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Medienstadt: Journalismus studieren in Hamburg

Die Hansestadt hat eine Palette an Universitäten und Hochschulen, die das Handwerk von Journalisten und Medienexperten lehren – ein Überblick

Texte: Michelle Kastrop

 

Hochschule Fresenius

Die private Hochschule Fresenius liegt nur einige Meter vom Alsterufer entfernt. Die Studiengänge Medien und Kommunikation sowie Medienmanagement und Digitales Marketing sind der Türöffner in die hart umkämpfte Medienwelt. Hier lernt man alles über Medienrecht, Online-Marketing und E-Commerce. Durch die Spezialisierung in Kommunikations- und Agenturmanagement entwickelt man crossmediale Konzepte für digitale und analoge Kanäle.

Oder wie wäre es mit einer Ausbildung in Film- und Videoproduktion? Denn: Bewegtbild ist das wichtigste Mittel unserer Kommunikation. Wer einen Trip ins Ausland während des Studiums nicht missen will, der hat die Möglichkeit ein Auslandssemester in New York oder Shanghai zu integrieren. Das 1848 gegründete chemische Laboratorium Fresenius umfasst heute die Fachbereiche Chemie und Biologie, Gesundheit und Soziales, Wirtschaft und Medien und Design. Zudem bietet die Hochschule auch Fern- und Online-Studiengänge an.

Hochschule Fresenius: Alte Rabenstraße 1 (Rotherbaum)

 

HAW Hamburg

Die drei Departments Design, Medientechnik und Information umfassen alle Kernkompetenzen und den professionellen Umgang mit Information in der Medienbranche. Für ein besseres Verständnis wendet man in Laboren wie dem Medienkompetenzzentrum, dem Search Lab oder dem Usability Labor, das Erlernte dann direkt praktisch an.

Zusätzlich verfügt die HAW Hamburg über ein Forschungszentrum namens Competence Center Communication (COMCC) für Medien und Kommunikation in der Netzwerkgesellschaft. Hier wird der Nachwuchs aus dem Masterprogramm Digitale Kommunikation auf Forschung und Praxis vorbereitet.

Insgesamt bildet die Hochschule für Angewandte Wissenschaften vier Fakultäten: Technik und Informatik, Life Sciences sowie Design, Medien und Kommunikation wie auch Wirtschaft und Soziales. Durch die Corona-Pandemie gibt es keine einheitlichen Bewerbungsfristen für das Wintersemester 2020. Ein Blick auf die einzelnen Studiengänge auf der Internetseite lohnt sich also.

HAW Hamburg: Berliner Tor 5 (St. Georg)

 

University of Applied Sciences Europe

Direkt am Bahnhof Altona ist die private Hochschule University of Applied Sciences Europe zu Hause. Alle drei Fakultäten Art und Design; Sport, Medien und Events sowie Wirtschaft haben dort ihren Platz. In den Bereichen Sport, Medien und Events und Wirtschaft sind Praktika und ein Auslandssemester nicht nur erwünscht, sondern ein Muss. Passend dazu werden auch die Lerninhalte der Studiengänge praxisnah und international ausgerichtet.

In dem Bachelorstudiengang Kommunikations- und Medienmanagement eignet man sich ein grundlegendes wirtschaftliches Wissen und Kompetenzen in Unternehmensführung sowie strategische Planung, Projektmanagement und Krisenkommunikation an.

Während des Vertiefungskurses Moderation in Radio und TV befindet man sich im hauseigenen Radio- und TV-Studio – eben ganz wie in der Praxis. Die Bewerbungsfrist für das Wintersemester ist der 15. August, für das Sommersemester der 28. Februar.

University of Applied Sciences Europe: Museumstraße 39 (Altona)

 

Hamburg Media School

Hier ist der Name Programm! Die Hamburg Media School ist ein Schmelztiegel für medienaffine Hochschüler. Insgesamt umfasst die Hochschule fünf unterschiedliche Bachelor- und Masterstudiengänge: Digital Journalism, Digital und Medienmanagement, Film, Werteorientierter Werbefilm und Digital Media.

Eines der wichtigsten Merkmale dieser Hochschule sind die kleinen Kursgrößen, die für einen engen Kontakt zwischen Studenten und Dozenten sorgen. Dadurch entsteht eine intensive Betreuung jedes Einzelnen. Wichtig für Berufstätige: Hier kann in Vollzeit oder auch berufsbegleitend studiert werden. Der Masterstudiengang Digital Journalism zeigt den Studierenden neue Arten des Medienkonsums und Storytelling-Formate. So bleibt man auf keinen Fall in der analogen Welt stehen.

Hamburg Media School: Finkenau 35 (Uhlenhorst)

 

Universität Hamburg

Die Universität Hamburg ist mit 180 Gebäuden und mit über 40.000 Absolventen die größte Universität Hamburgs. Insgesamt bietet die Universität, die bereits im 20. Jahrhundert gegründet wurde, über 170 Studiengänge an. So tummeln sich die verschiedensten Leute mit unterschiedlichen Interessen auf dem Campus.

Der Bachelorstudiengang Medien und Kommunikationswissenschaft und der Masterstudiengang Medienwissenschaft werden immer zum Wintersemester angeboten. Damit qualifiziert man sich unter anderen für die Planung, Konzeption und Produktion für Medieninhalte. Besser gesagt: So entwickeln sich die Medien-Talente von morgen!

Die Bewerbungsfrist für Studienanfänger ist dieses Jahr zwischen dem 1. Juli und dem 20. August. Und die Universität Hamburg kann noch mehr. Auch öffentliche Vorlesungen, Weiterbildung, Kultur, Sammlungen und Museen und eine Kinder-Uni bietet die Universität an.

Universität Hamburg: Mittelweg 177 (Rotherbaum)

 

Hochschule Macromedia

Mitten in der Innenstadt, nicht weit vom Jungfernstieg entfernt, liegt die Hochschule Macromedia. Hier heißt es „Brain statt Pain“, ganz nach dem Motto: Auswendiglernen kann jeder, was zählt ist kreatives Denken! Im Bachelorstudiengang Medien und Kommunikationsmanagement lernt man alles über das Planen und Durchführen von Events, Werbekampagnen zu starten und die Unternehmensvision auf Social Media zu verbreiten. Mit diesen und weiteren Kerneigenschaften kann man hinterher sein eigenes Start-up gründen oder im Gegensatz dazu ganz typisch Strategieberater werden.

Wem der normale Bachelor nicht genügt, der kann hier zusätzlich noch einen London-Bachelor abschließen. Das bedeutet, es geht im vierten und fünften Semester nach London zur University of Westminster. Der nächste Master-Info-Abend ist am 14. August und der nächste Bachelor-Info-Abend am 16. September.

Hochschule Macromedia: Gertrudenstraße 3 (Altstadt)

 

Akademie für Publizistik

Dieses Jahr wird die Akademie für Publizistik 50 Jahre alt. Sie wurde gegründet, um die Volontärausbildung für angehende Journalisten zu verbessern. Heute bietet die Akademie viele unterschiedliche Seminare und Lehrgänge an. Bei der berufsbegleitenden, überbetrieblichen Aus- und Fortbildung dreht sich alles um die Medienwelt.

In dem Online-Seminar „Schreiben unter Zeitdruck“ erlernt man Tricks, um zum Schnellschreiber zu werden, ohne dass es die Qualität der Texte beeinflusst. Photoshop-Anfänger? Nach dem Seminar „Bildbearbeitung mit Photoshop CC“ hat man alle wichtigen Grundlagen drauf und weiß, wie man Fotos für Print und Online sicher und schnell bearbeitet. Die Volontärkurse sind unterteilt in Print und Online, Fernsehen und Radio. Perfekt für den Einstieg in die Arbeit der Hamburger Verlagshäuser.

Akademie für Publizistik: Cremon 32 (Altstadt)


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Steckbriefe: Hamburger Medienmacher im Interview

Hamburger Medienmenschen über ihren Werdegang, ihre Stärken und ihre Vorstellung von gutem Journalismus

Steckbriefe: Erik Brandt-Höge

 

Maik Koltermann von der Hamburger Morgenpost

Maik Koltermann, 45, Journalist/ Chefredakteur Hamburger Morgenpost

Werdegang: Als Teenager dem Grunge verfallen. Auch weil Journalisten Frei­tickets und Rezensionsexemplare bekamen, bei Musikmagazin beworben. Spä­ter als Volontär die Pop­-Seite der MOPO betreut. Dann: Lokales, CvD, Ressort­leiter, Stellv. Chefredakteur. Nach neun­monatiger Auszeit jetzt zurück als Chef.

Mein Job in einem Satz: Täglich raus­finden, was Hamburg bewegt und bewe­gen sollte, manchmal Löwenbändiger sein und manchmal Küchenpsychologe.

Meine größte Stärke: Ich mache einen exzellenten Schweinebraten und habe hin und wieder eine gute Idee.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: Ach. Abend­blatt, Spiegel, Süddeutsche, Facebook, Instagram, ARD, Arte, Netflix und vieles mehr … zu viel, zu lang.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: Herausragend ist ein großes Wort, aber “Er will’s wirklich wissen” von Peter Unfried in der taz habe ich sehr gern gelesen. Liegt vielleicht auch daran, dass ich kurz zuvor fest­gestellt hatte, dass mein bisheriges Urteil über Markus Lanz überar­beitungswürdig ist.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: Ein hartes Stück Arbeit, die beste aller Aufga­ben.

 

Lars Haider vom Hamburger Abendblatt (Bild: Mark Sandten)

Lars Haider, 50, Journalist/ Chefredakteur Hamburger Abendblatt

Werdegang: Ich wollte immer Re­dakteur beim Hamburger Abendblatt werden, weil ich diese Zeitung und diese Stadt so liebe.

Mein Job in einem Satz: Für gute Laune und sehr gute Geschichten sorgen.

Meine größte Stärke: Verrückte Ideen.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: Zu vie­le, um sie hier aufzuzählen.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: Markus Felden­kirchen: “Die Schulz­-Story”.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: systemrelevant

 

Carla Rosorius von der GEO

Carla Rosorius, 32, Bildredakteurin GEO Wissen/ GEO kompakt/ Wohllebens Welt

Werdegang: Meine Begeisterung für Fotografie und letztendlich das Jahr an der Ostkreuzschule für Fotografie haben in mir die Entscheidung gefestigt, den Berufsweg der Bild­redakteurin einzuschla­gen. Es folgten Stationen beim Magazin der Süddeutschen Zeitung, dem Spiegel, der Zeit und mittler­weile bin ich seit gut fünf Jahren Teil der großen GEO­-Familie.

Mein Job in einem Satz: Ich verstehe mich als Bildredakteurin als Schnittstelle zwischen den Fotografen und Illustratoren draußen sowie der Textredaktion und der Grafik innerhalb der Redaktion – in der Bildredaktion läuft alles zusammen.

Meine größte Stärke: Ich kommuni­ziere gerne, habe ein gutes Gedächtnis und behalte auch bei parallel laufenden Projekten den Überblick.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: Als Angestellte bei Gruner + Jahr landen zig Magazine auf meinem Tisch, meine Top 3 aus an­ deren Häusern: Spiegel, British Journal of Photography, Bon appétit.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: Ich kann mich nicht auf eine Veröffentlichung festlegen und diese als herausragend bezeichnen. Mich können unterschiedlichste Themen und Ansätze begeistern, wenn sie überraschen und mir eine Welt zeigen, die ich so bislang nicht kannte.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: Journalismus ist für mich gut, wenn er sowohl optisch als auch textlich überrascht und ein mir bislang unbekanntes Thema von verschiedenen Seiten beleuchtet, erklärt und dabei gerne auch provokante Thesen aufstellt, die mich neugierig machen, mehr zu erfahren.

 

Jan Hildebrandt von den Eimsbütteler Nachrichten (Bild: Eimsbütteler Nachrichten)

Jan Hildebrandt, 40, Verleger Eimsbütteler Nachrichten

Werdegang: Ich habe während des Studiums abgeordnetenwatch.de gegründet. Anschlie­ßend habe ich an der TU Harburg in einem So­zionik­-Projekt ge­arbeitet und er­forscht, wie sich neue Kommunikations­medien auf gesell­schaftliche Strukturen auswirken. 2013 gründe­te ich die Eimsbütteler Nachrichten, um dabei ein tragfähiges Geschäftsmodell zur Finanzierung von unabhängigem lokalen Qualitätsjournalismus zu entwickeln.

Mein Job in einem Satz: Ich bin zu­ständig für die Geschäftsführung, Or­ganisationsentwicklung, Marketing, Kooperationen, Sales und Personal.

Meine größte Stärke: Eine gesunde Mischung aus Panik, Resilienz, Hek­tik und Geduld.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: Über­medien, Die Zeit, Der Spiegel, Katapult, NDR, taz, Hamburger Morgenpost, Hamburger Abendblatt, Was­hington Post, New York Times, Horizont, MEEDIA, Der Postillon, Titanic.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: “Tausend Zeilen Lüge: Das System Relotius und der deutsche Journalismus”, Juan Moreno, Rowohlt Berlin. Für mich ist Moreno der Retter des deutschen Journalis­mus. Er hat persönlich Unglaubliches auf sich genommen und erduldet, um die Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche wiederherzustellen.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: Guter Journalismus verliert nie den Bezug zu seinen Lesern. Eine Redaktion sollte sich im Dauerdiskurs mit ihren Lesern befinden.

 

Gabriele Fischer von brand eins (Bild: Andre Hemstedt & Tine Reimer)

Gabriele Fischer, 67, Journalistin/ Chefredakteurin brand eins

Werdegang: Studium: Politische Wis­senschaften, Soziologie und Germanistik, nach dem Magister zwei Jahre Autos vermietet, Einstieg in den Journalismus bei der Rotenburger Kreiszeitung, von dort zur G+J -Journalistenschule (hieß damals noch so, es war der erste Jahr­gang), von dort zurück in die Provinz, fünf Jahre Osterholzer Kreisblatt und Delmenhorster Kurier. Danach zehn Jahre Manager Magazin, Entwicklung des Tochtermagazins Econy, das nach zwei Ausgaben eingestellt wurde. Seit­ dem Unternehmerin zunächst mit Econy, nach dessen Verkauf Mitgründung von brand eins, das heute in der brand eins Medien AG erscheint.

Mein Job in einem Satz: Dafür zu sor­gen, dass die Kollegen dort gern und gut arbeiten können.

Meine größte Stärke: Weitgehend angstfrei, Menschen liebend und frustrationstolerant. Und ich erkenne ziemlich zielsicher, was eine Geschichte ist und was nicht.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: Zeit, Spiegel, SZ und immer wieder Independents wie Zenith oder Katapult.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: Die Zeit: “Würden Sie diesen Mann entlassen?” von Noemi Harnickel und Anna­-Sophie Barbutev, Begründung: Weil man nach dem Foto schon alles zu wissen glaubt – und dann eine ganz andere Geschichte liest.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: Wenn Journalisten nach Antworten suchen, auch wenn sie ihnen nicht gefallen – und nicht nur eigene Vor­urteile bestätigen wollen.

 

Wolf-Hendrik Müllenberg vom NDR (Bild: NDR/ Christian Spielmann)

Wolf-Hendrik Müllenberg, 37, Cross-medialer Redakteur NDR Info

Werdegang: Nach dem Volo auf der Evangelischen Journalistenschule, Einsatz als trimedialer Reporter im NDR Studio Braunschweig. Danach Wechsel nach Hamburg als Autor im Aktuell­-Team von NDR.de sowie als Berater im Social Media Team des NDR. Heute: Redakteur für Online, Social Media, Hörfunk und Fernse­hen.

Mein Job in einem Satz: Was bewegt den Norden heute?

Meine größte Stärke: Gespür für Themen, crossmedial denken, Team­fähigkeit.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: SZ, taz, FAS, Bild und Bildblog, Social Me­dia Watchblog, Dummy, „Tracks“ von Arte und die Podcasts „Hotel Matze“ sowie „ZEIT Verbrechen“.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: “Leonora – Wie ein Vater seine Tochter an den IS verlor” (Volkmar Kabisch, Britta von der Heide, Amir Musawy, ARD). Ein Film, der mit außergewöhnlicher Nähe er­zählt wird und zudem auch als spannen­der Podcast umgesetzt wurde.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: … der den Menschen auf Augenhöhe begegnet, an seinem Publikum orientiert und nicht von Eitelkeit getrieben ist.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Ein Plädoyer für die Presse

Ein Essay: Der Journalismus befindet sich in der Krise. Ob Spiegel, Stern, Abendblatt, Mopo oder SZENE HAMBURG – der Einfluss der einstigen Hamburger Flaggschiffe sinkt und das Vertrauen der Leser schwindet, während Social-Media-Plattformen wie Facebook und Twitter Milliardengewinne feiern. Was bedeutet das für die Stadt, das Land und die Welt? Und vor allem: Was ist zu tun?

Text: Marco Arellano Gomes

 

Jeder Enttäuschung geht notwendigerweise eine Täuschung voraus. Rückblickend lässt sich sagen, dass kaum ein Berufsstand mit so vielen Erwartungen und Ansprüchen überhäuft wird wie der des Journalisten. Vielleicht lag hierin bereits von Beginn an die Täuschung, die Selbsttäuschung wohlgemerkt. Auf den ersten Blick ist es kein Zufall, dass der Comic-Held Superman in seinem bürgerlichen Leben, unter dem Decknamen Clark Kent, den Beruf des Journalisten ausübt. Denn kein Beruf kommt der Ambition, die Welt zu verbessern, sie gar zu retten, wohl näher.

Dabei könnte die enttäuschende Wahrheit sein, dass Superman aus ganz pragmatischen Gründen diesen Beruf erwählt hat: Erstens, weil er dadurch am schnellsten mit den wichtigsten Nachrichten versorgt wird und zweitens, weil niemand wirklich davon ausgeht, dass ein Journalist ein Superheld sein könnte. In der Gegenwart jedenfalls wird in immer größeren Teilen der Bevölkerung zunehmend ein Urteil zum Journalismus gefällt, das nicht gerade gnädig ausfällt: „Lügenpresse“ und „Fake News“ sind die unschönen Kampfbegriffe, die den passiven Wortschatz vieler längst verlassen haben und nicht nur in Straßenaufmärschen und an Stammtischen skandiert werden, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind.

Laut einer Eurobarometer-Umfrage von 2019 glaubt mehr als die Hälfte der Befragten in Deutschland, dass sie verfälschten Nachrichten ausgesetzt werde. In Großbritannien sind es 75 Prozent, in Frankreich gar 80 Prozent. Irgendetwas ist schiefgelaufen im Verhältnis von Journalisten und Bürgern. Es ist eine Entfremdung eingetreten, deren Folgen noch nicht abschätzbar sind. Wie konnte das passieren? Und was kann getan werden, um dieser Entwicklung entgegenzusteuern?

 

Sturmgeschütz der Demokratie

 

„Ich glaube, dass ein leidenschaftlicher Journalist kaum einen Artikel schreiben kann, ohne im Unterbewusstsein die Wirklichkeit ändern zu wollen“, hat Spiegel- Gründer Rudolf Augstein einst gesagt. Vielen galt die mit seinem Namen verbundene Spiegel-Affäre von 1962 als die Geburtsstunde des demokratischen Bewusstseins in Deutschland. Damals, als der Verteidigungsminister Franz Josef Strauß Teile der Spiegel-Redaktion mit dem Vorwurf des Landesverrats verhaften ließ, weil diese einen kritischen Artikel zur Rüstungspolitik der Bundesrepublik veröffentlicht hatte, stellte sich die Bevölkerung, im Namen der Pressefreiheit, auf die Seite der Journalisten.

Damals war etwas entstanden, was mittlerweile verloren gegangen ist: eine Bindung zwischen den Bürgern und Bürgerinnen und den Medien, die den Mächtigen in ihrem Auftrag auf die Finger schauen sollten. Augstein nannte sein Blatt nicht ohne Grund das „Sturmgeschütz der Demokratie“. Es galt, etwas zu verteidigen – gegen die Gefahren von rechts und links, von oben und unten.

 

Skandale made in Hamburg

 

Seither ist unzweifelhaft viel passiert. Die gefälschten Hitler-Tagebücher des Stern und die Relotius-Affäre des Spiegel sind die schillerndsten Beispiele dafür, wie sehr Sensation, Kommerz und Prestige dazu führen können, gravierende Fehler zu machen oder zu übersehen, nur um einen Scoop zu landen. Beide Skandale sind made in Hamburg. Zugleich wird hier die Elite des Journalismus ausgebildet. Die Henri-Nannen-Schule ist das Traumziel eines jeden angehenden Journalisten, der etwas auf sich hält. Der Einstellungstest ist legendär, das Programm in jeder Hinsicht eine Herausforderung. Spitzenjournalismus und journalistische Abgründe – nirgends liegen Schein und Sein so eng beieinander wie in Hamburg, dieser Stadt der Extreme, der Vielfalt, der Widersprüchlichkeit. Hier ist die Zeit ebenso zu Hause wie die Bauer Media Group.

Der Journalismus ist in eine massive Finanzierungs- und Misstrauenskrise geraten – und das mitten in einer historisch ungünstigen Situation der multiplen Transformationsprozesse: internationale Krisen, wirtschaftlicher Strukturwandel, Digitalisierung der Lebenswelt – um nur einige zu nennen.

 

Medien-Hamburg-kiosk

 

Medienevolution

 

Was den Journalismus wohl am stärksten verändert und herausfordert, ist der Siegeszug des Internets und die damit einhergehende Medienevolution. Texte, Bilder und Videos sind dank der Neuen Medien permanent und in Sekundenschnelle verfügbar. Nie war es leichter, an Wissen zu gelangen, Informationen zu teilen, mitzureden. Spätestens seit Auftauchen der sozialen Medien wie Facebook, Instagram, Twitter und Youtube ist jeder Nutzer zum Nachrichtenproduzenten geworden, ohne dafür ausgebildet zu sein.

 

„Es wird zunehmend geklickt, gewischt und geliked, statt gelesen, gesprochen und gedacht“

 

Die Kommunikation und Informationsbeschaffung der Menschen hat sich grundlegend verändert: Es wird zunehmend geklickt, gewischt und geliked, statt gelesen, gesprochen und gedacht. Follower ersetzen Freundschaften. Ein eigentümlicher Narzissmus und Exhibitionismus ist an die Stelle des Gemeinsinns und der Vernunft getreten. Das trifft nicht auf alle und jeden zu. Natürlich gibt es unzählige Ausnahmen. Die Tendenz ist aber da – und sie ist real. Die Welt droht eine zu werden, in der das Ich mehr zählt als das Wir. Statt Wissen werden Meinungen publiziert und konsumiert, die das eigene Denken bestätigen. Der Politaktivist Eli Pariser prägte hierfür den Begriff der Filterblasen.

 

Gesetz der Enantiodromie

 

Die unbestreitbaren Vorteile des Internets stellt niemand in Frage, aber nie war es so leicht, Lügen, Falschmeldungen und Propaganda in die Welt hinauszuposaunen und gehört zu werden. In der Welt des Digitalen, mit seinen unendlichen Möglichkeiten, haben Hass, Hetze, Gerüchte und Falschmeldungen einen perfekten Nährboden gefunden. Das wird schamlos ausgenutzt und geht so weit, dass Staatsoberhäupter parallele Wirklichkeiten schaffen und die Journalisten zu „Feinden des Volkes“ erklären. Den alten Leitmedien wird zunehmend misstraut, da es, wenn nur noch Meinungen zählen, zu einer Entkopplung von Realität und Wahrheit kommt. Das Problem dabei ist, dass dann nur noch eine Kategorie bleibt: Macht – und sei es die bloße Deutungsmacht. Nur so ist überhaupt erklärbar, wie ein als ungebildet, unfähig und für das Amt ungeeignet erscheinender Mann wie Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten werden konnte.

Es gibt diesen Moment der Überraschung, in dem das Gute und das eigentlich gut Gemeinte sich in das Gegenteil, die Lösung zum Problem, die Idee zur Ideologie verkehrt. Heraklit hat dies das Gesetz der Enantiodromie genannt: das Umschlagen der Dinge in ihr Gegenteil. Die Entwicklung der sozialen Medien ist von solch einem Wandel geprägt. Was so vermeintlich nett und unschuldig begann, als Möglichkeit, mit Freunden in Kontakt zu treten, zu bleiben und Erlebnisse miteinander zu teilen, wurde plötzlich zu einem Überwachungs-, Vermarktungs- und Manipulationssystem. Das Erschreckende daran ist, dass sich die Mehrheit der Nutzer daran nicht zu stören scheint.

 

Verlust der vierten Gewalt

 

Während also die sozialen Medien – vermeintlich kostenlos – die Aufmerksamkeit der Menschen absorbieren und einige der niederen Bedürfnisse erfolgreich penetrieren, verlieren die Presseerzeugnisse – insbesondere Zeitungen und Zeitschriften – an Lesern und Anzeigenkunden und somit an Einnahmen und Einfluss. Immer weniger Redakteure sind fest angestellt, während ehemalige Journalisten von Unternehmen angeheuert werden, um PR im journalistischen Stil zu betreiben. Content Marketing wird das dann genannt, da im Gegensatz zum klassischen Corporate Publishing mehrere Kanäle bedient und im Einklang mit der jeweiligen Markenweltund -vorstellung ausgespielt werden. Das alles ist nicht neu, aber es ist doch verblüffend, wie selten öffentlich thematisiert wird, welchen Einfluss auch diese Entwicklung letztlich auf den Verlust des Vertrauens in die Medien gehabt haben mag.

Das alles führt dazu, dass die Presse ihrer Aufgabe als vierte Gewalt im System der Gewaltenteilung nicht mehr in dem Maße nachkommen kann, wie es erforderlich wäre. Und genau das ist demokratietheoretisch höchst bedenklich. Denn ohne ein gemeinsames Werte- und Wahrheitsfundament zerfällt eine Gesellschaft, folgt Polarisierung und Destabilisierung. Wer hört überhaupt noch hin? Wer liest überhaupt noch diesen Text?

In der jüngsten Vergangenheit werden Zeitungen zudem von Investoren aufgekauft, die aus der Technologie-Branche kommen: Erst im vergangenen Jahr hat das Berliner Unternehmerpaar Silke und Holger Friedrich die Berliner Zeitung erworben, 2013 kaufte Jeff Bezos, Herrscher von Amazonien, die Washington Post. Seither prangt unter dem Titel-Schriftzug dieser ehrwürdigen Zeitung, die einst den Watergate-Skandal um US-Präsident Richard Nixon aufdeckte, der Zusatz „Democracy Dies in Darkness“, übersetzt: „Demokratie stirbt in der Dunkelheit“. Auf der einen Seite ist es erfreulich, dass sich jemand findet, der an die Presse glaubt und diese finanziert. Auf der anderen Seite stellt sich die berechtigte Frage, aus welcher Motivation heraus das geschieht.

 

Utopie der redaktionellen Gesellschaft

 

Aber was heißt es für den Journalismus, wenn plötzlich jeder Blogger und jeder Twitter-, Facebook- und Messenger-Nutzer zum Journalisten wird? Der Begriff ist seit jeher nicht geschützt, weshalb jeder sich Journalist nennen darf, der etwas publiziert. Da das inzwischen jeder kann, ist in der Tat auch jeder irgendwie ein Journalist. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, der von 2002 bis 2008 an der Universität Hamburg gelehrt hat und nun an der Universität Tübingen forscht, behauptet in seinem Buch „Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung“ (2018) genau das.

Die Frage ist nur, ob die Gesellschaft als Ganze darauf vorbereitet war und ob sich jeder der Verantwortung bewusst ist, die damit einhergeht. Hier sind Zweifel durchaus angebracht. Was also ist zu tun? Pörksen hat in seinem Buch einige Vorschläge unterbreitet und fasst seine Ideen unter dem Stichwort „Utopie der redaktionellen Gesellschaft“ zusammen. Diese definiert er als eine „Gesellschaft, die die Normen und Prinzipien eines ideal gedachten Journalismus zum Bestandteil der Allgemeinbildung“ werden lässt. Und er schlägt zur Verwirklichung dieser vor, ein Schulfach einzuführen, in dem diese gelehrt werden. Inhalte eines solchen Schulfaches wären Pörksen zufolge die Entstehungsgeschichte der Medien, die Machtanalyse des Mediensystems, Quellenanalyse, die redaktionelle Arbeitsweise sowie eine grundsätzliche moralisch-ethische Wertevermittlung. Das Lehrangebot soll aber nicht nur Schülern vorbehalten sein, sondern allen zur Verfügung stehen, also auch Erwachsenen, beispielsweise über die Volkshochschulen.

Das Gute: Die Normen und Prinzipien gibt es bereits, nämlich in Form der handwerklichen Regeln und Maximen des journalistischen Arbeitens. Diese werden in Journalistenschulen wie der Hamburger Henri-Nannen-Schule oder der Akademie für Publizistik gelehrt. Sie sind in wesentlichen Teilen auch im Pressekodex festgehalten und darüber hinaus in Standardwerken wie dem „Handbuch für Journalismus“ (Wolf Schneider und Paul-Josef Raue) und „Einführung in den praktischen Journalismus“ (Walther von La Roche) kenntnisreich und lebensnah beschrieben.

 

Journalistisches Arbeiten

 

Die journalistischen Grundregeln sind eigentlich bekannt: So sollen sich Journalisten nicht von privaten und geschäftlichen Interessen Dritter beeinflussen lassen und derartige Versuche abwehren, die Trennung zwischen redaktionellen Texten und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken beherzigen, keine Geschenke annehmen, die über Getränke und Snacks hinausgehen, Beiträge nicht im Austausch gegen Anzeigenbuchungen lancieren, alle Seiten anhören und darstellen, nie nur einem Informanten glauben (Zwei-Quellen-Prinzip), gut und ausreichend recherchieren und sich möglichst selbst ein Bild machen – um nur die Wichtigsten zu nennen.

Was von Regelbrüchen zu halten ist, sagt Pörksen in seinem Buch mit aller Klarheit: das sei „ein korrupter und erbärmlicher Journalismus […], der Kritik und gesellschaftliche Ächtung verdient“. Pörksen ist sich darüber im Klaren, dass zu den Journalisten auch jene zählen, die lügen, bespitzeln, verurteilen, Biografien zerstören, „aber die Tatsache, dass es auch korrupte und schlechte Journalisten gibt, ist kein Einwand, weil ein Ideal nicht schon durch seine Verletzung wertlos wird“. Vielleicht sind die Medien aufgrund des wirtschaftlichen Drucks einfach an den Punkt angelangt, an dem diese vermeintlichen Selbstverständlichkeiten tatsächlich noch mal deutlich gemacht werden müssen.

 

Demokratischer Auftrag

 

„Wenn die demokratische Gesellschaft funktionieren soll, dann ist sie auf Journalisten angewiesen, die viel können, die viel wissen und ein waches und nobles Bewusstsein für ihre Verantwortung besitzen“, heißt es in Wolf Schneiders Journalismus-Bibel. Gilt dieser Satz in der redaktionellen Gesellschaft nun für alle Bürger? Das klingt dann doch etwas arg utopisch. Aber was wäre die Alternative? Ein bloßes „Weiter so“? Wird dann nur noch der Lauteste, der Aggressivste, der Skrupelloseste gewinnen, weil er in der heutigen Informationsflut, dieser Kakofonie des 21. Jahrhunderts, überhaupt noch wahrgenommen wird? Wenn es so wäre, dann hätte der Rapper Kanye West tatsächlich gute Chancen der kommende Präsident der USA zu werden. Aber wer will das ernsthaft? Bestimmen tatsächlich Klicks und Likes die Welt? Oder wird es irgendwann wieder ein Ringen um das beste Argument geben?

 

„Der Zugang zu verlässlichen Informationen ist ein Grundrecht“

Georg Mascolo

 

„Der Zugang zu verlässlichen Informationen ist ein Grundrecht“, schrieb der ehemalige Spiegel-Chefredakteur und heutige SZ-Redakteur Georg Mascolo in einer Selbstkritik im November 2018. Dieses Grundrecht sei „nicht weniger notwendig, als der Zugang zu einem Krankenhaus, einer guten Schule oder sauberem Wasser. […] Gäbe es keinen Journalismus, man müsste ihn für genau diese Zeiten erfinden.“ Vielleicht stirbt die Demokratie ja gar nicht in der Dunkelheit. Vielleicht stirbt sie in einem bunten, knalligen Durcheinander, voller Farben, wie in einem Rausch – und erst dann folgt die Dunkelheit.

 

Journalismus als gemeinsames Denken

 

Gewiss, Journalisten machen Fehler: inhaltliche, wenn nicht gut oder ausreichend recherchiert wurde, formale, wenn die eigenen Inhalte kostenlos im Netz verschleudert werden, übertrieben oder gelogen wird – wie in der skurrilen Sparte der Yellow Press üblich –, wenn schöngefärbt wird – wie in den unzähligen Unternehmenspublikationen –, oder wenn sie vermehrt auf Inhalte bei Facebook, Instagram und Twitter setzen, anstatt selbstbewusst gute Inhalte auf ihren eigenen Webseiten anzubieten und die Leser dort zu binden. Was kann der mit engem finanziellen Spielraum ausgestattete Journalismus in solchen Zeiten tun?

Von Bruce Wasserstein, dem 2009 verstorbenen Investor und zeitweiligen Verleger des New York Magazine, ist eine Anekdote überliefert, die vielleicht eine Antwort darauf gibt: Ein Manager soll ihn nach dem Kauf der Zeitschrift gefragt haben, was er denn nun damit vorhabe, worin der neue publizistische Kurs des Heftes denn bestünde. Wasserstein überlegte kurz und antwortete: „The only thing we do here is think a little bit.“ Frei übersetzt: „Das einzige, was wir hier machen, ist ein wenig denken.“ So einfach kann guter Journalismus sein.

Das Leben ist ein ständiger Lernprozess. Fehler, Rückschläge und Enttäuschungen bleiben da nicht aus. Wir Journalisten können uns ehrlicherweise der Wahrheit immer nur annähern – von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Journalismus ist, im besten Falle, die Suche nach Wahrheit durch gemeinsames Lernen und Nachdenken. Dazu braucht es keinen omnipotenten, alles könnenden, alles wissenden Superman. Es braucht lediglich einen neugierigen Clark Kent und eine mutige Lois Lane. Verantwortungsvolle Verleger, die Freiheit gewähren und nicht fürchten – und vor allem braucht es Leser, die das wertschätzen und bereit sind, dafür Geld zu zahlen. Auch das ist Teil der Wahrheit.


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Kultursenator Dr. Carsten Brosda im Interview

Der Senator der Behörde für Kultur und Medien im Kurzinterview über Hilfen und Chancen für die Hamburger Kulturlandschaft

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Herr Brosda, schon in einem der neuen Autokinos gewesen?

Leider noch nicht. Eigentlich schade, nachdem wir alle Hände voll damit zu tun hatten, die überhaupt wieder möglich zu machen.

Die Open-Air-Kultur mit Abstand ist eine Überbrückungsmöglichkeit für viele Kulturschaffende, letztlich aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wie erleben Sie die Situation derzeit aus Senatorensicht?

Das ist schon eine extrem schwierige Zeit. Insbesondere für die vielen engagierten Künstlerinnen und Künstler und Kreativen. Es ist aber beeindruckend, wie verständnisvoll fast alle mit der Situation umgehen und wie schnell und kreativ sich viele auf die neuen Bedingungen eingestellt haben und Kultur zunächst online und nun zunehmend auch wieder live erlebbar machen.

Der Rückgang der Infektionszahlen ermöglicht es uns zum Glück jetzt, in eine neue Phase einzutreten, in der es nicht mehr nur darum geht, entstandene Verluste auszugleichen, sondern wieder vermehrt darum, Kultur zu ermöglichen. Das macht Spaß zu sehen, wie sehr alle darauf brennen, wieder auf den Bühnen zu stehen und Kultur zu erleben.

 

„Ziel ist es, Hamburg als Kulturstadt gut durch die Krise zu führen“

 

Dürfen Kulturschaffende, von großen Häusern bis Solo-Selbstständige, denn auf erweiterte Corona-Hilfsmaßnahmen des Senats hoffen?

Wir haben sehr schnell reagiert und zum Glück in Hamburg Kunst und Kultur von Anfang an bei den Hilfen mit berücksichtigt. Natürlich werden wir den Künstlerinnen und Künstlern und den Kultureinrichtungen weiterhin helfend zur Seite stehen.

Dabei wird es jetzt vor allem darum gehen, zum einen die Hilfen der Stadt klug auf das Neustart-Kulturpaket abzustimmen, das der Bund im Rahmen des Konjunkturpaketes beschlossen hat. Zum anderen wollen wir gezielt dabei helfen, wieder die Produktion von Kunst zu ermöglichen, auch wenn dies unter den Corona-Bedingungen schwieriger geworden ist.

In dieser Zeit setzt sich der Senat ja regelmäßig Etappenziele. Welches ist Ihr nächstes?

Das Ziel ist immer klar, nämlich Hamburg als Kulturstadt gut durch die Krise zu führen und künftig weiter auszubauen. Denn wir haben Kunst und Kultur so viel zu verdanken, von der Innovationskraft, die in der Kreativität steckt, bis zu den immer wieder notwendigen Interventionen durch die Kunst. Gegenwärtig sind die Etappen dadurch gekennzeichnet, das möglich zu machen, was vernünftig ist.

Nachtrag: Einmalige Hilfe in Höhe von 2000 Euro für Mitglieder der Künstlersozialkasse: Hier können Berechtigte die Neustartprämie für Künstlerinnen, Künstler und Kreative beantragen. 


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Wirtschaftsbremse: Klima & Corona

Von der Pandemie scheint vor allem eine zu profitieren: die Natur. Aber macht der Klimawandel wirklich Pause? Ein Gespräch mit dem gebürtigen Hamburger und Meteorologen Prof. Dr. Mojib Latif vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel

Interview: Basti Müller

 

SZENE HAMBURG: Mojib Latif, Sie sind in den 50er und 60er Jahren in Hamburg aufgewachsen und haben die Sturmflut 1962 mitbekommen. War dies ein ausschlaggebender Punkt, dass Klimaereignisse Teil Ihrer beruflichen Laufbahn wurden?

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Foto: Hart aber Fair

Prof. Dr. Mojib Latif: Nein, das war es nicht. Ich war ja nicht direkt betroffen, aber ich kann mich noch gut an das Heulen des Windes erinnern. In der Schule haben wir Hilfsgüter aus Griechenland bekommen, die haben uns Korinthen geschickt. Vielen Menschen musste geholfen werden und gerade heutzutage, was die Solidarität zwi­schen den Ländern angeht, finde ich das rückblickend ganz schön.

Wenn diese Län­der heute etwas haben wollen, dann kommt immer gleich die Frage: Muss das wirklich sein? Nach dem Abitur studierten Sie erst zwei Jahre BWL, bis Sie die naturwissenschaftliche Laufbahn einschlugen, Meteorologie wählten und bei Klaus Hasselmann promovierten, der ja belegt hat, dass der Klimawandel menschengemacht ist …

Die Klimaforschung reicht weit bis ins vorletzte Jahrhundert zurück. Die ers­ten Berechnungen zur Erder­wärmung stammen aus dem Jahr 1896, das weiß bloß kaum jemand. Was Hasselmann Anfang der 1990er Jahre gemacht hat, ist, dass er den Menschen als Hauptverursacher der Erderwärmung entlarvt hat.

Das sich die Erde erwärmt, war jedem klar, aber es gab die Diskussion, ob das natürlich oder menschengemacht ist. Er konnte zeigen, dass zum überwiegenden Teil der Mensch verantwortlich ist. Das war der Durchbruch.

Wenn Sie auf die vergangenen Jahre zurückblicken, wie hat sich der Klimawandel in Hamburg und Deutschland bemerkbar gemacht?

Das ist ein schleichender Prozess. Wir sehen, dass sich Deutschland seit Beginn der Messungen deutlich erwärmt hat, eine Zunahme der ho­hen Temperaturen und einen Rückgang der kalten Tage.

Der letzte Winter war kein Winter, ich weiß nicht, ob wir an irgendeinem Tag Schnee hatten. Ich erinnere mich sehr gut, als ich Kind gewesen bin, war der Winter ein Winter, da habe ich meinen Schlitten he­rausgeholt und es gab Eisgang auf der Elbe.

60 Jahre später wird es offensichtlich: Hitze­perioden mit Temperaturen weit über 30 Grad Celsius und zunehmende Trockenheit. Hinzu kommt ein allmählich ansteigender Meeresspiegel, das wird auch für Hamburg ein Problem werden.

 

klima-kapitalismus

Ursachen des Klimawandels sind auch auf Hamburgs Straßen weiterhin Thema

 

Ist die Corona-Zeit und das damit einhergehende Ausbleiben der Volkswirtschaft, also die CO2-Bremse, genau das, was das Klima und die Menschheit gerade brauchen?

Nein, man kann das Klimaproblem nicht lösen, indem man die Wirtschaft ge­gen die Wand fährt. Der we­sentliche Punkt ist, dass wir gerade große Geldmengen in die Hand nehmen, um die Wirtschaft wieder hochzufahren. Das ist richtig so, aber diese Mittel müssen verwendet werden, um die Wirtschaft auch zukunftsfähig zu machen. Klimaschutz ist auch ein Beitrag, die Welt zukunftsfähig zu machen.

Wir sehen es an der deutschen Automobilindustrie. Die Zeit des Verbrennungsmotors ist abgelaufen. Es braucht neue Antriebe und es wäre wichtig, das Geld in die neuen Technologien zu stecken. Der Trick ist, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zukunftsprojekte fördern und nicht den SUV.

Haben Sie Beispiele?

Das muss man mit er­neuerbaren Energien ändern. Es benötigt einen massiven Ausbau, gerade der Wind­energie. Die Netze müssen intelligenter und engmaschiger werden, damit man mit den erneuerbaren Energien gut umgehen und sie optimal nutzen kann. Der öffentliche Nahverkehr muss ausgebaut werden, der Güterverkehr auf die Schiene und weg von der Straße. In der Digitalisierung sehen wir gerade, wie schlecht wir in Deutschland aufge­stellt sind.

Auch hier in Hamburg habe ich kein besonders schnelles Internet. Ein Ding der Unmöglichkeit. Die Di­gitalisierung und künstliche Intelligenz sind die Zukunfts­themen auch im Hinblick auf Umwelt­ und Klimaschutz.

 

„Der CO2-Gehalt der Luft hat einen historischen Höchststand erreicht“

 

In einem NDR-Interview haben Sie davon gesprochen, dass die 2007 groß entfachte Klimadebatte durch die Wirtschaftskrise 2008 überschattet wurde. Ein Phänomen, das sich gerade wiederholt?

Die Debatte wurde damals durch Al Gore und seinen Film „Eine unbequeme Wahr­heit“ ausgelöst. Dann kam die Finanz­-, anschließend die Weltwirtschaftskrise. 2019 kam es wieder hoch durch Fridays for Future.

Auch der extreme Sommer 2018 in Deutschland, die Europawahl und Rezos Video haben dazu beigetragen. Jetzt ist das The­ma relativ weit weg. Bleibt das so, wäre das eine Katastrophe, der CO2­-Gehalt der Luft hat nämlich einen historischen Höchststand erreicht, trotz Corona und Lockdown. Na­türlich sinkt der Ausstoß, aber CO2 ist langlebig.

Nach er­sten Schätzungen werden wir 2020 vielleicht acht Prozent Reduktion beim weltweiten CO2-­Ausstoß haben. Das müssen wir aber jedes Jahr haben, ohne Corona, wenn man die Pariser Klimaziele einhalten will.

Experten meinen, dass wir durch Corona die Klimaziele 2020 der Bundesregierung erreichen könnten …

Das wäre vielleicht auch ohne Corona passiert. Das wird oft falsch dargestellt und alles auf Corona geschoben. Der entscheidende Schritt war im Jahr 2019, als der Preis pro Tonne CO2 im Rahmen des Europäischen Emissionshan­dels auf deutlich über 20 Euro pro Tonne stieg, in den Jah­ren davor krebste er bei fünf Euro herum.

Die Bepreisung hat dafür gesorgt, dass Kohle unrentabler und Gas rentabler wurde. Deswegen sind 2019 die Emissionen so weit gesun­ken, dass zu Beginn 2020, die Aussicht bestand, die 40 Pro­zent Minderung der Treib­hausgasemissionen gegen­ über 1990 zu erreichen.

Jetzt gehe ich davon aus, dass die Ziele mit Sicherheit erreicht werden. Das zeigt, wie wichtig eine CO2­-Bepreisung für alle Bereiche ist, die es ab 2021 in Deutschland geben wird.

 

„Die Sache ist seit 30 Jahren bekannt“

 

Wie könnte unsere Gesellschaft dazu gebracht werden, sich schneller zu verändern?

Wir müssen die Vorteile deutlicher machen. Gerade für Hamburg. Stellen Sie sich vor, der innerste Ring wäre autofrei. Natürlich würde es für Menschen mit Handicap und Lieferdienste Ausnahmen geben, aber eine autofreie Innenstadt hat doch etwas. Es stinkt nicht, es ist ruhig, man kann sich begegnen und hat mehr Fläche.

Der öffentliche Nahverkehr ist schon ganz gut, müsste aber weiter aus­gebaut werden. Andererseits finde ich, müssten die Prei­se dafür aber runter. Bus und Bahn sind schweineteuer in Hamburg. Das geht nicht, da muss man deutlich herunter, sonst wird das nicht attraktiv. Ich glaube, mit solchen Maß­nahmen könnte man Ham­ burgs Innenstadt wirklich autofrei bekommen und die Menschen würden es lieben, da bin ich mir sicher.

Können wir Rückschlüsse aus der Corona-Pandemie ziehen?

Erstens: Globale Krisen können nur alle Länder ge­meinsam meistern. Zweitens: Es gibt Rückschlüsse über Verschwörungstheoretiker und Klimaleugner. Bestes Bei­spiel ist Donald Trump, der gesagt hat, dass Corona „ein Scherz“ sei. Das Resultat se­hen wir, 90.000 Tote in den USA, die meisten weltweit. Da sieht man, dass die Plauderer und Populisten in Wirklichkeit keinen Plan haben.

Drittens: Diese Corona-­Krise ist nicht vom Himmel gefallen, die Wissenschaft hat lange gewarnt. Bestes Beispiel: Schutz­kleidung. In den Pandemie­ plänen steht, dass sie knapp werden kann. Trotzdem hat man die nicht eingekauft. Das steht alles in einer Bundes­tagsdrucksache aus dem Jahr 2013. Das gleiche gilt für die Klimakrise. Die Sache ist seit 30 Jahren bekannt. Trotzdem passiert, weltweit betrachtet, das Gegenteil.

Die beliebtesten Urlaubsziele der Hamburger sind die türkische Riviera, Mallorca, Ägypten. Was empfehlen Sie für dieses Jahr?

Die Ostsee. Am Schön­berger Strand gibt es weißen Sand und das Meer. Was will man mehr? Gut, das Wasser ist nicht so warm wie im Sü­den – aber dafür spart man sich die Flugreise.


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Matthias Günther: „Theater ist eine Glücksmöglichkeit“

30 Fragen, 30 Antworten: Matthias Günther, Dramaturg am Thalia Theater, über seine persönlichen Lieblingsstücke, die nicht anerkannte Systemrelevanz von Kultur und warum Tocotronic die passenden Worte zur aktuellen Lage gefunden haben

Fragebogen: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Welches kulturelle Ereig­nis hat Sie geprägt?

Matthias Günther: Seit frühester Kindheit die documenta in meiner Heimatstadt Kassel und insbesondere die Aktion „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ von Joseph Beuys 1982 (documenta 7).

Welches Theaterstück hat Sie als erstes zum Weinen gebracht?

Im Kasperltheater die Entführung der Großmutter im „Räuber Hotzenplotz“.

Und welches zuletzt?

Die erste Probe von „Ode an die Freiheit“ zwei Monate nach der Theaterschließung.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Thea­ terbesuch? Welches Stück haben Sie gesehen und was hat es in Ihnen aus­ gelöst?

Der Besuch des Weihnachtsmärchens „Der gestiefelte Kater“ im Staatstheater Kassel Anfang der 1970er Jahre und meine Empörung über die Pappkulissen. Aus dem Fernsehen kannte ich mehr Wirklichkeit.

Welches Theaterstück hat bei Ihnen vermeintliche Gewissheiten über den Haufen geworfen?

Christoph Marthalers Paraphrase „Goethes Faust Wurzel aus 1+2“ 1993 am Deutschen Schauspielhaus und der grandiose Faust-Monolog von Sepp Bierbichler aufgelöst in Vokale.

Was war Ihre schönste Theatererfahrung?

„Das achte Leben (Für Brilka)“ und „Die Katze und der General“ von Nino Haratischwili in den Adaptionen von Jette Steckel und ihrem Team am Thalia Theater. Diese beiden Arbeiten zeigen großes Menschentheater.

 

 

Und die schlimmste?

Keine. Theater ist für mich ganz großes Zuschauerglück. Selbst, wenn es mal nicht so gut ist. Ich komme immer gerne wieder.

Dieses Stück sollte jeder einmal in seinem Leben gesehen haben:

„Krippenspiel“ von Kindergartenkindern in der Weihnachtszeit.

Über welche Inszenierung haben Sie zuletzt heftig mit jemandem gestritten?

Immer wieder über die großartigen Arbeiten von Florentina Holzinger, die mit ihrem radikalen Körpertheater verstört. Performance, Porno, Provokation?

Die Welt geht in einem Jahr unter und Sie können nur noch ein Stück inszenieren: welches wäre das?

Das neue Stück, das Elfriede Jelinek dann schreibt: „Besser wird’s nicht“ – ein Abgesang!

Mein/e Lieblingsschauspieler:

Ich verliebe mich immer wieder und immer wieder neu. Max Reinhardt schrieb über Schauspieler: „Ihre Aufnahmefähigkeit ist beispiellos, und der Drang zu gestalten, der sich in ihren Spielen kundgibt, ist unbezähmbar und wahrhaft schöpferisch. Sie verwandeln alles in das, was sie wünschen. Und dabei das klare, immer gegenwärtige Bewusstsein, dass alles nur Spiel ist, ein Spiel, das mit heiligem Ernst geführt wird.“

Mein/e Lieblingsdramaturg/en:

Ivan Nagel.

Was bedeutet Kultur in diesen Tagen für unsere Gesellschaft?

Es wird uns klar, was fehlt. Sehr viel!

Was bedeutet Theater grundsätzlich für unsere Gesellschaft?

Eine Glücksmöglichkeit! „Verweile doch! du bist so schön!“ (Goethe).

Gibt es unpolitisches Theater?

Kunst- und Kultureinrichtungen sind offene Räume, die vielen gehören. In der „Erklärung der Vielen“ heißt es: „Demokratie muss täglich neu verhandelt werden – aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jeden Einzelnen als Wesen der vielen Möglichkeiten!“

Das perfekte Stück zur aktuellen Lage:

Die Stücke, die gerade von Dramatikern wie Thomas Köck, Enis Maci, Bonn Park, Felicia Zeller und vielen anderen geschrieben werden.

Was ist die beruflich größte Herausfor­derung für Sie während der Corona­-Krise?

Die bittere Erkenntnis, dass Kultur nicht als systemrelevant eingestuft wird und die Frage, wie wir unsere wunderbare Kunst in Krisenzeiten erhalten und weitermachen können, denn sie ist lebensrelevant.

Was stimmt Sie momentan hoffnungs­froh?

Die Solidarität des Publikums mit den Theatern.

Was stimmt Sie pessimistisch?

Diese miesen völkisch nationalistischen Zusammenrottungen.

 

„Wir forschen und erfinden das Theater der Zukunft.“

 

Werden virtuelle Möglichkeiten auch in Zukunft eine größere Rolle in der Kul­turlandschaft einnehmen?

Die Digitalisierung ist schon jetzt ein wichtiger Bestandteil für das „Storytelling“ von Kulturinstitutionen, kann aber das direkte Live-Erlebnis nicht ersetzen. Theater sind Orte kollektiver Erfahrung. Das Besondere des Theaters hat der Choreograf Jérôme Bel zusammengefasst in dem Satz: „Some people sitting in the darkness, watching other people sitting in the light.“

Wie wird sich die aktuelle Lage auf das Theater nach Corona auswirken?

Wir machen weiter. Wir forschen und erfinden das Theater der Zukunft. Hugo Ball, der erste Dramaturg der Münchner Kammerspiele und später berühmter Dadaist in Zürich schrieb: „Europa malt, musiziert und dichtet in einer neuen Weise. Das neue Theater wird wieder Masken und Stelzen benützen. Es will Urbilder wecken und Megaphone gebrauchen. Sonne und Mond werden über die Bühne laufen und ihre erhabene Weisheit verkünden.“ Das könnte ein Weg sein.

Wem sind Sie in diesen Zeiten beson­ders dankbar?

Den vielen Künstlern, die versuchen weiterzumachen.

Wer hätte mehr Dankbarkeit verdient?

Eltern, die in dieser Zeit eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe übernommen haben: die Schulpflicht ihrer Kinder durch Homeschooling zu gewährleisten.

Worauf freuen Sie sich in den nächsten drei Jahren am meisten?

Ich freue mich auf jeden neuen Tag und hoffe eine „Handbreit“ weiterzukommen.

Ich mag Hamburg, weil …

… es für mich die schönste Stadt Deutschlands ist.

Ich mag das Thalia Theater, weil …

… es ein Ensembletheater ist.

Die Hamburger Theaterlandschaft ist so besonders, weil …

… sie so vielfältig ist von A–Z (Altonaer Theater bis Theater das Zimmer).

Allgemein gesprochen: Sind Sie lieber dafür oder dagegen?

Meine politische Sozialisation ist eng verbunden mit der Friedenbewegung der 1980er Jahre. Damals war der Slogan: „Aufstehn“.

Wann haben Sie sich das letzte Mal ge­irrt?

„Kluge Irrtümer sind wichtiger als banale Wahrheiten“, hat Heiner Müller gesagt.

Welche Hoffnung haben Sie aufgege­ben?

Ich halte es mit Tocotronic: „Aus jedem Ton spricht eine Hoffnung auf einen Neuanfang.“

 


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System(ir)relevant: Jeder wird gebraucht

Sie sind die Helden Hamburgs und nicht erst seit der Corona-Pandemie für ein funktionierendes Gemeinwesen unerlässlich: die Systemrelevanten. Doch wer sich mit diesem Begriff betiteln darf, ist Ansichtssache

Texte: Marco Arellano Gomes & Basti Müller

 

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Landwirt

Henning Beeken, 45, Eigentümer vom Hof Eggers in Kirchwerder 

SZENE HAMBURG: Was ist dir durch den Kopf gegangen, als abends geklatscht wurde?

Dass man sich bei mir als Teil einer systemrelevanten Berufsgruppe bedan­ ken muss, habe ich nicht so empfunden. Wir haben hier unsere Sachen weiter­ produziert, so gut es ging. Wir haben die Blumen ausgeliefert, klar, da haben sich die Leute gefreut, zum Teil sehr, weil es für sie schön war, den Balkon bepflan­ zen zu können. Da gab es sehr positives Feedback. Bei uns auf dem Bauernhof hat niemand geklatscht, das hätte mich auch irritiert. In der Stadt mag dies ja für die Beklatschten ganz nett gewesen sein, ich könnte mir aber vorstellen, dass zum Beispiel den Pflegekräften eine ange­ messene Bezahlung wichtiger wäre.

 

„Ohne Bauern gibt es kein Essen auf dem Tisch“

Henning Beeken

 

Empfindest du dich als systemrelevant? 

Klar, die Produktion von Lebens­ mitteln ist systemrelevant. Ohne Bauern gibt es kein Essen auf dem Tisch.

Hattest du irgendeine Form von Angst?

Die ganze Zeit hatte ich kaum Angst. Meine Eltern sind beide fast 80, da macht man sich schon mehr Sorgen. Aber ich lebe, wo ich arbeite, also nein.

Was motiviert dich, deinen Beruf auszuüben?

Das ist meine Lebensaufgabe, ein Projekt, an dem ich selbst arbeiten und das ich selbst gestalten darf. Das ist eine ganz tolle Aufgabe, die Motivation kommt da von selbst.

Gibt es etwas, das du dir von der Gesellschaft wünschen würdest?

Was ich auch als sehr positive Be­ gleiterscheinung wahrgenommen habe, ist, dass das regionale Einkaufen deutlich an Bedeutung gewonnen hat. Da sind wir seit neuestem auch in der Regional­ wert Hamburg AG, ein Netzwerk aus regionalen Produzenten, Einzelhänd­ lern und Gastronomen und das funk­ tioniert sehr gut. Diese Zusammenarbeit finde ich sehr positiv und ich würde mir daher wünschen, dass die Menschen das regionale Einkaufen weiter wertschätzen und bereit sind, dafür auch ein paar Cent mehr auszugeben.
In diesem Sinne, würdest du dir wünschen, dass Regionalität stärker von der Politik gefördert wird?

Ja. Man hat das jetzt auch wieder gesehen, dass eben die kurzen Wege sehr krisensicher sind und weiterhin funktionieren. Alles, was mit langen Transportwegen zu tun hat, ist dann doch sehr anfällig.

Was möchtest du den Hamburgern mit auf den Weg geben?

Kauft regional in den kleinen Läden in der Nachbarschaft und kommt mal wieder zu uns ins Hofcafé, wenn die Beschränkungen aufgehoben werden.

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Busfahrer

 

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Foto: Pepe Lange

Imam Alkan, 48, Berufskraftfahrer bei der Verkehrsbetriebe Hamburg- Holstein GmbH

SZENE HAMBURG: Wie würdest du deinen Job beschreiben?

Ich war 30 Jahre lang in der Show­ branche tätig und bin es gewohnt, Ent­ scheidungen und den Tagesablauf selbst zu bestimmen. Das gleiche habe ich auch – fast – als Busfahrer. Niemand schaut mir über die Schulter und ich bin mein eigener Chef in meiner Schicht.

Warum ist dein Beruf aus deiner Sicht systemrelevant?

Wenn wir stehen, bleibt auch Ham­ burg stehen. Jetzt, in der Krise merkt man mehr denn je, wie dankbar die Fahrgäste sind. Wir sind die, die Ham­ burg bewegen – von A nach B. Man könnte uns auch als die fleißigen Bie­ nen der Stadt bezeichnen, die überall ausschwärmen, ihre Arbeit tätigen und zum Schluss wieder zum Bienenstock, dem Betriebshof, zurückkommen.

Was macht deinen Job für dich so besonders?

Was gibt es Schöneres, als die Ham­burger in der schönsten Stadt der Welt herumzukutschieren. Ich liebe es, Auto beziehungsweise Bus zu fahren.

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Entsorger

Önder Büyükhan, 28, Entsorger und Vorarbeiter bei der Stadtreinigung Hamburg in der Region Ost Volksdorf

SZENE HAMBURG: Was ist dir durch den Kopf gegangen, als abends geklatscht wurde?

Ganz ehrlich? Ich habe mich ziemlich gefreut, dass es Menschen gibt, die sich freuen, dass wir unsere Arbeit ma­chen. Viele ärgern sich eher, weil wir im Weg stehen.

 

„Ohne uns hätten wir sicherlich eine Rattenplage“

Önder Büyükhan

 

Empfindest du dich als systemrelevant?

Selbstverständlich! Ohne uns hätten wir sicherlich eine Rattenplage und es würde überall nur Müll herum­ liegen.

Hast du Angst, zur Arbeit zu fahren?

Nein! Ich fahre mit einem eigenen Pkw und wir haben sehr gute Hygiene­vorschriften auf der Arbeit. Unsere Vorgesetzten achten explizit auf unser Wohl.

Was motiviert dich, deinen Beruf auszuüben?

Die Arbeit, die ich ausübe und die Dankbarkeit der Bürger.

Was hat sich seit Corona verändert?

Wie das jetzt draußen in der Öffentlich­keit ist: Abstand halten, Mundschutz tragen et cetera, sonst hat sich für uns kaum etwas geändert. Vor allem in den Autos tragen wir die Masken, um uns gegenseitig zu schützen.

Habt ihr durch Corona in den letzten Wochen mehr zu tun gehabt?

Man merkt, dass die Eimer voller als sonst sind. Es gibt mehr Müll, weil die Leute mehr zu Hause als im Büro sind.

Hast du das Gefühl, dass die Leute etwas gereizter sind als zuvor?muellabfuhr

Die Autofahrer vielleicht. Das merkt man richtig. Die sind teilweise richtig aggressiv, privat oder auf der Arbeit. Sie drängeln mehr, die Leute sind angespannt. Man kann das nach­vollziehen, weil du aktuell nicht viel machen kannst. Die Leute, Familien und Paare sind schon alle ein bisschen gereizt.

Die meisten wollen im Straßen­verkehr Recht haben, sie müssen die ersten sein und suchen den Fehler bei den anderen, nicht bei sich selbst. Deswegen passieren auch die meisten Unfälle, auf der Autobahn oder sonst wo. Das „Wir“ gibt es dort nicht und das wird von Jahr zu Jahr immer schlimmer. Ich habe meinen Führerschein vor zehn Jahren gemacht, da war das Fahren noch entspannt. Jetzt ist das wie Krieg.

Gibt es etwas, das du dir von den Hamburgern wünschen würdest?

Dass die aktuellen Hygienemaß­nahmen eingehalten werden.

Was möchtest du Hamburg sagen?

Die letzte Zeit ist sehr schwer für uns alle gewesen. Haltet durch! Wir werden es alle zusammen schaffen. Hoffen wir auf bessere Tage. Seid froh, dass ihr gesund seid. Gesundheit ist mit keinem Geld dieser Welt zu ersetzen!

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Erzieherin

Melina Blechschmidt, 34, Erzieherin bei Wabe e. V. in Bergedorf

SZENE HAMBURG: Was ist dir durch den Kopf gegangen, als abends geklatscht wurde?

Es wurde für Verkäuferinnen und Verkäufer, Krankenschwestern und -­pfleger, Ärzte und so weiter geklatscht. Ich denke, die Menschen haben ihre Jobs gewählt, weil sie diese mögen. Sie machen ihn gerne und gerade in Zeiten, in denen sie gebraucht werden, noch lieber. Ich freue mich, dass diese Men­schen und Berufe nun endlich die An­erkennung bekommen, die ihnen auch vor Corona schon zustand. Das wurde wirklich Zeit!

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Foto: Heike Günther

Empfindest du dich als systemrelevant?

Ich empfinde mich und meinen Be­ruf als absolut systemrelevant. Neben dem Bildungsauftrag und der täglichen Verantwortung den Kindern gegenüber, verdeutlicht gerade diese Zeit noch einmal mehr, welche Wichtigkeit wir, als Mitarbeiter in Kindertageseinrich­tungen, in der Gesellschaft haben. Wir betreuen nicht nur Kinder! Wir beraten Eltern, entlasten Familien. Wir ermög­lichen Eltern, ihren Berufen nachzu­kommen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, wie sie ihre Kinder für die vielen Stunden betreuen können. Damit helfen wir Menschen, die wiederum an­dere Sparten und Bereiche des Systems abdecken zu können.

Hast du Angst, zur Arbeit zu fahren?

Nein, keinerlei Angst. Wir halten uns an festgeschriebene und für alle verbindliche hygienische Abläufe. Diese wurden jetzt nochmals verschärft. Der Gedanke an Corona und eine mögliche Ansteckung spielt in meiner täglichen Arbeit keine Rolle. Kinder sind häufig krank und so werden auch wir als Fach­kräfte oft mit vielerlei Krankheiten kon­frontiert. Eine Sorge vor Ansteckung schwingt da nie mit.

Was motiviert dich, deinen Beruf auszuüben?

Dasselbe wie immer! Meine Arbeit ist mein Traumberuf, meine Berufung. Ich komme gern in die Kita, begleite Kinder bei ihren Lern-­ und Entwicklungsfortschritten. Für mich ist das immer eine schöne Zeit.

Für mich und meine Kollegen ist der pädagogische Alltag mit vielen Auflagen, Änderungen und Einschränkungen verbunden. Das ist eine Herausforderung und verlangt uns in der Planung und Umsetzung viel ab. Dennoch wird noch mal mehr deutlich, welch große Rolle wir als Kita in den Leben der Familien spielen und wie sehr sie auf unsere Arbeit angewiesen sind. Das motiviert auch noch mal.

 

„Wertschätzung geht oft im Alltag und der Hektik unter“

Melina Blechschmidt

 

Gibt es etwas, das du dir von den Hamburgern wünschen würdest?

Ich wünsche mir, dass sie den Er­zieherinnen, SPAs und pädagogischen Fachkräften in den Einrichtungen ihrer Kinder zeigen, dass sie sehen und wertschätzen, was sie tun. Oft geht das im Alltag und der Hektik unter.

Unsere Kita hatte ab dem ersten Tag der Corona-­Zeit geöffnet, ein Notgruppen­-Konzept entworfen, alle Eltern der Kita informiert, individuell beraten. Es wurden Angebote für die Kinder und Familien auf der Website hochgeladen, um auch die zu erreichen, die zu Hause bleiben. Wir sind immer ansprechbar, erreichbar und beraten, wenn Fragen oder Hilfen benötigt werden.

Die El­tern schätzen das sehr und wir wissen von vielen, dass wir sie damit enorm entlasten. Selbst, wenn ihr Kind gerade nicht in der Einrichtung betreut wer­den kann.

Was möchtest du Hamburg sagen?

Halten Sie durch! Wenn Sie Unterstützung brauchen, sind wir als Kinder­tagesstätten für Sie da. Und auch ein Dankeschön an die Familien, die ihre Kinder weiterhin zu Hause betreuen können.

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Musikerin

Miu, 33, Sängerin, Songschreiberin und Kulturaktivistin mit eigenem Label in Lurup

SZENE HAMBURG: Wie würdest du deinen Job beschreiben?

Ich bin Sängerin, schreibe, produ­ziere Songs und spiele viel live. Im letz­ten Jahr habe ich mein Doppelalbum „Modern Retro Soul“ mit eigenem La­bel in die Albumcharts katapultiert. Ne­benbei mache ich mich für mehr Sicht­barkeit von Frauen in der Musik stark bei Ladies Artists Friends.

 

„Ohne Musik wäre die Welt überhaupt nicht auszuhalten“

Miu

 

Warum ist dein Beruf aus deiner Sicht systemrelevant?

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Foto: Elena Zaucke

Filme und Musik waren für die Menschen nie wichtiger als jetzt, in Zeiten sozialer Isolation. Ich hoffe, dass dies eine neue Diskussion anstößt, wie viel uns Kultur wert ist. Gerade, wo es der Kultur sehr schlecht geht.

Was macht deinen Job für dich so besonders?

Ohne Musik wäre die Welt überhaupt nicht auszuhalten. Ich mag, dass mein Job mich immer wieder aufs Neueste kognitiv und emotional fordert, dass Musik vermag, Gefühle auszudrücken, Menschen zu erreichen und zu begleiten – neue Sichtweisen anzustoßen. Wir alle hören Musik mehrfach am Tag – es ist immer wieder wichtig, dass unsere Gesellschaft sich dieses Geschenks bewusst ist und Kultur nicht als Selbstverständlichkeit hinnimmt.
Weitere Interviews findet ihr in der Juni-Ausgabe der SZENE HAMBURG 👇

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Restaurantöffnungen: Essen auf Abstand

Seit dem 13. Mai sind Restaurantbesuche unter strengen Auflagen wieder erlaubt. Wie fühlt sich Essengehen nach den neuen Spielregeln an? Und wie bewerten Hamburger Gastronomen halbvolle Gasträume mit Abstandsgeboten?

Text: Laura Lück

 

Was hier passiert ist illegal. Von Sicherheitsabstand ist nicht viel zu sehen in dem kleinen griechischen Lokal. Lediglich zwei Tische in der Raummitte wurden entfernt, ansonsten bleibt’s im Gastraum so kuschlig als hätte es Corona nie gegeben. Entlang der Wand sitzen Gäste Rücken an Rücken, während sich ihre Stuhllehnen bedenklich berühren. Eindrücke, die der Vorfreude auf den ersten Restaurantbesuch nach über acht Wochen einen Dämpfer verpassen.

Die Kellnerin trägt Mundschutz, den sie für Begrüßungsküsschen mit diversen Stammgästen vom Gesicht zieht. Es ist ein bisschen wie bei einem ungeschützten One-Night-Stand: Mit jedem Glas Raki wird die Infektionsgefahr nebensächlicher – zu groß ist der Appetit, besonders nach gut zwei Monaten Abstinenz. Der erste Restaurantbesuch nach dem Shutdown fühlt sich verboten an und doch so gut.

 

Nachholbedarf und Existenzängste

 

In der Mitte des Tisches stehen köstliche Mezze-Schalen, in denen der ganze Tisch sein Besteck versenkt. Alle zehn Minuten spricht jemand einen neuen Toast aus, Gläser klirren, es wird gelacht, gefeiert, genossen. Irgendwann ist es sogar egal, dass die Bedienung bedenkliche Theorien à la Ken Jebsen von sich gibt. Wie gefährlich es sein kann, wenn Gastronomen mit Verschwörungstheorien sympathisieren, hatte niemand am Tisch vorher bedacht.

Während die Gäste ausgelassen ihren Nachholbedarf befriedigen, geht es heute Abend für die Betreiber um nicht weniger als ums Überleben ihres Geschäfts. Dass Existenzängste ein Motor für Corona-Leugnung sein können, beschreibt die Philosophin Alice Pechriggl, die an der Universität Klagenfurt zum Thema forscht. „Nichts soll sich ändern, the show must go on oder die Arbeit, ob aus narzisstischer Angst (Ehrgeiz) oder aus realer Existenzangst. […] Wer leugnet oder herunterspielt, muss momentan die Angst nicht verspüren.“

 

Sinnhaftigkeit der Lockerungen

 

Julia Bode, Inhaberin des Restaurants Witwenball in der Weidenallee, hält sich an die Regeln: bis zu zwei Haushalte an einem Tisch, Mindestabstand von 1,50 Metern zum Nachbarn und Registrierung von Kontaktdaten zum Verfolgen möglicher Infektionsketten. Dank vieler treuer Stammgäste konnte sie sich über ein gutes erstes Wochenende freuen.

Besorgt ist sie trotzdem, denn: „So toll das erste Wochenende war, bei den Auflagen können wir bei 80 bis 90 Prozent der Kosten nur Umsätze von 30 bis 50 Prozent erwirtschaften. Wir wollen weiterhin als Ort für die Gesellschaft da sein und haben daher natürlich auch so schnell es ging geöffnet. Aber rechnen wird es sich so für uns leider nicht.“ Die Krise sei noch lange nicht vorbei, parallel wachse nun die Angst, dass die Politik sie und ihre Kollegen, da sie wieder öffnen dürfen, aus den Augen verliert.

Auch im Gourmetrestaurant Tschebull machen Kellner unterm Mundschutz gute Miene zu bösem Spiel. Alles wirkt professionell, die neuen Regeln werden mit verantwortungsvoller Konsequenz eingehalten. Trotzdem bleibt ein bitterer Beigeschmack, denn genug Umsatz wird auch dieser spärlich bestuhlte Laden sicher nicht machen.

Auch Koral Elci von der Kitchen Guerilla zweifelt an der Sinnhaftigkeit der Lockerungen: „Niemand kann mit der halben Auslastung die Fixkosten decken.“ Man könne ja auch keine „halbe Küche“ besetzen. Die Lockerungen seien nett gemeint, aber nicht durchdacht. Elci schlägt vor, dass Gastronomen Sondergenehmigungen erteilt werden, um öffentliche Plätze – zum Beispiel Parkplätze – bestuhlen zu dürfen und so eine höhere Auslastung zu erreichen. Das könnte auch mehr Gäste dazu bewegen, wieder essen zu gehen. Unter freiem Himmel ist die Gefahr einer Ansteckung schließlich deutlich geringer als in geschlossenen Räumen.

 

Volles Potenzial ausschöpfen

 

Fest steht: Es müssen befriedigendere Lösungen gefunden werden. Existenzrettende Lösungen. Die Gastronomie ist eine der am stärksten von der Corona-Krise betroffenen Branchen und braucht Hilfe. Zu wünschen ist ihr und uns allen ein fantastischer Sommer mit vielen lauen Nächten, damit Hamburgs Restaurantterrassen, Straßencafés, Rooftop Bars und Biergärten dieses Jahr bei Wein und gutem Essen ihr volles Potenzial ausschöpfen können – für beide Seiten: Gast und Gastronom.


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Zukunftsblick: Werte, Wandel, Wirkung

1992 gründete Peter Wippermann das Beratungsunternehmen „Trendbüro“, das sich mit dem gesellschaftlichen Wandel auseinandersetzt. Ein Gespräch über räumliche Distanz, virtuelle Nähe und Generation C – wie Corona

Interview: Basti Müller

 

SZENE HAMBURG: Herr Wippermann, die Umstände verlangen die Frage: Wie geht’s Ihnen?

Peter Wippermann: Ja, gut geht’s mir, danke.

Leben Sie zurzeit in Isolation?

Ja, in selbst gewählter Quarantäne, so wie das alle gerade tun. Ich arbeite und habe mein Büro sowieso in der Wohnung, daher hat sich nicht viel ver­ ändert, außer, dass wir nicht oft raus­ gehen.

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Alle zwei Jahre veröffentlichen Peter Wippermann und Team den „Werte-Index“ (Foto: Trendbüro)

Das Jahr 2020 hat sich ja eigentlich gut angekündigt, EM, Olympia, 30 Jahre Wiedervereinigung etc. – haben sie mit einer Viruspandemie je gerechnet?

Nein, das war ja erst nur etwas, was im Januar in China allmählich in den Meldungen war und man hatte noch das Gefühl, dass es sich auf Asien beschränken wird. Was wir selbstverständlich machen, ist mit Schwarzen Schwänen, also unwahrscheinlichen Er­eignissen zu kalkulieren, irgendetwas, was die Situation dramatisch verändern kann, dazu zählen eben auch Pande­mien. Aber nein, damit habe ich mich nicht beschäftigt.

Sie sind Experte für gesellschaftlichen Wandel. In welchem Wandel befinden wir uns im Moment?

Das kann man sehr deutlich be­obachten. Wir haben insgesamt eine stärkere Vernetzung und auch einen stärkeren Umgang mit interaktiven Medien, sei es unter Schülern und Leh­rern, sei es innerhalb der Betriebe, sei es in der Rationalisierung der Produktionen, in denen stärker Roboter ein­gesetzt werden.

Was bisher noch nicht kam, ist, dass das Gefahrenpotenzial von uns selbst ausgeht und die Sicherheit über Technologie organisiert wird. Das ist eine Situation, die einzigartig ist. Die Technologien, die sich besonders in dieser Zeit entfalten, gibt es ja schon seit Längerem, Videokonferenzen, autono­me Maschinen und Ähnliches, nur die Akzeptanz gegenüber diesen Technologien nimmt unheimlich schnell zu.

Die Überraschung ist, dass wir Technologie als Heilsbringer eher be­grüßen als befürchten. Und die aktuelle Diskussion, in der es um die Einschrän­kung von Freiheit und Privatsphäre geht, wenn man beispielsweise Tele­fondaten nutzt, um Beziehungen von Infizierten aufzuzeigen, wird man sicherlich moralisch, ethisch und juristisch versuchen zu fassen. Aber selbstverständlich wird es als Tool erst einmal positiv bewertet.

 

„Wissenschaft ist im Moment die Leitgröße“

 

Gilt das auch für die Wissenschaft?

Die Wissenschaft ist im Mo­ment die Leitgröße, die die Poli­tik an die Hand nimmt. Die Ent­wicklung, in der wir stehen, wird durch sehr rationale wissenschaftliche Kalkulationen geleitet. Das ist auch etwas Besonderes, dass in einer Demokratie, in der Parteien eigentlich miteinander konkurrieren, der Wähler in den Hintergrund geraten ist, und die Wissenschaft die Perspektiven aufzeigt. Und dann die Politik reagiert. Dass wir jetzt froh sind, einen starken Staat zu haben, obwohl wir lange Zeit einen Staat ablehnten, der drastische Anordnungen be­schließt und überwacht.

Utopie: zehn Jahre nach Corona. Wie wird sich die Gesellschaft bis dahin verändert haben?

Wir machen über zehn Jahre Wertewandel­-Forschung mit dem Marktforschungsinstitut Kantar und veröffentlichen den „Werte­Index“, der die Gesellschaft definiert, alle zwei Jahre. Bei der letzten Auswertung vor der Pandemie war das Thema Gesundheit auf Platz 1.

Ich glaube, dass wir in einer Gesellschaft leben werden, die eine große Sehnsucht nach Solidarität und einem „Wir“ hat, die aber letzten Endes darauf ba­siert, dass jeder in irgendeiner Weise leistungsfähig bleibt und technische Fähigkeiten erwirbt, die heute an­deutungsweise praktiziert werden. Eine Gesellschaft, die nicht wieder zurückkehrt in ein Kollektivsystem, sondern, die sich weiterhin individu­alistisch, also egozentrisch verhalten wird.

Sie denken, dass es nach Corona egozentrisch weitergehen wird?

Das ist jetzt schon so. Wir sagen zwar: „Wir schaffen das!“, aber wir achten darauf, dass wir nicht in direkten Kontakt mit anderen Men­schen kommen. Diesen Widerspruch muss man sich mal anschauen. Und diejenigen, die andere Menschen am besten auf Distanz halten können, sind die Gewinner, Lieferdienste zum Beispiel, unabhängig davon, dass wir natürlich eine große Sehnsucht haben, endlich wieder echte Nähe zu spüren. Aber wir sehen es heute schon, dass wir kaum mehr aushalten, dass Handy dauerhaft aus der Hand zu geben, dass die virtuelle Nähe und die Möglichkeit, sich virtuell zu ver­netzen, für uns attraktiver ist als in der realen Welt. Und das wird nicht ver­schwinden, auch in zehn Jahren nicht.

 

Virtueller Raum

 

Was sind die Werte der Zukunft?

Was wir messen, sind individuelle Wer­te, was uns als Einzelperson wichtig ist. Das sind drei Sachen: Gesundheit, Fami­lie und Erfolg. Familie ist spannend, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der die klassische Familie sich immer weiter auflöst. Das zweite ist das Thema Erfolg – nicht der klassische berufliche Erfolg, sondern der individuelle Erfolg, der auch sehr unterschiedlich ist, je nach­ dem, wie man sich in der Welt orientiert.

Das, was ich auf jeden Fall ausschließen würde, ist, dass wir zu historischen Ver­haltensweisen zurückkehren – ganz im Gegenteil – wir werden die virtuelle Realität verstärkt nutzen, um unsere sozialen Bedürfnisse zu organisieren. Man kann das heute schon sehen. In Deutschland sind es knapp unter 50 Prozent junger Menschen, die ihre Freunde lieber in der virtuellen Welt treffen als in der realen – und das war vor der Pandemie schon so.

Woran liegt das?

Weil Menschen ihre eigene Freiheit für andere nicht belasten, aber trotz­ dem das Gefühl haben wollen, über virtuelle Medien dazuzugehören. Über­legen Sie mal, wenn sie früher durch die Straßen gegangen sind, wie viele Leute telefoniert haben. Diese Idee jeder Zeit erreichbar zu sein, und ein Gerät im Ohr zu haben, gehört dazu.

Wir sind natürlich soziale Wesen, aber wir nutzen nicht den räumlichen Kontakt, sondern den virtuellen und das ist etwas, was auf jeden Fall durch diese Pandemie belohnt wird, sich unheimlich beschleunigt und anschließend nicht wieder verschwinden wird.

 

Generation C

 

Wer wird von der Krise profitieren?

Es profitieren bestimmte Industrien, erstaunlicherweise auch ganz traditionelle, die zum Beispiel Spiele und Puzzle oder Hanteln herstellen. Betriebe, die in der Organisationsform bestens digital aufgestellt sind.

Welche Wirkung wird der Ausnahmezustand auf Kleinkinder und Neugeborene haben, die in diese Zeit hineingeboren werden und darin aufwachsen?

Das ist ein spannendes Thema. Bis­her sagt man in der Markt­ und Trend­forschung Generation Alpha dazu. Den Vorschlag „Generation C“ also wie Corona zu sagen, gibt es bereits und Corona wird mit Sicherheit eine Wirkung auf diejenigen haben, die jetzt schon einigermaßen Bewusstsein entwickelt haben – die Sieben­- bis Zehn­-jährigen werden diese Erfahrung nicht vergessen und sich sicherlich anders verhalten, als die Generation Z und wahrscheinlich gesellschaftlicher denken. Nicht so egozentrisch wie die Generation Y – ich kann ihnen darauf noch wirklich keine Antwort geben, weil das Phänomen viel zu kurz ist.

Meine Prognose wäre, dass die Jüngsten das Thema Distanz durch virtuelle Medien selbstverständlich überbrücken können, wahrscheinlich mit Technologien, die es auch schon lange gibt.

Ihr Wort oder Phrase des Jahres 2020?

Auf jeden Fall „Bleib gesund“, oder?

trendbuero.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Aktion Hoffnungsbrief: Worte wie Umwarmungen

Die Diakonie-Stiftung MitMenschlichkeit lädt Hamburger ein, Briefe an Senioren zu schreiben, die momentan nicht besucht werden dürfen. Vor allem Kinder freuen sich über diese Möglichkeit

Text: Erik Brandt-Höge

 

Mitte März wurden Besuchseinschränkungen für stationäre Pflegeeinrichtungen beschlossen. Menschen in Alten­ und Pflegeheimen leben seitdem isoliert von ihren Lieben. Ei­nen kleinen, aber feinen Lichtblick bietet die Diakonie-­Stiftung MitMenschlich­keit. Sie hat kurzerhand die „Aktion Hoffnungsbrief “ gestartet. Und die geht so: Hamburger dürfen den über 3.200 Senioren, die in den 23 teilnehmen­ den Diakonie-­Einrichtungen zu Hause sind, ihre Gedanken in Zeiten von Corona schicken, vor allem natürlich ihre guten Wünsche und Hoffnungen.

Marta-hoffnungsbriefSeit dem 23. März wird jede Einrichtung wö­chentlich vom Diakonie­-Team beliefert – und das hat ordentlich zu tun. Bis Mitte April gingen rund 2.700 Briefe, Postkarten und Bilder ein. „Ich bin begeistert von den vielen liebevollen Briefen“, sagt Jutta Fugmann­-Gutzeit, Geschäftsführerin Diakonie-­Stiftung MitMenschlichkeit Hamburg und Initiatorin der „Aktion Hoffnungsbrief “. „Kleine Kunstwerke von Kindern sind dabei, Kitas senden Basteleien, Studentinnen schreiben über ihren Alltag. Da ist wirklich zu spüren, dass es darum geht, den älteren Menschen eine Freude zu machen. Das finde ich toll, gerade in dieser Zeit.“ Steht ein Absender auf der Hoffnungs­-Post, haben die Senioren zudem die Möglichkeit, sich zu bedanken und in den Austausch zu gehen.

Bewohnerinnen und Bewohner von Hamburger Alten- und Pflegeeinrichtungen dürfen ab heute, 18. Mai, wieder Besuch empfangen. Allerdings nur sehr eingeschränkt und nur mit einem Termin. Geschrieben werden kann daher weiterhin an diese Adresse:

Diakonie-Stiftung Mit Menschlichkeit, „Hoffnungsbrief “, Königstr. 54, 22767 Hamburg


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