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Klein aber (sehr) fein: Filmfest Hamburg startet

Vom 24. September bis zum 3. Oktober findet das Filmfest Hamburg statt. Einiges ist anders, doch im Mittelpunkt stehen, wie immer, die Filme. Highlights: der Eröffnungsfilm „Enfant Terrible“ über das Leben von Regielegende Rainer Werner Fassbinder sowie „Cortex“, das Regiedebüt von Schauspielstar Moritz Bleibtreu

Text: Marco Arellano Gomes

 

Nicht weniger als einen „Kino-Rausch“ kündigt das Filmfest Hamburg für dieses Jahr an. „Klein, aber (sehr) fein“ soll das werden, gab Filmfest Hamburg-Leiter Albert Wiederspiel bereits im Juni zum Besten, wenn auch „der aktuellen Situation angepasst“. Damals war noch unklar, ob es in diesem Jahr überhaupt ein Filmfest geben wird. Andere Festivals mussten komplett in digitale Sphären ausweichen, andere wurden verschoben oder gar abgesagt.

Das Filmfest Hamburg findet statt. Vom 24. September bis zum 3. Oktober wird es eine der Situation angepasste 28. Ausgabe des Festivals geben – mit Kinovorführungen in den üblichen Lichtspielhäusern, Abaton, Cinemaxx Dammtor, Passage, Metropolis und Studio Kino, einem digitalen Film- und Rahmenprogramm und bis zu 70 hochkarätigen Filmen. Da das Platzkontingent begrenzt ist, werden zusätzliche Streaming-Tickets angeboten. „Streamfest Hamburg“ wird die digitale Option genannt.

Eröffnungsfilm am 24.9. ist „Enfant Terrible“. Der Film von Oskar Roehler zeichnet episodenhaft das Leben des deutschen Ausnahmeregisseurs Rainer Werner Fassbinder (gespielt von Oliver Masucci) nach, der im Mai dieses Jahres 75 Jahre alt geworden wäre. Ursprünglich hätte „Enfant Terrible“ bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes laufen sollen, die aber Corona-bedingt abgesagt wurden. Fassbinder steht, wie kaum ein anderer, für den Neuen Deutschen Film, eine Bewegung, die sich gegen das kommerzielle Kino der unmittelbaren Nachkriegszeit wandte. Bundesweit kommt der Film am 1. Oktober in die Kinos.

 

Seht hier den Trailer zu „Enfant Terrible“:

 

Ein weiterer Höhepunkt ist die erste Regiearbeit von Moritz Bleibtreu: „Cortex“. Der in Hamburg-St. Georg aufgewachsene Schauspieler hat auch das Drehbuch verfasst, den Film produziert und spielt darüber hinaus die Hauptrolle. In dem Streifen spielt er Hagen, den unkontrollierte Schlafphasen plagen, und der zwischen Traum und Realität zunehmend nicht mehr unterscheiden kann. Darunter leidet auch die Beziehung zu seiner Frau Karoline (Nadja Uhl). Als diese einen Seitensprung mit dem Kleinkriminellen Niko (Jannis Niewöhner) eingeht, kommt eine verstörende Verkettung der Geschehnisse in Gang.

 

Seht hier den Trailer zu „Cortex“:

 

Der diesjährige Abschlussfilm ist „Nomadland“ von Chloé Zhao mit Frances McDormand in der Hauptrolle, die eine Frau aus Nevada spielt, die nach einem wirtschaftlichen Zusammenbruch ihr verbliebenes Hab und Gut in einen Van packt, die Stadt verlässt und in den Westen aufbricht, um ein Leben außerhalb der Zivilisation zu führen.

Einige der Filme wären auch bei den Filmfestivals in Venedig und Berlin gezeigt worden und finden nun ihren Weg in die Hansestadt. Zudem werden im Format „Gegenwartskino im Fokus“ auch dieses Jahr zwei Filmemacher im Mittelpunkt stehen: die US-Amerikanerin Kelly Reichardt („First Cow“) und der chilenische Regisseur Pablo Larraín („Ema“). Sowohl ihre beiden aktuellen Werke als auch einige ihrer alten Filme werden gezeigt. Beide stehen auch für digitale Werkgespräche zur Verfügung.

Die im April ausgefallene „17. Dokumentarfilmwoche Hamburg“ findet in einer abgespeckten Version im Rahmen des Filmfestes statt. Zwölf Dokumentationen werden an einem Wochenende (2. bis 3. Oktober) im Metropolis gezeigt. Mit Ausnahme des Publikumspreises für den besten Film sind alle Wettbewerbe ausgesetzt. Neu sind die digitalen Live-Gespräche und die vorab aufgezeichnete Q&As – abrufbar auf der Website des Filmfestes.

filmfest-hamburg.de


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„Il Traditore“: Man stirbt und basta

Regisseur Marco Bellocchio widmet sich in seinem Film „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ den gewaltvollen Auseinandersetzungen der Mafia­organisation und bringt über die Figur des Kronzeugen Tommaso Buscetta die Frage von Schuld und Verrat vor Gericht – und vors Kinopublikum

 

Text: Marco Arellano Gomes

Es gehört schon Finesse dazu, einen Film über den wohl bedeutendsten Kronzeugen gegen die italienische Mafia zu drehen und den Film „Il Traditore“ („Der Verräter“) zu nennen. Denn wer hier eigentlich der Verräter ist, bleibt letztlich eine Frage der Perspektive. Der Film des erfahrenen Regisseurs Marco Bellocchio, 81, dreht sich genau um diese Frage – und selten ist diese im Kino spannender verhandelt worden.

Erzählt wird die Geschichte von Tommaso Buscetta (Pierfrancesco Favino), einem charismatischen und einflussreichen Mafioso aus Palermo, der sich mit seiner dritten Ehefrau Cristina (Maria Fernanda Candido) und den gemeinsamen Kindern nach Brasilien absetzt und seither als „Boss der zwei Welten“ gilt – also diesseits und jenseits des Atlantiks.

Innerhalb der sizilianischen Cosa Nostra gibt es zu dieser Zeit einen Zwist, der blutig ausgetragen wird. Totò Riina (Nicola Calì) und sein Clan, die Corleonese, liquidieren erbarmungslos rivalisierende Clans. Buscetta verliert 14 Verwandte, darunter auch seine beiden Söhne, seinen Bruder, seinen Schwiegersohn, seine Neffen und Vettern. Er wird in Brasilien verhaftet und nach Italien überführt, wo er die Entscheidung trifft, mit dem legendären Richter Giovanni Falcone (Fausto Russo Alesi) zu kooperieren und in einem groß angelegten Gerichtsprozess (Maxi-Prozess) gegen die Cosa Nostra auszusagen. Er bricht damit das eherne Schweigegelübde (omertá) – nicht ohne Folgen.

 

Spannend bis zur letzten Minute

 

Dieser Film kommt ohne große Erzählung, ohne dramatische Zuspitzung, ohne allzu viel Gewalt aus – und ist doch kraftvoll, von einer erhabenen Eleganz und filmischen Virtuosität. Er bleibt spannend bis zur letzten Minute. Diese Spannung entsteht aus Gesprächen, Blicken und den Emotionen, die sich plötzlich und unberechenbar Bahn brechen. Das macht den Film authentisch, unmittelbar, unvorhersehbar. Highlight ist die auf wahren Begebenheiten beruhende Gegenüberstellung von Bruscetta mit seinem ehemaligen Bekannten Pippo Calò (Fabrizio Ferracane), der zwischenzeitlich die Seiten gewechselt hat.

Schon in der allerersten Szene, auf einem Bergschloss in Palermo, ist eine Grundspannung zwischen den Familienclans spürbar. Die Blicke sprechen Bände. Hier brodelt und sprudelt es unter der Fassade des zur Schau gestellten Familienfriedens. Und letztlich findet diese Anspannung ihre Entladung nicht nur über die Läufe der Pistolen und Gewehre, sondern eben auch über das gesprochene Wort im Gerichtssaal. Hier finden die zentralen Stellen des Films statt. Hier wird die Frage nach Verrat und Schuld verhandelt, ohne in Juristerei zu entgleiten. Und hier sitzen auch all die Mafiosi wie Raubtiere in den Käfigen, um dem Treiben vor Gericht zu lauschen und ab und zu lautstark zu fauchen.

Durch Buscettas Geständnisse kam es allein in Italien zu über 360 Schuldsprüchen. Es war der größte Schlag gegen die Mafia. Ein Schlag, der von innen kam, von einem der ihren. Er sei ein Ehrenmann, kein pentito (wie Verräter unter Mitgliedern der Cosa Nostra genannt wurden), versichert Buscetta in einem Gespräch mit Falcone und fragt, wenig später, nachdem den beiden ein Espresso serviert wird, wer von beiden wohl als Erstes dran glauben muss. Falcone antwortet mit melancholischem Blick: „Der Tod ist schon immer um einen. Man stirbt und basta.“ Manchmal – und vielleicht ist das die Quintessenz dieses Films – kann auch das bloße Wort töten und vernichten. Doch gerade das erfordert genauso viel Mut, wie zu den Waffen zu greifen.

 

 

Marco Bellocchio. Mit Pierfrancesco Favino, Fabrizio Ferracane, Fausto Russo Alesi. 153 Min. Ab 13.8.


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Sommernachtskino im Museum für Hamburgische Geschichte

Ein Freilichtkino-Event der besonderen Art

 Text: Marco Arellano Gomes

 

Der Innenhof im Museum für Hamburgische Geschichte ist ein echter Hingucker. Hier trifft historische Bauweise auf moderne Architektur. Ein glä­sernes Dach schützt den denk­malgeschützten Innenhof vor Regen, ohne die Sonnenstrah­len daran zu hindern, den Raum zu durchfluten. Ideal also, für Filmprojektionen, direkt nach Sonnenuntergang, dachte sich das Museum – und tat sich mit den drei Programmkinos, Me­tropolis, 3001 und B­-Movie, zusammen, um hier erstmalig Filme zu zeigen.

In den sommer­lichen Filmnächten am Hols­tenwall werden Klassiker der Filmgeschichte wie „Der dritte Mann“ (1949) mit Orson Welles oder die „Children of Men“ mit Clive Owen und Julianne Mo­ore gezeigt, aber auch Filme mit Hamburg­-Bezug wie „Aus dem Nichts“ von Fatih Akin und „Die Carmen von St. Pauli“ von 1929.

Highlight ist das Stumm­filmkonzert „Roaring Twen­ties – Hamburg­-Filme aus den 1920er Jahren“. Bei Live­-Musik vom Gitarrenorchester Gilbert Couché werden drei Klassiker aus dem historischen Film­archiv im Landesinstitut (LI) Hamburg gezeigt – frisch digi­talisiert vom Metropolis Kino. Das Programm läuft vom 7. Au­gust bis 4. September und ist auf der Website des Museums auf­rufbar.

Sommernachtskino
07.08.2020 – 04.09.2020 


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Radioaktiv: Film über Marie Curie startet in den Kinos

Die Entdeckerin der Radioaktivität bekommt ihren längst überfälligen großen Leinwandauftritt. Regisseurin Marjane Satrapi durchleuchtet mit einigen kreativen Einfällen das Leben der Forscherin und zeigt die Folgen ihrer Entdeckung

Text: Marco Arellano Gomes

 

Es gibt eine historische Fotoaufnah­me, auf der das Who’s Who der wissenschaftlichen Elite des frü­hen 20. Jahrhunderts versammelt ist: Albert Einstein, Max Planck, Werner Heisenberg, Wolfgang Pauli, Nils Bohr, Erwin Schrödinger, Émile Henriot, Auguste Piccard – insgesamt 29 der wohl fähigsten Physiker und Chemiker ihrer Zeit. 17 von ihnen wurden mit dem Nobelpreis ausgezeichnet – und mitten unter ihnen sitzt eine Frau. Ihr Geburtsname ist Maria Salomea Skło­dowska, berühmt wurde sie unter dem Namen Marie Curie. Wer dieses Foto be­trachtet, dem wird klar, dass diese Physi­kerin, Chemikerin, Entdeckerin, Pionie­rin und zweifache Nobelpreisträgerin (bis heute die einzige Frau, die zweimal gewann) sich diesen Platz hart erarbeitet haben musste.

Es wundert schon, weshalb es so lange dauerte, bis diese prägende Figur des aus­gehenden 19. und beginnenden 20. Jahr­hunderts mit einer angemessenen Ver­filmung gewürdigt wird. Zwar ist „Marie Curie – Elemente des Lebens“ nicht die erste Verfilmung ihrer Biografie – bereits 1943 gab es „Madame Curie“ von Regisseur Mervyn LeRoy („Quo Vadis“) mit Greer Garson in der Hauptrolle und 2016 die wenig überzeugende Filmversi­on „Marie Curie“ von Regisseurin Marie Noëlle – doch diese neue Verfilmung ist die bislang überzeugendste.

 

Ein Jahrhundert voller Innovationen und Zerstörung in Bildern

 

Regisseurin Marjane Satrapi („Perse­ polis“, „The Voices“) zeigt darin eine willensstarke und doch reservierte Marie Cu­rie (Rosamund Pike), die sich mit Eifer der Erforschung der Strahlung widmet, die sie später „radioaktiv“ tauft. Dabei entdeckt Curie nicht nur die beiden Ele­mente Radium und Polonium, sondern auch das Element der Liebe – gegenüber ihrem Wissenschaftskollegen, Lebensgefährten, und späteren Ehemann Pierre Curie (Sam Riley).

Beim ersten Treffen der beiden 1895 in Paris setzt der Film an. Die aus Warschau stammende Immigrantin, intelligent und selbstbewusst dargestellt von Rosamund Pike („Gone Girl“), lebt da bereits in Paris und erforscht nahe der Sorbonne, mitten im Epizentrum der Scientific Commu­nity, die von Henri Becquerel beobach­tete Strahlung von Uranverbindungen. Sie steuert auf einen wissenschaftlichen Durchbruch zu, ist aber Menschen gegenüber schroff und abweisend. Menschliche Nähe scheint sie mehr zu fürchten als die Strahlung der Elemente, die sie er­forscht.

 

Hoffnungen, Wünsche und Emotionen

 

Aus einer traumatischen Erfahrung in frühester Kindheit weiß Marie, wie unzuverlässig Menschen mit ihren Hoffnungen, Wünschen und Emotionen sind – und wie präzise, verlässlich und logisch dagegen die Naturwissenschaft. Pierre schafft es aber, mit viel Charme und Fingerspitzengefühl, sie von einer Kollaboration zu überzeugen. Fortan forschen die beiden gemeinsam in ihrem Labor in der Rue Cuvier – mit Erfolg.

Bis hierhin trägt das Faszinosum der wissenschaftlichen Entdeckungen den Film temporeich voran – begleitet von einem verspielten Soundtrack (Evgueni und Sacha Galperine), bei dem der Zuschauer die Moleküle nur so hüpfen und kreisen zu hören scheint. Dann folgt der vom Erzählstil experimentellere und riskantere zweite Teil des Films, in dem Ma­rie Curie in fantasiereich dargestellten Traum/Albtraum­Sequenzen zu er­kennen scheint, welch Kind sie da – neben ihren zwei leiblichen Nachkommen – zur Welt gebracht hat: Von der Nutzbarmachung zur Energiegewinnung, über die mögliche Anwendung zur Heilung von Krebs, bei gleichzeitiger Verursachung desselben, bis hin zum Einsatz nuklearer Sprengköpfe und dem Reaktorunfall in Tschernobyl – Satrapi fasst ein Jahrhundert voller Innovationen und Zerstörung stilvoll in Bilder, und lässt die Leinwand dabei aufleuchten.

 

 

Marie Curie gilt vielen als Inspirati­on, anderen als die Person, die die Büchse der Pandora öffnete. Unzweifelhaft hat sie mit ihren Entdeckungen nicht nur die Tür zur modernen Welt aufgestoßen – mit allen Vor­ und Nachteilen – sondern wurde auch zum Vorbild für die Frauenbewegung.

Erst spät erkannte Curie die Gefahr, die die Radioaktivität für sich, als auch für die gesamte Menschheit mit sich brachte. Ihr Mann Pierre war noch voller Zuversicht 1903 nach Stockholm gefahren, um den Nobelpreis entgegenzunehmen, der dem Paar für die Entdeckungen verliehen wurde. „Die Menschheit wird mehr Gutes als Schlechtes aus den neuen Entdeckungen ziehen“, gab er zu Protokoll. Es ist schon verblüffend, wie sehr die Menschheit den Kern ihres eigenen Untergangs zur Jahrhundertwende verherrlichte.

Plakat_MARIE_CURIE_StudiocanalIn einer Szene verhöhnt die Regisseurin die­se Naivität geradezu, in dem sie die Ver­marktung der Radioaktivität aufs Korn nimmt: radioaktive Zahnpasta, radioak­tive Schokolade, radioaktive Zigaretten – wohl bekommt’s! Als Heilsbringer erwies sich die Radioaktivität dann doch nicht, wie spätestens die Bombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki 1945 vor Augen führten. Die Menschen entpuppten sich im Umgang mit dieser Naturmacht als ebenso wenig stabil wie die Atome, von denen es zuvor angenommen wurde. Es braucht eben nur einige instabile Elemente, um zu zerstörerischen Ergebnissen zu gelangen.

Regie: Marjane Satrapi. Mit Rosa­ mund Pike, Sam Riley, Aneurin Barnard. 108 Min. Ab 16.7.


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger Kinos: Corona’s Cut

Die Hamburger Kinos haben seit über zwei Monaten geschlossen. Die Verluste sind hoch, die Stimmung ist angespannt, die Zukunft ungewiss. Nun dürfen die Lichtspielhäuser unter strengen Auflagen wieder öffnen und hoffen auf die Treue der Hamburger Kinogänger. Darüber hinaus erleben die hier längst tot geglaubten Autokinos eine Renaissance

Text: Marco Arellano Gomes

 

Sobald das Leben unübersichtlich, ungewiss und düster wird, hilft das kollektive Träumen im kuschelig warmen Kinosaal drüber weg. Mit Popcorn in der einen und Softgetränk in der anderen Hand, taucht man ein in die traumhaften Welten. Für einige Stunden scheint alles vergessen. Man lässt sich mitreißen von den bewegten Bildern, bangt mit den Helden, leidet mit den tragischen Figuren und lacht mit den lustigen Charakteren. Wer im Saal sitzt, fiebert mit, vergießt Tränen, freut sich und wird zum Nachdenken angeregt.

Kinofilme brennen sich ins Gedächtnis ein. Sie sind durch keinen Stream zu ersetzen – und werden dringend gebraucht. Das Kino ist ein Sehnsuchtsort – und nie war die Sehnsucht danach größer. Im Normalfall wären die Säle bis zur letzte Reihe gefüllt gewesen. Doch die vergangenen Wochen und Monate waren nicht normal. Die Lichtspielhäuser hatten seit Mitte März geschlossen, die Vorhänge blieben zu, die Lichter aus. Für die Streaminganbieter war es das Geschäft ihres Lebens. Für die Hamburger Kinobetreiber war es eine Katastrophe. Sie hatten keine Einnahmen, aber Lohn- und Mietkosten blieben bestehen – und konnten durch Kurzarbeit allein nicht aufgefangen werden.

 

Wiedereröffnung der Kinos

 

Kurz vor Drucklegung der SZENE HAMBURG gab der Senat bekannt, dass auch die Hamburger Kinos ab dem 27. Mai wieder öffnen dürfen, sofern sie ein Konzept zur Einhaltung der strengen Auflagen vorlegen. Doch die Freude der Betreiber ist gedämpft. Zum einen können die vergangenen Ausfälle nicht wieder eingespielt werden. Jedes nicht verkaufte Ticket ist unwiederbringlich verloren; die Kinos werden nicht plötzlich doppelt so voll – in Corona-Zeiten schon gar nicht.

Hinzu kommen weitere Probleme: Für die Verleiher lohnt es sich nicht, einen Film für viel Geld zu bewerben und ins Kino zu bringen, wenn dieser nur in der Hälfte der Bundesländer oder in halb leeren Sälen gezeigt wird. Gehen die Bundesländer bei der Öffnung der Kinos nicht einheitlich vor, werden hochkarätige Produktionen vorerst wohl kaum zu sehen sein. Blockbuster wie „James Bond 007 – Keine Zeit zum Sterben“ – welch passender Titel für diese Zeit! – oder „Top Gun: Maverick“ mit Tom Cruise wurden bereits auf Ende des Jahres verschoben.

Allein die Vermarktung solcher Millionenprojekte benötigt mehrere Monate Vorlauf. Wenn die neuen, großen und bedeutenden Filme aber nicht im Kino gezeigt werden, haben die Filmliebhaber kaum Anlass dorthin zu gehen.Einige Bundesländer (Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Schleswig-Holstein) haben trotz dieser Bedenken bereits Mitte Mai mit der Öffnung der Kinos begonnen. So viel zum gewünschten einheitlichen Vorgehen!

 

Die neue Normalität

 

Für die Kinogänger wird es unzweifelhaft ein ungewohntes Erlebnis: Tickets sollen online gekauft werden; im Foyer wird es Schutzwände geben; im Eingangsbereich helfen Bodenmarkierungen dabei, Abstand zu wahren; jede zweite Reihe im Kinosaal könnte mit Absperrband gesichert werden; zwischen den einzelnen Gästen bleiben jeweils zwei Plätze leer; nach jeder Vorstellung werden die Räume gründlich desinfiziert; jeder Kinobesucher soll mit Namen und Kontaktdaten registriert werden; im Kinosaal bestünde, bis zum Erreichen des eigenen Sitzplatzes, Maskenpflicht; für jeden Toilettengang soll der Mund- und Nasenschutz wieder aufgesetzt werden – und das nicht wegen der zu erwartenden Gerüche. Ist das noch das ersehnte Kinoerlebnis? Und lohnt sich unter diesen Bedingungen überhaupt der Betrieb?

Matthias Elwardt, Geschäftsführer der Zeise Kinos, ist skeptisch. Der Abstand der Sitzreihen beträgt in seinem Kino etwa einen Meter. „Wenn jede zweite Reihe gesperrt wird, rentiert sich der Betrieb des Kinos nicht.” Mit dieser Einschätzung steht er nicht allein da. „Wir brauchen weitere finanzielle Unterstützung, auch nach der Öffnung der Kinos. Denn die Hygieneauflagen werden auf lange Sicht keinen rentablen Kinobetrieb zulassen“, pflichtet Abaton-Chef Felix Grassmann bei. Senat und Kulturbehörde arbeiten derweil an weiteren Hilfsprogrammen. Man sei derzeit bei der Ausarbeitung der Details, erklärt die Kulturbehörde auf Anfrage.

 

Vielfältige Hilfen

 

Corona bringt die Kinos in existenzielle Nöte. Zwar gab es – neben den bundesweiten Hilfen – seitens der Hamburger Kulturbehörde und der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH) finanzielle Spritzen (unter anderem das im April beschlossene „Kino Hilfe Hamburg“-Paket in Höhe von 550.000 Euro sowie der vorgezogene Hamburger Kinopreis mit einer Gesamtausschüttung in Höhe von über 100.000 Euro).

Auch privat unterstützten die Hamburger die Programmkinos, etwa durch den Kauf von Kinogutscheinen, dem Streamen von Filmen bei Anbietern wie Kino on Demand, Grandfilm und CVOD, die ihre Einnahmen mit den Kinos teilen oder durch Spenden auf der Crowdfunding-Plattform Startnext, bei dem bis Redaktionsschluss immerhin 58.873 Euro zusammenkamen (Stand: 26.5). Auch der Kino-Vermarkter Weischer Media stellte gleich zu Beginn der Krise unter #hilfdeinemkino eine Website auf die Beine, auf der Kinowerbung angesehen werden kann. Das weckt nicht nur nostalgische Gefühle, für jeden gesehenen Spot bekommt das ausgewählte Kino einen Betrag gutgeschrieben.

Doch reicht das alles, um die Kinos am Leben zu halten? Der Hauptverband deutscher Filmtheater (HDF) stellte fest, dass die Hälfte der deutschen Kinos in Gefahr stünde, in den kommenden Wochen Insolvenz anmelden zu müssen. Bei der dreimonatigen Schließung hätten die deutschlandweit 1.734 Kinos laut HDF 40 Millionen Gäste weniger und einen Verlust von 17 Millionen Euro – pro Woche.

 

Programmkinos in Sorge

 

Die Hamburger Kinobetreiber sind besorgt: „Die Situation ist schwierig“, sagt Christian Mattern vom Alabama Kino in Winterhude. „Die Überbrückungsgelder der Kulturbehörde und der Filmförderung decken nur den Zeitraum bis zum 30.4. ab. Wir sehen aber weiteren Unterstützungsbedarf bis mindestens Anfang Juli.“ Fabian Daub von den fux-Lichtspielen ist überzeugt, dass ein zweites Rettungspaket notwendig ist, das den Zeitraum bis Ende des Jahres in den Blick nimmt.

Joachim Flebbe, Betreiber der Astor Film Lounge und des Savoy, sieht dringend Handlungsbedarf: „Von den staatlichen Hilfen ist bislang nicht viel zu sehen“, verriet er SZENE HAMBURG Mitte Mai. „Wochenlang zu warten und gleichzeitig die Kosten weiter decken zu müssen, das geht nicht lange gut.“ Die Rücklagen der meisten Kinos dürften bald aufgebraucht sein.

 

Die Rückkehr der Autokinos

 

Während die Lichtspielhäuser einen Weg suchen, um mit der neuen Situation umzugehen, feiert eine längst vergessene Kinotradition ein Comeback: das Autokino. In Hamburg sind gleich mehrere Anbieter im Gespräch: Die meiste Aufmerksamkeit genoss bislang das „Autokino Hamburg“ auf der Bahrenfelder Trabrennbahn. Auf der 20.000 Quadratmeter großen Fläche sollen 500 Fahrzeuge Platz finden, und auf der 24 mal elf Meter großen Leinwand werden Filme und Konzerte zu sehen sein. 22 Euro pro Fahrzeug kostet der Spaß. Die Outdoor Cine GmbH, die auch das Open-Air-Schanzenkino und das Schanzenkino73 betreibt, konnte das Autokino aber nicht, wie geplant, in Betrieb nehmen. Erst gab es Bedenken über die Anzahl der Toiletten und die Einhaltung der verschärften Hygienevorschriften. Dann vermutete die grüne Bürgerschaftsfraktion in Altona Bodenbrüter auf der Wiese, ehe sie in der entscheidenden Sitzung von einer Mehrheit aus SPD, FDP und CDU überstimmt wurde.

Grundsätzlich hat der Senat den Autokinos in Hamburg grünes Licht gegeben – unter Einhaltung der Maßnahmen (max. zwei Personen aus demselben Haushalt plus Kinder pro Auto, Online-Ticketverkauf, ausreichend Sanitäranlagen, Abstand von zwei Metern zwischen den Pkw, Ticket-Scan durch die geschlossene Windschutzscheibe). Dirk Evers, Geschäftsführer der Outdoor Cine GmbH, ist bereit und kann mit wenigen Tagen Vorlauf starten. Doch das Bauamt Altona „prüft und prüft“ noch, sagt er und hofft auf einen Starttermin Anfang Juni.

Da der Ton über UKW direkt in die Autoradios übertragen wird, spielt Lärm keine Rolle. Evers plant mindestens eine Aufführung pro Abend, bis September. Auf dem Programm stehen Filme wie „Känguru Chroniken“, „Night Life“ und der Oscar-Gewinner „Parasite“. Nach September wird auf der Fläche ein Wohnungsbauprojekt realisiert.

Die Liste weiterer, möglicher Autokinobetreiber ist lang: Das Zeise Kino hat gemeinsam mit der Bergmann-Gruppe den Zuschlag für ein Autokino auf dem Heiligengeistfeld bekommen. Anfang Juni geht es los. Hamburg Messe-Chef Bernd Aufderheide möchte gemeinsam mit Home United auf dem Messegelände starten. Das Abaton plant gemeinsam mit dem Konzertveranstalter Karsten Jahnke eins in Steinwerder – und gibt sich zuversichtlich schon Anfang Juni starten zu können. Das mobile Kino Flexibles Flimmern und Weischer Media haben auch reges Interesse. Wer hat noch nicht? Wer möchte noch?

Vergleichsweise bescheiden kommt das Autokino-Programm im Oberhafenquartier daher: Seit Anfang Mai bietet der Kulturladen Hamm und die Film Fabrique dort das erste Autokino-Erlebnis an. Das gibt es zwar schon seit 2015, aber zuvor eben nur in Hamm. Nun wird in der HafenCity gemeinsam geschaut – und das in Corona-Zeiten. Da ist auch einem kleinen Projekt wie diesem die Aufmerksamkeit sicher. Nur 30 Stellplätze bieten die Veranstalter an. Das erzeugt eine kuschelige Atmosphäre. Nach nur einer Stunde waren alle Karten ausverkauft. SZENE HAMBURG-Grafikerin Julia Kleinwächter war am Premierenabend (9. Mai) dabei – und berichtet von einem ganz besonderen Erlebnis. Zu sehen gab es den Mysterythriller „Bad Times at the El Royale“.

In Hamburg gab es von 1976 bis 2003 bereits ein Autokino. Es stand in Billbrook, jenem vernachlässigten Industriegebiet hinter Rothenburgsort, über das SZENE HAMBURG in der Ausgabe 4/2020 berichtete. Seinerzeit musste das Kino aufgrund verschärfter Umweltauflagen schließen. Gase drangen vom Boden an die Oberfläche. Eine Sanierung des Geländes war zu kostspielig.

 

Kollektive Träume

 

Der Wunsch der Menschen, wieder gemeinsam im Kino einen Film zu erleben, statt diesen nur zu Hause zu sehen, wird von Tag zu Tag größer. Viele sehnen sich nach dem echten, dem einzig wahren, dem fast sakralen Filmerlebnis, das nur in einem Kino möglich ist. Voller Vorfreude wird der Moment erwartet, an dem die Lichter – im positiven Sinne – ausgehen, sich der Vorhang öffnet und man sich umgeben von der Dunkelheit in anderen Welten, längst vergangenen Zeiten und faszinierenden Geschichten verliert, die in ihrer Dichte und Erhabenheit größer und intimer sind als das Leben selbst.

Einige spannende Filme sind bereits in der Pipeline: Christian Petzolds „Undine“, Burhan Qurbanis „Berlin Alexanderplatz“ – und der Film, der geradezu wie ein Heilsbringer erwartet wird: der Science-Fiction-Thriller „Tenet“ von Christopher Nolan („The Dark Knight“, „Inception“). Nolan denkt gar nicht erst daran, seinen Film zu verschieben und die Kinos untergehen zu lassen. Er setzt Corona das Beste entgegen, was Hollywood zu bieten hat: den Stoff, aus dem die Träume sind. Und den gibt es nur im Kino.


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Film-Krise: „Ein schlechter Traum“

Helge Albers, Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, über die Situation der Filmbranche im Norden, das beschlossene Maßnahmenpaket zur Unterstützung der Filmbranche und das gespannte Verhältnis von Streaming und Kino

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Herr Albers, Sie haben vor knapp einem Jahr Ihre Karriere als Produzent aufgegeben, um Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein zu werden. Nun ist die Filmbranche aufgrund der Corona-Pandemie in argen Schwierigkeiten. Bereuen Sie Ihre Entscheidung?

Helge Albers: Ganz im Gegenteil. Es ist gerade jetzt wichtig, als Geschäfts­führer der Filmförderung die Situation der Produzenten zu kennen und ein Gespür für die Stimmungslage in der Branche zu haben. Das ist sicher von Vorteil, wenn es darum geht, über gezielte Förderungen und Hilfen zu entscheiden.

Das vergangene Jahr lief für den Filmstandort im Norden recht erfolgreich: „Systemsprenger“, „Der goldene Handschuh“, „Lindenberg! Mach dein Ding“ sind allesamt erfolgreiche, preisgekrönte Filme, Sie haben die Filmförderung neu aufgestellt und sogar Warner Bros. als Förderer gewonnen. Nun ist plötzlich die gesamte Filmbranche in Gefahr. Wie haben Sie die vergangenen Wochen erlebt?

Ich stehe jeden Morgen auf und denke: Das kann doch wohl nicht wahr sein! Das ist ein schlechter Traum! Corona trifft unsere Branche mit voller Härte – und zwar umfassend. In jedem Bereich, von der Produktion bis zur Auswertung in den Kinos und im Home Entertainment ist die Filmbranche be­troffen.

Ein Film entsteht in Teamar­beit, aber niemand darf mehr zusammen arbeiten. Wir sind auf Publikum angewiesen, aber niemand darf mehr ins Kino. Eine komplette Branche ist auf null heruntergefahren – und zwar von einem Tag auf den anderen.

Aus der Filmbranche ist zu hören, dass es sich um die größte Krise in der Geschichte des Films handelt. Wann haben Sie den Ernst der Lage erkannt?

Uns im Haus war sehr schnell klar, dass das ein absoluter Einschnitt ist, und wir uns schnell damit auseinander­setzen müssen. Wir haben direkt mit einer Umfrage in der Branche reagiert, um zu erkennen, welche Dimension an Ausfällen uns da erwartet.

Dann haben wir damit begonnen, die Hilfsprogramme aufzusetzen. Inzwischen sind wir mitten in der Umsetzung. Wir stehen in permanentem Kontakt zu unseren Antragstellern, ob Kinos oder Produzenten. Was wir nicht wissen, ist, wie und wann es weitergeht.

Stellen Sie denn durch das kürzlich beschlossene Maßnahmenpaket eine Beruhigung innerhalb der Branche fest?

Zum jetzigen Zeitpunkt können wir das noch nicht beurteilen. (Das Interview fand am 7. April statt, Anm. d. Red.) Wir hoffen aber, dass die Krise durch die Summe an Hilfsmaßnahmen auf ein erträgliches Maß reduziert wird. Wir müssen alle Maßnahmen so bündeln, dass sie wirklich helfen. Es muss helfen! Wir als Filmförderung leisten unseren Beitrag zur Stabilisierung. Wir können allerdings nicht alle Ausfälle komplett ersetzen.

 

„Die Ungewissheit macht es schwer, mit Corona umzugehen“

 

Das besagte Maßnahmenpaket, das Sie am 3. April gemeinsam mit den Kulturbehörden Hamburgs und Schleswig-Holsteins vorgestellten, hat einen Umfang von 3,7 Millionen Euro. Ohne die Summe kleinreden zu wollen: Für wie lange, schätzen Sie, reicht das?

Die Frage ist, bis wann muss es denn reichen? Da wir diese Größe nicht kennen, vermag ich die Frage auch nicht wirklich zu beantworten. Das Maßnahmenpaket ist eine Soforthilfe, gestrickt unter dem Eindruck einer akuten Schieflage, bei der sehr schnell gehandelt werden musste. Nicht mehr und nicht weniger. Der Faktor der Ungewissheit macht es schwer, mit Corona umzugehen. Das betrifft alle Beteiligten – nicht nur uns.

Worin besteht das Maßnahmenpaket denn?

Der Grundgedanke des Maßnahmenpaketes ist, dass man Ausfälle aus­gleichen muss. Im Produktionsbereich sind das zum Beispiel Ausfälle durch Drehabbrüche und -­verschiebungen. Ein Dreh ist ein sehr komplexes Gebilde, mit vielen Akteuren, und einem sehr hohen organisatorischen Aufwand und Vorlauf.

Es kann sein, dass die Produktionsteams bis zum Herbst oder Spätherbst warten müssen, bis sie wie­ der drehen können. Wir wollen ihnen, so gut es geht, unter die Arme greifen. Eine weitere Maßnahme sind die Soforthilfen für die Kinos in Hamburg: Hier sollen die aktuellen Erlösausfälle aufgefangen oder zumindest gemildert werden. Und die dritte Maßnahme – das sogenannte 3×3­-Programm – ist ein neues Förderprogramm mit dem wir in der Zeit des Stillstands mehr Drehbücher fördern und damit neue Filmprojekte anschieben.

Wie verhält es sich denn mit den Maßnahmen? Gilt das Prinzip, wer zuerst kommt, mahlt zuerst, oder wird nach konkreten Richtlinien priorisiert?

Wir haben zwei Grundsätze, nach denen wir alle unsere Entscheidungen treffen: Das ist zum einen die Qualität und zum anderen die Wirtschaftlichkeit. Wobei die Wirtschaftlichkeit in diesem Fall gesondert betrachtet werden muss: Anders als sonst, spielt hier die Frage der Bedürftigkeit eine Rolle. In einer konkreten Antragssituation schauen wir uns also Fall für Fall an, und wägen dann ab. Wir werden mit dem Geld, das bewilligt wird, nicht alle zu 100 Prozent befriedigen können. Das kann diese Summe einfach nicht leisten.

Sie sagten eingangs, dass sie in engem Austausch mit Produzenten stehen. Was sagen die zu den Maßnahmen?

Mein Eindruck ist, dass ein Großteil noch mit dem Sortieren und Analysieren der Lage zu tun hat, in der sie gerade stecken. Einige waren mitten im Dreh und mussten abbrechen, andere hatten den nächsten Dreh demnächst vor und müssen diesen nun auf unbestimmt verschieben. Andere wiederum waren erst im Development, und haben den Dreh ohnehin erst im Herbst geplant. Die rechnen entweder noch damit, dass sie weiter nach Plan arbeiten können, oder spekulieren damit, dass es anders kommt.

Insgesamt nehme ich eine große Unsicherheit wahr. Wir als Förderung sind deshalb gefragt, ein Stück weit Stabilität und Kontinuität zu gewährleisten und Pfeiler aufzustellen, die dabei helfen den Sturm zu überstehen.

Sprechen wir über einen dieser Pfeiler: Die Unterstützung für die Hamburger Kinos. Diese betrifft ja nur die Hamburger Lichtspielhäuser, die in den vergangenen drei Jahren mit dem Kinopreis ausgezeichnet wurden. Was ist mit den anderen?

Das Hilfsangebot gilt auch für Arthouse­ und Programmkinos, die keinen Kinopreis erhalten haben. Aus diesem Grund steht in der entsprechenden Passage auch ein weiterer Passus, der explizit weitere Kinos einbezieht.

In dem Absatz heißt es: „…sowie kulturell herausragenden stadtteilbezogenen Filmtheatern.“ Damit sind die UCI- und Cinemaxx-Gruppe wohl nicht gemeint, oder?

Das sind bundesweit agierende Unternehmen. Wir sind vor allem den kulturell agierenden Kinos gegenüber verpflichtet. Etwas überspitzt gesagt, denke ich, dass wir mit unserem Etat etwa die Monatsmieten der Cinemaxx­-Gruppe bedienen könnten. Das sind Player auf dem Markt, für die die Filmförderung nicht unbedingt gedacht ist und für die andere Hilfsmechanismen benötigt werden. Aber auch in diesem Segment möchte ich die Probleme nicht klein­reden. Corona ist da ein Gleichmacher, der die großen Häuser genauso trifft wie die kleinen.

 

„Ich rechne damit, dass wir ein tolles Filmfest in Hamburg haben werden“

 

Wird es in diesem Jahr eigentlich ein Filmfest in Hamburg geben?

Ich bin ein optimistischer Mensch. Ich rechne also damit, dass wir im September/Oktober ein tolles Filmfest in Hamburg haben werden. Das Kurz­filmfestival wurde bereits auf November verschoben und wird in kleinerer Form stattfinden.

VRHAM! – das Virtual Reality & Arts Festival erarbeitet eine Online­-Variante als Ersatz, auf die ich sehr gespannt bin. Bei aller Schwierigkeit, die die ganze Situation um Corona mit sich bringt, glaube ich, dass die digitalen Möglichkeiten sich bei einigen verstärkt entwickeln und auch langfristig Wirkung zeitigen werden.

Was im Moment mehr als gut läuft, ist das Streaming. Die Steigerungsraten der Streaming-Anbieter sind in Corona-Zeiten immens. Nutzen auch Sie Streaming-Angebote?

Ja, ich nutze verschiedene Stream­ing-­Angebote, je nachdem was mich gerade interessiert. Ich schaue auch oft bei den Öffentlich­-Rechtlichen vorbei. „Bad Banks“ ist eine Serie, die ich gern gesehen habe. Kürzlich habe ich die Se­rie „Unorthodox“ gesehen. Mochte ich sehr. Ich glaube, es ist unerlässlich, dass man ein Verständnis dafür hat, was auf den Streaming-­Plattformen stattfindet.

Man hat das Gefühl, es ist zu einer Glaubensfrage zwischen praktizierenden Cineasten und Streaming-Jüngern geworden. Wie sehen sie das als Filmförderer?

Grundsätzlich ist es so, dass sich die Branche durch die Streaming-­Anbieter verändert hat. Vorher gab es ein ein­gespieltes Muster: Es war klar, wer was finanziert oder eben nicht, es gab klare Entscheidungs-­ und Handlungsabläufe – und das blieb auch weitestgehend so.

Dann kam ein großer, neuer Mitspieler auf den Markt, der über sehr viel Geld verfügt, sehr schnell agiert und sehr viel Freiräume lässt – gerade was das kreative Arbeiten angeht. Einerseits eröffnet diese Entwicklung einen Raum neuer Möglichkeiten, andererseits zieht jede Positivmeldung oft auch eine Negativ­meldung mit sich, die oft aber nicht weit durchsticht.

Zum Beispiel?

Es ist deutlich schwerer geworden, qualifizierte Mitarbeiter zu wettbe­werbsfähigen Preisen zu bekommen und langfristig zu binden – gerade für unabhängige, kleinere Produktionen. Und die Vertragsbedingungen der Streamer lassen manchmal sehr zu wünschen übrig.

Einige in der Branche sind der Ansicht, man dürfe nicht zulassen, dass die Krise den endgültigen Durchbruch für Netflix, Amazon und all die anderen Plattformen bedeutet. Wenn die Leute sich erst einmal daran gewöhnt haben, dass sie das Kino nicht brauchen, könne es sehr hart werden, sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Die Entwicklung erhöht zumindest die Notwendigkeit, dass das Kino sein Alleinstellungsmerkmal stärker betont – und damit meine ich sowohl Filme, die im Kino laufen, als auch den Ort an sich. Wir stehen als Branche in der Pflicht, Filme zu produzieren, die kino­tauglich sind und nur an diesem Ort wirklich Sinn machen. Das Publikum weiß, dass man einige Erlebnisse nur im Kino voll genießen kann. Ich hoffe, dass nach der Zeit des Social Distancing die Leute wieder richtig Lust auf das Ge­ meinschaftserlebnis Kino haben.

Machen Sie sich Sorgen um das Kino?

Langfristig mache ich mir wenig Sorgen. Wir haben auch in den vergangenen zwei Jahren gesehen, dass das Kino durchaus widerstandsfähig ist, auch dem Streaming gegenüber.

Was macht Sie da so sicher?

Die große Stärke des Kinos ist das gemeinsame Erlebnis. Die Frage lautet für mich nicht ob, sondern wann das Publikum wieder in der Lage und bereit sein wird, ins Kino zu gehen. Ein Problem ist, dass die großen Filme alle erst mal nicht im Kino laufen werden, da sie in den Herbst oder gar ins nächste Jahr verschoben worden sind. Ein Kino braucht aber eine bestimmte Reihe starker Titel, die eine Masse an Publi­kum anzieht. Es wird für die Kinos also vorerst schwierig bleiben. Wichtig wird aber auch sein, dass die Kinos darüber nachdenken, wo digitale Geschäfte liegen, die in der Logik der Kinoaus­ wertung funktionieren.

Es gibt ja erste Angebote, wie Kino on Demand oder #hilfdeinemkino. Haben Sie da Rückmeldungen bekommen, inwieweit diese Aktionen den Kinos helfen?

Was ich weiß, ist, dass diese Aktio­nen ganz gut angenommen werden. Es gibt hohe Klickzahlen und eine wahn­sinnig große Bereitschaft vom Publikum, über Gutschein­-Käufe, Crowd­funding­-Aktionen, oder Video on Demand­-Kooperationen den Kinos zu helfen. Die Kundenbindung zwischen den Kinos und den Zuschauern erweist sich als sehr stark. Kinogänger sind sehr loyal.

 

Pelkanblut-filmszene

Der Starttermin des Kinofilms „Pelikanblut“ mit Schauspielerin Nina Hoss (Mitte) musste, wie viele andere auch, vorerst verschoben werden

 

Angenommen alles pendelt sich wieder ein: Wo möchten Sie mit der Filmbranche im Norden in fünf Jahren gern stehen?

(Längere Pause) Die Frage hätte ich vor vier Wochen sicherlich anders be­antwortet als im Moment. Vom jetzigen Zeitpunkt aus gesehen, wünsche ich mir vor allem eine stabile Branche, die klare, sichere Finanzierungs­ und Auswertungsperspektiven hat.

Grundsätzl­ich wünsche ich mir eine Branche, die am Puls der Zeit ist und sich offen zeigt für neue Modelle, die mutig ist in den Stoffen, die sie anfasst und in den For­maten, die sie wählt. Das betrifft sowohl die Produzenten als auch die Kinos und Verleiher. Es tut gut, immer wieder den Horizont zu erweitern und neue Ansät­ze zuzulassen, eine Veränderung zu akzeptieren und darauf zuzugehen statt sie sofort auszuschließen und abzublocken.

Auf welchen Film, der nun im Kino wäre, hatten Sie sich am meisten gefreut?

„Pelikanblut“ von Katrin Gebbe. Das ist ein Verlust. Der wird nun erst mal verschoben. Aber er wird ins Kino kommen, da bin ich mir sicher. Der lohnt sich wirklich. Ein toller Film.

Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein


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Kino on Demand & Grandfilm: Top 5 Kinofilme zum Streamen

Die Hamburger Kinos brauchen dringend Unterstützung. Mit Kino on Demand und Grandfilm gibt es gleich zwei Online-Plattformen, die ihre Gewinne mit den lokalen Kinos teilen – eine gute Alternative zu den großen Streaming-Anbietern. Hier sind einige Empfehlungen

Text: Marco Arellano Gomes

 

Apocalypse Now – Final Cut

Coppolas Meisterwerk in neuer Fassung

 

Regielegende Francis Ford Coppola hat an seinem legendären Kriegsfilm von 1979 ein letztes Mal die Schere angelegt – zumindest, wenn man dem Zusatz „Final Cut“ Glauben schenken mag. „Apocalypse Now“ ist ein Highlight der Filmgeschichte. Mindestens so legendär wie der Film ist auch seine Entstehung, die von einem überzogenem Budget, Chaos am Drehort und Schauspielern im Drogen- rausch handelt. Die finale Fassung dieses Monumentalfilms – 2001 gab es bereits die 49 Minuten längere Redux-Version – kam vergangenes Jahr, pünktlich zum 40-jährigen Jubiläum in ausgewählte Kinos. Wer das verpasst hat, kann es nun nachholen.

Der Film, der lose auf der Romanvorlage von Joseph Conrad („Herz der Finsternis“) basiert, zeigt den für Spezialeinsätze zuständigen Captain Willard (Martin Sheen), der im Auftrag der US-Army mit einem von vier Männern besetzten Patrouillenboot einen Fluss in Vietnam bis tief in den Urwald hinauffährt, um den exzentrischen, offenbar verrückt gewordenen Colonel Walter Kurtz (Marlon Brando) zu liquidieren. Was folgt, ist ein Trip mitten in das Herz der Finsternis. Warum sich das lohnt? Weil der Film auch in dieser Version in der ersten Liga spielt, weil Bild und Ton klarer und wuchtiger denn je daherkommen, und weil die Reise mit Captain Willard durch die Wirren des Krieges eine Erfahrung mit visueller und erzählerischer Wucht ist, die bis heute ihresgleichen sucht.

 

 

auf DVD/Blu-ray, als VoD; www.kino-on-demand.com

 

LaLaLand

Ein Film zum Träumen, Singen und Verlieben

 

Mia (Emma Stone) und Sebastian (Ryan Gosling) sind Träumer. Mia möchte Filmschauspielerin werden, Sebastian eine klassische Jazz-Bar eröffnen. Bis es so weit ist, schlägt sie sich in einem Coffeeshop durch, während er sein Geld mit kleinen Musikdarbietungen in Restaurants, Bars und Gartenpartys verdient. Auf einer solchen Party laufen sich die beiden dann über den Weg – zum dritten Mal, wohl bemerkt! Das kann in einer Millionenmetropole wie Los Angeles kein Zufall sein, mutmaßt Sebastian. Und so kommen sich die beiden Tanzschritt für Tanzschritt näher. Das erinnert nicht zufällig an Musicalfilme wie „The Band Wagon“ (1953). Hier wie dort folgt auf einen Spaziergang eine plötzliche Tanz- und Gesangseinlage. Hier wie dort dient die Großstadt als Kulisse. Beim Klassiker sind es Fred Astaire und Cyd Charisse in New York. In diesem Fall sind es Gosling und Stone in Los Angeles.

Die Stadt der Träume – was könnte passender sein? Regisseur Damien Chazelle lässt seine Protagonisten gemeinsam tanzen, singen und träumen – und der Zuschauer lässt sich von der einprägsamen Musik, den eleganten Tanzeinlagen und den verspielten Kulissen ebenso verzaubern wie vom harmonischen Schauspiel. Selten wurde das Gefühl, sich zu verlieben, so überzeugend dargestellt, – und so ertappt man sich in einer fantasievollen Szene dabei, wie man gemeinsam mit den Darstellern Richtung Sternenhimmel abhebt. Wie im echten Leben auch, ist aber kein Höhenflug von Dauer.

 

 

auf DVD/Blu-ray, als VoD; www.kino-on-demand.com

 

Woody Allen – A Documentary

Wie aus dem Komiker der Kultregisseur Woody Allen wurde

 

Schreiben fällt Allen Stewart Konigsberg – alias Woody Allen – schon immer leicht. Bereits als Schüler verfasst er unterhaltsame Texte, die an die lokalen Zeitungen verkauft werden. Später schreibt der schmächtige jüdische Junge aus Brooklyn Gags für Comedians – und zwar so gut, dass er mehr als seine Eltern verdient. Das Showbusiness zieht ihn sofort in den Bann. Es dauert nicht lang, bis er selbst eine Karriere als Komiker und Entertainer startet. Er versteht es, die Menschen zum Lachen zu bringen. Es folgt sein Einstieg in das Filmgeschäft. Während seine ersten Filme vor allem durch Komik und Slapstick gekennzeichnet sind („Was gibt’s Neues, Pussy?“, „Bananas“), bildet sich in der mittleren Schaffensperiode ein tragisch-komödiantischer Fokus heraus, der zu ersten Meisterwerken („Der Stadtneurotiker“, „Manhattan“) führt.

In seiner späteren Schaffensphase überzeugt Allen mit Filmen, die zur Abwechslung nicht in New York, sondern in den Metropolen Europas spielen („Match Point“, „Midnight in Paris“). Robert B. Weides Filmbiografie „Woody Allen: A Documentary“ zeichnet eine Karriere von mehr als fünfzig Jahren durch Filmausschnitte und Erzählungen wichtiger Weggefährten und -gefährtinnen nach. Auch Woody Allen kommt zu Wort – und führt den Zuschauer durch die Straßen seiner Kindheit. Fast zwei Jahre hat Weide den scheuen Regisseur begleitet – dennoch ist der Mensch Woody Allen nicht so recht zu greifen.

Künstler (Regisseur, Drehbuchautor, Schauspieler) und Kunstfigur Woody Allen verschwimmen zu einer Person. Zwar gibt es spannende Einblicke in seine privaten Räumlichkeiten. Highlight: Woody Allen am Schreibtisch mit seiner Olympia, die er sich als 16-Jähriger kaufte. Auf dieser deutschen Schreibmaschine, die so zuverlässig funktioniere „wie ein Panzer“ hat Allen bis zum heutigen Tag jedes Drehbuch geschrieben. Und das fällt ihm, wenn man sich den Output an Filmen vor Augen führt (51 Filme in 55 Jahren), wohl noch immer leicht.

 

 

auf DVD/Blu-ray, als VoD www.kino-on-demand.com

 

Fridas Sommer

Sensibler Film über die Einsamkeit eines Kindes

 

Es ist Sommer 1993 in Barcelona, doch der sechsjährigen Frida (Laia Artigas) ist nicht zum Spielen und Herumtollen zumute. Ihre Mutter ist kürzlich verstorben. Ihr Vater lebt schon länger nicht mehr – und so schaut sie schweigend zu, wie die letzten Gegenstände aus der Wohnung in das Auto gebracht werden, das sie zu Onkel und Tante aufs Land bringen soll. Zum Abschied laufen einige ihrer Freunde noch dem Auto hinterher, winkend, einige Worte des Abschieds hinterherrufend. Frida hingegen schaut regungslos durch die Heckscheibe und wendet sich, keine Miene verziehend, nach vorn.

Auch ihrer „neuen“ Familie gegenüber, die sie liebe- und verständnisvoll empfängt, verhält sie sich zu Beginn wortkarg und zurückhaltend. Nur zögerlich lässt sie sich auf die neue Umgebung ein, hüpft mit ihrer jüngeren Cousine Anna (Paula Robles) durch den Garten und die Dachkammer und erkundet einen nahe gelegenen Wald.

Immer wieder bricht die Traurigkeit in Frida aus, wie eine nicht zu bändigende Naturgewalt. Sie verhält sich unvorhersehbar, launisch und trotzig. Die lebendige, atmende Kameraarbeit von Santiago Racaj verstärkt diesen Effekt und bringt einem die Perspektive von Frida nahe. Ihre Tante Marga (Bruna Cusí) und ihr Onkel Esteve (David Verdaguer) stehen vor einer unvorhergesehenen Herausforderung. Wird Frida sich an ihr neues Zuhause gewöhnen und den inneren Frieden finden?

Die sensibel erzählte Geschichte der Regisseurin Carla Simón betont die treibende Kraft der Neugierde, und Naivität im Umgang mit tragischen Ereignissen. 2018 wurde der Film mit diversen Filmpreisen ausgezeichnet (u. a. mit dem spanischen Filmpreis Goya). Zu Recht: „Fridas Sommer“ ist ein einfühlsames Plädoyer für die Kraft des Zuhörens, Verstehens und Zulassens von Gefühlen.

 

 

auf DVD/Blu-ray, als VoD, www.grandfilm.de

 

Mein liebster Stoff

Junge Frau zwischen Hoffnung und Freiheit

 

Damaskus, Frühjahr 2011. Der Bürgerkrieg hat begonnen. Aus dem hoffnungsfrohen Protest im Rahmen des Arabischen Frühlings wird ein bedrohlicher Konflikt, dessen Verlauf und Dauer noch niemandem bewusst ist, aber bereits in den Köpfen spukt. Es wird unübersichtlich und ungemütlich in Syrien. Doch noch scheint Damaskus weit davon entfernt zu sein.

Nahla (Manal Issa), eine 25 Jahre junge, launische Frau hat die Chance mit ihrer Familie dank einer arrangierten Ehe mit Samir (Saad Lostan), einem syrischen Exilanten in Amerika, das Land zu verlassen. Sie fühlt sich hin- und hergerissen, zwischen der Hoffnung, dem drohenden Konflikt zu entkommen und dem Wunsch nach Selbstbestimmtheit.

Als Samir schließlich ihre jüngere Schwester Myriam (Mariah Tannoury) wählt, entscheidet sich Nahla, die Nähe ihrer neuen Nachbarin, der mysteriösen Madame Jiji (Ula Tabari), zu suchen. Das ist der Stoff, der gesellschaftliche Sprengkraft besitzt. Die in Paris lebende und arbeitende syrische Filmemacherin Gaya Jiji feierte mit ihrem 94-minütigen Langfilmdebüt 2018 in Cannes Premiere. Ihr Film ist subtil und doch aufwühlend.

 

 

als VoD, www.grandfilm.de


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Kürzer wird’s nicht: Kurzfilmtage zur Wintersonnenwende

Am 21. Dezember ist Wintersonnenwende – der perfekte Tag für Kurzfilme

Text: Maike Schade

 

Beim Saunieren Filme gucken: Das gibt es in der „Lichtspielhaus“- Sauna des Holthusenbads (Goernestraße 21, Eppendorf ) regelmäßig. Selbstverständlich auch am 21. Dezember, denn dann ist Kurzfilmtag. Zu diesem Anlass klemmt sich die Kurzfilmagentur Filmrollen unter den Arm und macht sich auf den Weg zum schweißtreibenden Shorty-Vergnügen. Von 11.30 Uhr an wird jeweils zur halben Stunde ein preisgekrönter, zum 20er-Jahre-Ambiente der Sauna passender Kurzfilm gezeigt.

Dies ist nur eine von vielen Veranstaltungen, die am kürzesten Tag des Jahres stattfinden. Im Filmraum (Müggenkampstraße 45, Eimsbüttel) beispielsweise werden gleich zwei Programme gezeigt: Um 19 Uhr sind Gewinnerfilme der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen (Foto) zu sehen, um 21 Uhr folgen dann die „Golden Shorts“, neun Filmchen, die „dezembertauglich die Welt und das Leben reflektieren“.

 

Bunter Filmmix

 

„Was wäre, wenn…“ lautet das Motto an diesem Abend im Eidelstedter Bürgerhaus (Alte Elbgaustraße 12, 20 Uhr). In den sechs Filmen von Preisträgern und Nominierten des Deutschen Kurzfilmpreises geht es unter anderem um die unendlichen Möglichkeiten des Internets, herausfordernde Paarbeziehungen und kindliche Identitätskrisen.

Das B-Movie (Brigittenstraße 5, St. Pauli) beschäftigt sich ab 20 Uhr mit einem ganz anderen Thema: der Geschichte des Super-8 Kurzfilms. Gezeigt wird die 45-minütige, von Projektoren getaktete Performance „Achtung Bild – Jetzt kommt der Ton!“ von Soyuz Apollo, einem Projekt des Hamburger Medienkünstlers Thorsten Wagner.

Um „Lotto am Samstag“ und andere Pläsierchen geht es ab 19.30 Uhr in der Immanuelkirche auf der Veddel (Wilhelmsburger Str. 73). Kurzweilig wird es gewiss auch im KulturWerk (Boizenburger Weg 7, Rahlstedt) zugehen: Hier wird um 17 Uhr das Programm „Mensch Meier. Echt jetzt?“ gezeigt.

Auch die Kurzen bekommen Kurze serviert: Um 14 Uhr spielt das Alabama Kino auf Kampnagel (Jarrestr. 20, Winterhude) ein Best-of des „Mo&Friese“-Programms. Für Filmfans ab 65 Jahren ist das Programm „SeniorInnen“ am 19. Dezember im Gemeinschaftsraum Hartwig-Hesse-Quartier (Alexanderstraße 29, St. Georg), 14.30 Uhr, sowie am 30. Dezember um 15 Uhr im Festsaal des Hospitals zum Heiligen Geist (Hinsbleek 11, Poppenbüttel) zu sehen.

kurzfilmtag.com


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