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Sayed: „Ich habe sie zum ersten Mal am Tag unserer Verlobung gesehen“

„Zu Hause spreche ich Persisch. Obwohl meine Frau seit 20 Jahren in Hamburg ist, hier zur Schule gegangen ist, studiert hat und unsere Kinder hier geboren sind. Ich bin erst vor drei Jahren nach Hamburg gekommen, Amin schon vor neun. Er ist mein einziger Freund hier, und der einzige, mit dem ich Deutsch spreche. Daher ist meins leider nicht so gut wie seins. Aber wenn wir es von Afghanistan bis hier geschafft haben, schaffen wir den Rest auch, nicht wahr?

Wir haben von unserer Heimat nur Krieg gesehen. Und trotzdem lieben wir sie. Jeden Tag vermisse ich mein Zuhause, meine Freunde, meine Familie. Gleichzeitig weiß ich: Nirgends auf der Welt ist es besser als in Deutschland. Hier habe ich meine Frau und meine Kinder.

Bei uns Afghanen ist es üblich, dass wir Ehen mit entfernten Verwandten schließen. Ich habe meine Frau zum ersten Mal am Tag unserer Verlobung gesehen, vorher nur über Skype. Zwei Jahre später haben wir in Afghanistan geheiratet, richtig kennengelernt habe ich sie erst hier. In Hamburg.

Das mag für euch seltsam klingen, aber für uns ist es normal schon mit Anfang 20 zu heiraten. Wir dürfen nämlich keine lockeren Partnerschaften führen. Unsere Religion verbietet es uns. Seit einigen Jahren gibt es sogar ein Gesetz in Afghanistan, das es Männern erlaubt, vier Frauen gleichzeitigzu haben. Absurd, oder? Aber so ist das mit Gesetzesreligionen in muslimischen Ländern. Das Gesetz ist quasi eins mit dem Koran.

Ich will jedenfalls keine zweite Frau. Wallah, ich liebe meine sehr, von Tag zu Tag mehr. Und jetzt, da die Kinder da sind, haben wir eine endlose Zukunft. Weißt du, ich bin davon überzeugt, dass es zwei Welten gibt. Die, bevor du Kinder hast. Da bist du ein Junge, der alles hat, eine eigene Welt. Du kannst Mist machen, mit Freunden in die Disco gehen und so weiter. Dann bekommst du ein Kind und alles ist vorbei.

Und dann beginnt das Paradies.“

/ Max Nölke


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Kinnari: „Ich bin für ihn nach China gezogen“

„Treffen sich eine Inderin und ein Österreicher in China und heiraten – so klingt meine Lovestory. Verrückt, oder? Es war eine dieser Meant-to-be-Situationen. Und es klingt zwar ziemlich cheesy, aber wenn zwei Menschen füreinander bestimmt sind, dann ist es super einfach. Es gibt keine komplizierten Spielchen. Du fragst dich nicht: Soll ich ihm jetzt schreiben oder nicht? Auch die Entfernung spielt keine Rolle, weil du immer eine Lösung finden wirst, damit es funktioniert. Daher bin ich vor zehn Jahren für ihn nach China gezogen.

Ich komme ursprünglich aus Mumbai, lebe aber seit gut 20 Jahren schon nicht mehr dort. Trotzdem wird das immer mein zu Hause sein. Ich könnte aber nie nur an einem Ort der Welt leben. Meine Mama sagt immer, ich würde das Leben zu sehr komplizieren. Dabei will ich einfach die ganze Komplexität des Lebens kennenlernen und es immer spannend halten.

Mein Mann und ich haben uns jetzt entschieden, China zurückzulassen, wir wollen etwas Neues machen. Daher bin ich gerade in Hamburg, weil wir vielleicht hierherziehen. Ich liebe die Stadt, die Architektur ist wunderschön, die Menschen akzeptieren dich, alles ist international.

Es ist nicht so, dass ich keine Sorgen davor habe, hierherzuziehen und mein Leben wieder einmal umzukrempeln. Aber ich habe gelernt, dass meine Sorgen auch immer bedeuten, dass etwas Aufregendes in meinem Leben passiert. Und danach lebe ich. Daher ist Sorge meist mit positiven Dingen verbunden.“

/ Max Nölke


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Daniel: „Ich lasse mir von dieser Scheiße nicht mein Leben kaputtmachen“

„Retinitis pigmentosa. Simpel erklärt, bedeutet das, deine Sehsinneszellensterben sukzessiv ab. Bis zu meinem 18. Lebensjahr hatte ich ein Sehvermögen von 20 Prozent. Das hört sich wenig an, ist aber noch eine ganze Menge. Damals konnte ich noch Fahrrad fahren und inlineskaten. Heute habe ich auf beiden Augen das zentrale Sehen verloren, ich sehe nur noch peripher. Um Dinge zu erkennen, muss ich also die Augen hochrollen, weil ich quasi nur noch über den Rand des Gesichtsfeldes sehe. Der natürliche Krankheitsverlauf sieht vor, dass ich irgendwann komplett erblinden werde.

Die Momente sind selten, aber es gibt sie, an denen ich denke, es ist traurig, dass es mich getroffen hat oder, dass ich dieses und jenes nicht mehr machen kann. Logischerweise sind da tausend Sachen, die ich vermisse, aber eigentlich verbiete ich mir diese Gedanken. Ich kann es ja eh nicht ändern. Ich habe gelernt, dass es unheimlich vieles gibt, das auch ohne Augen funktioniert. Ich schreibe, mache Podcast und produziere Musik. Früher war ich stinkfaul, habe wenig gelesen, mich nicht so sehr fürdas Weltgeschehen interessiert wie ich es heute tue. Weil irgendwann viele meiner Hobbys weggefallen sind, lese ich heute viel mehr. Gut, ich lasse mir das meiste über Sprachausgaben vorlesen. Aber das zählt als lesen, finde ich. Den Großteil meiner Bildung habe ich auf den Metern gemacht, nachdem meine Augen mich im Stich gelassen haben.

Als die Krankheit schlimmer wurde, habe ich schnell klargestellt: Ich lasse mir von der Scheiße nicht mein Leben kaputtmachen. Also habe ich sofort die Blindenschrift gelernt und mir Skills antrainiert, die mich – soweit das möglich ist – normal weiterleben lassen. Das Schwierigste war dabei die Sache mit dem Stolz. Zu Bachelor-Zeiten habe ich den Leuten teilweise gar nichts erzählt von meiner Sehbehinderung, man sieht es mir auf den ersten Blick auch gar nicht an. Dann dachten die sich: Das ist dieser Weirdo, mit dem irgendetwas nicht stimmt, was genau es ist, wusste aber keiner. Bis vor einem Jahr kam es für mich auch nicht infrage, mit Blindenstock herumzulaufen. Ich wollte mich nicht so fühlen, als wäre ich auf einen Stock angewiesen. Jetzt ist es normal, weil, nun ja, ich bin es ja auch.

Obendrein sensibilisiert es die Leute um mich herum, wenn sie mich mit Stock sehen. Jeder weiß sofort, woran er bei mir ist. Manchmal vergessen die Leute aber, dass blinde Menschen keine dummen Menschen sind. Keiner muss laut und deutlich mit mir reden. Bei mir ist alles intakt. Nur halt meine Augen nicht. Daher soll auch jeder checken, dass er mich ruhig anfassen und über die Straße, an der Baustelle vorbei oder in den Supermarkt geleiten darf. Ich erwarte das nicht, weil sich ja jeder seinem eigenen Kosmos angemessen verhält. Und in diesem Kosmos ist man im Normalfall eben nicht blind. Aber es ist jedes Mal schön, wenn man den Blick für mich hat. Eigentlich will ich gar nicht mehr, als dass man mir auf Augenhöhe begegnet. Und auch für einen Blinden-Witz bin ich immer zu haben. Wenn er gut ist.“

/ Max Nölke


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Walter: „Ey, ihr Ärsche, meldet euch mal bei eurem Papa!“

„Meine Söhne sind 20 und 22. Erst gestern habe ich mit ihrer Mutter telefoniert, wir leben getrennt. Und während wir so gequatscht haben, dachte ich: Wir haben echt vieles richtig gemacht. Die Zwei sind völlig normale Jungs, nicht hochintelligent, der eine hat ein sauschlechtes Abi gemacht, der andere hat die Schule nach der Mittleren Reife abgebrochen, zwei faule Socken, beide Raucher, aber absolut gerade Typen.

Der Ältere macht eine Ausbildung zum Elektroniker und der Jüngere beginnt demnächst eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger. Sie bauen sich gerade ihr Fundament, haben Freunde, leben ihr leben und niemand würde die beiden für irgendeine krumme Geschichte rumkriegen. Da darf man als Vater schon mal stolz sein. Auch, wenn ich ihnen das nie zeige.

Als ich in ihrem Alter war, habe ich mich kaum bei meinen Eltern gemeldet. Heute rüge ich das, dann sag ich den beiden immer: Ey, ihr Ärsche, meldet euch mal bei eurem Papa. Darin sehe ich den Auftrag, den ich jetzt noch als Vater habe: Da zu sein und interessiert an ihrem Leben teilzuhaben. Wo es entlang geht, entscheiden sie selber.

Manchmal denke ich, ich hätte nochmal Bock auf Kinder. Blöderweise habe ich mich sterilisieren lassen. Andererseits ist es auch nicht so leicht in meinem Alter nochmal eine junge Frau zu finden. So werde ich wohl warten müssen bis die Enkelkinder kommen. Aber ich will mich auch nicht beschweren.

Das Leben ist aufregend, sag ich dir. Irgendwann kommst du in ein Alter, da fängst du an zu überlegen, ob du überhaupt noch einen Apfelbaum pflanzen kannst oder ob es vorher schon zu Ende ist. Mit 40 denkst du: Oh, das war schon die Hälfte. Mit 50 denkst du: Na hoffentlich war das wirklich die Hälfte. Mit 60 denkst du: Scheiße, das ist alles andere als die Hälfte. Ein guter Freund von mir hat immer gesagt: Da, wo die Angst ist, geht’s entlang. Vielleicht ist da mehr dran, als ich immer dachte.“

/ Max Nölke


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Johanna: „Kein Gefühl bleibt für immer“

„Kinder haben keine Maske auf, sie sind offen und ehrlich, du bekommst direkte Rückmeldungen. Und oft passieren Dinge, die dein Herz so sehr erwärmen. Neulich hat ein kleines Mädchen ein Bild gemalt, auf dem nur ein Himmel und eine Wiese zu sehen waren, dazwischen war nichts. Ich habe sie gefragt, ob sie etwas zu dem Bild erzählen möchte und dann meinte sie: ,Ja, ich habe ein Menschenleben gemalt.‘ Das fand ich so krass, so wunderschön.

Ich bin Erzieherin, weil ich manches anders machen will, als ich es erlebt habe. Auch wenn ich den Begriff schwierig finde. Wer bin ich, dass ich jemanden erziehen, einem Kind zeigen kann, wo es langgeht. Es geht vielmehr darum, die Welt gemeinsam zu entdecken. Ich glaube, Erwachsene haben bloß einen Erfahrungsvorsprung und begleiten Kinder bei ihrer Entwicklung. Dabei sind Kinder ihre eigenen Konstrukteure.

Als ich Kind war, habe ich immer wieder autoritäre Systeme erlebt, vor allem in den Bildungseinrichtungen, was auch dazu beigetragen hat, dass ich mich viel unter Druck gesetzt habe. Daher will ich den Kindern beim Großwerden helfen, wie ich es auch lieber erfahren hätte. Indem ich eher auf ihre Individualität acht gebe. Heißt, sie sollen wirklich das machen, was sie interessiert.

Um das für mich herauszufinden, was ich eigentlich möchte, bin ich viele Wege gegangen. Ich bin häufig umgezogen und immer, wenn ich woanders hingezogen bin, dachte ich: Dort wartet das Glück auf mich. Heute bin ich reflektierter und glaube, das Glück immer mal wieder gefunden zu haben. Du musst ihm eben auch einen Stuhl hinstellen. Und irgendwann passt man seine Erwartungen auch an. Dann weiß man, dass bestimmte Dinge so nicht mehr passieren werden. Es gab Zeiten, da habe ich mich sehr einsam gefühlt. Momentan ist das anders und vieles fühlt sich sehr gut an.

Zuletzt habe ich in einer stationären Jugendhilfe gearbeitet und da wird man sehr demütig und dankbar, was das eigene Leben anbelangt. Man erfährt, dass es Kindern wirklich schlecht gehen kann. Was ich denen immer gesagt habe, ist, dass kein Gefühl für immer bleibt. Teilweise ist das eine traurige Erkenntnis, manchmal ist es aber auch sehr erleichternd, das zu wissen.“

/ Max Nölke

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Laura: „Darf ich dir etwas vorlesen?“

„Ich habe noch keinen Plan, wie es weitergeht. Schule war für mich wie ein Gefängnis, zum Glück habe ich das seit letztem Jahr hinter mir. Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe jetzt erst richtig leben können. Dann kam plötzlich Corona und ich habe gemerkt, wie schnell ich in letzter Zeit gelebt habe. Es war auf eine Weise verstörend, mich der Situation anzupassen und dem Gefühl des Alleinseins zu stellen.

Auf der anderen Seite hatte ich aber plötzlich viel Zeit darüber nachzudenken, was ich eigentlich machen will. Und ich glaube, ich will weg aus Hamburg, mal etwas Neues kennenlernen. Ich bin vor neun Jahren mit meiner Familie aus Polen hergezogen. Meine Eltern hängen noch sehr an Polen, die schauen immer noch polnische Nachrichten und Wetterberichte. Dann analysieren sie anhand der Windrichtung, wie das Wetter in Hamburg wird. Ich vermisse es nicht mehr so sehr wie sie.

Zurzeit habe ich zwei Jobs, weil ich zu Hause ausziehen will. Einen bei Edeka, was irgendwie ganz witzig ist, weil die Kinder, als ich damals nach Deutschland gekommen bin, immer gesagt haben: ,Geh doch zu Edeka klauen‘ und jetzt, na ja, sitze ich da an der Kasse. Diese Sprüche verletzen mich nicht großartig, weil es ja immer die gleichen sind. Ich komme aus Polen, also klaue ich – ein solches Klischeedenken ist ja nicht mal lustig, viel eher ist das der Ursprung von Rassismus. Aber da trifft es andere deutlich schlimmer als mich. Verstehen tue ich es trotzdem nicht.

Das Zeichnen hilft mir dabei, Dinge zu begreifen und meine Gefühle auszudrücken. Kennst du Jean-Michel Basquiat? Seine Bilder sind voller Angst und Traurigkeit, paradoxerweise aber auch voller Harmonie. Und seine Arbeiten sind so toll. Da denke ich manchmal, vielleicht muss erst eine Angst entstehen, damit etwas Tolles daraus hervorgeht. Seit Kurzem schreibe ich auch viel mehr. Ich bin nämlich jemand, der viel erzählt und im Nachhinein merke ich manchmal, dass ich einige Dinge gar nicht sagen wollte. Jetzt habe ich verstanden, dass ich vieles ja auch aufschreiben kann. Denn, wenn man es sagt, dann ist es fest und bleibt in den Köpfen. Schreibe ich es aber auf, ist der Gedanke bei mir, ich kann noch mal drüber schauen, etwas verändern und die Idee vielleicht nutzen. Darf ich dir etwas von mir vorlesen?“

/ Max Nölke

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Christian: „Sie verstehen es nicht, wie man sich als Mann schminken kann“

„Ich nenne mich selbst eine Teilzeit-Transe. Fanny Fantastic ist mittlerweile keine Rolle mehr für mich. Sie ist ein Teil meiner Persönlichkeit, eine andere Seite von Christian. Daher besteht nicht die Gefahr, mich darin zu verlieren. Christian ist Fanny und Fanny ist Christian.

Das können viele nicht verstehen. Sie kommen mit der Lebensidee nicht klar, dass man sich als Mann, der fest im Leben steht, am Wochenende eine Perücke aufsetzt und sich schminkt. Auch meine Eltern waren anfangs skeptisch, heute sind sie stolz, auf das, was ich als Dragqueen erreicht habe. Es muss nicht jeder verstehen, aber für mich ist es mein Leben geworden, wochenends im Fummel durch die Welt zu laufen.

Angefangen hat das Ganze vor zehn Jahren an der Schauspielschule. Damals brauchten wir für ein Stück noch ein drittes Mädchen, da sagte der Regisseur: ,Christian, du hast das androgynste Gesicht. Wir schminken dich jetzt.‘ Ich habe die Rolle geliebt, es hat sich sofort richtig angefühlt. Später habe ich die Ausbildung abgeschlossen und die weibliche Rolle weiterverfolgt. Irgendwann ist Olivia Jones dann auf mich aufmerksam geworden und mittlerweile laufe ich Kieztouren, trete mehrmals die Woche auf und kann mich damit finanzieren.

Und ich bin noch lange nicht am Ende. Ich will mein Leben lang in der Travestieszene arbeiten. Mein großes Vorbild ist France Delon, eine Art Mentorin für mich. Sie ist eine Künstlerin, die schon in den Siebzigern aufgetreten ist. Heute ist der Mann, der sie spielt, 68 Jahre als und steht noch immer auf der Bühne. Da will ich auch irgendwann hin. In High Heels Richtung Rente.“

/ Max Nölke

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Jürgen: „Irgendwann sterben sie“

„Man darf es ja gar nicht sagen, aber zu Zeiten der ganzen Beschränkungen fand ich Hamburg so schön wie nie zuvor. Die leeren Straßen, die geschlossenen Cafés, die Ruhe in der Stadt – das war besonders und habe ich noch nicht erlebt. Und ich bin immerhin seit 40 Jahren als Postbote unterwegs. Da lebt man im Stress, im Wirrsal: Straße rauf, Straße runter, Treppe hoch, Treppe runter, durch die Menschenmassen hindurch, an den Autos vorbei. Alles war wie weggefegt.

Schon meine Mutter war bei der Post, in den Siebzigern bin ich bei ihr mitgelaufen. Als Kind habe ich es im Postamt geliebt. Wir haben dort Fußball gespielt und alles war voller Briefmarken. Da war für mich schnell klar: Ich will auch zur Post. 1981 hatte ich dann meinen ersten Tag. Man, war ich aufgeregt. Ich habe ewig gebraucht, wusste überhaupt nicht, wo ich entlang musste.

Heute ist es der beste Job der Welt. Sobald ich aus dem Postamt herauskomme, kann ich den Tag so gestalten, wie ich will. Ich laufe am Tag um die zehn Kilometer durch die Gegend, bin immer an der frischen Luft, ob Regen, Sturm, Wind – du lebst mit dem Wetter. Und dabei treffe ich Leute, denen ich seit den Achtzigern ihre Post bringe. Dann sterben sie irgendwann und es kommen Jüngere nach. Es gibt nie Stillstand. Auch die Stadt und die Architektur verändern sich. Nur ich laufe unentwegt mit meiner Karre durch das Viertel. Wie in den Achtzigern. Auch wenn die Knochen langsam wehtun.“

/ Max Nölke

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Monique: „Sie haben meine Geschichte schon im Kopf“

„Der Rassismus in Deutschland wird sehr viel offener ausgetragen, als in Großbritannien, wo ich herkomme. Und versteh mich nicht falsch, auch dort sind viele Menschen rassistisch. Hier in Deutschland ist das alles aber direkter. Ich bin in London geboren, meine Mutter ebenso. Da fühlt es sich scheiße an, wenn die Leute mich hier fragen, wo genau aus Afrika ich herkomme.

Es sind viele kleine Dinge, aber sie haben eine große Wirkung. Wenn ich bei einer Wohnungsbesichtigung bin, ist das Interesse in der Regel nicht sonderlich groß für mich. Erzähle ich dann aber, dass ich im Musical ,,Der König der Löwen“ mitspiele, bin ich für den Makler plötzlich interessant. Wenn ich mit meinem Freund, der deutsch ist, zusammen bin, sprechen die Leute häufig mit ihm, ich stehe daneben und werde nicht beachtet.

Dabei glaube ich, dass ich an sich eine sehr nette Person bin, aber viele geben mir überhaupt nicht den Moment, das zu beweisen. Sie wollen meine Geschichte nicht hören, sondern haben sie schon im Kopf. Wahrscheinlich denken einige auch, was sie denken wollen. Dabei gibt es natürlich genug Menschen, die nicht rassistisch sind. Manchmal muss ich mich selbst aber daran erinnern.

Dass 14.000 Menschen in Hamburg auf die Straße gehen und für Black Lives Matter einstehen, stimmt mich hoffnungsvoll. Zwar wird Rassismus dadurch nicht verschwinden, aber die ganze Welt hat es jetzt gesehen. Und auch wenn es nur für einen Moment war, vielleicht kann dieser Moment eine neue Ära einläuten. Eine, in der die Menschen verstehen, dass wir zusammenstehen müssen.

Wenn ich Probleme mit meiner Hautfarbe und den ganzen Vorurteilen, die da mitschwingen, habe, denke ich mir oft: Vielleicht müssen wir uns bloß einen Moment nehmen und die Geschichte des anderen hören. Denn jederhat eine Geschichte, die erzählt werden sollte.“

/ Max Nölke

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Grzegorz: „Und dann lebe ich wieder“

“Meine Geschichte in Deutschland beginnt mit einer Familienzusammenführung 1989. Ich war damals 24 Jahre alt und es war alles andere als einfach sich anzupassen. Die Mauer war gefallen und vieles war durcheinander, weil damals eine ganze Welle von Einwanderern nach Deutschland kam. Was die Menschen seinerzeit wie heute beschäftigt, ist häufig die Angst, die Ungewissheit, vielleicht auch eine fehlende Vorstellungskraft.

Ich hatte früh schon Ziele und konnte dadurch schnell in diesem Land Fuß fassen. Nicht zum letzten Mal in meinem Leben dank der Musik. Schon als kleiner Junge habe ich in Polen angefangen zu trommeln, dann Musik am Konservatorium studiert und am Musiktheater im polnischen Gleiwitz im Orchester gespielt. Als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich in einer Big Band in Wuppertal angefangen. So konnte ich meinen Anker setzen.

Die zweite große Leidenschaft, die sich wie ein Band durch mein Leben zieht, ist die Kunst, in erster Linie das Fotografieren. Ich liebe es, Menschen zu fotografieren. Du kannst zu jedem Menschen eine Geschichte erzählen. Na klar, Vögel und Natur sind auch schön, aber das menschliche Spektrum ist ein Wahnsinn. Jede Situation, jeder Moment von Menschen ist eine Geschichte, die es festzuhalten gilt. Ich weiß wirklich nicht, ob ich derjenige wäre, der ich heute bin, wenn ich die Musik und die Kunst nicht gehabt hätte. Wenn ich traurig bin, setze ich mich nicht vor den Fernseher, nein, ich höre Musik oder gehe in eine Vernissage, gucke, höre, tausche mich aus – und dann lebe ich wieder.”

/ Max Nölke 


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