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„Lindenberg! Mach dein Ding!“: Biopic über Udo Lindenberg

Wer war eigentlich dieser Udo, bevor er seinen großen Durchbruch hatte? Hermine Huntgeburth erzählt in „Lindenberg! Mach dein Ding!“ die Geschichte des jungen Rockmusikers, der nach Hamburg kam

 Text und Interview: Patrick Heidmann

 

Eigentlich konnte niemand anderes dieses Biopic inszenieren als Hermine Huntgeburth, trägt die Regisseurin doch den gleichen Vornamen wie Udo Lindenbergs von ihm verehrte Mutter, nach der er 1988 sogar ein Album betitelte. Davon abgesehen natürlich, dass die Regisseurin seit mehr als 25 Jahren zu den erfolgreichsten und vielseitigsten Film- und Fernsehschaffenden des Landes gehört, ausgezeichnet mit dem Deutschen Filmpreis, dem Deutschen Fernsehpreis und mehreren Grimme-Preisen.

In „Lindenberg! Mach dein Ding!“ erzählen sie und Drehbuchautor Alexander Rümelin nun nicht das komplette Leben von Deutschlands wohl bekanntestem Rockstar nach, sondern widmen sich seinen musikalischen Anfängen im Hamburg der 70er Jahre, inklusive Rückblenden in seine Kindheit im westfälischen Gronau. Die Hauptrolle spielt der aufstrebende Newcomer Jan Bülow, außerdem standen unter anderem Max von der Groeben, Julia Jentsch, Detlev Buck und Charly Hübner vor Huntgeburths Kamera. Wir trafen die Wahlhamburgerin zum Interview.

 

 

SZENE HAMBURG: Hermine Huntgeburth, welchen Bezug hatten Sie zu Udo Lindenberg vor der Arbeit an diesem Film?

Hermine Huntgeburth: Mich hat er eigentlich schon begleitet, seit ich bewusst angefangen habe, Musik zu hören. Da war er immer irgendwie da. Und als ich dann 1977 nach Hamburg zog, war er dort sowieso ganz präsent. Das war die Zeit, als er mit Peter Zadek arbeitete und immer im Atlantic war. Aber persönlich gekannt habe ich ihn nicht.

Was war denn Ihr erster Gedanke, als man Sie fragte, ob Sie die Regie bei „Lindenberg! Mach dein Ding!“ übernehmen wollen?

Erst mal wunderte ich mich, wie der Produzent Michael Lehmann auf mich kam, denn ich hatte so etwas ja noch nicht wirklich gemacht. „Die weiße Massai“ war zwar auch die Geschichte einer lebenden Person, aber natürlich doch ein anderer Fall als dieser. Was mich dabei besonders reizte, war der Gedanke, einen Musikfilm zu drehen. Und ausschlaggebend war auch die Tatsache, dass die Handlung nur bis zu Udos erstem großen Konzert ging, also bevor er zu dem wurde, der er heute ist. Kaum jemand kennt ja noch den jungen Mann, der damals aus Nordrhein-Westfalen nach Hamburg kam.

Gab es trotz der Beschränkung auf den jungen Lindenberg ein paar Biopic-Fallstricke, die Sie umgehen mussten?

Ich durfte natürlich nicht in die Falle geraten, ein Udo-Lookalike-Ding aus der Sache zu machen. Natürlich habe ich mich ein paar Mal mit Udo getroffen, aber dabei war für mich vor allem wichtig, so eine Essenz herauszufinden und der Figur eine Wahrheit zu geben. Ich konnte und wollte ihn nicht einfach kopieren.

Hatte er ein Mitspracherecht?

Natürlich war uns wichtig, dass Udo der Film gefällt, aber es ging nie um Gefälligkeiten. Dass ich meinen eigenen Film mache, war immer klar. Wir haben ihn von Anfang an mit einbezogen und ihm das Drehbuch zu lesen gegeben.

Er hat auch Jan Bülow kennengelernt, nachdem wir die Hauptrolle besetzt hatten. Und wenn es Kleinigkeiten gab, die ihm nicht behagt haben, sind wir auch darauf eingegangen. Aber Udo schenkte mir großes Vertrauen und war immer ausgesprochen positiv, was den Film angeht.

 

… eine Rampensau sein und das Rock’n’Roll-Gen haben

 

Wie viel Fiktion steckt denn eigentlich im Film?

Das lässt sich gar nicht so ohne Weiteres sagen. Denn auch viele seiner Songtexte, die ja sehr politisch sind, haben viel mit seinen Lebenserfahrungen zu tun. Wir haben zum Beispiel diese vier jungen Frauen im Drehbuch, die mir sehr wichtig waren, weil ich auch starke Frauenfiguren in der Geschichte haben wollte. Und die basieren teilweise auf realen Figuren, teilweise aber eben auch auf seinen Texten. Der Drehbuchautor Alexander Rümelin hat sehr kunstvoll versucht, das alles miteinander zu verweben.

Am Ende steht und fällt ein Film wie dieser natürlich mit dem richtigen Hauptdarsteller. Wie lange dauerte es, bis Sie Ihren Udo gefunden hatten?

Sehr lange! Die Casterin Simone Bär und ich haben uns eigentlich alle jungen Schauspieler angesehen, die es so gibt. Unser Protagonist musste natürlich viel mitbringen, denn man möchte ja keinen normalen Udo sehen. Wir brauchten jemanden, der nicht nur ein hervorragender Schauspieler ist, sondern er musste auch eine Rampensau sein und das Rock’n’Roll-Gen haben. Sensibel musste er sein und witzig, ein tolles Körpergefühl mitbringen und auch sexy sein.

Jan Bülow erfüllte alle diese Kriterien, und ist auch ein richtiger harter Arbeiter, der sich zum Beispiel Monate Zeit genommen hat, um Schlagzeugspielen zu lernen. Er musste den ganzen Film tragen, und das mit 21 Jahren, frisch von der Schauspielschule. Aber dass man ihn eigentlich noch gar nicht kennt, war auch von Vorteil.

Wer heute durch St. Pauli läuft, weiß, dass da kaum noch etwas an die 70er Jahre erinnert. Wie ist es Ihnen gelungen, diese Zeit wiederauferstehen zu lassen?

Das geht heutzutage nur mit VFX, also mit Computertricks. Dort zu drehen, ist ohnehin schwierig geworden. Kann man nur noch montags und dienstags, und alle Geschäfte müssen mitmachen. Am Ende versucht man dann, mit der Kamera alles nur bis zu einer gewissen Höhe einzufangen und alles, was zu modern aussieht, abzudecken. Der Rest wird dann später digital gemacht.

Das Schlimmste sind heutzutage eigentlich die Tags an den Wänden. In den Siebzigern gab es ja noch gar keine Sprayer, heute aber ist alles vollgeschmiert.

Eine Szene haben Sie auch im Alten Elbtunnel gedreht …

Ja, als Referenz an Roland Klicks Film „Supermarkt“ von 1974. Die Szene dort ist das Ende eines LSD-Trips von Udo und seinem Kumpel Steffi Stephan, der in der Gestaltung der Farben und der Stimmung wiederum an die Likörelle erinnert, die Udo heute malt, und entsprechend einen gewissen kindlichen Faktor haben sollte.

Regie: Hermine Huntgeburth. Mit Jan Bülow, Detlev Buck, Max von der Groeben. Ab 16.01.2020


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Kürzer wird’s nicht: Kurzfilmtage zur Wintersonnenwende

Am 21. Dezember ist Wintersonnenwende – der perfekte Tag für Kurzfilme

Text: Maike Schade

 

Beim Saunieren Filme gucken: Das gibt es in der „Lichtspielhaus“- Sauna des Holthusenbads (Goernestraße 21, Eppendorf ) regelmäßig. Selbstverständlich auch am 21. Dezember, denn dann ist Kurzfilmtag. Zu diesem Anlass klemmt sich die Kurzfilmagentur Filmrollen unter den Arm und macht sich auf den Weg zum schweißtreibenden Shorty-Vergnügen. Von 11.30 Uhr an wird jeweils zur halben Stunde ein preisgekrönter, zum 20er-Jahre-Ambiente der Sauna passender Kurzfilm gezeigt.

Dies ist nur eine von vielen Veranstaltungen, die am kürzesten Tag des Jahres stattfinden. Im Filmraum (Müggenkampstraße 45, Eimsbüttel) beispielsweise werden gleich zwei Programme gezeigt: Um 19 Uhr sind Gewinnerfilme der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen (Foto) zu sehen, um 21 Uhr folgen dann die „Golden Shorts“, neun Filmchen, die „dezembertauglich die Welt und das Leben reflektieren“.

 

Bunter Filmmix

 

„Was wäre, wenn…“ lautet das Motto an diesem Abend im Eidelstedter Bürgerhaus (Alte Elbgaustraße 12, 20 Uhr). In den sechs Filmen von Preisträgern und Nominierten des Deutschen Kurzfilmpreises geht es unter anderem um die unendlichen Möglichkeiten des Internets, herausfordernde Paarbeziehungen und kindliche Identitätskrisen.

Das B-Movie (Brigittenstraße 5, St. Pauli) beschäftigt sich ab 20 Uhr mit einem ganz anderen Thema: der Geschichte des Super-8 Kurzfilms. Gezeigt wird die 45-minütige, von Projektoren getaktete Performance „Achtung Bild – Jetzt kommt der Ton!“ von Soyuz Apollo, einem Projekt des Hamburger Medienkünstlers Thorsten Wagner.

Um „Lotto am Samstag“ und andere Pläsierchen geht es ab 19.30 Uhr in der Immanuelkirche auf der Veddel (Wilhelmsburger Str. 73). Kurzweilig wird es gewiss auch im KulturWerk (Boizenburger Weg 7, Rahlstedt) zugehen: Hier wird um 17 Uhr das Programm „Mensch Meier. Echt jetzt?“ gezeigt.

Auch die Kurzen bekommen Kurze serviert: Um 14 Uhr spielt das Alabama Kino auf Kampnagel (Jarrestr. 20, Winterhude) ein Best-of des „Mo&Friese“-Programms. Für Filmfans ab 65 Jahren ist das Programm „SeniorInnen“ am 19. Dezember im Gemeinschaftsraum Hartwig-Hesse-Quartier (Alexanderstraße 29, St. Georg), 14.30 Uhr, sowie am 30. Dezember um 15 Uhr im Festsaal des Hospitals zum Heiligen Geist (Hinsbleek 11, Poppenbüttel) zu sehen.

kurzfilmtag.com


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Filmstart “Wild Rose”: Drei Akkorde & die Wahrheit

Mit dem Musikdrama „Wild Rose“ schenkt uns Regisseur Tom Harper ein sozialkritisches, dabei aber humorvolles Porträt einer Frau, die ihren eigenen Weg sucht

Text: Maike Schade
Foto: 2019 EONE GERMANY

Eine Blume, am Wegesrand. Trotzig reckt sie den Kopf gen Himmel, schiebt sich Zentimeter für Zentimeter näher ans Licht. Die Blätter vom Sturm gezaust, niedergedrückt von Regengüssen, mühsam Nahrung aus dem kargen Boden saugend. Und doch: Eines Tages öffnet sich ihre Blüte. Prachtvoll leuchtend, intensiv duftend. „Wild Rose“ ist kein Film über Botanik. Doch das Bild (und der Titel impliziert es ja auch) passt. Denn Rose-Lynn, die Protagonistin dieses wunderbaren, vielschichtigen Streifens, entfaltet sich ebenso wie jene gebeutelte Pflanze am Wegesrand.

Allen Widrigkeiten zum Trotz – und das sind viele, die meisten davon hat sie selbst verschuldet – kämpft sie sich auf ihrem Weg ins Licht voran. Nicht das der Sonne, es ist das Rampenlicht, das sie sucht. Als Countrysängerin, geboren und aufgewachsen im schottischen Glasgow. Sie ist 22, vielleicht 23 Jahre alt, als sie nach einem Jahr aus dem Knast entlassen wird. Nicht ohne Auflagen: Sie muss eine Fußfessel tragen und von 19 Uhr abends bis sieben Uhr morgens zu Hause sein. Ein Zuhause, das sie als erneutes Gefängnis empfindet: Sie hat zwei Kinder, die während ihrer Abwesenheit bei Rose-Lynns Mutter (großartig: Julie Walters) lebten.

 

Zwischen Sehnsucht nach Selbstverwirklichung und der Sorge um die Kinder

 

Als sie 15 war, bekam sie ihre Tochter, noch vor ihrem 18. Geburtstag ihren Sohn. Ein Vater wird während des gesamten Films nicht erwähnt werden, Männer spielen im Film ohnehin nur Nebenrollen; lediglich Lover Elliott tritt nach der Entlassung in Erscheinung. Ihn sucht sie nach ihrer Entlassung zuerst auf, lustiger Fick und Joint in freier Prärie. Heim zieht es sie kaum. Sie weiß, was sie erwartet: Vorwürfe ihrer Mutter, die möchte, das Rose-Lynn endlich Verantwortung übernimmt. Doch die junge Frau will etwas ganz anderes: nach Nashville, Wiege der Countrymusik. „Eigentlich bin ich Amerikanerin“, sagt sie einmal, und vergleicht sich mit einem Transsexuellen, der im falschen Körper geboren wurde. Bei ihr ist es die falsche Nationalität.

Denn „three chords and the truth“, drei Akkorde und die Wahrheit, sind ihr Leben. Auf ihren Arm tätowiert hält sie diesen Country-Leitspruch allen unter die Augen, die es sehen wollen – und auch allen anderen. Die Leidenschaft für den Musikstil hat Drehbuchautorin Nicole Taylor ihrer Figur aus dem eigenen Herzen in die Seele geschrieben. „Für mich ist Countrymusik ein emotionales Ventil. Ich habe das Gefühl, dass ich in den zweieinhalb Minuten eines Countrysongs all meine Gefühle ausleben kann. Kurz gesagt: Für mich ist Country eine Sprache für die emotional Unartikulierten – und dazu gehört auch Rose-Lynn“, sagt sie.

 

 

Denn die hängt zwischen ihrer Sehnsucht nach Selbstverwirklichung und der Sorge um ihre Kinder, die ebenso wie die Fußfessel wie Klötze an ihren Beinen hängen. Sie hat sie schon einmal im Stich gelassen, als sie wegen eines geringen Drogendeliktes ins Gefängnis musste, und vermutlich hat sie sich auch vorher nicht mit allzu großer Begeisterung um sie gekümmert. Schließlich war sie bei ihrer Geburt noch selbst ein halbes Kind, das wohl lieber mit „ihren Jungs“ auf der Bühne stand, als vollgekotzte Lätzchen und verschmierte Hintern zu säubern. Das Verhältnis zu ihren eigenen Kindern ist ebenso von Vorsicht, Ablehnung und Enttäuschung geprägt wie das zu ihrer Mutter. Und Rose-Lynn leidet darunter, sie liebt ihre Kinder, trotz allem.

Der Abgrund zwischen Realität und Traum zerreißt sie – und den Zuschauer gleich mit. Was soll man ihr wünschen? Beruflichen Erfolg auf Kosten der Kinder? Sein Ausbleiben und eine glückliche Familie? Beides scheint unmöglich. Rose-Lynn verleugnet die Realität. Auch die richtigen Worte findet sie nicht, weder für ihre Kinder noch für die Mutter. Reden tut sie dennoch nicht wenig. Sie, immer unterwegs in weißen Westernstiefeln und weißer Leder-Fransenjacke, ist geradeheraus, ungezähmt, wild, wollend, leidenschaftlich. Herrlich unperfekt, auch mal roh und rau; eine Wildrose voller Dornen. Mit einer empfindsamen Seite, die wir in einigen der vielen, wunderbaren Countrysongs hören, die gleichermaßen Soundtrack wie Subtext von „Wild Rose“ sind. Kein kitschiges Western-Gedudel, sondern ebenso ehrliche wie berührende Musik. Drei Akkorde und die Wahrheit. Nicht mehr, und nicht weniger.

 

Jessie Buckley spielt die Rolle der Rose-Lynn mit ungeheurer Wucht

 

Gesungen werden sie von der unglaublichen Jessie Buckley, die die Rolle der Rose-Lynn mit ungeheurer Wucht und immer hoch authentisch spielt – beeindruckend. Das mag auch daran liegen, dass ihre eigene Geschichte der ihrer Filmfigur zumindest in Grundzügen ähnelt: Im Alter von 17 Jahren ging sie von ihrem Heimatort Killarney, Irland, nach London, um eine Gesangskarriere anzutreten. 2008 nahm sie an der BBC-Castingshow „I’d Do Anything“ teil, in der eine Darstellerin für die weibliche Hauptrolle in der West End-Neuauflage des Musicals „Oliver!“ gesucht wurde. Buckley belegte nur den zweiten Platz, folgte aber ihrem Traum. Nach der Show spielte sie im Musical „A Little Night Music“ und studierte ab 2010 an der Royal Academy of Dramatic Art Schauspiel. Nach ihrem Abschluss stand sie unter anderem am Londoner „Shakespeare’s Globe“ als Miranda in „Der Sturm“ auf der Bühne. Mit „Wild Rose“-Regisseur Tom Harper arbeitete sie vorher in dessen vierteiliger, hochgelobter Serienverfilmung von Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ zusammen.

Mit Countrymusik hatte Buckley vor „Wild Rose“ nach eigener Aussage nichts am Hut. Doch der ganz eigene Zauber dieses Musikstils packte sie – so sehr, dass sie plötzlich selbst anfing, Songs für den Film zu schreiben. Zusammen mit Country-Fanatikerin und Drehbuchautorin Nicole Taylor schuf sie, unterstützt von Musikern, einige der Songs, die als Soundtrack auch als Album bei Universal erschienen sind. Sie lässt in den Liedern alles raus: den Dreck, die Wut, die Sehnsucht, die Angst, die Liebe, auch Hoffnung. Mal aggressiv, mal das Leben feiernd, mal zart. Immer kraftvoll, immer ehrlich. Genau so, wie sie Rose-Lynn spielt. Eine Frau scheinbar ohne Chance, aus dem Arbeitermilieu Glasgows stammend, in dem der Glamour der großen Bühne ebenso fern scheint wie der sprichwörtliche Sack Diamanten im Schweinekoben.

„Wild Rose“ ist die Geschichte einer starken Frau, die ihren Weg sucht. Die strauchelt, hinfällt, ihre Krone zurechtrückt und in Cowboystiefeln weiterstolziert. Eine Geschichte über eine alleinerziehende Mutter, der dankenswerter Weise kein rettender Ritter beispringt, die trotzdem nach Selbstverwirklichung strebt und die zudem noch in Konflikt mit ihrer eigenen Mutter steht, der ihrerseits der Mut zur Erfüllung ihres eigenen Lebenstraums fehlte. Eine Geschichte, die ähnlich wie seinerzeit „Billy Elliot“ Sozialkritik mit Drama und einer guten Portion trockenen, britischen Humors mischt; die Butterbrot-Variante von „A Star is Born“. Und nicht zuletzt: eine Geschichte über Wurzeln. Ohne die auch eine kleine Wildblume niemals blühen würde.

Wild Rose
Ab 12.12.19 im Kino 


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Zeitreise: Metropolis Kino feiert 40. Jubiläum

Das kommunale Kino ist mehr als ein Leinwandtempel: Es ist ein Ausstellungsraum für Filme, die sonst nicht in Hamburg zu sehen sind. Und das seit 40 Jahren

Text: Maike Schade

 

Es war Mitte der 70er Jahre. Eine Gruppe avantgardistischer Filmemacher aus Hamburg gründete eine Initiative. Das Ziel: ein kommunales Kino, um zum einen das eigene Filmschaffen, vor allem aber auch Filme abseits des Mainstreams – aktuell wie historisch – der Allgemeinheit zugänglich zu machen. „Zunächst wurde das von Seiten der Politik misstrauisch beäugt. Filmemacher, experimentelle noch dazu. Was für ein linker Haufen mochte das sein, und wer weiß, was sie wirklich vorhatten?“, erinnert sich Martin Aust, heute Geschäftsführer des Metropolis Kino.

Es wurde ein exemplarisches Filmprogramm zusammengestellt und gezeigt, verhandelt, geredet – „und plötzlich war das Geld da“. Auch ein Geschäftsführer wurde gefunden: Heiner Roß, damals tätig im Arsenal Kino in Berlin, das mit seinem Programm Vorbild für das Hamburger kommunale Kino war.

 

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Von Anfang an dabei: der heutige Geschäftsführer Martin Aust (Foto: Kinemathek Hamburg)

 

Auch ein Raum für das neue Kino war bereits anvisiert: das (seit 1982 geschlossene) Programmkino Klick auf St. Pauli, in dem die Initiative schon seit Jahren seine Programme gezeigt hatte. „Aus irgendeinem Grund platzte die Vereinbarung aber. Und nun stand das kommunale Kino da: mit Geld, mit einem Plan und einem Geschäftsführer – aber ohne Räume.“ Heiner Roß, so erzählt Martin Aust, hat sich damals auf die Suche gemacht.

Irgendwann landete er im Kino am Dammtor, seinerzeit noch Aktualitäten­ und Neuheitenkino. „Er ging hinein, kaufte eine Eintrittskarte und sah sich einen Film an. Danach kaufte er eine weitere, sah noch einen Film. Und noch einen. Danach ging er zur Kassiererin und sagte: Ich möchte das Kino mieten. Die Kassiererin war konsterniert, fürchtete um ihren Job. Heiner Roß sagte: Sie miete ich mit. Haben Sie keine Sorge. Und er bekam das Kino – und die Kassiererin, Frau Herta Prigge, blieb noch viele Jahre bei uns.“ Zumindest, so Aust, sei das die Geschichte, die Roß erzählte.

Eines ist definitiv eine Tatsache: Mitte Oktober 1979, vor rund 40 Jahren, wurde das Me­tropolis Kino – benannt nach dem gleichnamigen Film von Fritz Lang, der zur Eröffnung ge­zeigt wurde – eingeweiht.

 

 

Martin Aust war von Anfang an dabei. Eher zufällig, wie er heute sagt: „Ich kam als Student nach Hamburg und hatte einen Job beim Filmfest. Da lernte ich Heiner Roß kennen, und er fragte mich, ob ich nicht in dem neuen Kino arbeiten wollte. Klar wollte er. „Ich habe alle möglichen Jobs da gemacht, zum Beispiel die Filmrollen, die tagtäglich am Bahnhof Dammtor per Express ankamen oder losgeschickt werden mussten, mit dem Auto hin-­ und hergefahren.“ Nach und nach war er aber immer mehr in die Programmgestaltung eingebunden, und als der bisherige Programmchef im Jahr 1986 das Kino verließ, bekam er den Job. Seit 2005 ist er Geschäftsführer. Das Programm macht er noch immer.

 

Zeitzeugnisse und Kunst

 

Und das unterscheidet sich fundamental von dem anderer Hamburger Kinos. Denn ein solches im eigentlichen – kommerziellen – Sinne sei das Metropolis nicht, sagt Aust: „Ich sehe uns mehr als Ausstellungsraum für Filme.“ Eine Art Museum, im dem das ansonsten nicht zugängliche Werk Filmschaffender aus über einem Jahrhundert für alle zu sehen ist, vom Stummfilm mit Live­-Musik der 1920er Jahre bis hin zum utopischen Experimentalfilm der Gegenwart, digital, aber auch auf 8, 16 und 35 Millimetern, abgespielt von zwei Filmprojektoren.

Dafür hat das Metropolis Kino ein eigenes Archiv aus mittlerweile rund 5.500 Fil­men, die in einem Keller in St. Georg fachgerecht verwahrt werden. Darunter befindet sich das Belegarchiv der Filmförderung Hamburg Schleswig-­Hol­stein plus eine große Sammlung aus Werken von US-­amerikanischen Exil­-Hamburgern aus den 1940er Jahren, die vor den Nazis nach Amerika geflohen waren – Zeitzeugnisse und Kunst zugleich, wie Aust sagt.

Die Relevanz des kommu­nalen Kinos – oder der Kine­mathek, wie sich der Verein, der Kino und Archiv betreibt, nennt – sei in der Politikaner­ kannt, sagt Aust. Zu zwei Dritteln wird das Kino von der Stadt subventioniert, ein Drit­tel spielt es selbst ein.

Das Pu­blikum sei dabei so bunt wie das Programm. Tendenziell älter, ja, „aber ich bin überzeugt, das wächst nach. Irgendwann ha­ben die Leute genug vom Pop­corn-­Kino und wollen mehr sehen.“ Die Auslastung sei konstant und in Ordnung. Reichen tut das Geld trotzdem nie. „Wir zeigen die Filme ja nur zwei oder drei Mal, und die Ausleihe der Filme kostet manchmal horrend viel Geld.“ Ganz zu schweigen von der nötigen Digitalisierung der Archiv­Schätze – irgend­wann wird das Filmmaterial auf den Rollen mürbe. Und ir­gendwann, auch wenn das lange dauert, ist es unbrauchbar und für immer verloren.

 

Originalzustand der 1950er Jahre

 

Nicht nur die gezeigten Filme entführen in vergangene Zeiten. Auch das Kino selbst: Der Saal ist (bis auf brand-­ und sicherheitstechnische Kleinigkeiten) im Originalzustand der 1950er Jahre. Dabei stand das auf der Kippe, als das Gebäude im Jahr 2008 von Investoren auf­gekauft wurde und abgerissen werden sollte. Doch der Kino­saal wurde unter Denkmal­schutz gestellt und Stuhl für Stuhl, Schraube für Schraube sorgfältig abgebaut, eingela­gert und absolut originalgetreu wieder aufgebaut.

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Im Filmtheater Dammtor fand das Metropolis sein Zuhause (Foto: Kinemathek Hamburg)

Nicht im Erd­geschoss, wie früher, sondern ein Stockwerk tiefer im Keller. Aber dennoch. Der Besuch einer Filmvorführung im Metropolis Kino ist wie eine Zeitreise – in die längst verflogene Vergangenheit, in die jüngere, manchmal auch in die Zukunft. Eine Er­fahrung ist es immer.

Das Jubiläum feiert das Metropolis Kino für die Öf­fentlichkeit (plus den 30. Ge­burtstag des Hamburgischen Filmforschungszentrums Cine­ Graph) ab dem 26. Oktober mit einem vielseitigen Programm, unter anderem mit einer vir­tuellen Reise ins Archiv. Mehr Infos dazu auf der Homepage.

metropoliskino.de


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Disney, Pollock und Warhol: Neue Ausstellung

Disney, Rockwell, Pollock und Warhol und ihr Beitrag zum American Way of Life

Text: Karin Schulze

 

Nach den Herren Ba­selitz, Richter, Pol­ke und Kiefer, die in den Deichtorhallen mit ihrem überwiegend durchaus ein­drucksvollen Frühwerk Hof halten, marschiert jetzt eine weitere Garde weißer männ­licher Megakünstler auf: Dis­ney, Rockwell, Pollock und Warhol. Kann das interessant sein? Welchen kühnen Faden schlingt die Ausstellung des Bucerius Kunst Forums um das heterogene Quartett aus einem Trickfilm­-Entrepreneur, einem Americana­-Illustrator und den zentralen Protagonisten des abstrakten Expressionismus und der Pop­ Art?

Alle vier jedenfalls haben Mitte des vergangenen Jahrhunderts die visuelle Kultur der USA entscheidend geprägt. Dabei versucht die Ausstellung zweierlei zu zeigen: Wie prägten ihre Protagonisten das Bild des American Way of Life? Und wie ebneten sie das Gefälle zwischen Avantgarde und Kulturindustrie ein, sodass am Ende, was vorher als „lowbrow“ (Disney), „middlebrow“ (Rockwell) und „highbrow“ (Pollock) galt, in die Pop ­Art Warhols mündete.

Der Trickfilmkünstler und ­produzent Walt Disney (1901– 1966) schaffte mit seinen technisch stets innovativen und mit­ unter auch gewagten Filmen wie „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ oder „Fantasia“ den Weg vom Cartoon zum Medien­imperium. Sein Hang zum Niedlichen stiftete einerseits zu kultureller Verkindlichung an, setzte aber auch ein neues verspieltes Kreativpotenzial frei.

 

 

Norman Rockwell (1894– 1978), der mit Disney befreundet war, schuf sein Werk vor allem in Gestalt der Coverentwürfe für das Massenblatt „The Saturday Evening Post“. Die Motive setzte er meist zuerst mit Modellen in Szene, die er über fotografische und gezeichnete Zwischenstufen am Ende in ein Ölbild übertrug. Sind seine Arbeiten lange konservativ und Moderne­ feindlich ausgerichtet, steht sein „The Connoisseur“ (1961) dann schon vor einem „Pollock“, den Rockwell durchaus ehrfurchtsvoll nachgeschöpft hat.

Jackson Pollocks (1912– 1956) Erfindung des Drip ­Paintings wird im Kalten Krieg als freiheitsliebend und typisch amerikanisch vermarktet. Und Andy Warhol (1928–1987), der Rockwell-­Fan war und zwei seiner Werke besaß, schuf einen Popkulturkosmos aus Siebdrucken, Objekten, Filmen, Partys und medialen Produkten, der die Grenzen zwischen Kunst und Ware, Starkult und Lifestyle einriss.

Interessant ist die Frage nach dem Beitrag der vier zu einer spezifischen US­-Kultur allemal. Vielleicht aber wäre dieser Stoff – distanziert und ernsthaft ideologiekritisch beleuchtet – zwischen Buchdeckeln besser aufgehoben.

Bucerius Kunst Forum: Amerika! Disney, Rockwell, Pollock, Warhol, bis 12.1.2020


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Lara: Neuer Film von Jan-Ole Gersters

Lange sieben Jahre nach seinem gefeierten Debüt „Oh Boy“ kommt Jan-Ole Gersters zweiter Film ins Kino: „Lara“, mit einer fantastischen Corinna Harfouch in der Hauptrolle. Das Warten hat sich gelohnt

Text und Interview: Bettina Aust, Christian Aust

 

Vor sieben Jahren eroberte Jan-Ole Gerster mit seinem schwarz-weißen Debütfilm „Oh Boy“ und Tom Schilling in der Hauptrolle sämtliche Herzen, die des Publikums, der Kritiker und der Jurys diverser nationaler und internationaler Festivals. Man wollte sofort den nächsten Gerster-Film sehen, musste sich dann aber in unendlicher Geduld üben. Jetzt ist er endlich fertig und heißt „Lara“.

Dabei seufzt man innerlich immer wieder „Oh Lara“. Denn Antiheldin Lara Jenkin (Corinna Harfouch) macht sich das Leben unnötig schwer. Ihr sechzigster Geburtstag steht an. Nur will den niemand mit ihr feiern. Selbst den verliebten Nachbarn vergrault sie mit ihrem ätzenden Zynismus.

Die Ursache für ihre fortgeschrittene emotionale Verwahrlosung gründet in einem Jugendtrauma. Ein Klavierlehrer bescheinigt seiner eifrigen Schülerin Talentlosigkeit. Sie verwirft ihren Traum von einer Karriere als Pianistin und arbeitet als leitende Beamtin bei der Stadtverwaltung.

 

Teil der Gesellschaft

 

In einem Akt der Verzweiflung hebt Lara nun ihr Guthaben vom Konto ab und kauft sämtliche Restkarten für ein Konzert ihres Sohnes (Tom Schilling), um sie an irritierte Ex-Kolleginnen und Fremde zu verschenken. Freunde hatte sie nie, bei der Arbeit wurde sie eher gehasst als respektiert. Auch das Mutter-Sohn-Verhältnis ist eine Katastrophe. Schließlich hat sie den virtuosen Pianisten, der an diesem Abend sogar sein Debüt als Komponist feiern will, jahrelang mit ihrer sezierenden Kritik gemartert. Hat er doch gewagt, wozu seine Mutter nie den Mut hatte.

„Lara“ ist eine feierliche Hommage an Corinna Harfouch. Ähnlich wie Michael Haneke seine Muse Isabel Huppert, lässt Haneke-Fan Jan-Ole Gerster ihr hier in jeder Szene den Raum zu strahlen, immer wieder auch wunderbar schräg, und findet dafür auch noch extrem stylishe Bilder. Da wirkt selbst eine trostlose Neubausiedlung hip.

Wie in „Oh Boy“ scheitert hier ein Mensch bei dem Versuch, sich in die Gesellschaft einzugliedern, trotzdem glücklich zu werden – und an den eigenen Erwartungen. Der zeitliche Rahmen sind wieder die 24 Stunden eines Tages, Ort ist wieder Berlin. Doch die Zutaten Komik und Tragik sind in anderen Mengenverhältnissen dosiert. Der lässige Witz des Vorgängers ist immer mit der Schwere der Verzweiflung durchwirkt. Ein reiferer Jan-Ole Gerster betritt auch mit seinem zweiten Film Neuland: das Schauspielerinnen-Kino – ein Genre, das in Deutschland unterrepräsentiert ist. Und allein wegen Corinna Harfouch hat sich das Warten gelohnt.

 

 

SZENE HAMBURG: Jan­-Ole, Lara wird von ihrem Klavierlehrer der­artig entmutigt, dass sie ihre ganze Karriere hin­schmeißt. Wenn du so gestrickt gewesen wärst, dann wärst du nicht weit gekommen: Es heißt, du hast dich vierzig Mal bei der Produktions­ firma X­-Filme beworben?

Jan-Ole Gerster: Ich weiß nicht, ob es vierzig Mal waren. Aber es stimmt, ich hatte eine gewisse Hartnäckigkeit. Ich bin in der Provinz groß geworden, hatte den dringenden Wunsch, beim Film zu arbeiten und fand, dass die Firma X-Filme zu dem Zeitpunkt die interessantesten deutschen Filme produzierte. Die war damals der heiße Scheiß mit Filmen wie „Das Leben ist eine Baustelle“, „Absolute Giganten“ oder „Lola rennt“.

Ich habe mich dann als Praktikant beworben, aber natürlich erst mal nichts von denen gehört. Trotzdem habe ich immer wieder dort angerufen. Die waren sich zwischenzeitlich nicht sicher, ob ich ein bisschen irre bin oder wirklich nur den Job wollte. Schließlich durfte ich irgendwann zum Gespräch vorbeikommen und hatte kurz darauf mein Praktikum. Später wurde ich Assistent von Wolfgang Becker, einem der Gründer von X-Filme, und habe die Entstehung von „Good- bye, Lenin!“ begleitet. So fing alles an.

Mit „Lara“ hast du ein Drehbuch verfilmt, das du nicht selbst geschrieben hast. Was hat dich an diesem Stoff vor allem berührt?

Das Drehbuch hatte eine große Wirkung auf mich. Lara ist eine sechzigjährige Frau, hat einen erwachsenen Sohn hat und liebt klassische Musik. Die Gemeinsamkeiten waren erst mal nicht so augenscheinlich. Und trotzdem gab es irgendetwas in der Geschichte, das mich betraf. Das hat sicher damit zu tun, dass ich Leute mit einer großen Leidenschaft interessant finde. Und ich finde es sehr tragisch, wenn diese Leidenschaft nicht gelebt werden kann. Das ist wie eine unerwiderte Liebe

Inwiefern kennst du dieses Gefühl?

Es geht um Zweifel und die permanente Angst, deinen eigenen Absolutheitsansprüchen nicht zu genügen. Mit diesem Thema haben viele Menschen in künstlerischen Prozessen zu tun. Ich hatte diese Zweifel vor allem als Filmstudent. Man hat das natürlich nie ausgesprochen, wusste aber, dass, wenn der Debütfilm nicht einschlägt, es schwer sein würde, weiterzumachen.

Ich habe mich gefragt: Was passiert, wenn ich scheitern werde? Dann würde das Kino, das ich so sehr liebe, plötzlich zu einer schlechten Erfahrung werden. Und ich würde zum Zaungast meiner eigenen Leidenschaft werden. In Laras Figur habe ich all diese Ängste und Zweifel wiedererkannt. Bei ihr haben sie dazu geführt, dass sie ihren Traum aufgibt und Platz macht für andere. An diesem Punkt war ich auch.

 

„Grausamer als zu scheitern ist es, es gar nicht probiert zu haben“

 

Und warum hast du dann trotzdem weitergemacht?

Weil ich fand, dass eine Sache noch grausamer ist als zu scheitern: nämlich die, es gar nicht erst probiert zu haben. Das wollte ich mir ersparen, dass ich irgendwann wie Lara auf mein Leben zurückblicke und mich frage: Warum habe ich das eigentlich nicht gemacht? Warum habe ich es nicht wenigstens probiert? Und dann habe ich mich eines Besseren besonnen und brav meinen Abschlussfilm gedreht.

Und dieser Film, „Oh Boy“, wurde gleich ein richtiger Hit. Hast du trotz­dem noch Zweifel an deinen Fähig­keiten als Regisseur?

Es ist wichtig, dass es so ist. Ich bin zum Glück weit davon entfernt, routiniert zu sein. Ich habe zwei Filme gedreht und frage mich jetzt, kriege ich auch einen dritten hin – und wird er gut oder bestenfalls brillant sein? Man muss sich immer fragen, wo ist die Herausforderung? Was ist der Kern,
zu dem man vordringen will, auch erzählerisch? Welche Angst gilt es zu überwinden? Ich will nicht einer dieser Regisseure werden, die am Set immer und immer wieder das gleiche Ding durchziehen. Dafür ist mir das Filmemachen zu heilig.

Die Fans von „Oh Boy“ hatten gehofft, dass du gleich mit dem nächsten Knaller nachlegst. Warum hat es dann doch sieben Jahre gedauert?

Mir war es wichtig, dass ich sicherstelle, dass der zweite Film nach meinen Bedingungen gedreht werden kann. Und ich nicht als „Auftragsregisseur“ von einem Projekt zum nächsten springe und gar nicht so genau weiß, warum ich diese Filme mache.

Ich versuche, irgendetwas zu finden, mit dem ich etwas von mir zeigen kann. Mit „Oh Boy“ war es so, dass er mich fast zwei Jahre in Schach gehalten hat. Nach etlichen Festivals und Auslandsstarts kam ich irgendwann im Sommer 2014 mit einem regelrechten „Oh Boy“-Kater nach Hause und war, ehrlich gesagt, von dieser Aufmerksamkeit ein bisschen erschlagen.

Stimmt es tatsächlich, dass dich ein Lob von Regisseur Michael Haneke etwas blockiert hat?

Michael Haneke hat mir sehr überraschend ein schönes Kompliment gemacht. Das war ein absolutes Highlight – fast wie eine Audienz beim Papst. Seine E-Mail endete mit den Worten: „Ich freue mich auf Ihren nächsten Film.“ Dieser Satz hing die ganze Zeit über mir. Oh Gott, Haneke guckt sich meinen nächsten Film an – wahrscheinlich hatte er unsere kurze Korrespondenz zwischenzeitlich schon wieder längst vergessen, aber ich habe ihn Anfang des Jahres bei einer Buchpräsentation getroffen und ihm erzählt, dass er für meine jahrelange Blockade verantwortlich sei.

Da hat er gelacht und gesagt, dass ich nicht so lange warten soll. Ich habe das nie so gesehen, aber jetzt erkenne ich darin fast eine Parallele zu Laras Begegnung mit ihrem ehemaligen Professor. Erstaunlich, wie viel Gewicht diese beiläufig gesagten Sätze haben können.

Wie weit hat Hanekes Arbeit dich da­rüber hinaus inspiriert?

Ich will eigentlich gar nicht so gern darüber reden, da Haneke einer der ganz Großen des Kinos ist. Davon bin ich Lichtjahre entfernt. Aber natürlich bin ich ein großer Fan. Dass mein Film nun oberflächlich ein, zwei Ähnlichkeiten zu „Die Klavierspielerin“ aufweist, ist allerdings ein Zufall.

Beide Hauptfiguren sind in einem ähnlichen Alter und bewegen sich in der Welt der klassischen Musik. Ich habe stets den Anspruch originell zu sein, aber diese Parallele hat mich tatsächlich nicht weiter gestört. Dafür finde ich beide Filme eigenständig und unterschiedlich genug. Hanekes Film ist ein Meisterwerk – meiner ist auch nicht schlecht.

Lara: Regie: Jan-Ole Gerster. Corinna Harfouch, Tom Schilling, André Jung. ab 7.11. in den Kinos


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Nora Fingerscheidt über ihren Film „Systemsprenger“

„Systemsprenger“ werden im Amtsjargon Kinder genannt, die in keiner Familie, keinem Heim klarkommen. Die Wahlhamburgerin Nora Fingscheidt hat einen ebenso berührenden wie bestürzenden Film über solch ein Mädchen geschaffen

Text und Interview: Sabine Danek
Foto: Yunus Roy Imer – Port au Prince Pictures

 

Gleich mit ihrem ersten Spielfilm hat die Hamburger Regisseurin Nora Fingscheidt es in den Wettbewerb der Berlinale geschafft – und den Silbernen Bären gewonnen. Mit einem Drama wie eine Urgewalt, das von einem Mädchen erzählt, wie man es zuvor nicht kannte.

Von der neunjährigen Benni, die von ihrer überforderten Mutter der Fürsorge übergeben wurde, die Bobby-Cars durch die Gegend schmeißt, die tobt, schreit und abhaut. 27 Heime und Wohngruppen hat sie hinter sich, denn sie will einzig an einen Ort zurück: zu ihrer eigenen Mutter. Bennis Kampf um Liebe ist eine Tour de Force, die weit über die Geschichte hinausreicht, die einen zutiefst berührt, bestürzt und atemlos zurücklässt.

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Mehrfach ausgezeichnet: Nora Fingscheidt (Foto: Philip Leutert)

SZENE HAMBURG: Nora Fingscheidt, Sys­temsprenger ist ein so kalter und ungewöhnlicher Begriff. Wie wurde er Titel?

Nora Fingscheidt: Als ich das Wort das erste Mal gehört habe, ging es mir genauso. Das war während der Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm für die Caritas. Wir haben in einem Heim für wohnungslose Frauen gedreht, einem nicht sehr hoffnungsvollen Ort, wo eines Tages ein 14-jähriges Mädchen einzog.

Ich war schockiert darüber! Aber die Sozialarbeiterin erklärte uns gelassen, sie sei eben ein Systemsprenger. Das Wort ist so hart wie eindrücklich, es klingt nach Explosion und beschreibt gleichzeitig etwas sehr Tragisches. Von da an hat der Begriff mich begleitet.

Du hast auch das Drehbuch geschrie­ben. War es bei dieser Geschichte besonders wichtig, sie von Anfang an zu entwickeln?

Es gibt Stoffe, denen muss man sich einfach selber annähern. Ich hätte das Drehbuch gerne mit jemandem zusammen geschrieben, aber es gab Zeitprobleme. Es alleine zu schreiben war schon recht anstrengend.

War das Mädchen aus dem Haus für wohnungslose Frauen Vorbild?

Auf eine Weise schon, denn sie war der Ausgangspunkt für eine vierjährige Recherche. Die habe ich aber nicht nonstop betrieben, sondern zwischendurch immer wieder geschrieben. Ich war für zwei Wochen in einer Wohngruppe und habe anschließend an dem Drehbuch gearbeitet, dann eine Woche in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, wieder geschrieben, zehn Tage in einer Schule für Erziehungshilfe und so weiter.

Am Ende war ich noch einmal zehn Tage in einer Inobhutnahmestelle. Das war hart. Dorthin kommen die Kinder direkt aus den Familien, wenn es Zuhause eskaliert.

 

„Mein Weltbild hat sich ziemlich verdüstert“

 

Wie nahe geht einem so ein Projekt?

Sehr nahe. Mir ist es schwer gefallen, die vielen tragischen Fälle zu verarbeiten, die furchtbaren Familiengeschichten der Kinder, ihre Traumata und ihre Hilflosigkeit. Mein Weltbild hat sich ziemlich verdüstert und irgendwann konnte ich nicht einmal mehr U-Bahn fahren, ohne mögliche Fälle von Kindesmissbrauch zu sehen.

Ich habe dann ein Jahr pausiert und einen Dokumentarfilm über Mennoniten in Argentinien gedreht. Das Eintauchen in eine so andere Welt ohne Strom, ohne Internet und weltpolitische Überlegungen, in der nur das demütige Leben Gott gegenüber zählt, war gut. Auch wenn es dort andere Konflikte und Kindheitsprobleme gab, hat es die Dinge wieder etwas ins Verhältnis gerückt.

Die damals zehnjährige Helena Zengel, die im Film Benni spielt, war eine der ersten, die für diese Rolle vorgesprochen hat. Dennoch hast du noch viele andere gecastet.

Als ich das Drehbuch geschrieben habe, dachte ich, dass ich nie ein Kind finden werde, das diese Rolle spielen kann. Geschweige denn, dass ich Eltern finde, die das erlauben. Als wir schließlich das erste Casting hatten, war Helena tatsächlich das siebte Kind, das vorgesprochen hat. Ich war beeindruckt, aber habe mich nicht getraut, schon aufzuhören. Michael Haneke hat für „Das weiße Band“ 6.500 Kinder gecastet. Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, dass es so einfach sein kann.

Doch sie ist es dann geworden.

Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich alle anderen Mädchen mit Helena vergleiche. Die Aggression immer auch mit einer solchen Not zu spielen, mit etwas Verletzlichem und gleichzeitig Gefährlichem, das habe ich bei keiner anderen gefunden.

Wie geht man mit einem Kind um, das solche Extreme spielen muss?

Man lässt sich viel Zeit. Sechs Monate vor Beginn der Dreharbeiten haben Helena und ich angefangen, Bennis Charakter zu erforschen, wir haben zusammen Bennis Klamotten ausgesucht. Bennis kleiner Drache war Helenas Idee. Wir haben aufgelistet, wie Benni in verschiedenen Situationen reagiert und wie Helena, damit sie das nicht vermischt.

Gleichzeitig hatten wir so viele Drehtage, dass wir nur ein, zwei Filmminuten am Tag drehen mussten. Komprimiert in zwei Stunden Film sieht es schon so aus, als würde Benni ständig ausrasten, aber wir hatten auch ruhige und lustige Drehtage.

 

 

Wenn Benni ausrastet, wird die Leinwand pink und zu einem Kaleidoskop aus Bildsplittern. Wie kam es dazu?

Ansätze gab es schon im Drehbuch, in das ich Träume, beziehungsweise Albträume hineingeschrieben habe. Aber irgendwie steckten sie voller Klischees. Weil Helena als Kind nur fünf Stunden am Tag arbeiten darf, haben der Kameramann Yunus Roy Imer und ich damit begonnen, nach ihrem Drehschluss mit bunten Glühbirnen und Makroobjektiven zu experimentieren. Der Schnittmeister hat das weitergesponnen und so ist Schritt für Schritt diese Filmsprache entstanden.

Der Film baut eine unglaubliche Span­nung auf, alles scheint möglich. Wie schwer war es, da einen Schluss zu finden?

Das war wahnsinnig schwer. Es gab viele verschiedene Versionen, manche waren ganz ruhig. Aber schließlich wollten wir es knallen lassen. Wir haben versucht, Bennis Energie in alle Ebenen des Films zu übertragen, in die Farben, den Schnitt, die Tongestaltung und in die Dramaturgie. Auch das Ende entspricht ihrer Intensität. Es wird sehr ambivalent aufgenommen, aber ich möchte nicht zu viel verraten.

Für wen ist der Film?

Für Menschen, die sich für Kinder interessieren, ab 20 Jahren aufwärts bis in die hohen 70er. Auf den Festivals habe ich beobachten können, wie die unterschiedlichsten Leute von dem Film berührt sind.

Er handelt auch von der Liebe selbst, davon, was sie kann und wie viele Facetten sie hat.

Ja, von dem Bedürfnis des Menschen nach bedingungsloser Liebe und was passiert, wenn einem diese entzogen oder verweigert wird. Bis heute hat der Film 19 Preise gewonnen und das auf der ganzen Welt, in Taiwan, Portugal, der Ukraine oder auf dem Balkan. Auch wenn er im deutschen Sozialsystem angesiedelt ist, scheint er etwas ganz Universelles zu berühren.

Auf der Berlinale hat der Film den Silbernen Bären gewonnen. Wie war es, auf Anhieb im Wettbewerb zu sein? Und ab wann denkt man, dass man vielleicht gewinnen könnte?

Es war natürlich total großartig, aber gleichzeitig ist das alles auch ziemlich an mir vorbei gerauscht. Ich bin aus der völligen Überarbeitung in die Berlinale geschlittert. Der Film wurde nur drei Tage vorher fertig, erst am Tag vor der Premiere konnte ich mir ein Kleid besorgen.

Bevor ich mich besinnen konnte, war die Berlinale vorbei und plötzlich stand ein Bär in unserer Küche. Im Nachhinein kann ich das sehr genießen, aber währenddessen habe ich mich eher wie in einem Tornado gefühlt. Und damit gerechnet, wirklich einen Preis zu gewinnen, haben wir sowieso nie.

Systemsprenger: Ab 19.9.2019 im Kino


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Reeperbahn Festival 2019: Newcomer & Netzwerker

Auch die diesjährige Ausgabe des Reeperbahn Festivals bietet Unterhaltungshöhepunkte en masse

Text: Erik Brandt-Höge
Foto (o.): Marvin Contessi

 

Es ist Europas größtes Club­festival, Treffpunkt für Mu­sikschaffende aus der ganzen Welt und, nicht zuletzt, eine Riesenchance für Newcomer aus allen denkbaren Genres, sich vor der breiten Masse zu prä­sentieren: das Reeperbahn Fes­tival. Rund um die Partymeile von St. Pauli stehen auch in diesem Jahr wieder Highlights aus Musik, Film, Literatur und Bildender Kunst auf dem Programm, 900 Veranstaltungen sind es zusammen, auch Kon­ferenzen, Sessions, Showcases, Networking­-Events und Preis­verleihungen zählen dazu. Prinzenbar, Molotow, Uebel & Gefährlich, Imperial Thea­ter, Elbphilharmonie: An ins­gesamt 90 Spielorten zieht das Festival vom 18. bis 21. Septem­ber ein.

Erstmals wird auch das Planetarium für eine besondere Festivaleinlage genutzt: Der isländische Multiinstrumentalist, Songschreiber und Produzent Ólafur Arnalds führt im be­rühmten Hamburger Sterneguckerparadies an vier Abenden eine eigens fürs Reeperbahn Fe­stival geschriebene Show auf. Die ist natürlich nicht das ein­zige diesjährige Highlight, wie RBF-­Pressesprecher Frehn Ha­wel erzählt: „Hervorzuheben ist auch unsere neue, glamouröse Eröffnungsveranstaltung ‚Doors Open‘ am Mittwoch im Operet­tenhaus. Unsere Moderatoren Charlotte Roche und Ray Cokes bringen hier in einer kompakten einstündigen Show mit zwei hochkarätigen Live­-Acts (Dope Lemon und Feist; Anm. d. Red.) alle wichtigen Facetten des Ree­perbahn Festivals zusammen.“

 

Seht hier den Trailer für das Reeperbahn Festival 2019

 

Auch die Jury des internationa­len Musikpreises „Anchor“ wird sich im Operettenhaus vorstel­len, nämlich die Produzenten Bob Rock und Tony Visconti, die Musikerinnen Kate Nash und Peaches, Beatsteaks­-Front­mann Arnim Teutoburg­-Weiß und Moderatorin Zan Rowe aus Australien, dem diesjäh­rigen Partnerland des Reeper­bahn-Festivals. Nachdem sich bereits Down­-Under­-Künstler à la Kim Churchill, Parcels und The Temper Trap auf dem Ree­perbahn Festival gezeigt haben, kommen in dieser Ausgabe beim The Aussie BBQ Showcase im Molotow (Freitag) neue Hoff­nungsträger zum Zug.

Ebenso empfehlenswert: die von RockCity Hamburg präsen­tierten Music Women Germany (Donnerstag). Förderung, Ver­netzung und allgemeine Sicht­barmachung von Frauen in der Musikwirtschaft sind die Ziele dieser ersten Dachorganisation für weibliche Musikschaffende in Deutschland. Von Musike­rinnen bis Managerinnen sind alle eingeladen, sich auszutau­schen und ihre Positionen zu stärken. Auch von RockCity ge­managt wird „PopReception“, ein Frühstück mit Fisch, Schnaps und sicherlich einigen anre­genden Gesprächen (Freitag).

Und Besucher, die zwischen Konzerten von beispielsweise Dermot Kennedy, Dagobert, Frittenbude, Mighty Oaks und Tusks verschnaufen möchten, können dies in der Idylle auf dem Arts Playground und dem Vil­lage Future Playground auf dem Heiligengeistfeld bei Getränken und Snacks.

Reeperbahn Festival: 18.-21.9.2019


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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„Und wer nimmt den Hund?“: Eine Trennungsgeschichte

Schöner kann eine Ehe nicht scheitern: Rainer Kaufmann hat mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur in den Hauptrollen eine kluge, humorvolle Trennungsgeschichte inszeniert

Text & Interview: Maike Schade

 

Georg und Doris sind seit 25 Jahren verheiratet. Er ist Direktor eines Aquariums, sie hat ihre künstlerische Laufbahn samt Traum von der eigenen Galerie aufgegeben und sich stattdessen um den Haushalt und die mittlerweile erwachsenen Kinder gekümmert. Leidenschaft? Schon lange nicht mehr. Klar, was dann passiert: Georg (Ulrich Tukur) verliebt sich in seine neue, 30 Jahre jüngere, ebenso hübsche wie intelligente Assistentin, die Doris (Martina Gedeck) vom Typ her durchaus ähnelt. Gefühle im Überschwang, die Liebe seines Lebens, das Aus für die Ehe.

Es ist eine auf den ersten Blick schon viel zu oft erzählte, ärgerlich stereotype Geschichte mit ebenso stereotypen Charakteren, die Drehbuchautor Martin Rauhaus sich ausgedacht hat. Das ist bei seinen Vorlagen häufig das Problem – zum Beispiel „Das Familienfest“, inszeniert vom wunderbaren Lars Kraume, krankte an zu grob gezeichneten Figuren und ebensolcher Handlungsentwicklung. Auch bei „Und wer nimmt den Hund?“ – übrigens komplett in Hamburg gedreht und produziert – wirkt der Plot stellenweise ein bisschen wie mit der Axt geschnitzt. Doch es gibt auch viele wunderbar pointierte, kluge Dialoge und den einen oder anderen überraschenden, humorvollen Twist. Zwei großartige Hauptdarsteller. Eine tolle Kamera (Klaus Eichhammer). Einen köstlich ironisch anmutenden, beschwingten Big-Band-Soundtrack (Jörn Kux, Jan-Peter Klöpfel). Und einen fähigen Regisseur.

 

Typische Beziehungsgeschichte

 

Schon vor 24 Jahren bewies Rainer Kaufmann mit „Stadtgespräch“ (mit Katja Riemann), dass er auch aus einer noch so typischen Beziehungsgeschichte etwas Mitreißendes herausholen kann. So auch hier. Fast dokumentarisch lässt er seine Protagonisten stellenweise frontal in die
Kamera erzählen, was denn in der Ehe so alles schiefgelaufen ist. Anlass hierzu bietet die Trennungstherapie, die Doris und Georg machen – eine feine Idee von Autor Rauhaus, mittels der er ohne große Verrenkung und erhobenen Zeigefinger den Dynamiken und Mechanismen einer langjährigen Ehe psychologisch auf den Grund gehen kann.

Denn Georg und Doris ist passiert, was vielen geschieht: Sie haben sich auseinandergelebt. Sich aus den Augen und das Interesse füreinander verloren. Als nun die hübsche Laura (Lucie Heinze) auftaucht und sich im bläulichen Licht vor den Quallen-Aquarien fast wortwörtlich dieselbe Kennenlernszene abspielt wie fast drei Jahrzehnte vorher mit Doris, ist Georg verzaubert, fühlt sich wieder lebendig und verrückt – so wie damals. Und so, wie er es mit Doris als Ziel auf der gemeinsamen Lebensliste notiert hatte, auf der die meisten Punkte aber immer noch unerledigt sind.

 

 

Im Laufe der Trennungstherapie kommen viele verschüttete oder nie gesagte Dinge ans Licht. Kein Wunder also, dass das, was eigentlich einen Rosenkrieg vermeiden sollte, zu einer aufwühlenden emotionalen Berg- und Talfahrt führt, bei der die Frage „Und wer nimmt den Hund?“ irgendwann gar nicht mehr so wichtig ist. Wie schon in „Gleißendes Glück“ ziehen Martina Gedeck und Ulrich Tukur alle Register ihres schauspielerischen Könnens. Und so entwickelt sich die scheinbar so uralte, langweilige Geschichte zu einer sehenswerten Komödie mit Tiefgang, die dazu einlädt, die eigene Beziehung mal wieder zu hinterfragen.

SZENE HAMBURG: Frau Gedeck, was halten Sie von einer Trennungstherapie?

Martina Gedeck: Ich finde eine therapeutische Begleitung für Paare grundsätzlich gut, weil das eine positive Auswirkung auf die Streitkultur und die Form des Umgangs miteinander haben kann. Das kann bei einer Krise helfen, aber bestimmt auch bei einer Trennung. Vor allem, wenn Kinder da sind, möchte man ja vielleicht so auseinandergehen, dass man trotzdem weiterhin in gutem Kontakt sein kann.

Wie steht es um Ihre eigene Streitkultur, sind Sie gut im Streiten?

Ich mag Konflikte nicht unbedingt, und ich bin auch kein großer Fan von Streitgesprächen – vor allem auf einer Ebene, bei der man außer sich gerät. Mir ist es lieber, wenn man sich anders einigt. Aber manchmal ist es eben doch notwendig, klare Fronten zu ziehen und dem Partner klarzumachen, dass irgendetwas für einen so nicht in Ordnung ist. Ich finde es allerdings gut, wenn man im Streitgespräch dann auch mal stoppt und eine kleine Pause einlegt, bevor die Fetzen allzu sehr fliegen.

Wenn das geht …

Ja, doch, das kann man willentlich unterbrechen. Man sagt „Moment, ich brauche eine Pause“ und geht aus dem Zimmer.

 

“Plötzlich darf man alles, was man sonst nicht darf“

 

Sie hatten jetzt zwei Mal eine schauspielerische Beziehung zu Ulrich Tukur. Welche hat Ihnen besser gefallen, die aufregende Affäre oder die vertraute Langzeitliebe?

Das kann man kaum vergleichen, das sind ja zwei ganz unterschiedliche Genres, ein Drama und eine Komödie. In „Gleißendes Glück“ waren wir eigentlich noch im Vorfeld einer beginnenden Liebe, eine sehr schöne, zarte Geschichte, und jetzt im „Hund“ sind wir dabei, die Liebe zu beenden. Den Mittelteil haben wir irgendwie ausgelassen … Beides war aber auf seine Art schön. Ich spiele sehr gerne mit Ulrich, und gerade jetzt hier beim „Hund“ war das auf einer schauspielerisch sehr virtuosen Ebene.

Was war daran so herausfordernd?

Wir mussten uns einen Schlagabtausch liefern und miteinander sozusagen Pingpong spielen. Es hat unheimlichen Spaß gemacht, sich in die Emotionen reinzuspielen, bis es sich anfühlte wie echt. Und man steht dann da und schreit sich an und darf plötzlich alles, was man sonst nicht darf. Ulrich ist ja ein sehr feinsinniger Spieler, er nimmt die Bälle gut auf und gibt sie gut retour.

Soll das heißen, Sie haben stellenweise auch improvisiert?

Nein. Wir haben die Dialoge perfekt aus dem Drehbuch umgesetzt. Das ist genau wie in der Musik: Wenn du Bach oder Mozart oder auch Jazz spielst, dann musst du die Noten und Harmonien draufhaben und dann miteinander im Musizieren emotional abheben. Genau das machen wir Schauspieler auch. Wir nehmen den Text, den wir gelernt haben, und füllen das dann mit Emotionen.

Apropos Emotionen. Ihre Doris ist recht impulsiv und zerstört gleich zwei Autos im Film. Würden Sie so etwas auch gerne mal im wahren Leben machen? Oder haben Sie es vielleicht sogar schon getan?

(lacht) Nein. Das höchste der Gefühle war mal, als ich das Telefon gegen die Wand geschmissen habe. Aber absichtlich jemandem Schaden zufügen könnte ich nicht. Wobei es natürlich sehr lustig war, das im Film zu tun. Und gar nicht so ungefährlich. Als ich das Auto gegen die Garagentür gefahren habe, musste ich die Hände auf ganz bestimmte Weise aufs Lenkrad legen, um mir nicht die Daumen zu brechen. Das ist wirklich ein gewaltiger Aufprall, man glaubt das gar nicht. Ein Auto angezündet habe ich noch nicht, ich wollte das auch noch nie. Obwohl ich verstehen kann, wenn heutzutage jemand solche Gedanken hat.

 

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Die Jüngere an der Seite von Georg (Ulrich Tukur)

 

Doris wird im Film durch eine Jüngere ersetzt. Haben Sie manchmal auch deswegen Sorge, beruflich oder privat?

Nein, das geht ja gar nicht. Ich spiele Rollen gemäß meines Alters, die könnte eine Jüngere gar nicht spielen, insofern habe ich keine Angst vor der Konkurrenz durch eine 20- oder 30-Jährige. Ich weiß, dass die ältere Generation befürchtet, von der jüngeren aus dem Mittelpunkt der Gesellschaft gedrängt zu werden. Das sehe ich aber nicht so. Es ist Platz für alle da.

Haben Sie eine Lebensliste mit Dingen, die sie unbedingt erleben oder machen wollen, so wie Doris und Georg?

Nein. Auf gar keinen Fall. Dafür brauche ich doch keine Liste! Das Leben ist so reich, so vielseitig – das würde doch nie in drei, vier dürre Worte passen.

Gibt es nichts, das Sie unbedingt mal tun wollen?

Nein. Ich habe eigentlich immer genommen, was kam und geguckt, was sich daraus entwickelt. Das einzige, was ich wirklich wollte, ist, Schauspielerin zu werden. Und das habe ich dann relativ schnell in die Tat umgesetzt.

 

Über die Liebe

 

Glauben Sie an die Liebe des Lebens, die für immer ist?

Ja, natürlich gibt es das. Natürlich kann man gemeinsam durchs Leben gehen und sich miteinander weiterentwickeln. Daran glaube ich ganz fest. Ich selbst habe auch viele Langzeitbeziehungen: Freundschaften, die zum Teil bis in die Kindheit zurückreichen, eine sehr enge Beziehung zu meiner Familie und auch langjährige Beziehungen zu Männern.

Ich persönlich mag es sehr, wenn eine Beziehung sich entwickelt und weiterbewegt und man gemeinsam Dinge mitmacht. Ich bin aber dennoch sehr froh, dass wir in einer Zeit leben, in der es die Freiheit gibt zu sagen: Ich möchte mich noch mal neu orientieren.

Sie und ihr Partner, der Regisseur Markus Imboden, sind beide viel unterwegs und leben halb in Berlin, halb in Zürich. Ist das vielleicht besser für die Liebe als ein Nine-to-five-Alltag?

Es stimmt, wir sind zeitweise räumlich getrennt. Aber auch da haben wir Strukturen, die wir gemeinsam erarbeitet haben. Und ich kenne auch kaum Paare, die immer zusammen sind, mindestens einer ist in der Regel ja berufstätig und nur abends zu Hause, wenn überhaupt. Ist das so anders?

Grundsätzlich bin ich aber schon sehr gerne in einer strukturierten Alltagssituation mit meinem Mann. Wenn man sich da mal eingeengt fühlt, dann kann man das ja verändern. Mal Billard spielen gehen oder so.

Georg beklagt sich, dass Doris sich von einer lebendigen, aktiven Frau immer mehr in eine Haus- und Ehefrau verwandelt hat. Er sagt: Das ist nicht mehr die Frau, die ich geheiratet habe.

Was für ein beschissener Macho-Spruch. Natürlich ist sie nicht mehr die Frau, die er geheiratet hat, und er ist auch nicht mehr der Mann, den sie geheiratet hat. Zum Glück! Sie entwickeln sich und verändern sich. Warum soll man die Frau, die zu Hause die Kinder großzieht, ins schlechte Licht rücken und sagen: Das ist nichts wert?! Interessant, dass er solche fürchterlichen Sätze raushaut. Was für eine langweilige, hinterwäldlerische Denke steckt da dahinter. Aber ich glaube, er meint es auch gar nicht so. Er will sie verletzen. Wer so einen Satz wirklich meint, dem ist nicht mehr zu helfen.

Vervollständigen Sie mal: Liebe ist …

Liebe ist, wenn man das Wesen des anderen liebt. Nicht das, was er tut.

 

martina-gedeck-wer-nimmt-den-hund-©-Boris-Laewen_Majestic

Abserviert, doch noch strahlend: Doris (Martina Gedeck)

 

Georg hat sich angeblich zuerst in Doris’ Nase verliebt. Mögen Sie Ihre?

Meine Nase ist ganz interessant, weil sie von jeder Seite anders aussieht. Wenn man von der linken Seite draufguckt, ist sie krumm, und wenn man von der rechten Seite guckt, ist sie gerade. Und so sieht mein Gesicht aus unterschiedlichen Blickwinkeln auch ganz verschieden aus, wenn man mich filmt. Ich denke zwar nicht großartig über meine Nase nach, aber ich habe an ihr nichts auszusetzen.

„Und wer nimmt den Hund?“: Regie: Rainer Kaufmann. Mit Martina Gedeck, Ulrich Tukur, Lucie Heinze, Angelika Thomas. Seit 8.8. im Kino


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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