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Constanze: „Mit dem Kopftuch stehe ich für etwas“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Constanze begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Vor vier Jahren bin ich zum Islam konvertiert. Weil ich europäisch aussehe, irritiere ich manche Menschen mit dem Kopftuch. Meine Überzeugung ist aber stärker als die Unsicherheit, die andere darauf projizieren. Ich möchte mich mit dem Tuch ja zu erkennen geben, stehe für etwas.

Ich habe einen sehr besonderen Freund. Was er sagt, stößt so vieles an, er strahlt eine unglaubliche Tiefe aus, so eine absolute Grundgüte, und gleichzeitig ist er ein Mysterium. Manchmal sagt er nichts und sagt damit alles. Ich glaube, solche Eigenschaften in sich zu haben und sie dann auch noch nach außen tragen zu können, ist eine große Gabe. Wenn du dieses Authentische verkörperst, kommt der Rest von alleine. Das habe ich erst verstanden, als ich zum Islam gefunden habe.

Es fing auf einer Weltreise an. In Nepal, China, Laos, Neuseeland, Amerika, Mexiko und Osteuropa habe ich verschiedene Religionen kennengelernt, von denen mich aber keine angesprochen hat. Ich hatte aber immer das Gefühl, da ist irgendetwas, es gibt eine Spiritualität, etwas Übergeordnetes, das ich nicht greifen kann.

Zurück in Deutschland bin ich dann dem Islam nähergekommen, habe den Koran gelesen und Bekanntschaft mit einigen Flüchtlingen gemacht. Da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass die ganzen Fragezeichen in meinem Kopf langsam verschwinden.

 

„Die Gräben werden tiefer”

 

Die meisten meiner Freunde und Teile meiner Familie haben es nie verstanden, was ich in einer fremden Religion hoffe zu finden. Gerade die ganzen Debatten, die sich um den Glauben im Islam spinnen, schrecken viele Leute ab. Er wird oft als Unterwerfung wahrgenommen, gerade für Frauen. Dabei habe ich es aus ganz freien Stücken entschieden.

Es wirkt heute oft, als gäbe es nur dafür oder dagegen, Muslim oder nicht, schwarz oder weiß. Alles ist in Lager eingeteilt. Das macht mir Sorgen. Dass die Gräben zu tief werden und es sich nicht mehr kitten lässt.

Bei dieser Angst hilft mir die Religion ganz besonders. Sie umspannt den gesamten Tag, hilft in Stresssituationen oder wenn ich traurig bin. Ich habe eine neue Form von Dankbarkeit entwickelt und in vielem einen neuen Sinn gefunden. Mir fällt tatsächlich keine Situation ein, in der mir der Islam nicht hilft. Okay, außer vielleicht bei der Wohnungssuche.”


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Lilly: „Du darfst anders sein“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Lilly begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Mir wurde immer gesagt, als blondes Mädchen hast du’s ja nicht so mit Mathe, du solltest mal lieber ins Marketing gehen. Das habe ich tatsächlich erstmal gemacht. Um dann recht schnell zu merken, dass es gar nicht so meins ist. Mittlerweile bin ich Informatikerin, also mache Programmierung und so’n Kram. Hättest du nicht gedacht, oder?

Ich arbeite in einer Agentur und studiere nebenbei. Es ist eine gute Zeit zum Lernen, glaube ich. Im Sommer habe ich das Jagen für mich entdeckt. Wenn man sich mal damit befasst, bekommt man einen ganz anderen Blick auf Mensch und Tier, obendrein sehr viel Respekt gegenüber der Umwelt und ein Bewusstsein für den Fleischkonsum. Ich esse wirklich wenig Fleisch und wenn, für den Genuss. Wenn du aber alle drei Monate auf die Jagd gehst und ein Tier erlegst, hast du davon theoretisch monatelang was. Es wird 95 Prozent davon verwertet und du weißt, wo es herkommt.

Bislang bin ich nur mit einem Jäger mitgegangen und habe nicht selbst geschossen, will nächstes Jahr aber meinen Jagdschein machen. Manchmal bin ich eben ein kleiner Weirdo. Trotzdem: Jagen ist mal was anderes und eine Tradition, die verfällt. Was für ein Baum ist das? Welcher Vogel singt da? Das sind alles Sachen, die sollte man nicht so versickern lassen. Daher hat mich das Jagen interessiert. Es ist wie bei der IT: Keiner will’s machen, deshalb mache ich das.

 

Ist doch alles chico

 

Vielleicht hätte ich in meinem Leben ein bisschen früher auf mich selbst hören sollen. Ich habe zwar früh gecheckt, was ich will und was nicht, aber mit 13, 14 denkt man sich seinen Teil und geht trotzdem mit der Menge mit. Ab 20 merkt man dann: ‘Ach ganz ehrlich, ich mach’s auf meine Art.’ Und plötzlich erkennst du, dass das auch gut klappt.

Überprüf einfach ab und zu deinen eigenen Kompass, hör auf dein Bauchgefühl und deine Moral und dann sollte das Grundlegendste im Leben schon klar gehen. Ich finde, du darfst auch anders sein als das Gros, darfst andere Musik hören, einen anderen Job machen, anders aussehen. Solange du ein guter Mensch bist, ist doch alles Chico.“


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Sayed: „Ich habe sie zum ersten Mal am Tag unserer Verlobung gesehen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Sayed begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Zu Hause spreche ich Persisch. Obwohl meine Frau seit 20 Jahren in Hamburg ist, hier zur Schule gegangen ist, studiert hat und unsere Kinder hier geboren sind. Ich bin erst vor drei Jahren nach Hamburg gekommen, Amin schon vor neun. Er ist mein einziger Freund hier, und der einzige, mit dem ich Deutsch spreche. Daher ist meins leider nicht so gut wie seins. Aber wenn wir es von Afghanistan bis hier geschafft haben, schaffen wir den Rest auch, nicht wahr?

Wir haben von unserer Heimat nur Krieg gesehen. Und trotzdem lieben wir sie. Jeden Tag vermisse ich mein Zuhause, meine Freunde, meine Familie. Gleichzeitig weiß ich: Nirgends auf der Welt ist es besser als in Deutschland. Hier habe ich meine Frau und meine Kinder.

 

Gesetzesreligionen

 

Bei uns Afghanen ist es üblich, dass wir Ehen mit entfernten Verwandten schließen. Ich habe meine Frau zum ersten Mal am Tag unserer Verlobung gesehen, vorher nur über Skype. Zwei Jahre später haben wir in Afghanistan geheiratet, richtig kennengelernt habe ich sie erst hier. In Hamburg.

Das mag für euch seltsam klingen, aber für uns ist es normal schon mit Anfang 20 zu heiraten. Wir dürfen nämlich keine lockeren Partnerschaften führen. Unsere Religion verbietet es uns. Seit einigen Jahren gibt es sogar ein Gesetz in Afghanistan, das es Männern erlaubt, vier Frauen gleichzeitig zu haben. Absurd, oder? Aber so ist das mit Gesetzesreligionen in muslimischen Ländern. Das Gesetz ist quasi eins mit dem Koran.

Ich will jedenfalls keine zweite Frau. Wallah, ich liebe meine sehr, von Tag zu Tag mehr. Und jetzt, da die Kinder da sind, haben wir eine endlose Zukunft. Weißt du, ich bin davon überzeugt, dass es zwei Welten gibt. Die, bevor du Kinder hast. Da bist du ein Junge, der alles hat, eine eigene Welt. Du kannst Mist machen, mit Freunden in die Disco gehen und so weiter. Dann bekommst du ein Kind und alles ist vorbei.

Und dann beginnt das Paradies.“


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Kinnari: „Ich bin für ihn nach China gezogen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Kinnari begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Treffen sich eine Inderin und ein Österreicher in China und heiraten – so klingt meine Lovestory. Verrückt, oder? Es war eine dieser Meant-to-be-Situationen. Und es klingt zwar ziemlich cheesy, aber wenn zwei Menschen füreinander bestimmt sind, dann ist es super einfach. Es gibt keine komplizierten Spielchen. Du fragst dich nicht: Soll ich ihm jetzt schreiben oder nicht? Auch die Entfernung spielt keine Rolle, weil du immer eine Lösung finden wirst, damit es funktioniert. Daher bin ich vor zehn Jahren für ihn nach China gezogen.

Ich komme ursprünglich aus Mumbai, lebe aber seit gut 20 Jahren schon nicht mehr dort. Trotzdem wird das immer mein zu Hause sein. Ich könnte aber nie nur an einem Ort der Welt leben. Meine Mama sagt immer, ich würde das Leben zu sehr komplizieren. Dabei will ich einfach die ganze Komplexität des Lebens kennenlernen und es immer spannend halten.

 

Neues machen

 

Mein Mann und ich haben uns jetzt entschieden, China zurückzulassen, wir wollen etwas Neues machen. Daher bin ich gerade in Hamburg, weil wir vielleicht hierherziehen. Ich liebe die Stadt, die Architektur ist wunderschön, die Menschen akzeptieren dich, alles ist international.

Es ist nicht so, dass ich keine Sorgen davor habe, hierherzuziehen und mein Leben wieder einmal umzukrempeln. Aber ich habe gelernt, dass meine Sorgen auch immer bedeuten, dass etwas Aufregendes in meinem Leben passiert. Und danach lebe ich. Daher ist Sorge meist mit positiven Dingen verbunden.“


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Daniel: „Ich lasse mir von dieser Scheiße nicht mein Leben kaputtmachen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Daniel begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Retinitis pigmentosa. Simpel erklärt, bedeutet das, deine Sehsinneszellensterben sukzessiv ab. Bis zu meinem 18. Lebensjahr hatte ich ein Sehvermögen von 20 Prozent. Das hört sich wenig an, ist aber noch eine ganze Menge. Damals konnte ich noch Fahrrad fahren und inlineskaten. Heute habe ich auf beiden Augen das zentrale Sehen verloren, ich sehe nur noch peripher. Um Dinge zu erkennen, muss ich also die Augen hochrollen, weil ich quasi nur noch über den Rand des Gesichtsfeldes sehe. Der natürliche Krankheitsverlauf sieht vor, dass ich irgendwann komplett erblinden werde.

Die Momente sind selten, aber es gibt sie, an denen ich denke, es ist traurig, dass es mich getroffen hat oder, dass ich dieses und jenes nicht mehr machen kann. Logischerweise sind da tausend Sachen, die ich vermisse, aber eigentlich verbiete ich mir diese Gedanken. Ich kann es ja eh nicht ändern. Ich habe gelernt, dass es unheimlich vieles gibt, das auch ohne Augen funktioniert. Ich schreibe, mache Podcast und produziere Musik. Früher war ich stinkfaul, habe wenig gelesen, mich nicht so sehr fürdas Weltgeschehen interessiert wie ich es heute tue. Weil irgendwann viele meiner Hobbys weggefallen sind, lese ich heute viel mehr. Gut, ich lasse mir das meiste über Sprachausgaben vorlesen. Aber das zählt als lesen, finde ich. Den Großteil meiner Bildung habe ich auf den Metern gemacht, nachdem meine Augen mich im Stich gelassen haben.

 

Die Sache mit dem Stolz

 

Als die Krankheit schlimmer wurde, habe ich schnell klargestellt: Ich lasse mir von der Scheiße nicht mein Leben kaputtmachen. Also habe ich sofort die Blindenschrift gelernt und mir Skills antrainiert, die mich – soweit das möglich ist – normal weiterleben lassen. Das Schwierigste war dabei die Sache mit dem Stolz. Zu Bachelor-Zeiten habe ich den Leuten teilweise gar nichts erzählt von meiner Sehbehinderung, man sieht es mir auf den ersten Blick auch gar nicht an. Dann dachten die sich: Das ist dieser Weirdo, mit dem irgendetwas nicht stimmt, was genau es ist, wusste aber keiner. Bis vor einem Jahr kam es für mich auch nicht infrage, mit Blindenstock herumzulaufen. Ich wollte mich nicht so fühlen, als wäre ich auf einen Stock angewiesen. Jetzt ist es normal, weil, nun ja, ich bin es ja auch.

Obendrein sensibilisiert es die Leute um mich herum, wenn sie mich mit Stock sehen. Jeder weiß sofort, woran er bei mir ist. Manchmal vergessen die Leute aber, dass blinde Menschen keine dummen Menschen sind. Keiner muss laut und deutlich mit mir reden. Bei mir ist alles intakt. Nur halt meine Augen nicht. Daher soll auch jeder checken, dass er mich ruhig anfassen und über die Straße, an der Baustelle vorbei oder in den Supermarkt geleiten darf. Ich erwarte das nicht, weil sich ja jeder seinem eigenen Kosmos angemessen verhält. Und in diesem Kosmos ist man im Normalfall eben nicht blind. Aber es ist jedes Mal schön, wenn man den Blick für mich hat. Eigentlich will ich gar nicht mehr, als dass man mir auf Augenhöhe begegnet. Und auch für einen Blinden-Witz bin ich immer zu haben. Wenn er gut ist.“


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Walter: „Ey, ihr Ärsche, meldet euch mal bei eurem Papa!“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Walter begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Meine Söhne sind 20 und 22. Erst gestern habe ich mit ihrer Mutter telefoniert, wir leben getrennt. Und während wir so gequatscht haben, dachte ich: Wir haben echt vieles richtig gemacht. Die Zwei sind völlig normale Jungs, nicht hochintelligent, der eine hat ein sauschlechtes Abi gemacht, der andere hat die Schule nach der Mittleren Reife abgebrochen, zwei faule Socken, beide Raucher, aber absolut gerade Typen.

Der Ältere macht eine Ausbildung zum Elektroniker und der Jüngere beginnt demnächst eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger. Sie bauen sich gerade ihr Fundament, haben Freunde, leben ihr leben und niemand würde die beiden für irgendeine krumme Geschichte rumkriegen. Da darf man als Vater schon mal stolz sein. Auch, wenn ich ihnen das nie zeige.

Als ich in ihrem Alter war, habe ich mich kaum bei meinen Eltern gemeldet. Heute rüge ich das, dann sag ich den beiden immer: Ey, ihr Ärsche, meldet euch mal bei eurem Papa. Darin sehe ich den Auftrag, den ich jetzt noch als Vater habe: Da zu sein und interessiert an ihrem Leben teilzuhaben. Wo es entlang geht, entscheiden sie selber.

 

Das Leben ist aufregend

 

Manchmal denke ich, ich hätte nochmal Bock auf Kinder. Blöderweise habe ich mich sterilisieren lassen. Andererseits ist es auch nicht so leicht in meinem Alter nochmal eine junge Frau zu finden. So werde ich wohl warten müssen bis die Enkelkinder kommen. Aber ich will mich auch nicht beschweren.

Das Leben ist aufregend, sag ich dir. Irgendwann kommst du in ein Alter, da fängst du an zu überlegen, ob du überhaupt noch einen Apfelbaum pflanzen kannst oder ob es vorher schon zu Ende ist. Mit 40 denkst du: Oh, das war schon die Hälfte. Mit 50 denkst du: Na hoffentlich war das wirklich die Hälfte. Mit 60 denkst du: Scheiße, das ist alles andere als die Hälfte. Ein guter Freund von mir hat immer gesagt: Da, wo die Angst ist, geht’s entlang. Vielleicht ist da mehr dran, als ich immer dachte.“


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Johanna: „Kein Gefühl bleibt für immer“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Johanna begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Kinder haben keine Maske auf, sie sind offen und ehrlich, du bekommst direkte Rückmeldungen. Und oft passieren Dinge, die dein Herz so sehr erwärmen. Neulich hat ein kleines Mädchen ein Bild gemalt, auf dem nur ein Himmel und eine Wiese zu sehen waren, dazwischen war nichts. Ich habe sie gefragt, ob sie etwas zu dem Bild erzählen möchte und dann meinte sie: ,Ja, ich habe ein Menschenleben gemalt.‘ Das fand ich so krass, so wunderschön.

Ich bin Erzieherin, weil ich manches anders machen will, als ich es erlebt habe. Auch wenn ich den Begriff schwierig finde. Wer bin ich, dass ich jemanden erziehen, einem Kind zeigen kann, wo es langgeht. Es geht vielmehr darum, die Welt gemeinsam zu entdecken. Ich glaube, Erwachsene haben bloß einen Erfahrungsvorsprung und begleiten Kinder bei ihrer Entwicklung. Dabei sind Kinder ihre eigenen Konstrukteure.

 

Unter Druck

 

Als ich Kind war, habe ich immer wieder autoritäre Systeme erlebt, vor allem in den Bildungseinrichtungen, was auch dazu beigetragen hat, dass ich mich viel unter Druck gesetzt habe. Daher will ich den Kindern beim Großwerden helfen, wie ich es auch lieber erfahren hätte. Indem ich eher auf ihre Individualität acht gebe. Heißt, sie sollen wirklich das machen, was sie interessiert.

Um das für mich herauszufinden, was ich eigentlich möchte, bin ich viele Wege gegangen. Ich bin häufig umgezogen und immer, wenn ich woanders hingezogen bin, dachte ich: Dort wartet das Glück auf mich. Heute bin ich reflektierter und glaube, das Glück immer mal wieder gefunden zu haben. Du musst ihm eben auch einen Stuhl hinstellen. Und irgendwann passt man seine Erwartungen auch an. Dann weiß man, dass bestimmte Dinge so nicht mehr passieren werden. Es gab Zeiten, da habe ich mich sehr einsam gefühlt. Momentan ist das anders und vieles fühlt sich sehr gut an.

Zuletzt habe ich in einer stationären Jugendhilfe gearbeitet und da wird man sehr demütig und dankbar, was das eigene Leben anbelangt. Man erfährt, dass es Kindern wirklich schlecht gehen kann. Was ich denen immer gesagt habe, ist, dass kein Gefühl für immer bleibt. Teilweise ist das eine traurige Erkenntnis, manchmal ist es aber auch sehr erleichternd, das zu wissen.“


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Laura: „Darf ich dir etwas vorlesen?“

„Ich habe noch keinen Plan, wie es weitergeht. Schule war für mich wie ein Gefängnis, zum Glück habe ich das seit letztem Jahr hinter mir. Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe jetzt erst richtig leben können. Dann kam plötzlich Corona und ich habe gemerkt, wie schnell ich in letzter Zeit gelebt habe. Es war auf eine Weise verstörend, mich der Situation anzupassen und dem Gefühl des Alleinseins zu stellen.

Auf der anderen Seite hatte ich aber plötzlich viel Zeit darüber nachzudenken, was ich eigentlich machen will. Und ich glaube, ich will weg aus Hamburg, mal etwas Neues kennenlernen. Ich bin vor neun Jahren mit meiner Familie aus Polen hergezogen. Meine Eltern hängen noch sehr an Polen, die schauen immer noch polnische Nachrichten und Wetterberichte. Dann analysieren sie anhand der Windrichtung, wie das Wetter in Hamburg wird. Ich vermisse es nicht mehr so sehr wie sie.

Zurzeit habe ich zwei Jobs, weil ich zu Hause ausziehen will. Einen bei Edeka, was irgendwie ganz witzig ist, weil die Kinder, als ich damals nach Deutschland gekommen bin, immer gesagt haben: ,Geh doch zu Edeka klauen‘ und jetzt, na ja, sitze ich da an der Kasse. Diese Sprüche verletzen mich nicht großartig, weil es ja immer die gleichen sind. Ich komme aus Polen, also klaue ich – ein solches Klischeedenken ist ja nicht mal lustig, viel eher ist das der Ursprung von Rassismus. Aber da trifft es andere deutlich schlimmer als mich. Verstehen tue ich es trotzdem nicht.

Das Zeichnen hilft mir dabei, Dinge zu begreifen und meine Gefühle auszudrücken. Kennst du Jean-Michel Basquiat? Seine Bilder sind voller Angst und Traurigkeit, paradoxerweise aber auch voller Harmonie. Und seine Arbeiten sind so toll. Da denke ich manchmal, vielleicht muss erst eine Angst entstehen, damit etwas Tolles daraus hervorgeht. Seit Kurzem schreibe ich auch viel mehr. Ich bin nämlich jemand, der viel erzählt und im Nachhinein merke ich manchmal, dass ich einige Dinge gar nicht sagen wollte. Jetzt habe ich verstanden, dass ich vieles ja auch aufschreiben kann. Denn, wenn man es sagt, dann ist es fest und bleibt in den Köpfen. Schreibe ich es aber auf, ist der Gedanke bei mir, ich kann noch mal drüber schauen, etwas verändern und die Idee vielleicht nutzen. Darf ich dir etwas von mir vorlesen?“

/ Max Nölke

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Christian: „Sie verstehen es nicht, wie man sich als Mann schminken kann“

„Ich nenne mich selbst eine Teilzeit-Transe. Fanny Fantastic ist mittlerweile keine Rolle mehr für mich. Sie ist ein Teil meiner Persönlichkeit, eine andere Seite von Christian. Daher besteht nicht die Gefahr, mich darin zu verlieren. Christian ist Fanny und Fanny ist Christian.

Das können viele nicht verstehen. Sie kommen mit der Lebensidee nicht klar, dass man sich als Mann, der fest im Leben steht, am Wochenende eine Perücke aufsetzt und sich schminkt. Auch meine Eltern waren anfangs skeptisch, heute sind sie stolz, auf das, was ich als Dragqueen erreicht habe. Es muss nicht jeder verstehen, aber für mich ist es mein Leben geworden, wochenends im Fummel durch die Welt zu laufen.

Angefangen hat das Ganze vor zehn Jahren an der Schauspielschule. Damals brauchten wir für ein Stück noch ein drittes Mädchen, da sagte der Regisseur: ,Christian, du hast das androgynste Gesicht. Wir schminken dich jetzt.‘ Ich habe die Rolle geliebt, es hat sich sofort richtig angefühlt. Später habe ich die Ausbildung abgeschlossen und die weibliche Rolle weiterverfolgt. Irgendwann ist Olivia Jones dann auf mich aufmerksam geworden und mittlerweile laufe ich Kieztouren, trete mehrmals die Woche auf und kann mich damit finanzieren.

Und ich bin noch lange nicht am Ende. Ich will mein Leben lang in der Travestieszene arbeiten. Mein großes Vorbild ist France Delon, eine Art Mentorin für mich. Sie ist eine Künstlerin, die schon in den Siebzigern aufgetreten ist. Heute ist der Mann, der sie spielt, 68 Jahre als und steht noch immer auf der Bühne. Da will ich auch irgendwann hin. In High Heels Richtung Rente.“

/ Max Nölke

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Jürgen: „Irgendwann sterben sie“

„Man darf es ja gar nicht sagen, aber zu Zeiten der ganzen Beschränkungen fand ich Hamburg so schön wie nie zuvor. Die leeren Straßen, die geschlossenen Cafés, die Ruhe in der Stadt – das war besonders und habe ich noch nicht erlebt. Und ich bin immerhin seit 40 Jahren als Postbote unterwegs. Da lebt man im Stress, im Wirrsal: Straße rauf, Straße runter, Treppe hoch, Treppe runter, durch die Menschenmassen hindurch, an den Autos vorbei. Alles war wie weggefegt.

Schon meine Mutter war bei der Post, in den Siebzigern bin ich bei ihr mitgelaufen. Als Kind habe ich es im Postamt geliebt. Wir haben dort Fußball gespielt und alles war voller Briefmarken. Da war für mich schnell klar: Ich will auch zur Post. 1981 hatte ich dann meinen ersten Tag. Man, war ich aufgeregt. Ich habe ewig gebraucht, wusste überhaupt nicht, wo ich entlang musste.

Heute ist es der beste Job der Welt. Sobald ich aus dem Postamt herauskomme, kann ich den Tag so gestalten, wie ich will. Ich laufe am Tag um die zehn Kilometer durch die Gegend, bin immer an der frischen Luft, ob Regen, Sturm, Wind – du lebst mit dem Wetter. Und dabei treffe ich Leute, denen ich seit den Achtzigern ihre Post bringe. Dann sterben sie irgendwann und es kommen Jüngere nach. Es gibt nie Stillstand. Auch die Stadt und die Architektur verändern sich. Nur ich laufe unentwegt mit meiner Karre durch das Viertel. Wie in den Achtzigern. Auch wenn die Knochen langsam wehtun.“

/ Max Nölke

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