(22.1.) Film, „Downsizing”, Savoy, 14:15 Uhr

Die Menschheit schrumpfen gegen den Klimakollaps – klingt nach Aberwitz? Ja! Aber da der neue Öko-Hype aus Norwegen auch andere Vorteile hat, zum Beispiel, dass man sich als Däumling für ein paar schlappe Dollars eine Mega-Villa leisten kann, lassen sich Paul (in komödiantischer Topform: Matt Damon) und Gattin Audrey (Kristen Wiig) auf das Experiment ein. Schade: Was als gewitzte Satire beginnt, krankt ab der zweiten Hälfte daran, dass Regisseur Alexander Payne („About Schmidt“, „The Descendants“) die spannende und verrückte Grundidee zunehmend aus den Augen verliert.

/ KJ

Savoy Filmtheater
22.1.18, 14:15 Uhr

(22.1.) Theater, „Schöne neue Welt”, Altonaer Theater, 19:30 Uhr

In seinem Science-Fiction-Klassiker „Schöne neue Welt“ zeichnete Aldous Huxley 1932 ein Bild von der Welt, in der die Menschen willenlose Mitläufer sind, die nichts hinterfragen und nur für den unmittelbaren Genuss leben. Das ist ein Thema, das aktueller denn je ist, findet Regisseur Jean-Claude Berutti, der das Stück für das Altonaer Theater inszeniert. Am 22. Januar feiert „Schöne neue Welt“ Premiere und ist dann bis zum 25. Februar zu sehen. Die Geschichte erzählt, von Max, der sich weigert, die Droge „Soma“ zu nehmen, die in der Gesellschaft allgegenwertig ist.

/MES

Foto: G2 Baraniak

Altonaer Theater
22.1.18, 19:30 Uhr

BierSZENE – Ein Bier für ein besseres Hamburg

Gute Sache: Das erste Charity Beer von And Social Drinkers geht kommende Woche an den Hahn. Das limitierte Craft Beer schmeckt nicht nur grandios, sondern macht Hamburg ein kleines bisschen besser.

Ein leichter Körper, der von feiner Säure umspielt wird. Dieses komplexe Aroma, das an Kirschen, Strauchblüten und Basilikum erinnert. Eine dezente Schärfe, die den Geschmack gekonnt abrundet. Die Rote Hanse ist ein bemerkenswertes Red Sour IPA – nicht nur, weil es La Bamba auf eurer Zunge tanzt, sondern auch, weil es euch die Möglichkeit gibt, beim Biertrinken etwas Gutes für Hamburg zu tun. Klingt toll? Ist es auch! Denn die Rote Hanse wurde speziell für den guten Zweck gebraut.

Es ist ein Charity Beer: das Red Sour Beer die Rote Hanse. Foto: Jennifer Meyer

Die Idee dazu kommt von And Social Drinkers. Ein bunter Haufen von Biernerds, die die Leidenschaft für Craft Beer teilen – und ja, auch ich gehöre seit der ersten Stunde im Frühling 2017 dazu. Gemeinsam unseren Bierdurst zu stillen und zu Fachsimpeln war uns aber bereits nach kurzer Zeit zu langweilig. Ein Projekt musste her, etwas, dass Hamburg zeigt, dass man mit Craft Beer viel Schönes und Gutes erreichen kann. Dafür arbeiten wir ab sofort regelmäßig mit kleinen Kreativbrauereien zusammen, brauen mit ihnen ein einzigartiges Bier und verkaufen dieses für gemeinnützige Zwecke in Hamburg. Unser erstes Charity Beer haben wir mit Jens Block und Jens Hinrichs von Bunthaus aus Wilhelmsburg kreiert: die Rote Hanse.

Das Bier ist stark limitiert. Gerade einmal 110 Liter gibt es von dem besonderen Hopfentropfen. Wer ein Glas davon abbekommen möchte, sollte beim Fassanstich am Donnerstag, den 18. Januar 2018 dabei sein. Ab 18 Uhr fließt es dann an den Hähnen des Alten Mädchen, des Bunthaus Schankraums, des Galopper des Jahres und des Landgang Schankraums – natürlich nur so lange der Vorrat reicht. Der Erlös geht an das Hamburger Kinderhospiz Sternenbrücke.

Wir sehen uns an der Biertheke.

In diesem Sinne: Prost!

Euer Daniel

Fotos: Jennifer Meyer


Daniel Elich

Foto: Altes Mädchen

Daniel Elich (33) ist Biersommelier im Alten Mädchen. Seit 10 Jahren in Norddeutschland, seit 3 Jahren in den Schanzenhöfen, seit 2 Jahren Biersommelier: Das Leben von Daniel Elich dreht sich um Bier – jeden Tag. Ab sofort trinken wir mit ihm die besten Biere, besuchen mit ihm befreundete Brauer und erkunden mit ihm die Bierszene. Alle 14 Tage neu. Alle 14 Tage anders. Wein kann ja jeder.

Ps: Auf Instagram trägt Daniel den Namen @bieronkelHH_ und postet beharrlich rund ums Thema Bier. Macht Spaß!

 

Sport: Parkour – Die Kunst der Fortbewegung

„Hier geht es nicht um coole Posen“ – Sebastian Ploog erzählt, was diese neue Sportart so besonders macht.

Ich stehe mit einem Freund auf einer abfallenden Straße circa 100 Meter oberhalb der Altonaer Norderelbe. Zwei Meter weiter ein breites Dach, dazwischen der Abgrund. Es ist Juli, die Sonne bescheint unseren in geruhsamen Bahnen verlaufenden freien Tag. Plötzlich nimmt ein durchtrainierter Athlet Anlauf, springt zielsicher einige Meter neben uns ab, landet locker auf dem Dach gegenüber und läuft gutgelaunt weiter. Wir starren ihm nach. Fassungslos, schockiert. „Der ist ja wohl bescheuert“, entfährt es mir augenblicklich.

Drei Monate später

Drei Monate später erzähle ich die Story Sebastian Ploog. Der 31-Jährige ist Vorsitzender des Vereins „Die Halle Hamburg – Parkour Creation“. Ansässig im Kreativquartier im Oberhafen der Hafen-City. Im Juli wurde Eröffnung gefeiert. Also in dem Monat meines Dachspringer-Erlebnisses. Ploog lacht. „Witzig, dass du gerade so was zum ersten Mal gesehen hast. Natürlich sieht so etwas spektakulär aus und ruft dann auch besorgte Eltern auf den Plan. Aber so etwas machen wirklich wenige von uns.“ Mit „uns“ meint Ploog Menschen wie ihn. Parkour-Läufer.

Parkour ist eine Trendsportart, die gerade in Hamburg boomt. Auch dank Ploog und seinen Mitstreitern. Eine 800 Quadratmeter große Halle haben sie hier in vierjähriger Präzisionsarbeit in zwei Räume mit diversen Hindernissen verwandelt. Auf Matten rollen, über Böcke springen, Holzwände hochklettern, sich aus einigen Metern Höhe in luftige Schaumstoffkissen fallen lassen – so gut wie alles ist möglich. Während unseres Gesprächs schlägt ein kleiner Knirps unter Aufsicht von Trainern ein paar Saltos. Es sieht kinderleicht aus. Nun bin ich offen dafür, Neues zu erfahren. Worum geht es beim Parkour genau?

Es ist eine Kunst der Fortbewegung

„Es ist eine Kunst der Fortbewegung“, sagt Ploog. Ursprünglich komme die Sportart aus Frankreich. Ein Fremdenlegionär übertrug seine Fluchttechniken in den Stadtraum Paris. Per Internet verbreiteten sich Videos der sich ungewöhnlich fortbewegenden Menschen, die über Zäune springen oder mit Überschlägen Hindernisse überwinden, Anfang dieses Jahrtausends. Da setzte der Boom ein. „Parkour ist einfach die freie Art der Fortbewegung durch den urbanen Raum. Es geht darum, sich selber individuell in Bewegung mit seiner Umwelt auszudrücken. Ein Parkour- Läufer lebt die Freude an der Bewegung aus, aber ohne Gegner. Es ist kein Wettkampf “, sagt Ploog. Er selbst kam durch die berühmten „Matrix“-Filme dazu. „Ich fand die Filme super und dann hörte ich, es gibt Menschen, die können das ohne Seile und Computereffekte. Da fing ich an, mich für den Sport zu interessieren.“ Der ständige Nervenkitzel durch das dauernde Springen von Dach zu Dach werde aber nicht gesucht. „Wer so etwas tut, hat vorher jahrelang dafür trainiert. Kontrolle wird in der Szene sehr hoch angesehen. Statistisch gibt es auch wenige Verletzungen. Es gibt eben keine externen Einwirkungen wie beim Fußball, wo einem einer die Beine wegzieht oder man einen Ball ins Gesicht bekommt.“ Die Bandbreite der Sportler ist daher sehr hoch. Vom coolen Breakdancer bis zur Couch-Potato, die ihrem Leben einen neuen Drive geben will, ist alles dabei. Und seinen Körper in Schwung bringen kann letztlich jeder. Es müssen ja keine Tore erzielt oder Gegner gedeckt werden, jeder kann nach seinem Tempo lernen.

Gefördert wurde das Projekt

Gefördert wurde das Projekt durch aus einem Crowdfunding erlöste 28.000 Euro, diverse Mittel der Stadt Hamburg und durch den Hamburger Sportbund (HSB). „Die Stadt, die Poliktiker aller Parteien, der HSB – alle zeigten sich sehr aufgeschlossen und da haben wir wirklich zu danken“, erklärt Ploog. So ist der Verein „Parkour Creation“ beispielsweise Stützpunktverein im HSB-Programm „Integration durch Sport“ (IdS). Das IdS finanzierte zu einem großen Teil die beweglichen Sportgeräte und Ausrüstungsgegenstände für das Training sowie ein mobiles Parkour-Klettergerüst, um Integrationsprojekte auf diversen öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen vorzustellen. Sogar einen Integrationslotsen gibt es, der mit Geflüchteten Projekte aufbaut und weitentwickelt. Das vielfältige Angebot schlug nach der Eröffnung sofort ein. Schon in den ersten drei Monaten nach dem Start strömten Tausende Leute in die Halle. Es gibt mittlerweile sechs Kurse für Kinder, sechs für Teenies, fünf für Erwachsene, und diverse Integrationskurse für Flüchtlinge. Damit sich niemand überfordert, wurden qualifizierte Trainer eingestellt.

So wie Mido

So wie Mido. Der junge 21-jährige Syrier steht geradezu sinnbildlich für die philosophische Dimension des Parkour- Sports. Auf Hindernisse trifft schließlich jeder immerzu und überall. Diese spielerisch und kreativ zu lösen, einen gesunden Umgang mit der eigenen Angst und den eigenen Grenzen ohne Leistungsdruck zu erlernen, kann zur befreienden Lebensaufgabe werden. Selbst unter den widrigsten Bedingungen. „Mit Parkour habe ich schon in Damaskus angefangen. Zusammen mit einigen anderen Hip-Hoppern. Parkour ist mein Leben“, erzählt der junge Flüchtling. Er lacht viel. Schon seit jeher faszinierte ihn die Beweglichkeit des menschlichen Körpers. Über die Türkei und den Libanon kam er 2015 nach Brandenburg, durch einen SPIEGEL- Artikel namens „Parkour“, in dem sich Autor Alexander Osang begeistert von seinen „Überschlägen und gehockten Saltos“ zeigte, entstand der Kontakt nach Hamburg. Hier hat Mido nun sein Glück gefunden. Trotz allem, was ihm widerfuhr, strahlt er. „Das Wichtigste beim Parkour ist das Miteinander. Nicht irgendwie einfach etwas machen, sondern miteinander sprechen, vor allem mit dem Trainer. Sich gut warm machen, Stück für Stück und mit System dazulernen“, sagt er. Passend zum Gemeinschaftssinn, ergänzt Ploog, sei daher der Leistpruch des Parkour: „Sei stark, um anderen nützlich zu sein.“ Ploog: „Wir gehen hier alle sehr ruhig und bedacht miteinander um. Ums coole Posen geht es uns nicht.

Als er das sagt, muss ich wieder an mein Erlebnis in Altona denken. Plötzlich ist mir mein damaliges Verhalten etwas peinlich. Wie sehr der erste Eindruck doch täuschen kann.

www.diehalle.hamburg

Text: Mirko Schneider

Beitragsbild: Olaf Janko


Dieser Artikel erschien erstmals in SPORT – Das Magazin der SZENE HAMBURG und des Hamburger Sportbunds 4/2017

Jodel – Eine App erobert den Campus

Die Uni Hamburg ist Jodel-Hochburg. Gemeint ist aber nicht der Gesang aus den Alpen, sondern eine App, die viele Studenten in ihren Bann zieht.

Anonym, offen und ungehemmt kann man auf Jodel Sprüche klopfen oder sich mitdem #jhj – Jodler helfen Jodlern – Rat holen. Vieles dreht sich hierbei um Karma. Wird dein Post mit Upvotes belohnt, gibt’s gutes Karma. Kaufen kann man sich dafür nichts, aber es fühlt sich gut an.

Jodler lieben ihre Stadt. Quelle: Jodel

Seit 2014 werden schon auf Jodel Sprüche geklopft, die jeder in einem Umkreis von 10 Kilometern lesen kann. Im letzten Jahr legte die App noch mal tüchtig an Beliebtheit zu. Gepostet werden Bilder oder knappe Texte. Über eine Million Nutzer schreiben bis zu 600.000 Kurznachrichten pro Tag. Inhaltlich erinnert das Ganze stark an eine digitale Uni-Klowand, Stand-up-Comedy oder Selbsthilfegruppe. Die Standortbegrenzung führt zu einer sehr starken Bindung zu der Stadt, in der man jodelt. Für alle, die Jodel Hamburg noch nicht verfolgen, sind hier die wichtigsten Grundlagen, die man wissen sollte.

Die schönste Stadt der Welt

Hamburger Jodler sind sich in einer Sache einig: Hamburg ist die schönste Stadt der Welt. Und niemand kann uns etwas anderes erzählen. Egal ob hier geboren oder nur zu Besuch, wir lieben diese Stadt. An keinem anderen Ort bleibt man lieber im Bett liegen. Hier gibt es das beste Schietwetter, die schönste Hafenskyline und das beste Gebäck: Franzbrötchen. Ein Franz geht immer. Ob an einem stressigen Tag oder bei einem gemütlichen Sonntagsfrühstück: Franz muss mit. Und das halten wir in jede Menge (Foto-)Jodel fest, wenn wir von dieser Heimatliebe gepackt werden.

Das HVV Racing Team

Wenn du von A nach B möchtest: Unser HVV hat das beste Racing Team. Manni, so heißen die Busfahrer bei Jodel, fährt immer auf Bestzeit– am liebsten ein paar Minuten zu früh genau vor deiner Nase weg, den Blick auf die Rundenbestzeit gerichtet. Die Hochbahn macht auch mit – das Rennen der U1 und U3 an der Kellinghusenstraße ist ein Klassiker. Und mach dir keine Sorgen: Niemand findet den richtigen Ausgang am Jungfernstieg. In diesem Labyrinth aus Gängen und Treppen kommt man gern am falschen Ende der Stadt raus.

Typische Jodler. Quelle: Jodel

Jodel-Typologie

Die Erstis werden gern auf die Schippe genommen. Mit der perfekten Lunchbox und einer riesigen Kollektion Stifte stehen sie den Langzeitstudenten mit einem geliehenen Kuli gegenüber, die ihre Notizen auf einer Serviette machen. Und natürlich gibt es unter Studenten auch die ein oder andere Stichelei. Informatiker? Alles Jungfrauen. Jura-Studenten? Alle reich. Grundschullehramt? Malen in Klausuren nur Mandalas aus. Wer übermalt, ist durchgefallen. Aber eines haben alle Studenten gemeinsam: In der Klausurenphase sind alle lieber auf Jodel und jammern, wie schwer das Lernen fällt,wenn man durch Jodel abgelenkt wird. Schlussendlich sind Jodler auch nur ganz normale Studenten. Dank Jodel fühlt man sich weniger schlecht, wenn man sich am Ende des Monats das Geld für die letzten Nudeln mit zurückgegebenen Pfandflaschen zusammenkratzt. Eine Jodel-Weisheit: Am Ende des Geldes ist noch viel zu viel Monat über.

Möwen in der Jodel-eigenen Schreibweise. Quelle: Jodel

Katerstimmung

Trotzdem gehen wir am Wochenende feiern. Woran man das merkt? Die einzige Zeit, an der Jodel einmal schweigt, ist sonntagmorgens. Da ist eher Katerstimmung angesagt. Zeit für Bettgeschichten im Zeichen des #dlrh – einfachmal den Lörres reinhämmern. Ist ja schließlich alles anonym, da fallen die Hemmungen schnell. Oder Zeit, Bilder von seinen Haustieren zu posten. Und alle Tiere werden zu Katzen, in der Jodel-eigenen Schreibweise: Gadse, Bellgadse, Fluggadse, Nussgadse, Hoppelgadse (Katze, Hund, Vogel, Einhörnchen, Hase) – die Möglichkeiten sind endlos. Und damit bleibt nur noch zu sagen: Glückwunsch, du bist gerade zum Jodler geworden.

 

 

 

 

Text: Melina Morg

Quelle: Jodel

 


Uni Extra 2017Ein Beitrag aus der SZENE Hamburg Uni Extra Frühjahr/Sommer 2017. Das Magazin für Hamburgs Studenten liegt kostenfrei auf dem Campus aus und ist zusätzlich als Heft im Heft in der April-Ausgabe unseres Stadtmagazins SZENE Hamburg erschienen.

 

Ein Konzerthaus für alle. Auch für Willi?

Grenzen der Inklusion: Willi (10) ist schwer musikbegeistert – und schwer geistig behindert. Bei einer Probe des NDR Elbphilharmonie Orchesters hat der Junge im vollbesetzten Großen Saal des neuen Konzerthauses getanzt. Doch ist dieses Verhalten für das Publikum zumutbar?

Als Willi nach Hause kommt, wird’s trubelig. Und laut. Um kurz nach 15 Uhr stürmt der Junge, zurück von der Schule, ins Esszimmer. Sein Blick fixiert das iPad auf dem Tisch. Vier Laufschritte und eine Bildschirmberührung später ertönt daraus Musik: Peter Tschaikowsky, „Der Nussknacker“. Willi stößt ein euphorisches „Aaah!“ aus. Er greift das Tablet und rennt damit auf Toilette. Während die Klospülung läuft, spielt Willis Musikanlage Beethovens Coriolan-Ouvertüre – mit Video des Bayerischen Staatsorchesters. Willi flitzt zurück an den Esstisch. Während seine Mutter ihm warme Laugenstangen aus dem Ofen holt, klickt sich der Zehnjährige durch sein Musikrepertoire. Teilweise so schnell, als wolle er all seine Lieblingsstücke auf einmal hören. Dann steht Essen und Trinken auf dem Tisch. Das iPad weicht ein Stück nach links. In seiner rechten Hand hält Willi wahlweise eine Laugenstange oder einen Becher Milch. Die linke wippt nun lässig im Takt von „Buena Vista Social Club“, Track 2. Auch sein Kopf nickt gemütlich im Rhythmus. Die Musik hat den Jungen mit Down-Syndrom voll unter Kontrolle. Das ist die Sprache, die er liebt.

Nur über Symbole auf der Sprach-App kann Birte Müller mit ihrem Sohn kommunizieren

„Wird die Elbphilharmonie wirklich für alle Menschen da sein, selbst für so einen wie meinen Sohn, für den ich keine Verhaltensgarantie abgeben kann?“, fragte Willis Mutter, Birte Müller, im Februar dieses Jahres – kurz nach Einweihung von Hamburgs neuem Wahrzeichen – in ihrer Kolumne bei Spiegel Online. Müller hat hier nicht nur den Wunsch geäußert, dass auch ihr Sohn einmal den besonderen Klang im Großen Saal erleben darf. Sie offenbart vielmehr an einem Beispiel, wo Inklusion an Grenzen stößt: Haben Menschen mit Behinderung, die sich nicht mehrheitskonform verhalten können, dennoch das Recht, an Kulturveranstaltungen teilzunehmen? Oder ist die Mehrheit dazu berechtigt, solche Menschen auszuschließen, weil ansonsten ihr eigenes Erleben behindert wird? Ein Spannungsfeld.

Sechsmal hat die Familie sich bereits in dieses Spannungsfeld begeben und ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Der erste Versuch vor fünf Jahren, ein Auftritt des Münchener Bläserensembles Blechschaden in der Laeiszhalle, scheiterte nach einer Viertelstunde: Im Oberrang bekam Willi Panik, die Familie musste das Konzert verlassen. Ein Jahr später der zweite Anlauf. Wieder Laeiszhalle, „Peter und der Wolf“. Für Willi bis heute ein Evergreen. Die Familie sitzt nun im Parkett. Das Problem diesmal: Es ist ein Kinderkonzert. Die Lieder werden gekürzt, Gesprächsdialoge eingefügt. Willi nervt es zutiefst: „In den Textpassagen ist er ausgeflippt, hat auf den Nachbarn vor sich gehauen in der Hoffnung, dass dadurch jemand wieder für Musik sorgt“, erzählt Birte Müller.

In Konzerten für Erwachsene kommt die Musik zwar voll zur Geltung – dafür empfinden hier viele schon ein hörbares Räuspern als Störung. Wenn ein Paukenschlag dramatische Spannung erzeugt, kann Willi diese aber nicht einfach aufnehmen. Er muss seinem Sitznachbarn auf die Schulter klopfen, auf die Trommel zeigen, und „Oooaaahh!“ jauchzen. Wenn er dafür nur ein „Pssst“ erntet, bringt ihn das auf die Palme. Er wird noch lauter. „In solchen Situationen läuft mir der Schweiß. Mir tun alle leid; die Musiker, Willi und die anderen Zuschauer“, sagt Birte Müller.

Sie selbst hat dann nur zwei Optionen: Die Spannung aushalten – oder mit ihrer Familie die Flucht antreten. Warum besucht die Familie nach all diesen – für alle Beteiligten – unschönen Erfahrungen weiterhin Konzerte? Weil es auch Erlebnisse gegeben hat, in denen Birte Müller keine Schweißperlen, sondern Tränen der Rührung über das Gesicht gelaufen sind. Wenn Willis Verhaltensauffälligkeit nicht stört, sondern seine auffällige Musikbegeisterung andere Menschen berührt. Wie im März in der Christuskirche Eidelstedt: Beim jährlichen „Brückenkonzert“ sind ausdrücklich auch Menschen mit geistiger Behinderung willkommen. Die klassische Musik soll eine verbindende Brücke schlagen. Zwischen Schwerstmehrfachbehinderten und Schwerstmehrfachnormalen rümpfte an Willis zehntem Geburtstag niemand die Nase, als dieser während Bachs Klavierkonzert Nr. 1 plötzlich aufstand, um sich zur Musik zu bewegen. Der musikalische Leiter der Kirche zeigte sich davon sichtlich bewegt: „Ich habe es noch nie erlebt, dass jemand zu Bach getanzt hat“, sagte er in seiner Rede nach dem Konzert unter Tränen.

Als Birte Müller im Februar in ihrer Online-Kolumne fragte, ob ihr Sohn auch im „Konzerthaus für alle“ willkommen sei, rechnete sie nicht damit: Vier Monate später durfte Willi mit Mama und Opa an einer Probe des NDR Elbphilharmonie Orchesters teilnehmen. Eine Mitarbeiterin hatte sie eingeladen. Willi hörte erst gebannt zu, dann stand er auf und tanzte. Er war dermaßen begeistert, dass er am Ende aus dem Saal getragen werden musste. „Mit Willi in die Probe zu kommen, hat mir viel bedeutet“, schrieb Birte Müller hinterher in einem Dankesbrief. „Wir können einfach nicht in ,normale‘ Konzerte gehen. Und das schmerzt sehr, wenn man ein Kind hat, das nur wenige Wörter mit Gebärden sagen kann, und das einen sonntagmorgens mit den Zeichen für Pauke, Geige, Trompete und Kontrabass begrüßt, und ich ihm aber eben nur ganz selten diesen Wunsch erfüllen kann.“ Doch Birte Müller hat Mut gefasst. Sie weiß, dass Konzerte, „in denen explizit alle willkommen sind“, Erfolg haben können. „Ich finde es gut, wenn Leute ganz ruhig und tief in die Musik einsteigen wollen, wirklich. Ich möchte nur, dass es auch Tage gibt, an denen es anders laufen könnte.“

An die Elbphilharmonie richtet sie einen konkreten Vorschlag: „Ein vierteljährliches ,All inclusive‘-Konzert, zu dem jeder eingeladen ist. Je nach Nachfrage wird Menschen mit geistiger Behinderung auf einen Anteil der Karten ein Vorkaufsrecht eingeräumt.“ Das Ziel: „Ein inklusives Publikum, in dem jeder seine Begeisterung unterschiedlich zum Ausdruck bringt. Im besten Fall beschert es allen ein bereicherndes Erlebnis, weil die Erwartungshaltung eine andere ist.“

Tom R. Schulz, Pressesprecher der Elbphilharmonie, hält diesen Vorschlag „grundsätzlich für eine super Idee“. Auch für Nichtbehinderte könne das Erleben einer von außen betrachtet ungesteuerten emotionalen Musikbegeisterung sehr bewegend sein. Aber: Willi sei für die Elbphilharmonie erst einmal ein ganz besonderer Fall von Musikliebe. „Bislang hat sich noch niemand sonst in einer vergleichbaren Lebenssituation an uns gewandt, der oder die Musik live erleben möchte, sich dabei aber nicht so verhalten kann, wie wir das von Konzertbesuchern sonst erwarten.“ Seine Empfehlung: Die Betroffenen sollten gemeinschaftlich einen Wunsch formulieren und an die drei großen Hamburger Orchester herantragen. Wenn die Musiker sich darauf einlassen, glaubt Schulz, „dass in so einer Veranstaltung, wenn sie gut vorbereitet ist, ein großes Potenzial stecken kann.“

Willis Welt

Willi ist mit dem Down-Syndrom (Trisomie 21) zur Welt gekommen. Durch eine Stimmbandlähmung und eine therapieresistente Epilepsie (West-Syndrom) kurz nach der Geburt haben Mutter und Sohn Willis erstes Lebensjahr größtenteils im Krankenhaus verbracht. Heute ist der Zehnjährige schwer geistig behindert und kann nicht sprechen. Mit seiner Familie kommuniziert er vor allem über Gebärden, einen Sprachcomputer – und über Musik. Mehr über „Willis Welt“ unter www.illuland.de

Birte Müller

… hat nach einem Auslandsaufenthalt in Australien an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) Buchillustration studiert. Das Studium hat die heute 44-Jährige mit weiteren Reisen verbunden: Ein Semester lang studierte sie Freie Malerei in Mexiko, ihre Diplomarbeit verfasste sie in einem Dorf in Bolivien. Die Mutter von zwei Kindern schreibt regelmäßig über ihren ganz normalen Familienwahnsinn. Dass dieser auch Bücher füllen kann, zeigt ihr jüngstes Werk „Wo ein Willi ist, ist auch ein Weg“. Außerdem bietet Müller Lesungen an Grundschulen an, unter anderem zum Thema „Behinderung“.

Texte: David Hock / Fotos: Jakob Börner

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Mehr Geschichten rund um das Thema Inklusion gibt es in unserem Special „Vielfalt leben“, das zusammen mit der Dezember-Ausgabe der SZENE HAMBURG erschienen ist. Hier geht’s zur ersten Ausgabe aus Juni 2017.