Beiträge

Kalte Füße in Hamburg?

Je näher die kalte Jahreszeit rückt, desto größer wird bei vielen Menschen die Sorge vor einem Gasmangel. Wie reagiert die Politik auf bevorstehende Engpässe und steigende Kosten für Verbraucher:innen? Ein Interview mit Jens Kerstan, Senator der Hamburger Umweltbehörde

Interview: Anna Meinke

SZENE HAMBURG: Jens Kerstan, wie lautet Ihre Prognose für die kommenden
Herbst- und Wintermonate hinsichtlich der Versorgungsengpässe? Wird Heizen in Hamburg zum Luxus?

Stadtleben-Energie-Foto-Florian-Besser
Jens Kerstan, Senator der Umweltbehörde (Foto:Florian Besser)

Jens Kerstan: Wir befinden uns in einer schwierigen Lage. Deutschland bezieht mittlerweile 40 Prozent des Gasbedarfes aus Russland, die Lieferungen wurden um 80 Prozent gekürzt. Aber wir bekommen auch Gas vor allem aus Norwegen und Niederlande geliefert. Durch die vier geplanten LNG- Terminals könnten wir die Kürzungen des Russland-Gases im Wesentlichen ausgleichen. Aber von den vier Terminals gehen jetzt erst zwei an den Start. Wir müssen also wesentliche Einsparungen im Gasverbrauch vornehmen. Der EU-Notfallplan sieht eine Senkung des nationalen Gasverbrauchs um 15 Prozent vor. Dadurch könnten die Füllstände der europäischen Gasspeicher im Durchschnitt eine Höhe von etwa 80 Prozent erreichen. Wir in Hamburg wollen unseren bestmöglichen Beitrag leisten, diese Ziele zu erreichen.

„Ich gehe fest davon aus, dass niemand in Hamburg frieren müssen wird“

Jens Kerstan

Ich gehe fest davon aus, dass niemand in Hamburg frieren müssen wird. Die Haushaltskunden sind nach EU-Recht geschützte Kunden, das heißt, wenn nötig wird zuerst in der Industrie und der Wirtschaft rationiert. Aber auch dort wird niemandem das Gas komplett abgedreht. Erst wenn das nicht ausreicht, also quasi alle Stricke reißen, würde auch bei den Haushaltskunden rationiert. Aber das sehe ich zurzeit nicht.

Uns ist allen bewusst, dass die Energiepreise durch die Decke gehen. Und ich kann nur an alle Hamburgerinnen und Hamburger appellieren, den Energieverbrauch zu reduzieren und wenn möglich, monatlich einen Betrag zurückzulegen, um sich auf die Jahresabrechnungen in diesem Bereich vorzubereiten. An dieser Stelle möchte ich davor warnen, Heizlüfter anzuschaffen. Denn Strom zum Heizen kostet vier Mal so viel wie Gas. Und wenn Heizlüfter im großen Stil eingesetzt werden, kann es in einzelnen Straßenzügen das Stromnetz überlasten.

Auf der Website der Umweltbehörde werden den Hamburger:innen Energiespartipps für zu Hause ans Herz gelegt. Werden die Anstrengungen von Privathaushalten allein ausreichen, um ohne kalte Füße durch die Wintermonate zu kommen?

Nein, es wird eine gemeinsame Kraftanstrengung vonnöten sein – von Politik, Industrie, Wirtschaft und von allen Hamburgerinnen und Hamburgern. Wir haben zu Beginn der Woche den 25-Punkte-Energiesparplan der Stadt vorgestellt. Anfang September werden wir eine große Kampagne starten, an der sich neben der Stadt unter anderem auch die Kammern, die Wirtschaft und die Verbände beteiligen werden. Dabei geht es auch darum, mehr Informationen und Hilfestellungen für die Hamburgerinnen und Hamburger und Gewerbetreibenden zu bieten.

„Es ist klar, dass alle an einem Strang ziehen müssen, damit wir gut durch den Winter kommen“

Jens Kerstan

Es ist klar, dass alle an einem Strang ziehen müssen, damit wir gut durch den Winter kommen und um einer drohenden Gasmangellage entgegenzuwirken. Wir wollen aber auch vermeiden, dass Hamburg als Industriestandort und große Unternehmen in unserer Stadt in Schwierigkeiten geraten, weil sie im Falle einer Gasmangellage nur noch gedrosselt produzieren können.

Energiesparen hin oder her – wenn die Bürger:innen demnächst die rasant steigenden Energiekosten zahlen müssen, werden viele vor großen finanziellen Problemen stehen. Wie wird den Hamburger:innen bei explodierenden Kosten geholfen?

Es werden generelle finanzielle Hilfen wie zum Beispiel das Energiegeld von der Bundesregierung bereitgestellt. Wir in Hamburg prüfen derzeit, ob es rechtlich möglich ist, die vom Bund beschlossene Gas-Umlage nicht auf die Fernwärme und Gaskunden der städtischen Energiewerke (HEnW) umzulegen.

Auch bereiten wir einen Härtefallfonds nach dem Vorbild Niedersachsens vor, um auch die Kundinnen und Kunden privatwirtschaftlicher Unternehmen zu unterstützen, wenn Sie die Umlage nicht zahlen können. Zudem sind wir in Gesprächen mit den Energieversorgern, dass es bei Zahlungsverzug zu keinen Sperrungen von Strom und Gas in diesem Winter kommen soll. Alle diese Maßnahmen dienen dazu, eine Notlage zu vermeiden. Wir werden niemanden im Stich lassen.

Der Bundeskanzler bezeichnete die aktuelle Energiekrise als „sozialen Sprengstoff “
– gerade die Ärmsten unserer Gesellschaft leiden unter den massiven Preissteigerungen. Befürchten Sie, dass sich soziale Ungleichheiten in Hamburg im Zuge der Krise verstärken werden?

Die Energiekrise, verursacht durch den Angriffskrieg in der Ukraine und den Erpressungsversuchen von Putin, betrifft jeden. Die Preissteigerungen sind allerorts spürbar. Wir werden in Hamburg alles tun, um diese Krise sozial gerecht zu meistern.

Andere Bundesländer legen bereits Energiesparpläne vor, die auch die Beheizung und nächtliche Beleuchtung öffentlicher Gebäude sowie die Industrie in den Blick nehmen. Wie sieht hier der Plan für Hamburg aus?

Wir als Senat, als Verwaltung, nehmen eine Vorbildfunktion in dieser dramatischen Situation ein und haben einen umfangreichen 25-Punkte-Plan zum Energiesparen vorgelegt. Darin geht es unter anderem um die Senkung der Raumtemperatur in den öffentlichen Gebäuden auf die gesetzlich vorgegebene Mindesttemperatur von 20 Grad, um das Abschalten von Warmwasser, um die Reduzierung der Beleuchtung an öffentlichen Gebäuden und in Parks- und Grünanlagen sowie bezirklichen Sportanlagen außerhalb der Nutzungszeiten.

Wir werden den Betrieb von Brunnenanlagen, der Alsterfontäne, der Wasserspiele in Planten un Blomen einstellen – um nur ein paar Punkte zu nennen. Als Industriestandort haben wir in Hamburg einen vergleichsweise hohen Energieverbrauch. Die Industrieunternehmen in Hamburg verbrauchen ein Drittel des Gases. Es ist also auch für unseren Wirtschaftsstandort wichtig, dass es nicht zu einer Gasmangellage kommt.


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

10 Jahre Deine Freunde

Die selbst ernannte „coolste Kinder­band der Welt“ wird zehn – und spielt zum Bandgeburtstag gleich drei Stadtpark­ Shows. Deine Freunde ­Mitglied Lukas Nimscheck im Gespräch über das, was bisher geschah

Interview: Erik Brandt-Höge

SZENE HAMBURG: Lukas, Deine Freunde feiern Geburtstag. Gibt es ein Wort, mit dem du deine Gefühle bezüglich zehn Jahren Bandgeschichte beschreiben könntest?

Lukas Nimscheck: Überra­schend! Wir haben nicht gedacht, dass wir das zehn Jahre machen würden. Damals haben wir aus Jux und Dollerei zwei, drei Lieder aufgenommen und ins Netz gestellt, einfach um zu sehen, was passiert. Heute ist Deine Freunde unser Haupt­beruf und wir spielen vor Tausenden Leuten. Irrsinnig!

Weder wir, noch Kollegen aus dem Musikbereich haben es für möglich gehalten, dass musika­lische Familienunterhaltung in Deutschland so erfolgreich werden könnte. Ich glaube, bei uns liegt es daran, dass wir mit der Zeit eine ganz eigene Stimme gefunden haben, auch einen ganz eigenen Humor, den die Leute und wir selber lustig finden. Wir müssen uns dafür nicht verstellen.

Wann habt ihr gemerkt, dass Deine Freunde etwas auf Dauer sein könnte?

Nach fünf Jahren waren wir so groß, dass wir sagen konnten, uns etabliert zu haben. Wir hatten zu dem Zeitpunkt auch schon unser eigenes kleines Label, unser eigenes kleines Studio, ein Management. Dabei waren wir bereits eine mittelständige Firma – und alle sehr fleißig, alle Arbeitsbienen. Zudem hatten wir auch keine Produzenten, jeder Ton auf unseren CDs kam von uns. Das ist bis heute so.

Glaubst du, dass eure Band überhaupt mal ein Ablaufdatum haben wird?

Nein, das glaube ich nicht. Wir sind ja eine der Bands, die auch privat miteinander verbandelt sind. Wir sind alle sehr eng miteinander, vom Management bis zu den Menschen, die mit uns auf Tour gehen.

Wir verstehen uns sogar immer besser mit den Jahren und können uns gut vorstellen, das so lange zu machen, bis wir so alt sind wie Rolf Zuckowski. Dann vielleicht in einer anderen Form, aber wir möchten auch dann noch Musik für Kinder bis zwölf Jahre und ihre Familien veröffentlichen.

Am Anfang haben wir in Kitas vor 20 Leuten gespielt

Lukas Nimscheck, Deine Freunde

Ist die Motivation, die „coolste Kinderband der Welt zu sein“, wie ihr euch selbst mal genannt habt, mit den Jahren noch größer geworden?

Diesen großkotzigen Titel haben wir uns zu einer Zeit gegeben, als wir noch gar nicht so groß waren. Mit der Zeit hat sich der Titel aber schon ein bisschen bewahrheitet. Man muss sich das mal vorstellen: Am Anfang haben wir in Kitas vor 20 Leuten gespielt.

Wir haben nur davon geträumt, mal in bestimmten Hallen spielen zu können. Als wir dann zum ersten Mal vor 500 Leuten standen, dachten wir: „Größer kann es nicht werden!“ Genauso haben wir gedacht, als es zum ersten Mal 1000 Leute waren. Es wurden immer mehr, kürzlich haben wir in Köln vor 7000 gespielt. Unser Anspruch ist dabei immer gleich geblieben, wir wollen immer das Bestmögliche bieten – auf und neben der Bühne. Das bedeutet zum Beispiel bei großen Konzerten, dass jedes Kind, das kommt, ein Band um die Hand kriegt, auf das seine Eltern eine Telefonnummer schreiben können, falls man sich mal verlieren sollte.

Wir probieren, Kindern und Eltern eine Stimme zu geben, die die Realität abbildet

Lukas Nimscheck, Deine Freunde

Vermutlich hat sich euer Verständnis für Kinder und Familien mit der Zeit auch noch mal verändert.

Ja, das hat es auf jeden Fall. Am Anfang dachten wir, in unseren Songs müssten wir nur so Schulhofthemen wie Hausaufgaben oder die siebte Stunde behandeln. Mittlerweile wissen wir, dass wir auch über ganz Absurdes singen können und Kinder und Eltern auch dazu feiern können.

Es gibt Siebenjährige, die schon super- ironisch sind und bei denen zu Hause schon ein ganz eigener Humor herrscht. Es sind die Medien, die Kinder immer als ironiefrei und Eltern immer als ausschließlich liebevoll und fürsorglich darstellen. Wir probieren, Kindern und Eltern eine Stimme zu geben, die die Realität abbildet.

Deine Freunde spielen am 2., 3. und 4. September im Stadtpark Openair – wir verlosen auf Instagram noch Tickets!


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Hamburg setzt auf Kulturtourismus

Elphi, Hafen, Musical – Hamburgs kulturtouristische Aushängeschilder sind seit jeher Besuchermagneten. Doch auch abseits der großen Attraktionen hat Hamburg einiges zu bieten. Mit einem Fokus auf Kulturtourismus und einer dementsprechenden Strategie soll die Anziehungskraft gestärkt werden, sagt Wirtschaftssenator Michael Westhagemann

Interview: Anna Meinke

SZENE HAMBURG: Michael Westhagemann, die neue Kulturtourismusstrategie ist ein Projekt von Behörden und städtischer Tourismus GmbH. Was versprechen Sie sich von einem gemeinsamen Vorgehen?

Michael Westhagemann: Zum einen, dass wir unsere Gäste noch besser über die vielfältigen Angebote unserer Stadt informieren und sie dafür begeistern. Und zum anderen, dass sich Kulturund Tourismusanbieter gegenseitig besser kennenlernen, verstehen und zusammenarbeiten. Schon die gemeinsame Erarbeitung der Kulturtourismusstrategie war dafür ein wichtiger Schritt.

„Es lohnt es sich, mehr anzubieten als Hafen, Musicals und Elbphilharmonie“

Wirtschaftssenator Michael Westhagemann

Mal ganz konkret: Was ist das Ziel der Kulturtourismusstrategie – und mit welchen Mitteln soll dieses Ziel umgesetzt werden?

Wir wollen wieder an die alte touristische Stärke unserer Stadt vor Corona anknüpfen. Das heißt für mich aber nicht, einfach weitermachen wie vor der Pandemie. Wir müssen uns vielmehr stetig verbessern. Das betrifft die Digitalisierung, das Thema Nachhaltigkeit und eben auch den Kulturtourismus. Die Umsetzung der konkreten Ideen der Kulturtourismusstrategie liegt operativ in erster Linie bei der Hamburg Tourismus GmbH, aber nicht nur. Wir wünschen uns, dass alle, die hierbei eine Rolle spielen, die Ziele der Strategie als lohnend für sich und die Stadt betrachten und daran mitarbeiten.

Hilfe, auch für die Kulturbranche

Wen wollen Sie mit der Kulturtourismusstrategie in die Stadt locken?

Alle, die daran interessiert sind, Hamburg in seiner ganzen kulturellen Vielfalt zu erleben. Viele unserer Gäste sind „Wiederholungstäter“, kommen zum dritten, vierten Mal für ein Wochenende nach Hamburg. Gerade bei ihnen lohnt es sich, mehr anzubieten als Hafen, Musicals und Elbphilharmonie.

Die Strategie kommt zu einem Zeitpunkt, an dem sich leise Hoffnungen auf eine Entspannung der Corona-Lage breit machen. Wie groß sind die Einbußen durch die Pandemie?

Die Übernachtungen sind in den beiden Corona-Jahren 2020 und 2021 um mehr als die Hälfte eingebrochen. Das war eine harte Zeit. Die Einbußen bei den betroffenen Unternehmen – und das sind nicht nur die Hotels, sondern auch die Kulturanbieter, der Einzelhandel, die Gastronomen und viele weitere Branchen – waren enorm. Es zeichnet sich aber erfreulicherweise ab, dass das aktuelle Jahr wieder recht erfolgreich werden wird.

„Die Einbußen bei den betroffenen Unternehmen waren enorm“

Wirtschaftssenator Michael Westhagemann

Und die Strategie soll nun vieles ausgleichen?

Natürlich gibt es nicht ein singuläres Thema, um touristisch dauerhaft attraktiv zu sein. Aber die Kulturtourismusstrategie soll neben anderen Maßnahmen helfen, dass Hamburg als Reiseziel nach der Corona-Pandemie noch besser dasteht als vorher.

„Es ist wirklich schwer, einzelne Kulturangebote herauszugreifen“

Große Attraktionen wie Elbphilharmonie und Musicals strahlen bereits eine internationale Anziehungskraft aus. Welche sind die kulturtouristischen Underdogs, die mehr in den Fokus gerückt werden sollen?

Es ist wirklich schwer, hier einzelne Kulturangebote herauszugreifen. Ich nenne aber gerne ein paar Beispiele, die für ein sehr viel größeres Angebot stehen. Wer sich für klassische Musik interessiert, sollte unbedingt das Komponistenquartier in der Neustadt besuchen. In Sachen Musik braucht es wohl auch keinen Hinweis auf die Clubszene, aber ein Tipp für eine ganz besondere Location ist sicherlich die MS Stubnitz in der HafenCity.

Es wäre aber zu kurz gedacht, nur vermeintliche „Underdogs“ in der Kommunikation in den Vordergrund zu rücken. Es spielt nicht nur die Kommunikation durch Stadt und Tourismus GmbH eine Rolle, sondern auch die Notwendigkeit, dass Gäste niedrigschwellig und auf verschiedenen Wegen Zugang zu weniger bekannten Angeboten erhalten. Das kann über die Hotellerie erfolgen, durch Querverweise der Kulturstätten oder durch einen digitalen Kulturguide, der die Angebote individuell ausspielt.

Westhagemann Foto Behörde für Wirtschaft und Innovation-klein
„Kein Freund davon, auf den vermeintlichen ,Mainstream‘ herabzusehen“: Michael Westhagemann Senator und Chef der Behörde für Wirtschaft und Innovation will für Kulturtourismus werben (Foto: Behörde für Wirtschaft und Innovation)

Der Kulturstadtplan kommt im Sommer 2022

Wie sähe Ihrer Meinung nach ein gelungener kultureller Städtetrip abseits des Mainstream aus?

Ich bin grundsätzlich kein Freund davon, auf den vermeintlichen „Mainstream“ herabzusehen. Die Elbphilharmonie ist für mich ein faszinierendes Erlebnis. Wer den Hafen nicht gesehen hat, hat die Seele Hamburgs verpasst und auch die Musicals sind nicht ohne Grund seit Jahrzehnten so erfolgreich. Das Besondere an Hamburg als Reiseziel ist aus meiner Sicht die ungeheure Vielfalt. Man kann die Stadt im neuen Kreativviertel Oberhafenquartier erleben oder am Elbstrand mit Blick auf die „dicken Pötte“, rund um die Binnenalster oder auf St. Pauli, im alten Fischerdorf Blankenese oder auf der Schanze. Die kulturellen Angebote sind bei Weitem zu zahlreich, um sie alle zu nennen. Es geht darum, sie unseren Gästen nahezubringen, damit diese sie für sich persönlich entdecken und erleben können.

Mit der Entwicklung eines Kulturstadtplans wird ein erster Schritt der Kulturtourismusstrategie umgesetzt. Wann können Hamburg-Touristen mit diesem Plan rechnen?

Noch in diesem Sommer.


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Zurück ins Club-Glück

Auf ein Neues: Endlich machen Hamburgs Clubs wieder auf. Carsten Brosda, Senator der Behörde für Kultur und Medien, im Gespräch über die Spuren des vergangenen Corona-Winters und das Tanzen in Zeiten weltpolitischer Krisen

Interview: Anna Meinke

SZENE HAMBURG: Carsten Brosda, am 4. März 2022 öffneten Hamburgs Clubs ihre Türen erneut. Unter 2G+-Bedingungen darf seitdem ohne Maske gefeiert werden. Haben Sie die neue Freiheit schon ausgenutzt und mal wieder so richtig das Tanzbein geschwungen?

Carsten Brosda: Noch nicht. Ich bin ohnehin eher einer von denen, die bei einem Konzert mit einem Bier in der Hand im Raum stehen und die Musik aufsaugen. Ich freue mich aber sehr, dass endlich wieder die Clubkultur gefeiert werden kann!

Gleichzeitig wurde Hamburg am 30. März zum Corona-Hotspot erklärt. Haben Sie trotzdem ein gutes Gefühl dabei, das Feiern wieder möglich gemacht zu haben, oder ist Ihnen auch ein wenig mulmig zumute?

Es ist gut, dass Hamburg angesichts der noch immer hohen Infektionszahlen vorsichtig ist. Schließlich ist Corona noch nicht vorbei, die Infektionszahlen sind hoch. Mit wenigen Maßnahmen können wir uns vergleichsweise wirksam schützen. Neben der Notwendigkeit zum Impfen ist es deshalb klug, auch weiterhin vorsichtig zu sein, gerade auch damit der ganze Wahnsinn nicht im Herbst wieder von vorne beginnt.

Titelstory Carsten Brosda Foto Bertold Fabricius-klein
„Viele haben in den letzten Monaten gemerkt, was alles fehlt“, sagt Kultursenator Carsten Brosda (Foto: Bertold Fabricius)

Das Personalproblem

Nach dem zehnwöchigen Winterschlaf ist das Bedürfnis bei vielen groß, sich ins Getümmel zu stürzen und die Nächte durchzutanzen. Was zeigt denn die Erfahrung der letzten Wochen – gibt es gerade eine regelrechte Party-Explosion?

Mein Eindruck ist schon, dass viele in den letzten Monaten gemerkt haben, was alles fehlt, wenn diese Orte wegfallen, an denen wir mit anderen zusammenkommen. Wir sehen das auch in anderen Kultureinrichtungen. Es macht einen Unterschied, ob ich auf dem Sofa Netflix gucke oder ob ich zum Beispiel im Theater ein einmaliges Live-Erlebnis habe. Und dann steht man im Anschluss mit anderen Menschen zusammen und tauscht sich aus. Das gilt natürlich erst Recht für Clubs, die ja gerade von dieser physischen Enge leben. Ich hoffe sehr, dass wir uns dieses Bewusstsein für den Wert des gemeinsamen Erlebens bewahren!

Irgendwelche nennenswerten Corona-Ausbrüche?

Wie gesagt: Generell sehen wir, dass die Zahlen weiter hoch sind und wir noch vorsichtig seien müssen. Insofern ist es gut, dass wir in den Clubs weiterhin die 2G+ Regelung gilt. Mein Eindruck ist, dass wir damit die Situation derzeit ganz gut im Griff haben.

Und wie sieht es hinter den Bars, am Eingang und an der Club-Garderobe aus? Machen sich Fachkräftemangel und Personalnot bemerkbar?

Das ist ein echtes Problem. Darum ist es auch gut, dass zum Beispiel die Clubs auf dem Kiez jetzt mit einer Kampagne gezielt Personal ansprechen. Daher war uns aber auch wichtig, dass wir mit unseren Hilfen immer so weit wie möglich nicht nur Einnahmeausfälle gezahlt haben, sondern vor allem weiter das Veranstalten unter Corona-Bedingungen ermöglichen wollten. So konnte wenigstens ein Teil des Personals gehalten werden.

„Ich wünsche mir, dass diese Corona-Generation jetzt durchstartet“

Also, alles wie immer, getreu dem Motto „The Kiez is back“?

Ich bin mir nicht sicher, ob unser Ziel sein sollte, dass einfach alles zum Alten zurückkehrt. Wir können ja auch aus den Erfahrungen der letzten zwei Jahre lernen und manches besser machen. Vielleicht gehen wir mit den Kulturorten ja jetzt auch viel bewusster um und erkennen zum Beispiel den großen Wert der vielfältigen Clubkultur in der Stadt. Das wünsche ich mir jedenfalls. Vor allem aber muss sich das Publikum seinen Kiez jetzt wieder zurückerobern und mit Leben füllen. Man muss sich ja vor Augen führen, dass da jetzt auch eine Generation die Clubkultur ganz neu erleben wird, die eigentlich in den letzten Jahren die Nächte hätte erobern sollen, stattdessen aber zu Hause bleiben musste. Ich wünsche mir sehr, dass diese Corona-Generation jetzt durchstartet und die Erfahrungen machen kann, die man in dem Alter machen muss!

„How can we dance when our world is turning? How do we sleep while our beds are burning?“

Midnight Oil

Es hätte so schön sein können – bundesweit sinken die Fallzahlen und es darf endlich wieder getanzt werden. Doch vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges in der Ukraine stellt sich die Frage, inwiefern eine hemmungslose Feierei gerade überhaupt möglich ist. Gegen den Weltschmerz antanzen – ist das eine gute Idee?

In meiner Jugend haben Midnight Oil gefragt: „How can we dance when our world is turning. How do we sleep while our beds are burning.“ Die Frage stellt sich immer wieder. Aber die Geschichte zeigt ja auch, dass gerade die Popkultur Veränderung fördern kann. Deswegen finde ich die Idee, gegen den Weltschmerz anzutanzen, eigentlich recht schön. Auch das bedeutet ja, diesem Wahnsinn unsere Haltung von einer freien Kultur entgegenzustellen. Aber ich gebe zu, dass das schwerfällt – und dass die Form immer wieder überprüft werden muss.

Momente der Gemeinschaft

Welchen Stellenwert haben das gemeinsame Feiern und Live-Musik-Erlebnisse Ihrer Meinung nach? Und was bleibt vielleicht auf der Strecke, wenn wir nicht tanzen gehen können?

Für mich sind das Momente, in denen Gemeinschaft spürbar wird. Kae Tempest beschreibt in ihrem Buch „Verbundensein“, dass sich bei einem Konzert sogar der Puls der Anwesenden angleicht. Das Wissen darum, dass wir einander brauchen und aufeinander reagieren, ist wichtig.

Ich finde die Idee, gegen den Weltschmerz anzutanzen, eigentlich recht schön.

Kultursenator Carsten Brosda

Clubbetreiber:innen beklagten in den vergangenen zwei Jahren vielfach eine gewisse Leichtfertigkeit, die den Umgang der Politik mit der Schließung von Clubs vermeintlich prägte. Kommt mit der „neuen Feierei“ auch eine neue, vielleicht absehbarere Corona-Strategie für die Kulturszene?

Da haben wir in den letzten Monaten schon eine Menge voneinander gelernt. Ich denke noch mit Schrecken an die ersten Corona-Verordnungen, in denen die Kultur mit Freizeiteinrichtungen und Puffs auf eine Stufe gestellt wurde. Das hat zu Recht einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Inzwischen wird der besondere Stellenwert der Kultur erkannt. Bund und Länder haben auch deutlich gemacht, dass es sehr genauer Begründungen bedarf, wenn die Freiheit der Kunst eingeschränkt wird. Mit Blick auf die Live-Musik macht mir Mut, dass die neue Bundesregierung nun erstmals Clubs als Kulturorte anerkannt hat und auch entsprechend schützen will. Wir in Hamburg wissen schon lange, wie wichtig eine lebendige und vielfältige Club-Szene für die Kultur ist. Da kann es nur helfen, wenn da künftig Bund und Länder mit der Szene an einem Strang ziehen.


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

„Es gibt in Belfast keine größere Sünde, als sich selbst zu ernst zu nehmen“

Regisseur Kenneth Branagh erzählt, wie viel der eigenen Biografie in „Belfast“ steckt und wie schwierig die Suche nach dem richtigen neunjährigen Hauptdarsteller war

Interview: Patrick Heidmann

SZENE HAMBURG: Kenneth Branagh, man kennt Sie normalerweise als Shakespeare-Experten und Blockbuster-Regisseur. Warum nehmen Sie sich mit „Belfast“ nun erstmals Ihres eigenen Lebens an?

Kenneth Branagh: Man redet sich als Regisseur ja immer ein, dass jeder Film irgendwie ein ganz persönlicher ist. Aber natürlich ist ein Film über meine Heimatstadt noch einmal etwas ganz anderes. Dass ich mich der einmal widmen will, reifte als Idee in mir schon seit Längerem. Ich wusste nur lange nicht genau, welche Geschichte ich eigentlich erzählen will. Klarheit verschaffte mir dann ausgerechnet der erste Corona-Lockdown 2020. Der ließ mich an den ersten Lockdown in meinem Leben denken, damals, als unsere Straße in Belfast während der Unruhen abgeschottet wurde. Plötzlich war alles von damals wieder ganz klar und greifbar, die Geräusche und die Gerüche. Mit einem Mal erschien es mir, dass ich damals als Neunjähriger eigentlich das letzte Mal wusste, wer ich wirklich bin. Und prompt schrieb sich das Drehbuch fast von selbst.

Gab es beim Schreiben oder Drehen je Momente, wo Ihnen die Sache zu persönlich wurde?

Nicht für mich, aber andere Leute hatten die Sorge. Ein paar Menschen in meinem engeren Umfeld lasen das Drehbuch und fanden, dass ich zu weit gehe und an einigen Stellen Erinnerungen teile, die zu privat sind. Allerdings wusste ich natürlich, dass das Publikum am Ende gar nicht genau weiß, was Fakt und was Fiktion ist. Und was heißt schon Fakt, wenn man mit 50 Jahren Abstand versucht, sich in einen Neunjährigen hineinzuversetzen?! Abgesehen davon waren bei der Umsetzung der Geschichte dann ja andere Menschen beteiligt, was automatisch einen gewissen Abstand zu meiner Biografie mit sich brachte. Ich war immer offen für Ideen und Änderungswünsche, sei es vom Kameramann oder meinem Ensemble, um die Geschichte über meine persönlichen Erinnerungen hinaus weiterzuentwickeln.

Der richtige Junge

BELFAST_Poster_©Universal Pictures-klein
„Belfast“ von Kenneth Branagh, ab dem 24. Februar 2022 im Kino (Foto: Universal Pictures)

Besagter Neunjähriger steht uneingeschränkt im Zentrum von „Belfast“. Wie schwierig gestaltet sich da die Suche nach dem geeigneten Darsteller?

Sehr schwierig, denn natürlich stand und fiel damit alles. Ohne den richtigen Jungen hätte sich diese Geschichte nun einmal nicht erzählen lassen. Entsprechend nervös war ich selbst, nachdem wir uns für Jude Hill entschieden hatten. Die ersten beiden Drehtage guckte er immer wieder in die Kamera – und ich fürchtete, wir hätten einen großen Fehler gemacht. Doch zum Glück legte sich das – vor allem, je mehr andere Personen in den Szenen mit ihm auftraten. Noch ein paar Tage später wusste ich, dass ich es kaum besser hätte treffen können.

Sie haben dann später nie wieder in Belfast gelebt. Steckt heute noch etwas von Ihrer Geburtsstadt in Ihnen?

Klar, man kriegt den Jungen zwar aus Belfast heraus, aber nicht Belfast aus dem Jungen. Ich glaube, mein Sinn für Humor und mein Blick aufs Leben sind bis heute typisch für die Stadt. Es gibt in Belfast keine größere Sünde, als sich selbst zu ernst zu nehmen, das habe ich sehr verinnerlicht. Auch die Angewohnheit, nicht einmal in den dunkelsten Momenten meinen Humor zu verlieren, verdanke ich sicher meiner Heimat. Das lernte man in Belfast nämlich schnell.

„Belfast“ von Regisseur Kenneth Branagh, ab dem 24. Februar 2022 im Kino.

Hier gibt´s den Trailer zum Film:


Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Cover_SZ_2022-02-222x300.jpg

 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Hamburger Kunsthalle: Vom Lauf der Zeit

Zum 25-jährigen Bestehen von Bogomir Eckers „Tropfsteinmaschine“ beleuchtet die Ausstellung „Futura“ in der Hamburger Kunsthalle das Phänomen Zeit. Wir sprachen mit der Kuratorin Dr. Brigitte Kölle über erkaltete Lava und das Abheben ins All, das Denken in Bildern – und über ihre Zusammenarbeit mit dem Künstler Bogomir Ecker

Interview: Sabine Danek

 

SZENE HAMBURG: Brigitte Kölle, Ausgangspunkt von „Futura“ war nicht nur das 25-jährige Bestehen der Galerie der Gegenwart in der Hamburger Kunsthalle, sondern vor allem das der „Tropfsteinmaschine“ von Bogomir Ecker, die das gesamte Haus von Anfang an durchzieht. Wie kam die Ausstellung zustande, die Sie gemeinsam mit dem Künstler konzipiert haben?

Brigitte Kölle: Es gibt den Verein Tropfsteine e. V. dessen 26 Mitglieder sich darum kümmern, dass die Tropfsteinmaschine läuft. Dazu gehören die Restauratorin, der Technische Leiter der Galerie der Gegenwart, ich als Sammlungsleiterin, der ehemalige Kunsthallen-Direktor Uwe M. Schneede und Interessierte, die die Tropfsteinmaschine seit Langem begleiten. Wir haben uns mehrmals getroffen und langsam rückte das Thema Zeit, und wie unterschiedlich man mit ihr umgehen kann, immer mehr in den Mittelpunkt. Wir haben ein buntes, interdisziplinäres Programm geplant. Bogomir Ecker hatte sich ein Stück des Komponisten Daniel Ott und Interventionen des Schriftstellers Oswald Egger gewünscht, Workshops mit Aktivist:innen von Fridays for Future kamen hinzu und eine Science-Fiction-Reihe im Metropolis Kino. Irgendwann dachten wir es sei schade, nicht auch bildende Künstlerinnen und Künstler einzuladen, die sich mit dem Thema Zeit beschäftigen und damit, wie man diese überhaupt fassen und vermessen kann.

Und so entstand eine Ausstellung mit gleich 30 Künstlerinnen und Künstlern …

Und dazu eine, wie man sie sonst nicht kennt! Hier hängen keine abgeschlossenen Arbeiten nebeneinander, schön im Rahmen und unter Glas. Die Ausstellung ist vielmehr wie eine Assoziationskette oder wie der Besuch in einem Künstleratelier. Wichtig sind die Bezüge der Arbeiten miteinander, dass eine zarte Zeichnung von John Cage auf Tektite trifft, dass Naturalien neben Kunstwerken zu sehen sind, Werke von Gustave Courbet und Caspar David Friedrich neben vielen neuen Arbeiten, die speziell für die Ausstellung entstanden sind.

 

Die Transformation von Materialien und Materie

 

Bogomir Ecker_Tropfsteinmaschine_Detail-klein

Bogomir Ecker: Tropfsteinmaschine (Detail) (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2022; Fotoarchiv Bogomir Ecker)

Wie war es, mit einem Künstler als Kurator zu arbeiten?

Ich fand es prima. Bogomir Ecker denkt in Bildern und das mit ihm teilen zu können war unglaublich spannend. Er hat ein riesiges Archiv mit über 15.000 Vintage- und Pressefotografien, die von historischen Gletscher-Aufnahmen bis hin zu Bildern von AtommüllEndlagern reichen und arbeitet ganz assoziativ. Wir argumentieren mit und durch die Kunst und das sieht man der Ausstellung an. Es ist anregend, sich auf eine Entdeckungsreise zu begeben und eigene Ideen zu entwickeln.

Und das in einer Ausstellung, die sich quasi schon verändert während man sie besucht.

Ja, es ist eine Ausstellung, in der viel passiert. Die Transformation von Materialien und Materie spielt eine wichtige Rolle im Umgang mit Zeit. Die Künstlerin Nina Canell beispielsweise hat einen großen Bottich mit Wasser aufgestellt. Darin tönt ein Ultrasound, den das menschliche Gehör nicht wahrnehmen kann. Aber man kann ihn sehen, denn er erzeugt Vibrationen, die als Nebel aufsteigen und den Zement, der daneben liegt, nach und nach hart werden lässt.

Jens Risch hingegen hat neben seine „Knoten-Stücke“, die wie kleine Korallen wirken und unglaublich schön anzuschauen sind, ein „Stunden-Stück“ gelegt. Es ist ein kurzer Faden, an dem der Künstler von 10.55 Uhr bis 11.15 Uhr geknotet hat. Gleichzeitig hat die Ausstellung auch Werkstattcharakter, denn es finden viele Veranstaltungen direkt in ihr statt, Konzerte, Gespräche und Führungen, die auch hinter die Kulissen der Tropfsteinmaschine führen. Da gibt es ein riesiges Wasserreservoir von 1500 Litern, falls es mal nicht genug regnen sollte. Was in Hamburg natürlich relativ unwahrscheinlich ist. (lacht)

 

Hamburger Künstler:innen im internationalen Kontext

 

Auch sind Arbeiten von Hamburgern wie Axel Loytved oder Elena Greta Falcini zu sehen. Achten Sie besonders darauf, auch vor Ort die Augen aufzuhalten?

Ich finde es schön, dass Ihnen das auffällt. Gleichzeitig kommt es mir selbst aber immer etwas unfair vor, das in den Vordergrund zu stellen. Denn es geht nicht darum, ob die Künstler:innen aus Hamburg kommen, sondern darum, dass sie gut sind und im internationalen Kontext bestehen können. Elena Greta Falcini mixt aus alten Autoreifen und anderen Stoffen ihre eigenen Materialien und hat damit eine Art schwarzes Loch im Raum verspannt. Es wirkt wie Lava, die gerade erst erkaltet ist und man spürt förmlich die Energie. Falcini hat gerade erst ihr Studium an der HFBK abgeschlossen und ist eine eigenständige, interessante Künstlerin.

Und von Axel Loytved sind die tollen Schneematsch-Plastiken zu sehen.

Sie sehen wie abstrakte Bronzen aus und erinnern an Meteoriten. Dann aber liest man, dass es Abgüsse der Klumpen sind, die sich bei Schneefall an den Radkappen bilden. Loytved erhöht die Banalität des Alltags in die Kunst und holt die Kunst gleichzeitig auf eine ganz reale Ebene zurück. In Nachbarschaft zu den Bronzegebilden von Loytved hängen historische Fotos von Gletschern, die es heute nicht mehr gibt und um die Ecke stehen Kühltruhen, die Bogomir Ecker mit Gegenständen gefüllt hat, die langsam einfrieren. Stillstehende Zeit.

 

„Wir Menschen sind doch eher marginal“

 

E. Dekyndt_Brei–armerkurfjara Beach-klein

Edith Dekyndt: Videostill aus Breiđarmerkurfjara Beach, 2012 (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2022; Galerie Karin Guenther Hamburg / Galerie Greta Meert Brüssel)

„Futura“ hebt gleich mit mehreren Arbeiten ins Weltall ab. Gehört das zum Thema Zukunft dazu?

Bei der Beschäftigung mit der Zukunft kommen automatisch das große Ganze ins Spiel und der Versuch, dieses unvorstellbare Universum zu greifen. Daniel Janik hat dazu einen „Prototyp zur Rückführung von Himmelskörpern“ gebaut. Es ist eine Arbeit, die so ernst wie augenzwinkernd ist, denn käme ein Meteroit angeflogen, würde sie vermutlich sofort zerbrechen. Aber es geht um die Vorstellung, dass wir etwas auffangen können aus dem All und es auch wieder zurückschicken. Wie bei dem Bild des Pärchens, das 1972 mit der Raumsonde Pioneer X ins All geschickt wurde, um anderen Lebewesen, falls es sie gibt, etwas über uns mitzuteilen. Absurderweise gab es damals Diskussionen, ob man die Geschlechtsteile so deutlich zeigen darf. (lacht)

Dachte man früher an die Zukunft, ging es um Fortschritt, heute muss man die Zerstörung der Welt immer mitdenken.

Das ist auch ein Aspekt, der in der Ausstellung ziemlich klar wird. Gleichzeitig war es uns wichtig, über Atommülllagern und Dystopien hinaus abstrakter zu denken. Es geht um Kunst, um Fantasie und einen spielerischen und zugleich ernsthaften Ansatz. Und es geht um Transformation und Veränderung, um chemische und physikalische Prozesse, zu denen letztendlich auch die Tropfsteine gehören. Die ganze Diskussion um das Anthropozän ist immer so auf den Menschen fixiert. Doch im Vergleich zum Universum mit seinen Milliarden Jahren, sind wir Menschen doch eher marginal. Deswegen tauchen wir in der Ausstellung stärker in die Natur ein und in die unaufhörlichen Prozesse von Verdampfen, Gefrieren, Verdichten oder Sich-Auflösen.

Futura. Vermessung der Zeit, Hamburger Kunsthalle, bis zum 10. April 2022, Buchvorstellung „Internationale Zukunftsprojekte“ am 3. Februar 2022 (2G-Plus-Veranstaltung) 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

„Man muss das Gras wachsen hören“

Kathrin Kohlstedde ist seit mehr als 20 Jahren für das Programm beim Filmfest Hamburg verantwortlich. Im Interview erzählt sie, wie magische Momente entstehen und warum Kinos nach der Pandemie eine Renaissance erleben werden

Interview: Andreas Daebeler

 

SZENE HAMBURG: Frau Kohlstedde, seit 1999 sind Sie Programmleiterin beim Filmfest Hamburg. Ein Traumjob?

Kathrin Kohlstedde: Als ich während meines Studiums in einem Kino jobbte, hatte ich das große Glück, zum ersten Mal auf ein Filmfestival reisen zu dürfen. Das war das Max Ophüls Festival in Saarbrücken. Dort habe ich den Zauber und die Kraft kennengelernt, die von Filmfestivals ausgeht und die mich seit jeher motiviert und begeistert.

Was macht das Filmfest Hamburg zu einem besonderen Festival?

Das Publikum sieht Filme, die es sonst selten im Kino sieht und trifft auch noch auf die Filmschaffenden. Filme werfen Fragen auf und Themen provozieren. Wir suchen im Gespräch danach im Foyer oder in der Bar nach Antworten. Das macht das Filmerlebnis so nahbar, fordert und formt die eigene Offenheit für Neues und macht das Leben eines jeden ein Stück reicher. Diese Magic Moments versuchen wir beim Filmfest Hamburg zu schaffen, und gemeinsam mit unseren internationalen Gästen und einem großartigen, neugierigen Publikum gelingt uns das glaube ich auch seit einigen Jahren sehr gut.

 

Nachhaltigkeit gegen Schnelllebigkeit

 

Seit mehr als 20 Jahren für das Programm beim Filmfest Hamburg Verantwortlich: Kathrin Kohlstedde (Foto: Kathrin Kohlstedde)

Seit mehr als 20 Jahren für das Programm beim Filmfest Hamburg Verantwortlich: Kathrin Kohlstedde (Foto: Kathrin Kohlstedde)

Die Branche ist schnelllebig. Es geht oft darum, auf den letzten Drücker produzierte Streifen noch ins Programm zu bekommen. Was ist Ihr Geheimnis, tatsächlich die neuesten Filme in Hamburg an den Start zu bekommen?

Der Schnelllebigkeit setzten wir nachhaltige Beziehungen entgegen. Über das Jahr hinweg pflegen wir ein Netzwerk zu Filmschaffenden und Lizenzgebern, denen wir Respekt schenken und sie wertschätzen. Sie wissen, dass das ehrlich gemeint ist und so geben sie auch gern die Filme nach Hamburg. Als Programmer:in muss man aufmerksam sein, das Gras wachsen hören und furchtlos sein. So kommen die aufregenden neuen Film ins Programm. Der Charme von Hamburg tut sein Übriges, dass alle gerne mit ihren Filmen kommen.

Corona hat die Kinobranche stark getroffen. Glauben Sie, dass klassische Filmtheater nach der Pandemie eine Renaissance erleben werden?

Absolut. Ich glaube, diese immer noch andauernde Ausnahmezeit hat den Wunsch nach Fokussierung verstärkt, nach nachhaltigen Erlebnissen in guter Gemeinschaft. Das bietet das Kino, wenn es gut geführt ist, aufs Beste.

In Hamburg wird der Douglas Sirk Preis vergeben. Das beschert unserer Stadt prominente Besucher wie Tilda Swinton, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert, François Ozon, Kim Ki-Duk oder Julian Schnabel. Welche dieser Begegnungen hat bei Ihnen den tiefsten Eindruck hinterlassen?

Es ist für uns und unser Publikum immer eine große Ehre, wenn die Preisträger:innen nach Hamburg kommen. Alle Verleihungen waren besonders, viele unvergesslich. Ich persönlich finde die Begegnung mit Regisseur:innen spannend. Da hab ich das Gefühl, dass sie uns mit den Filmen viel mehr Einblick in ihre Seele geben, schließlich dürfen wir die Welt für einen Moment durch ihre Augen sehen.

 

„Der Film ist eine Wucht“

 

Hamburg in allen Ehren, aber es gibt auch andere Festivals, die das Kino feiern. Welches schätzen Sie besonders?

Cannes, das ist wie Weihnachten und Ostern und Geburtstag zusammen. Es ist das unumstritten wichtigste Festival, das im Mai die Filme zeigt, die die Maßstäbe für das Kinojahr setzen. Dort ist die gesamte Filmbranche versammelt und Frankreich schätzt und feiert das Kino wie kaum ein anderes Land. Das ist für uns der Moment, die besten Filme nach Hamburg zu bringen und zu wissen, was das Filmjahr noch so bringen wird.

Was war der letzte richtig gute Film, den Sie gesehen haben?

Gerade vor zwei Tagen war das: „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ von Dominik Graf. Der Film ist eine Wucht. In drei Stunden zeigt er uns all das, was Kino kann und warum Film so einzigartig ist. Ganz große Empfehlung.


 Die SZENE HAMBURG Lichtspiele 2021/2022 ist seit dem 11. Dezember 2021 im Handel und im Online Shop erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

„Man muss verstehen, warum Filme funktionieren.“

Helge Albers, Geschäftsführer der MOIN Filmförderung, über die derzeitige Lage der Filmbranche, die Bedeutung der Diversity Checklist und ökologische Mindeststandards

Interview: Marco Arellano Gomes

SZENE HAMBURG: Helge Albers, eigentlich wollte ich das Gespräch mit einem „Moin“ beginnen, aber seit die Filmförderung sich in MOIN Filmförderung umbenannt hat, habe ich den Eindruck, dass ich damit PR betreibe …

Helge Albers: Ja, das war auch so beabsichtigt (lacht).

Was war der Anlass für die Umbenennung?

Die Änderungen unseres Namens und auch unseres gesamten Erscheinungsbildes hängt sehr stark mit einem Prozess zusammen, den wir schon seit Längerem verfolgen. Im Mittelpunkt standen die Fragen: Wie agieren wir als Film förderung in Zeiten eines erkennbaren Strukturwandels? Wie wollen wir intern und extern kommunizieren? Die Umbenennung war eine notwendige und zeitgemäße Antwort auf diese und viele weitere grundsätzliche Fragen.

 

„MOIN ist mehr als nur Film“

 

Wofür steht das MOIN?

Wir wollen schon im Namen verankern, wer wir sind und was wir tun. MOIN ist hier im Norden ein Gruß, den wir alle kennen und bildet sehr prägnant unsere regionale Identität ab. Er steht aber auch als Abkürzung für unseren Claim „Moving Images North“ und reflektiert damit eine stärkere internationale Ausrichtung unseres Spektrums. Film ist ein globales Medium und wir wollen als Filmförderung auch dafür einstehen, dass internationale Produktionen und Co-Produktionen hier am Standort willkommen sind. Das wollen wir gerne ausweiten. Gleichzeitig steckt in „Moving Images North“ mehr als nur Film: Wir haben unser Förderspektrum hin zu Serien und neuen Medien erweitert. Wir sind auch in den Bereichen VR, AR und XR förderfähig. Das alles sind Bewegtbilder, also Moving Images. Darüber hinaus wollen wir natürlich Werke fördern, die in jeder Hinsicht bewegend sind, auch dies steckt in diesem Wortspiel.

Da haben Sie sich aber eine Menge vorgenommen. Bleiben Film und Serien dennoch die Schwerpunkte?

Film und Serien werden auf absehbare Zeit unsere Schwerpunkte bleiben. Ob sich das ändert, hängt davon ab, wie sich die anderen Segmente entwickeln. Wenn es einen extremen Boom in den Bereichen AR und VR geben sollte, dann sind wir strukturell vorbereitet und förderfähig. Wir sind nun deutlich flexibler, als wir es vor wenigen Jahren noch waren.

Wie geht es dem Filmstandort Hamburg nach zwei Jahren Pandemie?

Die Situation ist angespannt. Gerade angesichts der aktuell sehr hohen Inzidenzen und auch vieler Corona-Fälle an den Sets liegen die Nerven blank. Wenn man versteht, wie teuer und schwer zu bewältigen die Ausfallrisiken der Produzenten sind, ist das mehr als verständlich. Zusätzlich sorgen die hohen Anforderungen an die Hygienestandards für enorme Kostensprünge. Auch den Kinos bereitet die aktuelle Situation große Sorgen. Andererseits haben wir 2021 insgesamt einen Zuwachs an Dreharbeiten am Standort verzeichnet. Zum einen, weil viele Projekte wegen Corona verschoben wurden, zum anderen, weil es eine große Nachfrage nach Filmen und Serien gibt. Das führt allerdings zu einer sehr angespannten Situation im Fachkräftemarkt. Teilweise werden auch sehr hohe Gagenforderungen gestellt. Im Independent-Bereich führt dies zu deutlichen Engpässen. Es gibt eine hohe Nachfrage am Arbeitsmarkt, die aber nicht bedient werden kann.

 

„Die Suche nach Talenten ist die größte Herausforderung“

 

Wie kann man dem begegnen?

Die Suche nach Talenten ist die größte Herausforderung für den Film in den nächsten Jahren. Wir setzen uns als Filmförderung sehr intensiv damit auseinander. Ich hoffe, dass wir da kurzfristig zumindest Linderung schaffen können.

Ist das eine Chance für junge Menschen, in die Branche einzusteigen?

Insgesamt ist es schon eine sehr chancenreiche Zeit. Es gibt Möglichkeiten, die es vor drei bis vier Jahren so noch nicht gab – sowohl was das Tempo als auch die Finanzierungsmöglichkeiten angeht. Für den Sektor Kino besteht darin aber auch eine Gefahr, weil Kinofilme einen längeren Entwicklungsprozess haben. Kino ist ein langsameres Medium. Das ist Stärke und Schwäche zugleich. Das Kino steht in einer sehrherausfordernden Konkurrenzbeziehung zum Streaming und muss sich dazu verhalten. Das führt zu spannenden und manchmal schmerzhaften Veränderungen. Wir stehen vor der Frage, wie wir es schaffen, im „Ökosystem Kino“ Talenten spannende Angebote zu machen.

 

Der Filmstau als Problem

 

Wie geht es den Kinos derzeit?

Natürlich haben angesichts der aktuellen Entwicklungen auch die Kinos Befürchtungen, ein Déjà-vu zu 2020 zu erleben, obwohl sich immer wieder sehr klar belegen lässt, dass Kinos absolut sichere Orte sind und die Hygienekonzepte gut greifen. Aber zunächst können wir festhalten, dass alle Kinos in Hamburg im Sommer wieder öffnen konnten und es aufgrund der Hilfsmaßnahmen der Stadt Hamburg keine dauerhaften Schließungen gab. Was die Besucherzahlen angeht, haben wir durchaus gute Ergebnisse zu verzeichnen. Es ist klar zu erkennen, dass das Hamburger Publikum ihren Kinos die Treue hält und oft und gerne ins Kino geht. Was wir aber feststellen, ist, dass die unabhängigen, kleinen Filme es schwer haben, eine kritische Masse zu erreichen.

Woran liegt das?

Es ist insgesamt immer schwerer, Sichtbarkeit zu erzielen. Die Marketing-Budgets werden immer höher, dennoch verschwinden die kleinen Filme schnell wieder aus dem Programm. Das liegt auch daran, dass es zu einem Filmstau kam. Viele Filme, die für 2020 geplant waren, wurden auf 2021 verschoben, sodass eine große Anzahl an Filmen um die begrenzten Spielzeiten im Kino konkurrieren. Da kommt es zu einer Kannibalisierung, bei der nur noch die Spitzenfilme gut laufen. Im Arthouse-Bereich waren das „Der Rausch“ und „Nomadland“. Danach wurde es aber eng.

 

„Wir waren relativ schnell“

 

Haben Sie den Eindruck, dass die Politik den Film- und Kinostandort gut durch die Pandemie gebracht hat, oder gibt es rückblickend Punkte, bei denen man besser oder schneller hätte reagieren können?

Klar hörten wir hin und wieder Kritik – und oft war diese ja auch berechtigt. Gleichzeitig finde ich, dass wir in einer Situation wie Corona, die wir alle noch nie erlebt haben, die in kürzester Zeit bewältigt und abgewickelt werden musste, mit Abstrichen gut und effizient gehandelt haben. Wir mussten – bei aller Notwendigkeit, schnell Geld zu vergeben – auch daran denken, dass dieses zu einem späteren Zeitpunkt oft wieder zurückgezahlt oder abgerechnet werden muss.

Selbst wenn es um Existenzen geht?

Dass es immer auch Härtefälle gibt und man, wenn die Not es erfordert, auch möglichst unbürokratisch vorgehen sollte, ist richtig. Da wir aber mit Steuermitteln agieren, ist es auch wichtig, jede Entscheidung auf ihre Rechtmäßigkeit und Wirksamkeit zu hinterfragen. Zum Glück gibt es bei allen Regeln aber auch Abstufungen und Ausnahmen. Aus Sicht der Filmförderung kann ich sagen, dass wir unser Bestes gegeben haben und relativ schnell waren.

 

„Der Standort hat ein großes Potenzial“

 

Sind Sie zuversichtlich, dass der Filmstandort sich erholen wird, wenn die Pandemie irgendwann ein Ende findet?

Der Standort hat ein großes Potenzial. Es gibt eine vitale Kinolandschaft, ein treues und wachsendes Publikum, unzählige spannende Drehorte und ein Netz an Produzenten, das wachstumsfähig ist. Wir haben außerdem jede Menge Talente am Standort, die sich gut entwickeln können. Das alles stimmt mich sehr zuversichtlich.

Wo gibt es noch Luft nach oben?

Ich glaube, dass wir ein größeres Publikum finden können und müssen. Wir müssen beispielsweise ein jüngeres Publikum in die Kinos holen. Dazu gehört auch, die Kinos in einer vernetzten Welt sichtbarer zu machen. Das betrifft die Ansprache, das Ticketing, aber auch Synergien zwischen den einzelnen Lichtspielhäusern.

 

Man muss verstehen, warum Filme funktionieren

 

Viele Filme, die von der MOIN Filmförderung mitfinanziert wurden, haben auch in diesem Jahr Preise gewonnen: „Niemand ist bei den Kälbern“, „Curveball“, „A Symphony of Noise“ und „Vengeance Is Mine, All Others Pay Cash“. Was ist das Erfolgsgeheimnis?

Wenn es ein Erfolgsgeheimnis gibt, dann ist es die Zusammensetzung unserer Gremien. Wir achten darauf, dass alle, die in den Gremien vertreten sind, eine sehr hohe Expertise mitbringen, begeisterungsfähig sind und den Standort verstehen, selbst wenn sie nicht aus Hamburg kommen. Wir versuchen vor allem auch Anreize dafür zu schaffen, dass gute Geschichten hier vor Ort gedreht werden, weil es Identifikation für das Publikum schafft.

Wie laufen die Auswahlprozesse in den Gremien ab?

In unseren Gremien finden kontroverse und inhaltlich harte Auseinandersetzungen statt, die zu den offensichtlich richtigen Entscheidungen führen, sodass Filme mit hoher Qualität gefördert werden. Das gilt für alle Bereiche – von Arthouse bis High End. Da sitzen Leute, die sehr genau verstehen, warum Filme in ihren Bereichen funktionieren können und wie deren Chancen stehen.

Im vergangenen Jahr war die Suche nach einem großen Studio für High-End-Serienproduktionen ein großes Thema. Wie steht es darum?

Das ist nach wie vor ein wichtiges Thema, an dem wir ein großes Interesse haben. Wenn sich da ein Betreibermodell und eine passende Immobilie finden, dann wäre ich froh. Die Nachfragesituation gibt das jedenfalls her. Ich sehe und höre, dass viel mehr gedreht werden könnte, wenn wir ein adäquates Angebot hätten. Wir brauchen ein Studio, das für High-End-Serien und gleichzeitig für aufwendige Kinoproduktionen genutzt werden kann. Das Thema treibt uns nach wie vor um.

 

Hamburg auf Platz vier

 

Helge Albers ist Geschäftsführer der MOIN Filmförderung (Foto: Jasper Ehrich Fotografie)

Helge Albers ist Geschäftsführer der MOIN Filmförderung (Foto: Jasper Ehrich Fotografie)

Insgesamt verfügt die Filmförderung über 15,7 Millionen Euro an Fördermittel pro Jahr. Alles auf Kurs, oder dürfte es etwas mehr sein?

Das ist eine rhetorische Frage (lacht). Wir haben viel Ambition und wollen möglichst viele Produktionen nach Hamburg und Schleswig-Holstein holen und gut ausstatten. Davon profitieren letztlich alle.

Wie steht die Filmförderung damit im bundesweiten Vergleich da?

Hamburg/Schleswig-Holstein ist derzeit der viertgrößte Film- und Medienstandort in Deutschland, nach Berlin/Brandenburg, Bayern und NRW. Allerdings hat Hamburg einen erheblichen Abstand zum besagten Trio. Das spiegelt sich auch in den Förderetats wieder. Hier befindet sich unsere Förderung etwa auf Augenhöhe mit den Förderungen von Hessen, Baden-Württemberg und der Mitteldeutschen Medienförderung.

Müsste Hamburg nicht mit der Spitzengruppe gleichziehen?

Ich glaube, dass der Standort das leisten könnte, aber das hieße, dass man deutlich größere infrastrukturelle Anstrengungen unternehmen müsste. Das betrifft alle Themen: Fachkräfte, Studio, finanzielle Ausstattung, Standortmarketing, Nachwuchsarbeit – HFBK und HMS sind ja unsere beiden Ausbildungsstätten – und vieles mehr. Man muss das als Portfolio betrachten: Ein Standort ist besonders leistungsfähig, wenn das gesamte Bouquet vorhanden ist und eine hohe Substanz hat.

Auf welche MOIN-Highlights dürfen sich die Zuschauer 2021/2022 besonders freuen?

Ich kann jetzt schon sagen, dass ich mich sehr auf den neuen Film von Sonja Heiss, die Meyerhoff-Verfilmung von „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“, freue. Auch die Romanverfilmung „Mittagsstunde“ mit Charlie Hübner wird sicher großartig und „Last Song for Stella“ von Kilian Riedhof wird bestimmt sehr stark. Aber diese Aufzählung kratzt nur an der Oberfläche. Es gibt so viele tolle Projekte, da reicht der Platz in Ihrem Heft nicht.

 

Die Diversity Checklist

 

2020 hat die MOIN Filmförderung die Diversity Checklist eingeführt. Viele fanden den Schritt mutig und richtig, aber es gab auch vereinzelt die Kritik, dass es sich um einen Eingriff in die Kunstfreiheit handelte – unter anderem in einem Kommentar eines Kollegen in der SZENE HAMBURG.

Ja, der war relativ klar in seiner Haltung (lacht).

Warum halten Sie die Liste für richtig?

Die Checklist ist mit zwei Universitäten, mehreren Berufsund Behindertenverbänden erarbeitet worden und hat sich seit Einführung in der Praxis sehr bewährt. In der Branche wird die Liste vor allem als ein Ausrufezeichen wahrgenommen, als ein Arbeitsmittel im Antragsprozess, das wir zur Verfügung stellen, um ihre Projekte und Strukturen auf das Thema Diversität zu hinterfragen.

Aber erzeugt das nicht automatisch eine unterbewusste Erwartungshaltung, die wiederum Einfluss auf die künstlerische Gestaltung haben kann?

Zum Glück leben wir in einem Land, das komplette künstlerische Freiheit bietet. Die ist garantiert und wird auch durch eine Diversity Checklist in keiner Weise berührt. Die Entscheidungsprozesse leiten sich nicht von den Listen ab. Die finden bei uns in den Gremien statt. Deswegen ist es auch so wichtig, dass auch die Gremien divers besetzt sind. Wir merken in den Diskussionen in den Gremien sehr genau, dass das einen Unterschied macht und wir dadurch zu interessanten und mutigen Entscheidungen kommen. Ich freue mich darüber, dass wir den Weg mit der Diversity Checklist gegangen sind und fühle mich bestätigt durch die Reaktionen, die ebenfalls divers sind.

Was sind das für Reaktionen?

Wir nehmen vor allem wahr, dass Kreative mit Migrationshintergrund und aus dem LGBTQ-Spektrum, also diejenigen, die unterrepräsentiert sind, sich angesprochen, gehört und wahrgenommen fühlen. Das ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Wenn eine Gesellschaft in der Lage ist, unterrepräsentierten Gruppen dieses Gefühl zu geben, ist das erst mal ein richtiger Schritt – insbesondere durch eine Institution, die mit Steuergeldern agiert und damit auch die Aufgabe hat, darauf zu achten, dass es einen gleichberechtigten Zugang gibt. Wir können dieser Frage ja nicht ausweichen.

 

Es geht auch um Politik

 

In dem Film „Werk ohne Autor“ gibt es eine Szene, in der Oliver Masucci als Professor zwei Wahlplakate verbrennt und seinen Studenten sagt, dass Politik und Kunst nichts miteinander zu tun haben und die Kunst frei sein müsse. Sehen Sie diesen Grundkonflikt nicht?

Ich kann aus meiner Erfahrung als Filmproduzent sagen, dass jede Linie in einem Finanzierungsplan, die einen Finanzierungspartner benennt – also Verleiher, Vertriebe, private Investoren, Sender, Förderungen – eine Agenda hat, einen Wunsch an ein Projekt. Als Förderung haben wir für uns eine Haltung entwickelt, in der wir ganz klar sagen, dass wir einen sehr kompetenten Blick in Sachen Diversität auf die Projekte werfen, nämlich durch unsere Gremien. Wir exponieren uns da und machen uns in diesem Punkt sehr sichtbar. Genauso, wie wir uns in Sachen Regionalität klar sichtbar machen. Wir erwarten, dass ein Projekt mindestens 150 Prozent von der Summe, die wir als Förderung in ein Projekt hineingeben, in der Region lässt. Darunter machen wir es nicht. Wir haben da ganz klar definiert, unter welchen Bedingungen hier gearbeitet werden kann. Da geht es auch um Politik, da geht es auch um Steuergeld, da geht es auch um das Verhältnis zur Kunst …

… aber da bleibt der Aufschrei aus.

Im Bereich der Diversität haben wir uns auch positioniert. Nur sind wir da weit weniger hart in unseren Linien. Wir haben lediglich eine Frageliste erarbeitet, in der wir klar zu erkennen geben, dass diese Punkte wichtig sein könnten.

 

„Möglicherweise ist der eine oder andere Film bei uns nicht mehr richtig aufgehoben“

 

Sie bleiben also dabei, dass die Kunstfreiheit nicht berührt wird?

Noch mal ganz klar: Grundsätzlich kann jeder sagen, schreiben und filmen, was er möchte – solange diese Dinge innerhalb der Schranken der Gesetze stattfinden und man bereit ist, das Echo auszuhalten, das provokante Stoffe nun mal auslösen. Möglicherweise ist der eine oder andere Film bei uns nicht mehr richtig aufgehoben. Das kann schon sein. Es gibt kein Anrecht auf Förderung. Das ist nirgendwo verbrieft. Es gibt qualitative Entscheidungen, die bei uns in den Gremien gefällt werden. Und es kann sein, dass ein Projekt den gegenwärtigen Ansprüchen nicht mehr gerecht wird. Da sind wir ganz transparent und klar.

Man spürt, dass Ihnen dieses Thema sehr am Herzen liegt …

Unsere Aufgabe als Förderung ist es, nach vorn zu denken. Wer sind die nächsten Talente? Für welches Publikum sollte erzählt werden? Welches kann noch erschlossen werden? Mit welcher Filmsprache wollen wir auf das neue Publikum zugehen? Wir wollen offen sein für alle Themen und Talente. Das ist der Grund, warum das Thema Diversität bei uns so hoch aufgehängt ist. Dafür braucht es den professionellen, unverstellten Blick. Wir fördern, weil wir richtig gute Filme sehen wollen. Wir wollen Filme, die uns überzeugen und umhauen.

 

„Veränderung braucht Zeit“

 

Die Hamburger Regisseurin, Kamerafrau und Oscar-Preisträgerin Zamarin Wahdat („Bambirak“), sagte kürzlich, dass sie sich vor einigen Jahren keine Hoffnungen auf eine Karriere in Deutschland gemacht hatte und ihre Ausbildung daher in New York absolvierte.

Das ist eine traurige Aussage (Pause). Das zeigt einmal mehr, dass man dranbleiben muss. Veränderung braucht Zeit, aber auch den Willen, immer wieder Strukturen aufzubrechen, Perspektiven zu öffnen. Mir scheint es wichtig und richtig, dass wir hier in Hamburg diesen Weg beschreiten und mit der Besetzung der Gremien, der Checklist und auch der gesamten Förderung entsprechend agieren. Wer Diversität einfordert, muss auch selbst dafür sorgen, dass sie zur Normalität wird.

Kürzlich hat ein breites Bündnis unter dem Label „Green Motion“ eine Selbstverpflichtung zur Einhaltung von ökologischen Mindeststandards unterzeichnet, die ab dem Januar 2022 gilt. Was bedeutet das für die Branche?

Zunächst ist es eine Bestätigung unseres bisherigen Kurses. Das Bündnis ist aus dem Arbeitskreis „Green Shooting“ hervorgegangen, an dem wir mit anderen Filmförderungen, aber auch Produktionshäusern, Sendern und Netflix beteiligt waren. Wir haben uns gemeinsam zu Mindeststandards verpflichtet. Wir waren ja schon sehr lange mit dem Thema unterwegs, schon seit 2012 – als erste Filmförderung in Deutschland. Wir waren dann mit dem ersten verpflichtenden Kriterienkatalog, dem grünen Filmpass, ebenfalls Vorreiter. Dieser Kriterienkatalog ist nun in die Mindeststandards eingeflossen.

 

Es geht auch um Politik

 

Worin bestehen diese Mindeststandards?

Die Standards betreffen die Technik, die Ausstattung, die Energieversorgung – und alle Bereiche, die ressourcenund emissionsintensiv sind. Es gibt 21 Kriterien, von denen 18 erfüllt sein müssen, um das Label „Green Motion“ zu bekommen. Ein wichtiger Punkt ist das Reisen: Alle Reisen unter 500 Kilometern dürfen nur noch mit der Bahn zurückgelegt werden, nicht per Flugzeug. Beim Catering gibt es mindestens einen vegetarischen Tag pro Woche. Für einige Bereiche gibt es Übergangsregelungen, weil man vieles nicht von heute auf morgen umstellen kann. Das ist für die Branche ja auch ein großer Umstellungsprozess, der in die einzelnen Abläufe eingearbeitet werden muss.

Wer prüft denn die Einhaltung?

Wir als Förderung ermitteln stichprobenartig, ob konkrete Vorgaben eingehalten wurden. In schweren Fällen, also wenn ein größerer Prüfaufwand besteht, wird ein Wirtschaftsprüfungsinstitut genauer prüfen.

Sanktionen sind nicht vorgesehen?

Im Moment ist es nicht so, dass sanktioniert wird, weil die Prüfsituation noch zu amorph ist. Mir erscheint es wichtiger, dass wir die Prozesse – gerade was den Emissionsverbrauch angeht – besser prüfen, klarer beziffern und möglichst gut steuern können, statt über mögliche Strafen nachzudenken. Mir ist es generell lieber, dass wir positive Anreize setzen, anstatt beispielsweise Förderraten zu kürzen. Strafen soll­ten immer die Ultima Ratio bleiben. Der Wille bei den Produzenten ist ja da, das Thema ist angekommen.

 

Hamburg soll als Drehort bekannter werden

Machen sich die Produzenten nicht Sorgen wegen steigender Kosten?

Das ist eine sehr berechtigte Frage, weil die Produzenten im Moment wirklich auf sehr schmalem Grat unterwegs sind. Die Ansprüche, die Corona an Produktionen stellt, treiben die Kosten, hinzu kommt der Fachkräftemangel – und auch das grüne Thema ist ja nur mit einem gewissen Aufwand an Zeit und Arbeit zu haben. Insofern muss es unsere Aufgabe sein, hier möglichst ressourcensparend zu agieren, also wenig Bürokratieaufwand einzufordern und nicht jedes Detail mit einzubeziehen, sondern nur das, was wirkmächtig ist.

Im Dezember startet die Ausstellung „Close-up. Hamburger Film- und Kinogeschichten“ im Altonaer Museum – was bedeutet diese Ausstellung für den Filmstandort?

Das ist natürlich eine großartige Würdigung. So eine Ausstellung ist ja immer auch ein Schnappschuss und eine ganz wunderbare Möglichkeit, alles Revue passieren zu lassen. Ein Blick zurück, der zeigt, wie viel Potenzial und Kreativität in einem Standort zu finden sind. Ich habe mich noch nicht mit den Aufbauten beschäftigt. Ich weiß aber, dass die Kulisse von „Der Goldene Handschuh“ noch im Aufbau ist. Die Ausstellung in Altona wird sicher deutlich machen, dass der Filmstandort bereits wahnsinnig viel kann.

Vielen ist gar nicht bewusst, wie viele großartige Filme in Hamburg gemacht wurden und werden. Woran liegt das?

Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist Hamburg zuallererst Hafenstadt und nicht Filmstadt. Wir arbeiten daran, dass sich das vielleicht etwas ausnivelliert. Es ist unser Ansporn, durch Standortmarketing dafür zu sorgen, dass Hamburg als Drehort mehr Sichtbarkeit bekommt. Darin liegt eine große Chance. Das Gesicht der Stadt ist vielseitig. Zudem ist es vergleichsweise unkompliziert, hier auf öffentlichen Plätzen zu drehen. Wir müssen ein Willkommensklima für Kreative schaffen.

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Annette: Ein Filmspektakel voller Sturm und Gesang

Regisseur Leos Carax liefert mit „Annette“ eine bildgewaltige Pop-Oper der Leidenschaften. Der Eröffnungsfilm in Cannes ist ein unvergessliches Meisterwerk, das alle Sinne bedient. Regisseur Leos Carax wurde beim Filmfest Hamburg zu Recht mit dem Douglas Sirk Preis ausgezeichnet

Text: Anna Grillet

 

Los Angeles, das Publikum tobt vor Begeisterung, wenn Stand-up-Comedian Henry McHenry (grandios: Adam Driver) einem Boxer ähnlich im grünen Bademantel und schwarzen Shorts die Bühne betritt. The Ape of God, wie er sich nennt, zelebriert als Magier der Massen Menschenverachtung mit obszön animalischem Genuss. Sein Herz gehört der zarten Starsopranistin Ann (Marion Cotillard). Für die Medien ist das ungleiche Liebespaar und seine Heirat ein gefundenes Fressen. „We Love Each Other So Much” singen beide voller Inbrunst beim Waldspaziergang. Baby Annette kommt zur Welt, und es stockt einem der Atem bei ihrem Anblick, die hölzerne Gliederpuppe erinnert an eine Marionette – nur ohne Fäden.

„Annette“ ist grotesk, poetisch, visionär, ekelerregend, ergreifend, meisterhaft und unvergesslich. (Foto: Alamode Film/Amazon)

„Annette“ ist grotesk, poetisch, visionär, ekelerregend, ergreifend, meisterhaft und unvergesslich. (Foto: Alamode Film/Amazon)

Ann und Henry vergöttern die Kleine. Dunkle Dämonen quälen den Komiker. Jene hinreißende Amour fou verwandelt sich bald schon in Selbsthass, Furcht und Missgunst. Der nächste Stand-up-Auftritt gerät zum sadistischen Seelenstrip: Detailliert schildert der Antiheld auf dem Podium, wie er seine Frau zu Tode kitzelt. Das Publikum revoltiert, Missbrauchsvorwürfe werden laut. Während eines Segeltörns stößt Henry Ann nachts in die stürmischen Meeresfluten, um danach den selbstlosen Retter von Baby Annette zu mimen. Doch die unvergleichliche Stimme der Gattin ertönt fortan aus dem Mund der kleinen Tochter, die als singendes Wunderkind gnadenlos weltweit vermarktet wird. Regisseur Leos Carax („Holy Motors“) lässt das Phänomen Musical vor unseren Augen explodieren, rekreiert es als verstörenden, bildgewaltigen Rausch aus Farben, Tönen und extremsten Leidenschaften fern jeglicher formaler Zwänge.

 

Ein einzigartiges audiovisuelles Erlebnis

 

Der Rebell des französischen Kinos konzentriert sich dabei einmal mehr auf die düstere, destruktive Seite der Liebe. „Annette” ist sein erster Film in englischer Sprache. Musik und Texte stammen von Ron und Russell Mael, dem Rock Duo Sparks – ein Interview mit den Sparks Brothers gibt es bei SZENE HAMBURG. Der 60-jährige Regisseur durchbricht vom ersten Moment an die vierte Wand, die Grenze zwischen Wirklichkeit und Inszenierung löst sich auf. Ob als betörende Horror-Farce oder unversöhnliches Schuld-und-Sühne-Drama, das Musical erfindet sich neu, wechselt ständig zwischen artifizieller Hingabe und realer Bösartigkeit, Romantik, Komik und Tragik. Es fehlt jegliche Form von Ironie, Carax meint es ernst, todernst mit seiner Reflexion über Showbusiness, #MeToo, machtgierige Künstler, ein leicht manipulierbares Publikum und vor allem sich selbst. Den Film hat er seiner 16-jährigen Tochter Nastya gewidmet. „Annette” ist ein einzigartiges audiovisuelles Erlebnis: grotesk, poetisch, visionär, ekelerregend, ergreifend, meisterhaft und unvergesslich.

„Annette“, Regie: Leos Carax. Mit Adam Driver, Marion Cotillard, Simon Helberg. 140 Min. Ab dem 16. Dezember 2021 in den Kinos

Lust auf mehr? Hier gibt‘s der Trailer zu „Annette“:


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

„Eine Figur, wie ich sie noch nie gespielt habe“

Als Titelfigur in „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ nach dem Roman von Thomas Mann wird der Schweizer Schauspieler Flavio Kiener am Altonaer Theater zum Spiegel einer Gesellschaft, die betrogen werden möchte

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Im September ist die neue Verfilmung der Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ im Kino angelaufen, und nun kommt der Stoff auf die Bühne des Altonaer Theaters. Dabei reicht die Tradition der Schelmenfiguren von Till Eulenspiegel bis zu dem realen Hochstapler Frank Abagnale, den Leonardo Di Caprio 2002 in der Spielberg-Komödie „Catch Me If You Can“ verkörperte. Worin besteht der Reiz dieser Figuren, die andere Menschen austricksen und hinters Licht führen?

Flavio Kiener: Führt Felix Krull wirklich andere Menschen hinters Licht? Auch der Begriff Hochstapler klingt für mich zu negativ. Felix will nur aus seiner Welt, seinen engen Familienstrukturen ausbrechen. Er fühlt sich dort nicht zugehörig und zu etwas Besserem erwählt. Er reitet dann auf einer Welle von Begebenheiten und Möglichkeiten, die von außen an ihn herangetragen werden. Andere Menschen kommen auf ihn zu, weil sie etwas von ihm wollen und nicht umgekehrt. Felix nutzt die Gelegenheiten für sich aus, richtet dabei aber keinen großen Schaden an. Daher ist er für mich eine sympathische Figur.

Demnach ist Felix ein Spiegel der Gesellschaft, indem er zum Erfüllungsgehilfen dessen wird, was die anderen sich wünschen?

Er ist eine Projektionsfläche für das, was andere in ihm sehen. Oder wie sie durch ihn sich selber sehen. Man kann ihn fast beneiden: Er tritt auf, und sofort sind alle von ihm angetan. Da gibt es ein Verlangen nach körperlicher Nähe, aber auch emotionalem und intellektuellem Austausch.

 

Felix Krull, fast ein Schauspieler im realen Leben

 

Ist Krull ein Schauspieler im realen Leben?

Er beobachtet, wie die Menschen sich in höheren Gesellschaftsschichten verhalten, und übernimmt zunächst eine Rolle. Danach verwandelt er sich aber in neue Person und wechselt seine Identität. Darin besteht ein Unterschied zu dem, was wir als Darsteller tun, nämlich bloße Behauptungen aufstellen.

Ist es nicht ein urmenschliches Verlangen, einmal jemand anders sein zu wollen?

Als Schauspieler ganz bestimmt. Aber all die Erfahrungen, die man gesammelt hat und die einen ausmachen, legt man dabei nicht einfach ab. Krull versucht zwar, das alte Ich, das „ungültige Dasein“, wie er es nennt, abzulegen, merkt aber, dass es schwierig ist, nur noch als Marquis durch die Welt zu ziehen.

 

Der Wunsch auszubrechen

 

„Sein Inneres wird ausgewaschen und gefüllt neu gefüllt“ sagt Flavio Kiener über Felix Krull (Foto: Oliver Betke)

„Sein Inneres wird ausgewaschen und gefüllt neu gefüllt“ sagt Flavio Kiener über Felix Krull (Foto: Oliver Betke)

Wenn Felix nur das ist, was die anderen aus ihm machen, ist er doch eigentlich eine tragische Figur, die niemals zu sich selbst findet …

Total. Wenn Felix denkt, dass er etwas Besseres ist, heißt das ja auch, dass er in seinem alten Leben keinen Anschluss findet. Er hat keine Freunde, keine emotionale Bindung an die Familie. Deshalb ist sein Wunsch auszubrechen so groß. Aber nie das sein zu können, was man wirklich ist – das ist natürlich furchtbar tragisch.

Ist dieses Gefühl nicht sehr zeitgemäß? Leben wir nicht in einem Zeitalter, wo Identitäten infrage gestellt werden und die Selbstdarstellung eine große Rolle spielt?

Auf jeden Fall. So gesehen ist das eine sehr moderne Geschichte. Auch klassische Rollenverhältnisse werden von Thomas Mann infrage gestellt, etwa wenn die wesentlich ältere Madame Houpflé den jungen Felix verführt.

Kann man da nicht schon von Prostitution sprechen, wenn Felix als Liftboy gegen Bezahlung mit weiblichen Gästen des Nobelhotels ins Bett geht?

Das ist eine der Szenen, die häufig auf unserem Probenplan stehen, weil wir noch herausfinden wollen, wie viel Lust dabei von Felix’ Seite mit im Spiel ist. Warum lässt er sich auf eine solche Sache ein – wobei er ja auch seine Grenzen kennt?

 

Eine außergewöhnliche Umsetzung

 

Wie geht ihr damit um, dass der Stoff ursprünglich kein dialogisches Theaterstück, sondern ein Roman ist?

Wir spielen eine Theaterfassung von John von Düffel. Am Anfang wird viel im Rückblick erzählt, aber je weiter das Stück fortschreitet, desto dialogischer wird es. Felix zieht ja ständig das Begehren der anderen auf sich. Da ist das Spiel der anderen dann die treibende Kraft.

Treibende Kraft in Georg Münzels Inszenierung sind ja auch oft die schnellen Schnitte beziehungsweise Szenenwechsel, wie in „Absolute Giganten“, wo du den Floyd gespielt hast. Können wir bei „Felix Krull“ Ähnliches erwarten?

Zum Teil. Es wird auf jeden Fall eine außergewöhnliche Umsetzung. Wir spielen viele Szenen in unterschiedlich großen Bilderrahmen, wobei sich das Spiel dann überbordend aus den Rahmen herausbewegt. Auch die Kostüme sind sehr besonders …

Auf den ersten Blick wirkt der Roman „Felix Krull“ viel weniger komplex als vieles was Thomas Mann zu Papier gebracht hat. Man denke an den „Zauberberg“ oder den „Doktor Faustus“. Warum hat er sich trotzdem ein Leben lang mit diesem Stoff beschäftigt?

In diesem Roman steckt viel Autobiografisches. Ich glaube, dass Mann bis an sein Lebensende nach seiner eigenen Identität gesucht und sich immer wieder die Frage gestellt hat, wie viel er von seiner Homosexualität ausleben darf. Spannend wäre zu wissen, wie die Geschichte weitergehen sollte. Der Roman ist ja Fragment geblieben.

Das heißt, von Düffel hat das Ende ebenfalls offengelassen?

Bei ihm wird es zum Ende hin sehr anarchisch und chaotisch. Das übernehmen wir. Aber es gibt noch Spielraum für ein konkretes Ende.

 

„Sein Inneres wird ausgewaschen und neu gefüllt“

 

Noch bis zum 27. November ist „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ am Altonaer Theater zu sehen (Foto: G2 Baraniak)

Noch bis zum 27. November ist „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ am Altonaer Theater zu sehen (Foto: G2 Baraniak)

Was reizt dich persönlich an der Rolle des Krull?

Das ist eine Figur, wie ich sie noch nie gespielt habe und die man sich durch ein sehr feines Spiel erschließen muss. Das absurde Spiel mit großen Gesten, das sonst eher meine Sache ist, kommt diesmal von den anderen Figuren. Außerdem spiele ich erstmals eine Figur, die deutlich jünger ist als ich. Auch das finde ich spannend.

Du sagtest, dass Felix Krull auf der Suche nach seinem Platz in der Gesellschaft ist. Siehst du eine Parallele zwischen dieser Figur und der des Floyd, die du in „Absolute Giganten“ gespielt hast? Floyd heuert ja als Seemann an und will seine Heimatstadt Hamburg verlassen.

Da gibt es tatsächlich Gemeinsamkeiten, was das Gefühl anbelangt, nicht dazuzugehören und sein Glück woanders versuchen zu wollen. Aber bei Felix handelt es sich um mehr als einen bloßen Tapetenwechsel. Sein Inneres wird regelrecht ausgewaschen und neu gefüllt.

 

Vom Wochenmarkt zurück auf die Bühne

 

Felix Krull ist die erste Rolle, die du nach dem Shutdown übernommen hast. Wie hast du die Corona-Zeit überstanden? Ich habe gelesen, du hast Käse verkauft …

Der erste Lockdown kam einen Tag vor der Premiere von Meyerhoffs „Alle Toten fliegen hoch – Amerika“. Das scheint ewig lange her. Andererseits kommt es mir nur wie ein Monat vor, weil inzwischen so viel passiert ist: Meine zweite Tochter wurde geboren, und ich bin jetzt Verkäufer auf dem Wochenmarkt. Die Leute mögen die Geschichte von dem Schauspieler im Lockdown, der Schweizer Käse verkauft. Sie fiebern mit und hoffen, dass es mit der Kultur weitergeht. Aber nur ein bisschen, damit es auch morgen noch Käse gibt. (lacht)

Das heißt, deine Kunden kennen deine Geschichte?

Die meisten. Ich glaube, von denen kommen jetzt auch viele ins Theater, um sich den Käseverkäufer einmal auf der Bühne anzugucken.

„Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, Altonaer Theater, 9.–13., 17.–20., 24.–27. November


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.