Beiträge

Leben retten: Hand aufs Her(t)z

Was „Atemlos durch die Nacht“ und „Stayin’ Alive“ gemeinsam haben? Den geeigneten Rhythmus für die Herzdruckmassage. Ein Besuch beim Herzretter­-Kurs des „Ich kann Leben retten!“ e. V. an der Heinrich­-Hertz­-Schule

Text und Fotos: Basti Müller

 

Wie die Herzdruckmassage richtig funktioniert, wissen nur gut 40 Prozent der Erwachsenen in Deutschland, obwohl hierzulande Herzversagen zu den häufigsten Todesursachen gehört. Die Initiative „Ich kann Leben retten!“ e. V. will besonders junge Menschen auf Notsituationen vorbereiten, in denen jede Minute zählt.

„Hey, Sie da, mit dem Mantel! Wählen Sie die 112!!“, ruft Julian Tejeda laut in den Klassenraum, „So müsst ihr die Leute ansprechen, dann helfen sie euch.“ Nun sind auch die letzten Schüler der 9c hellwach. Wie bei einem Bühnenstück positioniert sich Tejeda, hauptberuflich Schauspieler, in die Mitte des Stuhlkreises. Er ist einer von sieben Schauspielern im Team der „Ich kann Leben retten!“-Initiative und einer von zwei Kursleitern, die an diesem Morgen an die Winterhuder Stadtteilschule Laienretter ausbilden.

 

„Der einzige Fehler wäre nichts zu tun“

 

„Wer von euch war schon beim Erste-Hilfe-Kurs?“, fragt der 42-Jährige. Eifrig melden sich Niklas und Jacob, beide 14, sie sind Schulsanitäter an der Heinrich-Hertz-Schule. Dort lernt man, ein Pflaster aufzukleben, einen Druckverband richtig anzulegen. „Das ist zum Teil überlebenswichtig“, führt Tejeda fort, „aber heute nicht unser Thema. Es geht um das Gehirn!“

Denn schon nach drei Minuten ohne Sauerstoff trägt das Gehirn dauerhafte Schäden davon, mit jeder weiteren Minute sinkt die Überlebenschance um zehn Prozent. Ziel der Initiative ist daher, die wesentlichen Schritte zu vermitteln, die einen Menschen bei plötzlichem Herzversagen solange am Leben erhalten, bis der Rettungsdienst übernimmt. Mund-zu-Mund-Beatmung und die perfekte stabile Seitenlage sind veraltete Maßstäbe. Lebensrettung soll einfacher, die Rettungskette effizienter werden.

Mittlerweile löchern die Schüler ihren Kursleiter: „Was mache ich, wenn Menschen einfach weitergehen? Oder ich bei der Herzdruckmassage jemanden verletze?“ Tejeda beruhigt. „Dass bei der Herzdruckmassage Rippen brechen, ist völlig normal. Der einzige Fehler wäre nichts zu tun“, wiederholt der Herzretter in seinem 90-minütigen Kurs knapp ein Dutzend Mal.

 

„Nicht lang schnacken, Kopf in Nacken“

 

Um die Schüler von dieser Tatsache zu überzeugen, erzählt Tejeda die Geschichte von Florian, dessen Zunge durch einen Zusammenstoß beim Fußball in den Rachen rutschte und die Luftröhre versperrte. Als der Rettungsdienst eintraf, hatte der Junge bereits zehn Minuten nach Luft gerungen, weil kein Erwachsener wusste, was zu tun war. „Und das passiert erschreckend häufig“, sagt Tejeda.

Also holt der Kursleiter sein Modell hervor, erklärt, wie man die Atmung überprüft und sie, wie beim Fall von Florian, wiederherstellt. „Nicht lang schnacken, Kopf in Nacken“, schmunzelt er, legt eine Hand unters Kinn der Puppe, die andere oberhalb auf die Stirn und bewegt den Kopf vorsichtig nach hinten. Dadurch flache sich die Zunge ab, der Atemweg öffne sich.

Ist das geschafft, muss der Mensch stabilisiert werden, erklärt er den Kindern. Deshalb bittet Tejeda die Schulsanitäter, die stabile Seitenlage vorzuführen. „Einen Kaktus bilden“, sagt Niklas und positioniert Jacobs Arme in eine U-Form. Dann winkelt er Jacobs Bein an, schiebt die Handfläche unter dessen Wange und dreht ihn auf die Seite. Ihre Mitschüler applaudieren. Beide könnten sich gut vorstellen, dass so ein Kurs halbjährlich in ihrer Schule stattfindet. „Weniger Arbeit für uns“, sagt Niklas scherzend. „Wie er auf die Seite kommt, ist letztendlich egal“, fügt der Kursleiter hinzu, „Hauptsache ist, dass der Mensch nicht an seiner Spucke erstickt.“ Dann kommt der Notruf. „,112 – gebührenfrei‘ – sage ich bei den Vorschulkindern immer“, so Tejeda.

Die Herzretter lehren die Herzdruckmassage bereits ab Klasse 3. Der Verein hat 2019 mehr als 20.000 Hamburger Kinder vom Vorschul- bis zum Jugendalter ausgebildet und plant auch 2020, mehr als 20.000 Schüler zu Herzrettern zu machen. „In Deutschland können jeden Tag 30 Menschenleben gerettet werden, wenn auch Laien wissen, was bei plötzlichem Herz-Kreislauf-Versagen zu tun ist“, sagt Dr. Martin Buchholz, der den Verein 2016 nach einem eigenen Herzinfarkt gründete.

 

„Prüfen, rufen, drücken“

 

Das Paradebeispiel dafür ist Alexander aus Stade, erzählt Tejeda, der vor einigen Jahren seiner Mutter das Leben rettete. Wenige Tage nach dem Herzretter-Kurs in seinem Kindergarten brach seine Mutter zu Hause zusammen. Der Junge legte sie in eine seitliche Lage, überstreckte ihren Kopf und wählte den Notruf. Alexander habe sich nur daran erinnert und das getan, was der Kursleiter ihm gesagt hatte.

„Prüfen, rufen, drücken“, predigt Tejeda, bevor sich die Schüler zu zweit an der Herzdruckmassage und dem automatisierten externen Defibrillator (AED) versuchen. Er macht es vor, legt Handflächen auf das Brustbein und beginnt im Takt eines Bee-Gees-Hits zu pumpen. „Wir drücken 120-mal pro Minute, fünf bis sechs Zentimeter tief. Ha, ha, ha, ha, stayin’ alive.“

„Das ist ganz schön anstrengend!“, sagt die 14-jährige Assetou, als sie zu üben beginnt. Durch den Kurs fühle sich die Schülerin sicherer. „Ich glaube, dass es gar nicht so schwer ist, so unter Druck zu handeln.“ Auch Amelie, 14, würde sich nun mehr zutrauen. „Die Herzdruckmassage würde ich auf jeden Fall auch versuchen.“ Und um genau das geht es bei den Herzrettern: Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen einfaches lebensrettendes Notfallwissen zu vermitteln, sie zu ermutigen das Herz in die Hand zu nehmen.

Tejeda ist zufrieden. Zur Weihnachtszeit gab der 42-Jährige knapp 30 Kurse in Hamburg. „Es ist immer anders und die Kinder haben sehr engagiert reagiert“, sagt der Kursleiter und verteilt abschließend einen Herzretter-Pass an jeden seiner frisch ausgebildeten Laienretter.

iklr.de


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Hamburger des Monats – Der Hundertjährige Wilhelm Simonsohn

Es war ein aufregender Sommer für Wilhelm Simonsohn. Er bekam für seinen Einsatz als Zeitzeuge an Schulen das Bundesverdienstkreuz, nahm an einer Fridays-for-Future-Demo teil und wurde am 9. September 100 Jahre alt. Ein Gespräch über die Geschwister Scholl, die Sahara und einen Brief an Angela Merkel

Interview: Matthias Greulich
Foto: Jakob Börner

 

SZENE HAMBURG: Herr Simonsohn, vor einigen Wochen waren Sie auf Ihrer ersten Fridays-for-Future-Demonstration. Wie war’s?

Ganz wunderbar. Ich war mit meinen Töchtern, einem Enkel und zwei Urenkeln demonstrieren. Es war ein seltenes Bild, wie wir mit vier Generationen auf dem Hamburger Rathausmarkt saßen.

Mussten Sie lange überredet werden?

Absolut nicht. Fridays for Future ist ein Tritt in den Hintern unserer etablierten Parteien. Wir nehmen unsere Ressourcen stärker in Anspruch als es unsere Welt verkraften kann. Dabei gibt es Möglichkeiten, ohne fossile Brennstoffe auszukommen.

Mein Steckenpferd ist die Technologie Thermischer Solarkraftanlagen, um den steigenden Energiebedarf decken zu können. 1982 war ich mit meiner 2005 verstorbenen Ehefrau Liesel zum ersten Mal mit unserem Reisemobil zwischen Tunis und Agadir unterwegs. Als Saharafahrer habe ich erfahren, wie stark die Kraft der Sonne dort ist. Technisch ist das heute längst möglich und ich wünsche mir sehr, dass meine Enkel es bald erleben.

In Ihrem Buch „Ein Leben zwischen Krieg und Frieden“ ist ein Brief abgedruckt, den Sie an Frau Merkel geschrieben haben.

Zehn Jahre ist das jetzt her. Ich bat die Bundeskanzlerin darin, sich politisch für den Bau von Solarkraftwerken in der Sahara einzusetzen. Zur Beantwortung des Briefes ist Frau Merkel bisher leider noch nicht gekommen.

Sie sind durch eine Augenkrankheit fast erblindet und können keine Bücher und Zeitungen mehr lesen. Wie informieren Sie sich?

Mein Leib-und-Magen-Sender ist Phoenix. Ich verfolge fast jede Debatte aus dem Parlament, auch wenn der Bundestag nicht mehr das Niveau und den Esprit wie zu Zeiten eines Herbert Wehner hat.

Außerdem bringt mir ein ehrenamtlicher Bücherbote, er ist pensionierter Richter, regelmäßig Hörbücher aus der Bücherhalle vorbei. Das alles ist meine geistige Nahrung.

 

„Ich wurde als „Judenlümmel“ beschimpft“

 

Mit 100 Jahren besuchen Sie immer noch Schulen, um als Zeitzeuge aus Ihrem Leben zu berichten. Was sagen Sie den Schülern?

Wenn ich beispielsweise die Geschwister-Scholl-Stadtteilschule am Osdorfer Born besuche lautet mein Einleitungssatz: „Ich hatte nicht das Format der Geschwister Scholl, deshalb sitze ich hier vor Ihnen.“ Hans Scholl ist mein Jahrgang, Sophie Scholl war drei Jahre jünger. Vier Tage nachdem sie beim Auslegen von Flugblättern vom Hausmeister der Münchner Universität entdeckt worden waren, wurden sie verurteilt und getötet.

Ich rede in den Schulen von Europa. Dass ich in Sorge bin, dass unser Europa wieder Schlagseite kriegt. Dank dieses Europas leben wir seit 74 Jahren in Frieden. Es scheint für die jungen Menschen nicht alltäglich zu sein, dass ein Hundertjähriger vor ihnen steht. Aber ich langweile Sie doch nicht?

Absolut nicht. Als Sie so alt waren wie die Schüler, die Sie heute besuchen, sind Sie aus der Marine-Hitlerjugend ausgetreten.

Noch heute versetzt es mich in Erstaunen, dass ich als 15-Jähriger so handelte. Mein Vater war zur See gefahren und hatte die Begeisterung für alles Maritime in mir gefördert. Er dachte deutschnational, war Teilnehmer des Ersten Weltkriegs und ein überassimilierter Jude. Bei der Marine-Hitlerjugend wurde ich als „Judenlümmel“ beschimpft und wusste nicht, was los war.

Erst dann erfuhr ich, dass ich adoptiert und mein Vater Jude war. Er sagte immer: „Man weiß doch wie ich denke. Man wird mich nicht holen.“ Dann haben sie ihn im November 1938 abgeholt. Als er aus dem KZ Sachsenhausen zurückkam, war er ein gebrochener Mann. Er starb im November 1939 an den Folgen der Haft.

Zu diesem Zeitpunkt waren Sie bereits Wehrmachtssoldat und kämpften im Zweiten Weltkrieg.

Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen am 29. September 1939 in einem Motorrad mit Beiwagen ins zerstörte Warschau zu fahren. Der penetrante Geruch der menschlichen Leichen und der Kadavergeruch der Pferde haben mir das Elend eines Krieges erst so richtig ins Bewusstsein gebracht. Ich fühlte mich auf einen Schlag zehn Jahre älter und habe mir geschworen, niemals Bomben auf menschliche Siedlungen zu werfen.

 

„Durch meine Erlebnisse bei der Luftwaffe wurde ich zum Pazifisten“

 

Das konnte ich einhalten, weil wir nach der Pilotenausbildung als wertvolles menschliches Humankapital ein wenig mitbestimmen konnten, wo wir eingesetzt werden sollten. Ich wurde Nachtjäger, mit der etwas naiven Vorstellung, die Bombenangriffe auf deutsche Städte verhindern zu können.

Ich wurde zweimal abgeschossen. Drei weitere Male hielt der liebe Gott bei Bruchlandungen seinen Daumen zwischen Leben und Tod. Durch meine Erlebnisse bei der Luftwaffe wurde ich zum Pazifisten. Je stärker der zeitliche Abstand und der Abstand zu mir selbst wird, desto stärker wird diese Einstellung.

Für Ihren unermüdlichen Einsatz für die Demokratie haben Sie im August das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Es war eine sehr schöne Veranstaltung im Turmzimmer des Rathauses. Schulsenator Ties Rabe hat eine mitfühlende Rede gehalten. Er vergaß auch nicht, von einer Begegnung nach einem Schulbesuch zu berichten.

Was war passiert?

Ich bin mittlerweile geschrumpfte 1,80 Meter groß. Eine mit 15 Jahren ähnlich große Schülerin kam zu mir und sagte: „So einem Menschen wie Ihnen bin ich noch nie begegnet.“ Es sind diese kleinen Glücksgefühle, die mein Leben noch lebenswert machen.


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

Kulturisten-Hoch2: Generationen auf Augenhöhe

Wenn junge und alte Menschen gemeinsam etwas erleben, ist das für beide Seiten bereichernd. Das Projekt Kulturisten-Hoch2 macht dies möglich. Wie prägend ein Abend sein kann, erzählt die Initiatorin Christine Worch

Interview: Karin Jirsak

 

SZENE HAMBURG: Frau Worch, KulturistenHoch2 bringt Senioren und Schüler als Tandem für Kulturveranstaltungen zusammen. Wie läuft das ab?

Christine Worch: Seit 2016 bilden wir Kooperationen mit Schulen in Stadtteilen, in denen signifikant viele ältere Menschen mit niedrigem Einkommen leben. Einmal im Jahr stellen wir das Projekt in den Schulen vor, und die Schüler der jeweiligen Oberstufen können sich bei Interesse anmelden.

Wenn wir mindestens 15 Anmeldungen haben, kann das Projekt starten. Erst dann suchen wir die älteren Menschen in einem Stadtteil über verschiedene Kommunikationskanäle. Da stützen wir uns zum Beispiel auf Kooperations- und Netzwerkpartner, wie den ASB oder auch kirchliche Seniorentreffs.

Mittlerweile gibt es auch schon viel Mundpropaganda. Dank unseres Kooperationspartners Kulturleben Hamburg, der Tickets für Kulturveranstaltungen an Menschen mit geringem Einkommen vermittelt, können wir den älteren Menschen Karten für vielseitige Veranstaltungen anbieten, für die sie im Vorfeld Interesse bekundet haben. Wenn sie sich für eine Veranstaltung entschieden haben, suchen wir nach einer passenden Begleitung in der näheren Umgebung.

Funktioniert das Prinzip?

Bis jetzt haben sich rund 600 Tandems gefunden. Also ja.

Welche Veranstaltungen besuchen die Tandems?

Je nach Interesse der teilnehmenden Senioren kann das mal ein klassisches Konzert sein, eine Ausstellung, ein Theaterstück. Oder auch mal etwas Ungewöhnlicheres. Gleich im ersten Jahr sind zwei Tandems zum Wacken Open Air gefahren. Ein 69-jähriger Teilnehmer sagte hinterher, er sei völlig begeistert davon gewesen, dass da 80.000 „wild aussehende Menschen“ so friedlich zusammen feiern.

Wieso haben Sie sich für ein Generationen-Projekt entschieden?

Ich war früher im Marketing und Vertrieb tätig, aber vor fast genau acht Jahren hatte ich den großen Wunsch, mein Know-how auf diesem Gebiet in etwas Soziales einzubringen. Ich habe dann eine Fundraising-Ausbildung gemacht, bin als Beraterin in verschiedenen Demenzprojekten tätig gewesen und habe unter anderem auch für Kulturleben Hamburg gearbeitet.

Dabei habe ich bemerkt, dass es immer wieder ältere Menschen gab, die das Angebot, eine Kulturveranstaltung zu besuchen, zwar gerne in Anspruch genommen hätten, aber darüber klagten, dass ihnen eine Begleitung fehle. Jemand, der gegebenenfalls auch helfen kann, wenn die ältere Person nicht mehr so mobil ist.

 

Wenn Alt und Jung Freunde werden

 

Unternehmen die Tandems nach dem ersten Treffen öfter etwas zusammen?

Wenn da Menschen aufeinandertreffen, die sich mögen, versuchen wir, sie künftig gemeinsam zu vermitteln. Gelingt das nicht, weil zum Beispiel die Schülerin oder der Schüler an dem fraglichen Abend keine Zeit hat, so hat der ältere Mensch die Chance einen anderen jungen Menschen kennenzulernen.

Es kommt durchaus vor, dass dauerhafte Freundschaften entstehen und die Teilnehmenden auch über das Projekt hinaus weiter Kontakt haben.

Welche Rückmeldungen kommen bei Ihnen an?

Beide Seiten freuen sich darüber, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die einer ganz anderen Generation angehören als sie selbst und dass sie so in vielerlei Hinsicht ihren Horizont erweitern können. Gerade Jugendliche, deren Großeltern nicht in ihrem direkten Umfeld leben, finden es interessant, die Geschichten älterer Menschen zu hören.

Viele sagen auch, dass sie durch das Projekt auch Kultur kennenlernen konnten, auf die sie alleine wahrscheinlich nicht gekommen wären.

Warum sind gerade Kulturveranstaltungen eine gute Möglichkeit, Generationen zu verbinden?

Auf beiden Seiten gibt es oft Vorurteile, und eines unserer wichtigsten Ziele ist es, diese abzubauen. Dazu ist es wichtig, dass sich die Jüngeren und die Älteren auf Augenhöhe begegnen, die Kultur kann da ein sehr guter Mittler sein.

Wir hatten zum Beispiel mal eine 17-jährige Teilnehmerin, die mit ihrer 78-jährigen Partnerin das erste Mal in die Oper gegangen ist, was natürlich sehr aufregend für sie war. Die ältere Dame war dagegen eine vormals versierte Operngängerin. Beide haben bei einer tragischen Szene zusammen geweint, und das Mädchen sagte hinterher, sie habe die Geschichte, die da auf der Bühne gezeigt wurde, durch das anschließende Gespräch mit ihrer Begleiterin erst richtig verstanden.

Kulturisten-Hochzwei-Alter-Test-Anzug

So ausgerüstet fühlen Jugendliche nach, wie es ist, zu altern

Die Jugendlichen werden für die Teilnahme an dem Projekt vorher geschult. Was wird dabei vermittelt?

Zum Beispiel, wie sie Menschen mit Rollstühlen und Rollatoren unterstützen können. Auch ein Alterssimulationstraining gehört zur Ausbildung. Seheinschränkungen werden zum Beispiel mit verschiedenen Brillen simuliert, ein Schallschutz lässt die Jugendlichen Schwerhörigkeit nachempfinden. Eine Halskrause, Gewichte für die Hand- und Fußgelenke und Ellbogen, jeweils zwei Kilo schwer, und spezielle Handschuhe zeigen die Einschränkungen von Gelenkversteifungen. Dazu kommt noch eine 25 Kilo schwere Weste, die den Kraftverlust des Gesamtorganismus fühlbar macht.

Nach spätestens fünf Minuten Bewegung in dieser Montur wird den Jugendlichen klar, dass das Altern wirklich kein Spaß ist und sie entwickeln großen Respekt davor, was ältere Menschen jeden Tag leisten müssen. Wir gehen dann auch noch einmal in diesem Aufzug mit den Teilnehmenden einkaufen. Dabei begreifen die Jugendlichen dann auch, warum es manchmal so lange dauert, wenn vor ihnen an der Kasse ein älterer Mensch steht.

Was bewirkt das bei den Jugendlichen?

Es gibt Jugendliche, die nach dem Projekt den Wunsch äußern, in der Altenpflege tätig zu werden. Sie bekommen nach Ablauf des Projektjahres ein Zertifikat für ihren ehrenamtlichen Einsatz. Daraus können sich also auch Zukunftsperspektiven entwickeln.

Kulturisten-hoch2.de


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?