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„Der Geizige“ läuft auf der Bühne im Thalia Theater

Nach „Der eingebildete Kranke“ im Jahr 2001 inszeniert Leander Haußmann mit „Der Geizige“ nun eine weitere Komödie von Molière am Thalia Theater. Wie der Corona-Lockdown einer geizigen Gesellschaft den Spiegel vorhält, erzählt der Regisseur im Interview

Interview: Sören Ingwersen

 

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Reizen die Archetypen menschlicher Verfehlungen: Leander Haußmann (Foto: Armin Smailovic)

SZENE HAMBURG: Leander Haußmann, Ihre Inszenierung von „Der Geizige“ sollte bereits Mitte Mai am Thalia Theater stattfinden und wurde wegen Corona verschoben. Was bedeutete das für Ihre Probenarbeit?

Vor zwanzig Jahren wäre der Lockdown schlimmer gewesen, jetzt waren wir durch das Internet ganz gut darauf vorbereitet. Wir konnten uns bei den Proben per Videokonferenz sehen und hören und uns auf das konzentrieren, was in physischen Proben oft zu kurz kommt, nämlich Inhalte: Worum geht es den Figuren? Worum geht es in dem Stück? Wo liegt die Komik in diesem Stoff, und auf welcher Ebene möchte man die Menschen zum Lachen brin- gen? In meinem Fall natürlich wieder auf der untersten Ebene. (lacht) Aber durch das Ensemble mit Jens Harzer an der Spitze ist ja immer auch Niveau mit an Bord. Ich habe am Thalia Theater wahnsinnig fordernde Schauspieler, wie ich sie an noch keinem anderen Theater getroffen habe. Wenn man da auf einer Bananenschale ausrutscht, tut man das auf eine philosophische oder gesell- schaftskritische Weise.

War es problemlos möglich, das Geprobte auf die Bühne zu übertragen?

Ich hatte mir vorgestellt, das Stück gemeinsam mit den Schauspielern im Kopf komplett durchzuarbeiten und zu inszenieren, bis es so tief in uns drin sitzt, dass wir es spontan überall spielen könnten: auf einer Party, in einem Zimmer oder auf der Straße. Als wir das erste Mal wieder auf der Bühne standen, empfanden wir tiefe Dankbarkeit, dass wir besser vorbereitet waren als jemals zuvor.

Andererseits mussten wir auch wieder ganz von vorne anfangen. „Der Geizige“ zählt ja zu den ganz großen Komödien und Charakterstudien, die eine extreme physische Herausforderung für den Schauspieler sind.

 

„Wir gönnen dem anderen nicht, was wir selber haben“

 

Mit der Charaktereigenschaft des Geizes verbinden wir die Vorstellung eines Menschen, dessen Welt eng ist, der sich anderen gegenüber nicht öffnet und misstrauisch Abstand hält. Gibt es hier Parallelen zur Corona-Zeit?

Alle großen Stücke passen immer irgendwie in die Gegenwart, sonst wären sie keine Klassiker. Aber man muss den Gegenwartsbezug nicht forcieren, ich würde ihn sogar eher tarnen. Der Geiz ist nicht umsonst eine der sieben Todsünden, und wir Theatermacher beschäftigen uns nun mal mit diesen Archetypen menschlicher Verfehlungen. Erzählungen bedienen sich dabei bestimmter Formen.

Nehmen wir die Fabel: Wenn man den Tierkopf abnimmt, der Fuchs letztendlich nur ein listiger Mensch ist, und wir uns nicht mehr im Tier entdecken dürfen, dann ist die Fabel kaputt. Das macht die Stücke klein, und es langweilt mich auch, wenn ich zu sehr belehrt werde. Ich denke, es steht schon ein tieferer Sinn dahinter, Dinge zu überhöhen, zu überspitzen, märchenhafter oder allgemeingültiger zu machen, sodass man sie sich auch noch angucken kann, wenn wir längst nicht mehr an Corona denken.

Wo verläuft die Trennlinie zwischen Sparsamkeit und Geiz?

Es geht nicht nur um Geiz und Sparsamkeit. Es geht um Großzügigkeit. Geiz ist etwas Pathologisches. Sparsamkeit kann auch aus einem Verantwortungsgefühl resultieren. Ich müsste im Grunde viel sparsamer sein, weil ich vier Kinder zu ernähren habe. Da wird kein großes Erbe übrig bleiben, aber ich gebe eben lieber aus der warmen als aus der kalten Hand.

Wenn wir aber über die Corona-Maßnahmen sprechen, wird deutlich, dass wir über neue Gesellschaftsformen nachdenken müssen. Wenn ein Staat fast schon wie ein Monarch am Volk vorbeifährt und ihm Goldstücke zuwirft, fragt sich das Volk natürlich: Wie viele Goldstücke sind eigentlich noch da? Und wo waren sie vorher? Warum gibt es denn kein bedingungsloses Grundeinkommen und stattdessen unglaublich komplizierte Steuergesetze, die eine riesige Berufsgruppe ernähren. Wenn man das alles gegenrechnet, zahlt der Staat am Ende noch drauf. Hier kommt der Geiz ins Spiel: Wir gönnen dem anderen nicht, was wir selber haben. Leute, die ich unterstützen möchte, sind in den Augen vieler anderer Nichtsnutze und Gammler. Ich sehe das so: Wer arbeiten kann und will, hat Glück gehabt, und wer nicht, soll deshalb nicht diskriminiert werden.

 

„Wir müssen den Umgang miteinander wieder lernen“

 

Eine Frage der Solidarität, die sich aktuell auch in der Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen ausdrückt.Viele Menschen fühlen sich durch diese aber ihrer Freiheit beraubt und schließen sich deshalb großen Demonstrationszügen an. Zu Recht?

Wenn 20.000 Menschen auf der Straße ihren Unmut kundtun, kann die Politik sie nicht einfach ignorieren und als dumm bezeichnen, nur um selbst als klug dazustehen. Da läuft etwas komplett falsch. Es fehlt an Aufklärung und Klarheit. Wenn die Leute aggressiv werden, dann deshalb, weil ihnen die Kunst, die Berührung und der soziale Umgang fehlen.

Ich erwarte von den Politikern auch, dass sie ihre Maßnahmen an empathische Worte koppeln. Sonst steuern wir auf eine zweite Katastrophe zu, in der es kein Erbarmen und keine Solidarität mehr geben wird. Schon gar nicht mit uns Künstlern, weil wir immer schon als reich, arrogant und überflüssig galten.

Was erwarten Sie nach der Wiedereröffnung der Theater von Ihren Zuschauern, die dann auf Abstand sitzen werden?

Da die Leute lieber in der Masse lachen und das Tragen von Masken auch unbewusst Aggressionen freisetzt, müssen wir aufpassen, dass uns das Coronavirus nicht zu extrem unfreundlichen Menschen macht. Ich kann mich an einen Streit im 3-D-Kino erinnern. Da hat sich einer zu Recht aufgeregt, weil ich kurz eine SMS gelesen hatte. Das wäre aber wohl kein Problem gewesen, wenn wir nicht beide diese großen 3-D-Brillen aufgehabt hätten.

Wenn man einem Typen mit Spiegelbrille oder Maske begegnet, denkt man doch gleich: Was will denn dieser Gangster von mir? So ist der Streit eskaliert. Wir müssen den Umgang miteinander wieder lernen. Wenn man den Mund nicht sieht, sollte man mal versuchen, mit den Augen zu lachen. Das kann man trai- nieren. Ich mache das täglich vor dem Spiegel.

Der Geizige: Thalia Theater, 12.9. (Premiere), 13., 22., 24.9.


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Narren-Theater: „Tyll“ startet im Ernst Deutsch Theater

Till Eulenspiegel ist in „Tyll“ ein Seiltänzer und Jongleur, der sich elegant über jede Konvention hinwegsetzt und mit seinem subversiven Humor den Reichen und Mächtigen den Spiegel vorhält

Text: Dagmar Ellen Fischer

 

Falls ein gewisser Till Eulenspiegel je gelebt hat, dann im ausgehenden Mittelalter. Daniel Kehlmann indes rückt „Tyll“ in seinem 2017 erschienenen Roman ins 17. Jahrhundert und macht ihn zum Zeitzeugen des Dreißigjährigen Krieges. Auf fast 500 Seiten verschränkt der Autor dabei historisch nachweisbare Fakten mit einem fantasierten Tyll’schen Lebenslauf und bewegt sich sprunghaft zwischen Zeiten und Orten.

Der Übersichtlichkeit zuliebe verzichtet Erik Schäffler auf diese Sprünge in seiner Bühnen-Textfassung, mit der Kehlmann übrigens „sehr einverstanden“ sei. „Nach dem typischen Tanz auf dem Seil zu Beginn wird chronologisch erzählt“, so Schäffler, der auch Regie führt.

Tyll taucht in dieser Inszenierung doppelt auf, die Schauspieler Rune Jürgensen und Sven Walser teilen sich die Titelrolle als junger und alter Spaßmacher. Der versteht es meisterhaft, Schlagfertigkeit und Verschlagenheit hinter vorgetäuschter Einfalt zu verstecken und genießt Narrenfreiheit. Masken, Luftdrachen, Puppen und historische Kostüme lassen die Welt vor vierhundert Jahren auferstehen.

Ernst Deutsch Theater, 20.8. (Premiere), bis 26.9.


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Open-Air-Premiere am Thalia Gauß: “Opening Night”

Regisseurin Charlotte Sprenger hat ihre Inszenierung von “Opening Night” am Thalia Gauß kurzerhand in ein Open-Air-Stück umgewandelt. Im Zentrum der Handlung steht eine Theatergruppe, die um ihre Premiere fürchtet, weil die Hauptdarstellerin die Proben sabotiert

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Charlotte, deine Inszenierung hat durch die Corona-Krise eine unerwartete Meta-Ebene bekommen. Die Premiere im April musste abgesagt werden. Wie weit wart ihr, als der Lockdown kam?

Charlotte Sprenger: Wir hatten gerade erst mit den Proben angefangen. Nach fünf Tagen mussten wir aufhören, uns physisch miteinander zu treffen. Wir haben dafür direkt virtuell weitergemacht und bei Zoom-Treffen miteinander geprobt. Das ist aber im Endeffekt nicht vergleichbar, weil das Proben doch sehr stark von anwesenden Körpern lebt.

Wie kamst du auf die Idee, das Stück nach draußen zu verlegen? 

Ich hatte plötzlich das Bedürfnis, das Setting komplett zu verändern. Die Vorstellung, dass die Proben von den Hygienemaßnahmen dominiert werden, hat mich in meiner Fantasie blockiert. Draußen gibt es die Abstandsregeln auch, aber man ist sofort mit anderen Herausforderungen konfrontiert, wie das Stück dort zu übersetzen ist und das wird sofort wichtiger als die Maßnahmen. Man vergisst sie fast.

Wie läuft der Abend rein technisch ab?

Die Zuschauer haben Kopfhörer und die Schauspieler tragen Headsets und In-Ears. Die Dialoge sind dadurch sehr intim, die Schauspieler können leise miteinander sprechen obwohl sie weit voneinander entfernt sind. Dadurch müssen die Schauspieler nichts präsentieren, man schaut ihnen zu und belauscht sie.

„Opening Night“ basiert auf dem gleichnamigen Film von John Cassavetes. Was hat dich an dem Stoff gereizt?

Ich finde es faszinierend, wie eng Cassavetes mit Schauspielern zusammenarbeitet. Man spürt in seinen Filmen, dass sie eine vertraute Gruppe sind. Diese Form der Zusammenarbeit gefällt mir sehr. Das, was man am Ende dort sieht, ist das Ergebnis einer Auseinandersetzung und das Sichtbarmachen von gemeinsamen Erlebnissen.

 

Diese ernste Kunsteitelkeit finde ich langweilig

 

Cassavetes hatte eine „Film-Familie“, mit der er immer wieder zusammenarbeitete. Du arbeitest erneut unter anderen mit Oda Thormeyer und Merlin Sandmeyer. Wie macht sich die Vertrautheit im Stück bemerkbar?

Wir arbeiten ja jetzt auch durch die Verzögerung bereits seit vier Monaten an dem Stück. Da muss man sich irgendwann nicht mehr so viel erklären und das befreit. Wenn man sich kennt, kommt man schneller in eine direkte Kommunikation. Cassavetes hat seinen Schauspielern verboten, privat über ihre Figuren zu sprechen, damit alles während der Dreharbeiten verhandelt wird, was ich sehr lustig finde und auch verstehe. Aber das funktioniert natürlich nur mit einer gewissen Vertrautheit. Natürlich reden wir viel bei den Proben, aber es ist toll, wenn man über das Miteinander-spielen kommuniziert.

Also das Gegenteil vom im Hollywood beliebten Method-Acting, das eine Verschmelzung von Rolle und Privatleben vorsieht – und das in „Opening Night“ verballhornt wird. 

Das ist in unserem Fall auch eine interessante Frage, weil wir draußen an einem realistischen Ort spielen. Dem Ort, an dem die Schauspieler normalerweise in ihren Probepausen sitzen. Der Ort ist auf eine Art „Method“.

Es geht also auch um die Frage nach „Authentizität“ – ein vergiftetes Wort. Was verstehst du darunter im Rahmen des Schauspiels?

Authentizität bedeutet nicht, möglichst glaubwürdig zu heulen oder sich echt ohrfeigen zu lassen. Sondern, dass man sich selbst als Mensch auf der Bühne ernst nehmen kann. Die Protagonistin Myrtle ist auf ihre Art eine Galionsfigur der Behauptung. Das Ende des Films ist zwar traurig, weil sie an sich selbst zerbricht und dem Alkoholismus verfällt. Aber ich habe es immer auch als ein Happy End empfunden. Sie befreit sich selbst, indem sie sagt: Ich bin ein autonomer Mensch auf der Bühne und kann mich auf der Bühne entscheiden, was ich tue. Deswegen finde ich es beim Inszenieren so wichtig, eine Struktur zu schaffen, in der die Schauspieler sich frei bewegen können. Ich will kein festes Konstrukt bauen, das sie abtanzen müssen.

Die sturzbesoffene Myrtle lässt das Stück als improvisierte Farce enden. Bei euren Proben wurde auch viel gealbert. Hat das Alberne eine bestimmte Funktion?

Mich interessiert Albernheit sehr, weil ich es schön finde, wenn man sich selbst nicht so ernst nimmt. Diese ernste Kunsteitelkeit finde ich langweilig. Die Sachen, die mich am Theater berühren, wechseln immer zwischen großem Ernst und krassem Quatsch. Ich habe das Gefühl, dass es in Deutschland ein merkwürdiges Verständnis von Spaß gibt. Es muss entweder eine dieser Blödel-Ko- mödien sein, oder nur bierernst. Mich interessieren Misch-Genres, egal, was für einen Stoff ich bearbeite.

Warum?

Weil so Klischees gebrochen werden können. Bei Cassavetes geht es immer um das Anti-Klischee. Er wühlt so stark in diesem klischeehaften Erzählmuster über eine zickige Diva, bis das Thema überhaupt nicht mehr klischiert ist. Weil Myrtle immer überraschend ist.

Letztes Jahr feierte Charlotte Sprenger mit “Vor dem Fest” ihren Einstand am Thalia Theater (Foto: Markus Bachmann)

Was ist das Interessante an Myrtle?

Sie ist eine Frau, die an sich selbst zerbricht. Es gab schon so viele Filme über Frauen, die an äußeren Umständen zerbrechen – an der Unterhaltungsbranche, am Patriarchat. Für mich als Frau ist es inspirierend, wie Gena Rowlands diese Rolle spielt. Ich darf sehen, wie sie sich selber widerspricht. Cassavetes zeigt: Man darf widersprüchlich sein, auch als Frau.

Myrtle hat Angst, auf die Rolle der alternden Frau festgelegt zu werden. Alternde Frauen in der Showbranche, das ist ja auch so ein besetztes Thema. 

Cassavetes greift dieses besetzte Thema auf und verändert es. Und dadurch verändert er auch ein bisschen die Welt, so pathetisch das klingt. Denn ich sehe mir den Film an und mein Weltbild verändert sich. Weil ich lerne, dass die Wahrheit nie so einfach, sondern viel komplizierter ist. Mich interessiert es, wenn Sachen emotional komplex sind. Eine Frauenrolle muss nicht vernünftig und die Aufklärung in Person sein, um sich zu behaupten. Sie darf auch eine Rotzgöre sein und dabei trotzdem etwas für sich begreifen. Frauenfiguren müssen nicht gesellschaftlich erkennbar und einordbar sein.

Du hast mal in einem Interview das Thema „Wehrlosigkeit“ als zentrales Motiv in deinen Arbeiten genannt. Gilt das auch für „Opening Night“?

Mich interessiert der Kampf gegen die Wehrlosigkeit. Myrtle wehrt sich gegen die Rolle, mit der sie nichts anfangen kann, indem sie sagt, dass sie nicht gut ist. Sie weiß noch nicht einmal genau, was nicht gut ist. Aber sie spürt es intuitiv und sagt es. Darin liegt so eine große Befreiung, durch die sie ihre eigene Position finden kann – egal, wie verrückt oder einsam diese Position ist. Durch das Wehren kommt erst die Schönheit ins Leben.

Thalia Gauß, (Innenhof)
16.8. (Premiere), 19., 27., 28., 29., 30.8. und weitere 


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Special Edition: Internationales Sommerfestival auf Kampnagel startet

Das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel findet dieses Jahr unter Corona-gemäßen Umständen statt. Warum das Programm dadurch barrierefreier, partizipativer und näher am Puls der Zeit ist denn je, erzählt Co-Kuratorin Lena Kollender

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Lena Kollender, was ist denn dieses Jahr unter anderem „special“?

Vielen Künstlerinnen und Künstlern weltweit sind wegen der Pandemie die Premieren- und Probeorte weggefallen. Das Internationale Sommerfestival bietet seit März so ziemlich die erste Möglichkeit, wieder live zu spielen.

Das Programm in unseren Hallen besteht dadurch jetzt aus total exklusiven Arbeiten. Wir haben viele Uraufführungen, weil wir eine Art Insel geworden sind. Zum Beispiel die Arbeit der portugiesischen Choreografin Marlene Monteiro Freitas, „MAL“: Das Stück sollte im Juni an den Münchner Kammerspielen rauskommen und dann auf vielen europäischen Festivals gezeigt werden. Die wurden dann aber fast alle abgesagt und die Gruppe hatte plötzlich gar keine Perspektive mehr. Wir konnten jetzt einen Proberaum für sechs Wochen anbieten und deshalb entsteht das Stück jetzt bei uns. Weltpremiere ist am 26. August.

Ihr habt ein an die Auflagen angepasstes Konzept entwickelt, das auf drei Säulen fußt. Welche sind das?

Das Programm in den Hallen, das wir immer haben, müssen wir dieses Jahr reduzieren. Einerseits, weil wir nur circa ein Viertel der Plätze im Publikum besetzen dürfen. Andererseits haben wir die Anzahl der Bühnen-Projekte reduziert. Dafür haben wir das Programm in unserem Festival Avant-Garten extrem ausgeweitet. Da bieten wir dieses Jahr über 50 Programmpunkte auf insgesamt drei Bühnen.

Zur dritten Säule zählen wir alles, was außerhalb stattfindet. Zum Beispiel in der HafenCity, wo wir mit der HafenCity-Kuratorin Ellen Blumenstein das Augmented-Reality-Game „Bot-Boot“ machen. Aber dazu gehört auch alles, was im Internet stattfindet. Dafür haben wir interessante, extra für dieses Medium kreierte Arbeiten eingeladen und auch extra in Auftrag gegeben.

 

Eine eigene Ästhetik

 

Welche Produktionen habt ihr in Auftrag gegeben?

Zum Beispiel „Body of Knowledge“ der australischen Künstlerin Samara Hersch. Darin werden die Zuschauerinnen und Zuschauer per Telefon mit Teenagern aus Australien verbunden, die ihnen dann Fragen stellen, die sie Erwachsenen schon immer stellen wollten. Also geht es in diesen Gesprächen unter anderem um Sex und Körperlichkeit, politische Fragen, den Klimawandel, queere Identitäten. Das Telefon ist eine Möglichkeit, auch über die Entfernung eine große Intimität herzustellen.

Unser Online-Programm zeigt, dass es möglich ist, Arbeiten herzustellen, die explizit für diesen Raum geschaffen sind und eine eigene Ästhetik entfalten. Das macht zum Beispiel auch die Wiener Gruppe mit Nesterval sehr eindrucksvoll ihrer Uraufführung „Der Willy Brandt- Test“ auf der Videoplattform Zoom. Das Schöne daran ist: Unser Programm ist dadurch partizipativer und barriere-freier – man kann auch von zu Hause am Sommerfestival teilnehmen.

Inwiefern spiegelt sich die Corona-Pandemie konkret im Programm wider?

Dadurch, dass wir das Programm so kurzfristig entwickelt haben, sind wir so nah am Puls der Zeit wie noch nie. Fast alle Arbeiten reagieren auf diese Situation. Sehr konkret sieht man das bei Yan Duyvendaks geradezu prophetischer Arbeit „Virus“. Diese hat er über zwei Jahre lang geplant, also lange vor der aktuellen Krise. Eigentlich sollte es darin um die Ebola-Pandemie gehen, nun hat Duyvendak sie aber auf das Corona-Virus angepasst. Es ist das Stück der Stunde und feiert bei uns seine Deutschlandpremiere.

 

 

Welche neuen Perspektiven werden gezeigt, die in den Debatten der letzten Monate nicht vorkamen?

Künstlerische Perspektiven sind in den letzten Monaten sehr viel weniger vorgekommen, weil die Kunstproduktion im Lockdown war. Wenn Künstlerinnen und Künstler sich mit dem Virus auseinandersetzen, ist das perspektivisch etwas anderes, als wenn die Wissenschaft das tut.

Inwiefern genau?

Um bei „Virus“ zu bleiben: Duyvendak greift eine wissenschaftliche Sache auf. Er nimmt ein Simulationsspiel der EU, das entwickelt wurde, um Regierungen und Krankenhäuser vor allem in nord- und westafrikanischen Ländern auf Pandemien vorzubereiten. Das Publikum kommt dazu und soll dieses Spiel spielen, aber es wird künstlerisch transformiert. Es geht nicht mehr nur darum, ob wir die Pandemie eindämmen oder nicht, sondern darum, ob wir hinterher in einer Diktatur landen oder in einer utopischen, neuen Welt.

Die Perspektive eines Künstlers oder einer Künstlerin kann so zum Beispiel die gesellschafts-politischen Dynamiken hinterfragen. Und das Publikum ist in diese Auseinandersetzung einbezogen: Für dieses Stück heißt das: Wenn alle Zuschauerinnen und Zuschauer gemeinsam Entscheidungen treffen müssen, was entwickeln sich daraus für soziale Situationen?

Ein konkreter Bezug steckt in den „Pandemic Talks“. Wie sehen die aus?

Das ist eine Art Konferenzformat, das einmal pro Woche live auf Kampnagel stattfindet und auch im Stream zu sehen sein wird. Im ersten Talk „Vor dem Virus sind (nicht) alle gleich“ geht es um soziale Ungleichheit als Gesundheitsgefährdung. Warum etwa Schwarze Menschen in den USA häufiger vom Corona-Virus betroffen sind als Weiße. Oder Frauen generell, weil sie öfter in Care-Berufen arbeiten.

Im zweiten Talk geht es um technopolitische Fragen. Zum Beispiel darum, wie diese Pandemie neue Grenzregime im Internet zur Folge haben kann. Und im dritten Talk geht es um popkulturelle Strategien im Umgang mit der Krise. Letztes Jahr ging es auch um den Blick in die Vergangenheit, um daraus Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen.

 

„Die Utopien sind realistischer geworden“

 

Wie ist das dieses Jahr?

Tatsächlich haben wir gerade eher das Gefühl, so viel Gegenwart und Zukunft wie noch nie im Programm zu haben. Weil die meisten Künstlerinnen und Künstler eben auf die Krise reagieren und nach Chancen zur Veränderung suchen.

Natürlich greifen manche dafür auch auf die Vergangenheit zurück. Oliver Zahns Arbeit „Lob des Vergessens, Teil 2“ ist ein Beispiel dafür. Er arbeitet mit einem Lied eines deutschen Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg, das er im Soundarchiv gefunden hat. Daraus hat er eine Arbeit gemacht, die das kollektive Erinnern, aber auch das kollektive Vergessen reflektiert. Das Internet macht es momentan fast unmöglich zu vergessen, denn alles wird dokumentiert. Zahn stellt die Frage: Wie schaffen wir es, zu vergessen und Geschichte neu zu schreiben in Zeiten des Internets?

Wir stecken momentan noch mitten in der Corona-Krise – ist die Auseinandersetzung mit dem Thema durch die fehlende Distanz anders?

Die Auseinandersetzung ist tatsächlich ganz anders. Letztes Jahr hatten wir viele Arbeiten, die sich mit einer ganz fernen, fantastischen Zukunft beschäftigt haben. Dieses Mal ist der Blick in die Zukunft viel pragmatischer. Teilweise geht es um die nächste Stunde wie bei Gob Squad, um morgen oder um nächstes Jahr, um die Zeit, wenn wir die Pandemie hinter uns haben und um die Frage, was wir dann konkret verändern müssen.

 

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Florentina Holzinger: Tanz (Foto: Nada Zgank)

 

Die Utopien sind sozusagen realistischer geworden. Viele, wie etwa das Peng! Kollektiv, sehen die aktuelle Lage als Zwangspause, die wir nutzen müssen, um zu überlegen, wie die neue Normalität aussehen sollte. Und das Publikum wird vermutlich auch alles anders rezipieren als in den vergangenen Jahren. Das fängt bereits da an, dass es ganz anders sein wird, in einem Theatersaal zu sitzen, der nur zu einem Viertel gefüllt ist und, dass wir uns ganz anders bewegen müssen. Das wird dann auch die Wahrnehmung von Arbeiten wie Florentina Holzingers TANZ beeinflussen, die bereits vor der Pandemie entstanden ist.

Internationales Sommerfestival: Kampnagel (u. a.), 12.–30.8.2020


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Premiere “Tussipark”: Das Ohnsorg-Theater ist zurück

Das plattdeutsche Ohnsorg-Theater kehrt mit der hochdeutschen Komödie „Tussipark“ zurück in den Betrieb

 

Es geht wieder los, endlich. Das Ohnsorg-Theater geht nach vier Monaten Zwangslockdown mit der Karaoke-Komödie „Tussipark“ von Christian Kühn wieder in Betrieb. Nebenbei gemerkt: Das erste szenische Theater in Hamburg seit dem Lockdown, denn das Tivoli eröffnete im Juli zwar als erste Theater, jedoch mit einer Show – wie auch Michael Lang nicht ohne Stolz am Premierenabend ankündigte.

Sichtlich erleichtert empfing der Ohnsorg-Intendant seine Gäste. Es sei so schön, endlich wieder Leben im Haus zu haben, sagte er. Und nein, das war keine Floskel, sondern aufrichtige Dankbarkeit. Den nur 123 Zuschauern (Abstandsregel…) bot sich daraufhin ein unbeschwerter Abend auf hochdeutsch mit vier Schauspielerinnen auf Hochtouren.

 

Tussipark: Das Stück hat einen hohe Gag-Dichte

 

Tanja Bahmani läuft im Brautkleid durchs Parkhaus, sie hat ihren Fast-Ehemann wegen vermeintlicher Untreue vor dem Altar stehen lassen. Caroline Kiesewetter ist die schlagfertige Lebensberaterin, deren Kalenderweisheiten ihr bei ihren Männerproblemen letztlich auch nicht weiterhelfen. Julia Holmes ist die schwangere Ehefrau, die nicht zurück zu ihrem unreifen Ehemann will. Und Rabea Lübbe spielt die verpeilte, liebenswerte Jennifer, die kein permanent Wörter verwechselt und Konversation und Konservation nicht unterscheiden kann.

Die vier Frauen verbringen eine Nacht im Parkhaus eines Einkaufszentrums (schönes Bühnenbild von Katrin Reimers) und teilen in rasanten Dialogen ihre Enttäuschung über die Männerwelt. Zum Ende schlucken sie Wunderpillen und mischen im Rausch das Einkaufszentrum auf – „Hangover“ lässt grüßen. Das Stück hat eine hohe Gag-Dichte, bisweilen mit Einpark-Kalauern auf Mario-Barth-Niveau, meist aber pointiert und mit Mut zum Quatsch: „Ständig kamen meine älteren Verwandten auf Hochzeiten zu mir und sagten: ‚Du bist die Nächste!‘ Bis ich anfing, auf Beerdigungen das gleiche zu ihnen zu sagen.“

 

Abstandsregeln auf der Bühne

 

Dazu gibt’s viele Hits: „Baby One More Time” von Britney Spears, „Wannabe” von den Spice Girls”, “Dancing Queen” von Abba, „Survivor“ von Destiny’s Child. Gesungen wird allerdings nur Playback (danke, Corona) – macht aber nichts, funktioniert trotzdem bestens. Überhaupt: Charmanter, humorvoller kann man mit den Abstandsregeln, die auch auf der Bühne eingehalten werden müssen, nicht umgehen, als es die vier Schauspielerinnen an diesem Abend augenzwinkernd tun. Das Publikum dankt’s mit langem Applaus.

Eine Premierenfeier konnte unter den aktuellen Umständen nicht stattfinden. Stattdessen gab’s draußen vor der Tür Gespräche mit Abstand und Eis mit Stil – was ja auch ganz gut passt nach einer Sommerkomödie. / UT

Ohnsorg-Theater
Weitere Termine bis zum 26. Juli 2020

4 Minuten Theater: „Wir sind noch da!“

Hamburgs Privattheater sind vielfältig. Das zeigt das digitale Format „4 Minuten Theater“, das den Zuschauer jede Woche mit in ein anderes Theater nimmt

Text & Fotos: Ulrich Thiele

 

Die Bühnenszene ist abgedreht, jetzt kommt der nächste Teil des Programms. „Willkommen an der längsten Tafel Hamburgs“, ruft Thomas Gisiger in die Kamera und zieht den massiven schwarzen Vorhang auf, der die Bühne vom Speisesaal trennt. Licht flutet den Bühnenraum, doch auf halbem Wege stockt der Vorhang. Also Vorhang wieder zu und noch mal von vorn. Es ist nicht der erste Patzer an diesem Drehtag, einmal wollte Gisiger eine Flasche öffnen, aber die Flasche wollte nicht. „Das ist der Corona-Rost“, sagt Kameramann Martin D’Costa und lacht. Die lustigsten Patzer sollen mit ins Video aufgenommen werden.

Thomas Gisiger ist Gastgeber und Schauspieler im Theater Die 2te Heimat im Quartier Phoenixhof in Ottensen, Martin D’Costa betreibt die Produktionsfirma Dschungelfilm. Gemeinsam drehen sie heute einen Film, der den Zuschauern die Atmosphäre und den Stil der 2ten Heimat vermitteln soll.

 

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Wenn es am Ende so aussehen soll, als würde der fiktive Gast „Riz Casimir“ essen …(Foto: Ulrich Thiele)

 

Das Salon-Theater kombiniert Kultur, Kulinarisches und Kommunikation: Nach einer – meist tragikomischen – Vorführung wird den Gästen an der 24 Meter langen Holztafel ein Essen serviert, bei dem sie sich über das Stück austauschen können. Wie vermittelt man das am besten? Mit einem gesamten Theaterabend aus der Perspektive eines Besuchers in maximal vier Minuten zusammengefasst. Einen genauen Plan gibt es nicht, die Szenen sind improvisiert. Nur die Grundstimmung steht fest: Gisiger begleitet den fiktiven Gast überschäumend vor Freude, endlich wieder einen Besucher empfangen zu dürfen. Der gebürtige Schweizer redet in hellster Aufregung, lacht, gestikuliert mit den Händen, winkt der Kamera zu, ihm zu folgen, rennt und rennt und rennt von Programmpunkt zu Programmpunkt.

 

Experimentierfreude

 

Der Dreh ist Teil des neuen digitalen Formats „4 Minuten Theater“ (4MT), das die Behörde für Kultur und Medien und Hamburgs Privattheater ins Leben gerufen haben. Und das bietet mehr als „nur“ den Stream einer Aufführung oder Szene: In kurzen, experimentierfreudigen Videos präsentieren Hamburgs Privattheater in kreativer Verdichtung ihre künstlerischen und kreativen Ansätze.

Unterstützt werden sie dabei von den Hamburger Produktionsfirmen Hirn und Wanst, Stu- dio17 und Dschungelfilm. Mit dabei sind unter anderem Geschichten aus dem Lichthof Theater, das sich an filmische Virtual-Reality-Experimente wagt, dem Ernst-Deutsch-Theater, dem St. Pauli Theater und dem Klabauter Theater. Das Projekt ist ein Lichtblick für Regisseure und Schauspieler, die in Zeiten der Pandemie nicht nur unter finanziellem Druck stehen, sondern auch kreativen Durst haben, die ihr Publikum vermissen, die Aura eines gemeinsamen Abends. Und natürlich für alle Kulturliebhaber, die es vermissen, ausgehen zu können. „Die Privattheater haben gemeinsam mit Produktionsfirmen aus Hamburg einen Weg gefunden, der Pandemie mit einer gehörigen Portion Charme und Optimismus zu begegnen und weiter sichtbar zu bleiben. Damit senden sie ein wichtiges Signal: Wir sind noch da, wir machen weiter, wir freuen uns auf euch!“, kündigte Kultursenator Carsten Brosda das Format an.

 

Opernstück in vier Minuten

 

Seit dem 4. Juni erscheint jede Woche ein Beitrag, den Anfang macht der Engelsaal, Hamburgs ältestes Privattheater. Der künstlerische Leiter Philip Lüsebrink zeigt in dem Video mit einem selbstironischen Augenzwinkern, wie Musiktheater in Zeiten des Lockdowns dem Publikum filmisch nach Hause gebracht werden kann. Und zwar mit einer One-Man-Kurzperformance (gewitzte Schnitttechnik macht’s möglich) der Operette „Das Land des Lächelns“ von Franz Lehár. Prinz Sou-Chong (Philip Lüsebrink) erkennt darin, dass die kulturellen Unterschiede zwischen ihm und seiner geliebten Lisa (Philip Lüsebrink) viel zu groß sind. Trotz ihrer Liebe finden sie nicht zueinander. Dazu gibt’s einen Blick hinter die Kulissen zum musikalischen Begleiter am Klavier (Philip Lüsebrink) und zum leicht versnobten Regisseur (Philip Lüsebrink).

 

Theater Engelsaal

Was passiert eigentlich gerade an den Hamburger Bühnen? Ab heute erscheinen unter dem Motto „4 Minuten Theater“ jede Woche kurze Videobeiträge von verschiedenen Privattheatern. Den Anfang macht der @Hamburger Engelsaal: Künstlerischer Leiter Philip Lüsebrink zeigt mit einem Augenzwinkern, wie Theater durch filmische Mittel in der aktuellen Situation stattfinden kann. Vorhang auf!

Gepostet von Szene Hamburg Stadtmagazin am Donnerstag, 4. Juni 2020

 

Eine Woche später folgt ein Video, das die Solidarität unter Hamburgs Theatern demonstriert. Weil im Hansa Varieté gerade umgebaut wird, hat das St. Pauli Theater die Hansa Boys zu sich auf die Bühne eingeladen, wo sie ein Mini-Konzert unter Einhaltung der Corona-Auflagen spielen. „Moin! Moin! Moin! Moin!“, röhrt Sänger Rolf Clausen ins Mikrofon und singt über Hamburger-Klischees: „Manche sagen, wir wären kühl / Hätten einfach kein Gefühl“. Stimmt natürlich nicht: „Ihr wisst nicht, was in uns geschieht / Also spielt nicht mit dem Feuer / Weil man nichts von außen sieht / Wir sind pures Dynamit.“

 

„Die Gäste fehlen mir“

 

Zurück ins Die 2te Heimat. Thomas Gisiger serviert dem Gast „Riz Casimir“, ein traditionelles Schweizer Gericht. „Damit zeigen wir unseren Gästen: So schmeckt die Schweiz“, sagt er und erzählt sehnsüchtig von seiner Kindheit in seiner ersten Heimat. Die Sehnsucht nach Betrieb, hier, in seiner zweiten Heimat, ist genauso groß: „Normalerweise sitzen hier 70 Menschen an der Tafel. Dieses gesellige Grummeln, das haptische Bei-den-Leuten-sein und ihnen auf die Schulter zu klopfen – das fehlt mir.“

Die letzten Monate waren schwer für Gisiger und seinen Mann Andreas Löher, mit dem er das Theater gemeinsam betreibt. Wie für alle Theaterbetreiber. Der Lockdown kam bekanntlich plötzlich, Veranstaltungen mussten abgesagt werden, Einnahmen fallen aus, gleichzeitig sind die laufenden Kosten hoch. Erst vor zwei Jahren sind Löher und Gisiger in die Räumlichkeiten am Phoenixhof gezogen und haben dafür viel investiert. Viele treue Kunden seien solidarisch und hätten darauf verzichtet, sich ihre Karten für abgesagte Veranstaltungen erstatten zu lassen, zudem sei die Soforthilfe der Kulturbehörde eine große Hilfe gewesen. Auch für das 4MT-Projekt ist er dankbar: „Es ist mir so wichtig, mit dem Publikum in Kontakt zu bleiben.“

Zum Abschluss gibt’s noch einen kleinen Absacker, genauer: einen „Absackerli“, wie der Schweizer sagt. Rhababerlikör von der eigenen Mutter. Dann ist der Abend vorbei. Ach, fast vergessen vor lauter Überschwang: Umarmen oder Handshake zum Abschied ist momentan ja nicht drin. Macht nichts, dann gibt’s eben den berühmten Corona-Footshake, ehe sich Martin D’Costa alias der fiktive Gast hinaus in die Abenddämmerung verabschiedet. „Komm bald wieder“, ruft Gisiger noch hinterher.

die2teheimat.de

 

Seht hier „4 Minuten Theater“ aus dem 2te Heimat Theater:

4 Minuten Theater

Was passiert eigentlich gerade an den Hamburger Bühnen? Unter dem Motto „4 Minuten Theater“ erscheinen jede Woche kurze Videobeiträge von verschiedenen Privattheatern. Dieses mal kommt der Clip vom Theatersalon Die 2te Heimat. Thomas Gisiger und Andreas Löher laden die Zuschauer zu einem inszenierten Abend mit kultureller und kulinarischer Vollverpflegung ein. Dazu jede Menge Schwizerdütsch. Vorhang auf!Teile des Stücks stammen aus dem neuen Programm „Der Berg ruft!“, das im September gezeigt wird. Weitere Infos hier: https://die2teheimat.de/spielplan.php

Gepostet von Szene Hamburg Stadtmagazin am Donnerstag, 2. Juli 2020

 

Seht hier „4 Minuten Theater“ aus dem Lichthof Theater:

 

4 Minuten Theater

Was passiert eigentlich gerade an den Hamburger Bühnen? Unter dem Motto „4 Minuten Theater“ erscheinen jede Woche kurze Videobeiträge von verschiedenen Privattheatern. Dieses mal kommt der Clip vom LICHTHOF Theater und wurde übrigens schon vor den Einschränkungen durch Corona gedreht. Wenn euch das Video gefällt, gibt es hier Teil 2 und Teil 3 zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=O9ZeC_HDW1Y&feature=youtu.be Vorhang auf!

Gepostet von Szene Hamburg Stadtmagazin am Donnerstag, 25. Juni 2020

 

Seht hier „4 Minuten Theater“ aus dem Ernst-Deutsch-Theater:

4 Minuten Theater – Ernst Deutsch Theater

Was passiert eigentlich gerade an den Hamburger Bühnen? Unter dem Motto „4 Minuten Theater“ erscheinen jede Woche kurze Videobeiträge von verschiedenen Privattheatern. Dieses mal proben Schauspieler unter Corona-Bedingungen das Stück „Das autoritäre Zeitalter des Megazorns“ für das Ernst Deutsch Theater und testen die Chancen und Grenzen zwischen Bühne, Bildschirm und Live-Chat aus. Vorhang auf!

Gepostet von Szene Hamburg Stadtmagazin am Donnerstag, 18. Juni 2020

 

Seht hier „4 Minuten Theater“ aus dem St. Pauli Theater:

4 Minuten Theater

Was passiert eigentlich gerade an den Hamburger Bühnen? Unter dem Motto „4 Minuten Theater“ erscheinen jede Woche kurze Videobeiträge von verschiedenen Privattheatern. Dieses mal sind die Hansa Boys zu Gast im St. Pauli Theater. Dort spielen sie ein Konzert unter Einhaltung der Corona-Bedingungen. Vorhang auf!

Gepostet von Szene Hamburg Stadtmagazin am Donnerstag, 11. Juni 2020

 

Seht hier „4 Minuten Theater“ aus dem Fundus Theater:

4 Minuten Theater – Fundus Theater

Was passiert eigentlich gerade an den Hamburger Bühnen? Unter dem Motto „4 Minuten Theater“ erscheinen jede Woche kurze Videobeiträge von verschiedenen Privattheatern. Dieses mal treten im FUNDUS THEATER Kinder gegen Erwachsenen an. Vorhang auf! Alle Clips der Hamburger Bühnen findet ihr unter https://szene-hamburg.com/4-minuten-theater-wir-sind-noch-da/

Gepostet von Szene Hamburg Stadtmagazin am Donnerstag, 9. Juli 2020


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Matthias Günther: „Theater ist eine Glücksmöglichkeit“

30 Fragen, 30 Antworten: Matthias Günther, Dramaturg am Thalia Theater, über seine persönlichen Lieblingsstücke, die nicht anerkannte Systemrelevanz von Kultur und warum Tocotronic die passenden Worte zur aktuellen Lage gefunden haben

Fragebogen: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Welches kulturelle Ereig­nis hat Sie geprägt?

Matthias Günther: Seit frühester Kindheit die documenta in meiner Heimatstadt Kassel und insbesondere die Aktion „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ von Joseph Beuys 1982 (documenta 7).

Welches Theaterstück hat Sie als erstes zum Weinen gebracht?

Im Kasperltheater die Entführung der Großmutter im „Räuber Hotzenplotz“.

Und welches zuletzt?

Die erste Probe von „Ode an die Freiheit“ zwei Monate nach der Theaterschließung.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Thea­ terbesuch? Welches Stück haben Sie gesehen und was hat es in Ihnen aus­ gelöst?

Der Besuch des Weihnachtsmärchens „Der gestiefelte Kater“ im Staatstheater Kassel Anfang der 1970er Jahre und meine Empörung über die Pappkulissen. Aus dem Fernsehen kannte ich mehr Wirklichkeit.

Welches Theaterstück hat bei Ihnen vermeintliche Gewissheiten über den Haufen geworfen?

Christoph Marthalers Paraphrase „Goethes Faust Wurzel aus 1+2“ 1993 am Deutschen Schauspielhaus und der grandiose Faust-Monolog von Sepp Bierbichler aufgelöst in Vokale.

Was war Ihre schönste Theatererfahrung?

„Das achte Leben (Für Brilka)“ und „Die Katze und der General“ von Nino Haratischwili in den Adaptionen von Jette Steckel und ihrem Team am Thalia Theater. Diese beiden Arbeiten zeigen großes Menschentheater.

 

 

Und die schlimmste?

Keine. Theater ist für mich ganz großes Zuschauerglück. Selbst, wenn es mal nicht so gut ist. Ich komme immer gerne wieder.

Dieses Stück sollte jeder einmal in seinem Leben gesehen haben:

„Krippenspiel“ von Kindergartenkindern in der Weihnachtszeit.

Über welche Inszenierung haben Sie zuletzt heftig mit jemandem gestritten?

Immer wieder über die großartigen Arbeiten von Florentina Holzinger, die mit ihrem radikalen Körpertheater verstört. Performance, Porno, Provokation?

Die Welt geht in einem Jahr unter und Sie können nur noch ein Stück inszenieren: welches wäre das?

Das neue Stück, das Elfriede Jelinek dann schreibt: „Besser wird’s nicht“ – ein Abgesang!

Mein/e Lieblingsschauspieler:

Ich verliebe mich immer wieder und immer wieder neu. Max Reinhardt schrieb über Schauspieler: „Ihre Aufnahmefähigkeit ist beispiellos, und der Drang zu gestalten, der sich in ihren Spielen kundgibt, ist unbezähmbar und wahrhaft schöpferisch. Sie verwandeln alles in das, was sie wünschen. Und dabei das klare, immer gegenwärtige Bewusstsein, dass alles nur Spiel ist, ein Spiel, das mit heiligem Ernst geführt wird.“

Mein/e Lieblingsdramaturg/en:

Ivan Nagel.

Was bedeutet Kultur in diesen Tagen für unsere Gesellschaft?

Es wird uns klar, was fehlt. Sehr viel!

Was bedeutet Theater grundsätzlich für unsere Gesellschaft?

Eine Glücksmöglichkeit! „Verweile doch! du bist so schön!“ (Goethe).

Gibt es unpolitisches Theater?

Kunst- und Kultureinrichtungen sind offene Räume, die vielen gehören. In der „Erklärung der Vielen“ heißt es: „Demokratie muss täglich neu verhandelt werden – aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jeden Einzelnen als Wesen der vielen Möglichkeiten!“

Das perfekte Stück zur aktuellen Lage:

Die Stücke, die gerade von Dramatikern wie Thomas Köck, Enis Maci, Bonn Park, Felicia Zeller und vielen anderen geschrieben werden.

Was ist die beruflich größte Herausfor­derung für Sie während der Corona­-Krise?

Die bittere Erkenntnis, dass Kultur nicht als systemrelevant eingestuft wird und die Frage, wie wir unsere wunderbare Kunst in Krisenzeiten erhalten und weitermachen können, denn sie ist lebensrelevant.

Was stimmt Sie momentan hoffnungs­froh?

Die Solidarität des Publikums mit den Theatern.

Was stimmt Sie pessimistisch?

Diese miesen völkisch nationalistischen Zusammenrottungen.

 

„Wir forschen und erfinden das Theater der Zukunft.“

 

Werden virtuelle Möglichkeiten auch in Zukunft eine größere Rolle in der Kul­turlandschaft einnehmen?

Die Digitalisierung ist schon jetzt ein wichtiger Bestandteil für das „Storytelling“ von Kulturinstitutionen, kann aber das direkte Live-Erlebnis nicht ersetzen. Theater sind Orte kollektiver Erfahrung. Das Besondere des Theaters hat der Choreograf Jérôme Bel zusammengefasst in dem Satz: „Some people sitting in the darkness, watching other people sitting in the light.“

Wie wird sich die aktuelle Lage auf das Theater nach Corona auswirken?

Wir machen weiter. Wir forschen und erfinden das Theater der Zukunft. Hugo Ball, der erste Dramaturg der Münchner Kammerspiele und später berühmter Dadaist in Zürich schrieb: „Europa malt, musiziert und dichtet in einer neuen Weise. Das neue Theater wird wieder Masken und Stelzen benützen. Es will Urbilder wecken und Megaphone gebrauchen. Sonne und Mond werden über die Bühne laufen und ihre erhabene Weisheit verkünden.“ Das könnte ein Weg sein.

Wem sind Sie in diesen Zeiten beson­ders dankbar?

Den vielen Künstlern, die versuchen weiterzumachen.

Wer hätte mehr Dankbarkeit verdient?

Eltern, die in dieser Zeit eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe übernommen haben: die Schulpflicht ihrer Kinder durch Homeschooling zu gewährleisten.

Worauf freuen Sie sich in den nächsten drei Jahren am meisten?

Ich freue mich auf jeden neuen Tag und hoffe eine „Handbreit“ weiterzukommen.

Ich mag Hamburg, weil …

… es für mich die schönste Stadt Deutschlands ist.

Ich mag das Thalia Theater, weil …

… es ein Ensembletheater ist.

Die Hamburger Theaterlandschaft ist so besonders, weil …

… sie so vielfältig ist von A–Z (Altonaer Theater bis Theater das Zimmer).

Allgemein gesprochen: Sind Sie lieber dafür oder dagegen?

Meine politische Sozialisation ist eng verbunden mit der Friedenbewegung der 1980er Jahre. Damals war der Slogan: „Aufstehn“.

Wann haben Sie sich das letzte Mal ge­irrt?

„Kluge Irrtümer sind wichtiger als banale Wahrheiten“, hat Heiner Müller gesagt.

Welche Hoffnung haben Sie aufgege­ben?

Ich halte es mit Tocotronic: „Aus jedem Ton spricht eine Hoffnung auf einen Neuanfang.“

 


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Interviews: Wie geht es den Hamburger Kulturschaffenden?

Wir haben mit Kulturschaffenden darüber gesprochen, wie sie mit der für sie besonderen Schwere der Pandemie umgehen, was gerade hilfreich ist und was die Krise Gutes bringt.

Interviews: Erik Brandt-Höge

 

Andrea Rothaug, Geschäftsführerin Rockcity Hamburg

Andrea Rothaug (Foto: Simon Heydorn)

SZENE HAMBURG: Mit RockCity seid ihr ein wichtiges Aushängeschild für Hamburgs Kultur, die aufgrund politisch beschlossener Maßnahmen schwer von der Krise betroffen ist. Was macht dir aktuell besonders zu schaffen?

In der Tat, die Musikszene mit Musikern, Musikfirmen und Clubs haben einen nahezu hundertprozentigen Shutdown erfahren. Sie waren die ersten, die betroffen waren und werden die letzten sein, deren Berufe wieder voll ausübbar sein werden. Der Überlebenskampf gleicht einem Windhundrennen um Förderprogramme, digitalen Umsetzungsmöglichkeiten oder betriebswirtschaftlichen Überlebensstrategien. Mich beunruhigt die fehlende Perspektive für eine ganze Branche, deren Produkte wirklich jeder Mensch, ob alt oder jung, arm oder reich, links oder rechts täglich konsumiert. Mich beunruhigt auch die Vorstellung, dass der Verlust von Vielfalt durch die Marktbereinigung, die sich nach der Krise vollziehen kann, in Kauf genommen wird. Und mich beunruhigen diese ganzen Verschwörungswahnsinnigen und der aufkommende, jetzt wirklich ganz und gar evidente weltweite Rassismus, der den Turbokapitalismus vor Menschenrechte stellt.

Gibt es auch Menschen, die euch aktuell besonders unterstützen?

Wir erfahren zurzeit besonders viel Unterstützung von der Hamburger Musikszene, die uns befeuert, sich bedankt oder einfach per Mail ihre Freude über unsere Arbeit ausdrückt. Aber auch die Karsten Jahnke Konzertdirektion, die Haspa Musik Stiftung, PM Blue, Concord Music Publishing und Bands wie die Beginner sowie viele Spender mit großem und kleinem Portemonnaie sind dabei. Auch die Zusammenarbeit mit der Kulturbehörde, aber auch mit den Verbänden der Musik ist momentan sehr wichtig und hilfreich.

Und wie plant ihr die kommenden Monate – wenn ihr denn planen könnt?

Wir planen, in den kommenden Monaten unsere neuen Angebote für die Musikszene, die wir in Corona-Zeiten auf die Beine gestellt haben, zu konsolidieren. Darüber hinaus werden einige bereits bestehende Angebote digitalisiert, andere noch stärker analog erlebbar gemacht. Operation Ton #13 ist ebenso auf Hochtouren in Planung wie aktuell unser Hamburg Music Award Krach+Getöse – beides wird es digital geben. Neu dabei ist der Schwerpunkt „Musik in der Krise“, aber auch noch einmal stärker im Fokus sind neue Wege der Selbstvermarktung für Musikprofis.

 

Sarajane, Musikerin

Sarajane (Bild: Annemone Taake

SZENE HAMBURG: Freiberufliche Künstler leiden derzeit sehr. Wie kommst du mit der Situation zurecht?

Da kann ich nur mehrschichtig antworten. Mir persönlich geht es gut und meiner Familie und meinen Freunden auch, das macht schon mal einiges leichter. Beruflich gesehen, hm … Ich hatte von einem Tag auf den anderen von einem vollen Kalender keine Konzerte mehr übrig und auch keine Aussicht, wann sich das wohl ändern würde. Das war und ist eine völlig neue Situation – für viele. Aber es schweißt auch zusammen. Mein Eindruck ist, dass viele Künstler und Veranstalter etwas enger zusammenrücken.

Nutzt du Streamings, um mit deinem Publikum in Kontakt zu bleiben?

Absolut. Ich mache jeden Dienstagnachmittag um 17 Uhr eine Tea Party auf Instagram (#tuesdaytea). Das begann schon weit vor der Corona-Zeit, aber jetzt ist es auf einmal eine der wenigen direkten Möglichkeiten, mit den Fans und Supportern zu kommunizieren. Ich hatte auch das Vergnügen, bei der Konzertreihe „Quaratunes“ von Karsten Jahnke, PM Blue und Rock- City Hamburg e.V. ein Streaming-Konzert mit Band zu spielen, weil auf der Bühne genug Platz war, um alles mit Abstandsregeln umzusetzen.

Und wie sieht es mit Hilfe in Hamburg aus?

Ich bin sehr froh, dass es in Hamburg die Soforthilfe für Soloselbstständige gibt und der Verein RockCity auch wie wild Spenden für einen Rettungsfond sammelt, um dann Hamburger Künstler zu unterstützen.

 

Axel Schneider, Intendant Altonaer Theater

Axel Schneider (Bild: Bo Lahola)

SZENE HAMBURG: Hamburger Theater leiden sehr unter der Corona-Krise. Worunter leiden Sie besonders?

Das faszinierende am Theater ist die Arbeit im Team. In der Verwaltung, in der Öffentlichkeitsarbeit, mit Regieteams, mit der Technik, mit den Schauspielern. Zudem liebe ich die Beschäftigung mit immer neuen Themen. Das alles ist nun schlagartig weggefallen. Ich finde es verständlich, aber auch bedenklich, dass es in unserer menschengemachten Welt kaum noch ein anderes Thema gibt als Corona. Die Welt, in der wir leben, im Mikrokosmos oder global gesehen, bietet so viele Themen, die fast erschlagen werden von Wirtschaftszahlen und Infektionskurven. Sie fragen nach „leiden“. Ich würde darunter leiden, wenn wir aus dieser Zeit nichts lernen würden!

Und wie gehen Sie mit dieser Situation im Team um?

Genau dieses Team-Building fehlt ja. Die Mitarbeiter, mit denen ich zusammenarbeiten kann, sind großartig. Die vielen, die in Kurzarbeit sind, vermisse ich!

Was halten Sie eigentlich von Kultur per Streaming?

Es ist ein Ersatz, keine Alternative. Wir versuchen bei den Privattheatertagen diesen Weg zu gehen. Denn es ist wichtig, sichtbar zu bleiben und den Menschen ein Angebot zu schaffen, aber auch die Präsenz dessen, was sie als Live-Erlebnis verpassen.

 

Matthias Elwardt, Geschäftsführer Zeise Kinos

Matthias Elwardt (Bild: Heike Blenk)

SZENE HAMBURG: Kinos haben es besonders schwer während der Corona-Krise. Wie meistern du und deine Mitarbeiter diese Zeit?

Das Zeise Kino bevölkern zur Zeit Handwerker. Alle Arbeiten, die für dieses Jahr geplant waren, haben wir vorgezogen. So können wir glänzen, wenn wir endlich wieder Gäste bei uns begrüßen dürfen.

Denkst du, die Wichtigkeit von Kino wird vielen jetzt noch bewusster? 

Ich hoffe, dass das Kino wieder als besonderer, kultureller und sozialer Ort gesehen wird. Wir Menschen sind Gemeinschaftswesen und das Kino bietet einen besonderen Raum der Begegnung. Hier werden wir berührt, verführt und in unermessliche neue Welten entführt.

Bekommt ihr von mancher Seite Unterstützung, für die du sehr dankbar bist? 

Wir sind sehr dankbar dafür, wie viele Zeise-Gäste sich bei uns gemeldet haben, um uns zu unterstützen. Viele haben eine Zeisecard gekauft oder ihre Karte aufgeladen. Auch wurden sehr viele Gutscheine gekauft. Immer wieder rufen Besucher an und fragen, wann wir wieder öffnen, sie würden uns sehr vermissen. Auch die Filmförderung und die Kulturbehörde sind sehr schnell aktiv geworden und haben die „Kino Hilfe Hamburg“ ins Leben gerufen. Ein großes Dankeschön an dieser Stelle für diese Hilfe! Trotzdem haben wir noch eine lange Wegstrecke vor uns.

 

Weitere Interviews mit Persönlichkeiten aus Hamburgs Kulturszene findet ihr in unserem DANKE!-Magazin.


 Das SZENE HAMBURG DANKE!-Magazin ist seit dem 29. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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