Beiträge

Das Licht aus dem die Träume sind

„Das Licht aus dem die Träume sind“ von Pan Nalin ist eine nostalgische Ode an die analoge Filmkunst – jetzt im Kino

Text: Anna Grillet

Der erste Kinobesuch verändert das Leben des neunjährigen Samay (grandios: Bhavin Rabari) für immer. Filme machen will er und nichts anderes. Seine Familie ist arm, lebt in einem abgelegenen Dorf in Gujarat, Indien. Hier halten die Züge nur wenige Augenblicke, Samay rennt den Bahnsteig entlang, um den Reisenden heißen Tee durchs Abteilfenster zu reichen. Nun aber drückt er sich vor der Arbeit, schwänzt die Schule, fährt stattdessen heimlich in die Stadt.

Der wissbegierige Junge freundet sich dort mit dem Filmvorführer Fazal (Bhavesh Shrimali) an, der lässt ihn im Tausch gegen den Inhalt seiner Lunchbox in die Vorstellungen, führt ihn ein in die Geheimnisse der ratternden Projektoren, die magische Welt von Bollywood und Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968). Filme drehen ist für Samay eine Jagd nach dem Licht. Seine Freunde unterstützen ihn, er ist der geborene Geschichtenerzähler, durch ihn wird ihr Alltag abenteuerlicher, bunter. Für die Realisierung seiner Träume klaut der Neunjährige ohne Skrupel, improvisiert mit ungeheurer Fantasie seine erste Vorstellung bewegter Bilder im Dorf.

Die Ära des „alten“ Kino neigt sich dem Ende zu

Das Licht aus dem die Traeume sind_1_©Neue Visionen Filmverleih-klein
Indien liebt Kino, das beweist Pan Nalin mit „Das Licht aus dem die Träume sind“ (Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Doch die Ära des Zelluloids neigt sich dem Ende zu, vielen Kinos droht die Schließung. „Das Licht, aus dem die Träume sind“ basiert auf den Erinnerungen und Reflexionen des indischen Regisseurs Pan Nalin („Samsara“), genau wie sein Protagonist kommt er aus Gujarat, hat Tee an Reisende verkauft und Prügel bezogen fürs Stehlen oder Schuleschwänzen. Im Gegensatz zu Giuseppe Tornatores „Cinema Paradiso“ (1989) integriert Nalin seine Hommagen an die Filmemacher in die Handlung, möchte nicht, dass sie leicht zu dechiffrieren sind. Wenn Samay die Gleise entlangläuft, erinnert die Weite der Landschaft an Sergio Leone und den frühen Terrence Malick. Das lyrische Spiel von Dunkel und Helligkeit, die Farbschattierungen sind von unglaublich kraftvoller Schönheit. Ebenso groß ist das Entsetzen beim Anblick Hunderttausender von Filmrollen, die eingeschmolzen werden und sich in dünne bunte Armreifen verwandeln.

„Das Licht aus dem die Träume sind“, Regie: Pan Nalin. Mit Bhavin Rabari, Bhavesh Shrimali, Richa Meena. 110 Min. Ab dem 12. Mai 2022 im Kino.

Hier gibts den Trailer zum Film:


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Neu im Kino: Doku über Sigmund Freud

Mit „Sigmund Freud – Freud über Freud“ kommt eine Dokumentation über den Gründer der Psychoanalyse in die Kinos, pünktlich zu seinem 166. Geburtstag – sehenswert

Text: Marco Arellano Gomes

Sind nicht alle Biografen ein Stück weit Lügner, wie es Sigmund Freud seiner Tochter gegenüber formulierte? Wie kann also eine Dokumentation über den Gründer der Psychoanalyse aussehen, ohne selbst in diese Falle zu tappen? Regisseur David Teboul hat eine raffinierte Lösung gefunden: Er greift in „Sigmund Freud – Freud über Freud“ vorrangig auf die Quellen zurück, die zweifellos nah dran waren: Sigmund Freud, seine Tochter Anna Freud, aber auch eng befreundete und nahestehende Personen wie Marie Bonaparte (seine Patientin) und Carl Gustav Jung (sein Schüler). Sie alle hinterließen Briefe, die seltene Einblicke geben. Stimmungsvoll geben die Synchronstimmen (unter anderem der Schauspieler Johannes Silberschneider) die Inhalte jener Briefe wieder – begleitet von bislang unveröffentlichten Foto- und Videoaufnahmen der Familie Freud, passendem Archivmaterial aus der Epoche und stimmungsvoller Musik.

Die Doku gibt einen erhellenden Einblick in Freuds Gedankenwelt und zeigt, wie besonders die Beziehung zwischen Vater und Tochter war. Auch die großen Themen und Konflikte der Zeitenwende werden angerissen. Freud als Mensch und Denker war wohl nie zuvor so unmittelbar erfahrbar. Das ist sehens- und hörenswert – pünktlich zu Freuds 166. Geburtstag.

„Sigmund Freud – Freud über Freud“, Regie: David Teboul. 97 Min. Ab dem 5. Mai 2022 im Kino

Hier gibts den Trailer zur Dokumentation:


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Vom Waschsalon ins Multiversum

Die Regisseure Dan Kwan und Daniel Scheinert schicken ihre Schauspieler:innen in „Everything, Everywhere, All at once“ fulminant und manchmal albern durch verschiedenste Lebensentwürfe – gaga, aber mit Sinn und Verstand und jetzt im Kino

Text: Calle Claus

Die chinesische Immigrantin Evelyn (Michelle Yeoh) betreibt in Kalifornien einen ruinösen Waschsalon. Ihr Leben ist ein einziges Chaos: Die Ehe mit ihrem Mann Waymond (Jonathan Ke Kwan) droht zu kentern, unterm Dach wohnt ihr renitenter, pflegebedürftiger Vater (James Hong) und obendrein hadert sie mit dem lesbischen Coming-out ihrer Tochter Joy (Stephanie Hsu). Zu allem Überfluss steht nun auch noch eine Steuerprüfung ins Haus. Die zuständige Finanzbeamtin (zum Fürchten und Niederknien: Jamie Lee Curtis) macht nicht den Eindruck, als wäre mit ihr gut Kirschen essen.

So weit, so gaga

Und dann passiert es: Mitten in der Anhörung erscheint Evelyn plötzlich eine alternative Version ihres Mannes. „Alpha Waymond“ konfrontiert sie mit der Tatsache, dass unendlich viele Evelyns existieren. Doch das Multiversum, in dem diese sich tummeln, wird durch eine Superschurkin namens „Jobu Tupaki“ bedroht, die alle Welten mittels eines gigantischen, rotierenden Bagels vernichten will … und sich in der Gestalt von Evelyns Tochter Joy manifestiert. So weit, so gaga.

Eine Geschichte von drohendem familiärem Zerfall

Everything_Everywhere_All_At_Once_Poster_©Leonine Studios-klein
„Everything Everywhere All At Once“, ein Film wie sein Plakat: Vielfältig, bunt und ein bisschen gaga (Foto: Leonine Studios)

Grundprämisse dieses abstrusen, an die Drehbücher von Charlie Kaufman erinnernden Plots ist, dass jede Entscheidung, die ein Mensch fällt, eine abzweigende Realität entstehen lässt. So häuft jeder im Laufe seines Lebens eine Vielzahl parallel existierender Welten an. Um zwischen ihnen navigieren zu können, braucht es einen Trigger: Zum Beispiel spiegelverkehrt getragene Schuhe. Rechts auf links, links auf rechts, schon kann Evelyn zwischen vielen Versionen ihrer selbst hin- und herspringen. Was folgt, ist ein Wirbel aus durchgeknallten Kostümen, haarsträubenden Kampf-Sequenzen und visuellen Gags – mal spektakulär inszeniert, mal ins Alberne abdriftend. All dem Zinnober liegt eine profunde Geschichte von drohendem familiärem Zerfall, zögerlicher gegenseitiger Akzeptanz und schlussendlicher Heilung zugrunde. Evelyn und ihre Lieben müssen einmal im Schleudergang durch alle möglichen und unmöglichen Lebensentwürfe, um letztlich durchgeschüttelt, aber frisch gestärkt die Fäden wieder aufzunehmen … daheim im eigenen Waschsalon.

„Everything, Everywhere, All at once“, Regie: Dan Kwan, Daniel Scheinert. Mit Michelle Yeoh, Jamie Lee Curtis, Stephanie Hsu. 139 Min. Ab dem 28. April 2022 im Kino

Hier gibts den Trailer zum Film:


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

„Lingui“: Die Kraft der Frauen

„Lingui“ ist ein Film über feministischen Widerstand und mütterliche Liebe – bildgewaltig, hochaktuell und relevant

Text: Anarhea Stoffel

Ein kleines Dorf im Tschad, eine staubig karge Landschaft, gleißendes Sonnenlicht und eine Frau, die Feuerschalen aus alten Lkw-Reifen herstellt. Es sind eindrucksvolle Bilder, die der tschadische Regisseur Mahamat-Saleh Haroun in seinem neuen Film zeigt. Das Thema des Films ist unterdessen ein Universelles: der Kampf gegen unterdrückende Gesetze und die Bindung zwischen Mutter und Tochter. Diese gerät aus den Fugen, als die 15-jährige Maria (Rihane Khalil Alio) ihrer Mutter Amina (Achouackh Abakar Souleymane) gesteht, schwanger zu sein.

Zwischen Enttäuschung, Religion und einer besseren Zukunft

LINGUI_Plakat_déjà-vu film-klein
„Lingui“, ein Film aus dem Tschad mit viel Relevanz (Foto: Déjà-Vu Film)

Amina ist enttäuscht, glaubt ihre Tochter habe denselben Fehler gemacht wie sie selbst: dem Vater ihrer Tochter zu vertrauen, der sie während der Schwangerschaft verließ. Anna wurde daraufhin von ihrer Familie verstoßen wurde und musste ihr Kind allein großziehen. Maria hingegen verkündet ihrer Mutter, sie wolle das Kind abtreiben. Das stürzt Amina in eine tiefe Krise: Hin- und hergerissen zwischen dem muslimischen Glauben, der eine Abtreibung nicht zulässt, und dem Wunsch, ihrer Tochter eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Immer wieder verspüren beide den Druck, sich den autoritären Vorstellungen ihres patriarchalen Umfelds zu beugen. Nachdem Maria aus Verzweiflung versucht, sich das Leben zu nehmen, versöhnen sich Mutter und Tochter. Amina beschließt, Maria zu helfen. Die beiden Frauen beginnen einen Kampf um Gerechtigkeit und Selbstbestimmung in einer Gesellschaft, die ihnen keine Stimme geben will.

„Lingui“ ist ein bewegender Film über weibliche Solidarität und das nicht nur zwischen den beiden Hauptfiguren. Er zeigt eine bedingungslose Liebe, die weder durch Unterdrückung noch Gewalt zu brechen ist. Im Gegenteil, es ist eine Liebe, die durch Oppression verstärkt wird.

„Lingui“, Regie: Mahamat-Saleh Haroun. Mit Achouackh Abakar Souleymane, Rihane Khalil Alio, Youssouf Djaoro. 87 Min. Ab dem 14. April in den Kinos 

Hier gibt‘s den Trailer zum Film:


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Camran: „Ich komm’ nicht am Kino vorbei“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Camran begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich arbeite neben meinem Studium im Passage Kino. Ich bin absolut filmbegeistert und kann mit dem Job einen Teil meiner Leidenschaft ausleben. Als Mitarbeiter im Kino ist man meist unsichtbar und trotzdem ist es großartig, ein Teil von Hamburgs Kinowelt zu sein. 2017 habe ich hier das erste Mal einen Film gesehen und sofort nach offenen Stellen gefragt. Seitdem bin ich im Ticketverkauf oder an der Bar tätig. Was ich aber am liebsten mache, ist der Job des Platzanweisers. Damit ist man am nächsten an dem dran, was tatsächlich im Kinosaal passiert. Auf der Leinwand können dabei Dinge stattfinden, die so tief in das Leben oder in das, was man sich vom Leben erhofft, eindringen, wie es der Realität oft nicht gelingt. Man reist durch die Zeit und durch die Welt. 

Der Film und die Stadt

Neben meiner Arbeit hier gehe ich selbst zwei- bis dreimal wöchentlich ins Kino. Dabei liegen mir besonders die Programmkinos am Herzen. Sie führen mich durch die Stadt. Das Schöne am Film ist, dass man nach dem Kinobesuch ganz anders mit der Stadt interagiert. Ich liebe das wiederkehrende Gefühl, nach einem guten Film zurück ins Leben zu gehen. Auf Hamburgs Straßen zu spüren, wie man durch das, was man soeben im Saal erlebt hat, geprägt ist. Zu sehen, wie die Stadt darauf reagiert. Mal ist Hamburg dann eine italienische Stadt in den 1960er-Jahren, mal New York im Winter oder eine Wüste im Iran. Die Stadt hat die Fähigkeit, Gesehenes zu erweitern und zu verschönern, ohne es naiv zu idealisieren. Ich habe mich schon oft vor einem Film schlecht gefühlt und danach wieder gut. 

Die Realität bleibt wichtiger

Der gemeinsame Nenner guter Filme liegt für mich darin, wie persönlich sie sind, so beschrieb es auch der norwegische Regisseur Joachim Trier kürzlich in einem Interview. Für mich kann ein Film unabhängig von Genre und Form gut sein. Wenn er mich einnimmt und auffordert, dem Wunsch nachzugehen, innerlich zu handeln und zu erfahren, was uns ausmacht, was schön und was gut ist. Trotzdem ist es mir wichtig zu betonen, dass ich das Leben dem Film immer vorziehe. Die Realität ist und bleibt wichtiger. Letztlich ist das Kino für mich nüchtern betrachtet mein Arbeitsplatz und dennoch: Als die U3 lange Zeit nicht fuhr, kam ich auf dem Nachhauseweg täglich mit dem Bus hier entlang und stieg jedes Mal aus. Immer. Ich komm’ einfach nicht am Kino vorbei.“


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Körperliche Selbstbestimmung

Der auf Annie Ernauxs gleichnamigem Roman basierende Film „Das Ereignis“ zeigt eindrücklich den Kampf einer französischen Studentin, die in den 1960er-Jahren wider geltendes Recht ihre Schwangerschaft abbrechen will

Text: Rosa Krohn

Frankreich, 1963: Anne (Anamaria Vartolomei) ist jung und voller Hoffnung auf sozialen Aufstieg. Die Literaturstudentin ist durch Talent und Fleiß auf dem Weg zur Jahrgangsbesten. Doch dann beschleicht sie ein ungutes Gefühl: Ihre Periode bleibt aus, Schwäche- und Übelkeitsanfälle ereilen sie. Als sich ihre Befürchtung einer Schwangerschaft bewahrheitet, bleibt ihr keine Wahl. Das Kind auszutragen, bedeutete das sichere Ende ihres Studiums und so ist sie bereit, alles Erdenkliche auf sich zu nehmen, um den Embryo zu verlieren…

Abtreibung als Hindernis

Mit „Das Ereignis“ verfilmt Regisseurin Audrey Diwan den autobiografischen Roman der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux, in dem diese ihre eigene Abtreibungserfahrung als junge Frau verarbeitet. Mit einer schonungslosen Wahrhaftigkeit zeigt der Film Annes heimliches, gefährliches Bemühen um einen Schwangerschaftsabbruch. Der Zuschauer erfährt durch ihre Augen die Mechanismen einer Gesellschaft, in der Männer keine Verantwortung übernehmen und Frauen auf sich allein gestellt sind. Eine Gesellschaft, die schwangeren Frauen weder Perspektiven aufzeigt, noch ihnen das Recht auf Abtreibung gewährt.

Das Ereignis_Plakat_©Prokino Filmverleih-klein
Anamaria Vartolomei überzeugt in Audrey Diwans „Das Ereignis“ (Foto: Prokino Filmverleih)

In Vending ausgezeichnet – zu Recht

„Das Ereignis“ wurde bei den Filmfestspielen in Venedig 2021 mit dem goldenen Löwen als bester Film ausgezeichnet. Die erfrischende Hauptdarstellerin und ihre gleichsam starke Figur sind fesselnd. Kameramann Laurent Tangy führt die Handkamera stets dicht an der Hauptfigur, quasi kongruent zu ihren Bewegungen. Das schmale Bildformat (1,37:1) stellt Anne auch visuell unmittelbar ins Zentrum. Annes Erleben ihrer Lust und ihres Schmerzes ist intensiv – und an einigen Stellen radikal, wenngleich zu keinem Zeitpunkt aufgebauscht.

Historischer Stoff – hoch aktuell

Der Film zeigt einen historisch bedingten Missstand in Bezug auf das Abtreibungsrecht. Die 1960er-Jahre spiegeln sich in Optik und Prämisse wider, die Story wird jedoch perspektivisch modern erzählt. Dieser stilistische Umstand macht den Film zu einem zeitlosen Plädoyer für die körperliche Selbstbestimmung von Frauen – und das kommt vielleicht anlässlich der Debatte im Deutschen Bundestag um das Informationsverbot für Abtreibungen genau zum richtigen Zeitpunkt.

„Das Ereignis“, Regie: Audrey Diwan. Mit Anamaria Vartolomei, Kacey Mottet Klein, Sandrine Bonnaire. 100 Min. Ab dem 31. März 2022 in den Kinos.

Hier gibt’s den Trailer zum Film:


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Wert der Wahrheit

Mit „Parallele Mütter“ verknüpft Meisterregisseur Pedro Almodóvar raffiniert die Geschichte zweier Mütter mit der Spaniens. Ein hochunterhaltsamer und lehrreicher Film mit einer grandios aufspielenden Penélope Cruz, die für ihre Performance für den Oscar nominiert ist

Text: Marco Arellano Gomes

Drei Jahre nach seinem autobiografischen, selbstreflektierenden Film „Leid und Herrlichkeit“ kehrt Pedro Almodóvar mit „Parallele Mütter“ wieder zu seinem Lieblingsmetier zurück: den Frauen und ihrem turbulenten Leben im modernen Spanien. Wieder an Bord: Lieblingsdarstellerin und Oscar-Preisträgerin Penélope Cruz („Offenes Geheimnis“) in einer ihrer forderndsten Rollen. Almodóvar gelingt das Kunststück, die Geschichte zweier Frauen auf verblüffende Weise mit der Geschichte Spaniens zu verquicken.

Annäherung und dramatische Wahrheiten

Parallele Muetter_Plakat_©Studiocanal-klein
Für einen Oscar nominiert: Penélope Cruz in „Parallele Mütter“ (Foto: El Deseo/Studiocanal)

Die 40-jährige Fotografin Janis (umwerfend: Penélope Cruz) und die 15-jährige Ana (Milena Smit) lernen sich – beide ungewollt schwanger – auf einer Geburtsstation kennen. Die zeitgleiche Geburt ihrer Kinder ist eine verbindende Erfahrung. Doch während Janis sich über ihr spätes Glück freut, verängstigt Ana ihre frühe Mutterschaft. Arturo (Israel Elejalde), forensischer Archäologe und vermeintlicher Vater von Janis’ Kind, zweifelt wiederum an der Vaterschaft. Ana weiß nicht einmal genau, wer der Vater sein könnte. Hilfe von ihrer auf sich selbst bezogenen Mutter Teresa (Aitana Sánchez Gijón) ist nicht zu erwarten, da sie einer Karriere als Schauspielerin nachgeht. Nach einem zufälligen Wiedersehen in einem Café arbeitet Ana als Babysitterin bei Janis. Schon bald kommen sich die beiden Mütter näher. Dabei kommen auch einige dramatische Wahrheiten ans Licht …

Ein Meisterwerk

„Dies ist die schwierigste Figur, die Penélope Cruz bisher gespielt hat – und wahrscheinlich auch die schmerzhaf­teste“, sagt Regisseur Almodóvar. Tatsächlich ist sie für diese Leistung auch für den Oscar nominiert. Der Regisseur, einst Mitinitiator der „Movida Madrileña“ – einer kulturellen Gegenbewegung, die nach dem Tod des Diktators Franco (1975) nach Freiheit strebte –, widmet sich auf geschickte Weise der Geschichte seines Landes und räumt der Wahrheit dabei ihren Platz ein. „Parallele Mütter“ reiht sich nahtlos in die Galerie der Almodóvar-Filme ein und ist doch ruhiger, langsamer, bedachter als gewohnt. Seine filmische Handschrift ist jedoch unverwechselbar und besticht einmal mehr durch ein profundes Gespür für Bilder (Kameramann: José Luis Alcaine), Farben, Settings, Musik (Komponist: Alberto Iglesias) und dem Vertrauen in die darstellerischen Leistungen. Kurz: ein Meisterwerk.

„Parallele Mütter“ von Pedro Almodóvar mit Penélope Cruz, Milena Smit und Israel Elejalde. 123 Min. Ab dem 10. März 2022 im Kino.

Hier gibt´s den Trailer zum Film:


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Neu im Kino: The Card Counter

Oscar Isaac spielt in Paul Schraders neuen Film „The Card Counter“ ein Black-Jack-Mastermind mit düsterer Vergangenheit

Text: Calle Claus

Robert De Niro als „Taxi Driver“ (1976) und „Raging Bull“ (1980) in den Martin-Scorsese-Klassikern, und nun, fast ein halbes Jahrhundert später, Oscar Isaac als traumatisierter Casino-Nomade: Die Drehbücher von Hollywood-Legende Paul Schrader kreisen immer wieder um tickende männliche Zeitbomben. Inzwischen führt er selbst Regie, doch auch Scorsese ist noch an seiner Seite, in diesem Fall als ausführender Produzent. Der „Card Counter“ ist ein weiterer „angry lone wolf “ in Schraders Figuren-Galerie: William Tell (Oscar Isaac) erlernte während einer achtjährigen Haftstrafe die komplexe Technik des „Kartenzählens“, mittels der man BlackJack-Spiele vorausberechnen kann. Mit dieser Superpower tingelt er von Casino zu Casino, immer umgeben vom gleichen tristen Interieur: Spieltische, Bars und Pokerfaces auf scheußlich gemusterter Auslegeware. Bezieht Tell ein neues Motel, frönt er einer seltsamen Routine: Er verpackt – Christo lässt grüßen – das gesamte Mobiliar akkurat in weiße Stofflaken. Reminiszenz an die Monotonie seiner Zelle? Ausdruck der Sehnsucht nach innerer Reinheit?

Ein Beispiel für den Umgang der USA mit Schuld

TheCardCounter_Poster_©Lucky Number Inc._0001-klein
„The Card Counter“, der neue Film mit Oscar Isaac, Tiffany Haddish und Willem Dafoe (Foto: Lucky Number Inc.)

Das Spielhallen-Phantom gibt Rätsel auf. Irgendwann läuft ihm Cirk (Tye Sheridan) über den Weg. Der junge Mann ist der Sohn eines einstigen Militär-Kameraden Tells und weiß, welcher blutigen Hölle dieser entstammt. Cirk versucht Tell in einen Rachefeldzug für seinen verstorbenen Vater zu involvieren, dessen Ziel ein schnauzbärtiger Kommandant namens John Gordo (Willem Dafoe) ist. Schon bevor er nämlich selbst hinter Gitter kam, war ein Gefängnis Tells Lebensmittelpunkt: Das berüchtigte Folter-Straflager Abu Ghraib im Irak, das nach 9/11 in die Schlagzeilen geriet. Tell setzt seine Reise zusammen mit Cirk fort und entwickelt etwas, das er bis dato nicht kannte: Vatergefühle. „The Card Counter“ ist eine beklemmende Studie über einen Mann mit erdrückender Vergangenheit, getragen von einem souverän aufspielenden Oscar Isaac. Wenn am Ende die Karten auf dem Tisch liegen und William Tell explodiert, steht das exemplarisch für den Umgang der USA mit Schuld in der jüngeren Geschichte.

„The Card Counter“, Regie: Paul Schrader. Mit Oscar Isaac, Tiffany Haddish, Willem Dafoe. 112 Min. Ab dem 3. März 2022 im Kino

Hier gibts den Trailer zum Film:


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Belfast: Kindheits-Idyll im Bürgerkrieg

Der in der nordirischen Stadt Belfast geborene Schauspieler und Regisseur Kenneth Branagh inszeniert in dem gleichnamigen Film („Belfast“) gekonnt seine eigenen Erinnerungen aus der Zeit des Bürgerkrieges: liebevoll, träumerisch, aufwühlend und herzerwärmend

Text: Calle Claus

BELFAST_Poster_©Universal Pictures-klein
„Belfast“ von Kenneth Branagh, ab dem 24. Februar 2022 im Kino (Foto: Universal Pictures)

Der britische Schauspieler und Regisseur Kenneth Branagh wurde 1960 in Belfast geboren. Die filmische Reise in seine Vergangenheit inszeniert er als in Schwarz-Weiß gehaltenes Kindheits-Idyll, dem der Lauf der Welt allerdings Risse zufügt. Im August 1969 tobt Buddy (Jude Hill), Branaghs Alter Ego, inmitten einer fröhlichen Schar von Nachbarskindern durch seine Straße, wo seine protestantische Familie mit Katholiken Tür an Tür lebt. Plötzlich beginnt ein wütender Mob, Häuser in Brand zu setzen, um das Viertel zu „reinigen“. Es ist der Beginn des bis heute schwelenden Konfliktes zwischen proenglischen Loyalisten und Republikanern, der im Fahrwasser des Brexit gerade neu auflodert. Während sich um ihn herum der Bürgerkrieg ausbreitet, geht Buddy dem Leben eines Neunjährigen nach: Er stibitzt Süßigkeiten aus dem Eckladen, verliebt sich in eine (katholische) Klassenkameradin und guckt im Kino mit Vorliebe Western. Dass um ihn herum ein realer „High Noon“ tobt, realisiert er eher am Rande.

Das Kino als Fluchtort

Der Film teilt seinen bewundernden Blick auf die Eltern: Papa (Jamie Dornan) und Mama („Outlander“- Star Caitríona Balfe) sehen aus wie ein Hollywood-Traumpaar, irgendwie zu hübsch für ihre ärmliche Arbeitersiedlung. Buddys Vater pendelt als Lohnarbeiter nach England. Er versucht den Rest der Familie zu überzeugen, mit ihm ins sichere Nachbarland überzusiedeln. Doch vor allem Buddys liebevoll gezeichnete Großeltern (hinreißend: Judie Dench und Ciarán Hinds) weigern sich strikt, die heimatliche Scholle zu verlassen. Einziger Fluchtort, auf den sich alle einigen können, ist das Kino. Wenn sich drei Generationen gemeinsam dem SechzigerjahreStraßenfeger „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“ hingeben, im fliegenden Auto über eine Klippe springen und einen Rundflug übers Meer machen, überstrahlen für einen Moment leuchtende Farben das ausweglose Schwarz-Weiß der echten Welt. Branagh schildert eine familiäre Zerreißprobe durch die verklärte Brille eines Kindes. Das ist zwar zuweilen etwas betulich inszeniert, aber nicht zuletzt dank überzeugender Darsteller durchgehend herzerwärmend.

„Belfast“, Regie: Kenneth Branagh. Mit Caitríona Balfe, Judi Dench, Jamie Dornan. 98 Min. Ab dem 24. Februar 2022 in den Kinos

Hier gibts den Trailer zum Film:


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

„Es gibt in Belfast keine größere Sünde, als sich selbst zu ernst zu nehmen“

Regisseur Kenneth Branagh erzählt, wie viel der eigenen Biografie in „Belfast“ steckt und wie schwierig die Suche nach dem richtigen neunjährigen Hauptdarsteller war

Interview: Patrick Heidmann

SZENE HAMBURG: Kenneth Branagh, man kennt Sie normalerweise als Shakespeare-Experten und Blockbuster-Regisseur. Warum nehmen Sie sich mit „Belfast“ nun erstmals Ihres eigenen Lebens an?

Kenneth Branagh: Man redet sich als Regisseur ja immer ein, dass jeder Film irgendwie ein ganz persönlicher ist. Aber natürlich ist ein Film über meine Heimatstadt noch einmal etwas ganz anderes. Dass ich mich der einmal widmen will, reifte als Idee in mir schon seit Längerem. Ich wusste nur lange nicht genau, welche Geschichte ich eigentlich erzählen will. Klarheit verschaffte mir dann ausgerechnet der erste Corona-Lockdown 2020. Der ließ mich an den ersten Lockdown in meinem Leben denken, damals, als unsere Straße in Belfast während der Unruhen abgeschottet wurde. Plötzlich war alles von damals wieder ganz klar und greifbar, die Geräusche und die Gerüche. Mit einem Mal erschien es mir, dass ich damals als Neunjähriger eigentlich das letzte Mal wusste, wer ich wirklich bin. Und prompt schrieb sich das Drehbuch fast von selbst.

Gab es beim Schreiben oder Drehen je Momente, wo Ihnen die Sache zu persönlich wurde?

Nicht für mich, aber andere Leute hatten die Sorge. Ein paar Menschen in meinem engeren Umfeld lasen das Drehbuch und fanden, dass ich zu weit gehe und an einigen Stellen Erinnerungen teile, die zu privat sind. Allerdings wusste ich natürlich, dass das Publikum am Ende gar nicht genau weiß, was Fakt und was Fiktion ist. Und was heißt schon Fakt, wenn man mit 50 Jahren Abstand versucht, sich in einen Neunjährigen hineinzuversetzen?! Abgesehen davon waren bei der Umsetzung der Geschichte dann ja andere Menschen beteiligt, was automatisch einen gewissen Abstand zu meiner Biografie mit sich brachte. Ich war immer offen für Ideen und Änderungswünsche, sei es vom Kameramann oder meinem Ensemble, um die Geschichte über meine persönlichen Erinnerungen hinaus weiterzuentwickeln.

Der richtige Junge

BELFAST_Poster_©Universal Pictures-klein
„Belfast“ von Kenneth Branagh, ab dem 24. Februar 2022 im Kino (Foto: Universal Pictures)

Besagter Neunjähriger steht uneingeschränkt im Zentrum von „Belfast“. Wie schwierig gestaltet sich da die Suche nach dem geeigneten Darsteller?

Sehr schwierig, denn natürlich stand und fiel damit alles. Ohne den richtigen Jungen hätte sich diese Geschichte nun einmal nicht erzählen lassen. Entsprechend nervös war ich selbst, nachdem wir uns für Jude Hill entschieden hatten. Die ersten beiden Drehtage guckte er immer wieder in die Kamera – und ich fürchtete, wir hätten einen großen Fehler gemacht. Doch zum Glück legte sich das – vor allem, je mehr andere Personen in den Szenen mit ihm auftraten. Noch ein paar Tage später wusste ich, dass ich es kaum besser hätte treffen können.

Sie haben dann später nie wieder in Belfast gelebt. Steckt heute noch etwas von Ihrer Geburtsstadt in Ihnen?

Klar, man kriegt den Jungen zwar aus Belfast heraus, aber nicht Belfast aus dem Jungen. Ich glaube, mein Sinn für Humor und mein Blick aufs Leben sind bis heute typisch für die Stadt. Es gibt in Belfast keine größere Sünde, als sich selbst zu ernst zu nehmen, das habe ich sehr verinnerlicht. Auch die Angewohnheit, nicht einmal in den dunkelsten Momenten meinen Humor zu verlieren, verdanke ich sicher meiner Heimat. Das lernte man in Belfast nämlich schnell.

„Belfast“ von Regisseur Kenneth Branagh, ab dem 24. Februar 2022 im Kino.

Hier gibt´s den Trailer zum Film:


Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Cover_SZ_2022-02-222x300.jpg

 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?