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Top 5: Events über Ostern in Hamburg

Ostern 2021 findet im kleinsten Kreis und mit nächtlicher Ausgangssperre, aber tollen digitalen und Corona-konformen Events in Hamburg statt. Die schönsten Fünf gibt’s hier:

Text: Anna Meinke

 

Freitag, 02.04. | Party | DJ Love Force | OHA Music

Um die Fahne für die DJ- und Clubkultur hochzuhalten, sendet OHA! Music regelmäßig freitags wechselnde DJ Sets in die Wohnzimmer. Am 2. April gibt’s ein spannendes Line-Up mit Nappy G, DJ Suro, ARI (Assoto Sounds), Buzz T, DJ Direction & O-LEE 47. Club-Feeling garantiert! Übrigens: Mit Soli-Tickets kann man die beteiligten DJs unterstützen und ihnen durch diese schwere Zeit helfen.

OHA Music
2.4.2021, 20 Uhr

 

Samstag, 03.04. | Theater | Wolken.Heim. | Schauspielhaus

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Foto: Matthias Horn

Der 1993 von Elfride Jelinek verfasste Theatertext „Wolken.Heim.” ist ein bedrückend aktuelles Stück: Auf der Suche nach deutscher Identität entwickelt ein „Wir“ eine nationalsozialistische Rhetorik, die vor allem in der aggressiven Ausgrenzung Fremder mündet. Regisseur Jossi Wieler hat den Text in sechs Stimmen aufgeteilt und beeindruckt mit einer Inszenierung im genialen Bühnenbild. Im Schauspielhaus-Stream zu sehen.

Deutsches Schauspiehaus
3.4.2021, 20 Uhr

 

Sonntag, 04.04. | Theater | Megazorn 2: Psychological Warfare | Ernst Deutsch Theater

ernst-deutsch-theater-hamburg

Foto: Oliver Fantitsch

„Sexy Theater Menschen“ präsentieren mit „Megazorn 2: Psychological Warfare“ den zweiten Teil einer Trilogie über unsere Gegenwart: Um die neoliberalen Werte unserer Marktdemokratie zu verteidigen, reist Agent Wow um die Welt und findet heraus – siehe da – destruktive Phänomene wie Megazorn und Wutboy sind nicht auf dem Hindukush zu finden. Sie sind Phänomene der Aufklärung und es gibt sie überall. Seine Weltanschauung bekommt Risse. Wie also nun die Welt retten?

Ernst Deutsch Theater
4.4.2021, 19 Uhr

 

Sonntag, 04.04. | Tanz | Online-Bauchtanz | Über den Tellerrand

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Foto: Gianluca Carenza via Unsplash

Hips don’t lie! An alle Mädels: Die Initiative „Über den Tellerrand Hamburg“ lädt Mädchen und Frauen ein, an ihrem Online-Bauchtanz-Workshop teilzunehmen. Gemeinsam mit den Kursleiterinnen Raneem, Rama und Mandy werden verschiedene Körperbewegungen gelernt und ein traditionell arabischer Tanz geübt. Vorkenntnisse sind nicht notwendig, auch Anfängerinnen sind herzlich willkommen. Anmeldung unter anmeldung.hh@ueberdentellerrand.org.

Über den Tellerrand
4.4.2021, 14-16 Uhr

 

Montag, 05.04. | Open Art | WASSER – Rudi Sebastian | Überseeboulevard

Wasser_Ausstellung_Rudi Sebastian

Auf dem Überseeboulevard kann man noch bis zum 7. April die Fotografien des Naturfotografen Rudi Sebastian bestaunen, der auf seinen Reisen die interessante und mystische Welt des Wassers dokumentierte. Die Open Art-Ausstellung „WASSER” stellt unser Lebenselixier ins Zentrum der Aufmerksamkeit und zeigt rund 50 beeindruckende Aufnahmen von Seen und Meeren an kuriosen Orten.

überseequartier-nord.de


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Semesterstart Zuhause: Im Netz leben

Das Gute am heimischen Studieren alleine vor dem Laptop ist: man weiß seine Tagesdecke wieder zu schätzen

Text: Markus Gölzer

 

Was du als junger Mensch auch ohne akademische Weihen so richtig gut kannst? Alles falsch machen. Gehst du als Schüler für die Umwelt auf die Straße, schreien sie dich an, dass du dich um deine Hausaufgaben kümmern sollst. Hast du dich nach dem Abi entschieden, dein Studium schnellstmöglich durchzuziehen, um das System zügig von innen auszuhöhlen, erklären sie dich zum Konformisten ohne Lebensneugierde.

Das Klagen über die Jungen ist noch älter als die Klagenden selbst. Schon Sokrates wusste vor 2500 Jahren: „Die Kinder von heute sind Tyrannen. Sie widersprechen ihren Eltern, kleckern beim Essen und ärgern ihre Lehrer.“ Die gute Nachricht: Jetzt ist Schluss mit Rumgenöle. Ab sofort machst du nie wieder etwas falsch. Einfach, weil du gar nichts mehr machst. Ein kurzes Danke an Corona sollte genügen.

 

Hintergrund mit Südseemotiv

 

Wo du dich als Teenager über das Klischee vom Italiener amüsiert hast, der sich bis ins Rentenalter im Hotel Mama beglucken lässt, verbringst du heute die beste Zeit deines Lebens in deinem Kinderzimmer bei der Online-Vorlesung. Falls dich Mama nicht schon längst rausgeworfen hat, um es an einen Studenten zu vermieten. Statt im Auslandssemester auf der Südhalbkugel deinen Twerk-Flow zu optimieren, sitzt du in der Norddeutschen Tiefebene vor dem Rechner und träumst von den endlosen Weiten des Hörsaals. Hier empfiehlt sich als stimmungserhellende Maßnahme ein virtueller Hintergrund mit Südseemotiv.

Vorbei die Zeiten der schicken Pärchenfotos an Top-Locations auf Instagram. Du schaltest zur Live-Vorlesung die Kamera ein, und die Couch hinter dir erwacht träge zum Leben. Unter dem Deckenhaufen schält sich dein Partner hervor, kratzt sich am Po und hüpft als missmutiger Pavian aus dem Bild. Statt als Single in der Uni zu flirten, gehst du ein eheähnliches Verhältnis mit deiner Tagesdecke ein. Sieh es positiv: Je früher du dich von der romantisierten Vorstellung des Studentenlebens verabschiedest, desto besser für deinen Einstieg in die Berufswelt. Hier zählen nur drei Dinge: Egoismus, Egoismus und Egoismus.

 

Du und deine Topfpflanze

 

Und wer braucht noch rotweinselige Diskussionen in der Studentenkneipe, wenn er eigentlich schon längst im Netz lebt? Hier kannst du trefflich die abstrusesten Verschwörungstheorien kultivieren, und deine Topfpflanze ist vielleicht ein stiller Gesprächspartner, dafür widerspricht sie auch nicht ständig. Du bist kein Verschwörungstheoretiker? Gratuliere. Deine Topfpflanze auch nicht. Als besonderen Bonus kannst du den Tag mit einem Frühstückswein eröffnen. Im virtuellen Hörsaal kann keiner deine Fahne riechen, deine verwaschene Aussprache wird als Tonstörung interpretiert.


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Soul Pauli: Scannen gleich Wissen

Das Fotoprojekt „Soul Pauli“ fokussiert sich auf Hamburger Kultgebäude, setzt sie in den Mittelpunkt und guckt mit mal kurzen und mal längeren Geschichten hinter die Fassaden

Text: Erik Brandt-Höge

 

Was die drei Hufeisen über Rosi’s Bar auf dem Hamburger Berg bedeuten? Sie stehen für den ursprünglichen Namen der quietschblau angepinselten Kult-Kneipe: Zu den drei Hufeisen. Unter eben diesem übernahm sie Rosi 1969. Das erfährt man im Rahmen der Fotoausstellung „Soul Pauli – The Corona Friendly Exhibition“ ebenso wie die Geschichte, wie es zur Umbenennung der Bar kam. Dabei hatten ein paar nicht völlig unbekannte englische Musiker ihre Finger im Spiel.

„Soul Pauli“ liefert aber nicht nur gute Stories über Rosi’s, sondern auch über allerhand andere Bars, Clubs und Plätze auf St. Pauli. Molotow, Zur Ritze, Zum Goldenen Handschuh, Jolly Roger, Gruenspan, Seute Deern’s, Park Fiction: Wurden alle geknipst und per Mini-Porträt an der jeweiligen Hauswand verewigt. Dazu steht immer ein QR-Code, der spannende Hintergrund-Infos über die Location verspricht. Und wer gerade keine Lust auf St. Pauli-Schlenderei hat, kann sich alles auch virtuell von der Couch aus angucken. Die Ausstellung geht bis zum Ende des harten Lockdowns, ist umsonst und beinhaltet eine Spendenaktion unterhalb der Bilder.

soul-pauli.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Lessingtage 2021: „Es ist ein großes Experiment“

Die vom Thalia Theater und dem Königlichen Dramatischen Theater in Stockholm initiierten Lessingtage 2021 werden per Internet-Stream präsentiert. Kuratorin Nora Hertlein und Intendant Joachim Lux wünschen sich eine „paneuropäische Theatercouch“

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Herr Lux, wie schnell und leicht haben Sie die Entscheidung getroffen, die Lessingtage aufgrund des erneuten Corona-Lockdowns digital stattfinden zu lassen?

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Intendant des Thalia Theaters: Joachim Lux (Foto: Armin Smailovic)

Joachim Lux: Wir hatten uns bis November noch der Illusion hingegeben, die Lessingtage würden das erste Festival sein, bei dem europäische Kultur sich nach Corona wieder treffen kann. Dafür haben wir aus unserer Sicht eines der spannendsten Programme zusammengestellt, die wir je hatten.

Danach fällt es einem natürlich wahnsinnig schwer, das zu streichen. Im Rahmen von „mitos21“, einem Netzwerk europäischer Theatermacher, dem auch wir angehören, haben wir dann beschlossen, alles zu ändern und ein nicht kuratiertes Festival auf die Beine zu stellen, für das die Theater selbst entscheiden, welche Aufführungen sie zeigen möchten.

Frau Hertlein, als Kuratorin des internationalen Programms am Thalia Theater haben Sie im letzten Jahr zum ersten Mal die Lessingtage kuratiert. Wie hat sich Ihre organisatorische Arbeit für das Festival durch Corona verändert?

Nora Hertlein: Durch die Reiseeinschränkungen ist der Anteil von Theateraufführungen, die ich mir per Video Nora-Hertlein-Foto-Armin-Smailovic1angeschaut habe, massiv in die Höhe geschnellt. Wir haben unsere Kolleginnen und Kollegen in den unterschiedlichen Ländern gebeten, uns Aufnahmen von Inszenierungen zu schicken, von denen sie glauben, dass sie ihr jeweiliges Theater am besten repräsentieren.

Von den meisten Häusern haben wir, zwei bis drei Stücke zur Auswahl bekommen, wodurch ich die Möglichkeit hatte, noch einen kleinen kuratorischen Bogen zu spannen. Dabei kam es mir diesmal besonders auf die Herstellung von Kontexten und die dramaturgisch-inhaltliche Aufbereitung der Inszenierungen an. Auf unserer Homepage findet man Hintergrundmaterialien, Making-of-Videos, Interviews mit Regieführenden und kommentierende Texte.

 

Welten der Fantasie, der Freiheit und der Schönheit erschaffen

 

Wie gehen Theatermacher mit der gesellschaftlichen Fokussierung auf das Corona-Thema um? Muss das Theater in diesem Strom mitschwimmen, um interessant zu bleiben? Oder kommt es gerade jetzt darauf an, die Themenvielfalt zu wahren?

Lux: Ganz klar Letzteres. Das gilt auch für die zukünftige Arbeit. Es herrscht ja ein fast terroristischer Gestus dieses Virus vor, dem die Medien aus ökonomischen Interessen folgen, indem sie tägliche neue Überbietungsnachrichten präsentieren.

Ich glaube, die große Sehnsucht der Menschen zielt darauf, eine Gegenwelt zu erfahren. Welten der Fantasie, der Freiheit und der Schönheit zu erschaffen, das ist unsere Aufgabe. Das Theater wäre sehr schwach, wenn es nur versuchen würde, die aktuelle Situation zu spiegeln.

Hertlein: Wobei viele wichtige politische Themen durch die Pandemie an den Rand gedrängt werden. Es geht also nicht nur darum, eskapistisch andere Geschichten anzubieten, sondern um viele andere Probleme in der Welt, um die wir uns als künstlerische Institution kümmern wollen. Was passiert derzeit in Ungarn und Polen? Wie kann man den politischen Druck dort künstlerisch ins Blickfeld holen?

Lux: Wir hatten auch kurz überlegt, Live-Streamings der einzelnen Aufführungen anzubieten. Das war aber organisatorisch in der kurzen Zeit nicht möglich, was zugleich bedeutet, dass die meisten der gezeigten Aufführungen vor Corona entstanden sind. Nur unser eigener Beitrag ist in der Zeit der Pandemie entstanden: Christopher Rüpings „Paradies fluten / hungern / spielen“ möchten wir als Live-Stream anbieten.

Wie stark verändert sich der Charakter des Festivals dadurch, dass die Theater ihre Beiträge diesmal selbst ausgewählt haben?

Lux: Sehr stark. Wenn wir etwas aussuchen – wie es normalerweise geschieht –, fließt unser persönlicher Geschmack in die Auswahl ein. Diesmal wird sich aber möglicherweise herausstellen, dass man in anderen Ländern ganz andere ästhetische Wege geht als bei uns, die wir so stolz sind auf unsere großartige, avantgardistische Theaternationen – das sage ich jetzt mit Ironie. Europa ist sehr vielfältig und unterschiedlich. Gott sei Dank.

Hertlein: Gerade in dieser Zeit, in der die Grenzen geschlossen und wie physisch so immobil sind, wie schon lange nicht mehr, ist die Konfrontation mit ganz anderen Ästhetiken und Theatersprachen eine bereichernde Erfahrung und ein wichtiges Zeichen.

 

Identische Erfahrungen

 

Der Grundgedanke der Lessingtage ist die Verständigung von Kulturen und Religionen. Hat in Ihren Augen die Pandemie diese Verständigung eher vorangetrieben oder geschadet?

Lux: Was jetzt gerade passiert, hat es in der Geschichte der Menschheit überhaupt noch nie gegeben: dass ungefähr 10 Milliarden Menschen vollkommen identische Erfahrung durchmachen müssen. Das ist zugleich etwas Verbindendes, aber auch etwas Trennendes, weil viele Debatten gerade nicht geführt werden: Wie kommen privilegierte Nationen wie Deutschland durch die Krise mit einem ökonomischen Polster für jeden Einzelnen? Und wie stößt die Pandemie in anderen Teilen der Welt wie Südamerika oder Afrika die Menschen wirklich komplett in den Abgrund?

Während sich im Moment nur jeder um sich selber kümmert, wird sich die Frage der Solidarität wahrscheinlich bald noch sehr viel massiver stellen als ohnehin schon.

Das Motto der diesjährigen Lessingtage lautet „Stories from Europe“. Welche Geschichten werden da erzählt? Sie haben zum Beispiel zwei unterschiedliche Inszenierungen von Dostojewskis „Der Idiot“ im Programm …

Hertlein: Ursprünglich wollten wir nicht zwei gleiche Stücke zeigen, doch der starke Unterschied der Inszenierungen hat uns begeistert. Die Inszenierung von Mattis Andersson für das Königliche Dramatische Theater in Stockholm, unserem Koproduktionspartner, ist eine moderne Lesart, in der sich sehr zeitgenössische Figuren den Text aneignen.

Der russische Beitrag vom Theater der Nationen in Moskau ist komplett anders und orientiert sich an der Ästhetik des Cirque Noir. Hier konzentriert sich alles auf die Gesichter, die Körper und eine holzschnittartige Bildlichkeit in den Farben Schwarz, Weiß und Rot. Dadurch erzählt der junge Regisseur Maxim Didenko, ein absoluter Shooting-Star der russischen Szene, eine komplett andere Geschichte.

Und ihr persönlicher Favorit?

Hertlein: … kommt aus Antwerpen. Es handelt sich um eine Doppelvorstellung mit zwei zeitgenössischen Bearbeitungen antiker Stoffe: „Antigone in Molenbeek“ von Stefan Hertmans und „Tiresias“ von Kate Tempest.

Antigones Bruder, der aus Gründen der Staatsräson nicht bestattet werden darf, ein bei Hertmans, der die Handlung im Brüsseler Stadtteil Molenbeek ansiedelt, ein radikalisierter Islamist.

Lux: Wir erinnern uns, dass Molenbeek 2015 der Hotspot war, von dem die Pariser Anschläge unter anderem auf das Bataclan-Theater ausgingen.

Hertlein: Guy Cassiers hat das Stück als Monolog für eine Frau mit einem virtuellen Kammermusikensemble inszeniert, sodass die Schauspielerin mit der Musik von Schostakowitsch kommuniziert. „Teresias“ greift eine andere zeitgenössische Debatte auf: die Gender-Fluidität des Protagonisten, der zugleich Mann und Frau ist.

Sie haben auch ein Stück von Luigi Pirandello im Programm, ein italienischer Klassiker, der hierzulande nur selten inszeniert wird …

Hertlein: Spannend ist, dass „So ist es (wenn es Ihnen so scheint)“ in der Regie von Filippo Dini derzeit das erfolgreichste italienische Tourneestück im Ausland ist, das selbst in China Begeisterungsstürme ausgelöst hat, aber noch nie in Deutschland zu sehen war. Hier sieht man, wie ein junger Regisseur ein Stück, das eher eine Schmonzette ist, in einer grotesken Interpretation verwandelt.

 

Das Zeremoniell zu Hause

 

Herr Lux, in der Ankündigung der Lessingtage sprechen Sie von einer „paneuropäischen Theatercouch“. Was meinen Sie damit?

Lux: Mich fasziniert die Idee, dass sich Freunde und Bekannte aus Amsterdam, Moskau, Barcelona oder Stockholm miteinander verabreden und sozusagen „gemeinsam“ an einem bestimmten Tag eine Aufführung angucken, sich hinterher dazu austauschen, chatten oder per Zoom mit einem Glas Wein anstoßen und sich die Köpfe darüber heißreden, ob das jetzt eine gute Aufführung war. In einer Zeit, in der Kontakte nicht mehr möglich sind, kann das die Menschen auf eine schöne Weise miteinander verbinden.

Bieten Sie dafür auch eine digitale Plattform an?

Hertlein: Wir werden die Kommunikation mit dem Publikum über unsere sozialen Medien betreiben und wahrscheinlich auch einige Mitmach-Aktionen anbieten.

Lux: Man erlebt ja auch ganz lustige Szenen im Bereich des Streamings. Mir haben Freunde aus Amsterdam erzählt, wo Live-Streamings grundsätzlich entgeltpflichtig sind, dass ein Ehepaar sich zwei Karten anstelle von einer gekauft und sich auch etwas Anständiges angezogen hat – wie bei einem traditionellen Theaterbesuch.

Ist doch schön, wenn man auch zu Hause das Zeremoniell pflegt …

Hertlein: Aus diesem Grund haben wir uns auch entschlossen, die Stücke jeweils nur einen Abend zwischen 19 und 24 Uhr online zu stellen, damit das Gefühl des Einmaligen und Besonderen erhalten bleibt und der Wert dieser Aufführungen geschätzt wird.

Lux: Mit dieser Zeitspanne tragen wir auch den europäischen Zeitzonen für unsere Zuschauer von Moskau bis Paris Rechnung, die die Videos mit englischen Untertiteln präsentiert bekommen. Es ist ein großes Experiment, von dem wir nicht wissen, ob es funktionieren wird.

Und wer teilnehmen möchte, kauft sich ein Online-Ticket und meldet sich damit an?

Lux: Nur für unseren eigenen Live-Stream von „Paradies“ muss online eine Karte erworben werden, alles andere wird kostenfrei angeboten.

Lessingtage 2021
20.1.-31.1.2021, täglich 19-24 Uhr


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Weihnachtsmannwerk: Ein Santa via Zoom

Thilo Tamme ist der Gründer vom Weihnachtsmannwerk. Dort arbeiten Studenten, die als Weihnachtsmänner gebucht werden können. In diesem Jahr zögern viele jedoch mit einer Bestellung – weshalb Tamme alternativ einen Online-Weihnachtsmann anbietet

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Thilo, wie ist die aktuelle Auftragslage für Vor-Ort-Weihnachtsmänner in Hamburg?

Thilo Tamme: Schlecht. Sehr schlecht sogar. Seit Anfang November, wenn es normalerweise richtig losgeht mit den Aufträgen, haben wir kaum Bestellungen reinbekommen.

Was bedeutet das in Zahlen?

Dass wir ungefähr 60 Prozent weniger Buchungen haben als in den Vorjahren – und das trotz eines guten Hygienekonzepts.

Was beinhaltet das Konzept?

Natürlich den nötigen Abstand, auch Handschuhe, die regelmäßig gewechselt werden. Und jeder Weihnachtsmann muss die Corona-Warn-App installiert haben und 14 Tage ein niedriges Risiko nachweisen können.

Ich kann das Zögern der Familien aber natürlich verstehen. Sie wollen erst mal schauen, wie sich die Situation entwickelt. Sie können ja noch bis zum 20. Dezember buchen. Und wenn sie sich aus bestimmten Gründen dagegen entscheiden, einen Weihnachtsmann einzuladen, bieten wir erstmals auch einen Online-Weihnachtsmann an.

 

„Zeig mal den Nordpol!“

 

Der ist laut Firmen-Homepage vergleichsweise günstig. Während der Vor-Ort-Weihnachtsmann ab 99 Euro zu haben ist, kriegt man den Online-Weihnachtsmann bereits ab 29 Euro.

Genau. Und wie beim normalen Weihnachtsmann gibt es auch für den Online-Weihnachtsmann drei Buchungsoptionen. Es gibt den Zoom-Weihnachtsmann, der 69 Euro kostet. Er kann mit den Kindern direkt interagieren. Der Video-Weihnachtsmann, der in einer umfassenden Botschaft direkt auf die Kinder eingeht, kostet 49 Euro. Und das günstigste Paket, ein Online-Weihnachtsmann mit einer kurzen Grußbotschaft, ist für 29 Euro erhältlich.

Sind die Online-Weihnachtsmänner eigentlich auf alle Eventualitäten vorbereitet? Zum Beispiel, wenn Kinder fordern: „Zeig mal den Nordpol!“

Ja. Grundsätzlich sind alle unsere Weihnachtsmänner geschult. Ich kenne auch alle persönlich, es werden also keine komplett Fremden losgeschickt. Und wenn Kinder den Nordpol oder Rentiere sehen wollen, haben wir verschiedene Hintergründe, die wir einfügen können.

Wird die Pandemie vom Online-Weihnachtsmann auch angesprochen?

Ja. Er wird dann so etwas sagen wie: „Ihr habt bestimmt mitbekommen, was da draußen los ist und warum ich in diesem Jahr nicht persönlich vorbeischauen kann.“

Abschließend auch bezüglich des Online-Weihnachtsmanns die Frage: Wie wird das Angebot angenommen?

Wir haben Buchungen für alle Online-Weihnachtsmann-Optionen. Zudem ist der Online-Weihnachtsmann ein Back-up für uns. Angenommen, es kommt ein kompletter Lockdown, können wir den Familien, die einen Vor-Ort-Weihnachtsmann gebucht haben, diese Alternative anbieten.


Cover_Szene_Hamburg_Dezember_2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2020. Das Magazin ist seit dem 28. November 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Steckbriefe: Hamburger Medienmacher im Interview

Hamburger Medienmenschen über ihren Werdegang, ihre Stärken und ihre Vorstellung von gutem Journalismus

Steckbriefe: Erik Brandt-Höge

 

Maik Koltermann von der Hamburger Morgenpost

Maik Koltermann, 45, Journalist/ Chefredakteur Hamburger Morgenpost

Werdegang: Als Teenager dem Grunge verfallen. Auch weil Journalisten Frei­tickets und Rezensionsexemplare bekamen, bei Musikmagazin beworben. Spä­ter als Volontär die Pop­-Seite der MOPO betreut. Dann: Lokales, CvD, Ressort­leiter, Stellv. Chefredakteur. Nach neun­monatiger Auszeit jetzt zurück als Chef.

Mein Job in einem Satz: Täglich raus­finden, was Hamburg bewegt und bewe­gen sollte, manchmal Löwenbändiger sein und manchmal Küchenpsychologe.

Meine größte Stärke: Ich mache einen exzellenten Schweinebraten und habe hin und wieder eine gute Idee.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: Ach. Abend­blatt, Spiegel, Süddeutsche, Facebook, Instagram, ARD, Arte, Netflix und vieles mehr … zu viel, zu lang.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: Herausragend ist ein großes Wort, aber “Er will’s wirklich wissen” von Peter Unfried in der taz habe ich sehr gern gelesen. Liegt vielleicht auch daran, dass ich kurz zuvor fest­gestellt hatte, dass mein bisheriges Urteil über Markus Lanz überar­beitungswürdig ist.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: Ein hartes Stück Arbeit, die beste aller Aufga­ben.

 

Lars Haider vom Hamburger Abendblatt (Bild: Mark Sandten)

Lars Haider, 50, Journalist/ Chefredakteur Hamburger Abendblatt

Werdegang: Ich wollte immer Re­dakteur beim Hamburger Abendblatt werden, weil ich diese Zeitung und diese Stadt so liebe.

Mein Job in einem Satz: Für gute Laune und sehr gute Geschichten sorgen.

Meine größte Stärke: Verrückte Ideen.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: Zu vie­le, um sie hier aufzuzählen.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: Markus Felden­kirchen: “Die Schulz­-Story”.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: systemrelevant

 

Carla Rosorius von der GEO

Carla Rosorius, 32, Bildredakteurin GEO Wissen/ GEO kompakt/ Wohllebens Welt

Werdegang: Meine Begeisterung für Fotografie und letztendlich das Jahr an der Ostkreuzschule für Fotografie haben in mir die Entscheidung gefestigt, den Berufsweg der Bild­redakteurin einzuschla­gen. Es folgten Stationen beim Magazin der Süddeutschen Zeitung, dem Spiegel, der Zeit und mittler­weile bin ich seit gut fünf Jahren Teil der großen GEO­-Familie.

Mein Job in einem Satz: Ich verstehe mich als Bildredakteurin als Schnittstelle zwischen den Fotografen und Illustratoren draußen sowie der Textredaktion und der Grafik innerhalb der Redaktion – in der Bildredaktion läuft alles zusammen.

Meine größte Stärke: Ich kommuni­ziere gerne, habe ein gutes Gedächtnis und behalte auch bei parallel laufenden Projekten den Überblick.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: Als Angestellte bei Gruner + Jahr landen zig Magazine auf meinem Tisch, meine Top 3 aus an­ deren Häusern: Spiegel, British Journal of Photography, Bon appétit.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: Ich kann mich nicht auf eine Veröffentlichung festlegen und diese als herausragend bezeichnen. Mich können unterschiedlichste Themen und Ansätze begeistern, wenn sie überraschen und mir eine Welt zeigen, die ich so bislang nicht kannte.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: Journalismus ist für mich gut, wenn er sowohl optisch als auch textlich überrascht und ein mir bislang unbekanntes Thema von verschiedenen Seiten beleuchtet, erklärt und dabei gerne auch provokante Thesen aufstellt, die mich neugierig machen, mehr zu erfahren.

 

Jan Hildebrandt von den Eimsbütteler Nachrichten (Bild: Eimsbütteler Nachrichten)

Jan Hildebrandt, 40, Verleger Eimsbütteler Nachrichten

Werdegang: Ich habe während des Studiums abgeordnetenwatch.de gegründet. Anschlie­ßend habe ich an der TU Harburg in einem So­zionik­-Projekt ge­arbeitet und er­forscht, wie sich neue Kommunikations­medien auf gesell­schaftliche Strukturen auswirken. 2013 gründe­te ich die Eimsbütteler Nachrichten, um dabei ein tragfähiges Geschäftsmodell zur Finanzierung von unabhängigem lokalen Qualitätsjournalismus zu entwickeln.

Mein Job in einem Satz: Ich bin zu­ständig für die Geschäftsführung, Or­ganisationsentwicklung, Marketing, Kooperationen, Sales und Personal.

Meine größte Stärke: Eine gesunde Mischung aus Panik, Resilienz, Hek­tik und Geduld.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: Über­medien, Die Zeit, Der Spiegel, Katapult, NDR, taz, Hamburger Morgenpost, Hamburger Abendblatt, Was­hington Post, New York Times, Horizont, MEEDIA, Der Postillon, Titanic.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: “Tausend Zeilen Lüge: Das System Relotius und der deutsche Journalismus”, Juan Moreno, Rowohlt Berlin. Für mich ist Moreno der Retter des deutschen Journalis­mus. Er hat persönlich Unglaubliches auf sich genommen und erduldet, um die Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche wiederherzustellen.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: Guter Journalismus verliert nie den Bezug zu seinen Lesern. Eine Redaktion sollte sich im Dauerdiskurs mit ihren Lesern befinden.

 

Gabriele Fischer von brand eins (Bild: Andre Hemstedt & Tine Reimer)

Gabriele Fischer, 67, Journalistin/ Chefredakteurin brand eins

Werdegang: Studium: Politische Wis­senschaften, Soziologie und Germanistik, nach dem Magister zwei Jahre Autos vermietet, Einstieg in den Journalismus bei der Rotenburger Kreiszeitung, von dort zur G+J -Journalistenschule (hieß damals noch so, es war der erste Jahr­gang), von dort zurück in die Provinz, fünf Jahre Osterholzer Kreisblatt und Delmenhorster Kurier. Danach zehn Jahre Manager Magazin, Entwicklung des Tochtermagazins Econy, das nach zwei Ausgaben eingestellt wurde. Seit­ dem Unternehmerin zunächst mit Econy, nach dessen Verkauf Mitgründung von brand eins, das heute in der brand eins Medien AG erscheint.

Mein Job in einem Satz: Dafür zu sor­gen, dass die Kollegen dort gern und gut arbeiten können.

Meine größte Stärke: Weitgehend angstfrei, Menschen liebend und frustrationstolerant. Und ich erkenne ziemlich zielsicher, was eine Geschichte ist und was nicht.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: Zeit, Spiegel, SZ und immer wieder Independents wie Zenith oder Katapult.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: Die Zeit: “Würden Sie diesen Mann entlassen?” von Noemi Harnickel und Anna­-Sophie Barbutev, Begründung: Weil man nach dem Foto schon alles zu wissen glaubt – und dann eine ganz andere Geschichte liest.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: Wenn Journalisten nach Antworten suchen, auch wenn sie ihnen nicht gefallen – und nicht nur eigene Vor­urteile bestätigen wollen.

 

Wolf-Hendrik Müllenberg vom NDR (Bild: NDR/ Christian Spielmann)

Wolf-Hendrik Müllenberg, 37, Cross-medialer Redakteur NDR Info

Werdegang: Nach dem Volo auf der Evangelischen Journalistenschule, Einsatz als trimedialer Reporter im NDR Studio Braunschweig. Danach Wechsel nach Hamburg als Autor im Aktuell­-Team von NDR.de sowie als Berater im Social Media Team des NDR. Heute: Redakteur für Online, Social Media, Hörfunk und Fernse­hen.

Mein Job in einem Satz: Was bewegt den Norden heute?

Meine größte Stärke: Gespür für Themen, crossmedial denken, Team­fähigkeit.

Außer unserem konsumiere ich regelmäßig folgende Medien: SZ, taz, FAS, Bild und Bildblog, Social Me­dia Watchblog, Dummy, „Tracks“ von Arte und die Podcasts „Hotel Matze“ sowie „ZEIT Verbrechen“.

Zuletzt fand ich diese Veröffentlichung herausragend: “Leonora – Wie ein Vater seine Tochter an den IS verlor” (Volkmar Kabisch, Britta von der Heide, Amir Musawy, ARD). Ein Film, der mit außergewöhnlicher Nähe er­zählt wird und zudem auch als spannen­der Podcast umgesetzt wurde.

Ganz allgemein ist für mich guter Journalismus: … der den Menschen auf Augenhöhe begegnet, an seinem Publikum orientiert und nicht von Eitelkeit getrieben ist.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Lichthof Theater: Probebühne Internet

Der Vorhang bleibt zu, die Webcam geht an: Wie viele andere Häuser stellt auch das Lichthof Theater gerade auf digitale Formate um. Im Interview spricht künstlerischer Leiter Matthias Schulze-Kraft über erste Schritte im Netz, die Chance, nicht perfekt sein zu müssen und die neue Reihe „Lichthof Lab“

Interview: Sophia Herzog

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Probiert gerne digitale Tools aus: Matthias Schulze-Kraft (Foto: G2 Baraniak)

SZENE HAMBURG: Matthias Schulze-Kraft, wie alle anderen Veranstaltungsorte des Landes hat auch das Lichthof Theater geschlossen. Wie sieht Ihr Arbeitstag unter diesen neuen Umständen aus?

Matthias Schulze-Kraft: Ich arbeite, wie viele gerade, mehr oder weniger von zu Hause. Interessanterweise habe ich mehr zu tun denn je. Das hätte ich nicht gedacht. Zum einen müssen wir uns um die Finanzierung und Organisation des Theaters kümmern. Wir haben zum Beispiel die Renovierungen vorgezogen, die sonst während der Sommerpause gemacht würden. Zum anderen müssen wir die ganzen Verschiebungen und Absagen koordinieren, also schauen, welche Premieren zu einem anderen Zeitpunkt stattfinden können oder für welche wir vielleicht ein Online-Format entwickeln können.

Die Online-Angebote des Lichthof Theaters sammeln Sie in der neuen Reihe „Lichthof Lab“. Worum geht es dabei?

Wir haben einen Aufruf an die Künstlerinnen und Künstler gestartet, die eng mit dem Lichthof Theater verbunden sind, und gefragt, ob sie Ideen haben, die sie als Online-Formate entwickeln möchten. Da kamen viele Ideen zurück.

Ende April haben wir zum Beispiel die interaktive Serie „Boy H. Werner gibt Instruktionen am Montag“ eingeführt. Boy H. Werner ist Literaturkritiker und eine Kunstfigur der Hamburger Theatermacherin Charlotte Pfeifer. Er stellt jeden Montag Aufgaben an Künstler und Künstlerinnen, aber auch an eine interessierte Öffentlichkeit. Die Ergebnisse bewertet und diskutiert er dann immer in der nächsten Woche.

Außerdem stellen einige der Künstler, die in dieser Zeit Premiere gehabt hätten, im Livestream ihre Arbeit vor. So bleiben wir sichtbar und können den Künstlerinnen und Künstlern immerhin eine virtuelle Bühne bieten.

 

„Beim Theater über Video geht viel verloren“

 

Viele Theater stellen gerade außerdem Livestreams online. Lässt sich denn Theater so einfach eins zu eins ins Netz übertragen?

Nein. Man kann natürlich Mitschnitte von Theaterstücken streamen, dafür braucht es aber eine qualitativ hochwertige Aufnahme. Wir streamen gerade nur zwei Produktionen, die bei uns Premiere gefeiert haben, das Musiktheater „Strandrecht“ und „Cum-Ex Papers“. Beide Stücke wurden aufwendig aufgenommen, mit mehreren Kameras und Schnitten, wurden also filmisch aufbereitet. Trotzdem finde ich Theater über Video nur mäßig spannend, dabei geht einfach viel verloren. Bei Streaming-Angeboten sieht man vor allem, was uns entgeht. Wenn wir wirklich Produkte wollen, die einen Mehrwert haben, dann muss man neue Formate für das Web erfinden.

Eine große Frage ist dabei aber auch: Wie sieht das aus mit der Entlohnung?

Ja, das stimmt. Die Künstler haben in ihre Arbeiten natürlich viel Arbeit gesteckt, aber eben nicht dafür, dass die Werke dann noch wochenlang kostenlos gestreamt werden. Man sieht ja, wie schwer sich schon Verlage tun, sich hinter Bezahlschranken zu stellen, schon rein technisch. Dafür finden wir so ad hoc auch keine Lösung.

Die Hamburger können das Lichthof Theater im Moment mit einem freiwilligen Ticketkauf für die Streams unterstützen. Wie lange kann so ein Modell funktionieren?

Das kann ich konkret gar nicht beantworten. Online-Angebote ersetzen natürlich nicht das, was wir sonst machen, langfristig kann es nur ergänzen. Ich glaube aber, dass so eine Schiene auch in Zukunft bestehen bleiben wird, wenn die Theater wieder öffnen. Mit diesem Ziel haben wir auch das „Lichthof Lab“ gestartet, und wir wollen in diesem Gebiet weiterhin Erfahrungen sammeln.

Gerade ist das teilweise alles noch ein bisschen unperfekt. Den ersten „Friday Online Talk“, ein festes Format des Lichthof Labs, haben wir zum Beispiel über Zoom abgewickelt. Dabei haben ungebetene Gäste den Talk torpediert und wir mussten die Übertragung abbrechen. Jetzt streamen wir über Youtube.

Trial and Error also …

Genau, und das ist auch total spannend. Es macht Spaß, sich das Technische anzueignen, aber auch zu schauen, wie wir Inhalte online präsentieren können.

 

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Das leere Foyer im Lichthof Theater (Foto: Sabrina Twele)

 

Sie haben gerade das Wort „unperfekt“ genannt. Sind die Zuschauer bei kleinen Fehlern gerade nachsichtiger?

Komplett. Wir hätten das Format unter anderen Umständen so nicht einführen können. Das Lichthof Lab hatten wir eigentlich als großes Projekt geplant, waren aber in Planungs- und Finanzierungsfragen noch gar nicht so weit. Online-Formate wie dieses hätten wir immer erst in einem perfekten Zustand veröffentlicht.

Jetzt ist es aber gerade jeder gewohnt, unperfekte Dinge zu sehen. Alleine in den Zoom-Konferenzen, in denen sich das Private und das Berufliche so extrem überlagern. Wir können das jetzt nutzen, um gemeinsam zu lernen. Nicht nur wir als Theatermacher, sondern auch mit den Zuschauern, für die das ja ebenso neu ist.

Das passt zur „Krise als Chance“, die gerade häufig genannt wird. Welche Chancen sehen Sie denn für Privat- und Off-Theater?

Erst einmal eignen wir uns natürlich gerade bestimmte Tools an, die wir langfristig für begleitende Angebote zum regulären Theaterprogramm einsetzen können. Wir werden Online-Formate selbstverständlicher mit ins Portfolio aufnehmen können, das sehe ich schon als große Chance.

Und dann ist es so, dass man Künstler und Künstlerinnen, gerade freischaffende, sowieso nicht stoppen kann. Die sind es gewohnt, selbstbeauftragt zu arbeiten. Die warten nicht, bis jemand kommt und Ansagen macht, sondern fangen jetzt an zu experimentieren. Da werden ganz neue Dinge entstehen. Ich denke, das wird das Theater nachhaltig verändern.

 

„Es kann sein, dass Theater das nicht überleben“

 

Verstärkt die Krise außerdem das Bewusstsein für die meist prekären Arbeitsverhältnisse von Künstlern?

Die Krise trifft natürlich gerade Menschen, die überhaupt keinen Cent auf der hohen Kante haben. Dass jetzt ein Blick auf uns gerichtet wurde, auf die Verletzlichkeit von Künstlern, das denke ich schon. Ob wir als Gesellschaft aber von der Krise lernen und die Effekte anhalten, da bin ich eher skeptisch.

Wird die Theaterbranche in Hamburg nachhaltig strukturelle Schäden erhalten?

Das hängt davon ab, wie lange diese Situation noch anhält. So unterschiedlich die Hamburger Theaterlandschaft ist, so unterschiedlich werden auch die Auswirkungen sein. Das hängt davon ab, wie abhängig Theater von den Abendeinnahmen oder wie hoch die institutionelle Förderung ist.

Die Kulturbehörde ist super kulant und war sehr schnell mit den Hilfsmaßnahmen, zumindest was uns betrifft. Aber es kann auch sein, dass Theater das nicht überleben. Und dann entstehen natürlich empfindliche Lücken in der Hamburger Theaterlandschaft.

lichthof-theater.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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