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Top 5: Events über Ostern in Hamburg

Ostern 2021 findet im kleinsten Kreis und mit nächtlicher Ausgangssperre, aber tollen digitalen und Corona-konformen Events in Hamburg statt. Die schönsten Fünf gibt’s hier:

Text: Anna Meinke

 

Freitag, 02.04. | Party | DJ Love Force | OHA Music

Um die Fahne für die DJ- und Clubkultur hochzuhalten, sendet OHA! Music regelmäßig freitags wechselnde DJ Sets in die Wohnzimmer. Am 2. April gibt’s ein spannendes Line-Up mit Nappy G, DJ Suro, ARI (Assoto Sounds), Buzz T, DJ Direction & O-LEE 47. Club-Feeling garantiert! Übrigens: Mit Soli-Tickets kann man die beteiligten DJs unterstützen und ihnen durch diese schwere Zeit helfen.

OHA Music
2.4.2021, 20 Uhr

 

Samstag, 03.04. | Theater | Wolken.Heim. | Schauspielhaus

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Foto: Matthias Horn

Der 1993 von Elfride Jelinek verfasste Theatertext „Wolken.Heim.” ist ein bedrückend aktuelles Stück: Auf der Suche nach deutscher Identität entwickelt ein „Wir“ eine nationalsozialistische Rhetorik, die vor allem in der aggressiven Ausgrenzung Fremder mündet. Regisseur Jossi Wieler hat den Text in sechs Stimmen aufgeteilt und beeindruckt mit einer Inszenierung im genialen Bühnenbild. Im Schauspielhaus-Stream zu sehen.

Deutsches Schauspiehaus
3.4.2021, 20 Uhr

 

Sonntag, 04.04. | Theater | Megazorn 2: Psychological Warfare | Ernst Deutsch Theater

ernst-deutsch-theater-hamburg

Foto: Oliver Fantitsch

„Sexy Theater Menschen“ präsentieren mit „Megazorn 2: Psychological Warfare“ den zweiten Teil einer Trilogie über unsere Gegenwart: Um die neoliberalen Werte unserer Marktdemokratie zu verteidigen, reist Agent Wow um die Welt und findet heraus – siehe da – destruktive Phänomene wie Megazorn und Wutboy sind nicht auf dem Hindukush zu finden. Sie sind Phänomene der Aufklärung und es gibt sie überall. Seine Weltanschauung bekommt Risse. Wie also nun die Welt retten?

Ernst Deutsch Theater
4.4.2021, 19 Uhr

 

Sonntag, 04.04. | Tanz | Online-Bauchtanz | Über den Tellerrand

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Foto: Gianluca Carenza via Unsplash

Hips don’t lie! An alle Mädels: Die Initiative „Über den Tellerrand Hamburg“ lädt Mädchen und Frauen ein, an ihrem Online-Bauchtanz-Workshop teilzunehmen. Gemeinsam mit den Kursleiterinnen Raneem, Rama und Mandy werden verschiedene Körperbewegungen gelernt und ein traditionell arabischer Tanz geübt. Vorkenntnisse sind nicht notwendig, auch Anfängerinnen sind herzlich willkommen. Anmeldung unter anmeldung.hh@ueberdentellerrand.org.

Über den Tellerrand
4.4.2021, 14-16 Uhr

 

Montag, 05.04. | Open Art | WASSER – Rudi Sebastian | Überseeboulevard

Wasser_Ausstellung_Rudi Sebastian

Auf dem Überseeboulevard kann man noch bis zum 7. April die Fotografien des Naturfotografen Rudi Sebastian bestaunen, der auf seinen Reisen die interessante und mystische Welt des Wassers dokumentierte. Die Open Art-Ausstellung „WASSER” stellt unser Lebenselixier ins Zentrum der Aufmerksamkeit und zeigt rund 50 beeindruckende Aufnahmen von Seen und Meeren an kuriosen Orten.

überseequartier-nord.de


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Öffnungsstrategie: Mit Test ins Theater   

Hamburger Theater legen Konzept für Öffnung vor

Text: Anna Meinke

 

Es gibt Licht am Ende des Tunnels! Finden zumindest die Hamburger Theater, die gemeinsam mit der Hamburger Kulturbehörde Vorkehrungen für die beigesehnte Wiedereröffnung ihrer Spielstätten treffen. Es geht auch darum, Konzepte zu entwickeln, die der gesamten Kulturbranche eine baldige Wiederbelebung ermöglichen.  

Und so lautet der Plan: Bewährte Abstands- und Hygienekonzepte sowie eine Testpflicht für alle. Vertreter verschiedener Hamburger Theater wie dem Ohnsorg-Theater und dem Schauspielhaus setzen auf die flächendeckende Testung der Zuschauer im Vorfeld ihres Besuchs. Dabei, so die Theater-Macher, könne ein tagesaktuelles negatives Schnelltestergebnis quasi als Passierschein dienen. Außerdem sollen teilweise Schnelltests vor Ort möglich sein.  

 

Testpflicht

 

Eine ausgeklügelte Öffnungsstrategie legt Schmidt-Chef Corny Littmann vor: In Zusammenarbeit mit dem Testzentrum Corona Freepass, das sich direkt neben dem Schmidts Tivoli befindet, sollen Besucher direkt vor der Vorstellung im Testzentrum getestet werden. Im Rahmen der kostenlosen Bürgertests sind spezielle Theater-Slots geplant. Die finanzielle Unterstützung der Hamburger Kulturbehörde soll dabei helfen, diese Öffnungsstrategien in die Tat umzusetzen, sobald das Infektionsgeschehen dies ermögliche.


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Corona in Hamburg: Kultur im Käfig

Seit fast einem Jahr leiden die Kulturbetriebe unter den Coronabeschränkungen. Nach den Lockerungen im Sommer wurden sie im Herbst wieder geschlossen – doch der künstlerische Betrieb läuft vielerorts eingeschränkt weiter

Text: Sören Ingwersen

 

Die Welt werden nicht gleich untergehen, wenn die Theater mal ein paar Monate geschlossen sind, ließ Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard jüngst verlauten. Die Schauspiel-, Opern- und Konzerthäuser stehen derzeit zwar vor ihrer größten Herausforderung der Nachkriegszeit. Aber kann die Kunst an Herausforderungen nicht auch wachsen? Keine attraktive These in einer Zeit, in der der direkte Faden zwischen Schauspielern und Publikum radikal durchtrennt ist, in der die kulturellen Räume, in denen gesellschaftliche Debatten unter künstlerischen Vorzeichen öffentlich geführt werden, schmerzlich fehlen und in denen nicht zuletzt viele Kreativschaffende in eine existenzbedrohende finanzielle Schieflage geraten.

 

Menschenleere Säle

 

Ein gruseliges Panorama – wie jene menschenleeren Säle, Räume, Gänge und Treppenhäuser des Deutschen Schauspielhauses, die derzeit als Filmkulisse für die Online-Streaming-Serie „Haus der Geister“ dienen: In kurzen Episoden entfesseln einzelne Ensemblemitglieder einen Spuk, von dem nach altem Aberglauben vorzugsweise verlassene Theatergebäude heimgesucht werden. Wie auf den Internetseiten des Thalia Theaters, der Staatsoper oder Kampnagel sind auch abendfüllende Aufführungen als Stream abrufbar, im November gab es sogar eine Online- Premiere: Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“. Hier ließ Regisseurin Heike M. Goetze vermummte Menschen auftreten, die ihre sozialen Distanzen nicht überwinden können. Kommt einem irgendwie bekannt vor.

Und zwischen den beiden Lockdowns? „Ab Anfang Mai hatte ich Proben für die Saisoneröffnung ,Reich des Todes‘, und ab da lief es für mich fast wieder normal“, berichtet Ensemblemitglied Markus John. „Nach der Sommerpause hatte ich dann in kurzer Zeit mit den Wiederaufnahmen schon wieder sieben, acht Stücke laufen, nur dass eben sehr viel weniger Zuschauer im Saal sitzen durften und dass die Vorsichtsmaßnahmen auf und hinter der Bühne eine große Rolle spielten.“

 

„Nicht frei und normal-menschlich“

 

Noch stärker – aufgrund der kleineren Räumlichkeiten – schlugen die Sicherheitsvorkehrungen in den Privat- und Off-Theatern zu Buche. „Man spürte, dass man in eine Art Käfig gestellt wurde, und dadurch nicht frei und normal-menschlich auf der Bühne agieren konnte“, erinnert sich Mezzosopranistin Feline Knabe an ihre Proben zu „Carmen“ am Allee Theater. Auf der engen Bühne blieb den Liebenden nichts anderes übrig, als sich „wie Tiger auf Abstand“ zu umkreisen, wobei die Sängerinnen und Sänger auch dem mit nur drei Musikern besetzten Orchestergraben nicht zu nahekommen durften.

In Händels Barockoper „Alcina“ verzichtete man ganz auf eine Inszenierung, ließ die drei Sänger einzeln mit ausgewählten Arien auftreten, während Lutz Hoffmann als Erzähler durch die Handlung führte. In der Vorweihnachtszeit wollte man dann Humperdincks „Hänsel und Gretel“ auf die Bühne bringen: „Als der Lockdown losging, waren wir gerade mit den Proben fertig. Wir waren voller Enthusiasmus, endlich loszulegen. Dann wurde der Premierentermin gestrichen.“ Für Knabe, die hier als Hexe im Einsatz war, eine doppelte Enttäuschung: „Meine sechsjährige Tochter spielte den Engel. Sie war so aufgeregt und wollte so gerne vor Publikum auftreten. Dass es dann keine Aufführung gab, war für sie ganz schwer zu akzeptieren.“

Schwer umzusetzen waren die Hygienevorschriften auch von den räumlich noch begrenzteren Off-Theatern. Umso mehr zeugt es von künstlerischer Leidenschaft, wenn etwa das Theater das Zimmer als kleinstes Theater der Stadt seinen Spielbetrieb im September mit vier Inszenierungen wieder aufnahm, wobei die regulären 40 Sitzplätze auf 12 reduziert wurden und auf der winzigen Spielfläche bis zu drei Darsteller den Mindestabstand einhalten mussten.

 

Digitaler Raum

 

Das Lichthof Theater konnte dagegen während der Pandemie seinen Zuschauerkreis sogar erweitern. „Wir haben schon den ersten Lockdown genutzt, um mit dem #lichthof_lab Schritte in den digitalen Raum zu machen und Projekte entwickelt, die speziell für dieses Format entstanden sind“, erzählt Matthias Schulze-Kraft, der künstlerische Leiter des Hauses. Mit dem Hilfsprogramm des Bundes „Neustart Kultur“ habe man die nötige Streaming-Technologie angeschafft, sodass auch für die Zeit der Corona-bedingten Theaterschließungen Projekte ausgeschrieben und realisiert werden konnten.

Als virtuelle Bühne und digitaler Experimentierraum bietet das #lichthof_lab Streams und Live-Streams von Veranstaltungen und Gesprächsrunden mit Künstlern etwa zum Thema „Theater, Digitales und Präsenz“. Das Lichthof Theater möchte mit seinem digitalen Angebot nicht bloß einen medialen Ersatz für das Live-Erlebnis im Theatersaal schaffen, sondern die ästhetisch-theatralen Möglichkeiten des Digitalen selbst ins Blickfeld rücken. Mit Erfolg: Die Online-Aufführung von Jane Austens Klassiker „Stolz und Vorurteil“ wurde von Zuschauenden aus ganz Deutschland und weltweit sogar bis nach Kanada begleitet: „Nur noch 30 Prozent der Tickets wurden in Hamburg verkauft. Das heißt, unser kleines Haus erweitert sich gerade enorm, und wir haben die Möglichkeit, unsere Produktionen einer viel größeren Öffentlichkeit zu zeigen.“

Auch bei der vorübergehenden Wiedereröffnung der Theater im Herbst wurde das Streaming-Angebot des Lichthof Theaters genutzt. Während bis zu 30 Leute im Zuschauerraum saßen, haben zeitgleich bis zu 120 Zuschauerinnen und Zuschauer das Bühnengeschehen online verfolgt. Das neue virtuelle Foyer soll zudem eine Plattform bieten, auf der Zuschauende sich austauschen und im Anschluss an den Live-Stream die beteiligten Künstler treffen können.

Das parallele Angebot von Präsenztheater und Online-Übertragung möchte Schulze-Kraft über Corona hinaus beibehalten, wobei die Digitalisierung auch neue Möglichkeiten der Theatervermittlung biete. Vielleicht kann man tatsächlich sagen, das Lichthof Theater sei an der Krise gewachsen. Trotzdem erwartet man auch hier sehnlich den Moment, an dem der Corona-Spuk ein Ende hat und sich die realen Theatertüren wieder öffnen. Schließlich ist und bleibt Theater vor allem eines: ein Ort der körperlichen Nähe und Begegnung.


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Post-Corona-Knigge: Der süße Traum der Normalität

Eine Lockerung des Lockdowns ist in greifbare Nähe gerückt. Vielleicht ist eines Tages dank der Impfungen wieder ein normales Leben möglich. Für den Fall, dass nach so vielen Monaten vergessen wurde, wie ein respektvoller Umgang miteinander aussehen kann, hier eine Anleitung für das Leben in der Stadt

Text: Marco Arellano Gomes

 

Ist tatsächlich schon ein Jahr vergangen? Ein Jahr mit Corona, jenem ominösen, zerstörerischen, tödlichen Virus? Antwort: Ja. Bilanz nach Angaben des Robert Koch Instituts (Stand: 15.2.2021) in Hamburg: 365 Tage, zwei Wellen, zwei Lockdowns, 48.983 Infizierte (bundesweit: 2.338.987), 1.196 Tote (bundesweit: 65.076). Ein Jahr kann eine verdammt lange Zeit sein – und verdammt schlechte Laune machen.

Wer das Virus ernst nahm, wem Gesundheit und das Leben der Mitmenschen bedeutsam waren, wird die eigenen Bedürfnisse in dieser Zeit stark bis komplett zurückgefahren haben. Da kann man schon mal verlernen, wie man sich in Gesellschaft zu benehmen hat. Für den Fall, dass irgendwann durch die Impfungen wieder ein normales Leben möglich sein sollte, gibt es hier eine Anleitung …

 

Shoppingmöglichkeiten in der Innenstadt

 

Zwölf Monate lang bestand das Leben in der Stadt für die meisten Menschen ausschließlich aus Arbeit, Lebensmittel-Einkäufen und Spaziergängen. In der hypothetischen, aber möglichen Post-Corona-Ära gilt es, in einem ersten Schritt vorsichtig zu entdecken, dass es weitere Shoppingmöglichkeiten gibt. Es gibt sogar einen Begriff dafür: Einzelhandel.

Das sind meist einzelne Geschäfte, die auf Teilbereiche spezialisiert sind: Modeboutiquen, Haushaltswaren- und Elektronikgeschäfte, Möbelhäuser, Bauhäuser, Gartencenter, Sport- und Spielzeugläden, Optiker und und und. Es gibt aber auch sogenannte Kaufhäuser, die all diese Aspekte in einem großen Gebäude vereinen. Ähnlich wie Amazon, nur in echt. Mitten in der Stadt – und begehbar.

Das Besondere an diesen Geschäften: Dort arbeiten Menschen, die einen freundlich begrüßen, die beraten und sich im besten Fall tatsächlich auch mit dem auskennen, was sie dort anbieten. Du kannst also als Kunde in diese Geschäfte gehen, darin umherschlendern und Dinge entdecken, die dort liebevoll ausgestellt sind. Dinge, die du im Onlineshop möglicherweise nie gesehen hättest, die auch der beste Algorithmus dir nie auf den Bildschirm gezaubert hätte.

Es kommt aber noch besser: Du kannst dem Verkäufer oder der Verkäuferin sogar Fragen stellen – von Angesicht zu Angesicht. Diese Fragen werden im besten Falle kompetent beantwortet, im schlechtesten Falle mit einem „Keine Ahnung“ quittiert. Das Tolle daran: Du hast die Möglichkeit, dich darüber so richtig zu ärgern und deinen Frust mit Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis zu teilen. Nicht per WhatsApp, Facebook und Instagram! In echt, bei einem Besuch zu Hause oder bei einem Treffen im Café oder in einer Bar. Und glaub’ es ruhig: Sich gemeinsam über das Shoppingerlebnis zu ärgern und zu freuen, macht doppelt so viel Spaß.

Die Stadt bietet natürlich viel mehr als nur Shopping. Was genau? Finde es heraus! Geh einfach in die Stadt und schau dich um! Du wirst überrascht sein, was dich dort alles erwartet. Wie man spazieren geht, weißt du ja inzwischen. Nur, dass du diesmal wieder ein lohnenswertes Ziel hast: die Innenstadt.

 

Essen & Trinken – jenseits der heimischen Küche

 

Wenn du nach längerem Schlendern Hunger bekommen sollten, dann musst du nicht extra nach Hause gehen und kochen oder etwas bestellen. Es gibt dafür eigens lokale Institutionen namens Restaurants. Das sind die Räume, in denen seit einiger Zeit die Lichter aus und schemenhaft Stühle auf den Tischen zu erkennen waren.

In diesen Restaurants werden dir Getränke und Speisen serviert. Nein, nicht zu dir nach Hause – im Raum selbst! Du setzt dich an einen der Tische oder wirst von einer Servicekraft dorthin begleitet. Dort sagst du höflich, was du dir von den auf der Karte aufgedruckten Speisen und Getränke wünschst – und der nette Herr oder die nette Dame bringt dir das Gewünschte an den Tisch. Die Menschen, die in der Küche stehen und das Essen für Sie zubereiten, nennt man übrigens Köche. Die haben ihr Handwerk professionell gelernt und können es meist besser als du. Unfassbar, oder?

Da du nicht alleine dort sein wirst, gibt es bestimmte Regeln, die einzuhalten sind. Es beginnt damit, dass du dich nicht wie zu Hause benehmen kannst. Also: keine Jogginghose, kein lautes Aufstoßen und keine Bitte, dieses italienische Gedudel auszuschalten, weil du deine Playlist ja so viel besser findest! Bring auch bitte nicht deine eigenen Zutaten mit!

Noch was: Das Essen kostet. Ein Nachschlag auch. Nachspeisen ebenfalls. Jedes Getränk zusätzlich – und teilweise nicht wenig. Die Menschen, die alles zubereiten und an den Tisch bringen, leben nun mal davon. Ach ja: Wenn wir schon bei den Imperativen sind. Falls du dich fragst, wo du am besten essen gehen solltest: Check unseren Genuss-Guide: genussguide-hamburg.com!

 

Kulturerlebnisse ganz ohne Smartphone

 

Du willst nach deinem Restaurantbesuch ausgehen und etwas erleben? Etwas Großes? Etwas Unvergessliches? Wie wäre es mit einem Film?! Nein, nicht per Stream auf ihrem mickrigen Smartphone, Tablet, Laptop oder Flachbildschirm. Die Rede ist von einem echten Filmerlebnis auf der großen Leinwand, mit bombastischem, glasklarem Sound, mit Emotionen, die man mit allen Zuschauern im Raum teilt. Kurz: im Kino.

Es ist ein Unterschied, ob das Gesicht eines Marlon Brando in „Apocalypse Now“ eine überdimensionale Leinwand füllt oder ein Tablet im Bett, direkt neben der Chipstüte. Um es auf den Punkt zu bringen: Man kann Filme sehen oder sie erleben. Nur im Kino kann der Besucher sich ungestört von Messages, E-Mails und Social-Media-Posts, Anrufen und nervigen Nachbarn dem Film widmen.

Aber auch hier gelten Regeln: Hat man einmal einen Film ausgesucht, muss man diesen auch zu Ende gucken. Es nützt nichts, das Handy zu zücken, auf Stopp zu drücken und die weitere Zeit damit zu verbringen, die unzähligen Netflix-Listen durchzugehen, nur um am Ende festzustellen, dass der Abend schon rum ist. Auch ist es nicht erlaubt, sich selbst sein Popcorn und Getränke mitzubringen. Weingläser und Weinflaschen haben im Kino nichts zu suchen – es sei denn, du sitzt in der ASTOR Filmlounge und eine Servicekraft hat dir das Getränk gegen Bezahlung an den ledernen Luxussessel gebracht. In allen anderen Lichtspielhäusern gibt es Verkaufstresen, an denen Snacks und Getränke zu Preisen erworben werden können, die sich an der Größe der Leinwände zu richten scheinen.

Im Kino gibt es auch eine weitere bewährte Regel, an die man sich nach monatelangem Netflix, Amazon Prime, Disney+ und Apple TV+ gewöhnen muss: Wenn die eigene Freundin oder der eigene Freund zu Hause nicht sonderlich an deinen Zwischenbemerkungen interessiert war, dann kannst du dir sicher sein, dass es sich mit den Kinozuschauern nicht anders verhält.

Zu den im Falle einer wieder erlangten „Normalität“ gehörenden Freiheiten (nicht zu verwechseln mit „Freizeitaktivitäten“!) gehören: Musikkonzerte, Theaterstücke, Literaturlesungen, Kunstausstellungen, Museen, Festivals, Klubs, Sport, Reisen. Du kannst dich auch sozial engagieren, Familie und Freunde in großer Anzahl besuchen und treffen, mit anderen Menschen ins Gespräch kommen, diese kennenlernen, vielleicht sogar mit ihnen ausgehen – ganz ohne Tinder, Parship und Elitepartner.

Und vor allem kannst du dem Nichtstun frönen, was nur dann so richtig Spaß bringt, wenn es in Kontrast zu all den Möglichkeiten und Freiheiten steht, die das Leben in der Großstadt bietet. Irgendwann – das ist die große (Impf-)Hoffnung – wird es wieder so weit sein, auch wenn es zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch wie ein süßer Traum erscheint. Aber das Träumen wird ja mal erlaubt sein.


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Lessingtage 2021: „Es ist ein großes Experiment“

Die vom Thalia Theater und dem Königlichen Dramatischen Theater in Stockholm initiierten Lessingtage 2021 werden per Internet-Stream präsentiert. Kuratorin Nora Hertlein und Intendant Joachim Lux wünschen sich eine „paneuropäische Theatercouch“

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Herr Lux, wie schnell und leicht haben Sie die Entscheidung getroffen, die Lessingtage aufgrund des erneuten Corona-Lockdowns digital stattfinden zu lassen?

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Intendant des Thalia Theaters: Joachim Lux (Foto: Armin Smailovic)

Joachim Lux: Wir hatten uns bis November noch der Illusion hingegeben, die Lessingtage würden das erste Festival sein, bei dem europäische Kultur sich nach Corona wieder treffen kann. Dafür haben wir aus unserer Sicht eines der spannendsten Programme zusammengestellt, die wir je hatten.

Danach fällt es einem natürlich wahnsinnig schwer, das zu streichen. Im Rahmen von „mitos21“, einem Netzwerk europäischer Theatermacher, dem auch wir angehören, haben wir dann beschlossen, alles zu ändern und ein nicht kuratiertes Festival auf die Beine zu stellen, für das die Theater selbst entscheiden, welche Aufführungen sie zeigen möchten.

Frau Hertlein, als Kuratorin des internationalen Programms am Thalia Theater haben Sie im letzten Jahr zum ersten Mal die Lessingtage kuratiert. Wie hat sich Ihre organisatorische Arbeit für das Festival durch Corona verändert?

Nora Hertlein: Durch die Reiseeinschränkungen ist der Anteil von Theateraufführungen, die ich mir per Video Nora-Hertlein-Foto-Armin-Smailovic1angeschaut habe, massiv in die Höhe geschnellt. Wir haben unsere Kolleginnen und Kollegen in den unterschiedlichen Ländern gebeten, uns Aufnahmen von Inszenierungen zu schicken, von denen sie glauben, dass sie ihr jeweiliges Theater am besten repräsentieren.

Von den meisten Häusern haben wir, zwei bis drei Stücke zur Auswahl bekommen, wodurch ich die Möglichkeit hatte, noch einen kleinen kuratorischen Bogen zu spannen. Dabei kam es mir diesmal besonders auf die Herstellung von Kontexten und die dramaturgisch-inhaltliche Aufbereitung der Inszenierungen an. Auf unserer Homepage findet man Hintergrundmaterialien, Making-of-Videos, Interviews mit Regieführenden und kommentierende Texte.

 

Welten der Fantasie, der Freiheit und der Schönheit erschaffen

 

Wie gehen Theatermacher mit der gesellschaftlichen Fokussierung auf das Corona-Thema um? Muss das Theater in diesem Strom mitschwimmen, um interessant zu bleiben? Oder kommt es gerade jetzt darauf an, die Themenvielfalt zu wahren?

Lux: Ganz klar Letzteres. Das gilt auch für die zukünftige Arbeit. Es herrscht ja ein fast terroristischer Gestus dieses Virus vor, dem die Medien aus ökonomischen Interessen folgen, indem sie tägliche neue Überbietungsnachrichten präsentieren.

Ich glaube, die große Sehnsucht der Menschen zielt darauf, eine Gegenwelt zu erfahren. Welten der Fantasie, der Freiheit und der Schönheit zu erschaffen, das ist unsere Aufgabe. Das Theater wäre sehr schwach, wenn es nur versuchen würde, die aktuelle Situation zu spiegeln.

Hertlein: Wobei viele wichtige politische Themen durch die Pandemie an den Rand gedrängt werden. Es geht also nicht nur darum, eskapistisch andere Geschichten anzubieten, sondern um viele andere Probleme in der Welt, um die wir uns als künstlerische Institution kümmern wollen. Was passiert derzeit in Ungarn und Polen? Wie kann man den politischen Druck dort künstlerisch ins Blickfeld holen?

Lux: Wir hatten auch kurz überlegt, Live-Streamings der einzelnen Aufführungen anzubieten. Das war aber organisatorisch in der kurzen Zeit nicht möglich, was zugleich bedeutet, dass die meisten der gezeigten Aufführungen vor Corona entstanden sind. Nur unser eigener Beitrag ist in der Zeit der Pandemie entstanden: Christopher Rüpings „Paradies fluten / hungern / spielen“ möchten wir als Live-Stream anbieten.

Wie stark verändert sich der Charakter des Festivals dadurch, dass die Theater ihre Beiträge diesmal selbst ausgewählt haben?

Lux: Sehr stark. Wenn wir etwas aussuchen – wie es normalerweise geschieht –, fließt unser persönlicher Geschmack in die Auswahl ein. Diesmal wird sich aber möglicherweise herausstellen, dass man in anderen Ländern ganz andere ästhetische Wege geht als bei uns, die wir so stolz sind auf unsere großartige, avantgardistische Theaternationen – das sage ich jetzt mit Ironie. Europa ist sehr vielfältig und unterschiedlich. Gott sei Dank.

Hertlein: Gerade in dieser Zeit, in der die Grenzen geschlossen und wie physisch so immobil sind, wie schon lange nicht mehr, ist die Konfrontation mit ganz anderen Ästhetiken und Theatersprachen eine bereichernde Erfahrung und ein wichtiges Zeichen.

 

Identische Erfahrungen

 

Der Grundgedanke der Lessingtage ist die Verständigung von Kulturen und Religionen. Hat in Ihren Augen die Pandemie diese Verständigung eher vorangetrieben oder geschadet?

Lux: Was jetzt gerade passiert, hat es in der Geschichte der Menschheit überhaupt noch nie gegeben: dass ungefähr 10 Milliarden Menschen vollkommen identische Erfahrung durchmachen müssen. Das ist zugleich etwas Verbindendes, aber auch etwas Trennendes, weil viele Debatten gerade nicht geführt werden: Wie kommen privilegierte Nationen wie Deutschland durch die Krise mit einem ökonomischen Polster für jeden Einzelnen? Und wie stößt die Pandemie in anderen Teilen der Welt wie Südamerika oder Afrika die Menschen wirklich komplett in den Abgrund?

Während sich im Moment nur jeder um sich selber kümmert, wird sich die Frage der Solidarität wahrscheinlich bald noch sehr viel massiver stellen als ohnehin schon.

Das Motto der diesjährigen Lessingtage lautet „Stories from Europe“. Welche Geschichten werden da erzählt? Sie haben zum Beispiel zwei unterschiedliche Inszenierungen von Dostojewskis „Der Idiot“ im Programm …

Hertlein: Ursprünglich wollten wir nicht zwei gleiche Stücke zeigen, doch der starke Unterschied der Inszenierungen hat uns begeistert. Die Inszenierung von Mattis Andersson für das Königliche Dramatische Theater in Stockholm, unserem Koproduktionspartner, ist eine moderne Lesart, in der sich sehr zeitgenössische Figuren den Text aneignen.

Der russische Beitrag vom Theater der Nationen in Moskau ist komplett anders und orientiert sich an der Ästhetik des Cirque Noir. Hier konzentriert sich alles auf die Gesichter, die Körper und eine holzschnittartige Bildlichkeit in den Farben Schwarz, Weiß und Rot. Dadurch erzählt der junge Regisseur Maxim Didenko, ein absoluter Shooting-Star der russischen Szene, eine komplett andere Geschichte.

Und ihr persönlicher Favorit?

Hertlein: … kommt aus Antwerpen. Es handelt sich um eine Doppelvorstellung mit zwei zeitgenössischen Bearbeitungen antiker Stoffe: „Antigone in Molenbeek“ von Stefan Hertmans und „Tiresias“ von Kate Tempest.

Antigones Bruder, der aus Gründen der Staatsräson nicht bestattet werden darf, ein bei Hertmans, der die Handlung im Brüsseler Stadtteil Molenbeek ansiedelt, ein radikalisierter Islamist.

Lux: Wir erinnern uns, dass Molenbeek 2015 der Hotspot war, von dem die Pariser Anschläge unter anderem auf das Bataclan-Theater ausgingen.

Hertlein: Guy Cassiers hat das Stück als Monolog für eine Frau mit einem virtuellen Kammermusikensemble inszeniert, sodass die Schauspielerin mit der Musik von Schostakowitsch kommuniziert. „Teresias“ greift eine andere zeitgenössische Debatte auf: die Gender-Fluidität des Protagonisten, der zugleich Mann und Frau ist.

Sie haben auch ein Stück von Luigi Pirandello im Programm, ein italienischer Klassiker, der hierzulande nur selten inszeniert wird …

Hertlein: Spannend ist, dass „So ist es (wenn es Ihnen so scheint)“ in der Regie von Filippo Dini derzeit das erfolgreichste italienische Tourneestück im Ausland ist, das selbst in China Begeisterungsstürme ausgelöst hat, aber noch nie in Deutschland zu sehen war. Hier sieht man, wie ein junger Regisseur ein Stück, das eher eine Schmonzette ist, in einer grotesken Interpretation verwandelt.

 

Das Zeremoniell zu Hause

 

Herr Lux, in der Ankündigung der Lessingtage sprechen Sie von einer „paneuropäischen Theatercouch“. Was meinen Sie damit?

Lux: Mich fasziniert die Idee, dass sich Freunde und Bekannte aus Amsterdam, Moskau, Barcelona oder Stockholm miteinander verabreden und sozusagen „gemeinsam“ an einem bestimmten Tag eine Aufführung angucken, sich hinterher dazu austauschen, chatten oder per Zoom mit einem Glas Wein anstoßen und sich die Köpfe darüber heißreden, ob das jetzt eine gute Aufführung war. In einer Zeit, in der Kontakte nicht mehr möglich sind, kann das die Menschen auf eine schöne Weise miteinander verbinden.

Bieten Sie dafür auch eine digitale Plattform an?

Hertlein: Wir werden die Kommunikation mit dem Publikum über unsere sozialen Medien betreiben und wahrscheinlich auch einige Mitmach-Aktionen anbieten.

Lux: Man erlebt ja auch ganz lustige Szenen im Bereich des Streamings. Mir haben Freunde aus Amsterdam erzählt, wo Live-Streamings grundsätzlich entgeltpflichtig sind, dass ein Ehepaar sich zwei Karten anstelle von einer gekauft und sich auch etwas Anständiges angezogen hat – wie bei einem traditionellen Theaterbesuch.

Ist doch schön, wenn man auch zu Hause das Zeremoniell pflegt …

Hertlein: Aus diesem Grund haben wir uns auch entschlossen, die Stücke jeweils nur einen Abend zwischen 19 und 24 Uhr online zu stellen, damit das Gefühl des Einmaligen und Besonderen erhalten bleibt und der Wert dieser Aufführungen geschätzt wird.

Lux: Mit dieser Zeitspanne tragen wir auch den europäischen Zeitzonen für unsere Zuschauer von Moskau bis Paris Rechnung, die die Videos mit englischen Untertiteln präsentiert bekommen. Es ist ein großes Experiment, von dem wir nicht wissen, ob es funktionieren wird.

Und wer teilnehmen möchte, kauft sich ein Online-Ticket und meldet sich damit an?

Lux: Nur für unseren eigenen Live-Stream von „Paradies“ muss online eine Karte erworben werden, alles andere wird kostenfrei angeboten.

Lessingtage 2021
20.1.-31.1.2021, täglich 19-24 Uhr


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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YOU GIVE, WE GIVE – Hamburg hält zusammen

Hamburgs Kulturlandschaft leidet unter der Lockdown-Krise. Deshalb gibt es „YOU GIVE, WE GIVE – Hamburg hält zusammen“, ein neues Projekt, das die positive Macht und Reichweite sozialer Medien nutzt, um die Branche zu unterstützen

 

Ausgewählte Kulturbetriebe werden zur aktuellen Situation bei „YOU GIVE, WE GIVE – Hamburg hält zusammen“ interviewt und die Beiträge auf Instagram und Facebook veröffentlicht – mit der Idee, dass Clubs, Theater, Kinos und andere Kulturinstitutionen der Hansestadt für die Öffentlichkeit präsent bleiben und den Lockdown gut überstehen.

 

Altonaer Theater und Kammerspiele mit dabei!

 

In Interviews mit den Kulturschaffenden entsteht Platz für die Sonnen- und Schattenseiten der vergangenen Monate, für den Umgang mit den Corona bedingten Herausforderungen, für innovative Projekte, für Leidenschaft und Zusammenhalt in der Szene. Außerdem wollen die beiden Macherinnen Katrin Mengen und Isabella Hunstiger mit vereinten Kräften neue Impulse und Perspektiven entwickeln – Not macht erfinderisch, oder?!

Auch das Altonaer Theater macht mit: Ein Interview mit Intendant und künstlerischem Leiter Axel Schneider gibt’s hier:

 

Bei ihrem Besuch in den Hamburger Kammerspielen sprechen Katrin Mengen und Isabella Hunstiger mit dem Künstlerischen Leiter Sewan Latchinian und der Leitenden Dramaturgin Anja Del Caro und fördern zu Tage, was seit der Eröffnung des Hauses vor 75 Jahren zählt – die Wahrheit des Theaters, das gemeinsame Atmen der Theaterluft:

Für mehr Interviews folgt Katrin Mengen und Isabella Hunstiger auf Instagram!


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Goethe in den Kammerspielen: Geschlechterrollen auf dem Prüfstand

Mit ihrer eigenen Fassung von Goethes Schauspiel „Stella“ stellt die Berliner Regisseurin und Autorin Amina Gusner Geschlechterrollen auf den Prüfstand und untersucht mit viel Witz – und unter erschwerten Corona-Bedingungen – die kapitalistische Verformung romantischer Liebesmodelle

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Frau Gusner, Sie inszenieren Goethes Drama „Stella“: Cäcilie bittet im Haus von Stella um eine Anstellung für ihre Tochter Lucie. Dort trifft auch Fernando ein. Beide Frauen erkennen in ihm den seit vielen Jahren zurück­ ersehnten Ehemann beziehungsweise Liebhaber. Ist das Stück noch zeitgemäß?

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Will nie wieder unter Corona- Bedingungen arbeiten: Amina Gusner (Foto: Martin Mai)

Amina Gusner: Es geht um Menschen, die von der ständigen Sehnsucht nach Liebe angetrieben werden. Das passt in unsere neoliberalistische Zeit, in der wir immer die höchsten Gefühle haben wollen und enttäuscht sind, wenn sie sich nicht einstellen. Dann müssen wir weitersuchen, bis wir einen besseren Partner finden.

Der ewig suchende Mann und die ewig wartende Frau – unter diesem Aspekt habe ich auch meine eigene Fassung des Stücks erstellt.

Goethe selbst hat den Schluss seines Stücks dreißig Jahre später noch einmal umgeschrieben und quasi ins Gegenteil verkehrt …

Die erste Fassung endet mit einer Liebe zu dritt und wurde ausgebuht. Aber auch die Tragödienfassung, in der Stella und Fernando Selbstmord begehen, kam nicht gut an. „Stella“ war ein echter Flop.

 

„Ich glaube, dass wir von der romantischen Liebe aus dem 19. Jahrhundert träumen“

 

Goethe bietet unterschiedliche Liebeskonzepte an. Sind diese eins zu eins ins Hier und Jetzt übertragbar?

Heute stellt man natürlich die Genderfrage: Was ist typisch Mann, was typisch Frau? Ich glaube aber, dass wir immer noch von der romantischen Liebe aus dem 19. Jahrhundert träumen. Die Sehnsucht nach dem Happy End, dem richtigen Mann oder der richtigen Frau sitzt einfach in uns drin.

Ist Goethes Doppelehe aus der Früh­fassung ein Happy End?

Auf jeden Fall ist sie sehr modern. Cäcilie hat als Ehefrau einen ziemlich realistischen Blick auf die Sache. Wie viel Sex hat man nach so vielen Ehejahren noch? Sollen sie sich wirklich scheiden lassen, nur weil ihr Mann Fernando mit Stella eine Affäre hat? Stella hat das Geld, das Cäcilie fehlt, und Cäcilie hat das Kind, das Stella fehlt. Warum also nicht eine große WG aufmachen, in der jeder jeden mag und versteht? Das ist die positive Vision einer weitergedachten Patchworkfamilie. Ich kenne Leute, die gar nicht mal so unähnlich leben.

 

Moderne Geschlechterrollen

 

Sie haben „Stella“ ja schon einmal im Jahr 2014 inszeniert und an der Neuen Bühne Senftenberg und am Volkstheater Rostock aufgeführt. Nun proben Sie das Stück mit komplett neuer Besetzung …

Und ich inszeniere es auch anders – allein schon wegen Corona. Damals sind die Schauspieler in einem goldenen Käfig aufgetreten und waren deutlich jünger. Heute können wir auch nicht mehr so tun, als gäbe es die #MeToo-Debatte nicht.

Die Gender- und Rollen-Thematik greife ich vor allem mit der Figur von Cäcilies und Fernandos Tochter Lucie auf. Wir erzählen die Geschichte aus ihrer Perspektive. Lucie, die sich erinnert und das Ende erträumt, das sie sich wünscht.

Wenngleich das schöne Ende bei Goethe wie aus dem Hut gezaubert wirkt …

Goethe lässt sich oft schwer spielen, weil er immer lebensphilosophisch oder utopistisch denkt und die
Figuren dadurch oft sehr behauptet und hölzern wirken. Unser Anliegen ist es aber, den Zuschauern das Gefühl zu vermitteln, dass hier ihre eigenen Nachbarn zu ihnen sprechen. Wir wollen verstanden werden und sind dabei, Goethes Sprache für uns zu entdecken und sie so klingen zulassen, als würden sie uns gerade aus dem Maul fallen.

Hört man trotzdem den Originaltext?

Ja, wobei etwa ein Drittel des Textes von mir stammt. Mir war es wichtig, in diesem Zusammenhang das neoliberale Prinzip „besser, mehr und irgendwie schöner“ zu untersuchen. Gründet es in der unserer Biologie, im Narzissmus oder in der Konsumgesellschaft?

Kann es nach diesem Prinzip noch so etwas wie Treue, tiefes Vertrauen und langfristige Bindungen geben?

Das steht alles auf der Kippe. Früher fand ich es immer ganz furchtbar, wenn alte Menschen gesagt haben, Liebe ist auch Arbeit. Heute glaube ich, nirgendwo hat man so viele Möglichkeiten, sich als Mensch zu entwickeln, wie in einer Beziehung.

Niemand ist so ehrlich zu dir, wie dein Liebster – im Guten wie im Schlechten. Ich glaube, wir brauchen es, dass jemand uns spiegelt und wachsen lässt. Wenn ich aber das Interesse an dem anderen verliere, weil er plötzlich nicht mehr so ist, wie ich mir das wünsche, dann ist das auch eine Art Faulheit, an sich selbst zu arbeiten.

Sind die Frauen im Stück bereit, sich auf ihren Partner einzulassen?

Ich denke nicht. Sie wollen gerettet werden. Beiden Frauen wurden verlassen und haben schreckliche Schicksale hinter sich. Stellas Kind ist gestorben, sie lebt fern von ihren Eltern und schrammt latent am Wahnsinn vorbei. Sie ist total fokussiert auf Fernandos Rückkehr und bleibt dabei vollkommen passiv.

Ein sehr klischeehaftes Rollenbild …

Schrecklich! So ein Frauenleben scheint offensichtlich so unwichtig und langweilig zu sein, dass es darüber nicht mal ein Theaterstück gibt. Es gibt nur Stücke über Frauen, die sich in irgendeiner Weise mit Männern beschäftigen, während man den Männern immer tolle Ideen zuschreibt.

Das thematisieren wir auch auf der Bühne. Diese Selbstaufgabe, dieses Gerettet-werden-Wollen mit Liebe zu verwechseln, führt zu unmündigen Frauen, die Fernando gegenüber nur noch hochgradig indirekte Vorwürfe äußern können. Das ist das Klischee der Frau, die Kopfschmerzen hat, weil der Mann sie nicht so liebt, wie sie geliebt werden will. Das alles findet auf einer ganz kindlichen Ebene statt.

Keiner ist erwachsen. Eine neoliberale Gesellschaft, die sehr komisch wirkt, weil man ja auch selbst oft ganz unerwachsen ist und sich da wiedererkennt.

 

Theater und Corona

 

Goethe und Humor? Passt das zusammen?

Klar. Es ist wirklich lustig, wie Fernando immer mehr in Not gerät und sich im Laufe des Stücks um Kopf und Kragen redet. Was mir aber auch gefällt: Eigentlich ist es ein Stück für junge Schauspieler, aber bei uns sind alle 45 plus – außer Lucie.

Selten sieht man im Theater Frauen um die 50, die nicht nur die Mütter, sondern komplexe Figuren spielen dürfen. Schön ist aber auch, dass wir einen älteren Fernando haben. Ich stelle mir vor: Wenn der früher in den Raum kam, musste er nur „hallo“ sagen und die Frauen lagen flach. Jetzt muss er sich richtig anstrengen und überzeugt trotzdem nicht.

Sozusagen ein verhinderter Don Juan …

Genau, und das ist extrem witzig. Ich lebe in Berlin-Mitte und die Jungs der 1990er Jahre sind alle mit mir älter geworden. Damals wollten sie cool sein, sich nicht binden und haben geraucht, was das Zeug hielt. Heute sitzen sie immer noch hier herum und sind ganz einsame Wölfe, weil sie niemand mehr umschwärmt. Alles alleinstehende Männer, die den Absprung verpasst haben.

In der Ankündigung zum Stück steht, Sie haben die unterschiedlichen Schlussteile der beiden Fassungen zusammengeführt. Wollen Sie Näheres verraten?

Das soll eine Überraschung bleiben.

Vielleicht nur so viel: Gibt es Tote auf der Bühne?

Vorübergehende Tote. Und auch Blut.

Dann wünsche ich Ihnen, dass die Premiere am 18. Januar trotz Corona stattfinden kann. (Anm. d. Red.: Das Theater ist Corona-bedingt bis 31. Januar geschlossen. Die Premiere von „Stella“ wurde auf den 3. Februar 2021 verschoben.)

Das hoffe ich sehr. In den Theatern wurden die Viren ja überhaupt nicht verbreitet, weil es dort gute Sicherheitskonzepte gibt. Dass die Häuser wieder schließen mussten, ist wirklich eine ungerechte Nummer.

Die Proben sind sicher nicht einfach …

Es ist eine große Herausforderung, ein Stück zum Thema Liebesumklammerungen mit Corona-Abständen
zu proben. Das ist eine total theaterfeindliche Sache, denn auf der Bühne geht es immer um Nähe und Austausch und gemeinsames Kreieren. Ich habe zwar ein tolles Ensemble, das alles ganz tapfer mitmacht, aber das sind Bedingungen, unter denen ich nie wieder arbeiten möchte.

Kammerspiele
03.02.2021, 19:30 Uhr (Premiere)


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