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„Sicherheitszone“: Katrin Seddigs neuer Roman

Katrin Seddigs Familienroman „Sicherheitszone“ spielt vor dem Hintergrund des G20-Gipfels in Hamburg. Ein Gespräch über gesellschaftliche Brüche, die Unübersichtlichkeit der Welt und Wege aus der Ohnmacht

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Zu Beginn steht ein Zitat der polnischen Dichterin Wisława Szymborska: „Ich ziehe das Chaos der Hölle dem Chaos der Ordnung vor.“ In „Sicherheitszone“ zerfällt die Ordnung der Familie Koschmieder. Die 17-jährige Imke ist bei „Jugend gegen G20“ aktiv. Ihr großer Bruder Alexander steht als Polizist auf der anderen Seite. Thomas, der Vater, verlässt die Familie für eine jüngere Frau – die Ernüchterung folgt schnell. Während einer Demo gerät er auf der Suche nach Imke in einen Tumult und wird von einem Polizisten attackiert: „Er hatte die ganze Zeit gedacht, er könne außen vor bleiben, alles als Beobachter sehen, und sein eigener Irrtum wird ihm so kalt und klar, so höhnisch bewusst, als wäre er ein Irrtum nicht nur in diesem Moment, sondern seines ganzen Lebens.“

Seddigs Roman ist die Geschichte eines Umbruchs und der damit verbundenen Verunsicherung: „Die Welt, wie wir sie kannten, die ist vorbei. Sie ist schon länger vorbei, aber wir haben’s jetzt erst gemerkt“, konstatiert Thomas zum Schluss. Selten wurde das Chaos der Ordnung präziser seziert als in „Sicherheitszone“.

 

SZENE HAMBURG: Katrin, du hast Kultur einmal als lebenswichtig bezeichnet, weil mit ihrer Hilfe Krisen verdaut werden. Hast du G20 nun verdaut?

Katrin Seddig: Nein, ich spüre immer noch Wut und nicht aufgearbeitete Prozesse in mir. Aber während der Arbeit am Roman habe ich gelernt, Abstand zu nehmen und die Ausschreitungen wie ein historisches Bild zu betrachten.

Und kannst du die Ereignisse inzwischen irgendwie für dich einordnen?

Privat war das für mich ein Bruch. Mir wurde schlagartig klar, dass ich mich auf bestimmte Dinge nicht verlassen kann. Ich wusste schon vorher, dass es schwarze Schafe bei der Polizei gibt. Ich sehe auch ein, dass das eine schwierige Lage für die Polizisten war. Aber dass so massiv vorgegangen wird – etwa bei der Räumung des Camps – hat mich schockiert.

Ich habe da erst begriffen, dass man systematisch Gesetze brechen kann und dafür nicht belangt wird, wenn man Macht hat. Das ist vielleicht naiv, aber ich musste das wohl erst sehen, um es zu wissen.

 

Ein strukturelles Problem

 

Wo ist die Wurzel des Problems?

Das ist ein strukturelles Problem. Es ist keine Entscheidung von einzelnen Polizisten, dass es keine Folgen hat, wenn auf Menschen eingeprügelt wird, die schon am Boden liegen. Es gab damals noch keine Kennzeichnung von Polizisten, eine unabhängige Beschwerdeinstanz gibt es bis heute nicht. Und die Leute, die die Befehle geben, sind verantwortlicher als 20-jährige Polizisten, die die ganze Zeit angespuckt werden und irgendwann ausrasten.

Das entschuldigt nichts, ist aber menschlich nachvollziehbarer, als wenn fragwürdige Räumungsbefehle gegeben werden, obwohl man den Überblick hat und gar nicht physisch in Gefahr ist. Du hast die Ereignisse fiktiv verarbeitet.

Welche Rolle spielt das Narrative bei der Aufarbeitung?

Mir ist aufgefallen: Je weiter die Menschen weg von den Ereignissen waren, umso klarer war ihre Vorstellung davon, wie es gewesen ist. Diejenigen, die mittendrin waren, hatten gar keine Vorstellung, weil es so kompliziert und unübersichtlich war. Man kann immer nur einen Bruchteil sehen.

Manche Entwicklungen lassen sich durch Geschichten besser erfassen als durch Berichte. Ich biete nur eine Geschichte von vielen möglichen an. Deswegen war es mir wichtig, kein Sachbuch zu schreiben, sondern einen Familienroman.

Warum ein Familienroman?

Das kommt aus meiner persönlichen Situation heraus, weil ich in einer Familie lebe. Außerdem ist die Familie tatsächlich auch die kleinste Zelle der Gesellschaft, so klischeehaft das klingt. Darin spiegeln sich Konflikte vereinfacht wider. Und ich wollte ein Bild eines gesellschaftlichen Bruchs zeichnen.

Cover_Seddig_SicherheitszoneWie war das, dich in so unterschiedliche Charaktere hineinzudenken, die teilweise konträr zu deiner Einstellung stehen?

Unterschiedlich schwer. Mich in Jugendliche hineinzuversetzen, fällt mir schwerer, weil ich in dieser Gemeinschaft nicht mehr lebe und gerade Jugendliche sich stark von Erwachsenen abgrenzen durch ihre Sprache und sie sind untereinander ganz anders als vor Erwachsenen. Ich habe deswegen keine Jugendsprache verwendet, dieser Versuch hätte nur scheitern können. +

Natürlich ist es einfacher für mich, mich in Menschen meines Alters hineinzuversetzen, und leichter in Frauen als in Männer. Grundsätzlich kann man sich aber in alle Gedankengänge hineinversetzen, auch in böse. Man hat alle Regungen in sich, wenn man die konsequent weiterverfolgt, dann kann man sich alles denken.

Du sagst, es fällt dir leichter, dich in Frauen hineinzuversetzen als in Männer. Interessanterweise vertritt der Vater im Roman viele der Thesen und Meinungen, die du in deiner Taz-Kolumne vertrittst.

Das liegt vielleicht daran, dass der Vater die Hauptfigur sein musste, falls es überhaupt eine Hauptfigur in dem Roman gibt. Er ist der erste Handelnde, indem er die Familie verlässt. Er ist auch die tragischere und zugleich komischere Figur, weil er viel mehr der Lächerlichkeit preisgegeben wird als die anderen Figuren.

Warum eignet sich der Vater am besten für die Rolle der Hauptfigur?

Ich beobachte in meinem Umfeld, dass feinfühlige Männer meines Alters mit dominanten Vätern aufgewachsen sind. Sie haben größere Schwierigkeiten als Frauen, sich in der heutigen Welt zurechtzufinden – gerade weil sie nicht so sein wollen wie ihre Väter, aber doch noch ungewollt in dieser Welt stecken. Es ist bezeichnend, dass Frauen immer noch mehr im Haushalt machen. Der Mann ist also am besten geeignet für diese Art von ambivalenter Figur.

Außerdem ist es als Mann einfacher, auf komische Art zu scheitern. Männern wird mehr zugestanden, sie können großspurig scheitern. Frauen müssen ihren Weg gehen – wenn sie scheitern, ist das tragisch.

Warum ist das deiner Meinung nach so?

Weil die Frau immer als die Mutter gesehen wird. Wenn sie als Mutter scheitert, ist das tragisch für die Kinder. Wenn der Vater scheitert, gibt es für die Kinder noch die Chance, dass die Mutter gut für sie sorgt. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen die Frau schwach ist und die Männer einspringen müssen, aber das sind eher die Ausnahmen.

Dein Blick auf die Menschen ist erst einmal desillusionierend, aber nicht verurteilend. Gehst du so an deine Figuren heran – mit kaltem Blick und Menschenliebe?

So kann man das nennen. Ich muss auf jeden Fall genau sein und darf nichts beschönigen. Gerade wenn man präzise auf einen Menschen blickt, kann man verzeihend sein. Wie man auch mit sich selbst umgehen sollte, so gehe ich mit den Figuren um.

Wie blickst du auf Alexander?

Er ist kein schlechter Mensch. Er ist liebevoll und der Familie zugeneigter als Imke. Er kümmert sich um die Großmutter und hat ein warmes Verhältnis zur Schwester. Er sucht eben nach Orientierung. Sein Problem ist eher, dass er zu wenig Einstellung hat.

 

„In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher“

 

Was andeutungsweise mit einer Grundverunsicherung einhergeht, weil er adoptiert ist. War das eine bewusste Entscheidung von dir?

Ja, schon. Als Komposition in der Familie. Es gibt keine Familie, in der alle Kinder gleich behandelt werden. Aber bei einem Adoptivkind kommt es insofern zu Problemen, als es sich einbilden kann, dass es zurückgesetzt wird. Im Roman wird auch immer wieder angedeutet, dass Alexander dunkler ist, dass er eventuell migrantische Wurzeln hat. Er kann auch als Abbild der Gesellschaft für migrantische Kinder gesehen werden, die nie als ganz angenommen gesehen werden. Das ist ein gesellschaftliches Problem, wie damit umgegangen wird, wenn jemand nicht zu 100 Prozent dazu passt. Bei der Polizei findet Alexander Zugehörigkeit.

Macht die Unübersichtlichkeit dir auch zu schaffen?

Es macht mich fertig. Vor allem die Schnelligkeit der Nachrichten überfordert mich, gerade weil ich genau hinsehen und die Zusammenhänge verstehen will. Man muss aushalten, dass in dem, was man ablehnt, auch richtige und gute Anteile enthalten sein können. Und zugleich muss man immer die eigene Einstellung hinterfragen, weil man in seiner eigenen politischen Position immer auch selbstgefällig ist. Das ist eine große Arbeit, die die Medien nicht leisten könnten. In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher. Die Zersplitterung führt auch zur Handlungsunfähigkeit. Aber auch im Zweifel muss man sich für eine Handlung entscheiden, sonst kann man nicht politisch aktiv sein.

Was glaubst du, wie man in 100 Jahren mit dem Segen der Spätgeborenen auf unsere verunsicherte Gesellschaft blickt?

Ich lese gerade die großen Gesellschaftsromane von Balzac, darin kann man sehen, wie die Menschen im 19. Jahrhundert lebten und dachten. Und wenn man Jane Austen liest und sieht, wie die Menschen in ihren Romanen miteinander umgehen – das sind die gleichen Peinlichkeiten wie heute. Austen ist so originell, weil man zwischendurch vergisst, dass ihre Romane in einer anderen Zeit und Gesellschaftsschicht spielen. Ich glaube, was im Menschen gleich bleibt, sind seine Schwächen. Die sind universell, auch wenn es regionale und zeithistorische Färbungen gibt.

Katrin Seddig: „Sicherheitszone“, Rowohlt Berlin, 464 Seiten
Autorenlesung am 5.9. in der Bücherhalle Elbvororte, 19 Uhr


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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„Pelikanblut”: Katrin Gebbe & Nina Hoss im Interview

Nina Hoss spielt in Katrin Gebbes Drama eine Mutter, die um ihre Tochter kämpft. Pelikanblut – Aus Liebe zu meiner Tochter” ist ein beeindruckender und ungewöhnlicher Film, der Genregrenzen sprengt und polarisiert. Ein Gespräch über Glauben, das Böse und zu viel Zucker am Set

Interview: Maike Schade

 

SZENE HAMBURG: Nina und Katrin, glaubt ihr an Magie?

Katrin Gebbe: Gute Frage. Ich bin eigentlich ein totaler Atheist, aber beispielsweise in Krisensituationen merkt man doch, dass man den Wunsch verspürt, auf eine Kraft zu vertrauen, die größer oder stärker ist als man selbst. Ich glaube, dass das Bedürfnis des Glaubens ein ganz wesentlicher Teil des Menschen ist.

Das klingt eher nach Kirche. Ich dachte an etwas wie Hexerei.

Katrin Gebbe: Das unterscheidet sich meiner Meinung nach überhaupt nicht vom christlichen Glauben. Ob man nun betet, symbolisch den Leib Christi mit einer Oblate in den Mund nimmt oder Räucherstäbchen anzündet oder auch einen Pferdekopf aufspießt – letztendlich vertraut man da auf eine größere Macht.

Nina Hoss: Ich glaube nicht direkt an Magie, aber ich habe schon das Gefühl, dass es Kräfte gibt, von denen wir überhaupt keine Ahnung haben. Und ich glaube daran, dass der Geist ungeheure Kräfte entwickeln kann, sodass man sehr weit gehen kann, auch wenn der Körper längst erledigt ist. Ich kann auch verstehen, dass man, wenn man nicht weiterweiß, wie Wiebke sagt: Ich probiere das mit der Magie oder dem Ritual mal aus, was soll schon passieren? Schlimmer kann es ja nicht werden. Das könnte ich mir bei mir auch vorstellen. Diese Offenheit habe ich. Wir wissen ja eigentlich nichts. Im Gegenteil: Je mehr ich weiß, desto mehr Fragen habe ich.

 

„Die Kirche ist in Deutschland sehr präsent”

 

Katrin, wenn ich richtig informiert bin, bist du aus der Kirche ausgetreten. Dennoch scheint dich der christliche Glauben sehr zu beschäftigen – in “Tore tanzt” ganz offensichtlich, und “Pelikanblut” liegt ja auch die christliche Metapher von der sich aufopfernden Pelikanmutter als Symbol für Christus zugrunde.

Katrin Gebbe: Ich bin in einer kleinen Stadt aufgewachsen, in der Glauben ein ganz wichtiges Element war. Die Kirche ist ja nach wie vor in Deutschland sehr präsent, und das hat auch viel mit Politik und Macht zu tun. Ich halte es deshalb für wichtig, diese Dinge als Gesellschaft zu hinterfragen. Der Mensch macht es sich aber zu einfach, wenn er das einfach verurteilt – oder auch einen anderen Glauben und seine Institutionen.

Dreharbeiten mit Kindern oder Tieren gelten allgemein als schwierig. Ihr hattet beides. War das nicht der Horror?

Katrin Gebbe: (lacht) Nein. Anstrengend ja. Aber das ist ja eigentlich jeder Dreh.

Wer war schwieriger, die Kinder oder die Pferde?

Katrin Gebbe: Für mich war das Drehen mit den Tieren ein bisschen schwieriger, weil man mit denen ja nicht reden kann. Aber glücklicherweise hatte ich “The Dragon”, das ist DER Stunt-Trainer in Bulgarien, und dazu zwei Pferdeflüsterer. So hatten wir zwei unterschiedliche Herangehensweisen, und haben für jede Situation eine Lösung gefunden.

Nina Hoss: Für mich war es mit den Kindern herausfordernder.

 

„Die Arbeit mit Pferden fordert einen heraus”

 

Es wirkt im Film auch, als hättest du dein Leben lang nichts anderes gemacht als mit Pferden zu arbeiten. Dabei bist du doch eigentlich gar kein “Pferdemädchen”, oder, Nina?

Nina Hoss: Nein, bin ich nicht. Aber ich habe sehr davon profitiert, dass ich in Kanada den Film “Gold” mit Thomas Arslan gedreht habe. Dort habe ich reiten gelernt, und ein Cowboy, Mitte 70, hat mir unheimlich viel über Pferde und ihre Sprache beigebracht. Ich hatte diese Tiere vorher nie verstanden. Er hat mich in eine unheimliche Ruhe gebracht und mich gelehrt, immer wachsam und achtsam sein und auf meine Umgebung achten, weil sich Pferde sehr schnell vor Dingen erschrecken, die du als Mensch kaum wahrnimmst. So habe ich meine Scheu verloren. Das hat mir für Wiebke unheimlich geholfen.

Die tut ja aber viel mehr als nur Reiten, sie bildet Polizeipferde aus und therapiert traumatisierte. Wie hast du dich darauf vorbereitet?

Nina Hoss: Ich habe ein Horsemanship-Training (allgemeine Reitkunst und fairer Umgang mit dem Tier, Anm. d. Red.) gemacht, was nochmals was ganz anderes als Reiten ist, weil du da auch viel vom Boden aus arbeitest. Das fordert einen so heraus, das hatte ich nicht erwartet. Du musst vollkommen in deiner Mitte sein. Das Arbeiten mit den Pferden hat mir auch erzählt, warum Wiebke Raya nicht aufgeben kann, ich habe so viel über sie gelernt. Sie denkt: Ich arbeite mit Fluchttieren zusammen, die aus der Angst heraus agieren und eigentlich lieber wegrennen wollen. Ich muss sie dazu bringen, dass sie meine Funktion respektieren und mir so vertrauen, dass sie bei mir bleiben wollen. Auch dann, wenn sie Dinge tun sollen, auf die sie keine Lust haben. Dabei darfst du aber auf nichts beharren. Wenn es von links nicht geht, dann versuchst du es eben rechts. Oder gehst vor dem Pferd. Oder stellst dich in die Mitte. Du versuchst immer neue Wege der Zusammenarbeit und öffnest dabei auch den Raum. Und genau so arbeitet Wiebke mit Raya. Dass sie an ihren Erfolg glaubt, kommt aus ihrer Arbeit. Sie weiß, dass es geht. Zumindest bei Pferden …

Geht es ihr wirklich um Raya oder will sie nur nicht scheitern?

Nina Hoss: Das ist die Frage. Und wie immer im Leben eine Vermischung. Natürlich geht es um Raya. Aber es geht auch darum, dass Wiebke sich nicht gut helfen lassen kann. Allerdings sind da auch nicht viele, die ihr wirklich helfen wollen. Alle haben gute Ratschläge, aber keiner sagt: Ich begleite dich auf dem Weg, der deiner ist und den du gehen willst. Natürlich ist sie aber auch keine Frau, die dazu einlädt. Und vielleicht muss sie genau deswegen diesen Weg gehen – um bei sich selbst etwas zu öffnen. Aber ist es nicht toll, dass man über so etwas auch nachdenkt? Genau das macht diesen Film aus.

 

„Wir mussten am Set tatsächlich Zucker verbieten”

 

Stimmt, er bietet jede Menge Ansätze zum Nachdenken. Zum Beispiel ist Raya zwar natürlich ein Opfer, andererseits aber auch wirklich ein Monster. Wiebke hat aber offenbar Empfindungen für sie. Fiel es dir schwer, dich da reinzufühlen?

Nina Hoss: Wiebke geht immer wieder auf Raya zu, nimmt sie in den Arm und sagt: Ich habe dich lieb. Es gibt durchaus Momente, bei denen ich denke, dass sie das gerade überhaupt nicht fühlt. Sie weiß aber, dass das ein Vorgang ist, den man immer wieder durchexerzieren muss, damit dieses Mädchen sich nicht darin bestätigt fühlt, dass sie wieder verlassen wird von einem Menschen – auch wenn sie ihn natürlich dazu treibt. Dem kannst du natürlich nicht nachgeben, sonst hast du verloren. Das weiß Wiebke, aber es kostet sie unheimlich viel.

War euch Katerina beim Dreh nicht manchmal unheimlich? Auf der Leinwand ist sie soo gruselig…

Nina Hoss: Nein. Das habe ich nicht verwechselt. Aber sie war anstrengend. (lacht)

Katrin Gebbe: Stimmt. Kati hat schnell gemerkt, dass sie die wichtigste Person ist und ohne sie gar nichts geht. Da hat sie natürlich versucht, Grenzen auszuloten und Spaß daran gehabt, uns auch mal zu ärgern. Und wir mussten irgendwann am Set tatsächlich Zucker verbieten, weil sie den so gerne aß und Leute losgeschickt hat, um ihr etwas Süßes zu holen. Dann war sie natürlich komplett überdreht. Da mussten wir eben die Ruhe bewahren und uns erinnern: Es ist ein Kind.

Nina Hoss: Und Kinder verstehen zum Beispiel manchmal auch nicht, warum man Dinge wiederholen muss. Und wo ich als Schauspielerin auch sagen muss: Ja, sie hat Recht. Jetzt war es doch gut, warum müssen wir das jetzt nochmal machen? (lacht) Weil eben zum Beispiel das Licht nicht stimmte. Das kannst du einem Kind schlecht erklären und musst es dann immer wieder zum Spielen animieren – und dazu, dass es genauso viel Kraft und Energie reinlegt wie beim Mal zuvor. Das ist nicht ohne. Trotzdem war sie eine ganz tolle Kollegin. Ich habe noch nie einen Menschen erlebt, der so angstfrei ist, der so ein Urvertrauen hat und so unwahrscheinlich mutig ist – das vollkommene Gegenteil von Raya. Das war ein Geschenk, das Katrin da gefunden hat.

 

„Die Geschichte gärt immer in dir weiter”

 

Katrin, wie ist dir das gelungen? Und wie habt ihr dafür gesorgt, dass Raya angesichts der teils grässlichen Szenen nicht selbst mit einem Trauma nach Hause geht?

Katrin Gebbe: Das war wirklich ein absoluter Glücksfall. Katerina ist mir bei den Castings in Bulgarien sofort aufgefallen: Sie war im Gegensatz zu allen anderen rotzfrech, hat versucht, mit uns ihre Spielchen zu spielen und uns herauszufordern. Sie hatte unheimliche Lust, alles Mögliche auszuprobieren, war absolut angstfrei, kreativ und belastbar. Und dann hat sich auch noch herausgestellt, dass die Frau, die die ganzen Castings mit der Kamera aufgenommen hat, ihre Mutter war, und die ist selbst Schauspielerin und hat in Sofia sogar ein Kindertheater. Sie hat Kati und auch Adelia, die Nicola spielt, wirklich perfekt vorbereitet, weil sie genau weiß, wie man den richtigen Zugang zu den Kindern findet. Und sie hat für die beiden eine völlig neue Storyline mit ganz anderem Inhalt geschrieben, damit die Geschichte kindgerecht war.

Nina, die hattest du nicht. Hattest du nachts Alpträume? Oder kannst du die Geschichten nach Feierabend komplett ausschalten?

Nina Hoss: Alpträume habe ich nicht bekommen. Aber das treibt dich natürlich um. Die Geschichte gärt immer in dir weiter, weil du am Drehtag etwas erlebst, was du vielleicht nicht erwartet hättest, und das dir etwas Neues über die Figur erzählt. Und du weißt: Morgen kommt das und das. Man denkt permanent nach, glaubt immer, zu wenig Zeit zu haben. Aber ich konnte noch schlafen.

Und nach dem Dreh? Trägst du das dann noch lange mit der rum?

Nina Hoss: Das ist figurenabhängig. Aber weil man es durchlebt hat, ist es dann auch gut. Wie bei einem Buch, das man durchgelesen hat. Man nimmt natürlich viel mit, das ist das Faszinierende an meinem Beruf. Ich kann Dinge anschmecken, mit denen Menschen ihr Leben verbringen. Man kann in so viele Berufe und Lebenssituationen hineinblicken. Das ist unwahrscheinlich bereichernd.

Katrin, wie bist du überhaupt auf diese Geschichte gekommen?

Katrin Gebbe: Das hat eigentlich mit “Tore tanzt” angefangen. Ich habe da viel recherchiert: Was ist eigentlich “das Böse”, wo kommt es her? Wird jemand damit geboren oder eignet er es sich später an, vielleicht aufgrund von Traumata? Ist das heilbar? Im Zuge dessen bin ich auf die Doku “Child of Rage” gestoßen. Dort wird ein fünfjähriges Mädchen von einem Psychiater interviewt, das emotional kalt und absolut angstfrei erzählt, wie es seinen kleinen Bruder missbraucht hat. Und man spürt, dass sie sogar ein kleines bisschen Lust dabei empfindet, was nach unseren Maßstäben absolut böse ist. Gleichzeitig möchte man das Mädchen beschützen, es ist unheimlich niedlich. Diese Diskrepanz hat mich sehr berührt. Dann ha-be ich weiterrecherchiert und herausgefunden, dass dieses Kind später Krankenschwester wurde. Ich fand heraus, dass dieses Mädchen ein sehr problematisches Verhalten gezeigt hat, und auch von ihren Adoptiveltern aufgegeben wurde, später aber erneut von einer Frau adoptiert wurde, die sie nicht aufgegeben hat. Das hat mich unheimlich fasziniert.

 

„Ich möchte mit Grenzen spielen”

 

Du machst es dem Zuschauer nicht gerade bequem. Du hast wohl keine Lust, uns einfach mal was Schönes zu servieren und klare Lösungen aufzuzeigen?

Katrin Gebbe: Ich hatte das Gefühl, wenn ich schon einen Film mache, in dem es thematisch letztlich um Grenzen geht, dann möchte ich auch gerne mit Grenzen spielen und den Zuschauer an Grenzen heranführen, damit er maximal in dieses Dilemma mit reingerissen wird und auch selbst einen Standpunkt beziehen muss. Man kann hier verschiedene Positionen einnehmen, und je nachdem, welche das ist, entfaltet sich ein bestimmter, anderer Bedeutungshorizont. Ich finde es toll, wenn Filme einem so viel Raum geben. Wenn man sich vielleicht erst einmal zwei, drei Tage damit beschäftigen muss und der Film dadurch dann größer wird als die eigentliche, konkrete Geschichte.

Nina, du hast sehr schnell zugesagt. Warum?

Nina Hoss: Ich habe angefangen, das Buch zu lesen und irgendwann gemerkt: Mir steht der Mund offen. Was nicht so oft passiert, wenn man Drehbücher liest. Ich war so geschockt, als plötzlich die Horrorelemente in den Film hineinkriechen. Niemand im deutschen Film wagt es wie Katrin, die Grenzen der Genres so zu verquicken: in ein Psychodrama dieses Düstere mit reinzubringen, das aber in der realen Welt verankert ist. Der Horror kommt ja daher, dass man nie weiß, was dieses Mädchen machen wird. Und wann. Wie weit sie gehen wird. Und dann ist da ja auch noch dieses Wesen, das sie verfolgt und das real ist oder vielleicht auch nicht. Das hat mich wirklich richtiggehend umgeworfen und begeistert. Mir war sofort klar: Das will ich unbedingt machen.

Nina, erst im Januar lief “Das Vorspiel” im Kino. Auch da spielst du eine Mutter, allerdings quasi den Gegenentwurf zu Wiebke. Was fasziniert dich an der Mutter-Thematik?

Nina Hoss: Dass ich zwei Mütter gespielt habe, ist reiner Zufall. Es ist einfach so, dass diese beiden Regisseurinnen gute Geschichten entwickelt haben, die zu dem Zeitpunkt finanziert waren und wir drehen konnten. Manchmal sucht man sich ein Projekt gar nicht so bedacht danach aus, ob das gerade ein Thema ist, das einen interessiert. Die Geschichten fliegen einen so an. Ich gucke immer nur, ob mich instinktiv etwas daran fesselt, ob es mich umtreibt. Ist das eine Figur, mit der ich drei Monate meines Lebens verbringen will? Die ich durchdringen, mit der ich mich beschäftigen will? Und hält die sich dann auch noch in einer Geschichte auf, die mir noch etwas anderes erzählt als nur ihren Lebensweg? Und dann ist da natürlich die Frage: Möchte ich mit diesen Regisseurinnen arbeiten? Wenn das alles zusammenkommt, bin ich glücklich und möchte loslegen.

Du arbeitest gerne mit Regisseurinnen?

Nina Hoss: Ja!

Lieber als mit Männern?

Nina Hoss: Nein, das kann ich so nicht sagen. Es ist Zufall, dass ich vergangenes Jahr mit vier Regisseurinnen zusammengearbeitet habe. Aber ich habe das sehr genossen, das war mit allen vieren eine wirkliche Wonne. Die sind alle in ihrer Art und auch in stilistischer Hinsicht sehr unterschiedlich, aber bei allen wurde sehr projektbezogen gearbeitet und das Teamgefühl war sehr groß. Nicht, dass die nicht wissen, wo ihre Position ist, aber das Ego fällt ein bisschen weg.

 


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Matthias Günther: „Theater ist eine Glücksmöglichkeit“

30 Fragen, 30 Antworten: Matthias Günther, Dramaturg am Thalia Theater, über seine persönlichen Lieblingsstücke, die nicht anerkannte Systemrelevanz von Kultur und warum Tocotronic die passenden Worte zur aktuellen Lage gefunden haben

Fragebogen: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Welches kulturelle Ereig­nis hat Sie geprägt?

Matthias Günther: Seit frühester Kindheit die documenta in meiner Heimatstadt Kassel und insbesondere die Aktion „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ von Joseph Beuys 1982 (documenta 7).

Welches Theaterstück hat Sie als erstes zum Weinen gebracht?

Im Kasperltheater die Entführung der Großmutter im „Räuber Hotzenplotz“.

Und welches zuletzt?

Die erste Probe von „Ode an die Freiheit“ zwei Monate nach der Theaterschließung.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Thea­ terbesuch? Welches Stück haben Sie gesehen und was hat es in Ihnen aus­ gelöst?

Der Besuch des Weihnachtsmärchens „Der gestiefelte Kater“ im Staatstheater Kassel Anfang der 1970er Jahre und meine Empörung über die Pappkulissen. Aus dem Fernsehen kannte ich mehr Wirklichkeit.

Welches Theaterstück hat bei Ihnen vermeintliche Gewissheiten über den Haufen geworfen?

Christoph Marthalers Paraphrase „Goethes Faust Wurzel aus 1+2“ 1993 am Deutschen Schauspielhaus und der grandiose Faust-Monolog von Sepp Bierbichler aufgelöst in Vokale.

Was war Ihre schönste Theatererfahrung?

„Das achte Leben (Für Brilka)“ und „Die Katze und der General“ von Nino Haratischwili in den Adaptionen von Jette Steckel und ihrem Team am Thalia Theater. Diese beiden Arbeiten zeigen großes Menschentheater.

 

 

Und die schlimmste?

Keine. Theater ist für mich ganz großes Zuschauerglück. Selbst, wenn es mal nicht so gut ist. Ich komme immer gerne wieder.

Dieses Stück sollte jeder einmal in seinem Leben gesehen haben:

„Krippenspiel“ von Kindergartenkindern in der Weihnachtszeit.

Über welche Inszenierung haben Sie zuletzt heftig mit jemandem gestritten?

Immer wieder über die großartigen Arbeiten von Florentina Holzinger, die mit ihrem radikalen Körpertheater verstört. Performance, Porno, Provokation?

Die Welt geht in einem Jahr unter und Sie können nur noch ein Stück inszenieren: welches wäre das?

Das neue Stück, das Elfriede Jelinek dann schreibt: „Besser wird’s nicht“ – ein Abgesang!

Mein/e Lieblingsschauspieler:

Ich verliebe mich immer wieder und immer wieder neu. Max Reinhardt schrieb über Schauspieler: „Ihre Aufnahmefähigkeit ist beispiellos, und der Drang zu gestalten, der sich in ihren Spielen kundgibt, ist unbezähmbar und wahrhaft schöpferisch. Sie verwandeln alles in das, was sie wünschen. Und dabei das klare, immer gegenwärtige Bewusstsein, dass alles nur Spiel ist, ein Spiel, das mit heiligem Ernst geführt wird.“

Mein/e Lieblingsdramaturg/en:

Ivan Nagel.

Was bedeutet Kultur in diesen Tagen für unsere Gesellschaft?

Es wird uns klar, was fehlt. Sehr viel!

Was bedeutet Theater grundsätzlich für unsere Gesellschaft?

Eine Glücksmöglichkeit! „Verweile doch! du bist so schön!“ (Goethe).

Gibt es unpolitisches Theater?

Kunst- und Kultureinrichtungen sind offene Räume, die vielen gehören. In der „Erklärung der Vielen“ heißt es: „Demokratie muss täglich neu verhandelt werden – aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jeden Einzelnen als Wesen der vielen Möglichkeiten!“

Das perfekte Stück zur aktuellen Lage:

Die Stücke, die gerade von Dramatikern wie Thomas Köck, Enis Maci, Bonn Park, Felicia Zeller und vielen anderen geschrieben werden.

Was ist die beruflich größte Herausfor­derung für Sie während der Corona­-Krise?

Die bittere Erkenntnis, dass Kultur nicht als systemrelevant eingestuft wird und die Frage, wie wir unsere wunderbare Kunst in Krisenzeiten erhalten und weitermachen können, denn sie ist lebensrelevant.

Was stimmt Sie momentan hoffnungs­froh?

Die Solidarität des Publikums mit den Theatern.

Was stimmt Sie pessimistisch?

Diese miesen völkisch nationalistischen Zusammenrottungen.

 

„Wir forschen und erfinden das Theater der Zukunft.“

 

Werden virtuelle Möglichkeiten auch in Zukunft eine größere Rolle in der Kul­turlandschaft einnehmen?

Die Digitalisierung ist schon jetzt ein wichtiger Bestandteil für das „Storytelling“ von Kulturinstitutionen, kann aber das direkte Live-Erlebnis nicht ersetzen. Theater sind Orte kollektiver Erfahrung. Das Besondere des Theaters hat der Choreograf Jérôme Bel zusammengefasst in dem Satz: „Some people sitting in the darkness, watching other people sitting in the light.“

Wie wird sich die aktuelle Lage auf das Theater nach Corona auswirken?

Wir machen weiter. Wir forschen und erfinden das Theater der Zukunft. Hugo Ball, der erste Dramaturg der Münchner Kammerspiele und später berühmter Dadaist in Zürich schrieb: „Europa malt, musiziert und dichtet in einer neuen Weise. Das neue Theater wird wieder Masken und Stelzen benützen. Es will Urbilder wecken und Megaphone gebrauchen. Sonne und Mond werden über die Bühne laufen und ihre erhabene Weisheit verkünden.“ Das könnte ein Weg sein.

Wem sind Sie in diesen Zeiten beson­ders dankbar?

Den vielen Künstlern, die versuchen weiterzumachen.

Wer hätte mehr Dankbarkeit verdient?

Eltern, die in dieser Zeit eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe übernommen haben: die Schulpflicht ihrer Kinder durch Homeschooling zu gewährleisten.

Worauf freuen Sie sich in den nächsten drei Jahren am meisten?

Ich freue mich auf jeden neuen Tag und hoffe eine „Handbreit“ weiterzukommen.

Ich mag Hamburg, weil …

… es für mich die schönste Stadt Deutschlands ist.

Ich mag das Thalia Theater, weil …

… es ein Ensembletheater ist.

Die Hamburger Theaterlandschaft ist so besonders, weil …

… sie so vielfältig ist von A–Z (Altonaer Theater bis Theater das Zimmer).

Allgemein gesprochen: Sind Sie lieber dafür oder dagegen?

Meine politische Sozialisation ist eng verbunden mit der Friedenbewegung der 1980er Jahre. Damals war der Slogan: „Aufstehn“.

Wann haben Sie sich das letzte Mal ge­irrt?

„Kluge Irrtümer sind wichtiger als banale Wahrheiten“, hat Heiner Müller gesagt.

Welche Hoffnung haben Sie aufgege­ben?

Ich halte es mit Tocotronic: „Aus jedem Ton spricht eine Hoffnung auf einen Neuanfang.“

 


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Experteninterview: „Angst ist evolutionär sinnvoll“

Warum uns das Coronavirus so verängstigt, Fakten nicht immer dagegen helfen und dennoch notwendig sind, erklärt die Psychologin Prof. Dr. Tania Lincoln

Text: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Frau Lincoln, wie geht es Ihnen?

Tania Lincoln: Ich bin relativ gelassen. Aber ganz angstfrei bin ich auch nicht. Eine Gefahr ist nicht zu leugnen, deswegen halte ich eine gewisse Ängstlichkeit oder Vorsicht für durchaus angemessen.

Bei vielen ist die Angst deutlich ausgeprägter. Warum jagt uns das Virus so viel mehr Angst ein als beispielsweise die Grippe?

Naja, wir haben es hier mit etwas Unbekanntem zu tun, was Gefühle der Ohnmacht und der Kontrolllosigkeit auslöst. Darin liegt auch der Unterschied zur Grippe: Sie hat ebenfalls viele Todesopfer gefordert. Aber die Grippe kommt jedes Jahr wieder und ist vorhersehbar. Beim Coronavirus wissen wir noch nicht, ob unser System damit zurechtkommt. Und natürlich hat sich unsere Aufmerksamkeit sehr stark auf das Thema verschoben. Durch die Omnipräsenz werden die Ängste verstärkt.

Berichten die Medien zu viel?

Es ist wichtig, dass das Thema präsent ist, weil wir es ernst nehmen müssen. Diese Botschaften stoßen aber natürlich auf Menschen, die sie unterschiedlich aufnehmen. Wie stark Menschen zur Ängstlichkeit neigen, ist sehr unterschiedlich. Es gibt diejenigen, die alles verdrängen und verleugnen – diese Leute können nicht häufig genug an die Ernsthaftigkeit der Situation erinnert werden. Und dann gibt es die extrem Ängstlichen, bei denen weniger und vor allem beruhigende Informationen angebracht wären. Das ist aber keine Kritik an den Medien, so etwas kann eben nicht individuell abgestimmt werden.

Tania Lincoln leitet den Arbeitsbereich Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Uni Hamburg. Bild: : UHH, RRZ-MCC, MENTZ

Was können die Medien tun?

Es hilft, wenn Informationen stärker kontextualisiert werden. Diese Ticker-Meldungen, die jeden einzelnen Krankheitsfall und Todesfall melden, tragen eher dazu bei, dass die Gefahr noch höher eingeschätzt wird, als sie ohnehin schon ist.

Wann werden die Ängste irrational?

Irrational wird es, wenn sich die Ängste von den Tatsachen lösen. Ein Beispiel: Wir wissen, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Infizierten stirbt. Wenn man sich aber schon auf dem Sterbebett sieht, steht die Angst in keinem Verhältnis mehr zur realen Wahrscheinlichkeit. Dasselbe gilt auch für die Einschätzung der Ansteckungsgefahr: In Hamburg sind rund 80 Infizierte registriert (Stand 12.03., Anm. d. Red.) – es wäre also unangemessen, bei jedem Menschen, dem man begegnet und der vielleicht hüstelt, zu glauben, dass er einen ansteckt.

Andererseits: Wenn sich wirklich 50 bis 60 Prozent mit dem Virus infizieren sollten und ein bis zwei Prozent daran sterben, kann das zu mindestens einer halben Million Toten in Deutschland führen. Das ist doch beängstigend, oder?

Genau. Deswegen finde ich auch, dass eine gewisse Sorge und Unruhe nicht irrational ist. Es ist sogar evolutionär sinnvoll, dass so ein Virus, das sich schnell ausbreitet, uns Angst einjagt. Denn das kann der Anstoß sein, unser Verhalten zu ändern, vorsichtiger zu werden. Erst wenn die Angst zu sinnlosem Verhalten führt, ist sie irrational – zum Beispiel ständiges Desinfizieren der Hände im Minutentakt.

Oft helfen Fakten nicht gegen Ängste. Wenn jemand Flugangst hat, kann man ihm noch so o sagen, dass es statistisch gesehen realistischer ist, bei einem Verkehrsunfall zu sterben. Er wird sich an die Angst klammern, zu den wenigen Betroffenen gehören zu können. Warum ist das so?

Wir sind als Menschen insgesamt nicht gut darin, Wahrscheinlichkeiten richtig einzuschätzen. Sie sind abstrakte Größen. Eine Sterberate von ein bis zwei Prozent ist einerseits wenig, es könnte uns aber trotzdem treffen, deswegen können wir diese Zahl so schwer verarbeiten. Hinzu kommt, dass Ereignisse, die bei uns besonders starke Emotionen auslösen, dazu führen, dass wir die Wahrscheinlichkeit überschätzen. Flugzeugabstürze lösen mehr Angst aus als Verkehrsunfälle, weil sie mit einem stärkeren Ausmaß an Unkontrollierbarkeit und Hilflosigkeit assoziiert werden. Bei Verkehrsunfällen unterliegen wir dem Irrglauben, wir hätten doch noch eine gewisse Kontrolle oder der Airbag würde uns schützen. Und natürlich wird über Flugzeugabstürze auch viel prominenter berichtet, was die Ängste fördert.

Das ist wie mit den Appellen, man solle keine Panik haben. Die Angesprochenen hören das Wort „Panik“ und werden beunruhigt.

Das stimmt, bloße Appelle helfen wenig weiter. Eine Orientierung an Fakten ist da besser, hilft einem, übertriebene Befürchtungen zu korrigieren und die Angst abzumildern. Hilfreich ist es auch, wenn man sieht, dass andere Menschen ruhig und besonnen reagieren.

 

Hamsterkäufe sind irrational und unsolidarisch

 

Was hat es psychologisch betrachtet mit den Hamsterkäufen auf sich? Ein Versuch, das Gefühl der Kontrolle zurückzugewinnen?

Ich habe vor allem den Eindruck, dass die Hamsterkäufe einen Aufschauklungsprozess ausgelöst haben. Wenn man mitbekommt, dass andere die Regale leerkaufen, dann entsteht die Angst, man könnte selbst leer ausgehen. Wie bei den Finanzkrisen, als die Leute anfingen, ihr gesamtes Geld vom Konto abzuheben. Für den Einzelnen mag das letztlich auch nicht irrational sein – man will nicht derjenige sein, der nichts kriegt. Als Kollektiv ist es aber irrational. Das Problem wäre am besten dadurch zu lösen, dass keiner erst anfängt, zu hamstern.

Es gibt aber Empfehlungen, sich Vorräte anzuschaffen …

Es gibt sowieso Empfehlungen vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, immer Lebensmittelvorräte für zehn Tage zu Hause zu haben. Insofern finde ich den Begriff „Hamsterkäufe“ auch ein bisschen abwertend. Wenn Menschen jetzt ihre Vorräte leicht aufstocken angesichts einer drohenden Quarantäne oder auch, um nicht so oft in den Laden zu müssen, ist das nicht unvernünftig. Es ist aber irrational, haufenweise die Supermärkte leerzukaufen. Und viel wichtiger: Es ist unsolidarisch.

Stichwort Solidarität: Manche befürchten, dass sich eine Ellenbogenmentalität Bahn bricht, andere hoffen, dass die Epidemie das Gute, die Solidarität in den Menschen herausholt. Was glauben Sie?

Beides ist möglich. Das Hamstern ist ein gutes Beispiel: Wenn wir alle besonnen reagieren, besteht eher die Chance einer größeren Solidarität. Viel- leicht hilft es auch, sich anzusehen, wie es bisher in anderen Ländern gelaufen ist. Dort gab es keine Lebensmittelengpässe. Eine Angst davor ist nach den bisherigen Kenntnissen also unbegründet.

Sie plädieren also insgesamt für eine Mittelposition zwischen Angst und Gelassenheit?

Absolut, die Mittelposition halte ich für die gesündeste. Die Überängstlichen können der Gesellschaft schaden, indem sie kollektive Hamsterkäufe in Gang bringen. Oder indem sie Desinfektionsmittel bunkern, die dann anderswo fehlen. Sie schaden auch sich selbst, weil eine permanente Anspannung und Panik das Immunsystem schwächen. Aber diejenigen, die alles bagatellisieren, sind auch ein Problem. Der iranische Gesundheitsminister hat zum Beispiel bagatellisiert, während er bereits erkrankt war und hat somit zur Verbreitung des Virus beigetragen. Insofern ist eine wohl temperierte Angst, die dazu führt, die gebotenen Maßnahmen auch zu ergreifen, hilfreich – regelmäßig die Hände zu waschen zum Beispiel.

 

„Humor ist immer hilfreich“

 

Sind Sie von dem Ausmaß überrascht? Als das Virus vor allem in China war, haben wohl nur wenige mit dem jetzigen globalen Ausmaß gerechnet.

Wir wissen aus psychologischer Forschung: Je weiter etwas weg ist, desto weniger Angst bereitet es einem und desto weniger drängt es einen zum Handeln. Ganz besonders gut kann man das am Beispiel Klimaschutz beobachten: Wir wissen rational um die Gefahren, trotzdem sind wir nicht bereit, auf unsere Flüge zu verzichten. Wenn die Gefahr näher rückt, in unser Land, in unsere Stadt, dann ändert sich das sehr schnell.

Haben Sie das Virus von Anfang an richtig eingeschätzt?

Nee, ich bin ja auch ein Mensch. Wir Menschen nehmen Gefahren erst richtig wahr, wenn sie vor unserer Tür sind – Psychologen sind da keine Ausnahme.

Wie sollte man mit Kindern darüber reden?

Das hängt vom Alter der Kinder ab. Bei jüngeren Kindern ist es wichtig, selbst Ruhe auszustrahlen und zu vermitteln, dass man Kontrolle über die Situation hat, dass sie sich keine Sorgen machen müssen und auch zu erklären, wie sie sich verhalten sollen. Bei älteren Kindern und Jugendlichen kann man sich gemeinsam mit den Fakten und Zahlen auseinandersetzen und auch offener über eigene Ängste und Unsicherheiten sprechen.

Die Satire-Website „Der Postillon“ hat einen Artikel veröffentlicht: „Um nicht mit Coronavirus in Verbindung gebracht zu werden: Mexikanische Biermarke in ‚Ebola‘ umbenannt“. Sollte man über Corona lachen?

(lacht) Humor ist immer hilfreich. Nicht mehr auf Distanz gehen zu können, kennzeichnet das Überängstliche. Wir lösen das Problem nicht, indem wir keine Witze machen. Witze schaden auch nicht, im Gegenteil: Sie helfen, eine gewisse Distanz einzunehmen – und das ist hilfreich.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Bürgermeister-Check: Tschentscher vs. Fegebank

Wer sind die Menschen hinter den Wahl-Slogans? Wir haben Peter Tschentscher und Katharina Fegebank unabhängig voneinander den gleichen persönlichen Fragebogen zukommen lassen. Hier kommen ihre Antworten im Vergleich.

 

Zu den Kandidaten: Dr. Peter Tschentscher von der SPD ist 54 Jahre alt, verheiratet, hat ein Kind, war bis 2011 Oberarzt im UKE und ist seit knapp zwei Jahren Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg. Soweit, so be­kannt. Aber: Wie oft stürzt sich der gebürtige Bremer ins Hamburger Nachtleben? Welches Lied wünscht er sich beim Karaoke-­Abend? Und steht er mehr auf Franz-­ oder auf Fischbrötchen?

Die 42-­jährige Grüne Katharina Fegebank wuchs in Bargteheide auf, studierte Politikwissenschaften, Anglistik, Öffentliches Recht und Europawissenschaften, war einige Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin und ist im Senat Tschentscher Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung sowie Zweite Bürgermeisterin. Steht überall geschrieben. Nur: Wie lässt die Mutter von Zwillingen eigentlich mal Dampf ab? Ist sie ein Workaholic? Und was wird für sie immer wichtiger sein als politische Arbeit?

 

SZENE HAMBURG: Worüber haben Sie sich zuletzt gefreut? 

Peter Tschentscher: Über die gute Stimmung bei unserem Wahlkampfauftakt.

Katharina Fegebank: Gerade heute Morgen über das Lachen meiner Zwillingsmädchen.

Freude lädt zum Feiern ein: Wie oft genießen Sie das Hamburger Nachtleben?

Tschentscher: Immer, wenn wir bei einer Ver­anstaltung nach dem offiziellen Pro­gramm länger bleiben.

Fegebank: Leider nicht mehr so häufig – aber wenn, dann richtig.

Und was ist ihr Mitbringsel zu einer Privatparty?

Fegebank: Etwas, das die Gastgeber erfreut.

Tschentscher: Eine Flasche Wein zum Beispiel. Aber das kommt ganz auf den Gastgeber an. Meistens bespreche ich das mit meiner Frau.

Welches Lied wählen Sie, wenn die Karaoke-Maschine angeschmissen wird?

Fegebank: Neue Deutsche Welle … da können alle anderen auch mitsingen.

Tschentscher: Von Udo Lindenberg „Reeperbahn“ oder „Der Astronaut muss weiter“.

Stimmungswechsel: Wann waren Sie zuletzt voll down?

Tschentscher: Als vor einem Jahr ein langjähriger Kollege und Freund gestorben ist.

Fegebank: Als ich mich Ende letzten Jahres so auf Weihnachten und ein paar freie Tage gefreut habe und ich dann krank im Bett lag.

Können Sie auch mal richtig sauer werden?

Fegebank: Ja, das passiert aber ganz selten. Und dann versuche ich es nicht an an­ deren auszulassen.

Tschentscher: Ja, das ist aber selten.

Wie und wo lassen Sie denn Dampf ab?

Tschentscher: Ich gehe dann an der frischen Luft spazieren oder beschwere mich gleich an der richtigen Stelle.

Fegebank: Beim Sport, da kann man sich aus­ powern.

Schon mal um die Alster gejoggt?

Fegebank: Schon lange her … jetzt wird eher der Kinderwagen geschoben.

Tschentscher: Ja, aber meistens gehe ich spazieren oder ich fahre Rad.

Apropos: Alster oder Elbe?

Tschentscher: Beides. Und wir sollten die Bille nicht vergessen und die vielen Kanäle. Stadt am Wasser finde ich immer faszi­nierend.

Fegebank: Elbe – für den Hamburg­-Pur-­Moment.

Franz- oder Fischbrötchen?

Fegebank: Ganz klar: Franzbrötchen.

Tschentscher: Franzbrötchen.

Schniekes Café oder olle Hafenkaschemme?

Tschentscher: Egal, Hauptsache, es gibt guten Kaf­fee.

Fegebank: Mal so und mal so. Ich mag beides.

Bier oder Wein?

Fegebank: Gar nichts von beidem. Wasser, Cola oder Gin Tonic.

Tschentscher: Wein.

 

„Wer verliert schon gerne.“

Katharina Fegebank

 

St. Pauli oder HSV?

Fegebank: Da darf eine Bürgermeisterkandidatin nicht parteiisch sein. Habe aber eine Dauerkarte für einen anderen Fußballverein im Norden.

Tschentscher: Ich bin gerne im Volksparkstadion, drücke aber beiden Vereinen die Daumen, wenn es um den Aufstieg geht.

Im Stadion: Still genießen oder lautstark anfeuern?

Tschentscher: Ich genieße die Stimmung. Bei guten Szenen und Toren jubel’ ich mit.

Fegebank: Absolut emotional … und lautstark anfeuern.

Sind Sie ein guter Verlierer?

Fegebank: Wer verliert schon gerne. In der Politik und im Sport will man gewinnen.

Tschentscher: Beim Skat schon, in der Politik gewinne ich gerne.

Schlimmste Headline über Sie bisher?

Tschentscher: Solche Überschriften vergesse ich schnell.

Fegebank: Über einige Headlines habe ich mich sicher nicht gefreut, auch mal geärgert. Aber an eine richtig schlimme Überschrift kann ich mich nicht erinnern.

Beste Headline?

Fegebank: Da fallen mir gleich zwei ein: „Eine, die sich traut“ (Süddeutsche Zeitung) und „Wer führen will, muss fröhlich sein“ (Hamburger Abendblatt)

Tschentscher: „Tschentscher ist beliebtester Politiker Hamburgs“ (Hamburger Abendblatt)

Headline nach der Bürgerschaftswahl, wenn Sie diese schreiben dürften?

Tschentscher: „SPD weiter stärkste Kraft – Tschentscher bleibt Bürgermeister“

Fegebank: „Grüne stärkste Kraft in Hamburg – Katharina Fegebank Erste Bürgermeisterin“

 

„Man darf in der Politik niemanden unterschätzen.“

Peter Tschentscher

 

Ihr Gegner hat eh keine Chance, weil:

Tschentscher: Das sehe ich nicht so. Man darf in der Politik niemanden unterschätzen.

Fegebank: Wir die besseren Ideen für Hamburg haben.

Und welche Hoffnung haben Sie schon aufgegeben?

Tschentscher: Dass Journalisten keine Fragen zum Privatleben stellen.

Fegebank: Die Hoffnung stirbt zuletzt, weshalb ich nie die Hoffnung aufgebe.

Was wäre Ihre erste Amtshandlung nach gewonnener Wahl?

Fegebank: Erst mal die Wahl gewinnen.

Tschentscher: Ich spreche mit unserer Landesvor­sitzenden über die Koalitionsgespräche.

Und die zweite?

Tschentscher: Klären, welche Entscheidungen wir bis zur Bildung des neuen Senats treffen müssen.

Fegebank: Allen Danke sagen, die mich unter­ stützt haben.

Sind Sie ein Höher-Schneller-Weiter- Mensch?

Tschentscher: Nein, ich komme gern voran, möchte meinen Job aber vor allem gut machen. Sorgfalt geht vor Schnelligkeit.

Fegebank: Ja, nur so lässt sich viel in kurzer Zeit für die Stadt bewegen. Ich habe aber auch gelernt, innezuhalten.

Ein Workaholic?

Fegebank: Das Herz sagt nein. Der Terminkalender sagt ja.

Tschentscher: Ja, das bringt das Amt so mit sich. Arbeit, die Spaß macht, belastet aber nicht.

Was wird für Sie immer wichtiger sein als jede politische Arbeit?

Tschentscher: Privat vor allem Gesundheit und dass es der Familie gut geht.

Fegebank: Meine Familie.


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Neues Album „Bang“: Mando Diao im Interview

Die schwedische Erfolgsband Mando Diao veröffentlichte mit „Bang“ kürzlich ein neues Album. Frontmann Björn Dixgård und Bassist Carl-Johan Fogelklou über die Einfachheit der Songs, Freiheitsgefühle und ein verändertes Tourleben

Interview: Erik Brandt-Höge 

 

SZENE HAMBURG: Björn und Carl-Johan, euer neuer Song „Get Free“ ist der erste der Band, in dem es um das große Thema Freiheit geht. Warum gerade jetzt solch ein Text?

Björn: Das ist einfach so passiert. Wir haben immer zuerst die Musik und spielen dann mit Lyrics herum, dabei kam ich auf das Thema Freiheit. Ich habe darüber nachgedacht, was das eigentlich bedeutet, Freiheit, und wie man frei wird.

Carl-Johan: Außerdem wollten wir einen Song, der den Leuten ein Gefühl von Freiheit gibt, beim Hören und dazu Tanzen. Wir wollten auch mal eine Freiheitshymne machen. Ich darf in dieser Sachen David Hasselhoff zitieren: „I’ve been looking for freedom.“ (lacht)

Hat sich eure Definition von Freiheit eigentlich mit den Jahren verändert?

Carl-Johan: Schon. Wenn man älter wird, hat man allgemein mehr Verantwortung, allein dadurch bekommt Freiheit einen höheren Stellenwert. Wir haben jetzt sicherlich etwas mehr Respekt vor der Freiheit, die wir haben, als in früheren Bandjahren. Der Rock ’n’ Roll-Lebensstil, den ihr schon lange pflegt, gilt ja als sehr frei.

Gibt es dennoch etwas, das euch aktuell noch freier fühlen lässt als euer Job?

Carl-Johan: Die Natur. Ein Spaziergang durch den Wald, am Strand oder einem schönen See ist wahnsinnig viel wert.

Björn: Da stimme ich zu. Wenn man in der Natur ist, bekommt man sofort das Gefühl, ein Teil von etwas zu sein, das viel größer, viel wichtiger ist als alles andere. Und wenn ich darüber nachdenke, dass ich mit meinem Lebensstil auch viel von eben dieser Natur zerstöre, durchs Fliegen und die Müllproduktion, spüre ich umso mehr Demut, wenn ich dort draußen bin. Die Natur ist gut fürs Ego. Sie zeigt einem, dass man nur ein winziges Staubkorn auf dieser Welt ist.

Denkt ihr, Erfolg macht auch frei?

Björn: Erfolg macht vieles einfacher, auch das Geld, das oft mit Erfolg kommt. Damit konnten wir als Band noch mehr Musik produzieren und auch mal in einem schicken Studio abhängen. Allerdings würde ich behaupten, dass wir niemals aufhören würden, Musik zu machen, wenn wir plötzlich nicht mehr so erfolgreich wären und nur noch in kleinen Clubs auftreten. Das, was wir machen, müssen wir machen, es ist ein innerer Drang.

Dazu zählt auch das regelmäßige Touren – ebenfalls etwas, das Freiheit mit sich bringt. Wenn ihr jetzt wieder unterwegs seid, wie muss man sich das vorstellen: Noch so wild und partyreich wie zu Karrierebeginn?

Björn: Wir feiern schon noch ab und an.

Carl-Johan: Aber nicht mehr so hart.

Björn: Das stimmt. Ich kann auch nicht mehr so gut singen, wenn ich lange gefeiert habe. Wenn wir eine Show am nächsten Tag haben, bin ich vorsichtig. Der Rest kann von mir aus machen, was er will (lacht).

Carl-Johan: Ach, wir sind mittlerweile alle erwachsener und verhalten uns partytechnisch angemessener als früher. Heute sitzen wir nach einer Show oft da, einer holt einen ach so besonderen Whiskey heraus, wir nippen nur ein bisschen daran und fachsimpeln über den Geschmack (lacht).

Björn: Ich tue immer nur so, als könnte ich fachsimpeln.

Carl-Johan: Okay, ich ehrlich gesagt auch (lacht).

Es heißt, der „Bang“-Song „Long Long Way“ wäre im Tourbus entstanden – wo bei euch normalerweise nicht geschrieben wird …

Björn: … und es lag dieses Mal auch nur daran, dass ich nicht schlafen konnte. Die anderen saßen hinten, jammten angetrunken an ihren Instrumenten, es war laut. Also habe ich angefangen, zur Musik etwas zu schreiben. Der Song handelt davon, dass man manchmal nicht so genau weiß, wo man herkommt und wo es hingeht, also dass man auf einer ständigen Reise ist. Ich habe ein bisschen herumphilosophiert. Passte auf jeden Fall zu der Tourbus-Situation.

Noch ein Song sticht hervor auf „Bang“: „Society“. Darin thematisiert ihr unter anderem einen fehlenden Weitblick der Gesellschaft in Sachen Umwelt und Mitmenschlichkeit. Ihr fragt wörtlich: „Werden wir uns jemals ändern?“ Was könnt ihr als Band tun, um Veränderungen zu bewirken?

Björn: Ich bin leider nicht Greta Thunberg, habe nicht das Wissen, das nötig ist, um bestimmte Veränderungen einzuleiten. Und das einzige, das wir als Band dafür tun können, um die Stimmung einiger Menschen etwas aufzuhellen, ist Musik. Wir bieten den Leuten die Möglichkeit, in einen Club oder eine Halle zu gehen und zu unseren Songs zu tanzen. Und wenn wir sehen, dass sich das Publikum bei uns gut aufgehoben fühlt, kommt die Wärme, die wir ein Konzert lang geben, auch zu uns zurück.

Was den Sound von „Bang“ angeht, scheint es, als hättet ihr jede Art von Schnörkel und Spielerei vermeiden wollen. Gab es im Vorfeld der Albumarbeit klare Vorstellungen, wie die Songs sein sollten?

Carl-Johan: Simpel sollten sie sein! Wir wollten uns aufs Nötigste konzentrieren.

Björn: Wir wollten gute Gitarrenriffs, schlichte Drums – mehr nicht. Ein bisschen wie bei AC/DC (lacht). Die haben tatsächlich den gleichen einfachen Drum-Beat in all ihren Songs (stampft und klatscht). Mir hat der Gitarrist von The Hives erzählt, dass er mal mit dem Schlagzeuger von AC/DC im Flugzeug saß, und selbst dort hätte der diesen Rhythmus geklatscht und gestampft (lacht). Den kompletten Flug von Europa nach Australien! Jedenfalls: Das wollten wir auch – Einfachheit.

Mando Diao: 22.11.19, Sporthalle, 20 Uhr


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Saša Stanišić im Interview: “Heimat ist ein Fantasiekonstrukt”

In „Herkunft“ setzt sich der Wahlhamburger Saša Stanišić mit seinem jugoslawischen Geburtsort und seinen Erfahrungen als Geflüchteter auseinander. Der Roman begeistert mit Sprachwitz und berührt mit traurigen Tönen – und wurde dafür mit dem Deutschen Buchpreis 2019 ausgezeichnet.


Text & Interview: Ulrich Thiele
Foto: Katja Sämann 

 

SZENE HAMBURG: Herr Stanišić, viele Ihrer Texte beginnen mit „Liebe Ausländerbehörde“. Wie würden Sie Ihr Verhält­nis zu ihr beschreiben?

Saša Stanišić: Die Texte fangen wohl so an, weil mich die liebe Ausländerbe­hörde mal zwingen wollte, einen hand­schriftlichen Lebenslauf zu schreiben. Meine Eltern und ich wurden deshalb beinahe abgeschoben – „Herkunft“ ist damit vielleicht eine ironische Liebes­erklärung an die Ausländerbehörde.

Was ist das Problem?

Dass es eine Frage des guten Wil­lens ist. Über Umstände, an denen Schicksale hängen, sollte nicht die Güte eines Mitarbeiters der Behörde ent­scheiden. Ich hatte zwar mit meinem Sachbearbeiter Glück, viele andere Aus­länder aber geraten an Beamte, die bestenfalls Dienst nach Vorschrift machen. Schlimmstenfalls aber sind sie nicht mal im Ansatz am Schicksal ihrer Klienten interessiert.

Es braucht also mehr Objektivität?

Ja. Es braucht eine objektive hu­mane Rechtsprechung und den allge­meinen Willen zur Schaffung fairer Verhältnisse. Nur so kann eine Gleich­behandlung und der Schutz jener, die Schutz bedürfen, gewährleistet sein. Und das sind in Deutschland nach wie vor viele. Auch davon handelt das Buch.

Viele reden davon, dass Deutschland für diese Menschen zur zweiten Heimat werden muss. Wie stehen Sie dem Be­griff gegenüber?

Heimat ist ein strukturell regres­siver, meist repressiver und antieman­zipatorischer Begriff, da er sich über die Abgrenzung eines äußeren Ihr von einem inneren Wir definiert. Es ist
nur die Illusion von einem Gefühl – oder, um es mit den Worten von Ger­hard Winter zu sagen: „Heimat ist ein Fantasie-­ und Wertkonstrukt, mehr Erinnerung, Imagination und Magie als wahrgenommene Gegenwart, mehr Sehnsucht, Hoffnung und Utopie als erfahrene Wirklichkeit und berechen­bare Zukunft.“

Es gibt eine Szene, in der Sie Wasser aus einem Brunnen trinken, den Ihr Urgroßvater gebaut hat. Es sei zwar das beste Wasser gewesen, was Sie je getrunken hätten, doch all das sei gleich­zeitig auch „Zugehörigkeitskitsch“. Erwischen Sie sich trotzdem manchmal dabei, wie Sie diesem Kitsch verfallen?

Manchmal sind solche Impulse wenig kontrollierbar. Meist betrifft dies grundlegende, banale Dinge wie den Geschmack einer typischen Speise aus der Heimatregion, den Klang der Sprache oder auch das Aussehen einer Landschaft. Dann erwische auch ich mich manchmal beim Gedanken, dass das meins sei. Solange man dann nicht exklusive Ansprüche auf diese Dinge stellt, ist das aber auch in Ordnung.

Wie kamen sie zur literarischen Ver­mengung biografischer Erzählung mit fiktionalen Einschüben?

Die Fiktion war einerseits prag­matischer Füller für die Erinnerungs­lücken meiner dementen Großmutter. Die ausgedachten Geschichten waren meine Methode, ihre Frustrationen kleinzuhalten, die sich einstellten, wenn ihr Dinge nicht mehr einfielen oder sie verwirrt war.

Und andererseits?

Fiktion war für mich schon immer auch ein unerschütterliches Zuhause in der Krise. In diesen Geschichten war alles gut und wenn nicht, ließ es sich zumindest gut erzählen, verstehen und besser akzeptieren. Fiktionen haben mein Leben geprägt, und zwar der­art, dass ich sie als eine der wichtigsten Säulen meiner Herkunft ansehe.

Noch mal zu Ihrer an Demenz erkrank­ten Großmutter: Sie ist hier ein zentra­les Motiv, denn während Sie Erinnerun­gen sammelten, verlor sie ihre. Warum ist das Erinnern für Sie so wichtig?

„Herkunft“ ist ein Erinnerungs­projekt, in dem ich mich an erzähle­rischen Diagnosen der Gegenwart ver­suche. Die Geschichte wiederholt sich ja und es ist interessant, ihre Parallelen zu betrachten. Wenn ich von meinen Erinnerungen an die 90er Jahre spre­che, in denen ich als Geflüchteter in Deutschland angekommen war, spreche ich auch über die Erfahrungen der Ge­flüchteten heute.

Erinnerungen haben immer auch etwas mit Vergänglichkeit zu tun. Auch der des Lebens. Was macht der Gedanke daran mit Ihnen?

Ich spiele sehr viel mit meinem Sohn, unternehme fantastische Dinge mit ihm, lerne Sachen, die er lernt. Zum Beispiel, wie ein Bagger wirklich funktioniert. Und heute hat er mich gefragt: „Papa, ist Spielen eigentlich auch Arbeit?“ Ich sehe ihn an, und ich denke: Die nächsten Jahre neben diesem Wesen: nichts lieber als das. Und das fühlt sich alles andere als ver­gänglich an.

Saša Stanišić: „Herkunft“, Luchterhand, 360 Seiten, 22 Euro

 

Karen Köhler über ihr Buch „Miroloi“: Risse im Gehorsam

Die Romanautorin Karen Köhler erzählt in „Miroloi“ von einer jungen Frau, die sich einem autoritären System widersetzt. Ein Gespräch über die politische Weltlage, die Macht der Bildung und über die Notwendigkeit des Aufbegehrens

Interview: Ulrich Thiele
Foto: Christian Rothe

 

Vor fünf Jahren löste Karen Köh­ler mit ihrem Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ ein – ohne Übertreibung – kollektives Entzücken im Feuilleton aus. Gelobt und geliebt wurden ihre modern und zugleich altmodisch anmutenden Geschichten vor allem für ihren radikal eigenen Sprachstil und für ihre eindrucksvollen Frauenfiguren. Dem­ entsprechend heiß wird nun ihr Debüt­roman „Miroloi“ erwartet, der am 18. Au­gust im Hanser Verlag erschien.

Karen Köhler lebt auf St. Pauli, wo das Interview an einem Dienstagvormittag draußen vor einem Café stattfindet. Es ist ein ausführliches Gespräch von anderthalb Stunden, mit Exkursen über die poli­tischen Entwicklungen der letzten vier Jahre, die nicht am Entstehungsprozess von „Miroloi“ vorbeigegangen sind, wie sie sagt.

SZENE HAMBURG: Karen, wann hast du das letzte Mal aufbegehrt?

Karen Köhler: Gerade Sonntag habe ich mit der Seebrücke Hamburg gegen die Kriminalisierung der Seenot­rettung demonstriert. Auf die Straße zu gehen und Gesicht zu zeigen, ist definitiv ein Akt des Aufbegehrens. Aber man kann auch in den kleinsten Augenblicken aufbegehren. Es ist in Deutschland sehr viel durch Gesetze geregelt, das soll unser Zusammenleben wohl einfacher machen, manchmal hält es aber auch vom Denken und Selbst­ entscheiden ab, oder entfernt sich wie im Falle der Kriminalisierung der Seenotrettung von dem demokratischen Wertekanon, auf den man sich in Europa mal geeinigt hat.

 

„Die Welt verändert sich schneller, als ich sie erfassen kann“

 

In „Miroloi“ begehrt eine junge Frau auf gegen die autoritären Strukturen in einem isolierten, archaischen Dorf auf einer Insel. Männer haben das Sagen, Frauen dürfen nicht lesen, es gibt Traditionen, religiöse Gesetze und drako­nische Strafen. Es gibt auch einige Ver­weise auf die Gegenwart jenseits der Insel: Coca­ Cola und Fernseher zum Beispiel. Warum dieses Archaische im Modernen?

Anfang 2015 hatte ich zunehmend Schwierigkeiten, die Welt zu beschreiben. Sie verändert sich schneller, als ich sie erfassen kann. Deswegen habe ich diesen Mikrokosmos einer fiktiven Insel erfunden, den ich auf strukturelle Mechanismen untersuchen konnte: Wie ist eine Gesellschaft organisiert? Wie viele Gesetze braucht sie? Wie be­gegnet sie dem Fremden, was macht das Fremde mit ihr? Wie gehen Machthaber mit ihrer Macht um? Gerade Macht übt eine Faszination auf Menschen aus. Wer sie hat, wird in Versuchung geführt, sie auch zu demonstrieren.

Wie hast du recherchiert, um diese Welt zu entwerfen? Du erfindest ja so­ gar eine Religion.

Ich habe vier Monate auf einer Insel in Griechenland verbracht und dort existente Dorftraditionen kennengelernt. Das Wort „Miroloi“ zum Beispiel kommt aus dem Griechischen und beschreibt eine Totenklage. Es gibt in mehreren Regionen Griechenlands die Tradition, dass die Dorfältesten nach dem Ableben eines Menschen sein gesamtes Leben nachsingen.

Ich habe zudem gemeinsam mit zwei Dolmet­schern die Dorfbewohner interviewt, was viel mit Vertrauen zu tun hatte. Es dauert, bis Menschen an den Punkt kommen, an dem sie bereit sind, über Schmerz zu sprechen.

Hast du ein Beispiel?

Wir haben mit einem alten Bauern gesprochen und saßen in seinem Haus in einem Dorf, in dem der Strom nie angekommen ist und das deswegen verlassen wurde. Er ist aber immer noch jeden Tag dort in diesem Haus, das sein Vater mit eigenen Händen gebaut hat. Auf die Frage, was er sich wünschen würde, wenn er einen Wunsch frei hätte, sagte er, dass er gerne alle seine Nutztiere noch mal sehen würde. Diese Unmittelbarkeit hat mich unfassbar be­rührt, dieses dem Leben und Überleben ausgesetzt zu sein. Davon sind wir in unserer urbanen Alltagswelt auf den ersten Blick sehr weit entfernt.

Warum nur auf den ersten Blick?

Wir sind dennoch Nutznießer des­sen – wir konsumieren jeden Tag das, was Leute irgendwo in der Welt an­gebaut haben. Die Menschen, die in Spanien auf den Feldern unsere Tomaten ernten, sind oftmals geflüchtete Menschen aus Afrika, die unter den schlimmsten Bedingungen leben. Und die Menschen, die Tiere auf niedersächsischen Schlachthöfen schlachten, kommen aus Rumänien und hausen unter unwirtlichen Bedingungen. Wir sind bei genauerer Betrachtung gar nicht so weit weg von den archaischen Verhältnissen, die im Buch beschrieben werden.

Warum hast du im Buch das Dorf mit diesem repressiven Gesellschaftsmodell entworfen?

Ich habe mich gefragt, wie die Unterdrückung der Frau strukturiert ist – indem man sie von Bildung fernhält und an Haus und Kind bindet. Anfang des Jahres habe ich ein Interview mit einem spanischen Priester zum Thema häusliche Gewalt gelesen. Er sagte, Frauen seien selbst schuld, wenn sie geschlagen werden, sie hätten ihren Männern einfach nicht gut genug gedient. Das ist in Europa im Jahr 2019. So lange es dieses Gedankengut noch gibt, kann man nicht aufhören, solche Bücher da­ rüber zu schreiben.

Die Protagonistin in „Miroloi“, die am Anfang noch keinen Namen hat, erfährt diese Unterdrückung sehr extrem.

Sie ist ein Findelkind. Die Gesetze im Dorf schreiben aber vor, dass jeder nach der Mutter oder nach dem Vater benannt wird. Nur wer diesen Stamm­namen hat, darf partizipieren. Die Ungewissheit, woher sie kommt, verängstigt die Dorfbewohner. Sie erhält deswegen keinen Namen und damit fängt die Kette der Ausgrenzung an. Ihr wird die Rolle des Sündenbocks zugeschrieben.

In dem Winter, in dem sie gefunden wurde, gab es Frost, der die Ernte zerstört hat. Das Dorf, das in seiner Aufklärung nicht fortgeschritten ist, gibt ihr dafür die Schuld. Dieses Narrativ begleitet dieses junge Mädchen von Anfang an. Wenn sie nicht in einem religiösen Oberhaupt, dem Bethaus­ Vater, einen Fürsprecher hätte, der sie schützt, hätte sie die ersten Jahre wohl nicht überstanden.

Der Bethaus ­Vater erkennt in ihr den Menschen, wie er in jeder Person den Menschen erkennt. Unter diesem Schutz wächst sie bei ihm auf und gerät irgendwann an ei­nen Punkt, wo sie anfängt, das System zu hinterfragen. Das zwirbelt sich auch an ihrem Namen auf: Warum hat alles einen Namen, nur ich nicht?

 

Ein großer Gesang auf die Selbst-Ermächtigung

 

Da ist ein Riss in ihrem Gehorsam, sagt sie an einer Stelle. Fängt mit dem Riss ihr Leben, ihr Miroloi erst an?

Ja, das kann man so sagen. In meinen Augen ist das ein großer Gesang auf die Selbstermächtigung. Sie lernt heimlich lesen und schreiben und verschafft sich somit Zugang zu Bildung und einen Abstand zur Welt. Sie lernt, sich ins Verhältnis zu setzen und die Dinge zu hinterfragen, und schafft so den Sprung aus dem rein emotionalen Welterleben in eine Abstraktion. Die Stelle, in der sie lernt, was der Konjunk­tiv ist, ist programmatisch für dieses In-­Distanz-­treten.

Auf der anderen Seite beschreibt sie die Welt, die sie sieht und erlebt, mit Sinneslust und Entdeckungsfreude, als könne sie die Welt erst jetzt mit der Sprache so richtig greifen.

Sie ist definitiv ein sehr lebenshungriger Mensch und hat eine große Offen­heit für alles, was sie wahrnimmt. Sie erfindet auch Worte: „Das Haus liegt hier am Berg. Engschattig und drüben­sicher.“ „Drübensicher“, also sicher vor dem Fremden auf der anderen Seite des Meeres, ist so ein typisches Wort für sie. Sie hat ihren eigenen Zugang zur Welt, wie ein durch tausend Kanäle gehendes System.

Der Bethaus-­Vater scheint eine morali­sche Autorität zu sein. Es gibt aber auch Momente, die diesen Eindruck zum Bröckeln bringen. Zum Beispiel, wenn die Protagonistin ihre Angst beschreibt, dass er wieder einen Wutausbruch kriegen könnte. 

Ich wollte eine Figur im Buch ha­ben, die ambivalent ist. Niemand, auch ein religiöses Oberhaupt nicht, ist gefeit vor emotionaler Entrückung, Wut oder Lust. Der Bethaus-­Vater ist sehr lebemännisch, er trinkt und isst gerne. Und er partizipiert an einem System, von dem er weiß, dass es nicht fair ist. Er hat genauso Angst vor einem Machtverlust wie alle anderen. Trotzdem versucht er nach seinem besten Wissen und Gewis­sen das Dorf auf einer religiösen Ebene zu leiten.

Aber er unterläuft das System auch sub­versiv von innen, etwa dann, wenn er der Protagonistin das Lesen beibringt.

Genau. Es gibt eine Strophe, in der die Protagonistin alles aufzählt, was sie vom Bethaus­-Vater gelernt hat. Dazu gehört auch, „wie man das Gesetz biegt, ohne es zu brechen“. Er sucht die Lücken im System. Er hat einen parallelen Subwoofer von eigener Moral am Laufen, nach der er abwägt, welche Gesetze er übersehen und umgehen kann.

Karen-Koehler-Cover-MiroloiIst der Roman optimistisch? Dass sie ihr eigenes Miroloi singt, kann man auch so verstehen, dass sie stirbt.

Auf der einen Seite ist es ein wahnsinnig optimistisches Buch, weil sie sich selbst ermächtigt und den Weg in die Freiheit geht. Sie hat den Mut, sich zu wider­ setzen und riskiert ihr eigenes Wohlergehen. Das Ende habe ich bewusst offen gelassen, ob es pessimistisch oder optimistisch ist – das kann jeder für sich entscheiden.

Karen Köhler: „Miroloi“, Hanser, 464 Seiten, 24 Euro. Der Roman ist am 18.8. erschienen. Am 16.9.2019 liest die Autorin im Rahmen des HarbourFront Literaturfestivals im Nochtspeicher.


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Pedro Almodóvar über „Leid und Herrlichkeit“

In „Leid und Herrlichkeit“ lässt ein gealterter Regisseur sein Leben Revue passieren. Im Interview erzählt Pedro Almodóvar von seinem neuen Film, der viel über ihn selbst verrät

Text: Maike Schade
Interview: Patrick Heidmann
Foto: Studiocanal – El Deseo – Nico Bustos

 

Die Farben im Vorspann zerfließen. Kaleidoskopartig verschwimmen die Muster ineinander, wachsen zu neuen Formen, vergehen und erblühen. Ein Sinnbild für das, was kommen wird: eine Veränderung, ohne großes Getöse, doch ständig und unaufhaltsam.

Zunächst jedoch ist da Starre. Seit Jahrzehnten quälen Regisseur Salvador Mallo (Antonio Banderas) Migräne, Rückenschmerzen und diverse Entzündungen. Sie haben ihn zermürbt, betäubt von Schmerzmitteln und später Heroin, schleppt er sich durchs Leben. Schon lange fehlt ihm die Kraft zur Arbeit, Filmideen schlummern als Fragmente auf dem Rechner. Und so verdöst er die Tage, Gegenwart und Vergangenheit verschwimmen, er verliert sich in Erinnerungen an seine Kindheit, die wir in Rückblenden kennenlernen: die weiß getünchte Höhle, in der die Familie lebte. Die bittere Armut, die Mutter (Penélope Cruz), streng und schön. Und der Handwerker, den er lesen und schreiben lehrte, und der in ihm eine erste Begierde erweckte.

 

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In „Leid und Herrlichkeit“ setzt sich Pedro Almodóvar in farbenprächtigen Bildern mit seinem Leben auseinander

 

Die Parallelen von Pedro Almodóvars jüngstem Film „Leid und Herrlichkeit“ zu seinem eigenen Leben sind offensichtlich. Wie sein Filmprotagonist Mallo ist auch er ein nicht mehr junger, schwuler Regisseur, der unter chronischen (Kopf-)Schmerzen leidet. Wie er, wuchs er in einem spanischen Dorf auf, besuchte eine Klosterschule und feierte weltweit Erfolge. Die Wohnung, in der Mallo wohnt, ist Almodóvars eigene – ein intimer Blick in das Leben des spanischen Regisseurs. Voller Farben ist sie, an den Wänden große Gemälde, die Möbel bunt.

„Leid und Herrlichkeit“ ist Pedro Almodóvars persönlichster Film – und der beste, den er seit Langem gemacht hat, ebenso klug wie komplex. Melancholischer, doch gewohnt farbenprächtig setzt er sich mittels eines Rückblicks auf sein Leben mit seinen Kernthemen auseinander: Homosexualität, eine ikonische Mutterfigur, eine von strengem Katholizismus geprägte Kindheit, Künstlertum, Exzess und Freiheit.

 

 

Die Wende im Film von schmerzerfüllter Starre hin zur Bewegung kommt mit einer Nachricht: Ein 32 Jahre alter Film Mallos (das fiktive Pendant zum realen „Das Ende der Begierde“ von 1987, dem ersten autobiografisch inspirierten Werk Almodóvars) soll wiederaufgeführt werden, er ist zum Publikumsgespräch eingeladen. Seinerzeit hatte er sich mit dem Hauptdarsteller verkracht, nun nimmt er wieder Kontakt auf.

Noch immer hängt Alberto Crespo (Asier Etxeandia) am Heroin, und Mallo, weit jenseits der 60, probiert es erstmals aus. Das macht ihn nicht unbedingt sympathischer, und schon vorher macht er es den Zuschauern in all seiner Larmoyanz nicht einfach, ihn zu mögen. Doch nach und nach entblättert sich die Figur in all ihrer Komplexität, Leidenschaft und Liebenswertigkeit.

Antonio Banderas spielt die Hauptrolle, es ist die achte Zusammenarbeit von ihm und Almodóvar. Und er war nie besser. Ist das wirklich der Mann, der den sexy Kämpfer, den heißen Latin Lover gab? Banderas’ Identität scheint mit der Almodóvars zu verschwimmen, er spielt den gealterten Künstler mit kleiner Geste, doch so intensiv und sensibel, dass er zu Recht in Cannes die Goldene Palme als Bester Darsteller gewann – die erste große Auszeichnung seiner Karriere.

 

„Ich hatte immer nur Antonio im Kopf“

 

SZENE HAMBURG: Señor Almodóvar, in Ihrem neuen Film geht es um einen nicht mehr ganz jungen schwulen Regisseur, der auf sein Leben und Werk zurückblickt. Da liegt der Verdacht nahe, dass es sich hier um eine sehr autobiografische Geschichte handelt …

Natürlich hat der Film seinen Anfang damit genommen, dass ich über mich selbst nachgedacht und geschrieben habe. Aber der Protagonist ist nicht ein exaktes Abbild von mir, sondern Fiktion. Fiktion, die von mir geschaffen und durch mich geprägt ist.

Sobald Fiktion in eine Geschichte Einzug erhält, wird sie auch zur treibenden Kraft. Dann muss man sich von ihr leiten lassen und ihr treu bleiben, nicht der Realität. All die Wege, die dieser von Antonio Banderas gespielte Filmemacher einschlägt, bin ich auch irgendwie gegangen. Doch eben nicht zwingend in die gleiche Richtung. Längst nicht alles, was im Film zu sehen ist, ist mir auch passiert. Allerdings hätte es mir passieren können.

Aber es gibt Szenen, die tatsächlich ganz direkt eigenen Erfahrungen entsprechen?

Vielleicht 20 Prozent des Films, würde ich sagen. Aber natürlich werde ich Ihnen nicht verraten, welche das sind.

Vielleicht die Episode „Erste Begierde“, in der der Junge lustvoll einen sich waschenden, nackten Handwerker beobachtet, dem er lesen und schreiben beibringt – hat die so in Ihrer Kindheit stattgefunden? 

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Pedro Almodóvar

Nein, nicht in dieser Form. Allerdings stimmt es, dass ich im Alter von neun Jahren bei uns in der Straße zum Lehrer für etliche Erwachsene wurde. Abends kamen regelmäßig vier oder fünf Feldarbeiter zu uns nach Hause, ordentlich gekleidet, als würden sie zum Arzt gehen. Ich brachte ihnen lesen und schreiben bei und war, wie meine Mutter berichtete, ziemlich streng. Verliebt habe ich mich nie in einen von ihnen, von daher ist dieser Aspekt des Films fiktiv. Aber eben auch nicht wahnsinnig weit hergeholt.

Mit Antonio Banderas arbeiten Sie bereits seit dem Beginn Ihrer Karriere zusammen. Wäre ein anderer Hauptdarsteller für Sie überhaupt in Frage gekommen?

Nein, ich hatte immer nur Antonio im Kopf. Und mir war es wichtig, dass wir uns vorher zusammensetzen und in Ruhe darüber sprechen, was ich im Sinn hatte. Denn was ich mir von ihm erwartete, war anders als alles, was wir früher zusammen gedreht hatten oder er in den USA je gespielt hatte. Aber schon allein durch die Drehbuchlektüre schien er genau zu wissen, worauf es ankam.

So wie in „Leid und Herrlichkeit“ hat man Antonio wirklich noch nie gesehen, und gerade weil er mich mit vielem sehr überrascht hat, war diese Regiearbeit für mich die vielleicht einfachste meines Lebens.

Die Rolle der Mutter spielt – in den Rückblenden – Penélope Cruz, eine weitere langjährige Wegbegleiterin …

Penélope in dieser Rolle zu sehen, hat mich enorm bewegt. Nicht nur, weil sie natürlich meine eigene Mutter gut kannte, sondern weil sie auch selbst für mich wie ein Teil meiner Familie ist. Seit wir vor über 20 Jahren anfingen, zusammen zu arbeiten, stehen wir uns sehr nahe und lieben uns sehr. Auch sie war für mich eigentlich die erste und einzige Wahl, denn gerade weil dieser Film diese starke persönliche und autobiografische Note hat, war es mir wichtig, von Menschen umgeben zu sein, mit denen ich vertraut bin und die auch mich einfach sehr gut kennen.

In „Leid und Herrlichkeit“ geht es viel um konfliktreiche Beziehungen, mit denen der Regisseur nach langen Jahren in der direkten Auseinandersetzung seinen Frieden macht, sei es mit der Mutter, seinem einstigen Hauptdarsteller oder auch seinem früheren Lebensgefährten. Verspüren Sie selbst diesen Drang?

Den Drang vielleicht. Aber ich habe nicht den Mut meiner Filmfigur, mich all diesen klaffenden Beziehungswunden zu stellen. Im Film wird ja wirklich konsequent jeder Kreis geschlossen, selbst zu den Erinnerungen an die Begierden der Kindheit findet der Protagonist wieder zurück. Und es geht ihm damit besser, keine Frage. Aber ich glaube nicht, dass ich mich allem stellen kann und will. In meinem Leben ist noch vieles offen, und ich denke, das wird in vielen Fällen auch so bleiben.

Sind Sie insgesamt mit sich im Reinen? Haben Sie sich mit dem Älterwerden arrangiert?

Sagen wir es mal so: Es hat schon seinen Grund, warum ich eigentlich nie in den Spiegel gucke. Und in der Folge auch nie Feuchtigkeitscreme benutze, obwohl ich weiß, dass sie mir gut tun würde und ich meine Haut besser pflegen sollte (lacht). Wirklich im Reinen und zufrieden mit mir und auch meinem Alter bin ich nur, wenn ich meiner Kunst nachgehe und schöpferisch tätig bin. Etwas zu kreieren, das andere Menschen berührt – danach bin ich fast süchtig. Wenn ich keine Filme drehe, kann ich nicht immer unbedingt etwas mit mir selbst anfangen.

„Leid und Herrlichkeit“: Seit dem 26.7. im Kino


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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Max Herre: „Meine Geschichten sind ein Schatz“

Nicht nur für Nostalgiker: Der einstige Posterboy des deutschsprachigen HipHops Max Herre kommt mit neuen Songs in den Stadtpark

Text: Erik Brandt-Höge
Foto (o.): Mikael Väisänen

 

SZENE HAMBURG: Max, auf einer Skala von eins bis zehn, wenn zehn am besten ist: Wie ist dein Sommer bisher?

Max Herre: Sieben.

Klingt ja noch nicht wirklich zufrieden.

Nee, ich war zwar kürzlich zweimal in Athen und hatte ein Stück weit Sommer, aber im Moment heißt es für mich: Nicht von der Sonne rauslocken lassen, sondern schön drinnen sitzen bleiben und das Album fertig machen – um dann, wenn die Live-Shows starten, den Sommer voll und ganz zu genießen.

Neue Live-Shows, neues Album: „Athen“ erscheint in Kürze. Der Titelsong erzählt die traurige Geschichte von zwei Liebenden auf Reisen. Warum wolltest du sie genau jetzt erzählen?

Vor zwei Jahren bin ich nach Tel Aviv gefahren und habe angefangen, an neuen Songs zu schreiben. Ich habe dorthin auch andere Songwriter eingeladen, jeweils für eine Woche kamen Maxim und Tua, die ich beide sehr schätze. Ich habe ihnen eine Geschichte erzählt, die ich vor ein paar Jahren erlebt habe. Und in den Gesprächen stellte sich heraus, dass Athen für mich einen echten Sehnsuchtsort darstellt …

… den du damals mit der Frau an deiner Seite besuchen wolltest. Wieso sollte es eigentlich unbedingt Athen sein?

Die Frau hatte griechische Eltern. Außerdem hatte mein Vater mal einige Jahre in Griechenland gelebt, genau wie mein Großvater, und mein ältester Onkel ist dort geboren. Es haben sich also viele Linien gekreuzt auf dieser Reise.

Und was das Songwriting angeht: Je mehr ich mich dabei erinnerte, wie alles war, umso mehr konnte ich erzählen. Wieder habe ich gemerkt, dass meine Geschichten – nicht nur, weil ich mit ihnen Musik generieren kann – ein Schatz für mich sind.

Hört hier Max Herre feat. Trettmann: „Villa Auf Der Klippe“

 

Diese Art von Beschäftigung mit den eigenen Geschichten zieht sich durch dein musikalisches Werk. Hast du einen Hang zur Nostalgie?

Zunächst mal ist die Musik, die ich am liebsten höre, auf eine Art und Weise nostalgisch. Ich höre jetzt nicht nur Fado, aber es gibt ein bestimmtes Gefühl im Soul und Jazz, das so eine nostalgische Traurigkeit transportiert, was ich sehr mag.

Was genau passiert beim Hören solcher Musik mit dir?

Irgendwie spüre ich dann etwas, das noch nicht verarbeitet ist, und das vielleicht auch einen inneren Konflikt darstellt.

Dein Erinnerungs-Songwriting ist also immer auch ein Lernprozess? Und wenn ja, was hast du bei der Arbeit an „Athen“ über dich gelernt?

Lernen ist ein großes Wort. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob man selbst so schnell weiß, was man da gelernt hat, wenn man sich mit der eigenen Vergangenheit beschäftigt hat. Fest steht nur, dass Athen für mich heute Altes und Neues vereint, was ich sehr aufregend finde.

Stellst du bei den anstehenden Konzerten, auch bei dem im Stadtpark, vor allem Neues aus „Athen“ vor, oder sind die Shows auch etwas für Max-Herre-Nostalgiker?

Beides. Wir spielen ja Songs aus einer Platte, die zum Zeitpunkt des Konzerts noch nicht draußen ist. Ich habe Lust, den Leuten diese neuen Songs vorzuspielen, aber ich liebe es auch, mit ihnen zusammen Songs zu performen, die wir alle kennen und mit denen wir alle etwas verbinden.

 

„Alles kann passieren“

 

Das Schöne an Live-Konzerten ist ja, dass alles passieren kann, zu jeder Zeit. Ich gehe zwar immer mit dem Anspruch auf die Bühne, ein perfektes Konzert zu spielen. Aber wenn ich ehrlich bin, liegt die Chance im Scheitern.

Würdest du Open-Air-Shows eigentlich immer Konzerten in Hallen oder Clubs vorziehen?

Es kommt auf den Ort und die Leute an. Im Club habe ich schon sehr viel Intimität erlebt, die ich nicht missen möchte. Aber wenn ich an Open-Air-Bühnen wie die Freilichtbühne denke, habe ich auch viele schöne Erinnerungen.

Die Hamburger sind Freundeskreis und meiner jetzigen Band immer sehr verbunden gewesen, wir haben tolle Konzerte zusammen erlebt, vor allem auf der Freilichtbühne, die etwas sehr Arenenhaftes hat. Dort macht eigentlich jedes Konzert Spaß, sogar im Hamburger Regen.

Max Herre:  1.8., Stadtpark Freilichtbühne, 19 Uhr


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