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Post-Corona-Knigge: Der süße Traum der Normalität

Eine Lockerung des Lockdowns ist in greifbare Nähe gerückt. Vielleicht ist eines Tages dank der Impfungen wieder ein normales Leben möglich. Für den Fall, dass nach so vielen Monaten vergessen wurde, wie ein respektvoller Umgang miteinander aussehen kann, hier eine Anleitung für das Leben in der Stadt

Text: Marco Arellano Gomes

 

Ist tatsächlich schon ein Jahr vergangen? Ein Jahr mit Corona, jenem ominösen, zerstörerischen, tödlichen Virus? Antwort: Ja. Bilanz nach Angaben des Robert Koch Instituts (Stand: 15.2.2021) in Hamburg: 365 Tage, zwei Wellen, zwei Lockdowns, 48.983 Infizierte (bundesweit: 2.338.987), 1.196 Tote (bundesweit: 65.076). Ein Jahr kann eine verdammt lange Zeit sein – und verdammt schlechte Laune machen.

Wer das Virus ernst nahm, wem Gesundheit und das Leben der Mitmenschen bedeutsam waren, wird die eigenen Bedürfnisse in dieser Zeit stark bis komplett zurückgefahren haben. Da kann man schon mal verlernen, wie man sich in Gesellschaft zu benehmen hat. Für den Fall, dass irgendwann durch die Impfungen wieder ein normales Leben möglich sein sollte, gibt es hier eine Anleitung …

 

Shoppingmöglichkeiten in der Innenstadt

 

Zwölf Monate lang bestand das Leben in der Stadt für die meisten Menschen ausschließlich aus Arbeit, Lebensmittel-Einkäufen und Spaziergängen. In der hypothetischen, aber möglichen Post-Corona-Ära gilt es, in einem ersten Schritt vorsichtig zu entdecken, dass es weitere Shoppingmöglichkeiten gibt. Es gibt sogar einen Begriff dafür: Einzelhandel.

Das sind meist einzelne Geschäfte, die auf Teilbereiche spezialisiert sind: Modeboutiquen, Haushaltswaren- und Elektronikgeschäfte, Möbelhäuser, Bauhäuser, Gartencenter, Sport- und Spielzeugläden, Optiker und und und. Es gibt aber auch sogenannte Kaufhäuser, die all diese Aspekte in einem großen Gebäude vereinen. Ähnlich wie Amazon, nur in echt. Mitten in der Stadt – und begehbar.

Das Besondere an diesen Geschäften: Dort arbeiten Menschen, die einen freundlich begrüßen, die beraten und sich im besten Fall tatsächlich auch mit dem auskennen, was sie dort anbieten. Du kannst also als Kunde in diese Geschäfte gehen, darin umherschlendern und Dinge entdecken, die dort liebevoll ausgestellt sind. Dinge, die du im Onlineshop möglicherweise nie gesehen hättest, die auch der beste Algorithmus dir nie auf den Bildschirm gezaubert hätte.

Es kommt aber noch besser: Du kannst dem Verkäufer oder der Verkäuferin sogar Fragen stellen – von Angesicht zu Angesicht. Diese Fragen werden im besten Falle kompetent beantwortet, im schlechtesten Falle mit einem „Keine Ahnung“ quittiert. Das Tolle daran: Du hast die Möglichkeit, dich darüber so richtig zu ärgern und deinen Frust mit Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis zu teilen. Nicht per WhatsApp, Facebook und Instagram! In echt, bei einem Besuch zu Hause oder bei einem Treffen im Café oder in einer Bar. Und glaub’ es ruhig: Sich gemeinsam über das Shoppingerlebnis zu ärgern und zu freuen, macht doppelt so viel Spaß.

Die Stadt bietet natürlich viel mehr als nur Shopping. Was genau? Finde es heraus! Geh einfach in die Stadt und schau dich um! Du wirst überrascht sein, was dich dort alles erwartet. Wie man spazieren geht, weißt du ja inzwischen. Nur, dass du diesmal wieder ein lohnenswertes Ziel hast: die Innenstadt.

 

Essen & Trinken – jenseits der heimischen Küche

 

Wenn du nach längerem Schlendern Hunger bekommen sollten, dann musst du nicht extra nach Hause gehen und kochen oder etwas bestellen. Es gibt dafür eigens lokale Institutionen namens Restaurants. Das sind die Räume, in denen seit einiger Zeit die Lichter aus und schemenhaft Stühle auf den Tischen zu erkennen waren.

In diesen Restaurants werden dir Getränke und Speisen serviert. Nein, nicht zu dir nach Hause – im Raum selbst! Du setzt dich an einen der Tische oder wirst von einer Servicekraft dorthin begleitet. Dort sagst du höflich, was du dir von den auf der Karte aufgedruckten Speisen und Getränke wünschst – und der nette Herr oder die nette Dame bringt dir das Gewünschte an den Tisch. Die Menschen, die in der Küche stehen und das Essen für Sie zubereiten, nennt man übrigens Köche. Die haben ihr Handwerk professionell gelernt und können es meist besser als du. Unfassbar, oder?

Da du nicht alleine dort sein wirst, gibt es bestimmte Regeln, die einzuhalten sind. Es beginnt damit, dass du dich nicht wie zu Hause benehmen kannst. Also: keine Jogginghose, kein lautes Aufstoßen und keine Bitte, dieses italienische Gedudel auszuschalten, weil du deine Playlist ja so viel besser findest! Bring auch bitte nicht deine eigenen Zutaten mit!

Noch was: Das Essen kostet. Ein Nachschlag auch. Nachspeisen ebenfalls. Jedes Getränk zusätzlich – und teilweise nicht wenig. Die Menschen, die alles zubereiten und an den Tisch bringen, leben nun mal davon. Ach ja: Wenn wir schon bei den Imperativen sind. Falls du dich fragst, wo du am besten essen gehen solltest: Check unseren Genuss-Guide: genussguide-hamburg.com!

 

Kulturerlebnisse ganz ohne Smartphone

 

Du willst nach deinem Restaurantbesuch ausgehen und etwas erleben? Etwas Großes? Etwas Unvergessliches? Wie wäre es mit einem Film?! Nein, nicht per Stream auf ihrem mickrigen Smartphone, Tablet, Laptop oder Flachbildschirm. Die Rede ist von einem echten Filmerlebnis auf der großen Leinwand, mit bombastischem, glasklarem Sound, mit Emotionen, die man mit allen Zuschauern im Raum teilt. Kurz: im Kino.

Es ist ein Unterschied, ob das Gesicht eines Marlon Brando in „Apocalypse Now“ eine überdimensionale Leinwand füllt oder ein Tablet im Bett, direkt neben der Chipstüte. Um es auf den Punkt zu bringen: Man kann Filme sehen oder sie erleben. Nur im Kino kann der Besucher sich ungestört von Messages, E-Mails und Social-Media-Posts, Anrufen und nervigen Nachbarn dem Film widmen.

Aber auch hier gelten Regeln: Hat man einmal einen Film ausgesucht, muss man diesen auch zu Ende gucken. Es nützt nichts, das Handy zu zücken, auf Stopp zu drücken und die weitere Zeit damit zu verbringen, die unzähligen Netflix-Listen durchzugehen, nur um am Ende festzustellen, dass der Abend schon rum ist. Auch ist es nicht erlaubt, sich selbst sein Popcorn und Getränke mitzubringen. Weingläser und Weinflaschen haben im Kino nichts zu suchen – es sei denn, du sitzt in der ASTOR Filmlounge und eine Servicekraft hat dir das Getränk gegen Bezahlung an den ledernen Luxussessel gebracht. In allen anderen Lichtspielhäusern gibt es Verkaufstresen, an denen Snacks und Getränke zu Preisen erworben werden können, die sich an der Größe der Leinwände zu richten scheinen.

Im Kino gibt es auch eine weitere bewährte Regel, an die man sich nach monatelangem Netflix, Amazon Prime, Disney+ und Apple TV+ gewöhnen muss: Wenn die eigene Freundin oder der eigene Freund zu Hause nicht sonderlich an deinen Zwischenbemerkungen interessiert war, dann kannst du dir sicher sein, dass es sich mit den Kinozuschauern nicht anders verhält.

Zu den im Falle einer wieder erlangten „Normalität“ gehörenden Freiheiten (nicht zu verwechseln mit „Freizeitaktivitäten“!) gehören: Musikkonzerte, Theaterstücke, Literaturlesungen, Kunstausstellungen, Museen, Festivals, Klubs, Sport, Reisen. Du kannst dich auch sozial engagieren, Familie und Freunde in großer Anzahl besuchen und treffen, mit anderen Menschen ins Gespräch kommen, diese kennenlernen, vielleicht sogar mit ihnen ausgehen – ganz ohne Tinder, Parship und Elitepartner.

Und vor allem kannst du dem Nichtstun frönen, was nur dann so richtig Spaß bringt, wenn es in Kontrast zu all den Möglichkeiten und Freiheiten steht, die das Leben in der Großstadt bietet. Irgendwann – das ist die große (Impf-)Hoffnung – wird es wieder so weit sein, auch wenn es zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch wie ein süßer Traum erscheint. Aber das Träumen wird ja mal erlaubt sein.


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Schanzenkino gerettet: Open-Air Vorführungen können stattfinden

Gute Nachrichten aus dem Hamburger Westen: Das Schanzenkino hat trotz Corona-Pandemie und Sponsoring-Verbot grünes Licht vom Bezirksamt bekommen und kann sein 21-jähriges Bestehen zwischen Juli und September dieses Jahres feiern

Text: Felix Kirsch

 

Filmfans können Pandemie-konform ab Ende Juli wieder in den Schanzenpark pilgern und Blockbuster sowie Kultfilme genießen. Der Veranstalter Outdoor Cine GmbH freut sich über die Möglichkeit und dankt vor allem den zahlreichen Unterstützern des Open-Air-Kinos: „Turbulente Wochen liegen hinter uns, welche als Drehbuchvorlage für einen spannenden Serienmehrteiler dienen könnte. Es war eine Achterbahn an Emotionen, zahllosen Gesprächen und einem Happy End mit Beigeschmack.“ sagt Dirk Evers, Geschäftsführer und Veranstalter des Schanzenkinos.

 

Sponsoring-Verbot bedrohte wirtschaftliche Existenz

 

Hintergrund für den existenziellen Kampf des Schanzenkinos war ein vom Bezirksamt Eimsbüttel ausgehängtes Sponsoring-Verbot für den Schanzenpark, das die Einnahmen des Kino drastisch reduziert hätte. Eine spezielle  Ausnahmegenehmigung für das Schanzenkino hatten die Grünen in ihrem Beschluss nicht vorgesehen. Für das weitere Bestehen des Schanzenkinos glich das drohende Sponsoring-Verbot einem Super-GAU: „Die Einnahmen aus dem Ticketverkauf reichen nicht aus, um die Kosten zu decken“, mahnte Dirk Evers Anfang des Jahres.

Dass man nun doch eine Einigung erzielen konnte, freut die Veranstalter ebenso wie Fans von Film und Kultur: „Nun kann das Open-Air-SchanzenKino in diesem Jahr sein 21-jähriges Bestehen feiern. Im Vorjahr waren wir als Freiluftkino so ziemlich die einzige große Kulturveranstaltung in Hamburg, die trotz der Corona-Pandemie unbeschwerte und sichere Filmabende unterm Sternenhimmel anbieten konnte.“ Das Schanzenkino beginnt mit den Vorstellungen am 31. Juli 2021 und gastiert bis zum 31. September im Schanzenpark.

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Open-Air-Kino: Schanzenkino vor dem Aus?

Das Bezirksamt Altona könnte nach einer Vorlage der Grünen das Sponsoring im Schanzenpark komplett untersagen. Damit fiele eine wichtige Finanzierungsquelle des Veranstalters weg. Droht das Ende des Schanzenkinos?

Text: Marco Arellano Gomes

 

Man stelle sich vor, es ist Sommer, aber das Schanzenkino ist weg. Dieses vor Kurzem noch undenkbare Szenario könnte dieses Jahr Wirklichkeit werden, denn aufgrund eines Antrags der Grünen plant das Bezirksamt Altona Sponsoring in Parkanlagen gänzlich zu untersagen.

Zwar gilt in öffentlichen Parkanlagen seit einer Verordnung von 1975 grundsätzlich die Regel der Werbefreiheit, doch für das Open-Air-Kino im Schanzenpark gab es seit knapp 20 Jahren von Jahr zu Jahr eine Ausnahmeregelung seitens der Bezirksverwaltung. Eine solche Ausnahmeregelung ist in der entsprechenden Verordnung auch explizit vorgesehen.

 

Wirtschaftliches Überleben

 

Für 2021 sieht die Beschlussvorlage der Grünen jedoch vor, die Ausnahmegenehmigung nicht mehr zu erteilen. Das hätte gravierende Folgen für das Schanzenkino. „Die Einnahmen aus dem Ticketverkauf reichen nicht aus, um die Kosten zu decken“, betont Dirk Evers, Betreiber von der Outdoor Cine GmbH. Die Entscheidung würde das Aus für das Open-Air-Kino bedeuten – und das „in einer Zeit, wo die Kino- und Veranstaltungsbranche um das wirtschaftliche Überleben kämpft“.

Etwa 20.000 Besucher finden sich Jahr für Jahr im Schanzenpark unter dem Sternenhimmel wieder, um gebannt auf die Leinwand zu schauen und bei einem guten Film den Feierabend oder das Wochenende zu genießen. Damit könnte bald Schluss sein. Für viele ist das ein Horror-Szenario. Denn das Schanzenkino ist eine Veranstaltung mit Kultcharakter – mit dem Angebot vom Blockbuster bis zu Independentfilmen.

Das Open-Air-Kino „finanziert sich ohne jede Förderung der öffentlichen Hand komplett aus Abendkasseneinnahmen und Sponsorengeldern“, sagt Evers. „An guten Tagen decken die Erlöse des Ticketverkaufs alle Kosten, doch bei schlechtem Wetter sieht es anders aus“. Diese Lücke würde durch die Sponsoren- und Werbegelder in Höhe von 80.000 Euro gefüllt. Allein mit der Werbung auf der Leinwand – die dem Beschluss zufolge noch immer erlaubt wäre – kann dies nicht gegenfinanziert werden. Es drohten drastische Erhöhungen der Ticketpreise – was von den Besuchern wohl kaum auf Akzeptanz stieße.

 

Kein Verständnis

 

Nach Angaben des Betreibers wird die Außenwerbung tagsüber ohnehin mit Planen abgedeckt und nur unmittelbar vor den Aufführungen sichtbar gemacht. Evers hat daher kein Verständnis für die Entscheidung des Bezirksamts. „Ich bin entsetzt. Der Film- und Kinokultur wird ein weiterer, diesmal bürokratischer Knüppel zwischen die Beine geworfen, der ihr Überleben zusätzlich gefährdet.“

Evers vermutet, dass es auch mit dem Disput im vergangenen Jahr bezüglich des Autokinos auf der Trabrennbahn zwischen ihm und der derzeitigen Bezirksamtsleiterin Stefanie von Berg (Grüne) zusammenhängen könnte. Im vergangenen Sommer wurden die Grünen von einer Mehrheit von SPD, CDU, FDP und Linken überstimmt. Das Autokino durfte betrieben werden. Ist das nun die Retourkutsche? Evers gibt zu, dass es sich um eine reine Spekulation handelt.

Die Zukunft des Open-Air-Schanzenkinos ist nun jedenfalls offen. Evers plant bereits Aktionen, um das Überleben des Open-Air-Kinos zu sichern und hofft auf eine breite Unterstützung der Bevölkerung und eine Stellungnahme seitens der Hamburger Behörden, insbesondere der Kulturbehörde.

Am Donnerstag, 14. Januar,  kommt der Hauptausschuss im Bezirksamt Altona zusammen. Auf der Tagesordnung stehen auch die „Veranstaltungen in Grünanlagen“. Dort werden die bis Ende vergangenen Jahres eingegangenen Konzepte für die Nutzung der Parkflächen im Schanzenpark im Sommer 2021 besprochen. Für das Freilichtkino gibt es auch einen weiteren überraschenden Bewerber: Das 3001 Kino aus der Schanzenstraße. Das will wohl gänzlich ohne Sponsoring auskommen. Die Entscheidung, welcher Veranstalter den Zuschlag für das Freiluftkino erhält, ist offen.


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Das epische Format: Florian Weischer über Kinowerbung

Florian Weischer gehört mit seinem Unternehmen Weischer.Cinema zu den Marktführern im Bereich Kinowerbung. Mit SZENE HAMBURG spricht er über die gegenwärtige Situation, die Entwicklung der Kinobranche und wie er in die Welt des Kinos kam

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Herr Weischer, Sie haben Ihrem Unternehmen vor einem Jahr eine neue Corporate Identity verpasst. Was auffiel, war die Welle im neuen Logo. Haben Sie die Infektionswellen vorausgesehen, oder was wollten Sie damit zum Ausdruck bringen?

Florian Weischer: (lacht) Die Welle in unserem Logo ist das Ergebnis eines langen Diskussionsprozesses. Sie steht für Veränderung, Bewegung und die Nähe zum Wasser, da unsere Hamburger Zentrale am Hafen liegt. Wir gucken auf die Elbe und sehen das tägliche Kommen und Gehen des Wassers. Diese permanente Veränderung ist für uns etwas sehr Prägendes. Medienlandschaften verändern sich auch oft gravierend – und das in kurzen Zeitabschnitten. Darauf müssen wir reagieren, aber auch agieren, indem wir die Veränderungen mitgestalten.

Nun gab es 2020 eine ziemlich massive Veränderung, mit der so keiner gerechnet hatte: Welchen Einfluss hat die Pandemie auf Ihr Geschäft?

Wir haben mit unserer Kinosparte in diesem Jahr gut 80 Prozent unseres geplanten Umsatzes eingebüßt.

 

Kino und Lockdown

 

Als der erste Lockdown beschlossen war, haben Sie eine Kampagne namens #hilfdeinemkino ins Leben gerufen. Durch das Anschauen von Kinowerbung im Internet wurde Geld für die Kinos gesammelt. Wie kamen Sie auf diese Idee?

Das war die Idee unseres Innovationsteams. Die haben sich organisiert, über Videokonferenzen abgestimmt und in wenigen Tagen das Konzept #hilfdeinemkino aus der Taufe gehoben. Die technischen Möglichkeiten dazu hatten wir, die Menschen mit ausreichender Kreativität und Vorstellungsvermögen auch. Da haben wir Gesellschafter am nächsten Morgen gesagt: „Mensch, das ist toll. Macht das!“ Das war wichtig für die Moral – sowohl in unserem Unternehmen als auch bei den Kinobetreibern und -besuchern.

Welche Summe kam zusammen?

Es waren knapp hunderttausend Euro, die wir auf diesem Wege generieren konnten. Wir haben dieses Geld zum größten Teil an die Kinos ausgeschüttet, was bei knapp 4.500 Leinwänden in Deutschland pro Kino kein riesiger Betrag ist. Aber zumindest konnten wir so Aufmerksamkeit für die Filmtheater generieren.

Ihr Unternehmen betreibt unter anderem auch Außen- und Onlinewerbung. Konnten Sie die Verluste in der Kinosparte dadurch etwas ausgleichen?

Es ist dadurch weniger dramatisch gewesen, aber der Einschnitt ist dennoch gewaltig. Es ist bei uns ein zweistelliger Millionenverlust entstanden. Wir überstehen das, aber wir standen durchaus vor der Frage: Glauben wir an die Zukunft des Kinos oder nicht?

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Wir glauben daran, dass das Kino zurückkommt. Das kann aber ein bisschen dauern. Wir hätten die Freiheit, auch anders darüber zu denken. Tun wir aber nicht.

Sie haben auch einen Trailer mit dem Titel „Dein Kino – Du fehlst“ produzieren lassen, der die Sehnsucht nach dem Kinoerlebnis spürbar macht. Was haben Sie gefühlt, als sie den Clip erstmals sahen?

Ich hatte Gänsehaut. Ich war gerührt von der Emotionalität der filmischen Umsetzung. Die Idee zum Clip kam ebenfalls von unserem Innovationsteam. Der Clip ist mit einem Mikrobudget produziert worden. Es waren höchstens eine Handvoll Tausend Euro. Sky du Mont hat uns seine Stimme kostenlos geliehen. Eine schöne Aktion. Der Trailer wurde später ins Englische übersetzt und kam weltweit in über 20 Ländern zum Einsatz.

 

„Kino braucht das epische Format“

 

Ihr Unternehmen wurde 1954 von Ihrem Vater, Hans Weischer, als Spezialagentur für Kinowerbung gegründet. Die Kinobranche wird seither immer wieder gern totgesagt. Ist Ihnen die Kinosparte nur aufgrund der Unternehmensgeschichte wichtig oder lohnt es sich auch?

Wir haben in den letzten Jahren eine gute Entwicklung gehabt. 2019 war ein super Jahr mit zweistelligen Wachstumsraten bei der Kinowerbung, aber auch zweistelligem Wachstum bei den Kinobesuchen. Das ist vielen gar nicht so klar. Viele denken, das Kino sei allgemein in der Krise. Das ist aber ein völlig falsches Bild.

Viele Besucher schauen sich die Reklame im Kino komplett an. Wie erklären Sie sich das?

Kinowerbung ist wahrscheinlich das letzte Medienformat, bei dem sich Menschen bewusst, freiwillig und zufrieden mit Werbung befassen (lacht). Der Akzeptanzwert für Kinowerbung liegt bei über 80 Prozent. Wir haben uns damals, als die Kinos vor etwa 25 Jahren die Platzreservierung und Buchungssysteme eingeführt hatten, große Sorgen gemacht.

Wir befürchteten, dass die Zuschauer erst nach dem Werbeblock in den Saal gehen würden, da ihr Sitzplatz sicher ist. Das ist aber nicht eingetreten. Die Zuschauer empfinden das Vorprogramm als attraktiv. Werbung wird akzeptiert, wenn es unterhaltsam, spannend, attraktiv und lustig ist.

Nicht wenige empfinden die Werbung im Kino sogar als Teil des Kinoerlebnisses, wie eine Art Vorspiel zum eigentlichen Hauptfilm. Sehen Sie das auch so?

Ja, absolut. Ich bin mit Kinowerbung groß geworden. Ich habe damals als Teenager für das Unternehmen meines Vaters Kontrollbögen ausgefüllt. Ich musste überprüfen, ob alle Werbefilme auch in den Kinos abgespielt wurden. Als Entlohnung erhielt ich Kinotickets. Die Werbung war quasi mein Zugang zum Kino. (lacht)

Stanley Kubrick soll von Nescafé-Werbespots fasziniert gewesen sein. Er fragte sich damals, Sydney Pollack zufolge, wie man eine Geschichte in so kurzer Zeit überhaupt erzählen kann …

Es ist schon eine Kunst, eine Geschichte in ein bis zwei Minuten zu erzählen. Das erfordert, dass sie auch wirklich gut ist. Bei der Kinowerbung kommt hinzu, dass das Format und der Ton auch wirklich genutzt werden müssen. Das Kino kann mit modernen Social-Media-Erzählformen und -Formaten wenig anfangen. Ein Siebensekünder funktioniert in einem Filmtheater einfach nicht. Kino braucht das epische Format.

Sehen Sie das Kino angesichts der Streaming-Konkurrenz in Gefahr?

Es ist nicht so, dass Streaming-Dienste das Kino in irgendeiner Weise ersetzen könnten – und das tun sie auch nicht. Für mich sind die Streaming-Dienste eine andere Form von Fernsehen. Wir haben eine ziemlich stabile Entwicklung bei den Kinobesuchen und schwanken seit etwa zehn Jahren zwischen 110 und 130 Millionen Kinobesuchen im Jahr. Die Kinobesucher sind zwar inzwischen älter als noch vor 20 Jahren, aber das ist für uns nicht schlecht, denn dass die 30-, 40- und 50-Jährigen das Kino wiederentdeckt haben, bedeutet für uns einen größeren Markt.

Viele Filmstudios sind dazu übergegangen, ihre Filme direkt in die Streaming-Portale zu geben. Warner Bros. planen, ihre Filme für 2021 zeitgleich in den Kinos und im eigenen Streaming-Kanal HBO herauszubringen. Wird das nicht die gesamte Kinokultur verändern?

Ich glaube nicht, dass die Filmverleiher sich langfristig vom Kino abwenden. Das mag im Moment so erscheinen, aber das kann ich mir angesichts der Gewinne, die die Filmverleiher und Filmproduzenten sich entgehen ließen, nicht vorstellen. Die Wertschöpfung der Streaming-Dienste ist im Vergleich zu dem der Kinos wesentlich geringer.

 

Sehen, was im Kino funktioniert und was nicht

 

Welches Hamburger Kino besuchen Sie gerne?

Ich mag das Cinemaxx-Dammtor mit seinen 1.000 Plätzen, ich bin sehr gerne in der Astor Lounge in der HafenCity, wenn es mal die Originalsprache sein soll im Savoy, und wenn es um Filmkunst geht im Abaton. Es ist schön, dass Hamburg diese Bandbreite bietet.

Hand aufs Herz: Wenn Sie in ein Kino gehen, schauen Sie sich die komplette Werbung an oder schleichen Sie sich kurz vor Filmbeginn hinein?

(lacht) Ich bin tatsächlich ab dem ersten Bild schon auf dem Platz, weil ich neugierig bin, wie die Menschen auf die Werbung reagieren. Ich finde es wichtig, zu sehen, was im Kino funktioniert und was nicht. Das kriegt man anhand der Reaktionen ganz gut mit.

Gibt es einen Kino-Werbespot, den sie nie vergessen haben?

Wir hatten vor vielen Jahren die Idee, ein sogenanntes Duftkino zu machen. Hierzu hatten wir eine Apparatur, die mit der Klimaanlage des Kinos gekoppelt war und die punktgenau einen Duft ausspielte. An einem Abend testeten wir das im Cinemaxx-Dammtor. Es lief ein Nivea-Werbespot. Der Spot selbst war unspektakulär. Er zeigte einige Strandszenen, Dünen an der Nordsee, spazierende Menschen, vorbeifliegende Möwen, rauschende Wellen.

Dann prallte, wie mit einer Keule geschwungen, der Duft von Nivea-Sonnenlotion in die Nasen der Zuschauer. Alle hatten sofort Assoziationen von Sommer, Strand, Urlaub im Kopf. Einige sprangen sogar kurz enthusiastisch von ihren Sitzen auf, weil der Geruchsreiz direkt im Stammhirn verarbeitet wird. Das war ein phänomenales Erlebnis.

Ihr Unternehmen zog 1971 von Hannover nach Hamburg. Warum?

Die Kundennähe war für meinen Vater sehr wichtig. Die größten Auftragnehmer für unser Unternehmen saßen damals und sitzen noch heute in Hamburg. Da wollte mein Vater nah ran. Das fanden mein Bruder Marcus und ich als Kinder zwar nur so mittelprächtig, weil unser Vater von Montag bis Freitag in Hamburg war und wir in Hannover lebten, aber aus Sicht des Unternehmens war das eine sehr kluge Entscheidung.

Ihr Unternehmen ist seit 60 Jahren im Geschäft. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Da sind wir wieder beim Logo (lacht). Ich denke, die Bereitschaft und die Fähigkeit Veränderungen mitzugehen oder zu gestalten hat wesentlich dazu beigetragen, dass es uns gut gegangen ist und wir uns gut entwickeln konnten. Kino ist das mit Abstand Wichtigste für uns.

weischer.media


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Klein aber (sehr) fein: Filmfest Hamburg startet

Vom 24. September bis zum 3. Oktober findet das Filmfest Hamburg statt. Einiges ist anders, doch im Mittelpunkt stehen, wie immer, die Filme. Highlights: der Eröffnungsfilm „Enfant Terrible“ über das Leben von Regielegende Rainer Werner Fassbinder sowie „Cortex“, das Regiedebüt von Schauspielstar Moritz Bleibtreu

Text: Marco Arellano Gomes

 

Nicht weniger als einen „Kino-Rausch“ kündigt das Filmfest Hamburg für dieses Jahr an. „Klein, aber (sehr) fein“ soll das werden, gab Filmfest Hamburg-Leiter Albert Wiederspiel bereits im Juni zum Besten, wenn auch „der aktuellen Situation angepasst“. Damals war noch unklar, ob es in diesem Jahr überhaupt ein Filmfest geben wird. Andere Festivals mussten komplett in digitale Sphären ausweichen, andere wurden verschoben oder gar abgesagt.

Das Filmfest Hamburg findet statt. Vom 24. September bis zum 3. Oktober wird es eine der Situation angepasste 28. Ausgabe des Festivals geben – mit Kinovorführungen in den üblichen Lichtspielhäusern, Abaton, Cinemaxx Dammtor, Passage, Metropolis und Studio Kino, einem digitalen Film- und Rahmenprogramm und bis zu 70 hochkarätigen Filmen. Da das Platzkontingent begrenzt ist, werden zusätzliche Streaming-Tickets angeboten. „Streamfest Hamburg“ wird die digitale Option genannt.

Eröffnungsfilm am 24.9. ist „Enfant Terrible“. Der Film von Oskar Roehler zeichnet episodenhaft das Leben des deutschen Ausnahmeregisseurs Rainer Werner Fassbinder (gespielt von Oliver Masucci) nach, der im Mai dieses Jahres 75 Jahre alt geworden wäre. Ursprünglich hätte „Enfant Terrible“ bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes laufen sollen, die aber Corona-bedingt abgesagt wurden. Fassbinder steht, wie kaum ein anderer, für den Neuen Deutschen Film, eine Bewegung, die sich gegen das kommerzielle Kino der unmittelbaren Nachkriegszeit wandte. Bundesweit kommt der Film am 1. Oktober in die Kinos.

 

Seht hier den Trailer zu „Enfant Terrible“:

 

Ein weiterer Höhepunkt ist die erste Regiearbeit von Moritz Bleibtreu: „Cortex“. Der in Hamburg-St. Georg aufgewachsene Schauspieler hat auch das Drehbuch verfasst, den Film produziert und spielt darüber hinaus die Hauptrolle. In dem Streifen spielt er Hagen, den unkontrollierte Schlafphasen plagen, und der zwischen Traum und Realität zunehmend nicht mehr unterscheiden kann. Darunter leidet auch die Beziehung zu seiner Frau Karoline (Nadja Uhl). Als diese einen Seitensprung mit dem Kleinkriminellen Niko (Jannis Niewöhner) eingeht, kommt eine verstörende Verkettung der Geschehnisse in Gang.

 

Seht hier den Trailer zu „Cortex“:

 

Der diesjährige Abschlussfilm ist „Nomadland“ von Chloé Zhao mit Frances McDormand in der Hauptrolle, die eine Frau aus Nevada spielt, die nach einem wirtschaftlichen Zusammenbruch ihr verbliebenes Hab und Gut in einen Van packt, die Stadt verlässt und in den Westen aufbricht, um ein Leben außerhalb der Zivilisation zu führen.

Einige der Filme wären auch bei den Filmfestivals in Venedig und Berlin gezeigt worden und finden nun ihren Weg in die Hansestadt. Zudem werden im Format „Gegenwartskino im Fokus“ auch dieses Jahr zwei Filmemacher im Mittelpunkt stehen: die US-Amerikanerin Kelly Reichardt („First Cow“) und der chilenische Regisseur Pablo Larraín („Ema“). Sowohl ihre beiden aktuellen Werke als auch einige ihrer alten Filme werden gezeigt. Beide stehen auch für digitale Werkgespräche zur Verfügung.

Die im April ausgefallene „17. Dokumentarfilmwoche Hamburg“ findet in einer abgespeckten Version im Rahmen des Filmfestes statt. Zwölf Dokumentationen werden an einem Wochenende (2. bis 3. Oktober) im Metropolis gezeigt. Mit Ausnahme des Publikumspreises für den besten Film sind alle Wettbewerbe ausgesetzt. Neu sind die digitalen Live-Gespräche und die vorab aufgezeichnete Q&As – abrufbar auf der Website des Filmfestes.

filmfest-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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„Il Traditore“: Man stirbt und basta

Regisseur Marco Bellocchio widmet sich in seinem Film „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ den gewaltvollen Auseinandersetzungen der Mafia­organisation und bringt über die Figur des Kronzeugen Tommaso Buscetta die Frage von Schuld und Verrat vor Gericht – und vors Kinopublikum

 

Text: Marco Arellano Gomes

Es gehört schon Finesse dazu, einen Film über den wohl bedeutendsten Kronzeugen gegen die italienische Mafia zu drehen und den Film „Il Traditore“ („Der Verräter“) zu nennen. Denn wer hier eigentlich der Verräter ist, bleibt letztlich eine Frage der Perspektive. Der Film des erfahrenen Regisseurs Marco Bellocchio, 81, dreht sich genau um diese Frage – und selten ist diese im Kino spannender verhandelt worden.

Erzählt wird die Geschichte von Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino), einem charismatischen und einflussreichen Mafioso aus Palermo, der sich mit seiner dritten Ehefrau Cristina (Maria Fernanda Candido) und den gemeinsamen Kindern nach Brasilien absetzt und seither als „Boss der zwei Welten“ gilt – also diesseits und jenseits des Atlantiks.

Innerhalb der sizilianischen Cosa Nostra gibt es zu dieser Zeit einen Zwist, der blutig ausgetragen wird. Totò Riina (Nicola Calì) und sein Clan, die Corleonese, liquidieren erbarmungslos rivalisierende Clans. Buscetta verliert 14 Verwandte, darunter auch seine beiden Söhne, seinen Bruder, seinen Schwiegersohn, seine Neffen und Vettern. Er wird in Brasilien verhaftet und nach Italien überführt, wo er die Entscheidung trifft, mit dem legendären Richter Giovanni Falcone (Fausto Russo Alesi) zu kooperieren und in einem groß angelegten Gerichtsprozess (Maxi-Prozess) gegen die Cosa Nostra auszusagen. Er bricht damit das eherne Schweigegelübde (omertá) – nicht ohne Folgen.

 

Spannend bis zur letzten Minute

 

Dieser Film kommt ohne große Erzählung, ohne dramatische Zuspitzung, ohne allzu viel Gewalt aus – und ist doch kraftvoll, von einer erhabenen Eleganz und filmischen Virtuosität. Er bleibt spannend bis zur letzten Minute. Diese Spannung entsteht aus Gesprächen, Blicken und den Emotionen, die sich plötzlich und unberechenbar Bahn brechen. Das macht den Film authentisch, unmittelbar, unvorhersehbar. Highlight ist die auf wahren Begebenheiten beruhende Gegenüberstellung von Bruscetta mit seinem ehemaligen Bekannten Pippo Calò (Fabrizio Ferracane), der zwischenzeitlich die Seiten gewechselt hat.

Schon in der allerersten Szene, auf einem Bergschloss in Palermo, ist eine Grundspannung zwischen den Familienclans spürbar. Die Blicke sprechen Bände. Hier brodelt und sprudelt es unter der Fassade des zur Schau gestellten Familienfriedens. Und letztlich findet diese Anspannung ihre Entladung nicht nur über die Läufe der Pistolen und Gewehre, sondern eben auch über das gesprochene Wort im Gerichtssaal. Hier finden die zentralen Stellen des Films statt. Hier wird die Frage nach Verrat und Schuld verhandelt, ohne in Juristerei zu entgleiten. Und hier sitzen auch all die Mafiosi wie Raubtiere in den Käfigen, um dem Treiben vor Gericht zu lauschen und ab und zu lautstark zu fauchen.

Durch Buscettas Geständnisse kam es allein in Italien zu über 360 Schuldsprüchen. Es war der größte Schlag gegen die Mafia. Ein Schlag, der von innen kam, von einem der ihren. Er sei ein Ehrenmann, kein pentito (wie Verräter unter Mitgliedern der Cosa Nostra genannt wurden), versichert Buscetta in einem Gespräch mit Falcone und fragt, wenig später, nachdem den beiden ein Espresso serviert wird, wer von beiden wohl als Erstes dran glauben muss. Falcone antwortet mit melancholischem Blick: „Der Tod ist schon immer um einen. Man stirbt und basta.“ Manchmal – und vielleicht ist das die Quintessenz dieses Films – kann auch das bloße Wort töten und vernichten. Doch gerade das erfordert genauso viel Mut, wie zu den Waffen zu greifen.

 

 

Marco Bellocchio. Mit Pierfrancesco Favino, Fabrizio Ferracane, Fausto Russo Alesi. 153 Min. Ab 13.8.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Sommernachtskino im Museum für Hamburgische Geschichte

Ein Freilichtkino-Event der besonderen Art

 Text: Marco Arellano Gomes

 

Der Innenhof im Museum für Hamburgische Geschichte ist ein echter Hingucker. Hier trifft historische Bauweise auf moderne Architektur. Ein glä­sernes Dach schützt den denk­malgeschützten Innenhof vor Regen, ohne die Sonnenstrah­len daran zu hindern, den Raum zu durchfluten. Ideal also, für Filmprojektionen, direkt nach Sonnenuntergang, dachte sich das Museum – und tat sich mit den drei Programmkinos, Me­tropolis, 3001 und B­-Movie, zusammen, um hier erstmalig Filme zu zeigen.

In den sommer­lichen Filmnächten am Hols­tenwall werden Klassiker der Filmgeschichte wie „Der dritte Mann“ (1949) mit Orson Welles oder die „Children of Men“ mit Clive Owen und Julianne Mo­ore gezeigt, aber auch Filme mit Hamburg­-Bezug wie „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin und „Die Carmen von St. Pauli“ von 1929.

Highlight ist das Stumm­filmkonzert „Roaring Twen­ties – Hamburg­-Filme aus den 1920er Jahren“. Bei Live­-Musik vom Gitarrenorchester Gilbert Couché werden drei Klassiker aus dem historischen Film­archiv im Landesinstitut (LI) Hamburg gezeigt – frisch digi­talisiert vom Metropolis Kino. Das Programm läuft vom 7. Au­gust bis 4. September und ist auf der Website des Museums auf­rufbar.

Sommernachtskino
07.08.2020 – 04.09.2020 


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Radioaktiv: Film über Marie Curie startet in den Kinos

Die Entdeckerin der Radioaktivität bekommt ihren längst überfälligen großen Leinwandauftritt. Regisseurin Marjane Satrapi durchleuchtet mit einigen kreativen Einfällen das Leben der Forscherin und zeigt die Folgen ihrer Entdeckung

Text: Marco Arellano Gomes

 

Es gibt eine historische Fotoaufnah­me, auf der das Who’s Who der wissenschaftlichen Elite des frü­hen 20. Jahrhunderts versammelt ist: Albert Einstein, Max Planck, Werner Heisenberg, Wolfgang Pauli, Nils Bohr, Erwin Schrödinger, Émile Henriot, Auguste Piccard – insgesamt 29 der wohl fähigsten Physiker und Chemiker ihrer Zeit. 17 von ihnen wurden mit dem Nobelpreis ausgezeichnet – und mitten unter ihnen sitzt eine Frau. Ihr Geburtsname ist Maria Salomea Skło­dowska, berühmt wurde sie unter dem Namen Marie Curie. Wer dieses Foto be­trachtet, dem wird klar, dass diese Physi­kerin, Chemikerin, Entdeckerin, Pionie­rin und zweifache Nobelpreisträgerin (bis heute die einzige Frau, die zweimal gewann) sich diesen Platz hart erarbeitet haben musste.

Es wundert schon, weshalb es so lange dauerte, bis diese prägende Figur des aus­gehenden 19. und beginnenden 20. Jahr­hunderts mit einer angemessenen Ver­filmung gewürdigt wird. Zwar ist „Marie Curie – Elemente des Lebens“ nicht die erste Verfilmung ihrer Biografie – bereits 1943 gab es „Madame Curie“ von Regisseur Mervyn LeRoy („Quo Vadis“) mit Greer Garson in der Hauptrolle und 2016 die wenig überzeugende Filmversi­on „Marie Curie“ von Regisseurin Marie Noëlle – doch diese neue Verfilmung ist die bislang überzeugendste.

 

Ein Jahrhundert voller Innovationen und Zerstörung in Bildern

 

Regisseurin Marjane Satrapi („Perse­ polis“, „The Voices“) zeigt darin eine willensstarke und doch reservierte Marie Cu­rie (Rosamund Pike), die sich mit Eifer der Erforschung der Strahlung widmet, die sie später „radioaktiv“ tauft. Dabei entdeckt Curie nicht nur die beiden Ele­mente Radium und Polonium, sondern auch das Element der Liebe – gegenüber ihrem Wissenschaftskollegen, Lebensgefährten, und späteren Ehemann Pierre Curie (Sam Riley).

Beim ersten Treffen der beiden 1895 in Paris setzt der Film an. Die aus Warschau stammende Immigrantin, intelligent und selbstbewusst dargestellt von Rosamund Pike („Gone Girl“), lebt da bereits in Paris und erforscht nahe der Sorbonne, mitten im Epizentrum der Scientific Commu­nity, die von Henri Becquerel beobach­tete Strahlung von Uranverbindungen. Sie steuert auf einen wissenschaftlichen Durchbruch zu, ist aber Menschen gegenüber schroff und abweisend. Menschliche Nähe scheint sie mehr zu fürchten als die Strahlung der Elemente, die sie er­forscht.

 

Hoffnungen, Wünsche und Emotionen

 

Aus einer traumatischen Erfahrung in frühester Kindheit weiß Marie, wie unzuverlässig Menschen mit ihren Hoffnungen, Wünschen und Emotionen sind – und wie präzise, verlässlich und logisch dagegen die Naturwissenschaft. Pierre schafft es aber, mit viel Charme und Fingerspitzengefühl, sie von einer Kollaboration zu überzeugen. Fortan forschen die beiden gemeinsam in ihrem Labor in der Rue Cuvier – mit Erfolg.

Bis hierhin trägt das Faszinosum der wissenschaftlichen Entdeckungen den Film temporeich voran – begleitet von einem verspielten Soundtrack (Evgueni und Sacha Galperine), bei dem der Zuschauer die Moleküle nur so hüpfen und kreisen zu hören scheint. Dann folgt der vom Erzählstil experimentellere und riskantere zweite Teil des Films, in dem Ma­rie Curie in fantasiereich dargestellten Traum/Albtraum­Sequenzen zu er­kennen scheint, welch Kind sie da – neben ihren zwei leiblichen Nachkommen – zur Welt gebracht hat: Von der Nutzbarmachung zur Energiegewinnung, über die mögliche Anwendung zur Heilung von Krebs, bei gleichzeitiger Verursachung desselben, bis hin zum Einsatz nuklearer Sprengköpfe und dem Reaktorunfall in Tschernobyl – Satrapi fasst ein Jahrhundert voller Innovationen und Zerstörung stilvoll in Bilder, und lässt die Leinwand dabei aufleuchten.

 

 

Marie Curie gilt vielen als Inspirati­on, anderen als die Person, die die Büchse der Pandora öffnete. Unzweifelhaft hat sie mit ihren Entdeckungen nicht nur die Tür zur modernen Welt aufgestoßen – mit allen Vor­ und Nachteilen – sondern wurde auch zum Vorbild für die Frauenbewegung.

Erst spät erkannte Curie die Gefahr, die die Radioaktivität für sich, als auch für die gesamte Menschheit mit sich brachte. Ihr Mann Pierre war noch voller Zuversicht 1903 nach Stockholm gefahren, um den Nobelpreis entgegenzunehmen, der dem Paar für die Entdeckungen verliehen wurde. „Die Menschheit wird mehr Gutes als Schlechtes aus den neuen Entdeckungen ziehen“, gab er zu Protokoll. Es ist schon verblüffend, wie sehr die Menschheit den Kern ihres eigenen Untergangs zur Jahrhundertwende verherrlichte.

Plakat_MARIE_CURIE_StudiocanalIn einer Szene verhöhnt die Regisseurin die­se Naivität geradezu, in dem sie die Ver­marktung der Radioaktivität aufs Korn nimmt: radioaktive Zahnpasta, radioak­tive Schokolade, radioaktive Zigaretten – wohl bekommt’s! Als Heilsbringer erwies sich die Radioaktivität dann doch nicht, wie spätestens die Bombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki 1945 vor Augen führten. Die Menschen entpuppten sich im Umgang mit dieser Naturmacht als ebenso wenig stabil wie die Atome, von denen es zuvor angenommen wurde. Es braucht eben nur einige instabile Elemente, um zu zerstörerischen Ergebnissen zu gelangen.

Regie: Marjane Satrapi. Mit Rosa­ mund Pike, Sam Riley, Aneurin Barnard. 108 Min. Ab 16.7.


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