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„Es macht Spaß, mein Unvermögen zu zeigen“

In Karin Henkels Inszenierung zur Saisoneröffnung am Deutschen Schauspielhaus spielt Kristof Van Boven als frisch gebackenes Ensemblemitglied Shakespeares blutrünstigen Königsmörder Macbeth. Im Interview wirkt der Belgier eher schüchtern

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Kristof, zur Eröffnung des diesjährigen Zürcher Theater Spektakels bist du in „Waterworks“ der Choreografin Meg Stuart zu sehen. Den Pressefotos nach zu urteilen eine ziemlich nasse Angelegenheit …

Kristof Van Boven: Mit Meg arbeite ich schon seit 20 Jahren zusammen. Verrückterweise spielen wir diesmal an der Saffa-Insel im Zürichsee im Wasser. Das Publikum sitzt dabei auf zwei Schwimmelementen.

Choreograf:innen arbeiten ja primär mit den Ausdrucksformen des Körpers und Tanzes …

Ich würde mich niemals als Tänzer bezeichnen. Aber es stimmt: Mein Spiel ist eher körperlich. Es beginnt nicht erst mit der Sprache, sondern sobald mein erster Finger oder Zeh auf der Bühne zu sehen ist.

Du hast aber eine klassische Schauspielschule besucht …

Weil gute Freunde von mir gesagt haben, ich solle das mal ausprobieren. Ich war nie derjenige, der auf dem Tisch stand und die Familie unterhalten hat. Ich habe dann in Arnheim in den Niederlanden vorgesprochen, um das für mich abzuhaken, und mich danach gar nicht mehr darum gekümmert. Plötzlich klingelte das Telefon, und man sagte mir, ich könne im August mit dem Unterricht beginnen. Während der Ausbildung habe ich dann ein Jahr lang geschwiegen, weil ich meine eigene Stimme nicht hören wollte. Ich wollte zwischen dem Text und seinen möglichen Betrachtungsweisen nicht im Weg stehen.

Ein Nein, das wie ein Ja klingt

Und das haben die Lehrer durchgehen lassen?

Manche waren sehr böse mit mir, aber andere, die den Unterricht eher körperlich angingen, fanden das genau richtig und fühlten sich durch mein Schweigen positiv herausgefordert. Ihnen habe ich es zu verdanken, dass ich nicht von der Schule geschmissen wurde.

Und wie hast du schließlich zur Sprache gefunden?

Irgendwann forderte mich eine Lehrerin vor der ganzen Gruppe auf, „ja“ zu sagen. Doch jedes Mal, wenn ich „ja“ sagte, klang es wie „nein“. Dann forderte sie mich auf „nein“ zu sagen, und es klang wie „ja“. Durch die Liebe und Zuwendung dieser Frau habe ich nach und nach kapiert, dass es nicht schlimm ist, wenn die Wörter durch mich hindurchgehen.

Das ist doch eine von vielen Theaterkonventionen. Muss man die überhaupt hinterfragen?

Ich war einmal bei meinem Bruder zu Besuch, der Botschafter in Sambia in Afrika ist. Dort ist es uns nicht gelungen zu erklären, was ich beruflich mache. Dass viele Menschen zusammen im Dunkeln sitzen, um zuzuschauen, wie ich vorgebe, ein mittelalterlicher König zu sein, erschien ihnen völlig absurd. Von daher bin ich wahnsinnig dankbar, dass die Menschen in unseren Breitengraden bereit sind, sich auf das Ritual des Theaters einzulassen und Vorgänge auf der Bühne zu verfolgen, die nicht immer leicht zu verdauen sind.

„Dann verwandelt sich meine Angst in Freude“

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Frisch im Ensemble und gleich die Hauptrolle als Macbeth zur Spielzeiteröffnung: Kristof Van Boven (Foto: Monika Rittershaus)

Hast du auf der Bühne Zeit, dir Gedanken über die Gedanken des Publikums zu machen?

Ja, alles läuft wie beim Billard über Bande. Ich war auch immer bis zum Kotzen nervös, habe mir das aber abtrainiert, weil es sehr ungesund war. Es hat sehr geholfen, überall auf der Welt zu spielen und Menschen zu begegnen – auch ohne Sprache. Dadurch gewöhnt sich der Körper daran, dass er nicht in Gefahr ist. Ich mache in meiner Garderobe auch immer das Fenster auf und schaue mir die Menschen draußen an, die absolut nichts mit dem Theater zu tun haben. Dann verwandelt sich meine Angst in Freude, dass ich diesen Beruf ausüben darf.

Du hast viele Theaterpreise gewonnen …

Auch sie haben mir geholfen, nicht nur so zu tun, als sei ich Schauspieler, sondern es wirklich zu sein. Denn auch nach der Ausbildung habe ich oft gedacht, dass ich für diesen Beruf nicht geeignet bin. Das Unvermögen oder das Gefühl, dass etwas nicht geht, ist für mich immer ein Motor. Auch in jedem guten dramatischen Text zieht die Figur in voller Fahrt eine Handbremse. Dadurch stiftet sie einen Konflikt mit sich selbst oder anderen, aus dem sie sich dann wieder herauszulügen versucht.

Schauspieler: Etwas „Vernünftiges“ machen

Zur Saisoneröffnung am Schauspielhaus spielst du den Macbeth, dem die Hexen zu Beginn prophezeien, dass er König von Schottland wird. Welchen Stellenwert haben das Stück und die Rolle für dich?

Die Engländer nennen das Stück bis heute „the scottish play“. Der Aberglaube verbietet es, den Titel „Macbeth“ wörtlich zu nennen. Man fürchtet den Teufel, der in diesem außer Kontrolle geratenen Jedermann steckt. Wenn man so einem Jedermann eine Prophezeiung ins Ohr tröpfelt – auch wenn sie noch so undenkbar, abscheulich und dumm ist –, setzt das etwas in Gang. Für den prophezeiten Königstitel schlachtet er dann sogar König Duncan ab, den er übrigens für einen absolut perfekten Herrscher hält.

Er will die Macht um jeden Preis?

Bei Vorstellungen habe ich einmal Angela Merkel und auch den König von Belgien getroffen. Solche Menschen haben immer jemanden dabei, der ihnen etwas ins Ohr flüstert, von dem sie dann so tun, als hätten sie es schon immer gewusst. Sie spielen das Spiel von Souveränität, sind dabei sehr sympathisch und nett, aber in ihren Augen sieht man: Wenn du Macht hast, dann hast du die gewollt und geplant. Macbeth hingegen hat überhaupt keinen Plan, der über seine Krönung hinausgeht. Mit ihr kreiert er nur sein nächstes Trauma.

Die Magie der Weissagung wendet sich gegen ihn …

Die Prophezeiung verstehe ich nicht als Magie. Sie ist das, was die Eltern und Großeltern von einem verlangen. Ich war früher Jockey. Meine Eltern haben mich da herausgezogen, weil sie einerseits Angst um mich hatten, aber auch wollten, dass ich etwas „Vernünftiges“ mache. Mit diesem „Hexenspruch“ im Rücken bin ich dann Schauspieler geworden. Und die Pferde habe ich immer noch.

„In Deutschland reden die Schauspieler auf der Bühne manchmal nicht wie Menschen“

Bist du deinen Eltern rückblickend dankbar?

Ich bin wahnsinnig dankbar, dass ich innerhalb meines Berufs immer wieder alles neu denken und den Texten so nahe kommen kann, wie jetzt mit Regisseurin Karin Henkel. Wenn ich aber wieder auf den Hof komme und den Geruch dort atme, denke ich jedes Mal, ich hätte mir den ganzen Umweg sparen können. Aber dann hätte ich alles verpasst, ich würde reden, wie man auf einem Hof redet, und mir würden wahrscheinlich auch ein paar Zähne fehlen.

Wie unterscheidet sich die Sprache des Reiterhofs von der des Schauspielers?

In Deutschland reden die Schauspieler auf der Bühne manchmal wie Schauspieler und nicht wie Menschen. In Holland gab es Ende der 1960er-Jahre die „Aktion Tomate“. Da haben die Leute Tomaten auf die Bühne geworfen, wenn die Schauspieler nicht wie Menschen gesprochen haben. Irgendwann haben sie dann Netze vor die Bühne gespannt.

„Es fragt sich nur, woher das Böse kommt“

Noch einmal zurück zu Macbeth. Ferdinand von Schirach sagt: Es gibt keine bösen Menschen, nur böse Taten. Würdest du dem zustimmen?

Ich glaube, dass es auch sehr böse Menschen gibt. Es fragt sich nur, woher das Böse kommt. Das hat viel damit zu tun, dass in deinem Leben zur falschen Zeit das Falsche passiert: ein traumatisches Erlebnis, ein Unfall, eine Ungerechtigkeit oder emotionale Verletzung. Diese ganze Paul-McCartney-Generation, die jetzt gerade wegstirbt, wurde von den Eltern, die den Krieg noch miterlebt hatten, so verwöhnt, dass dort eine große Gleichgültigkeit entstanden ist. Diese Gleichgültigkeit macht mir Angst.

Bestimmt lässt eure Aufführung niemanden gleichgültig, wenn du mit der Figur des Macbeth gegen dein eigenes Unvermögen anspielst, wie du vorhin gesagt hast …

Macbeth sagt auf der Bühne: „Es ist noch gar nichts passiert, und ich zittere schon am ganzen Körper.“ Wenn ich dann denke: Der kleine Belgier, Eröffnungsvorstellung, Vergleich mit anderen Shakespeare-Abenden – also ich zittere auch schon am ganzen Körper. Es ist krass, wenn so viele Leute da sitzen. Warum tue ich mir das an? Weil es ein geiler Abend wird. Weil es Spaß macht, dieses Unvermögen zu zeigen.

„Macbeth“ am Deutschen Schauspielhaus, 5. Oktober 2022 (Premiere), weitere Termine: 13. Oktober und mehr

 


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Theaternacht Hamburg: Viel mehr als nur Appetithäppchen

Vielfalt gehört zur Theaternacht Hamburg seit ihrer Gründung, doch nun genügt sie sogar den Ansprüchen der allseits geforderten Diversität. 2022 Erstmals dabei ist das inklusive Klabauter Theater

Text: Dagmar Ellen Fischer 

 

Am 10. September ist wieder Zeit für die Theaternacht Hamburg. In diesem Jahr ist das Theater-Hopping so inklusiv und mobil wie nie zuvor. Rund ein Drittel der teilnehmenden Theater bei der Theaternacht Hamburg bietet rollstuhlgerechten Zugang, zahlreiche Programmpunkte werden von Audiodeskription, Untertitelung und Gebärdendolmetschen begleitet. Außerdem darf man mit dem Theaternacht-Ticket sowohl die speziell für dieses Event gecharterten Shuttle-Busse als auch sämtliche HVV-Linien nutzen. Wie schon vor der Corona-Zwangspause etabliert, teilt sich das Angebot in ein Familienprogramm von 15 bis 19 Uhr und in das Abendprogramm von 19 bis nach 1 Uhr; ab Mitternacht lockt die After-Show-Party im Thalia Theater am Alstertor.

Angebote für Jung und Alt

Ein Angebot für die Allerjüngsten hält die Opera Stabile bereit: „Tut tut! Baby an Bord“ heißt das halbstündige Musiktheater mit einem akustischen Spektrum zwischen bekannten Alltagsgeräuschen und Kunstmusik für Baby-Ohren. Etwas älteren Kindern präsentiert sich das Fundus Theater am neuen Standort – dem Platz der Kinderrechte am Sievekingdamm – nicht nur mit Bühnenausschnitten: Die ganze Familie kann entweder ein spannendes Brettspiel ausprobieren, in dem „Table Animals“ ungewöhnliche Regeln aufstellen, oder eine interaktive Ausstellung besuchen. Auch das Junge Schauspielhaus lockt sein Publikum mit Theaterszenen, aber zusätzlich mit abenteuerlichem Verkleiden und Schminken. Verdammt viel vorgenommen hat sich das Klabauter Theater: Es macht sich zum Anwalt der Natur und einiger Waldbewohner in seinem Stück „und alle tiere rufen: dieser titel rettet die welt auch nicht mehr“!

Theater, Tombola und Traditionelles

Zum Kern der Theaternacht gehören szenische Appetithäppchen, die Lust machen aufs Wiederkommen, entweder mit einem Best-of aus bewährten Inszenierungen oder durch Ausblicke auf kommende Werke. Doch einige Häuser haben sich darüber hinaus Fantasievolles ausgedacht: Im Fundus des Thalia Theaters lagern Kleiderstangen in einer Gesamtlänge von rund 500 Metern, Interessierte können in einer Gruppenführung von maximal zehn Teilnehmern an historischen Kleidern, Fantasiekostümen und Ritterrüstungen entlangschlendern (Treffpunkt: Abendkasse im Foyer). Nicht nur zum Anschauen, sondern sogar zum Mitnehmen bietet das Schauspielhaus Dinge mit bewegter Bühnenvergangenheit: Per Tombola werden sie verlost, und die Einnahmen ermöglichen Kindern und Jugendlichen aus finanziell schlechter gestellten Familien einen Theaterbesuch. Direkt gegenüber hat sich das Ohnsorg Theater ebenfalls etwas jenseits der Bühne einfallen lassen: einen theatralen Rundgang durch den Stadtteil mit dem Titel „St. Georg – en Eiland?“ (Treffpunkt: Wo die bronzene Heidi Kabel die Hand aufhält).

Ein Ticket, 40 Häuser und einige Überraschungen

Das Musiktheater mit dem schönsten Elbblick, das Opernloft, lässt in einem Opern-Slam Sängerinnen und Sänger im Wettstreit gegeneinander ansingen. Und in John Neumeiers Ballettzentrum können Besucher auf vier Etagen einen Blick auf Training und Proben der Ballettschule, des Bundesjugendballetts und des Ensembles des Hamburg Ballett werfen. Auf St. Pauli zeigt das Imperial Theater einen ganzen Abend lang ausnahmsweise keine Krimis, sondern eine berühmte Schauergeschichte: Bram Stokers „Dracula“. In dieser besonderen Nacht öffnet ein Ticket die Türen zu rund 40 Theatern. Und die bespielen längst nicht mehr nur ihre Theatersäle, sondern auch Flure und Foyers, ihren Gastronomie- sowie mitunter den Außenbereich. Noch nicht einmal vor den Shuttle-Bussen macht der Spieltrieb Halt – doch wo genau, das bleibt eine Überraschung!

Tickets gibt’s für 17 Euro (Abendkasse 19 Euro). Für das Familienprogramm von 15 bis 19 Uhr kosten die Karten 8 Euro.

 


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Chrissie: „Ich muss keinem Ideal entsprechen“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Für SZENEzeigen fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Chrissie begegnet

Protokoll: Katharina Stertzenbach

,,Ich bin seit zehn Jahren Schauspielerin, das läuft mal mehr und mal weniger erfolgreich. Was aber immer kommt, ist die Frage: ‚Oh, wo sehe ich denn dann mal?‘ Das ist auf die Dauer wirklich nervig. Um als Schauspielerin erfolgreich zu sein, braucht es eine fundierte Ausbildung – am besten staatlich –, die richtigen Beziehungen und Glück. Was aber viele häufig vergessen und auch ich gerade erst festgestellt habe: Fast am wichtigsten ist Selbstwert und ein gutes Verständnis für sich selbst. Ohne das nützen dir die besten Kontakte nichts. Selbstvermarktung ist heute unglaublich wichtig. Egal ob mit oder ohne Agentur, du musst jeden Tag etwas für deine Karriere machen. Die Erkenntnis hat bei mir gedauert. Ich war zwischendurch tatsächlich aber auch eine faule Sau.

Das Schönheitsideal-Problem

Mittlerweile habe ich gelernt mich zu mögen. Vor Kurzem war das noch anders. Das war eine andere Chrissie, die gefallen wollte. Das ist auch wieder so ein Schauspiel-Problem: Zu Anfang möchtest du gefallen und in möglichst viele Rollen reinpassen. Ich hatte damals lange blonde Haare. Irgendwann meinte mein Friseur: ‚Mach die Haare ab, die brauchst du nicht.‘ Und ich dachte mir zunächst so: ‚Ja klar ich, als weiblich gelesene, absolute Blondine, immer gefärbt, das wäre ein Fehler.‘ Doch er hat mich überzeugt und ich habe mir die Haare abrasiert. Das war krass. Diese Veränderung hat mir den letzten Kick gegeben. Auf einmal kamen interessantere Anfragen rein. Am Ende musst du als Schauspielerin keinem Schönheitsideal entsprechen. Das habe ich lange genug versucht.

Von Feuchtgebieten zur Erkenntnis

Denn letztendlich kommt alles zu seiner Zeit, daran glaube ich. Die Tür, die sich öffnet, ist in dem Moment auch die richtige. Ich bin mit Anfang zwanzig ins Schauspielbusiness eingestiegen. Ohne Plan und ohne Erfahrung. Am Anfang wurden mir viele Türen zugeschlagen. Das tat jedes Mal weh. Doch die Absagen haben mich letztendlich auch geschützt. Das beste Beispiel ist vielleicht dieses: Ich stand in der engeren Auswahl für die Hauptrolle in der Verfilmung von Charlotte Roches Roman „Feuchtgebiete“.

Ich hatte mich insgeheim schon darauf gefreut, mein Gesicht auf einer großen Kinoleinwand zusehen. Schlussendlich habe ich die Rolle nicht bekommen und war echt niedergeschlagen. Aber mittlerweile bin ich fein damit. Es wäre vielleicht auch nicht richtig gewesen. Ich weiß jetzt, dass, wenn ich eine Absage bekomme: Es liegt nicht an mir. Eine Ablehnung bedeutet keine Abwertung meiner Person. Es ist eben nur eine Tür, die nicht aufgegangen ist, dafür gibt es eine neue Chance. Diese Erkenntnis hat lange gedauert. Aber jetzt bin ich mir sicher, dass sich damit auch neue Türen öffnen werden.“


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Avantgarde mit Erlebnisfaktor: Sommerfestival auf Kampnagel

Theater- und Tanzperformance, Konzert und Show, Party und Puppenspiel – nach zwei schwierigen Corona-Jahren startet das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel vom 10. bis 28. August wieder voll durch. Und das Publikum zieht mit – da ist sich der künstlerische Leiter András Siebold sicher

Interview: Sören Ingwersen

SZENE HAMBURG: András, im Gegensatz zu vielen anderen Festivals hat das Internationale Sommerfestival auch in den letzten beiden Corona-Jahren stattgefunden. Wie nachhaltig sind die Erfahrungen dieser Zeit? Wirken sie organisatorisch und künstlerisch auch ins aktuelle Festival hinein?

 Leitet seit 2013 das Internationale Sommerfestival: András Siebold 
(Foto: Julia Steinigeweg)

András Siebold: Unser Credo der vergangenen zwei Jahre war: Wir finden für alles eine Lösung, auch wenn erst mal alles dagegen spricht. Das war zwar eine organisatorische und logistische Herausforderung, aber zeigte vor allem auch eine Perspektive für die vielen freischaffenden Künstler:innen. Denn so ein Festival in der Pandemie hat immer auch Signalwirkung: Schaut, geht doch. Das kommende Festival haben wir jetzt mit gelassenem Optimismus geplant, entsprechend umfangreich ist das Programm.

„Das Festival hat wieder Vor-Pandemie-Niveau“

Gibt es Neuerungen betreffend der inhaltlichen Schwerpunkte oder der Struktur des Festivals?

Das Festival hat wieder Vor-Pandemie-Niveau und ist eine Mischung aus internationalen Uraufführungen und Gastspielen, Konzerten, Ausstellungen, Stadtbespielungen und dem Festival-Avant-Garten, Hamburgs Perle der kostenlosen Kunstfreizeitparks. Inhaltlich gibt es Themenstränge zu Schwarzer Popkultur, Care-Praktiken oder Musicals – und viele Querverbindungen zwischen den Produktionen, die wir im Vorwort des Programmhefts beschreiben, etwa die Farbe Blau.

Zur Festivaleröffnung feiert ihr die Weltpremiere von Oona Dohertys „Navy Blue“. Darin geht es um die (Künstler-)Krise und deren Überwindung. Nehmt ihr die gegenwärtige globale Situation als Krise wahr, und wie reagiert ihr mit dem Festival darauf?

Das Festival hat sich schon immer auf Gegenwartsdiskurse bezogen. Oona Doherty zum Beispiel, hat eine sehr eigene Tanz-Sprache entwickelt, in der zwar die Tanzgeschichte bis zum Ballett erkennbar ist, die sich aber auch mit Fragen über Identität, Geschlecht und Klasse auseinandersetzt: In ihrer letzten Arbeit, die wir 2020 gezeigt haben, verbindet sie ihren Tanz mit männlichen Selbstbehauptungsposen der Arbeiterklasse.

Diese Gesten zeigt sie in ihrer ganzen Brüchigkeit liebevoll und mit vollem physischen Einsatz und lenkt damit den Fokus auf einen abgehängten Teil der Gesellschaft. Und genau da setzt auch „Navy Blue“ an. Der Kampf des entrechteten Körpers ist bei Doherty fast physisch erfahrbar, verstärkt auch durch den englischen Supermusiker Jamie xx, der die Musik für „Navy Blue“ komponiert. 

Zwei Festival-Arbeiten beschäftigen sich mit Andy Warhol. Was fasziniert Gegenwartkünstler wie Gus Van Sant oder Raja Feather Kelly an diesem Pionier der Pop-Art?

Ich glaube, es ist die radikale Neugier und das pionierhafte Neu-Denken der Gegenwart, für die Warhol steht. Er hat viele Internet-Phänomene beschrieben, lange bevor es Social Media gab: Vervielfältigung von Bildern, Selbstdarstellung, den Umgang mit Fame und Marktmechanismen.
Und er hatte einen interdisziplinären Kunst-Ansatz, den sowohl der Kino-Großmeister Gus Van Sant verfolgen, der bei uns jetzt ein bildgewaltiges Musical über Warhol inszeniert, als auch der New Yorker Choreograf Raja Feather Kelly, der sich als schwarzer, queerer Künstler in das Erbe Warhols einschreibt und Popkultur quasi-religiös auffasst.

Die Stadt bespielen

Im letzten Jahr hat die Gruppe Ligna den leer stehenden Kaufhof bespielt. In diesem Jahr feiert ihr im leer stehenden Karstadt-Sports-Gebäude die Eröffnung des „Deutschen Museums für Schwarze Unterhaltung und Black Musik“ mit einem vielfältigen Live-Programm und erobert damit erneut den urbanen Raum. Welche Veranstaltungen sind dort im Einzelnen geplant? Und wird das Museum auch über das Festival hinaus bestehen bleiben?

Wir haben mit dem Festival immer auch die Stadt bespielt und uns in gesellschaftliche Diskurse eingemischt. Das DMSUBM ist eine Übernahme des Erdgeschosses des leer stehenden Kaufhauses mit einer Ausstellung, die den Anteil und die Biografien schwarzer Menschen an der jüngeren deutschen Popkultur einerseits und die Zuschreibungen, denen sie in einer hauptsächlich weißen Medienlandschaft ausgesetzt waren, andererseits sichtbar macht.

Es ist also quasi auch eine notwendige Korrektur einer bestimmten Geschichtsschreibung und Branche, die auf weiße Menschen fokussiert ist. Das Museum ist täglich zu Museumszeiten geöffnet, und abends gibt es an einzelnen Tagen ein Rahmenprogramm, das vom Hamburger Kollektiv formation**now kuratiert wird. Unter anderem berichten da Stars von früher, wie Nana Darkman, von ihren Erfahrungen und treten zum Beispiel in Form von Museumsführungen in Austausch mit dem Archiv. Das Museum ist erst mal – auch aus Kostengründen – nur für die Festivaldauer geplant, aber wer weiß: Vielleicht ist das der erste Schritt für ein dauerhaftes Museum der Stadt.

„Wir alle sind Teil einer Weltgesellschaft“

Kampnagel steht für kulturelle Diversität. Wie bewertest du die gegenwärtigen Tendenzen der Deglobalisierung und die Rückbesinnung auf lokale/nationale Werte im Hinblick auf den kulturellen Austausch?

Ich habe eher das Gefühl, als würden wir mit jedem Krieg, mit jeder anti-demokratischen Initiative der rechten Parteien, daran erinnert, wie sehr wir Teil einer Weltgesellschaft sind. Und wie wichtig und positiv ein Austausch mit Menschen über Grenzen hinweg ist, kann man beim Sommerfestival sehr gut erleben.

Das diesjährige Sommerfestival-Programm ist eines der umfangreichsten. Glaubst du, dass die Menschen in Sachen Kultur großen Nachholbedarf haben? Oder muss man sie derzeit mit üppigem Live-Angebot erst wieder mühsam vom Sofa locken?

Also die Vorstellung, den ganzen Tag bei schönem Wetter auf dem Sofa zu sitzen, ist doch furchtbar. Und das Festival präsentiert ja Avantgarde mit Erlebnisfaktor, für Theaterschlaf gibt es bessere Alternativen in Hamburg, das ist hier eher etwas zum Aufwachen und Wachbleiben – oder einfach zum Dasein im großen Festival-Garten unter Birkenbäumen, kostenlose Ausstellungen, Performances und Konzerte im Garten inklusive.

Gab es überraschend positive oder negative Erfahrungen bei der diesjährigen Festivalplanung?

Stand jetzt, Anfang Juli, gab es weder Absagen noch größere Änderungen. Nur steigende Preise sind wie überall ein Problem, Transporte von Australien zum Beispiel, haben sich seit März zum Teil verdreifacht. Wir können das nur kompensieren mit Einsparungen im Budget, denn Tickets sind nach wie vor günstig hier.

Ansonsten ist die Stimmung gut, der Vorverkauf liegt etwa beim Niveau vor der Pandemie, der Erste Bürgermeister hat sich auch gerade zur Festivaleröffnung angekündigt, und außerdem ist der Festival-Avant-Garten wieder für alle offen, Hamburgs nicester Kunstvergnügungspark mit Gastronomie und kostenlosen Lesungen von Buchpreisträger:innen und Konzerten unter Birkenbäumen sowie Performances und Ausstellungen auf dem gesamten Gelände.

Kampnagel Internationales Sommerfestival 2022: 10. bis 28. August

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Spielbudenfestival

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Die Corny Littmann Stiftung will im Juli mit dem Spielbudenfestival hoch hinaus

Die Corny Littmann Stiftung für Kunst und Kultur präsentierte im Sommer 2021 zum ersten Mal das Spielbudenfestival, ein internationales Festival für Straßentheater. Jetzt gibt es vom 22. bis 24. Juli 2022 die zweite Ausgabe auf dem Spielbudenplatz und die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren.

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Beim Spielbudenfestival gibt’s neben Artistik, Zauberei, Comedy und Musik auch allerlei Kuriositäten (Foto: Morris Mac Matzen)

15 verschiedene Acts sind im Juli mit dabei. Darunter Artist:innen, Comedians, Musiker:innen, Zauberkünstler:innen und viele weitere Kuriositäten. Die Als kommen dabei nicht nur aus Deutschland. So reist beispielsweise Jay Che aus Singapur an und bringt das Publikum mit seinem „Ping Pong Circus“ zum Staunen. Natürlich darf mit Cia la Tal auch der Publikumsliebling des vergangenen Sommers nicht fehlen, er reist mit zwei brandneuen Programmen aus Barcelona an. Aber das absolute Highlight ist 2022 die Gruppe Geschwister Weisheit. Seit 1990 bieten sie die größte Hochseilshow Europas. Am Sonntag startet der Tag zudem mit einem ökumenischen Gottesdienst und danach heißt es „Mangel frei“ für den Familienzirkus – moderiert von Konrad Stöckel.

Neben der Kunst gibt es beim Spielbudenfestival natürlich auch alles für das leibliche Wohl.

Das gesamte Festival is auch 2022 kosten- und barrierefrei und freut sich auf Besucher:innen aus der Hansestadt und aus aller Welt.

Spielbudenfestival – die Schau der großen Straßenkünste und Kuriositäten
22. bis 24. Juli auf dem Spielbudenplatz

Hamburger Comedy Pokal 2022: Und der Gewinner ist…

Drei Sieger, 20 Gewinner:innen, ein begeistertes Publikum und volle Säle, das war der Hamburger Comedy Pokal 2022

Text: Felix Willeke

Vom 8. bis 11. Juli 2022 kämpften 20 Comedians um die Pokale bei Deutschlands größtem Comedy-Wettbewerb. Der große Gewinner des 20. Hamburger Comedy Pokals heißt Johannes Floehr. Der Wahl-Hamburger gewann seine Hauptrunde, sein Halbfinale und räumte beim ausverkauften Finale im Schmidts Tivoli neben dem mit 500 Euro dotierten Publikumspreis auch den mit 3.000 Euro dotierten Hauptpreis der Jury ab. Gestartet als Poerty-Slammer, ist es für den Autor mehrerer Bücher der erste große Comedy-Preis.

Das vorweggenommene Finale

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Die drei glücklichen Sieger: Benedikt Mitmannsgruber (l.), Johannes Floehr (m.) und das Duo Valter Rado + Tim Schaller (r.) (Foto: Burkhard Fuchs)

Zu Beginn war Floehr einer von 20 Comedians, die am 8. Juli in zehn Kulturzentren in der Hauptrunde gegeneinander antraten. Der Hamburger Comedy Preis 2022 war dabei besonders vielfältig. Es gab junge, poetische und weibliche Comedy von Teresa Reichl. Dazu Christine Teichmann, deren Auftritte einem Theaterstück gleichen und Valter Rado + Tim Schaller, die mit ihrem clownesken Slapstick-Humor das Publikum begeistern.

Besonderes Glück hatten diejenigen, die bei der Hauptrunde in der Lola in Bergedorf zu Gast waren, denn hier fand das vorweggenommene Finale zwischen Johannes Floehr und dem später zweitplatzierten Benedikt Mittmannsgruber statt. Floehr setzte sich mit seinen tollkühnen Gedankensprüngen und einer sympathischen Portion Selbstironie gegen Mittmannsgruber durch. Dieser glänzte als verpeilt wirkend immer wieder mit sehr überraschenden Pointen und konnte sein Finalticket als einer von Zweien bei der 2. Chance Show ergattern. So kämpften am Ende er, Johannes Floehr, Kathi Wolf, Teresa Reichl, Alice Köfer, Der Storb, und die schließlich drittplatzierten Valter Rado + Tim Schaller am 11. Juli im Schmidts Tivoli um die begehrten Pokale und insgesamt 6.000 Euro Preisgeld.

Was bleibt

Humor ist und bleibt individuell und egal ob beim Poerty-Slam oder bei Comedy- und Kabarettpreisen, die Bewertung von Humor ist immer ein schmaler Grat und Genres wie Clownerie mit Poesie zu vergleichen, bleibt schwierig. Das soll die Freude der Sieger beim 20. Hamburger Comedy Pokal allerdings nicht schmälern. Doch bei einem solchen Wettbewerb sind alle Gewinner:innen. Denn neben den Comedians, die zeigen, was alles Comedy ist, waren es die zehn Kulturzentren, die wieder einmal bewiesen haben, wie vielfältig Hamburgs Kulturlandschaft ist. Der 20. Hamburger Comedy Pokal war ein Fest für die Lachmuskeln und am Ende bleibt der Appell der Jury ans Publikum: „Geht in kleine Häuser, unterstützt die Kultur, die Künstler:innen und geht zu Comedyshows!“


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Hamburgs Kultur – einfach magisch

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Ein neuer Film stellt die Vielfalt der Kulturstadt Hamburg vor

Unter dem Titel „Unsere Kultur – einfach magisch“ präsentiert die Hansestadt in einem magischen Video die Vielfalt der Kulturstadt Hamburg. Ausgehend vom Theatererlebnis „Harry Potter und das verwunschene Kind“ und dem berühmten Gemälde „Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich aus der Hamburger Kunsthalle, gibt es im Film die Kulturhighlights der Stadt zu sehen: Von Theater über Kunst bis zur Elbphilharmonie und der musikalischen Clubkultur auf St. Pauli. 

Dabei reisen drei Jungdarsteller:innen des frisch in Hamburg angelaufenen Theatererlebnisses „Harry Potter und das verwunschene Kind“ auf magische Art und Weise zu den Orten kultureller Vielfalt in der Stadt. Auf ihrer Rundreise dient das berühmte, in der Kunsthalle Hamburg ausgestellte, Gemälde „Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich als zauberhafter Treiber der Reise. Mit einem „Fingerschnippsen“ werden die Protagonisten in einem rasenden Tempo durch Hamburgs Kulturwelt teleportiert.

Neugierig? Hier gibt es den Einblick in Hamburgs magische Kulturwelt:

Die Unsichtbaren: Mehr als ein Tanz-Abend

Das Bundesjugendballett sucht im Ernst Deutsch Theater nach den Wurzeln des modernen Tanzes

Text: Dagmar Ellen Fischer

Das ist kein Tanz-Abend! Nicht im Sinne, dass sich (nur) Tanzinteressierte von diesem jüngsten Werk John Neumeiers für das Bundesjugendballett locken lassen sollten. Es ist ein Abend über Hamburg, über die „Banalität des Bösen“ (wie Hannah Arendt die unmenschliche Organisation im NS-Staat so klug nannte) und letztlich eine sinnliche Choreografie übers (Über-)Leben: „Die Unsichtbaren“ führt das Publikum zurück in die 1920er- bis 1940er-Jahre und erinnert an Tänzer:innen und Choreograf:innen, die nach dem Ersten Weltkrieg für eine Revolution im Tanz sorgten – und damit für ein völlig neues Verständnis vom Körper. Viele von ihnen wurden nach 1933 ausgeschlossen, zur Flucht getrieben oder ermordet. An diesem Abend werden sie wieder sichtbar.

Dem Vergessen entrissen

„Wir wollen leben!“, schrieb die jüdische, niederländische Tänzerin Lin Jaldati 1944 in Auschwitz. Auszüge aus ihrem Text werden gesprochen – und sind schwer auszuhalten. Da hilft es, dass sich Worte mit getanzten Passagen die Waage halten, sinnliche Eindrücke auf verschiedenen Ebenen das Publikum berühren. „Le sacre du printemps“ von Igor Strawinsky bildet den musikalischen roten Faden, unterbrochen von Kompositionen aus jener Zeit, so den Comedian Harmonists und Erich Wolfgang Korngold. Mary Wigman, Protagonistin des neuen Tanzes und hier eindringlich verkörpert von Isabella Vértes-Schütter, hatte 1919 ihren Durchbruch im Hamburger Curio-Haus. Auch ihre Erinnerungen stehen im Raum sowie eine gespielte, fiktive Verhandlung über ihre Mitschuld – war sie Kollaborateurin oder Opfer? Unterschiedlichste Schicksale werden schlaglichtartig vorgestellt und somit dem Vergessen entrissen, mit Tanz, Text und Musik. Am Ende werden die Namen von Opfern verlesen, die aus religiösen oder politischen Gründen sowie wegen ihrer sexuellen Orientierung verfolgt wurden.

Die Unsichtbaren, bis zum 18. Juli (außer am 11. Juli) im Ernst Deutsch Theater


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Privattheatertage: Ein Abschied?

Mit einer großen Gala gingen am 4. Juli die 10. Hamburger Privattheater zu Ende. Unter den Jubel der Gewinner:innen mischte sich Ungewissheit, denn die Zukunft des Theaterfestivals steht in den Sternen

Text: Felix Willeke

Moderiert vom Kabarettisten Christian Ehring gingen die 10. Hamburger Privattheatertage am 4. Juli 2022 mit einer großen Gala in den Kammerspielen zu Ende. Im Fokus stand dabei wie in jedem Jahr die Verleihung der Monica Bleibtreu Preise.

In der Kategorie (zeitgenössisches) Drama gewann die Produktion „Altes Land“ von der Theaterei Herrlingen. Als Adaption des Bestsellers von Dörte Hansen erzählt das Stück rund um die drei Darstellerinnen von Vererbung des Traumas der Vertreibung, Apfelbauern im Alten Land und die wirren Aussteigerideen saturierter Städter vom Landleben und das ausgerechten auf der Schwäbischen Alb.

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Die Produktion „Altes Land“ der Theaterei Herrlingen gewann den Monica Bleibtreu Preis in der Kategorie (zeitgenössisches) Drama (Foto: Andreas Zauner)

In der Kategorie Komödie geht der Preis an das Stück „Der Kontrabass“ vom Hofspielhaus München. Michael A. Grimm verkörpert in dem Werk von Patrick Süßkind einen Orchestermusiker der abgeschottet in seiner schalldichten Wohnung über die Berufung zur Musik, das Wesen der Kunst und die Liebe sinniert – besonders nach den „Lockdowns“ ein treffendes Symbol.

Über den Monica Bleibtreu Preis in der Kategorie (moderner) Klassiker freut sich 2022 „Der Sandmann“ vom Wolfgang Borchert Theater Münster. Das Stück von E.T.A. Hoffmann handelt von Nathanael, dem Tod seines Vaters und der Macht des Unterbewussten – ein echter Klassiker der Romantik.

Schließlich gab es natürlich auch 2022 den Publikumspreis. Dieser ging an „Kitzeleien – Der Tanz der Wut“ von der Kulturbühne Spagat in München. 2018 gegründet, überzeugte die erst fünf Jahre alte Bühne mit einer Adaption des französischen Sücks „Les Chatouilles“, dass sich mit der Verarbeitung von sexuellem Missbrauch mit der Hilfe des Tanzes beschäftigt.

Zukunft der Privattheatertage? Ungewiss!

Nach der 10. Ausgabe der Hamburger Privattheatertage ist die Zukunft ungewiss. Setzte sich bis ins vergangene Jahr der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Rüdiger Kruse, der in diesem Jahr für seine Verdienste gesondert ausgezeichnet wurde, für die Förderung der Hamburger Privattheatertage ein, ist diese für die Zukunft ungewiss. Wie Festivalgründer und Intendant der Hamburger Kammerspiele und des Altoaner Theaters Axel Schneider sagte, sei die weiter Förderung des Theaterfestivals durch die aktuelle Bundesregierung ungewiss. Bisher habe man noch keine Zusage über die Förderung in Höhe von 500.000 Euro erhalten.

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Moritz Bleibtreu warb mit einem Appell für den Erhalt der Privattheatertage und erinnerte gleichzeitig an das Werk seiner Mutter, die Namenspatron für den alljährlich verliehen Monica Bleibtreu Preis ist (Foto: Bo Lahola)

Kampf ums Überleben

Auch wenn es in diesem Jahr weniger Besucher:innen gab, als noch vor der Pandemie, wäre das Aus für die Privattheatertage kein gutes Zeichen. Mit dem Monica Bleibtreu Preis werden Jahr für Jahr Produktionen ausgezeichnet, die sonst nur wenig im Lichte der Öffentlichkeit stehen. Die Privattheatertage sind ein Schaufenster für die kleinen Bühnen in ganz Deutschland. Natürlich sind 500.000 Euro viel Geld, aber die Hamburger Privattheatertage bieten den „Zuschauer:innen einen Einblick in die kulturelle Vielfalt im Land“ und stellen „bundesweit ein klares Statement zur Unterstützung privater Theater“ sagt Axel Schneider und er fordert alles Gäste dazu auf, sie zu unterstützen und selbst zu formulieren, warum die Privattheatertage wichtig sind.


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Sternschanze

Was ist die Sternschanze? Vielleicht passt der alte Ausspruch „Klein aber oho“ am besten zu diesem Stadtteil zwischen Party, linksalternativer Szene und G20-Gipfel

Text: Felix Willeke

Nur 0,6 Quadratkilometer, so groß ist der Stadtteil Sternschanze. Zum Vergleich: Selbst die Hamburger Außenalster ist mehr als doppelt so groß. Zwischen Fernsehturm und Sternbrücke leben rund 8.000 Menschen und am Wochenende kommt ein Vielfaches der Bevölkerung obendrauf. Neben den vielen Menschen ist die Sternschanze vor allem eines: jung. Erst 2007 wurde aus dem historisch geteilten Gebiet zwischen dem ehemals dänischen Altona und Hamburg der Stadtteil Sternschanze. Wir machen uns jetzt zu einem Streifzug vom Sternschanzenpark (umgangssprachlich auch Schanzenpark genannt), über die verwunschenen Hinterhöfe und die besonders im Sommer gut bevölkerten Straßen bis zur stadtbekannten Sternbrücke und ins Karoviertel.

Schanzenpark

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Im Sommer lockt das Schanzenkino die Menschen in den Schanzenpark (Foto: Outdoor Cine)

Die knapp 12 Hektar große Parkanlage zwischen Schlump, Bahngleisen und der S-Bahn Sternschanze ist die grüne Lunge des Viertels. Der Name stammt dabei wie der Name des Stadtteils von Festungsbauten, die als Schanzen bezeichnet wurden. Mit 23 Metern liegt im Schanzenpark die höchste Erhebung des Stadtteils. Früher war diese „Schanze“ eine Verteidigungsanlage vor den Hamburger Stadtmauern – deren Wallanlagen heute noch an Planten un Blomen zu erkennen sind. Heute ist der Schanzenpark geprägt vom alten Wasserturm, den Sportanlagen des SC Sternschanze und den Menschen, die es vor allem im Sommer in den Park zieht. Kein Wunder, denn wenn die Tage am längsten sind, gibt es Musik und Literatur im Schanzenzelt. Dazu lädt alljährlich das Schanzenkino zu OpenAir-Filmabenden. Und mit dem Schrødingers gibt es einen der schönsten Open Air Locations der Stadt.

Politik

Politisch ist das Schanzenviertel links orientiert. So holte die Linke bei der Bundestagswahl 2021 mit fast 20 Prozent eines der hamburgweit besten Ergebnisse und die Grünen fuhren mit fast 50 Prozent sogar ihr stadtweit bestes Ergebnis bei den Zweitstimmen ein. Die CDU hingegen erhielt bei der Bundestagswahl 2021 im Stadtteil Sternschanze gerade einmal vier Prozent der Zweistimmen. Außerdem ist der Stadtteil seit den 1980er-Jahren maßgeblich durch das linke Kulturzentrum Rote Flora geprägt.

Die Rote Flora

Im Zentrum des Schanzenviertels steht die Rote Flora. Das seit 1989 besetzte Gebäude war früher ein Theater, später ein Kino und ab 1964 Standort der Warenhauskette 1000 Töpfe. Als schließlich Ende der 1980er-Jahre bekannt wurde, dass das Haus zu einem Musical-Theater umgebaut werden sollte, sorgte das insbesondere in der Hausbesetzer:innenszene der Hafenstraße und bei anderen linken Gruppen für Unmut. Auseinandersetzungen mit der Polizei und kleinere Anschläge auf die Baustelle folgten und der Investor zog sich zurück – das geplante Musical-Theater wurde stattdessen als Neue Flora an der Holstenstraße errichtet.

Der G20 Gipfel 2017 in unmittelbarer Nachbarschaft, ein No-Go für das linke Kulturzentrum Rote Flora (Foto: unsplash/Dyana Wing So)

Am 1. November 1989 erklärten Aktivist:innen die Flora für besetzt und das ist sie bis heute. Verwaltet wird das Haus zur Zeit formal von einer Stiftung. Einen Miet- oder Kaufvertrag für das linke Kulturzentrum gibt es nach wie vor nicht. Die Rote Flora ist seither ein Ort für politische Treffen, Aktionen, Partys und die kritische Auseinandersetzung mit der Stadt. Ein Vertreter sagte einmal gegenüber dem NDR, die Flora wolle „ein Stachel im Fleisch der Herrschenden sein“. Getreu diesem Motto widersetzte sie sich auch immer wieder der politischen Forderung nach einer Räumung, die besonders infolge der Ausschreitungen rund um den G20-Gipfel 2017 noch einmal lauter wurde.

Gentrifizierung

Mittlerweile ist die Rote Flora aber auch ein Standortfaktor und damit Teil der Gentrifizierung des Stadtteils. Ein anderes Symbol für diesen Strukturwandel ist das Hotel im Schanzenpark. Vor über zehn Jahren wurde der alte Wasserturm umgebaut und auch hier gab es massive Proteste. Die linke Szene äußerte Bedenken ob des Vier-Sterne-Hauses in ihrem Viertel. Doch im Gegensatz zur Roten Flora setzten sich hier die Investoren durch und das Hotel eröffnete.

Eine solche Entwicklung ist typisch für eine Gentrifizierung, die häufig wie folgt abläuft: In einem Viertel siedelt sich durch günstige Mieten – oder wie im Fall der Flora durch Hausbesetzung – ein kreatives, häufig eher linkes Milieu an. Dieses macht das Viertel attraktiv für Investoren und es werden große Kapitalgeber angezogen. Diese kaufen Häuser, sanieren diese und erhöhen die Mieten – das kreative Milieu wird verdrängt. So ist es auch zum Teil auf der Sternschanze passiert. Seit Jahren werden immer wieder Gebäude mutmaßlich dem Verfall überlassen, Bewohner:innen müssen ausziehen und Neubauten werden erreichtet. So werden alt-eingesessene Bewohner:innen und Geschäfte verdrängt. Das Viertel wandelt sich mit der Zeit vom links-alternativen Viertel zum Party- und Ausgeh-Hotspot und weiter zum gehobeneren Wohnviertel.

„Wir wollen ein Stachel im Fleisch der Herrschenden sein“

Linkes Kulturzentrum Rote Flora

Kultur

Ein Wandel der langsam voran schreitet. Trotzdem hat sich die Schanze eines bewahrt: die Kultur. Denn Institutionen wie das 3001 Kino, eines der besten Programmkinos der Stadt, sind weiterhin hier zu Hause. Dazu kommen ein nahezu unbegrenztes kulinarisches Angebot und einiges der besten Partylocations der Stadt.

Restaurants

Nur wenige Meter hinter dem Schanzenpark eröffnet sich direkt hinter der Bahnbrücke ein Paradies für Freunde des guten Geschmacks. Kumpir, Omas Apotheke, indisches Essen, das Pamukkale und das Lokmam, schon auf den ersten Metern gibt es alles, was das Herz begehrt. Und wenn man von der Schanze spricht, gehören auch die Bullerei von Tim Mälzer, das Braugasthaus Altes Mädchen und die Ratsherren Brauerei mit dazu. Außerdem gehören Restaurants wie das Pamukkale oder schräg gegenüber das Lokmam zu den Top-Adressen für türkische Küche in Hamburg. Dazu kommt mit dem Jill einer der besten Pizza-Läden der Stadt, mit Erika’s Eck ein echter Klassiker, mit dem Berta Emil Richard Schneider ein richtiger Geheimtipp und den Royal Donuts auch noch etwas Süßes.

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Im Lokmam gibt es beste türkische Küche (Foto: Lokmam)

Nachtleben

Das Goldfischglas, die Rote Flora, der Waagenbau, das Fundbureau oder das PAL: Auf und rund um die Schanze finden sich einige der besten (Techno-)Clubs der Stadt. Feiern lässt es sich hier also ebenfalls bestens. Neben Partylocations hat aber auch die Kultur im Schanzenviertel sein Zuhause. Alles fängt mit der Rota Flora an und in direkter Nachbarschaft steht das Haus73. Vor einigen Jahren frisch renoviert, bietet es gutes Bier gepaart mit regelmäßigen Quizabenden im Galopper des Jahres. Dazu kommt all das, was hier entstanden ist: So gab es noch vor Jahren im Haus 73 das ehemals größte und unbekannteste Theaterfestival Norddeutschlands, das Kaltstart, und bis heute findet neben den regelmäßigen Singer- & Songwriter Slams auch der legendäre „Slam the Pony“-Poetry Slam statt.

Schulterblatt

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Das Schulterblatt ist das Zentrum des Schanzenviertels (Foto: Johanna Zobel)

Dieser Kulturelle Hotspot mit dem Haus73 und der Roten Flora befindet sich direkt am Schulterblatt. Die Straße zwischen Neuem Pferdemarkt und Max-Brauer-Allee kann getrost als Herz der Schanze bezeichnet werden. Im Norden lädt der breite Gehweg zum Verweilen ein und viele Lokale verlagern ihren Gastraum im Sommer nach draußen. Nur wenige Meter weiter gen Richtung Süden lohnt ein Besuch in der Buchhandlung im Schanzenviertel und wer direkt gegenüber neben Brunos Käseladen einen Blick in den Durchgang riskiert, entdeckt den Baschu. Der Baschu ist ein Spielplatz in einem der grünen Innenhöfe im Viertel. Wer Glück hat und eine Wohnung mit Balkon zu einem der Innenhöfe bewohnt, wird merken, wie ruhig und fast schon idyllisch die Schanze sein kann.

Sternbrücke

Aber auch abseits der Innenhöfe hat die Schanze ruhige Ecken. Hinter der Flora erreicht man durch den Flora-Park, vorbei am Kilimanschanzo (einer Outdoor-Kletterwand), die Wohnstraßen der Schanze. Hier gibt es noch echten Altbau, große Wohnungen und kleine Eckkneipen ohne Trubel und mit viel Ruhe. Wem das auf Dauer aber zu langweilig ist, der hat es nicht weit. Nur ein paar Meter die Stresemannstraße entlang und schon steht man unter der Sternbrücke im Nordwesten des Viertels. Ein fast schon legendärer Ort. Neben Clubs wie dem Waagenbau und dem Fundbureau gibt es hier mit dem Brückenstern eine der schönsten Jazz-Locations der Stadt.

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Die Beckstraße verbindet die Sternschanze mit dem Karoviertel (Foto: Mediaserver Hamburg)

Karolinenviertel

Wer nicht feiern, sondern Shoppen möchte, sollte sich im Fall der Schanze nach Südosten orientieren. Vom Neuen Pferdemarkt geht es vorbei an Zoë-Sofabars mit ihren Bedien-Robotern in die Beckstraße. In dieser Straße aus dem 19. Jahrhundert ist das Azeitona der perfekte Ort für einen Zwischenstopp. Gestärkt mit den wohl besten Falafeln der Stadt geht es über den Lattenplatz am Knust, vorbei an der Hanseplatte ins benachbarte St. Pauli. Direkt hinter der Brücke über die U3 zwischen U-Bahn Sternschanze und Feldstraße gelangt man ins Karolinenviertel.

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Das Karoviertel: Ein Muss für Fans von Vintage-Mode (Foto: Mediaserver Hamburg)

Im Norden begrenzt durch die Messe Hamburg und im Süden durch die Feldstraße haben sich im hier neben Jung von Matt, einer der größten Werbeagenturen Deutschlands, viele kleine Geschäfte niedergelassen. Im Karoviertel finden sich nicht nur einige der besten Plattenläden der Stadt, entlang der Marktstraße liegt ein Augenmerk ganz klar auf Vintage-Mode. Darüber hinaus gibt es aber auch neuen Chique wie bei Herr von Eden oder kleine Restaurants wie das Bodega Lima. Damit ist das Karoviertel der perfekte Abschluss oder ein wunderschöner Auftakt für einen Streifzug über die Sternschanze.


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