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Hamburger des Monats – Jan Schierhorn

Wenn etwas Schönes um ihn herum passiert, bekommt Jan Schierhorn eine Gänsehaut – und die hat er oft. Kein Wunder bei den vielen sozialen und Herzens-Projekten, die er umsetzt. Ein Gespräch über die organische Revolution, Koexistenz und vergessene Menschen.

Interview: Hedda Bültmann
Foto: Andrea Rüster

SZENE HAMBURG: Jan, neben den vielen Projekten, die du machst, ist „Das Geld hängt an den Bäumen“ deine große Liebe?

Jan Schierhorn: Genau. Damit verbringe ich auch 80 Prozent meiner Lebensarbeitszeit aus vollster Überzeugung. Wir sammeln mit, wie wir sie nennen, vergessenen Menschen, vergessenes Obst und machen daraus Säfte und Schorlen. Mit dem Verkaufsertrag schaffen wir neue Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung, Geflüchtete oder Langzeitarbeitslose. All diejenigen, die viel zu oft in ihrem Leben gehört haben, sie seien nichts wert, sie können nichts und werden das auch niemals. So werden aus Hilfe-Empfänger Steuerzahler.

Wie fangt ihr die Menschen, die bei euch arbeiten, auf?

Ich glaube nicht an Inklusion, solange mein Nachbar mir das größere Auto oder den Urlaub neidet. Da können noch so viele Gesetze geschrieben werden, das muss von der anderen Seite kommen. Gleichwohl finde ich es wichtig, dass sich Leute dafür einsetzen, um dieses Wort zu beleben. Unser Ansatz ist, dass jeder was kann. Und jeder, der hier was lernt wie Obstbaum- oder Gehölzschnitt, bringt es wiederum anderen bei.

Dadurch erfahren sie eine Wertigkeit, die dazu führt, dass einige unserer Mitarbeiter nicht mal mehr mit ihrem Therapeuten sprechen müssen, weil ihre Persönlichkeitsentwicklung so enorme Schübe macht, sie sich da durch beispielsweise von ihrer Tabletten- oder Alkoholsucht selbst heilen. Oder depressive Phasen treten nicht mehr auf. Durch ein fast familiäres Arbeitsumfeld, in dem freundschaftliches, soziales Miteinander stattfindet, entsteht ein sicherer Rahmen, in dem sie Ver trauen entwickeln, sodass sie sich auch in Konfliktsituationen öffnen. Das ist ein stabiles Fundament.

 

„Bei uns läuft vieles intuitiv“

 

Habt ihr begleitendes Fachpersonal oder ist es eine Art Therapie durch Arbeit?

Wir machen es nicht programmatisch. Bei uns läuft vieles intuitiv. Aber seit einem halben Jahr ist Johanna, eine Psychologin, bei uns, die an den wöchentlichen Gruppensitzungen teilnimmt. Weil wir mittlerweile so gewachsen sind, war uns ein professionelles Korrektiv wichtig, damit es weiterhin gut läuft, Spaß macht und sich auch Erfolge zeigen, sowohl auf der persönlichen, als auch der betriebswirtschaftlichen Seite.

Gab es einen Initialauslöser, dich vorrangig sozial zu engagieren?

Meine Kinder. Als von ihnen die ersten Fragen kamen, wieso ich im Leben das eine so, das andere so mache, wollte ich ihnen ehrlich antworten. Dabei habe ich festgestellt, dass meine fertigen Antworten auf die Lebensfragen, die eines Singles waren. Und nicht die eines Vaters, der nicht nur seine Generation auf dem Radar haben muss, sondern auch die nachkommenden. Da habe ich klar gespürt, die persönliche Verantwortung endet nicht an der eigenen Haustür, sondern zieht viel mehr Konsequenzen nach sich. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich diese Korrektur in meinem Leben schon vor etwa 13 Jahren machen durfte.

Du wirst im April 50, hast viel gemacht und erreicht. Sind deine Visionen ausgelebt?

Noch lange nicht. Ich möchte mich immer mehr ökonomisch-politisch einbringen, denn da liegt die Kraft der Veränderung. Und so den dringend notwendigen gesellschaftlichen Wandel mitgestalten. Ich lebe ja beide Seiten, die altruistische und die betriebswirtschaftliche. Und die wirtschaftlichen Mantren, die das ständige Weiterwachsen einfordern, sind totaler Schwachsinn, und werden vor allem von einer alten Generation aufrechterhalten.

Früher habe ich gedacht, es braucht eine Revolution, die mit ganz viel aggressiver Kraft das System verändert. Aber ich erlebe gerade, dass die Revolution schon voll im Gange ist. Es sind unsere Kinder, die plötzlich aufstehen und den alten Glaubenssätzen nicht mehr vertrauen. Unsere Kinder strecken die Hände aus und greifen nach dem Ruder der Gesellschaft. Dabei laufen mir die Tränen runter, denn das ist eine Revolution, die organisch ist, menschlich und gut für das Leben.

 

„Wozu brauche ich 20 Paar Turnschuhe?“

 

Könnte die Gemeinwohl-Ökonomie ein Teil des Wandels sein?

Ich bin Fan davon, regionale Kreisläufe aufzubauen. Ich muss keinen Saft nach München transportieren, die machen da auch tolle Säfte. Ich brauche auch kein Pangasiusfilet aus der Südsee. Wasser in Flaschen abzufüllen, einer der größten PR-Tricks, ist so ein großes ökonomisches und ökologisches Desaster, außer für die wenigen Shareholder. Es muss eine Evolution von alten in neue Geschäftsfeldern stattfinden. Nestlé zum Beispiel könnte das Geschäftsmodell „Wasser“ transformieren, indem sie an jede Kommune im Land Wasser-Förderanlagen vermietet. Es geht nicht darum zu beschneiden, es geht immer um Koexistenz und um eine intelligente und sinnhafte Ressourcennutzung.

Auch auf Seiten des Verbrauchers …

Wozu brauche ich 20 Paar Turnschuhe? Wofür brauche ich all den Mist, den ich anhäufe? Weil die innere Leere durch Äußeres gestillt wird. Das ist von unserer Wirtschaft, die wir alle mitanfeuern, so gewollt und auch deren Motor. Und wenn wir hier keine neuen Denkmodelle zulassen, wird unsere Gesellschaft die Konsequenzen zu tragen haben.

Aber eine deiner sechs Firmen, dein Moneymaker Baudek & Schierhorn, verteilt Produktproben für Markenartikler, die genau in diese Kerbe schlagen …

Ja, das stimmt. Und das ist meine größte Polarität, die ich im Leben habe. Aber keine meiner Firmen gauckelt etwas vor, was nicht ist. Es geht nie um Manipulation. Meine Agentur verteilt Produktproben in einem Umfeld, in das sie passen wie zum Beispiel beim Bäcker Frischkäseproben. Dabei brauchen wir keine künstlich geschaffenen Welten, denn der Kunde kann ein – fach das Produkt ausprobieren und sich frei entscheiden, ob er es mag oder scheußlich findet. Aber das grundsätzliche Spannungsfeld ist vorhanden.

Deshalb steht auch in der Satzung der meisten meiner Firmen, dass zehn Prozent des Erlöses an soziale Projekte gespendet werden.

Was wünscht du dir für dich?

Ich möchte ein guter Vater für meine Kinder sein. Und wahrhaftig durchs Leben gehen – mit klarem Verstand und offenem Herzen.

www.dasgeldhaengtandenbaeumen.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2019. Das Magazin ist seit dem 28. März 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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So wollen wir arbeiten: Neid oder faire Bezahlung – Was bringt Gehaltstransparenz?

In der Eimsbüttler Agentur Elbdudler kennt jeder das exakte Gehalt seines Kollegen – trotzdem ist niemand neidisch. Ist Gehaltstransparenz die Zukunft unserer Arbeit?

In einer alten Kirche in Eimsbüttel hört man statt Orgelklängen und Gebeten klackernde Tastaturen und das leise Knattern der Kaffeemaschine – die Kreativagentur Elbdudler hat eines der ungewöhnlichsten Büros in Hamburg. Zuletzt hat sie aber nicht wegen ihres Standortes Schlagzeilen gemacht, sondern wegen ihres Gehaltssystems. Früher wurden hier einmal im Monat die Gehaltswünsche der Mitarbeiter im Plenum ausdiskutiert, inzwischen gibt es ein Tarifsystem. „Elbdudler ist so schnell gewachsen, da ging das irgendwann nicht mehr“, erklärt Maraike Czieslik, die als Grafikerin seit Anfang des Jahres für Elbdudler arbeitet.

Besonders spannend an der Arbeitsweise der Agentur aber ist vor allem eines: Alles ist transparent. Die Mitarbeiter können nicht nur alle E-Mails einsehen, sondern auch die Gehaltslisten der Kollegen. „Durch diese Transparenz ist das Gehalt kein großes Thema mehr“, sagt Luisa Stärk, Social-Media-Managerin im Unternehmen. Als der Leistungsdruck in ihrem letzten Job sich auch gesundheitlich bemerkbar machte, kündigte die heute 27-Jährige fristlos und bewarb sich bei Elbdudler. Inzwischen arbeitet sie seit drei Monaten in der Agentur. Wie Luisa erlebt auch ihre Kollegin Maraike die Arbeitssituation in der Agentur als entspannt: „Niemand tuschelt hintenrum über die Bezahlung des Kollegen, es gibt weniger Konflikte.“

In Deutschland wird schon seit mehreren Jahren darüber diskutiert, Gehälter transparenter zu machen.

In Norwegen ist man da hingegen schon viel weiter. Dort werden seit 2001 jedes Jahr Einkommen, Vermögen und die Steuerabgaben aller Bürger im Internet veröffentlicht. Um die Daten einzusehen, muss man sich ein Nutzerkonto im Internet anlegen. Die Bürger erfahren dann aber auch, wer ihre Gehaltsinformationen eingesehen hat.

Dass eine totale Lohntransparenz in Deutschland funktionieren würde, bezweifelt Mark Fallak. Er ist Pressesprecher des unabhängigen Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit, kurz IZA, mit Sitz in Bonn: „Bei dieser Form der Lohntransparenz müsste man hierzulande auch die verschiedenen Faktoren nachvollziehbar machen, die in Gehaltsunterschiede einfließen. Sonst drohen Neid und Missgunst.“ Aber warum funktioniert das System dann in Norwegen? Dafür nennt der Experte zwei Gründe. Erstens: „Norwegen hat eine Kultur der Offenheit und Transparenz, Deutschland eine Kultur der Privatsphäre und des Datenschutzes.“ Und zweitens: „Die Lohnlücke ist in Norwegen kleiner, das Neidpotenzial also geringer.“ Die Norweger können schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts die Gehaltsdaten auf den Ämtern einsehen. Im Gegensatz zu Deutschland ist ein offener Umgang mit Geld dort schon lange gang und gäbe. „Es ist aber wissenschaftlich nicht klar belegt, ob die Transparenz zu mehr Gleichheit geführt hat oder mehr Gleichheit die Transparenz nur akzeptabler macht“, so Fallak weiter.

In zwei Punkten kann Gehaltstransparenz aber durchaus Sinn machen.

„Mehr Transparenz soll zum einen helfen, Exzesse nach oben und unten zu verhindern“, erklärt Fallak. So wäre beispielsweise die Diskussion über die Deckelung von Top-Manager-Gehältern erst gar nicht aufgekommen, wenn das Einkommen der DAX-Vorstände geheim wäre. „Ein zweiter wichtiger Punkt ist die Beseitigung von versteckter Lohndiskriminierung.“ Bei einer vergleichbaren Tätigkeit und Qualifikation liegt der Lohnunterschied zwischen Mann und Frau immerhin bei 6 Prozent. Durch transparente Gehälter fällt es Arbeitgebern schwerer, einer Frau grundlos weniger Gehalt auszuzahlen.

Das „Gesetz zur Förderung der Transparenz von Entgeltstrukturen“ , das in Deutschland im Juli in Kraft getreten ist, ist der erste Schritt in diese Richtung.

Von nun an haben Mitarbeiter eines Betriebs mit mehr als 200 Beschäftigten ein Auskunftsrecht über das Gehalt der Mitarbeiter des anderen Geschlechts. Allerdings kann man deswegen nicht gleich den Gehaltscheck des unbeliebten Kollegen vom Schreibtisch gegenüber einsehen – Auskunft bekommen Arbeitnehmer nur über das durchschnittliche Gehalt der Mitarbeiter mit einer gleichen oder vergleichbaren Beschäftigung. Und das auch nur, wenn mindestens sechs davon vom jeweils anderen Geschlecht sind. Wirkliche Transparenz, wie sie bei Elbdudler herrscht, schafft das Gesetz also nicht.

Auch wenn die totale Gehaltstransparenz in Deutschland kein universell anwendbares Modell ist, war für Elbdudler dieser Schritt sicherlich der richtige. „ Viele junge Unternehmen ziehen einen Mitarbeitertypus an, der moderne Arbeitsformen und Aspekte wie zum Beispiel Transparenz besonders wertschätzt“, so Fallak. Das schließe die Neiddebatte zwar nicht aus, federe sie aber zumindest ab. Auch Maraike Czieslik, die 25-jährige Grafikerin von Elbdudler, äußert Bedenken. „Unser Modell pauschal auf alle Unternehmen zu übertragen, ist wahrscheinlich utopisches Wunschdenken.“ Trotzdem würde sie sich einen offeneren Umgang mit Gehalt wünschen.

„Diese ‚Wir reden nicht über Geld‘-Mentalität ist leider ziemlich verwurzelt.“

Direkt nach dem Studium ist auch Maraike erst einmal auf die Nase gefallen. Ohne große Erfahrung in Gehaltsverhandlungen hat sie sich im Vorstellungsgespräch einschüchtern lassen und dann zu wenig verlangt. „Junge Menschen haben oft ein Dankbarkeitsgefühl, überhaupt arbeiten zu dürfen und nicht gleich mit fehlender Erfahrung abgespeist zu werden. Viele machen dann das Erstbeste, das sie kriegen können – auch für wenig Geld.“ Wenn das Gehalt nicht angemessen ist, sollte man erst einmal versuchen, nachzuverhandeln. Wenn auch das nicht hilft, empfiehlt Kollegin Luisa: „Wir sollten uns öfter trauen, einen Schlussstrich zu ziehen und uns nicht mit zu kleinen Gehältern abspeisen lassen.“

www.elbdudler.de

Text: Sophia Herzog


 Dieser Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte „So wollen wir arbeiten“ in der SZENE HAMBURG, November 2017. Wir wollten von euch wissen: Was – außer Geld – treibt euch eigentlich zu eurem Job? Welche Jobs machen glücklich? Und wer hat es gewagt, noch einmal ganz neu anzufangen? Für unser Titelthema haben wir Hamburger an ihren Arbeitsplätzen besucht. Das Magazin ist seit 28. Oktober  2017 am Kiosk und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!