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Shakespeare in den Wallanlagen: „Der Sturm“ im Ententeich

Das frisch gegründete Theater Ensemble U3 bringt gleich zwei Stücke des englischen Dichters in die innerstädtische grüne Lunge Hamburgs. „Ein Sommernachtstraum“ und „Der Sturm“ von William Shakespeares laufen bis Ende August 2021 in Planten un Blomen – inszeniert mit erfahrenen Schauspieler:innen als Picknick-Aufführungen für laue Sommerabende

Text: Kevin Goonewardena

 

Auch wenn die Corona-Pandemie überwiegend negative Auswirkungen auf unser aller Leben hat, einige der Ideen sich mit diesen Umständen zu arrangieren, werden hoffentlich auch dann Bestand haben, wenn ein Ende der Pandemie erreicht ist. Das im vergangenen Jahr kurz nach dem ersten Lockdown konzipierte und später im Sommer aufgeführte Theaterprojekt „Sommernachtstraum auf St. Pauli“ ist der Grundstein einer solchen Idee.

Der daraus hervorgegangene Verein U3 Theater-Oper-Musical e.V. hat es ich zum Ziel gesetzt, Kultur für alle in Hamburgs Parks und an öffentliche Orte zu bringen. Für manch eine:n angsteinflößende Institutionen zu schaffen, die Interaktion zwischen Schauspieler:innen und Publikum zu fördern, genauso wie den darstellerischen Nachwuchs oder die Diversität in der Besetzung der Stücke – edle Vorhaben, auch unabhängig von einer pandemischen Notlage.

 

Minimalistisches Setting

 

Für „Der Sturm“, den Stoff Shakespeares um das Schicksal des Zauberers Prospero und seiner Tochter Miranda, wählte Regisseur Hartmut Uhlemann ein schlichtes Setting in den Wallanlagen, bei dem die Niedrigschwelligkeit des Konzepts nicht nur durch den Verzicht einer (mobilen) Bühne unterstrichen wird, sondern auch durch die sporadische aber durchaus pointierte Verwendung von Kulissen, Requisiten und Kostümen – etwa, wenn Caliban, der Sohn der Hexe Sycorax, durch den Ententeich watet, zuerst versteckt in einem kleinen Spielhaus für Kinder aus Plastik, wie es manch eine Familie im Garten stehen hat. Das geschaffene Theatererlebnis hat dadurch nicht nur wenig mit dem Besuch einer klassischen Spielstätte zu tun, der Regisseur lenkt naturgemäß und gewollt den Fokus auf sein hochkarätig besetztes und spielstarkes Ensemble.  

 

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Foto: Jérome Gerull

 

Auf dem Hang am Ententeich auf Campingstühlen oder gleich auf der mitgebrachten Decke inklusive Korb mit Brot und Wein, lässt sich verfolgen, wie Prospero nach der Vertreibung aus Mailand durch seinen Bruder zuerst auf eine Insel flüchtet, um sich dann mit seiner Tochter Miranda seinen Feinden stellt und nach wiederhergestellter Ehre schließlich zurückkehrt.

Uhlemann, der seit 1995 als freier Regisseur tätig ist, als Autor mehrere Theaterstücke verfasste und auch als Schauspieler auf diversen Bühnen stand und in mehreren Fernsehfilmen und -serien der öffentlich-rechtlichen Programmen zu sehen war, inszenierte nicht nur den Verein U3 Theater-Oper-Musical e.V. im letzten Jahr, sondern konnte ein Ensemble von ebenso hochkarätigen Schauspieler:innen mit jahrelanger Bühnen, Film- und Fernseherfahrung, wie hoffnungsvollen Talenten zusammen stellen, etwa Shari Streich (die Prosperos Tochter Miranda spielt) oder Yasemin Cec (Antonia & Stephano), die erst kürzlich ihre Schauspielausbildung erfolgreich abgeschlossen haben.

 

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Foto: Jérome Gerull

 

Viele der Darsteller:innen sind wie Uhlmann selbst mit dem Ernst Deutsch Theater in Mundsburg verbunden. Beeindruckend performen vor allem Ulrich Bähnke, der die Rolle des Caliban übernahm, und Prospero selbst, hier dargestellt von Udo Jolly, dessen Vita nicht nur mehrere abgeschlossene Musik- und Schauspielausbildungen aufweisen, sondern auch cairca 50 Film- und Serienarbeiten für das Fernsehen, darunter internationale Kinoproduktionen. Die unerwähnten Kolleg:innen der hier Genannten fallen, und das sei explizit festgehalten, keineswegs in ihrer Leistung signifikant ab.

 

Theater für alle

 

Man muss zu  Shakespeares-Sprache einen Zugang haben, auch den Stoff zu kennen schadet natürlich nicht – obgleich jede Inszenierung, jedes Ensemble ein Stück anders auf die Bühne bringt. Wer das tut, aber auch, wer sich erstmals oder wieder an die Darstellungsform Theater heranwagen möchte und bisher immer vor der Schwere der Institutionen, dem vermeintlich oder tatsächlich anwesenden Fachpublikum, des unausgesprochenen Dresscodes, der Etikette oder einem anderen tatsächlichen oder fälschlicherweise angenommenen Aspekt im letzten Moment daran gehindert wurde, eine Theaterkarte zu lösen, kann sich auf das U3-Ensemble ganz gefahrlos einlassen. 

Und natürlich die, die einfach nur einen lauen Sommerabend im Park bei Unterhaltung auf der Picknick-Decke genießen wollen. Vor Überlänge braucht man ebenfalls keine Angst zu haben – die Inszenierung von „Der Sturm“ dauert gerade einmal 75 Minuten. Das Stück wird noch bis zum 3. August täglich um 20:30 Uhr im Rahmen des Kultursommers in den Wallanlagen gezeigt. 

Das Ensemble des U3 Theater-Oper-Musical e.V. führt noch bis Ende August „Ein Sommernachtstraum“, in anderer Besetzung, am großen Kinderspielplatz in Planten un Blomen auf. Das Stück läuft auch zeitweise im Volkspark.

u3-theater.de


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„Das hat Hamburg noch nicht gesehen!“

Das erste internationale Spielbudenplatzfestival lockt im Juli mit Straßentheater auf den Kiez. Initiator und Schmidts Tivoli-Geschäftsführer Corny Littmann knüpft damit an die Historie des Platzes auf St. Pauli an

Text: Sören Ingwersen

 

Corny, seit wann schlummert die Idee in deinem Kopf, ein Spielbuden Festival auf die Beine zu stellen?

Die Idee, Straßentheater in Form eines Festivals auf dem Spielbudenplatz zu veranstalten, ist schon sehr alt. Wir haben ja vor etwa 15 Jahren schon mal eines gemacht, da war der Spielbudenplatz noch eine Sandfläche. Nur stellte sich immer die Frage, wie so etwas überhaupt organisatorisch und finanziell gestemmt werden kann.

Es gibt doch die Spielbudenplatz Betreibergesellschaft …

Diese Gesellschaft führt mit knapp 30 Angestellten tatsächlich alle Veranstaltungen auf dem Spielbudenplatz durch, bei denen aber kein Eintritt erhoben werden darf. Das ist ein schönes Ansinnen, aber welcher Künstler kommt schon ohne Gage nach Hamburg?

Vor über zwei Jahren habe ich meine Stiftung gegründet, die jetzt 100.000 Euro für das Festival zur Verfügung stellt. Für die notwendigen organisatorischen Corona-Maßnahmen unterstützt uns die Stadt zusätzlich mit 30.000 Euro.

Heißt das, Künstler, die sonst im Schmidt Theater und im Schmidts Tivoli auftreten, sind jetzt auf dem Spielbudenplatz zu erleben?

Im Gegenteil. Straßentheater ist eine ganz eigene Kunstform. Es wird für die Straße konzipiert und kann in der Regel auch nur dort stattfinden. Unser künstlerischer Leiter Bernd Busch ist selbst ein sehr erfahrener Straßentheaterkünstler mit vielen Kontakten zu Kollegen im In- und Ausland, die er für unser Festival gewinnen konnte. Insgesamt treten 25 Künstler und Gruppen auf, die – mit Ausnahme von „Die Buschs“ – in Hamburg noch nie zu sehen waren.

Kannst du ein paar Namen nennen?

Ein herausragendes Beispiel ist die spanische Gruppe Cia la Tal, deren Bühne ein aufgeklappter Lkw ist. Diese Mischung aus visuellem Theater, Magie und Clownerie ist der schiere Wahnsinn. Das hat Hamburg in der Form noch nicht gesehen!

 

Die Schaubude

 

Im Zentrum des Festivals steht eine Schaubude. Da denken viele jetzt wahrscheinlich an eine Unterhaltungssendung im Fernsehen. Die hat damit aber nichts zu tun … 

Einige erinnern sich vielleicht noch an die Schaubuden auf dem Dom vor zuletzt zehn oder fünfzehn Jahren. Da preist ein Ausrufer Kuriositäten an, wie „Die Frau ohne Unterleib“, und lockt das Publikum für ein 20-minütiges Programm in ein kleines Theater mit Holzbänken. Diese Schaubuden waren früher auf allen Volksfesten vertreten. Heute ist die Schaubude von Dominik Schmitz die letzter ihrer Art in Deutschland. Sie wurde übrigens in Elmshorn von der Firma Köhler Fahrzeugbau gefertigt und bietet normalerweise Platz für rund 150 Zuschauer. Neben der Kuriositäten-Show laufen dort auch andere gemischte Programme.

Corny Littmann wurde bundesweit bekannt durch die Schmidt Mitternachtsshow in den frühen Neunzigern; Foto: Stefan Malzkorn

Corny Littmann wurde bundesweit durch die Schmidt Mitternachtsshow in den frühen Neunzigern bekannt (Foto: Stefan Malzkorn)

Ein dunkles Kapitel der Schaubuden waren ja die sogenannten Freakshows, in denen Menschen mit körperlichen Fehlbildungen den voyeuristischen Blicken der Zuschauenden dargeboten wurden. Muss man sich Sorgen machen, wenn bei euch Sensationen wie „Die Spinnenfrau“ oder „Die Frau ohne Kopf“ angekündigt werden?

Überhaupt nicht. Das sind ja alles nur Tricks. Es gibt keine Freakshow oder kleinwüchsigen Menschen, die zur Schau gestellt werden.

Wollen wir kurz über das leidige Thema Corona sprechen?

Der Ablauf wird von uns unter den heutigen Bedingungen vorbereitet. Wir erwarten, dass wir zu einem bestimmten Zeitpunkt nur eine bestimmte Menge von Menschen auf dem Platz zulassen können. Es wird also Tickets mit einem wohl dreistündigen Zeitfenster für den Ein- und Auslass geben. Die können vorab kostenlos über das Internet erworben werden. So bekommt man im Verbund mit einem Corona-Schnelltest – etwa von „Corona Freepass“ nebenan – Zugang zum Platz. Anfang Juli wird das alles definitiv festgelegt und unter www.spielbudenfestival.de kommuniziert.

Für Essen und Trinken ist sicher auch gesorgt …

Dafür ist die Betreibergesellschaft zuständig.

Eigentlich sollte die Festival-Premiere ja schon im letzten Jahr stattfinden, musste aber wegen Corona verschoben werben. Konnte das Programm trotzdem beibehalten werden?

Fast alle Künstler, die wir im letzten Jahr dabei haben wollten, werden auch dieses Jahr dabei sein.

 

Viele Highlights

 

Auf welche Künstler können wir uns denn noch freuen?

Auf die klassische Seiltänzerin Silea aus Berlin und einen irischen Straßenclown: Shiva Grings. Der ist einfach toll, weil seine Programme vollständig improvisiert sind. Jede Show ist anders und hängt von der Reaktion des Publikums ab. Es gibt eine Clowns-Frau mit dem schönen Namen Anna de Lirium und „Das kleinste Varieté der Welt“ mit normalerweise nur vier bis sechs Zuschauern im Zelt und einer sehr witzigen zehnminütigen Show. Wir überlegen noch, wie wir das unter den Corona-Bedingungen anbieten können.

Außerdem wird Roc Roc-it bei uns auftreten. Er ist der Punk unter den Straßenkünstlern, spielt viel mit Feuer, spickt sein Gesicht mit Wäscheklammern und durchsticht sich die Wangen. Das ist ein total schräger und ausgeflippter Typ.

Eine Puppenspielerin und ein Papierreißer stehen auch in der Ankündigung … 

Wir haben darauf geachtet, dass möglichst viele Künstler eine Verbindung zur Tradition herstellen. Das Papierreißen ist ja eine sehr alte Kunstform. So wollen wir auch an die Geschichte des Spielbudenplatzes anknüpfen, wo es solche Attraktionen in Spielbuden ja schon vor über 200 Jahren gab. Hagenbeck hat mit einer Show mit Seehunden dort angefangen.

Außerdem gibt es in Hamburg seit den 1970er-Jahren das „Alstervergnügen“, das anfangs eines der größten Straßentheaterfestivals in Deutschland war. Heute ist nur noch die Gastronomie übrig geblieben. Diese Traditionen wollen wir wiederbeleben.

Macht ihr den historischen Bezug für die Besucher auch transparent?

In der Konzeption für das letzte Jahr war das vorgesehen. Da hatten wir schon mit Mitarbeiterinnen des Sankt Pauli Museums gesprochen, die uns Stellwände zur Verfügung stellen wollten, auf denen die Geschichte des Platzes dargestellt wird. Nun gibt es das Museum leider nicht mehr, und unsere kleine Mannschaft wäre mit einer solchen Dokumentation überfordert. Ich hoffe aber, dass wir diese Idee in einem der nächsten Festivals wieder aufgreifen können.

Das heißt, es wird noch weitere Spielbudenplatzfestivals geben?

So ist die Planung. Wir treten jetzt mit der Stiftung sozusagen in Vorleistung und hoffen auf so viel positive Resonanz, dass wir für das nächste Jahr verschiedene Unternehmen oder private Sponsoren gewinnen können, die die Finanzierung übernehmen.

Spielbudenfestival: 23.–25. Juli 2021


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Richard von der Schulenburg: Über Orgelmusik

Richard von der Schulenburg ist als RVDS als Techno und House-DJ unterwegs – beherrscht aber auch die Orgel sehr gut und spielt im Rahmen des Kultursommers Hamburg ein Konzert mit dem besonderen Instrument

Text & Interview: Kevin Goonewardena

 

Vor mehr als zwanzig Jahren begann die Karriere des Musikers Richard von der Schulenburg in Hamburg an der Orgel – in der legendären Meanie Bar des alten Molotow spielte sich von der Schulenburg von ABBA bis Zappa je einen Abend durch das Werk bekannter Künstler:innen, deren Texte er vorher ins Deutsche übersetzt hatte.

Mittlerweile als DJ und House Music-Produzent RVDS, Mitglied der Jazz-Band 44HZ Trio von Jacques Palminger, Theatermusiker und sogar sein eigener italienischer Zwillingsbruder Riccardi Schola als Italo Disco-Musiker umtriebig unterwegs, kehrte Richard für einen Abend an die Orgel zurück. Auf dem Vorplatz der Hauptkirche St. Katharinen zeigte er am Abend des 19. Juli einmal mehr, dass er nicht nur ein versierter Musiker, sondern vor allem auch veritabler Entertainer Ist. Ein Gespräch über Orgelmusik.

 

SZENE HAMBURG: Richard, die Orgel taucht immer wieder in deiner Karriere auf. Deine erste Veröffentlichung überhaupt (Top Banana Richard – „Die Meanie Bar Orgel 7”) versammelt Orgel-Versionen bekannter Popsongs, auch die Musik der Hamburger Schule-Band Die Sterne, bei der du fast zehn Jahre aktiv warst, zeichnete den Einsatz dieses Instruments aus. Erinnerst du dich noch an deine erste Berührung mit der Orgel?

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Foto: Jérome Gerull

Richard von der Schulenburg: Mein Onkel hatte damals in den 1970er Jahren eine Heimorgel bei sich zu Hause rumstehen, zu der Zeit war das gar nicht so ungewöhnlich, viele Familien besaßen damals ein solches Instrument. Diese Heimorgel hatte einen Begleitcomputer, das heißt der Rhythmus war vorgegeben, dazu hat man dann improvisiert – das fand ich als kleines Kind natürlich sofort total super.

Hast du das Orgelspiel dann im Anschluss richtig erlernt?

Nein, nur Klavier. In einem konservativen Elternhaus hat man Klavier, Geige oder Cello gelernt.

1995 bist du aus dem Raum Bielefeld nach Hamburg gezogen, hast zuerst in Bands wie Top Banana Trio und Soup de Nüll gespielt, ab Ende der Neunziger dann Solo Musik gemacht und begonnen in der damals noch existierenden Meanie Bar im Molotow die schon angesprochenen Themenabende mit Coversongs an der Orgel zu organisieren. Wie kam es dazu?

In der Meanie Bar gab es damals eine Orgel und als ich die damalige Besitzerin fragte, ob ich auf der mal spielen könne, hat sie gesagt, ich solle doch ein Konzert mit der Orgel geben. Das habe ich dann auch gemacht, der Orgel ein Lied gewidmet und so kam dann eins zum anderen. Man muss dazu aber auch sagen, dass das Instrument damals noch viel präsenter bei den Leuten war. Die Siebziger waren noch nicht lange her, viele kannten die Heimorgeln von Zuhause. Es existierten mehr funktionstüchtige Orgeln. Ich erinnere mich auch an einen mittlerweile legendären Orgelwettbewerb in Hamburg.

Erzähl …

Das war 1999 und ich glaube, da haben auch alle gespielt, die man so kennt. Felix Kubin, Carsten (Erobique, Anm. d. Red.) Meyer, Viktor Marek …

Viktor Marek hat glaube ich den ersten Platz gemacht, ich wurde disqualifiziert weil ich mit der Nase gespielt habe. Es gab richtige Hürden, man musste ein Stück covern, ein Stück präsentieren und man hatte ein Pflichtstück, weclhes man spielen musste. Nixe von den Mobylettes hat das moderiert.

 

„Die Orgel ist eine Art analoger Synthesizer“

 

Was fasziniert dich an der Orgel?

Ich verstehe die Orgel als eine Art analogen Synthesizer. Die Pfeifen und die Register, die es bei der Orgel gibt, waren natürlich etwas total Neues und Spannendes. Etwas, das es beim Klavier nicht gibt, im Gegensatz zu den Tasten. Der Klang wird durch den Luftstrom, den der Organist durch die Pfeifen ziehen lässt, erzeugt. Das fasziniert viele Leute, wie etwa Phillip Sollmann (alias DJ & Produzent Efdemin, Anm. d. Red.), der zusammen mit Konrad Sprenger ein eigenes Orgelsystem entwickelt hat: Das Modular Organ System.

Du spielst sowohl Orgel, als auch Synthesizer. Wann greifst du zumm einen, wann zum anderen?

Das Instrument, das ich benutze, spielt für mich keine große Rolle. Genauso wenig wie das Musikgenre, das ich damit produziere. Es geht immer um das, was in mir drinnen ist, was ich sagen möchte, was raus soll. Was dann auf welche Weise entsteht ist das Richtige, wenn es sich gut anfühlt.

Was wirst du heute beim Konzert auf dem Vorplatz der Hauptkirche St. Katharinen spielen?

Ein paar Stücke meines Albums Moods&Dances und ich werde ein wenig improvisieren. Dafür habe ich ein paar Geräte dabei, die ich sonst nicht oder nur selten mithabe. Zum Beispiel eine Wersimatic-Orgel aus den 1970ern, also aus der Blütezeit der Heimorgel und ein paar andere. Das neueste Gerät ist übrigens eines des Herstellers Casio von 1983. 

Musstest du viel arrangieren und wie hast du dich vorbereitet?

Erst einmal musste ich mich darauf vorbereiten überhaupt wieder ein Konzert zu geben, ganz unabhängig von der Pandemie-bedingten Pause. Das ich als Bandmitglied oder Solo-Musiker in einem Konzertrahmen auf der Bühne stand, ist ja schon ewig her, ansonsten spiele ich live nur Techno. Durch das letzte Album und die Pandemie ist die Möglichkeit wieder ein bisschen entstanden, ein Indie-Konzert zu geben. 

Ich bereite mich auf jedes Konzert einzeln vor, probe die Stücke mit Original-Instrumenten. Wenn das nicht geht, verwende ich Playback-Aufnahmen. Die werden heute auch bei zwei Stücken zum Einsatz kommen, da mir die entsprechende Orgel kaputt gegangen ist. Das werde ich vorab auch kommunizieren. Und dann gibt es Sachen, die ich komplett frei auf der Bühne improvisiere.

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Richard von der Schulenburg beim Konzert auf dem Vorplatz der Hauptkirche St. Katharinen am 19. Juli 2021 (Foto: Jérome Gerull)

 

Richard von der Schulenburg ist im Rahmen des Kultursommer Hamburgs noch mehrmals auf der Bühne in der Hansestadt zu sehen. Zum Beispiel als Teil des Duos Cosmic Cars am 24. Juli 2021 beim Auftakt zur Pudel Open Air-Reihe „Pudel Garden Live“ oder im Rahmen von „Hans Resonanz: Decoder Ensemble“, als RVDS in der Hanseatischen Materialverwaltung am 13. August 2021.


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Vol. 1: Eine sommerliche Kulturwoche voller Ideen

Damit die Woche gut im Voraus geplant werden kann, gibt es hier eine Auflistung an Highlights, die diese Woche im Rahmen des Kultursommer Hamburgs stattfinden

Text: Isabel Rauhut

 

Der Kultursommer Hamburg bietet über vier Wochen mehr als 1300 Veranstaltungen in der ganzen Stadt verteilt an. Damit da nicht der Überblick verloren wird, haben wir uns durchs Programm gelesen und empfehlen hier tägliche Events in der Vorschau, damit die Woche mit Calls, Kindern und kleinen Katastrophen gut geplant, genossen und vieles mitgenommen werden kann!

 

19. Juli 2021

Wie wäre es am 19. Juli mit zeitgenössischer Kunst, einem Art-Event? Dann lohnt sich ein Besuch im Hanseviertel: Bis zum 31. Juli 2021 bespielt die Pop Up Galerie #MeetFrida die denkmalgeschützte Passage in der Hamburger Innenstadt. #MeetFrida unter dem Motto „Fast Forward“ zwei wechselnde Ausstellungen mit dem Schwerpunkt auf Hamburger Kunstschaffende.

 

20. Juli 2021

Dienstag, 20. Juli, geht es zum Afterwork eine Runde Gassi mit dem Pudel: Rund um den noch geschlossenen Pudel Club am Hafen zeigen Künstler:innen der Hochschule für bildende Künste Hamburg temporäre Installationen, Interventionen, Vorlesungen und Performances im öffentlichen Raum für ein von 17 bis 23 Uhr verteiltes Publikum. Musik gibt’s über Kopfhörer und Drinks vom Barboncino zwölphi!

 

21. Juli 2021

Am Mittwoch, 21. Juli, trifft Brahms im Oberhafen in der HafenCity auf Shakespeare: Bei einem Klassikkonzert des Hamburger Kammerkunst Vereins begegnen die Zauberwälder, Lichtungen und Verwirrungen Johannes Brahms dem Sommernachtstraum William Shakespeares zur blauen Stunde. Für ein knappes Stündchen kann mit Konzertbeginn um 18 Uhr der Feierabend und anschließende Heimweg mit Hafenatmosphäre genossen werden.

 

22. Juli 2021

Das T in Donnerstag steht für Theater: Am 22. Juli wartet „Das hässliche Entlein“ im Hamburger Puppentheater auf ein bisschen Liebe. Das Spiel folgt dem Märchen des dänischen Poeten Hans Christian Andersen. Mit fast lebensgroßen Stofffiguren wird der Weg des kleinen verstoßenen „hässlichen Entlein“ zum Schwan nachgespielt. Das beliebte Märchen rund um die Themen Einsamkeit und Anderssein ist ein toller Familienausflug – los geht’s hier um 15 Uhr.

 

23. Juli 2021

Bei „Fast ein Wilhelmsburger Festival“ wird sich an insgesamt drei Freitagen ganz besonders den Künstler:innen und Musiker:innen gewidmet, die eine Verbindung zur grünen Insel zwischen Hafenindustrie und Elbromantik haben. Auf dem Dockville-Gelände am Schlengendeich ist dafür am 23. Juli ab 16 Uhr Kick-Off – dann gibt’s ein kleines Konzert-Programm und die Arbeiten von Wilhelmsburger Kunstler:innen zu entdecken!

 

24. Juli 2021

Es ist Wochenende! Da kann man sich jetzt gediegen in einen Liegestuhl fallen lassen, Popcorn essen und diesen Samstag, 24.Juli um 21:30 Uhr unter freiem Himmel auf dem Innenhof des Altonaer Rathauses den Klassiker „Gegen die Wand“ von Hamburgs one and only Fatih Akin aus dem Jahr 2004 auf Großleinwand schauen. Der Film schildert die Liebesgeschichte einer jungen, in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Türkin, die mit einem alkoholkranken und drogensüchtigen Landsmann eine Scheinehe eingeht, um den Moralvorstellungen ihrer Eltern zu entkommen.

Die Zeise Kinos haben als Einführung für diese Vorstellung den Kulturmanager und ehemaligen Direktor der Internationalen Filmfestspiele Berlin, Dieter Kosslick, und weitere Gäste geladen.

 

25. Juli 2021

Das 1. Internationale Spielbudenfestival findet vom 23. bis zum 25. Juli auf dem – Überraschung – Spielbudenplatz St. Pauli statt. Die Corny-Littmann-Stiftung führt das Straßenkunstfestival 2021 erstmalig durch, um es als jährlich stattfindendes Festival mit Top-Künstlern der internationalen Straßenkunstszene zu etablieren. 

30 Solokünstler und Gruppen aus Deutschland, Österreich, Polen, Irland, Kanada, Singapur, Spanien, Mexiko, Israel, Schottland und Frankreich unterhalten das Publikum heute noch bis 21 Uhr mit ihren Tricks und Tänzen. Auf in einen Sonntag voller Kuriositäten!


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Statements zum Kultursommer: „Wir sind wieder da!“

Mehr als 100 Hamburger Kulturkonzepte werden vom Senat im Rahmen des Hamburger „Kultursommers“ ge­fördert. Wir haben acht ­Veranstalter gefragt, welchen Stellenwert die Unterstützung für sie beim Kultur-Neustart hat

Protokolle: Erik Brandt-Höge & Marco Arellano Gomes

 

Kim Senger, Waldinsel Records

Das letzte Jahr durchzuhalten, war nicht einfach für die Kulturschaffenden auf und hinter den Bühnen. Umso mehr freue ich mich jetzt über die Förderung im Rahmen des Hamburger „Kultursommers“. Sie ermöglicht es mir, mit insgesamt acht Bands an 16 Orten in Hamburg Laster-Konzerte zu veranstalten – an bekannten, aber auch an unerwarteten Orten. Sobald die Bezirke ihre Genehmigung gegeben haben, werden die Termine auf meiner Website veröffentlicht. Auch außerhalb des „Kultursommers“ gibt es viele Anfragen für Laster-Konzerte. Hoffen wir mal, dass wir die Pandemie bald überstanden haben und Kultur wieder ohne Einschränkungen möglich ist.

waldinsel.com

 

Johannes Kirchberg, Kulturhaus Süderelbe

Das Kulturhaus Süderelbe freut sich riesig, dass der Hamburger „Kultursommer“ uns einen Wiedereinstieg ins Kulturleben ermöglicht. So können wir ein kleines, feines Festival anbieten und nach Monaten der Kulturlosigkeit unserem Publikum wieder begegnen und die Türen öffnen. Ohne die Unterstützung Hamburgs und der Behörde für Kultur und Bildung wäre es uns schlicht nicht möglich gewesen, ein so vielfältiges Programm zusammenzustellen und auch zu betreuen. Dafür von Herzen unser Dank. Wenn jetzt noch jemand einen heißen Draht zum Wetter hat, damit auch alles unter freiem Himmel stattfinden kann, dann wäre das ganz prima.

kulturhaus-suederelbe.de

 

Dörte Inselmann, Stiftung Kultur Palast Hamburg

Der Lockdown war für uns wie für alle Kulturschaffenden eine harte Durststrecke, insbesondere, weil wir überwiegend mit Kindern und Jugendlichen in prekären Lebenssituationen arbeiten. Umso mehr freuen wir uns jetzt, mithilfe von Neustart Kultur und dem Hamburger „Kultursommer“ sowie vielen weiteren Förderern unseren mittlerweile hamburgweit aktiven Kultur Palast wieder mit Leben zu erfüllen und etwas beizusteuern, dass diese Jugendlichen ihre Poten­ziale entfalten und mehr Bildungsgerechtigkeit erfahren können.

Die ganzen Sommerferien hindurch bieten wir unter dem Motto „Schönste Kulturaussichten“ zahlreiche Tanz-, Musik- und Gesangs-Camps für unterschiedliche Altersstufen an sowie ein vielfältiges Sommerprogramm für die Großen. Gleich nach den Ferien wird die Stadt eine Reise erleben, wie sie noch nie da war: Unser Musical „Planet Billstedt – a paradise for a better life“ sucht mit der jungen Generation nach Antworten auf die Frage „Wie wollen wir leben?“ Gestaltet wird das Stück an vier Standorten in Billstedt und Horn. Eine Reise in die Zukunft voller Ideen zu Klima, Diversität, mehr Grün in der Stadt und kultureller Vielfalt.

kph-hamburg.com

 

Claudia Mohr, Schroedingers

Wir freuen uns auf einen bunten Sommer voller kultureller Vielfalt, zauberschöner Momente mit fröhlichen Gesichtern und Lebensfreude auf und vor der Bühne in unserer wunderschönen grünen Oase unterm Fernsehturm. Kultur, im Besonderen Musik, ist ein fundamentaler Baustein für die Gesundheit und das Wohlbefinden unserer Gesellschaft.

Durch die strikten Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie ist dieser Baustein fast vollständig weggebrochen aus dem Alltag der Menschen. Deswegen freuen wir uns umso mehr, durch jedes Konzert, jeden Künstler und jede Künstlerin – ob DJs, Autoren, Bands oder Komiker –, Stück für Stück ein wenig Leben und Lebendigkeit zurückzugeben und unsere Gäste, Künstler und Künstlerinnen wieder zurück ins Leben und mentale Gleichgewicht zu bringen.

Einen besonderen Dank möchten wir der Hamburger Kulturbehörde und unserem Kultursenator Carsten Brosda aussprechen, die uns Kulturspielstätten durch strukturelle Förderung am Leben erhalten haben und auch mit vielen Förderprogrammen den Neustart überhaupt erst wieder möglich machen.

schroedingers.hamburg

 

Peter Rautenberg, Goldbekhaus

Die Kultur und die Kultschaffenden in Hamburg und anderswo schienen vergessen. Nicht so wichtig, eben nicht systemrelevant. Vergessen werden kann diese Demütigung einer ganzen Branche nicht, aber sie kann verziehen werden. Der Hamburger „Kultursommer“ ist ein erfreulicher Anfang und hilft der Kultur in Hamburg, ihr die Bedeutung zu geben, die sie verdient hat. Kultur ist unverzichtbar, gerade auch in Zeiten einer Pandemie. Jetzt kommen wir zurück, danke Kultur­behörde Hamburg!

goldbekhaus.de

 

Michael Frowin, Theaterschiff Hamburg

Der Kultursommer ist eine weitere großartige Initiative der Stadt Hamburg und ein sehr starkes Signal für den Neustart Kultur. Für uns als Theaterschiff bedeutet das, dass wir nicht nur vier Wochen früher in die nächste Saison starten, sondern auch eine Nachbarschaftsinitiative präsentieren können – gemeinsam mit der Katharinen-Kirche bringen wir verschiedene Künstler:innen und Gruppen auf unserer Bühne zusammen. Wir zeigen ein sehr buntes Sommerprogramm und rufen laut und fröhlich: Wir sind wieder da!

theaterschiff.de

 

Jana und Petja Pulkrabek, Move the North Festival

Wir glauben fest an die grenzüberschreitende Kraft von Kultur. Als Festival und Netzwerk möchten wir durch Austausch und Zusammenarbeit die nordischen Regionen zusammenwachsen lassen und neue Impulse setzen. Mit dem Tunnel zwischen Deutschland und Dänemark entsteht eine neue Europäische Zukunftsachse und es ist wichtig, die Menschen über Kultur grenzübergreifend zusammenzuführen. Wenn die Wirtschaft der Motor einer Region ist, dann ist die Kultur ihre Seele.

Der Hamburger „Kultursommer“ ist ein positives Zeichen und ein Bekenntnis an die freie Szene. Wir freuen uns sehr über unsere Kooperation mit Paul Glaser vom English Theatre of Hamburg. Mit „Hamburger Kultur InterNational“ präsentieren Move the North und ETH ein zweiwöchiges Kulturprogramm, das neben einem deutsch-skandinavischen Fokus auch global internationale Brücken nach Hamburg schlägt; in sommerlich entspannter Atmosphäre und kostenfrei. Das ist sehr dänisch!

movethenorth.com

 

Michael Conrad, Alabama Kino (rechts im Bild)

Der Impuls von der Kulturbehörde, mit dem Hamburger „Kultursommer“ auf die Krise der Kulturbranche zu antworten, finden wir richtig, denn es gibt einen riesigen Bedarf für eine solche Anschubhilfe. Wir werden mit dem Writers’ Room Lesungen im Rahmen des Programms „Tears for Ears“ anbieten, das sich mit dem Kino beschäftigt. Dann gibt’s noch eine Lesung aus einem Buch von Kinky Friedman, den Schriftsteller und Musiker aus der alternativen texanischen Country-Szene. Ein weiteres Highlight ist der Film „Domenica“ von Peter Kern über die berühmteste Prostituierte der Stadt, die sich um die Rechte der Prostituierten verdient gemacht hat. Zudem planen wir ein großes Kinderprogramm an den Wochenenden. Das wird richtig schön.

alabama-kino.de

 

Matthias Elwardt, Zeise Open Air

Wir freuen uns, mit dem Zeise Open Air beim „Hamburger Kultursommer“ vertreten zu sein. Es ist großartig, dass die Stadt mit dieser Aktion die Kultur unterstützt, zusammenbringt und fördert. Wir bieten direkt vor unserem Filmprogramm in Kooperation mit der Buchhandlung Christiansen Lesungen sowie ein Kinderprogramm an. Die Lesungen starten um 18 Uhr, das Kinderprogramm um 15 Uhr – unter freiem Himmel im Innenhof des Altonaer Rathaus. Unter anderem sind der Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber („Die Kanditatin“) und Kübra Gümüsay („Sprache und Sein“) mit dabei.

Bei Erfolg – und wenn das Altonaer Rathaus mitspielt – kann man das in Zukunft sicher weitermachen. Das Open-Air Programm bringt frischen Wind in die Literaturszene – und am Abend folgt dann großes Kino.

zeise.de

 

Manja Malz, Metropolis

Wir freuen uns sehr, auch in diesem Jahr den wunderschönen, denkmalgeschützten Innenhof des Museum für Hamburgische Geschichte im Rahmen des Sommernachtskinos bespielen zu können. Nach dem großen Publikumszuspruch im letzten Jahr und dem vielfachen Wunsch der Fortsetzung kuratieren wir erneut gemeinsam mit dem 3001 und dem B-Movie zehn Filmabende für das atmosphärisch sehr besondere Ambiente in der Museumskulisse.

Der Fokus liegt diesmal auf Stummfilmproduktionen der deutschen und internationalen Filmgeschichte, die zum großen Teil von Hamburger Musikern und Musikerinnen live vertont werden. Unsere Stummfilmkonzerte passen somit hervorragend zur Idee des Hamburger „Kultursommer“, Künstlern und Künstlerinnen aus Hamburg (wieder) eine große Bühne zu bieten.

Wir hoffen sehr, dass wir mit den Stummfilmnächten zeigen können, dass diese Kunst- und Erzählform auch 90 bis 100 Jahre später noch überraschend modern sein und begeistern kann. Und natürlich freuen wir uns insbesondere auf das Filmschauen in Gemeinschaft – was sicherlich eine Renaissance und eine ganz neue Konzentration erfahren wird.

metropoliskino.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Juni 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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„tanz.nord“: Tanzszene in Hamburg und Schleswig-Holstein

„tanz.nord“ heißt das Pilotprojekt, das die freie Tanzszene in Hamburg und Schleswig-Holstein nachhaltig vernetzen will. Rund 30 von einer Fachjury ausgewählte Tanzprojekte präsentieren in diesem Rahmen ihre Arbeit. Ein Gespräch mit Jurorin Mable Preach und Projektkoordinatorin Marie Kassmann

Interview: Dagmar Ellen Fischer

 

SZENE HAMBURG: Warum startet die Initiative „tanz.nord“ jetzt?

Mable Preach: Der Austausch zwischen Schleswig-Holstein und Hamburg ist in vielerlei Hinsicht groß, auch kulturell. Nur die Nische des Tanzes hat bislang wenig von der geografischen Nähe profitiert. Das war den Akteurinnen und Akteuren in beiden Bundesländern bewusst.

Die Sonderausschreibung „Tanzpakt Reconnect“ als Teil von „Neustart Kultur“ – einem Konjunkturprogramm der Bundesregierung angesichts der pandemiebedingt schweren Lage für die Kultur –, war das Zündfeuer, um dieses Defizit auszugleichen.

Wer steht verantwortlich dahinter?

Marie Kassmann: Vier Partner aus Hamburg und Schleswig-Holstein: der Dachverband freie darstellende Künste, das K3 – Zentrum für Choreographie | Tanzplan Hamburg, das Kultur- und Bildungszentrum Bad Oldesloe und das Tanz und Performance Netzwerk Schleswig-Holstein.

Was wollt ihr mit dem Pilotprojekt im Idealfall erreichen?

Mable Preach: Das Projekt zielt darauf, durch den Austausch zwischen beiden Bundesländern ein nachhaltiges regionales Touring-Netzwerk zu schaffen und die freie Tanzszene im Norden durch neue Strukturen zu stärken. Ein anderes Ziel betrifft die Publikumsentwicklung: „tanz.nord“ will neue Spielorte erschließen und richtet sich explizit an Menschen, die bis dahin wenig Kontakt zu Tanz hatten.

Wer konnte sich für eine Teilnahme bewerben?

Mable Preach: Die Ausschreibungen richteten sich ausdrücklich an professionelle Tanzschaffende, die Interesse an regionaler Vernetzung haben. Also deutsche oder internationale Künstler, die ihre Arbeit teilweise oder vollständig in einem der beiden Bundesländer verorten.

 

„Diversität ist für mich essenziell“

Mable Preach

 

Gingen viele Bewerbungen ein?

Mable Preach: Ja, es wurden fast 30 Projekte eingereicht, das entspricht einer Beteiligung von ungefähr 80 Künstlern. Die Jury wählte drei bereits fertige Produktionen als Gastspiele aus, zudem drei neue Produktionen und zwei partizipative Formate für Tanzinteressierte.

Wie kam die Jury-Besetzung zustande?

Marie Kassmann: Die vier Projektpartner schlugen Namen vor, um die am besten legitimierte Jury für „tanz.nord“ zu finden. Es war sehr wichtig, dass alle drei Mitglieder eine vielfältige Erfahrung und Expertise im Bereich Tanz haben: Mable Preach („Formation Now!“) aus Hamburg, Dörte Wolter (Perform[d]ance e. V.) aus Mecklenburg- Vorpommern sowie Emil Wedervang Bruland vom Schleswig- Holsteinischen Landestheater.

Welche Kriterien legte die Jury an, um die Teilnehmer zu ermitteln?

Mable Preach: Neben anderen Kriterien haben wir auf die Zugänglichkeit beziehungsweise Transparenz des Prozesses und den Aspekt der Innovation geachtet, aber eben auch die Nachhaltigkeit der Projekte bewertet.

Mable, was ist dir persönlich wichtig als Jurymitglied?

Mable Preach: Mir persönlich war wichtig, neben der Professionalität und den künstlerischen Aspekten, Projekte mit unterschiedlichen Perspektiven auszuwählen. Repräsentation der Diversität ist für mich essenziell in der Kulturlandschaft Norddeutschlands und darüber hinaus.

An welchen neuen Orten wird Tanz zu sehen sein?

Marie Kassmann: In der aktuellen Situation ist es schwierig, Tanz zu zeigen. Verlässlich kann ich momentan nur das Kultur- und Bildungszentrum Bad Oldesloe als Aufführungsort nennen.

Gibt es einen Plan B, falls weiterhin Beschränkungen gelten?

Marie Kassmann: Ja, die Teilnehmer erkunden digitale Alternativen. Wir hoffen sehr, im Sommer entweder im Freien oder mit limitiertem Publikum aufführen zu können. Wenn Aufführungen nicht stattfinden können, werden wir zur üblichen Alternative greifen: filmen. Egal, wie und wo: „tanz.nord” richtet sich an alle, jung oder alt, tanzbegeistert oder tanzfremd. Und alle Veranstaltungen sind kostenlos!

tanznord.de


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Festival: Privattheatertage zeigen nationale Inszenierungen

Was im letzten Jahr nicht stattfinden konnte, wird jetzt nachgeholt: Vom 8. bis 20. Juni zeigen die Privattheatertage zwölf Inszenierungen aus ganz Deutschland

Text: Sören Ingwersen

 

Eine traurige Bilanz wäre es gewesen, 137.448 Reisekilometer zurückzulegen, ohne am Ende das Ziel zu erreichen. Das ist die Strecke, die die neun Jurorinnen und Juroren vor über einem Jahr hinter sich gelassen (und offenbar penibel vermessen) haben, um von 93 Bewerbungen deutscher Privattheater zwölf Inszenierungen für den Monica Bleibtreu Preis zu nominieren, der im Rahmen der Privattheatertage 2020 vergeben werden sollte. Die Ankündigungen der Aufführungstermine gingen im April letzten Jahres noch über den Ticker, dann wurde das Festival abgesagt.

Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. „Wir haben schon sehr früh im März dieses Jahres bei den Theatern angefragt, ob sie sich vorstellen könnten, ihre Stücke Corona-konform zu überarbeiten“, berichtet Produktionsleiterin Daniela von Lengerke. Man konnte. Mit einer Ausnahme: In der Komödie „Alles, was sie wollen“ ist die körperliche Nähe der beiden Darsteller unverzichtbar, sodass diese sich vor der Aufführung einem Corona-Test unterziehen werden. Der Beitrag über eine Theaterautorin mit Schreibblockade stammt vom Torturmtheater Sommerhausen, das wie das Zentraltheater München und das Theater Eurodistrict Baden Alsace aus Offenburg erstmals bei den Privattheatertagen vertreten ist, wenn das für 2020 geplante Programm nun nachgeholt wird. Die anderen geladenen Theater sind alte Bekannte, die schon öfter bewiesen haben, dass sie dem Qualitätsanspruch der Jury gewachsen sind.

So bringt das Kleine Theater am Südwestkorso aus Berlin Franz Werfels Erzählung „Eine blassblaue Frauenschrift“ auf die Bühne, in der ein aufstrebender Politiker von seiner karrierebedrohenden Vergangenheit eingeholt wird. Das Theater Lindenhof aus Melchingen verspricht mit „Darum wandle wehrlos fort durchs Leben, und fürchte nichts!“ eine musikalisch gerahmte Annäherung an den Dichter Friedrich Hölderlin und das Societaetstheater Dresden lässt Shakespeares blutiges Drama „Macbeth“ auf ein klaustrophobisches Zwei-Personen-Kammerspiel zusammenschrumpfen.

Klassiker, Drama, Komödie

 

In den neun Hamburger Spielstätten der Privattheatertage braucht man klaustrophobische Zustände indes nicht zu fürchten: „Es wird die üblichen Abstandregelungen geben. Außerdem gehen wir davon aus, dass die Besucher noch ein aktuelles Corona-Schnelltest-Ergebnis vorzeigen müssen, so wie es auch bei Friseuren der Fall ist“, fasst von Lengerke die Sicherheitsvorkehrungen zusammen. So kann man im Ernst Deutsch Theater „Emmas Glück“ miterleben, als ein sterbenskranker Dieb mit seinem Fluchtauto auf dem Hof der titelgebenden Schweinezüchterin strandet. In den Hamburger Kammerspielen begegnet man im Stück „Wir kommen“ nach dem Roman von Ronja von Rönne einer Jugendclique auf den Dorf, deren Gleichgewicht durch einen Selbstmord völlig aus den Fugen gerät. Und im Altonaer Theater gewinnt man mit Joachim Meyerhoffs „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ Einblicke in den ganz alltäglichen Wahnsinn von Schauspielschulen – diesmal nicht in der vor zwei Jahren entstandenen Eigenproduktion des Gastgeberhauses, sondern in einer virtuos mit dem Bühnenraum spielenden Inszenierung des Jungen Theater Göttingen.

Wie bei den Privattheatertagen üblich, werden die drei Kategorien „(Moderner) Klassiker“, „(Zeitgenössisches) Drama“ und „Komödie“ mit jeweils vier Inszenierungen bedacht, von denen im Rahmen einer Gala im Anschluss an die letzte Vorstellung jeweils eine mit dem Monica Bleibtreu Preis prämiert wird. „Das Festival wird anders sein als in den letzten Jahren. Wir werden natürlich auch nicht so viel Publikum haben“, bedauert von Lengerke. „Ich hoffe, die Stimmung wird trotzdem gut, damit sich die deutschlandweiten Theater hier bei uns näher kennenlernen können. Auch das ist ja der Sinn des Festivals.“

privattheatertage.de
8.–20. Juni 2021


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Unterstützung der Kultur: Barbara Kisseler Theaterpreis 2021

Der Barbara Kisseler Theaterpreis zeichnet dieses Jahr kreative Projektideen für den öffentlichen Raum aus

 

Zum fünften Mal wird der Barbara Kisseler Theaterpreis ausgelobt. Angepasst an die aktuelle Lage, wird in diesem Jahr aufgrund der Corona-bedingten Schließungen der Häuser 2020/2021 keine abgeschlossene Produktion ausgezeichnet, sondern eine kreative Produktionsidee. Der Preis ist mit 50.000 Euro dotiert und ehrt Privattheater oder Freie Gruppen normalerweise für herausragende Leistungen der jeweiligen Spielzeit durch einen anonymen Juror – im Andenken an die im Oktober 2016 verstorbene Kultursenatorin.

„Diese Zeiten erfordern von uns allen neue Wege. Barbara Kisseler schätzte ungewöhnliche Ideen, wenn sie klug durchdacht waren. Sicher hätte ihr diese besondere Preisvergabe, die der flexiblen Unterstützung der Kultur in herausfordernden Zeiten dient, sehr gefallen“, so Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien.

 

Ausschreibung

 

Die Bewerber können sich bis zum 25. Mai 2021 mit ihrer Idee für eine Projektrealisierung im öffentlichen Raum (Open-Air-Veranstaltung) bei der Behörde für Kultur und Medien bewerben. Die Bewerbung muss Angaben zum Bewerber, zum Projektort, der Projektidee (max. 1.500 Zeichen) sowie zu Mitwirkenden enthalten. Anfang Juni folgt die Entscheidung des Jurors. Eine erste Umsetzung der ausgezeichneten Projektidee soll möglichst im August/September 2021 erfolgen, grundsätzlich sollten mindestens drei weitere Vorstellungen folgen. Das Bewerbungsformular steht zum Download auf der Website der Behörde für Kultur und Medien bereit. Die Bewerbung erfolgt per Mail an folgende Adresse: kb-theater@bkm.hamburg.de.

Die offizielle Auszeichnung der Projektidee ist für den 31. Oktober 2021 im Ernst Deutsch Theater geplant. Hier soll auch die verschobene Auszeichnung aus 2020, mit dem Preisträger Plattform Festival, nachgeholt werden. / HED


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