So waren etwa Marc-Uwe Kling, Julia Engelmann, Gisbert zu Knyphausen Torsten Sträter und Hazel Brugger zu Gast.

 

Schauspieler und Regisseure sind gern zu Gast

 

Matthias Elwardt ist seit 2019 Chef der Zeise Kinos. Zuvor war er 29 Jahre lang Programmchef und Geschäftsführer vom Abaton am Grindelhof (Foto: Zeise Hamburg/Heike Blenk)

Matthias Elwardt ist seit 2019 Chef der Zeise Kinos. Zuvor war er Programmchef und Geschäftsführer vom Abaton (Foto: Zeise Hamburg/Heike Blenk)

Doch zurück in die Gegenwart. Und zu Matthias Elwardt, der eine klare Vorstellung von Kino hat, das über das Zeigen von Filmen hinausgeht: „Es sollte ein Ort des Gesprächs und der Diskussion sein und es macht mir selbst großen Spaß, immer wieder neue Schauspieler und Regisseure kennenzulernen.“ Er bekomme oft zu hören, dass die Akteure nur zu gern im Zeise zu Gast seien.

„Lars Eidinger zum Beispiel hat bei uns sein einziges Publikumsgespräch in Deutschland für den Film ‚Persischstunden‘ geführt.“ Viele solcher Begegnungen blieben noch lange in Erinnerung, so Elwardt. „Kürzlich war Jella Haase für eine Vorführung ihres Films ‚Lieber Thomas‘ hier bei uns zu Gast, wir waren ausverkauft, eine junge Frau aus dem Publikum fragte die Schauspielerin, was sie aus der Arbeit an dem Film mitgenommen habe.“ Jella Haase habe spontan mit einer Gegenfrage geantwortet: „Hast du mich nicht letztes Jahr bei der Premiere von ‚Berlin Alexanderplatz‘ hier im Zeise gefragt, was Glück ist?“ Dass sich die Schauspielerin an ein Publikumsgespräch von vor einem Jahr so gut erinnern könne, sei doch „ein wirklich schönes Kompliment für uns und unser Publikum“, findet Elwardt.

 

„Ich glaube ans Kino und bin guter Dinge“

 

Hat er angesichts des Trends zu Streaming zunehmend Angst vor der Zukunft, wenn es um seine Branche geht? „Es ist nur schwer zu beurteilen, wie sich die Situation entwickeln wird. Dafür brauchen wir wieder normale Zeiten“, sagt Elwardt. Aber auch: „Kino wird die Lokomotive bleiben, es ist der unkomplizierteste Ort, wenn es um den Genuss von Kultur geht.“ Abgesehen davon seien Produktionen wie „James Bond“ nur mittels des Kinos überhaupt zu refinanzieren.

„Netflix bekommt eine Serie für 20 Millionen, aber eine Marvel-Verfilmung kostet eine Viertelmilliarde.“ Auch gehe er nicht davon aus, dass die Streamingdienste alle überleben. „Der neue ,James Bond‘ ist trotz Corona jetzt schon der dritterfolgreichste ,Bond‘ aller Zeiten, trotz aller Hindernisse und Beschränkungen, die wir aktuell haben. Ich glaube ans Kino und bin guter Dinge.“ Wo sieht er die besonderen Herausforderungen für das Zeise? Es müsse darum gehen, auch bei der Programmgestaltung die Balance zu halten. „Wir haben einen großen, sehr schönen Saal und zwei kleinere, um die Kosten zu decken, müssen wir sehen, dass wir den großen Saal immer halbwegs voll kriegen.“

 

Mehr Aufmerksamkeit für den deutschen Film

 

Und wo sieht ein Kinobetreiber und Fan wie Matthias Elwardt den deutschen Film im internationalen Vergleich? „Der hätte ganz klar mehr Aufmerksamkeit verdient“, antwortet er. „Es gibt viele tolle Filmemacher, wir haben etwa Andreas Dresen und Fatih, aber in Deutschland auch noch so ein althergebrachtes Verständnis von Kultur mit Ballett, Oper und Theater im Zentrum.“ Im Feuilleton werde der Film immer noch etwas stiefmütterlich behandelt.

zeise.de


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