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World Press Photo 2022

Die preisgekrönten Fotografien des weltweit größten Fotowettbewerbs „World Press Photo“ sind in einer Wanderausstellung im Altonaer Museum vom 21. September bis 17. Oktober 2022 zu sehen 

Text: Katharina Stertzenbach

 

Bereits seit 1955 zeichnet die Stiftung World Press Photo die besten internationalen Pressefotografien aus dem jeweiligen Vorjahr aus. Die Themenauswahl reicht dabei von Umweltproblemen über politische Auseinandersetzungen bis zu Momenten aus dem Alltag. Die Wanderausstellung wird jährlich in mehr als 80 Städten weltweit gezeigt und von über einer Million Menschen besucht.

Das Gewinnerfoto 2022: „Kamloops Residential School“

Präsentiert wird die Ausstellung in Hamburg seit 25 Jahren von den Magazinen „Geo“ und „Stern“ und findet 2022 im Altonaer Museum statt. Das diesjährige Gewinnerfoto „Kamloops Residential School“ der Fotografin Amber Bracken erinnert an das Schicksal vieler Kinder indigener Gemeinschaften Kanadas, die häufig missbraucht und getötet wurden. Mindestens 4.100 Kinder starben in Internaten wie der Kamloops Indian Residential School.

 


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Lost Places – Eingestiegen in Ruinen

Sie sind verlassen, teils verfallen – und dennoch einen Besuch wert: Lost Places. Fünf Porträts von besonders spannenden, weil vom langen Leerstand gezeichneten Orten in und um Hamburg

Text: Erik Brandt-Höge, Anarhea Stoffel & Anna Schärtl

Stadtteilschule Stellingen

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In der Stadtteilschule Stellingen am Sportplatzring 73 ist die letzte Unterrichtsstunde schon eine Weile her… (Foto: Jasmin Tran)
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Ein Ausblick ohne Durchblick (Foto: Erik Brandt-Höge)

Abi-Scherze extrem? Revolution der Lehrer? Schlichtweg Vandalismus? Wer vor der Stadtteilschule Stellingen am Sportplatzring 73 steht, stellt sich allerhand Fragen. Eingeschlagene Turnhallenfenster, zertrümmerte Stühle und Tische auf dem Pausenhof, Graffiti-Kunst überall. Sport, Chemie, Physik, alle Fächer fallen hier wohl erst mal aus. Tendenz – für immer.

Seit zwei Jahren steht die Schule leer, wird seitdem von Partyvolk ebenso besucht und verziert wie von Insta-Abenteurern und Nachbarskindern, die den Gebäudekomplex für ausgedehnte Versteckspiele nutzen. Der Sprung über den Zaun ist schließlich nicht schwer. Der Gang durch eines der Zaunlöcher noch weniger. Ruck, zuck ist man drauf auf dem Areal, das enorm viel Spannung in sich birgt. Sind in den Chemiesälen noch die ein oder anderen Pulver für Experimente zu finden? Kommt man an Gratis-Bunsenbrenner? Ist vielleicht sogar eine der berühmten blauen Matten aus dem Kabuf im Sportbereich abzustauben? Von Diebstahl ist natürlich abzuraten. Er wäre zudem unmöglich. Die ganze Schule ist kernentrümpelt. Nichts mehr in den Schränken, nichts mehr auf dem Mattenwagen.

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Sport fällt aus (Foto: Erik Brandt-Höge)

Ein Besuch des Gebäudekomplexes, in dem einst die Sekundarstufe II der Stadtteilschule zu finden war (jetzt im Brehmweg 60), lohnt sich dennoch. Wo sonst kommt man so leicht an Nostalgiegefühle, an Erinnerungen an die eigene Schulzeit? Und wer weiß, wie lange das noch geht. Es heißt, ein Abriss für ein Neubaugebiet stehe an. 

Gummifabrik Harburg

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„Matador“ und „Triumph“ – nur zwei Namen der populären Kämme, die in der Gummifabrik Harburg hergestellt wurden (Foto: Anna Schärtl)

Über 200 Meter erstrecken sich die dreigeschossigen Backsteingebäude der Gummifabrik und werfen lange Schatten auf die Straßen. Sie passen gut in die Harburger Industrielandschaft. Doch je näher man auf die Gebäude zukommt, desto klarer wird: Was einst ein beeindruckender Industriebau war, verfällt mehr und mehr zur Ruine. Wenn massive Holzbretter den Blick in die Gebäude nicht gerade komplett versperren, findet man eingeschlagene Fenster und Löcher in den Fassaden. Wer sich reckt, um durch eine der zerschlagenen Scheiben zu schauen, entdeckt ein Mosaik aus Graffiti – einige Schriften schon verblasst, an anderen tropft fast noch die Farbe hinab. Durch die Gitter der Kellerfenster lässt sich erhaschen, wie die Räume mit Regenwasser volllaufen. Blätter und einige Plastikflaschen schwimmen auf dem Abwasser, der Putz an den Wänden bröckelt. So verfällt der Komplex, der einst Harburgs ganzer Stolz war.

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Aus dem einstigen Industriedenkmal ist eine Ruine geworden (Foto: Anarhea Stoffel)

1856 ist Hamburg die erste europäische Stadt mit einer Hartgummifabrik, das Patent für die Herstellung wurde gerade erst erworben. Unter Produktnamen wie „Hercules-Sägemann“, „Matador“ und „Triumph“ werden die Kämme der New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie (NYH) schnell bei Friseur:innen auf der ganzen Welt im Handel beliebt. Seit 1954 ist der Harburger Standort der NYH – die Fabrik in Barmbek wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt – für den Hauptteil der Produktion verantwortlich. Neue Gebäude werden errichtet, alte erweitert, die Flure der Fabrik sind voll mit Leben. Als die Produktion 2009 nach Lüneburg verlagert wird, hallt in den leeren Räumen nur noch die Frage nach: „Was wird jetzt aus der Gummifabrik?“ Bis heute ist das nicht geklärt. Über die vergangenen Jahre wechselte das Grundstück immer wieder den Besitzer. Denkmalschutz, Gesundheitsbehörde, die Stadtplanung Harburg und Investoren sind in einem ständigen Vor und Zurück, während die alten Mauern immer mehr an Halt verlieren.

Schilleroper

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Von der Schilleroper wird nur das denkmalgeschützte Stahlgerüst bleiben – und die Geschichten (Foto: Erik Brandt-Höge)

Unter dem Namen Circus Busch beginnt 1889 Geschichte der Schilleroper. Ihr Erbauer Paul Busch eröffnet den Zirkus mit einer Galavorstellung, doch das Zirkusprogramm ist nur von kurzer Dauer. Herr Busch zieht mit seiner Truppe weiter und das Bauwerk wird zu einem Theater umgebaut, indem 1905 mit der Premiere von Schillers „Wilhelm Tell“ das erste Stück auf die Bühne kommt. Zur Feier seines 100. Geburtstags im selben Jahr wird das Bauwerk kurzerhand in Schiller-Theater und später Schilleroper umbenannt. Das Haus zeigt bis in die 1920er-Jahre Inszenierungen mit namhaften Schauspielern wie Hans Albers. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wird der Theaterbetrieb eingestellt und das Gebäude zum Lager für italienische Kriegsgefangene.

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Seit März 2021 wird die alte Schilleroper abgerissen (Foto: Erik Brandt-Höge)

Nach Ende des Krieges dient die Schilleroper dann als Notunterkunft für Geflüchtete und später als Hotel. Als 1975 ein Brand große Teile des Gebäudes zerstört, ist erst einmal Schluss. Seither kann sich keine Idee für die Schilleroper wirklich durchsetzen. In den Neunzigern dient sie für kurze Zeit erneut als Geflüchtetenunterkunft. Jedoch sind die Bedingungen im bereits heruntergekommenen Gebäude so schlecht, dass es zu politischen Auseinandersetzungen kommt. Es folgt ein erfolgreicher Subkulturclub in den frühen 2000ern, seit 2006 ist der Bau jedoch absolut ungenutzt. Jegliche Zukunftspläne werden weiter abgelehnt. Weil die Eigentümerin kein Interesse an den Aufforderungen zur Sanierung zeigt, wird das Gebäude seit März 2021 Stück für Stück abgerissen. Das Stahlgerüst bleibt jedoch, denn es ist denkmalgeschützt. Die Schilleroper hat viele Leben gelebt, sie erzählt von vergangenen Zeiten. Und womöglich werden ihre Geschichten das Einzige sein, das von ihr bleibt.

Mausoleum Baron von Schröder/ Kretschmer

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Das Sonnenlicht scheint durch die verbliebenen Bleiglasfenster des größten Mausoleums Nordeuropas (Foto: Erik Brandt-Höge)

Es ist leicht, sich auf den verzweigten Wegen zwischen Kapellen, Gräbern und dem dichten Grün des Ohlsdorfer Friedhofs zu verlieren. Begibt man sich jedoch ein wenig auf die Suche, findet man die berühmten Mausoleen des Friedhofes, die Grabstätten der einflussreichsten Familien Hamburgs. Eine befindet sich direkt vor der Kapelle 7 und fällt besonders ins Auge. Sie ist größer als die anderen, aber auch deutlich verfallener: das Mausoleum Baron von Schröder/Kretschmer. Nah am bröckelnden Bauwerk steht die Marmorskulptur von Hugo Lederer „Das Schicksal“. Eine Frau, die zwei Menschen hinter sich her in den Tod zieht. Errichtet wurde das Mausoleum 1906 von Charles von Schröder, Sohn des Unternehmers Johann Heinrich von Schröder. Die Gruft blieb im Besitz der Familie Schröder bis zur letzten Beisetzung 1958. Dann passierte lange Zeit nichts mehr.

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Im Inneren macht sich das Moos über den ehemals verzierten Decken und Wänden breit (Foto: Erik Brandt-Höge)

Schließlich übernahm Investor Klausmartin Kretschmer im Jahr 2009 die Patenschaft für das Mausoleum. Er verpflichtete sich, den Bau zu sanieren und plante, dort verschiedene öffentliche Events zu veranstalten. Einige fanden auch statt, zum Beispiel eine Vorstellung des Vampir-Romans „Hymne an die Nacht“ von Sylvia Madsack im April 2014. Doch plötzlich stoppten die Bauarbeiten, ohne eine Erklärung. Heute steht das Mausoleum zwar noch, es bleibt aber fraglich, wie lange. Die Plane, die eigentlich das Dach bedecken sollte, ist abgefallen. Feuchtigkeit dringt ins Innere und lässt alles schimmeln.

Eine Grundsanierung würde mehrere Millionen Euro kosten, sich aber lohnen. Denn das größte Mausoleum Nordeuropas ist in seinem Bau einzigartig, die detaillierten Verzierungen aus Sandstein im Innenraum erzählen biblische Geschichten, genauso wie die bunten Bleiglasfenster, durch die sich das Sonnenlicht auf den gemusterten Steinboden fällt. All diese Details gehen aber durch den Verfall verloren, und so wird diese Grabstätte immer mehr zu einem unheimlichen Ort der Vergänglichkeit.

Pulverfabrik Düneberg

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Keine Fabrikarbeiter mehr in der Pulverfabrik Düneberg, dafür Graffiti-Kunst und Ausflügler:innen (Foto: Anarhea Stoffel)

Das Naturschutzgebiet Besenhorster Sandberge in Geesthacht ist idyllisch: Zwischen hohen Kiefern erstrecken sich weite Sanddünen, die von der Elbe flankiert werden. Die Dünen entstanden nach der letzten Eiszeit, als sich durch das abfließende Wasser Sand in den Wäldern ablagerte und aufgeweht wurde. Neben der einzigartigen Natur fällt hier noch etwas ins Auge: alte Ruinen voll bunter Graffiti-Kunst. Wie Schatten tauchen sie immer wieder zwischen den Baumgruppen auf. Es sind die Reste eines ehemaligen Fabrikgeländes, das als solches kaum noch zu erkennen ist. 1876 gründet Max von Duttenhofer die Pulverfabrik auf Land, das er von Otto von Bismarck pachtet. Im Ersten Weltkrieg wird vor allem Schwarzpulver produziert. Die Fabrik beschäftigt zu diesem Zeitpunkt mehr als 20.000 Menschen.

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Wo früher Schwarzpulver produziert wurde, hat heute die Natur übernommen (Foto: Anarhea Stoffel)

Das Gelände wird zwar nach dem Krieg stillgelegt, um 1934 nimmt die Produktion in der NS-Zeit aber wieder Fahrt auf. Der Bedarf an Schwarzpulver ist hoch. Im Zweiten Weltkrieg wird die Anlage sogar um einige Gebäude erweitert, im April 1945 jedoch durch Bombenangriffe zerstört. Ab dann geht alles ganz schnell: Nach Kriegsende werden die Anlagen abgebaut, gesprengt, später entseucht. Seitdem sind sie vollständig der Natur überlassen. Heute sind die Ruinen ein beliebtes Ziel für Graffiti-Künstler:innen. Ihre grellbunten Werke sind das Einzige, dass die Betonreste noch von der Natur abhebt. Auf den Dächern der ehemaligen Werkstätten wachsen Bäume in die Höhe. Ab und zu übt noch das Technische Hilfswerk in der ehemaligen Fabrik für ihre Katastrophenschutzeinsätze. Ansonsten herrscht Ruhe in den Besenhorster Sandbergen. Nur einige Spaziergänger:innen und Reiter:innen haben das Gebiet noch auf ihrer Route. 

Die fünf Lost Places in der Übersicht:


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Journalismus studieren in Hamburg

Die Hansestadt hat eine Palette an Universitäten und Hochschulen, die das Handwerk von Journalisten und Medienexperten lehren – ein Überblick
Texte: Michelle Kastrop

 

Hochschule Fresenius

Die private Hochschule Fresenius liegt nur einige Meter vom Alsterufer entfernt. Die Studiengänge Medien und Kommunikation sowie Medienmanagement und Digitales Marketing sind der Türöffner in die hart umkämpfte Medienwelt. Hier lernt man alles über Medienrecht, Online-Marketing und E-Commerce. Durch die Spezialisierung in Kommunikations- und Agenturmanagement entwickelt man crossmediale Konzepte für digitale und analoge Kanäle.

Oder wie wäre es mit einer Ausbildung in Film- und Videoproduktion? Denn: Bewegtbild ist das wichtigste Mittel unserer Kommunikation. Wer einen Trip ins Ausland während des Studiums nicht missen will, der hat die Möglichkeit ein Auslandssemester in New York oder Shanghai zu integrieren. Das 1848 gegründete chemische Laboratorium Fresenius umfasst heute die Fachbereiche Chemie und Biologie, Gesundheit und Soziales, Wirtschaft und Medien und Design. Zudem bietet die Hochschule auch Fern- und Online-Studiengänge an.

Hochschule Fresenius: Alte Rabenstraße 1 (Rotherbaum)

 

HAW Hamburg

Die drei Departments Design, Medientechnik und Information umfassen alle Kernkompetenzen und den professionellen Umgang mit Information in der Medienbranche. Für ein besseres Verständnis wendet man in Laboren wie dem Medienkompetenzzentrum, dem Search Lab oder dem Usability Labor, das Erlernte dann direkt praktisch an.

Zusätzlich verfügt die HAW Hamburg über ein Forschungszentrum namens Competence Center Communication (COMCC) für Medien und Kommunikation in der Netzwerkgesellschaft. Hier wird der Nachwuchs aus dem Masterprogramm Digitale Kommunikation auf Forschung und Praxis vorbereitet.

Insgesamt bildet die Hochschule für Angewandte Wissenschaften vier Fakultäten: Technik und Informatik, Life Sciences sowie Design, Medien und Kommunikation wie auch Wirtschaft und Soziales. Durch die Corona-Pandemie gibt es keine einheitlichen Bewerbungsfristen für das Wintersemester 2020. Ein Blick auf die einzelnen Studiengänge auf der Internetseite lohnt sich also.

HAW Hamburg: Berliner Tor 5 (St. Georg)

 

University of Applied Sciences Europe

Direkt am Bahnhof Altona ist die private Hochschule University of Applied Sciences Europe zu Hause. Alle drei Fakultäten Art und Design; Sport, Medien und Events sowie Wirtschaft haben dort ihren Platz. In den Bereichen Sport, Medien und Events und Wirtschaft sind Praktika und ein Auslandssemester nicht nur erwünscht, sondern ein Muss. Passend dazu werden auch die Lerninhalte der Studiengänge praxisnah und international ausgerichtet.

In dem Bachelorstudiengang Kommunikations- und Medienmanagement eignet man sich ein grundlegendes wirtschaftliches Wissen und Kompetenzen in Unternehmensführung sowie strategische Planung, Projektmanagement und Krisenkommunikation an.

Während des Vertiefungskurses Moderation in Radio und TV befindet man sich im hauseigenen Radio- und TV-Studio – eben ganz wie in der Praxis. Die Bewerbungsfrist für das Wintersemester ist der 15. August, für das Sommersemester der 28. Februar.

University of Applied Sciences Europe: Museumstraße 39 (Altona)

 

Hamburg Media School

Hier ist der Name Programm! Die Hamburg Media School ist ein Schmelztiegel für medienaffine Hochschüler. Insgesamt umfasst die Hochschule fünf unterschiedliche Bachelor- und Masterstudiengänge: Digital Journalism, Digital und Medienmanagement, Film, Werteorientierter Werbefilm und Digital Media.

Eines der wichtigsten Merkmale dieser Hochschule sind die kleinen Kursgrößen, die für einen engen Kontakt zwischen Studenten und Dozenten sorgen. Dadurch entsteht eine intensive Betreuung jedes Einzelnen. Wichtig für Berufstätige: Hier kann in Vollzeit oder auch berufsbegleitend studiert werden. Der Masterstudiengang Digital Journalism zeigt den Studierenden neue Arten des Medienkonsums und Storytelling-Formate. So bleibt man auf keinen Fall in der analogen Welt stehen.

Hamburg Media School: Finkenau 35 (Uhlenhorst)

 

Universität Hamburg

Die Universität Hamburg ist mit 180 Gebäuden und mit über 40.000 Absolventen die größte Universität Hamburgs. Insgesamt bietet die Universität, die bereits im 20. Jahrhundert gegründet wurde, über 170 Studiengänge an. So tummeln sich die verschiedensten Leute mit unterschiedlichen Interessen auf dem Campus.

Der Bachelorstudiengang Medien und Kommunikationswissenschaft und der Masterstudiengang Medienwissenschaft werden immer zum Wintersemester angeboten. Damit qualifiziert man sich unter anderen für die Planung, Konzeption und Produktion für Medieninhalte. Besser gesagt: So entwickeln sich die Medien-Talente von morgen!

Die Bewerbungsfrist für Studienanfänger ist dieses Jahr zwischen dem 1. Juli und dem 20. August. Und die Universität Hamburg kann noch mehr. Auch öffentliche Vorlesungen, Weiterbildung, Kultur, Sammlungen und Museen und eine Kinder-Uni bietet die Universität an.

Universität Hamburg: Mittelweg 177 (Rotherbaum)

 

Hochschule Macromedia

Mitten in der Innenstadt, nicht weit vom Jungfernstieg entfernt, liegt die Hochschule Macromedia. Hier heißt es „Brain statt Pain“, ganz nach dem Motto: Auswendiglernen kann jeder, was zählt ist kreatives Denken! Im Bachelorstudiengang Medien und Kommunikationsmanagement lernt man alles über das Planen und Durchführen von Events, Werbekampagnen zu starten und die Unternehmensvision auf Social Media zu verbreiten. Mit diesen und weiteren Kerneigenschaften kann man hinterher sein eigenes Start-up gründen oder im Gegensatz dazu ganz typisch Strategieberater werden.

Wem der normale Bachelor nicht genügt, der kann hier zusätzlich noch einen London-Bachelor abschließen. Das bedeutet, es geht im vierten und fünften Semester nach London zur University of Westminster. Der nächste Master-Info-Abend ist am 14. August und der nächste Bachelor-Info-Abend am 16. September.

Hochschule Macromedia: Gertrudenstraße 3 (Altstadt)

 

Akademie für Publizistik

Dieses Jahr wird die Akademie für Publizistik 50 Jahre alt. Sie wurde gegründet, um die Volontärausbildung für angehende Journalisten zu verbessern. Heute bietet die Akademie viele unterschiedliche Seminare und Lehrgänge an. Bei der berufsbegleitenden, überbetrieblichen Aus- und Fortbildung dreht sich alles um die Medienwelt.

In dem Online-Seminar „Schreiben unter Zeitdruck“ erlernt man Tricks, um zum Schnellschreiber zu werden, ohne dass es die Qualität der Texte beeinflusst. Photoshop-Anfänger? Nach dem Seminar „Bildbearbeitung mit Photoshop CC“ hat man alle wichtigen Grundlagen drauf und weiß, wie man Fotos für Print und Online sicher und schnell bearbeitet. Die Volontärkurse sind unterteilt in Print und Online, Fernsehen und Radio. Perfekt für den Einstieg in die Arbeit der Hamburger Verlagshäuser.

Akademie für Publizistik: Cremon 32 (Altstadt)


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Zehra: „Ich habe mich für Hamburg entschieden“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Zehra begegnet.

Protokoll: Rosa Krohn

 

„Ich bin 1974 in Eimsbüttel geboren und in Billstedt aufgewachsen, lebe also seit 47 Jahren in Hamburg. Meine Eltern kamen als Gastarbeiter aus der Türkei hier her. Zwischenzeitlich war ich selbst anderthalb Jahre in der Türkei. Ich hatte das Gefühl, hier nicht richtig Fuß gefasst zu haben, obwohl ich hier geboren und aufgewachsen bin. Das lag überwiegend an der damaligen pädagogischen Betreuung.

Deshalb habe ich es dann in der Türkei versucht, aber da war es doppelt so schwer – das Schulsystem war ein anderes und um die Zukunftsperspektiven stand es schlecht. Kurz vor meinem 16. Lebensjahr musste ich mich dann entscheiden: Komme ich wieder zurück oder verliere ich alle meine Rechte in Deutschland und bleibe in der Türkei.

 

„Ich sehe mich ein wenig in ihm“

 

Ich habe mich für Hamburg entschieden und es nicht bereut. Die Zeit in der Türkei hat mich gestärkt und ich habe hier nach und nach zu mir selbst gefunden. Hamburg ist eine sehr offene Stadt und ich fühle mich hier Zuhause. Nach meiner Rückkehr habe ich meinen Hauptschulabschluss und die mittlere Reife an einer Berufsschule gemacht und bin seit 1997 als Erzieherin tätig. Die Arbeit macht mir Spaß: Kinder sind so wie sie sind, sie sind ehrlich. Ich genieße die Zeit mit ihnen. Man ist auf einer Höhe mit ihnen und bleibt so selbst auf eine gewisse Art und Weise Kind.

Mein eigener Sohn ist jetzt auch 16 und da mein Mann aus Jordanien kommt und ich selbst einen türkischen Hintergrund habe, fragen wir ihn manchmal, wie er sich eigentlich fühlt – arabisch, türkisch oder deutsch? Er sagt dann immer: ‚Ich fühle mich wohl in Hamburg, es ist meine Heimat.‘ Auch wenn er sich Gedanken macht, wo er später zum Studieren hinwill, ist Hamburg immer eine Option. Ich sehe mich ein wenig in ihm. Er ist wie ich ein Kind der Stadt und es ist schön, eine Generation weiter so mit der Stadt verwurzelt zu sehen.“


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„Eine erhebliche Belastung“

Die Corona-Pandemie hat den Hamburger Schulalltag auf den Kopf gestellt. Ein Schulleiter, eine Lehrerin, ein Mitglied einer Elternkammer und eine Schülerin erzählen, wie sie die vergangenen fast zwei Jahre erlebt haben

Interviews: Rosa Krohn

 

Oliver Lerch

Schulleiter Gyula Trebitsch Schule, Tonndorf

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Oliver Lerch: „Bestehende Konzepte mussten weiterentwickelt werden“ (Foto: Nathalie Beilaeff)

SZENE HAMBURG: Herr Lerch, was war für Sie die größte Herausforderung während der Pandemie?

Oliver Lerch: Die größte Herausforderung bestand sicherlich darin, die Kommunikation mit allen Beteiligten aufrechtzuerhalten. Es war uns wichtig, dass wir miteinander im Gespräch bleiben, alle notwendigen Informationen transportieren und Schule in dieser herausfordernden Zeit möglich machen. Hierzu mussten bestehende Unterrichtskonzepte weiterentwickelt und neue Bausteine angelegt werden. Hinzu kommt, dass wir gerade in der Anfangsphase schnell auf tagesaktuelle Anlässe reagieren mussten, zumal die Halbwertzeit von Informationen gerade in den ersten Monaten der Pandemie gering war. Später ging es dann darum, die Schule so sicher wie nötig zu machen und gleichzeitig so wenig Einschränkungen wie möglich zu schaffen: Wegekonzepte, Desinfektion, Masken und so weiter.

Wie gut waren Sie vorbereitet ?

Wir sind ein sehr engagiertes Kollegium und unsere Schülerinnen und Schüler liegen uns am Herzen. In den Phasen des Lockdowns, aber auch während der verschiedenen Wechsel-Modelle haben wir stark davon profitiert, dass wir bereits eine digitale Kommunikationsplattform etabliert hatten. Wir konnten unsere Schülerinnen und Schüler darüber via E-Mail erreichen, mit einem Aufgabentool Material und Arbeitsaufträge bereitstellen oder in Videokonferenzen Unterricht gestalten. Wir haben unsere technische Ausstattung schnell verbessert und konnten Laptops beziehungsweise Tablets in die Ausleihe geben, haben aber auch eine Präsenzbeschulung angeboten.

Was hat sich durch die Pandemie an Ihrer Schule verändert?

Das Kollegium hat sich auf dem Feld der Digitalisierung weitergebildet: Kompetenzen wurden gefestigt, neue Tools wurden entdeckt, Micro-Fortbildungen haben Kolleginnen und Kollegen vom Einsatz bestimmter Programme überzeugt und der Einsatz digitaler Medien ist noch selbstverständlicher geworden. Zudem haben sich alle Beteiligten noch mehr darüber gefreut, wenn sie vor Ort sein konnten und Schule als Begegnungsstätte wahrgenommen wurde.

 

Patrizia Rittich

Lehrerin und stellvertretende Schulleiterin Elisabeth Lange Schule, Harburg

Patricia Rittich Credit Gudrun Garke-klein

Patrizia Rittich: „Ganz ehrlich, vorbereitet war niemand“ (Foto: Gudrun Garde)

SZENE HAMBURG: Frau Rittich, was war für Sie die größte Herausforderung während der Pandemie?

Patrizia Rittich: Wir als Kollegium mussten mit ständigen Änderungen umgehen. Zwar wurden diese, so gut es ging, rechtzeitig kommuniziert, dennoch war es eine große Unsicherheit in der Schülerschaft, ob sie zum Beispiel am Montag wieder in die Schule kommen durften oder weiterhin im Fernunterricht bleiben sollten. Im Laufe der Zeit kamen die ganzen Bestimmungen von der Behörde immer frühzeitiger, sodass das Kollegium sich besser auf Änderungen einstellen konnte. Eine der großen Herausforderungen war ein einheitliches Vorgehen im Fernunterricht – die Verständigung auf ein Medium und nicht: „Jeder kocht seinen eigenen Brei!“ Die familiären Voraussetzungen waren so vielfältig und damit auch so unterschiedlich, dass die Schule zunächst auch viele Familien mit Leihgeräten versorgen musste. Immerhin ist dies in unserer Schule sehr gut durch großzügige erste Spenden und dann den Digitalpakt der Behörde gelungen.

Die größte Herausforderung letztlich war, der Bildungsgerechtigkeit gerecht zu werden, was viele aus unserem höchst engagierten Kollegium sehr stark belastet hat. Herausfordernd war ebenfalls, dass manche Familien nicht die Betreuung der Kinder zu Hause leisten konnten, sodass viele Schülerinnen und Schüler in der Schule beschult werden mussten. Für das Kollegium war dies natürlich eine zusätzliche Herausforderung, denn der Fernunterricht sollte dennoch nach einem reduzierten Stundenplan stattfinden. Herausfordernd war für das Kollegium aber auch, eine familiäre Situation mit einem parallelen Homeschooling der Klassen durchzuführen und nicht zu vergessen: große finanzielle Sorgen derer, die sich nicht im Beamtenstatus befanden!

Wie gut waren Sie vorbereitet?

Ganz ehrlich, vorbereitet war niemand. Wir gingen mit dem Wissen um einzelne Corona-Fälle in die Märzferien und in der zweiten Woche überschlugen sich die Ereignisse. Selbst die Schulleitung wusste erst am letzten Freitag der Märzferien, dass die Schulen vorerst geschlossen bleiben und hat am Wochenende alles vorbereitet, sodass das Kollegium gut informiert in die erste Phase der Schulschließung gehen konnte. An Vorbereitung war nicht zu denken. An unserer Schule war die Kommunikation über die Mails mit den Schülerinnen und Schülern gut gesichert, aber die Lehreraccounts brachen noch am letzten Sonntag der Märzferien vollständig zusammen. Durch die konstante Kommunikation mit der Schulleitung war das Kollegium im Boot und stets informiert, aber vorausgesehen hat niemand diese extreme Situation.

Was hat sich durch die Pandemie an Ihrer Schule verändert?

Besonders durch die digitale Ausstattung sind wir in der Digitalisierung Meilensteine vorangekommen, die sonst nicht stattgefunden hätten. Vor allem Teamzeiten und Konferenzen haben hervorragend nach anfänglichen Schwierigkeiten geklappt und werden auch heute noch teilweise digital durchgeführt. Die Unterrichtsentwicklung hat durch die Ausstattung mit iPads durch die Schulbehörde einen enormen Schub erhalten. Leider darf man aber auch eine erhebliche Belastung innerhalb des Kollegiums durch Quaran tänemaßnahmen innerhalb der Familien und die Schnelltests und psychische Belastung in der Bewältigung der Pandemie sowie der sozialen Kontaktarmut vieler Schülerinnen und Schüler nicht verschweigen.

 

Ulrich Matthies

Mitglied im Elternrat Stadtteilschule Helmuth Hübener, Barmbek-Nord

Ulrich Matthies Credit Jonny Matthies-klein

Ulrich Matthies: „Jetzt muss umgestellt werden“ (Foto: Jonny Matthies)

SZENE HAMBURG: Herr Matthies, wie schwierig war es für Sie, Ihre Kinder in der Pandemie zu begleiten?

Ulrich Matthies: Unsere Schule, die Stadtteilschule Helmuth Hübener, ist eigentlich gut im Digitalbereich aufgestellt. Allerdings gab es zum Anfang Probleme mit dem WLAN in der Schule. Die Schulleitung hat dieses Problem aber beseitigt. Ich habe drei Kinder. Unsere Wohnung ist für Distanzunterricht eigentlich nicht ausgelegt. Die Wohnung ist zu klein. Es gibt auch keine Arbeitszimmer für drei Kinder. Während des Distanzunterrichts waren wir mit fünf Personen zu Hause. Hierfür war unser privates WLAN zu schwach und wir haben aufgerüstet.

Konnten Ihre Kinder ihr Leistungsniveau halten?

Die Schule hat überwiegend Unterricht nach Stundenplan angeboten. Außerdem hat die Schule Kindern ohne Hardware Leihgeräte zur Verfügung gestellt. Kinder ohne WLAN haben Prepaid-Karten von der Schule für ihre Handys bekommen. Einige Lehrkräfte konnten besser als andere Lehrkräfte mit dem neuen Medium umgehen. Hier gab es durchaus Qualitätsunterschiede. Meine Kinder haben wohl nur überschaubare Lernlücken aufzuweisen. Der Distanzunterricht wurde auch ganz unterschiedlich von meinen Kindern aufgenommen. Einschätzung von „total gut“ bis „eher schlechter“.

Inwieweit konnten die Lehrer Ihren Kindern durch diese Zeit helfen?

Die Schule hat sich relativ schnell auf MS Teams eingestellt. Hier gibt es fertige Strukturen und dieses Programm ist in der Wirtschaft weit verbreitet. Allerdings muss unsere Schule jetzt umrüsten. Die weitere Nutzung von MS Teams wird vom Hamburger Datenschutzbeauftragten untersagt. Bei Nichtumsetzung werden der Schulleitung private Konsequenzen angedroht. Also muss jetzt umgestellt werden.

 

Maya Lucia Freiesleben

Schülerin Gymnasium Altona

Maya Lucia Freiesleben Credit Motionphotos-klein

Maya Lucia Freiesleben: „Ich habe gelernt, selbstständiger zu arbeiten“ (Foto: Motionphotos)

SZENE HAMBURG: Maya Lucia, was habt ihr am meisten vermisst in der Pandemie?

Maya Lucia: Am meisten vermisst in der Pandemie beziehungsweise den längeren Lockdown-Phasen, habe ich den Kontakt zu meinen Freunden und Freundinnen und sonstigem sozialen Umfeld, Rausgehen, meinen alten Alltag, Abwechslung, die Unbefangenheit und Leichtigkeit. Eine der längeren Lockdown-Phasen war ja von Dezember 2020 bis Mai 2021, und gerade da war es sehr schwierig für uns Schüler und Schülerinnen, positiv und motiviert zu bleiben. Erst hieß es, wir blieben nur ein paar Wochen im Lockdown und dann zog sich das Ganze über Monate. Also hat teilweise auch eine Art von Perspektive gefehlt. Die Schüler und Schülerinnen haben sich den alten Alltag und Unterricht zurückgewünscht, da es für viele schwieriger war, von zu Hause allein zu arbeiten und viele schöne Aspekte am Schulalltag, wie die gemeinsamen Pausen, sind natürlich auch weggefallen.

Habt ihr euch mit euren Sorgen und Nöten von den Lehrern und Lehrerinnen immer verstanden gefühlt?

Alle Lehrer und Lehrerinnen hatten einen sehr unterschiedlichen Umgang mit den Sorgen und Nöten der Schüler und Schülerinnen. Dennoch haben die meisten darauf geachtet, sehr offen zu kommunizieren, sodass wir immer mit unseren Problemen auf sie zukommen konnten. Einige Lehrer und Lehrerinnen haben Einzel-Telefonate angeboten, oder kleine „Check-up“-Runden gemacht, wo jeder mal was beitragen sollte und konnte. Andere haben im Unterricht in Breakout-Räumen ein wenig Zeit zum privaten Austausch gelassen, oder sich auch mal Feedback zum Unterricht geben lassen. Ein paar Lehrer und Lehrerinnen haben sehr darauf geachtet, unseren Schulalltag abwechslungsreicher zu gestalten und haben auch mal alternative und kreativere Aufgaben gestellt und sind auf das gegebene Feedback eingegangen. Ich glaube, viel war am Anfang auch noch echt holprig im Online-Unterricht, weil alle noch sehr unsicher waren und niemand wirklich einschätzen konnte, wie lange wir noch zu Hause bleiben müssen. Aber das hat sich auch mit den Wochen eingespielt.

Was habt ihr aus dieser Zeit für die Zukunft gelernt?

Ich habe für mich persönlich gelernt, selbstständiger zu arbeiten, mir meinen Alltag besser zu strukturieren und mir auch mal kleine Pausen einzubauen, in denen ich mal rausgehe und mich mit Freunden und Freundinnen treffe. Gerade jetzt, in der kommenden Abiturphase und auch später für das Studium, ist das sehr hilfreich. Ich habe auch gelernt, meinen Alltag ein bisschen mehr wertzuschätzen und mir dann Hilfe zu holen, wenn ich sie brauche und generell offener über meine Probleme zu sprechen.

Mehr über das Hamburger Schulleben in der neuen SZENE HAMBURG Schule. Das Magazin ist seit dem 10. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Schüler:innen gegen Rassismus

Anne Pretzsch hat mit „100 Tage gegen Rassismus“ eine Performance-Aktion am Hamburger Emilie-Wüstenfeld-Gymnasium initiiert. Ein Gespräch über die Idee, die Kraft der Schüler:innen und die politische Dimension des Projekts

Interview: Henry Lührs

 

Anne Pretzsch ist Performance-Künstlerin und Mentorin. Zusammen mit Schüler:innen des Hamburger Emilie-Wüstenfeld-Gymnasiums (EWG) hat sie die Performance-Aktion „100 Tage gegen Rassismus“ umgesetzt. Dabei setzen sich Schüler:innen kreativ für mehr Gleichberechtigung in der Gesellschaft ein und fragen sich: Was ist Rassismus?. Pünktlich zum Jahresbeginn gehen sie mit ihrem digitalen Kunstprojekt an die Öffentlichkeit.

SZENE HAMBURG: Frau Pretzsch, wann haben sie das letzte mal Rassismus miterlebt?

Neulich im Bus bei einer Fahrkartenkontrolle. Da wurde mit einer von mir als Person of color gelesenen Person laut und langsam gesprochen, obwohl diese Person perfekt Deutsch sprach.

Ihr Projekt „100 Tage gegen Rassismus“ am Emilie-Wüstenfeld-Gymnasium ist mit Jahresbeginn in die finale Phase gekommen, wie kam es zu der Idee zu dem Projekt?

Mich interessiert es mit Kindern und Jugendlichen politisch zu arbeiten. Die Arbeiten und Performances, die ich mache, sind immer sehr politisch. Mir ist es erstens wichtig, die Bühne für relevante Themen zu nutzen und zweitens konnten wir den Jugendlichen mit dieser Produktionsform eine Menge Freiheiten ermöglichen. Ich habe gemerkt, dass ich generell Lust habe, in freien Projekten mit Schulen und Lehrenden zu arbeiten.

 

„Nichts davon wurde von unserer Seite initiiert“

 

In Workshops haben sich die Schüler:innen das Thema erarbeitet (Foto: Tina Weggler )

In Workshops haben sich die Schüler:innen das Thema erarbeitet (Foto: Tina Weggler )

Haben die ‚Kids‘ denn Lust auf das Thema?

Total. Es gab zum Beispiel einen Vorfall mit einer Lehrkraft. Daraufhin haben sich die Kids sehr engagiert. Es ging sowohl darum, der Lehrkraft zu erklären, was dort gerade passiert ist, als auch rassistische und diskriminierende Strukturen aufzudecken. Die Schüler:innen haben als Reaktion zum Beispiel die Lehrbücher überprüft oder bemängelt, dass Kolonialismus im Lehrplan nicht vorkommt. Es wurde sogar ein Brief an den Schulsenator Thies Rabe verfasst. Nichts davon wurde von unserer Seite initiiert.

Die Schüler:innen haben sich über Monate hinweg kreativ mit dem Thema Diskriminierung auseinandergesetzt. Wie hat das genau ausgesehen?

Wir haben den Kids das Projekt erst einmal vorgestellt und die Themen im Unterricht bearbeitet. Die Schüler:innen haben sich dann komplett selbstständig weiter eingelesen. Unterstützung gab es dabei von den Expert:innen von We A.R.E. e.V., einer Initiative zur frühkindlichen antirassistischen Erziehung und Bildung. Dazu kamen dann noch Workshops zu den verschiedenen Themen und auch die Schulbibliothek wurde und wird zu diesem Thema aufgestockt. So gibt es in Zukunft genügend Informationsmaterial, Sachbücher, Romane und Lyrik BiPoC (Schwarz, Indigen und der Begriff People of Color Anm. d. Red.) Autor:innen und die Kids können sich weiter gegenüber Diskriminierung sensibilisieren.

 

„Weiße Menschen sind rassistisch sozialisiert“

 

Einer der Workshops wurde von We A.R.E. e.V. durchgeführt (Foto: Tina Weggler)

Einer der Workshops wurde von We A.R.E. e.V. durchgeführt (Foto: Tina Weggler)

Das Kunstprojekt ist in mehrere Phasen aufgegliedert.

Ja, auf die erste Input-Phase folgte die Produktionsphase. Hier haben wir Performances und Formate entwickelt, wie zum Beispiel Plakate oder Hörspiele. Dann ging es fließend in die dritte Phase über, die seit Anfang des Jahres läuft. In dieser Phase werden die Ergebnisse präsentiert, sei es über Postings oder über diverse Präsentationen auf unserer eigenen Website. Die Klassen produzieren weiter und gleichzeitig finden Uploads statt.

Wurden von Rassismus betroffene Menschen in die Konzeption des Projekts mit eingebunden?

Die Kids haben bei der Vorstellung des Projektes sofort gesagt, dass wir weiß sind und das Projekt daher nicht machen könnten. Das fand ich super, denn das ist auch eine Frage, die ich mir stelle. ‚Darf ich?‘ oder ‚sollte ich so ein Projekt initiieren?‘ Für 100-Tage arbeiten wir eng mit People of Color zusammen, das Projekt Rapfugees hat gerade die Patenschaft übernommen.

Weiße Menschen wie ich sind rassistisch sozialisiert und ich sehe es nicht nur als die Aufgabe von Menschen mit rassistischer Diskriminierungserfahrung, unseren Rassismus aus dem System zu bekommen. Genauso ist es auch die Aufgabe von Männern, andere Männer darauf hinzuweisen, dass sie sexistisch sozialisiert sind.

 

Die wilde Kraft der jungen Menschen

 

Initiatorin und Performancekünstlerin Anne Pretzsch (Foto: Vera Drebusch)

Initiatorin und Performancekünstlerin Anne Pretzsch (Foto: Vera Drebusch)

Die Schüler:innen sind in der künstlerischen Ausgestaltung sehr frei. Medium und Ausdrucksform dürfen selbst gewählt werden. Gibt es trotzdem Grenzen oder No-Gos?

Klassische No-Gos gibt es schon. Das sind insbesondere Dinge, die die Kinder noch nicht kennen. Wir erklären dann zum Beispiel, warum die Reproduktion von Rassismen nicht gut ist, warum so etwas wie Blackfacing diskriminierend ist. Wir treten dabei aber auch in einen offenen Dialog. Ansonsten sehe ich gar keinen Grund, künstlerischen Prozessen Grenzen zu setzen, solange nichts diskriminierend ist. Wenn die Schüler:innen sagen: „Wir brauchen eine Drohne“ oder „wir möchten einen Tisch kaputt schlagen, weil uns das alles so wütend macht“, dann müssen wir das irgendwie möglich machen. Das sehe ich als meine Aufgabe, dann muss ich die Kohle dafür besorgen.

Im Frühjahr 2019 haben antifaschistische Sticker in der Ida-Ehre-Schule direkt um die Ecke für große Diskussion gesorgt. Die Schulaufsicht ließ die Sticker entfernen und die AfD rief ein „Petz-Portal“ ins Leben. Sollten sich Schüler:innen aus ihrer Sicht auch eigenständig politisch antifaschistisch positionieren?

Ich finde es immer gut, wenn junge Menschen anfangen, selbstständig zu denken. Dazu gehört für mich auch, eine politische Haltung zu entwickeln. Es gehört aber auch dazu zu reflektieren, wie ich diese vortrage, wie ich mich benehme und wie ich in diesem Kontext spreche. Wenn einem jungen Menschen eine Ungerechtigkeit auffällt – nicht nur im politischen Kontext – dann kommt auf einmal so eine wilde Kraft. Das ist gut. Aber ich empfinde es eher als die Aufgabe von Lehrenden zu gucken, wie diese kanalisiert werden kann. Kunst ist mein Angebot, um aus dieser Kraft zum Beispiel eine Performance, ein Hörbuch, einen guten Text oder ein Bild zu schaffen.

 

„Menschen sind nicht neutral“

 

Oft wird gefordert, dass Schule ein neutraler Ort sein sollte. Wie sehen Sie das?

Ich finde, es ist eine Illusion, dass irgendein Ort, wo Menschen sind, ein neutraler Ort sein könnte. Menschen sind nicht neutral. Natürlich muss ich Schüler:innen nicht politisch anstacheln. Ich muss nicht sagen: ‚Zieht euch alle schwarze Klamotten an und kommt mit mir auf eine Demo.‘ Da gibt es vielleicht eine Grenze. Aber ich kann nicht behaupten neutral zu sein oder neutral sein zu wollen. Wo sind dann die Grenzen des Politischen? Wenn ich Jungs in meiner Klasse auffordern zu gendern, ist das dann schon politisch? Ist mein ganzes Auftreten als weiße Frau politisch? Das alles ist schon nicht neutral.

Wie geht es mit dem Projekt nach Abschluss der Produktionsphase weiter?

Die Website wird an die Schule übergeben und diese übernimmt dann die Kuration. Das Projekt wird dann dadurch geöffnet, dass andere Schulen eingeladen werden, sich an dem daran zu beteiligen. Am EWG wird gerade eine Antidiskriminierungs AG eingerichtet und diese kümmert sich dann vermutlich um die Einsendungen. Ich fände es großartig, wenn diese Plattform so breit genutzt wird, dass am Ende eine Sammlung von Hamburger Schulen entsteht. We will see…

100-tage-gegen-rassismus.de


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„Bildung darf kein Privileg sein“

Bildung wird oft als etwas Sebstverständliches angesehen. Doch noch haben zu viel Menschen – gerade durch soziale Barrieren – keinen ausreichenden Zugang. Integration durch Chancengleichheit lautet daher das Motto der SBB Kompetenz

 

Die Bildungsinstitution SBB Hamburg bietet Beratungs- und Weiterbildungsangebote an, um vor allem auch Menschen mit einem dringenden Bedarf an Unterstützung in eine bessere Ausgangssitution zu bringen. Damit sie entweder wieder in einen Beruf einsteigen oder überhaupt die nötigen Grundlagen für eine Ausbildung erwerben.

Mit der Geschäftsführerin Andrea Franke sprechen wir über die bildungs- und vor allem sozial- politischen Aufgaben der Institution. Ebenfalls gewährt sie einen Einblick in ihre Herausforderungen bei der pandemiebedingten Umstellung von Präsenz- auf Distanzunterricht und ihre gewonnen Erkenntnisse über den Einsatz digitaler Unterrichtsformate und -angebote.

 

SZENE HAMBURG: Erläutern Sie doch bitte einmal das Angebot, das Sie als SBB Kompetenz machen. Was ist das Ziel Ihrer Institution?

andrea-franke-sbb-hamburg

Andrea Franke von der SBB Kompetenz

Wir sind eine Tochter der Stiftung Berufliche Bildung (SBB), unter deren Dach sich 22 Tochtergesellschaften mit unterschiedlichen Ausrichtungen befinden, die aber alle im Wesentlichen das Ziel haben, Menschen auf ihrem Weg in einen Beruf zu unterstützen und auch Soziale Teilhabe durch entsprechende Bildungsangebote zu erlangen.

Hier in Hamburg sind wir die größte Tochter für Erwachsenenbildung, man kann uns als Generaldienstleisterin der beruflichen Bildung bezeichnen. Wir sind primär für Menschen zuständig, die länger als ein Jahr arbeitssuchend sind und bieten dabei Sprach- und Integrationskurse, Coaching- und Beratungsangebote, Umschulungen, Fort- und Weiterbildungen sowie auch unterschiedliche Beschäftigungsgelegenheiten, für Menschen mit Anspruch auf eine entsprechende Förderung.

Wenn wir einmal den Bereich der beruflichen Fort- und Weiterbildung anschauen, gibtes dort Berufsfelder, auf die Sie sich fokussieren?

Ursprünglich haben wir mit Umschulungen im gewerblich-technischen Bereich begonnen und gehen heute verstärkt in den Bereich Büromanagement und Kaufleute für E-Commerce und damit immer mehr in den kaufmännischen Bereich und Berufsfelder mit Marketing- und Digitalisierungshintergrund. Daneben bleiben bewährte Angebote wie Umschulungen im Friseur- oder Gastronomiebereich natürlich bestehen.

Vor dem Hintergrund, dass auch viele klassische Berufe immer digitaler werden, bieten wir zum Beispiel auch Umschulungen in den Bereichen Lager, Handel und Spedition an, die diese Entwicklung berücksichtigen, um den neuen Marktansprüchen gerecht zu werden. Wir sind daher eher breit aufgestellt, als auf ein Feld spezialisiert und versuchen immer uns der allgemeinen Bedarfsentwicklung in der Berufswelt entsprechend anzupassen.

 

Technische Infrastruktur

 

Sie bereiten Ihre Teilnehmer immer stärker auf eine digitale Arbeitswelt vor. Wie gut waren Sie denn vorbereitet, als Sie den Unterricht komplett digital ausrichten mussten?

So traurig es klingt, wir mussten ja nun endgültig alle feststellen, dass wir keine gute technische Infrastruktur haben und wir, im europäischen Vergleich, einiges nachzuholen haben. Schlechte Internetverbindungen, extrem langsame Ladezeiten für Dokumente und auch wir als Lehrende und die Lernenden hatten sehr wenig Expertise im Umgang mit der Technik.

Deswegen mussten wir schnellstens unsere gut 250 Mitarbeiter nicht nur mit der Technik ausstatten, sondern ihnen den Umgang näher bringen und vor allem auch beibringen, wie man vor einem Laptop sitzend ein Seminar gut rüberbringt und die Teilnehmer virtuell einbindet. Wir haben sehr schnell auch einen Supportservice aufgebaut, um bei technischen Problem sofort reagieren zu können und den Unterricht immer am Laufen zu halten.

Viele Ihrer Teilnehmer gehören sicherlich nicht zu den sogenannten privilegierten Milieus und ein Distanzunterricht birgt hier sicherlich auch Gefahren, diese Menschen zu verlieren. Wie ist Ihre Erfahrung?

Das war auch meine größte Sorge und es war für uns enorm wichtig, möglichst viele Abbrüche zu verhindern. Daher haben wir uns sehr viel Zeit genommen, einzelne Teilnehmer auch immer wieder telefonisch zu kontaktieren, um die persönliche Bindung aufrechtzuerhalten und Nähe herzustellen.

Unser Auftrag war aber im Prinzip immer schon mehr, als ein reines Ausbildungsangebot zu machen. Es ging immer auch darum diese Milieus, die weder technisch noch sozial so gut aufgestellt sind, nicht nur bildungspolitisch, sondern auch sozialpolitisch aufzufangen.

 

Basiskompetenzen

 

Was konnten Sie denn im aktuellen Fall dann konkret noch machen, um ihre Teilnehmer bestmöglich zu unterstützen?

Wir haben uns dringlichst darum gekümmert, dass erst einmal eine technische Ausstattung zur Verfügung gestellt werden konnte. Ebenfalls haben wir dafür gesorgt, Räume zur Verfügung zu stellen, wenn es bei unseren Teilnehmern zu Hause nicht möglich war, in Ruhe an unseren digitalen Unterrichtseinheiten teilzunehmen.

Die ganze Situation zeigt eben auch, dass wir uns insgesamt noch viel stärker bemühen müssen, dort wo diese Menschen leben, noch mehr räumliche und technisch ausgestattete Angebote zu machen, um sich beruflich weiterbilden zu können.

Wir müssen auf die Menschen noch mehr zugehen und nicht warten, bis vielleicht zu uns finden. Dafür benötigt es auch entsprechend mehr öffentliche Mittel.

Überspitzt formuliert, reicht es also nicht aus, alle mit Laptops auszustatten und dann ist alles gut.

Ganz sicher nicht. Einem Großteil müssen zum Beispiel auch erst einmal digitale Basiskompetenzen vermittelt werden. Wir begleiten Menschen, die sehr weit weg von der allgemeinen Bildung und dem Arbeitsmarkt entfernt sind. Was vielleicht für viele Abiturienten aus Mittel- und Oberschichts-Elternhäusern normal ist, ist es in diesen Lebenswelten definitiv nicht.

Umschulungen machen bei uns circa 20 Prozent unseres Portfolios aus. Der Rest unseres Angebotes konzentriert sich darauf, Menschen die entscheidenden Grundlagen zu vermitteln, um im Arbeitsmarkt überhaupt eine Chance zu haben.

SBB Hamburg


SH_Ausbildung_Titel_2021 SZENE HAMBURG Ausbildung, 2021. Das Magazin ist seit dem 31. März 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Ein Jahr Corona: Katharina Fegebank im Interview

Ein Jahr Corona gleich ein Jahr Ausnahmezustand im Senat. Katharina Fegebank, Hamburgs Zweite Bürgermeisterin, spricht über politische Maßnahmen, Erfolge und womöglich verpasste Chancen

Interview: Hedda Bültmann & Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Katharina Fegebank, es ist ein trauriger Geburtstag: Corona wird ein Jahr alt. Erinnern Sie sich an den genauen Zeitpunkt, wann Sie aufgrund des Virus zum ersten Mal die politischen Alarmglocken haben läuten hören?

Katharina Fegebank: Der Tag, an dem wir Corona im politischen Raum in Hamburg zum ersten Mal so richtig gespürt haben, war als der erste positive Fall am UKE Ende Februar 2020 bekannt wurde. In den Tagen danach wurde mir bewusst, dass sich unsere Politik, wie wir sie bis dahin schwerpunktmäßig gemacht haben, dramatisch verändern würde. Am 13. März 2020 haben wir dann auf einer Sondersenatssitzung beschlossen, Kitas, Schulen und Geschäfte zu schließen.

Wer waren zu diesem Zeitpunkt Ihre wichtigsten Ansprechpartner?

Alle im Senat. Dort haben wir zusammen die Dinge sehr offen miteinander erörtert. Für uns war es eine noch nie dagewesene Situation. Wir wussten noch so wenig über das Virus.

In den Monaten März, April und Mai hatte man auch noch ganz andere Annahmen zur Übertragbarkeit als jetzt. Es ging darum, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die schweren ökonomischen Verwerfungen, die dramatischen Auswirkungen auf die Haushaltslage, auch die Frage, wie sich das alles auf Familien, Kinder und Jugendliche auswirkt, haben wir dabei stets mit einbezogen.

Wir haben uns Rat von den hiesigen Wissenschaftlern gesucht, zum Beispiel am UKE, wo es eine ausgezeichnete Expertise gibt. Und wir haben uns mit Psychologen, Sozialwissenschaftlern und Ökonomen ausgetauscht. Darüber hinaus gab es den Austausch im Bund-Länder-Kontext.

 

Mehr Entschlossenheit

 

Würden Sie aus heutiger Sicht die seit Pandemiebeginn beschlossenen Maßnahmen als vollends sinnvoll beschreiben?

Aus heutiger Sicht kann man immer sagen, dass wir entschiedener und beherzter hätten agieren müssen. Zum Beispiel, was den Lockdown light im Herbst 2020 angeht. Ich glaube, mehr Entschlossenheit und strengere Maßnahmen hätten die Infektionen schneller sinken lassen und uns möglicherweise die Ermüdungserscheinungen und den Frust ersparen können. Aber, zu dem Zeitpunkt hielten wir die Strategie für richtig.

Was waren denn in Ihren Augen die größten Erfolge des Senats?

Wir sind immer sehr konsequent mit den Beschlüssen der Ministerpräsidentenkonferenz umgegangen und haben für Hamburg keine großen Ausnahme-Tatbestände definiert. Das hat zu einer stringenten Argumentation beigetragen.

Außerdem ist es uns aufgrund des Maßnahmen-Mix im Frühjahr gelungen, relativ schnell wieder niedrige Zahlen zu haben – was allerdings die negative Begleiterscheinung hatte, dass sich viele in Sicherheit wähnten. Im Spätsommer, Herbst und Winter letzten Jahres gab es aus meiner Beobachtung heraus eine gewisse Sorglosigkeit, die zu rapide ansteigenden Zahlen ihren Beitrag geleistet hat.

 

 

Schien Ihnen in den Sommermonaten eine krasse zweite Welle, wie es sie ab Herbst gab, realistisch?

Nach den schnellen Erfolgen des ersten Lockdowns hatten wir im Sommer zunächst alles relativ gut im Griff. Im Hinterkopf waren die Hinweise aus der Wissenschaft, aus dem Erleben und den Zahlen heraus hat sich die zweite Welle aber zunächst nicht angedeutet. Unterm Strich sehen wir jetzt, wie schnell das Virus sich wieder ausbreiten kann, wenn man zu schnell lockert.

Der Frust und die Erschöpfung waren in dieser zweiten Welle größer als in der ersten Welle. Nicht nur, weil es sich durch den Lockdown light so lange hingezogen hat, sondern auch, weil viele Menschen sich gefragt haben, warum wir weiterhin im Lockdown sind, obwohl die Zahlen bundesweit zunächst zurückgegangen sind. Die Antwort ist: Die Mutation hat sich rasend schnell ausgebreitet und ist deutlich ansteckender.

 

Schulen und Kitas

 

Mit dem zweiten Lockdown wurde im Dezember die Präsenzpflicht an den Schulen aufgehoben. War es zu dem Zeitpunkt richtig, den Eltern die Entscheidung, ob sie ihr Kind in die Schule schicken, zu überlassen?

Die Alternative wäre gewesen, die Schulen und Kitas komplett dicht zu machen. Und das hätte ich als sehr problematisch empfunden. Zum einen können nicht alle Eltern ihre Kinder selber betreuen, zum anderen sind nicht in allen Familien die gleichen Voraussetzungen da, um von zu Hause aus zu lernen.

Es gibt familiäre Situationen, in denen es für Kinder sehr schwierig ist, zu Hause zu sein, aufgrund von fehlender digitaler Ausstattung, räumlichen Engpässen oder aufgrund einer schwierigen Familienkonstellation. Diesen Kindern müssen wir die Möglichkeit geben, in die Schule zu kommen, wo sie sich besser entwickeln können. In den Kitas bieten wir eine Notbetreuung an und ich halte das für richtig. Ich kenne das aus der eigenen Situation und es ist wahnsinnig schwer beziehungsweise fast unmöglich – gerade mit kleinen Kindern – Homeoffice zu machen und sich parallel um die Kinder zu kümmern.

Also liegt der Fokus vermehrt auf den Kindern und Familien?

Das ist ja im ersten Lockdown ein Vorwurf gewesen, dass wir uns viel zu wenig mit Familiensituationen und -sorgen auseinandergesetzt haben. Wir haben in der Folge versucht, immer wieder im Sinne der Kinder und Jugendlichen und der Familien den richtigen Weg zu finden.

Das ist die eine Seite. Auf der anderen fühlen sich Lehrer überhört, weil im Januar noch 20 Prozent der Hamburger Schüler in die Schule gegangen sind und die Notbetreuung nicht entsprechend aufgestellt sei. Wie sehen Sie die Situation?

Das muss man differenzierter betrachten, bei den Kitas sind es 25 bis 30 Prozent der Eltern, die die Notbetreuung in Anspruch nehmen. Bei den Grundschulen sind es aktuell 20 und bei den weiterführenden Schulen zwischen zwei und acht Prozent. Die Stadt hat viel für die Sicherheit der Lehrer getan. FFP2-Masken ausgegeben, kostenlose Tests ermöglicht.

Aber ja, natürlich gibt es hier unterschiedliche Sichtweisen. Es gibt Eltern, die fordern, dass die Schulen komplett geschlossen werden, andere wiederum verstehen überhaupt nicht, dass kein Regelbetrieb stattfindet. Dann gibt es Lehrer, die es unverantwortlich finden, dass Kinder zu Hause beschult werden, weil sie in ihrer Entwicklung zurückfallen. All das ist eine komplizierte Gemengelage.

Wir haben eine klare Linie, die die verschiedenen Interessen berücksichtigt und nicht nur für eine Seite Partei ergreift. Der erste Lockdown hat gezeigt, dass Kinder und Jugendliche stärker im Fokus stehen müssen und daran orientieren wir uns.

 

 

Homeoffice muss vom Arbeitgeber ermöglicht werden, aber es ist nach wie vor keine Pflicht. Die Dringlichkeit und die Verordnung sind erst mit dem zweiten Lockdown gekommen. Wieso erst dann und warum nicht restriktiver?

Im ersten Lockdown hatten wir eine hohe Homeoffice-Quote. Viele Unternehmen haben sehr vorbildlich gehandelt und haben von einem Tag auf den anderen auf Homeoffice oder mobiles Arbeiten umgestellt. Viele Arbeitgeber haben das im zweiten Lockdown nicht mehr so konsequent umgesetzt. Das war auch an der zunächst hohen Auslastung des ÖPNV ablesbar.

Es gibt jetzt die Verpflichtung der Arbeitgeber, Homeoffice anzubieten, aber nicht die Verpflichtung der Arbeitnehmer, dass in Anspruch nehmen zu müssen. Denn besondere familiäre, private oder berufliche Umstände können dazu führen, dass man den Tag doch im Büro verbringen muss. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, wenn ich meine beiden zweijährigen Kinder zu Hause habe, fällt es mir schwer, solche Interviews wie dieses zu führen oder Sitzungen zu leiten.

Nicht jeder hat ein Zuhause. Wie obdachlose Menschen im Winter und gerade in der Pandemiezeit geschützt werden können, ist ein Thema, das die Stadt sehr umtreibt. In diesem Zuge wird auch das Winternotprogramm kritisiert. Es heißt unter anderem, dass zu viele Menschen in einem Raum untergebracht werden.

Wir haben keine vollständige Auslastung des Winternotprogramms. Und es gibt Hygiene- und Schutzkonzepte, die das Ansteckungsrisiko minimieren sollen. Außerdem gibt es das Angebot, dass Obdachlose mit schweren physischen oder psychischen Erkrankungen in einem Einzelzimmer untergebracht werden können.

Zudem findet ein enger Austausch statt, mit Trägern in der Obdachlosenhilfe und mit Ehrenamtlichen, die sich, Gott sei Dank, in diesem Bereich sehr stark machen. Obdachlosigkeit in unserer Stadt ist durchaus ein zentrales Thema, das uns politisch sehr bewegt. Wir haben gute Unterbringung, Beratung und Betreuung im Rahmen des Winternotprogramms. Ich habe viele Jahre ehrenamtlich den Mitternachtsbus begleitet. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass viele Menschen das Thema Obdachlosigkeit in den Wintermonaten und der Pandemiesituation sehr beschäftigt hat und sie das Problem der Politik immer wieder gespiegelt haben.

Apropos Winter: Wie haben Sie Weihnachten gefeiert?

Im familiären Kreis. Sehr viel kleiner als sonst, aber gemütlich und so normal, wie es möglich war.

Während der Feiertage hat Sie sicher auch das große Thema Impfen beschäftigt. Am 11. Januar twitterten Sie dann: „Beim Thema Impfen sind wir uns in Senat und Bürgerschaft (fast) einig.“ Mit wem waren Sie sich am wenigsten einig?

Mit „fast“ meinte ich die AfD, die sich zu dem Thema ja entweder nicht geäußert oder sich gegen Impfungen ausgesprochen hat.

 

„Ich halte das Impfen für einen sozialen Vertrag“

 

Und auf einer Skala von 0 bis 10: Wie sehr sind Sie aktuell mit den Impf-Vorbereitungen, -Bürger-Services, -Stoff-Lieferungen und -Durchführungen zufrieden?

Ich möchte hier vorwegschicken, dass es eine wissenschaftliche Höchst- und Meisterleistung ist, innerhalb eines Jahres mehrere sichere und wirksame Impfstoffe zu entwickeln. Man kann gar nicht oft genug sagen, dass das einfach sensationell ist. Und natürlich haben wir uns alle gewünscht, dass wir schneller an mehr Impfstoff kommen und die zugesagten Impfstofflieferungen auch tatsächlich so erfolgt wären, wie geplant.

In der Organisation haben wir uns schließlich darauf verlassen und zum Beispiel sehr früh damit angefangen, unser Impfzentrum aufzubauen. Wir sind bereit, täglich bis zu 7.500 Impfungen durchzuführen. Und die Lieferungen des AstraZeneca Impfstoffs werden jetzt in den kommenden Wochen kontinuierlich erhöht, sodass die Anzahl der Impfungen im Zentrum stetig steigen.

Eine wirklich gute Nachricht ist, dass wir allen Bewohnern von Pflegeheimen, die über 80 Jahre alt sind, ein Impfangebot machen konnten. Die mobilen Teams sind jetzt in den Residenzen und Wohnanlagen unterwegs. Also, wenn Sie mich nach der Skala fragen, würde ich differenzieren. Dass es so schnell Impfstoffe gibt: eine glatte 10. Terminvergabe: da müssen wir deutlich besser werden.

Ihre Message an alle, die eine Impf-Möglichkeit nicht wahrnehmen möchten?

Die Zahl der Hardcore-Impfgegner ist sehr klein. Darüber hinaus gibt es Menschen, die sich um die Nebenwirkungen einer solchen Impfung sorgen. Und grundsätzlich sehe ich, dass die Impfbereitschaft der Bürger größer wird, weil alle sehen, dass die Impfung der Weg aus der Pandemie ist.

Ich bin gegen eine Impfpflicht, aber ich halte das Impfen für einen sozialen Vertrag, den wir miteinander abschließen: Wer sich impfen lässt, schützt sich und andere. Impfen ist ein Akt der Sicherheit und Solidarität. Wenn dieser Gedanke in der Gesellschaft reift, bin ich optimistisch, dass wir die Schwelle zur Herdenimmunität überschreiten werden – wenn denn ausreichend Impfstoff da ist.

 

„Wir sagen ungern, dass wir Dinge nicht wissen“

 

Mit dieser Hoffnung und den Erfahrungswerten aus dem vergangenen Jahr, können Sie trotz der Mutationen einen kleinen Ausblick geben, wie der Sommer werden wird?

Ich hoffe, der Sommer wird schöner (lacht). Nicht nur wettermäßig, sondern auch mit deutlich mehr Möglichkeiten. Es hat ja noch nie eine Zeit gegeben, in der wir alle in Hamburg und auch weltweit – mit extremen Einschränkungen, auch Grundrechtseinschränkungen, über einen sehr langen Zeitraum leben mussten. Es ist beeindruckend, dass es trotzdem klappt, zusammenzuhalten.

Aber wir spüren bei uns selbst, in unserem Umfeld und auch in den Umfragen zur Akzeptanz der Maßnahmen eine gewisse Unruhe und Genervtheit, Angst um die eigene Existenz. Dennoch ist aktuell nicht die Zeit, über Lockerungen zu sprechen, sondern wir müssen in den nächsten drei, vier Wochen noch mal all unsere Kräfte bündeln, um die Anzahl der Menschen in den Intensivstationen zu verringern, den R-Wert und den Inzidenzwert so zu drücken, dass wir die Pandemie gut im Griff haben.

Wir wissen von Tag zu Tag mehr über die Mutante, und die fortschreitenden Impfungen bringen Entspannung, sodass sich hoffentlich die Situation im Spätsommer wieder ein bisschen wie Normalität anfühlt. Aber auch, wenn es Lockerungen gibt und man das Gefühl hat, es geht schon wieder alles, werden uns Maßnahmen wie das Abstandhalten noch länger, wenn nicht bis Ende des Jahres, begleiten.

Vielen macht vor allem zu schaffen, dass sie nicht wissen, wie lange sie noch durchhalten müssen.

Das ist auch für uns in der Politik ein Problem. Wir sagen ungern, dass wir Dinge nicht wissen. Aber hier ist es die ehrlichste Antwort. Und falsche Erwartungen zu schüren und Hoffnun- gen, die nicht erfüllt werden können, frustriert die Leute noch mehr.

Jetzt ist nicht der Zeitpunkt für Lockerungen und wir werden noch sehr lange mit Corona leben müssen. Deshalb ist es wichtig, dass wir gemeinsam die Perspektiven debattieren. Für uns ist klar: Wir brauchen eine gute Schnellteststrategie für Hamburg und müssen noch mehr positive Proben auf Mutationen untersuchen. Und uns in Deutschland verabreden, wie wir mit ähnlichen Maßnahmen die nächsten Monate gestalten, bis die Pandemie endgültig im Griff ist.


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Leben retten: Hand aufs Her(t)z

Was „Atemlos durch die Nacht“ und „Stayin’ Alive“ gemeinsam haben? Den geeigneten Rhythmus für die Herzdruckmassage. Ein Besuch beim Herzretter­-Kurs des „Ich kann Leben retten!“ e. V. an der Heinrich­-Hertz­-Schule

Text und Fotos: Basti Müller

 

Wie die Herzdruckmassage richtig funktioniert, wissen nur gut 40 Prozent der Erwachsenen in Deutschland, obwohl hierzulande Herzversagen zu den häufigsten Todesursachen gehört. Die Initiative „Ich kann Leben retten!“ e. V. will besonders junge Menschen auf Notsituationen vorbereiten, in denen jede Minute zählt.

„Hey, Sie da, mit dem Mantel! Wählen Sie die 112!!“, ruft Julian Tejeda laut in den Klassenraum, „So müsst ihr die Leute ansprechen, dann helfen sie euch.“ Nun sind auch die letzten Schüler der 9c hellwach. Wie bei einem Bühnenstück positioniert sich Tejeda, hauptberuflich Schauspieler, in die Mitte des Stuhlkreises. Er ist einer von sieben Schauspielern im Team der „Ich kann Leben retten!“-Initiative und einer von zwei Kursleitern, die an diesem Morgen an die Winterhuder Stadtteilschule Laienretter ausbilden.

 

„Der einzige Fehler wäre nichts zu tun“

 

„Wer von euch war schon beim Erste-Hilfe-Kurs?“, fragt der 42-Jährige. Eifrig melden sich Niklas und Jacob, beide 14, sie sind Schulsanitäter an der Heinrich-Hertz-Schule. Dort lernt man, ein Pflaster aufzukleben, einen Druckverband richtig anzulegen. „Das ist zum Teil überlebenswichtig“, führt Tejeda fort, „aber heute nicht unser Thema. Es geht um das Gehirn!“

Denn schon nach drei Minuten ohne Sauerstoff trägt das Gehirn dauerhafte Schäden davon, mit jeder weiteren Minute sinkt die Überlebenschance um zehn Prozent. Ziel der Initiative ist daher, die wesentlichen Schritte zu vermitteln, die einen Menschen bei plötzlichem Herzversagen solange am Leben erhalten, bis der Rettungsdienst übernimmt. Mund-zu-Mund-Beatmung und die perfekte stabile Seitenlage sind veraltete Maßstäbe. Lebensrettung soll einfacher, die Rettungskette effizienter werden.

Mittlerweile löchern die Schüler ihren Kursleiter: „Was mache ich, wenn Menschen einfach weitergehen? Oder ich bei der Herzdruckmassage jemanden verletze?“ Tejeda beruhigt. „Dass bei der Herzdruckmassage Rippen brechen, ist völlig normal. Der einzige Fehler wäre nichts zu tun“, wiederholt der Herzretter in seinem 90-minütigen Kurs knapp ein Dutzend Mal.

 

„Nicht lang schnacken, Kopf in Nacken“

 

Um die Schüler von dieser Tatsache zu überzeugen, erzählt Tejeda die Geschichte von Florian, dessen Zunge durch einen Zusammenstoß beim Fußball in den Rachen rutschte und die Luftröhre versperrte. Als der Rettungsdienst eintraf, hatte der Junge bereits zehn Minuten nach Luft gerungen, weil kein Erwachsener wusste, was zu tun war. „Und das passiert erschreckend häufig“, sagt Tejeda.

Also holt der Kursleiter sein Modell hervor, erklärt, wie man die Atmung überprüft und sie, wie beim Fall von Florian, wiederherstellt. „Nicht lang schnacken, Kopf in Nacken“, schmunzelt er, legt eine Hand unters Kinn der Puppe, die andere oberhalb auf die Stirn und bewegt den Kopf vorsichtig nach hinten. Dadurch flache sich die Zunge ab, der Atemweg öffne sich.

Ist das geschafft, muss der Mensch stabilisiert werden, erklärt er den Kindern. Deshalb bittet Tejeda die Schulsanitäter, die stabile Seitenlage vorzuführen. „Einen Kaktus bilden“, sagt Niklas und positioniert Jacobs Arme in eine U-Form. Dann winkelt er Jacobs Bein an, schiebt die Handfläche unter dessen Wange und dreht ihn auf die Seite. Ihre Mitschüler applaudieren. Beide könnten sich gut vorstellen, dass so ein Kurs halbjährlich in ihrer Schule stattfindet. „Weniger Arbeit für uns“, sagt Niklas scherzend. „Wie er auf die Seite kommt, ist letztendlich egal“, fügt der Kursleiter hinzu, „Hauptsache ist, dass der Mensch nicht an seiner Spucke erstickt.“ Dann kommt der Notruf. „,112 – gebührenfrei‘ – sage ich bei den Vorschulkindern immer“, so Tejeda.

Die Herzretter lehren die Herzdruckmassage bereits ab Klasse 3. Der Verein hat 2019 mehr als 20.000 Hamburger Kinder vom Vorschul- bis zum Jugendalter ausgebildet und plant auch 2020, mehr als 20.000 Schüler zu Herzrettern zu machen. „In Deutschland können jeden Tag 30 Menschenleben gerettet werden, wenn auch Laien wissen, was bei plötzlichem Herz-Kreislauf-Versagen zu tun ist“, sagt Dr. Martin Buchholz, der den Verein 2016 nach einem eigenen Herzinfarkt gründete.

 

„Prüfen, rufen, drücken“

 

Das Paradebeispiel dafür ist Alexander aus Stade, erzählt Tejeda, der vor einigen Jahren seiner Mutter das Leben rettete. Wenige Tage nach dem Herzretter-Kurs in seinem Kindergarten brach seine Mutter zu Hause zusammen. Der Junge legte sie in eine seitliche Lage, überstreckte ihren Kopf und wählte den Notruf. Alexander habe sich nur daran erinnert und das getan, was der Kursleiter ihm gesagt hatte.

„Prüfen, rufen, drücken“, predigt Tejeda, bevor sich die Schüler zu zweit an der Herzdruckmassage und dem automatisierten externen Defibrillator (AED) versuchen. Er macht es vor, legt Handflächen auf das Brustbein und beginnt im Takt eines Bee-Gees-Hits zu pumpen. „Wir drücken 120-mal pro Minute, fünf bis sechs Zentimeter tief. Ha, ha, ha, ha, stayin’ alive.“

„Das ist ganz schön anstrengend!“, sagt die 14-jährige Assetou, als sie zu üben beginnt. Durch den Kurs fühle sich die Schülerin sicherer. „Ich glaube, dass es gar nicht so schwer ist, so unter Druck zu handeln.“ Auch Amelie, 14, würde sich nun mehr zutrauen. „Die Herzdruckmassage würde ich auf jeden Fall auch versuchen.“ Und um genau das geht es bei den Herzrettern: Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen einfaches lebensrettendes Notfallwissen zu vermitteln, sie zu ermutigen das Herz in die Hand zu nehmen.

Tejeda ist zufrieden. Zur Weihnachtszeit gab der 42-Jährige knapp 30 Kurse in Hamburg. „Es ist immer anders und die Kinder haben sehr engagiert reagiert“, sagt der Kursleiter und verteilt abschließend einen Herzretter-Pass an jeden seiner frisch ausgebildeten Laienretter.

iklr.de


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Hamburger des Monats – Der Hundertjährige Wilhelm Simonsohn

Es war ein aufregender Sommer für Wilhelm Simonsohn. Er bekam für seinen Einsatz als Zeitzeuge an Schulen das Bundesverdienstkreuz, nahm an einer Fridays-for-Future-Demo teil und wurde am 9. September 100 Jahre alt. Ein Gespräch über die Geschwister Scholl, die Sahara und einen Brief an Angela Merkel

Interview: Matthias Greulich
Foto: Jakob Börner

 

SZENE HAMBURG: Herr Simonsohn, vor einigen Wochen waren Sie auf Ihrer ersten Fridays-for-Future-Demonstration. Wie war’s?

Ganz wunderbar. Ich war mit meinen Töchtern, einem Enkel und zwei Urenkeln demonstrieren. Es war ein seltenes Bild, wie wir mit vier Generationen auf dem Hamburger Rathausmarkt saßen.

Mussten Sie lange überredet werden?

Absolut nicht. Fridays for Future ist ein Tritt in den Hintern unserer etablierten Parteien. Wir nehmen unsere Ressourcen stärker in Anspruch als es unsere Welt verkraften kann. Dabei gibt es Möglichkeiten, ohne fossile Brennstoffe auszukommen.

Mein Steckenpferd ist die Technologie Thermischer Solarkraftanlagen, um den steigenden Energiebedarf decken zu können. 1982 war ich mit meiner 2005 verstorbenen Ehefrau Liesel zum ersten Mal mit unserem Reisemobil zwischen Tunis und Agadir unterwegs. Als Saharafahrer habe ich erfahren, wie stark die Kraft der Sonne dort ist. Technisch ist das heute längst möglich und ich wünsche mir sehr, dass meine Enkel es bald erleben.

In Ihrem Buch „Ein Leben zwischen Krieg und Frieden“ ist ein Brief abgedruckt, den Sie an Frau Merkel geschrieben haben.

Zehn Jahre ist das jetzt her. Ich bat die Bundeskanzlerin darin, sich politisch für den Bau von Solarkraftwerken in der Sahara einzusetzen. Zur Beantwortung des Briefes ist Frau Merkel bisher leider noch nicht gekommen.

Sie sind durch eine Augenkrankheit fast erblindet und können keine Bücher und Zeitungen mehr lesen. Wie informieren Sie sich?

Mein Leib-und-Magen-Sender ist Phoenix. Ich verfolge fast jede Debatte aus dem Parlament, auch wenn der Bundestag nicht mehr das Niveau und den Esprit wie zu Zeiten eines Herbert Wehner hat.

Außerdem bringt mir ein ehrenamtlicher Bücherbote, er ist pensionierter Richter, regelmäßig Hörbücher aus der Bücherhalle vorbei. Das alles ist meine geistige Nahrung.

 

„Ich wurde als „Judenlümmel“ beschimpft“

 

Mit 100 Jahren besuchen Sie immer noch Schulen, um als Zeitzeuge aus Ihrem Leben zu berichten. Was sagen Sie den Schülern?

Wenn ich beispielsweise die Geschwister-Scholl-Stadtteilschule am Osdorfer Born besuche lautet mein Einleitungssatz: „Ich hatte nicht das Format der Geschwister Scholl, deshalb sitze ich hier vor Ihnen.“ Hans Scholl ist mein Jahrgang, Sophie Scholl war drei Jahre jünger. Vier Tage nachdem sie beim Auslegen von Flugblättern vom Hausmeister der Münchner Universität entdeckt worden waren, wurden sie verurteilt und getötet.

Ich rede in den Schulen von Europa. Dass ich in Sorge bin, dass unser Europa wieder Schlagseite kriegt. Dank dieses Europas leben wir seit 74 Jahren in Frieden. Es scheint für die jungen Menschen nicht alltäglich zu sein, dass ein Hundertjähriger vor ihnen steht. Aber ich langweile Sie doch nicht?

Absolut nicht. Als Sie so alt waren wie die Schüler, die Sie heute besuchen, sind Sie aus der Marine-Hitlerjugend ausgetreten.

Noch heute versetzt es mich in Erstaunen, dass ich als 15-Jähriger so handelte. Mein Vater war zur See gefahren und hatte die Begeisterung für alles Maritime in mir gefördert. Er dachte deutschnational, war Teilnehmer des Ersten Weltkriegs und ein überassimilierter Jude. Bei der Marine-Hitlerjugend wurde ich als „Judenlümmel“ beschimpft und wusste nicht, was los war.

Erst dann erfuhr ich, dass ich adoptiert und mein Vater Jude war. Er sagte immer: „Man weiß doch wie ich denke. Man wird mich nicht holen.“ Dann haben sie ihn im November 1938 abgeholt. Als er aus dem KZ Sachsenhausen zurückkam, war er ein gebrochener Mann. Er starb im November 1939 an den Folgen der Haft.

Zu diesem Zeitpunkt waren Sie bereits Wehrmachtssoldat und kämpften im Zweiten Weltkrieg.

Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen am 29. September 1939 in einem Motorrad mit Beiwagen ins zerstörte Warschau zu fahren. Der penetrante Geruch der menschlichen Leichen und der Kadavergeruch der Pferde haben mir das Elend eines Krieges erst so richtig ins Bewusstsein gebracht. Ich fühlte mich auf einen Schlag zehn Jahre älter und habe mir geschworen, niemals Bomben auf menschliche Siedlungen zu werfen.

 

„Durch meine Erlebnisse bei der Luftwaffe wurde ich zum Pazifisten“

 

Das konnte ich einhalten, weil wir nach der Pilotenausbildung als wertvolles menschliches Humankapital ein wenig mitbestimmen konnten, wo wir eingesetzt werden sollten. Ich wurde Nachtjäger, mit der etwas naiven Vorstellung, die Bombenangriffe auf deutsche Städte verhindern zu können.

Ich wurde zweimal abgeschossen. Drei weitere Male hielt der liebe Gott bei Bruchlandungen seinen Daumen zwischen Leben und Tod. Durch meine Erlebnisse bei der Luftwaffe wurde ich zum Pazifisten. Je stärker der zeitliche Abstand und der Abstand zu mir selbst wird, desto stärker wird diese Einstellung.

Für Ihren unermüdlichen Einsatz für die Demokratie haben Sie im August das Bundesverdienstkreuz bekommen.

Es war eine sehr schöne Veranstaltung im Turmzimmer des Rathauses. Schulsenator Ties Rabe hat eine mitfühlende Rede gehalten. Er vergaß auch nicht, von einer Begegnung nach einem Schulbesuch zu berichten.

Was war passiert?

Ich bin mittlerweile geschrumpfte 1,80 Meter groß. Eine mit 15 Jahren ähnlich große Schülerin kam zu mir und sagte: „So einem Menschen wie Ihnen bin ich noch nie begegnet.“ Es sind diese kleinen Glücksgefühle, die mein Leben noch lebenswert machen.


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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