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Obdachlosenhilfe: Harburg-Huus vor dem Aus

Während sich die Lage in Harburgs einziger Unterkunft für Obdachlose Corona-bedingt ohnehin verschlechtert, hat die Einrichtung nun auch noch die offizielle Kündigung der Räumlichkeiten erreicht

Text: Laura Lück

 

Nachdem das Grundstück am Harburger Außenmühlenweg vergangenen Herbst verkauft wurde, hat das Harburg­-Huus Mitte April die offizielle Kündigung erhalten. Zum April 2021 soll die Obdachlosenunterkunft weichen, nachdem das DRK Hamburg-­Harburg sie erst 2018 mit 200.000 Euro Spendengeldern nach langer Standortsuche eingerichtet hatte.

Die Entwicklungsgesellschaft Urban Space, die das Gelände erworben hat, will auf dem Areal über 200 Wohnungen bauen. Thorben Goebel­-Hansen, Leiter des Harburg­-Huus, sieht die Lage als sehr ernst an. Man sei weiterhin im Gespräch mit dem Investor, aber noch sei alles offen. Durch die Bedrohung des Standortes plagen auch seine Gäste Ängste und Verunsicherung. Sie fragen sich, wie es weitergeht und vor allem, ob das Harburg­-Huus auch an einem neuen Standort weiterhin gut für sie zu erreichen sein wird.

„15 Mitarbeiter im Haupt-­ und 18 im Ehrenamt haben hier etwas aufgebaut, das im Kern Obdachlosen hilft, aber auch Anlaufstelle für Menschen ist, die einsam sind oder unter Altersarmut leiden“, erklärt Goebel-­Hansen. „Wir sind ein Treffpunkt geworden. Das hat man nicht mal eben so an anderer Stelle wieder aufgebaut. Gegen­über unseren Gästen und Netzwerkpartnern braucht es eine gewisse Zeit, um Vertrauen zu schaffen. Die Atmosphäre, Umgebung und Beständigkeit unseres Angebots spielen da eine große Rolle.“

 

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Ein Platz für alle: Im Harburg- Huus dürfen Obdachlose auch ihre Hunde mitbringen

 

Das Harburg-­Huus ist so­ wohl eine Unterkunft für Männer und Frauen, als auch für Obdachlose mit Hund. Außer­dem ist sie eine Einrichtung der kurzen Wege, denn sie bietet Tagesaufenthalts-­ und Übernachtungsstätte unter einem Dach, was in dieser Form nicht häufig gegeben ist. Die Corona­-Pan­demie macht die aktuelle Situation nicht leichter. Goebel­-Han­sen beobachtet eine steigende Nachfrage bei Rückgang der Möglichkeiten durch den vorsorglich gekürzten Personaleinsatz. „Wir haben Ehrenamtliche, Praktikanten und FSJ­ler gebeten vorerst nicht zu kommen, um die Gefahr einer Ansteckung so gering wie möglich zu halten. Früh­, Spät­ und Nachdienst halten wir mit nur noch zwölf Kollegen aufrecht. Das geht an die Substanz.“

Es findet außerdem keine Sozialberatung mehr im direkten Gespräch, sondern nur noch digital statt. Neben professioneller Beratung und Versorgung mit Kleidung und Verpflegung machen das Harburg­ Huus auch seine Freizeitaktivitäten wie Musik­ und Sportprojekte aus. Diese Angebote des DRK-­Teams können momentan nicht aufrechterhalten werden.

 

Sicherheit durch Spenden

 

Auch in der Kasse wird es knapp. Die Einrichtung erhält keine öffentlichen Gelder und wird ausschließlich durch Spenden finanziert. „Wir erreichen die Spender in der momentanen Situation zum Teil nicht mehr und können vor Ort keine Sachspenden mehr entgegennehmen. Deshalb freue ich mich umso mehr über Geldspenden auf unser Spendenkonto DE77 2005 0550 1262 2275 39 bei der Hamburger Sparkasse, auf die wir nun noch dringender angewiesen sind.“

Positiv bewertet Goebel­-Hansen, dass sich das Gemeinschaftsgefühl im Haus noch einmal verstärkt habe. Für die Zukunft wünscht er sich schnellstmöglich Lösungen mit langfristiger Perspektive: „Wir sind fester Bestandteil des Bezirks geworden. Die Situation für Obdachlose in Harburg hat sich seit unserem Bestehen verbessert. Bereits im ersten Jahr hatten wir 4.000 Übernachtungen und 2.500 Beratungsgespräche. Unsere Gäste sollen auch nach Corona und in womöglich neuen Räumlichkeiten wieder die Sicherheit bekommen, dass wir ihnen als verlässlicher Partner zur Seite stehen.“

 

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Spendenkonto

Hamburger Sparkasse
IBAN: DE77 2005 0550 1262 2275 39 Kennwort: Harburg-Huus

Harburg-Huus: Außenmühlenweg 10 b (Harburg)


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Nicht-Festival: Keiner kommt, alle machen mit

Der Verein MenscHHamburg veranstaltet ein Festival, das niemals stattfindet. Die Einnahmen kommen aber ganz real der Hamburger Kulturlandschaft zugute. Noch bis zum 12. Mai kann gespendet werden.

 

„Kauft Tickets und kommt nicht vorbei. Wir freuen uns sehr, euch dort nicht zu sehen“, empfiehlt das Bundesjugendballett kurz vor dem „Keiner kommt, alle machen mit“-Festival. Seit März sammelt die vom Verein MenscHHamburg initiierte Aktion Spenden für die von der Corona-Krise betroffenen privaten Hamburger Theater- und Musikbühnen, die Hamburger Filmwirtschaft, die Hamburger Clubs und die freien Kulturschaffenden.

Bis zum 12. Mai kann gespendet werden, und bis zu diesem Datum können Kulturschaffende und -Einrichtungen mit Förderbedarf Anträge unter keinerkommt.de/antrag stellen, um Unterstützung zu bekommen. Es ist fast schade, dass dieses Festival nie stattfinden wird, das fiktive Programm wurde im Lauf der Zeit um Familienveranstaltungen, Literaturzelt und Podcast-Arena erweitert.

Viele Künstlerinnen und Künstler aus diversen Genres wie Klaas Heufer-Umlauf, Mareile Höppner, H.P. Baxxter, Olli Schulz und Rolf Zuckowski unterstützten die Aktion mit Videobotschaften und Aufrufen. Bis zum 5. Juni will ein 15-köpfiges Experten-Gremium über die Anträge und die Aufteilung der Spenden entscheiden. Mit dabei sind Filmregisseurin Nora Fingscheidt, Moderator Tobias Schlegl, Schauspielerin Johanna Wokalek, Musiker Rolf Zuckowski, Rapper Disarstar und weitere Persönlichkeiten aus Kultur und Medien.

Alle Infos und Tickets unter www.keinerkommt.de

 

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Hamburgs Programmkinos starten Spendenaufruf

Die Corona-Krise gefährdet die Existenz der Programmkinos. Unter dem Motto „The Show Must Go On“ haben sich die Kinos zusammengeschlossen und einen Spendenaufruf gestartet.

 

Was wäre Hamburgs Kinolandschaft ohne seine Programmkinos? Die kleinen Lichtspielhäuser zaubern Filme jenseits des Mainstreams und aus allen Ecken der Welt auf ihre Leinwände. Und nicht nur das: Sie veranstalten Hintergrundgespräche, Podiumsdiskussionen und Film-Festivals. Damit das auch nach Corona so bleiben kann, sind die Kinos jetzt auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

Aktuell sind aufgrund von Corona-Schutzmaßnahmen alle Kinos geschlossen. Die Betreiber haben seit Wochen keine Einnahmen, aber die Fixkosten laufen weiter. Wie bei vielen anderen Kulturbetrieben auch, haben die Programmkinos keine großen Rücklagen, auf die sie in der jetzigen Situation zurückgreifen könnten. In einem Online-Spendenaufruf bitten die Betreiber daher um finanzielle Unterstützung, um „die Hamburger Kinolandschaft in ihrer Vielfalt und Fülle zu erhalten, wie wir sie aus den letzten Jahren und Jahrzehnten kennen“ heißt es in dem Aufruf.

Ziel ist es, eine Spendensumme von insgesamt 400.000 Euro einzusammeln. Die Spendeneinnahmen werden dann an die teilnehmenden Hamburger Programmkinos aufgeteilt. Jedes Kino bekommt die gleiche Summe, um einen Teil ihrer Ausgaben decken können. Beteiligte Kinos sind: Abaton, Alabama, B-Movie, Blankeneser Kino, 3001, Elbe Kino, Filmraum, Koralle, Lichtmess, Magazin, Passage, Savoy, Schanzenkino, Studio Kino und das Zeise Kino. /NF

Unterstützen könnt ihr die Aktion unter www.startnext.com/hamburgerkinos

 

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#GemeinsamGegenCorona: StraßenBLUES sammelt für Obdachlose

In Zeiten menschenleerer Straßen sammelt der Verein StraßenBLUES virtuelle Spenden für Obdachose. Das Geld wird dann vor Ort verteilt.

 

Normalerweise bekommen Obdachlose das wenige Geld, das sie zum Leben brauchen von anderen Menschen direkt auf der Straße. In Zeiten, in denen Menschen aus gutem Grund zu Hause bleiben, erhalten Obdachlose nun fast keine Spenden mehr. Hinzu kommt, dass viele Sozialeinrichtungen, die Obdachlosen üblicherweise helfen, aktuell geschlossen sind.

Der Verein StraßenBLUES hat sich dem Problem angenommen und ermöglicht eine virtuelle Spende. Das gesammelte Geld wird dann vor Ort an die Bedürftigen verteilt. Die ersten 20-Euro-Scheine wurden bereits an Obdachlose ausgegeben, die in diesen Tagen sonst kaum über die Runden kommen würden.

Unterstützen kann man die Aktion über die Crowdfunding-Kampagne bei betterplace.org:
StrassenSPENDE für Obdachlose während Corona

#GemeinsamGegenCorona: Dialog im Dunkeln braucht Unterstützung

Das Dialoghaus, das sich für inklusive Ausstellungen wie Dialog im Dunkeln verantwortlich zeichnet, ist aufgrund der Corona-Entwicklungen gefährdet und bittet um Spenden.

Bild: Dialoghaus 

 

Das Sozialunternehmen Dialoghaus, das die Erlebnisausstellungen Dialog im Dunklen, Dialog im Stillen und Dialog mit der Zeit ins Leben rief, hatte am 1. April 2020 zum 20-jährigen Jubiläum geladen. An diesem Tag sollte die Geschichte des Unternehmens gefeiert werden und auf die Zukunft angestoßen werden. Geplant war außerdem, an diesem Tag Spenden zu sammeln, um weitere Pläne für das Museum auf den Weg zu bringen.

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen ist die Veranstaltung abgesagt. Eine Unterstützung ist jedoch dringend notwendig, um den Fortbestand des Hauses zu sichern. Geschäftsführer Andreas Heinecke sieht die Zukunft des Unternehmens gefährdet: ‚‚Als soziales Unternehmen waren wir immer stolz, dass wir ohne Dauerfluss an Spenden unseren Betrieb mit 132 Mitarbeitern am Leben halten und mehr als 100.000 Menschen jährlich eine Einladung zum Umdenken in Sachen Behinderung oder Alter geben konnten. Jetzt kann uns niemand sagen, ob wir Corona als Unternehmen überleben.‘‘

Das Dialoghaus ist aktuell geschlossen und die Angestellten arbeiten in Kurzarbeit. Wie viele andere Betriebe erwirtschaftet das Dialoghaus aktuell keine Erlöse, hat aber dennoch maßgebliche Kosten zu stemmen. Um die Zeit der Krise zu überstehen und auch nach Corona einen wichtigen Beitrag zur Inklusion leisten zu können, bittet das Unternehmen um Unterstützung. ‚‚Spenden Sie einen Betrag, der Ihnen nicht wehtut, aber unsere Schmerzen mindert‘‘, appellierte Heinecke an die Hamburger. Die Jubiläumsfeier soll übriges sobald möglich nachgeholt werden.

Spenden Sie online über das Spendenformular oder nutzen Sie die folgende Bankverbindung:

Kontoinhaber: Dialoghaus Hamburg gGmbH
Kto.-Nr.: 2048878703
IBAN: DE57 4306 0967 2048 8787 03
BIC/SWIFT: GENODEM1GLS
Kreditinstitut: GLS Gemeinschaftsbank eG 

 

MS Stubnitz: Quicklebendiges Denkmal

Die MS Stubnitz feiert. Der 55 Jahre alte Dampfer hat kürzlich seine 11. Klasseerneuerung erhalten und bietet auch im Jahr 2020 ein umfangreiches Kulturprogramm. Doch für die Zukunftssicherung ist das alte DDR-Seeschiff weiterhin auf Spendenpaten angewiesen und auch die langfristige Standortfrage ist weiterhin ungeklärt

Text: Mirko Schneider

 

Monat? Juli. Dauer? Zehn bis 14 Tage. Kosten? Rund 200.000 Euro. So lauteten die Voraussagen der MS Stubnitz zur 11. Klasseerneuerung des 1992 zur mobilen Kulturplattform umfunktionierten früheren DDR-Fischereischiffs mit Liegeplatz in der HafenCity. „Nun haben wir die Klassifizierung für die nächsten fünf Jahre geschafft“, freut sich Vorstandsmitglied Felix Stockmar zu Beginn der einberufenen Pressekonferenz. Am runden Tisch hält er einen Moment inne, schaut durch das Fenster auf die Elbe. „Einfach war es nicht“, fügt er hinzu.

Im Gegensatz zu den Prognosen verlangte die Realität mehr Geduld, schnellere Arbeit und höheren finanziellen Aufwand. Erst Anfang Oktober fand die MS Stubnitz einen Werftplatz. Für sechs Tage. Die kalkulierten Gesamtkosten verdoppelten sich. „Wir haben in die nötigen Instandsetzungen in diesem Jahr bisher rund 430.000 Euro investieren müssen“, sagt Urs Blaser, Initiator des Projekts sowie Geschäftsführer der Stubnitz. Doch es hat sich gelohnt, die seit 2003 offiziell als Industriedenkmal anerkannte Stubnitz behält ihre Seezulassung.

 

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Die MS Stubnitz als Kulturschiff

 

Herrscht bei der vierzehnköpfigen Besatzung an Bord nun also eitel Sonnenschein? Nein! „Wir haben eine wichtige Etappe geschafft und das Ende der Stubnitz verhindern können. Am Ziel sind wir noch lange nicht“, betont Blaser. Denn weitere Sanierungsarbeiten stehen an. „Wir haben jetzt ein halbes Jahr Großaufwand gemacht. Es folgt 2020 ein weiteres Jahr Großaufwand.“ Um sich den ungefähr vorzustellen, ist eine Zahl entscheidend: 12.000. So viele Arbeitsstunden wurden 2019 in die Stubnitz investiert, 3.000 davon ehrenamtlich. Stahlplatten und Bleche wurden getauscht, Rohrleitungen überarbeitet oder neu gebaut, Ventile erneuert, die Elektrotechnik auf einen akzeptablen Stand gebracht und vieles mehr. „Jedes einzelne der vielen Abteile des Schiffes müssen wir in den Griff kriegen“, stellt Blaser die Mammutaufgabe vor. „Deshalb müssen wir die Menschen überzeugen, uns weiter zu unterstützen.“

 

Patenschaften erhalten MS Stubnitz

 

Die Lebensperspektive der Stubnitz sichern soll ein System der Patenschaften. „Wir können Gelder zu einem großen Teil aus bereitstehenden Förderungen für unser Denkmal vom Bund und der Stadt Hamburg abrufen. Allerdings nur, soweit wir aus Spenden und Eigenmitteln einen Teil dazu beitragen können“, sagt Blaser. „Unser Ziel erreichen wir, wenn wir insgesamt über 500 Patinnen und Paten werben können, die bereit sind, über zwei Jahre durchschnittlich zehn Euro pro Monat beizusteuern.“

Denn jeder gespendete Patenschafts-Euro sorgt für sieben Euro öffentlichen Zuschuss. So kämen insgesamt 960.000 Euro zusammen. Durch zwei Jahre macht 480.000 Euro pro Jahr. Da 2019 430.000 Euro nötig waren und erst ein Drittel des Aufwandes erledigt ist, legen die Macher der Stubnitz hier eine realistische Rechnung vor. Aktuell unterstützen seit dem Start der Patenschaftsaktion 122 Patinnen und Paten das Projekt mit monatlich je 23 Euro. Sie erst ermöglichten es, die 11. Klasseerneuerung anzugehen.

Blaser und Stockmar hoffen auf die „Gestaltung einer quicklebendigen Zukunft“. Die Frequenz von über 300 Konzerten und Veranstaltungen pro Jahr soll beibehalten werden. Beim Elbjazz-Festival ist die Stubnitz wieder dabei. Das Künsterfestival „Bruital Furore“ im Bereich neuer Musik befindet sich ebenfalls in Planung. Ein weiteres echtes Highlight, so Stockmar, „wird eine russische Band sein, die wir im Juni bei uns begrüßen dürfen. Die gehen gerade echt durch die Decke. Uns ist ein spektakulärer Coup gelungen. Welcher, wird aber noch nicht verraten.“

 

„Viele Geschichten, die erzählt werden wollen“

 

Sogar um die Historie des Schiffes will sich die Besatzung kümmern. „Da gibt es so viele Geschichten, die erzählt werden wollen“, erklärt Blaser. In welcher Form, ist noch offen. Auch spannende Kooperationen wie mit dem Harbour Front Literaturfestival oder der Elbphilharmonie stehen auf der Agenda. Ein Beispiel dafür ist die „Reflektor“-Reihe mit Klangerfinder Niels Frahm. „Niels trat erst auf der Stubnitz auf, dann in der Elbphilharmonie, danach wieder bei uns. Daran sieht man, wie gut und produktiv wir als Kontrapunkt und Gegengewicht wirken können“, findet Stockmar.

 

 

Kontrapunkt und Gegengewicht will die Stubnitz auch in der HafenCity bleiben. „Als wir 2003 herkamen, war das Umfeld der Kontrapunkt zu uns. Das hat sich etwas umgekehrt, wir sind nun der Kontrapunkt zum Umfeld“, sagt Blaser. Trotz der Entwicklung des hochpreisigen neuen Stadtteils fühle man sich aber weiterhin wohl an seinem Liegeplatz. Die Genehmigung der Wasserbehörde gilt bis zum Jahr 2026. „Wir gehen davon aus, länger hier zu bleiben“, sagt Blaser. „Der Vertrag enthält eine beidseitige Option zur Vertragsverlängerung.“ Über welchen Zeitraum diese laufen würde, ist dort allerdings nicht definiert.

 

„Die HafenCity weiß, was sie an uns hat“

 

Doch bedeutet „hier“ in diesem Fall auch am Kirchenpauerkai 29? In ein bis zwei Jahren sollen die Wohnungen gegenüber fertig sein. Es wird eine Promenade geben. Und sicher auch Laufpublikum. Doch wird – populistisch gesprochen – der schicke Anzugträger ausgerechnet auf die Stubnitz zum Feiern gehen? Sind Probleme mit den Anwohnern nicht wahrscheinlicher? „Für uns wird das sicher eine Herausforderung werden, zum Beispiel in unserer Programmgestaltung“, gibt Blaser zu. Doch ganz so klischeehaft Arm gegen Reich gehe es ja gar nicht zu. „Ich glaube, die HafenCity weiß schon, was sie an uns hat. Wir jedenfalls wollen uns gerne weiter in Hamburg-Mitte integrieren.“

Alternative Standorte für die Stubnitz werden zur Sicherheit jedenfalls schon diskutiert. Eine mögliche Option wäre ein Liegeplatz auf der Halbinsel Baakenhöft, die gerade erschlossen wird. „Das wäre unser Favorit“, sagt Blaser. Die zweite Möglichkeit ist ein Standort knapp vor den Elbbrücken. „Dann müssten wir uns aber an das Dröhnen der Bundesbahnen über uns gewöhnen“, ergänzt Stockmar. Und gibt das Motto für die Zukunft vor. „Wir auf der Stubnitz haben noch viel vor. Was auch immer jetzt kommt, wir schauen nach vorne.“

ms.stubnitz.com/foerdermitglied


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 20. Dezember 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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„Hilf Mahl!“: Helfen mit Genuss

Die Aktion „Hilf Mahl!“ sammelt gemeinsam mit Hamburger Restaurants Spenden für soziale Projekte

Text: Ulrich Thiele

 

Wer dieser Tage auswärts essen geht, wird auf seinem Tisch vielleicht ein Kärtchen entdecken. Wie jedes Jahr zur Winterzeit verbindet die Aktion „Hilf Mahl!“, die seit 2012 in den Wintermonaten von November bis Februar Spenden für Obdachlose sammelt, gutes Essen mit dem guten Zweck – und zwar auf herrlich leichte Weise. Der Rechnung des Restaurantbesuchs wird eine freiwillige Spende von einem Euro hinzugefügt, die an den gemeinnützigen Verein „Hilf Mahl!“ weitergeben wird, der damit wiederum Projekte der Obdachlosen-Hilfe wie die Hamburger Tafel oder Hinz&Kunzt unterstützt. Rund 30 Restaurants nehmen an der Aktion teil, im Winter 2018/2019 wurden so über 35.000 Euro eingenommen.

Wer nicht mitmachen will, gibt dem Personal Bescheid, dann wird der Betrag von einem Euro von der Rechnung genommen. Andersherum kann der Betrag gern aufgestockt werden. Ins Leben gerufen wurde die Aktion von Sophie und Mathias Bach. Auf die Idee kamen sie schon 2010 während eines gemeinsamen Besuchs in London durch die Spendenaktion „streetsmart“. Auf den Kärtchen, die auf die Aktion hinweisen, steht übrigens ein Zitat des Schauspielers Ulrich Tukur, der seit Anbeginn das Projekt als Schirmherr unterstützt: „Gutes Essen und guter Wein beflügeln unsere Sinne, öffnen das Herz und bereichern unser Leben. Wie schön, wenn wir für dieses Glück danken können mit einer kleinen Geste, die für viele eine große Hilfe ist. Und wie einfach.“

www.hilfmahl.de
November 2019 bis Februar 2020 


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Hamburger des Monats – Thorben Goebel-Hansen

Südlich der Elbe gab es lange keine Unterkunft für obdachlose Menschen – bis das Deutsche Rote Kreuz letztes Jahr das Harburg-Huus eröffnete. Einrichtungsleiter Thorben Goebel-Hansen über eine Einrichtung, die ihren Gästen nicht nur einen Schlafplatz, sondern auch Hoffnung schenkt

Interview: Sophia Herzog

 

SZENE HAMBURG: Herr Goebel-Hansen, wenn Sie über Ihre Arbeit im Harburg-Huus sprechen, fällt selten das Wort „Obdachlose“ und viel häufiger „Gäste“. Welche Bedeutung hat dieses Wort für Sie?

Thorben Goebel-Hansen: Die Menschen, die zu uns kommen, sind ja nicht nur obdachlos. Sie sind auch Musikliebhaber, Fußballfans, lesen gern, sind Mutter, Vater, Oma, Opa … Das alles wird bei der Bezeichnung Obdachlose ausgeblendet. Wir wollen unseren Gästen aber einen Perspektivenwechsel ermöglichen, und auch dafür ist es wichtig, sie nicht auf die Rolle eines Obdachlosen zu reduzieren.

Erst im Juni letzten Jahres wurde das Harburg-Huus als erste Obdachlosenunterkunft in Harburg eröffnet. Warum erst jetzt?

Das kann ich nicht beurteilen. Das DRK hat schon sehr lange auf dieses Thema hingewiesen und schließlich auf die immer weiter wachsende Obdachlosigkeit in Harburg reagiert. Vielleicht hat man sich auf behördlicher Ebene auf die anderen Einrichtungen in Hamburg verlassen. In Gesprächen wurde oft auf Unterkünfte im Zentrum Hamburgs, also nördlich der Elbe, verwiesen, zu denen die Obdachlosen ja gehen könnten.

 

„Freundschaften sind auf der Straße selten“

 

Die kommen aber für die obdachlosen Menschen in Harburg nicht immer infrage …

Für viele unserer Gäste ist die Innenstadt einfach schwer zu erreichen. Erst mal muss ja eine Fahrkarte her, die kostet Geld. Außerdem hat jeder Mensch seine eigene Sozialraumorientierung – eine Gegend, in der er lebt und sich auskennt.

Für obdachlose Menschen ist es zum Beispiel wichtig zu wissen, welcher Bäcker um die Ecke ihnen mal ein Brötchen spendiert. Viele sind hier verankert, der Stadtteil ist ihr Zuhause. Freundschaften sind auf der Straße selten, wenn sie also noch soziale Kontakte vor Ort haben, wollen sie ihr Quartier nicht einfach wechseln.

Werden die 15 Schlafplätze im Harburg-Huus denn seit der Eröffnung regelmäßig in Anspruch genommen?

Wir sind so gut wie jede Nacht komplett ausgebucht. Ab und zu bleibt ein Bett frei, wenn uns Gäste, die sich telefonisch angemeldet haben oder uns zum Beispiel von einer anderen sozialen Einrichtung angekündigt wurden, dann doch nicht erreichen. Der Bedarf ist offensichtlich da, wir hatten sogar schon vor der offiziellen Eröffnung eine Warteliste.

Wir vergeben unsere Betten zuerst an die Menschen, die sie nötig brauchen, zum Beispiel weil sie gesundheitlich geschwächt sind. Auch bei Frauen sehen wir häufig eine besondere Dringlichkeit. Für sie gibt es ein eigenes Zimmer.

Wenn ein obdachloser Mensch spontan bei uns vor der Tür steht und wir ihm keinen Schlafplatz mehr anbieten können, versuchen wir kurzfristig etwas in einer anderen Unterkunft zu organisieren.

Warum kommt das Konzept des Harburg-Huus bis jetzt so gut an?

Das mag daran liegen, dass wir als Deutsches Rotes Kreuz einen Vertrauensvorschuss haben. Einige Gäste haben in der Vergangenheit vielleicht keine guten Erfahrungen mit Behörden gemacht, die oft Träger anderer Unterkünfte sind.

Außerdem erlauben wir als eine der wenigen Notunterkünfte im Hamburger Raum auch Hunde. Viele obdachlose Menschen schlafen lieber auf der Straße, als sich von ihren vierbeinigen Begleitern zu trennen.

Warum werden dann nicht in mehr Unterkünften Hunde zugelassen?

Weil es schon ein gewisser Aufwand ist. Wie vertragen sich die Hunde untereinander? Wie vertragen sich die Hunde und die anderen Gäste? Das müssen wir bei der Bettenverteilung bedenken, und deshalb muss sich auch jeder potenzielle Gast mit seinem Hund bei uns vorstellen, damit wir einschätzen können, ob das funktioniert. Außerdem geht es auch um die Folgebetreuung der Tiere. Man muss sie nicht nur unterbringen, sondern Hundefutter bereitstellen oder medizinische Versorgung. Viele Träger schrecken dabei wohl auch vor den Kosten zurück.

 

„Jeden Cent müssen wir über Spenden reinholen“

 

Wie finanzieren Sie das denn?

Wir erhalten keine öffentliche Förderung, das heißt: Jeden Cent, den wir ausgeben, müssen wir über Spenden wieder reinholen. Bei 250.000 Euro im Jahr ist das eine große Herausforderung. Mit dem DRK haben wir aber einen Träger, der Projekte wie das Harburg-Huus anschieben kann und mit seinem Namen natürlich eine gewisse Wirkung hat.

Außerdem bekommen wir Unterstützung vom Förderkreis des Harburg-Huus, gegründet von Schirmherr Rüdiger Grube. Lebensmittel liefert uns die Tafel. Die Tierarztkosten, die sich unsere Gäste für ihre Hunde nicht leisten können, übernimmt ein Hamburger Verein.

Und nicht nur das – Sie organisieren auch Lesungen im Harburg-Huus, schauen gemeinsam mit Ihren Gästen Fußball oder bieten Musik- und Zeichenkurse. Warum schaffen Sie diese zusätzlichen Angebote?

Menschen brauchen Hoffnung, auf eine gute Zukunft, auf ein gutes Leben. Deshalb ist es für uns enorm wichtig, unseren Gästen zu zeigen: Es gibt so viele Dinge im Leben, die Spaß machen. Bitte verliere nicht die Hoffnung! Deshalb wollen wir ihnen genau diese Angebote auch machen.

Zusätzlich gibt es bei uns auch eine psychosoziale Betreuung, und einmal wöchentlich kommen das Caritas Krankenmobil und ein mobiler Zahnarzt bei uns vorbei. In Zukunft planen wir noch den Ausbau der Suchtberatung.

Was sagen Ihre Gäste?

Viele sagen, dass wir eine sehr familiäre Einrichtung aufgebaut haben. Das liegt daran, dass wir überschaubare Räumlichkeiten mit einem sehr wohnlichen Gemeinschaftsraum für den Tagesaufenthalt und 15 Betten für die Übernachtung anbieten. Auf diese Anzahl kommen dann nicht nur 15 festangestellte Mitarbeiter, sondern auch noch die gleiche Zahl an Ehrenamtlichen, die zum Beispiel abends eine kleine Mahlzeit ausgeben.

Natürlich sind nicht alle gleichzeitig vor Ort. Doch es ist immer jemand da und ansprechbar, die Gäste fühlen sich wahrgenommen. Das fängt schon bei den Kleinigkeiten an. Wenn jemand Geburtstag hat, organisieren wir immer ein kleines Geschenk, also vielleicht Buntstifte für jemanden, der gerne malt. Oder einen Kuchen, den wir zusammen essen. Da fließen nicht selten Tränen, weil unsere Gäste das lange nicht mehr erlebt haben.

 

Neue Strukturen

 

Umso schlimmer ist es, dass Sie im August die Nachricht bekommen haben, dass das Gelände für Wohnungsbau verkauft wurde …

Ja, das hat uns alle schockiert und entsetzt. Als wir 2017 mit dem Vermieter der ehemaligen Gewerbeimmobilie ins Gespräch kamen, haben wir uns darauf verständigt, dass wir dieses Objekt umbauen. Wir haben über 200.000 Euro an Spenden- und Eigenmitteln dafür aufgebracht. Das wir, so wie es jetzt aussieht, in spätestens drei Jahren raus sollen, trifft uns auch angesichts dieser enormen Summe natürlich sehr.

Was passiert mit Ihren Gästen bei einem Standortwechsel?

Obdachlose Menschen brauchen sichere Strukturen. Alles, was wir hier aufbauen, das ist nicht von heute auf morgen gemacht. Das ist eine unglaubliche Vertrauensarbeit, den Menschen einen Ort zu geben, den sie in ihren Alltag integrieren können. Dass diese Strukturen eingerissen werden sollen, stimmt das Team mehr als traurig.

Wie geht es jetzt weiter?

Ich habe die Hoffnung, dass wir neue Räume finden, in denen wir ein paar Betten mehr unterbringen. Aber dieses Objekt müssen wir erst mal finden. Das Thema Obdachlosenhilfe berührt Menschen. Aber wenn ich Vermieter anspreche, schrecken die häufig zurück, weil sie Angst haben, dass sie Räumlichkeiten in unmittelbarer Nähe einer Obdachloseneinrichtung nicht mehr für den gleichen Preis vermieten können.

Wir rennen bei unserer Suche keine offenen Türen ein. Deshalb bin ich für jeden Hinweis dankbar, wo es in Harburg vielleicht eine geeignete Immobilie gibt.

Haben Sie Ihre Entscheidung, die Leitung zu übernehmen, bereut?

Nein, auf keinen Fall. Das klingt plakativ, aber ich gehe jeden Tag wirklich gerne zur Arbeit. Wir sind noch eine junge Einrichtung, das heißt auch, dass sich noch vieles entwickelt. Das finde ich spannend, weil ich dabei auch viel Neues lernen kann.

Möglichkeiten dazu habe ich hier reichlich. Die Menschen, die zu uns kommen, kommen von überall her. Die meisten aus Deutschland, einige aus Osteuropa, wir hatten aber auch schon Gäste aus Brasilien, den USA, Afghanistan, dem Iran oder Irak. Gerade in der Sozialberatung kommen also ganz viele unterschiedliche Lebensläufe zum Vorschein. Jeder Gast hat seine eigene Geschichte zu erzählen. Einen anderen Arbeitsplatz als diesen könnte ich mir gerade gar nicht vorstellen.

www.drk-harburg.hamburg


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Cadus: Club-Netzwerk für Hilfe auf der Balkanroute

Aus dem Umfeld von Hafenklang und Off the Radar Festival engagieren sich Menschen wie Thomas Lengefeld, um Tausenden auf der Balkanroute Gestrandeten über den Winter zu helfen. Spenden werden dringend benötigt. Auch feiern hilft.

Text: Jan Paersch
Fotos: Christoph Löffler

Sebastian Kurz frohlockte: „Wenn die Flüchtlinge sehen, dass es kein Durchkommen nach Europa gibt, werden die Ströme weniger werden“, so der österreichische Bundeskanzler im Februar 2016. Kurz darauf wurde in einer Konferenz aus EU-Staaten und Westbalkan-Ländern offiziell beschlossen, die sogenannte Balkan-Route zu schließen. Problem gelöst, alle zufrieden?

Anfang 2017 konstatierte der Tagesspiegel, der Andrang sei ungebrochen, der Weg lediglich „schwieriger, teurer und brutaler geworden“. Über Griechenland, Albanien und Montenegro führt die Route die Geflüchteten bis an die EU-Außengrenze zwischen Bosnien-Herzegowina und Kroatien. Dort ist Endstation.

„Wenn die Kroaten dich erwischen, schlagen sie dich, nehmen dir das Geld ab, zerbrechen deine SIM-Karte und bringen dich wieder nach Bosnien zurück“, zitiert die „Zeit“ einen Marokkaner, der im Juli 2018 in der Grenzstadt Velika Kladuša gestrandet war. Dort gab es vier Toiletten und zwei Duschverschläge – für mehr als 500 Menschen. Seitdem hat sich die Lage noch verschlechtert.

 

„Wir wollten die Netzwerke der Partyszene für Hilfsaktionen nutzen“

 

Im Dezember 2018 ist die Situation in Sarajevo angespannt. „Die Menschen verbrennen alles, was sie finden, um sich zu wärmen“, beschreibt Thomas Lengefeld die Lage in der bosnischen Hauptstadt, 250 Kilometer südlich der Grenze. „Die Geflüchteten hausen in der Wildnis, zum Teil in besetzten Häusern. Bosnien lässt niemanden mehr aus Sarajevo heraus oder schickt Menschen in Bussen zurück.“

„Wir sind es gewohnt, viele Leute zu versorgen“, Thomas Lengefeld

Thomas Lengefeld ist keiner, der um seine Taten großes Aufsehen macht. Der ruhige Mann mit Hoodie und blauroter Wollmütze ist der Typ, der einem den Kaffee bezahlt, ohne es zu erwähnen. Der Hamburger gehört zum Verein Off the Radar (OTR), der jeden Sommer das gleichnamige Festival in der schleswig- holsteinischen Provinz durchführt. Lengefeld, seit Jahren als Booker im Hafenklang tätig, hat die Geschäftsführung inne. „Musik war schon immer Vehikel neuer Strömungen, aber auch konkreter Ideen“, schreiben die OTR-Macher auf der Homepage.

Die Idee in diesem Fall: Die Festival-Skills für höhere Ziele benutzen. Lengefeld: „Wir wollten nicht nur Müll und verkaterte Leute hinterlassen, sondern versuchen, die Netzwerke der Partyszene zu nutzen, um auf unsere Zwecke hinzuweisen. Wir sind es gewohnt, auf freiem Feld viele Leute zu versorgen. Im Winter aber werden Generatoren, Gaskocher und Kochtöpfe nicht genutzt.“

Off the Radar sammelte Geld und Equipment für das Projekt NoBorder-Kitchen, das sich auf den griechischen Inseln und der Balkanroute für Geflüchtete engagierte. Später schloss man sich dem Berliner Verein Cadus an.

Die Hilfsorganisation gründete sich 2014 aus dem Umfeld des Fusion Festivals und der Berliner Clubszene. Ihr Geschäftsführer, der lange Jahre in leitender Funktion im Rettungsdienst arbeitete, hat sich vor allem die Hilfe zur Selbsthilfe auf die Fahnen geschrieben. Cadus begann 2014 mit Erste-Hilfe-Kursen in Nord-Syrien. Dort sind auch vier Jahre später noch zwei Lkws als mobile Krankenhäuser unterwegs. Cadus – der Name kommt von einer syrischen Wüstenblume. Es ist eine sehr robuste Distel, die nur einmal im Jahr blüht.

 

„Die großen NGOs sind in Sarajevo kaum sichtbar“

 

Bosnien-Herzegowina hatte nach Schätzungen der UNHCR allein bis zum Juli 2018 mehr als 10.000 Neuankömmlinge zu verkraften. Und noch immer kommen mehr. Im November ist der erste Schnee gefallen. „Der Winter ist kälter als in Deutschland“, sagt Thomas Lengefeld. „Die Geflüchteten in Sarajevo laufen mit Flipflops herum und haben schwere Erfrierungen. Dazu kommen die Traumatisierungen.“ Cadus ist mit einem ausgebauten Sprinter und einem Pick-up vor Ort, ein 50 Jahre alter Unimog soll zum Duschwagen umgerüstet werden. Parallel zur Essensausgabe wurden schon in der ersten Woche 200 Bedürftige medizinisch versorgt.

Neben Ärzten braucht Cadus auch Logistiker und Crowdmanager, denn, so Lengefeld: „Man muss schauen, dass niemand bei der Ausgabe untergebuttert wird.“ Müssten Rotes Kreuz und Co. nicht eigentlich in Sarajevo helfen? „Die großen NGOs sind dort kaum sichtbar“, sagt Lengefeld. „Die sind auf die Politiker angewiesen. Die sehen nicht, wie wichtig es wäre, sich auf den Weg zu machen.“

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Medizinische Hilfe vor Ort: Cadus in Sarajevo

Bis Ende Februar läuft das Projekt zunächst, die Kosten für drei Monate belaufen sich auf etwa 80.000 Euro – medizinisches und technische Equipment, das bereits vor Ort ist, nicht enthalten. Thomas Lengefeld wird Anfang Januar nach Bosnien reisen. „So etwas Sinnvolles habe ich das ganze Jahr nicht gemacht.“

Um bis zum Ende des Winters in Sarajevo vor Ort sein zu können, braucht Cadus Geld. Damit könnte die Organisation auch speziellere Stationen aufbauen, darunter eine Gynäkologie oder einen radiologischen Bereich.

Wer Cadus unterstützen mag, kann neben Spenden noch etwas anderes tun: Feiern. Der Verein Off the Radar spendet einen Großteil seines Jahresüberschusses an humanitäre Projekte. Vom gleichnamigen Festival, 2019 vom 25. bis 28. Juli, wird also auch Cadus profitieren. In der Hoffnung, dass 2019 weniger Menschen mit Flipflops durch den Schnee laufen müssen.

CADUS – Redefine Global Solidarity e.V.: Spendenkonto: CADUS e. V. Volksbank Berlin, IBAN DE55 1009 0000 2533 5240 04, BIC BEVODEBBXXX


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2019. Das Magazin ist seit dem 21. Dezember 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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