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Antú Romero Nunes – Schönheit macht die Welt erst sinnvoll

Regisseur Antú Romero Nunes inszeniert zum Spielzeitauftakt am Thalia Theater „Orpheus“ und erprobt ein neues Theater der Sinnlichkeit und Emotionalität.

SZENE HAMBURG: Antú, deine Auftaktinszenierung zur neuen Spielzeit ist „Orpheus“, allerdings frei nach dem Mythos. Was heißt das?

Antú Romero Nunes: Ich arbeite gern mit mythischen Stoffen, nehme sie zum Ausgangspunkt. Man kann schauen, was der Probenprozess daraus macht. Das Theater braucht langsam neue Stücke. Uns gehen die guten Stoffe aus. Der Mythos ist der Ausgangspunkt, um frei anzudocken. Die Proben wer­ den dadurch gewissermaßen zu einem Schreibprozess mit den Schauspielern. Sie haben dann viel weniger Halt und müssen gucken. Das ist auch gut für sie, weil das wach hält und ihr Talent kitzelt.

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Dieser Artikel stammt aus der SZENE HAMBURG 9/18. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.

Was interessiert dich an Orpheus?

Das Thema von Orpheus ist toll, weil es die erste Trauerverarbeitung in der Menschengeschichte ist, genauso wie die erste Märtyrerfigur. Dabei ist Orpheus auch noch der Künstler, er ist ja in der Mythologie auch der Sänger und gleichzeitig der Märtyrer. Er singt, weil er leidet. Die Welt ist nur durch Leiden erfahrbar, genauso wie die Liebe…

… Orpheus steigt hinab in die Unterwelt zu seiner Geliebten, Eurydike, und dreht sich um, was er laut der Götter nicht darf.

Das ist eben das Rätsel. Es ist ja nicht erklärbar. Er kriegt sie. Hat alles, was er will – und er dreht sich um und verliert sie wieder. Das Schicksal ist nun mal stärker, könnte man deuten. Das andere ist aber, dass das ein großes Opfer ist. In dem Moment, wo er sich zum Märtyrer macht, ist er frei. Er dreht sich vielleicht nur um, um sich selbst zu definieren. Er hat sie bekom­men und gibt sie wieder weg. Er de­finiert sich als Mensch. Er erkämpft sich das Unmögliche und er schmeißt es wieder weg. Mich interessiert die Haltung: Ich dreh mich um, weil ich lasse mir nichts vorschreiben. Als Akt der Selbstbestimmung.

“Weniger erklären, mehr spüren.”

Die Musik wird in deiner Inszenierung eine große Rolle spielen…

Ja, die Musik muss eine große Rol­le spielen. Orpheus ist der erste Sänger der Geschichte. Die ganze Geschichte orphisch zu erzählen, also über Musik, ist der einzige Weg. Ich denke an ein Theater, das beinahe nur über Emoti­onen läuft – eine Art Forschungsreise von mir ist es gerade: Kann man rein emo­tionales Theater machen? Weniger erklä­ren, mehr spüren?

Welche Musik wird das auf der Bühne sein?

Anna Bauer und Johannes Hoffmann, die teils auch die Musik zu „Don Giovan­ni“ gemacht haben, komponieren wild herum und werden eine Art Roadtrip die Welt erst sinnvoll in den Hades liefern. Auf der Probe spielen sie Musik. Wir legen Szenen drauf und andersrum. Wir schreiben das Stück im Prinzip gemeinsam wie in einer rie­sigen Jamsession. Wir versuchen alles im Moment zu machen und zu erfassen. Wir haben ja so viele talentierte Menschen da, die wissen, wo es langgehen kann. Da kommt viel zusammen, Was als Nächstes kommt, kann keiner so genau wissen, wie im Leben.

Du bist gerade in Sizilien, während wir telefonieren. Bringst Du von dort Inspiration oder ein Gefühl für die Inszenierung mit?

Ich habe mir einfach ein paar Wochen genommen und bin mit dem Auto hier hergekommen, ich wollte allein sein, und jetzt bin ich unerwartet in einer riesigen Community gelandet, habe plötzlich interessante Menschen gefunden. Das ist irgendwie gut. Ich arbeite weniger, als ich wollte. Die deprimierenden Philosophen lese ich für „Orpheus“ zwar immer noch – und danach habe ich immer Leute um mich rum, die mich auslachen, weil ich so viel lese. Gewissermaßen ist es sehr orphisch hier. Das regt mich an, ob ich überhaupt Text in die Inszenierung reinbringe oder nicht den Zugang kom­plett über die Emotionalität lege. Es ist sehr physisch, über den Körper zu erzäh­len, und der Schauspieler nicht die ganze Zeit plappert. Für die Schauspieler eine Herausforderung.

Noch mal konkret zur Inszenierung. Orpheus ist in deiner Inszenierung eine Frau?

Ja, ich erzähle das mit zwei Frauen. Ich fand, dass das sehr gut passt, wenn es um die Liebe geht. Man kann so gut auf die Liebe schauen, weil die Normen, der Mann muss jetzt aber dieses und jenes tun, oder die Frau das und das, die kann man ganz gut beiseitelassen.

“Die Probenprozesse werden chaotischer und freier.”

Orpheus im Thalia Theater Foto: Thalia Theater

Wo steht die „Orpheus“-Inszenierung in deiner eigenen Entwicklung als Regisseur?

Die Probenprozesse werden immer chaotischer und freier. Jeder Mensch, der da ist, gestaltet mit. „Don Giovanni“ trägt ja auch den Untertitel eine Bastard­komödie. Jetzt machen wir noch mal ei­nen Bastard, aber anders, eine Tragödie, ohne Libretto. Ich probe wie gesagt gerade mit Theaterformen, die nicht so diskur­siv sind, sondern bei denen nicht so viel erklärt wird, bei denen geguckt wird auf das wirklich Wichtige, das Menschliche. Das war ja auch schon bei der Odyssee so, Sprache war verständlich durch Handlung und Tonfall. „Orpheus“ lässt sich nur über Musik erzählen, wie auch der „Don Giovanni“, aber diesmal eben ohne Libretto. Die Sinnlichkeit und den Körper zu erzählen, das ist für die Schauspieler, wie ins kalte Wasser zu springen.

Gibt es einen idealen Zuschauer für dein neues Theater?

Salopp gesagt: Der Zuschauer soll sich entspannen. Man merkt den Erfolg immer daran, dass es Menschen gibt, die dich unentwegt kritisieren. Man kann eben alles kaputt machen. Ich frage mich dann immer, warum einige Menschen das Leben so sehr hassen. Ich kann jeden Film und jedes Theater kaputt reden und jede Liebe übrigens auch, und dann ist sie kaputt und der Sex schlecht… Wie kriege ich überhaupt Menschen dazu, wieder auf das Leben zu schauen, frage ich mich für mein Theater? Wir reden immer vom pädagogischen Auftrag des Theaters.

“Kunst und Kultur können helfen, die Scheiße aus dem Kopf zu kriegen.”

Und, was wäre er sonst?

Die Aufgabe des Theaters besteht glaube ich darin, die Zuschauer wieder sinnlich aufs Leben schauen zu lassen. Die Schönheit wieder zu erkennen. Diese ist nicht zu unterschätzen: Eine schöne Handlung ist immer selbstlos und meistens gut. Mach doch schöne Dinge und sei ein schöner Mensch. Die Welt ist ein sinnloses Konstrukt und nur als sinnlich erfahrbares Objekt überhaupt sinnvoll. Also lasst uns um die Sinnlichkeit kümmern. Schönheit ist das, was das Leben lebenswert macht. Keine hässlichen Beschwerden, sondern schauen, was dem Leben Schönheit bringt. Das bedeutet ganz konkret handeln. Dafür ist emotionales Theater da.

Hast du eine Definition von Kunst und Kultur?

Vielleicht so, Kunst und Kultur können helfen, die Scheiße aus dem Kopf zu kriegen. Man darf nicht unterschätzen, was es bedeutet, zerstreut zu werden von dem ganzen Chaos im Leben, und den ganzen Mist um uns herum aus dem Kopf zu schaffen. Es gibt uns die Möglichkeit, die Welt auf den Kopf zu stellen, durchuschütteln und zu schauen, was übrigbleibt. Über das unendliche Universum kann man nicht sprechen, man muss es gestalten. Wie der Urknall, eine langandauernde Explosion eben.

Interview: Stefanie Maeck
alle Fotos: Thalia Theater

Orpheus läuft noch bis zum 13.1.2019 im Thalia Theater.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

 

 

 

 


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Max Frisch fragt… Maren Schönfeld

In unserer Reihe „Max Frisch fragt…“ kommt der alte Meister der Literatur mit den Wortkünstlern der Gegenwart ins Gespräch. Dieses Mal mit Maren Schönfeld. Die Lyrikerin hat gerade ihr neues Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel “Töne, metallen, trägt der Fluss – eine lyrische Elbreise”.

Können Sie sich ein leichtes Sterben denken?

Ja, als Wechsel in die nächste Welt.

Halten Sie die Dauer einer Freundschaft, die Unverbrüchlichkeit, für ein Wertmaß der Freundschaft?

Nein. Nähe und gegenseitiges Verständnis sind mir wichtiger.

Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?

Dass der Klimawandel noch aufzuhalten ist.

Was gefällt Ihnen am Neuen Testament?

Dass die Liebe das Größte ist (1. Kor. 13,13).

Wie stellen Sie sich Armut vor?

Beklemmend, weil alles gut überlegt sein will, man immer vernünftig und kostenbewusst haushalten muss – sicherlich auf Kosten der Spontaneität und der eigenen Wünsche.

Wem wären Sie lieber nie begegnet?

Niemandem. Ich habe auch oder gerade aus unliebsamen Begegnungen sehr viel gelernt.

Interview: Jenny V. Wirschky

Lesung am 20.9.2018 ab 19:30 im Kulturzentrum Motte
www.lyrischeelbreise.com


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Mehr Literatur?

Ring & Wrestling – Göttersoap in der Staatsoper

Eine Telenovela auf der Opernbühne nennt sich, logisch, „operanovela“. Das neue Serien-Format der Staatsoper „Ring & Wrestling“ startet mit fünf Folgen. SZENE HAMBURG sprach mit dem Regisseur Dominik Günther, selbst ehemaliger Wrestler.

SZENE HAMBURG: Dominik Günther, „Der Ring des Nibelungen“ mit jenem Ring zusammenzubringen, in den die Wrestler steigen, liegt nicht unbedingt auf der Hand. Ist der Begriff Ausgangspunkt für Gemeinsamkeiten?

Dominik Günther: Nein, da gibt es andere. Beides ist martialisch, kraftvoll und nutzt Pathos. Eine Soap dreht sich meist um eine Familie, in diesem Fall sind es die Götter aus Wagners Opern: Wotan, seine Ehefrau Fricka, Wotans Tochter Brünnhilde, die er allerdings mit Erda zeugte, und Donner, ein Security-Mann, der in Brünnhilde verliebt ist. Zu dieser Riege stoßen in jeder Folge neue Gäste, wie man das aus Telenovelas kennt. Freya, zum Beispiel, Frickas Schwester.

“die klassische Oper mit der Hamburger Subkultur verbinden”

Inhaltlich geht es ja da weiter, wo Wagner aufhört: Den Göttern dämmert’s, dass sie nicht mehr gebraucht werden, doch das wollen sie nicht hinnehmen…

Walhall ist abgebrannt, die Götter sind auf der Flucht, wollen aber ihre Macht unbedingt zurückgewinnen. Dabei soll ihnen ein Held, ein neuer Siegfried helfen. Hier kommen die Wrestler aus der Kultveranstaltung „Rock & Wrestling“ von St. Pauli ins Spiel. Kandidaten wie The One and Only und Pinkzilla bewerben sich, aber auch Haidi Hitler, die große Wagner-Kennerin.

Wird es eine Persiflage auf Wagner-Opern?

Nein, wir nehmen die Arbeit sehr ernst, das Genre wird keineswegs niedergemacht. Mich als Regisseur interessieren dabei verschiedene theatralische Ausdrucksformen. Wrestling hat viel von einer griechischen Tragödie, vom Kampf Gut gegen Böse. Es sind Haltungen, die gegeneinander antreten. Ich wollte die klassische Oper mit der Hamburger Subkultur verbinden.

“Richard Wagner hätte Quadrophonie genutzt”

Was passiert musikalisch oder: Wie viel Wagner bleibt?

Anteilig kann ich das nicht benennen. Der musikalische Leiter Leo Schmidthals, bekannt als Bassist der Band Selig, nimmt Puzzleteile aus Wagner-Kompositionen. Die spielt ein fünfköpfiges Orchester live, verfremdet durch elektronische Musik. Ich bin sicher, auch Richard Wagner hätte Quadrophonie genutzt, wenn er die Chance gehabt hätte – er war Künstler. Außerdem ist Punkrock aus der Westling-Szene zu hören sowie Rezitative aus den Opern, also in beiden Fällen extreme Musik.

Die einen singen göttergleich, die anderen bewegen sich in ihrem Metier, wie verbinden sie sich?

Die Opernsänger entwickelten während der Proben eine Affinität zum Wrestling, sie wollten wissen, wie es möglich ist, jemanden auf den Kopf zu knallen, ohne ihm das Genick zu brechen. Dahinter stecken ja Tricks, eine bestimmte Technik und choreografierte Bewegungsabläufe, wie beim Ballett. Darsteller aus beiden Metiers erzählen Geschichten auf der Bühne, spielen Theater.

Haben Zuschauer ohne Kenntnisse des Wagner-Kosmos den gleichen Genuss?

Ganz sicher, jeder Abend wird spektakulär. Wir erzäh­len keine Story à la Nibelun­gen. Vielleicht haben Wagner­-Kenner manchmal mehr da­ von, weil sie in Pinkzilla den Drachen Fafner oder Facetten von Alberich in Wotan er­kennen, aber andererseits gibt es auch Anspielungen auf die Wrestling­-Szene.

Für seinen „Ring des Nibelungen“ sah Wagner vier Abende vor, Sie planen fünf Folgen von „Ring & Wrestling“ an aufeinander folgenden Samstagabenden; wird erwartet, dass das Publikum dranbleibt?

Zu Beginn erzählt immer jemand, was bisher geschah, man kann also jederzeit ein­steigen.

“Das Publikum ist eingeladen, Position zu beziehen”

Wrestling hat eine große Fangemeinde, und Wagner-Musik Legionen von Anhängern – aber gibt es eine Schnittmenge im Publikum?

Vielleicht jetzt noch nicht. Aber das Publikum über­nimmt bei „Ring & Wrestling“ ja ebenfalls eine Rolle, es spielt die Fans der jeweiligen Helden und ist eingeladen, Position zu beziehen, seine Favoriten anzufeuern. Ich hoffe sehr, dass sich Zuschauer aus beiden Bereichen treffen.

Wird schließlich ein Siegfried-Nachfolger gefunden?

Ich will nicht zu viel ver­raten. Aber: Am Ende ist ein neues Walhall in Sicht!

Interview: Dagmar Ellen Fischer
Beitragsfoto: Frank Egel

Opera stabile, Premiere am 7.9., 15., 22., 29.9. www.staatsoper-hamburg.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


Mehr Hamburger Theater?


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Kolonialismus – Spuren der Ausbeutung

Hamburg als Hafenstadt gilt als „Tor zur Welt“. Früher war es das Tor zur Unmenschlichkeit. Die der Stadt viel Reichtum brachte. Ein düsteres Kapitel, das gerne vergessen wird.

Die Donnerstraße im schicken Ottensen, das Straßenschild um­geben von Altbaufassaden. Da­runter das Hinweisschild: „Fa­milie D. (18. bis 20. Jh.) – För­derer gemeinnütziger Einrich­tungen“. Das klingt erst einmal gut. Nach einer Familie, die sich um das Gemeinwohl verdient gemacht hat. Und in der Tat: Die wohlhabende Kaufmannsfami­lie um Conrad Hinrich Donner (1774–1854) ging großzügig mit ihrem Vermögen um und un­terstützte unter anderem die Altonaer Sonntagsschule zur fachlichen Weiterbildung von Handwerkern und Künstlern, ließ für das Kirchspiel Othmarschen die Christuskirche errich­ten und das Erholungsheim in Döse an der Nordsee erbauen und anschließend dem Altonaer Kinderhospital übereignen. Was nicht auf dem Schild steht: Die Familie erwirtschaftete ihren Reichtum zum Teil mit fragwür­digen Mitteln. Die Firma C.H. Donner handelte intensiv mit Waren wie Tabak, Zucker und Kaffee, die unter Ausbeutung der einheimischen Bevölke­rungen aus fernen Ländern nach Hamburg gebracht wurden. 1899 gründete Conrad Hinrich Donners gleichnamiger Enkel in La Paz die Vereinigung zur Aus­beutung der Gummivorkom­men in Bolivien.

So waren damals eben die Verhältnisse und kein Mensch ist moralisch vollkommen, wen­det so mancher ein. Deswegen die Straßennamen zu ändern, sei der überzogene Versuch, die Geschichte moralisch zu reini­gen, sagen Kritiker. Die immer noch stattfindende Reduzierung kolonialer Eroberer und Aus­beuter auf ihre positiven Seiten sei eine nostalgische Verklärung der Kolonialzeit, wenden Post­kolonialismus­-Forscher ein. So viel ist sicher: Deutsch­lands Rolle in der Kolonial­zeit fand in der Vergangenheit kaum ein öffentliches Bewusst­sein, die von Deutschen began­genen Verbrechen wurden bis heute nur ungenügend aufge­arbeitet. Dazu gehört beson­ders der Völkermord an den Herero und Nama in der Kolonie Deutsch­Südwestafrika (heute Namibia) von 1904 bis 1908, in Folge dessen schät zungsweise 70.000 bis 80.000 Herero und ungefähr 10.000 Nama umgebracht wurden.

Der Historiker und Afrikawissenschaftler Jürgen Zim­merer verfolgt den mühseligen und von der deutschen Bun­desregierung halbherzig be­gegneten Versuch der Nach­fahren um Anerkennung und Entschädigung. Für ihn ist der Völkermord „der erste deut­sche Genozid“ des 20. Jahr­hunderts. In seinen Büchern arbeitet Zimmerer gegen das falsche Bild an, deutsche Ero­berer seien gute und harmlose Missionare gewesen. Seit 2014 ist er der Leiter der Forschungsstel­le „Hamburgs (post­)koloniales Erbe /Hamburg und die frühe Globalisierung“ an der Univer­sität Hamburg, wo er und seine Mitarbeiter die Rolle der Hafen­stadt Hamburg in der Koloni­alisierung und die heute noch sichtbaren Folgen erforscht.

Jürgen Zimmerer im Interview über den Kolonialismus in Hamburg

Prof. Dr. Jürgen Zimmerer beschäftigt sich als Historiker mit dem Kolonialismus in Hamburg. Foto: UHH/Dingler

SZENE HAMBURG: Herr Zimmerer, welche Bedeutung hatte Hamburg für den Kolonialismus?

Prof. Dr. Jürgen Zim­merer: Die spannendere Frage ist… welche Rolle hatte der Kolonialismus für Hamburg? Dazu muss man sagen: Hamburg, das sich gerne als Tor zur Welt preist, war Deutsch­lands Tor zur kolonialen Welt. Das betrifft nicht nur den Umgang mit den deutschen Kolonien – also die Jahre 1884 bis 1918, denn auch die übrige Welt, mit der man als Hafen­ stadt Handel trieb, war eine koloniale Welt. Ökonomisch ist Hamburg also eng mit dem Kolonialismus verbunden. Auch kulturell. Denken Sie etwa an das Völkerkundemu­seum, das jetzt umbenannt wird. Völkerkundemuseen stellten damals fremde „Kulturen“ aus. Das Bürgertum wollte Exotik sehen, und diese Exotik wurde ausgestellt. Die zur Schau gestellte „Primiti­vität“ und die Andersartig­keit verstärkten wieder das Überlegenheitsgefühl der Europäer und dienten auch als Rechtfertigung kolonialen Ausgreifens; es herrschte ein symbiotisches Verhältnis zum Kolonialismus.

Welche Spuren sind heute noch sichtbar?

Nehmen Sie Hagenbecks Tierpark. Hagenbeck wird ge­feiert für die Erfindung des Freigeheges für Tiere. Um die Jahrhundertwende perfek­tionierte er aber auch die Völ­kerschauen, also die Menschenzoos. Darüber wurde er weltbekannt. Man stellte Menschen in ihrem „natür­lichen“ Umfeld aus – was bis heute nicht wirklich aufgear­beitet ist.

Was noch?

Zum Beispiel die Spei­cherstadt, ein Weltkulturerbe. Was wurde da eigentlich ge­speichert? Da sind wir auch wieder bei den Kolonialwa­ren. Oder ein anderes Bei­spiel: Ein Vorläufer der Uni­versität Hamburg wurde 1908 als Kolonialinstitut gegrün­det. Lange Zeit hat sich auch die junge Universität über die Kolonialwissenschaften de­finiert. Im Dritten Reich gab es sogar den Plan, ein zweites Kolonialinstitut zu schaffen.

Durch die 68er gab es dann den ikonischen Sturz des Wissmann­-Denkmals, das vor dem Hauptgebäude der Uni­versität stand – eine erste Auf­lehnung gegen die kollektive Amnesie. Da zeichnete sich der Wandel vom Kolonial­institut zu einer Institution der Dekolonisierung ab – ein Prozess, der 2014 durch die Einrichtung der Forschungs­ stelle „Hamburgs (post­)kolo­niales Erbe /Hamburg und die frühe Globalisierung“ in ge­wisser Weise fortgesetzt wird.

“Hamburg ist tief mit dem Kolonialismus verbunden”

Sie kritisieren die Bundesrepublik häufig für ihre Trägheit in der Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit; besonders im Umgang mit dem Genozid an den Herero und Nama im heutigen Namibia. Wie sieht es mit der Aufarbeitung in Hamburg aus? Die Einrich- tung der Forschungsstelle ist doch ein positives Beispiel.

Ja! Die Einrichtung die­ser Forschungsstelle ist ein deutliches Signal und wirk­lich avantgardistisch – und die Politik hat dafür die Rah­menbedingungen geschaf­fen. Eine Forschungsstelle als Grundlagenforschung, die für die Kolonialgeschichte Ham­burgs die Faktenlage erarbei­tet, auf deren Grundlage dann gesamtgesellschaftlich ein Erinnerungskonzept disku­tiert werden kann – das ist der richtige Weg. Es ist die einzige Forschungsstelle dieser Art in Europa, sie ist also ein veri­tables Alleinstellungsmerkmal und findet trotz geringer Mittel internationale Beach­tung. Hamburg ist als Ort da­ für auch richtig, eben weil es als Hafenstadt so tief mit dem Kolonialismus verbunden ist. Mittlerweile, ist nicht zu­ letzt auf Drängen Hamburgs das Thema Kolonialismus auch mit in den Koalitions­vertrag der Großen Koalition in Berlin aufgenommen wor­den. Da bewegt sich langsam etwas, aber die Bundespoli­tik ist nun einmal träge. Wenn Berlin klug ist, nutzt es, was in Hamburg schon da ist.

Welchen Fragen gehen Sie in der Forschungsstelle nach?

Dem Kolonialismus und seinen Folgen in seiner gan­zen Bandbreite, und zwar wo immer möglich in Kollabo­ration mit Kollegen und Kol­leginnen aus den ehemaligen Kolonien. So haben wir dieses Jahr etwa drei Künstler aus Namibia hier, die an einem Projekt über historische Fotos aus der Zeit des Genozids an den Herero und Nama arbei­ten.

Ein anderer Kollege aus Dar es Salaam, der Partner­stadt Hamburgs, sitzt an einer Studie über die Erinnerung an den deutschen Kolonialismus in Tansania. Ein großes Pro­jekt befasst sich mit der Insze­nierung des Kolonialismus in Hamburg, in der Gesellschaft, ebenso wie in den Theater­ und Opernhäusern in Ham­burg. So konnten wir bereits zeigen, dass eben auch das Thalia Theater wie auch alle anderen Bühnen genauso pro­ kolonial waren wie etwa Ha­genbeck. Es gibt auch ein Aus­stellungsprojekt über Hagen­beck, aber leider nicht mit den Vertretern von Hagenbecks Tierpark. Sie konnten bisher nicht für eine Zusammenar­beit gewonnen werden.

“Die Handelskammer hatte einen Anteil daran, dass Deutschland zur Kolonialmacht wurde”

Welche zukünftigen Projekte sind geplant?

Wir wollen uns vor allem der kolonialen Wirtschaft widmen, sowohl den koloni­alen Warenketten als auch der Beteiligung von Hamburge­rinnen und Hamburgern am transatlantischen Sklavenhan­del. Damit wollen wir auch unseren Beitrag zum Deutschen Hafenmuseum leisten, das ja in Hamburg gebaut wird. Derzeit sind wir auch in Gesprächen mit der Handelskammer, weil sie historisch einen ganz konkreten Anteil daran hatte, dass Deutschland zur Kolonialmacht wurde. Es gibt ein Schreiben an Bis­marck von 1883, in dem steht, Deutschland möge doch bitte Kolonien gründen. Es wäre wichtig, wenn wir sie als Part­ner gewinnen könnten.

Beim 2. Transnationalen Herero- und Nama-Kongress im April hat sich Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda für den Genozid in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika bei den Nachfahren der Opfer entschuldigt. Sie haben die Situation anschließend als „bewegenden Moment“ bezeichnet.

Das war auch ein bewe­gender Moment. Als jemand, der sich sein Berufsleben lang der Erforschung dieses Genozids widmet und auch des Rassenstaates, der dort errich­tet wurde, hat mich Brosdas Rede beeindruckt. Und dann auch noch hier im Rathaus, ausgerechnet im Kaisersaal, der nach dem Kaiser benannt ist, der den Genozid mitzu­verantworten hat. Dass ein Politiker in diesem Rahmen den Nachfahren gegenüber die richtigen Worte findet, ist begrüßenswert, gerade auch weil sich die Bundesregierung hiermit so schwertut. Und für die Nachfahren der Opfer war es ungeheuer wichtig. Sonst wären sie wieder mit diesem Gefühl abgefahren, dass sich in Deutschland kein Mensch darum kümmert, wie es ihren Vorfahren erging.

Wussten die Hamburger damals eigentlich vom Genozid an den Herero und Nama?

Ja! Wir konnten etwa nachweisen, dass Hamburg als Hafenstadt im Herero­krieg eine zentrale Rolle ge­spielt hat. Die Woermann­ Linie besaß ein Monopol für Truppentransporte nach Süd­westafrika und folglich lief der gesamte Truppen­ und Nachschubtransport über Hamburg. Es wurden regel­rechte Abschiedsfeiern für die abfahrenden Truppen geschmissen. Dieser Krieg war also auch im städtischen Bewusstsein.

“Es gab kaum ein Unrechtsbewusstsein”

Gab es ein Unrechtsbewusstsein?

Ganz generell kann man sagen: Es gab kaum ein Un­rechtsbewusstsein. Man war allgemein der Meinung, dass die Verdrängung der einhei­mischen Bevölkerung durch die Weltgeschichte gerechtfertigt sei, weil die „zivilisa­torische Überlegenheit“ dazu berechtige. Eine Haltung, die sich als Muster durch die gan­ze Kolonialgeschichte zieht.

Das heißt, die Hamburger Bürger wussten konkret, dass Tausende Menschen ausgebeutet oder sogar umgebracht wurden?

Sie konnten es wissen. Auch wenn das im Einzelnen schwer zu messen ist. Aber Kolonialismus war präsent, und auch die damit verbun­denen Menschenrechts­verletzungen. Ich denke, es ist wie im Dritten Reich: Die Leute wussten viel mehr oder konnten zumindest viel mehr wissen.

Ein anderes Thema, das für viel Diskussionsstoff sorgt, sind die Straßennamen, die nach Personen aus der Kolonialzeit benannt sind oder auf die Kolonialzeit verweisen. Etwa in der HafenCity.

Die gibt es auch in Wands­bek und in anderen Vierteln. Der Dominikweg oder die Wissmannstraße zum Beispiel.

“Es wird nostalgisch verklärt”

Wie sollte man Ihrer Meinung damit umgehen?

Das ist eine ganz schwie­rige Frage. Man muss offen darüber diskutieren. Und an dieser Stelle kann auch die Forschungsstelle einen Bei­trag leisten, indem sie die Fakten zu den Personen lie­fert. Wir müssen ganz offen darlegen, wofür diese Na­men stehen. Denn meistens wird auch da noch nostal­gisch verklärt. Da wird in der Beschreibung des Straßen­ schildes schon mal aus einem Wissmann, der ein Eroberer und Kriegsverbrecher war, ein „Forschungsreisender“ oder „Afrikakenner“. Man kann sich auch nicht auf die Be­hauptung zurückziehen, dass es damals anders gemeint ge­wesen sei. Wenn Gruppen wie die „Initiative Schwarze Men­schen in Deutschland“ sich über die Namen beschweren und man sie trotzdem nicht umbenennt, dann ist das im Grunde ein Akt der Neuset­zung. Die Gesellschaft sagt: Nein, wir wollen den Kriegs­verbrecher ehren. Ob man das will, ist dann die Frage.

Ich finde, dass man einen Teil der Namen umbenennen kann. Wichtig ist nur, dass man sie in Übereinstimmung mit dem historischen Kontext umben­ ennt. Man sollte einen Wiss­mann nicht durch irgendje­manden ersetzen, sondern vielleicht durch jemandem, der im Widerstand gegen ihn oder gegen den deutschen Kolonialismus in Ostafrika war. So bliebe der historische Bezug, das historische Ge­dächtnis erhalten.

Aber Wissmann würde aus dem Bewusstsein verdrängt werden.

Man kann den Straßen­namen umbenennen und ein Schild hinzufügen: „Vormals Wissmannstraße“ und dann begründen, warum Wiss­manns Bild sich geändert hat und er kein Vorbild mehr für die deutsche Gesellschaft im 21. Jahrhundert sein kann. Vielleicht würde das mehr Aufmerksamkeit auf seine Taten lenken. Aber diese Ent­scheidung muss die Zivilge­sellschaft treffen, unter Ein­bindung der vom Kolonialis­mus und Rassismus am un­mittelbarsten Betroffenen.

Text und Interview: Ulrich Thiele
Beitragsfoto: Jérome Gerull

Online: Kolonialismus.Uni-Hamburg.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2018. Das Magazin ist seit dem 28. Juli 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

 

 

 

 


Mehr Interviews mit Hamburger Köpfen:


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Privattheatertage – “Einfach mal mehr Mut haben”

Die Privattheatertage sind in Hamburg mittlerweile eine feste Größe. Zwölf ausgesuchte Produktionen aus ganz Deutschland sind im Juni zu Gast. Jurymitglied und Schauspielerin Marion Elskis erzählt, warum es in diesem Jahr ein Festival der starken Frauen ist – obwohl nur zwei der Stücke von Regisseurinnen inszeniert wurden.

SZENE HAMBURG: Marion Elskis, Sie stehen bei den Privattheatertagen nicht selber auf der Bühne, sondern saßen in der reisenden Jury. Wie ist das, einmal selbst in die Rolle des Kritikers zu schlüpfen?

Marion Elskis: Wunderbar. Es hat wirklich großen Spaß gemacht, einmal nicht beurteilt zu werden, sondern selber zu beurteilen.

Wie viel Stücke haben Sie sich angesehen?

Ich war in einer von insgesamt drei Jurys, wir haben uns Klassiker beziehungsweise moderne Klassiker angesehen. Das waren insgesamt 24, verteilt in ganz Deutschland. Und wir durften nur vier davon einladen! Da waren wir uns nicht immer in allem einig.

Welche Klassiker haben es zum Festival in Hamburg geschafft?

„Buten vör de Döör“ von Borchert, eine Produktion vom Ohnsorg Theater Hamburg. Außerdem wird „Das Lächeln am Fuße der Leiter“ von Henry Miller aufgeführt, ein Einpersonenstück aus Dresden. Und „Die Liebe der kleinen Mouche“ ist zu Gast, vom Theater Waidspeicher aus Erfurt. Die Hauptrollen sind zwei Puppen, die von Schauspielern gespielt und gesprochen werden – eine ganz zarte, liebevolle Inszenierung. Puppentheater kommt hier immer gut an, letztes Jahr hat ein Stück mit Puppen auch den Publikumspreis gewonnen. Außerdem „Hamlet“ von Shakespeare in einer sehr besonderen Inszenierung vom Forum Theater Stuttgart.

Puppentheater verzaubert, vielleicht weil es die Menschen zurück in die Kindheit versetzt…

Das ist das richtige Wort. Ich war zwei Stunden lang verzaubert, versunken in dieser Geschichte. Ich freue mich aber auf alle Stücke sehr, es ist wirklich ein toller Spielplan geworden.

Warum sind die Privattheatertage so wichtig für Privattheater?

Um darauf aufmerksam weil es in vielen Städten und vor allem in Hamburg Privat­theater mit sehr guten Stü­cken gibt. Für die ist unser Festival natürlich eine wahn­sinnig gute Plattform.

Axel Schneider, der Initiator der Privattheatertage, sagte letztes Jahr bei der Eröffnung, die Theaterhäuser in Hamburg hätten sehr unter der Eröffnung der Elbphilharmonie gelitten. Hat sich daran etwas geändert?

Die Eröffnung der Elb­philharmonie war natürlich ein Publikumsmagnet. Und auch verständlicherweise. Das ist etwas Neues, das macht die Leute neugierig. Und wenn man den Preis für eine Karte in der Elbphilhar­monie bezahlt, bleibt erstmal nicht so viel Geld für andere Kultureinrichtungen. Das ha­ben wir natürlich zu spüren bekommen, aber sicherlich war das bei allen Theater­häusern so, auch bei den staat­lichen. Da gab es denke ich gar keinen Unterschied.

“Es gibt wenig Rollen für ältere Frauen zwischen 40 und 60”

Dieses Jahr wird der Monica-Bleibtreu-Preis zum siebten Mal verliehen. Warum fiel die Wahl bei der Benennung auf Frau Bleibtreu?

Um ihr ein Denkmal zu setzen. Sie war eine tolle Schauspielerin, die leider viel zu früh gestorben ist. Ihr Va­ter hatte ein Theater in Wien, sie war dem Privattheater auch immer sehr verbunden. Das war wahrscheinlich auch ein Grund für diese Wahl.

Braucht es mehr starke Schauspielerinnen wie Monica Bleibtreu?

Es gibt natürlich einige starke Frauen. Es kann aber nie genug geben!

Ihre Jurykollegin Tanja Müller sagte, dass die Privattheatertage dieses Jahr ein Festival der starken Frauen sei. Welche Stücke sind unter diesem Aspekt besonders hervorgestochen?

Das Stück „7 Minuten“. Der Chef einer Firma will in darin die Pause um sieben Mi­nuten verkürzen. Die Frauen des Betriebsrates diskutieren dann darüber, jede mit ihrer eigenen Motivation und Ar­gumentation. Ein sehr gutes Theaterstück mit starken Frauen. Auch interessant ist die Produktion von „Ham­let“. Die Hauptrolle wird von einem Mann gespielt, alle an­deren Rollen von fünf Frauen. Klassische Werke sind ja nicht immer so leicht verständ­lich, aber dieses Stück hat sich sehr modern und aktuell an­ gefühlt. Es ist natürlich auch spannend zu beobachten, wie diese Frauen in verschiedene Rollen schlüpfen, aber das hatte wahrscheinlich auch ei­nen Kostenspargrund. Womit wir wieder bei den Problemen des Privattheaters wären.

Klassische Stücke sind nicht bekannt für ihre progressive Geschlechteraufteilung. Braucht es neues Material, um Frauen in der Theaterwelt zu stärken?

Beides ist wichtig. Sowohl alte Stücke, die mutig neu in­szeniert werden, als auch neue Werke. Die könnten auch gerne frauenlastiger sein, das wäre schön. Ich habe in der Vergangenheit öfter gedacht: „Typisch, jetzt gibt es schon wieder fünf Männerrollen und nur eine Frau.“ Deswegen habe ich mit einer Kollegin zusam­men ein Zweipersonenstück, beide weiblich, geschrieben und in Hamburg und Berlin aufgeführt. Es braucht mehr Stücke dieser Art. Außerdem fällt mir immer wieder auf, wie wenig Rollen es für äl­tere Frauen gibt. Bis zu einem bestimmten Alter ist die Geschlechteraufteilung meistens sehr ausgewogen, aber das An­gebot für Schauspielerinnen zwischen ungefähr 40 und 60 ist sehr dünn.

Wie kann man Frauen in der Theaterbranche noch weiter stärken?

Frauen sollten auch mal öfter den Mut haben, Regie zu führen. Dann würde sich das vielleicht von alleine ergeben, dass es mehr Rollen für Frauen gibt. Ich meine auch, wir haben jetzt bei den Privattheatertagen kaum Re­gisseurinnen. Ich zähle eben mal im Programm nach … Ja, es sind zwei von zwölf Stü­cken. Das ist schon bezeich­nend. Wir Frauen sind außer­ dem immer so selbstkritisch. Dabei sollten wir einfach mal Mut haben und breitbeiniger auftreten!

Interview: Sophia Herzog
Beitragsfoto: Bo Lahola

Privattheatertage, 19.6.-1.7.18, www.privattheatertage.de


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 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Mai 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Sprechwerk – (Über-)leben in der Freien Szene

Selbstausbeutung und ein prekäres Leben nehmen viele Künstler aus der Freien Szene in Kauf – für die Kunst. Ein Gespräch mit Konstanze Ullmer, Intendantin vom Sprechwerk, über das, was in Hamburgs Kulturpolitik falsch läuft.

SZENE HAMBURG: Wieviel Förderung bekommt ihr für eure Spielstätte?
Konstanze Ullmer: Das Sprechwerk bekommt seit letztem August 140.000 Euro als institutionelle Förderung, die immer für zwei Jahre bewilligt wird. Im Rahmen der Produktionsförderung haben wir bisher durchschnittlich für eine Eigenproduktion im Jahr Unterstützung bekommen.

Was hat sich in der Förderungsstruktur verändert?
Die Förderungssumme für die Freie Szene wurde insgesamt in den letzten beiden Haushaltsjahren erhöht. Durch die Empfehlung des Mindestlohns, die der Förderungssumme zugrunde liegt, werden weniger Projekte und dafür mit einer höheren Summe unterstützt.

Welche Auswirkungen hat das für euch?
Die negativen Auswirkungen erleben die freien Spielstätten unterschiedlich. Das Lichthof hat meist zwischen fünf und acht Förderungen pro Jahr bekommen. Sie spüren es jetzt natürlich deutlicher als wir, dass weniger Projekte gefördert werden. Was sich für uns alle gleich auswirkt ist, wenn weniger Produktionen der Freien Szene gefördert werden, für die wir ja da sind, müssen wir mit anderen Sachen unseren Spielplan füllen. Ich habe jetzt in diesem Jahr für sechs Wochen unsere Räume an die Theaterakademie vermietet. Natürlich würde ich viel lieber den Zeitraum nutzen, um tolle Stücke zu zeigen, denn die Produktionen der Theaterakademie sind nicht öffentlich. Das tut mir künstlerisch weh, aber finanziell gut. Oder wir produzieren ein Stück, was wir uns gar nicht nicht leisten können und begeben uns ins Risiko.

Ich möchte für die Freie Szene da sein

Woran verdient ihr Geld, wenn ihr freie Projekte zeigt?
Wir bekommen einen bestimmten Betrag für die Zeit, wenn die Gruppen hier ihre Endproben machen und einen Teil der Eintrittsgelder. Bei Gruppen, die ihre geplante Produktion auch umsetzen, wenn sie keine öffentlichen Gelder bekommen, vereinbare ich einen anderen Deal, denn sie arbeiten auf Selbstausbeutung und ich möchte für die Freie Szene da sein und sie ins Haus holen.

Auffällig viele der geförderten Projekte werden auf Kampnagel gezeigt …
Kampnagel ist eine tolle Spielstätte, keine Frage. Aber für mich ist es eindeutig, dass Kampnagel juristisch ein Staatstheater ist, da der Vorsitzende des Aufsichtsrates der GmbH der jeweilige Kultursenator ist. Das heißt, alle Miesen, die Kampnagel macht, werden im Rahmen einer Fehlbedarfsfinanzierung von der Stadt Hamburg aufgefangen. Wenn wir dagegen in den roten Zahlen sind, müssen wir selbst dafür gerade stehen und schlimmstenfalls schließen. Ich frage mich, warum 50 Prozent des Topfes für die Freie Szene von der Jury der Kulturbehörde an Kampnagel vergeben werden? Kampnagel hat bereits einen Etat für freie Produktionen mit Hamburg-Bezug, den sog. Vorschlagstopf in Höhe von 102.000 Euro.

Was wird eigentlich von der Stadt gefördert und was nicht?
Es reicht nicht aus, nur gutes Theater zu machen. Jedes Mal muss das Rad neu erfunden werden. Meines Wissens nach hat sich die Jury darauf geeinigt, nur das zu fördern, was es noch nicht gibt. Für Stücke, die auch an einem der Privattheater produziert werden könnten, muss man der Freien Szene kein Geld mehr geben. Das gibt es im Schauspiel höchstens für Uraufführungen oder wenn jemand zum Beispiel ganz neu mit einem Text umgeht. Ich verstehe das, finde es aber nicht gut. Theater hat es schon vor 2000 Jahren gegeben und wird es auch nochmal so lange geben. Warum muss man jedes Mal eine neue Kunstform erschaffen? Mich interessiert auch einfach mal eine neue Sichtweise auf alte Stücke. Im Bereich freies Schauspiel sind in der letzten und in der vorletzten Förderperiode gerade mal zwei Stücke pro Jahr gefördert worden.

Wie sieht die Zukunft der Freien Szene in Hamburg aus?
Es fehlt einfach an Geld für Produktionen. Wenn jetzt noch weniger Künstler gefördert werden, gehen viele einfach in andere Städte. Oder sie wählen einen anderen Beruf und arbeiten nicht mehr als Künstler. Ich kenne viele die Erzieher geworden sind; viele der Tänzer unterrichten in Fitness-Studios oder Schauspieler lehren darstellendes Spiel an Schulen.

Wenn die Freie Szene wegbricht, wird die kulturelle Basis beschnitten

Hamburg hat über 40 Theater. Braucht es wirklich so viele?
Ich denke schon. Es ist eine gewachsene Struktur, die ja in der Stadt auch von den Bewohnern so gewollt ist. Außerdem gibt die Freie Szene wichtige Impulse an die Staatstheater. Die saugen auf, was in der Freien Szene entwickelt worden ist. Wenn das wegbricht, wird die kulturelle Basis beschnitten, der Nährboden. Und auch der Nachwuchs hat hier keine Chance mehr. Es gibt so viele private Theaterschulen in der Stadt, aus denen jedes Jahr eine Menge Schauspieler hervorgehen. Soll man sich nur die zwei besten aussuchen und der Rest darf sterben? Ein Schauspieler ist nach seinem Abschluss ja nicht sofort zwangsläufig gut. Er muss sich erst einmal ausprobieren können. Und dafür ist die Freie Szene auch da.

Was ist für dich das größte Problem?
Gutes Theater zu zeigen mit so wenig Mitteln. Wenn ich mir den diesjährigen Spielplan anschaue, dann ist es mir künstlerisch zu wenig. Als es weniger Geld aber mehr freie Produktionen gab, sah unser Spielplan besser aus. Natürlich auf Kosten der Künstler. Das ist also auch kein Weg.

Kannst du manchmal schlecht schlafen?
Ja, selten, aber das kommt vor, dass ich mich hin und her wälze und mich frage, wo reiße ich ein neues Loch auf, um das alte zu stopfen. Aber ich kann und will nichts Anderes (lacht).

Interview: Hedda Bültmann

Foto: G2 Baraniak

 


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Lotto King Karl – Heimspiel auf der Freilichtbühne

Das Volksparkstadion ist sein Wohnzimmer, die Freilichtbühne im Stadtpark mindestens sein Esszimmer: Ein Gespräch mit Lotto King Karl über seine leidvolle HSV-Liebe, Konzerte als Mannschaftssport und Pfastersteine als Gelenkekiller.

SZENE Hamburg: Lotto, schon oft hast du über deinen HSV festgehalten: „Wenn es dem Verein schlecht geht, geht es mir auch schlecht.“ Wie schlecht geht es dir also nach dieser Saison?

Lotto King Karl: Ziemlich schlecht.

Bist du im Alltag anfällig für Neckereien, oder nimmst du Schadenfreude locker?

Ich kriege natürlich ohne Ende Schadenfreude ab, weil ich für viele Leute sehr greifbar bin, was den Fußball des HSV betrifft. Aber ich kann ja auch nichts dafür, wie es um den Verein steht.

Gut steht es hingegen um deine Konzerte im Stadtpark auf der Freilichtbühne…
…weil meine Band und ich dort keinen Gegner haben (lacht).

Allerdings gibt es schon Parallelen. Welche sind das deiner Ansicht nach?

Beide, Mannschaft wie Band, sollten immer mit großer Motivation rausgehen. Und beide haben große Anstrengungen zu bewältigen. Im Stadtpark sind das die Pfastersteine. Wenn man drei Stunden spielt, geht das echt auf die Gelenke.

Was könnt ihr Musiker denn besser als so manche Fußballmannschaft?

Wir vergessen nie, dass wir auf einer Bühne stehen, einige Sportler hingegen schon. Und das, obwohl sie Bühnen zur Verfügung haben, die viel besser gepflegt sind als die meisten auf dieser Welt (lacht).

Die Freilichtbühne ist eine legendäre Location

Lotto King Karl Foto: Ana Maria Arevalo

Lotto King Karl spürt langsam sein Alter. Foto: Ana Maria Arevalo

Größte Stärke eurer Band?

Unser gutes Verhältnis zueinander. Wir freuen uns immer, wenn wir uns sehen und zusammen Musik machen können.

Und die größte Schwäche?

Unser Alter. Wir treffen uns mittlerweile eher morgens um sieben beim Sport, als nachts um drei an der Bar (lacht).

Alter bringt auch Routine mit sich. Sind die Auftritte auf der Freilichtbühne nach all den Jahren dennoch speziell für euch?

Wir kennen fast jeden, der im Stadtpark arbeitet, können uns auf die Gegebenheiten perfekt einstellen, was vieles einfacher macht. Ein echtes Heimspiel also. Schön ist auch, dass wir auf der Freilichtbühne verschiedene Lichtatmosphären haben. Wenn ich mir nach Stadtpark-Konzerten die Bilder davon ansehe, denke ich, es waren drei verschiedene Shows. Es ist einfach eine legendäre Location und für uns weiterhin eine Riesenehre, dort spielen zu dürfen.

Interview: Erik Brandt-Höge

Freilichtbühne im Stadtpark
25.5.2018 + 15.9.2018, 18 Uhr


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Beatsteaks – Bring it on!

Die Berliner Band steht für einen Live-Spektakel. Ob das nicht auf Dauer anstrengend ist, haben wir Frontmann Arnim Teutoburg-Weiß gefragt. Alles „ganz easy“, meinte der. Ein Gespräch über Zirkusgefühle, keine Chance für Tricks und Unberechenheit als größtes Glück.

SZENE HAMBURG: Arnim, regelmäßig hältst du fest: Beatsteaks heißt Freiheit. Wie macht die sich aktuell besonders bemerkbar?
Arnim Teutoburg-Weiß: Die Freiheit erschließt sich aus dem kleinen Erfolg, den wir mit der Band haben. Dadurch liegt alles in unseren Händen: Wer mit auf Tour kommt, wo wir auftreten, das Bühnendesign, wie teuer die Tickets sind, wie unsere T-Shirts aussehen und welche Songs wir spielen.

Und worin besteht die Freiheit im Band-Alltag?
Vor allem darin, dass wir als eine Band, die seit 22 Jahren zusammen ist, immer noch sehr glücklich sind. Mittlerweile haben wir unsere kleine Beatsteaks-Welt in Berlin, so eine Art Höhle, aus der heraus wir arbeiten. Dort sind wir montags bis freitags, von 10 bis 17 Uhr. Wir aus der Band sind ganz unten im Haus und machen Musik, darüber ist das Büro mit dem Merchandising. Das ist unsere Firma …

… von der du der Chef bist – oder besser: „die Chefin“?
Ja, die anderen haben mich irgendwann so genannt. Fand ich auch ganz süß. Als Sänger hat man ja immer dieses Leader-Ding am Laufen, das kommt von innen heraus, das macht man irgendwie einfach. Und damit ich’s nicht ganz so ernst nehme oder übertreibe, werde ich von der Band mit „die Chefin“ betitelt, nach dem Motto: „Mach du mal, aber mach easy!“

Ein Chef muss auch Dinge bestimmen. Welche sind das in deinem Fall?
Ich schreibe die Setlist und kümmere mich um das T-Shirts-Layout. Es ist allerdings schon so, dass jeder in der Band seine Aufgabe und Ecke hat, wo er sich auslebt. Das ist auch richtig und wichtig.

Zählt zu deinen Aufgaben auch der Pop im Beatsteaks-Sound? Zumindest schienst du dem Begriff „Pop“ an sich immer am nahesten zu stehen.
Kann sein, ja (lacht). Populäre Musik ist ja auch erst mal was ganz Tolles. Ich bin in den 90ern groß geworden, als Pop nicht David Guetta war, sondern Oasis, Dr. Dre, Nirvana und The Prodigy. Welche, für die Pop nicht das schnelle Ding war, nicht „The Voice of Germany“ und direkt an die Spitze. Für sie bedeutete Pop, was er auch für uns bedeutet, nämlich sich eine Nische zu bauen und es nicht schlimm zu finden, damit so viele Leute wie möglich zu erreichen.

Also keine Angst vor der breiten Masse?
Wenn wir im Radio eine Alternative zu dem darstellen, was da sonst noch so läuft, habe ich damit überhaupt kein Problem. Mir war dieses Punkerhaus immer zu klein, ich mochte immer sehr viel verschiedene Musik. Klar, Punk hat viel Energie und so etwas Zündendes an sich. Aber HipHop und Rock sind auch stark …

… und werden von euch vor allem in Live-Shows integriert. Überhaupt: Live-Shows von den Beatsteaks, das sind seit jeher Spektakel. Ist das auf Dauer nicht anstrengend?
Das ist der einfachste Teil der Beatsteaks-Arbeit: das Live-Spielen. Dit is’ janüscht! Ganz easy. Natürlich bereite ich mich körperlich auf die Konzerte vor, so eine Tour ist Leistungssport. Aber wenn wir vor unserem Publikum stehen oder auf einem Festival spielen, denke ich immer nur: Bring it on! (lacht)

Warum fühlt sich das für dich so leicht an?
Ist vielleicht das Zirkuskind in mir. Ich hatte jedenfalls noch nie Angst vor der Bühne, fand und finde es einfach gut, Leute zu unterhalten und sie davon abzulenken, was sie vielleicht gerade sonst so beschäftigt. Außerdem mag ich die Unberechenbarkeit von Konzerten. In dieser manipulierten Welt, in der vieles faked ist, ist ein Konzert immer eine Ausnahme. Im Studio kann man tricksen, auf der Bühne geht das nicht. Da gibt es Ecken und Kanten, den Leuten gefällt es oder eben nicht, und die Situationen, in denen man nicht genau weiß, was passiert, diese Drahtseilakte, finde ich total gut. Konzerte sind so aufregend wie befriedigend.

Sind nicht während einer längeren Tournee irgendwann so viel Sicherheit und Routine im Spiel, dass sich die Aufregung legt?
Die Aufregung erhalten wir, indem wir z. B. nach zwei Wochen sagen: „Heute schreiben wir keine Setlist – wir rufen die Songs aus!“ Nach all den Jahren haben wir so viele Lieder, dass wir das ruhig mal machen können. Wir wollen ja auch nicht nur irgendwas abspulen.

Ein paar wiederkehrende Show-elemente gibt es doch, etwa den Song „Hey Du“, den Gitarrist Peter Baumann singt. Er allerdings scheint weniger gerne nach vorne zu preschen, als du …
… und er fragt mich auch heute noch, ob das denn okay wäre mit „Hey Du“. Ich grinse dann immer und sage: „Keule, kriegst du eigentlich mit, wie sehr die Leute das lieben?“ Klar, die anderen sind keine Frontschweine, aber das war George Harrison auch nicht, und ich fand es immer super, dass bei den Beatles alle gesungen haben.

Und wenn nach der Tour alle wieder zu Hause in Berlin sind: Gibt es auch mal eine Pause von der Beatsteaks-Welt?
Wir sind eine sehr verschworene Gang, aber jeder hat auch seine eigene Familie und verabschiedet sich nach einer Tour in seine Welt. Und irgendwann, wenn wir das nächste Album machen, hängen wir wieder zusammen rum und fragen uns erst mal Sachen wie: „Welches Lied fandet ihr zuletzt so toll, dass ihr es fünfmal hintereinander gehört habt?“ Dann kann es langsam wieder losgehen.

Interview: Erik Brandt-Höge

Foto: Ana Maria Arevalo

Sporthalle
16.4, 20 Uhr

 


Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, April 2018. Das Magazin ist seit dem 29. März 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Der Krimi-König

Zu Hause in einem ehemaligen Porno-Kino und Spezialist für Mord und Intrigen – im Imperial steht zum 12. Mal Edgar Wallace auf dem Spielplan. Warum gerade er es dem Intendanten Frank Thannhäuser angetan hat, erzählt dieser im Gespräch

SZENE HAMBURG: Frank, „Der Frosch mit der Maske“ ist die 12. Edgar-Wallace-Inszenierung am Imperial Theater. Was macht ihn so attraktiv für dich?
Frank Thannhäuser: Die Leute lieben Edgar Wallace! Man kann tun, was man will, aber es ist so: Die Leute lieben ihn. Es ist ein Phänomen. Zum Glück können wir uns viel mit dem Stoff erlauben, wenn wir uns treu an die Geschichte halten. Wir können das Buch auf die Belange hier in unserem Haus zuschneiden. Jedes Edgar-Wallace-Stück, das wir gemacht haben, ist somit immer auch eine Uraufführung gewesen.

Wallace hat über 130 Romane geschrieben, warum hast du dich für diesen entschieden?
Es gibt großartige Titel wie „Großfuß“ oder „Drei Eichen“, die nur eingefleischte Fans kennen. Aber davon können wir leider nicht leben. Deswegen müssen wir Titel auswählen, die bekannt sind. Auch wenn wir viel, viel Hirn benutzen müssen, um sie zum Laufen zu kriegen: Für „Die Toten Augen von London“ habe ich beim Schreiben drei Anläufe gebraucht, bis das Buch für die Bühne funktioniert hat.

Was veränderst du in deiner Bühnenadaption?
Wallace ist nicht der Humorstärkste. Aber ein Augenzwinkern sollte in einem Krimi der 30er Jahre nicht fehlen. Man darf die Figuren und die Handlung nicht denunzieren, aber unsere Schauspieler sind Krimi-erfahren und wissen, dass ein Gag, wenn er sich anbietet, mehr als in Ordnung ist.

Zum Beispiel?
Wallace mag keine Anwälte und hohe Regierungsvertreter, sie kommen immer schlecht weg bei ihm. Diese Figuren kann man dann überhöhen. Zum Beispiel im neuen Stück Lord Farmley. Er ist so ein richtiger Regierungsarsch: hochnäsig, despotisch, und selbst wenn er vom Schicksal eine reingewürgt bekommt, ist er immer noch ein Arsch. Das kann man ausspielen und das ist auch lustig, auch wenn es jetzt nicht so klingt (lacht).

Du übernimmst wieder fast alle Tätigkeiten, vom Skript bis zum Nähen der Damenkostüme. Bist du nicht erschöpft?
Ach nein, ich bin ja schon seit einem Vierteljahr in der Produktion. Da kommt immer eins nach dem anderen: erst das Buch, dann das Bühnenbild, die Kostüme, die Proben…

…und du übernimmst für einige Aufführungen ein paar Rollen…
Ja, bei diesem Stück passiert es seit langem mal wieder, dass ich selber mitspiele. Weil unser Schauspieler Heiko Fischer – der bei uns schon den Sherlock Holmes gespielt hat und diesmal gleich sieben Rollen übernimmt – noch woanders engagiert ist. Und da ich ihn nicht aufgrund anderer Engagements verlieren wollte, habe ich mich bereit erklärt, für ihn einzuspringen, wenn er mal keine Zeit hat.

Wie gehst du vor, wenn du so einen üppigen Roman für eure relativ kleine Bühne adaptierst?
Das ist in der Tat immer das Problem. Das Originalbuch hat 280 Seiten, das sind locker mal eben 180 zu viel (lacht). Aber wenn der gute Edgar erst einmal im Fluss ist, dann fügt er gerne einen wei-teren Handlungsstrang nach dem anderen ein. Nicht jeder ist wichtig. Wir verzichten außerdem auf große Umbauarien. Wir haben uns erstmals ein Simultanbühnenbild ausgedacht, in dem alles stattfinden kann. Und es gibt eine Figur – Richard Gordon, der Staatsanwalt und eigentlich die Hauptfigur – die retrospektiv erzählt, was passiert ist. So sparen wir uns Verfolgungsjagden, die wir eh nicht zeigen können.

Welche Locations wird es geben?
Eine alte Fabrikhalle, in der alles anfängt und endet. Die Halle verwandelt sich zwischendurch in sämtliche Nachtclubs, in Scotland Yard, in Waldlichtungen und alles Mögliche. Dafür arbeiten wir viel mit Licht und Ton. Die Wechsel sind im Buch schnell und das Tempo muss man beibehalten. Wenn man nach jeder fünfminütigen Szene zehn Minuten Umbaupause macht, dann geht die Spannung verloren.

Worauf achtest du beim Bühnenbild und bei den Kostümen besonders?
Ich finde es bei so einem Stück wichtig, dass es das Zeitkolorit perfekt widerspiegelt. Je mehr man alte Geschichten modernisiert, desto weniger funktionieren sie. Wenn in „Die Mausefalle“ von Agatha Christie alle Handys gehabt hätten, dann wäre da nicht so viel passiert. Für „Der Frosch mit der Maske“ sind wir in die 30er Jahre zurückgegangen, weil das die Ursprungszeit der Geschichte ist und in diesem Kontext auch gut funktioniert mit der Angst vor der Weltwirtschaftskrise im Hintergrund.

Interview: Ulrich Thiele
Foto: Stefan Malzkorn

Imperial Theater, „Der Frosch mit der Maske“, ab 30.3. (Premiere), immer Do–Sa um 20 Uhr

 


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

 

 

Selig? Und ob. 5 Fragen an Jan Plewka

Immer noch oder wieder Selig? Am 3. November erscheint das 7. Studioalbum der Hamburger Band Selig.  „Kashmir Karma“  heißt es, aufgenommen in Schweden, erstmals ohne den langjährigen Keyboarder Malte Neumann, der sich 2014 von der Band trennte. Wir haben Sänger Jan Plewka 5 Fragen zum Album gestellt.

Selig

Selig: Neue, alte Freundschaft auch im Viererpack. Jan Plewka, Christian Neander, Leo Schmidthals und Stephan „Stoppel“ Eggert. Foto: Mathias Bothor

SZENE HAMBURG: Jan, Kashmir Karma: Schöne Alliteration. Aber was genau meint der Titel?

Jan Plewka: Kashmir Karma ist die Beschwörungsformel für ein friedliches Miteinander und die Idee einer hellen warmen Zukunft durch ein freundliches Handeln im Jetzt.

Selig Kashmir Karma

Keine Zeit mehr für Experimente. Foto: Mathias Bothor

Klingt das Album so flauschig wie der Titel?

Flauschig. Krautig. Psychedelisch. Sphärisch laut und lyrisch heiter und tief im typisch seligen Soundgewand.

Also typisch Selig. Gibt es hörbare Entwicklungen und Veränderungen auf der neuen Platte erleben?

Nach all den Jahren der musikalischen Experimente besinnen wir uns wieder auf unsere Wurzeln und retten den Hippiemetaltraum rüber in die neue Zeit.

Welchen Stellenwert hat Selig in deinem Leben?

Selig ist meine Basis, mein Grundakkord, die Mutter aller Möglichkeiten.

Butter bei die Fische. Was gibt Selig dir, was dir die anderen Projekte, die du am Laufen hast, nicht bieten?

Leo, Christian und Stoppel


/REM /
Beitragsbild: Mathias Bothor


Selig Kashmir Karma Album Art WorkKashmir Karma erscheint am 3.11.17. Hier könnt ihr das Album vorbestellen.

Am 12. & 13. November 2017 treten die Jungs in der Hamburger Großen Freiheit 36 auf. Tickets ab 35,60 Euro gibt es an allen bekannten Vorverkaufsstellen.