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Nachhaltigkeit: Was tust du fürs Klima?

Brennende Wälder und Meere voller Plastik: Die junge Generation hat das zu tragen, was ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern verbockt haben. Klimaschutz spielt für sie eine zunehmend große Rolle – Mission „Welt retten“

Umfrage: Ilona Lütje

 

Tim, 26, Trainee im Lebensmittelgroßhandel

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Die wohl einschneidendste Veränderung in meinem Leben war die Umstellung zu einer veganen Ernährung vor mehr als eineinhalb Jahren. Sie ist mein Beitrag für mehr Tierwohl, aber auch für eine bessere Zukunft in Bezug auf den Umweltschutz.

Darüber hinaus trage ich meine Klamotten, bis sie durch sind, und versuche nur neue zu kaufen, wenn ich sie tatsächlich benötige. Ich weiß aber auch, dass ich vor allem im Punkt Reisen, insbesondere beim Fliegen, noch Potenzial habe, CO2-Ausstoß einzusparen.

 

Lisa, 25, Studentin

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Ich ernähre mich seit meiner Kindheit vegetarisch. Seit einigen Jahren verzichte ich auf alle tierischen Produkte, nicht nur bei Lebensmitteln. Das mache ich für die Tiere und für die Umwelt. Gut für die Gesundheit ist die vegane Ernährung zum Glück auch.

Ansonsten fahre ich in Hamburg Fahrrad oder Bahn, ein Auto habe ich nicht. Ich versuche, keine neuen Klamotten zu kaufen. Wenn es wirklich notwendig ist, dann nur aus nachhaltiger Produktion oder Secondhand.

 

Laura, 23, Hebammenauszubildende

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Um einen Teil zum Klimaschutz beizutragen, achte ich generell auf eine nachhaltige Lebensweise. Dazu gehört, mein Konsumverhalten zu hinterfragen und anzupassen. Wenn ich Dinge neu kaufe, dann möglichst von kleineren Firmen, die vielleicht sogar einen sozialen Ansatz verfolgen. Ansonsten finde ich fast alles, was ich brauche in den Kleinanzeigen oder in Tauschgruppen über soziale Netzwerke. So weit es geht, kaufe ich Bio-Lebensmittel und verzichte auf Produkte von problematischen Großkonzernen.

Ich muss aber sagen, dass das nicht immer so einfach ist: Im Alltag habe ich oft keine Zeit, bei kleinen Händlern zu kaufen, geschweige denn das Geld. Im Rahmen meiner Möglichkeiten gebe ich aber mein Bestes, um das Klima zu schützen.

 

Lia, 15, Schülerin

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Ich trenne Müll und achte darauf, nirgendwo welchen liegen zu lassen. Meine Freunde und ich kaufen nur Obst aus der Region. Außerdem esse ich kaum Fleisch, benutze wiederbefüllbare Trinkflaschen und keine Plastiktüten. Und ich fahre viel Fahrrad.

 

Annelie, 30, Studentin

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Nachdem ich vor vier Jahren das erste Mal einen Kleidertausch besuchte, trat bei mir erstmals ein richtiger Nachhaltigkeitsgedanke ein. Mir wurde bewusst, wie viele Ressourcen allein durch die ständige Neuanschaffung von Kleidung einer jeden Person verschwendet werden, weshalb ich meine Kleidung seither nur noch secondhand oder über Kleidertauschbörsen besorge.

Ich würde mir wünschen, dass sich der allgemeine Konsumgedanke von „was will ich“ zu „was benötige ich wirklich“ verändern würde – das würde in der Masse schon viel Verschwendung vermeiden.

 

Fabio, 26, Management-Student

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An vielen Stellen im Alltag versuche ich, nachhaltiger zu leben: Ich spare Energie, ich fahre Fahrrad, setze auf Reparatur statt Neukauf und ernähre mich vegetarisch. Dies gibt mir das Gefühl, etwas Gutes für unsere Umwelt zu tun. Allerdings ist mir auch bewusst, dass sich solche Kleinigkeiten weniger positiv auf meinen ökologischen Fußabdruck als auf mein Gewissen auswirken.

Genau wie jeder Mensch mit einem mittleren bis hohen Lebensstandard nutze ich weit mehr Ressourcen als mir eigentlich zustehen. Um einen positiven Beitrag zu leisten, will ich selbst Produkte, Services oder Lösungen entwickeln, die einen echten positiven Impact haben.


 Sondermagazin SZENE HAMBURG NACHHALTIGKEIT, 2021. Das Magazin ist seit dem 7. Mai 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Nachtleben im Lockdown: „Clubs könnten Teil der Lösung sein“

Fenja Möller und Kai Schulz wurden vor einem halben Jahr neue Vorstandsvorsitzende des Clubkombinats. In SZENE HAMBURG sprechen sie über politische Forderungen, wie Clubs durchhalten und sich auf einen möglichen Neustart vorbereiten

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Fenja und Kai, Vorstand im Clubkombinat. Ein ruhiger Job in Zeiten von Corona?

Kai-Schulz

Mitbetreiber der Hebebühne: Kai Schulz

Kai: Im Gegenteil. Die Herausforderungen für die Clubs und somit auch für das Kombinat sind enorm. Es gilt der Politik klarzumachen, dass eine Unterstützung der Strukturen während, aber auch nach der Pandemie, notwendig ist. Auch sind Themen wie Schallschutz und Nachhaltigkeit aktueller denn je.

Fenja: Der neu gewählte Vorstand ist relativ jung und sehr motiviert. Es gibt digitale Treffen und wir diskutieren über unterschiedliche Dinge, um mit dem tollen Team hinter dem Clubkombinat die Szene in Hamburg zu unterstützen und zu stärken.

Mit welchen konkreten Zielen seid ihr angetreten?

Kai: Es geht um die Sicherung der Zukunft der Live-Kultur in Hamburg. Dazu gehören sowohl Fragen finanzieller, aber auch struktureller Natur.

Fenja: Ein großes Ziel ist natürlich, dass möglichst alle Clubs diese Zeit überleben. Aber auch die generelle Zukunft der Clubkultur ist ein großes Thema, denn auch vor der Pandemie hatten es Betreiberinnen und Betreiber nicht leicht. Aber auch Themen wie Awareness oder Inklusion möchten wir bearbeiten und hoffentlich verbessern.

 

„Zurzeit entstehen einige neue Kontakte zur Politik“

Fenja Möller

 

Was konntet ihr bereits in die Tat umsetzen?

Fenja: In Hamburg wurde sehr schnell der „Clubrettungsschirm“ entwickelt, der viele Clubs durch die jetzige Zeit hilft. Zurzeit entstehen einige neue Kontakte zur Politik, die uns in Zukunft hoffentlich weiterhelfen werden.

Kai: Das Clubkombinat ist unter anderem einer der Initiatoren für das „Forum Kultur und Kreativwirtschaft HH“, bei dem wir mit verschiedenen Akteuren aus der Stadt gemeinsame Positionen entwickelt haben, um in Richtung Politik klare Signale für die Zukunft unserer Branche zu geben.

Im ersten Lockdown gab es zahlreiche Solidaritätsaktionen. Auch Streaming war ein großes Thema. Warum ist es darum so ruhig geworden?

Kai: Es ist eine Zeitlang die einzige Möglichkeit gewesen, überhaupt Live-Musik einem Publikum zu bieten. Ein digitales Angebot zu haben, wird für einige Clubs in Zukunft ein Thema sein, auch wenn es jetzt aus diversen Gründen eher ruhig um Streams und auch damit verbundene Aktionen geworden ist.

Woran liegt das?

Fenja: Ein großer Beweggrund war, dass zumindest ein kleiner Teil der Crew wieder etwas Arbeit bekommen kann. Aber das Live-Erlebnis kann ein Stream einfach nicht ersetzen. So wie ich es mitbekomme, ist einfach bei vielen die Lust vergangen, sich Streams anzuschauen. Es ist sehr viel Arbeit, aber man hat trotzdem nicht die Viewerzahlen, die man gerne hätte.

Welche Soli­-Aktionen gibt es aktuell in Hamburg?

Fenja: Sehr viele Clubs haben ihr Merch-Angebot ausgeweitet oder besonderen Soli-Merch.

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Fenja Möller ist im Molotow zuständig für Booking und PR

Kai: Außerdem kann über die Clubstiftung gespendet werden. In unserem Shop gibt es diverse Artikel deren Erlös in die Stiftung gehen.

Wie steht es um den Rettungsfonds „Save our Sounds“?

Kai: Es sind ungefähr 300.000 Euro an Spenden gesammelt worden. An die Clubs wurden ungefähr die Hälfte davon ausgeschüttet. Einige haben damit zum Beispiel die Planung und Umsetzung ihrer Streams finanzieren können. Über die Clubstiftung stehen dementsprechend, unter anderem für die Förderung eines Neustarts, weitere 150.000 Euro zur Verfügung.

Wie bereiten sich die Clubs auf einen solchen Neustart vor?

Fenja: Ich glaube das variiert. Es wurden viele Hygienekonzepte entwickelt, andere haben sich durch Förderungen eine neue Lüftung einbauen lassen, in der Hoffnung, möglichst früh wieder zu öffnen.

Kai: Eine konkrete Programmplanung ist aufgrund der politisch getroffenen Entscheidungen aber nur schwer bis gar nicht möglich.

 

„Clubs sind Kultur – sie gehören zu der Identität der Stadt“

Kai Schulz

 

Was haltet ihr von den aktuellen politischen Öffnungsstrategien?

Fenja: Die Sicherheit aller steht bei den meisten Clubbetreiberinnen und Clubbetreiber an oberster Stelle. Für uns bedeuteten sie allerdings, dass die Clubs auf jeden Fall noch für eine lange Zeit keine „normalen“ Veranstaltungen anbieten.

Kai: Aus meiner Sicht reicht der aktuelle Stufenplan nicht aus. Ich verstehe das Bedürfnis nach Sicherheit, aber die genannten Zeiträume mit der Abhängigkeit einer stabilen Inzidenz, sind ein Signal an die Clubs noch lange geschlossen zu bleiben.

Sind Clubs nicht systemrelevant?

Kai: Wer entscheidet das? Clubs sind Kultur – sie gehören zu der Identität der Stadt und sind für unser kulturelles und speziell das Nachtleben prägend. Wir dürfen auch nicht die Menschen vergessen, die das ganze System tragen. Die Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne, die Fachkräfte und die meist über Jahre gewachsenen Teams. Clubs bieten Menschen soziale Kontakte, sind eine kreative Plattform und verbinden Generationen und gesellschaftliche Schichten. Wenn man mich fragt, ist genau das relevant.

Fenja: Viele, die in der Branche arbeiten, machen dies zum Großteil nicht aus finanziellen Gründen, sondern aus Überzeugung. Für uns sind Clubs systemrelevant, weil sie das Kulturangebot der Stadt stark prägen und für Menschen ein Ort sind, um Musik und Kultur immer wieder neu zu entdecken.

Welche Forderungen habt ihr an die Politik?

Kai: Wir brauchen jetzt und wenn wir wieder öffnen, weitere finanzielle Unterstützung. Außerdem haben wir den Vorschlag gemacht, einige wenige Clubs als Pilotprojekte zu öffnen, um gemeinsam mit der Politik und Wissenschaft Erkenntnisse über die wirklichen Auswirkungen von Live-Veranstaltungen zu bekommen. Die Ergebnisse können Grundlage für andere politische Entscheidungen sein, welche eine Rückkehr zu einer sicheren und lebendigen Clubkultur erlauben würden.

Fenja: Wir haben im letzten Jahr gesehen, dass es viele illegale Veranstaltungen gab. Der Drang auf eine Party zu gehen, war größer als die Vernunft und das wird wahrscheinlich dieses Jahr auch passieren. Wenn die Clubs öffnen und die Leute vorher getestet sind, werden Menschen die positiv sind sofort erkannt. So könnten Clubs ein Teil der Lösung sein.

 

Der Rettungsschirm

 

Wie lange können die Hamburger Clubs noch durchhalten?

Fenja: Ein Großteil fällt unter den Rettungsschirm der Kulturbehörde. Solange es diese Förderung gibt, werden zumindest die Fixkosten gedeckt. Es wird aber sehr lange dauern, bis wieder Normalität in unserer Branche herrscht. Bis internationale Bands wieder auf Tour gehen. Und selbst wenn, werden alle auf einmal touren und für ein Überangebot sorgen. Zum anderen sehen wir leider, dass einige Kolleginnen und Kollegen sich in andere Branchen weiterentwickelt haben.

Kai: Zudem gibt es die Herausforderung, das Besuchervertrauen neu zu gewinnen.

Weil sich das Ausgehverhalten der Menschen verändert haben wird?

Kai: Ich denke es wird einige geben, die wieder generell Vertrauen in geschlossene Räume mit vielen Menschen finden müssen. Aber auch viele, die es kaum abwarten können wieder zurück zu diesem Gefühl der Nähe und Verbundenheit zu kommen.

Fenja: Vor allem die Masse an Konzerten im Jahr 2022, die dann hoffentlich stattfinden, wird noch mal eine Bewältigungsprobe sein, bei dem sich viele entscheiden müssen, zu welchem Konzert sie gehen und welche sie aus finanziellen und zeitlichen Gründen nicht wahrnehmen können.

Wie steht es um eure eigenen Läden, Hebebühne und Molotow?

Kai: Die Hebebühne wird derzeit durch den Rettungsschirm am Leben erhalten. Kein schönes Gefühl, aber eine Alternative gibt es bei den derzeitigen Entscheidungen der Politik zumindest für uns keine. Unser Team konnte im Sommer 2020 zum Glück Outdoor bei der „Eulenhofsession“ wieder Musik auf die Bühne bringen. Auch in diesem Sommer hoffen wir, dass wir ein Programm in unserem Hof anbieten können.

Fenja: Auch das Molotow fällt unter den Rettungsschirm. Aber auch wir waren immerhin in der Lage letztes Jahr einige Outdoor-Konzerte anzubieten und dadurch einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu beschäftigen. Und natürlich hoffen wir auch demnächst wieder Outdoor-Konzerte, unter den aktuellen Bestimmungen, veranstalten zu können.

clubkombinat.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Hinz&Kunzt: Chefredakteurin Annette Bruhns im Interview

Nach 25 Jahren beim „Spiegel“ übernahm Annette Bruhns die Chefredaktion bei „Hinz&Kunzt“. Im Interview spricht sie über ihre Motivation, die Bedeutung des Magazins für die Hamburger Obdachlosen und was beim Hamburger Winternotprogramm schiefläuft

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Annette Bruhns, Sie waren 25 Jahre lang beim „Spiegel“ und sind jetzt seit Anfang des Jahres Chefredakteurin bei „Hinz&Kunzt“. Warum?

Annette Bruhns: Weil das für mich einer der coolsten Jobs ist, den der Journalismus zu vergeben hat. Ich habe hier tolle Gestaltungsfreiheiten: 60 Seiten, die ich Monat um Monat mit Themen füllen kann, mit spannenden, relevanten Texten. Und mit Bildern von hervorragenden Fotografen. Die „Hinz&Kunzt“ bietet alles, was ein gutes Magazin ausmacht.

Was ist der größte Unterschied zum „Spiegel“?

Der „Spiegel“hat natürlich irre hohe Standards, die arbeitsteilig organisiert sind, mit eigenem Archiv, Verifikationsabteilung, Justiziariat, Schlussredaktion. Diese Standards habe ich quasi inhaliert. Da muss sich die Redaktion nun beugen – ein wenig zumindest (lacht). Ich habe aber den Eindruck, dass alle dazu auch Lust haben.

 

Professioneller Journalismus und soziales Projekt

 

Was ist in Ihren Augen das Besondere an „Hinz&Kunzt“?

Die „Hinz&Kunzt“ bietet professionellen Journalismus und ist zugleich ein soziales Projekt. Die obdachlosen Verkäufer und Verkäuferinnen sind quasi freie Unternehmer und haben durch den Verkauf der Straßenzeitung Einnahmen sowie eine Struktur in ihrem Alltag.

Das Besondere ist, dass sie den Mitmenschen gegenüber gleichberechtigt auftreten und etwas anbieten können, statt nur um Almosen zu bitten. Dadurch entsteht ein ganz anderer Umgang.

Was möchten Sie anders machen?

Ich kann mich mit dem Bisherigen gut identifizieren und sehe einen langsamen, behutsamen Wandel vor mir. Eine Sache, die wir ändern werden, ist, dass wir weniger Verkäuferinnen und Verkäufer auf dem Cover zeigen, damit nicht der Eindruck entsteht, dass Obdachlosigkeit unser einziges Thema ist.

Dieses Magazin ist ungeheuer vielseitig. Wir sind und bleiben als Projekt eine Lobby für Arme, aber als Magazin fühlen wir uns ganz klar dem unabhängigen Journalismus verpflichtet.

Wird es keine inhaltliche Neuausrichtung geben?

Ich sehe eine Menge Themen, die wir spielen können, ohne den Markenkern zu vernachlässigen. Ich möchte unbedingt Frauen sichtbarer machen, die zwar nicht obdachlos sind, aber bettelarm. Meiner Meinung nach tut Deutschland nicht genug für Ein-Eltern-Familien.

Es wird auch jede Menge Tipps geben, wie man seine Freizeit ohne viel Knete bestreiten kann, nach dem Motto: „Elbinsel statt Elphi“.

 

Digitale Veränderungen

 

Viele Magazine haben an Auflage und Anzeigen verloren. Wie sieht es bei Hinz&Kunzt aus?

Natürlich merken wir, dass die Leute weniger Print lesen. Ich will deshalb, dass wir so schnell wie möglich den digitalen Erwerb der Zeitschrift ermöglichen. Die Verkäufer könnten das Heft mittels eines QR-Code anbieten und die Zahlung digital abwickeln. Wir hoffen, dass Wirtschaftsminister Altmaier, der ja für die Digitalisierung 200 Millionen Euro zur Verfügung stellt, jetzt mal in die Puschen kommt, sodass die Straßenmagazine gemeinsam einen Antrag stellen können.

Ist „Hinz&Kunzt“ bei den Menschen ausreichend präsent?

Nein, deshalb müssen wir die Informationen verstärkt über unsere Website und Social-Media-Kanäle an die Hamburger und Hamburgerinnen herantragen – und das werden wir auch.

„Hinz&Kunzt“ hat schon immer viel Unterstützung von Profis oder Agenturen pro bono bekommen. Das ist großartig! Ich kann mir auch gut vorstellen, ehemalige Kollegen als Autoren zu gewinnen.

Wie wird man eigentlich Hinz&Künztler?

Die Verkäufer und Verkäuferinnen in spe wenden sich dazu an unsere Sozialarbeiter und werden im Vertrieb geschult. Zu Beginn erhalten sie zehn Zeitungen kostenlos. Mit den Gewinnen können sie weitere Zeitungen für 1,10 Euro erwerben und zum regulären Preis von 2,20 Euro verkaufen. Oft kriegen sie etwas mehr drauf. Sie bilden also eine Art Mini-Kapital, das sie vermehren können, wenn sie mit ihrem Geld und den Magazinen gut umgehen. Das ist klassische Hilfe zur Selbsthilfe.

Wir helfen auch dabei, Wohnungen zu finden und stellen Bürgschaften bereit. Niemand ist freiwillig obdachlos. Diese Menschen brauchen Unterstützung, denn das Leben auf der Straße macht mürbe.

Wie sieht die Schulung der Verkäufer aus?

Wir haben Mitarbeiter im Vertrieb, die selbst als Straßenverkäufer angefangen haben. Die geben Ratschläge und können das gut vermitteln. Dazu gehören ganz banale Dinge wie ein höfliches, unaufdringliches Auftreten.

 

„Die Pandemie hat massive Folgen für uns“

 

Wie hat sich Corona auf „Hinz&Kunzt“ ausgewirkt?

Die Pandemie hat massive Folgen für uns. Im April vergangenen Jahres gab es erstmals in der Geschichte des Magazins kein gedrucktes Heft, weil man die Gesundheit aller schützen wollte. Seither gibt es auch gewisse Berührungsängste. Viele Menschen gehen nicht mehr oft aus dem Haus und zahlen nur noch mit Karte oder Handy. Das macht den Verkauf der Zeitschrift schwierig.

Ist Hamburg eine hilfsbereite Stadt?

In Hamburg gibt es – und das finde ich hocherfreulich – ein Bewusstsein für die Nöte der Obdachlosen. Erst kürzlich hat Ulrich Tukur, der „Tatort“- Schauspieler, bei einem Fernsehquiz die Hälfte seines Gewinns in Höhe von 50.000 Euro an „Hinz&Kunzt“ gespendet. Aber auch die unzähligen kleinen Spenden helfen ungemein. Danke!

In Hamburg ist die Unterbringung der Obdachlosen im Winter in die Schlagzeilen geraten – weil seit Silvester fünf Obdachlose durch die Kälte auf der Straße starben (Stand: 20.1.2020). Tut die Politik genug für Obdachlose?

Die Stadt scheint stets darauf zu warten, dass irgendein Mäzen sich der Sache schon annehmen wird, dabei ist es die ureigenste Aufgabe der Politik, den Bedürftigen zu helfen. Man ist unheimlich stolz darauf, dass man die Markthalle als Wärmestube bereitstellt oder die Sammelunterkünfte öffnet, statt sich zu überlegen, dass es in einer Pandemie gefährlich ist, Menschen zusammenzupferchen.

In den Unterkünften des Winternotprogramms schlafen vier Personen und mehr in einem Raum! Dabei hat
das Robert-Koch-Institut vor Sammelunterkünften explizit gewarnt wegen der Infektionsgefahr. Ich hatte für „Hinz&Kunzt“ mit Prof. Dr. Friedemann Weber, dem Leiter der Virologie an der Uni Gießen, über die Unterbringung der Obdachlosen gesprochen. Der sagte: „Was Hamburg da macht, ist ein Rezept für ein Desaster.“

 

Klima der Angst

 

Was ist die Folge dieser Politik?

Die Obdachlosen schlafen wieder auf der Straße, weil sie Angst haben, sich in den Notunterkünften mit dem Coronavirus anzustecken. Diese Menschen sind ja schon oft krank, ihr Immunsystem ist geschwächt. Sie müssten geschützt werden. Das gebietet die Humanität.

Zudem kann es in den Unterkünften rau zugehen. Aber auch auf der Straße herrscht teilweise ein ungeheures Maß an Gewalt. Es wird geschlagen, getreten, geraubt. Da herrscht ein Klima der Angst.

Wie könnte eine gute Lösung aussehen?

Wir plädieren schon lange für kleinere Unterkünfte, die in der Stadt besser verteilt sind. In der Zwischenzeit ist wie im letzten Lockdown die Zivilgesellschaft aktiv geworden und hat Hotelzimmer für Obdachlose gebucht. Ohne die Großspende der Reemtsma Cigarrettenfabriken in Höhe von 300.000 Euro wäre das nicht möglich.

Solche Spenden sind begrüßenswert und zugleich beschämend, weil es eigentlich die Aufgabe der Stadt wäre, sich um die Obdachlosen zu kümmern. Die Sozialsenatorin Melanie Leonhard und die rot-grüne Mehrheit in der Bürgerschaft haben eine Hotelunterbringung im Dezember aber abgelehnt.

Woran liegt das?

Ich habe manchmal das Gefühl, dass in der Sozialbehörde ein gewisses dogmatisches Denken herrscht, nach dem Motto: Wir machen es denen mal nicht zu bequem, sonst gibt es bald noch mehr Obdachlose …

Drückt sich die Hamburger Politik vor der eigenen Verantwortung?

Der rot-grüne Senat setzt sehr stark auf Freiwilligkeit und Ehrenamt – und das nicht nur bei der Unterbringung im Winternotprogramm, sondern auch bei medizinischen Hilfen. Die Leute, die den Kältebus betreiben oder die medizinischen Praxen für Obdachlose, beklagen schon länger, dass sich die Stadt immer mehr aus ihrer Daseinsvorsorge herauszieht.

 

Verbunden fühlen

 

Gilt für „Hinz&Kunzt“ nun das alte „Spiegel“-Motto: „im Zweifelsfall links“?

Einer unserer Gesellschafter ist die Diakonie. Die würde wohl eher einen Satz erwarten wie: „Im Zweifel mit Gott“ (lacht). Aber im Ernst: Das Thema Armut betrifft letztlich uns alle. Wir alle haben eine soziale Verantwortung, egal, ob wir links oder eher konservativ sind.

Warum sollten die Hamburger „Hinz&Kunzt“ kaufen?

Es ist ein schönes Magazin und zugleich eine großartige Möglichkeit zu helfen. Es geht ja nicht nur um das bloße Kaufen der Zeitschrift: Vielleicht spricht man mit dem Verkäufer oder der Verkäuferin auch mal ein paar Worte. Es hilft ihnen ungemein, sich mit den Mitmenschen verbunden zu fühlen, dazuzugehören. Das sind Menschen, die oft niemanden sonst haben. Wir haben unsere Familie, Freunde, Kollegen. Diese Menschen haben oft keine Familie mehr, keine Heimat, nichts. Sie können jederzeit den Halt verlieren.

hinzundkunzt.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Soundtrack Deutschland: Die Wirkung von Musik made in Germany

Oliver Georgi und Martin Benninghoff sprechen mit deutschen Top-Künstlern über die Wirkung von Musik made in Germany

Text: Erik Brandt-Höge

 

Ist Peter Maffay ein deutscher Volkssänger? Weiß Judith Holofernes, was toxisch ist am Pop? Wie empfindsam findet Reinhard Mey die Deutschen? Und: Was glaubt Ina Müller eigentlich, wie viel Mythos ein Star braucht? Alles Fragen, die Oliver Georgi und Martin Benninghoff in insgesamt 23 Interviews mit deutschen Top-Künstlern gestellt haben.

Die beiden FAZ-Redakteure, die sich ansonsten vor allem um Poltisches kümmern, haben mit „Soundtrack Deutschland“ keinen schnöden Gesprächs-Band gemacht, der sich rund um die Erfolgsgeschichten des Who’s who der hiesigen Musiklandschaft dreht. Gefälligkeits-Musikjournalismus geht wirklich anders. Nein, Benninghoff und Georgi gehen tief, fragen nach, hinterfragen vor allem, kitzeln heraus. Alles mit dem Ziel, herauszufinden, was die Songs von deutschen Musiklegenden, aber auch der jüngeren Generation, mit ihren Hörern machten und machen. Ja, da geht es auch um Politisches, was den Autoren logischerweise liegt. Aber ebenso um die deutsche Musikbranche an sich, ihr Selbstverständnis, ihre Hitfabriken. Um Imageaufbauten und -pflege. Speziell: um Wirkung.

Zudem stellen die Buchmacher den Stars spannende Fragen über Anfangstage und das Hier und Jetzt, etwa, ob Smudo und Michi Beck von Die Fantastischen Vier etwas mit ihren jungen Ichs aus der „Die da“-Zeit anfangen können. Wer Bock hat auf mehr als nur PR-Interviews rund um alte und neue Alben, wird mit „Soundtrack Deutschland“, das man geradezu ein musikalisches Geschichtsbuch nennen darf, durchweg glücklich. Exklusive Fotos der Künstler sind übrigens inklusive.

Oliver Georgi und Martin Benninghoff: „Soundtrack Deutschland“, echtEMF, 240 Seiten, 36 Euro


Cover_SZ0121 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2021. Das Magazin ist seit dem 22. Dezember 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Asklepios Klinik: Chef der Intensivstation über Corona

Prof. Dr. med. Martin Bergmann ist Chef der internistischen Intensivstation in der Asklepios Klinik Altona. Sein Arbeitsalltag steht seit Pandemie-Beginn auf dem Kopf. Ein Gespräch über die Anstrengungen von Medizinern während Corona, Balkonklatscher und die Wirkung der Lockdowns

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Prof. Dr. med. Martin Bergmann, auf einer Skala von eins bis zehn: Wie hoch siedeln Sie ihren Erschöpfheitszustand am Ende dieses Jahres an?

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„Großes Vertrauen in die Impfstoff entwickelnden Firmen“: Prof. Dr. med. Martin Bergmann

Prof. Dr. med. Martin Bergmann: Bei sieben. Wir sind noch nicht völlig erschöpft, aber die Situation ist schon sehr belastend. Gerade die zweite Welle schluckt einiges an Ressourcen. Die Mitarbeiter auf der Intensivstation, sowohl die Pflegekräfte als auch die Ärzte, erleben große Herausforderungen: Aktuell wird sieben Patienten teilweise mit Maschinenbeatmung geholfen.

Ebenso die Kollegen auf der COVID-Station, wo wir aktuell zwischen 20 und 30 Verdachtsfälle und Patienten mit leichteren COVID- Erkrankungen behandeln. Und wir gehen ja davon aus, dass uns das alles noch einige Wochen, wenn nicht Monate beschäftigen wird. Jedenfalls so lange, bis hoffentlich die Effekte der Impfungen spürbar werden.

Wie sieht denn Ihr aktueller Arbeits­alltag aus? Gibt es Routinen – oder ist jeder Tag anders?

Es gibt schon Routinen. Ich komme morgens um kurz vor acht in die Klinik und verschaffe mir mithilfe unseres elektronischen Klinik-Informationssystems einen Überblick zu den Patienten meiner Abteilung. Es folgt eine Oberarztbesprechung, bei der wir uns unter anderem über Notfälle austauschen und die Arbeit verteilen. Dann kommen die Intensiv-Visite und die Besprechung zwischen allen Abteilungen aus der Intensivmedizin über die nächsten 24 Stunden.

 

Extrem spannende Zeit

 

Blicken wir einmal zurück aufs Früh­ jahr und die erste Welle. Waren Sie auf einen Klinik­Ausnahmezustand vorbereitet?

Nein, darauf kann man sich auch nicht vorbereiten. Damals bestanden natürlich viele Unsicherheiten. Aber wenn man eine gewisse medizinische Begeisterung besitzt, muss man auch sagen, dass das eine extrem spannende Zeit war. Es gab sehr schnell einen internationalen Austausch zwischen den direkt mit der Patientenbehandlung beschäftigten Ärzten.

Welche Erkenntnisse gab es dabei?

Zum Beispiel, dass diese Krankheit häufig sehr ähnlich verläuft. Also, dass man von Tag vier nach Symptom-Beginn bis zu Tag 12 schnelle Verschlechterungen befürchtet, weshalb man Sorge um die Patienten haben muss. Vielen wurde durch die angesprochene Beatmung durch Maschinen geholfen, was ihnen das Leben gerettet hat. Allerdings sind einige von ihnen trotz aller Möglichkeiten und Maßnahmen aufgrund weiterer Komplikationen verstorben.

Hat Corona auch Ihren persönlichen Arbeitsalltag von jetzt auf gleich auf den Kopf gestellt?

Massiv. Von Haus aus bin ich Kardiologe, kümmere mich also um Herzklappen, Herzschwächen und Herzinfarkte. Jahrzehntelang habe ich die Intensivmedizin nur nebenbei gemacht. Dieses Verhältnis hat sich durch die Pandemie völlig umgedreht.

 

Volle Intensivbetten

 

Und wenn Sie die erste und die jetzige zweite Welle mal vergleichen: Welche hat Sie in der Klinik härter getroffen?

Wir hatten während der ersten Welle zwar rasch viele volle Intensivbetten, aber auch noch Kapazitäten, da alles andere reduziert worden war. Später, nach dem Shutdown und den Sommermonaten, die zusammen das Infektionsgeschehen nahezu zum Erliegen gebracht haben, hatten wir sogar wochenlang leere Intensivbetten und die Hoffnung, dass Maßnahmen wie die eingeführte Maskenpflicht uns eine zweite Welle ersparen würden. Das war leider nicht der Fall.

Sind Ihre Intensivpatienten jeden Alters?

Ja, zwischen 45 und 90 Jahre war schon alles dabei.

Gilt das auch für die an COVID verstor­benen Patienten?

Auch da gibt es keine Altersausnahmen. Wir haben Patienten über 80, die das Ganze gut überstehen, und wir haben Patienten Mitte 50 ohne schwere Begleiterkrankungen, die von einem Problem zum nächsten kommen – bis zu dem Punkt, an dem man keine Aussichten mehr hat, dass sie mit Lebensqualität aus der Sache herauskommen. Insgesamt sind es 20 bis 30 Prozent, die nach mehreren Wochen Behandlung versterben.

 

Gesellschaftliche Diskussion

 

Nochmal zurück zum Frühjahr, als die Öffentlichkeit die medizinischen Versorger unter anderem mit Klatschen von Balkonen honorierte. Was hielten Sie davon?

Von den Balkonklatschern habe ich nicht so viel mitbekommen. Aber ich glaube, dass die Medizin durchaus zurück in die gesellschaftliche Diskussion gekommen ist. Gerade, was die Intensivmedizin betrifft, die in der Vergangenheit teils als Maschinenmedizin verteufelt worden ist. Es wurde erkannt, was sie zu leisten im Stande ist. Das habe ich als sehr positiv wahrgenommen.

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass wir mit unseren Ansätzen, die Menschen eben wirklich helfen, mehr Akzeptanz erhalten.

Kurzer Blick aufs Frühjahr 2021 und die Möglichkeit, sich impfen zu lassen: Wie denken Sie, wird sich dann die Situation bei Ihnen in der Klinik verändern?

Ich stelle mich erst mal darauf ein, dass wir bis zum Frühjahr noch mit Fallzahlen wie den aktuellen konfrontiert sein werden. Der Lockdown light hat zuletzt in den Hamburger Kliniken zwar nicht zu einem Rückgang der Versorgungsfälle geführt, aber zumindest zu keinem weiteren Anstieg.

Von dem größeren Lockdown verspreche ich mir jetzt keinen gravierenden zusätzlichen Effekt – außer, dass wir vielleicht etwas Luft holen können. Allerdings hoffe ich ganz stark, dass alle, die die Gelegenheit dazu bekommen, sich impfen zu lassen, diese auch wahrnehmen. Ich habe großes Vertrauen in die Impfstoff entwickelnden Firmen und halte es für völlig ungerechtfertigt, sich nicht impfen zu lassen. Ohne eine große Impfbereitschaft werden wir das Problem nicht lösen können.

asklepios.com


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Planetarium: Direktor Thomas W. Kraupe feiert Jubiläum

Planetarium-Direktor Prof. Thomas W. Kraupe im Interview zum 20-jährigen Dienstjubiläum über „eine schlafende Prinzessin“, den Umbau des Hauses und weitere große Pläne

 Interview: Erik Brandt-Höge

 

Thomas W. Kraupe, Direktor des Planetarium Hamburg

Thomas W. Kraupe, Direktor des Planetarium Hamburg (Foto: Wolfgang Koehler)

SZENE HAMBURG: Prof. Thomas W. Kraupe, erstmal herzlichen Glückwunsch zum Direktoren-Jubiläum! Erinnern Sie sich noch an Ihre Hauptziele, als Sie vor 20 Jahren Ihre Arbeit im Planetarium begannen?

Prof. Thomas W. Kraupe: Auf jeden Fall! Eines meiner Hauptziele war es, den monumentalen Wasserturm weiter zu erschließen. Das Gebäude, diese „Kathedrale des Kosmos“, erschien mir damals wie eine schlafende Prinzessin und der Wassertank ganz oben wie eine echte Schatzkammer. Es gab da Räume hinter Türen, die die Öffentlichkeit noch gar nicht kannte. Ich dachte: „Da kann man ja noch richtig viel gestalten!“ Immerhin haben wir mittlerweile auch gut die Hälfte des Turms erschlossen, auf den neuesten Stand gebracht und sogar angebaut.

Was zählte denn in den ersten Jahren zu Ihren größten Erfolgserlebnissen?

Nachdem ich mir ein gutes Netzwerk geschaffen hatte, um stark genug zu sein, wirklich etwas zu bewegen, stellten sich bald einige Erfolge ein. Zum Beispiel, was die Öffnung des Hauses betraf. Bis 2000 war das Planetarium nur mittwochs, freitags und sonntags geöffnet. Einzig Schulklassen kamen an jedem Werktag vormittags rein. Es hieß dazu, dass die Hamburger samstags nicht ins Planetarium gehen würden. Doch tatsächlich wurde der Samstag dann rasch der wichtigste Besuchstag für uns. Wir haben den Spielplan erweitert und mehr Veranstaltungen aufgenommen, insbesondere auch mehr für Familien und Kinder getan. Unser neues Ziel musste es sein, über die Hobby-Astronomen hinaus möglichst viele Menschen für das Planetarium zu gewinnen – und das ist uns durch das breitere Angebot auch schnell gelungen. Zudem konnten wir nach einer ordentlichen Gebäudeanalyse und viel Planung bereits 2002 den ersten Umbau des Hauses starten. Dabei haben wir mit neuer Digitaltechnik das Planetarium geradezu revolutioniert.

 

Durch Raum und Zeit

 

Was war in Ihren Augen der Kern dieser Revolution?

Ich denke, es war und ist die inhaltliche und technische Weiterentwicklung des Planetariums zu einem eindrucksvollen „Rundumtheater”. Als „Unendlichkeitsraum” führt es die Wahrnehmung und Gedanken der Besucherinnen und Besucher durch Raum und Zeit, mitten hinein in das kosmische Geschehen und vermag wie kein anderes Theater die ganz großen Zusammenhänge und Geschichten unserer Existenz zwischen Urknall und Ewigkeit erlebbar zu machen. Durch vielfältige neue Brückenschläge zwischen Wissenschaft, Kunst und Kultur konnten wir den Besuchern dabei ganz neue Blickwinkel auf unsere Welt und das Weltall eröffnen. Und unser Angebot wurde mehr als gut angenommen: Die Besucherzahl hat sich kurz darauf verdreifacht.

Wird Ihnen neben dem sehr speziellen, weil sehr schwierigen Jahr 2020 noch ein weiteres Jahr in Ihren ersten 20 Direktoren-Jahren besonders in Erinnerung bleiben?

Sicherlich das Jahr 2004, gleich nach der ersten Modernisierungsphase. Es gab damals einen riesigen Ansturm aufs Planetarium. Ein Wahnsinns-Erfolgsjahr, das uns zeigte, dass wir Herz und Verstand der Besucherinnen und Besucher gleichermaßen erreicht haben mit unserem neuen Konzept.

Gibt es auch etwas, das Sie unbedingt noch schaffen wollen, und womit sich Ihre anfänglichen Ziele vollends erreichen ließen?

Wenn wir auch den oberen Gebäudeteil mit dem Wasserkessel erschließen und die Sammlung von Aby Warburg wieder ins Haus holen könnten, so wäre mein großer Traum von damals, 2000, voll erfüllt. Das stoße ich auch gerade an, es gibt schon Pläne der Architekten, und demnächst wollen wir das Vorhaben Förderern und Stiftungen, Bund und Ländern vorstellen. Es wäre ein großer Wurf für das Haus, wenn das gelingen würde – sogar von internationaler Bedeutung.

planetarium-hamburg.de


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Inszenierung im Schauspielhaus: „Richard the Kid“

Richard III. ist vielleicht Shakespeares abgründigste Figur. Er lügt, intrigiert und mordet. Im Schauspielhaus geht „Richard the Kid“ in der Inszenierung von Karin Henkel auf die Suche nach seiner frühkindlichen Prägung. Ein Gespräch mit Dramaturgin Sybille Meier über eine Inszenierung, die keine einfachen Erklärmuster bietet

Interview: Dagmar Ellen Fischer

 

SZENE HAMBURG: Sybille Meier, Lina Beckmann wird Richard III. verkörpern – warum wird die männliche Figur weiblich besetzt?

Sybille Meier: Es geht um die Schauspielerin Lina Beckmann, die in ihrer Wandelbarkeit und großen Virtuosität genau die richtige Besetzung für diese Figur ist. Sie vermittelt einerseits: „Ich spiele euch den Bösewicht“, wird aber andererseits immer mehr tatsächlich zu diesem Tyrannen. Dass eine Frau die Rolle spielt, ist sekundär. Richard selbst bezeichnet sich im Stück als „Kröte“ und als „Wesen“, das sich keiner eindeutigen Kategorie zuordnen lässt, also auch keiner geschlechtlichen. Regisseurin Karin Henkel interessiert das Grenzgängerische und Spielerische daran.

„The Kid“ im Titel lässt an einen Jungen denken, verwandelt sich Lina Beckmann tatsächlich in ein Kind?

Sie spielt auch das Kindliche ihrer Figur, also den Zwölfährigen, mit ihren Mitteln. Wenn man in Shakespeares Dramen das Alter nachrechnet, stellt man fest, dass Figuren durchaus mit zwölf Jahren schon in die Schlacht geschickt oder mit 14 verheiratet werden.

Woher weiß man überhaupt etwas über die Kindheit dieses Shakespeare’schen Despoten?

Wir haben schnell gemerkt, dass wir weiter in der Geschichte zurückgehen müssen, um etwas über seine ersten Jahre zu erfahren. Also haben wir uns auch mit Shakespeares „Heinrich VI.“ auseinandergesetzt, darin wird von Richards Kindheit erzählt. Wir nutzen also Texte aus beiden Dramen, sonst wären die Beweggründe der Figuren gar nicht verständlich.

Das Ensemble besteht in diesem Fall aus nur vier Darstellern, warum diese kleine Crew?

Ursprünglich war geplant, „Richard III.“ in Koproduktion mit den Salzburger Festspielen zu inszenieren. Dann kam Corona, und wir waren herausgefordert, darauf zu reagieren. Wir beschlossen, das Stück in zwei Teilen zu machen: erstens „the Kid“, und zweitens „the King“. Der erste Teil wird unter den aktuellen Pandemie-Auflagen mit wenigen Schauspielern umgesetzt, der zweite Teil dann hoffentlich im nächsten Jahr mit einem großen Ensemble unter normalen Bedingungen. Dass Lina Beckmann Richard III. spielt, stand von Anfang an fest – das war der Ausgangspunkt für Karin Henkels Vorhaben, das Stück überhaupt inszenieren zu wollen.

Dann bleiben für die anderen zahlreichen Figuren also nur drei Schauspieler, Bettina Stucky, Kate Strong und Kristof Van Boven?

Wir haben uns bei dieser Inszenierung auf die Familiengeschichte konzentriert, auf die beiden Familien York und Lancaster, die sich bekämpfen. Darum geht es ja im Grunde von Anfang an in diesen Rosenkriegen, um zwei Herrscherfamilien, die ihren scheinbar legitimen Anspruch auf die Krone mit Krieg beantworten. Die Politiker, die darüber hinaus bei Shakespeare eine Rolle spielen, werden bei uns im ersten Teil nicht vorkommen.

Trotzdem wird jeder mehrere Rollen übernehmen müssen, welche Charaktere sind denn unentbehrlich?

Das sind die beiden Brüder von Richard, Edward und George zum Beispiel, und Anne natürlich, seine spätere Frau. Außerdem werden König Heinrich und dessen Frau Margareta aufauchen, die eine große und wichtige Rolle in Richards Kindheit gespielt haben.

Wird auch hier wieder gegen den Strich besetzt, geschlechtlich gesehen?

Ja, das finde ich toll, dass man in unserer heutigen Zeit künstlerisch so frei ist zu entscheiden, wer was spielen kann. Diese Offenheit in der Figurengestaltung ergibt immer neue Spannungen.

Es geht also mehr um Familie und damit auch um Psychologie als um die Herrschaftshäuser?

Ich bin unsicher, ob man bei Shakespeare-Texten von einer komplexen Psychologie im heutigen Sinn sprechen kann. Wir beschäftigen uns mit den Konstellationen in den Familien, deren Haltungen. Und wir werden bestimmt nicht historisch korrekt sein, das war Shakespeare schon nicht, denn inzwischen weiß man ja, dass Richard III. gar nicht so ein schlimmer Herrscher gewesen ist, wie ihn der Autor zeichnet.

Wenn es um die Kindheit Richards geht, kommt sicher die Beziehung zu seiner Mutter ins Spiel?

Ja, das war ein Ansatz, der Karin Henkel sehr interessierte: diese traumatische Geburt, bei der das Kind missgestaltet auf die Welt kam und schon Zähne im Mund hatte. Hätte man das als Vorzeichen deuten und verstehen müssen, dass er ein Bösewicht ist? Aber wie hätte man damit umgehen sollen? Bei Shakespeare hatte Richards Mutter Schwierigkeiten, überhaupt eine empathische Beziehung zu diesem Kind aufzubauen.

Oder ist es genau diese fehlende Mutterliebe, die ihn zu einem Monster macht? Denn Shakespeare lässt Richard III. an einer Stelle sagen, er habe sich bewusst dafür entschieden, böse zu sein …

Das ist eine sehr aktuelle Frage: Wie kann es sein, dass Menschen so sind? Wie kann dieses Böse so plötzlich hervorbrechen? Ist es von Anfang an da, und man kann im Grunde nichts tun, weil schon zu Beginn eine Deformation des Geistes existiert? Oder machen die Umstände ihn dazu? Ist es die zerstörte Kindheit aus Krieg und Gewalt und auch Lieblosigkeit, die aus ihm das gemacht hat, was er später geworden ist? Das ist eine sehr interessante Frage, die wir uns heute immer noch stellen: Woher kommt das Böse im Menschen?

Also: Ist er böse, weil ihm Mutterliebe fehlt, oder kann die Mutter ihn nicht lieben, weil er schon als Neugeborener böse war?

Vielleicht gibt es da keine eindeutige Zuweisung von Ursache und Wirkung. Oder keine eindeutige Schuld. Das bleibt in unserer Inszenierung offen, auch in der allgemeinen Verteidigung von Müttern, denn schnell könnte man denken: Na ja, wenn die Mütter in der Kindheit nicht dies und jenes getan hätten, dann wäre alles besser oder anders gelaufen.

Schlägt Karin Henkel den Bogen ins Hier und Jetzt?

Für sie ist folgende Frage interessant: Wie kann es denn sein, dass eine Nation oder ein Land in die Hände eines Tyrannen fällt? Warum akzeptieren Menschen, dass ein Staatsoberhaupt so offensichtlich lügt, und trotzdem gehen viele Menschen diesen Weg mit? Die Parallelen zur heutigen Zeit sind klar.

Schauspielhaus
10.10. (Premiere), 12., 14., 24., 29.10. und weitere


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Berufsberatung: Wie findest du deinen Traumberuf?

Ein Gespräch mit Ragnhild Struss, Gründerin der privaten Studien- und Berufsberatungsfirma Struss & Claussen in Hamburg, über die optimale Ausbildungsplatzsuche

Im Leben muss gefühlt alles immer sofort passieren, häufig lohnt es sich aber, einmal innezuhalten und sich genau zu überlegen, was man will. Gerade, wenn man nach der Schule seine berufliche Zukunft plant. Bei der Berufswahl orientiert man sich häufig an dem, was man kennt, aber gar nicht so sehr daran, was der eigenen Persönlichkeit entspricht. Bei über 9.000 Bachelor-Studiengängen und um die 320 Ausbildungsberufe kann man kaum ohne Hilfe erkennen, was wirklich zu einem passt.

Struss & Claussen unterstützt seit über 15 Jahren erfolgreich junge Berufseinsteiger, zu erkennen, wo ihre Talente und damit Potenziale liegen. Das Credo ist, die Kandidaten in ihrer Entscheidung unabhängiger von äußeren Einflussfaktoren zu machen und sich die Persönlichkeit anzuschauen, um darauf aufbauend gemeinsam mit den Eltern einen Zukunftsplan zu besprechen und abzustimmen. Wichtig ist eben, aus sich heraus fühlen und vor allem benennen zu können, was zu einem passt.

Um genau das jedem Abiturienten zu ermöglichen, hat Ragnhild Struss gemeinsam mit Christine Mahrenholz eine spannende und einzigartige Online-Plattform auf die Beine gestellt. „Toni Knows“ hilft Gymnasiasten, ihre individuellen Stärken und Potenziale zu entdecken und sicher einzusetzen. Die Basis sind psychologische und psychometrische Tests und diese Ergebnisse werden in einem Matchingprozess in Beziehung zu passenden Studiengängen oder Ausbildungen gesetzt. In einem Interview lässt uns die Inhaberin Ragnhild Struss erleben, was sie mit ihrem Geschäftspartner Johann Claussen und hoch motivierten Mitarbeitern auf die Beine stellt: Jeden Tag Zukunft kreieren.

 

Interview mit Berufscoach Ragnhild Struss

 

Ragnhild Struss (Foto: Florian Janssen)

SZENE HAMBURG: Einen schönen guten Morgen, Frau Struss, kommen wir am Anfang doch direkt einmal zum Ursprung. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Studien- und Berufsberatung zu gründen?

Ragnhild Struss: Ich habe jemanden zu einer Berufsberatung begleitet, während ich noch selber im Studium war. Ich fand das Ganze zwar interessant, hatte aber innerlich irgendwie das Gefühl, dass man das besser machen könnte. Während des Studiums habe ich langsam angefangen, mir zu überlegen, wie man so etwas aufziehen könnte, und habe mich nach meinem Studium tatsächlich sehr schnell selbstständig gemacht. Wenn man sich mit einer Gründungsidee beschäftigt, macht man sich natürlich fortlaufend Gedanken, wie man die Umsetzung immer besser machen kann.

Deshalb haben wir uns zum Beispiel schon vor Jahren darauf konzentriert, unser Angebot zu digitalisieren. Unsere eintägige Karriereberatung kann man beispielsweise komplett per Videotelefonie abhalten, während man die entsprechenden Testverfahren online absolviert. Die Ergebnispräsentationen erfolgen dann auch über Skype oder Ähnliches, weil es wichtig ist, den Kandidaten persönlich zu erleben. Und die Online-Optionen sind natürlich klasse, da wir damit auch für unsere Kandidaten im Ausland top zur Verfügung stehen können.

Gibt es noch weitere Vorteile durch die Online-Angebote?

Ich finde, dass Karriereplanung nicht vom Geldbeutel abhängen sollte, und so sind wir natürlich auch in der Lage, sie preissensibler anzubieten. Deshalb haben wir zum Beispiel Step up! e. V. gegründet, einen Verein, der Stipendien für eine Karriereberatung vergibt. Zudem haben wir ein Online-Tool aufgesetzt, das sich an der individuellen Karriereplanung orientiert. Es heißt Toni Knows und damit können Kandidaten auf Basis einer Persönlichkeitsanalyse ein zu ihnen passendes Studium und darauffolgend Beruf finden.

Erläutern Sie doch kurz den Prozess, den Kandidaten bei Ihnen erfahren dürfen …

Im Rahmen der Beratung bei Struss & Claussen bekommt der Schüler oder die Schülerin im Voraus Online-Testverfahren zur Verfügung gestellt, um die Fragebögen in Ruhe zu Hause zu beantworten. Das dauert etwa zwei bis drei Stunden. Dann kommen die Kandidaten für einen ganzen Tag zu uns, und in Form von persönlichen Interviews und kreativen Übungen werden weitere diagnostische Persönlichkeitsverfahren und auch kognitive Tests durchgeführt. Am Nachmittag präsentieren wir im Beisein der Eltern die Ergebnisse. Es wird erläutert, was wir herausgefunden haben, und die entsprechenden Empfehlungen vorgestellt.

Sei es für die Ausbildung, für Studienrichtungen oder für bestimmte berufsorientierte Praktika, bis hin zur Beantwortung der Frage, ob nicht auch erst einmal ein Gap Year Sinn ergeben könnte. Dieser Tag ist natürlich sehr intensiv, deshalb gibt es zum Abschluss einen umfangreichen Ordner mit allen Ergebnissen, Empfehlungen und wichtigen Erläuterungen, um sich damit zu Hause noch einmal in Ruhe zu beschäftigen. In unserem Angebot ist auch enthalten, dass wir ein Jahr lang für die Kandidaten jederzeit als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Man kann das Ergebnis auch zu einem späteren Zeitpunkt erneut nutzen, zum Beispiel sich im Rahmen eines Bewerbungsschreibens noch einmal anschauen, welche hervorstechenden Persönlichkeitsmerkmale man hat, und sich entsprechend auf ein Vorstellungsgespräch vorbereiten.

 

Für jeden gibt es den richtigen Platz

 

Worauf legen Sie in Ihrer Beratung großen Wert?

Im Kern unserer Beratung ist es vor allem unser Ziel, die Persönlichkeit zu erfassen. Häufig sind Berufsberatungen ausschließlich an den Interessen der Kandidaten orientiert, das machen wir gar nicht. Denn ein Interesse kann ich nur an etwas haben, wenn ich es schon einmal kennengelernt habe, aber es gibt so viele Dinge, mit denen gerade junge Menschen noch nie in Kontakt gekommen sind. Orientiere ich mich nur an dem mir Bekannten, verschließe ich mich vor so vielen spannenden Möglichkeiten im Leben. Deswegen ist es für uns so wichtig, den Menschen in seinem gesamten Potenzial zu erkennen, indem wir eine tiefgehende Persönlichkeitsanalyse durchführen.

Für jeden gibt es den richtigen Platz, die meisten machen aber den Fehler, sich von außen beeinflussen zu lassen, den Wünschen der Eltern, den Ideen von Freunden, gehypten Jobs in den Medien etc. entsprechen zu wollen. Diese Beeinflussung arbeiten wir heraus und versuchen sie abzubauen, um festzustellen, was man eigentlich wirklich aus sich heraus möchte. Vielen Jugendlichen fehlt das Selbstbewusstsein, um ihre ureigenen Potenziale und Fähigkeiten zu erkennen und daran auch zu glauben. Wir legen sie in der Beratung frei.

Sie versuchen erst einmal, das innere Bewusstsein zu öffnen und die Einflüsse von außen zu unterbinden?

Richtig. Ein Beispiel: Viele schließen ein Medizinstudium per se aus, weil der Numerus Clausus zu hoch sei. So ein Außenkriterium führt viel zu radikal dazu, beispielsweise etwas Medizinisches nicht in Betracht zu ziehen, statt auf Basis der Persönlichkeit auszuloten, ob es nicht doch eine Möglichkeit gibt.

Sehr spannend, machen Sie eigentlich auch eine Art Erfolgskontrolle?

Wie erwähnt begleiten wir unsere Kandidaten ja ein Jahr lang und führen sehr genau Buch über deren Entwicklung. Und wir machen auch Zufriedenheitserhebungen, und da kommt zum Beispiel raus, dass über 90 Prozent zufrieden mit dem vor- und eingeschlagenen Berufsweg sind – ein sensationelles Ergebnis. Und bei rund 87 Prozent ist eine deutliche Motivation zur Leistungssteigerung zu erkennen, worüber wir uns sehr freuen. Wenn man sich selbst viel besser wertschätzt, hat man auch gleich eine ganz andere, positive Ausstrahlung.

 

Potenziale entdecken, die in jedem schlummern

 

Warum sind Sie Unternehmerin geworden und was treibt Sie Tag für Tag an? 

Ich hatte immer schon Lust, Unternehmerin zu werden, und diese Form der Beratung ist entstanden aus der Neugier am Menschen. Ich liebe es, Menschen ein Stück in ihrem Leben zu begleiten und sie dabei zu unterstützen, sich selbst sehr gut kennen und schätzen zu lernen und den bestmöglichen Berufsweg für ihr Leben einzuschlagen. Und wie schon gesagt, hat mich der Ansatz vieler Wettbewerber irritiert, da sie meiner Meinung nach die Potenziale, die in jedem schlummern, mit den herkömmlichen Methoden unentdeckt lassen. Zusätzlich habe ich jeden Tag das Glück, mit tollen Menschen zusammenzuarbeiten, die Freude an ihrem Beruf haben, weil sie das machen, was sie wirklich mögen.

Oft steht nach dem Abitur die Frage im Raum, ob zunächst ein Auslandsjahr das Richtige ist. Wie sehen Sie das?

Das werden wir natürlich immer wieder gefragt. Unser Prinzip ist ja, dass nicht jeder gleich ist und es vor allem wichtig ist, was man denn so grundsätzlich will. Nur weil man ein Abi hat, muss ja auch nicht jeder zwingend studieren. So ein Jahr im Ausland sollte schon darauf ausgerichtet sein, was man später beruflich machen will. Wenn Sprachkenntnisse wichtig für das weitere Leben sind, dann ist ein Auslandsaufenthalt super, aber dann am besten nicht mit dem besten Buddy, um doch nur Deutsch zu sprechen.

Es bietet sich auch an, wenn man sich sozial engagieren will oder seine Persönlichkeit weiterentwickeln will und zum Beispiel mit Work and Travel sein erstes eigenes Geld zu verdienen, um unabhängig zu sein. Die Alternative wäre eine fachliche Vorbereitung, zum Beispiel lernen, wie man eine Mappe fürs Design-Studium erstellt, oder naturwissenschaftliche Kenntnisse erweitert, um sich für ein entsprechendes Studium zu bewerben.

Am Ende gibt es aber auch Menschen, für die ist es besser, direkt ein Studium in ihrem Heimatort zu beginnen, weil sie mehr Sicherheit als Abenteuer brauchen. Es geht also unterm Strich um eine bewusste Entscheidung, die eigenen inneren Beweggründe und Ziele bei diesen einzelnen Schritten. Wichtig ist auch mal darauf zu achten, ob man eine Entscheidung trifft, weil man gegen die Eltern rebellieren will. Das ist vielleicht manchmal nachvollziehbar, wäre aber eine Entscheidung durch einen äußeren Einfluss und kommt nicht wirklich aus dem Inneren.

Kommen wir zu einem aktuellen Thema. Corona bestimmt gerade alle Lebensbereiche. Spüren Sie dadurch eine Veränderung im Verhalten Ihrer Kandidaten und beeinflusst dies gegebenenfalls die Entscheidung, Stichwort Sicherheit?

Corona ist erst einmal auch ein äußerer Umstand und so gilt auch hier, sich davon nicht leiten zu lassen, sondern gemeinsam zu schauen, welche nächsten Schritte zunächst einmal wirklich zur Persönlichkeit des Kandidaten passen. Auch hier ist entscheidend, sich nicht verunsichern zu lassen. Natürlich macht der Virus Angst. Wir Menschen lassen uns durch Bedrohungen zu Pessimismus verführen und können dadurch keine klaren Entscheidungen mehr treffen. Zu viel Vorsicht ist nicht immer die richtige Grundlage für langfristige Planung, und wir stellen tatsächlich fest, dass einige inzwischen stark durch Sicherheitsgedanken gesteuert sind.

Deshalb empfehlen wir auch weiterhin, erst einmal den Potenzialanalyseprozess komplett zu durchlaufen, um zu schauen, was einen wirklich glücklich macht. Und auf der Grundlage kann man dann entscheiden, wie man mit dem Umstand Corona methodisch, institutionell oder auf der Eben des Ortes umgeht. Und man sollte nicht unterschätzen, dass durch die Corona-Zeit auch wahnsinnig viele neue Möglichkeiten entstehen.

Auf einmal muss man lernen, mit digitalen Lernsituationen umzugehen, man entdeckt neue digitale Arbeitstechniken und -prozesse. Für manche ist das Lernen zu Hause teilweise förderlicher als das Sitzen in überfüllten Hörsälen. Letztlich zeigt aber auch Corona, wie wichtig es ist, seinen Typus zu kennen, um für sich den optimalen Weg zu finden und den Umgang mit fordernden Situationen richtig einzuschätzen.

 

Erfolg durch Erfüllung

 

Wie bewerten Sie denn das Verhalten vieler Eltern, die primär wollen, dass es ihren Kindern immer gut geht und deshalb sehr auf Sicherheitsaspekte achten?

Logisch, dass Eltern ein natürliches Schutzbedürfnis haben und daraus resultierend versuchen, auch die Zukunftsentscheidung der Kinder unter Sicherheitsaspekten zu bewerten. Das macht aber häufig nicht wirklich Sinn, denn Erfolg hat vorrangig etwas mit Erfüllung zu tun. Und die höhere Wahrscheinlichkeit auf Erfolg liegt in dem, was man wirklich kann und liebt und seiner Persönlichkeit entspricht. Dieser Sicherheitsaspekt bleibt für mich trotzdem sehr spannend, weil man letztendlich in dem am sichersten auftritt und arbeitet, in dem man einen hohen Selbstwert verspürt, und Selbstwert hat immer etwas damit zu tun, dass das, was ich tue, mit mir übereinstimmt.

Was waren Ihre Berufswünsche als Kind? Und wussten Sie beim Schulabschluss schon genau, was dann folgen soll?

Als Kind wollte ich eigentlich immer Ärztin werden, und jetzt muss ich manchmal lachen, denn im Grunde genommen habe ich heute in einem metaphorischen Sinne eine ganz ähnliche Tätigkeit. Menschen kommen zu mir, haben ein Problem und ich analysiere sie, um hinterher quasi eine Empfehlung auf einen Rezeptblock zu schreiben. Von daher musste ich auch lernen, beruflich zu abstrahieren; man darf nicht immer in konkreten Berufsbildern denken.

Jemand, der zum Beispiel etwas Soziales machen möchte, muss nicht unbedingt Lehrer werden. Ein solcher Mensch kann beispielsweise eine Führungskraft und Talent-Manager werden oder im psychologischen Bereich arbeiten oder als Pastor glücklich werden. Deshalb ist es wichtig, nicht in konkreten Interessen oder Bildern zu denken, sondern aufzudecken, was die tatsächlichen Talente, Fähigkeiten und Eigenschaften eines Einzelnen sind und daraus abzuleiten, was wirklich passen könnte.

Man merkt wirklich, mit wie viel Leidenschaft Sie Ihren Beruf ausüben, können Sie mir auch noch einmal genau erklären, was Sie in Ihrem Beruf so richtig glücklich macht?

Vor allem erst einmal, dass ich meine Persönlichkeit voll ausleben kann und mich immer weiterentwickle. Jeden Tag lerne ich Menschen neu kennen. Seit 17 Jahren analysiere ich jeden Tag Menschen und ich habe noch nicht zwei getroffen, die gleich sind. Die Sache entfacht sich also immer wieder neu, je mehr man dazulernt, und nichts ist spannender, als immer wieder zu versuchen, Menschen zu verstehen.

Herauszubekommen, was einen Menschen glücklicher, zufriedener und produktiver macht, das macht mich glücklich. Ich glaube, wenn jeder das tut, was ihm wirklich entspricht, und dadurch zufriedener ist, dann leisten wir durch bessere Beziehungen und effizient gesteuerte Produktivität einen entscheidenden positiven gesellschaftlichen Beitrag. In dem Sinne ist es quasi ein Mandat, sich eingehend mit seiner beruflichen Wahl auseinanderzusetzen.

www.strussundclaussen.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Ausbildung, 2021. Das Magazin ist seit dem 19. September 2020 im Handel. Bestellt euch das Heft oder Blättert hier durch das Magazin! 

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Interview: Moritz Bleibtreu über sein Regiedebüt „Cortex“

Moritz Bleibtreu feierte mit „Cortex“ auf dem Filmfest Hamburg Premiere. Der Schauspielstar schrieb das Drehbuch, führte Regie, produzierte den Film und spielte die Hauptrolle. Mit SZENE HAMBURG traf er sich vorab zum Gespräch und sprach über seine Erfahrung als Regisseur, seine Vorbilder und den Reiz komplexer Erzählungen

Interview: Marco Arellano Gomes

 

Mit einem dunklen Mercedes scheint Moritz Bleibtreu zum Interviewtermin. Er steigt aus, geht ein paar Schritte Richtung Lokal, fragt seine Agentin, ob sie ihm eine Flasche Wasser, einen Cappuccino mit Zucker und einen Aschenbecher organisieren könne und schwingt sich auf eine hohe Holzbank. Treffpunkt ist das vor Kurzem wiedereröffnete Restaurant „Farina Meets Mehl“ in Ottensen. Auf dem diesjährigen Hamburger Filmfest feiert Bleibtreus Film „Cortex“ Premiere. Er wirkt entspannt, ist bei bester Laune. Als er die aktuelle SZENE HAMBURG auf dem Tisch liegen sieht, erzählt er, dass seine Mutter (Theaterschauspielerin Monica Bleibtreu, Anm. d. Red.) in den 1980er Jahren das Blatt regelmäßig gelesen habe.

 

SZENE HAMBURG: Moritz, dein neuer Film „Cortex“ feiert dieses Jahr auf dem Filmfest Hamburg Premiere. Wie würdest du dich als Regisseur beschreiben?

Moritz Bleibtreu: Meine Erfahrung ist, dass ich als Regisseur vor allem Motivator bin. Wenn du im Team Leute hast, die gut sind, dann tragen alle von sich aus viel zu dem Film bei und bringen sich ein. Das ist ja das Tolle!
Es gibt im Grunde zwei Arten von Regisseuren: Die, die gerne abgeben und die, die das nicht tun. Ich gehöre definitiv zu denen, die gerne abgeben.

Gab es Regisseure, mit denen du gearbeitet hast, von denen du sehr inspiriert warst? Von denen du sagen würdest: „Von ihm habe ich viel über das Filmemachen gelernt?“

Letztendlich habe ich von jedem Regisseur, mit dem ich gearbeitet habe, auch etwas gelernt. Aber besonders hängen geblieben ist mir die Arbeit mit Steven Spielberg am Film „München“.

Was war an der Arbeit mit Spielberg so besonders?

Er ist die absolute Champions League und die Art Regisseur, in deren Tradition ich mich gerne sehen würde, ohne mich mit ihm vergleichen zu wollen. Damals habe ich Spielberg gefragt: „Kannst du mir jungem Schauspieler etwas mit auf den Weg geben? Und was machst du anders? Was macht dich so erfolgreich?“ Und dann sagte er: „Moritz, I don’t do anything. All I do is, I hire the best people in the world and I tell them how great they are“ („Moritz, ich tue nichts. Ich engagiere nur die besten Leute der Welt und sage ihnen, wie toll sie sind“). Er lässt die Leute am Set einfach ihren Job machen und vertraut ihnen. Spielberg ist eigentlich ein unterschätzter Regisseur, künstlerisch betrachtet.

Hat dich nicht auch Fatih Akin stark geprägt? Immerhin habt ihr vier Filme miteinander gedreht.

Klar, auf jeden Fall. Wir haben uns gegenseitig geprägt. Er würde wahrscheinlich das Gleiche sagen. Es gibt, ehrlich gesagt, kaum einen Regisseur, von dem ich nichts gelernt habe. Jeder hatte seine Stärken. Fatih hat zum Beispiel diesen absoluten Willen zur Wahrhaftigkeit – und wenn er sich dafür prügeln muss. Helmut Dietl hingegen will es genau so, wie er es sagt. Und wenn da ein Bindestrich steht, dann muss man den auch wirklich mitnehmen. Tom Tykwer wiederum ist ein wandelndes Filmlexikon. Der weiß alles über Film.

Als du das Drehbuch zu „Cortex“ geschrieben hast, hattest du da schon die Darsteller vor Augen?

Leider nicht. Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich mich selbst besetzen musste. Ich habe keinen mehr gefunden, der Zeit hatte und den ich wirklich gewollt hätte. Ich habe den großen Fehler gemacht, das Drehbuch nicht auf Schauspieler hin zu schreiben. Ich hatte mir gedacht: Ich schreibe diese Geschichte und dann schauen wir mal. Das würde ich so nicht noch mal machen.

Drehbuch, Regie, Hauptrolle, Produzent: Hattest du irgendwann die Befürchtung, dass du dir etwas zu viel zugemutet hast?

Ja, hatte ich. Ich habe sie auf eine Art noch immer – zumindest, was die Außenwirkung betrifft. Es war nicht so, dass ich gesagt hätte: „So, jetzt mache ich das alles hier für mich. Und alle anderen: Bitte zur Seite!“ So wirkt das nun wahrscheinlich, aber das Gegenteil war der Fall. Ich wollte mich nicht besetzen. Es war bloß niemand zur Verfügung, der mich wirklich begeisterte. Also dachte ich mir, bevor ich jemanden besetze, bei dem ich mir nicht sicher bin oder der sich in der Situation nicht wohlfühlt, nehme ich es lieber auf meine eigenen Schultern.

Bist du mit dem Ergebnis zufrieden?

Der Regisseur ist jedenfalls der Meinung, dass der Bleibtreu das ganz gut gemacht hat (lacht).

Konntest du als Regisseur die eigenen Szenen überhaupt aus der Außenperspektive betrachten?

Ich habe in solchen Momenten komplett an Thomas Kiennast, den Kameramann, abgegeben und gesagt: „Wenn ich spiele, dann führst du Regie.“ Ich habe dann auch voll auf ihn gehört und nichts hinterfragt.

 

„„Cortex“ hat keinen größeren Anspruch, als ein kleiner, verrückter Debütfilm zu sein“

 

Du bist ein sehr erfahrener Schauspieler. Hast du das Gefühl, als Regisseur deshalb ein besseres Händchen für die Darsteller zu haben?

Ich glaube schon, dass es für einen Regisseur von Vorteil ist, wenn er selber das Schauspiel kennt, weil er dann besser weiß, wo sich ein Schauspieler gerade befindet, wie sich eine bestimmte Nervosität äußert und wie der Schauspieler sich in bestimmten Momenten fühlt.

Bist du dann strenger oder gnädiger?

Auf jeden Fall gnädiger.

Die Erwartungshaltung ist hoch, wenn Filmstars bei einem Film das Drehbuch und die Regie übernehmen. Wie hast du dich darauf vorbereitet?

Ich denke, ich habe genügend Filme gemacht, um zumindest eine Vorstellung davon zu haben, was für eine Art Regisseur ich sein möchte. Der Rest ist Lernen. Ich mache das immerhin auch zum ersten Mal. „Cortex“ hat keinen größeren Anspruch, als ein kleiner, verrückter Debütfilm zu sein. Ich habe versucht, mich völlig frei zu machen von übertriebenen Erwartungen. Ich habe einfach das gemacht, was ich schon lange machen wollte – und zwar möglichst kompromisslos. Ich denke, das ist mir auch ganz gut gelungen.

Du machst in der Tat einen zufriedenen Eindruck. Viele Regisseure hadern ja mit ihren Filmen bis zur letzten Minute, da die Filme oftmals nicht so sind, wie ursprünglich gedacht.

Mittlerweile habe ich meinen Frieden damit gemacht.

Mittlerweile?

Es ist ein Prozess, zu verstehen, dass das, was man sich in seinem stillen Kämmerchen ausdenkt, nie das sein wird, was am Ende auf der Leinwand zu sehen ist. Filmemachen ist Teamarbeit. Du hast da mindestens 30 bis 40 Leute, die wichtig sind für alles, was passiert. Die große Kunst ist es, auch mal loszulassen und im richtigen Moment zu sagen: „Ich lass das jetzt und guck mir was Neues an.“ Nichts läuft durchgehend so, wie geplant.

 

Das Schreiben ist das Wichtigste

 

Beunruhigt es dich nicht, wenn nichts wie geplant läuft?

Ich kann mir schwer vorstellen, einen Film zu machen, von dem ich sage: „Ey, was für ein Brett.“ Dafür bin ich viel zu zweifelnd und zu selbstkritisch. Ich sehe immer erst mal Fehler, und erst langsam schleichen sich Gedanken ein, dass ich es vielleicht so schlecht gar nicht gemacht habe.

Was war denn deine wichtigste Erkenntnis bei der Produktion von „Cortex“?

Was ich mitgenommen habe, ist, dass das Schreiben das eigentlich Wichtige ist. Das ist etwas, das mein Leben garantiert verändert und was ich auch weitermachen will.

Wie kamst du überhaupt auf das Thema?

Schwer zu sagen. Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht. Ich habe irgendwann mal im Witz gesagt: „Weißt du, was man mal machen müsste? Einen ernsten Body-Switch-Film. Einen, der nicht lustig ist, auch nicht halblustig, wie bei ,Im Körper des Feindes‘ (,Face/Off ‘), sondern wirklich ernst. Das hat sich irgendwann in meinem Kopf festgesetzt.“ Ich habe immer aus Spaß gesagt: „Ich habe das erste Body- Switch-Drama der Welt gemacht.“
Na ja, möglicherweise ist mir ein Koreaner zuvorgekommen, aber im Westen bin ich, soweit ich weiß, der Erste.

Also hat dich vor allem die Filmgeschichte inspiriert?

Filmemachen ist nun mal ein sehr großer Teil meines Lebens. Künstlerisch betrachtet, spiegelt die Schauspielerei das Leben von jedem wider. Ich werde dafür bezahlt, viel Zeit meines Lebens nicht ich selbst zu sein, sondern anderen etwas vorzuspielen und gleichzeitig mich in dieser Figur zu suchen und zu finden. Das ist eine Parabel für das Leben an sich: Jeder sucht sich selbst. Im besten Fall findet man sich ganz, eventuell ein bisschen oder eben gar nicht. Dabei muss man ab und zu auch loslassen können. Du kannst nichts Neues machen, ohne etwas loszulassen. Du kannst nichts finden, ohne etwas wegzuwerfen.

Hattest du je das Gefühl, in eine Rolle so einzutauchen, dass du dich selbst darin verloren hast und nicht mehr wusstest, wo die Rolle anfängt und der Darsteller Moritz Bleibtreu aufhört?

Nein, weil dieses Suchen, dieses mich in einer Figur finden, nie Formen angenommen hat, die mich selbst kirre gemacht hätten. Es gibt aber Regisseure, die sehr fordernd sind. Und ich habe Filme gemacht, bei denen ich physisch an einen Punkt gekommen bin, wo es nicht mehr ging. Davon ausgehend kann auch persönlicher Kram in Mitleidenschaft gezogen werden. Aber ich gehöre nicht zu den Leuten, die
sich in einer Figur verlieren. Ich habe auch schon erlebt, dass ich von einem Filmset ging und sagen musste: „Ich habe den Charakter wirklich nicht gefunden.“

Bei welcher Figur war das der Fall?

Das sagt man der Presse natürlich nicht. (lacht)

Du hast als Schauspieler oft komplexe, fordernde Rollen gewählt, statt dich dem Mainstream zu verschreiben. Ist das dein Prinzip?

Mir macht kompliziertes Zeug im Allgemeinen einfach Spaß, ohne dass ich den Mainstream verurteile. Es gibt viele Mainstream-Filme, die ich sehr gelungen finde. Ich habe irgendwann einfach großes Interesse an komplexen Thematiken, Geschichten sowie komplexer Literatur und Musik entwickelt. Ich mag Sachen, die nicht auf den ersten Blick gefallen, sondern bei denen man etwas tun muss, um sich diese zu erschließen. Du siehst, liest oder hörst es nochmal und noch mal und noch mal – und beim fünften oder zehnten Mal merkst du: „Ach, das wollte der Typ! Jetzt habe ich das verstanden. Wie geil ist das denn?!“

Zurück zu deinem Film „Cortex“: Der spielt ja in großen Teilen in Hamburg. Hast du besonders gern hier in deiner Heimatstadt gedreht?

Ja, klar. Das war toll. Nicht nur wegen der schönen Kulissen, die diese Stadt bietet, sondern auch, weil ich mich darüber freute, schnell zu Hause zu sein (lacht). Der letzte Film, den ich in Hamburg gedreht habe, war „Soul Kitchen“! In Hamburg wird leider viel zu wenig Kino gemacht.

 

Seht hier den Trailer zu „Cortex“:

 

Es gibt Pläne, mehr High-End-Serien in Hamburg zu produzieren. Es gab eine lebhafte Debatte um eine alte, nicht mehr genutzte Posthalle, in der unter anderem eine Serie von Fatih Akin gedreht werden könnte. Braucht Hamburg ein solches Studio?

Alles, was den Filmstandort Hamburg attraktiver macht, ist definitiv zu begrüßen. Ohne staatliche Subventionen würden wir hier in Deutschland nicht einen einzigen Film machen. Deswegen können wir der Subvention und der Öffentlich-Rechtlichen nicht genug danken. Mich ärgert bloß, dass dieses System so stark ländergebunden ist. Das ist nicht immer hilfreich, vor allem, wenn mehrere Länder subventionieren und man gezwungen ist, in jedem der beteiligten Länder zu drehen. Die Franzosen haben ihre Förderung zentralisiert. Das würde auch hier viel Geld einsparen und dieses ständige Hin- und Herfahren verringern.

Heutzutage können es sich wenige erlauben, komplexe Filme zu machen. Oft scheitert es an der Finanzierung. „Cortex“ ist so gesehen ein mutiges Projekt. Wie würdest du den Film in aller Kürze zusammenfassen?

Ein Mann träumt von einem anderen Mann, bis er zu ihm wird. Der eine versucht, sein Leben zurückzubekommen, der andere versucht, das neue Leben zu behalten. Es ist eigentlich ganz einfach.

Wie, glaubst du, wird das Publikum den Film aufnehmen?

Natürlich hoffe ich, dass ihn viele Leute sehen – aber ich weiß auch, in was für einer Krise das Kino momentan steckt. Viele meiner persönlichen Lieblingsfilme waren im Kino nicht allzu erfolgreich, teilweise sind diese aber im Nachhinein zu Kultfilmen avanciert. Es wäre toll, wenn „Cortex“ dazu führt, dass die Leute sagen: „Lass mal gucken, was der Bleibtreu noch so macht.“


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„Sicherheitszone“: Katrin Seddigs neuer Roman

Katrin Seddigs Familienroman „Sicherheitszone“ spielt vor dem Hintergrund des G20-Gipfels in Hamburg. Ein Gespräch über gesellschaftliche Brüche, die Unübersichtlichkeit der Welt und Wege aus der Ohnmacht

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Zu Beginn steht ein Zitat der polnischen Dichterin Wisława Szymborska: „Ich ziehe das Chaos der Hölle dem Chaos der Ordnung vor.“ In „Sicherheitszone“ zerfällt die Ordnung der Familie Koschmieder. Die 17-jährige Imke ist bei „Jugend gegen G20“ aktiv. Ihr großer Bruder Alexander steht als Polizist auf der anderen Seite. Thomas, der Vater, verlässt die Familie für eine jüngere Frau – die Ernüchterung folgt schnell. Während einer Demo gerät er auf der Suche nach Imke in einen Tumult und wird von einem Polizisten attackiert: „Er hatte die ganze Zeit gedacht, er könne außen vor bleiben, alles als Beobachter sehen, und sein eigener Irrtum wird ihm so kalt und klar, so höhnisch bewusst, als wäre er ein Irrtum nicht nur in diesem Moment, sondern seines ganzen Lebens.“

Seddigs Roman ist die Geschichte eines Umbruchs und der damit verbundenen Verunsicherung: „Die Welt, wie wir sie kannten, die ist vorbei. Sie ist schon länger vorbei, aber wir haben’s jetzt erst gemerkt“, konstatiert Thomas zum Schluss. Selten wurde das Chaos der Ordnung präziser seziert als in „Sicherheitszone“.

 

SZENE HAMBURG: Katrin, du hast Kultur einmal als lebenswichtig bezeichnet, weil mit ihrer Hilfe Krisen verdaut werden. Hast du G20 nun verdaut?

Katrin Seddig: Nein, ich spüre immer noch Wut und nicht aufgearbeitete Prozesse in mir. Aber während der Arbeit am Roman habe ich gelernt, Abstand zu nehmen und die Ausschreitungen wie ein historisches Bild zu betrachten.

Und kannst du die Ereignisse inzwischen irgendwie für dich einordnen?

Privat war das für mich ein Bruch. Mir wurde schlagartig klar, dass ich mich auf bestimmte Dinge nicht verlassen kann. Ich wusste schon vorher, dass es schwarze Schafe bei der Polizei gibt. Ich sehe auch ein, dass das eine schwierige Lage für die Polizisten war. Aber dass so massiv vorgegangen wird – etwa bei der Räumung des Camps – hat mich schockiert.

Ich habe da erst begriffen, dass man systematisch Gesetze brechen kann und dafür nicht belangt wird, wenn man Macht hat. Das ist vielleicht naiv, aber ich musste das wohl erst sehen, um es zu wissen.

 

Ein strukturelles Problem

 

Wo ist die Wurzel des Problems?

Das ist ein strukturelles Problem. Es ist keine Entscheidung von einzelnen Polizisten, dass es keine Folgen hat, wenn auf Menschen eingeprügelt wird, die schon am Boden liegen. Es gab damals noch keine Kennzeichnung von Polizisten, eine unabhängige Beschwerdeinstanz gibt es bis heute nicht. Und die Leute, die die Befehle geben, sind verantwortlicher als 20-jährige Polizisten, die die ganze Zeit angespuckt werden und irgendwann ausrasten.

Das entschuldigt nichts, ist aber menschlich nachvollziehbarer, als wenn fragwürdige Räumungsbefehle gegeben werden, obwohl man den Überblick hat und gar nicht physisch in Gefahr ist. Du hast die Ereignisse fiktiv verarbeitet.

Welche Rolle spielt das Narrative bei der Aufarbeitung?

Mir ist aufgefallen: Je weiter die Menschen weg von den Ereignissen waren, umso klarer war ihre Vorstellung davon, wie es gewesen ist. Diejenigen, die mittendrin waren, hatten gar keine Vorstellung, weil es so kompliziert und unübersichtlich war. Man kann immer nur einen Bruchteil sehen.

Manche Entwicklungen lassen sich durch Geschichten besser erfassen als durch Berichte. Ich biete nur eine Geschichte von vielen möglichen an. Deswegen war es mir wichtig, kein Sachbuch zu schreiben, sondern einen Familienroman.

Warum ein Familienroman?

Das kommt aus meiner persönlichen Situation heraus, weil ich in einer Familie lebe. Außerdem ist die Familie tatsächlich auch die kleinste Zelle der Gesellschaft, so klischeehaft das klingt. Darin spiegeln sich Konflikte vereinfacht wider. Und ich wollte ein Bild eines gesellschaftlichen Bruchs zeichnen.

Cover_Seddig_SicherheitszoneWie war das, dich in so unterschiedliche Charaktere hineinzudenken, die teilweise konträr zu deiner Einstellung stehen?

Unterschiedlich schwer. Mich in Jugendliche hineinzuversetzen, fällt mir schwerer, weil ich in dieser Gemeinschaft nicht mehr lebe und gerade Jugendliche sich stark von Erwachsenen abgrenzen durch ihre Sprache und sie sind untereinander ganz anders als vor Erwachsenen. Ich habe deswegen keine Jugendsprache verwendet, dieser Versuch hätte nur scheitern können. +

Natürlich ist es einfacher für mich, mich in Menschen meines Alters hineinzuversetzen, und leichter in Frauen als in Männer. Grundsätzlich kann man sich aber in alle Gedankengänge hineinversetzen, auch in böse. Man hat alle Regungen in sich, wenn man die konsequent weiterverfolgt, dann kann man sich alles denken.

Du sagst, es fällt dir leichter, dich in Frauen hineinzuversetzen als in Männer. Interessanterweise vertritt der Vater im Roman viele der Thesen und Meinungen, die du in deiner Taz-Kolumne vertrittst.

Das liegt vielleicht daran, dass der Vater die Hauptfigur sein musste, falls es überhaupt eine Hauptfigur in dem Roman gibt. Er ist der erste Handelnde, indem er die Familie verlässt. Er ist auch die tragischere und zugleich komischere Figur, weil er viel mehr der Lächerlichkeit preisgegeben wird als die anderen Figuren.

Warum eignet sich der Vater am besten für die Rolle der Hauptfigur?

Ich beobachte in meinem Umfeld, dass feinfühlige Männer meines Alters mit dominanten Vätern aufgewachsen sind. Sie haben größere Schwierigkeiten als Frauen, sich in der heutigen Welt zurechtzufinden – gerade weil sie nicht so sein wollen wie ihre Väter, aber doch noch ungewollt in dieser Welt stecken. Es ist bezeichnend, dass Frauen immer noch mehr im Haushalt machen. Der Mann ist also am besten geeignet für diese Art von ambivalenter Figur.

Außerdem ist es als Mann einfacher, auf komische Art zu scheitern. Männern wird mehr zugestanden, sie können großspurig scheitern. Frauen müssen ihren Weg gehen – wenn sie scheitern, ist das tragisch.

Warum ist das deiner Meinung nach so?

Weil die Frau immer als die Mutter gesehen wird. Wenn sie als Mutter scheitert, ist das tragisch für die Kinder. Wenn der Vater scheitert, gibt es für die Kinder noch die Chance, dass die Mutter gut für sie sorgt. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen die Frau schwach ist und die Männer einspringen müssen, aber das sind eher die Ausnahmen.

Dein Blick auf die Menschen ist erst einmal desillusionierend, aber nicht verurteilend. Gehst du so an deine Figuren heran – mit kaltem Blick und Menschenliebe?

So kann man das nennen. Ich muss auf jeden Fall genau sein und darf nichts beschönigen. Gerade wenn man präzise auf einen Menschen blickt, kann man verzeihend sein. Wie man auch mit sich selbst umgehen sollte, so gehe ich mit den Figuren um.

Wie blickst du auf Alexander?

Er ist kein schlechter Mensch. Er ist liebevoll und der Familie zugeneigter als Imke. Er kümmert sich um die Großmutter und hat ein warmes Verhältnis zur Schwester. Er sucht eben nach Orientierung. Sein Problem ist eher, dass er zu wenig Einstellung hat.

 

„In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher“

 

Was andeutungsweise mit einer Grundverunsicherung einhergeht, weil er adoptiert ist. War das eine bewusste Entscheidung von dir?

Ja, schon. Als Komposition in der Familie. Es gibt keine Familie, in der alle Kinder gleich behandelt werden. Aber bei einem Adoptivkind kommt es insofern zu Problemen, als es sich einbilden kann, dass es zurückgesetzt wird. Im Roman wird auch immer wieder angedeutet, dass Alexander dunkler ist, dass er eventuell migrantische Wurzeln hat. Er kann auch als Abbild der Gesellschaft für migrantische Kinder gesehen werden, die nie als ganz angenommen gesehen werden. Das ist ein gesellschaftliches Problem, wie damit umgegangen wird, wenn jemand nicht zu 100 Prozent dazu passt. Bei der Polizei findet Alexander Zugehörigkeit.

Macht die Unübersichtlichkeit dir auch zu schaffen?

Es macht mich fertig. Vor allem die Schnelligkeit der Nachrichten überfordert mich, gerade weil ich genau hinsehen und die Zusammenhänge verstehen will. Man muss aushalten, dass in dem, was man ablehnt, auch richtige und gute Anteile enthalten sein können. Und zugleich muss man immer die eigene Einstellung hinterfragen, weil man in seiner eigenen politischen Position immer auch selbstgefällig ist. Das ist eine große Arbeit, die die Medien nicht leisten könnten. In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher. Die Zersplitterung führt auch zur Handlungsunfähigkeit. Aber auch im Zweifel muss man sich für eine Handlung entscheiden, sonst kann man nicht politisch aktiv sein.

Was glaubst du, wie man in 100 Jahren mit dem Segen der Spätgeborenen auf unsere verunsicherte Gesellschaft blickt?

Ich lese gerade die großen Gesellschaftsromane von Balzac, darin kann man sehen, wie die Menschen im 19. Jahrhundert lebten und dachten. Und wenn man Jane Austen liest und sieht, wie die Menschen in ihren Romanen miteinander umgehen – das sind die gleichen Peinlichkeiten wie heute. Austen ist so originell, weil man zwischendurch vergisst, dass ihre Romane in einer anderen Zeit und Gesellschaftsschicht spielen. Ich glaube, was im Menschen gleich bleibt, sind seine Schwächen. Die sind universell, auch wenn es regionale und zeithistorische Färbungen gibt.

Katrin Seddig: „Sicherheitszone“, Rowohlt Berlin, 464 Seiten
Autorenlesung am 5.9. in der Bücherhalle Elbvororte, 19 Uhr


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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