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Marc Martel: „Ich wollte keinen falschen Schnurrbart”

Mit One Vision of Queen feat. Marc Martel kehrt eine Tribute-Show der Extraklasse zurück. Im Zentrum steht die stimmliche Reinkarnation Freddie Mercurys: Marc Martel. Ein Gespräch mit ihm über Queen, die Kunst Freddie zu sein und eigene künstlerische Ambitionen

Interview: Noemi Smethurst

 

SZENE HAMBURG: Marc Martel, seit 30 Jahren weilt Freddie Mercury nicht mehr unter uns. Wir beide gehören leider nicht zu der Generation, die ihn noch erleben durfte.

Marc Martel: Ja, ich habe es knapp verpasst.

Aber waren deine Eltern Fans von Queen?

Nein, ganz und gar nicht. Ich weiß nicht einmal, ob meine Eltern wussten, dass es Queen gab. Ich hatte vor meiner Arbeit mit ihnen ehrlich gesagt auch noch nie von Queen gehört. Als ich den Song „Bohemian Rhapsody“ zum ersten Mal hörte, war mir bewusst, dass der Song toll war, aber erst in den späten 90er Jahren wusste ich, wer Queen wirklich waren. Ich weiß noch, dass ich dachte: „Das ist ein komischer Name für eine Band, die nur aus Jungs besteht.“

Deine Eltern haben Queen also erst durch dich kennengelernt?

Ja, als ich 1999 meine erste Band hatte, sagten mir die Leute, dass ich wie Freddie Mercury klänge. Und Anfang der 2000er Jahre habe ich angefangen, Queen zu suchen und zu hören. Und ich glaube, da wurden auch meine Eltern zu Fans.

Wie haben sie reagiert, als du den Auftrag als Sänger im Film „Bohemien Rhapsody“ bekommen und Rami Malek deine Stimme geliehen hast?

Meine Eltern haben mich als Musiker immer super unterstützt. Sie sind der Grund, warum ich zur Musik gekommen bin. Meine Mutter ist die Pianistin und Chorleiterin in der Kirche, in der mein Vater Pastor ist. Ich bin mit dem Singen in der Kirche aufgewachsen. Schon mit fünf oder sechs Jahren habe ich angefangen, dank meiner Mutter, Klavier zu spielen. Und da mein Vater Pastor war, hatte ich immer eine Bühne, wenn ich sie brauchte. Ich mag es also, wenn die Leute auf mich aufmerksam werden (lacht).

 

Ein Weg für die Zukunft

 

Marc Martel als Sänger von „One Vision of Queen feat. Marc Martel“ (Foto: Semmel Concerts)

Marc Martel als Sänger von „One Vision of Queen feat. Marc Martel“ (Foto: Semmel Concerts)

Schon vor deiner Zeit mit Queen und der Tribute-Band kamen viele Leute auf dich zu und haben dir gesagt, dass du wie Freddie Mercury klingst. Gab es einen bestimmten Punkt, an dem auch du diese Erkenntnis hattest und dachtest, du könntest damit etwas anfangen?

Das kam erst, als Roger Taylor (Schlagzeuger von Queen; Anm. d. Red.) beschloss, seine eigene Tribute-Band zu gründen. Davor dachte ich: „Oh, es ist schön, mit einem der größten Sänger aller Zeiten verglichen zu werden.“ Natürlich ist das ein großes Kompliment. Aber ich hätte ehrlich gesagt nie gedacht, dass daraus etwas werden würde. Ich dachte, das Einzige, was ich tun muss, ist, mich mit der Tatsache abzufinden, dass, egal was ich singe, die Leute immer jemand anderen hören. Denn selbst wenn ich versuchte, nicht wie Freddie zu klingen, machte das keinen Unterschied.

Ich erinnere mich an einige Momente, in denen ich, bevor meine Band und ich auf die Bühne gingen, um unsere eigene Musik zu spielen, sagte: „Okay, Leute, heute Abend werde ich wie Marc Martel klingen. Mein Ziel ist es, heute Abend keine Vergleiche mit Freddie Mercury zu bekommen“, aber das hat nie funktioniert. Also bin ich einfach so, wie ich bin. Es kommt ganz natürlich, und als ich dann in Roger Taylors Band kam, wurde mir klar: „Oh, weißt du, das könnte dein Weg für die Zukunft sein.“

Du klingst also von Natur aus wie Freddie. Gibt es irgendetwas, was dir Gesangslehrer gesagt haben, das dir helfen könnte, noch mehr wie er zu klingen?

Auf jeden Fall. Jeder Künstler ist anders, auch wenn zwei Menschen mit genau der gleichen Stimme geboren werden, werden sie unterschiedliche künstlerische Entscheidungen treffen. Wenn ich also die Songs von Queen singe, treffe ich die Entscheidungen, die Freddie künstlerisch getroffen hat. Wenn man mir hingegen die Musik zu einem Queen-Song geben würde und ich den Song noch nie gehört hätte und nur die Noten ablesen würde, würde ich ihn auf meine eigene Art singen. Aber das Singen dieser Musik hat mich definitiv zu einem viel besseren Sänger gemacht. Ich habe hier und da ein paar Gesangstunden genommen, und vor allem letztes Jahr, als wir in Deutschland waren, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben meine Stimme verloren.

Das muss schrecklich gewesen sein…

… ja, das war es. Was auch immer es war, ich konnte etwa zwei Wochen lang überhaupt nicht singen. Also mussten wir fünf Shows der Tournee verschieben, die wir jetzt 2022 nachholen werden. Während dieser Zeit, in der ich tagelang nur im Hotel saß, habe ich eine fantastische Gesangslehrerin in Nashville kontaktiert, eine Freundin von mir, und sie gab mir ein paar Tipps, wie ich meine Stimme so einsetzen kann, dass ich nicht so müde werde. Ich glaube, dass ich dadurch sogar noch mehr wie Freddie Mercury klinge (lacht). Das zeigt mir, dass er einfach ein Händchen und einen Instinkt dafür hatte, seine Stimme richtig einzusetzen. Mir wurde im Laufe der Jahre von vielen Gesangslehrern gesagt, dass ich meine Stimme richtig einsetze. Ich mache das schon seit 20 Jahren, aber gerade im letzten Jahr haben mich die Dinge, die ich in meine Technik eingebaut habe, besser gemacht, und ich hoffe, dass ich auch weiterhin immer besser werde.

 

„Freddie Mercury hatte eine tolle Arbeitsmoral“

 

Gesangslehrer können Sängern schon sehr viel helfen, indem sie einem nur sagen, wie man die Luft auf eine bestimmte Art und Weise spürt.

Vieles davon ist mental. Ich erinnere mich, als ich in Roger Taylors Band „The Queen Extravaganza“ anfing, zu singen, habe ich nicht einmal das ganze Konzert gesungen. Ich habe vielleicht 30 Prozent des Konzerts gesungen, weil wir mehrere Leadsänger hatten. Jetzt singe ich die ganze Show, und es fällt mir leichter als damals. Das ist sehr ermutigend.

Gibt es eine Sache, die Freddie mit seiner Stimme gemacht haben könnte, die dir besonders auffällt?

Nun, Freddie Mercury war berüchtigt dafür, dass er mit seiner Stimme nicht vorsichtig war. Wenn man auf YouTube geht, findet man Aufnahmen von ihm, bei denen man hört, dass seine Stimme einfach nicht funktioniert, aber er ist trotzdem da und macht seinen Job. Er hatte eine tolle Arbeitsmoral. Seine Stimme hat etwas leicht Raspelndes. Um das zu erreichen, muss man daran denken, viel Luft durch die Stimmbänder zu pressen. Beim Singen geht es darum, den Atem zu kontrollieren. Ich hatte instinktiv immer eine ziemlich gute Atemkontrolle. Aber wenn ich die Musik von Freddie Mercury singe, kann ich meinen Atem noch besser kontrollieren, eine Sache, die ich immer im Hinterkopf behalte.

 

„An mir wird jetzt ein anderer Maßstab angelegt“

 

Es muss auch sehr schwer sein, in den Registern zu singen, in denen er gesungen hat. Schätzungsweise gibt es nicht viele Menschen auf der Welt, die diese Register überhaupt singen können, geschweige denn jede einzelne Nacht über mehrere Wochen hinweg. Hattest du schon immer einen großen Tonumfang?

Ja, aber ich habe meinen Tonumfang auf jeden Fall ausgeweitet. Ich bin jetzt über 40 und ich erinnere mich, dass ich als Teenager nicht so hoch singen konnte wie jetzt. Die menschliche Stimme ist wie ein Muskel. Wenn man an ihr arbeitet, wird sie stärker. Singen hat viel mit dem Körper zu tun. Es ist aber auch mental anspruchsvoll. Ich hatte schon immer eine höhere Stimme und als ich das erste Mal „Bohemian Rhapsody“ hörte, dachte ich: „Ist der Sänger ein Mann oder eine Frau?“ Denn am Anfang hat er so eine leichte, luftige, hohe Stimme. Ich habe erst im Laufe des Liedes gemerkt, dass es ein Mann war. Das hat mir als junger Sänger das Selbstvertrauen gegeben, mich auf meine höhere Stimme zu stützen. Ich musste nicht so tun, als wäre ich ein Macho. Denn zu der Zeit stand ich total auf Pearl Jam mit dieser knurrigen, tiefen Stimme. Aber das ist einfach nicht das, wofür ich von Natur aus gemacht bin.

Auch Freddie hatte eine höhere Stimme, aber er schrieb auch Songs, die selbst für ihn eine Herausforderung waren. Da gab es Töne, die er nicht unbedingt live singen konnte. Er hat sie im Studio gesungen und kam dann auf die Bühne und sagte: „Ich singe diese hohe Note nicht. Ich werde einfach eine tiefere Version davon singen.“ Das war völlig in Ordnung, denn er hat diese Musik geschrieben. An mir wird jetzt ein anderer Maßstab angelegt, weil ich diese Musik nicht geschrieben habe. Die Leute kommen zu meiner Show und erwarten, dass ich sie so singe, wie sie sie von den Aufnahmen kennen. Ich muss also wirklich darauf achten, dass ich gut drauf bin, genug schlafe und genug Wasser trinke.

Wenn du in der Zeit zurückreisen könntest und einen Queen-Moment erleben dürftest, welcher Moment wäre das? 

Ich wäre gerne dabei gewesen, als sie „Bohemian Rhapsody“ zum ersten Mal live aufgeführt haben, also, bevor es ein Hit wurde. Diesen Song zu erleben und zu sagen: „Was ist das für ein Ding? Es ist so seltsam, aber es funktioniert irgendwie.“ Das hätte ich gerne erlebt.

Am 16. Februar 2022 kommt „One Vision of Queen“ auch nach Hamburg (Foto: Semmel Concerts)

Am 16. Februar 2022 kommt „One Vision of Queen“ auch nach Hamburg (Foto: Semmel Concerts)

 

Der erste Auftritt

 

Hast du jemals mit allen Queen-Bandmitgliedern, bis auf Freddie natürlich, gemeinsam gespielt?

Ich habe leider nie mit John Deacon (Bassist von Queen; Anm. d. Red.) gespielt, aber ich habe die Bühne mit Roger Taylor und Brian May (Gitarrist von Queen; Anm. d. Red.) teilen dürfen. Mein erster Live-Auftritt mit Queen war 2012 bei „American Idol“, Roger und Brian haben uns bei „Somebody to Love“ begleitet.

Wie ist es, mit diesen Legenden zu spielen?

Es ist verrückt. Das einzige andere Mal, dass ich mit Roger aufgetreten bin, war bei einem Festival in England vor fünf oder sechs Jahren. Wir haben zusammen „Under Pressure“ gespielt. Roger war mein Chef und ich wollte es für ihn gut machen, denn er hat viel von seiner Zeit, seinem Geld und seiner Kreativität in diese Band investiert. Und dann, gleich nachdem ich „Under Pressure“ mit Roger gesungen hatte, ging ich von der Bühne, doch Roger folgte mir nicht. Er ging hinter das Schlagzeug und fing an, auf das Schlagzeug zu klettern. Ich hatte ungefähr fünf Sekunden, in denen ich mir dachte: „Was zum Teufel macht Roger? Wieso klettert er auf das Schlagzeug? Oh, ja, er ist ein legendärer Schlagzeuger! Er ist nicht nur mein Boss!“ (lacht) Es war ein stiller Moment im Sinne von „Oh, ich komme mir so dumm vor“. Ich kenne ihn mehr als meinen Chef, aber viel weniger als das, wofür er wirklich bekannt ist.

 

„Die Sahne steigt eben immer nach oben“

 

Was glaubst du, warum die Musik von Queen auch heute noch so viel Anklang bei den Menschen findet – auch bei jüngeren?

Nun, die Sahne steigt eben immer nach oben. Ich meine, die Musik, die wir aus der Zeit vor der Geburt unserer Eltern kennen, ist die beste Musik der damaligen Zeit. Wir kennen die besten Kompositionen von Beethoven, Bach und Mozart, weil sie die besten waren. Ich glaube, was Rock betrifft, hat es niemand besser gemacht als Queen. Meiner Meinung nach ist die Musik von Queen interessanter als die der Beatles, aber die Beatles haben Queen beeinflusst, also ist es schwer, die beiden zu trennen. Freddie selbst war so rätselhaft, er war das genaue Gegenteil von John Lennon und Paul McCartney. Er hatte keine Berührungsängste auf der Bühne und war mit sich selbst völlig im Reinen. Jedes Mal, wenn man bei einem Video von Freddie auf Pause drückt, macht er immer eine Art Superhelden-Pose mit der Faust in der Luft oder mit gespreiztem Adler. Er hat seinen ganzen Körper eingesetzt. Er war ein echter Künstler, zu 100 Prozent. Ich denke, das inspiriert die Leute. Freddie war das Gesamtpaket und das ist so selten. Es ist mittlerweile 30 Jahre her, dass er gestorben ist, und ich kann mir niemanden vorstellen, der je wieder so war.

Wie viel von deiner Performance ist Freddie Mercury und wie viel davon ist Marc Martel?

Ich versuche, auf der Bühne auf einem sehr schmalen Grat zu wandeln. Der Grund, warum ich 2011 in Roger Taylors Band, The Queen Extravaganza, eingestiegen bin, war, dass wir nicht vorgeben sollten, jemand anderes zu sein. Sie baten uns nicht, uns zu verkleiden. Ich wollte keinen falschen Schnurrbart oder eine gelbe Jacke tragen, ich wollte ich selbst sein, der die Musik von Queen spielt. In den letzten 10 Jahren habe ich so viele coole Sachen gemach: Ich durfte in „Bohemian Rhapsody“ singen, bin um die ganze Welt gereist und habe so viele verschiedene Leute getroffen. Das Ganze habe ich dem zu verdanken, dass mir schon als Teenager Leute gesagt haben, dass ich wie Freddie klinge. Diese Geschichte kann ich jeden Abend auf der Bühne erzählen.

„Die Welt dürstet nach jemandem, der wie Freddie klingt“ (Foto: Semmel Concerts)

„Die Welt dürstet nach jemandem, der wie Freddie klingt“ (Foto: Semmel Concerts)

Jeder Queen-Fan hat eine andere Beziehung zu dieser Musik und ich kann hoffentlich in gewisser Weise nachvollziehen, wie die Musik von Queen ihr Leben beeinflusst oder sogar verändert hat. Es macht eine Menge Spaß und es ist eine wirklich coole Art, einer Band Tribut zu zollen. Ich mag es, dass ich dabei ich selbst sein kann. Diese Musik braucht niemanden, der sie am Leben erhält. Sie lebt von selbst, ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Queen immer noch auf Tournee sind. Aber die Welt dürstet nach jemandem, der wie Freddie klingt und Freddies Musik singt, und es macht mir Spaß, das zu tun.

Arbeitest du immer noch an deiner eigenen Musik?

Das ist auf jeden Fall immer noch ein Teil meines Lebens. Aber ich habe schon seit ein paar Jahren keine eigene Musik mehr veröffentlicht. Ich mache jedes Jahr eine Pause von Queen. Im November habe ich ein neues Weihnachtsalbum rausgebracht. Darauf singe ich sogar ein Duett mit Arnel Pineda, der seit 2007 Frontmann der Band Journey ist. Der Typ, der wie Steve Perry klingt, und der Typ, der wie Freddie Mercury klingt, singen zusammen „Last Christmas“ von Wham!.

 

„Ein Künstler wächst nicht mit der Hoffnung auf, die Musik eines anderen zu singen“

 

Siehst du diese Ähnlichkeit mit Freddies Stimme eigentlich als Segen oder als Fluch?

Ein Künstler, insbesondere ein Songwriter, wächst nicht mit der Hoffnung auf, die Musik eines anderen zu singen. Und wie es der Zufall so will, hat Freddie Mercury das als erster getan. Er kam vor mir und er hat mit den Gaben, die er hatte, einen großartigen Job gemacht. Es ist ein guter Lebensunterhalt für mich und meine Familie. Ich bin sehr dankbar dafür. Wenn man schon die Musik eines anderen aufführt, dann sollte es auch Musik sein, die einen auf Trab hält, die anspruchsvoll und schwierig ist. Wir dürfen als Band nicht faul werden, wir müssen ständig der Musik gerecht werden. Ich habe wirklich das Gefühl, dass ich mich damit zurechtgefunden habe.

Also wird es für euch nie langweilig, diese Hits zu spielen?

Wir versuchen, es frisch zu halten. Bei der nächsten Tour werden wir zum Beispiel drei oder vier Songs mitbringen, die beim letzten Mal noch nicht dabei waren, einfach, um Abwechslung zu schaffen. Ich versuche wirklich, mich in die Lage der Leute zu versetzen, die sich die Show ansehen wollen. Sie kommen, um etwas zu erleben. Ich mache das nicht für mich selbst, das würde sehr schnell langweilig werden. So versuche ich mir vor Augen zu führen, dass ich den Leuten, die für unsere Shows Geld bezahlen, jeden Abend aufs Neue eine unvergessliche Zeit biete.

„One Vision of Queen feat. Marc Martel“, 16 Februar 2022, 20:00 Uhr in der Barclays Arena

 Wir verlosen 2×2 Tickets!


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Theater: Der Tod in Venedig

Im Thalia an der Gaußstraße ist Thomas Mann in „Der Tod in Venedig“ im Gespräch mit sich selbst

Text: Dagmar Ellen Fischer

Pfeifend schlendern vier Thomas Manns auf die Bühne. Oder ist es vier Mal Gustav von Aschenbach? Wie viel vom Autor im Protagonisten der Novelle „Der Tod in Venedig“ steckt, rätselten Leser schon vor gut hundert Jahren. Auch Bastian Krafts Inszenierung spielt mit der Vermutung, dass sich der Literat in diesem Text selbst porträtiert – und setzt noch einen drauf: Thomas/Gustav lässt er von vier Schauspielerinnen verkörpern: Sandra Flubacher, Karin Neuhäuser, Oda Thormeyer und Victoria Trauttmansdorff werden mit grauem Herrenanzug, Brille, kurzen Haaren und Schnurrbart identisch verkleidet und perfekt vermännlicht.

Ein Geniestreich im Thalia Gauß

Der Regisseur jongliert souverän mit mehreren Ebenen: Einerseits erzählt er nach wie vor die Geschichte des alternden Künstlers von Aschenbach, der für einen 14-Jährigen entflammt und jegliche Würde verliert. Parallel dazu fantasiert er aber auch den Entstehungsund Wortfindungsprozess des Schriftstellers Thomas Mann hinzu. Das gelingt mit sparsam gesetzten Kommentaren (letztlich wird fast ausschließlich im O-Ton der Novelle gesprochen), doch die reichen aus, um sowohl die Blumigkeit der Sprache als auch die Selbstverliebtheit des männlichen Künstlertums jener Zeit behutsam anzukratzen. Als einzige legt Trauttmansdorff nach einer Weile den Anzug ab und mutiert im Matrosen-Outfit zu Tadzio, dem Objekt der Begierde.

Alle weiteren für die Handlung notwendigen Personen tauchen als Projektion auf der Bühnenrückwand auf, in diesen Filmsequenzen ebenfalls gespielt von den vier Darstellerinnen und dank unglaublicher Maskenbildnerkunst noch einmal vollkommen verwandelt. Venedig und die todbringende Seuche machen sich auf der Bühne durch stetig zufließendes Wasser breit, bis am Ende die gesamte Fläche geflutet ist. Dieser pausenlose 90-minütige Abend ist nichts Geringeres als ein Geniestreich.

„Der Tod in Venedig“ im Thalia Gauß, 10. Februar 2022 und weitere Termine


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 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Helmut: „Irgendwie hat mich der ganze Mist gepackt“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Helmut begegnet.

Protokoll: Rosa Krohn

 

„Eigentlich wollte ich immer Germanistik studieren, habe es auch angefangen. Ich lese für mein Leben gern, aber die Bücher in einzelne Teile zu schneiden und in alles hinein zu interpretieren… Nach zwei, drei Semestern hab´ ich´s dann geschmissen und erstmal gejobbt. Irgendwann kam mein Vater auf mich zu und sagte, es wäre an der Zeit, etwas Sinnvolles zu tun, am besten sei doch der öffentliche Dienst.

Ich habe mich damals mit der wahrscheinlich schlechtesten Bewerbung aller Zeiten beworben. Ich wollte den Job nicht haben. Ich bin hingegangen und habe mir wirklich große Mühe gegeben, möglichst desinteressiert zu wirken und dann haben die mich trotzdem eingestellt. Irgendwie hat mich der ganze Mist dann gepackt. Jetzt arbeite seit 30 Jahren als Beamter bei der Berufsgenossenschaft, Träger der gesetzlichen Unfallversicherung. Wir entschädigen bei Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten. Es ist ein sozialer Beruf, bei dem man Menschen wirklich helfen kann. Man nimmt ihnen die bürokratischen Angelegenheiten ab – fährt hin, redet mit ihnen und fragt sie, was sie brauchen. Wenn sich die Leute darauf einlassen, bekommt man wirklich viel zurück.

 

„Die Formalitäten waren plötzlich unwichtig“

 

Es gab da zum Beispiel mal ein älteres Ehepaar, bei dem ich regelmäßig vorbeigefahren bin. Die Besuche waren eigentlich sinnlos, denn die beiden waren gut eingestellt und aufgeräumt. Sie waren immer sehr gastfreundlich und baten mir Kaffee und Kekse an. Als sie merkten, dass ich Süßes gar nicht mag, kauften sie extra getrocknete Apfelringe für mich. Die habe ich dann immer gegessen, obwohl ich die auch nicht mochte. Die beiden kabbelten sich herrlich wie Waldorf und Statler aus der Muppetshow. Nach zwei Stunden ging ich und habe eigentlich nichts Anderes gemacht, als ihnen zuzuhören. Es war einfach schön. Der Mann hatte damals aufgrund einer zurückliegenden Krebserkrankung Rente von uns bekommen.

Fünf Jahre später mussten wir die Rente herabsetzen, das ist ein formeller Ablauf. So schrieb ich das Paar an und informierte sie. Als der Mann mich anrief, befürchtete ich seine wütende Reaktion. Aber er sagte: ‚Ach wissen Sie, ich hab´ Ihr Schreiben gekriegt, aber eigentlich ist das egal. Ich war heute beim Arzt, der Krebs ist zurück.‘ Diese ganzen Formalitäten waren plötzlich völlig unwichtig. Er verstarb nach wenigen Monaten. Es war furchtbar traurig, denn man kennt halt die Leute. Aber so ist der Lauf der Dinge.“


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Volker Lechtenbrink ist gestorben – ein Nachruf

Mit ihm verliert Hamburg einen seiner beliebtesten Schauspieler – er wollte einfach nur spielen

Text: Felix Willeke

 

Eines Tages beim Schlachter Striga in der Alsterdorfer Straße: Drei Damen stehen in der Schlange und der Schlachter sagt: „Meine Damen, sie sind dran“, „ne, ne, danke“, entgegnen diese, „wir warten noch ein bisschen, bis Herr Lechtenbrink bestellt hat, wir hören seine Stimme so gern.“ Kaum eine Anekdote wie diese, die Volker Lechtenbrink 2018 in der NDR-Talkshow „3nach9“ erzählte, beschreibt den Schauspieler so gut. Volker Lechtenbrink ist am 22. November 2021 im Alter von 77 Jahren im Kreise seiner Familie verstorben.

 

Theater, Film und Musik

 

Volker Lechtenbrink in „Der Hauptmann von Köpenick“ 2010 am Ernst Deutsch Theater (Foto: Oliver Fantitsch)

Volker Lechtenbrink in „Der Hauptmann von Köpenick“ 2010 am Ernst Deutsch Theater (Foto: Oliver Fantitsch)

Das Multitalent, das nur „spielen“ wollte, wie er selbst einmal sagte, wuchs in Hamburg auf und besuchte die Gelehrtenschule des Johanneums. Mit nur 14 Jahren feierte er als Schauspieler 1959 in dem Film „Die Brücke“ unter der Regie von Bernhard Wicki, seinen Durchbruch. Es folgte eine Schauspielausbildung an der Hochschule für Bildende Künste und am Hamburger Schauspielstudio Freese.
Danach hatte Lechtenbrink Engagements an Theatern in Hannover, Köln, Berlin, München und Hamburg. Er trat auch immer wieder in Fernsehserien auf, darunter „Derrick“, „Ein Fall für zwei“ oder in den Verfilmungen der „Rosamunde Pilcher“- und „Inga Lindström“-Reihen. Dazu lieh er vielen großen Schauspielern seine Stimme, beispielsweise als deutsche Synchronstimme für Kris Kristofferson und Burt Reynolds. Neben Theater und Film war das Multitalent Lechtenbrink auch als Musiker erfolgreich, er schrieb Lieder für Peter Maffay und veröffentlichte selbst über zehn Alben.

 

Hamburg als Heimat

 

Seine Liebe gehörte aber immer seiner Hamburger Heimat und dessen Theater. „Besonders die Hamburger Bühnen verdanken ihm unvergessliche Abende“, sagte Kultursenator Dr. Carsten Brosda. Verbunden war Lechtenbrink insbesondere dem Ernst Deutsch Theater. Hier arbeitete er immer wieder als Schauspieler und Regisseur. Von 2004 bis 2006 übernahm er sogar die Intendanz des Hauses. Carsten Brosda zitiert als Abschiedsgruß auf Twitter einige Zeilen aus Lechtenbrinks erfolgreichstem Lied „Ich mag“: „Ich mag Bilder von Margitte / Schwimmen ohne mit / Barfuß gehen durchs Watt / Hamburg, meine Stadt / All das mag ich und ganz doll dich.“


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„Ich will dahin, wo ich früher im Sand gelegen habe“

Horst Hahn ist gelernter Seemann, Kaufmann und Bestatter. 1972 hat er die heute älteste Seebestattungsreederei Deutschlands gegründet. Ein Gespräch über die immer beliebter werdende Art der Bestattung, Hahns Weg auf See und den Wunsch für seine eigene Beerdigung

Interview: Felix Willeke

 

SZENE HAMBURG: Herr Hahn, wann waren Sie das letzte Mal auf See?

Horst Hahn: Vor ein paar Tagen habe ich eine Urne in die Lübecker Bucht rausgebracht.

Wie sind Sie Seebestatter geworden?

Ich bin schon fast 90 Jahre alt und im Krieg groß geworden. Mein Großvater und mein Onkel waren Seemänner, der Beruf wurde mir damit in die Wiege gelegt. Doch nach dem Krieg gab es in Flensburg, wo ich aufgewachsen bin, kaum Arbeit. Deswegen habe ich das Erstbeste gemacht und eine Lehre zum Kaufmann begonnen. Der Beruf hat mich aber schnell gelangweilt. Ich wollte zur See fahren und habe in Bremen bei der Hansa-Reederei als Lehrling angeheuert. In den freien Monaten habe ich Theorie gebüffelt und so wurde ich irgendwann Matrose und bekam mein Patent. Aber ich wollte auch eine Familie an Land gründen und deswegen kam mir das Angebot ganz recht, das Geschäft von meinem Onkel zu übernehmen. Mein Onkel Hans war Bestatter. Ich machte also in Hamburg-Ohlsdorf eine Lehre zum Bestatter und – ausgebildeter Kaufmann war ich ja schon – übernahm das Geschäft meines Onkels. Heute gehört das Unternehmen meinem Sohn, der es in Ammersbek vor den Toren der Stadt weiterführt.

Und wie ging es bei Ihnen weiter?

Nachdem ich ein Haus gekauft und eine Familie gegründet hatte, sprach mich Ende der 1960er-Jahre eine Familie an: Der Großvater war verstorben und sie wollten ihn gerne auf See bestatten lassen. Damals war eine Seebestattung ehemaligen Marinesoldaten und Wasserschutzpolizisten vorbehalten. Ich wollte den Wunsch des Verstorbenen trotzdem erfüllen und habe die Urne mit meinem privaten Segelboot in der Lübecker Bucht beigesetzt. Daraus entstand die Idee, die Seebestattung auszubauen und 1972 habe ich schließlich den Vorgänger der heutigen Seebestattungs-Reederei-Hamburg Kapitän Horst Hahn gegründet.

 

Von der Urne ins Wasser

 

Wie läuft eine Seebestattung denn heute ab?

Erst mal genauso wie eine Urnenbeisetzung: Der Tote wird im Krematorium bei 800 bis 1400 Grad verbrannt, die übrig gebliebenen Knochen werden in einer Mühle, die man sich wie eine überdimensionierte Kaffeemühle vorstellen kann, gemahlen und das Granulat wird in eine Blechurne gefüllt, in die Name und Lebensdaten des Verstorbenen eingraviert werden. Bei einer Urnenbeisetzung folgt dann die Trauerfeier. Wir lassen die Urne an die Ostsee nach Travemünde bringen. Hier findet sich dann die Trauergesellschaft für die Beisetzung ein und wir fahren mit ihnen für etwa anderthalb Stunden aufs Meer. Wenn wir nach ungefähr 30 Minuten den Ort der Beisetzung erreicht haben, stellt sich der Kapitän am Heck des Schiffes an eine Glocke, sagt ein paar Worte und läutet acht Mal. In der Seefahrt heißt das Glasen – acht Glasen für das Ende einer Wache gilt auch als Symbol des Übergangs vom Leben zum Tod, wir haben diese Tradition für die Seebestattung übernommen. Anschließend wird die Urne sanft ins Wasser gelassen und die Angehörigen werfen zum Abschied Blütenblätter. Das Schiff umkreist die Stelle der Beisetzung drei Mal und kehrt dann mit einem langen, lauten Abschiedston in den Hafen zurück.

Das heißt, es gibt keine Musik, keinen Kranz und keine Trauerrede?

Doch, theoretisch ist das alles möglich. Für die Beisetzung fahren wir mit maximal zwölf Gästen raus, zu denen auf Wunsch auch Trauerredner, Fotograf oder Akkordeonspieler gehören kann. Auf individuelle Musikwünsche gehen wir dabei auch ein. Einen Kranz können wir auch mitnehmen, dieser wird aber nicht wie früher ins Meer geworfen.

 

Nachhaltigkeit

 

Warum nicht?

Weil Kränze umweltschädlich sind und schwimmen. Vor 20 Jahren hat sich mal ein Bürgermeister beschwert, dass bei ihm die Menschen am Strand liegen und ständig Kränze von Seebestattungen angespült werden, das geht natürlich nicht. Deswegen setzen wir heute auf Blütenblätter.

Blütenblätter, aber Blechurnen?

Nein, wir setzen keine Blechurnen bei. Aus Umweltschutzgründen füllen wir das Granulat des Verstorbenen, das umgangssprachlich auch Asche genannt wird, vorher um. Die Urnen für die Seebestattung sind zumeist aus ungebranntem Ton, in unserem Fall aus umweltfreundlicher Pappe. Die 25 Zentimeter hohe Urne hinterlässt, nachdem sie sich aufgelöst hat, ein kleines Häufchen Granulat auf dem Meeresgrund. Dieses bleibt, da es deutlich schwerer ist als Wasser, an Ort und Stelle liegen und wird langsam vom Meer eingesandet.

Und was machen Sie bei Sturm?

Grundsätzlich fahren wir bis Windstärke sechs, das ist für die Gäste erträglich. Ob das Wetter eine Bestattung zulässt, wissen wir immer ungefähr drei Tage vorher. Wir sind da aber vorsichtig und verschieben die Beisetzung eher, als dass wir die Trauergesellschaft zu rauer See aussetzen.

 

„Wir haben auch schon in Chile bestattet“

 

Bestatten Sie nur von Travemünde aus?

Ja, da liegt die Farewell, unser Schiff. Eine Bestattung ist aber an der ganzen Küste, egal, ob Ost- oder Nordsee, möglich. Es gibt in Deutschland ungefähr 20 Reedereien mit der Erlaubnis, auf See zu bestatten. Wenn sie mit dem Wunsch an uns herantreten, einen Verstorbenen in der Nordsee beizusetzen, kontaktieren wir die Kollegen. Wir Seebestatter sind eine gute Gemeinschaft, eine große Konkurrenz gibt es eigentlich nicht.

Ist eine Seebestattung überall auf der Welt möglich?

Das hängt von den Gesetzen in den jeweiligen Ländern ab. Wir haben auch schon in Chile bestattet. Es gibt allerdings Länder, in denen die Praxis der Einäscherung eines Verstorbenen zum Beispiel aus religiösen Gründen abgelehnt wird. Da würden wir dann auch keine Seebestattung durchführen.

 

Aus Liebe zum Meer

 

Warum entscheiden sich Menschen für eine Seebestattung?

Häufig aus Liebe zum Meer, aber auch die Kosten sind ein Faktor. Deswegen waren die Kirchen auch zuerst sauer auf mich, denn wenn sich Menschen auf See bestatten lassen, kaufen sie nicht mehr für mehrere Tausend Euro ein Grab. Wir bestatten bis zu 50 Prozent günstiger, denn auf See gibt es keine Folgekosten, zum Beispiel für die Grabpflege. Für die individuelle Trauer bekommt die Trauergesellschaft immer einen Seegrabbrief mit den Koordinaten der Beisetzung. Dazu haben wir am Brodtener Ufer (zwischen Travemünde und Timmendorfer Strand, Anm. d. Red.) einen Gedenkstein aufgestellt und wir bieten regelmäßig Gedenkfahrten an. Denn die Trauernden können sich sicher sein: Der Verstorbene ist immer noch da.

Wollen Sie auch selbst auf See bestattet werden?

Ja, ich bin Seemann. Schon vor längerer Zeit habe ich genau die Position festgelegt, wo das sein soll. Ich will dahin, wo ich früher am Strand im Sand gelegen habe. Da habe ich dann das Gefühl, ich bin den schönsten Stellen in meinem Leben nah.

seebestattung.de


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Dieter: „Zack, kam die Welle und ich war über Bord”

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Begleitet von hvv switch fischen wir sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Dieter begegnet.

Protokoll: Max Nölke

 

„Ich erzähl mal eine Geschichte, ob Sie es glauben oder nicht: Vor zwei Jahren waren da zwei junge Kerle in der S-Bahn nach Blankenese. Die haben ein älteres Ehepaar angemacht. Ich bin dazwischen gegangen, da meinte einer von denen: „Halt’s Maul, alter Mann“. Das habe ich nicht mit mir machen lassen, also hat „der alte Mann“ gesagt: „Pass auf, mein Freund. Nächste Station steigen wir aus und dann zeig‘ ich dir, wie alt ich bin“. Darauf er: „Du kannst auch gleich was haben.“ Und: zack, habe ich ihm eine geknallt, da lag er flach.

Ich bin jetzt 86. Ich kann auch Pech haben in dem Alter, wenn ich an den Falschen gerate. In diesem Fall hatte ich es nicht. Später kam der Vater von dem Jungen sogar noch zu mir und hat mir Recht gegeben.

Ich habe keine Angst, vor nichts und niemand. 1953 habe ich mit Karate angefangen und bin ausgebildeter Selbstverteidiger. Denn früher brauchtest du solche Nehmerqualitäten. Ich war zehn, als der Krieg zu Ende war. Später sind mein Bruder und ich in einer Pflegefamilie großgeworden. Mittlerweile ist er tot. Durch all das bin ich hart und kernig geworden.

1957 bin ich nach Hamburg gekommen. Ich hätte es nicht ausgehalten, in einer Fabrik oder einem Büro zu sitzen, ich wollte zur See. Und stünde ich heute noch einmal vor der Entscheidung, ich würde sofort wieder zur See fahren. Wenn wir damals aus dem Hafen ausliefen, waren wir im Schnitt 18 Monate weg. Da war nicht viel mit Freundschaften und Kontakten. Auch meine erste Ehe ist an der Seefahrerei kaputt gegangen. Sie war nun mal mein Leben. Die See.

 

„Ich freue mich drauf, die Augen zu schließen“

 

Einmal bin ich von Board gegangen. Ich musste Reparaturarbeiten an Deck machen, weil ein Mast weggeknickt war. Den habe ich neu verschweißen wollen, bei Windstärke 12. Mein Chief sagte noch, ich soll mich anschnallen. Da meinte ich natürlich, das brauche ich nicht. Und zack, kam die erste Welle und ich war weg, über Board. Mitten im Atlantik. Aber wie man sieht, haben die mich wieder raufgeholt. Meine Güte, war ich ein sturer Hund. Aber diese Sturheit hat mich weit gebracht.

Nach 15 Jahren habe ich zum Chief auf der Rückfahrt von Indien gesagt: „Wenn wir in Hamburg sind, ist Schluss, ich habe keine Lust mehr“. Ich bin von Board gegangen und nicht wiedergekommen. Fortan habe ich 25 Jahre lang eine Abbruchfirma geleitet, wir haben Häuser und Wohnungen eingeschlagen. War auch nicht schlecht.

Mittlerweile bin ich nicht mehr ganz so stur. Meine Frau hat mich einigermaßen hingebogen. Wir sind jetzt seit 36 Jahren verheiratet, haben eine Tochter und acht Enkelkinder. Was mir heute bleibt, ist also vieles und gleichzeitig wenig. Ich habe mein Leben gelebt, habe immer das gemacht, worauf ich Lust hatte, eine vernünftige Familie gegründet. Aber was soll jetzt noch kommen? Es gibt keine offenen Wünsche mehr. Sie wollen es vielleicht nicht hören, aber ich freue mich darauf, die Augen zu schließen.“


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Bestatterin Lea Balkenhol: „Man muss Bedürfnisse erkennen“

Lea Balkenhol, 23, ist Bestatterin – und möchte es am liebsten für immer bleiben. Ein Gespräch über Empathie, Trauerfeiern in Zeiten von Corona – und allerhand Berufsklischees

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Lea, wann hast du dich entschieden, Bestatterin zu werden?

Lea Balkenhol: Das war im Mai 2017. Ein Jahr zuvor hatte ich Abitur gemacht und war dann ein bisschen unschlüssig, wie es weiterge- hen könnte. Also habe ich mir ein Jahr Zeit genommen, um Praktika in ganz verschiede- nen Bereichen zu machen. Ich war an einer Schule, in einem Theater – und in meinem letzten Praktikum bei Schaarschmidt Bestattungen in Barmbek. Nach zwei Wochen war ich schon sehr begeistert und nach drei Wochen ziemlich sicher, dass ich genau das beruflich machen möchte. Nach vier Wochen hat mich meine Chefin, Janna Schaarschmidt, gefragt, ob ich Lust hätte, bei ihr eine Ausbildung zu machen. Seitdem bin ich hier.

Du sprichst von früher Begeisterung. Was hat dir denn sofort gefallen?

Ich bin ein großer Fan von Listen und Formularen, Ordnung und Symmetrie (lacht). Von all dem gibt es hier reichlich. Außerdem hat man als Bestatterin einen sehr warmen, ehrlichen Kontakt zu den Hinterbliebenen. Für sie kann man enorm viel tun. Wenn das gelingt und die entsprechende Rückmeldung kommt, ist das eine angenehme Bestätigung. Ich bin aber auch oft unterwegs und habe deshalb viel Abwechslung im Alltag.

Muss man als angehende Bestatterin also einerseits einen Sinn für Ordnung, andererseits viel zwischenmenschliches Fingerspitzengefühl mitbringen?

Genau. Es geht hier neben Organisation auch um Empathie – und zwar um eine, die man nur bedingt lernen kann.

Wie meinst du das?

Oft hat man mit Menschen zu tun, die einem Dinge nicht unbedingt direkt – oder überhaupt – sagen. Man muss viele Bedürfnisse erkennen können, ohne dass sie konkret geäußert werden.

 

„Es macht großen Spaß, die Klischees zu widerlegen“

 

Mal kurz zu den Klischees, mit denen dein Job behaftet ist: trist, traurig, viel zu viel Tod …

… und alte, weiße Männer mit schlecht sitzenden Anzügen (lacht).

Welches Klischee findest du am schlimmsten?

Den tristen Arbeitsalltag. Vor allem aber finde ich es schade, dass viele gar nicht wissen, was Bestatter genau machen. Einige haben da so Bilder aus „Six Feet Under“ im Kopf.

Auf der anderen Seite macht es auch großen Spaß, die Klischees zu widerlegen. Wenn man den Job gut macht, kann man all dem ausreichend entgegenwirken.

Du hast die Abwechslung im Alltag schon erwähnt. Gibt es auch gewisse Routinen?

Auf die gesamte Woche gesehen schon. Montags verschafft man sich einen Überblick über alles, was am Wochenende angefallen ist, und am Ende der Woche ist man oft mit Trauerfeiern beschäftigt.

Die meisten Menschen legen ihre Trauerfeiern gerne auf einen Freitag, und wir bereiten über die Woche alles dafür vor. Ansonsten muss man schauen, was passiert. Heute Morgen um halb sieben habe ich zum Beispiel einen Anruf bekommen, ob wir eine Verstorbene aus einem Heim abholen können. Dadurch ist der Tagesplan natürlich nicht mehr wie gehabt.

Du wirst auch mit am Corona-Virus Verstorbenen zu tun haben. Bestehen dabei Ängste?

Nicht bei der Arbeit mit den Verstorbenen. Selbst wenn eine verstorbene Person Corona hatte, atmet sie ja nicht mehr, und ich komme auch nicht mit ihren Körperflüssigkeiten in Berührung.

Schwierig finde ich allerdings den Gang in Heime. Weil ich definitiv mehr Kontakte mit Menschen habe, als diejenigen, die im Heim wohnen, und man ja nie weiß, welche Begegnungen es dort geben wird. Wir können uns nur bestmöglich vorbereiten, auch Schutzkleidung tragen, und meistens sind die Flure auch vorsorglich leer, wenn wir kommen. Wir haben dann nur mit einer Person zu tun, die uns Papiere übergibt.

Schwierig sind bestimmt auch Trauerfeiern in der Corona-Zeit, weil sie oft nicht in dem Rahmen stattfinden können, in dem sie die Hinterbliebenen gerne hätten.

Richtig, vielen Menschen fehlt momentan ein richtiger Abschied. Mir wird jetzt noch klarer, dass Trauerfeiern nicht nur dafür da sind, damit Hinterbliebene Abschied von Verstorbenen nehmen können, sondern auch, damit sie diesen Moment mit anderen teilen können. Es geht um ein Gefühl von Gemeinschaft, auch beim Kaffeetrinken danach – was momentan häufig einfach wegfällt.

Kannst du dir vorstellen, diesen Job dein Leben lang zu machen?

Ja, auf jeden Fall! Gerade auf lange Sicht hat diese Arbeit alles, was ich mir für mein Berufsleben wünsche. Ich sehe mich für immer in diesem Job.


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Volker: „Sie schützen die Menschenrechte vor den Menschen“

Volker ist seit sechs Jahren obdachlos und wohnt aktuell im Bedpark Hostel, einem Hotel, das auch Menschen ohne Zuhause beherbergt. Das Winternotprogramm der Stadt Hamburg lehnt er ab

Text & Foto: Markus Gölzer

 

Volker kommt bestens vorbereitet zum vereinbarten Gesprächstermin und händigt neben einer handlichen „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen ein selbst verfasstes Pamphlet zu dem Thema aus. Auf den ersten Blick wirkt er hinter seinem langen Bart jünger als 65. Auf den zweiten auch. Antworten kommen schnell und präzise, der Tonfall bleibt entspannt. Wenn er über eine Frage nachdenken muss, wiederholt er sie, um zügig druckreif Stellung zu beziehen. Dabei bewahrt er eine leicht ironische Distanz, auch zu sich selbst.

Wie bei der Schilderung seines Wegs vom Selbstständigen zum Obdachlosen: „Ich hatte ein nicht regelkonformes Hobby: Ich habe mich mit Schwarzfahren beschäftigt. Dann kam irgendwann der Haftbefehl. Für meine Logik und mein Rechtsverständnis muss erst ein Urteil da sein, bevor ein Haftbefehl ausgestellt wird. Ich hätte das die ganze Zeit abwenden können, weil ich immer Geld auf der Seite hatte. Aber die Gerichte haben sich einen Scheißdreck um meinen Widerspruch gekümmert.“ Volker tauchte unter, wurde nach einem halben Jahr am Altonaer Bahnhof abgegriffen, landete im Gefängnis, dann auf der Straße.

Sein altes Leben, samt Bauernhof als Altersruhesitz, ist vorbei. Er hat ein neues bekommen, von dem er hofft, dass er es nach seinen Wünschen gestalten kann. So gründete er einen „Mobilen Trommelkreis“, der gut lief, bis Corona kam. Als weitere Idee würde Volker gern eine Bewegung ins Leben rufen. Eine, die die Ursachen der Obdachlosigkeit bekämpft, nicht nur die Symptome.

 

Sich entfalten können

 

Die Menschenrechte sagen in Artikel 25, dass jeder ein Recht auf eine Wohnung hat. Volker fordert nicht nur Wohnraum, der bezahlbar ist, sondern bedarfsgerecht. Wo sich die Menschen entfalten können, ihr Selbstvertrauen zurückgewinnen: „Was bedarfsgerecht ist, muss jeder Mensch selbst entscheiden. Ich möchte eine Wohnung, wo ich lauter sein kann. Wegen dem Trommeln. Ist ja bekannt, dass das nicht unbedingt leise ist.“ Hierzu würde er gern eine Kundgebung organisieren vor dem Hamburger Rathaus. Seine Vision: Viele Obdachlose kommen zusammen und jeder baut ein Tiny House am Rathausmarkt. Drei Monate lang.

Kraft schöpft er im Café Augenblicke, einem Begegnungscafé, wo er regelmäßig isst und Bekannte trifft. „So richtig Obdachlosentagesstätten mag ich nicht unbedingt. Ich glaube, das bekommt einem nicht so gut. Das hat mit den Gesprächsthemen zu tun. Es sind wenig Gespräche, wie man aus der Obdachlosigkeit wieder rauskommt. Viele haben das Hobby Alkohol. Ich selber trinke keinen Alkohol, auch wenn viele denken, das müsste man als Obdachloser. Das ist Quatsch. Es gibt viele Obdachlose, die keinen Alkohol trinken.“

Ein echtes Langzeitprojekt war die Bearbeitung seines Antrags beim Jobcenter auf Erstattung der Kosten der Unterkunft: über zwei Jahre. Gar nicht schlecht, wenn andere von sieben Jahren berichten. Doch schlecht, weil die Behörden die Situation der Antragssteller genau kennen. Als Hartz-IV-Empfänger bekommt Volker Geld für seinen Lebensunterhalt. Dazu gehören zwingend die Kosten für Unterkunft, die aber Obdachlosen vorenthalten werden. Pünktlich zur Weihnachtszeit wurde der Antrag abgelehnt. Volker geht jetzt in Berufung.

 

„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“

 

Er findet: Der Staat maßt sich an, zu bestimmen, erfüllt aber selbst seine Pflicht nicht. Und zwar das Recht auf eine Wohnung. „Die EU hat die Konvention zum Schutz der Menschenrechte. Und genau das machen sie. Sie schützen die Menschenrechte. Vor den Menschen.“ Auf die Frage, ob das auch für das Winternotprogramm gelte, wird Volker fast ungehalten: „Wir reden hier über Menschenrechte. Ich glaube, da wird die Frage hinfällig. Werden in den Winternotunterkünften die Menschenrechte eingehalten? Haben die da eine Privatsphäre? Ist es ein Menschenrecht, eine Privatsphäre zu haben? Also, worüber reden wir hier?“

Die Antwort liefert er im Einstieg seines Pamphlets: „Die Bundesrepublik Deutschland und ihre Organe und die dafür arbeitenden Erfüllungsgehilfen haben sich dem Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht. Den Beweis können wir jeden Tag sehen: Tausende von Menschen, die obdachlos sind.“


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hotels for Homeless: Es reicht (nicht)!

Seit Monaten setzen sich Hamburger Sozialprojekte für die Unterbringung von Obdachlosen in leer stehenden Hotels ein. Die zivilgesellschaftlichen Aktionen haben Vorbildcharakter, trotzdem verweigert sich der Senat dem Konzept

Text: Ulrich Thiele

 

Fünf tote Menschen, das muss ein Fanal sein. Das Jahr hat gerade erst angefangen, und seit Silvester sind binnen einer Woche fünf Obdachlose auf der Straße gestorben. „Es reicht!“-Stimmung liegt in der Luft, als sich Sozialarbeiter von „Hinz&Kunzt“ und der Diakonie an diesem Mittwoch Anfang Januar am Jungfernstieg versammeln, um mit einer Mahnwache an die Verstorbenen zu erinnern.

Es ist kalt, eben hat es noch gehagelt. Eingepackt in dicke Jacken, Schals und Mützen stehen sie in Sichtweite zum Rathaus, in dem gerade die Hamburgische Bürgerschaft tagt. Die Botschaft der Demonstranten steht auf einem Banner: „Open The Hotels“. „Hinz&Kunzt“-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer spricht eindringliche Worte in die Mikrofone der Journalisten. Wütend sei ein falscher Ausdruck für seine Stimmung, sagt er, er sei sprachlos, „weil das nicht mehr beschreibbar ist, wie dramatisch die Situation der Wohnungslosen ist. Wir sehen das Elend auf der Straße und dass mehr getan werden muss. Wenn die Sozialbehörde das einfach verneint, dann verstehe ich das nicht.“ Das Ergebnis habe man seit Silvester gesehen, dabei war es zu dem Zeitpunkt noch nicht einmal richtig kalt. „Ich habe große Befürchtungen, dass noch weitaus mehr Menschen auf der Straße sterben, wenn die Temperaturen weiter sinken.“

Karrenbauer fordert schnelle Unterstützung. Die wäre möglich, da fast alle Hotels in Hamburg leer stehen. Die Zivilgesellschaft hat es vorgemacht: Für 120 Obdachlose wurden diesen Winter Hotelzimmer organisiert. Bei 2.000 Obdachlosen in Hamburg plus einer Dunkelziffer von ungefähr 1.000 ist das zwar nur ein Bruchteil, aber die Aktion hat Vorbildcharakter. „Wer erlebt, wie schnell die Menschen sich dort erholen, wie wichtig es für sie ist, zur Ruhe kommen zu können und dadurch auch eine Genesung zu erfahren – der kann das nur unterstützen.“ Warum die Stadt dies nicht tue, sei ihm unverständlich.

 

Projekt mit Modellcharakter

 

Die fundamentale Wirkung der Hotelunterbringung kann Nikolas Migut von StrassenBLUES e. V. nur bestätigen. Er ist der Initiator des Bündnisses „Hotels für Homeless“. Zusammen mit anderen gemeinnützigen Organisationen will StrassenBLUES 20 Menschen sicher durch den Winter bringen. Seit dem 9. November läuft die Aktion, die am 30. April endet. „Wir spüren, hören und sehen eine große Dankbarkeit bei den Menschen. Für sie ist die Aktion ein Sprungbrett, um in ihrem Leben neu anzufangen“, sagt Migut im Zoom-Interview.

Die Menschen sind in einem Hotel oder Hostel in Einzelzimmern untergebracht, werden mit Essen, Hygieneartikeln, Wäschegeld versorgt und sowohl medizinisch als auch persönlich betreut. Zudem bekommen sie Handys, um in Zeiten des Lockdowns Kontakt zur Außenwelt halten zu können. Das Hilfsangebot zielt darauf ab, die Menschen aus der Obdachlosigkeit zurück in die Gesellschaft zu führen. Viele haben keinen Personalausweis oder sind nie zur Behörde gegangen, um ALG II zu beantragen. Das wird nun nachgeholt.

Die ersten Monate wurden zum Zur-Ruhe-Kommen und zum Anschieben des Prozedere genutzt. Es galt, zu prüfen, wer überhaupt arbeitsfähig ist. Im Januar ist dann die Arbeits- und Wohnungssuche losgegangen. Nach zwei Monaten im Hotel hat kürzlich einer von ihnen eine eigene Mietwohnung gefunden. „Das ist ein absoluter Erfolg für uns“, freut sich Migut. Ein Erfolgserlebnis anderer Art gab es auch: Paddys Einzug ins Hotel wurde filmisch begleitet und ist auf der StrassenBLUES-Homepage zu sehen. Seine Ex-Freundin hat das Video gesehen und ihn kontaktiert – inzwischen sind sie wieder ein Paar.

 

Im Büro der Sozialsenatorin

 

Nikolas Migut und sein Team kümmern sich auf unterschiedlichen Ebenen. In der Vergangenheit haben sie zum Beispiel Geburtstags- und Weihnachtsfeiern organisiert und bringen so immer wieder Menschen mit und ohne Obdach auf Augenhöhe zusammen. Als Corona anfing, um sich zu greifen, war der Verein sehr schnell mit immer neuen Ideen am Start, um die Menschen auf der Straße zu unterstützen. Als der erste Lockdown im März kam, den Obdachlosen die Spenden von Passanten und die Pfandflaschen fehlten, startete StrassenBLUES spontan die Aktion StrassenSPENDE – Ehrenamtliche verteilten über 25.000 Euro Bargeld in 20-Euro-Scheinen sowie Supermarktgutscheine an Obdachlose auf der Straße. Gleichzeitig startete ein Crowdfunding, mit dem sie in kurzer Zeit 150.000 Euro sammelten und direkt für obdachlose Menschen auf der Straße einsetzten. Unter anderem verwendeten sie die Spenden für die Aktion StrassenSUPPE, die eine Woche später, am 24. März, folgte: TV-Koch Tarik Rose vom Restaurant Engel kochte und die Kollegen von recyclehero lieferten die Suppen mit ihren Lastenrädern direkt an Obdachlose aus. „Die Obdachlosen hatten Tränen in den Augen“, sagt Migut.

Bereits im April erkannte Migut, dass „Hotels for Homeless“ eine kurzfristige Lösung sei. Um das dafür notwendige Geld zu bekommen, initiierte Strassen- BLUES eine Forderungsaktion: Sie listeten auf ihrer Homepage Städte auf, die im Bereich der Hotelunterbringung aktiv waren, nannten die verantwortlichen Politiker unter anderem aus Hamburg mit dem Appell, sie zu kontaktieren und auf die Hotelunterbringung hinzuweisen. Und sie fertigten Papp-Plakate für die Obdachlosen an – die daraus entstandenen Schwarz-Weiß-Fotos gingen viral.

Nur: Die Stadt reagierte nicht. „Die Sozialbehörde hat die Hotelunterbringung von Anfang an als nicht nötig empfunden“, sagt Migut. Dabei sei sie nicht nur sinnig, sondern auch günstiger als das Winternotprogramm: Zwischen 20 und 30 Euro pro Zimmer koste eine Hotelunterbringung. „Die Argumentation der Sozialbehörde, dass man sich zuerst um den Erfrierungsschutz kümmern muss, ist falsch. Dass Erfrierungsschutz und Infektionsschutz zusammengehören, haben die bis heute nicht verstanden.“

Obwohl der Senat im April nicht auf Miguts Forderungen einging, zeichnete er StrassenBLUES im August mit dem Annemarie Dose Preis für innovative Engagement- Projekte aus. Dadurch hatte Migut die Gelegenheit, eine Stunde lang mit Sozialsenatorin Melanie Leonhard in ihrem Büro zu sprechen. Volker, ein Obdachloser (lesen Sie das Porträt auf S. 36), war mit dabei und brachte die UN-Menschenrechtscharta mit, die ein Recht auf Wohnen festlegt. Er schob sie zu Leonhard rüber und sagte: „Hier, lies das mal.“ Was folgte, war, laut Migut, eine harte, leidenschaftliche, aber auch lösungsorientierte Diskussion. Auch die Wahlversprechen der rot-grünen Koalition im Januar sprach Migut an. Dazu gehört „Housing First“, das aber „in der Finanzplanung der Stadt für 2021 und 2022 überhaupt nicht mitgedacht ist“. Leonhard sei nicht darauf eingegangen, habe nur betont, dass der Senat nun etwas für psychisch erkrankte Obdachlose tue.

 

Langfristige Planung

 

Das Prinzip „Housing First“ ist eine Alternative zum Programm der Notunterkünfte und setzt auf eine bedingungslose Unterbringung von obdachlosen Menschen. Die EU will damit bis 2030 Obdachlosigkeit gänzlich abschaffen. Trotzdem käme von den Städten nichts, so Migut, sie sagten nur, es bräuchte ein Modellprojekt. „Wir gehen das jetzt an, denn mir reicht es!“ Zusammen mit ausgewählten Experten will StrassenBLUES ein langfristiges Konzept erarbeiten, das auf drei Säulen aufbaut: Wohnen, Arbeit, Integration.

Der erste Schritt ist getan: Eine Projektstelle konnte durch Spenden finanziert werden. Jetzt sucht Migut Experten, die bei der Konzepterarbeitung mithelfen. „Mein Wunsch ist, dass wir Wohnungen nicht anmieten, sondern kaufen oder bauen und die Menschen in unseren eigenen Wohnungen unterbringen“, sagt Migut. In großem Maße dürfte das schwierig werden, aber man könne ja klein anfangen. Dafür vernetzt er sich deutschlandund weltweit mit Akteuren – auch mit dem schottischen Sozialunternehmer und „Social Bite“-Gründer Josh Littlejohn will er Kontakt aufnehmen. Littlejohn hat bereits ein Konzept in die Wege geleitet, dass obdachlose Menschen für 18 Monate unterbringt und in den Arbeitsmarkt überführt. „Hotels for Homeless“ ist eine kurzfristige Aktion für fünf Monate, „Housing First“ ist ein Projekt über Jahre.

 

A Change is gonna come

 

Auf die fünf auf der Straße verstorbenen Menschen angesprochen, macht Migut eine Pause. „Es ist schade, dass obdachlose Menschen keine Lobby haben. Und es scheint, dass die Gesellschaft einfach akzeptiert, dass Menschen im Winter auf der Straße sterben.“ Auch bei ihm: „Es reicht!“-Stimmung. „Ich bin es leid, mir anzusehen, dass für obdachlose Menschen in Hamburg zu wenig gemacht wird. Man fühlt sich ein bisschen ohnmächtig. Aber um es positiv zu formulieren: Es gibt Lösungen. Die kosten Zeit, Geld und Energie, aber es gibt sie.“ Dazu gehöre, das Winternotprogramm neu zu denken, in dem Gewalt herrscht, die Menschen ständig andere Zimmer haben und perspektivlos bleiben. „Wir als Gesellschaft müssen uns daran messen lassen, wie wir mit den Schwächsten umgehen. Und da hat Hamburg bisher ganz klar versagt.“

Was sich bisher zum Guten verändert hat, weiß Stephan Karrenbauer, der seit 30 Jahren als Sozialarbeiter in der Stadt unterwegs ist. „Als ich damals anfing, hatten wir noch die Bibby Altona unten am Hafen. Ein Schiff, das die Stadt mit Obdachlosen vollgestopft habe. Ich kenne noch die Unterbringung in einem Bunker unter dem Hauptbahnhof, ohne Fenster und Türen, mit Vorhängen vor den Toiletten. Ich kenne noch Winternotprogramme, da haben sie in den Wänden Lüftungslöcher durchgebohrt, damit Frischluft reinkommt. Das alles wurde skandalisiert und kam nie wieder. Es verändert sich jedes Jahr etwas. Man muss den Finger immer wieder in die Wunde stecken – sonst hat man aufgegeben und das tue ich nicht.“

strassenblues.de


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Asklepios Klinik: Chef der Intensivstation über Corona

Prof. Dr. med. Martin Bergmann ist Chef der internistischen Intensivstation in der Asklepios Klinik Altona. Sein Arbeitsalltag steht seit Pandemie-Beginn auf dem Kopf. Ein Gespräch über die Anstrengungen von Medizinern während Corona, Balkonklatscher und die Wirkung der Lockdowns

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Prof. Dr. med. Martin Bergmann, auf einer Skala von eins bis zehn: Wie hoch siedeln Sie ihren Erschöpfheitszustand am Ende dieses Jahres an?

Asklepios-porträt-bergmann-kein-Credit

„Großes Vertrauen in die Impfstoff entwickelnden Firmen“: Prof. Dr. med. Martin Bergmann

Prof. Dr. med. Martin Bergmann: Bei sieben. Wir sind noch nicht völlig erschöpft, aber die Situation ist schon sehr belastend. Gerade die zweite Welle schluckt einiges an Ressourcen. Die Mitarbeiter auf der Intensivstation, sowohl die Pflegekräfte als auch die Ärzte, erleben große Herausforderungen: Aktuell wird sieben Patienten teilweise mit Maschinenbeatmung geholfen.

Ebenso die Kollegen auf der COVID-Station, wo wir aktuell zwischen 20 und 30 Verdachtsfälle und Patienten mit leichteren COVID- Erkrankungen behandeln. Und wir gehen ja davon aus, dass uns das alles noch einige Wochen, wenn nicht Monate beschäftigen wird. Jedenfalls so lange, bis hoffentlich die Effekte der Impfungen spürbar werden.

Wie sieht denn Ihr aktueller Arbeits­alltag aus? Gibt es Routinen – oder ist jeder Tag anders?

Es gibt schon Routinen. Ich komme morgens um kurz vor acht in die Klinik und verschaffe mir mithilfe unseres elektronischen Klinik-Informationssystems einen Überblick zu den Patienten meiner Abteilung. Es folgt eine Oberarztbesprechung, bei der wir uns unter anderem über Notfälle austauschen und die Arbeit verteilen. Dann kommen die Intensiv-Visite und die Besprechung zwischen allen Abteilungen aus der Intensivmedizin über die nächsten 24 Stunden.

 

Extrem spannende Zeit

 

Blicken wir einmal zurück aufs Früh­ jahr und die erste Welle. Waren Sie auf einen Klinik­Ausnahmezustand vorbereitet?

Nein, darauf kann man sich auch nicht vorbereiten. Damals bestanden natürlich viele Unsicherheiten. Aber wenn man eine gewisse medizinische Begeisterung besitzt, muss man auch sagen, dass das eine extrem spannende Zeit war. Es gab sehr schnell einen internationalen Austausch zwischen den direkt mit der Patientenbehandlung beschäftigten Ärzten.

Welche Erkenntnisse gab es dabei?

Zum Beispiel, dass diese Krankheit häufig sehr ähnlich verläuft. Also, dass man von Tag vier nach Symptom-Beginn bis zu Tag 12 schnelle Verschlechterungen befürchtet, weshalb man Sorge um die Patienten haben muss. Vielen wurde durch die angesprochene Beatmung durch Maschinen geholfen, was ihnen das Leben gerettet hat. Allerdings sind einige von ihnen trotz aller Möglichkeiten und Maßnahmen aufgrund weiterer Komplikationen verstorben.

Hat Corona auch Ihren persönlichen Arbeitsalltag von jetzt auf gleich auf den Kopf gestellt?

Massiv. Von Haus aus bin ich Kardiologe, kümmere mich also um Herzklappen, Herzschwächen und Herzinfarkte. Jahrzehntelang habe ich die Intensivmedizin nur nebenbei gemacht. Dieses Verhältnis hat sich durch die Pandemie völlig umgedreht.

 

Volle Intensivbetten

 

Und wenn Sie die erste und die jetzige zweite Welle mal vergleichen: Welche hat Sie in der Klinik härter getroffen?

Wir hatten während der ersten Welle zwar rasch viele volle Intensivbetten, aber auch noch Kapazitäten, da alles andere reduziert worden war. Später, nach dem Shutdown und den Sommermonaten, die zusammen das Infektionsgeschehen nahezu zum Erliegen gebracht haben, hatten wir sogar wochenlang leere Intensivbetten und die Hoffnung, dass Maßnahmen wie die eingeführte Maskenpflicht uns eine zweite Welle ersparen würden. Das war leider nicht der Fall.

Sind Ihre Intensivpatienten jeden Alters?

Ja, zwischen 45 und 90 Jahre war schon alles dabei.

Gilt das auch für die an COVID verstor­benen Patienten?

Auch da gibt es keine Altersausnahmen. Wir haben Patienten über 80, die das Ganze gut überstehen, und wir haben Patienten Mitte 50 ohne schwere Begleiterkrankungen, die von einem Problem zum nächsten kommen – bis zu dem Punkt, an dem man keine Aussichten mehr hat, dass sie mit Lebensqualität aus der Sache herauskommen. Insgesamt sind es 20 bis 30 Prozent, die nach mehreren Wochen Behandlung versterben.

 

Gesellschaftliche Diskussion

 

Nochmal zurück zum Frühjahr, als die Öffentlichkeit die medizinischen Versorger unter anderem mit Klatschen von Balkonen honorierte. Was hielten Sie davon?

Von den Balkonklatschern habe ich nicht so viel mitbekommen. Aber ich glaube, dass die Medizin durchaus zurück in die gesellschaftliche Diskussion gekommen ist. Gerade, was die Intensivmedizin betrifft, die in der Vergangenheit teils als Maschinenmedizin verteufelt worden ist. Es wurde erkannt, was sie zu leisten im Stande ist. Das habe ich als sehr positiv wahrgenommen.

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass wir mit unseren Ansätzen, die Menschen eben wirklich helfen, mehr Akzeptanz erhalten.

Kurzer Blick aufs Frühjahr 2021 und die Möglichkeit, sich impfen zu lassen: Wie denken Sie, wird sich dann die Situation bei Ihnen in der Klinik verändern?

Ich stelle mich erst mal darauf ein, dass wir bis zum Frühjahr noch mit Fallzahlen wie den aktuellen konfrontiert sein werden. Der Lockdown light hat zuletzt in den Hamburger Kliniken zwar nicht zu einem Rückgang der Versorgungsfälle geführt, aber zumindest zu keinem weiteren Anstieg.

Von dem größeren Lockdown verspreche ich mir jetzt keinen gravierenden zusätzlichen Effekt – außer, dass wir vielleicht etwas Luft holen können. Allerdings hoffe ich ganz stark, dass alle, die die Gelegenheit dazu bekommen, sich impfen zu lassen, diese auch wahrnehmen. Ich habe großes Vertrauen in die Impfstoff entwickelnden Firmen und halte es für völlig ungerechtfertigt, sich nicht impfen zu lassen. Ohne eine große Impfbereitschaft werden wir das Problem nicht lösen können.

asklepios.com


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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