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Film-Krise: „Ein schlechter Traum“

Helge Albers, Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, über die Situation der Filmbranche im Norden, das beschlossene Maßnahmenpaket zur Unterstützung der Filmbranche und das gespannte Verhältnis von Streaming und Kino

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Herr Albers, Sie haben vor knapp einem Jahr Ihre Karriere als Produzent aufgegeben, um Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein zu werden. Nun ist die Filmbranche aufgrund der Corona-Pandemie in argen Schwierigkeiten. Bereuen Sie Ihre Entscheidung?

Helge Albers: Ganz im Gegenteil. Es ist gerade jetzt wichtig, als Geschäfts­führer der Filmförderung die Situation der Produzenten zu kennen und ein Gespür für die Stimmungslage in der Branche zu haben. Das ist sicher von Vorteil, wenn es darum geht, über gezielte Förderungen und Hilfen zu entscheiden.

Das vergangene Jahr lief für den Filmstandort im Norden recht erfolgreich: „Systemsprenger“, „Der goldene Handschuh“, „Lindenberg! Mach dein Ding“ sind allesamt erfolgreiche, preisgekrönte Filme, Sie haben die Filmförderung neu aufgestellt und sogar Warner Bros. als Förderer gewonnen. Nun ist plötzlich die gesamte Filmbranche in Gefahr. Wie haben Sie die vergangenen Wochen erlebt?

Ich stehe jeden Morgen auf und denke: Das kann doch wohl nicht wahr sein! Das ist ein schlechter Traum! Corona trifft unsere Branche mit voller Härte – und zwar umfassend. In jedem Bereich, von der Produktion bis zur Auswertung in den Kinos und im Home Entertainment ist die Filmbranche be­troffen.

Ein Film entsteht in Teamar­beit, aber niemand darf mehr zusammen arbeiten. Wir sind auf Publikum angewiesen, aber niemand darf mehr ins Kino. Eine komplette Branche ist auf null heruntergefahren – und zwar von einem Tag auf den anderen.

Aus der Filmbranche ist zu hören, dass es sich um die größte Krise in der Geschichte des Films handelt. Wann haben Sie den Ernst der Lage erkannt?

Uns im Haus war sehr schnell klar, dass das ein absoluter Einschnitt ist, und wir uns schnell damit auseinander­setzen müssen. Wir haben direkt mit einer Umfrage in der Branche reagiert, um zu erkennen, welche Dimension an Ausfällen uns da erwartet.

Dann haben wir damit begonnen, die Hilfsprogramme aufzusetzen. Inzwischen sind wir mitten in der Umsetzung. Wir stehen in permanentem Kontakt zu unseren Antragstellern, ob Kinos oder Produzenten. Was wir nicht wissen, ist, wie und wann es weitergeht.

Stellen Sie denn durch das kürzlich beschlossene Maßnahmenpaket eine Beruhigung innerhalb der Branche fest?

Zum jetzigen Zeitpunkt können wir das noch nicht beurteilen. (Das Interview fand am 7. April statt, Anm. d. Red.) Wir hoffen aber, dass die Krise durch die Summe an Hilfsmaßnahmen auf ein erträgliches Maß reduziert wird. Wir müssen alle Maßnahmen so bündeln, dass sie wirklich helfen. Es muss helfen! Wir als Filmförderung leisten unseren Beitrag zur Stabilisierung. Wir können allerdings nicht alle Ausfälle komplett ersetzen.

 

„Die Ungewissheit macht es schwer, mit Corona umzugehen“

 

Das besagte Maßnahmenpaket, das Sie am 3. April gemeinsam mit den Kulturbehörden Hamburgs und Schleswig-Holsteins vorgestellten, hat einen Umfang von 3,7 Millionen Euro. Ohne die Summe kleinreden zu wollen: Für wie lange, schätzen Sie, reicht das?

Die Frage ist, bis wann muss es denn reichen? Da wir diese Größe nicht kennen, vermag ich die Frage auch nicht wirklich zu beantworten. Das Maßnahmenpaket ist eine Soforthilfe, gestrickt unter dem Eindruck einer akuten Schieflage, bei der sehr schnell gehandelt werden musste. Nicht mehr und nicht weniger. Der Faktor der Ungewissheit macht es schwer, mit Corona umzugehen. Das betrifft alle Beteiligten – nicht nur uns.

Worin besteht das Maßnahmenpaket denn?

Der Grundgedanke des Maßnahmenpaketes ist, dass man Ausfälle aus­gleichen muss. Im Produktionsbereich sind das zum Beispiel Ausfälle durch Drehabbrüche und -­verschiebungen. Ein Dreh ist ein sehr komplexes Gebilde, mit vielen Akteuren, und einem sehr hohen organisatorischen Aufwand und Vorlauf.

Es kann sein, dass die Produktionsteams bis zum Herbst oder Spätherbst warten müssen, bis sie wie­ der drehen können. Wir wollen ihnen, so gut es geht, unter die Arme greifen. Eine weitere Maßnahme sind die Soforthilfen für die Kinos in Hamburg: Hier sollen die aktuellen Erlösausfälle aufgefangen oder zumindest gemildert werden. Und die dritte Maßnahme – das sogenannte 3×3­-Programm – ist ein neues Förderprogramm mit dem wir in der Zeit des Stillstands mehr Drehbücher fördern und damit neue Filmprojekte anschieben.

Wie verhält es sich denn mit den Maßnahmen? Gilt das Prinzip, wer zuerst kommt, mahlt zuerst, oder wird nach konkreten Richtlinien priorisiert?

Wir haben zwei Grundsätze, nach denen wir alle unsere Entscheidungen treffen: Das ist zum einen die Qualität und zum anderen die Wirtschaftlichkeit. Wobei die Wirtschaftlichkeit in diesem Fall gesondert betrachtet werden muss: Anders als sonst, spielt hier die Frage der Bedürftigkeit eine Rolle. In einer konkreten Antragssituation schauen wir uns also Fall für Fall an, und wägen dann ab. Wir werden mit dem Geld, das bewilligt wird, nicht alle zu 100 Prozent befriedigen können. Das kann diese Summe einfach nicht leisten.

Sie sagten eingangs, dass sie in engem Austausch mit Produzenten stehen. Was sagen die zu den Maßnahmen?

Mein Eindruck ist, dass ein Großteil noch mit dem Sortieren und Analysieren der Lage zu tun hat, in der sie gerade stecken. Einige waren mitten im Dreh und mussten abbrechen, andere hatten den nächsten Dreh demnächst vor und müssen diesen nun auf unbestimmt verschieben. Andere wiederum waren erst im Development, und haben den Dreh ohnehin erst im Herbst geplant. Die rechnen entweder noch damit, dass sie weiter nach Plan arbeiten können, oder spekulieren damit, dass es anders kommt.

Insgesamt nehme ich eine große Unsicherheit wahr. Wir als Förderung sind deshalb gefragt, ein Stück weit Stabilität und Kontinuität zu gewährleisten und Pfeiler aufzustellen, die dabei helfen den Sturm zu überstehen.

Sprechen wir über einen dieser Pfeiler: Die Unterstützung für die Hamburger Kinos. Diese betrifft ja nur die Hamburger Lichtspielhäuser, die in den vergangenen drei Jahren mit dem Kinopreis ausgezeichnet wurden. Was ist mit den anderen?

Das Hilfsangebot gilt auch für Arthouse­ und Programmkinos, die keinen Kinopreis erhalten haben. Aus diesem Grund steht in der entsprechenden Passage auch ein weiterer Passus, der explizit weitere Kinos einbezieht.

In dem Absatz heißt es: „…sowie kulturell herausragenden stadtteilbezogenen Filmtheatern.“ Damit sind die UCI- und Cinemaxx-Gruppe wohl nicht gemeint, oder?

Das sind bundesweit agierende Unternehmen. Wir sind vor allem den kulturell agierenden Kinos gegenüber verpflichtet. Etwas überspitzt gesagt, denke ich, dass wir mit unserem Etat etwa die Monatsmieten der Cinemaxx­-Gruppe bedienen könnten. Das sind Player auf dem Markt, für die die Filmförderung nicht unbedingt gedacht ist und für die andere Hilfsmechanismen benötigt werden. Aber auch in diesem Segment möchte ich die Probleme nicht klein­reden. Corona ist da ein Gleichmacher, der die großen Häuser genauso trifft wie die kleinen.

 

„Ich rechne damit, dass wir ein tolles Filmfest in Hamburg haben werden“

 

Wird es in diesem Jahr eigentlich ein Filmfest in Hamburg geben?

Ich bin ein optimistischer Mensch. Ich rechne also damit, dass wir im September/Oktober ein tolles Filmfest in Hamburg haben werden. Das Kurz­filmfestival wurde bereits auf November verschoben und wird in kleinerer Form stattfinden.

VRHAM! – das Virtual Reality & Arts Festival erarbeitet eine Online­-Variante als Ersatz, auf die ich sehr gespannt bin. Bei aller Schwierigkeit, die die ganze Situation um Corona mit sich bringt, glaube ich, dass die digitalen Möglichkeiten sich bei einigen verstärkt entwickeln und auch langfristig Wirkung zeitigen werden.

Was im Moment mehr als gut läuft, ist das Streaming. Die Steigerungsraten der Streaming-Anbieter sind in Corona-Zeiten immens. Nutzen auch Sie Streaming-Angebote?

Ja, ich nutze verschiedene Stream­ing-­Angebote, je nachdem was mich gerade interessiert. Ich schaue auch oft bei den Öffentlich­-Rechtlichen vorbei. „Bad Banks“ ist eine Serie, die ich gern gesehen habe. Kürzlich habe ich die Se­rie „Unorthodox“ gesehen. Mochte ich sehr. Ich glaube, es ist unerlässlich, dass man ein Verständnis dafür hat, was auf den Streaming-­Plattformen stattfindet.

Man hat das Gefühl, es ist zu einer Glaubensfrage zwischen praktizierenden Cineasten und Streaming-Jüngern geworden. Wie sehen sie das als Filmförderer?

Grundsätzlich ist es so, dass sich die Branche durch die Streaming-­Anbieter verändert hat. Vorher gab es ein ein­gespieltes Muster: Es war klar, wer was finanziert oder eben nicht, es gab klare Entscheidungs-­ und Handlungsabläufe – und das blieb auch weitestgehend so.

Dann kam ein großer, neuer Mitspieler auf den Markt, der über sehr viel Geld verfügt, sehr schnell agiert und sehr viel Freiräume lässt – gerade was das kreative Arbeiten angeht. Einerseits eröffnet diese Entwicklung einen Raum neuer Möglichkeiten, andererseits zieht jede Positivmeldung oft auch eine Negativ­meldung mit sich, die oft aber nicht weit durchsticht.

Zum Beispiel?

Es ist deutlich schwerer geworden, qualifizierte Mitarbeiter zu wettbe­werbsfähigen Preisen zu bekommen und langfristig zu binden – gerade für unabhängige, kleinere Produktionen. Und die Vertragsbedingungen der Streamer lassen manchmal sehr zu wünschen übrig.

Einige in der Branche sind der Ansicht, man dürfe nicht zulassen, dass die Krise den endgültigen Durchbruch für Netflix, Amazon und all die anderen Plattformen bedeutet. Wenn die Leute sich erst einmal daran gewöhnt haben, dass sie das Kino nicht brauchen, könne es sehr hart werden, sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Die Entwicklung erhöht zumindest die Notwendigkeit, dass das Kino sein Alleinstellungsmerkmal stärker betont – und damit meine ich sowohl Filme, die im Kino laufen, als auch den Ort an sich. Wir stehen als Branche in der Pflicht, Filme zu produzieren, die kino­tauglich sind und nur an diesem Ort wirklich Sinn machen. Das Publikum weiß, dass man einige Erlebnisse nur im Kino voll genießen kann. Ich hoffe, dass nach der Zeit des Social Distancing die Leute wieder richtig Lust auf das Ge­ meinschaftserlebnis Kino haben.

Machen Sie sich Sorgen um das Kino?

Langfristig mache ich mir wenig Sorgen. Wir haben auch in den vergangenen zwei Jahren gesehen, dass das Kino durchaus widerstandsfähig ist, auch dem Streaming gegenüber.

Was macht Sie da so sicher?

Die große Stärke des Kinos ist das gemeinsame Erlebnis. Die Frage lautet für mich nicht ob, sondern wann das Publikum wieder in der Lage und bereit sein wird, ins Kino zu gehen. Ein Problem ist, dass die großen Filme alle erst mal nicht im Kino laufen werden, da sie in den Herbst oder gar ins nächste Jahr verschoben worden sind. Ein Kino braucht aber eine bestimmte Reihe starker Titel, die eine Masse an Publi­kum anzieht. Es wird für die Kinos also vorerst schwierig bleiben. Wichtig wird aber auch sein, dass die Kinos darüber nachdenken, wo digitale Geschäfte liegen, die in der Logik der Kinoaus­ wertung funktionieren.

Es gibt ja erste Angebote, wie Kino on Demand oder #hilfdeinemkino. Haben Sie da Rückmeldungen bekommen, inwieweit diese Aktionen den Kinos helfen?

Was ich weiß, ist, dass diese Aktio­nen ganz gut angenommen werden. Es gibt hohe Klickzahlen und eine wahn­sinnig große Bereitschaft vom Publikum, über Gutschein­-Käufe, Crowd­funding­-Aktionen, oder Video on Demand­-Kooperationen den Kinos zu helfen. Die Kundenbindung zwischen den Kinos und den Zuschauern erweist sich als sehr stark. Kinogänger sind sehr loyal.

 

Pelkanblut-filmszene

Der Starttermin des Kinofilms „Pelikanblut“ mit Schauspielerin Nina Hoss (Mitte) musste, wie viele andere auch, vorerst verschoben werden

 

Angenommen alles pendelt sich wieder ein: Wo möchten Sie mit der Filmbranche im Norden in fünf Jahren gern stehen?

(Längere Pause) Die Frage hätte ich vor vier Wochen sicherlich anders be­antwortet als im Moment. Vom jetzigen Zeitpunkt aus gesehen, wünsche ich mir vor allem eine stabile Branche, die klare, sichere Finanzierungs­ und Auswertungsperspektiven hat.

Grundsätzl­ich wünsche ich mir eine Branche, die am Puls der Zeit ist und sich offen zeigt für neue Modelle, die mutig ist in den Stoffen, die sie anfasst und in den For­maten, die sie wählt. Das betrifft sowohl die Produzenten als auch die Kinos und Verleiher. Es tut gut, immer wieder den Horizont zu erweitern und neue Ansät­ze zuzulassen, eine Veränderung zu akzeptieren und darauf zuzugehen statt sie sofort auszuschließen und abzublocken.

Auf welchen Film, der nun im Kino wäre, hatten Sie sich am meisten gefreut?

„Pelikanblut“ von Katrin Gebbe. Das ist ein Verlust. Der wird nun erst mal verschoben. Aber er wird ins Kino kommen, da bin ich mir sicher. Der lohnt sich wirklich. Ein toller Film.

Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Im Licht Afrikas: Filme und Installationen von Karimah Ashadu

Die Filme und Installationen der britisch-nigerianischen Künstlerin führen in die Welt hinaus – und in die Billstraße in Rothenburgsort. Wir haben sie in ihrem Hamburger Atelier getroffen

Text & Interview: Karin Schulze

 

Weil sie keinen Topf zur Hand hat, erhitzt Karimah Ashadu beim Interview in ihrem Ham­burger Atelier die Kaffeemilch kurzerhand in einer kleinen Pfanne. Kein Wunder eigentlich. Schließlich geht es auch in den Arbei­ten der Künstlerin um Möglichkeiten, um Selbstorganisation und um kreative Ansät­ze, die Widrigkeiten des Lebens zu meistern.

Im Zentrum ihrer äußerst reflektiert installierten Filme stehen die Bedingun­gen von Arbeit in Nigeria und Westafri­ka. Ihr Film „Brown Goods“, der mit Un­terstützung der Filmförderung Hamburg Schleswig­-Holstein entstand, lässt den Betrachter tief eintauchen in die Beziehungen zwischen einer Hamburger Straße und Nigeria. Neben etlichen Preisen wie dem ars viva 2020, erhielt Ashadu das Reisestipendium von Neue Kunst in Hamburg. Das MoMA hat vier ihrer Werke an­gekauft, und 2021 stellt sie in der Wiener Secession aus.

 

SZENE HAMBURG: Als ich im Kunstverein die ersten Bilder von „Brown Goods“ sah, war ich sofort total gebannt. Wie sind Sie auf die Billstraße und den Protagonisten gestoßen, der von seiner Herkunft und den Bedingungen seines deutsch-nigerianischen Import-Export-Handels erzählt?

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Die Künstlerin Karimah Ashadu, die gerade ein Atelier in der Frise hat (Foto: Medina Dugger)

Karimah Ashadu: Auf einer Zug­fahrt fiel mir kurz vor dem Hauptbahn­hof ein interessant aussehendes Gewerbegebiet auf. So kam ich auf die Bill­straße und die vielen afrikanischen und anderen Migranten, die dort Altwaren­handel betreiben. Ich habe wochenlang mit ihnen geredet und wollte eigent­lich vier Leute ihre Geschichte erzählen lassen. Weil ich mich aber parallel um die Finanzierung kümmern musste, verging viel Zeit. Am Ende wollten drei nicht mehr mitmachen. So blieb nur Emeka.

Letztlich ein glücklicher Zufall, oder?

Es war Glück im Unglück. Emekas Geschichte ist so stark, dass sie unbedingt allein stehen kann. Manchmal mische ich dokumentarische und fiktionale Anteile. Nicht so bei „Brown Goods“. Um den Film aber nicht zu direkt, zu didaktisch werden zu lassen, habe ich versucht, seine Worte nicht zu bebildern, sondern eine symbolische Ebene ins Spiel zu bringen.

Wie hat Emeka auf die Arbeit reagiert?

Ich habe ihn zur Ausstellungser­öffnung eingeladen, aber er ist nicht gekommen. Doch wie so viele afrika­nische Immigranten ist er ein gebildeter Mann und als ich ihn einmal fragte, warum er so offen zu mir sei, war seine Antwort: Er vertraue mir und außer­dem sei es wichtig, dass ich als Künstlerin – ähnlich einer Journalistin – sei­ne Geschichte erzähle, damit sie in der Welt ist.

Sie zeigen zum Film Skulpturen aus Bestandteilen alter Autos, die wie flirrende Schmetterlinge auf der weißen Wand sitzen.

Für mich sind diese Objekte eine Erweiterung des Films: eine Geste, die von seinen Bildern inspiriert ist. Eine Windschutzscheibe etwa sieht im Kunstkontext nicht mehr wie das Fen­ster eines Autos aus – zumindest wenn die Installation die Leichtigkeit des Glases betont und Verdoppelung sowie Symmetrie ins Spiel bringt.

Die Skulpturen wirken schlicht und elegant, aber sie nehmen sich nicht zu ernst. Denn die Wertsteigerung durch den Kunst­ kontext spiegelt die andere Aufwertung, die der „Schrott“ erfährt, den Emeka nach Nigeria exportiert.

Die Skulpturen erweitern aber auch den Raum des Films in den des Betrachters.

Genau. Meine Arbeiten besetzen öf­ter den Raum zwischen dem Betrachter und dem Objekt, den viele gar nicht wahrnehmen. Aber vor allem nutze ich den Raum vor der Kamera. Ich habe zusätzlich zum Bachelor in bildender Kunst am Chelsea College of Art and Design den Master in räumlicher Gestaltung gemacht. Damals habe ich mit Filmen begonnen, in denen die Räumlichkeit eine besondere Rolle spielt.

Ihr Film „Makoko Sawmill“ zeigt Menschen, die in einer Pfahlbauten-Siedlung in der Lagune von Lagos von Holzverarbeitung leben und arbeiten. In den gefilmten Raum schieben sich dabei rätselhafte blaue Balken. Warum?

Schon vor den Aufnahmen wusste ich: Ich brauche Stäbe, die ein ganz bestimmtes Blau haben müssen.

Ein Blau, das dort vor Ort nicht vorkommt?

Vielleicht. Manchmal sind solche Ideen rein intuitiv. Ich habe ein Stativ gebaut, auf dem sich diese Stäbe von links nach rechts bewegen können. Und die Kamera sitzt zwischen ihnen. So laufen die Balken durch das Bild, als versuchten sie zu verstehen, was sich in Makoko abspielt.

 

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Karimah Ashadu: „Destiny“, Filmstill, 2020

 

In „Destiny“ ist die Hauptfigur ein selbstständiger Sägeblattschleifer. Es geht bei Ihren Arbeiten oft um Autonomie und Selbstorganisation. Sie untersuchen die soziopolitischen Bedingungen von Arbeit also eher unter dem Aspekt der Möglichkeit als dem der Kritik.

Unbedingt. Es geht um Menschen oder Gemeinschaften, die ohne staatliche Unterstützung selbständig arbeiten und ihren Weg finden. Es geht um den Spirit, den wir brauchen, um zu über­leben und ein Gewerbe zu betreiben, das an die Kinder weitergegeben wer­den kann.

Es geht um diese Art von Arbeit speziell in einem sich schnell ent­wickelnden Land wie Nigeria. Immer wenn ich dort bin, sehe ich neue Wege, auf denen sich die Menschen zu emanzipieren suchen – und das auch vor dem Hintergrund der Kolonialgeschichte.

Letztere berührt auch das Projekt, das Sie mithilfe des Reisestipendiums von Neue Kunst in Hamburg unternehmen?

Genau. Auf meiner nächsten Reise nach Nigeria besuche ich das Jos Pla­teau, wo früher in großem Maßstab Zinn abgebaut wurde. Als sich die Re­gierung und die Briten zurückzogen, konnten die Menschen die Maschinen nicht erhalten. Aber weil sie Geld ver­ dienen mussten, haben sie einfach wei­ ter gemacht. Dabei haben sie das Ökosystem zerstört. Und es gab Tote. Ich möchte sehen, was dort heute passiert.

 

„Für mich steckt das Schöne im All­täglichsten“

 

Sie planen aber auch einen Spielfilm?

Die Idee dafür habe ich schon seit vier Jahren. Ich möchte im Senegal dre­hen. Es geht um einen jungen Mann, der dort an der Küste arbeitet. Es soll ein experimenteller Film werden, bei dem sich Dokumentation und Fikti­on mischen.

Das Drehbuch werde ich voraussichtlich ab September in Paris schreiben – im Rahmen eines Stipen­diums des Columbia Institute for Ideas & Imagination. Danach geht es an die Finanzierung. Das heißt: Leute finden, die verstehen, was ich bisher gemacht habe und was ich machen könnte, wenn ich die Mittel hätte.

Ihre Bildwelten sind auffällig schön. Welche Rolle spielt Schönheit?

Für mich steckt das Schöne im All­täglichsten: Dieses unglaublich inten­sive Sonnenlicht etwa, das sich in Län­dern wie Nigeria über alles legt. Es kann aber auch die Hand eines Mannes sein, der viel arbeitet – wie in „Power Man“. Ich denke zuerst an das Material, mit dem ich arbeiten will, ich respektiere dann seine Form, daraus ergibt sich manchmal Schönheit.

Ihre Protagonisten sind meistens Männer. Warum?

In „Red Gold“ kommen auch Frauen vor. Aber es stimmt schon. Viel­leicht liegt es daran, dass ich das Bild der nigerianischen Gesellschaft wieder­ geben möchte, und die ist stark patriar­chalisch.

Gibt es eine Institution in Nigeria, in der Sie Ihre Arbeiten schon gezeigt haben oder zeigen möchten?

Bisher nicht. Für mich ist der Kon­text der Kunstgeschichte wichtig, damit meine Arbeiten so gesehen werden, wie ich es richtig finde. Die Kunstszene in Nigeria ist noch sehr jung. Für Malerei und Zeichnung gibt es eine lange Vor­geschichte, nicht aber für neue Medien und Bewegtbilder.

Eigentlich sollten Karimah Ashadus Arbeiten Brown Goods, Destiny und Power Man noch bis zum 17.5. in der Ausstellung ars viva 20 im Kunst- verein zu sehen sein. Aufgrund der Covid-19-Pandemie ist das Ausstel- lungshaus jedoch für unbestimmte Zeit geschlossen


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Coolhaze: Neues Theaterstück von Studio Braun

Nach „Der goldene Handschuh“ inszeniert das Trio Studio Braun am Schauspielhaus einen literarischen Klassiker und einen Rache-­Thriller der 1970er Jahre als Stück im Stück. Heinz Strunk erklärt, warum er, Rocko Schamoni und Jacques Palminger auf Bezüge zur Gegenwart verzichten

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Herr Strunk, für „Coolhaze“, das neue Stück von Studio Braun, haben Sie Heinrich von Kleists Erzählung „Michael Kohlhaas“ als Vorlage gewählt. Darin wird ein unbescholtener Pferdehändler zum Mordbrenner, weil an einer Grenze unrechtmäßig zwei seiner Pferde konfisziert wurden. Was reizt Sie an diesem Stoff ?

Heinz Strunk: Es geht bei uns ja nicht um Kohlhaas alleine, sondern darum, dass ein durchgeknallter Filmregisseur im Jahr 2020 auf die Idee kommt, die Geschichte als Verschnitt des Actionklassikers „Ein Mann sieht rot“ zu inszenieren. Diesem Film mit Charles Bronson liegt die gleiche Thematik zugrunde, nämlich Rache.

Die Handlung haben wir in die USA verlegt. Coolhaze, wie Michael Kohlhaas bei uns heißt, handelt mit Motorrädern. Zwei davon werden von New York nach New Jersey gebracht und dort steht plötzlich ein Schlagbaum – wie bei Kleist.

Man sieht also ein Stück im Stück?

Es gibt zwei Ebenen: die Film­-Ebene, auf der wir verfolgen, wie der Film gedreht wird, und die Set­-Ebene, wo wir die Schauspieler und den Regisseur privat erleben und wo all die Konflikte gezeigt werden, die innerhalb einer Theater-­ oder Filmhierarchie auftreten.

 

„Das hat nichts mit Trash zu tun“

Heinz Strunk

 

Der Film im Stück wird mit großen Worten als „Action-Musical mit erotischen Horrorszenen“ angekündigt …

Von dieser Bezeichnung haben wir uns schon wieder verabschiedet, weil die irreführend ist. Bei unseren Inszenierungen war in der Presse immer wieder vom „Trash-­Trio Studio Braun“ die Rede. Vielleicht hatte das, was wir früher gemacht haben, etwas mit Trash zu tun, aber mittlerweile ist das überhaupt nicht mehr der Fall.

Was haben wir stattdessen zu erwarten? Spaßige Unterhaltung? Oder wollen Sie den Leuten auch darüber hinaus etwas mitteilen?

Rache, Selbstjustiz und deren Rechtfertigung beruhen ja auf komplexen psychologischen Sachverhalten und berühren grundlegende Fragen der Ethik. Insofern ist das keine leichte Unterhaltung. Dafür sollte man lieber ins Musical gehen. Alle Studio­-Braun-­Stücke sollen zwar unterhaltend sein, aber das alleine wäre uns zu wenig.

Wollen Sie vielleicht auch ein politisches Statement abgeben und ein Amerika zeigen, das die Grenzen dichtmacht und mit seiner Politik die Selbstjustiz herausfordert?

Um Gottes willen! Auf der Bühne etwas zu machen, wo Trump und Amerika eine Rolle spielen, wäre das Allerschlimmste.

Inwiefern?

Das ist so ungefähr das abgewrackteste, abgeschmackteste und ödeste, von allen Satire­ und Kabarettveranstaltungen winkelbeleuchtete Nichtthema. Trump am deutschen Theater zu verhandeln und am besten noch jemanden über die Bühne zu jagen, der so aussieht wie er, das ist richtig schlimm. Bezüge zur Gegenwart werden bei uns nicht beleuchtet.

Charly Hübner, der jetzt als Titelfigur Coolhaze auftritt, hat auch schon den Serienmörder Fritz Honka in der Studio-Braun-Inszenierung Ihres Romans „Der goldene Handschuh“ gespielt. Soll die Gleichbesetzung irgendeine Parallele zwischen beiden Figuren aufzeigen?

Auf keinen Fall. Ich habe mit Charly auch einen Film gedreht, und er ist einfach eine absolute Spitzenkraft. Es ist ein wahnsinniges Glück, dass ich mit ihm befreundet bin und er bei uns mitmacht.

 

Erwartungen an Studio Braun

 

Sie inszenieren das Stück zusammen mit Rocko Schamoni und Jacques Palminger und stehen auch mit den beiden gemeinsam auf der Bühne. Wie sieht Ihre Arbeitsteilung aus?

In rund zwanzig Jahren haben wir acht oder neun Inszenierungen zusammen gemacht. Wir sind so gut aufeinander eingespielt, dass man da schon von einem blinden Verständnis sprechen kann.

In welcher Rolle sind Sie selbst zu sehen?

Ich bin die Mutter von Coolhaze.

Wie ist das, eine Frauenrolle zu spielen?

In unseren Inszenierungen habe ich schon fünf, sechs Mal die Mutter gespielt. Das ist sozusagen meine Para­derolle.

Verunsichert es, wenn man als Schauspieler nicht aus dem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen kann?

Auch als Schriftsteller muss ich mich ständig in andere Figuren hineinverset­zen. Wenn ich eines kann, dann das.

Keine Angst vor Klamauk?

Wir kopieren hier ja nicht „Charleys Tante“. Aber das Groteske fanden wir schon immer reizvoll.

Sie sprachen eben das Trash-Vorurteil an. Die Mitglieder von Studio Braun kennt man von Telefonstreichen im Radio, als Filmschauspieler, Musiker, Entertainer, Theatermacher und Buchautoren. Ärgern Sie sich manchmal darüber, dass die Leute mit Erwartungen, die Sie vielleicht nicht bedienen wollen, Studio-Braun-Aufführungen besuchen?

Da kann ich nur für mich sprechen. Ich mache ja sehr viele verschiedene Dinge, wobei die Musik wohl am wenigsten wahrgenommen wird. Die anderen Sachen sind aber alle ganz erfolgreich. Ich denke, wenn etwas gut ist, setzt es sich auch durch. Dann spielt es keine Rolle, ob man eigentlich für etwas anderes steht.

„Der goldene Handschuh“ war vielleicht mit „Unterwer­fung“ die erfolgreichste Produktion des Schauspielhauses. Auch die Produk­tionen „Dorfpunks“ und „Fleisch ist mein Gemüse“ waren sehr beliebt.

Gibt es ein geheimes Erfolgsrezept von Studio Braun?

Nein. Wenn man sich wie wir immer originäre Stoffe vornimmt, ist der Erfolg unkalkulierbar.

Sie haben als Autor bereits elf Bücher geschrieben. Sind Sie auch für den „Coolhaze“-Text verantwortlich?

Der ist noch gar nicht fertig. Wir haben natürlich etwas vorbereitet, aber die Dialoge werden während der Pro­duktion geschrieben.

Das heißt, die Schauspieler arbeiten mit szenischen Vorgaben?

Das kommt darauf an. Manche Szenen kann man ganz schlecht vorausplanen. Da sagen wir den Schauspielern, worum es in etwa geht und dann wird improvisiert. Das gilt für etwa ein Drittel der Szenen. Für den Rest gibt es textliche Vorgaben, die während des Spiels verfeinert werden.

Gibt es auch Filmbilder auf der Bühne zu sehen?

Ja, aber wir übertreiben es damit nicht, weil diese ständigen Video­-Einblendungen im Theater ja auch nerven.

Außerdem wird eine Bigband angekündigt …

Eine abgespeckte Bigband mit vier­ zehn Musikern.

Und was spielen die?

Filmmusik aus den 1970er und 1980er Jahren.

Bekommt der Coolhaze am Ende seine Motorräder wieder?

Das wird nicht verraten.

Deutsches Schauspielhaus: Kirchenallee 39 ( St. Georg), Coolhaze: 14.3. (Premiere), 17., 18.3. und weitere


Szene-Cover-März-2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Februar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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„Lindenberg! Mach dein Ding!“: Biopic über Udo Lindenberg

Wer war eigentlich dieser Udo, bevor er seinen großen Durchbruch hatte? Hermine Huntgeburth erzählt in „Lindenberg! Mach dein Ding!“ die Geschichte des jungen Rockmusikers, der nach Hamburg kam

 Text und Interview: Patrick Heidmann

 

Eigentlich konnte niemand anderes dieses Biopic inszenieren als Hermine Huntgeburth, trägt die Regisseurin doch den gleichen Vornamen wie Udo Lindenbergs von ihm verehrte Mutter, nach der er 1988 sogar ein Album betitelte. Davon abgesehen natürlich, dass die Regisseurin seit mehr als 25 Jahren zu den erfolgreichsten und vielseitigsten Film- und Fernsehschaffenden des Landes gehört, ausgezeichnet mit dem Deutschen Filmpreis, dem Deutschen Fernsehpreis und mehreren Grimme-Preisen.

In „Lindenberg! Mach dein Ding!“ erzählen sie und Drehbuchautor Alexander Rümelin nun nicht das komplette Leben von Deutschlands wohl bekanntestem Rockstar nach, sondern widmen sich seinen musikalischen Anfängen im Hamburg der 70er Jahre, inklusive Rückblenden in seine Kindheit im westfälischen Gronau. Die Hauptrolle spielt der aufstrebende Newcomer Jan Bülow, außerdem standen unter anderem Max von der Groeben, Julia Jentsch, Detlev Buck und Charly Hübner vor Huntgeburths Kamera. Wir trafen die Wahlhamburgerin zum Interview.

 

 

SZENE HAMBURG: Hermine Huntgeburth, welchen Bezug hatten Sie zu Udo Lindenberg vor der Arbeit an diesem Film?

Hermine Huntgeburth: Mich hat er eigentlich schon begleitet, seit ich bewusst angefangen habe, Musik zu hören. Da war er immer irgendwie da. Und als ich dann 1977 nach Hamburg zog, war er dort sowieso ganz präsent. Das war die Zeit, als er mit Peter Zadek arbeitete und immer im Atlantic war. Aber persönlich gekannt habe ich ihn nicht.

Was war denn Ihr erster Gedanke, als man Sie fragte, ob Sie die Regie bei „Lindenberg! Mach dein Ding!“ übernehmen wollen?

Erst mal wunderte ich mich, wie der Produzent Michael Lehmann auf mich kam, denn ich hatte so etwas ja noch nicht wirklich gemacht. „Die weiße Massai“ war zwar auch die Geschichte einer lebenden Person, aber natürlich doch ein anderer Fall als dieser. Was mich dabei besonders reizte, war der Gedanke, einen Musikfilm zu drehen. Und ausschlaggebend war auch die Tatsache, dass die Handlung nur bis zu Udos erstem großen Konzert ging, also bevor er zu dem wurde, der er heute ist. Kaum jemand kennt ja noch den jungen Mann, der damals aus Nordrhein-Westfalen nach Hamburg kam.

Gab es trotz der Beschränkung auf den jungen Lindenberg ein paar Biopic-Fallstricke, die Sie umgehen mussten?

Ich durfte natürlich nicht in die Falle geraten, ein Udo-Lookalike-Ding aus der Sache zu machen. Natürlich habe ich mich ein paar Mal mit Udo getroffen, aber dabei war für mich vor allem wichtig, so eine Essenz herauszufinden und der Figur eine Wahrheit zu geben. Ich konnte und wollte ihn nicht einfach kopieren.

Hatte er ein Mitspracherecht?

Natürlich war uns wichtig, dass Udo der Film gefällt, aber es ging nie um Gefälligkeiten. Dass ich meinen eigenen Film mache, war immer klar. Wir haben ihn von Anfang an mit einbezogen und ihm das Drehbuch zu lesen gegeben.

Er hat auch Jan Bülow kennengelernt, nachdem wir die Hauptrolle besetzt hatten. Und wenn es Kleinigkeiten gab, die ihm nicht behagt haben, sind wir auch darauf eingegangen. Aber Udo schenkte mir großes Vertrauen und war immer ausgesprochen positiv, was den Film angeht.

 

… eine Rampensau sein und das Rock’n’Roll-Gen haben

 

Wie viel Fiktion steckt denn eigentlich im Film?

Das lässt sich gar nicht so ohne Weiteres sagen. Denn auch viele seiner Songtexte, die ja sehr politisch sind, haben viel mit seinen Lebenserfahrungen zu tun. Wir haben zum Beispiel diese vier jungen Frauen im Drehbuch, die mir sehr wichtig waren, weil ich auch starke Frauenfiguren in der Geschichte haben wollte. Und die basieren teilweise auf realen Figuren, teilweise aber eben auch auf seinen Texten. Der Drehbuchautor Alexander Rümelin hat sehr kunstvoll versucht, das alles miteinander zu verweben.

Am Ende steht und fällt ein Film wie dieser natürlich mit dem richtigen Hauptdarsteller. Wie lange dauerte es, bis Sie Ihren Udo gefunden hatten?

Sehr lange! Die Casterin Simone Bär und ich haben uns eigentlich alle jungen Schauspieler angesehen, die es so gibt. Unser Protagonist musste natürlich viel mitbringen, denn man möchte ja keinen normalen Udo sehen. Wir brauchten jemanden, der nicht nur ein hervorragender Schauspieler ist, sondern er musste auch eine Rampensau sein und das Rock’n’Roll-Gen haben. Sensibel musste er sein und witzig, ein tolles Körpergefühl mitbringen und auch sexy sein.

Jan Bülow erfüllte alle diese Kriterien, und ist auch ein richtiger harter Arbeiter, der sich zum Beispiel Monate Zeit genommen hat, um Schlagzeugspielen zu lernen. Er musste den ganzen Film tragen, und das mit 21 Jahren, frisch von der Schauspielschule. Aber dass man ihn eigentlich noch gar nicht kennt, war auch von Vorteil.

Wer heute durch St. Pauli läuft, weiß, dass da kaum noch etwas an die 70er Jahre erinnert. Wie ist es Ihnen gelungen, diese Zeit wiederauferstehen zu lassen?

Das geht heutzutage nur mit VFX, also mit Computertricks. Dort zu drehen, ist ohnehin schwierig geworden. Kann man nur noch montags und dienstags, und alle Geschäfte müssen mitmachen. Am Ende versucht man dann, mit der Kamera alles nur bis zu einer gewissen Höhe einzufangen und alles, was zu modern aussieht, abzudecken. Der Rest wird dann später digital gemacht.

Das Schlimmste sind heutzutage eigentlich die Tags an den Wänden. In den Siebzigern gab es ja noch gar keine Sprayer, heute aber ist alles vollgeschmiert.

Eine Szene haben Sie auch im Alten Elbtunnel gedreht …

Ja, als Referenz an Roland Klicks Film „Supermarkt“ von 1974. Die Szene dort ist das Ende eines LSD-Trips von Udo und seinem Kumpel Steffi Stephan, der in der Gestaltung der Farben und der Stimmung wiederum an die Likörelle erinnert, die Udo heute malt, und entsprechend einen gewissen kindlichen Faktor haben sollte.

Regie: Hermine Huntgeburth. Mit Jan Bülow, Detlev Buck, Max von der Groeben. Ab 16.01.2020


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 20. Dezember 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Kürzer wird’s nicht: Kurzfilmtage zur Wintersonnenwende

Am 21. Dezember ist Wintersonnenwende – der perfekte Tag für Kurzfilme

Text: Maike Schade

 

Beim Saunieren Filme gucken: Das gibt es in der „Lichtspielhaus“- Sauna des Holthusenbads (Goernestraße 21, Eppendorf ) regelmäßig. Selbstverständlich auch am 21. Dezember, denn dann ist Kurzfilmtag. Zu diesem Anlass klemmt sich die Kurzfilmagentur Filmrollen unter den Arm und macht sich auf den Weg zum schweißtreibenden Shorty-Vergnügen. Von 11.30 Uhr an wird jeweils zur halben Stunde ein preisgekrönter, zum 20er-Jahre-Ambiente der Sauna passender Kurzfilm gezeigt.

Dies ist nur eine von vielen Veranstaltungen, die am kürzesten Tag des Jahres stattfinden. Im Filmraum (Müggenkampstraße 45, Eimsbüttel) beispielsweise werden gleich zwei Programme gezeigt: Um 19 Uhr sind Gewinnerfilme der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen (Foto) zu sehen, um 21 Uhr folgen dann die „Golden Shorts“, neun Filmchen, die „dezembertauglich die Welt und das Leben reflektieren“.

 

Bunter Filmmix

 

„Was wäre, wenn…“ lautet das Motto an diesem Abend im Eidelstedter Bürgerhaus (Alte Elbgaustraße 12, 20 Uhr). In den sechs Filmen von Preisträgern und Nominierten des Deutschen Kurzfilmpreises geht es unter anderem um die unendlichen Möglichkeiten des Internets, herausfordernde Paarbeziehungen und kindliche Identitätskrisen.

Das B-Movie (Brigittenstraße 5, St. Pauli) beschäftigt sich ab 20 Uhr mit einem ganz anderen Thema: der Geschichte des Super-8 Kurzfilms. Gezeigt wird die 45-minütige, von Projektoren getaktete Performance „Achtung Bild – Jetzt kommt der Ton!“ von Soyuz Apollo, einem Projekt des Hamburger Medienkünstlers Thorsten Wagner.

Um „Lotto am Samstag“ und andere Pläsierchen geht es ab 19.30 Uhr in der Immanuelkirche auf der Veddel (Wilhelmsburger Str. 73). Kurzweilig wird es gewiss auch im KulturWerk (Boizenburger Weg 7, Rahlstedt) zugehen: Hier wird um 17 Uhr das Programm „Mensch Meier. Echt jetzt?“ gezeigt.

Auch die Kurzen bekommen Kurze serviert: Um 14 Uhr spielt das Alabama Kino auf Kampnagel (Jarrestr. 20, Winterhude) ein Best-of des „Mo&Friese“-Programms. Für Filmfans ab 65 Jahren ist das Programm „SeniorInnen“ am 19. Dezember im Gemeinschaftsraum Hartwig-Hesse-Quartier (Alexanderstraße 29, St. Georg), 14.30 Uhr, sowie am 30. Dezember um 15 Uhr im Festsaal des Hospitals zum Heiligen Geist (Hinsbleek 11, Poppenbüttel) zu sehen.

kurzfilmtag.com


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Filmstart “Wild Rose”: Drei Akkorde & die Wahrheit

Mit dem Musikdrama „Wild Rose“ schenkt uns Regisseur Tom Harper ein sozialkritisches, dabei aber humorvolles Porträt einer Frau, die ihren eigenen Weg sucht

Text: Maike Schade
Foto: 2019 EONE GERMANY

Eine Blume, am Wegesrand. Trotzig reckt sie den Kopf gen Himmel, schiebt sich Zentimeter für Zentimeter näher ans Licht. Die Blätter vom Sturm gezaust, niedergedrückt von Regengüssen, mühsam Nahrung aus dem kargen Boden saugend. Und doch: Eines Tages öffnet sich ihre Blüte. Prachtvoll leuchtend, intensiv duftend. „Wild Rose“ ist kein Film über Botanik. Doch das Bild (und der Titel impliziert es ja auch) passt. Denn Rose-Lynn, die Protagonistin dieses wunderbaren, vielschichtigen Streifens, entfaltet sich ebenso wie jene gebeutelte Pflanze am Wegesrand.

Allen Widrigkeiten zum Trotz – und das sind viele, die meisten davon hat sie selbst verschuldet – kämpft sie sich auf ihrem Weg ins Licht voran. Nicht das der Sonne, es ist das Rampenlicht, das sie sucht. Als Countrysängerin, geboren und aufgewachsen im schottischen Glasgow. Sie ist 22, vielleicht 23 Jahre alt, als sie nach einem Jahr aus dem Knast entlassen wird. Nicht ohne Auflagen: Sie muss eine Fußfessel tragen und von 19 Uhr abends bis sieben Uhr morgens zu Hause sein. Ein Zuhause, das sie als erneutes Gefängnis empfindet: Sie hat zwei Kinder, die während ihrer Abwesenheit bei Rose-Lynns Mutter (großartig: Julie Walters) lebten.

 

Zwischen Sehnsucht nach Selbstverwirklichung und der Sorge um die Kinder

 

Als sie 15 war, bekam sie ihre Tochter, noch vor ihrem 18. Geburtstag ihren Sohn. Ein Vater wird während des gesamten Films nicht erwähnt werden, Männer spielen im Film ohnehin nur Nebenrollen; lediglich Lover Elliott tritt nach der Entlassung in Erscheinung. Ihn sucht sie nach ihrer Entlassung zuerst auf, lustiger Fick und Joint in freier Prärie. Heim zieht es sie kaum. Sie weiß, was sie erwartet: Vorwürfe ihrer Mutter, die möchte, das Rose-Lynn endlich Verantwortung übernimmt. Doch die junge Frau will etwas ganz anderes: nach Nashville, Wiege der Countrymusik. „Eigentlich bin ich Amerikanerin“, sagt sie einmal, und vergleicht sich mit einem Transsexuellen, der im falschen Körper geboren wurde. Bei ihr ist es die falsche Nationalität.

Denn „three chords and the truth“, drei Akkorde und die Wahrheit, sind ihr Leben. Auf ihren Arm tätowiert hält sie diesen Country-Leitspruch allen unter die Augen, die es sehen wollen – und auch allen anderen. Die Leidenschaft für den Musikstil hat Drehbuchautorin Nicole Taylor ihrer Figur aus dem eigenen Herzen in die Seele geschrieben. „Für mich ist Countrymusik ein emotionales Ventil. Ich habe das Gefühl, dass ich in den zweieinhalb Minuten eines Countrysongs all meine Gefühle ausleben kann. Kurz gesagt: Für mich ist Country eine Sprache für die emotional Unartikulierten – und dazu gehört auch Rose-Lynn“, sagt sie.

 

 

Denn die hängt zwischen ihrer Sehnsucht nach Selbstverwirklichung und der Sorge um ihre Kinder, die ebenso wie die Fußfessel wie Klötze an ihren Beinen hängen. Sie hat sie schon einmal im Stich gelassen, als sie wegen eines geringen Drogendeliktes ins Gefängnis musste, und vermutlich hat sie sich auch vorher nicht mit allzu großer Begeisterung um sie gekümmert. Schließlich war sie bei ihrer Geburt noch selbst ein halbes Kind, das wohl lieber mit „ihren Jungs“ auf der Bühne stand, als vollgekotzte Lätzchen und verschmierte Hintern zu säubern. Das Verhältnis zu ihren eigenen Kindern ist ebenso von Vorsicht, Ablehnung und Enttäuschung geprägt wie das zu ihrer Mutter. Und Rose-Lynn leidet darunter, sie liebt ihre Kinder, trotz allem.

Der Abgrund zwischen Realität und Traum zerreißt sie – und den Zuschauer gleich mit. Was soll man ihr wünschen? Beruflichen Erfolg auf Kosten der Kinder? Sein Ausbleiben und eine glückliche Familie? Beides scheint unmöglich. Rose-Lynn verleugnet die Realität. Auch die richtigen Worte findet sie nicht, weder für ihre Kinder noch für die Mutter. Reden tut sie dennoch nicht wenig. Sie, immer unterwegs in weißen Westernstiefeln und weißer Leder-Fransenjacke, ist geradeheraus, ungezähmt, wild, wollend, leidenschaftlich. Herrlich unperfekt, auch mal roh und rau; eine Wildrose voller Dornen. Mit einer empfindsamen Seite, die wir in einigen der vielen, wunderbaren Countrysongs hören, die gleichermaßen Soundtrack wie Subtext von „Wild Rose“ sind. Kein kitschiges Western-Gedudel, sondern ebenso ehrliche wie berührende Musik. Drei Akkorde und die Wahrheit. Nicht mehr, und nicht weniger.

 

Jessie Buckley spielt die Rolle der Rose-Lynn mit ungeheurer Wucht

 

Gesungen werden sie von der unglaublichen Jessie Buckley, die die Rolle der Rose-Lynn mit ungeheurer Wucht und immer hoch authentisch spielt – beeindruckend. Das mag auch daran liegen, dass ihre eigene Geschichte der ihrer Filmfigur zumindest in Grundzügen ähnelt: Im Alter von 17 Jahren ging sie von ihrem Heimatort Killarney, Irland, nach London, um eine Gesangskarriere anzutreten. 2008 nahm sie an der BBC-Castingshow „I’d Do Anything“ teil, in der eine Darstellerin für die weibliche Hauptrolle in der West End-Neuauflage des Musicals „Oliver!“ gesucht wurde. Buckley belegte nur den zweiten Platz, folgte aber ihrem Traum. Nach der Show spielte sie im Musical „A Little Night Music“ und studierte ab 2010 an der Royal Academy of Dramatic Art Schauspiel. Nach ihrem Abschluss stand sie unter anderem am Londoner „Shakespeare’s Globe“ als Miranda in „Der Sturm“ auf der Bühne. Mit „Wild Rose“-Regisseur Tom Harper arbeitete sie vorher in dessen vierteiliger, hochgelobter Serienverfilmung von Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ zusammen.

Mit Countrymusik hatte Buckley vor „Wild Rose“ nach eigener Aussage nichts am Hut. Doch der ganz eigene Zauber dieses Musikstils packte sie – so sehr, dass sie plötzlich selbst anfing, Songs für den Film zu schreiben. Zusammen mit Country-Fanatikerin und Drehbuchautorin Nicole Taylor schuf sie, unterstützt von Musikern, einige der Songs, die als Soundtrack auch als Album bei Universal erschienen sind. Sie lässt in den Liedern alles raus: den Dreck, die Wut, die Sehnsucht, die Angst, die Liebe, auch Hoffnung. Mal aggressiv, mal das Leben feiernd, mal zart. Immer kraftvoll, immer ehrlich. Genau so, wie sie Rose-Lynn spielt. Eine Frau scheinbar ohne Chance, aus dem Arbeitermilieu Glasgows stammend, in dem der Glamour der großen Bühne ebenso fern scheint wie der sprichwörtliche Sack Diamanten im Schweinekoben.

„Wild Rose“ ist die Geschichte einer starken Frau, die ihren Weg sucht. Die strauchelt, hinfällt, ihre Krone zurechtrückt und in Cowboystiefeln weiterstolziert. Eine Geschichte über eine alleinerziehende Mutter, der dankenswerter Weise kein rettender Ritter beispringt, die trotzdem nach Selbstverwirklichung strebt und die zudem noch in Konflikt mit ihrer eigenen Mutter steht, der ihrerseits der Mut zur Erfüllung ihres eigenen Lebenstraums fehlte. Eine Geschichte, die ähnlich wie seinerzeit „Billy Elliot“ Sozialkritik mit Drama und einer guten Portion trockenen, britischen Humors mischt; die Butterbrot-Variante von „A Star is Born“. Und nicht zuletzt: eine Geschichte über Wurzeln. Ohne die auch eine kleine Wildblume niemals blühen würde.

Wild Rose
Ab 12.12.19 im Kino 


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Zeitreise: Metropolis Kino feiert 40. Jubiläum

Das kommunale Kino ist mehr als ein Leinwandtempel: Es ist ein Ausstellungsraum für Filme, die sonst nicht in Hamburg zu sehen sind. Und das seit 40 Jahren

Text: Maike Schade

 

Es war Mitte der 70er Jahre. Eine Gruppe avantgardistischer Filmemacher aus Hamburg gründete eine Initiative. Das Ziel: ein kommunales Kino, um zum einen das eigene Filmschaffen, vor allem aber auch Filme abseits des Mainstreams – aktuell wie historisch – der Allgemeinheit zugänglich zu machen. „Zunächst wurde das von Seiten der Politik misstrauisch beäugt. Filmemacher, experimentelle noch dazu. Was für ein linker Haufen mochte das sein, und wer weiß, was sie wirklich vorhatten?“, erinnert sich Martin Aust, heute Geschäftsführer des Metropolis Kino.

Es wurde ein exemplarisches Filmprogramm zusammengestellt und gezeigt, verhandelt, geredet – „und plötzlich war das Geld da“. Auch ein Geschäftsführer wurde gefunden: Heiner Roß, damals tätig im Arsenal Kino in Berlin, das mit seinem Programm Vorbild für das Hamburger kommunale Kino war.

 

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Von Anfang an dabei: der heutige Geschäftsführer Martin Aust (Foto: Kinemathek Hamburg)

 

Auch ein Raum für das neue Kino war bereits anvisiert: das (seit 1982 geschlossene) Programmkino Klick auf St. Pauli, in dem die Initiative schon seit Jahren seine Programme gezeigt hatte. „Aus irgendeinem Grund platzte die Vereinbarung aber. Und nun stand das kommunale Kino da: mit Geld, mit einem Plan und einem Geschäftsführer – aber ohne Räume.“ Heiner Roß, so erzählt Martin Aust, hat sich damals auf die Suche gemacht.

Irgendwann landete er im Kino am Dammtor, seinerzeit noch Aktualitäten­ und Neuheitenkino. „Er ging hinein, kaufte eine Eintrittskarte und sah sich einen Film an. Danach kaufte er eine weitere, sah noch einen Film. Und noch einen. Danach ging er zur Kassiererin und sagte: Ich möchte das Kino mieten. Die Kassiererin war konsterniert, fürchtete um ihren Job. Heiner Roß sagte: Sie miete ich mit. Haben Sie keine Sorge. Und er bekam das Kino – und die Kassiererin, Frau Herta Prigge, blieb noch viele Jahre bei uns.“ Zumindest, so Aust, sei das die Geschichte, die Roß erzählte.

Eines ist definitiv eine Tatsache: Mitte Oktober 1979, vor rund 40 Jahren, wurde das Me­tropolis Kino – benannt nach dem gleichnamigen Film von Fritz Lang, der zur Eröffnung ge­zeigt wurde – eingeweiht.

 

 

Martin Aust war von Anfang an dabei. Eher zufällig, wie er heute sagt: „Ich kam als Student nach Hamburg und hatte einen Job beim Filmfest. Da lernte ich Heiner Roß kennen, und er fragte mich, ob ich nicht in dem neuen Kino arbeiten wollte. Klar wollte er. „Ich habe alle möglichen Jobs da gemacht, zum Beispiel die Filmrollen, die tagtäglich am Bahnhof Dammtor per Express ankamen oder losgeschickt werden mussten, mit dem Auto hin-­ und hergefahren.“ Nach und nach war er aber immer mehr in die Programmgestaltung eingebunden, und als der bisherige Programmchef im Jahr 1986 das Kino verließ, bekam er den Job. Seit 2005 ist er Geschäftsführer. Das Programm macht er noch immer.

 

Zeitzeugnisse und Kunst

 

Und das unterscheidet sich fundamental von dem anderer Hamburger Kinos. Denn ein solches im eigentlichen – kommerziellen – Sinne sei das Metropolis nicht, sagt Aust: „Ich sehe uns mehr als Ausstellungsraum für Filme.“ Eine Art Museum, im dem das ansonsten nicht zugängliche Werk Filmschaffender aus über einem Jahrhundert für alle zu sehen ist, vom Stummfilm mit Live­-Musik der 1920er Jahre bis hin zum utopischen Experimentalfilm der Gegenwart, digital, aber auch auf 8, 16 und 35 Millimetern, abgespielt von zwei Filmprojektoren.

Dafür hat das Metropolis Kino ein eigenes Archiv aus mittlerweile rund 5.500 Fil­men, die in einem Keller in St. Georg fachgerecht verwahrt werden. Darunter befindet sich das Belegarchiv der Filmförderung Hamburg Schleswig-­Hol­stein plus eine große Sammlung aus Werken von US-­amerikanischen Exil­-Hamburgern aus den 1940er Jahren, die vor den Nazis nach Amerika geflohen waren – Zeitzeugnisse und Kunst zugleich, wie Aust sagt.

Die Relevanz des kommu­nalen Kinos – oder der Kine­mathek, wie sich der Verein, der Kino und Archiv betreibt, nennt – sei in der Politikaner­ kannt, sagt Aust. Zu zwei Dritteln wird das Kino von der Stadt subventioniert, ein Drit­tel spielt es selbst ein.

Das Pu­blikum sei dabei so bunt wie das Programm. Tendenziell älter, ja, „aber ich bin überzeugt, das wächst nach. Irgendwann ha­ben die Leute genug vom Pop­corn-­Kino und wollen mehr sehen.“ Die Auslastung sei konstant und in Ordnung. Reichen tut das Geld trotzdem nie. „Wir zeigen die Filme ja nur zwei oder drei Mal, und die Ausleihe der Filme kostet manchmal horrend viel Geld.“ Ganz zu schweigen von der nötigen Digitalisierung der Archiv­Schätze – irgend­wann wird das Filmmaterial auf den Rollen mürbe. Und ir­gendwann, auch wenn das lange dauert, ist es unbrauchbar und für immer verloren.

 

Originalzustand der 1950er Jahre

 

Nicht nur die gezeigten Filme entführen in vergangene Zeiten. Auch das Kino selbst: Der Saal ist (bis auf brand-­ und sicherheitstechnische Kleinigkeiten) im Originalzustand der 1950er Jahre. Dabei stand das auf der Kippe, als das Gebäude im Jahr 2008 von Investoren auf­gekauft wurde und abgerissen werden sollte. Doch der Kino­saal wurde unter Denkmal­schutz gestellt und Stuhl für Stuhl, Schraube für Schraube sorgfältig abgebaut, eingela­gert und absolut originalgetreu wieder aufgebaut.

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Im Filmtheater Dammtor fand das Metropolis sein Zuhause (Foto: Kinemathek Hamburg)

Nicht im Erd­geschoss, wie früher, sondern ein Stockwerk tiefer im Keller. Aber dennoch. Der Besuch einer Filmvorführung im Metropolis Kino ist wie eine Zeitreise – in die längst verflogene Vergangenheit, in die jüngere, manchmal auch in die Zukunft. Eine Er­fahrung ist es immer.

Das Jubiläum feiert das Metropolis Kino für die Öf­fentlichkeit (plus den 30. Ge­burtstag des Hamburgischen Filmforschungszentrums Cine­ Graph) ab dem 26. Oktober mit einem vielseitigen Programm, unter anderem mit einer vir­tuellen Reise ins Archiv. Mehr Infos dazu auf der Homepage.

metropoliskino.de


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Disney, Pollock und Warhol: Neue Ausstellung

Disney, Rockwell, Pollock und Warhol und ihr Beitrag zum American Way of Life

Text: Karin Schulze

 

Nach den Herren Ba­selitz, Richter, Pol­ke und Kiefer, die in den Deichtorhallen mit ihrem überwiegend durchaus ein­drucksvollen Frühwerk Hof halten, marschiert jetzt eine weitere Garde weißer männ­licher Megakünstler auf: Dis­ney, Rockwell, Pollock und Warhol. Kann das interessant sein? Welchen kühnen Faden schlingt die Ausstellung des Bucerius Kunst Forums um das heterogene Quartett aus einem Trickfilm­-Entrepreneur, einem Americana­-Illustrator und den zentralen Protagonisten des abstrakten Expressionismus und der Pop­ Art?

Alle vier jedenfalls haben Mitte des vergangenen Jahrhunderts die visuelle Kultur der USA entscheidend geprägt. Dabei versucht die Ausstellung zweierlei zu zeigen: Wie prägten ihre Protagonisten das Bild des American Way of Life? Und wie ebneten sie das Gefälle zwischen Avantgarde und Kulturindustrie ein, sodass am Ende, was vorher als „lowbrow“ (Disney), „middlebrow“ (Rockwell) und „highbrow“ (Pollock) galt, in die Pop ­Art Warhols mündete.

Der Trickfilmkünstler und ­produzent Walt Disney (1901– 1966) schaffte mit seinen technisch stets innovativen und mit­ unter auch gewagten Filmen wie „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ oder „Fantasia“ den Weg vom Cartoon zum Medien­imperium. Sein Hang zum Niedlichen stiftete einerseits zu kultureller Verkindlichung an, setzte aber auch ein neues verspieltes Kreativpotenzial frei.

 

 

Norman Rockwell (1894– 1978), der mit Disney befreundet war, schuf sein Werk vor allem in Gestalt der Coverentwürfe für das Massenblatt „The Saturday Evening Post“. Die Motive setzte er meist zuerst mit Modellen in Szene, die er über fotografische und gezeichnete Zwischenstufen am Ende in ein Ölbild übertrug. Sind seine Arbeiten lange konservativ und Moderne­ feindlich ausgerichtet, steht sein „The Connoisseur“ (1961) dann schon vor einem „Pollock“, den Rockwell durchaus ehrfurchtsvoll nachgeschöpft hat.

Jackson Pollocks (1912– 1956) Erfindung des Drip ­Paintings wird im Kalten Krieg als freiheitsliebend und typisch amerikanisch vermarktet. Und Andy Warhol (1928–1987), der Rockwell-­Fan war und zwei seiner Werke besaß, schuf einen Popkulturkosmos aus Siebdrucken, Objekten, Filmen, Partys und medialen Produkten, der die Grenzen zwischen Kunst und Ware, Starkult und Lifestyle einriss.

Interessant ist die Frage nach dem Beitrag der vier zu einer spezifischen US­-Kultur allemal. Vielleicht aber wäre dieser Stoff – distanziert und ernsthaft ideologiekritisch beleuchtet – zwischen Buchdeckeln besser aufgehoben.

Bucerius Kunst Forum: Amerika! Disney, Rockwell, Pollock, Warhol, bis 12.1.2020


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Lara: Neuer Film von Jan-Ole Gersters

Lange sieben Jahre nach seinem gefeierten Debüt „Oh Boy“ kommt Jan-Ole Gersters zweiter Film ins Kino: „Lara“, mit einer fantastischen Corinna Harfouch in der Hauptrolle. Das Warten hat sich gelohnt

Text und Interview: Bettina Aust, Christian Aust

 

Vor sieben Jahren eroberte Jan-Ole Gerster mit seinem schwarz-weißen Debütfilm „Oh Boy“ und Tom Schilling in der Hauptrolle sämtliche Herzen, die des Publikums, der Kritiker und der Jurys diverser nationaler und internationaler Festivals. Man wollte sofort den nächsten Gerster-Film sehen, musste sich dann aber in unendlicher Geduld üben. Jetzt ist er endlich fertig und heißt „Lara“.

Dabei seufzt man innerlich immer wieder „Oh Lara“. Denn Antiheldin Lara Jenkin (Corinna Harfouch) macht sich das Leben unnötig schwer. Ihr sechzigster Geburtstag steht an. Nur will den niemand mit ihr feiern. Selbst den verliebten Nachbarn vergrault sie mit ihrem ätzenden Zynismus.

Die Ursache für ihre fortgeschrittene emotionale Verwahrlosung gründet in einem Jugendtrauma. Ein Klavierlehrer bescheinigt seiner eifrigen Schülerin Talentlosigkeit. Sie verwirft ihren Traum von einer Karriere als Pianistin und arbeitet als leitende Beamtin bei der Stadtverwaltung.

 

Teil der Gesellschaft

 

In einem Akt der Verzweiflung hebt Lara nun ihr Guthaben vom Konto ab und kauft sämtliche Restkarten für ein Konzert ihres Sohnes (Tom Schilling), um sie an irritierte Ex-Kolleginnen und Fremde zu verschenken. Freunde hatte sie nie, bei der Arbeit wurde sie eher gehasst als respektiert. Auch das Mutter-Sohn-Verhältnis ist eine Katastrophe. Schließlich hat sie den virtuosen Pianisten, der an diesem Abend sogar sein Debüt als Komponist feiern will, jahrelang mit ihrer sezierenden Kritik gemartert. Hat er doch gewagt, wozu seine Mutter nie den Mut hatte.

„Lara“ ist eine feierliche Hommage an Corinna Harfouch. Ähnlich wie Michael Haneke seine Muse Isabel Huppert, lässt Haneke-Fan Jan-Ole Gerster ihr hier in jeder Szene den Raum zu strahlen, immer wieder auch wunderbar schräg, und findet dafür auch noch extrem stylishe Bilder. Da wirkt selbst eine trostlose Neubausiedlung hip.

Wie in „Oh Boy“ scheitert hier ein Mensch bei dem Versuch, sich in die Gesellschaft einzugliedern, trotzdem glücklich zu werden – und an den eigenen Erwartungen. Der zeitliche Rahmen sind wieder die 24 Stunden eines Tages, Ort ist wieder Berlin. Doch die Zutaten Komik und Tragik sind in anderen Mengenverhältnissen dosiert. Der lässige Witz des Vorgängers ist immer mit der Schwere der Verzweiflung durchwirkt. Ein reiferer Jan-Ole Gerster betritt auch mit seinem zweiten Film Neuland: das Schauspielerinnen-Kino – ein Genre, das in Deutschland unterrepräsentiert ist. Und allein wegen Corinna Harfouch hat sich das Warten gelohnt.

 

 

SZENE HAMBURG: Jan­-Ole, Lara wird von ihrem Klavierlehrer der­artig entmutigt, dass sie ihre ganze Karriere hin­schmeißt. Wenn du so gestrickt gewesen wärst, dann wärst du nicht weit gekommen: Es heißt, du hast dich vierzig Mal bei der Produktions­ firma X­-Filme beworben?

Jan-Ole Gerster: Ich weiß nicht, ob es vierzig Mal waren. Aber es stimmt, ich hatte eine gewisse Hartnäckigkeit. Ich bin in der Provinz groß geworden, hatte den dringenden Wunsch, beim Film zu arbeiten und fand, dass die Firma X-Filme zu dem Zeitpunkt die interessantesten deutschen Filme produzierte. Die war damals der heiße Scheiß mit Filmen wie „Das Leben ist eine Baustelle“, „Absolute Giganten“ oder „Lola rennt“.

Ich habe mich dann als Praktikant beworben, aber natürlich erst mal nichts von denen gehört. Trotzdem habe ich immer wieder dort angerufen. Die waren sich zwischenzeitlich nicht sicher, ob ich ein bisschen irre bin oder wirklich nur den Job wollte. Schließlich durfte ich irgendwann zum Gespräch vorbeikommen und hatte kurz darauf mein Praktikum. Später wurde ich Assistent von Wolfgang Becker, einem der Gründer von X-Filme, und habe die Entstehung von „Good- bye, Lenin!“ begleitet. So fing alles an.

Mit „Lara“ hast du ein Drehbuch verfilmt, das du nicht selbst geschrieben hast. Was hat dich an diesem Stoff vor allem berührt?

Das Drehbuch hatte eine große Wirkung auf mich. Lara ist eine sechzigjährige Frau, hat einen erwachsenen Sohn hat und liebt klassische Musik. Die Gemeinsamkeiten waren erst mal nicht so augenscheinlich. Und trotzdem gab es irgendetwas in der Geschichte, das mich betraf. Das hat sicher damit zu tun, dass ich Leute mit einer großen Leidenschaft interessant finde. Und ich finde es sehr tragisch, wenn diese Leidenschaft nicht gelebt werden kann. Das ist wie eine unerwiderte Liebe

Inwiefern kennst du dieses Gefühl?

Es geht um Zweifel und die permanente Angst, deinen eigenen Absolutheitsansprüchen nicht zu genügen. Mit diesem Thema haben viele Menschen in künstlerischen Prozessen zu tun. Ich hatte diese Zweifel vor allem als Filmstudent. Man hat das natürlich nie ausgesprochen, wusste aber, dass, wenn der Debütfilm nicht einschlägt, es schwer sein würde, weiterzumachen.

Ich habe mich gefragt: Was passiert, wenn ich scheitern werde? Dann würde das Kino, das ich so sehr liebe, plötzlich zu einer schlechten Erfahrung werden. Und ich würde zum Zaungast meiner eigenen Leidenschaft werden. In Laras Figur habe ich all diese Ängste und Zweifel wiedererkannt. Bei ihr haben sie dazu geführt, dass sie ihren Traum aufgibt und Platz macht für andere. An diesem Punkt war ich auch.

 

„Grausamer als zu scheitern ist es, es gar nicht probiert zu haben“

 

Und warum hast du dann trotzdem weitergemacht?

Weil ich fand, dass eine Sache noch grausamer ist als zu scheitern: nämlich die, es gar nicht erst probiert zu haben. Das wollte ich mir ersparen, dass ich irgendwann wie Lara auf mein Leben zurückblicke und mich frage: Warum habe ich das eigentlich nicht gemacht? Warum habe ich es nicht wenigstens probiert? Und dann habe ich mich eines Besseren besonnen und brav meinen Abschlussfilm gedreht.

Und dieser Film, „Oh Boy“, wurde gleich ein richtiger Hit. Hast du trotz­dem noch Zweifel an deinen Fähig­keiten als Regisseur?

Es ist wichtig, dass es so ist. Ich bin zum Glück weit davon entfernt, routiniert zu sein. Ich habe zwei Filme gedreht und frage mich jetzt, kriege ich auch einen dritten hin – und wird er gut oder bestenfalls brillant sein? Man muss sich immer fragen, wo ist die Herausforderung? Was ist der Kern,
zu dem man vordringen will, auch erzählerisch? Welche Angst gilt es zu überwinden? Ich will nicht einer dieser Regisseure werden, die am Set immer und immer wieder das gleiche Ding durchziehen. Dafür ist mir das Filmemachen zu heilig.

Die Fans von „Oh Boy“ hatten gehofft, dass du gleich mit dem nächsten Knaller nachlegst. Warum hat es dann doch sieben Jahre gedauert?

Mir war es wichtig, dass ich sicherstelle, dass der zweite Film nach meinen Bedingungen gedreht werden kann. Und ich nicht als „Auftragsregisseur“ von einem Projekt zum nächsten springe und gar nicht so genau weiß, warum ich diese Filme mache.

Ich versuche, irgendetwas zu finden, mit dem ich etwas von mir zeigen kann. Mit „Oh Boy“ war es so, dass er mich fast zwei Jahre in Schach gehalten hat. Nach etlichen Festivals und Auslandsstarts kam ich irgendwann im Sommer 2014 mit einem regelrechten „Oh Boy“-Kater nach Hause und war, ehrlich gesagt, von dieser Aufmerksamkeit ein bisschen erschlagen.

Stimmt es tatsächlich, dass dich ein Lob von Regisseur Michael Haneke etwas blockiert hat?

Michael Haneke hat mir sehr überraschend ein schönes Kompliment gemacht. Das war ein absolutes Highlight – fast wie eine Audienz beim Papst. Seine E-Mail endete mit den Worten: „Ich freue mich auf Ihren nächsten Film.“ Dieser Satz hing die ganze Zeit über mir. Oh Gott, Haneke guckt sich meinen nächsten Film an – wahrscheinlich hatte er unsere kurze Korrespondenz zwischenzeitlich schon wieder längst vergessen, aber ich habe ihn Anfang des Jahres bei einer Buchpräsentation getroffen und ihm erzählt, dass er für meine jahrelange Blockade verantwortlich sei.

Da hat er gelacht und gesagt, dass ich nicht so lange warten soll. Ich habe das nie so gesehen, aber jetzt erkenne ich darin fast eine Parallele zu Laras Begegnung mit ihrem ehemaligen Professor. Erstaunlich, wie viel Gewicht diese beiläufig gesagten Sätze haben können.

Wie weit hat Hanekes Arbeit dich da­rüber hinaus inspiriert?

Ich will eigentlich gar nicht so gern darüber reden, da Haneke einer der ganz Großen des Kinos ist. Davon bin ich Lichtjahre entfernt. Aber natürlich bin ich ein großer Fan. Dass mein Film nun oberflächlich ein, zwei Ähnlichkeiten zu „Die Klavierspielerin“ aufweist, ist allerdings ein Zufall.

Beide Hauptfiguren sind in einem ähnlichen Alter und bewegen sich in der Welt der klassischen Musik. Ich habe stets den Anspruch originell zu sein, aber diese Parallele hat mich tatsächlich nicht weiter gestört. Dafür finde ich beide Filme eigenständig und unterschiedlich genug. Hanekes Film ist ein Meisterwerk – meiner ist auch nicht schlecht.

Lara: Regie: Jan-Ole Gerster. Corinna Harfouch, Tom Schilling, André Jung. ab 7.11. in den Kinos


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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