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Zukunftsblick: Werte, Wandel, Wirkung

1992 gründete Peter Wippermann das Beratungsunternehmen „Trendbüro“, das sich mit dem gesellschaftlichen Wandel auseinandersetzt. Ein Gespräch über räumliche Distanz, virtuelle Nähe und Generation C – wie Corona

Interview: Basti Müller

 

SZENE HAMBURG: Herr Wippermann, die Umstände verlangen die Frage: Wie geht’s Ihnen?

Peter Wippermann: Ja, gut geht’s mir, danke.

Leben Sie zurzeit in Isolation?

Ja, in selbst gewählter Quarantäne, so wie das alle gerade tun. Ich arbeite und habe mein Büro sowieso in der Wohnung, daher hat sich nicht viel ver­ ändert, außer, dass wir nicht oft raus­ gehen.

Peter-Wippermann-Credit-Trendbüro

Alle zwei Jahre veröffentlichen Peter Wippermann und Team den „Werte-Index“ (Foto: Trendbüro)

Das Jahr 2020 hat sich ja eigentlich gut angekündigt, EM, Olympia, 30 Jahre Wiedervereinigung etc. – haben sie mit einer Viruspandemie je gerechnet?

Nein, das war ja erst nur etwas, was im Januar in China allmählich in den Meldungen war und man hatte noch das Gefühl, dass es sich auf Asien beschränken wird. Was wir selbstverständlich machen, ist mit Schwarzen Schwänen, also unwahrscheinlichen Er­eignissen zu kalkulieren, irgendetwas, was die Situation dramatisch verändern kann, dazu zählen eben auch Pande­mien. Aber nein, damit habe ich mich nicht beschäftigt.

Sie sind Experte für gesellschaftlichen Wandel. In welchem Wandel befinden wir uns im Moment?

Das kann man sehr deutlich be­obachten. Wir haben insgesamt eine stärkere Vernetzung und auch einen stärkeren Umgang mit interaktiven Medien, sei es unter Schülern und Leh­rern, sei es innerhalb der Betriebe, sei es in der Rationalisierung der Produktionen, in denen stärker Roboter ein­gesetzt werden.

Was bisher noch nicht kam, ist, dass das Gefahrenpotenzial von uns selbst ausgeht und die Sicherheit über Technologie organisiert wird. Das ist eine Situation, die einzigartig ist. Die Technologien, die sich besonders in dieser Zeit entfalten, gibt es ja schon seit Längerem, Videokonferenzen, autono­me Maschinen und Ähnliches, nur die Akzeptanz gegenüber diesen Technologien nimmt unheimlich schnell zu.

Die Überraschung ist, dass wir Technologie als Heilsbringer eher be­grüßen als befürchten. Und die aktuelle Diskussion, in der es um die Einschrän­kung von Freiheit und Privatsphäre geht, wenn man beispielsweise Tele­fondaten nutzt, um Beziehungen von Infizierten aufzuzeigen, wird man sicherlich moralisch, ethisch und juristisch versuchen zu fassen. Aber selbstverständlich wird es als Tool erst einmal positiv bewertet.

 

„Wissenschaft ist im Moment die Leitgröße“

 

Gilt das auch für die Wissenschaft?

Die Wissenschaft ist im Mo­ment die Leitgröße, die die Poli­tik an die Hand nimmt. Die Ent­wicklung, in der wir stehen, wird durch sehr rationale wissenschaftliche Kalkulationen geleitet. Das ist auch etwas Besonderes, dass in einer Demokratie, in der Parteien eigentlich miteinander konkurrieren, der Wähler in den Hintergrund geraten ist, und die Wissenschaft die Perspektiven aufzeigt. Und dann die Politik reagiert. Dass wir jetzt froh sind, einen starken Staat zu haben, obwohl wir lange Zeit einen Staat ablehnten, der drastische Anordnungen be­schließt und überwacht.

Utopie: zehn Jahre nach Corona. Wie wird sich die Gesellschaft bis dahin verändert haben?

Wir machen über zehn Jahre Wertewandel­-Forschung mit dem Marktforschungsinstitut Kantar und veröffentlichen den „Werte­Index“, der die Gesellschaft definiert, alle zwei Jahre. Bei der letzten Auswertung vor der Pandemie war das Thema Gesundheit auf Platz 1.

Ich glaube, dass wir in einer Gesellschaft leben werden, die eine große Sehnsucht nach Solidarität und einem „Wir“ hat, die aber letzten Endes darauf ba­siert, dass jeder in irgendeiner Weise leistungsfähig bleibt und technische Fähigkeiten erwirbt, die heute an­deutungsweise praktiziert werden. Eine Gesellschaft, die nicht wieder zurückkehrt in ein Kollektivsystem, sondern, die sich weiterhin individu­alistisch, also egozentrisch verhalten wird.

Sie denken, dass es nach Corona egozentrisch weitergehen wird?

Das ist jetzt schon so. Wir sagen zwar: „Wir schaffen das!“, aber wir achten darauf, dass wir nicht in direkten Kontakt mit anderen Men­schen kommen. Diesen Widerspruch muss man sich mal anschauen. Und diejenigen, die andere Menschen am besten auf Distanz halten können, sind die Gewinner, Lieferdienste zum Beispiel, unabhängig davon, dass wir natürlich eine große Sehnsucht haben, endlich wieder echte Nähe zu spüren. Aber wir sehen es heute schon, dass wir kaum mehr aushalten, dass Handy dauerhaft aus der Hand zu geben, dass die virtuelle Nähe und die Möglichkeit, sich virtuell zu ver­netzen, für uns attraktiver ist als in der realen Welt. Und das wird nicht ver­schwinden, auch in zehn Jahren nicht.

 

Virtueller Raum

 

Was sind die Werte der Zukunft?

Was wir messen, sind individuelle Wer­te, was uns als Einzelperson wichtig ist. Das sind drei Sachen: Gesundheit, Fami­lie und Erfolg. Familie ist spannend, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der die klassische Familie sich immer weiter auflöst. Das zweite ist das Thema Erfolg – nicht der klassische berufliche Erfolg, sondern der individuelle Erfolg, der auch sehr unterschiedlich ist, je nach­ dem, wie man sich in der Welt orientiert.

Das, was ich auf jeden Fall ausschließen würde, ist, dass wir zu historischen Ver­haltensweisen zurückkehren – ganz im Gegenteil – wir werden die virtuelle Realität verstärkt nutzen, um unsere sozialen Bedürfnisse zu organisieren. Man kann das heute schon sehen. In Deutschland sind es knapp unter 50 Prozent junger Menschen, die ihre Freunde lieber in der virtuellen Welt treffen als in der realen – und das war vor der Pandemie schon so.

Woran liegt das?

Weil Menschen ihre eigene Freiheit für andere nicht belasten, aber trotz­ dem das Gefühl haben wollen, über virtuelle Medien dazuzugehören. Über­legen Sie mal, wenn sie früher durch die Straßen gegangen sind, wie viele Leute telefoniert haben. Diese Idee jeder Zeit erreichbar zu sein, und ein Gerät im Ohr zu haben, gehört dazu.

Wir sind natürlich soziale Wesen, aber wir nutzen nicht den räumlichen Kontakt, sondern den virtuellen und das ist etwas, was auf jeden Fall durch diese Pandemie belohnt wird, sich unheimlich beschleunigt und anschließend nicht wieder verschwinden wird.

 

Generation C

 

Wer wird von der Krise profitieren?

Es profitieren bestimmte Industrien, erstaunlicherweise auch ganz traditionelle, die zum Beispiel Spiele und Puzzle oder Hanteln herstellen. Betriebe, die in der Organisationsform bestens digital aufgestellt sind.

Welche Wirkung wird der Ausnahmezustand auf Kleinkinder und Neugeborene haben, die in diese Zeit hineingeboren werden und darin aufwachsen?

Das ist ein spannendes Thema. Bis­her sagt man in der Markt­ und Trend­forschung Generation Alpha dazu. Den Vorschlag „Generation C“ also wie Corona zu sagen, gibt es bereits und Corona wird mit Sicherheit eine Wirkung auf diejenigen haben, die jetzt schon einigermaßen Bewusstsein entwickelt haben – die Sieben­- bis Zehn­-jährigen werden diese Erfahrung nicht vergessen und sich sicherlich anders verhalten, als die Generation Z und wahrscheinlich gesellschaftlicher denken. Nicht so egozentrisch wie die Generation Y – ich kann ihnen darauf noch wirklich keine Antwort geben, weil das Phänomen viel zu kurz ist.

Meine Prognose wäre, dass die Jüngsten das Thema Distanz durch virtuelle Medien selbstverständlich überbrücken können, wahrscheinlich mit Technologien, die es auch schon lange gibt.

Ihr Wort oder Phrase des Jahres 2020?

Auf jeden Fall „Bleib gesund“, oder?

trendbuero.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Aktion Hoffnungsbrief: Worte wie Umwarmungen

Die Diakonie-Stiftung MitMenschlichkeit lädt Hamburger ein, Briefe an Senioren zu schreiben, die momentan nicht besucht werden dürfen. Vor allem Kinder freuen sich über diese Möglichkeit

Text: Erik Brandt-Höge

 

Mitte März wurden Besuchseinschränkungen für stationäre Pflegeeinrichtungen beschlossen. Menschen in Alten­ und Pflegeheimen leben seitdem isoliert von ihren Lieben. Ei­nen kleinen, aber feinen Lichtblick bietet die Diakonie-­Stiftung MitMenschlich­keit. Sie hat kurzerhand die „Aktion Hoffnungsbrief “ gestartet. Und die geht so: Hamburger dürfen den über 3.200 Senioren, die in den 23 teilnehmen­ den Diakonie-­Einrichtungen zu Hause sind, ihre Gedanken in Zeiten von Corona schicken, vor allem natürlich ihre guten Wünsche und Hoffnungen.

Marta-hoffnungsbriefSeit dem 23. März wird jede Einrichtung wö­chentlich vom Diakonie­-Team beliefert – und das hat ordentlich zu tun. Bis Mitte April gingen rund 2.700 Briefe, Postkarten und Bilder ein. „Ich bin begeistert von den vielen liebevollen Briefen“, sagt Jutta Fugmann­-Gutzeit, Geschäftsführerin Diakonie-­Stiftung MitMenschlichkeit Hamburg und Initiatorin der „Aktion Hoffnungsbrief “. „Kleine Kunstwerke von Kindern sind dabei, Kitas senden Basteleien, Studentinnen schreiben über ihren Alltag. Da ist wirklich zu spüren, dass es darum geht, den älteren Menschen eine Freude zu machen. Das finde ich toll, gerade in dieser Zeit.“ Steht ein Absender auf der Hoffnungs­-Post, haben die Senioren zudem die Möglichkeit, sich zu bedanken und in den Austausch zu gehen.

Bewohnerinnen und Bewohner von Hamburger Alten- und Pflegeeinrichtungen dürfen ab heute, 18. Mai, wieder Besuch empfangen. Allerdings nur sehr eingeschränkt und nur mit einem Termin. Geschrieben werden kann daher weiterhin an diese Adresse:

Diakonie-Stiftung Mit Menschlichkeit, „Hoffnungsbrief “, Königstr. 54, 22767 Hamburg


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Corona in Hamburg: Die Stunde Null

Während die Wirtschaft in die Rezession rutscht, hat der Wunsch nach einer entschleunigten, klimaverträglichen und gerechten Welt samt bedingungslosem Grundeinkommen Hochkonjunktur. Bricht nun eine Zeit des gesellschaftlichen Wandels an? Ist eine bessere Welt „nach Corona“ denkbar? Über Wunsch und Wirklichkeit einer hinter Mundschutz geführten Debatte

Text: Marco Arellano Gomes

Wer die Altonaer Straße entlangspazierte, stieß in Höhe eines Discount-Marktes auf eine Backsteinwand, auf der ein Satz geschrieben stand, der die gegenwärtige Gefühlslage auf den Punkt bringt „We can’t return to normal“. Direkt darüber befinden sich einige reflektierende Fensterscheiben, die die Umgebung verzerrt widerspiegeln. Bäume krümmen sich darin und fließen, wie in einem Dalí-Gemälde, mit den schemenhaft erkennbaren Gebäuden der gegenüberliegenden Straßenseite zusammen, sodass sie ein skurriles Abbild der Realität wiedergeben. Normal, so vermittelt es diese Wand, ist gar nichts mehr.

 

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Ein Graffiti in der Altonaer Straße bringt die allgemeine Befürchtung zum Ausdruck (Foto: Marco Arellano Gomes)

 

Was ist das nur für eine Zeit, in der ein Virus das gesamte Leben zum Stillstand bringt? Ist es eine Phase, die rückblickend wieder vergessen sein wird? Oder ein epochales Ereignis, aus dem es kein Zurück gibt? „So viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln und leben zu müssen, gab es noch nie“, sagte der Philosoph Jürgen Habermas der Frankfurter Rundschau und empfahl, sich „mit unvorsichtigen Prognosen“ zurückzuhalten – was selbstverständlich nicht geschieht.

Henry Kissinger, Grandseigneur der Weltpolitik, meldet sich mit stolzen 96 Jahren im Wall Street Journal mahnend zu Wort: „Wenn die Covid-19-Pandemie vorüber ist“, so der ehemalige US-Außenminister, „werden die Institutionen vieler Länder in der Wahrnehmung der Menschen versagt haben. Es ist irrelevant, ob dieses Urteil objektiv gerechtfertigt ist. Die Wahrheit ist: Die Welt wird nach dem Coronavirus nicht mehr dieselbe sein.“ Selbst Jogi Löw, der ewige Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, fühlte sich berufen, die Corona-Krise zu kommentieren: „Die Erde scheint sich ein bisschen zu stemmen gegen die Menschen und ihr Tun.“

 

Alles scheint möglich

 

Mit einer Rückkehr zur Normalität rechnet inzwischen kaum noch jemand. Aber wenn es kein Zurück mehr gibt, was folgt dann? Ein sinkender Lebensstandard? Die Verarmung breiter Bevölkerungsteile? Ein weltweiter ökonomischer Niedergang? Verteilungskämpfe? Ein Anstieg der Kriminalität? Ein Erstarken autoritärer und nationalistischer Kräfte? Revolutionen? Oder vielmehr die Rückkehr des europäischen Gedankens? Eine Renaissance der Humanität? Die Zähmung des Kapitalismus? Eine Wiederbelebung der Vereinten Nationen? Die Abwahl Donald Trumps? Alles scheint möglich.

Die Ansichten darüber, wie die Post-Corona-Zeit aussehen soll, könnten unterschiedlicher nicht sein. Einig sind sich alle bloß darin, dass es so etwas in der modernen Geschichte noch nie gegeben hat: Selbstverständliche Freiheiten sind auf unbestimmte Zeit außer Kraft gesetzt. Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen bestimmen den Alltag. Auch in Hamburg werden sich die Einwohner daran gewöhnen müssen, einen Mindestabstand von einen Meter fünfzig einzuhalten, den Mundschutz als notwendiges Modeaccessoire zu betrachten, gläserne Schutzwände zwischen sich und den Verkäufern zu akzeptieren, Handschuhe zu tragen, bargeldlos zu zahlen und sich in Geduld zu üben. Bürger bleiben zu Hause, arbeiten im Homeoffice, gehen sich aus dem Weg und nutzen kaum noch die öffentlichen Verkehrsmittel. Polizisten kontrollieren die Straßen, Sicherheitskräfte stehen an den Eingängen der Supermärkte. Der Ton ist rauer geworden, die Blicke ängstlicher, die soziale Distanz größer. Das alles ist anstrengend, ungewohnt und unangenehm, muss aber bis auf Weiteres ertragen werden.

„Wir bewegen uns in eine neue Normalität. Die wird länger dauern“, sagte Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz in gewohnt trockener Art. Die Pandemie hat alles, was Metropolen lebenswert und erfolgreich macht, innerhalb kürzester Zeit in ein Horrorszenario verwandelt. Ein Hauch von Diktatur schwirrt durch die Freie und Hansestadt Hamburg, diktiert von einem mikroskopisch kleinen Krankheitserreger mit der Bezeichnung SARS-CoV-2.

 

Der Blick zurück

 

Jede Krise unterteilt die Zeit in ein Davor und ein Danach. Wenn die üblichen Routinen nicht mehr greifen, und der zuvor normale Zustand nicht mehr herzustellen ist, dann schlägt die Stunde der Alternativen, der Möglichkeiten und Utopien. Und je länger die Haare aufgrund der Schließung der Friseurstuben werden, desto revolutionärer klingen die geäußerten Ideen. In solchen Zeiten erhalten noch so quere Ideen Aufmerksamkeit. Trendforscher, Kritiker, Historiker und Virologen melden sich zu Wort und finden Gehör. Quacksalber kommen aus ihren Löchern und nutzen die Angst und Ungewissheit der Menschen für ihre perfiden Pläne.

Gab es eine solche Situation schon mal? Was hat man damals gemacht? Was sollte man in Zukunft tun? In Hamburg wird gern auf den Ausbruch der Cholera 1892 verwiesen. Nach dem Großen Brand von 1842, war es die zweite große Krise der Hansestadt binnen 50 Jahren. Damals waren es die unhygienischen Bedingungen auf zu engem Raum sowie die Entnahme des Trinkwassers aus den ungefilterten Gewässern der Großstadt, die der Durchfallerkrankung leichtes Spiel bereiteten. Robert Koch, der Mikrobiologe, auf dessen Namen das heute im Mittelpunkt der Politikberatung stehende Robert Koch Institut (RKI) zurückgeht, bemängelte damals die Verhältnisse im Gängeviertel, der Steinstraße, aber auch der Spitalerstraße. Er habe „noch nie solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten für jeden Ansteckungskeim angetroffen“, fasste Koch erschrocken zusammen. „Ich vergesse, dass ich mich in Europa befinde.“ Das tun einige Politiker dieser Tage leider auch.

 

Menschengemachte Gefahr?

 

Wer den Einwand erhebt, mit diesem Virus hätte man nicht rechnen können, dem sei das Interview von Christian Drosten mit der SZENE HAMBURG vom Dezember 2003 empfohlen. Darin weist der durch den NDR-Podcast „Coronavirus- Update“ zu Berühmtheit gelangte Virologe darauf hin, dass das Thema zwar aus der Öffentlichkeit verschwunden sei, aber eben nicht aus der wissenschaftlichen Welt: „Es gibt momentan zwar keinen bekannten Fall von SARS mehr auf der Erde – aber das heißt kaum etwas. Wie HIV, hat sich der SARS-Erreger irgendwo in der Natur, wahrscheinlich in einem Tier und völlig unabhängig vom Menschen, entwickelt“, sagte er damals. „Nur weil momentan kein Mensch infiziert ist, heißt das nicht, dass es nicht wieder passieren kann. Bisher gibt es weder einen Impfstoff gegen das Virus, noch Medikamente, um SARS zu behandeln.“ Heute, 17 Jahre später, ist SARS wieder da – in neuer Form und tödlicher als zuvor. Medikamente oder gar einen Impfstoff gibt es hingegen immer noch nicht.

Am 19. März 2020 sagte Olaf Scholz in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ mit belegter Stimme, dass die Corona-Krise im Gegensatz zur Finanzkrise von 2008 „nicht menschengemacht“ sei. Das kann man so sehen. Man kann diese Aussage aber auch infrage stellen: Sind es nicht Menschen, die Wälder abholzen und in Gebiete vordringen, in denen Tiere leben, die wohlweislich das SARS-Virus in sich tragen? Sind es nicht Menschen, die solche Tiere in den Großmärkten verkaufen, in Umlauf bringen und somit eine Übertragung begünstigen? Ist es nicht die globale Vernetzung, die das Virus in Rekordzeit um den Globus brachte und verteilte? Waren es nicht Menschen, die jahrelang das Gesundheitssystem privatisiert und kaputtgespart haben, sodass die Kapazitätsgrenzen eklatant unter dem Wert liegen, den es zuvor hatte? Waren es nicht Menschen, die entschieden, dass die Erforschung des SARS-Virus keine weiteren finanziellen Mittel benötigt? Politik kann alternativlos erscheinen, wenn alle Alternativen zuvor systematisch verbaut wurden.

 

Die neue Normalität

 

Gegenwärtig tobt der Kampf gegen das Virus – und dieser wird noch lange im Mittelpunkt stehen. Aber es gibt parallel dazu auch ein Ringen des Alten mit dem Neuen. Nichts verdeutlicht dies mehr als die ungleiche Verteilung der Risiken zwischen jungen und alten Menschen. Aber es betrifft noch viel mehr: Einzelhandel vs. Onlineversand, Restaurants vs. Lieferdienste, Kino vs. Streaming, analog vs. digital, öffentlich vs. privat, sozial vs. egoistisch, ökologisch vs. ökonomisch, global vs. national, demokratisch vs. autokratisch.

Krisen, so heißt es, eröffnen auch Chancen. In unsicheren Zeiten ist der Wunsch nach Information, Orientierung und Hoffnung verständlicherweise groß. Nicht selten verschwimmen dabei die Grenzen zwischen realistischen Vorschlägen und bloßem Wunschdenken. Wer die Debatte über eine mögliche Zeit nach Corona verfolgt, stellt fest, dass die Lösung oft darin gesehen wird, den Kapitalismus infrage zu stellen. Gefordert wird ein wirtschaftliches Handeln, dessen Logik nicht einseitig auf Wachstum basiert. Neu ist dieser Gedanke nicht. Aber wie kann ein solches alternatives Wirtschaftssystem aussehen? Reicht es, das Bestehende schrittweise anzupassen? Oder soll ein gänzlich Anderes das Jetzige ersetzen? Wie realistisch ist das überhaupt?

Was Optimisten derzeit hoffen lässt, ist der Beweis, dass die Demokratie nicht so machtlos ist, wie zynische Beobachter in der Vergangenheit behaupteten. Die Politiker entpuppen sich derzeit eben nicht als folgsame Marionetten der Großkonzerne, als die sie oft karikiert wurden. Wäre dem so, hätten sie die Wirtschaft nicht so rigoros auf Eis gelegt. So handlungsfähig die Nationalstaaten nach innen erscheinen, so unfähig sind sie auf internationaler Ebene. Die einzelnen Staaten sind längst in einem Geflecht eingebunden, aus dem es kein einseitiges Entrinnen und Entscheiden gibt. Wer globale Probleme wie die Corona-Pandemie oder die Erderwärmung in den Griff bekommen will, wird dies nur durch globale Kooperation und Koordination schaffen.

Die Wirklichkeit ist oft komplexer und vielschichtiger, als es Verschwörungstheoretiker und Sozialromantiker wahrhaben und vermitteln wollen. Dennoch scheint in dieser Ausnahmesituation eine alternative Zukunft möglich. Schon die Sorge um die Erderwärmung, die mit den Klimastreiks um Greta Thunberg ins öffentliche Bewusstsein gelangte, hat das moderne Versprechen von Fortschritt und stetigem Wachstum in Zweifel gezogen. Der Boden für einen Wandel ist also bereitet.

 

Zeit für ein Grundeinkommen?

 

Wenn Mensch und Natur in Zukunft verstärkt im Mittelpunkt stehen würden, wäre bereits viel gewonnen. Hierzu wäre es wichtig, neu zu bestimmen, was als öffentliches Gut gelten soll und was nicht. Auch ein bedingungsloses Grundeinkommen kann dazu beitragen, den Menschen in einer Demokratie eben nicht einseitig nach seiner Eignung für den Arbeitsmarkt zu bewerten, sondern als Teil einer demokratischen Gesellschaft. Was den Gedanken eines Grundeinkommens so stark macht, ist, dass es ein demokratisches Grundversprechen einlöst. In einer Demokratie sind nämlich alle Menschen systemrelevant.

In Hamburg könnte ein solches Grundeinkommen bald getestet werden. Die Volksinitiative für bedingungsloses Grundeinkommen hat mehr als 10.000 Unterschriften gesammelt. Für eine Testphase von drei Jahren sollen 2.000 Hamburger ein Grundeinkommen erhalten, wenn die Hamburger Bürgerschaft sich bis zum 2. September dafür entscheidet. Wenn nicht, strebt die Initiative ein Volksbegehren an. Dass die Idee eines Grundeinkommens kein Hirngespinst ist, zeigt sich daran, dass mehr als 450.000 Menschen sich auf der Plattform change.org ebenfalls für eine entsprechende Petition ausgesprochen haben. Viele namhafte Unternehmer wie Götz Werner (dm) werben seit Jahren dafür. Thomas Straubhaar, Professor der Volkswirtschaft an der Uni Hamburg, ist ebenfalls Befürworter. Auch Papst Franziskus sprach sich zu Ostern in einem Brief an die sozialen Volksbewegungen dafür aus.

 

Freiheit ist ohne die Erfahrung der Unfreiheit nicht denkbar

 

Die bundesrepublikanische Demokratie ist 70 Jahre alt – und gehört somit zur Risikogruppe. Je länger Corona (lateinisch: Krone) herrscht, desto gefährdeter ist die Demokratie. Oder liegt darin etwa auch eine Chance?

Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg, verwies im Hamburger Abendblatt in einem Gastbeitrag auf Platons Fesselgleichnis. Darin werden Sokrates, der sich in Gefangenschaft befindet, die Fesseln entfernt, woraufhin dieser sinngemäß sagt, dass nur der, der die Fesseln kennt, ihre Abwesenheit wertschätzen kann. Freiheit, so die Erkenntnis, ist ohne die Erfahrung der Unfreiheit nicht denkbar.

Das Überraschende dieser Tage ist ja, dass es nicht primär die Elektronikgeräte, Automobile und Urlaubsreisen sind, die fehlen. Vielmehr sind es die Besuche bei den Eltern und Großeltern, die spontanen Treffen mit Freunden, das zwanglose Kennenlernen von Fremden, die gemeinsamen Erlebnisse in den Kinos, Theatern, Konzerthallen, Nachtklubs und Fußballstadien, die grenzenlosen Genüsse in den Restaurants, Bars und Cafés, und ja: auch das gemeinsame Schlendern und Shoppen in den Einkaufspassagen. Was all diesen kulturellen Erlebnissen zugrunde liegt, sie zu etwas Besonderem macht und das Leben in einer Stadt – neben den horrenden Mieten – so unbezahlbar macht, ist die zivilisierende, inspirierende und pulsierende Kraft des menschlichen Miteinanders.

Der Schriftzug „We can’t return to normal“ ist übrigens – nach nur wenigen Tagen – von der Wand an der Altonaer Straße verschwunden. Da rutscht einem doch glatt der Mundschutz über die Kinnlade: Erstaunlich, wie schnell ein Graffiti entfernt werden kann. Die Zeiten sind wohl wirklich nicht normal.


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Peter Tschentscher: „Die ersten zehn Sekunden sind vorbei“

Kurz nach der Bestätigung als Hamburgs Erster Bürgermeister muss Peter Tschentscher die Stadt durch eine Zeit schiffen, in der viele unterschiedliche – psychologische und existenzielle – Bedürfnisse gehört werden wollen. Ein Gespräch über die zwei Seiten der Krise und seine Hoffnung, wie die Stadt nach der Pandemie aussieht

Interview: Hedda Bültmann & Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Peter Tschentscher, bezogen auf die wirtschaftliche Lage Hamburgs haben Sie die Corona-Krise kürzlich mit einem Luftanhalten verglichen: Die ersten zehn Sekunden würden noch recht leichtfallen, die nächsten zwanzig wären schon schwieriger. Welche Sekunde zählen Sie denn aktuell?

Peter Tschentscher: Die ersten zehn Sekunden sind vorbei. Es wird jetzt immer schwieriger, das alles durchzuhalten, auch im Hinblick auf die wirt­schaftlichen Folgen. Ein Unternehmen kann vielleicht einige Wochen ohne Umsatz überstehen. Aber je länger die Krise andauert, desto stärker steigt das Risiko, dass es zu Insolvenzen kommt und Arbeitsplätze verloren gehen.

Das Hilfspaket von Bund und Ländern soll dabei unterstützen, die­se Zeit zu überbrücken. Dazu gehören das Kurzarbeitergeld, das Unternehmen mit hohen Lohnkosten sofort entlastet, und zinslose Steuerstundungen. Über die Hamburger Corona-Soforthilfe können Selbstständige, kleine und mittlere Unternehmen Zuschüsse bis zu 30.000 Euro erhalten, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Wir wollen vermeiden, dass es in der Wirtschaft zu strukturellen Schäden kommt.

Eine Angst der Hamburger ist, ob wir ausreichend medizinisch versorgt werden können. Aktuell (Stand 20.4.) werden 220 Hamburger mit COVID-19 stationär behandelt, davon 75 intensivmedizinisch. Inwieweit sind die Hamburger Krankenhäuser ausgelastet?

Derzeit gibt es ausreichend Behandlungskapazitäten. Die genannten Zahlen beziehen sich auf ganz Hamburg. Wir haben 1,8 Millionen Einwohner, rund 12.500 Krankenhaus­ betten und über 700 Intensivplätze. Das Coronavirus führt bei den meisten Infizierten zu keiner oder nur zu einer leichten Erkrankung.

Aber es gibt eben auch Personen, bei denen das Risiko einer schweren Erkrankung höher ist, vor allem ältere Menschen oder Patienten mit Vorerkrankungen. Die Maßnahmen, die wir treffen, sollen die Ausbreitung des Virus so ver­langsamen, dass nicht zu viele Men­schen gleichzeitig schwer erkranken und unser Gesundheitssystem mit ihrer Behandlung dann überfordert ist. Deswegen erhöhen wir die Zahl der Intensivbetten unserer Krankenhäuser. Wir wollen eine Lage wie in Italien verhindern, wo selbst schwerkranke Patienten nicht mehr behandelt wer­ den konnten.

Konkret heißt das, es gibt in Hamburg noch ausreichend Krankenhausbetten?

Ja. Die Krankenhäuser verschieben derzeit planbare Eingriffe, wenn es aus ärztlicher Sicht möglich ist. Also solche Eingriffe und Behandlungen, die nicht dringlich sind und auch in den nächsten Monaten nicht zu einem Notfall werden. Damit schonen wir das Gesundheitssystem, Personal und Schutzausrüstung wie Gesichtsmasken, die wir bei einem stärkeren Anstieg von COVID-­19­-Patienten noch benötigen.

 

„Jeder erlebt diese Zeit anders und ist auf seine eigene Art betroffen“

Peter Tschentscher

 

Existenzsorgen bleiben, und sind bei einigen bereits auf die emotionale Ebene gerutscht. Es gibt Ohnmacht, Wut, Trauer, Hoffnungslosigkeit, aber natürlich auch viel Mitgefühl. Welche Gefühle herrschen denn bei Ihnen aktuell vor?

Ich bin konzentriert. Es gibt mehr zu tun und zu entscheiden als sonst. Jeder erlebt diese Zeit anders und ist auf seine eigene Art betroffen. Wir haben zum Beispiel viele Beschäftigte im Gesundheitswesen und im Lebensmitteleinzelhandel, die jetzt sehr viel mehr arbeiten. Auf der anderen Seite haben wir Leute, die gerne arbeiten würden und es nicht dürfen, zum Beispiel Restaurant-­ und Clubinhaber. Einige sitzen zu Hause und wissen noch nicht, wie es weitergehen soll.

Jede Lage ist schwierig und hat seine psycholo­gischen Besonderheiten. Ich verstehe, dass einige ungeduldig sind und fra­gen, ob diese harten Einschränkungen wirklich nötig sind. Wir müssen aber vorsichtig bleiben und dürfen die Ein­schränkungen nur sehr vorsichtig lo­ckern, um den Erfolg unserer Strategie nicht zu riskieren. Letztlich kommen wir am besten durch diese schweren Wochen und Monate, indem wir auf guten Zusammenhalt und gegenseitiges Verständnis setzen.

Was genau bedeutet denn „durchkommen“? Wie sieht die Stadt danach aus?

Ich hoffe, dass wir in der gleichen Art und Weise in Hamburg weiterleben können wie vorher. Die Krise überstehen bedeutet, dass wir die sozialen und wirtschaftlichen Folgen begrenzen und strukturelle Schäden verhindern. Wir versuchen, diese Phase kurz zu halten und die Maßnahmen so zu gestalten, dass man sie durchhalten kann. Deswe­gen haben wir keine absolute Ausgangssperre wie in anderen Ländern. Alle sollen die Möglichkeit haben, sich an der frischen Luft zu bewegen – mit dem nötigen Abstand zu anderen. Wir bie­ten wirtschaftliche Unterstützung und Hilfen über telefonische Hotlines und psychologische Beratung.

Um Verständnis zu erwirken, ist es unerlässlich, die Menschen zu informieren. Es gab in den letzten Wochen aber auch vereinzelt Schelte für eine gewisse Form der Berichterstattung. Wie empfinden Sie diese von den Hamburger Medien?

Ich sehe nicht, was an der Hamburger Berichterstattung zu kritisieren ist. Es wird angemessen über die Ereignisse und Entscheidungen berichtet, die uns in Hamburg und ganz Deutschland betreffen. Information und Transparenz sind wichtig, damit die Einschränkungen akzeptiert und eingehalten werden. Wir können die Ausbreitung des Virus nur in den Griff bekommen, wenn sich alle an die Kontaktbeschränkungen im öffentlichen Raum halten.

Dort, wo Maßnahmen nicht sinnvoll sind, ist Kritik auch berechtigt – wenn zum Beispiel Fußgänger oder Radfahrer von Polizeikontrollen an den Landes­grenzen zurückgeschickt werden. Das sind Maßnahmen, die nicht abgespro­chen waren und die jetzt auch nicht fortgeführt werden.

 

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Für zukünftige Notfälle dieser Art werde man sich „in bestimmten Punkten besser vorbereiten“ (Foto: Senatskanzlei Hamburg)

 

Wie ist denn gerade die Stimmung zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein?

Ich habe mit Ministerpräsident Da­niel Günther vereinbart, dass Schles­wig-­Holstein auf unnötige und unverhältnismäßige Maßnahmen dieser Art verzichtet. Wir sind uns einig, dass es für Beschränkungen unserer Freiheit immer wichtige Gründe geben muss.

Überregionale touristische Reisen sol­len nicht stattfinden, weil es dadurch zu neuen Infektionsketten und einer ver­ stärkten Ausbreitung des Virus kommen kann. Naherholung, Spaziergänge oder Radtouren in der Nähe des Wohnortes sind aber weiterhin gestattet. Mein Wunsch ist, dass nach dieser Krise keine Verstimmungen zwischen den Bun­desländern zurückbleiben und wir unser partnerschaftliches Miteinander in der Metropolregion fortführen.

Was gerade guttut, ist die große Hilfsbereitschaft, die überall in der Stadt zu spüren ist, von „Danke“-Plakaten auf Balkonen über Briefe von Kindern an Seniorenresidenzen bis zu Gastro-Unternehmen, die Obdachlose mit Essen versorgen. Wann hätten Sie zuletzt gerne einen oder mehrere Hamburger in den Arm genommen, um selbst einmal danke zu sagen, durften es aber natürlich nicht?

Ich erlebe an vielen Stellen großen Einsatz und Hilfsbereitschaft. Neulich war ich in einem Hamburger Gesundheitsamt, um zu sehen, wie dort in der Corona­-Krise gearbeitet wird. Da wa­ren Beschäftigte, die eigentlich jetzt in Rente gegangen wären, das aber ver­schoben haben, um ihre Erfahrung und Arbeitskraft noch einzubringen. Viele Mitarbeiter haben sich aus anderen Dienststellen in das Gesundheitsamt versetzen lassen, weil dort jetzt viel zu tun ist.

Zugleich haben sich Medizin­studenten gemeldet, die mit ihren fort­geschrittenen medizinischen Kenntnis­sen gut unterstützen können. Das sind alles Leute, die nicht nur sagen, man müsste helfen, sondern die dann auch wirklich dabei sind. Das zeigt den großen Zusammenhalt in der Stadt.

Führt dieser Effekt dazu, dass die Stadt nach der Krise stärker sein wird als vorher?

Ich denke schon. Krisen sind auch immer eine Chance, man kann aus ihnen lernen. Wir werden uns in bestimmten Punkten auf jeden Fall besser vorbereiten auf Epidemien und Notfälle dieser Art. Wenn sich Menschen in einer Krise gegenseitig helfen, stärkt das den Zusammenhalt. Bürgerliches Engagement und Solidarität gab es in Hamburg schon immer, sie werden aber durch die Krise noch einmal gestärkt. Jetzt geht es erst mal darum, die Krise zu überstehen. Danach werden wir zu­ rückschauen auf das, was gut lief und was wir noch verbessern müssen.

 

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„Es gibt mehr zu tun und mehr zu entscheiden als sonst“: Tschentscher im Rathaus (Foto: Senatskanzlei Hamburg)

 

Und wie könnte man in Zukunft stärker mit einer Krise wie dieser umgehen?

Wir hatten Pandemie­- und Notfallpläne, aber die wurden ohne praktische Erfahrung gemacht. Man konnte nicht alles vorhersehen, was uns jetzt Pro­bleme macht, denn eine so umfassende Krise gab es bisher noch nicht. Selbst die Sturmflut 1962 ist nicht vergleichbar. Das war ein räumlich und zeitlich sehr begrenztes Ereignis. Im Vergleich dazu haben wir heute mehrere Krisen gleich­zeitig: in der Wirtschaft, in der Kultur, im Bildungssystem.

Das gesamte öffentliche und private Leben ist betroffen. Dazu kommt, dass es sich um eine in­ternationale Krise handelt. Der Bedarf an Medizinprodukten und Schutzklei­dung ist weltweit sprunghaft angestiegen und die gewohnten Lieferketten sind unterbrochen. Das ist derzeit eines unserer größten praktischen Probleme. In Zukunft müssen wir dafür sorgen, dass wir kritische Produkte auf Vorrat haben und eine Produktion im eigenen Land möglich ist.

Was fehlt denn akut am meisten?

Derzeit sind es vor allem medizini­sche Schutzmasken, die in den Kran­kenhäusern und Pflegeeinrichtungen gebraucht werden. Wir versuchen auf verschiedenen Wegen, größere Bestände zu beschaffen, bei Herstellern in Deutschland sowie international. Auch der Bund hat zugesagt, die Länder dabei zu unterstützen.

Wenn es denn soweit ist, dass diese Krise als überstanden gilt: Worauf freuen Sie sich für diese Zeit am meisten?

Darauf, dass wir uns wieder frei be­wegen und begegnen können. Die Le­bensqualität in Hamburg besteht gerade in der Vielfalt der Begegnungen, in den Restaurants, Cafés und Clubs, in Thea­tern und Kinos, auf den vielen Veranstaltungen, die bei uns normalerweise jeden Tag stattfinden.


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True Stories: Fotografie der Wirklichkeit

In „True Stories“ untersucht die aktuelle Meisterklasse der Ostkreuzschule für Fotografie die Wirklichkeit

Text: Sabine Danek

 

Um ihre subjektive Wahr­nehmung der Vergangen­heit, dem Jetzt oder der Zu­kunft festzuhalten, zog es die 12 Meisterschüler der Klasse von Fotolegende Ute Mahler und Deichtorhallen­-Kurator Ingo Taubhorn an die unterschiedlichsten Orte. Und egal wie nah oder fern sie sind, ob sie auf dem Land liegen oder das eigene Ich sind, eine Zukunftsvision oder ein Blick zurück, nehmen sie einen mit auf herrlich unbekanntes Terrain.

Nele Gülck erkundete ein albanisches Dorf im Morava­ Gebirge und dessen „guten Berg“, dem mythische Kräfte zugeschrieben werden, von Katholiken ebenso wie von orthodoxen Christen, von Muslimen, Bektashi Sufis und auch alten Sozialisten, die sonst wahrscheinlich nicht an allzu viel glauben. Gehen die Bewohner mal auf die Reise, vergessen sie nie, eine Handvoll Erde des Berges einzustecken. Nina Hansch näherte sich in „800 Meter tief “ dem Leben in Groß Vahlberg an, das nur zwei Kilometer von dem Atommülllager Asse II entfernt liegt. Ralf Bittner hielt in „Zwischenland“ die kaum wahrnehmbaren, kleinen Veränderung in einem 65.000 ­Ein­wohner ­Städtchen fest. Heide Krautwald hingegen erforschte ihre sozialen Rollen als Frau, Geliebte, Mutter und Natalya Reznik machte sich in die Zukunft auf. In „Die Alte Welt“ des Jahres 2050, in der DJs, Stewardessen oder Models stolz angegraute ältere Damen sind.

Ab dem 3. April wollten die Meisterschüler ihre „True Stories“ im Frappant zeigen. Updates auf der Website www.tru­estories­oks.de, genauso wie auf Instagram (truestories_oks), wo die Fotoserien gut dokumentiert sind.

truestories-oks.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Digitalisierung: Schöne, neue Gastro-Welt

Tablets und Roboter übernehmen den Service und eine neue App soll leere Gasträume füllen – kurzlebige Spielereien oder echter Fortschritt?

Text: Lilli Gavrić

 

Alexa macht das Licht aus, Fitnesstracker zählen jede zu sich genommene Kalorie und Staubsaugerroboter sorgen für sauberes Parkett. Die Welt wird immer digitaler – auch die gastronomische. Das beginnt schon bei der Rechnungsbegleichung. Während Dänemark bis 2030 erstes bargeldloses Land werden will und selbst am Hotdog-Stand schon niemand mehr nach Öre kramt, hängen in Deutschland oft noch Cash-only-Schilder an der Kaffeetheke.

Aber warum klammern die Deutschen sich so an ihre Münzen? Transaktionskosten sind oft ein Argument, warum die Karte erst ab Zehn-Euro-Beträgen gezückt werden darf. Aber was kostet Gastronomen eine Transaktion bei Kartenzahlung? Dank neuer Systeme wie Sum-Up weniger als je zuvor. Waren früher noch Grundgebühren plus Prozente vom Umsatz fällig, bleibt inzwischen nur noch eine Transaktionsgebühr. Die liegt bei Sum-Up aktuell bei 1,9 Prozent pro Kartenzahlung. Das ermöglicht auch kleineren Betrieben die Umstellung.

 

Ohne Karte kein Kaffee

 

Die Card-only-Politik ist in Hamburger Gastronomien noch selten. Vorreiter ist die Kaffeerösterei „Public Coffee Roasters“. Ohne Karte kein Kaffee – was einige Kunden als praktisch und zeitgemäß bewerten, empfinden andere als Bevormundung. Public Coffee Roasters-Betreiber Argin Keshishian erleichtert vor allem die sich daraus ergebene enorme Zeitersparnis seinen Arbeitsalltag: Von der Bestellung bis zur Abrechnung über den Kassensturz am Ende des Tages wird alles per App erledigt und direkt in der Cloud gespeichert.

Neben Kartenzahlung kann man mit der Public Familycard oder Apple Pay zahlen. Aktuell tüftelt er an einer App, bei der man bereits auf dem Weg zum Café seinen Flat White bestellen und bezahlen kann. Ein weiterer Vorteil ist die Transparenz. „Kein Bargeld, keine Schwarzarbeit. Ein Thema, das der Gastroszene durchaus nachhängt“, so Argin.

Noch wird am Tresen bestellt. Bei „Burgerlich“ am Speersort sieht das schon anders aus, denn die Order läuft elektronisch. In die massiven Nussbaumtische sind ausfahrbare Tablets eingebaut. Für Zutaten und Garstufe entscheidet der Gast sich auf dem Screen. Brotsorte, Touch. Trüffelmayo, Jalapenos, Bestellbutton. Wie bei der Pizza-Bestellung auf dem heimischen Sofa. Kann man dann nicht gleich zu Hause bleiben? Ist Effizienz wichtiger, als der persönliche Draht zum Gast?

 

Der Gastro-R2D2

 

Das Sushi-Bar Kofookoo geht noch einen Schritt weiter und schickte Anfang des Jahres den ersten digitalen Kellner ins Rennen. Ein Roboter mit Fliege? Die Realität sieht unromantischer aus: Die smarte Servicekraft ähnelt eher einem ferngesteuerten Servierwagen. Bestellt wird per Tablet, Standort und Route zum jeweiligen Tisch kennt Gastro-R2D2 von allein. Zudem kann der Gast bis zu fünf Gerichte auf einmal und im 15-Minutentakt nach dem All- You-Can-Eat-Prinzip bestellen, die der Roboter alle zeitgleich serviert.

Revolutionäre Hilfe oder bloß digitales Spielzeug für Erwachsene? Ein teures in jedem Fall, stolze 8.000 Euro kostet der Roboter. Braucht es das? Die „Zeit“ beschreibt es so: „Ein Restaurant sollte genau wie ein Markt sozialer Raum sein und nicht bloß Plattform für den Transfer von Waren.“ Aber auch: „Einen Food-Nerd muss das nicht kümmern. Der bekommt hier, was ihm wichtig ist: ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis. Und ein innovatives Konzept. Wo sonst in Hamburg kann man schon essen wie in der Science-Fiction?“

 

Eine App gegen leere Tische

 

Sinniger erscheinen Tools, die versuchen Lösungsansätze für typische gastronomische Probleme, wie etwa die schwache Auslastung außerhalb der Kernzeiten zu liefern. Die Plattform „Delinski“ ist seit diesem Jahr in Hamburg aktiv und arbeitet außerdem an den Standorten Wien, Graz, Linz und München erfolgreich mit über 600 Partner-Restaurants zusammen. In Hamburg sind aktuelle Hotspots wie das Zeik in Winterhude oder Shiso Burger in der Altstadt gelistet.

Das Prinzip: Delinski nutzt Rabatte, um die Gasträume auch an einem Mittwoch um 18.30 Uhr zu füllen. Die Handhabung ist denkbar einfach. Der User meldet sich an, bucht Restplätze im Laden seiner Wahl und erhält 30 Prozent Rabatt auf die Gesamtrechnung. Welche positiven Effekte Gastronomen aus der Zusammenarbeit ziehen, fasst Zeik-Inhaber Maurizio Oster für sich zusammen: „Ich finde Delinski klasse! Der Gast hat die Möglichkeit neue Restaurants kennenzulernen und spart auch noch dabei. Wir als Gastronomen können unsere schwächeren Tage besser steuern – also eine Win-win-Situation.“

Zudem halten sich die Kosten gering, gezahlt wird nur pro Gastvermittlung. Dass zudem Schnelligkeit zur Lunchzeit essenziell ist, hat die App „Lunch-Now“ erkannt. Mit ihr lassen sich geschmackliche Vorlieben und Standort auswählen, tagesaktuelle Angebote checken und diese direkt mit Freunden teilen, um sich zur Mittagspause zu verabreden.

 

Delinski

Delinski: Restplätze finden und Rabatte per App sichern (Foto: Delinski)

 

Die andere Seite gewinnt ebenso. Partner-Restaurants wie das Brüdigams in Eppendorf unterstützt die App beim Social-Media-Auftritt, der noch immer gern stiefmütterlich behandelt wird und gleichzeitig so wichtig ist. Auf Wunsch übernimmt das Start-up das Einpflegen aktueller Tagesgerichte, platziert das Restaurant je nach Beitragshöhe im Ranking und steigert so den Bekanntheitsgrad des Mittagstischs.

Diesen Benefit bemerkt auch das edlere Au Quai am Hafen. Hier wird zusätzlich eine Brücke zu den Gästen geschlagen, die befürchten, Sneaker passten nicht ins schicke Ambiente. Im Hinblick darauf, dass viele Restaurants das Mittagsgeschäft aufgrund von geringem Zulauf aufgeben müssen, also ein guter Support.

Solange im Restaurant selbst sozialer Austausch stattfindet oder die neuen Tools sogar eine Hinwendung zum Gast erlauben, weil sie an anderer Stelle entlasten, spricht nichts gegen digitalen Fortschritt. Ein Robo-Kellner schenkt dem Gast aber letztlich kein ehrliches Lächeln oder reagiert mit Charme und Witz auf kleine Fauxpas.

Die Branche ist im Umbruch und muss probieren, ausloten und vielleicht auch wieder verwerfen. Denn ob Spielerei oder sinnvolle Unterstützung: Aufzuhalten sind die Entwicklungen ohnehin nicht.


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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HafenCity: Neues Quartier in Planung

In der HafenCity entsteht ein neuer integrierter Stadtteil – mit eigenem Innovationsmanager. Was sich verändern wird, erzählt Joscha Domdey im Interview

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Herr Domdey, das neue Quartier trägt den Namen „Westfield Hamburg-Überseequartier“ – benannt nach Unibail-Rodamco-Westfield, einem Betreiber von Shopping-Zentren in aller Welt. Warum?

Joscha Domdey: Eine wichtige Info zum Anfang: Wir werden hier kein Shoppingcenter bauen. Es wird ein sogenanntes „Mixed-­Use­-Quartier“ mit verschiedenen Nutzungen. 650 Wohnungen, 4.000 Büroarbeitsplätze, drei Hotels, Kultur­ und Freizeitangebote, über 40 Restaurants, 200 Geschäfte und ein Kreuzfahrtterminal.

Die Marke Westfield ist in Europa und international ein Qualitätsversprechen. Wir verbinden die Marke immer mit dem lokalen Kontext. Denn wir sind natürlich Teil Hamburgs. So ist „Westfield Hamburg­-Übersee­quartier“ eine gute Symbiose aus international und lokal, und das ist auch die Idee.

Was sind Ihre Aufgaben als Innovationsmanager?

Kooperationsmöglichkeiten finden, Recherche und Trend­-Scouting, kreative Workshops organisieren, Kolleginnen und Kollegen inspirieren, innovative Ideen in umsetzungsfähige Piloten wandeln – kurz: Ich kümmere mich um den Aufbau eines Netzwerks rund um neue Ideen, Start-Ups, Thinktanks und Unternehmen. Unser Ziel: ein modernes, lebhaftes Quartier.

Wo liegen die Schwerpunkte der Innovation? Technisch, wirtschaftlich oder sozial?

Der Community-­Gedanke ist bei uns ganz groß. Es soll ein sozialer Treffpunkt werden. Wir wollen den Leuten in der Nachbarschaft Gastronomiekonzepte anbieten, wo sie tagtäglich hingehen können – und auch ganz besondere Orte an der Wasserkante mit Blick auf die Elbe schaffen.

Ein weiterer Fokus: die Ausstattung der Gebäude. Wir möchten, dass sie nachhaltig gebaut und innovativ vernetzt sind: Intelligente Gebäudetechnik steuert Sanitär­, Heizungs-­ und Beleuchtungsanlagen, senkt Energiekosten und sorgt für ein gutes Wohngefühl. Smarte Logistik­ und Verkehrsleitsysteme entspannen die Verkehrssituation.

Wir möchten die verschiedenen Services auf einer App bündeln, die informiert und alles einfach zu bedienen ist. Die Plattform kann dann von Besuchern genutzt werden.

 

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Büros, Hotels, Restaurants, Geschäfte, Wohnungen und Kultur- und Freizeitangebote sollen entstehen / Foto: Moka Studio

 

Was gibt es für konkrete Pläne?

Ein großes Thema ist die Mobilität. Da denken wir in alle Richtungen und wählen am Ende die besten Konzepte aus. Wir haben eine Partnerschaft mit den e­-floatern aus der Nachbarschaft. Ein super­ spannendes Konzept: e­-floater haben drei Räder und können – anders als E-­Scooter – nicht umfallen.

Das ist gut für das Stadtbild, denn die Roller liegen nicht mehr auf den Gehsteigen. Die Vision der e-floater: Dreiräder können irgendwann autonom fahren. Wenn sie falsch geparkt sind, kann man sie auf Knopfdruck richtig parken. Sie können ohne Stecker induktiv geladen werden, indem man nur noch auf eine Plattform fährt, die lädt.

Ein anderer Partner ist Wunder Mobility. Die ent­wickeln Carpooling­-Lösungen, damit Mitarbeiter nicht alleine mit dem Auto kommen, sondern gemeinsam, also gepoolt. Oder Smart Parking Systeme: Sobald es der Datenschutz erlaubt, könnten wir Nummernschilder scannen. Der Kunde fährt dann mit einer Monatsmitgliedschaft einfach ins Parkhaus, ohne einen Papier-­Parkschein lösen zu müssen.

Haben Sie Kriterien, nach denen Sie Ihre Partner aussuchen?

Ich habe keine Checkliste. Aber wir arbeiten gerne mit jungen Start-ups und Projekten zusammen. Wir stehen mit dem Fraunhofer­-Institut in Kontakt. Dort wird an immer­siven Welten geforscht. Eine virtuelle Welt, in der es Gerüche oder Gefühle wie Wärme und Kälte gibt. Ein außergewöhnliches Erlebnis.

Wir arbeiten mit Studententeams zusammen wie von der Uni Köln: Die Studenten haben sich auf verschiedene Mobilitätsschwerpunkte fokussiert – zum einen aus der Quartiersperspektive: Wer könnten die richtigen Partner für das Quartier sein, zum Beispiel im Bereich Radverkehr? Welche Mobilitätsplattformen sind für die Kunden geeignet? Heute und in Zukunft?

Zum anderen wurde die Kundenperspektive analysiert: Bestimmte Besuchertypen wurden auf ihrem Weg zum Quartier simuliert und es wurde geschaut, welche Mobilitätsformen einfach und nachhaltig sind.

 

„Ein Ort für alle Hamburger“

 

Die HafenCity ist umringt von Stadtteilen mit hoher Diversität: Gibt es Überlegungen, wie hier ein Ort für Alt und Jung, Arm und Reich entstehen kann?

Wir möchten das Quartier für jeden erlebbar machen. Wir möchten niemanden speziell ansprechen und niemanden ausschließen. Es wird ein Ort für alle Hamburger, für Leute aus der HafenCity, für Berufstätige, für Besucher und für Jung und Alt.

Wir haben verschiedene Angebote für Familien mit Kinderspielecken. Wir machen Angebote für den Büroarbeiter, damit er sich auf dem Nachhauseweg etwas mitnehmen kann.

Unter anderem ist hier Hamburgs größtes Shoppingcenter geplant. Die Anwohnerinitative „Initiative Lebenswerte HafenCity“ kritisiert das Projekt als UFO, das den Elbblick versperrt, massiven Verkehr verursacht und zu Kommerz statt Lebenskultur führt.

Es handelt sich, wie gesagt, um kein klassisches Shopping­center. Es ist ein urbanes Quartier – ein Stück Ham­burg. Wir haben in verschie­denen Gesprächen die Sorgen aufgenommen. Da ist viel Aufklärarbeit dabei. Wir arbeiten mit dem HVV zu­sammen. Die U4­-Bahnstation Überseequartier ist direkt bei uns im Quartier. Wir sind im Gespräch mit der Hoch­bahn. Wir schauen uns neue Mobilitätskonzepte an. Neben den schon beschriebenen geht es uns um E­-Mobilität und autonome Autos.

 

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Der Blick von oben auf die Zukunft / Foto: Moka Studio

 

Gibt es neben e-floatern und Wunder Mobility weitere Projekte mit der Nachbarschaft?

Wir arbeiten eng mit dem Virtual Reality Headquarter aus der Speicherstadt zusammen. Durch die Kooperation mit der Hamburg Kreativgesellschaft unterstützen wir kreative Berufe. Man sieht heute schon drei Jahre vor Eröffnung, dass wir kein Ufo sind, sondern mit den Leuten vor Ort zusammenarbeiten.

Wir sind im Gespräch mit der Ausstellung „Märchen­ welten“, mit dem Sportsdome und anderen Konzepten. Wir überlegen mit dem Touris­musverband, wie man Kreuzfahrtgäste dazu bringt, einen Tag länger zu bleiben, um das Miniaturwunderland zu genießen, in die Speicherstadt zu gehen oder zu uns zu kommen. Wir versuchen, eine Symbiose zu schaffen.

Ueberseequartier.de


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Ottenser Gestalten: Autofrei für ein besseres Leben

Die Stadt ist voll – vor allem mit Autos. Wer sich bessere Luft und mehr Freiraum wünscht, muss umdenken. Die Bürgerinitiative „Ottenser Gestalten“ sucht Alternativen

Interview: Natalia Möbius und Sophia Herzog
Foto: Ottenser Gestalten

 

Unter dem Namen „Ottensen macht Platz“ hat das Bezirksamt für sechs Monate aus einigen Straßen im Viertel die Autos verbannt. Ist das die richtige Strategie? So sieht Uta Lohmann von der Initiative „Ottenser Gestalten“ die Aktion.

SZENE HAMBURG: Frau Lohmann, Ihre Initiative möchte Ottensen ebenfalls so autofrei wie möglich machen. Ist die aktuel­le Testphase die Erfüllung Ihrer Vision für den Stadtteil?

Uta Lohmann: Tatsächlich haben wir ein anderes Konzept erarbeitet und auf unserer Website sowie im Verkehrsausschuss des Bezirks vorgestellt. Wir wollen in erster Linie Ottensen vom Durchgangsverkehr befreien. Davon setzt „Ottensen macht Platz“ nichts um. Dennoch sind wir froh, dass überhaupt ein Schritt getan wird, den Verkehr in Teilen Ottensens neu zu regeln.

Viele Gewerbetreibende haben trotz des möglichen Lieferverkehrs zwischen 23 Uhr und 11 Uhr Angst um ihre Existenz – zu Recht?

Diese Ängste sind vor jeder Einführung neuer Verkehrskonzepte in aller Welt vorhanden und wie die Erfahrungen zeigen, sind sie unbegründet. London, Paris, Groningen – überall sind verkehrsberuhigte Zonen ein Gewinn für Geschäftsleute. Trotzdem müssen die Ängste ernst genommen werden. Hier muss die Verwaltung Lösungen finden.

Ist das Konzept „Autofrei“ viel­leicht zu radikal gedacht?

Richtig „autofrei“ wird es ja nicht. Wir reden hier von der testweisen Einführung einer Fußgängerzone, mehr nicht. Es ist ein mutiger Beschluss, zu radikal ist er aber nicht. Leider wurde er im Eiltempo gefasst, die Bedürfnisse der Betroffenen wurden nicht richtig bedacht. Wir hatten im Vorfeld eine Bürgerbeteiligung gefordert. Jetzt muss nachgearbeitet werden.

 

„Platz, Ruhe und ein Beitrag zum Klimaschutz“

 

Warum sollten Anwohner par­ken dürfen, aber andere Hamburger nicht? Viele Ottenser fahren ja auch mit dem Auto in andere Stadtteile …

In den meisten Stadtteilen ist kein Platz mehr für die vielen Autos: Der Park-Suchverkehr nervt überall. Wir müssen also umdenken. Ein sofortiges, generelles Parkverbot ist für viele ein zu großer Einschnitt. Erst einmal muss es für die Hamburger attraktiver werden, sich alternativ mit Bahn, Bus und Fahrrad zwischen den Stadtteilen zu bewegen. Wenn alle Stadtteile ermutigt werden und nachziehen, lässt sich so der Autoverkehr innerhalb Hamburgs reduzieren.

Wie realistisch ist es, dass sich ein autofreies Konzept in Zukunft durchsetzt?

Ich wette, dass viele nach der sechsmonatigen Testphase gar nicht mehr zurück möchten: endlich Platz, Ruhe, gute Luft und ein Beitrag zum Klimaschutz. Wer will das wieder eintauschen?

Ottensergestalten.de


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Kulturisten-Hoch2: Generationen auf Augenhöhe

Wenn junge und alte Menschen gemeinsam etwas erleben, ist das für beide Seiten bereichernd. Das Projekt Kulturisten-Hoch2 macht dies möglich. Wie prägend ein Abend sein kann, erzählt die Initiatorin Christine Worch

Interview: Karin Jirsak

 

SZENE HAMBURG: Frau Worch, KulturistenHoch2 bringt Senioren und Schüler als Tandem für Kulturveranstaltungen zusammen. Wie läuft das ab?

Christine Worch: Seit 2016 bilden wir Kooperationen mit Schulen in Stadtteilen, in denen signifikant viele ältere Menschen mit niedrigem Einkommen leben. Einmal im Jahr stellen wir das Projekt in den Schulen vor, und die Schüler der jeweiligen Oberstufen können sich bei Interesse anmelden.

Wenn wir mindestens 15 Anmeldungen haben, kann das Projekt starten. Erst dann suchen wir die älteren Menschen in einem Stadtteil über verschiedene Kommunikationskanäle. Da stützen wir uns zum Beispiel auf Kooperations- und Netzwerkpartner, wie den ASB oder auch kirchliche Seniorentreffs.

Mittlerweile gibt es auch schon viel Mundpropaganda. Dank unseres Kooperationspartners Kulturleben Hamburg, der Tickets für Kulturveranstaltungen an Menschen mit geringem Einkommen vermittelt, können wir den älteren Menschen Karten für vielseitige Veranstaltungen anbieten, für die sie im Vorfeld Interesse bekundet haben. Wenn sie sich für eine Veranstaltung entschieden haben, suchen wir nach einer passenden Begleitung in der näheren Umgebung.

Funktioniert das Prinzip?

Bis jetzt haben sich rund 600 Tandems gefunden. Also ja.

Welche Veranstaltungen besuchen die Tandems?

Je nach Interesse der teilnehmenden Senioren kann das mal ein klassisches Konzert sein, eine Ausstellung, ein Theaterstück. Oder auch mal etwas Ungewöhnlicheres. Gleich im ersten Jahr sind zwei Tandems zum Wacken Open Air gefahren. Ein 69-jähriger Teilnehmer sagte hinterher, er sei völlig begeistert davon gewesen, dass da 80.000 „wild aussehende Menschen“ so friedlich zusammen feiern.

Wieso haben Sie sich für ein Generationen-Projekt entschieden?

Ich war früher im Marketing und Vertrieb tätig, aber vor fast genau acht Jahren hatte ich den großen Wunsch, mein Know-how auf diesem Gebiet in etwas Soziales einzubringen. Ich habe dann eine Fundraising-Ausbildung gemacht, bin als Beraterin in verschiedenen Demenzprojekten tätig gewesen und habe unter anderem auch für Kulturleben Hamburg gearbeitet.

Dabei habe ich bemerkt, dass es immer wieder ältere Menschen gab, die das Angebot, eine Kulturveranstaltung zu besuchen, zwar gerne in Anspruch genommen hätten, aber darüber klagten, dass ihnen eine Begleitung fehle. Jemand, der gegebenenfalls auch helfen kann, wenn die ältere Person nicht mehr so mobil ist.

 

Wenn Alt und Jung Freunde werden

 

Unternehmen die Tandems nach dem ersten Treffen öfter etwas zusammen?

Wenn da Menschen aufeinandertreffen, die sich mögen, versuchen wir, sie künftig gemeinsam zu vermitteln. Gelingt das nicht, weil zum Beispiel die Schülerin oder der Schüler an dem fraglichen Abend keine Zeit hat, so hat der ältere Mensch die Chance einen anderen jungen Menschen kennenzulernen.

Es kommt durchaus vor, dass dauerhafte Freundschaften entstehen und die Teilnehmenden auch über das Projekt hinaus weiter Kontakt haben.

Welche Rückmeldungen kommen bei Ihnen an?

Beide Seiten freuen sich darüber, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die einer ganz anderen Generation angehören als sie selbst und dass sie so in vielerlei Hinsicht ihren Horizont erweitern können. Gerade Jugendliche, deren Großeltern nicht in ihrem direkten Umfeld leben, finden es interessant, die Geschichten älterer Menschen zu hören.

Viele sagen auch, dass sie durch das Projekt auch Kultur kennenlernen konnten, auf die sie alleine wahrscheinlich nicht gekommen wären.

Warum sind gerade Kulturveranstaltungen eine gute Möglichkeit, Generationen zu verbinden?

Auf beiden Seiten gibt es oft Vorurteile, und eines unserer wichtigsten Ziele ist es, diese abzubauen. Dazu ist es wichtig, dass sich die Jüngeren und die Älteren auf Augenhöhe begegnen, die Kultur kann da ein sehr guter Mittler sein.

Wir hatten zum Beispiel mal eine 17-jährige Teilnehmerin, die mit ihrer 78-jährigen Partnerin das erste Mal in die Oper gegangen ist, was natürlich sehr aufregend für sie war. Die ältere Dame war dagegen eine vormals versierte Operngängerin. Beide haben bei einer tragischen Szene zusammen geweint, und das Mädchen sagte hinterher, sie habe die Geschichte, die da auf der Bühne gezeigt wurde, durch das anschließende Gespräch mit ihrer Begleiterin erst richtig verstanden.

Kulturisten-Hochzwei-Alter-Test-Anzug

So ausgerüstet fühlen Jugendliche nach, wie es ist, zu altern

Die Jugendlichen werden für die Teilnahme an dem Projekt vorher geschult. Was wird dabei vermittelt?

Zum Beispiel, wie sie Menschen mit Rollstühlen und Rollatoren unterstützen können. Auch ein Alterssimulationstraining gehört zur Ausbildung. Seheinschränkungen werden zum Beispiel mit verschiedenen Brillen simuliert, ein Schallschutz lässt die Jugendlichen Schwerhörigkeit nachempfinden. Eine Halskrause, Gewichte für die Hand- und Fußgelenke und Ellbogen, jeweils zwei Kilo schwer, und spezielle Handschuhe zeigen die Einschränkungen von Gelenkversteifungen. Dazu kommt noch eine 25 Kilo schwere Weste, die den Kraftverlust des Gesamtorganismus fühlbar macht.

Nach spätestens fünf Minuten Bewegung in dieser Montur wird den Jugendlichen klar, dass das Altern wirklich kein Spaß ist und sie entwickeln großen Respekt davor, was ältere Menschen jeden Tag leisten müssen. Wir gehen dann auch noch einmal in diesem Aufzug mit den Teilnehmenden einkaufen. Dabei begreifen die Jugendlichen dann auch, warum es manchmal so lange dauert, wenn vor ihnen an der Kasse ein älterer Mensch steht.

Was bewirkt das bei den Jugendlichen?

Es gibt Jugendliche, die nach dem Projekt den Wunsch äußern, in der Altenpflege tätig zu werden. Sie bekommen nach Ablauf des Projektjahres ein Zertifikat für ihren ehrenamtlichen Einsatz. Daraus können sich also auch Zukunftsperspektiven entwickeln.

Kulturisten-hoch2.de


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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