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Hamburgerin des Monats: Gloria Boateng

Gloria Boateng wurde als Zehnjährige von ihrer Mutter von Ghana nach Deutschland geholt, wo sie unerwartet auf sich allein gestellt war. Heute ist sie Lehrerin, Moderatorin, Bildungsaktivistin, Buchautorin, Mitinitiatorin der mehrfach ausgezeichneten Initiative SchlauFox e. V. und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes

Interview: Markus Gölzer  

 

SZENE HAMBURG: Gloria Boateng, wie war Ihr erster Eindruck von Deutschland?

Gloria Boateng: Es riecht und schmeckt anders. Es sieht anders aus. Die Leute sind weniger bunt angezogen. Sehr grau, beige und schwarz. Auf dem Weg vom Flughafen standen wir in der S-Bahn. Ich war sehr klein und zierlich. Ich habe mich an dem Pfosten in der S-Bahn festgehalten: Nur weiße Hände! (lacht) Meine Hand und die meines Opas waren die einzigen schwarzen. Das hat mir noch mal bewusst gemacht, dass ich in einer anderen Welt bin.

„Ich habe früh Erfahrung mit Rassismus gemacht“

Ihre Mutter wurde ausgewiesen, ihr Großvater starb. Sie wurden Pflegekind. In ihrer Autobiografie „Mein steiniger Weg zum Erfolg“ beschreiben Sie, wie damals Bildung ihr Rettungsanker war. Was hat Ihnen mit elf Jahren diese Erkenntnisfähigkeit verliehen?

Diese Erkenntnis hatte ich schon mit sechs Jahren in Ghana. Da hatten nur Kinder Zugang zur institutionellen Bildung, die Schulgebühren bezahlen konnten. Wir waren extrem arm und hatten maximal eine Mahlzeit am Tag. Das Geld, das meine Mutter und mein Großvater aus Deutschland schickten, wurde oft nicht in Schulgebühren investiert. Ich ging zur Schule, wenn wir die Gebühren bezahlen konnten. Dann saß ich wieder am Straßenrand in meiner Schuluniform und hab anderen Kindern zugeguckt, wie sie zur Schule gingen. Ich wollte das gleiche Privileg. In Deutschland habe ich früh erkannt: Ich habe hier keine Chance, wenn ich nicht die höchsten Bildungsabschlüsse erreiche. Ich habe früh Erfahrung mit Rassismus gemacht. Mir wurde gesagt: Du bist schwarz. Du bist ein Affe. Ich wurde damit konfrontiert, dass ich aufgrund meiner Herkunft weniger wert bin. Ich wusste: Ich kann nur das Gegenteil beweisen, wenn ich zeige, was ich draufhabe.

„Früher hat sich Deutschland nicht eingestanden, ein Rassismusproblem zu haben“

Heute sind Sie eine deutsche-ghanaische Erfolgsgeschichte. Wie erfolgreich ist Deutschland auf dem Weg zu einer modernen, diversen Gesellschaft?

Wir bewegen uns. Früher hat sich Deutschland nicht eingestanden, ein Rassismusproblem zu haben. Ich wurde wegen meiner Hautfarbe in meiner eigenen Wohnung zusammengeschlagen. Das hat fast mein Leben zerstört. Und wurde als Einzelfall abgetan. Heute ist das nach den vielen Angriffen, den Toten, nach Hanau anders. Wir sprechen offener über Rassismus. Das merkt man an den vielen Veranstaltungen, die zu diesem Thema stattfinden. Wir sind aber erst am Anfang. Diskriminierung fängt in der Sprache an. Gendern als Versuch, Sprache diverser zu gestalten, wird bekämpft. Am meisten von denen, die am wenigsten betroffen sind. Wie empfinden Sie das?

Sie haben vorhin gefragt, wo Deutschland sich befindet. Das zeigt sich an diesen Stellen. Was tut es mir weh, wenn durch gendersensible Sprache sich mehr Menschen mehr angesprochen fühlen? Ich versteh diese Diskussion nicht. Dass Menschen sagen, das verhunzt unsere Sprache. Wir bleiben lieber auf dem sitzen, was wir seit Jahrhunderten vorgekaut bekommen haben, ohne es zu reflektieren. Das zeigt, dass wir nicht bereit sind, Diversität anzuerkennen. Dass wir bequem sind. Sobald wir ein Wort benutzen müssen, dass wir so nicht verwenden, ist das eine Bedrohung für die Gewohnheit. Dann kämpfen wir dagegen an. Wir möchten in unserem Konservatismus Argumente reproduzieren, die Jahrtausende lang verwendet worden sind, um Menschen abzuwerten und unsichtbar zu machen. Wir schimpfen uns moderne Gesellschaft, aber wollen die Sprache erhalten, die mehr als 50 Prozent der Bevölkerung erniedrigt. Das ist so erbärmlich, dass ich beschämt bin.

„Das Schulsystem ist nicht für jedes Kind gemacht“

Als Mitinitiatorin von SchlauFox e. V. engagieren Sie sich für eine moderne Gesellschaft, indem Sie die Bildung junger Menschen fördern.

Das Schulsystem ist nicht für jedes Kind gemacht. Mag es noch so schlau sein. Als wir 2008 angefangen haben, gab es in Hamburg 1500 Jugendliche, die die Schule ohne Abschluss verließen. Die landen in irgendwelchen Maßnahmen, werden ohne Ausbildung unter Umständen langzeitarbeitslos, haben kein Selbstvertrauen. Wir können die Folgen weiterspinnen. Letztlich müssen wir sie finanzieren. Wir haben gesagt, das können wir uns als Gesellschaft nicht erlauben. Also haben wir angefangen, unser Programm JEA! aufzubauen, bei dem wir an Schulen immer die 15 Jugendlichen unterstützen, die am Ende von Klasse 7 die Prognose bekommen: Du schaffst wahrscheinlich den ersten Schulabschluss nicht. Die begleiten wir zwei Jahre lang durch fachliche Nachhilfe, durch Coaching und vieles mehr gezielt zum ersten Schulabschluss und darüber hinaus. Das ist eines unserer sechs Programme. Wir begleiten jedes Jahr 500 Kids und Teens. Möglich wird das durch 300 Ehrenamtliche. Die Gesellschaft trägt so viel durch Ehrenamt, und das ist nicht immer sichtbar. Das fände ich schön, wenn wir das feiern. Wenn Ehrenamt auch „cool“ für die nachwachsende Generation würde.

„Wie soll ich allen gerecht werden?“

Warum braucht eine wohlhabende Stadt wie Hamburg Unterstützung beim Thema Bildung?

Weil unsere wohlhabende Gesellschaft nicht genug in Bildung investiert. Andere Länder investieren einen höheren Anteil ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Bildung. Die letzte Zahl, die mir für Deutschland vorliegt, ist eine Steigerung von 4,4 auf 5 Prozent. Kanada und die skandinavischen Länder investieren mehr in Bildung. Es gibt Länder, die dreimal so viel in die vorschulische Bildung investieren wie Deutschland. Länder, die weniger Bildungsarmut zulassen. Die Kinder dort besuchen lange eine gemeinsame Schule. In Deutschland wird nach wie vor segregiert. Und du sitzt als Lehrkraft an einer Stadtteilschule mit 25 Kindern, die unterschiedlicher nicht sein könnten und bist allein. Während in anderen Ländern Assistant Teacher eingesetzt werden. Ein Assistant Teacher ist eine zweite Lehrkraft im Raum, die dich unterstützt, damit du auch leistungsschwächere Kinder angemessen fördern kannst. Das eine Kind hat einen sozial-emotionalen Sonderförderbedarf. Das andere Kind kann noch nicht lesen in der 7. Klasse. Wie soll ich ihnen allen gerecht werden? Ich sage Ihnen, ich könnte Bücher schreiben. Ich habe nur keine Zeit. Weil ich mich so viel aufrege. (lacht)

Sie wurden als Mitgründerin von SchlauFox e. V. 2019 vom Bundespräsidenten mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Was hat sich dadurch verändert? Wir waren stolz auf die Ehrung. Dass die Arbeit unseres kleinen Vereins gewürdigt wird. Kurzfristig bewirkt so ein Preis, dass man Aufmerksamkeit bekommt: durch die Medien, von Stiftungen, von Privatpersonen, wenn sie das eine oder andere Projekt mögen, unterstützen sie uns. Wir sind sehr autoritätshörig in diesem Land. Der Bundespräsident sagt: SchlauFox ist gut. Dann ist SchlauFox gut. Wenn ich in Deutschland einen Titel habe, kriege ich automatisch mehr Kompetenzzusprache und einen Vertrauensvorschuss. So eine Ehrung hallt ein halbes Jahr nach, dann verpufft das. Jetzt müsste eigentlich die nächste Verleihung her. (lacht)

„Leb das Leben, das du gelebt hast, einfach nochmal“

Wenn Sie Ihrem elfjährigen Ich heute einen Satz mitgeben könnten – wie würde der lauten?

Leb das Leben, das du gelebt hast, einfach noch mal. Mach aus allem, was dir begegnet, das Bestmögliche. Es begegnet dir so viel Gutes im Leben, aber du musst es sehen. Denn wir sehen vieles gar nicht so gut. Im Nachhinein vielleicht, aber nicht in der Situation. Ich würde meinem Ich sagen: Mach die Augen auf. Für dich. Für die Gesellschaft.  


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Hamburgerin des Monats: Ana Amil

Ana Amil ist Kulturmanagerin, Stadtteilaktivistin auf St. Pauli und Vorsitzende des „Kabinett der schönen Künste e. V.“ Seit Juli lädt der Verein im frisch sanierten „Teehaus“ in den Großen Wallanlagen zu kostenfreien Veranstaltungen ein

Interview: Markus Gölzer

SZENE HAMBURG: Ana, was ist das „Kabinett der schönen Künste e. V.“?

Ana Amil: Wir sind ein Kultur- und Kunstverein aus St. Pauli, gegründet von Menschen, denen die Kunst und Kultur auf St. Pauli wichtig ist. Daraus sind mehrere Projekte entstanden: das Feminité Museum, Arrivati Onlein und Golden Age Art. Das Feminité Museum ist ein digitales Museum, mit dem wir auch analoge Ausstellungen machen. Wir recherchieren, archivieren und zeigen Kunst, Geschichten und Geschichte von Menschen, die sich weiblich lesen aus 180 Jahren St. Pauli.

Arrivati Onlein ist eine Gabenleine am Arrivati-Park beim Grünen Jäger, die wir da schon seit zwei Jahren hängen haben. Hier kann man kontaktlos spenden. Golden Age Art ist ein Netzwerk von Künstler:innen, die zusammen ausstellen wollen, um weibliche Kunst sichtbarer zu machen. Daraus entstehen weitere Projekte wie das Stadtteil-Fanzine „Der blinde Fleck“. Das Kabinett der schönen Künste ist gemeinnützig, wird von Ehrenamtlichen betrieben und ist fördergeld- und spendenfinanziert.

 

„Ich arbeite und handle inklusiv. Das macht mich aus. Wenn das als stark oder emanzipatorisch interpretiert wird, ist das total in Ordnung“

Ana Amil

 

Du meintest am Telefon, dass du als unbequem giltst. Warum?

(Lacht) Das würde man mir direkt nicht ins Gesicht sagen. Ich bin eine Frau mit migrantischem Hintergrund. Ich habe einen alternativen Lebensstil. Ich bin politisch aktiv: Das sind ja keine populären Attribute. Ich sehe das nicht als Defizit, sondern als Vorteil. Ich lebe, was ich denke und sage.

Ich habe mein Leben und meine Arbeit danach ausgerichtet, dass ich mich für universelle Grundrechte starkmache. Ich arbeite und handle inklusiv. Das macht mich aus. Wenn das als stark oder emanzipatorisch interpretiert wird, ist das total in Ordnung.

Wurdest du schon angefeindet?

Es passiert immer mal wieder, dass ich aufgrund meines Geschlechts und meiner Herkunft Diskriminierung erfahre. Dass ich aufgrund meines nichtdeutschen Nachnamens und meines nichtdeutschen Aussehens beurteilt und oder verurteilt wurde. Ich habe erlebt, dass ich bei Grenzkontrollen im Zug als Einzige im Abteil nach dem Pass gefragt werde. Zu offiziellen Terminen nehme ich meine „männliche Flanke“ mit, damit ich überhaupt als Gesprächspartnerin wahrgenommen werde.

Musstest du beim Bezirksamt Mitte Überzeugungsarbeit leisten, dass ihr Teil des Teehauses werdet?

Nein. Die Idee ist ein generationsübergreifendes, inklusives Projekt mit verschiedenen Gruppen zu starten. Das Bezirksamt ist vor eineinhalb Jahren auf uns zugekommen. Grund war unsere Arbeit mit dem Feminité Museum.

 

18 Weiblichkeiten aus St. Pauli

 

Wir haben eine Ausstellung konzipiert: „18 Weiblichkeiten aus St. Pauli“. Die war online super besucht mit über 20.000 Zugriffen. Dann haben wir mit der Alfred-Toepfer-Stiftung gespro- chen, die die Millerntorwache verwaltet und die Ausstellung dort gezeigt. Ebenfalls ein voller Erfolg. Wir machen auch Diversity-Workshops an Grund- schulen. Das hat sich rumgesprochen. Man will in Hamburg diverser auftreten. Wir freuen uns, dass wir dazu beitragen können.

Was erwartet die Besucher:innen im Teehaus?

Es gibt Ausstellungen, Lesungen, Veranstaltungen wie den „Queer Teadance“, oder einen Plattenflohmarkt mit Musikbingo. Jede:r ist willkommen. Alle Veranstaltungen sind kostenfrei. Wir wollen niedrigschwellig und barrierefrei Kunst und Kultur aus St. Pauli ermöglichen.

Neben Kulturmanagerin und Stadtteilaktivistin bist du überzeugte Kollektivistin.

Alles was ich mache und schaffe, kann ich nur mit anderen Menschen machen. Ich stehe hier, spreche hier und zeige mein Gesicht für ungefähr
25 Menschen, die mir helfen, die mich supporten. Ohne die würde ich das alles nicht schaffen. Wir alle sind Teil dieser Gesellschaft. Ich habe Mitmenschen. Wir sollten miteinander und nicht gegeneinander arbeiten.

Ist es auch mal schwer in einem Kollektiv?

Auf alle Fälle. Das ist schwierig, immer wieder in den Dialog zu gehen. Obwohl ich ein großes Ego habe, muss ich mein Ego bei bestimmten Themen für ein gemeinsames Ziel zurück- zustellen. Aber es geht um eine Hal- tung. Nicht um meine Meinung. Eine Meinung kann man ändern. Eine Haltung nicht. Dazu stehe ich.

 

„Die Stadt ist für alle da“

Ana Amil

 

Welche Veränderungen möchtest du mit deinem Engagement erreichen?

Die Stadt ist für alle da. Es geht mir um echte Inklusion. Wir versuchen immer barrierefrei auszustellen. Ich verstehe nicht, dass man nicht für alle Menschen mitdenkt. Es geht um Teilhabe. Viel mehr Menschen, die das Thema Diversität betrifft, müssten in den Entscheidungsgremien sitzen.

Man muss den Menschen ermöglichen, ein Teil der Stadt zu werden. Es muss Orte geben, an denen alle, die an der Teilhabe behindert werden, mitmachen können. Es muss eine Selbstverständlichkeit werden, zu inkludieren. Für mich ist es wichtig, sichtbar in der Stadt stattzufinden an einem Ort wie Planten un Blomen, um alle Menschen sichtbar zu machen.

Was ist der schönste Lohn für deine ehrenamtlichen Aktivitäten?

Da gibt es so viele. Auf persönlicher Ebene berühren mich die vielen Nachrichten und Anrufe, die ich bekomme. Menschen bedanken sich, dass ich ihnen eine Stimme gebe. Das macht mich glücklich. Ich freu mich über die Wertschätzung von Seite der Stadt. Dass unsere Arbeit für so relevant gehalten wird, dass sie unterstützt wird.

 

Die Gaben-Leine auf St. Pauli

 

Als wir die Gaben-Leine aufgebaut habe in Corona-Zeiten, haben sich jeden Tag Leute persönlich bedankt. Sie meinten, das ist so toll, weil es unangenehm sei, sich in die Schlange bei den Essensausgaben zu stellen. Ich komme jeden Tag vorbei und gucke, ob es hier was gibt. Da merke ich: Da bin ich genau an der richtigen Stelle. Ich frag mich immer. Warum bin ich hier?

Und warum bist du hier?

Das hat mit den Frauen in meiner Familie zu tun. Besonders mit meiner Großmutter. Ich bin halb Portugiesin, halb Spanierin. Meine Großmutter mütterlicherseits aus Portugal, war Analphabetin. Eine arme Familie. Sie hat 14 Kinder geboren, sechs sind gestorben. Auch mein Großvater ist zu früh gestorben, und sie hat die Kinder allein aufgezogen. Kurz bevor sie dann gestorben ist, habe ich sie noch mal gesehen in Portugal. Sie war schon krank, kannte aber alle Namen von ihren Enkeln und Urenkeln dieser riesigen Familie.

Und da hat sie zu mir gesagt: Ich bin so dankbar für alles, was ich erlebt habe. Sie ist in einer Diktatur aufgewachsen unter Salazar. Und ich guck sie an und sehe, wie sie die Dinge gesehen hat. Wie viel Optimismus, Idealismus und Willen sie hatte. Meine Mutter hatte den Mut, Anfang der 70er in ein Land zu gehen, dessen Sprache sie nicht spricht. Und jetzt siehst du mich hier mitten im Teehaus sitzen. Ich habe es leichter gehabt dank dieser starken weiblichen Vorbilder. Da bin ich es schuldig, deren Haltung zu vertreten und zu leben.

Was machst du, wenn du keine Projekte vorantreibst?

Ich laufe Rollschuh und spiele Basketball. Beides total schlecht, aber ich liebe es. Ich gehe auf Ausstellungen und mache Musik. Ich bin unglaublich gern mit meinen vier Patenkindern und zwei Neffen zusammen. Die sind noch nicht so voller Vorurteile, haben einen offenen Geist. Ansonsten genieße ich mein Leben mit meinem Mann Paul und unserem Patenhund Knut. Das Langweiligste für mich wäre ein Strandurlaub.


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„Es ist wichtig, wütend und empört zu sein“

Seit 25 Jahren arbeitet Sibylle Ruschmeier beim Frauen Notruf Hamburg. Seither hat sich einiges verändert, doch längst nicht genug. Ein Gespräch über Mythen, Vorurteile und den andauernden Kampf um Gerechtigkeit

Interview: Anarhea Stoffel

SZENE HAMBURG: Sibylle Ruschmeier, 1980 wurde der Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen in Hamburg gegründet. Was waren die übergeordneten Ziele?

Sibylle Ruschmeier: 1980 war die Zeit des Aufkommens der sogenannten Neuen Deutschen Frauenbewegung. Damals waren es vor allem politische Aktionen, zu denen sich engagierte Frauen zusammengefunden haben. Dabei ging es zuerst einmal viel darum, die Gewalt gegen Frauen als alltägliche Männer-Gewalt klar und deutlich zu benennen und für die Rechte von Frauen und Mädchen öffentlich sichtbar zu kämpfen. Schlagkräftige Parolen damals waren „Vergewaltiger wir kriegen euch“ und „Wir holen uns die Nacht zurück“. In den Achtzigern sind dann bundesweit ganz viele autonome Frauenhäuser und Frauennotrufe entstanden. Der Frauen Notruf in Hamburg hat seine Wurzeln in dieser Neuen Deutschen Frauenbewegung. 

„Gesellschaftliche Strukturen begünstigen diese Gewalt“

Sie sind heute ein Team von sieben Mitarbeiterinnen aus verschiedenen beruflichen Bereichen. Welche Voraussetzungen sind dringend nötig für Ihre Arbeit?

Natürlich einmal eine gute Ausbildung für traumasensible Beratungsarbeit und auch ein Verständnis für die gesellschaftlichen Zusammenhänge, die die Gewalt gegen Frauen und Mädchen bedingen und begünstigen. Weil wir ja sexualisierte Gewalt gegen Frauen nicht als ein individuelles Einzelschicksal verstehen, sondern immer den gesellschaftlichen Kontext mit im Blick haben. Ich glaube, es ist auch wichtig, wütend und empört zu sein über das Unrecht der sexualisierten Gewalt, die Frauen und Mädchen und anderen Minderheiten tagtäglich widerfährt. Und Humor ist eine wertvolle Ressource. Wir lachen hier schon auch oft und viel.

„Viele falsche Vorstellungen bestehen nach wie vor in der Gesellschaft über die Taten, wie sie ablaufen, über die Täter, die Opfer und die Folgen.“

Sibylle Ruschmeier

Warum ist für Sie die Öffentlichkeitsarbeit so wichtig?

Zum einen natürlich, um die Beratungs- und Unterstützungsangebote bekannt zu machen. Damit dann auch Betroffene und Vertrauenspersonen den Weg hierher finden und sich Hilfe und Unterstützung holen können. Und zum anderen ist es aber noch immer unglaublich wichtig, über Vergewaltigung aufzuklären. Viele falsche Vorstellungen bestehen nach wie vor in der Gesellschaft über die Taten, wie sie ablaufen, über die Täter, die Opfer und die Folgen. Diese falschen Vorstellungen wirken sich eigentlich alle zum Nachteil der betroffenen Frauen und Mädchen aus. Vergewaltigungsmythen und die sogenannte Vergewaltigungsmythenakzeptanz sind eben sehr verbreitet und halten sich wahnsinnig hartnäckig. Jede Frau, jedes Mädchen spricht über Schuldgefühle und Schamgefühle, und es hilft, das eingeordnet zu bekommen. Dass es nicht ihre Schuld ist, sondern dass da gesellschaftliche Strukturen und Bedingungen dafür zuständig sind, die diese Gewalt begünstigen, bagatellisieren und leugnen.

„Kleidung ist nicht die Ursache, sondern das Täterverhalten“

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, damit sich diese gesellschaftlichen Strukturen verbessern?

Insgesamt müsste genauer hingeschaut werden. Die Bereitschaft müsste größer sein, sich damit auseinanderzusetzen und auch die eigene Abwehr der Thematik zu hinterfragen. Die Vergewaltigungsmythenakzeptanz ist auch deshalb so hartnäckig, weil sie das scheinbar Unerklärliche erklärt. Also ein ganz plattes Vorurteil, welches es aber leider gibt: Eine Frau, die sich so anzieht, muss sich nicht wundern. Da könnte ich ja im Umkehrschluss glauben, wenn ich mich nicht so anziehe, dann bin ich sicher. Das ist nicht der Fall. Sie sind nicht sicher, wenn Sie sich nicht so anziehen, weil die Kleidung nicht die Ursache ist, sondern das Täterverhalten. Unabhängig davon, wie Sie angezogen sind, egal, wie alt Sie sind, egal, welche Tageszeit, egal, welcher Ort. Er entscheidet sich dazu. Es ist seine Entscheidung, Ihnen Gewalt anzutun.

Es ist natürlich schwierig, denn immer hingucken kann man ja auch nicht. Man muss sich auch mal sicher fühlen. Aber zumindest in den Berufen, die ganz offensichtlich mit Betroffenen zu tun haben, sollte es mehr Fortbildung über Traumafolgen, Traumareaktionen, über sogenanntes Opfer- und Täterverhalten geben.

Es gibt mittlerweile so viel Wissen dazu. Es ist eigentlich da, es ist nur wahnsinnig schwierig, es in den Lehrplänen zu verankern.

„Die Arbeit mit den Frauen ist eine, die ich sehr mag“

Sie erleben in diesem Monat Ihr 25- jähriges Jubiläum beim Frauen Notruf. Wie kamen Sie zu diesem Beruf?

Das war zum Ende meines Soziologie-Studiums. Da habe ich mich mit der Thematik sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen befasst, vor allem mit der damaligen Berichterstattung über Gerichtsverfahren. Es gab damals große Prozesse über sexualisierte Gewalt gegen Kinder, die Wellen geschlagen haben. Und das hat mich alles sehr fassungslos und wütend gemacht, weil ich bis dahin gar nicht mit dem Thema in irgendeiner Ausbildung konfrontiert worden bin. Seither hat mich das Thema mit all seinen Ungerechtigkeiten irgendwie nicht mehr losgelassen. Und so habe ich dann nach Beendigung meines Studiums, damals noch als Aushilfe im Büro, hier angefangen.

„Die Vergewaltigungsmythenakzeptanz ist auch deshalb so hartnäckig, weil sie das scheinbar Unerklärliche erklärt.

Sibylle Ruschmeier

Die Arbeit mit den Frauen ist eine Arbeit, die ich sehr mag. Es ist ein toller Beruf und ein großes Privileg, finde ich, so im Einklang mit meinen persönlichen und ethischen Überzeugungen arbeiten zu können. Ich habe in der Beratungsarbeit so viele tolle, kreative, starke und beeindruckende Frauen und Mädchen kennengelernt und von ihnen natürlich auch sehr viel gelernt. Mit den Frauen zu arbeiten ist nicht der belastende Teil. Das Gefühl zu haben, da ändert sich nie was in diesen Institutionen, das ist ermüdend.

Die helle Seite ist wichtig

Einige Geschichten gehen vermutlich nah, trotzdem sind Sie seit 25 Jahren Teil des Teams. Wie schaffen Sie es, weiterzumachen, Distanz zu wahren?

Wichtig ist es, eine gute Ausbildung zu haben, in der man lernt, professionell damit umzugehen. Auch ein gutes Team, das vertrauensvoll zusammenarbeitet, sich austauscht ist hilfreich. Und eine deutliche Grenze zwischen Arbeit und Privatem zu ziehen ist wichtig. Es ist gut für einen Ausgleich im Privaten zu sorgen, sich also zu Hause, in der Freizeit weniger mit den dunklen Seiten der Menschheit zu beschäftigen. Die helle Seite, die es ja auch gibt, mehr in die Waagschale zuwerfen, hilft sehr.

Wie kann man Sie und den Verein als Privatperson unterstützen?

Das kann ideelle oder finanzielle Hilfe sein. Man kann über unsere Homepage regelmäßige Informationen erhalten und es gibt auch einen Förderverein, in dem man Mitglied werden kann. Und man kann außerdem Materialien anfordern und in Arztpraxen oder an anderen Stellen verteilen. Wir freuen uns natürlich immer über Menschen, die sich für unsere Arbeit interessieren und die mit uns an der Seite der betroffenen Frauen und Mädchen stehen.

Der Frauen Notruf Hamburg ist telefonisch unter 040 25 55 66 erreichbar


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Hamburgerin des Monats: Angela Voß

Angela Voß wurde als Kind von ihrem Vater schwer misshandelt. Zu ihrem Ersatzelternhaus wurde die Fabrik in Ottensen, die seit 1971 neben Konzerten auch intensive Jugendarbeit betrieben hat. Angela hat ihre Erlebnisse in ihrer Biografie „Narben meiner Kindheit“ verarbeitet und unterstützt mit der „Mütterkurhilfe“ Familien in Problemsituationen

Interview: Markus Gölzer

SZENE HAMBURG: Angela, du wurdest von deinem Vater seelisch und körperlich misshandelt. Warum war der so?

Angela Voß: Mein Vater war Hafenarbeiter und hatte eine Lungentuberkulose. Er wurde dadurch arbeitslos, hat dann gesoffen. Er war Alkoholiker und wurde im Suff extrem aggressiv. Das fing an, als ich acht war. Ein falsches Atmen, eine falsche Bewegung oder die reine Wut trieben meinen Vater an, sich immer an mir zu vergreifen. Ich lag sehr oft einfach im Bett, habe geschlafen, und der kam ohne Grund nachts in mein Kinderzimmer und hat mich schwer misshandelt.

Meine Mutter konnte mir nicht helfen, weil sie selbst ständig verprügelt wurde. Einmal war sie so blutüberströmt, dass ich sie nicht erkannt habe. Ich habe geschrien wie am Spieß. Diesen Blutkopf konnte ich jahrelang nicht vergessen.

Hat dein Vater nie wieder einen Job bekommen?

Nee. Durch seinen Suff auch nicht. Der ist schon vormittags zum Frühschoppen in die Kneipe. In Altona gab es früher ganz viele Säuferkneipen. Das Zeiss-Eck, das Weiße Ross, die Ente, Min Jung und wie die alle hießen. Da hat er sich gleich am Morgen hingesetzt und ging erst abends wieder raus. Und meine Mutter hatte drei Jobs. Die musste die finanziellen Löcher stopfen.

Haben Nachbarn, Lehrer, Freunde nichts von der häuslichen Gewalt mitbekommen?

Seine Kneipenleute wussten das, aber da hat nie jemand was zu gesagt! Mein Kinderarzt hätte es merken können, denn ich lutschte mit zwölf noch am Daumen. Er sagte, dass ich mir dadurch selbst Geborgenheit zufügen würde.

Geredet habe ich aber über die Misshandlungen mit niemanden, denn durch die ewigen Schläge war ich sehr schüchtern und habe kaum gesprochen. Einfach aus Angst, was falsch zu machen. Freunde hatte ich leider nie, denn die anderen Kinder haben mich gemieden. Eben weil mein Vater ein Säufer war.

Kannst du deinem Vater verzeihen?

Ich kann ihm seine Taten verzeihen. Aber dass ich mein Leben lang deswegen krank bin und meine eigenen Kinder auch leiden mussten, weil sie eine kranke Mama haben – das kann ich nicht verzeihen.

In welcher Form haben dich die Misshandlungen krank gemacht?

Ich habe dadurch eine Angststörung. Richtig krank wurde ich, als meine Kinder sechs und eineinhalb Jahre alt waren. Da habe ich eine Todesangststörung mit Panikattacken und Herzrhythmusstörungen bekommen. Das nennt man „Broken-Heart-Syndrom“. Die Ursache war, dass meine Große, die Sechsjährige, mich in meine eigene Kindheit zurückversetzt hat, mein Unterbewusstsein getriggert hat.

Du warst früh auf dich selbst gestellt. Wie hast du dir geholfen?

Bergauf ging es, als ich mit neun Jahren von einem anderen Mädchen gehört habe, dass die in der Fabrik mit Kindern spielen. Dann bin ich da hin, und Katharina Dietrich, die Frau des Mitbegründers Horst Dietrich, hat mich gleich aufgenommen. Sie hat mir in meiner wichtigen Prägephase viel gezeigt.

Ich konnte Töpfern, Malen, Basteln, Baumhäuser bauen, Stelzen laufen, Tischtennis spielen, Schlagzeug spielen oder an der Nähmaschine nähen. Wir haben sogar Siebdruck gemacht. Dafür bin ich sehr dankbar.

Bei meinen Eltern habe ich nichts gelernt. Gar nichts. Katharina Dietrich hat mit Mitbegründer Denis Brudna das Buch „Die Fabrik“ rausgebracht. Darin wird beschrieben, wie intensiv Kinder- und Jugendarbeit betrieben wurde. Fabrikkinder erzählen in Interviews, wie die Fabrik sie gerettet hat.

Betreibt die Fabrik immer noch Jugendarbeit?

Nein. Ich habe denen mal eine Nachricht geschickt, dass die das wieder machen sollen. Aber sie meinten, wegen Corona bieten sie keine Kinder- und Jugendarbeit an. Aber gerade jetzt brauchen die Kinder die Fabrik. Sie machen wieder ihre Konzerte und Veranstaltungen, aber keine Kinder- und Jugendarbeit.

Die Fabrik hat sogar ein Außengelände mit Obst- und Gemüsegarten, wo in den Sommermonaten draußen alles gemacht wurde! Das könnte man gerade in der jetzigen Belastung gut nutzen. Nach meiner Meinung ist das dringend erforderlich!

„Es ist wunderbar, wenn sich eine Mama weinend bedankt“

Du bietest auch Hilfe an. Welche genau?

Ich habe vor 20 Jahren die Mütterkurhilfe gegründet. Ich helfe den Mamas, den wichtigen Stützpfeilern der Kinder, neue Kraft zu bekommen! Ich berate sie zum Thema Mutter-Kind-Kur. Da gibt es Schwerpunkte, wenn die Kinder selbst was haben wie ADHS oder die Mutter einen persönlichen Bedarf hat.

Mutter-Kind-Kuren sind dazu da, der Mama neue Kraft zu geben, damit sie ihr Kind gut begleiten kann. Die Grundidee stammt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Trümmerfrauen mit ihren Kindern waren irgendwann mal kraftlos. Um ihnen zu helfen, wurde 1945 das Müttergenesungswerk gegründet. Das wurde gesetzlich geschützt als verpflichtende Leistung. Aber die Krankenkassen lehnen ja trotzdem vieles ab. Ich helfe dann beim Ausfüllen der Unterlagen beim Antrag an die Krankenkassen. Falls eine Ablehnung kommt, schreib ich Widersprüche. Und das schon seit zwanzig Jahren. Meine Mama hat mich nie gelobt, aber alle Mamas von Deutschland. Das war immer mein Antrieb: neutral zu helfen, der Gesellschaft dienlich zu sein.

Was beinhaltet eine Kur?

Es gibt sportliche Komponenten, es gibt psychologische Gespräche oder Erziehungsgespräche, wenn man mit seinen Kindern nicht klarkommt. Wenn ein Kind ADS oder ADHS hat, kriegen die Mütter eine Schulung, wie sie zu Hause damit umgehen sollen. Es geht in der Mutter-Kind-Kur nicht darum, eine Krankheit zu heilen. Es geht um neue Kraft. Es ist wunderbar, wenn sich nach der Kur eine Mama weinend bei dir bedankt, weil sie zuerst von ihrer Krankenkasse abgelehnt worden ist. 

Unterstützt dich die Stadt Hamburg dabei?

Mich unterstützt keine Behörde, ich bekomme keine Fördermittel. Ich habe lediglich die Teilnahmeberechtigung am Hamburger Familientag durch die Behörde für Familie und Soziales erhalten. Da war ich 15 Jahre lang dabei. Jeder Teilnehmer konnte wählen, wie groß sein Stand ist und was er da macht. Ich hatte immer große Stände von sieben bis acht Metern, während die großen Träger wie das Deutsche Rote Kreuz (DRK) nur Stände mit einem Meter hatten.

Wir haben viele Firmen angeschrieben, ob sie uns was spenden würden für den Familientag. Und jede hat uns was gegeben: Ikea Schnelsen, Möbel Höffner, Schmidts Tivoli, Wildpark Schwarze Berge, Hagenbecks Tierpark, Alsterrundfahrt, Hafenrundfahrt, alle haben uns was geschickt. Dann haben wir ein Glücksrad gebaut und die Kinder haben zum Beispiel Freikarten für Hagenbeck gewonnen. Leider wurde mir dann verboten, so hochwertige Geschenke zu machen.

Du bist selbst Mutter. Wie hast du deine Kinder erzogen?

So locker und liebevoll, wie es in der Fabrik zuging, so locker und liebevoll habe ich meine Kinder erzogen. Wenn sie mal vom Spielen schmutzig nach Hause kamen, war mir das egal. Als sie klein waren, haben wir an der Bushaltestelle Gospel gesungen. Hauptsache, sie waren glücklich. Kleine Kinder sind wie eine Knospe. Die brauchen Liebe wie das Wasser, um sich zu entwickeln.

mutterkindkurklinik.de


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Benin-Bronzen: Geraubte Geschichte

Als erste Stadt Deutschlands gibt Hamburg die legendären Benin-Bronzen an Nigeria zurück. Maßgeblich beteiligt ist Prof. Dr. Barbara Plankensteiner, Direktorin des Museums am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt (MARKK). Sie kämpft seit Jahrzehnten für die Restitution, die Rückerstattung dieser Raubkunst, und richtet die Abschiedsausstellung „Benin. Geraubte Geschichte“ aus

Interview: Markus Gölzer

SZENE HAMBURG: Frau Plankensteiner, Hamburg leitet die Rückgabe der Benin-Bronzen ein. Und damit auch das Ende der Völkerkundemuseen, weil ohne Raubkunst die Ausstellungsstücke knapp werden?

Prof. Dr. Plankensteiner: Nein. Wir haben ja nicht nur Raubkunst in unseren Sammlungen. Das ist ein sehr vielfältiges Spektrum an Objekten. Wir sind gerade dabei, in Provenienzforschungsprojekten größere Klarheit zur Herkunft zu gewinnen. Wer waren die Besitzer, wie sind sie zu ihren Sammlungen gekommen, wie bewerten ihre Nachfahren diese Objekte. Das erfordert aufwendige Forschung in Archiven. Aber auch Zusammenarbeit mit Vertretern der Herkunftsgesellschaften, um ein Verständnis zu gewinnen, ob diese Objekte rechtmäßig in den Besitz des Museums gelangt sind. Aber unsere Depots werden sicher nicht leer werden. Die Ausstellung trägt den eindeutigen Titel „Benin. Geraubte Geschichte“.

Was erwartet die Besucher?

Wir zeigen jedes einzelne Stück, um transparent zu zeigen: Daraus setzt sich eine Benin-Sammlung zusammen. Aus wirklich herausragenden Kunstwerken. Und aus Fragmenten, kleinteiligen Dingen, Alltagsobjekten. Wir erzählen, warum es notwendig ist, die Sammlung zurückzugeben. Unter welchen gewaltvollen Umständen diese Dinge nach Europa gelangt sind, über welche Personen das Museum sie erworben hat, was diese Personen vor Ort gemacht haben. Wir erklären auch die Kunst. Was war ihre Bedeutung? Welchen Wert hat sie für die heutige Edo-Bevölkerung im Edo State, dem Kern des ehemaligen Königreichs Benin? Wie interpretieren die Wissenschaftler dort die Werke?

„Man erkennt das Leid der Kolonialzeit an“

Was bedeuten die Werke für die Edo?

Manche Gegenstände werden in religiösen Ritualen verwendet, andere waren Repräsentationskunst des Königs, die den Palast geschmückt hat. Es gibt zum Beispiel. die königlichen Gedenkköpfe, sie spielen eine wichtige Rolle für das ganze Reich. Die waren auf Ahnenaltären aufgestellt, haben an königliche Vorfahren erinnert, aber auch an die spirituelle Bedeutung der Könige, die religiöse Oberhäupter sind und denen man jährlich gedenkt. Diese Zeremonien bestärken die spirituelle Kraft des Königs und sorgen für Wohlbefinden und Wohlstand der Bevölkerung.

Was ist Ihre Empfindung bei der Rückgabe? Trennungsschmerz oder Erleichterung?

Natürlich ist es für Museumsleute immer schwierig, sich von lieb gewonnen Objekten zu trennen. In diesem Fall macht es glücklich, dass dieser Schritt endlich gesetzt werden kann nach so vielen Jahrzehnten. Ich denke, sie werden vor Ort eine viel größere Bedeutung haben als bei uns, weil die Menschen dort eine ganz andere emotionale Bindung zu diesen Werken haben. Auch die junge Generation. Die Restitution bringt zum Ausdruck, dass man das Leid der Kolonialzeit anerkennt. Ich glaube, das ist sehr wichtig für die Bevölkerung vor Ort.

Zusammenarbeit

Seit wann fordert Nigeria die Kunstwerke zurück?

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Im Interview: Prof. Dr. Barbara Plankensteiner, Direktorin des Museums am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt (MARKK) (Foto: Paul Schumweg)

Seit den 1930er-Jahren äußern Könige den Wunsch, dass gewisse Objekte zurückgegeben werden. In den 1970er-Jahren gab es erste Restitutionsforderungen, auch über die UNESCO. Bénédicte Savoy stellt das in ihrem Buch „Afrikas Kampf um seine Kunst“ sehr schön dar. Nach der Unabhängigkeit haben viele afrikanische Staaten ihr Kulturerbe zurückgefordert. Vergeblich. Es gab keine internationale Gesetzgebung, auf die sich eine Rückforderung von kolonialem Raubgut berufen hätte können. Aber inzwischen ist das eine ganz klare moralische und ethische Entscheidung, wie auch der Außenminister der letzten Regierung, Heiko Maaß, betont hat. Es ist eine Frage der Gerechtigkeit.

Inwieweit war Nigeria an dem Projekt beteiligt?

Wir haben das große Digitalprojekt „Digital Benin“ ins Leben gerufen. Daran sind nigerianische Historikerinnen und Historiker wie auch Anthropologinnen und Anthropologen beteiligt. Sie haben die Ausstellung mitgestaltet. Wir arbeiten mit nigerianischen Künstlern zusammen, die uns beraten und in der Benin Dialogue Group mitwirken. Die Benin Dialogue Group (BDG) wurde von Nath Mayo Adediran, dem damaligen Direktor der Museumsabteilung der National Commission for Museums and Monuments (NCMM) und mir im Jahr 2010 gegründet, um gemeinsam der Rückgabe den Weg zu ebnen. Wir haben eine Agentur in London eingeladen, die von nigerianischen Historikern betrieben wird. Die haben den Einführungsfilm gemacht. Wir stehen kontinuierlich in engem Austausch mit unseren nigerianischen Kollegen.

Viele Initiativen

Was geschieht mit den Werken nach der Ausstellung?

Es gibt Pläne, in Benin City ein großes Museum, das Edo Museum of West African Art (EMOWAA) zu gründen. Dazu hat man den weltberühmten Architekten Sir David Adjaye eingeladen, eine Vision zu entwickeln. Gleichzeitig soll auf dem Palastgelände ein Royal Museum entstehen in kleinerem Format. Die Werke sollen verknüpft mit zeitgenössischer Kunst dargestellt werden.

Die Ausstellung ist auch eine Auseinandersetzung mit Hamburgs kolonialer Vergangenheit. Wie ist es in der Hansestadt um diese Aufarbeitung bestellt?

Es gibt viele Initiativen: Die Forschungsstelle für postkoloniales Erbe an der Universität Hamburg, einen Runden Tisch, es gibt einen Beirat, der sich mit dem Stadtraum und dem kolonialen Erbe der Stadt beschäftigt. Da sind wir aber nur am Rande beteiligt. Wir haben genug mit unserer Sammlung zu tun (lacht). Wir sind auch ein koloniales Denkmal. Dessen sind wir uns bewusst und dem wollen wir gerecht werden.

Den Blick über den Tellerrand fördern

Sie übernahmen 2017 die wissenschaftliche Leitung des Museums für Völkerkunde in Hamburg, 2018 wurde es in Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt (MARKK) umbenannt. Wie geht es der Ethnologie in Zeiten, in denen man sich mit Rastalocken der kulturellen Aneignung verdächtig macht?

Das Fach hat sich radikal verändert. Es heißt an den meisten Instituten nicht mehr Ethnologie, sondern Kultur- und Sozialanthropologie. Es beschäftigt sich nicht mit dem Erforschen von „Völkern“, sondern mit der gesellschaftlichen Verankerung des Menschen. Die Forschungsmethoden sind andere als früher. Man arbeitet zusammen. Deshalb ist die Aneignung, die Sie gerade beschrieben haben, ein Gegenstand unserer Forschung.

Ein letzter Satz zu Ihrem Anliegen?

Ich möchte betonen: Das Aufarbeiten des kolonialen Erbes ist für uns ganz wichtig. Das ist ein bedeutendes Thema für uns als Museum in der Stadtgesellschaft und gerade auch das Thema Kolonialgeschichte für Schulen, weil wir da ein spezielles Angebot machen können. Trotz allem ist es uns ein großes Anliegen, auch künstlerische und kulturelle Errungenschaften in den Vordergrund zu stellen, die Bedeutung der Werke und ihre Anerkennung zu fördern. Das fehlt in unserer Gesellschaft, weil der Blick immer nur auf europäischer Kunstgeschichte liegt. In unserer globalisierten Welt ist es wichtig, über diesen Tellerrand hinauszusehen. Das wollen wir mit unserer Arbeit befördern.

Museum am Rothenbaum. Kulturen und Künste der Welt (MARKK)


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Hamburgerin des Monats: Anne Krüger-Vonderau vom Mitternachtsbus

Im November feierte das spendenfinanzierte Projekt „Mitternachtsbus“ der Diakonie Hamburg seinen 25. Geburtstag – und Anne Krüger-Vonderau 20 Jahre Ehrenamt gleich mit. Ein Gespräch über gesellschaftliche Verantwortung

Text & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Frau Krüger-Vonderau, Gratulation zu 20 Jahren Mitternachtsbus!

Anne Krüger-Vonderau: Fast zwanzig Jahre. Ganz korrekt fehlen zwei Monate. Aber ich fühle mich schon als 20-Jährige (lacht). Ich wurde auch auf dem 25-jährigen Jubiläum, das wir vor dem Michel gefeiert haben, in die Gruppe aufgenommen, die schon seit 20 Jahren dabei sind.

Wie viele Einsätze sind Sie seit 2001 gefahren?

Wie die meisten fahre ich einmal im Monat. Wenn man berufstätig ist und denkt, ich will was für die Gesellschaft leisten, kann man das ganz gut machen. Also 20-mal 12 sind 240 Einsätze. So Pi mal Daumen (lacht).

Wie läuft ein Einsatz ab?

Wir bereiten gegen 18.45 Uhr die Tour vor. Um 20 Uhr starten wir, holen belegte Brötchen und Kuchen von einer Bäckerei, fahren zur Bahnhofsmission. Manchmal haben die Sachen für uns. Gegen 20.15 Uhr ab zur ersten Platte. Das geht tatsächlich bis Mitternacht. Manchmal auch bis 1 Uhr, je nachdem wie groß der Andrang ist. Und wie viele Gespräche stattfinden.

Platte ist der Ort, an dem Obdachlose schlafen?

Richtig. „Ich mach Platte“ heißt, ich schlafe, meist alleine, an einem Ort irgendwo versteckt. Das war ein Grund, warum der damalige Landespastor Dr. Stephan Reimers in den Neunzigern den Mitternachtsbus gegründet hat. Und das Spendenparlament und das Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“: Als Folge der Wende herrschte Wohnungsnot, die Leute lagen überall verteilt in der Stadt, es gab viele Tote. Wir versuchen, diese Orte rauszukriegen, fahren die Platten ab. Unsere Idee der Betreuung ist Grundversorgung und Ansprache als aufsuchende Hilfe: Wenn jemand in seinem Schlafsack liegt, fragen wir ihn: Sollen wir Ihnen was bringen?

 

Das Ziel: Wohnungen für alle

 

Haben Sie noch Gäste der ersten Stunde?

Man lebt nicht so lange auf der Straße. Wenn man jemanden länger kennt, beobachtet man, dass die Verwahrlosung in Wellen stattfindet. Wenn man keine Wohnung hat und ein Alkoholproblem, stirbt man häufig auf der Straße. Es gibt wenig ganz Alte. Zum Volkstrauertag war auch ein ökumenischer Gedenkgottesdienst in Eimsbüttel für die auf der Straße Verstorbenen. Da kommen einige zusammen über das Jahr.

Ihre Gäste sind alle obdachlos?

Manche haben eine eigene Wohnung und kommen wegen der sozialen Kontakte. Die schauen vorbei, holen sich einen Kaffee, klönen und fahren mit der letzten S-Bahn nach Hause. Das Ziel sollte sein, dass alle eine Wohnung bekommen. Jetzt gibt es das erste Projekt von „Hinz&Kunzt“, wo 24 Obdachlose eine Wohnung haben. Nach 25 Jahren! Das ist doch Wahnsinn. Housing First heißt das. Wir konnten kurz vor dem Einzug das Haus besichtigen. Toll, dass das mit unserem Jubiläum zusammenfällt.

Wie wurde das Haus finanziert?

Einzelheiten zur Finanzierung kenn ich nicht. Alle Bewohner haben unbefristete Hamburger Mietverträge. Das können sie über den Verkauf von „Hinz&Kunzt“ oder andere Sachen finanzieren. Das Wichtigste bei Housing First, wie ich von Sozialarbeitern gelernt habe: Sobald man einen festen Ort hat, kann man sich endlich um die anderen Sachen kümmern. Viele haben Ansprüche wie Renten oder Arbeitslosengeld, aber keinen „Perso“. Jetzt haben sie einen Ort, wo man mit ihnen planen kann. Wo sie selbst Ziele entwickeln können. Das geht auf der Straße nicht.

 

Frauen auf der Straße sind unauffälliger

 

Haben sich die Gäste geändert in den Jahrzehnten?

Durch die europäische Grenzöffnung sind es viele Männer aus Osteuropa. Die können kein Deutsch, haben keine Chance auf dem Arbeitsmarkt und fallen durch das Netz. Wir haben viele Ältere. Es gibt auch Frauen auf der Straße, aber die sind unauffälliger. Jüngere Leute weniger, kommt aber auch vor.

Was machen Sie, wenn Stammgäste verschwinden?

Wir machen uns Sorgen, informieren die Straßensozialarbeiter. Die starten einen Rundruf in den Krankenhäusern. Viele sind natürlich, wie man früher sagte, Tippelbrüder. Die sind unterwegs. Manche sagen, ich war jetzt zwei Monate Richtung Süddeutschland unterwegs. Dann kehren sie zurück in die Anonymität der Stadt.

Obdachlose machen auch innerhalb der Stadt ganz schön Strecke.

In Hamburg gibt es unheimlich viele Anlaufstellen. Dafür müssen sie sich bewegen. In Harburg wird ein Superfrühstück angeboten, dann fährt man morgens dahin. Später zum Mittagstisch nach Altona. Die müssen schon ein büschen plietsch sein, um sich zu organisieren und sind dann wirklich in ganz Hamburgs unterwegs.

 

„Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren“

 

Sind in den Jahrzehnten Freundschaften entstanden?

Ich versuche, mich aus Selbstschutz zu distanzieren. Ich habe in der Schule als Beratungslehrerin gearbeitet, und weiß, dass das ganz wichtig ist. Dass man sich nicht in seinem Helfersyndrom verliert. Man muss das professionell machen, wenn man was bewirken will. Ansonsten wird man aufgesogen von den Bedürfnissen des anderen. Ich bin voll da, wenn ich fahre, aber ich würde keine Beziehungen aufbauen, die darüber hinausgehen.

Sind Sie noch anderweitig sozial engagiert?

Ich arbeite in der Flüchtlingshilfe, bin in der Christianskirche in Ottensen aktiv, auch seit über 20 Jahren im Chor (lacht). Da gibt es das Willkommenskulturhaus, wo Geflüchtete Sprachunterricht nehmen können. Es soll politische Bildung auf Augenhöhe stattfinden. Man kann sich auch mit wenigen Sprachkenntnissen über die Situation in ihren Ländern und in Deutschland austauschen.

Was treibt Sie an?

Ich habe fast 40 Jahre als Lehrerin gearbeitet. Ich habe eine gute Pension. Mir geht es gut. Ich finde, wir müssen mehr gesellschaftliche Aufgaben übernehmen. Auch wir Oldies. Ich muss nicht mit dem Wohnmobil durch Europa fahren. Ich denke: Ey, das kann doch nicht alles der Staat regeln. Früher haben wir immer diskutiert: Die Obdachlosen, das geht doch nicht, da müssen doch die Behörden was machen. Irgendwann legte sich der Schalter um: Wir sind Teil dieser Gesellschaft und dieser Behörde. Ich bin fit und will etwas zurückgeben. Ich will da auch kein Geld dafür. Wir würden sozial verwahrlosen, wenn wir alle nur noch individualistisch sind. Das soll jetzt nicht sozialromantisch klingen. Ich finde, man kann einfach was tun.

 

Das Angebot ist konstant

 

Hat sich das Angebot des Mitternachtsbusses im Lauf der Jahrzehnte verändert?

Das ist total witzig. Das ist konstant. Wir haben immer heiße Getränke an Bord. Kaffee, Tee, Kakao, alles Fairtrade. Korrekt und eine gute Qualität. Brühe und diese herrlichen, supersüßen Zitronentees (lacht). Coronabedingt zahlt die Sozialbehörde Lunchtüten. Dann gibt es immer Kleidung an Bord für den Notfall. Wenn da jemand liegt und der hat keine Socken an, dann kriegt er Socken von uns. Isomatten, Schlafsäcke und Decken natürlich. Damit die die nicht einfach liegen lassen, müssen sie einen kleinen Obolus entrichten.

Was gibt es an Weihnachten?

Da gibt es meist einen Schokoweihnachtsmann, wie an Ostern Ostereier. Heiligabend ist ja immer ein ganz besonderer Tag. Ich muss da natürlich mit meiner Familie feiern (lacht). Aber ich finde das so toll, dass einige sagen: Heiligabend bedeutet mir nichts, da fahr ich einfach in einem zusammengewürfelten Team die Platten ab.

mitternachtsbus-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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„Zu viel Toleranz kann gefährlich sein“

Die Hamburgerin des Monats Monty produziert urbane Kleidung mit integriertem Denkanstoß. Ein Gespräch über Worte, Werte und eigene Wege

Interview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Monty, auf jedem Produkt deines Labels mon-t steht ein „Pip“. Was ist ein Pip und warum heißt er so?

Monty: Ein Pip ist ein Begriff, der wie ein Impuls funktioniert. Ein Anstupsen, ein Denkanstoß. Was man damit macht, bleibt einem selbst überlassen. Ich fand, dass es sich lustig anhört. „Pip“ hat sich Rike Drust, Autorin von „Muttergefühle“, für mon-t ausgedacht.

Wie kam es dazu und wann ging’s los?

Ich hatte bis vor vier Jahren 15 Jahre den Laden Holy Moly in der Marktstraße. Neben meinen Designs gab’s da Anker- und Möwenkram für Laufkundschaft. Ich musste schließlich meine Miete bezahlen. Irgendwann sagte ich: „Ich mache jetzt, was ich will.“ Ich habe meine Shirts über Instagram angeboten und gemerkt, mit welcher Energie ich da meine Zielgruppe anspreche. Social Media ist wie ein Messer. Du kannst es jemandem in den Rücken stecken, du kannst damit aber auch Brot teilen. Jetzt findet man mich einmal in der Woche bei „Rebelzer“ im Laden. Echter, analoger Kundenkontakt fehlt mir doch.

 

„Hör auf zu lesen. Genieß dein Leben.“

 

Wie kamst du zur Mode?

Mit 25 habe ich mich an der Fachhochschule für Design und Medien in Hannover beworben. Die meinten, ich bräuchte Abitur. Ich sagte, das kann ich auch ohne. Die Antwort: „Okay, dann musst du deine überragende künstlerische Befähigung bestätigen.“ Mit meiner ersten Mappe habe ich von 15 Punkten einen Punkt bekommen. Richtig schlecht. Ich habe mich ein Jahr hingesetzt, die Mappe abgegeben, Prüfung gemacht – 13 Punkte. Ab 13 Punkten hat der Mensch wohl „überragende künstlerische Befähigung“. Ich hatte unter anderem aus Zeitungen Buchstaben rausgeschnitten: „Geben Sie mir 13 Punkte, und es wird niemandem etwas passieren.“ Das Studium hat mich schnell gelangweilt. Ich habe dann mit ein paar Leuten eine Agentur für Streetfashion-Design eröffnet: Fools Gold.

Wie lief die?

Gut. Ich habe unter anderem für das Skaterlabel „Vision Street Wear“ die Kollektion gemacht. Unsere Klamotten auf der ISPO. Das war geil. Irgendwann kam ein Jobangebot aus Hamburg von „Broadway“, auch Klamotten. Das Studium habe ich nie beendet. Nach zweieinhalb Jahren Festanstellung bei Broadway hatte ich überall Schmerzen. Meine Frauenärztin meinte: „Kündigen Sie.“ Dann habe ich mich vor 18 Jahren selbstständig gemacht. Erst mit dem mon-t-Label, dann mit dem Laden Holy Moly. Was ich heute nicht mehr machen würde. Zu wenig Freiheiten.

War tatsächlich als letzte Frage geplant: Was empfiehlst du jungen Leuten bei der Berufswahl?

Macht keinen Laden auf. Chillt (lacht). Mit 17 habe ich Sartre gelesen und meine Mutter damit genervt. Die meinte, frag deinen Onkel, der ist Experte. Der war Journalist und 1975 vor der Revolution nach Amerika geflohen. Ich habe ihm einen Brief geschrieben. Seine Antwort: Ein 100-Dollar-Scheck und der Tipp: Hör auf zu lesen. Genieß dein Leben. Ich war total beleidigt. Heute denke ich: „Watt’n geiler Typ.“

 

Flucht

 

Vor welcher Revolution ist dein Onkel geflüchtet?

Vor der Iranischen. Ich komme aus dem Iran, war sechs, als die Islamische Revolution losging. Ich bin mit 15 nach Deutschland gekommen. Erste Welle Flüchtlingskind. Heute bin ich 25 (lacht). Ich komme aus einem kommunistisch-sozialistischen Haushalt. Onkel und Tanten waren bei Zeitung und Fernsehen, mussten alle flüchten. Alles, was heute in Afghanistan passiert, haben wir damals schon erlebt. Als ich sechs war, hat meine Mutter ausgesehen wie eine „freie Frau“, was überwiegend als „westlich“ tituliert wird. Eine Woche später musste sie Kopftuch tragen. Vor Khomeini wollten alle den Schah stürzen. Dafür gingen auch meine Eltern auf die Straße. An sich eine schöne Revolution, weil das ganze Volk was ändern wollte. Nur war es in sich gespalten.

In welche Form gespalten?

Irgendwann haben meine kommunistisch-sozialistischen Eltern erkannt: „Okay, das wird hier ein fundamentalistisch islamischer Staat.“ Noch schlimmer als es war. Aber mein Vater hat gesagt: „Ich bleibe in diesem Land.“ Meine zehn Jahre ältere Schwester hat eine Kunst- und Ballettschule besucht. Die haben meine Eltern sofort nach Amerika geschickt. Meine Schwester und ich kommen aus einer Familie, aber aus zwei verschiedenen Ländern. Die kennt den Iran nur als „freies Land“. Immer witzig, wenn ich ihr erzähle, dass ich mit Kopftuch zur Schule gegangen bin. Das kann sie sich nicht richtig vorstellen. Im Dezember ’87 bin ich als 15-Jährige mit meiner anderen Schwester nach Deutschland geschickt worden. Leider aus nicht schönen Gründen.

Mit deinen Eltern?

Nein, alleine.

Als unbegleitete Minderjährige.

Genau. Wir haben dann in Deutschland Asylantrag gestellt, weil wir kein Visum für die USA bekommen haben. Zurück in den Iran ging sowieso nicht. Ich durfte mit meiner 19-jährigen Schwester zusammenziehen, musste nicht ins Heim. Nach drei Monaten Deutschkurs ging die Schule los. Ich wäre gerne länger Kind geblieben. Ich kam aus einer behüteten Familie, es war schwer, plötzlich alleine klarzukommen. Ich kannte keine Ausländerfeindlichkeit. Das war ein Kulturschock für mich.

 

„Intoleranz wird nicht toleriert“

 

Was war deine Motivation, Werte auf T-Shirts zu drucken?

Ohne die Streetfashion-Agentur hätte ich vielleicht Bilder mit den Pips gemalt. Ich habe gelernt, dass der Mensch eine wandelnde Säule ist. Du bewegst dich – der Pip bewegt sich mit. Die Leute kommen durch meine Teile ins Gespräch. Meine Tochter hatte in der zweiten Klasse „Loyalty“ an. Ihre Lehrerin hat das gesehen, dann mit der ganzen Klasse über Loyalität gesprochen. Ich hatte Tränen in den Augen. Ein Pip ist „Tolerance“.

Wann endet die bei dir?

Intoleranz wird nicht toleriert. Toleranz ist eines der interessantesten Motive, das ich sehr gut verkaufe. Ich frage mich oft, ob die wirklich wissen, was Toleranz bedeutet. Zu viel Toleranz kann gefährlich sein. Eine Frau meinte mal, man muss den Taliban eine Chance geben, wenn sie sagen, dass sie es anders machen möchten. Das ist, wie wenn ein Massenmörder sagt, er hat gerade 50 Kinder umgebracht und will jetzt aufhören.

Was machst du neben Klamotten?

Freelance-Designjobs, neuerdings Siebdruck-Workshops in Schulen mit dem Farbfabrique-Team aus dem Gängeviertel. Die haben mich mit an Bord genommen. Ich hatte nur die Idee, mit den Kids auch Themen zu bearbeiten. Das ist unfassbar gut. Wir haben mal über Solidarität gesprochen, da kamen wunderbare Sachen raus. Kinder sind die besten Lehrer. Ich wachse mit meiner Tochter, es macht mir Spaß, mit Kindern zu arbeiten. Ich drucke in der Gängeviertelwerkstatt auch meine Sachen. Ich habe angefragt, ob ich die Werkstatt stundenweise mieten kann. Die sagten, „verdiene doch erst mal Geld“. Das ist das Gängeviertel. Ein Geben und Nehmen. Mach du was für uns und wir machen was für dich. ALLES ALLEN halt.

 

Was gutes machen und das Patriotismus-Gen

 

Du hast eine Kollabo mit Linda Zervakis.

Linda hat ihr zweites Buch geschrieben, „Etsikietsi“. Da durfte ich begleitend mitwirken und T-Shirts entwerfen. Damit haben wir eine Obdachlosenzeitung und eine Einrichtung in Athen, „Shedia Home“, unterstützt. Linda ist ’ne tolle Frau. Die hilft, wo sie kann. Das finde ich schön an „Berühmtheiten“. Wenn sie ihre Reichweite einsetzen.

Du selbst organisiert auch Spendenaktionen.

Ich habe gesagt: „Wäre doch schön, wenn ein Teil des Geldes, das man ausgibt, Sinn macht.“ Ich habe Aktionen für die Flüchtlingshilfe gestartet, für Moria, für ein Kinderdorf. Da gingen von jedem verkauften Teil 25 Prozent weg. Das hat funktioniert. Werbung nur für mich zu machen, wäre mir peinlich. Aber wenn ich sage: „Kommt, kauft meine Sachen und lasst uns was Gutes machen“, dann ist das für mich leichter.

Viele Labels hier arbeiten mit Hamburgbezügen. Du nicht, bis auf die hanseatisch-knappen Pips.

Mir fehlt das Patriotismus-Gen. Ich finde „Moin“ auf Pullis lustig. Aber mir ist egal, ob etwas iranisch oder aus Hamburg ist. Allerdings: Auf St. Pauli habe ich mich zum ersten Mal, seit ich nach Deutschland gekommen bin, zu Hause gefühlt. Egal, wie hoch die Miete wird – ich werde alles tun, um hier nicht wegziehen zu müssen.

mon-t.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburgerin des Monats: „Igel sollen Wildtiere bleiben“

1998 gründete Sigrun Goroncy das Igelkomitee Hamburg e.V. mit 23 Mitgliedern. Heute hat der Verein 370 Mitglieder und Tausenden von Igeln das Leben gerettet. Ein Gespräch mit der Hamburgerin des Monats über Mähroboter, Igelnamen und lange Schlafphasen

Inteview & Foto: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Was haben Igel, was andere Tiere nicht haben?

Sigrun Goroncy: Das ist ein außergewöhnlich liebreizendes Tier. Das ist das Besondere.

Haben Igel so etwas wie eine Persönlichkeit?

Auf alle Fälle. Jeder Igel ist anders. So wie auch wir Menschen.

Haben Sie auch einen Lieblingsigel?

Eigentlich nicht. Einen Igel, der zutraulich ist, findet man vielleicht besser als einen, der abwehrend ist. Weil er dann so hochschnuppert, während sich der andere nicht anfassen lässt. So hat jeder seine eigene Art.

Wie wird man zur Mutter solch stacheliger Gesellen?

Ich fand vor 45 Jahren meinen ersten Igel im Volkspark. Im Oktober 1976. Da ging das los. Der war bedürftig mit 180 Gramm. Ein ausgewachsener Igelmann sollte 800 Gramm wiegen. Der wäre nicht durch den Winter gekommen, wenn mein Mann und ich ihn nicht aufgenommen hätten. 1998 haben wir dann das Igelkomitee gegründet.

 

Das Igelkomitee

 

Was genau leistet das Igelkomitee?

Wenn wir einen Igel aufnehmen, dann wird er entsprechend versorgt. Also, im Hospital gesund gepflegt oder vorbereitet, damit er in den Winterschlaf verfallen kann. Dazu regeln wir die Temperatur im Abstand von drei Tagen um zwei Grad herab, sodass der Igel langsam in den Winterschlaf verfällt. Das dauert circa drei Wochen. Dann wird er ins Winterhaus gebracht. Da verbringt er seinen Winterschlaf bis zu den Eisheiligen im Mai. Insgesamt kann der Igel bis zu sechs Monaten schlafen.

Komplett ohne Nahrungsaufnahme?

Während dieser Zeit nimmt er nichts zu sich. Davor wird er angefüttert. Da nimmt er dann pro Tag zehn Gramm zu. Je mehr er sich dem Winterschlaf nähert, desto weniger frisst er. Kurz vor dem Winterschlaf gibt’s dann nur noch einen Klacks. Igelfutter kann sein: Katzen­-Dosen­futter ohne Soße, Geflügel, feine Haferflocken oder Igel­-Trockenfutter. Das Ganze wird dann gemischt und darf weder zu trocken noch zu klebrig sein. Futterreste auf der Igelnase verursachen Haarausfall und Pilzbefall.

 

Wenn der Igel Hilfe braucht

 

Wenn man einen verletzten Igel findet, kann man auch zu Ihnen kommen?

Wir nehmen nur verletzte oder untergewichtige Igel auf. Unterge­wichtige Igel haben im Oktober unter 200 Gramm, im November unter 300 und im Dezember unter 400. Das ist die Voraussetzung.

Was sind typische Verletzungen?

Wir haben viele verletzte Igel durch Hundebisse oder Gartengeräte wie Rasentrimmer. Neuerdings durch Mähroboter. Das ist das Schlimmste im Moment. Ich hatte kürzlich einen Igel, dem hat es oben am Kopf die Haut weggezogen. Ein anderer hatte alle Stacheln verloren.

Wie wurde der Igel behandelt?

Der bekam dann eine besondere 46-­Tage­-Kur. Der wird medizinisch behandelt, damit die Stacheln wieder nachwachsen können. Mit viel Mühe geht das dann. Nach drei Wochen brechen die neuen Stacheln durch die Haut, dann dauert es noch mal drei Wochen, bis er wieder ausgewildert werden kann. Es ist eine bestimmte Prozedur. Igel können auch Pilze haben. Da dauert die Behandlung auch recht lange. Wenn die Igel gelähmt sind, bekommen sie einen Vitamin B­-Kom­plex und Vitamin B12. Dann können sie nach sieben Tagen wieder laufen.

Wie lange sind Igel im Durchschnitt bei Ihnen?

Ungefähr drei Wochen. Aber wenn er sehr krank ist, eben mit einem Pilz, dann können das auch mal sechs Monate sein.

Wann kommt der Tierarzt ins Spiel?

Wenn der Igel ein Abszess hat. Oder ein gebrochenes Bein. Dann wird eine Röntgenaufnahme gemacht.

 

Der Igel und der Klimawandel

 

Ist die Klimaveränderung eine Gefahr für Igel?

Ich habe schon 2006 Auswirkungen der Klimaveränderung festgestellt. Die Igel nehmen wegen der längeren Warm­phasen später für den Winterschlaf zu. Sie sind eine gefährdete Spezies. Deshalb kostet es auch bis zu 50.000 Euro, wenn man ein Igelnest zerstört. Laut Naturschutzgesetz.

Können Sie sagen, wie viele Igel Sie schon gepflegt haben?

Tausende. Ich arbeite neben der Pflege auch wissenschaftlich mit Igeln. Ich habe eine bunte Liste, in der alles eingetragen wird. Jede Krankheit hat eine Nummer. Es ist alles nummerisch aufgebaut, was man dann gut verwen­ den kann. Unter anderem ist eine Spalte dabei, wo in welchem Stadtteil die Igel gefunden worden sind. Hamburg hat 104 Stadtteile, jeder Stadtteil hat seine Nummer. Diese Eintragungen flossen dann auch in den „Atlas der Säugetiere Hamburgs“. Da habe ich Unterlagen aus zehn Jahren zur Verfügung gestellt, zwei Studenten haben das ausgewertet. Dann wusste man, wo wie viele Igel sind. Das ganze Alstergebiet ist ein Gebiet mit sehr vielen Igeln.

Betreiben Sie noch weitere Aktivitäten?

Wir machen sehr viel. Im Wildpark Schwarze Berge haben wir 2009 einen Igellehrpfad gebaut. Da haben wir Möglichkeiten aufgezeigt, wie man in einem Garten Unterschlupf für Igel errichten kann, sodass er ein natur­ nahes Zuhause findet. Wir betreiben auch viel Öffentlichkeitsarbeit, haben Infostände. Wir sind überall da, wo es grün ist. Im Botanischen Garten in Flottbek sind wir jedes Jahr, im Botanischen Garten in Wandsbek oder im Landesbund der Gartenfreunde.

Wie viel Stunden pro Woche kümmern Sie sich um Igel?

Jeden Tag 20 Stunden.

 

Der wilde Igel

 

Geben Sie Ihren Schutzbefohlenen auch Namen?

Jeder Igel bekommt einen Namen und eine Nummer. Wir hatten Igel aus Ellerbeck, da hieß die Igelfrau Elli und der Mann Ello. Ist er aus Stellingen, heißt er Stello. Keine Menschennamen. Der Igel soll ein Wildtier bleiben.

Viele Tierbesitzer vermenschlichen ja ihre Tiere.

Ja, da gibt es genügend. Mit Namen eben, oder dass sie die Igel die ganze Zeit streicheln. Das ist Quatsch bei einem Wildtier. Wir machen ja auch das „Das aktuelle Igel­-Journal“. Da gibt es viele Anekdoten über den Umgang mit Igeln.

Zum Beispiel?

Eine Tierärztin hat immer an den Türrahmen ihrer Praxis geklopft. Da fragt die Igelfinderin: „Warum klopfen Sie denn immer an den Türrahmen?“ „Damit der Igel aus seiner Igelrolle rauskommt und ich ihm eine Spritze geben kann.“ Die Igelfinderin darauf: „Das ist doch genau das Gegenteil: Wenn Sie klopfen, kriegt er Angst und bleibt in der Rolle.“ Herrlich.

Wie kann ich meinen Garten igelfreundlich gestalten?

Indem man das Laub liegen lässt. Der Igel findet seine Nahrung unter dem Laub. Oder indem man einen Reisighaufen mit einer Höhlung darunter aufsetzt. Oder man nimmt einen Tannenbaum von Weihnachten. Eine Tanne hat ja verschiedene Etagen, wird von unten nach oben konisch immer schmäler. Die zerschneidet man dann, legt sie aufeinander mit etwas Laub dazwischen. So muss man den Tannenbaum nicht schreddern und hat ein Zuhause für viele Tiere. Unten für Igel, oben für den Zaunkönig oder für andere Vögel. Auch Käfer finden hier Unterschlupf. Für viele muss im Garten immer alles klar und aufgeräumt sein. Das ist unser Verderb. Deshalb werden die Igel irgendwann ausgestorben sein.

igelkomitee-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2021. Das Magazin ist seit dem 28. August 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburgerin des Monats: Julia Hermann von ArztMobil

Seit 2017 ist ArztMobil Hamburg auf den Straßen der Hansestadt unterwegs. 30 ehrenamtlich Tätige kümmern sich jedes Wochenende um bedürftige Patienten. Julia Hermann ist Mitgründerin und Geschäftsführerin

Inteview & Fotos: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Julia, ArztMobil Hamburg hat drei Fahrzeuge, und die haben Namen: „Ellen“, „Lola“ und „Rudi“. Was war da los?

Julia Hermann: Unser erster Bus „Ellen“ war ein Maskenmobil einer Filmfirma. Die hatten so viel Fahrzeuge, dass jedes für die Versicherung einen eigenen Namen hatte. Wir haben den Namen einfach mal übernommen.

Als uns 2018 das Hamburger Spendenparlament die Hälfte für einen neuen Bus zugesagt hat, haben wir den bei einer Firma namens JOLA-Rent gefunden. So kam „Lola“. 2019 hat uns die Mackprang-Stiftung einen Caddy gesponsert. Da haben die Männer im Team gesagt: Jetzt brauchen wir aber mal einen Männernamen! Das war kurz vor Weihnachten, also nannten wir ihn „Rudi“. The Rednose.

Wer ist der Oberbus?

„Lola“ haben wir perfekt nach unseren Vorstellungen ausgebaut. Wir haben zwei Batterien an Bord, mit denen wir autark stehen können. Auf dem Dach sind Solarpanels. Damit laden wir zusätzlich die Batterien auf. Es gibt eine Klimaanlage. Wir können am Heck eine Rollstuhlrampe ausfahren. Wir können eine Wunde nähen oder einen Abszess aufmachen. Wir sind voll ausgestattet. „Lola“ ist eine rollende Arztpraxis.

Warum kommen Patienten zu euch und nicht zum Arzt?

Viele leben auf der Straße. Auch Altersarmut spielt eine große Rolle. Die Patienten können sich die Zuzahlung der Medikamente nicht leisten. Wir haben auch versicherte Patienten, die so eine hohe Schamgrenze haben, dass sie nicht zum Arzt gehen möchten.

Warum diese Scham?

Weil sie schlimme Wunden an den Beinen haben, die riechen. Wir haben viele Drogenabhängige, die nicht in der Lage sind, sich selbst um ihre Wunden zu kümmern. Zu uns kann jeder kommen, der Hilfe braucht.

Wir schicken ihn auch zu anderen Organisationen, um Blutbilder oder ein Herz-Ultraschall zu bekommen. Das können wir nicht leisten. Praxis ohne Grenzen machen das dann für uns.

Mit wem arbeitet ihr noch zusammen?

Mit Hamburger Hilfskonvoi und Hanseatic Help. Die Elmshorner Suppenhühner unterstützen uns mit warmen Essen für unsere Patienten. Wir arbeiten mit den Drogenhilfeeinrichtungen ragazza e. V. und Freiraum e. V. ABRIGADO. Die schicken uns Patienten für unser Substitutionsprogramm. Wir bieten seit zwei Jahren Substitutionsprogramme für Nichtversicherte an.

Wie laufen die Programme ab?

Zuerst haben die Patienten Termine bei unserem Substitutionsarzt Dr. Stahlberg, bis sie stabil sind. Dann können sie bei uns ihr Substitutionsrezept abholen. Damit gehen sie zu einer unserer Partnerapotheken. Wir bezahlen das. Sie geben weiterhin bei Dr. Stahlberg Urinproben ab, um Beikonsum auszuschließen. Gibt es einen Aussetzer, kommt eine Verwarnung.

Es wurden auch schon Patienten ausgeschlossen. Unser Programm ist eine Ausnahme. Als Nichtversicherter kommt man kaum in so ein Projekt rein. Wir sind, soweit ich weiß, die Einzigen in Deutschland.

 

Schatten und viel Licht

 

Kommt es vor, dass das ihr weiterführende medizinische Hilfe empfehlt und sich der Patient weigert?

Das haben wir immer wieder, dass wir einen Rettungswagen rufen. Die meisten Patienten machen mit. Wenn sie sich dann doch umentscheiden, sprechen die Rettungssanitäter mit ihnen. Aber man kann keinen gegen seinen Willen behandeln.

Habt ihr schon Gewalterfahrungen gemacht? Sanitäter werden ja auch mal angegriffen.

Helferin oder Helfer versuchen dann, zu deeskalieren. Das klappt meistens. Im Bus gab es noch nie eine gefährliche Situation. Auf der Schlange in der Straße gibt es schon mal Krawall unter den Patienten. Wir mussten aber erst einmal die Polizei anrufen, weil es kurz vor der Schlägerei war. Mit Schaulustigen hatten wir noch nie Ärger.

Was war dein schlimmstes Erlebnis?

Jeder von uns im Team hatte schon mal ein schlimmes Erlebnis. Für mich war es ein Mädchen, das gerade 18 geworden und drogenabhängig war. Sie sagte Doktor Stahlberg, dass sie seit 14 Drogen konsumiere. Grund war, dass ihr der Bezug zu ihren Eltern fehlte. Jedes Mal, wenn sie sich einen Schuss setzte, fühlte sich das an, als wenn ihre Mama sie in den Arm nimmt. Das hören wir oft, dass Patienten Drogen wie einen Menschen beschreiben, der eine warme Decke um sie legt.

Meine Jungs sind in dem Alter, 14 und 15. Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen, dass man so ein Verhältnis hat. Das hat mich sehr bedrückt. Und natürlich, wenn wir Patienten verlieren, die uns nahestehen.

Entstehen auch Freundschaften?

Ja, das ist eine freundschaftliche Bindung. Es ist ja nicht nur die medizinische Versorgung, sondern auch das offene Ohr, das Trösten, das Beraten, das Begleiten. Dass Probleme besprochen werden. Das ist ein großer Teil unserer Arbeit.

Keiner von uns ist Psychotherapeut, wir können nur mit Bauchgefühl rangehen. Wir versuchen, das Gefühl zu geben, dass wir da sind für die Patienten. An ihrem Vertrauen liegt uns sehr viel.

Was war das schönste Erlebnis?

Jeder im Team hat andere schöne Erlebnisse. Ein Patient bringt öfter Blumen mit. Da freuen wir uns natürlich. Und einfach dieses Danke, mit dem sie hier rausgehen. Ich habe letztes Wochenende auf der Reeperbahn gearbeitet. Wenn man in so einer Hood Patienten trifft, die sich freuen, einen wiederzusehen, dann ist das schön.

Schaffst du es, nach einem harten Tag abzuschalten?

Nein. Wenn ich auf dem Heimweg alleine für mich bin, denke ich viel nach. Über Patienten-Themen, die schwer zu lösen sind oder eindrucksvoll waren aufgrund der Verletzung. Wir sprechen viel im Team, wenn wir den Einsatz nachbereiten. Zur Vorbereitung gehört die Nachbereitung. Das Auffüllen von Medikamenten, Verbandsmaterial, Unterwäsche, Socken. Und das Putzen. Das ist ein schöner Moment. Dann schreibt einer den Post für Facebook, der in Gemeinschaftsarbeit entsteht. Das ist noch mal eine Aufarbeitung des Tages.

Du bist gelernte Erzieherin. Wie bist du zu ArztMobil gekommen?

Mein Vater, mein Großvater und mein Onkel sind und waren Ärzte. Ich habe bei meinem Vater als Jugendliche in der Praxis mitgearbeitet. Mit vier Kindern und einem Mann ist man sowieso schon eine halbe Krankenschwester (lacht).

Irgendwann haben wir festgestellt, dass an Wochenenden eine Versorgungslücke für Menschen auf der Straße besteht. Das wollten und wollen wir ändern. Ich habe gesagt, ich mach die Geschäftsführung. Ich wusste natürlich nicht, was auf mich zukommt. Das wussten wir alles damals nicht. Das ist ja nicht nur meine Arbeit, sondern die vom ganzen Team. Und ja, wir sind weit gekommen.

 

Was kommt und wie kann man helfen?

 

Habt ihr so etwas wie das nächstes große Ziel?

Unser ständiges großes Ziel ist, dass nie ein Dienst ausfällt. Seit wir 2017 gestartet sind, haben jedes Wochenende Sprechstunden stattgefunden. Das ist manchmal auch ein großer Kraftakt. Wir können nur an Feiertagen und am Wochenende arbeiten, weil wir alle berufstätig sind und das alles ehrenamtlich ist.

Viele Einrichtungen mussten während Corona schließen.

Wir konnten weiter Sprechstunden anbieten, weil hinter uns kein großer Träger steht. Wir sind rein spendenfinanziert. Das macht uns unabhängig.

Euer Motto lautet „Wer die Not sieht, muss handeln!“. Man sieht auf dem Kiez überall Menschen, die weggetreten sind, offensichtlich Hilfe brauchen, diese aber auch oft ablehnen. Wie verhält man sich am besten?

Ich glaube, es ist diesen Menschen wichtig, dass sie gesehen werden. Sie leben mitten unter uns und sind eine Randgruppe. Mit Geld können und müssen sie ihre Sucht finanzieren. Wenn jemand kein Geld hat und in die Entzügigkeit kommt, ist das lebensbedrohlich.

Aber jetzt, wenn’s heiß wird, freuen sie sich auch über eine Flasche Wasser, Obst oder Brötchen. Man muss einfach nur fragen. Sie sagen es einem schon, wenn sie nicht angesprochen werden möchten.

arztmobilhamburg.org


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Juni 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hamburgerin des Monats: Mariya Kostadinova von Sperrgebiet

Bei Sperrgebiet, einer Beratungsstelle des Dia­konischen Werks in Hamburg, kämpft Mariya Kostadinova für die Rechte von Sexarbeiterinnen und ihre gesellschaftliche Anerkennung

Interview: Anna Meinke

 

SZENE HAMBURG: Mariya, wann und warum hast du dich für die Arbeit bei Sperrgebiet entschieden?

Mariya Kostadinova: Ich bin seit Dezember 2016 bei Sperrgebiet St. Georg. Ich bin ausgebildete Sozialarbeiterin und habe mein Diplom aus Bulgarien hier in Deutschland anerkennen lassen. Nachdem ich in einem Hilfsprojekt für zugewanderte Frauen aus Bulgarien und Rumänien, die hier in Hamburg als Sexarbeiterinnen arbeiten, tätig war, bin ich zu Sperrgebiet gekommen.

Mein Wunsch war und ist es, Menschen in Not bei der Hilfesuche zu unterstützen. Außerdem fand ich die Arbeit bei Sperrgebiet so spannend, weil das Thema Sexarbeit in meinem Heimatland Bulgarien tabu ist. Dort ist Sexarbeit offiziell verboten – natürlich passiert es auf illegalem Weg trotzdem. Das Verbot führt dazu, dass das Milieu total unkontrolliert bleibt.

Die Menschen, die dort der Sexarbeit nachgehen, sind nicht geschützt, weil sie außerhalb des Gesetzesrahmens tätig sind. Oft sind sie Opfer von Gewalt, manchmal sogar von Menschenhandel. Ich finde es toll, dass es hier in Deutschland Beratungs- und Hilfssysteme wie das von Sperrgebiet gibt.

Welche Angebote bietet Sperrgebiet den Sexarbeiterinnen?

Unsere Angebote wirken auf einem niedrigschwelligen Niveau. Das heißt, dass hier in der Beratungsstelle St. Georg zuallererst die Grundbedürfnisse der Frauen abgedeckt werden: Sie bekommen warmes Essen und Hygieneartikel, sie können duschen, sich aufwärmen oder ihre Wäsche waschen. Außerdem können sie mit all ihren Fragen zu uns kommen.

Auch bei gesundheitlichen Problemen sind wir für die Frauen da. Zweimal die Woche kommt eine tolle Ärztin, die die Frauen untersucht, ihre Fragen beantwortet oder sie an Fachärzte vermittelt. Wenn es dann zum Arzt, zur Bank oder zum Arbeitsamt geht, begleiten wir die Frauen. Die aufsuchende Arbeit auf der Straße ist normalerweise auch ein zentraler Teil von Sperrgebiet.

Und wie reagieren die Frauen auf eure Angebote – vor allem, wenn ihr sie auf der Straße ansprecht?

Oft reagieren die Frauen sehr ungläubig. Sie denken dann, dass wir ihnen etwas verkaufen wollen und können es nicht fassen, dass unsere Hilfe kostenlos ist. Das liegt vor allem daran, dass sie solche Hilfeleistungen nicht kennen – speziell, wenn sie aus dem Ausland kommen. In vielen Ländern gibt es gar keine Hilfssysteme für Sexarbeiterinnen.

Welche Erwartungen hattest du von der Beratung und Unterstützung von Sexarbeiterinnen?

Die größte Erwartung an meine eigene Arbeit war, den Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen. Zumindest die Grundversorgung möchte ich sicherstellen, etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf bieten. Frauen schätzen sich selbst sehr gering, weil sie der Sexarbeit nachgehen. Ich möchte ihnen jedoch erklären, dass sie sich nicht schämen oder als zweitklassig fühlen müssen. Denn Sexarbeit ist ein richtiger Beruf ! Und wir als Fachberatungsstelle wünschen uns, dass Sexarbeit als richtiger, anerkannter Job wahrgenommen und behandelt wird.

War und ist die Arbeit auch in etwa so, wie du sie dir vorgestellt hast?

Ja, teilweise. Was ich jedoch nicht wusste, ist, dass viele Frauen zum Beispiel gar nicht alphabetisiert sind. Solche Probleme kommen dann noch obendrauf – besonders bei der Jobsuche. Auch die große Skepsis vieler Frauen, die wir zum ersten Mal ansprechen, hat mich überrascht.

 

„Für Sexarbeiterinnen ist die Pandemie verhängnisvoll“

 

Hast du bei Sperrgebiet eine Art Arbeitsalltag, also gewisse Routinen? Oder ist jeder Tag anders?

Vor Corona, oder nach Corona (lacht)? Es gibt natürlich Dinge, die wir jeden Tag erledigen. Papierkram, Beratungsgespräche, Behördengänge, Essensausgabe. Die individuellen Probleme der Frauen führen dazu, dass die Arbeit nie langweilig wird. Jeden Tag erlebe ich etwas Neues und lerne andere Frauen kennen. Das stellt mich Tag für Tag vor neue Herausforderungen. Durch Corona hat sich jedoch einiges verändert.

Was bedeutet die Pandemie denn für deine Arbeit – und natürlich für die Sexarbeiterinnen?

Für die Sexarbeiterinnen ist die Pandemie verhängnisvoll. Das Berufsverbot führt sie gezwungenermaßen in die Illegalität: Suchen sich die Frauen keine neuen Wege, um ihrer Arbeit nachzugehen, verlieren sie ihre Einkommensquelle. Ihnen wird durch das Verbot die Arbeitsgrundlage genommen.

Für die Arbeit von Sperrgebiet bedeutet die Pandemie, dass wir sie auf ein Minimum begrenzen müssen. Wir haben uns dazu entschlossen, geöffnet zu bleiben, so weit es eben geht. Wir beschränken die Arbeit auf dringend notwendige Bereiche, wie etwa die medizinische Versorgung durch unsere Ärztin, die Vergabe von Lebensmitteln und Hygieneartikeln sowie die Hilfe bei Existenzfragen. Außerdem begleiten wir die Frauen bei kurzfristigen Terminen. Die sonst sehr wichtige Arbeit auf der Straße können wir leider gerade nicht anbieten. So werden unsere Angebote schwerer zugänglich.

Was ist für dich die größte Herausforderung bei der Arbeit?

Das Vertrauen der Frauen zu gewinnen. Viele von ihnen haben regelrecht Angst vor Beratungsstellen, weil sie damit nicht vertraut sind. Sie trauen sich nicht, Angebote in Anspruch zu nehmen, haben Angst, die Sprache nicht zu verstehen. Für uns ist es also wichtig, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, sodass die Frauen sich wohlfühlen und unsere Angebote in Anspruch nehmen. Nur so können wir ihnen helfen.

Und was waren deine bisher größten Arbeitserfolge?

Wir schaffen es trotz aller Schwierigkeiten immer wieder, die Frauen auf dem Weg in eine offizielle Anmeldung ihrer Tätigkeit zu begleiten, einen neuen Job für einige zu finden oder ihnen zumindest eine Grundversorgung zu bieten.

Wenn wir uns hier in unserer Küche in St. Georg versammeln – also in Nicht-Corona-Zeiten – und zusammen kochen und uns austauschen, merke ich, dass sich die Frauen zumindest für einen kurzen Moment geborgen fühlen. Das ist für mich der größte Erfolg.

Wie gehst du damit um, auch schwere Schicksale kennenzulernen? Nimmst du die Arbeit oft mit nach Hause?

Vielen Frauen, mit denen wir hier in St. Georg arbeiten, geht es sehr schlecht. Sie leiden unter psychischen und körperlichen Beschwerden, sind sehr belastet. Sie leben zusätzlich unter äußerst prekären Umständen, haben manchmal kein Dach über dem Kopf. Das trifft mich natürlich. Ich versuche, professionell zu sein, die Grenzen zwischen Privatleben und Arbeit zu wahren. Ich sage mir dann, dass ich selbst psychisch, mental und körperlich fit sein muss, um die Frauen unterstützen zu können. Doch wenn ich morgens aufwache und sehe, dass es regnet, denke ich direkt an Klientinnen, die auf der Straße schlafen. Abschalten kann ich da nicht.

Würdest du dir mehr Unterstützung aus der Politik wünschen? Vielleicht auch gewisse Gesetzesänderungen?

Ich wünsche mir, dass Sexarbeit besser geschützt wird und die Rechte der Sexarbeiterinnen geachtet werden. Außerdem muss ein gutes Netzwerk von Beratungsstellen vorhanden sein, um den Frauen genügend Hilfe bieten zu können.

sperrgebiet-hamburg.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2021. Das Magazin ist seit dem 29. April 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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