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„Man muss das Gras wachsen hören“

Kathrin Kohlstedde ist seit mehr als 20 Jahren für das Programm beim Filmfest Hamburg verantwortlich. Im Interview erzählt sie, wie magische Momente entstehen und warum Kinos nach der Pandemie eine Renaissance erleben werden

Interview: Andreas Daebeler

 

SZENE HAMBURG: Frau Kohlstedde, seit 1999 sind Sie Programmleiterin beim Filmfest Hamburg. Ein Traumjob?

Kathrin Kohlstedde: Als ich während meines Studiums in einem Kino jobbte, hatte ich das große Glück, zum ersten Mal auf ein Filmfestival reisen zu dürfen. Das war das Max Ophüls Festival in Saarbrücken. Dort habe ich den Zauber und die Kraft kennengelernt, die von Filmfestivals ausgeht und die mich seit jeher motiviert und begeistert.

Was macht das Filmfest Hamburg zu einem besonderen Festival?

Das Publikum sieht Filme, die es sonst selten im Kino sieht und trifft auch noch auf die Filmschaffenden. Filme werfen Fragen auf und Themen provozieren. Wir suchen im Gespräch danach im Foyer oder in der Bar nach Antworten. Das macht das Filmerlebnis so nahbar, fordert und formt die eigene Offenheit für Neues und macht das Leben eines jeden ein Stück reicher. Diese Magic Moments versuchen wir beim Filmfest Hamburg zu schaffen, und gemeinsam mit unseren internationalen Gästen und einem großartigen, neugierigen Publikum gelingt uns das glaube ich auch seit einigen Jahren sehr gut.

 

Nachhaltigkeit gegen Schnelllebigkeit

 

Seit mehr als 20 Jahren für das Programm beim Filmfest Hamburg Verantwortlich: Kathrin Kohlstedde (Foto: Kathrin Kohlstedde)

Seit mehr als 20 Jahren für das Programm beim Filmfest Hamburg Verantwortlich: Kathrin Kohlstedde (Foto: Kathrin Kohlstedde)

Die Branche ist schnelllebig. Es geht oft darum, auf den letzten Drücker produzierte Streifen noch ins Programm zu bekommen. Was ist Ihr Geheimnis, tatsächlich die neuesten Filme in Hamburg an den Start zu bekommen?

Der Schnelllebigkeit setzten wir nachhaltige Beziehungen entgegen. Über das Jahr hinweg pflegen wir ein Netzwerk zu Filmschaffenden und Lizenzgebern, denen wir Respekt schenken und sie wertschätzen. Sie wissen, dass das ehrlich gemeint ist und so geben sie auch gern die Filme nach Hamburg. Als Programmer:in muss man aufmerksam sein, das Gras wachsen hören und furchtlos sein. So kommen die aufregenden neuen Film ins Programm. Der Charme von Hamburg tut sein Übriges, dass alle gerne mit ihren Filmen kommen.

Corona hat die Kinobranche stark getroffen. Glauben Sie, dass klassische Filmtheater nach der Pandemie eine Renaissance erleben werden?

Absolut. Ich glaube, diese immer noch andauernde Ausnahmezeit hat den Wunsch nach Fokussierung verstärkt, nach nachhaltigen Erlebnissen in guter Gemeinschaft. Das bietet das Kino, wenn es gut geführt ist, aufs Beste.

In Hamburg wird der Douglas Sirk Preis vergeben. Das beschert unserer Stadt prominente Besucher wie Tilda Swinton, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert, François Ozon, Kim Ki-Duk oder Julian Schnabel. Welche dieser Begegnungen hat bei Ihnen den tiefsten Eindruck hinterlassen?

Es ist für uns und unser Publikum immer eine große Ehre, wenn die Preisträger:innen nach Hamburg kommen. Alle Verleihungen waren besonders, viele unvergesslich. Ich persönlich finde die Begegnung mit Regisseur:innen spannend. Da hab ich das Gefühl, dass sie uns mit den Filmen viel mehr Einblick in ihre Seele geben, schließlich dürfen wir die Welt für einen Moment durch ihre Augen sehen.

 

„Der Film ist eine Wucht“

 

Hamburg in allen Ehren, aber es gibt auch andere Festivals, die das Kino feiern. Welches schätzen Sie besonders?

Cannes, das ist wie Weihnachten und Ostern und Geburtstag zusammen. Es ist das unumstritten wichtigste Festival, das im Mai die Filme zeigt, die die Maßstäbe für das Kinojahr setzen. Dort ist die gesamte Filmbranche versammelt und Frankreich schätzt und feiert das Kino wie kaum ein anderes Land. Das ist für uns der Moment, die besten Filme nach Hamburg zu bringen und zu wissen, was das Filmjahr noch so bringen wird.

Was war der letzte richtig gute Film, den Sie gesehen haben?

Gerade vor zwei Tagen war das: „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ von Dominik Graf. Der Film ist eine Wucht. In drei Stunden zeigt er uns all das, was Kino kann und warum Film so einzigartig ist. Ganz große Empfehlung.


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„Man muss verstehen, warum Filme funktionieren.“

Helge Albers, Geschäftsführer der MOIN Filmförderung, über die derzeitige Lage der Filmbranche, die Bedeutung der Diversity Checklist und ökologische Mindeststandards

Interview: Marco Arellano Gomes

SZENE HAMBURG: Helge Albers, eigentlich wollte ich das Gespräch mit einem „Moin“ beginnen, aber seit die Filmförderung sich in MOIN Filmförderung umbenannt hat, habe ich den Eindruck, dass ich damit PR betreibe …

Helge Albers: Ja, das war auch so beabsichtigt (lacht).

Was war der Anlass für die Umbenennung?

Die Änderungen unseres Namens und auch unseres gesamten Erscheinungsbildes hängt sehr stark mit einem Prozess zusammen, den wir schon seit Längerem verfolgen. Im Mittelpunkt standen die Fragen: Wie agieren wir als Film förderung in Zeiten eines erkennbaren Strukturwandels? Wie wollen wir intern und extern kommunizieren? Die Umbenennung war eine notwendige und zeitgemäße Antwort auf diese und viele weitere grundsätzliche Fragen.

 

„MOIN ist mehr als nur Film“

 

Wofür steht das MOIN?

Wir wollen schon im Namen verankern, wer wir sind und was wir tun. MOIN ist hier im Norden ein Gruß, den wir alle kennen und bildet sehr prägnant unsere regionale Identität ab. Er steht aber auch als Abkürzung für unseren Claim „Moving Images North“ und reflektiert damit eine stärkere internationale Ausrichtung unseres Spektrums. Film ist ein globales Medium und wir wollen als Filmförderung auch dafür einstehen, dass internationale Produktionen und Co-Produktionen hier am Standort willkommen sind. Das wollen wir gerne ausweiten. Gleichzeitig steckt in „Moving Images North“ mehr als nur Film: Wir haben unser Förderspektrum hin zu Serien und neuen Medien erweitert. Wir sind auch in den Bereichen VR, AR und XR förderfähig. Das alles sind Bewegtbilder, also Moving Images. Darüber hinaus wollen wir natürlich Werke fördern, die in jeder Hinsicht bewegend sind, auch dies steckt in diesem Wortspiel.

Da haben Sie sich aber eine Menge vorgenommen. Bleiben Film und Serien dennoch die Schwerpunkte?

Film und Serien werden auf absehbare Zeit unsere Schwerpunkte bleiben. Ob sich das ändert, hängt davon ab, wie sich die anderen Segmente entwickeln. Wenn es einen extremen Boom in den Bereichen AR und VR geben sollte, dann sind wir strukturell vorbereitet und förderfähig. Wir sind nun deutlich flexibler, als wir es vor wenigen Jahren noch waren.

Wie geht es dem Filmstandort Hamburg nach zwei Jahren Pandemie?

Die Situation ist angespannt. Gerade angesichts der aktuell sehr hohen Inzidenzen und auch vieler Corona-Fälle an den Sets liegen die Nerven blank. Wenn man versteht, wie teuer und schwer zu bewältigen die Ausfallrisiken der Produzenten sind, ist das mehr als verständlich. Zusätzlich sorgen die hohen Anforderungen an die Hygienestandards für enorme Kostensprünge. Auch den Kinos bereitet die aktuelle Situation große Sorgen. Andererseits haben wir 2021 insgesamt einen Zuwachs an Dreharbeiten am Standort verzeichnet. Zum einen, weil viele Projekte wegen Corona verschoben wurden, zum anderen, weil es eine große Nachfrage nach Filmen und Serien gibt. Das führt allerdings zu einer sehr angespannten Situation im Fachkräftemarkt. Teilweise werden auch sehr hohe Gagenforderungen gestellt. Im Independent-Bereich führt dies zu deutlichen Engpässen. Es gibt eine hohe Nachfrage am Arbeitsmarkt, die aber nicht bedient werden kann.

 

„Die Suche nach Talenten ist die größte Herausforderung“

 

Wie kann man dem begegnen?

Die Suche nach Talenten ist die größte Herausforderung für den Film in den nächsten Jahren. Wir setzen uns als Filmförderung sehr intensiv damit auseinander. Ich hoffe, dass wir da kurzfristig zumindest Linderung schaffen können.

Ist das eine Chance für junge Menschen, in die Branche einzusteigen?

Insgesamt ist es schon eine sehr chancenreiche Zeit. Es gibt Möglichkeiten, die es vor drei bis vier Jahren so noch nicht gab – sowohl was das Tempo als auch die Finanzierungsmöglichkeiten angeht. Für den Sektor Kino besteht darin aber auch eine Gefahr, weil Kinofilme einen längeren Entwicklungsprozess haben. Kino ist ein langsameres Medium. Das ist Stärke und Schwäche zugleich. Das Kino steht in einer sehrherausfordernden Konkurrenzbeziehung zum Streaming und muss sich dazu verhalten. Das führt zu spannenden und manchmal schmerzhaften Veränderungen. Wir stehen vor der Frage, wie wir es schaffen, im „Ökosystem Kino“ Talenten spannende Angebote zu machen.

 

Der Filmstau als Problem

 

Wie geht es den Kinos derzeit?

Natürlich haben angesichts der aktuellen Entwicklungen auch die Kinos Befürchtungen, ein Déjà-vu zu 2020 zu erleben, obwohl sich immer wieder sehr klar belegen lässt, dass Kinos absolut sichere Orte sind und die Hygienekonzepte gut greifen. Aber zunächst können wir festhalten, dass alle Kinos in Hamburg im Sommer wieder öffnen konnten und es aufgrund der Hilfsmaßnahmen der Stadt Hamburg keine dauerhaften Schließungen gab. Was die Besucherzahlen angeht, haben wir durchaus gute Ergebnisse zu verzeichnen. Es ist klar zu erkennen, dass das Hamburger Publikum ihren Kinos die Treue hält und oft und gerne ins Kino geht. Was wir aber feststellen, ist, dass die unabhängigen, kleinen Filme es schwer haben, eine kritische Masse zu erreichen.

Woran liegt das?

Es ist insgesamt immer schwerer, Sichtbarkeit zu erzielen. Die Marketing-Budgets werden immer höher, dennoch verschwinden die kleinen Filme schnell wieder aus dem Programm. Das liegt auch daran, dass es zu einem Filmstau kam. Viele Filme, die für 2020 geplant waren, wurden auf 2021 verschoben, sodass eine große Anzahl an Filmen um die begrenzten Spielzeiten im Kino konkurrieren. Da kommt es zu einer Kannibalisierung, bei der nur noch die Spitzenfilme gut laufen. Im Arthouse-Bereich waren das „Der Rausch“ und „Nomadland“. Danach wurde es aber eng.

 

„Wir waren relativ schnell“

 

Haben Sie den Eindruck, dass die Politik den Film- und Kinostandort gut durch die Pandemie gebracht hat, oder gibt es rückblickend Punkte, bei denen man besser oder schneller hätte reagieren können?

Klar hörten wir hin und wieder Kritik – und oft war diese ja auch berechtigt. Gleichzeitig finde ich, dass wir in einer Situation wie Corona, die wir alle noch nie erlebt haben, die in kürzester Zeit bewältigt und abgewickelt werden musste, mit Abstrichen gut und effizient gehandelt haben. Wir mussten – bei aller Notwendigkeit, schnell Geld zu vergeben – auch daran denken, dass dieses zu einem späteren Zeitpunkt oft wieder zurückgezahlt oder abgerechnet werden muss.

Selbst wenn es um Existenzen geht?

Dass es immer auch Härtefälle gibt und man, wenn die Not es erfordert, auch möglichst unbürokratisch vorgehen sollte, ist richtig. Da wir aber mit Steuermitteln agieren, ist es auch wichtig, jede Entscheidung auf ihre Rechtmäßigkeit und Wirksamkeit zu hinterfragen. Zum Glück gibt es bei allen Regeln aber auch Abstufungen und Ausnahmen. Aus Sicht der Filmförderung kann ich sagen, dass wir unser Bestes gegeben haben und relativ schnell waren.

 

„Der Standort hat ein großes Potenzial“

 

Sind Sie zuversichtlich, dass der Filmstandort sich erholen wird, wenn die Pandemie irgendwann ein Ende findet?

Der Standort hat ein großes Potenzial. Es gibt eine vitale Kinolandschaft, ein treues und wachsendes Publikum, unzählige spannende Drehorte und ein Netz an Produzenten, das wachstumsfähig ist. Wir haben außerdem jede Menge Talente am Standort, die sich gut entwickeln können. Das alles stimmt mich sehr zuversichtlich.

Wo gibt es noch Luft nach oben?

Ich glaube, dass wir ein größeres Publikum finden können und müssen. Wir müssen beispielsweise ein jüngeres Publikum in die Kinos holen. Dazu gehört auch, die Kinos in einer vernetzten Welt sichtbarer zu machen. Das betrifft die Ansprache, das Ticketing, aber auch Synergien zwischen den einzelnen Lichtspielhäusern.

 

Man muss verstehen, warum Filme funktionieren

 

Viele Filme, die von der MOIN Filmförderung mitfinanziert wurden, haben auch in diesem Jahr Preise gewonnen: „Niemand ist bei den Kälbern“, „Curveball“, „A Symphony of Noise“ und „Vengeance Is Mine, All Others Pay Cash“. Was ist das Erfolgsgeheimnis?

Wenn es ein Erfolgsgeheimnis gibt, dann ist es die Zusammensetzung unserer Gremien. Wir achten darauf, dass alle, die in den Gremien vertreten sind, eine sehr hohe Expertise mitbringen, begeisterungsfähig sind und den Standort verstehen, selbst wenn sie nicht aus Hamburg kommen. Wir versuchen vor allem auch Anreize dafür zu schaffen, dass gute Geschichten hier vor Ort gedreht werden, weil es Identifikation für das Publikum schafft.

Wie laufen die Auswahlprozesse in den Gremien ab?

In unseren Gremien finden kontroverse und inhaltlich harte Auseinandersetzungen statt, die zu den offensichtlich richtigen Entscheidungen führen, sodass Filme mit hoher Qualität gefördert werden. Das gilt für alle Bereiche – von Arthouse bis High End. Da sitzen Leute, die sehr genau verstehen, warum Filme in ihren Bereichen funktionieren können und wie deren Chancen stehen.

Im vergangenen Jahr war die Suche nach einem großen Studio für High-End-Serienproduktionen ein großes Thema. Wie steht es darum?

Das ist nach wie vor ein wichtiges Thema, an dem wir ein großes Interesse haben. Wenn sich da ein Betreibermodell und eine passende Immobilie finden, dann wäre ich froh. Die Nachfragesituation gibt das jedenfalls her. Ich sehe und höre, dass viel mehr gedreht werden könnte, wenn wir ein adäquates Angebot hätten. Wir brauchen ein Studio, das für High-End-Serien und gleichzeitig für aufwendige Kinoproduktionen genutzt werden kann. Das Thema treibt uns nach wie vor um.

 

Hamburg auf Platz vier

 

Helge Albers ist Geschäftsführer der MOIN Filmförderung (Foto: Jasper Ehrich Fotografie)

Helge Albers ist Geschäftsführer der MOIN Filmförderung (Foto: Jasper Ehrich Fotografie)

Insgesamt verfügt die Filmförderung über 15,7 Millionen Euro an Fördermittel pro Jahr. Alles auf Kurs, oder dürfte es etwas mehr sein?

Das ist eine rhetorische Frage (lacht). Wir haben viel Ambition und wollen möglichst viele Produktionen nach Hamburg und Schleswig-Holstein holen und gut ausstatten. Davon profitieren letztlich alle.

Wie steht die Filmförderung damit im bundesweiten Vergleich da?

Hamburg/Schleswig-Holstein ist derzeit der viertgrößte Film- und Medienstandort in Deutschland, nach Berlin/Brandenburg, Bayern und NRW. Allerdings hat Hamburg einen erheblichen Abstand zum besagten Trio. Das spiegelt sich auch in den Förderetats wieder. Hier befindet sich unsere Förderung etwa auf Augenhöhe mit den Förderungen von Hessen, Baden-Württemberg und der Mitteldeutschen Medienförderung.

Müsste Hamburg nicht mit der Spitzengruppe gleichziehen?

Ich glaube, dass der Standort das leisten könnte, aber das hieße, dass man deutlich größere infrastrukturelle Anstrengungen unternehmen müsste. Das betrifft alle Themen: Fachkräfte, Studio, finanzielle Ausstattung, Standortmarketing, Nachwuchsarbeit – HFBK und HMS sind ja unsere beiden Ausbildungsstätten – und vieles mehr. Man muss das als Portfolio betrachten: Ein Standort ist besonders leistungsfähig, wenn das gesamte Bouquet vorhanden ist und eine hohe Substanz hat.

Auf welche MOIN-Highlights dürfen sich die Zuschauer 2021/2022 besonders freuen?

Ich kann jetzt schon sagen, dass ich mich sehr auf den neuen Film von Sonja Heiss, die Meyerhoff-Verfilmung von „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“, freue. Auch die Romanverfilmung „Mittagsstunde“ mit Charlie Hübner wird sicher großartig und „Last Song for Stella“ von Kilian Riedhof wird bestimmt sehr stark. Aber diese Aufzählung kratzt nur an der Oberfläche. Es gibt so viele tolle Projekte, da reicht der Platz in Ihrem Heft nicht.

 

Die Diversity Checklist

 

2020 hat die MOIN Filmförderung die Diversity Checklist eingeführt. Viele fanden den Schritt mutig und richtig, aber es gab auch vereinzelt die Kritik, dass es sich um einen Eingriff in die Kunstfreiheit handelte – unter anderem in einem Kommentar eines Kollegen in der SZENE HAMBURG.

Ja, der war relativ klar in seiner Haltung (lacht).

Warum halten Sie die Liste für richtig?

Die Checklist ist mit zwei Universitäten, mehreren Berufsund Behindertenverbänden erarbeitet worden und hat sich seit Einführung in der Praxis sehr bewährt. In der Branche wird die Liste vor allem als ein Ausrufezeichen wahrgenommen, als ein Arbeitsmittel im Antragsprozess, das wir zur Verfügung stellen, um ihre Projekte und Strukturen auf das Thema Diversität zu hinterfragen.

Aber erzeugt das nicht automatisch eine unterbewusste Erwartungshaltung, die wiederum Einfluss auf die künstlerische Gestaltung haben kann?

Zum Glück leben wir in einem Land, das komplette künstlerische Freiheit bietet. Die ist garantiert und wird auch durch eine Diversity Checklist in keiner Weise berührt. Die Entscheidungsprozesse leiten sich nicht von den Listen ab. Die finden bei uns in den Gremien statt. Deswegen ist es auch so wichtig, dass auch die Gremien divers besetzt sind. Wir merken in den Diskussionen in den Gremien sehr genau, dass das einen Unterschied macht und wir dadurch zu interessanten und mutigen Entscheidungen kommen. Ich freue mich darüber, dass wir den Weg mit der Diversity Checklist gegangen sind und fühle mich bestätigt durch die Reaktionen, die ebenfalls divers sind.

Was sind das für Reaktionen?

Wir nehmen vor allem wahr, dass Kreative mit Migrationshintergrund und aus dem LGBTQ-Spektrum, also diejenigen, die unterrepräsentiert sind, sich angesprochen, gehört und wahrgenommen fühlen. Das ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Wenn eine Gesellschaft in der Lage ist, unterrepräsentierten Gruppen dieses Gefühl zu geben, ist das erst mal ein richtiger Schritt – insbesondere durch eine Institution, die mit Steuergeldern agiert und damit auch die Aufgabe hat, darauf zu achten, dass es einen gleichberechtigten Zugang gibt. Wir können dieser Frage ja nicht ausweichen.

 

Es geht auch um Politik

 

In dem Film „Werk ohne Autor“ gibt es eine Szene, in der Oliver Masucci als Professor zwei Wahlplakate verbrennt und seinen Studenten sagt, dass Politik und Kunst nichts miteinander zu tun haben und die Kunst frei sein müsse. Sehen Sie diesen Grundkonflikt nicht?

Ich kann aus meiner Erfahrung als Filmproduzent sagen, dass jede Linie in einem Finanzierungsplan, die einen Finanzierungspartner benennt – also Verleiher, Vertriebe, private Investoren, Sender, Förderungen – eine Agenda hat, einen Wunsch an ein Projekt. Als Förderung haben wir für uns eine Haltung entwickelt, in der wir ganz klar sagen, dass wir einen sehr kompetenten Blick in Sachen Diversität auf die Projekte werfen, nämlich durch unsere Gremien. Wir exponieren uns da und machen uns in diesem Punkt sehr sichtbar. Genauso, wie wir uns in Sachen Regionalität klar sichtbar machen. Wir erwarten, dass ein Projekt mindestens 150 Prozent von der Summe, die wir als Förderung in ein Projekt hineingeben, in der Region lässt. Darunter machen wir es nicht. Wir haben da ganz klar definiert, unter welchen Bedingungen hier gearbeitet werden kann. Da geht es auch um Politik, da geht es auch um Steuergeld, da geht es auch um das Verhältnis zur Kunst …

… aber da bleibt der Aufschrei aus.

Im Bereich der Diversität haben wir uns auch positioniert. Nur sind wir da weit weniger hart in unseren Linien. Wir haben lediglich eine Frageliste erarbeitet, in der wir klar zu erkennen geben, dass diese Punkte wichtig sein könnten.

 

„Möglicherweise ist der eine oder andere Film bei uns nicht mehr richtig aufgehoben“

 

Sie bleiben also dabei, dass die Kunstfreiheit nicht berührt wird?

Noch mal ganz klar: Grundsätzlich kann jeder sagen, schreiben und filmen, was er möchte – solange diese Dinge innerhalb der Schranken der Gesetze stattfinden und man bereit ist, das Echo auszuhalten, das provokante Stoffe nun mal auslösen. Möglicherweise ist der eine oder andere Film bei uns nicht mehr richtig aufgehoben. Das kann schon sein. Es gibt kein Anrecht auf Förderung. Das ist nirgendwo verbrieft. Es gibt qualitative Entscheidungen, die bei uns in den Gremien gefällt werden. Und es kann sein, dass ein Projekt den gegenwärtigen Ansprüchen nicht mehr gerecht wird. Da sind wir ganz transparent und klar.

Man spürt, dass Ihnen dieses Thema sehr am Herzen liegt …

Unsere Aufgabe als Förderung ist es, nach vorn zu denken. Wer sind die nächsten Talente? Für welches Publikum sollte erzählt werden? Welches kann noch erschlossen werden? Mit welcher Filmsprache wollen wir auf das neue Publikum zugehen? Wir wollen offen sein für alle Themen und Talente. Das ist der Grund, warum das Thema Diversität bei uns so hoch aufgehängt ist. Dafür braucht es den professionellen, unverstellten Blick. Wir fördern, weil wir richtig gute Filme sehen wollen. Wir wollen Filme, die uns überzeugen und umhauen.

 

„Veränderung braucht Zeit“

 

Die Hamburger Regisseurin, Kamerafrau und Oscar-Preisträgerin Zamarin Wahdat („Bambirak“), sagte kürzlich, dass sie sich vor einigen Jahren keine Hoffnungen auf eine Karriere in Deutschland gemacht hatte und ihre Ausbildung daher in New York absolvierte.

Das ist eine traurige Aussage (Pause). Das zeigt einmal mehr, dass man dranbleiben muss. Veränderung braucht Zeit, aber auch den Willen, immer wieder Strukturen aufzubrechen, Perspektiven zu öffnen. Mir scheint es wichtig und richtig, dass wir hier in Hamburg diesen Weg beschreiten und mit der Besetzung der Gremien, der Checklist und auch der gesamten Förderung entsprechend agieren. Wer Diversität einfordert, muss auch selbst dafür sorgen, dass sie zur Normalität wird.

Kürzlich hat ein breites Bündnis unter dem Label „Green Motion“ eine Selbstverpflichtung zur Einhaltung von ökologischen Mindeststandards unterzeichnet, die ab dem Januar 2022 gilt. Was bedeutet das für die Branche?

Zunächst ist es eine Bestätigung unseres bisherigen Kurses. Das Bündnis ist aus dem Arbeitskreis „Green Shooting“ hervorgegangen, an dem wir mit anderen Filmförderungen, aber auch Produktionshäusern, Sendern und Netflix beteiligt waren. Wir haben uns gemeinsam zu Mindeststandards verpflichtet. Wir waren ja schon sehr lange mit dem Thema unterwegs, schon seit 2012 – als erste Filmförderung in Deutschland. Wir waren dann mit dem ersten verpflichtenden Kriterienkatalog, dem grünen Filmpass, ebenfalls Vorreiter. Dieser Kriterienkatalog ist nun in die Mindeststandards eingeflossen.

 

Es geht auch um Politik

 

Worin bestehen diese Mindeststandards?

Die Standards betreffen die Technik, die Ausstattung, die Energieversorgung – und alle Bereiche, die ressourcenund emissionsintensiv sind. Es gibt 21 Kriterien, von denen 18 erfüllt sein müssen, um das Label „Green Motion“ zu bekommen. Ein wichtiger Punkt ist das Reisen: Alle Reisen unter 500 Kilometern dürfen nur noch mit der Bahn zurückgelegt werden, nicht per Flugzeug. Beim Catering gibt es mindestens einen vegetarischen Tag pro Woche. Für einige Bereiche gibt es Übergangsregelungen, weil man vieles nicht von heute auf morgen umstellen kann. Das ist für die Branche ja auch ein großer Umstellungsprozess, der in die einzelnen Abläufe eingearbeitet werden muss.

Wer prüft denn die Einhaltung?

Wir als Förderung ermitteln stichprobenartig, ob konkrete Vorgaben eingehalten wurden. In schweren Fällen, also wenn ein größerer Prüfaufwand besteht, wird ein Wirtschaftsprüfungsinstitut genauer prüfen.

Sanktionen sind nicht vorgesehen?

Im Moment ist es nicht so, dass sanktioniert wird, weil die Prüfsituation noch zu amorph ist. Mir erscheint es wichtiger, dass wir die Prozesse – gerade was den Emissionsverbrauch angeht – besser prüfen, klarer beziffern und möglichst gut steuern können, statt über mögliche Strafen nachzudenken. Mir ist es generell lieber, dass wir positive Anreize setzen, anstatt beispielsweise Förderraten zu kürzen. Strafen soll­ten immer die Ultima Ratio bleiben. Der Wille bei den Produzenten ist ja da, das Thema ist angekommen.

 

Hamburg soll als Drehort bekannter werden

Machen sich die Produzenten nicht Sorgen wegen steigender Kosten?

Das ist eine sehr berechtigte Frage, weil die Produzenten im Moment wirklich auf sehr schmalem Grat unterwegs sind. Die Ansprüche, die Corona an Produktionen stellt, treiben die Kosten, hinzu kommt der Fachkräftemangel – und auch das grüne Thema ist ja nur mit einem gewissen Aufwand an Zeit und Arbeit zu haben. Insofern muss es unsere Aufgabe sein, hier möglichst ressourcensparend zu agieren, also wenig Bürokratieaufwand einzufordern und nicht jedes Detail mit einzubeziehen, sondern nur das, was wirkmächtig ist.

Im Dezember startet die Ausstellung „Close-up. Hamburger Film- und Kinogeschichten“ im Altonaer Museum – was bedeutet diese Ausstellung für den Filmstandort?

Das ist natürlich eine großartige Würdigung. So eine Ausstellung ist ja immer auch ein Schnappschuss und eine ganz wunderbare Möglichkeit, alles Revue passieren zu lassen. Ein Blick zurück, der zeigt, wie viel Potenzial und Kreativität in einem Standort zu finden sind. Ich habe mich noch nicht mit den Aufbauten beschäftigt. Ich weiß aber, dass die Kulisse von „Der Goldene Handschuh“ noch im Aufbau ist. Die Ausstellung in Altona wird sicher deutlich machen, dass der Filmstandort bereits wahnsinnig viel kann.

Vielen ist gar nicht bewusst, wie viele großartige Filme in Hamburg gemacht wurden und werden. Woran liegt das?

Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist Hamburg zuallererst Hafenstadt und nicht Filmstadt. Wir arbeiten daran, dass sich das vielleicht etwas ausnivelliert. Es ist unser Ansporn, durch Standortmarketing dafür zu sorgen, dass Hamburg als Drehort mehr Sichtbarkeit bekommt. Darin liegt eine große Chance. Das Gesicht der Stadt ist vielseitig. Zudem ist es vergleichsweise unkompliziert, hier auf öffentlichen Plätzen zu drehen. Wir müssen ein Willkommensklima für Kreative schaffen.

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2021. Das Magazin ist seit dem 27. November 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Annette: Ein Filmspektakel voller Sturm und Gesang

Regisseur Leos Carax liefert mit „Annette“ eine bildgewaltige Pop-Oper der Leidenschaften. Der Eröffnungsfilm in Cannes ist ein unvergessliches Meisterwerk, das alle Sinne bedient. Regisseur Leos Carax wurde beim Filmfest Hamburg zu Recht mit dem Douglas Sirk Preis ausgezeichnet

Text: Anna Grillet

 

Los Angeles, das Publikum tobt vor Begeisterung, wenn Stand-up-Comedian Henry McHenry (grandios: Adam Driver) einem Boxer ähnlich im grünen Bademantel und schwarzen Shorts die Bühne betritt. The Ape of God, wie er sich nennt, zelebriert als Magier der Massen Menschenverachtung mit obszön animalischem Genuss. Sein Herz gehört der zarten Starsopranistin Ann (Marion Cotillard). Für die Medien ist das ungleiche Liebespaar und seine Heirat ein gefundenes Fressen. „We Love Each Other So Much” singen beide voller Inbrunst beim Waldspaziergang. Baby Annette kommt zur Welt, und es stockt einem der Atem bei ihrem Anblick, die hölzerne Gliederpuppe erinnert an eine Marionette – nur ohne Fäden.

„Annette“ ist grotesk, poetisch, visionär, ekelerregend, ergreifend, meisterhaft und unvergesslich. (Foto: Alamode Film/Amazon)

„Annette“ ist grotesk, poetisch, visionär, ekelerregend, ergreifend, meisterhaft und unvergesslich. (Foto: Alamode Film/Amazon)

Ann und Henry vergöttern die Kleine. Dunkle Dämonen quälen den Komiker. Jene hinreißende Amour fou verwandelt sich bald schon in Selbsthass, Furcht und Missgunst. Der nächste Stand-up-Auftritt gerät zum sadistischen Seelenstrip: Detailliert schildert der Antiheld auf dem Podium, wie er seine Frau zu Tode kitzelt. Das Publikum revoltiert, Missbrauchsvorwürfe werden laut. Während eines Segeltörns stößt Henry Ann nachts in die stürmischen Meeresfluten, um danach den selbstlosen Retter von Baby Annette zu mimen. Doch die unvergleichliche Stimme der Gattin ertönt fortan aus dem Mund der kleinen Tochter, die als singendes Wunderkind gnadenlos weltweit vermarktet wird. Regisseur Leos Carax („Holy Motors“) lässt das Phänomen Musical vor unseren Augen explodieren, rekreiert es als verstörenden, bildgewaltigen Rausch aus Farben, Tönen und extremsten Leidenschaften fern jeglicher formaler Zwänge.

 

Ein einzigartiges audiovisuelles Erlebnis

 

Der Rebell des französischen Kinos konzentriert sich dabei einmal mehr auf die düstere, destruktive Seite der Liebe. „Annette” ist sein erster Film in englischer Sprache. Musik und Texte stammen von Ron und Russell Mael, dem Rock Duo Sparks – ein Interview mit den Sparks Brothers gibt es bei SZENE HAMBURG. Der 60-jährige Regisseur durchbricht vom ersten Moment an die vierte Wand, die Grenze zwischen Wirklichkeit und Inszenierung löst sich auf. Ob als betörende Horror-Farce oder unversöhnliches Schuld-und-Sühne-Drama, das Musical erfindet sich neu, wechselt ständig zwischen artifizieller Hingabe und realer Bösartigkeit, Romantik, Komik und Tragik. Es fehlt jegliche Form von Ironie, Carax meint es ernst, todernst mit seiner Reflexion über Showbusiness, #MeToo, machtgierige Künstler, ein leicht manipulierbares Publikum und vor allem sich selbst. Den Film hat er seiner 16-jährigen Tochter Nastya gewidmet. „Annette” ist ein einzigartiges audiovisuelles Erlebnis: grotesk, poetisch, visionär, ekelerregend, ergreifend, meisterhaft und unvergesslich.

„Annette“, Regie: Leos Carax. Mit Adam Driver, Marion Cotillard, Simon Helberg. 140 Min. Ab dem 16. Dezember 2021 in den Kinos

Lust auf mehr? Hier gibt‘s der Trailer zu „Annette“:


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„Eine Figur, wie ich sie noch nie gespielt habe“

Als Titelfigur in „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ nach dem Roman von Thomas Mann wird der Schweizer Schauspieler Flavio Kiener am Altonaer Theater zum Spiegel einer Gesellschaft, die betrogen werden möchte

Interview: Sören Ingwersen

 

SZENE HAMBURG: Im September ist die neue Verfilmung der Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ im Kino angelaufen, und nun kommt der Stoff auf die Bühne des Altonaer Theaters. Dabei reicht die Tradition der Schelmenfiguren von Till Eulenspiegel bis zu dem realen Hochstapler Frank Abagnale, den Leonardo Di Caprio 2002 in der Spielberg-Komödie „Catch Me If You Can“ verkörperte. Worin besteht der Reiz dieser Figuren, die andere Menschen austricksen und hinters Licht führen?

Flavio Kiener: Führt Felix Krull wirklich andere Menschen hinters Licht? Auch der Begriff Hochstapler klingt für mich zu negativ. Felix will nur aus seiner Welt, seinen engen Familienstrukturen ausbrechen. Er fühlt sich dort nicht zugehörig und zu etwas Besserem erwählt. Er reitet dann auf einer Welle von Begebenheiten und Möglichkeiten, die von außen an ihn herangetragen werden. Andere Menschen kommen auf ihn zu, weil sie etwas von ihm wollen und nicht umgekehrt. Felix nutzt die Gelegenheiten für sich aus, richtet dabei aber keinen großen Schaden an. Daher ist er für mich eine sympathische Figur.

Demnach ist Felix ein Spiegel der Gesellschaft, indem er zum Erfüllungsgehilfen dessen wird, was die anderen sich wünschen?

Er ist eine Projektionsfläche für das, was andere in ihm sehen. Oder wie sie durch ihn sich selber sehen. Man kann ihn fast beneiden: Er tritt auf, und sofort sind alle von ihm angetan. Da gibt es ein Verlangen nach körperlicher Nähe, aber auch emotionalem und intellektuellem Austausch.

 

Felix Krull, fast ein Schauspieler im realen Leben

 

Ist Krull ein Schauspieler im realen Leben?

Er beobachtet, wie die Menschen sich in höheren Gesellschaftsschichten verhalten, und übernimmt zunächst eine Rolle. Danach verwandelt er sich aber in neue Person und wechselt seine Identität. Darin besteht ein Unterschied zu dem, was wir als Darsteller tun, nämlich bloße Behauptungen aufstellen.

Ist es nicht ein urmenschliches Verlangen, einmal jemand anders sein zu wollen?

Als Schauspieler ganz bestimmt. Aber all die Erfahrungen, die man gesammelt hat und die einen ausmachen, legt man dabei nicht einfach ab. Krull versucht zwar, das alte Ich, das „ungültige Dasein“, wie er es nennt, abzulegen, merkt aber, dass es schwierig ist, nur noch als Marquis durch die Welt zu ziehen.

 

Der Wunsch auszubrechen

 

„Sein Inneres wird ausgewaschen und gefüllt neu gefüllt“ sagt Flavio Kiener über Felix Krull (Foto: Oliver Betke)

„Sein Inneres wird ausgewaschen und gefüllt neu gefüllt“ sagt Flavio Kiener über Felix Krull (Foto: Oliver Betke)

Wenn Felix nur das ist, was die anderen aus ihm machen, ist er doch eigentlich eine tragische Figur, die niemals zu sich selbst findet …

Total. Wenn Felix denkt, dass er etwas Besseres ist, heißt das ja auch, dass er in seinem alten Leben keinen Anschluss findet. Er hat keine Freunde, keine emotionale Bindung an die Familie. Deshalb ist sein Wunsch auszubrechen so groß. Aber nie das sein zu können, was man wirklich ist – das ist natürlich furchtbar tragisch.

Ist dieses Gefühl nicht sehr zeitgemäß? Leben wir nicht in einem Zeitalter, wo Identitäten infrage gestellt werden und die Selbstdarstellung eine große Rolle spielt?

Auf jeden Fall. So gesehen ist das eine sehr moderne Geschichte. Auch klassische Rollenverhältnisse werden von Thomas Mann infrage gestellt, etwa wenn die wesentlich ältere Madame Houpflé den jungen Felix verführt.

Kann man da nicht schon von Prostitution sprechen, wenn Felix als Liftboy gegen Bezahlung mit weiblichen Gästen des Nobelhotels ins Bett geht?

Das ist eine der Szenen, die häufig auf unserem Probenplan stehen, weil wir noch herausfinden wollen, wie viel Lust dabei von Felix’ Seite mit im Spiel ist. Warum lässt er sich auf eine solche Sache ein – wobei er ja auch seine Grenzen kennt?

 

Eine außergewöhnliche Umsetzung

 

Wie geht ihr damit um, dass der Stoff ursprünglich kein dialogisches Theaterstück, sondern ein Roman ist?

Wir spielen eine Theaterfassung von John von Düffel. Am Anfang wird viel im Rückblick erzählt, aber je weiter das Stück fortschreitet, desto dialogischer wird es. Felix zieht ja ständig das Begehren der anderen auf sich. Da ist das Spiel der anderen dann die treibende Kraft.

Treibende Kraft in Georg Münzels Inszenierung sind ja auch oft die schnellen Schnitte beziehungsweise Szenenwechsel, wie in „Absolute Giganten“, wo du den Floyd gespielt hast. Können wir bei „Felix Krull“ Ähnliches erwarten?

Zum Teil. Es wird auf jeden Fall eine außergewöhnliche Umsetzung. Wir spielen viele Szenen in unterschiedlich großen Bilderrahmen, wobei sich das Spiel dann überbordend aus den Rahmen herausbewegt. Auch die Kostüme sind sehr besonders …

Auf den ersten Blick wirkt der Roman „Felix Krull“ viel weniger komplex als vieles was Thomas Mann zu Papier gebracht hat. Man denke an den „Zauberberg“ oder den „Doktor Faustus“. Warum hat er sich trotzdem ein Leben lang mit diesem Stoff beschäftigt?

In diesem Roman steckt viel Autobiografisches. Ich glaube, dass Mann bis an sein Lebensende nach seiner eigenen Identität gesucht und sich immer wieder die Frage gestellt hat, wie viel er von seiner Homosexualität ausleben darf. Spannend wäre zu wissen, wie die Geschichte weitergehen sollte. Der Roman ist ja Fragment geblieben.

Das heißt, von Düffel hat das Ende ebenfalls offengelassen?

Bei ihm wird es zum Ende hin sehr anarchisch und chaotisch. Das übernehmen wir. Aber es gibt noch Spielraum für ein konkretes Ende.

 

„Sein Inneres wird ausgewaschen und neu gefüllt“

 

Noch bis zum 27. November ist „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ am Altonaer Theater zu sehen (Foto: G2 Baraniak)

Noch bis zum 27. November ist „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ am Altonaer Theater zu sehen (Foto: G2 Baraniak)

Was reizt dich persönlich an der Rolle des Krull?

Das ist eine Figur, wie ich sie noch nie gespielt habe und die man sich durch ein sehr feines Spiel erschließen muss. Das absurde Spiel mit großen Gesten, das sonst eher meine Sache ist, kommt diesmal von den anderen Figuren. Außerdem spiele ich erstmals eine Figur, die deutlich jünger ist als ich. Auch das finde ich spannend.

Du sagtest, dass Felix Krull auf der Suche nach seinem Platz in der Gesellschaft ist. Siehst du eine Parallele zwischen dieser Figur und der des Floyd, die du in „Absolute Giganten“ gespielt hast? Floyd heuert ja als Seemann an und will seine Heimatstadt Hamburg verlassen.

Da gibt es tatsächlich Gemeinsamkeiten, was das Gefühl anbelangt, nicht dazuzugehören und sein Glück woanders versuchen zu wollen. Aber bei Felix handelt es sich um mehr als einen bloßen Tapetenwechsel. Sein Inneres wird regelrecht ausgewaschen und neu gefüllt.

 

Vom Wochenmarkt zurück auf die Bühne

 

Felix Krull ist die erste Rolle, die du nach dem Shutdown übernommen hast. Wie hast du die Corona-Zeit überstanden? Ich habe gelesen, du hast Käse verkauft …

Der erste Lockdown kam einen Tag vor der Premiere von Meyerhoffs „Alle Toten fliegen hoch – Amerika“. Das scheint ewig lange her. Andererseits kommt es mir nur wie ein Monat vor, weil inzwischen so viel passiert ist: Meine zweite Tochter wurde geboren, und ich bin jetzt Verkäufer auf dem Wochenmarkt. Die Leute mögen die Geschichte von dem Schauspieler im Lockdown, der Schweizer Käse verkauft. Sie fiebern mit und hoffen, dass es mit der Kultur weitergeht. Aber nur ein bisschen, damit es auch morgen noch Käse gibt. (lacht)

Das heißt, deine Kunden kennen deine Geschichte?

Die meisten. Ich glaube, von denen kommen jetzt auch viele ins Theater, um sich den Käseverkäufer einmal auf der Bühne anzugucken.

„Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, Altonaer Theater, 9.–13., 17.–20., 24.–27. November


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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„The Father“: Interview mit Sir Anthony Hopkins

Oscar-Preisträger Sir Anthony Hopkins über seine Rolle in „The Father“, seine Erfahrung mit dem Thema Demenz und wieso er mit zunehmendem Alter durch das Schauspielen mehr über sein eigenes Leben nachdenkt

Text & Interview: Patrick Heidmann

 

SZENE HAMBURG: Mr. Hopkins, Sie spielen in „The Father“ einen älteren Herren, der mit dem Verlust seines Gedächtnisses ringt. Wie groß ist Ihr persönlicher Bezug zu diesem Thema?

Olivia Colman und Sir Anthony Hopkins beim Foto-Shoot; Foto: Tobis Embankment Films

Olivia Colman und Sir Anthony Hopkins beim Foto-Shoot; Foto: Tobis Embankment Films

Sir Anthony Hopkins: Nun, einen alten Mann zu spielen, ist natürlich für mich keine große Herausforderung, schließlich bin ich ein alter Mann. Aber Berührungspunkte mit dem Thema Demenz hatte ich zum Glück noch keine. Meine Eltern blieben beide davon verschont: Mein Vater litt im letzten Jahr seines Lebens an einer schrecklichen Depression, während meine Mutter unerschütterlich und rüstig bis zu ihrem Tod mit 89 Jahren blieb. Demenz und Alzheimer kenne ich deswegen nur aus der Ferne, etwa von einem alten Herren in meiner Nachbarschaft in Kalifornien. Der glaubte immer, er sei in New York und wunderte sich mit Blick auf den Pazifik, warum der Hudson River so breit sei. Seine Tochter und der Schwiegersohn blieben immer ganz geduldig mit ihm und sorgten dafür, dass er keine Angst hatte, sondern friedlich bis zu seinem Tod leben konnte. Aber wie schwer und traurig eine solche Situation für die Angehörigen ist, war nicht zu übersehen.

Lassen Sie nach 60 Jahren als Schau- spieler eine solch aufwühlende Rolle noch nah an sich heran? Oder hält man die besser auf Distanz?

Je älter ich wurde, desto mehr haben mich Filme oder Theaterstücke dazu gebracht, über mein eigenes Leben nachzudenken. In diesem Fall habe ich mich viel mit meiner Vergangenheit und vor allem meinen Eltern auseinandergesetzt. Gerade das Ende des Films hat mich ins Mark getroffen. Ich musste daran denken, wie mein Vater davon träumte, nach Amerika zu reisen und ich ihm versprach, dass wir das gemeinsam tun würden.

„The Father“, unter anderem mit Sir Anthony Hopkins

„The Father“, unter anderem mit Sir Anthony Hopkins

Mit dem Flugzeug nach New York und dann mit dem Auto bis nach Los Angeles. Wozu es dann nicht mehr kam, weil er starb. Oder wie er im Krankenhaus ganz zerbrechlich vor mir saß, in seinem feuchten Schlafanzug, weil er sich eingenässt hatte. Und natürlich auch, wie meine Mutter und ich dann hinfuhren, um nach seinem Tod seine Sachen abzuholen und er da kalt und leblos vor mir lag. Plötzlich waren diese Erinnerungen enorm präsent.

Ist „The Father“ also rückblickend für Sie einer Ihrer schwierigsten Filme gewesen?

Nein, im Gegenteil. Mir macht der Tod keine Angst. Ich genieße es, dass ich noch immer überlebt habe und nehme die Sache mit Humor. Außerdem war die Arbeit selbst ein Kinderspiel. Das Drehbuch war exzellent, was immer schon die halbe Miete ist. Mit Olivia Colman zu spielen war die reinste Freude, genau wie mit den anderen Kollegen. Und unser Regisseur Florian Zeller war ganz bemerkenswert, nicht zuletzt dafür, dass dies sein erster Film war. Manche Filmemacher können ja sehr dogmatisch oder gar diktatorisch sein, wenn es um ihre Visionen geht. Doch er war ganz bescheiden und ungezwungen.

„The Father“ mit Sir Anthony Hopkins, Olivia Colman, Imogen Poots, unter der Regie von Florian Zeller läuft ab dem 26.8. in den deutschen Kinos.

Hier der Trailer zu „The Father“:


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Alli Neumann: Ein Wirbelwind beim „Fast ein MS Dockville“

Alli Neumann präsentiert ihr Debütalbum „Madonna Wh0r3 Komplex“ schon vor dem offiziellen Release am 3. September bei ihrem Gig auf dem „Fast ein MS Dockville“ am 13. August

Foto: Andreas Hornoff
Video: Marc Westphal

 

Grüne Haarspitzen, Vintageklamotten, Sommersprossen und ein Herz aus Regenbogenfarben – Alli Neumann ist die moderne Pipi Langstrumpf der deutschen Popkultur. Wir haben die Musikerin und Schauspielerin vor ihrem Auftritt bei „Fast ein MS Dockville“ zum Interview getroffen und über Hamburg, Kunst und Inspiration, Freundschaft und beendete Beziehungen gesprochen.


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Heinz Strunk: „Eigentlich ist das total krank“

In „Es ist immer so schön mit dir“ beleuchtet Heinz Strunk die Abgründe toxischer Beziehungen. Ein Gespräch über das Festhalten wider alle Vernunft, Strunks Faible für Kalendersprüche und über seine Abkehr von der Kirche

Interview: Ingrun Gade

 

Der Protagonist ist Mitte 40, steckt in einer leidenschaftslosen Beziehung mit Julia und betreibt ein eigenes Einmann-Tonstudio. Seinen Wunsch nach einer künstlerischen Karriere als Musiker hat er aufgegeben, doch der geplatzte Traum schmerzt ihn nicht mehr. Dann lernt er Vanessa kennen, eine Schauspielerin, und er kann es kaum fassen – diese schöne, junge Frau interessiert sich für ihn. Er verliebt sich, verlässt Julia und gerät in einen Sog aus Glück, Chaos, Abgründigkeit und Abhängigkeit.

„Es ist immer so schön mit dir“, der neue Liebesroman von Heinz Strunk

„Es ist immer so schön mit dir“, der neue Liebesroman von Heinz Strunk

SZENE HAMBURG: Herr Strunk, Sie sind im April Twitter beigetreten und hatten schon nach kurzer Zeit 5.000 Follower. Stimmt es, dass Ihr Verlag Sie aus Promo-Zwecken „an die Social-Media-Front“ gezwungen hat, oder war das nur ein Spaß?

Heinz Strunk:Och, wissen Sie … Ob das Ernst ist oder Spaß, wer weiß das schon. Das muss jeder für sich rausfinden.

Dann hat sich wohl auch meine Frage zu Ihrer angeblichen Angst, „dass der Roman floppt“ und Sie „bei Rowohlt geschasst“ werden, erübrigt.

Ich bin mir immer unsicher, ob ein Buch von mir erfolgreich wird. Ich hoffe es natürlich, aber ich kann es nie einschätzen. Ich denke, dass man dabei bescheiden bleiben sollte, gerade weil es stark vom Format abhängig ist. In Deutschland muss ja immer „Roman“ draufstehen, damit es ein richtiger Erfolg wird.

Dabei präferieren Sie eher dichte und kurze Formate, wie Sie mal sagten. Warum diesmal ein Liebesroman?

Wenn ich Bücher schreibe, versuche ich immer, dem ewigen Kanon der bereits geschriebenen Literatur noch irgendeine originelle Variante hinzuzufügen. In diesem Fall also alle dunklen, finsteren, verzweifelten, hysterischen, paranoiden Seiten einer Beziehung, in der wahrscheinlich jeder schon mal irgendwann zu einer Zeit seines Lebens gesteckt hat – diese genau aufzuzeichnen, ist mein Anliegen.

 

Beziehungen

 

Die Beziehung der beiden Protagonisten ist das, was man heute als „toxisch“ bezeichnet. Beim Lesen entsteht der Eindruck, als gäbe es eine Dichotomie: Entweder kurze, leidenschaftliche, aber eben auch toxische Beziehungen oder lange und leidenschaftslose. Gibt es nichts dazwischen?

Es gibt in diesem Rahmen unterschiedliche Varianten: Es gibt langjährige Beziehungen, die leidenschafts- und sexuallos sind, aber dennoch funktionieren. Es gibt aber auch viele Menschen, die in einer solchen Beziehung festhängen, damit vollkommen unzufrieden sind und es dennoch nicht hinbekommen, sich zu trennen. Jeder, der schon mal selbst in einer solchen Situation war, weiß, wie schwierig dieser Schritt ist.

Und die toxische Variante?

Es gibt Beziehungen, die zwar toxisch sind, aber endlos dauern. In meiner Geschichte habe ich versucht, komprimiert über einen Zeitraum von ungefähr anderthalb Jahren zu schreiben. Wann diese Situation eskaliert, hängt von der Leidensfähigkeit der Beteiligten ab. Bei manchen Menschen frage ich mich, wie sie das noch aushalten. Mein Zerreißpunkt wäre sehr viel früher erreicht.

Gibt es auch lange, leidenschaftliche und glückliche Beziehungen?

Ja, absolut. Einige davon sogar in meinem Umfeld und ich hoffe auch, dass das die Mehrheit ist. Aber darüber zu schreiben wäre langweilig. Als Schriftsteller versuche ich über Themen zu schreiben, die möglichst noch nicht behandelt worden sind.

An Vanessa wird deutlich: Das Reinzwängen in ein sozial erwünschtes und gesittetes Leben überkommt fast jeden. Inwiefern spielen soziale Zwänge eine Rolle beim Scheitern der Beziehung?

Liebe, Beziehungen und dass sich Menschen zusammentun, das würde ich unabhängig machen von der Gesellschaft. Die Leute finden sich, unter welchen Umständen auch immer. Und es gibt bei uns allen diesen „Nestbautrieb“. Ich glaube, bei Frauen ist er vermutlich etwas stärker ausgeprägt als bei Männern, wobei es natürlich immer Ausnahmen gibt und Fälle, in denen das Gegenteil der Fall ist.

Der Protagonist unterwirft sich seiner Partnerin gänzlich. Warum tut er sich das an?

Eigentlich ist das total krank. Aber es bleibt ihm in der Situation scheinbar nichts anderes übrig. Und auch das kennt man ja. Anstatt einen Kompromiss zu finden, gibt man gleich auf und klein bei. Und erfahrungsgemäß ist es auch so, dass wenn die Frau auf der Klaviatur von Druckschuld und schlechtem Gewissen zu spielen vermag, die meisten Männer relativ schnell einknicken.

Für Julia war die Trennung hingegen eher wie ein Befreiungsschlag …

Das ist auch das, was eine Trennung idealerweise bewirken sollte, nämlich dass eine Befreiung und nicht eine jahrelange Quälerei und ein Zurücklehnen in der Beziehung geschieht. Ich habe auch schon beides erlebt.

Das Hamburger Multitalent Heinz Strunk; © Dennis Dirksen

Das Hamburger Multitalent Heinz Strunk; © Dennis Dirksen

Sie haben dem Roman ein Zitat von John Cheever vorangestellt. Warum?

John Cheever ist eines meiner großen Vorbilder. Ich selbst bin bei Rowohlt, einem Verlag, der traditionell nordamerikanischen Erzählern verpflichtet ist, dadurch bin ich auch auf John Cheever gestoßen, einen Autor, der zu Lebzeiten nie so erfolgreich war. Ich finde das Zitat so brillant, dass ich es nehmen musste.

Es lautet: „Würden Sie mir bitte gestatten, meine Hand um Ihre Knöchel zu legen? Das ist alles, was ich möchte. Es würde mir das Leben retten. Ich würde Sie auch gern dafür bezahlen.“ Körperlichkeit und sexuelle Triebe spielen bei Ihnen eine wichtige Rolle, meistens aber als zerstörerische Kraft. Überwiegen die negativen Aspekte?

Nein, das kann man nicht pauschalisieren. Da muss ich die etwas langweilige Antwort geben, dass das ziemlich typenabhängig ist. Es gibt Leute, für die die Libido quasi eine lebenslange Quelle des Leids ist. Und bei anderen, bei denen die Libido nicht so ausgeprägt ist, ist das vollkommen anders und völlig in Ordnung.

Also sind Sie nicht so düster unterwegs wie Houellebecq, der in seinen Romanen gleich für die Abschaffung des Körpers plädiert?

Nein, ich glaube, dass Houellebecq aus seiner eigenen Sicht schreibt, die sehr traurig ist und auch übertrieben. Sein Blick auf die Sexualität sollte kein Maßstab für die Allgemeinheit sein – zum Glück.

Den Vergleich habe ich wegen Passagen wie dieser gezogen, in der der Protagonist sich im Spiegel betrachtet: „Ein aufrecht stehender Sack voller Eingeweide. Qualliges, lilienweißes Fleisch. Was ist lappiger, die Haut oder das Fleisch? (…) Was er da sieht, hat nun gar keinen Marktwert mehr. Kann er sich gleich morgen mit den anderen Ausgeleierten und Verwelkten zusammentun.“ Das ist schon ziemlich düster.

Da muss ich leider widersprechen. Das wird mir gelegentlich gesagt, aber ich empfinde das gar nicht so. Wenn man sich mal die Mühe macht und mit offenen Augen durch eine deutsche Autobahnraststätte geht, dann wird man auf genau die Leute treffen, die ich beschreibe. Ich versuche ja, nicht zu übertreiben, sondern die Wirklichkeit so wiederzugeben, wie sie ist. Und das hat nichts zu tun mit Menschenhass oder einem düsteren Filter. Ich bemühe mich um Genauigkeit und darum, die Dinge so abzubilden, wie sie sind.

 

Abkehr von der Kirche

 

Ein anderes Thema in Ihren Büchern und auch im aktuellen Roman ist die Kirche und der Glaube an Gott. Auch damit haben Sie ein aktuelles Thema aufgegriffen, Stichwort Missbrauchsskandal.

Dieser Roman war eine willkommene Gelegenheit, meine eigenen Erfahrungen und Beobachtungen einfließen zu lassen. In jungen Jahren war ich selbst ein fleißiger Kirchgänger. Ich bin konfirmiert worden, war auf sämtlichen Kirchenfreizeiten und habe bis zum 18. Lebensjahr fest an die Existenz eines Gottes geglaubt.

Warum danach nicht mehr?

In dieser Zeit habe ich mitgekriegt, wie sich aus meinen drei Gemeinden alle drei Diakone an die Mädchen rangemacht haben. Ich habe die ganzen Vertuschungen mitbekommen, allenfalls gab es eine Strafversetzung, ansonsten blieben diese Straftaten aber ungesühnt. Seitdem möchte ich nichts mehr mit der Kirche zu tun haben.

Das heißt, die Schilderungen basieren auf einem konkreten Fall?

Ja, auf echten Fällen. Das waren damals „Glaubensgenossen“ von mir. Die Überschneidungen mit dem aktuellen Kölner Skandal sind natürlich Zufall. Wenn man ein Buch schreibt, dauert das seine Zeit, sodass man nie ganz aktuell sein kann. Wobei es eigentlich kein aktuelles Thema ist – das Thema existiert an sich schon, seitdem es die Kirche gibt.

Um zum Schluss noch mal auf Ihren Twitter-Account zurückzukommen: Sie nutzen ihn auch immer wieder für Ihr Faible für schlechte Kalendersprüche à la: „Wer morgens zerknittert aufwacht, hat tagsüber viele Entfaltungsmöglichkeiten.“ Haben Sie aktuell einen Favoriten?

„Ich habe heute Morgen zwei Geschenke geöffnet: Meine Augen.“ Das ist ein Top-Satz. Ich weiß nicht, ob der jemals zu überbieten ist.

Heinz Strunk: „Es ist immer so schön mit dir“, Rowohlt, 288 Seiten, 22 Euro. Autorenlesung am 13.9. in der Elbphilharmonie (Großer Saal), 20 Uhr

 


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Videointerview: Scotch & Water am Morgen

Kultursommer-Reporterin Daphne Sagner trifft die Hamburger Indie-Band Scotch & Water zum idyllischen Schnack in Planten un Blomen. Im Gespräch geht’s um Heimat, Musik und natürlich den Kultursommer

Text: Isabel Rauhut

 

Die Hamburger Indie-Künstler Scotch & Water stehen mit Singles wie „Fear“ und „Floralia“ auf dem Radar der norddeutschen Musikindustrie. Ihr Debütalbum „Sirens“ ist im Mai 2021 erschienen. Am 11. August präsentiert die Band den Langspieler im Rahmen des Kultursommer Hamburgs auf der Bühne des Musikpavillons in Planten und Blomen.

Im Interview spricht Kultursommer-Reporterin Daphne Sagner mit Sängerin Samira Christmann und Gitarrist Hansjakob Wedemeyer über ihre Leidenschaft zur Musik, Hamburg als Heimatstadt und die Möglichkeit beim Kultursommer ein Konzert zu spielen.


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Chloé Zhao: „Ich arbeite gern mit Laien“

Regisseurin Chloé Zhao gewann für den Film „Nomadland“ als zweite Frau überhaupt einen Oscar in der Kategorie „Beste Regie“. Im Gespräch gibt Zhao Einblick in die Entstehung des Films und erklärt, warum sie es vorzog, mit echten Nomaden zu drehen

Text & Interview: Patrick Heidmann

 

SZENE HAMBURG: Chloé Zhao, „Nomadland“ war zunächst nicht Ihre Idee, sondern die Ihrer Hauptdarstellerin und Produzentin Frances McDormand, nicht wahr?

Chloé Zhao: Das stimmt. Sie hatte sich die Rechte an dem Sachbuch „Nomadland: Surviving America in the 21st Century“ gesichert. Nachdem sie beim Festival in Toronto meinen Film „The Rider“ gesehen hatte, schrieb sie mir eine E­-Mail. Ich sah nur ihren Namen und den Titel des Buches und dachte mir – ohne Näheres darüber zu wissen – dass, wenn sich mit jemanden ein solches Projekt umsetzen lässt, dann mit ihr.

Es geht im Buch und im Film um modernde Nomaden, Menschen ohne festen Wohnsitz, die mit ihren Wohnwagen oder Kleinlastern durch die USA ziehen. Waren Sie mit dieser Welt vertraut?

Interessanterweise war ich gerade dabei, mir so einen kleinen Laster auszubauen, als „Nomadland“ meinen Weg kreuzte. Natürlich wusste ich, dass es Menschen gibt, die in ihren Fahrzeugen leben. Aber die Ausmaße waren mir nicht klar, und ich wusste nicht, dass es die Gemeinschaft und Zusammenkünfte solcher Nomaden gibt. Von dieser faszinierenden Welt erfuhr ich erst durch das Buch.

 

Die jeweilige Welt

 

Jeder Ihrer Filme spielte bislang in sehr speziellen Milieus. Wonach suchen Sie ihre Geschichten aus?

Tatsächlich ist für mich die jeweilige Welt das wichtigste Kriterium. Ich gehe danach, von welchem Setting ich glaube, dass es mich die nächsten zwei Jahre interessieren wird. Erst an zweiter Stelle kommen für mich die Figuren, in die ich mich auf die eine oder andere Weise verlieben muss. Und danach erst geht es mir um die Geschichte. Entsprechend ist für mich die Kameraarbeit bei meinen Filmen fast noch wichtiger als die Besetzung der Rollen.

Sie haben oft gesagt, dass Sie Ihre Filme nicht als politische Statements verstehen. Kann ein Film überhaupt apolitisch sein, wenn er – wie  „Nomadland“ – von weißen, nicht mehr ganz jungen und vor allem eher mittellosen Menschen in jenem Teil der USA erzählt, der in den vergangenen Jahren oft „Trump Country“ genannt wurde?

Es hängt vermutlich von der Perspektive ab, ob und wie man das Gezeigte politisch einordnet. Es liegt am Ende beim Zuschauer, was wie wahrgenommen wird. Was ich aber nach gut acht Jahren, die ich in „Trump Country“ verbracht habe, sagen kann: Politik steht bei den Menschen dort selten weit oben auf der Tagesordnung.

Ach ja?

Die größte Sorge dort ist, wann der nächste Tornado droht oder wie man sich vor einem Buschbrand schützt. Der Versuch zu überleben, stiftet mehr Gemeinschaftssinn in diesen Gegenden als die Frage, für wen der Nachbar bei der Präsidentschaftswahl gestimmt hat.

Tatsächlich geht es mir bei meinen Filmen auch darum: zu zeigen, dass uns als Menschen letztlich viel mehr verbindet als trennt.

 

 

Genähert haben Sie sich dieser Welt der Nomaden auch dieses Mal nicht bloß von außen, sondern eher immersiv …

Stimmt, wir sind über Wochen mit ihnen mitgezogen, haben selbst in unseren Wagen gewohnt und das Leben mit ihnen geteilt. Auch Frances wollte unbedingt so arbeiten, dass sie sich komplett in diese Welt einfügte. Das bedeutete auch, dass sie für eine Weile als Aushilfe auf einem Campingplatz anheuerte.

War von Anfang an klar, dass Sie größtenteils mit realen Menschen statt mit professionellen Schauspielern arbeiten werden?

Ich arbeite gern mit Laien. Als ich zur Vorbereitung all die Menschen traf, von denen die Autorin Jessica Bruder in ihrem Buch erzählte, wusste ich, dass ich mir gar keine besseren Figuren würde ausdenken können.

Mit „The Eternals“ kommt Ende 2021 Ihr nächster Film in die Kinos, eine Marvel-Comic-Verfilmung. Haben Sie damit Ihre Komfortzone verlassen?

Erstaunlicherweise nicht wirklich. Meine Arbeitsweise hat sich eigentlich nicht verändert, selbst wenn das ein Film von einer ganz anderen Größen­ ordnung ist. Klar, der Druck ist etwas größer, weil mehr Erwartungen dran hängen. Aber als Geschichtenerzählerin und Regisseurin waren meine Auf­gaben die gleichen wie immer. Ich habe mich mit einer Welt und Figuren umgeben, die mich fasziniert haben und mir Mitstreiter vor und hinter der Kamera gesucht, mit denen die Arbeit tagein, tagaus eine Freude war.


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Nachhaltigkeit: Was tust du fürs Klima?

Brennende Wälder und Meere voller Plastik: Die junge Generation hat das zu tragen, was ihre Eltern, Großeltern und Urgroßeltern verbockt haben. Klimaschutz spielt für sie eine zunehmend große Rolle – Mission „Welt retten“

Umfrage: Ilona Lütje

 

Tim, 26, Trainee im Lebensmittelgroßhandel

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Die wohl einschneidendste Veränderung in meinem Leben war die Umstellung zu einer veganen Ernährung vor mehr als eineinhalb Jahren. Sie ist mein Beitrag für mehr Tierwohl, aber auch für eine bessere Zukunft in Bezug auf den Umweltschutz.

Darüber hinaus trage ich meine Klamotten, bis sie durch sind, und versuche nur neue zu kaufen, wenn ich sie tatsächlich benötige. Ich weiß aber auch, dass ich vor allem im Punkt Reisen, insbesondere beim Fliegen, noch Potenzial habe, CO2-Ausstoß einzusparen.

 

Lisa, 25, Studentin

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Ich ernähre mich seit meiner Kindheit vegetarisch. Seit einigen Jahren verzichte ich auf alle tierischen Produkte, nicht nur bei Lebensmitteln. Das mache ich für die Tiere und für die Umwelt. Gut für die Gesundheit ist die vegane Ernährung zum Glück auch.

Ansonsten fahre ich in Hamburg Fahrrad oder Bahn, ein Auto habe ich nicht. Ich versuche, keine neuen Klamotten zu kaufen. Wenn es wirklich notwendig ist, dann nur aus nachhaltiger Produktion oder Secondhand.

 

Laura, 23, Hebammenauszubildende

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Um einen Teil zum Klimaschutz beizutragen, achte ich generell auf eine nachhaltige Lebensweise. Dazu gehört, mein Konsumverhalten zu hinterfragen und anzupassen. Wenn ich Dinge neu kaufe, dann möglichst von kleineren Firmen, die vielleicht sogar einen sozialen Ansatz verfolgen. Ansonsten finde ich fast alles, was ich brauche in den Kleinanzeigen oder in Tauschgruppen über soziale Netzwerke. So weit es geht, kaufe ich Bio-Lebensmittel und verzichte auf Produkte von problematischen Großkonzernen.

Ich muss aber sagen, dass das nicht immer so einfach ist: Im Alltag habe ich oft keine Zeit, bei kleinen Händlern zu kaufen, geschweige denn das Geld. Im Rahmen meiner Möglichkeiten gebe ich aber mein Bestes, um das Klima zu schützen.

 

Lia, 15, Schülerin

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Ich trenne Müll und achte darauf, nirgendwo welchen liegen zu lassen. Meine Freunde und ich kaufen nur Obst aus der Region. Außerdem esse ich kaum Fleisch, benutze wiederbefüllbare Trinkflaschen und keine Plastiktüten. Und ich fahre viel Fahrrad.

 

Annelie, 30, Studentin

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Nachdem ich vor vier Jahren das erste Mal einen Kleidertausch besuchte, trat bei mir erstmals ein richtiger Nachhaltigkeitsgedanke ein. Mir wurde bewusst, wie viele Ressourcen allein durch die ständige Neuanschaffung von Kleidung einer jeden Person verschwendet werden, weshalb ich meine Kleidung seither nur noch secondhand oder über Kleidertauschbörsen besorge.

Ich würde mir wünschen, dass sich der allgemeine Konsumgedanke von „was will ich“ zu „was benötige ich wirklich“ verändern würde – das würde in der Masse schon viel Verschwendung vermeiden.

 

Fabio, 26, Management-Student

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An vielen Stellen im Alltag versuche ich, nachhaltiger zu leben: Ich spare Energie, ich fahre Fahrrad, setze auf Reparatur statt Neukauf und ernähre mich vegetarisch. Dies gibt mir das Gefühl, etwas Gutes für unsere Umwelt zu tun. Allerdings ist mir auch bewusst, dass sich solche Kleinigkeiten weniger positiv auf meinen ökologischen Fußabdruck als auf mein Gewissen auswirken.

Genau wie jeder Mensch mit einem mittleren bis hohen Lebensstandard nutze ich weit mehr Ressourcen als mir eigentlich zustehen. Um einen positiven Beitrag zu leisten, will ich selbst Produkte, Services oder Lösungen entwickeln, die einen echten positiven Impact haben.


 Sondermagazin SZENE HAMBURG NACHHALTIGKEIT, 2021. Das Magazin ist seit dem 7. Mai 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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