FoodSZENE: Veggie-Wunder aus dem Food-Labor

Jasmin unterwegs #8: Mehr Fleisch, mehr Soja, mehr bio. Wir brauchen gute Alternativen, um langfristig alle satt und glücklich zu machen. Wie zukunftsfähig ist Fleischersatz?

Es gießt in Strömen, als ich an einem Mittwochnachmittag in die Banksstraße einbiege. Zu meiner Linken das Großmarkt-Areal, rechts der Oberhafen. Ich laufe an Farmers Cut, Frischepost, Leev sowie an zig Obst- und Gemüselieferwagen vorbei, bis ich nach gefühlten Stunden das Deutsche Zusatzstoffmuseum erreiche. „Den Umweg hätten Sie sich sparen können“, begrüßt mich der Leiter des Museums in sachlichem Ton. Stimmt, der S-Bahnhof Hammerbrook liegt näher. Aber die Strecke entlang des Oberhafens ist zur Einstimmung sehr zu empfehlen. Da ich heute die einzige Besucherin bin, lässt sich Christian Niemeyer spontan auf eine ausgiebige Fragestunde ein. In meinem Beutel habe ich Fleischersatz-Produkte dabei, darunter ein brandneues auf der Basis von Erbsenprotein. Ich möchte wissen, ob sie eine echte Alternative zu tierischem Eiweiß bieten. Als sogenannte Flexitarierin greife ich darauf hin und wieder zurück. Die Klassiker Hülsenfrüchte, Saaten und Nüsse sind zwar weniger fancy, aber immerhin altbewährt. Sie gehören neben Fleisch auf den Ernährungsplan eines jeden Leistungssportlers.

Pflanzliche Ernährungsstile liegen im Trend.

Pflanzliche Ernährungsstile liegen im Trend. Aus gutem Grund: Die Weltbevölkerung wächst und wächst, während die Produktivität vieler Agrarflächen abnimmt. Monokulturen und Überweidung belasten die Umwelt. Aber womit die Fleischgewöhnten sättigen? Bei Rügenwalder Mühle heißt die Antwort Soja, Eier und Rapsöl. Auf das vegetarische Schnitzel schwören viele, der Unterschied sei kaum zu schmecken. Bei der Firma Quorn kommt als Eiweißquelle das Pilzgeflecht Myzel zum Einsatz, die niederländische Marke Valess nutzt Milcheiweiß. An zweiter Stelle liest man dann schon die Aromastoffe. Außerdem: Trockeneiweiß für die Bindung, Gerstenmalzextrakt für die Farbe, texturiertes Weizeneiweiß für die Struktur, Methylcellulose als Füllstoff. Puh, ganz schön viel drin. „Das zeigt einfach, dass es sich um Spezialprodukte handelt, die ganz bestimmte Anforderungen erfüllen müssen“, erklärt Niemeyer, während er die Produkte in der Hand dreht. „Die Veggie-Schnitzel müssen ja in der Pfanne ihre Form behalten, um sie anbraten zu können. Dahinter stecken komplizierte Herstellungsprozesse.“ Der studierte Biologe räumt allerdings ein, dass einige Zusatzstoffe kritisch gesehen werden müssen. Methylcellulose beispielweise fördere bestimmte Bakterien im Darm, die Entzündungsprozesse auslösen können. Und preislich? Zwei vegetarische Schnitzel kosten durchschnittlich 2,99 Euro. Im Vergleich zur erzielten Gewinnspanne der Unternehmen sei das aber nicht günstig, meint Niemeyer. Die verwendeten Inhaltsstoffe kosteten kaum etwas. „Nur deshalb ist Fleischersatz für die Industrie so interessant geworden“, stellt er trocken fest.

Das Food-Start-up Amidori setzt auf die Erbse

Dann ist da aber noch die Sache mit den Sojabohnen. Zeitweise herrschte der Irrglaube, gentechnisch veränderte Sojabohnen von südamerikanischen Monsterplantagen würden im Tofu verwendet. Stimmt aber nicht. Die landen im Tierfutter (ob es das besser macht?). Unsere Tofu-Sojabohne hingegen wird in Europa angebaut. Friedrich Büse, Gründer des Food-Start-ups Amidori, will aber trotzdem nichts von der asiatischen Wunderbohne wissen. Für seine Produkte setzt er auf eine heimische Hülsenfrucht: die Erbse. Laut eigener Aussage wird sie ressourcenschonend und ohne chemische Zusatzstoffe zu Fleischähnlichem – Crunchlets, Sticks oder Pulled – verarbeitet. „Der Einsatz von Erbsenprotein ist keine Neuheit“, weiß Niemeyer. Das erste Fertiggericht, die Erbswurst, wurde schon 1866 erfunden. Als Trekkingfutter findet sie noch heute Verwendung.

Wer wissen möchte, was man mit den Produkten von Amidori alles anstellen kann, schaut am 25. März 2018 beim Pottkieker Festival in der Rindermarkthalle vorbei. Auf jeden Fall aber empfehle ich einen Besuch im Zusatzstoffmuseum. Hier kann man sich spielerisch darüber informieren, was Etiketten verschweigen. Zu meiner Recherche gehörte übrigens noch eine weitere Proteinquelle: Insekten. Sie sollen das Nahrungsmittel der Zukunft sein. Meine Kollegin Alessa Pieroth hatte ich schon so weit, sie mit mir bei Salt & Silver zu testen. Da waren sie aber gerade aus. Das holen wir nach!

Deutsches Zusatzstoffmuseum, Banksstraße 28 (Hammerbrook), Telefon 32 02 77 57

 


Who the fuck is…

Foto: Philipp Jung

Unsere Kollegin Jasmin Shamsi schlemmt sich für uns durch Hamburg. Als Foodredakteurin schlägt ihr Herz für Kultur und Kulinarik – die zwei großen Ks, für die sie brennt. “Sie hängen eng miteinander zusammen und befinden sich im ständigen Austausch”, sagt sie. Für uns spürt sie die Geschichten über Macher und Marken auf und serviert sie brühwarm und immer neu gewürzt – online und in jeder Ausgabe der SZENE HAMBURG.

jasmin.shamsi@vkfmi.de


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

 

 

 

Zero Waste – Noch mehr Stückgut

Knapp ein Jahr nach der Eröffnung hauen sie die gute Nachricht raus: Stückgut eröffnet eine zweite Filiale. Schon bald lässt sich auch in der Rindermarkthalle unverpackt einkaufen.

Die Welt versinkt im Müll. Allein die Deutschen produzieren laut Bundesumweltamt jährlich 45 Millionen Tonnen, das sind rund 559 Kilo pro Einwohner. Um hier ein grünes Zeichen zu setzen, hat im Januar 2017 mit Stückgut Hamburgs erster Unverpackt-Laden in Ottensen seine Türen geöffnet. Per Crowdfunding hatten Christiane Bors, Insa Dehne, Sonja Schelbach und Dominik Lorenzen zuvor rund 43.000 Euro gesammelt, um ihren Traum von einem nachhaltigen Supermarkt zu verwirklichen. Hier gibt es (fast) alles – außer: Verpackungen. Und das kommt an. „Unsere Erwartungen wurden weit übertroffen“, freut sich Geschäftsführerin Insa Dehne. „Offenbar sehnen sich die Menschen danach, ihren Plastikverbrauch einschränken zu können.“

Jetzt planen die Macher ihre zweite Filiale. Im Frühjahr soll sie in der Rindermarkthalle eröffnen. Die Bauarbeiten haben bereits begonnen. Auf rund 100 Quadratmetern soll es auch dort Lebensmittel sowie Kosmetik und Haushaltsprodukte geben – alle verpackungsfrei und möglichst aus der Region. Denn schließlich geht es um Nachhaltigkeit und dafür braucht man keine weiten Wege. Wer einkaufen möchte, bringt sich seine Verpackungsbehälter mit – oder erwirbt einfach welche im Laden. Abfüllen, wiegen, fertig.

Der bestehende Laden in Ottensen bleibt von den neuen Plänen unbeeinträchtigt. Aktuell sucht das Stückgut-Team bereits nach Verstärkung für die neue Filiale. Es gibt viel zu tun: „Wir müssen die Ladeninneneinrichtung fertigstellen, Behälter und Ware bestellen und und und“, sagt Insa Dehne. „Aber diesmal wissen wir ja schon viel besser, wie es geht und was wir brauchen; das macht es etwas leichter.“ Auf Startnext hat das Stückgut- Team bereits ein neues Crowdfunding gestartet.

Text: Ilona Lütje

Unterstützt Stückgut auf Startnext unter www.startnext.com/stueckgut2

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Social Innovation Challenge: Social Start-ups für ein nachhaltiges Hamburg

Hamburg im Jahr 2030: Welche Social Media und App gestützten Innovationen könnten die Stadt bereichern?

Genau dieser Frage möchte die „Social Innovation Challenge“ auf der Social Media Week Hamburg (SMWHH) nachgehen. Das Startup-Camp sucht innovative Ideen, die helfen, gesellschaftliche Herausforderungen in Hamburg zu meistern. Es fragt: Wie wollen wir in Zukunft leben? Wie wird Hamburg 2030 bewohnbar, attraktiv und lebenswert für alle sein?

Diese Challenge wird von Innovative City, einem Think Tank für Herausforderungen eines sozialen Wandels und Accelerator für Start-ups durchgeführt. Innovative City hilft Social Start-ups bei einer Platzierung im Markt und vermittelt zwischen Gründern und Unternehmen.

Beispiel: Frischepost

Das moderne Think Tank ruft die Hamburger dazu auf, soziale Innovationen zu entwickeln. Die Geschäftsideen sollten einen wirtschaftlichen Ansatz haben, aber auch gesellschaftlichen Mehrwert bieten. Ein Beispiel dafür ist Frischepost. Das ist ein Online-Hofladen, der regionale und nachhaltig erzeugte Lebensmittel ausliefert. Da nicht jeder diese Lieferung tagsüber Zuhause empfangen kann, ist Frischepost 2017 eine Kooperation mit Budnikowsky eingegangen. Die Kunden können nun ihre Lieferung auch in Budni-Filialen abholen. Somit ist eine Zusammenarbeit zwischen stationärem Handel und Online-Shop entstanden. Budni Geschäftsführer Christoph Wöhlke sagt dazu: „Wir von Budni arbeiten gerne mit Start-ups zusammen. Im besten Fall wie bei der Kooperation mit Frischepost können beide Seiten voneinander lernen. Start-ups sind agiler und können schneller auf Entwicklungen am Markt reagieren, größere Unternehmen wie wir können mit jahrzehntelanger Erfahrung dazu beisteuern, das Start-up erfolgreich in den Markt einzuführen.“ Andere Beispiele aus Hamburg sind die Getränkemarken Viva con Agua, Lemonaid oder die Modemarke Bridge & Tunnel.

Was passiert bei der Challenge?

In 48 Stunden (28. Februar bis 2. März) können interdisziplinäre Teams ihre Idee weiterentwickeln und Geschäftsmodelle erstellen. Am ersten Veranstaltungstag lernen die Teilnehmer bei einem Podiumsgespräch von 16-17 Uhr „Soziale Innovationen aus Hamburg“ kennen. Am Abend werden dann die ersten Pitches vorgestellt und die Jury von Innovation City trifft eine erste Vorauswahl. Danach können sich die Teams zum ersten Brainstorming zusammenfinden. Der erste März steht als Erarbeitungsphase zur Verfügung, ebenso wie der letzte Veranstaltungstag bis zum Mittag. Am Nachmittag werden dann die Startup-Ideen vorgestellt und um 17 Uhr verkündet die Jury, wer von Innovative City aufgenommen und gefördert wird. Die Jury setzt sich zusammen aus Gründern, Experten und Partnern von Innovative City: Dannie Quilitzsch (Innovative City), Joko Weykopf (Innovative City / Help Here e.V. / Polycore Werbeagentur), Benjamin Adrion (Viva con Agua de Sankt Pauli), Christoph Wöhlke (Budnikowsky), Jakob Berndt (Co-Founder Tomorrow), Dr. Christian Salzmann (Startup Dock / TU Hamburg), Michaela Schirrmann (DuMont Media GmbH), Jannes Vahl (Polycore Werbeagentur / clubkinder e.V.) und Gottfried Eich (BSB Hamburg).

Text: Melina Seiler

Wie könnt Ihr mitmachen?

Na so:

E-Mail senden an saghallo@innovativecity.eu oder über das Online-Bewerbungsformular.

Einsendeschluss: 16. Februar 2018.

 

BierSZENE – Ein Bier für ein besseres Hamburg

Gute Sache: Das erste Charity Beer von And Social Drinkers geht kommende Woche an den Hahn. Das limitierte Craft Beer schmeckt nicht nur grandios, sondern macht Hamburg ein kleines bisschen besser.

Ein leichter Körper, der von feiner Säure umspielt wird. Dieses komplexe Aroma, das an Kirschen, Strauchblüten und Basilikum erinnert. Eine dezente Schärfe, die den Geschmack gekonnt abrundet. Die Rote Hanse ist ein bemerkenswertes Red Sour IPA – nicht nur, weil es La Bamba auf eurer Zunge tanzt, sondern auch, weil es euch die Möglichkeit gibt, beim Biertrinken etwas Gutes für Hamburg zu tun. Klingt toll? Ist es auch! Denn die Rote Hanse wurde speziell für den guten Zweck gebraut.

Es ist ein Charity Beer: das Red Sour Beer die Rote Hanse. Foto: Jennifer Meyer

Die Idee dazu kommt von And Social Drinkers. Ein bunter Haufen von Biernerds, die die Leidenschaft für Craft Beer teilen – und ja, auch ich gehöre seit der ersten Stunde im Frühling 2017 dazu. Gemeinsam unseren Bierdurst zu stillen und zu Fachsimpeln war uns aber bereits nach kurzer Zeit zu langweilig. Ein Projekt musste her, etwas, dass Hamburg zeigt, dass man mit Craft Beer viel Schönes und Gutes erreichen kann. Dafür arbeiten wir ab sofort regelmäßig mit kleinen Kreativbrauereien zusammen, brauen mit ihnen ein einzigartiges Bier und verkaufen dieses für gemeinnützige Zwecke in Hamburg. Unser erstes Charity Beer haben wir mit Jens Block und Jens Hinrichs von Bunthaus aus Wilhelmsburg kreiert: die Rote Hanse.

Das Bier ist stark limitiert. Gerade einmal 110 Liter gibt es von dem besonderen Hopfentropfen. Wer ein Glas davon abbekommen möchte, sollte beim Fassanstich am Donnerstag, den 18. Januar 2018 dabei sein. Ab 18 Uhr fließt es dann an den Hähnen des Alten Mädchen, des Bunthaus Schankraums, des Galopper des Jahres und des Landgang Schankraums – natürlich nur so lange der Vorrat reicht. Der Erlös geht an das Hamburger Kinderhospiz Sternenbrücke.

Wir sehen uns an der Biertheke.

In diesem Sinne: Prost!

Euer Daniel

Fotos: Jennifer Meyer


Daniel Elich

Foto: Altes Mädchen

Daniel Elich (33) ist Biersommelier im Alten Mädchen. Seit 10 Jahren in Norddeutschland, seit 3 Jahren in den Schanzenhöfen, seit 2 Jahren Biersommelier: Das Leben von Daniel Elich dreht sich um Bier – jeden Tag. Ab sofort trinken wir mit ihm die besten Biere, besuchen mit ihm befreundete Brauer und erkunden mit ihm die Bierszene. Alle 14 Tage neu. Alle 14 Tage anders. Wein kann ja jeder.

Ps: Auf Instagram trägt Daniel den Namen @bieronkelHH_ und postet beharrlich rund ums Thema Bier. Macht Spaß!

 

Sport: Parkour – Die Kunst der Fortbewegung

„Hier geht es nicht um coole Posen“ – Sebastian Ploog erzählt, was diese neue Sportart so besonders macht.

Ich stehe mit einem Freund auf einer abfallenden Straße circa 100 Meter oberhalb der Altonaer Norderelbe. Zwei Meter weiter ein breites Dach, dazwischen der Abgrund. Es ist Juli, die Sonne bescheint unseren in geruhsamen Bahnen verlaufenden freien Tag. Plötzlich nimmt ein durchtrainierter Athlet Anlauf, springt zielsicher einige Meter neben uns ab, landet locker auf dem Dach gegenüber und läuft gutgelaunt weiter. Wir starren ihm nach. Fassungslos, schockiert. „Der ist ja wohl bescheuert“, entfährt es mir augenblicklich.

Drei Monate später

Drei Monate später erzähle ich die Story Sebastian Ploog. Der 31-Jährige ist Vorsitzender des Vereins „Die Halle Hamburg – Parkour Creation“. Ansässig im Kreativquartier im Oberhafen der Hafen-City. Im Juli wurde Eröffnung gefeiert. Also in dem Monat meines Dachspringer-Erlebnisses. Ploog lacht. „Witzig, dass du gerade so was zum ersten Mal gesehen hast. Natürlich sieht so etwas spektakulär aus und ruft dann auch besorgte Eltern auf den Plan. Aber so etwas machen wirklich wenige von uns.“ Mit „uns“ meint Ploog Menschen wie ihn. Parkour-Läufer.

Parkour ist eine Trendsportart, die gerade in Hamburg boomt. Auch dank Ploog und seinen Mitstreitern. Eine 800 Quadratmeter große Halle haben sie hier in vierjähriger Präzisionsarbeit in zwei Räume mit diversen Hindernissen verwandelt. Auf Matten rollen, über Böcke springen, Holzwände hochklettern, sich aus einigen Metern Höhe in luftige Schaumstoffkissen fallen lassen – so gut wie alles ist möglich. Während unseres Gesprächs schlägt ein kleiner Knirps unter Aufsicht von Trainern ein paar Saltos. Es sieht kinderleicht aus. Nun bin ich offen dafür, Neues zu erfahren. Worum geht es beim Parkour genau?

Es ist eine Kunst der Fortbewegung

„Es ist eine Kunst der Fortbewegung“, sagt Ploog. Ursprünglich komme die Sportart aus Frankreich. Ein Fremdenlegionär übertrug seine Fluchttechniken in den Stadtraum Paris. Per Internet verbreiteten sich Videos der sich ungewöhnlich fortbewegenden Menschen, die über Zäune springen oder mit Überschlägen Hindernisse überwinden, Anfang dieses Jahrtausends. Da setzte der Boom ein. „Parkour ist einfach die freie Art der Fortbewegung durch den urbanen Raum. Es geht darum, sich selber individuell in Bewegung mit seiner Umwelt auszudrücken. Ein Parkour- Läufer lebt die Freude an der Bewegung aus, aber ohne Gegner. Es ist kein Wettkampf “, sagt Ploog. Er selbst kam durch die berühmten „Matrix“-Filme dazu. „Ich fand die Filme super und dann hörte ich, es gibt Menschen, die können das ohne Seile und Computereffekte. Da fing ich an, mich für den Sport zu interessieren.“ Der ständige Nervenkitzel durch das dauernde Springen von Dach zu Dach werde aber nicht gesucht. „Wer so etwas tut, hat vorher jahrelang dafür trainiert. Kontrolle wird in der Szene sehr hoch angesehen. Statistisch gibt es auch wenige Verletzungen. Es gibt eben keine externen Einwirkungen wie beim Fußball, wo einem einer die Beine wegzieht oder man einen Ball ins Gesicht bekommt.“ Die Bandbreite der Sportler ist daher sehr hoch. Vom coolen Breakdancer bis zur Couch-Potato, die ihrem Leben einen neuen Drive geben will, ist alles dabei. Und seinen Körper in Schwung bringen kann letztlich jeder. Es müssen ja keine Tore erzielt oder Gegner gedeckt werden, jeder kann nach seinem Tempo lernen.

Gefördert wurde das Projekt

Gefördert wurde das Projekt durch aus einem Crowdfunding erlöste 28.000 Euro, diverse Mittel der Stadt Hamburg und durch den Hamburger Sportbund (HSB). „Die Stadt, die Poliktiker aller Parteien, der HSB – alle zeigten sich sehr aufgeschlossen und da haben wir wirklich zu danken“, erklärt Ploog. So ist der Verein „Parkour Creation“ beispielsweise Stützpunktverein im HSB-Programm „Integration durch Sport“ (IdS). Das IdS finanzierte zu einem großen Teil die beweglichen Sportgeräte und Ausrüstungsgegenstände für das Training sowie ein mobiles Parkour-Klettergerüst, um Integrationsprojekte auf diversen öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen vorzustellen. Sogar einen Integrationslotsen gibt es, der mit Geflüchteten Projekte aufbaut und weitentwickelt. Das vielfältige Angebot schlug nach der Eröffnung sofort ein. Schon in den ersten drei Monaten nach dem Start strömten Tausende Leute in die Halle. Es gibt mittlerweile sechs Kurse für Kinder, sechs für Teenies, fünf für Erwachsene, und diverse Integrationskurse für Flüchtlinge. Damit sich niemand überfordert, wurden qualifizierte Trainer eingestellt.

So wie Mido

So wie Mido. Der junge 21-jährige Syrier steht geradezu sinnbildlich für die philosophische Dimension des Parkour- Sports. Auf Hindernisse trifft schließlich jeder immerzu und überall. Diese spielerisch und kreativ zu lösen, einen gesunden Umgang mit der eigenen Angst und den eigenen Grenzen ohne Leistungsdruck zu erlernen, kann zur befreienden Lebensaufgabe werden. Selbst unter den widrigsten Bedingungen. „Mit Parkour habe ich schon in Damaskus angefangen. Zusammen mit einigen anderen Hip-Hoppern. Parkour ist mein Leben“, erzählt der junge Flüchtling. Er lacht viel. Schon seit jeher faszinierte ihn die Beweglichkeit des menschlichen Körpers. Über die Türkei und den Libanon kam er 2015 nach Brandenburg, durch einen SPIEGEL- Artikel namens „Parkour“, in dem sich Autor Alexander Osang begeistert von seinen „Überschlägen und gehockten Saltos“ zeigte, entstand der Kontakt nach Hamburg. Hier hat Mido nun sein Glück gefunden. Trotz allem, was ihm widerfuhr, strahlt er. „Das Wichtigste beim Parkour ist das Miteinander. Nicht irgendwie einfach etwas machen, sondern miteinander sprechen, vor allem mit dem Trainer. Sich gut warm machen, Stück für Stück und mit System dazulernen“, sagt er. Passend zum Gemeinschaftssinn, ergänzt Ploog, sei daher der Leistpruch des Parkour: „Sei stark, um anderen nützlich zu sein.“ Ploog: „Wir gehen hier alle sehr ruhig und bedacht miteinander um. Ums coole Posen geht es uns nicht.

Als er das sagt, muss ich wieder an mein Erlebnis in Altona denken. Plötzlich ist mir mein damaliges Verhalten etwas peinlich. Wie sehr der erste Eindruck doch täuschen kann.

www.diehalle.hamburg

Text: Mirko Schneider

Beitragsbild: Olaf Janko


Dieser Artikel erschien erstmals in SPORT – Das Magazin der SZENE HAMBURG und des Hamburger Sportbunds 4/2017