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Denkmalschutz als Zukunftssicherung

Für Kristina Sassenscheidt ist Denkmalschutz Zukunftssicherung: Die Geschäftsführerin vom Hamburger Denkmalverein findet Altbauten nicht nur historisch und architektonisch wertvoll. Sie kritisiert, dass bei Neubauten die ökologischen Schäden der Abrisse nicht ausreichend berücksichtigt werden. Mit ihrer Arbeit wirbt sie für einen Paradigmenwechsel – und für nachhaltige Sanierungen

Interview: David Hock

SZENE HAMBURG: Kristina Sassenscheidt, wie wurden Sie zur Denkmalschützerin?

Kristina Sassenscheidt: Ich mochte Altbauten immer schon sehr gerne, deshalb habe ich auch Architektur studiert. Ich wollte gar nicht neu bauen, sondern mich intensiver mit Altbauten und ihrer Geschichte beschäftigen. Und so bin ich automatisch auf den Denkmalschutz gestoßen, weil der sich um die interessantesten Altbauten kümmert – nämlich die, die noch am meisten originale Substanz besitzen und die daher besonders viel Geschichte erzählen können.

Gibt es eine Anekdote aus Ihrer Kindheit, die Sie in Richtung Ihrer heutigen Tätigkeit geprägt hat?

Ich bin auf dem Johanneum in Winterhude zur Schule gegangen – ein wunderschönes Gebäude des ehemaligen Oberbaudirektors Fritz Schumacher. Und selbst wenn mir die Schule mal nicht so gefiel, bin ich immer gern in dieses Schulgebäude gegangen. Wenn ich mich im Unterricht gelangweilt habe, habe ich manchmal aus dem Fenster geschaut und Teile der Backsteinfassade abgezeichnet, daran erinnere ich mich noch. Und das zeigt auch, wie wichtig qualitätsvolle Schulgebäude für die baukulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen sind.

„Je mehr abgerissen wird, desto stärker wird der Denkmalschutz“

Denkmalschützerin Kristina Sassenscheidt

Seit 40 Jahren gibt es den Hamburger Denkmalschutzverein, seit mehr als drei Jahren sind Sie hauptamtliche Geschäftsführerin. Was ist das Anliegen Ihrer etwa 700 Mitglieder?

Wir setzen uns für einen stärkeren Denkmalschutz in Hamburg ein und versuchen, den Menschen die Bedeutung der alten Bauten als Geschichtszeugnisse und zentrale Bestandteile des gewachsenen Stadtbildes zu vermitteln. 

Die gesellschaftliche Unterstützung für Denkmalschutz und Denkmalpflege ist häufig auch eine Reaktion auf Verlusterfahrungen: Je mehr abgerissen wird, desto stärker wird auch der Denkmalschutz. Hamburg hat seit jeher eine selbstbewusste Zivilgesellschaft, was auch für unser Anliegen ein großes Pfund ist. Es gab immer wieder großen Widerstand aus der Bevölkerung, wenn sich die Hamburger Stadtplanung zu verselbstständigen drohte. Prominente Beispiele sind St. Georg und Ottensen, von denen in den 60er- und 70er-Jahren große Teile abgerissen werden sollten. Das wurde durch massiven Protest auf der Straße verhindert.

Veränderung der Stadtentwicklung

Bedeutet Denkmalschutz dann automatisch, kämpfen zu müssen?

Idealerweise kommt es gar nicht erst zu einem Konflikt. Wir bemühen uns immer darum, dass alle Beteiligten rechtzeitig die Anliegen der historischen Baukultur im Blick haben und in Planungen einbeziehen können. In den 1970er-Jahren gab es schon mal einen Paradigmenwechsel hin zu einer bestandsorientierteren Stadtentwicklung. Damals musste man feststellen, dass in den Nachkriegsjahrzehnten schon sehr viele Gründerzeit-Bauten verloren gegangen waren. Daraufhin wurden viele staatliche Stellen in den Denkmalämtern bundesweit geschaffen.

Jetzt sind wir gerade wieder in einer entscheidenden Phase: Der Immobilienmarkt läuft heiß, es wird wieder sehr viel abgerissen, und gleichzeitig gibt es mit dem fortschreitenden Klimawandel noch deutlich mehr Gründe, Gebäude zu erhalten als vor 50 Jahren.

Sie halten es also auch ökologisch für sinnvoller, ein Gebäude energetisch zu sanieren als einen energieeffizienten Neubau zu planen?

Ja, das Ziel muss es erst mal sein, den gebauten Bestand zu erhalten und qualifizieren. Deutschland war bisher viel zu einseitig auf die Betriebsenergie konzentriert und hat vor allem darauf geschaut: „Wie viel wird geheizt? Wie viel Strom wird verbraucht?“ Man muss aber viel stärker die ökologische Gesamtbilanz in den Blick nehmen.

Ein bereits bestehendes Gebäude ist ein gewaltiger Ressourcen- und Energiespeicher mit all den Materialien, die bei seinem Bau produziert und verbaut wurden. Alleine die Zementproduktion macht weltweit über acht Prozent des CO2-Ausstoßes aus. Wenn man Gebäude abreißt, vernichtet man die verbaute „graue“ Energie, erzeugt Bauschutt und stößt weiteres CO2 für Abtransport und Neubau aus. Sehr anschaulich wird das gerade am Deutschlandhaus in der Innenstadt, wo der Altbau abgerissen wurde und ein nahezu identischer Neubau entsteht.

Und wieso passiert so etwas dann noch?

Abriss ist zu billig, das macht den Neubau und die damit oft verbundene Optimierung der Flächenausnutzung wirtschaftlich attraktiv. Eine CO2-Abgabe auf die Vernichtung von grauer Energie und steuerliche Anreize für die Erhaltung von Altbauten sind aus meiner Sicht Beispiele für sinnvolle politische Weichenstellungen.

Denkmalwürdigkeit

Wie kann aus Ihrer Sicht ein gesundes Zusammenspiel zwischen Gebäudeerhalt und Entwicklung aussehen?

Ein schönes Beispiel ist das Pestalozzi-Quartier auf St. Pauli. Dort hat man die alte Pestalozzischule des Altonaer Stadtbaurates Gustav Oelsner aus den 1920er-Jahren saniert, zu Wohnungen umgewandelt und die Umgebung mit hochwertigen Neubauten nachverdichtet. Im Ergebnis ist ein sehr lebenswertes neues Stück Stadt mit einer gelungenen Mischung aus Alt und Neu entstanden.

Ein wichtiger Impuls für eine bestandsverträgliche Stadtentwicklung war die Rettung des historischen „Gängeviertels“ in der Neustadt. Die Stadt konnte keine greifbare Vision für dieses Areal entwickeln, und die zwölf Gebäude standen über Jahre größtenteils leer. Dann hat die Stadt sie an einen Investor verkauft, der wiederum im Zuge der Finanzkrise nicht mit seinem geplanten Bauvorhaben starten konnte, das einen Abriss von 80 Prozent der Altbauten vorsah. Und dann kam die Initiative „Komm in die Gänge“ mit der klaren und positiven Vision, einen kulturellen Ort für alle Hamburgerinnen und Hamburger zu schaffen.

Es war toll zu erleben, wie sich daraufhin sehr viele Menschen hinter diesem Gedanken versammelt haben und über Monate intensiv diskutiert wurde – bis die Stadt das Areal am Ende zurückgekauft hat und jetzt gemeinsam in enger Abstimmung mit einer Genossenschaft saniert, die aus der Initiative heraus entwickelt wurde.

Das Motto „Ein Konzerthaus für alle“ hat die Stadt der fünf Jahre alten Elbphilharmonie gegeben. Ist dieses neue Wahrzeichen bereits ein Denkmal? Was sind die formalen Kriterien?

Bei der Elbphilharmonie ist in meinen Augen vor allem die Symbolwirkung wichtig, also die Botschaft: „Hier ist das Neue in Ergänzung zum Alten entstanden.“ Ich finde es gut, dass vom dem Kaispeicher zumindest die historische Fassade erhalten wurde, wobei ich mir natürlich gewünscht hätte, dass man im Inneren noch deutlich mehr erhält und nicht für ein Parkhaus entkernt. Der Neubau ist in seiner architektonischen Kraft eigentlich schon denkmalwürdig. Aber Denkmalschützer:innen müssen sich immer 25 bis 30 Jahre Zeit nehmen, bis sie von einer „abgeschlossenen Epoche“ sprechen können, die sie mit der notwendigen Distanz bewerten können. Zuständig für Unterschutzstellungen ist das staatliche Denkmalschutzamt, in dem Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker den Baubestand erforschen und auf seine Denkmalwürdigkeit hin überprüfen.

Wenn ein Gebäude zum Denkmal wird, muss man Baumaßnahmen mit dem Amt abstimmen. Eine Unterschutzstellung hat allerdings auch viele Vorteile, wie Steuererleichterungen oder die Möglichkeit, sich um private und staatliche Fördertöpfe zu bewerben. Außerdem ist Denkmalschutz ja eine Art „Gütesiegel“, das bezeugt, dass man ein geschichtlich bedeutsames oder künstlerisch wertvolles Bauwerk besitzt – und darauf kann man als Eigentümerin oder Eigentümer stolz sein.

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Der Denkmalverein möchte auch loben – und damit Gebäudeerhalt attraktiv machen: Die jüngst erschienene Publikation „Stadt Neu!“ stellt herausragende Hamburger Sanierungs- und Umnutzungsprojekte vor, wie die Umwandlung eines Bürohochhauses in der City Nord in ein Apartmenthaus oder die Umnutzung der ehemaligen Arrestanstalt Wandsbek in Arbeitsräume für das benachbarte Amtsgericht. Das Buch kostet 12 Euro. Mehr Informationen und Bestellung unter denkmalverein.de

AMD Open Campus 2022

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Komm, wie du bist – und werde, wie du sein willst: Studieren an der AMD Akademie Mode & Design. Am 16. Juni 2022 findet der AMD Open Campus 2022 statt

Mit dem Studium startet man in einen neuen Lebensabschnitt. Was man während des Studiums lernt, geht weit über reines Fachwissen hinaus. Man wächst zu der Person, die man in Zukunft sein möchte.

Mode, Medien, Management, Design

Die AMD Akademie Mode & Design weiß genau, wie wichtig die richtige Atmosphäre für diese Entwicklung ist. Man braucht ein Umfeld, in dem man sein akademisches, aber auch sein persönliches Wachstum aktiv mit gestalten kann. Und genau das findet man der AMD:

Mit dem Modestudium, dem Medienstudium, dem Managementstudium oder dem Designstudium findest sich hier der Einstieg in die Kreativbranche.

Seit mehr als 30 Jahren richtet die Akademie sich qualitativ hochwertigen Inhalte immer am Puls der Zeit aus. Digitale Transformation, Change–Management, Globalisierung oder nachhaltige Prozesse – die Kreativbranche steht niemals still. Die Dozierenden der AMD Akademie Mode & Design stehen im ständigen Austausch mit dem internationalen Netzwerk an Partnerhochschulen wie etwa in New York, Antwerpen, London, Mailand und vielen weiteren Städten.

Open Campus

Am 16.6. startet der Open Campus mit einer Führung durch Werkstätten und Räumlichkeiten, einer Ausstellung von Studierenden, Podiumsdiskussion, Live-Workshops, Origami Mitmachschnittkurs, Meet & Greet und vielem mehr.

Zwischen 16 und 22 Uhr kann man beim Open Campus die Akademie kennen lernen und ein Teil davon werden. Von 17 bis 21 Uhr kann sich beim Open Grill mit Studierenden ausgetauscht werden.

amdnet.de

„Das buchstäbliche Leben im grünen Bereich“

Mittlerweile setzen etliche Hamburger Firmen, Start-ups und Solo-Selbstständige auf nachhaltige Arbeit. SZENE HAMBURG porträtiert noch bis Ende März 2022 Menschen, deren Jobs besonders zukunftsorientiert sind. Heute: Andje Stamer vom Gut Karlshöhe

Text: Erik Brandt-Höge

Andje Stamer ist Fachreferentin für Nachhaltigkeit und Bildungsmanagement auf Gut Karlshöhe und fasziniert von den Möglichkeiten im Hamburger Umweltzentrum.

„Landerlebnis in der Stadt“ – so titelt Gut Karlshöhe auf der hauseigenen Info-Broschüre. Klingt nach Bullerbü in Hamburg, nach viel Grün, wenig Lärm, glücklichen Tieren und ebenso glücklichen Menschen, die dort arbeiten oder zu Gast sind. Stimmt auch – aber Gut Karlshöhe ist viel mehr als ein Bauernhof in City-Nähe. Vor mehr als drei Jahrzehnten errichtet, ist es ein Umweltzentrum im Nordosten der Stadt, das mit Zukunftsideen und -projekten Menschen allen Alters inspiriert, ohne dabei missionarisch zu wirken.

Kein Aktivismus, keine Politik, nur Angebote, von letzteren ohne Ende. Workshops, Seminare, Feste, Märkte: Das Guts-Programm ist reichhaltig. Zudem kann man auf dem neun Hektar großen Areal auch einfach mal herumspazieren, es ist frei zugänglich. Von einer Streuobstwiese über einen Bauerngarten gelangt man zu einem Energiehaus und von dort zu einer Schafweide. Es gibt eine Wetterstation und sogar eine eigene Imkerei. Überall verteilt: Ideen, wie Wege in eine nachhaltige Zukunft aussehen können. Etwa, wenn es um das Speichern von Wärme geht. Aber auch vermeintliche alltägliche Kleinigkeiten können hier ausprobiert werden, zum Beispiel, wie man selbst Waschmittel und Kosmetik herstellt, um Verpackung zu sparen.

„Jeder ist willkommen, mitzumachen“

Andje Stamer ist relativ neu auf Gut Karlshöhe. Die 43-Jährige arbeitet frei in der klassischen Unternehmenskommunikation mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit. Parallel hat sie ein Bildungsprogramm aufgebaut, mit dem sie Schulen zum genannten Schwerpunkt berät. So ist sie auf das Gut aufmerksam geworden. „Ich wollte gucken, wie wir kooperieren können, weil das Gut eben so viel zum Thema anbietet“, sagt sie, „und am Ende kam es zu einer Zusammenarbeit, seit Januar bin ich Fachreferentin für Nachhaltigkeit und Bildungsmanagement.“

Bildungsmanagement bedeutet in Andjes Fall: nachhaltige Erwachsenenbildung auf unterschiedlichen Ebenen. Wie zum Beispiel die Guts-Kultur. Das sind kulturelle Themenabende am Lagerfeuer, initiiert von Kulturnordlichter mit verschiedenen Künstlern zum Thema Nachhaltigkeit. Und ein besonders spannendes Projekt mit einem sogenannten Farm-Bot. Das geht so: In Kooperation mit Fab City Hamburg werden zwei 18 Quadratmeter große Vergleichsbeete gebaut. Das eine wird traditionell per Hand bewirtschaftet, das andere digital mit einem Farm-Roboter. Die Idee dahinter ist, einen Weg aufzuzeigen, wie auch ein urbanes Umfeld selbstversorgend ausgerichtet werden kann – mit der Vision, auf den Dächern von Hochhäusern per Farm-Bot bestellte Beete zu errichten, die die Bewohner darunter mit selbst angebautem, regionalem Gemüse versorgen.

Andje sei schlichtweg „begeistert“ – und das nicht bloß vom Farm-Bot-Projekt. Ihre generelle Faszination für Gut Karlshöhe fasst sie so zusammen: „Das Einzigartige an diesem Ort ist das buchstäbliche Leben im grünen Bereich. Und jeder ist willkommen, mitzumachen.“

gut-karlshoehe.de


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Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Frauke: „Warte nicht auf den richtigen Zeitpunkt!“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Frauke begegnet

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich wohne zusammen mit meinem Freund und meiner neunjährigen Hündin Frida auf der Schanze. Frida tut uns sehr gut, sie gibt einem immer einen Grund, aus dem Homeoffice mal an die frische Luft zu kommen. Sie ist auch dabei, wenn wir auf Reisen gehen. Letztes Jahr haben wir einen Camper ausgebaut, der jetzt startbereit ist. Wir hoffen, ihn bald nutzen zu können, um Europa näher kennenzulernen. Im Mai möchten wir die Adriaküste umrunden. Was mir schon vor den aktuellen Krisen bewusst war, aber jetzt für mich wichtiger denn je ist: die Dinge nicht aufzuschieben.

„Null Kompromisse, 100 Prozent Freiheit“

Etwas, was ich machen möchte, das mache ich jetzt. Denn da ist so Vieles, was du nicht beeinflussen kannst; du weißt nie, wie es dir oder deiner Familie in der Zukunft geht.

Meine Leidenschaft zu reisen, habe ich nach dem Studium entdeckt. Ich reiste nach Buenos Aires, war dort drei Monate und bin dann noch weiter nach Kolumbien. Das war etwas vollkommen Neues für mich: neue Menschen, neue Perspektiven und mal wirklich mit sich selbst sein. Null Kompromisse, 100 Prozent Freiheit.

In Südamerika lernte ich zwei Franzosen kennen, die auf einer einjährigen Weltreise waren. Ihre Erzählungen faszinierten mich. Ich habe mir damals gesagt, in meinem 30. Lebensjahr mache ich das auch. Und genau so kam es dann. Ich habe damals lange gespart. Kurz vor der geplanten Reise lernte ich meinen Freund kennen und erzählte ihm sofort von meinen festen Plänen. Seine Antwort: ‚Cool, da mache ich mit.’ Er nahm ein Sabbatical und ich kündigte meinen Job. Wir gaben die Wohnung auf und verkauften alles. One Way.

„Lücken im Lebenslauf sind das wirklich Wichtige“

Du musst dir ein Datum setzen: Wann geht es los? Nicht bloß träumen, irgendwann mal dieses und jenes machen zu wollen. Ich rate dir – und das ist nicht nur auf’s Reisen bezogen: Warte nicht auf den richtigen Zeitpunkt, denn den gibt es nicht. Du kannst nur selbst entscheiden, wann es losgeht. Ich glaube, man ist schnell in einem Teufelskreis gefangen, in den dich die Gesellschaft presst: Immer zu arbeiten, bloß keine Pause zu machen.

Aber was, wenn es gar nicht der richtige Job ist? Wie willst du das herausfinden, wenn du nie etwas Anderes gesehen hast, nie mal ausgebrochen bist? Die Lücken im Lebenslauf sind das wirklich Wichtige. Ich habe mal ein Buch gelesen, in dem Sterbende dazu befragt wurden, was sie am meisten bereuen. Häufig fiel die Antwort, Träume nicht verwirklicht zu haben. Ich glaube, wir müssen öfters innehalten und hinterfragen, was wirklich zählt.“


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Journalismus studieren in Hamburg

Die Hansestadt hat eine Palette an Universitäten und Hochschulen, die das Handwerk von Journalisten und Medienexperten lehren – ein Überblick
Texte: Michelle Kastrop

 

Hochschule Fresenius

Die private Hochschule Fresenius liegt nur einige Meter vom Alsterufer entfernt. Die Studiengänge Medien und Kommunikation sowie Medienmanagement und Digitales Marketing sind der Türöffner in die hart umkämpfte Medienwelt. Hier lernt man alles über Medienrecht, Online-Marketing und E-Commerce. Durch die Spezialisierung in Kommunikations- und Agenturmanagement entwickelt man crossmediale Konzepte für digitale und analoge Kanäle.

Oder wie wäre es mit einer Ausbildung in Film- und Videoproduktion? Denn: Bewegtbild ist das wichtigste Mittel unserer Kommunikation. Wer einen Trip ins Ausland während des Studiums nicht missen will, der hat die Möglichkeit ein Auslandssemester in New York oder Shanghai zu integrieren. Das 1848 gegründete chemische Laboratorium Fresenius umfasst heute die Fachbereiche Chemie und Biologie, Gesundheit und Soziales, Wirtschaft und Medien und Design. Zudem bietet die Hochschule auch Fern- und Online-Studiengänge an.

Hochschule Fresenius: Alte Rabenstraße 1 (Rotherbaum)

 

HAW Hamburg

Die drei Departments Design, Medientechnik und Information umfassen alle Kernkompetenzen und den professionellen Umgang mit Information in der Medienbranche. Für ein besseres Verständnis wendet man in Laboren wie dem Medienkompetenzzentrum, dem Search Lab oder dem Usability Labor, das Erlernte dann direkt praktisch an.

Zusätzlich verfügt die HAW Hamburg über ein Forschungszentrum namens Competence Center Communication (COMCC) für Medien und Kommunikation in der Netzwerkgesellschaft. Hier wird der Nachwuchs aus dem Masterprogramm Digitale Kommunikation auf Forschung und Praxis vorbereitet.

Insgesamt bildet die Hochschule für Angewandte Wissenschaften vier Fakultäten: Technik und Informatik, Life Sciences sowie Design, Medien und Kommunikation wie auch Wirtschaft und Soziales. Durch die Corona-Pandemie gibt es keine einheitlichen Bewerbungsfristen für das Wintersemester 2020. Ein Blick auf die einzelnen Studiengänge auf der Internetseite lohnt sich also.

HAW Hamburg: Berliner Tor 5 (St. Georg)

 

University of Applied Sciences Europe

Direkt am Bahnhof Altona ist die private Hochschule University of Applied Sciences Europe zu Hause. Alle drei Fakultäten Art und Design; Sport, Medien und Events sowie Wirtschaft haben dort ihren Platz. In den Bereichen Sport, Medien und Events und Wirtschaft sind Praktika und ein Auslandssemester nicht nur erwünscht, sondern ein Muss. Passend dazu werden auch die Lerninhalte der Studiengänge praxisnah und international ausgerichtet.

In dem Bachelorstudiengang Kommunikations- und Medienmanagement eignet man sich ein grundlegendes wirtschaftliches Wissen und Kompetenzen in Unternehmensführung sowie strategische Planung, Projektmanagement und Krisenkommunikation an.

Während des Vertiefungskurses Moderation in Radio und TV befindet man sich im hauseigenen Radio- und TV-Studio – eben ganz wie in der Praxis. Die Bewerbungsfrist für das Wintersemester ist der 15. August, für das Sommersemester der 28. Februar.

University of Applied Sciences Europe: Museumstraße 39 (Altona)

 

Hamburg Media School

Hier ist der Name Programm! Die Hamburg Media School ist ein Schmelztiegel für medienaffine Hochschüler. Insgesamt umfasst die Hochschule fünf unterschiedliche Bachelor- und Masterstudiengänge: Digital Journalism, Digital und Medienmanagement, Film, Werteorientierter Werbefilm und Digital Media.

Eines der wichtigsten Merkmale dieser Hochschule sind die kleinen Kursgrößen, die für einen engen Kontakt zwischen Studenten und Dozenten sorgen. Dadurch entsteht eine intensive Betreuung jedes Einzelnen. Wichtig für Berufstätige: Hier kann in Vollzeit oder auch berufsbegleitend studiert werden. Der Masterstudiengang Digital Journalism zeigt den Studierenden neue Arten des Medienkonsums und Storytelling-Formate. So bleibt man auf keinen Fall in der analogen Welt stehen.

Hamburg Media School: Finkenau 35 (Uhlenhorst)

 

Universität Hamburg

Die Universität Hamburg ist mit 180 Gebäuden und mit über 40.000 Absolventen die größte Universität Hamburgs. Insgesamt bietet die Universität, die bereits im 20. Jahrhundert gegründet wurde, über 170 Studiengänge an. So tummeln sich die verschiedensten Leute mit unterschiedlichen Interessen auf dem Campus.

Der Bachelorstudiengang Medien und Kommunikationswissenschaft und der Masterstudiengang Medienwissenschaft werden immer zum Wintersemester angeboten. Damit qualifiziert man sich unter anderen für die Planung, Konzeption und Produktion für Medieninhalte. Besser gesagt: So entwickeln sich die Medien-Talente von morgen!

Die Bewerbungsfrist für Studienanfänger ist dieses Jahr zwischen dem 1. Juli und dem 20. August. Und die Universität Hamburg kann noch mehr. Auch öffentliche Vorlesungen, Weiterbildung, Kultur, Sammlungen und Museen und eine Kinder-Uni bietet die Universität an.

Universität Hamburg: Mittelweg 177 (Rotherbaum)

 

Hochschule Macromedia

Mitten in der Innenstadt, nicht weit vom Jungfernstieg entfernt, liegt die Hochschule Macromedia. Hier heißt es „Brain statt Pain“, ganz nach dem Motto: Auswendiglernen kann jeder, was zählt ist kreatives Denken! Im Bachelorstudiengang Medien und Kommunikationsmanagement lernt man alles über das Planen und Durchführen von Events, Werbekampagnen zu starten und die Unternehmensvision auf Social Media zu verbreiten. Mit diesen und weiteren Kerneigenschaften kann man hinterher sein eigenes Start-up gründen oder im Gegensatz dazu ganz typisch Strategieberater werden.

Wem der normale Bachelor nicht genügt, der kann hier zusätzlich noch einen London-Bachelor abschließen. Das bedeutet, es geht im vierten und fünften Semester nach London zur University of Westminster. Der nächste Master-Info-Abend ist am 14. August und der nächste Bachelor-Info-Abend am 16. September.

Hochschule Macromedia: Gertrudenstraße 3 (Altstadt)

 

Akademie für Publizistik

Dieses Jahr wird die Akademie für Publizistik 50 Jahre alt. Sie wurde gegründet, um die Volontärausbildung für angehende Journalisten zu verbessern. Heute bietet die Akademie viele unterschiedliche Seminare und Lehrgänge an. Bei der berufsbegleitenden, überbetrieblichen Aus- und Fortbildung dreht sich alles um die Medienwelt.

In dem Online-Seminar „Schreiben unter Zeitdruck“ erlernt man Tricks, um zum Schnellschreiber zu werden, ohne dass es die Qualität der Texte beeinflusst. Photoshop-Anfänger? Nach dem Seminar „Bildbearbeitung mit Photoshop CC“ hat man alle wichtigen Grundlagen drauf und weiß, wie man Fotos für Print und Online sicher und schnell bearbeitet. Die Volontärkurse sind unterteilt in Print und Online, Fernsehen und Radio. Perfekt für den Einstieg in die Arbeit der Hamburger Verlagshäuser.

Akademie für Publizistik: Cremon 32 (Altstadt)


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Die Kunsthalle und die Vermessung der Zeit

Der Zukunft und im weiteren Sinne der Zeit widmet die Hamburger Kunsthalle eine Ausstellung. Die zentrale Frage hinter „Futura. Vermessung der Zeit“ ist, wie kann Zukunft gedacht und dargestellt werden?

Text: Rosa Krohn

 

Albert Einstein konstatierte 1905 in seiner Relativitätstheorie, dass die Zeit eine relative Einheit ist. Zeit ist dehnbar, mal scheint sie überhaupt nicht zu vergehen und mal tut sie das viel zu schnell. Wie Einstein selbst formuliert haben soll: „Wenn man mit einem Mädchen, das man liebt, zwei Stunden zusammensitzt, denkt man, es ist nur eine Minute; wenn man aber nur eine Minute auf einem heißen Ofen sitzt, denkt man, es sind zwei Stunden.“ Die Kunsthalle beschäftigt sich nun mit diesem komplexen Konstrukt – speziell mit der Zukunft und wie sie sich darstellen lässt.

Anlass für die Ausstellung „Futura. Vermessung der Zeit“ bietet das 25-jährige Bestehen Bogomir Eckers Kunstwerk, die „Tropfsteinmaschine“. Mit der Maschine hat der Bildhauer 1996 – angedacht für eine Laufzeit von 500 Jahren – die Vorgänge in einer Tropfsteinhöhle mit der Bildung von Stalagmiten und Stalaktiten nachgestellt. Damit ist das Werk vielleicht kein direktes Abbild, doch zumindest Symptom der Zeit.

 

Die Zeit, ein Rahmenprogramm und Science-Fiction

 

Gemeinsam mit der Sammlungskuratorin Brigitte Kölle hat Ecker nun die Ausstellung kuratiert. Seit dem 14. Januar 2022 nähern sich 30 internationale Künstler den existenziellen Fragen der Zeitlichkeit, Nachhaltigkeit und der Visionen. Neue, eigens für die Ausstellung entstandene Werke, aber auch Artefakte vergangener Zeit – verschiedener medialer Beschaffenheit – treffen hier zusammen.

Das Rahmenprogramm der Ausstellung bietet zudem mit Vorträgen von Philosoph:innen, Literatur und Kunstwissenschaftler:innen, sowie mit Lesungen und einer für die Ausstellung entstandenen musikalischen Komposition von Daniel Ott Raum für den Diskurs. Außerdem interessant für alle Filmbegeisterten und darüber hinaus: Eine Science-Fiction-Reihe im Metropolis Kino begleitet die Ausstellung parallel.

hamburger-kunsthalle.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2022. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Kraftwerk Bille: Gemeinschaftlich kaufen, sanieren und betreiben 

Ein Gespräch mit Nina Manz und Julia Marie Englert vom HALLO: e.V. über Geschichte, Problematik und Lösungen für das Projekt Kraftwerk Bille

Text & Interview: Kevin Goonewardena
Fotos: Jérome Gerull

 

Mit dem Festival HALLO: Festspiele und dem experimentellen Stadtteilbüro Schaltzentrale hat sich das ehemalige Kohlekraftwerk an der Bille in den letzten Jahren zum wichtigen Kulturstandort im Osten Hammerbrooks entwickelt. Nun soll sich der für die Aufwertung des einst brach liegenden Industriekomplexes maßgeblich verantwortliche HALLO: e.V. den Interessen des neuen Eigentümers beugen. Der will das Areal zu Büros umbauen, die weitere sekundäre kulturelle Nutzung des Geländes müsste als Feigenblatt des Projekts herhalten. Die Künstler:innen sollen auch ihre Programmhoheit und zugesagte Fördermillionen abgeben – die jedoch wollen das Gelände lieber gemeinschaftlich kaufen und ihre gemeinwohlorientierte Arbeit fortsetzen. 

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SZENE HAMBURG: Die HALLO: Festspiele – ein mehrtägiges Festival für experimentelle Kunst unterschiedlicher Disziplinen – fand erstmals 2015 statt, der HALLO: e.V. gründete sich kurz zuvor. Worum ging es euch damals?

Nina Manz: Julia und ich waren damals noch gar nicht dabei, wir sind erst 2018 dazu gekommen. Als 2015 dieses Gelände hier vom HALLO: e.V entdeckt wurde, ging es erstmal vorrangig um die Umsetzung der HALLO: Festspiele, mit denen es hier angefangen hat und dem Hintergedanken, verschlossene Räume der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dass die Festspiele eine Vorhut für eine dauerhafte Nutzung sein sollen, war von Anfang an das Ziel. Relativ schnell hat sich dann durch die künstlerische Forschung vor Ort ein Verständnis für den Raum und die Besitzverhältnisse ergeben.

Die da waren?

Nina Manz: Damals gehörte der Komplex der MIB, genauer der MIB Kraftwerk Bille GmbH, einem Privatinvestor, dessen Entwicklungsgesellschaft MIB Colored Fields GmbH beispielsweise auch die Baumwollspinnerei in Leipzig entwickelt. Sie ist spezialisiert darauf, Industrieliegenschaften durch kulturelle Umnutzung wieder zu reaktivieren. 

Die Aufwertung ehemals brachliegender Gebäude durch kulturelle Pioniernutzer:innen gehört zum Geschäftsmodell der MIB. Auf einem so reaktivierten Gelände können mit anderen Nutzungen dann höhere Mieten erzielt werden – oder die Immobilie lässt sich wie in unserem Fall für ein Vielfaches des ursprünglichen Kaufpreises weiter verkaufen.

 Nach der ersten Ausgabe der HALLO: Festspiele seid ihr geblieben. Wie kam es dazu?

Nina Manz: Es gab nach den ersten HALLO: Festspielen 2015 das Bedürfnis nach einem dauerhaften Standort für die kulturellen Aktivitäten, die nicht nur einmal im Jahr zum Festival durchgeführt werden sollten. 

Von Beginn an haben Mitglieder des Vereins Konzepte für dauerhafte Nutzungen für die Hallen des Kraftwerks konzipiert und der Eigentümergesellschaft vorgeschlagen. Daraufhin wurde uns von MIB die Räumlichkeiten der Schaltzentrale zur Nutzung angeboten: Mit einem jährlich kündbaren Mietvertrag von Seiten der MIB, ohne Miete, gegen Zahlung der Nebenkosten und relativer inhaltlicher Freiheit für den Verein.

 

Mangel an Räumen

 

Dass hinter dem Projekt Kraftwerk Bille eine Gmbh steht, habe ich vor Jahren bei einem offenen Treffen erfahren. In diesem Kontext wirkte das befremdlich, aber solange ein gemeinsames Ziel verfolgt wird, sollte eine solche Trägerschaft eigentlich kein Problem darstellen. Es muss ja auch nicht jeder Impuls zur Veränderung von unten kommen…

Julia Marie Englert: Die Entscheidung in einer privat besessenen Immobilie kulturelle Nutzungen zu initiieren, wurde notgedrungen akzeptiert – aus dem auch in Hamburg vorhandenen Mangel an Räumen für nicht-kommerzielle Tätigkeiten. Ebenso die prekären, temporären Konditionen der Nutzung. Darum war es uns auch so wichtig, die Aufwertung, die wir zwangsläufig mit in die Nachbar:innenschaft bringen, dauerhaft für diese zu sichern. 

Mit MIB sah es so aus, als ob dies gemeinsam möglich wäre, bis diese das Kraftwerk ohne unser Wissen verkauften, während wir zeitgleich eine Zusicherung von ihnen bekamen, im Rahmen der Förderung, einen Kraftwerksteil als Gemeingut zu sichern.

 Was ist da passiert?

Julia Marie Englert: Die MIB hatte jahrelang betont, dass Kraftwerk selbst entwickeln zu wollen. Warum es dann doch plötzlich zu einem Verkauf kam, wissen wir nicht. Bis heute bleibt das intransparent. Bisher wissen wir, dass die Anteile an der Gesellschaft Kraftwerk Bille Hamburg GmbH an neue Anteilseigner:innen verkauft wurden. Es wurde also nicht das Gebäude und der Grund verkauft, sondern die GmbH, die diese hält. 

Diese Art von Immobilientransaktionen werden häufig genutzt, um die Grunderwerbssteuer zu sparen. Die neuen Eigentümer:innen sind ein Immobilienunternehmer aus Berlin, sowie Arzt und ein weiterer Investor, die beide aus München kommen.

Und das passierte dann über Nacht?

Nina Manz: Über Nacht beziehungsweise parallel dazu, dass wir zusammen mit MIB und dem Bezirk Mitte eine Förderung für WERK beim Bund für ‘Nationale Projekte des Städtebaus’ beantragt haben. Die Förderzusage kam, als das Kraftwerk bereits neue Eigentümer hatte. 

Bei der Förderung geht es, mit einer Kofinanzierung der Stadt Hamburg, um neun Millionen Euro. Seitdem spitzt sich die Situation zu. Dadurch, dass der aktuelle Eigentümer nun nicht mehr verkaufen möchte, können wir das Geld der Förderung nicht annehmen, weil die Förderung an die gemeinwohlorientierte Eigentums- und Betriebsform unseres Konzeptes geknüpft ist. Unter diesen Umständen kommen wir natürlich unter wahnsinnigen Zugzwang: Wie können diese Bundesgelder A, nicht in die Taschen von profitorientierten Akteuren fließen und B, der Realisierung und Sicherung von bezahlbaren, dauerhaften Räumen für Kunst und Kultur, Produktion, Forschung und soziale Infrastruktur zugute kommen?

Häuser und Boden, in denen ihr arbeitet gehören jetzt also einer Firma, die das Gelände anders entwickeln möchte als der vorherige Eigentümer und ihr und das ohne euch?

Nina Manz: Hier sollen vor allem hochpreisige Büros entstehen. Wie sie an vielen Orten in Hammerbrook leer stehen. Die Gebäude des Areals – bei denen es Statik und Denkmalschutz zulassen – sollen aufgestockt und saniert werden, inklusive Teppichboden. Die Kesselhalle soll eine Art Kunst-Mall werden, so nennt es der Investor. Der neue Geschäftsführer kommt aus der klassischen Projektentwicklung und hat unter anderem Infrastrukturprojekte und Shopping Malls entwickelt. Also was sehr anderes als das Kraftwerk jetzt ist – und wofür es seit Jahren mit den erprobten Nutzungen steht. Es geht hier klar um ein Investment, was möglichst hohe Renditen erwirtschaften soll.

 

„Zeit, fair zu verkaufen“

 

Und wie sehen eure Pläne für die Entwicklung des Geländes aus?

Julia Maria Englert: Unser Konzept sieht vor das Grundstück mit Hilfe der Schweizer Stiftung Edith Maryon zu kaufen. Das ist eine gemeinwohlorientierte Stiftung, die Immobilien dem Markt entzieht und an gemeinnützige Organisationen wie z.B. eine Genossenschaft  verpachtet um deren Projekte zu ermöglichen. Sie ist auch ein Garant dafür, dass das Grundstück nicht weiter verkauft werden kann und zukünftiger Spekulation entzogen wird.  Über unsere  Genossenschaft WERK eG planen  wir dann den eigenständigen Kauf des Gebäudes, welches auf dem Grundstück steht.

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Eurem Konzept zufolge sollen die jetzigen Besitzer:innen das Grundstück der Stiftung und das Gebäude eurer Genossenschaft verkaufen. Nur zu einem geringeren Preis als dieser durch die Vermarktung als Bürostandort durch Mieteinnahmen erzielen könnte.

Julia Maria Englert: Genau. Mit den zugesagten Fördermittel in Höhe von rund neun Millionen Euro von Stadt und Land könnte das Gebäude dann saniert werden, ebenso wird die gemeinschaftliche Entwicklung finanziert – denn wir finden, dass alle mitbestimmen sollen, wie dieser einzigartige Ort zukünftig genutzt wird.

Diese Geldsumme braucht es auch, denn die Bausubstanz wird mit jedem Jahr schlechter. Die Fördermittel sind allerdings an unser Konzept geknüpft – ohne WERK gibt es demnach auch keine Förderung. Wir lassen uns aber nicht für die geplante kulturelle Zwischennutzung einspannen, um den Eigentümer:innen diese Fördermillionen zu ermöglichen.

 Was würde sich ändern?

Julia Maria Englert: Eigentum und Betrieb wäre durch die Genossenschaft anders organisiert: Jede:r könnte Teil davon sein und als aktives Mitglied die Zukunft des Kraftwerks mitbestimmen. Für WERK sehen wir eine Nutzungsmix zu je einem Drittel Kunst/Kultur, sozialem und produzierendem Gewerbe vor. Das garantiert die Vielfalt, die der Ort und der Stadtteil Hammerbrook brauchen. 

Wie ist die Position der Stadt Hamburg?

Nina Manz: Sehr positiv. Die Stadt hat mit uns den Förderantrag gestellt. Gleichzeitig zeigt sich hier, was wir bereits wissen: städtisches Grundeigentum sollte nicht verkauft werden, die Steuerungsinstrumente und Einflussnahmen auf gemeinwohlorientierte Nutzungen sind sehr gering, sobald sich die Immobilien in privater Hand befinden.

Mit der Kampagne „Zeit, fair zu verkaufen“ fordert ihr die Eigentümergesellschaft Kraftwerk Bille Hamburg GmbH nun zum Verkauf eines Gebäudeteils an die zu gründende Genossenschaft zu einem fairen Preis auf.

Julia Maria Englert: „Mit der Kampagne wollen wir auf die Situation aufmerksam machen und den Druck erhöhen, dazu finden auch im Rahmen des Kultursommers zahlreiche Veranstaltungen statt. Wie wichtig dieses und ähnliche Projekte für ihre Umgebung, aber auch die Stadt selbst sind, sieht man auch an unseren Erstunterzeichnerr:innen – darunter befinden sich sowohl Einzelpersonen und Organisationen aus Hamburg, Deutschland und darüber hinaus. Nicht nur Künstler:innen, sondern auch Wissenschaftler:innen, Forscher:innen, Menschen aus unterschiedlichen Bereichen, die an Stadtentwicklung beteiligt sind.

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Mehr Infos und zu den über 150 Erstunterzeichner:innen. Mit unter anderem Mundhalle, Hallo: Radio, Gängeviertel, Golden Pudel, Papiripar Galerie 21, Kampnagel – Internationales Zentrum für schönere Künste, Fux Genossenschaft, Elbphilharmonie, Recht auf Stadt Hamburg, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Kunstverein. Hier geht’s zur Petition.


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„Hamburg 2040“: Handelskammer Hamburg startet Podcast

„Hamburg 2040: Wie wollen wir künftig leben – und wovon?“: Der Podcast zur Standortstrategie Hamburg 2040 der Handelskammer Hamburg

Text: Erik Brandt-Höge

 

Lust auf einen Blick in die Zukunft der Stadt? Kein Problem! „Hamburg 2040: Wie wollen wir künftig leben – und wovon?“ ist der Podcast zur Standortstrategie Hamburg 2040 der Handelskammer Hamburg und bietet spannende Gespräche über künftige Herausforderungen. Norbert Aust (Unternehmer und Präses der Handelskammer) und Malte Heyne (Chef der Handelskammer) sind die Gastgeber.

Mit Expertinnen und Experten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft unterhalten sie sich über das, was auf Hamburg zukommen könnte – und über dessen Finanzierung. In der ersten Podcast-Folge haben sie einen Gast, der gerade dabei ist, die Zukunft der Stadt vorzubereiten: den Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher. Ihre Themen: die Zukunft der Hamburger Innenstadt und des Hafens sowie das Corona-Krisenmanagement des Senats.

Hört hier in die erste Folge rein:


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