Beiträge

Inszenierung im Schauspielhaus: „Richard the Kid“

Richard III. ist vielleicht Shakespeares abgründigste Figur. Er lügt, intrigiert und mordet. Im Schauspielhaus geht „Richard the Kid“ in der Inszenierung von Karin Henkel auf die Suche nach seiner frühkindlichen Prägung. Ein Gespräch mit Dramaturgin Sybille Meier über eine Inszenierung, die keine einfachen Erklärmuster bietet

Interview: Dagmar Ellen Fischer

 

SZENE HAMBURG: Sybille Meier, Lina Beckmann wird Richard III. verkörpern – warum wird die männliche Figur weiblich besetzt?

Sybille Meier: Es geht um die Schauspielerin Lina Beckmann, die in ihrer Wandelbarkeit und großen Virtuosität genau die richtige Besetzung für diese Figur ist. Sie vermittelt einerseits: „Ich spiele euch den Bösewicht“, wird aber andererseits immer mehr tatsächlich zu diesem Tyrannen. Dass eine Frau die Rolle spielt, ist sekundär. Richard selbst bezeichnet sich im Stück als „Kröte“ und als „Wesen“, das sich keiner eindeutigen Kategorie zuordnen lässt, also auch keiner geschlechtlichen. Regisseurin Karin Henkel interessiert das Grenzgängerische und Spielerische daran.

„The Kid“ im Titel lässt an einen Jungen denken, verwandelt sich Lina Beckmann tatsächlich in ein Kind?

Sie spielt auch das Kindliche ihrer Figur, also den Zwölfährigen, mit ihren Mitteln. Wenn man in Shakespeares Dramen das Alter nachrechnet, stellt man fest, dass Figuren durchaus mit zwölf Jahren schon in die Schlacht geschickt oder mit 14 verheiratet werden.

Woher weiß man überhaupt etwas über die Kindheit dieses Shakespeare’schen Despoten?

Wir haben schnell gemerkt, dass wir weiter in der Geschichte zurückgehen müssen, um etwas über seine ersten Jahre zu erfahren. Also haben wir uns auch mit Shakespeares „Heinrich VI.“ auseinandergesetzt, darin wird von Richards Kindheit erzählt. Wir nutzen also Texte aus beiden Dramen, sonst wären die Beweggründe der Figuren gar nicht verständlich.

Das Ensemble besteht in diesem Fall aus nur vier Darstellern, warum diese kleine Crew?

Ursprünglich war geplant, „Richard III.“ in Koproduktion mit den Salzburger Festspielen zu inszenieren. Dann kam Corona, und wir waren herausgefordert, darauf zu reagieren. Wir beschlossen, das Stück in zwei Teilen zu machen: erstens „the Kid“, und zweitens „the King“. Der erste Teil wird unter den aktuellen Pandemie-Auflagen mit wenigen Schauspielern umgesetzt, der zweite Teil dann hoffentlich im nächsten Jahr mit einem großen Ensemble unter normalen Bedingungen. Dass Lina Beckmann Richard III. spielt, stand von Anfang an fest – das war der Ausgangspunkt für Karin Henkels Vorhaben, das Stück überhaupt inszenieren zu wollen.

Dann bleiben für die anderen zahlreichen Figuren also nur drei Schauspieler, Bettina Stucky, Kate Strong und Kristof Van Boven?

Wir haben uns bei dieser Inszenierung auf die Familiengeschichte konzentriert, auf die beiden Familien York und Lancaster, die sich bekämpfen. Darum geht es ja im Grunde von Anfang an in diesen Rosenkriegen, um zwei Herrscherfamilien, die ihren scheinbar legitimen Anspruch auf die Krone mit Krieg beantworten. Die Politiker, die darüber hinaus bei Shakespeare eine Rolle spielen, werden bei uns im ersten Teil nicht vorkommen.

Trotzdem wird jeder mehrere Rollen übernehmen müssen, welche Charaktere sind denn unentbehrlich?

Das sind die beiden Brüder von Richard, Edward und George zum Beispiel, und Anne natürlich, seine spätere Frau. Außerdem werden König Heinrich und dessen Frau Margareta aufauchen, die eine große und wichtige Rolle in Richards Kindheit gespielt haben.

Wird auch hier wieder gegen den Strich besetzt, geschlechtlich gesehen?

Ja, das finde ich toll, dass man in unserer heutigen Zeit künstlerisch so frei ist zu entscheiden, wer was spielen kann. Diese Offenheit in der Figurengestaltung ergibt immer neue Spannungen.

Es geht also mehr um Familie und damit auch um Psychologie als um die Herrschaftshäuser?

Ich bin unsicher, ob man bei Shakespeare-Texten von einer komplexen Psychologie im heutigen Sinn sprechen kann. Wir beschäftigen uns mit den Konstellationen in den Familien, deren Haltungen. Und wir werden bestimmt nicht historisch korrekt sein, das war Shakespeare schon nicht, denn inzwischen weiß man ja, dass Richard III. gar nicht so ein schlimmer Herrscher gewesen ist, wie ihn der Autor zeichnet.

Wenn es um die Kindheit Richards geht, kommt sicher die Beziehung zu seiner Mutter ins Spiel?

Ja, das war ein Ansatz, der Karin Henkel sehr interessierte: diese traumatische Geburt, bei der das Kind missgestaltet auf die Welt kam und schon Zähne im Mund hatte. Hätte man das als Vorzeichen deuten und verstehen müssen, dass er ein Bösewicht ist? Aber wie hätte man damit umgehen sollen? Bei Shakespeare hatte Richards Mutter Schwierigkeiten, überhaupt eine empathische Beziehung zu diesem Kind aufzubauen.

Oder ist es genau diese fehlende Mutterliebe, die ihn zu einem Monster macht? Denn Shakespeare lässt Richard III. an einer Stelle sagen, er habe sich bewusst dafür entschieden, böse zu sein …

Das ist eine sehr aktuelle Frage: Wie kann es sein, dass Menschen so sind? Wie kann dieses Böse so plötzlich hervorbrechen? Ist es von Anfang an da, und man kann im Grunde nichts tun, weil schon zu Beginn eine Deformation des Geistes existiert? Oder machen die Umstände ihn dazu? Ist es die zerstörte Kindheit aus Krieg und Gewalt und auch Lieblosigkeit, die aus ihm das gemacht hat, was er später geworden ist? Das ist eine sehr interessante Frage, die wir uns heute immer noch stellen: Woher kommt das Böse im Menschen?

Also: Ist er böse, weil ihm Mutterliebe fehlt, oder kann die Mutter ihn nicht lieben, weil er schon als Neugeborener böse war?

Vielleicht gibt es da keine eindeutige Zuweisung von Ursache und Wirkung. Oder keine eindeutige Schuld. Das bleibt in unserer Inszenierung offen, auch in der allgemeinen Verteidigung von Müttern, denn schnell könnte man denken: Na ja, wenn die Mütter in der Kindheit nicht dies und jenes getan hätten, dann wäre alles besser oder anders gelaufen.

Schlägt Karin Henkel den Bogen ins Hier und Jetzt?

Für sie ist folgende Frage interessant: Wie kann es denn sein, dass eine Nation oder ein Land in die Hände eines Tyrannen fällt? Warum akzeptieren Menschen, dass ein Staatsoberhaupt so offensichtlich lügt, und trotzdem gehen viele Menschen diesen Weg mit? Die Parallelen zur heutigen Zeit sind klar.

Schauspielhaus
10.10. (Premiere), 12., 14., 24., 29.10. und weitere


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

Berufsberatung: Wie findest du deinen Traumberuf?

Ein Gespräch mit Ragnhild Struss, Gründerin der privaten Studien- und Berufsberatungsfirma Struss & Claussen in Hamburg, über die optimale Ausbildungsplatzsuche

Im Leben muss gefühlt alles immer sofort passieren, häufig lohnt es sich aber, einmal innezuhalten und sich genau zu überlegen, was man will. Gerade, wenn man nach der Schule seine berufliche Zukunft plant. Bei der Berufswahl orientiert man sich häufig an dem, was man kennt, aber gar nicht so sehr daran, was der eigenen Persönlichkeit entspricht. Bei über 9.000 Bachelor-Studiengängen und um die 320 Ausbildungsberufe kann man kaum ohne Hilfe erkennen, was wirklich zu einem passt.

Struss & Claussen unterstützt seit über 15 Jahren erfolgreich junge Berufseinsteiger, zu erkennen, wo ihre Talente und damit Potenziale liegen. Das Credo ist, die Kandidaten in ihrer Entscheidung unabhängiger von äußeren Einflussfaktoren zu machen und sich die Persönlichkeit anzuschauen, um darauf aufbauend gemeinsam mit den Eltern einen Zukunftsplan zu besprechen und abzustimmen. Wichtig ist eben, aus sich heraus fühlen und vor allem benennen zu können, was zu einem passt.

Um genau das jedem Abiturienten zu ermöglichen, hat Ragnhild Struss gemeinsam mit Christine Mahrenholz eine spannende und einzigartige Online-Plattform auf die Beine gestellt. „Toni Knows“ hilft Gymnasiasten, ihre individuellen Stärken und Potenziale zu entdecken und sicher einzusetzen. Die Basis sind psychologische und psychometrische Tests und diese Ergebnisse werden in einem Matchingprozess in Beziehung zu passenden Studiengängen oder Ausbildungen gesetzt. In einem Interview lässt uns die Inhaberin Ragnhild Struss erleben, was sie mit ihrem Geschäftspartner Johann Claussen und hoch motivierten Mitarbeitern auf die Beine stellt: Jeden Tag Zukunft kreieren.

 

Interview mit Berufscoach Ragnhild Struss

 

Ragnhild Struss (Foto: Florian Janssen)

SZENE HAMBURG: Einen schönen guten Morgen, Frau Struss, kommen wir am Anfang doch direkt einmal zum Ursprung. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Studien- und Berufsberatung zu gründen?

Ragnhild Struss: Ich habe jemanden zu einer Berufsberatung begleitet, während ich noch selber im Studium war. Ich fand das Ganze zwar interessant, hatte aber innerlich irgendwie das Gefühl, dass man das besser machen könnte. Während des Studiums habe ich langsam angefangen, mir zu überlegen, wie man so etwas aufziehen könnte, und habe mich nach meinem Studium tatsächlich sehr schnell selbstständig gemacht. Wenn man sich mit einer Gründungsidee beschäftigt, macht man sich natürlich fortlaufend Gedanken, wie man die Umsetzung immer besser machen kann.

Deshalb haben wir uns zum Beispiel schon vor Jahren darauf konzentriert, unser Angebot zu digitalisieren. Unsere eintägige Karriereberatung kann man beispielsweise komplett per Videotelefonie abhalten, während man die entsprechenden Testverfahren online absolviert. Die Ergebnispräsentationen erfolgen dann auch über Skype oder Ähnliches, weil es wichtig ist, den Kandidaten persönlich zu erleben. Und die Online-Optionen sind natürlich klasse, da wir damit auch für unsere Kandidaten im Ausland top zur Verfügung stehen können.

Gibt es noch weitere Vorteile durch die Online-Angebote?

Ich finde, dass Karriereplanung nicht vom Geldbeutel abhängen sollte, und so sind wir natürlich auch in der Lage, sie preissensibler anzubieten. Deshalb haben wir zum Beispiel Step up! e. V. gegründet, einen Verein, der Stipendien für eine Karriereberatung vergibt. Zudem haben wir ein Online-Tool aufgesetzt, das sich an der individuellen Karriereplanung orientiert. Es heißt Toni Knows und damit können Kandidaten auf Basis einer Persönlichkeitsanalyse ein zu ihnen passendes Studium und darauffolgend Beruf finden.

Erläutern Sie doch kurz den Prozess, den Kandidaten bei Ihnen erfahren dürfen …

Im Rahmen der Beratung bei Struss & Claussen bekommt der Schüler oder die Schülerin im Voraus Online-Testverfahren zur Verfügung gestellt, um die Fragebögen in Ruhe zu Hause zu beantworten. Das dauert etwa zwei bis drei Stunden. Dann kommen die Kandidaten für einen ganzen Tag zu uns, und in Form von persönlichen Interviews und kreativen Übungen werden weitere diagnostische Persönlichkeitsverfahren und auch kognitive Tests durchgeführt. Am Nachmittag präsentieren wir im Beisein der Eltern die Ergebnisse. Es wird erläutert, was wir herausgefunden haben, und die entsprechenden Empfehlungen vorgestellt.

Sei es für die Ausbildung, für Studienrichtungen oder für bestimmte berufsorientierte Praktika, bis hin zur Beantwortung der Frage, ob nicht auch erst einmal ein Gap Year Sinn ergeben könnte. Dieser Tag ist natürlich sehr intensiv, deshalb gibt es zum Abschluss einen umfangreichen Ordner mit allen Ergebnissen, Empfehlungen und wichtigen Erläuterungen, um sich damit zu Hause noch einmal in Ruhe zu beschäftigen. In unserem Angebot ist auch enthalten, dass wir ein Jahr lang für die Kandidaten jederzeit als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Man kann das Ergebnis auch zu einem späteren Zeitpunkt erneut nutzen, zum Beispiel sich im Rahmen eines Bewerbungsschreibens noch einmal anschauen, welche hervorstechenden Persönlichkeitsmerkmale man hat, und sich entsprechend auf ein Vorstellungsgespräch vorbereiten.

 

Für jeden gibt es den richtigen Platz

 

Worauf legen Sie in Ihrer Beratung großen Wert?

Im Kern unserer Beratung ist es vor allem unser Ziel, die Persönlichkeit zu erfassen. Häufig sind Berufsberatungen ausschließlich an den Interessen der Kandidaten orientiert, das machen wir gar nicht. Denn ein Interesse kann ich nur an etwas haben, wenn ich es schon einmal kennengelernt habe, aber es gibt so viele Dinge, mit denen gerade junge Menschen noch nie in Kontakt gekommen sind. Orientiere ich mich nur an dem mir Bekannten, verschließe ich mich vor so vielen spannenden Möglichkeiten im Leben. Deswegen ist es für uns so wichtig, den Menschen in seinem gesamten Potenzial zu erkennen, indem wir eine tiefgehende Persönlichkeitsanalyse durchführen.

Für jeden gibt es den richtigen Platz, die meisten machen aber den Fehler, sich von außen beeinflussen zu lassen, den Wünschen der Eltern, den Ideen von Freunden, gehypten Jobs in den Medien etc. entsprechen zu wollen. Diese Beeinflussung arbeiten wir heraus und versuchen sie abzubauen, um festzustellen, was man eigentlich wirklich aus sich heraus möchte. Vielen Jugendlichen fehlt das Selbstbewusstsein, um ihre ureigenen Potenziale und Fähigkeiten zu erkennen und daran auch zu glauben. Wir legen sie in der Beratung frei.

Sie versuchen erst einmal, das innere Bewusstsein zu öffnen und die Einflüsse von außen zu unterbinden?

Richtig. Ein Beispiel: Viele schließen ein Medizinstudium per se aus, weil der Numerus Clausus zu hoch sei. So ein Außenkriterium führt viel zu radikal dazu, beispielsweise etwas Medizinisches nicht in Betracht zu ziehen, statt auf Basis der Persönlichkeit auszuloten, ob es nicht doch eine Möglichkeit gibt.

Sehr spannend, machen Sie eigentlich auch eine Art Erfolgskontrolle?

Wie erwähnt begleiten wir unsere Kandidaten ja ein Jahr lang und führen sehr genau Buch über deren Entwicklung. Und wir machen auch Zufriedenheitserhebungen, und da kommt zum Beispiel raus, dass über 90 Prozent zufrieden mit dem vor- und eingeschlagenen Berufsweg sind – ein sensationelles Ergebnis. Und bei rund 87 Prozent ist eine deutliche Motivation zur Leistungssteigerung zu erkennen, worüber wir uns sehr freuen. Wenn man sich selbst viel besser wertschätzt, hat man auch gleich eine ganz andere, positive Ausstrahlung.

 

Potenziale entdecken, die in jedem schlummern

 

Warum sind Sie Unternehmerin geworden und was treibt Sie Tag für Tag an? 

Ich hatte immer schon Lust, Unternehmerin zu werden, und diese Form der Beratung ist entstanden aus der Neugier am Menschen. Ich liebe es, Menschen ein Stück in ihrem Leben zu begleiten und sie dabei zu unterstützen, sich selbst sehr gut kennen und schätzen zu lernen und den bestmöglichen Berufsweg für ihr Leben einzuschlagen. Und wie schon gesagt, hat mich der Ansatz vieler Wettbewerber irritiert, da sie meiner Meinung nach die Potenziale, die in jedem schlummern, mit den herkömmlichen Methoden unentdeckt lassen. Zusätzlich habe ich jeden Tag das Glück, mit tollen Menschen zusammenzuarbeiten, die Freude an ihrem Beruf haben, weil sie das machen, was sie wirklich mögen.

Oft steht nach dem Abitur die Frage im Raum, ob zunächst ein Auslandsjahr das Richtige ist. Wie sehen Sie das?

Das werden wir natürlich immer wieder gefragt. Unser Prinzip ist ja, dass nicht jeder gleich ist und es vor allem wichtig ist, was man denn so grundsätzlich will. Nur weil man ein Abi hat, muss ja auch nicht jeder zwingend studieren. So ein Jahr im Ausland sollte schon darauf ausgerichtet sein, was man später beruflich machen will. Wenn Sprachkenntnisse wichtig für das weitere Leben sind, dann ist ein Auslandsaufenthalt super, aber dann am besten nicht mit dem besten Buddy, um doch nur Deutsch zu sprechen.

Es bietet sich auch an, wenn man sich sozial engagieren will oder seine Persönlichkeit weiterentwickeln will und zum Beispiel mit Work and Travel sein erstes eigenes Geld zu verdienen, um unabhängig zu sein. Die Alternative wäre eine fachliche Vorbereitung, zum Beispiel lernen, wie man eine Mappe fürs Design-Studium erstellt, oder naturwissenschaftliche Kenntnisse erweitert, um sich für ein entsprechendes Studium zu bewerben.

Am Ende gibt es aber auch Menschen, für die ist es besser, direkt ein Studium in ihrem Heimatort zu beginnen, weil sie mehr Sicherheit als Abenteuer brauchen. Es geht also unterm Strich um eine bewusste Entscheidung, die eigenen inneren Beweggründe und Ziele bei diesen einzelnen Schritten. Wichtig ist auch mal darauf zu achten, ob man eine Entscheidung trifft, weil man gegen die Eltern rebellieren will. Das ist vielleicht manchmal nachvollziehbar, wäre aber eine Entscheidung durch einen äußeren Einfluss und kommt nicht wirklich aus dem Inneren.

Kommen wir zu einem aktuellen Thema. Corona bestimmt gerade alle Lebensbereiche. Spüren Sie dadurch eine Veränderung im Verhalten Ihrer Kandidaten und beeinflusst dies gegebenenfalls die Entscheidung, Stichwort Sicherheit?

Corona ist erst einmal auch ein äußerer Umstand und so gilt auch hier, sich davon nicht leiten zu lassen, sondern gemeinsam zu schauen, welche nächsten Schritte zunächst einmal wirklich zur Persönlichkeit des Kandidaten passen. Auch hier ist entscheidend, sich nicht verunsichern zu lassen. Natürlich macht der Virus Angst. Wir Menschen lassen uns durch Bedrohungen zu Pessimismus verführen und können dadurch keine klaren Entscheidungen mehr treffen. Zu viel Vorsicht ist nicht immer die richtige Grundlage für langfristige Planung, und wir stellen tatsächlich fest, dass einige inzwischen stark durch Sicherheitsgedanken gesteuert sind.

Deshalb empfehlen wir auch weiterhin, erst einmal den Potenzialanalyseprozess komplett zu durchlaufen, um zu schauen, was einen wirklich glücklich macht. Und auf der Grundlage kann man dann entscheiden, wie man mit dem Umstand Corona methodisch, institutionell oder auf der Eben des Ortes umgeht. Und man sollte nicht unterschätzen, dass durch die Corona-Zeit auch wahnsinnig viele neue Möglichkeiten entstehen.

Auf einmal muss man lernen, mit digitalen Lernsituationen umzugehen, man entdeckt neue digitale Arbeitstechniken und -prozesse. Für manche ist das Lernen zu Hause teilweise förderlicher als das Sitzen in überfüllten Hörsälen. Letztlich zeigt aber auch Corona, wie wichtig es ist, seinen Typus zu kennen, um für sich den optimalen Weg zu finden und den Umgang mit fordernden Situationen richtig einzuschätzen.

 

Erfolg durch Erfüllung

 

Wie bewerten Sie denn das Verhalten vieler Eltern, die primär wollen, dass es ihren Kindern immer gut geht und deshalb sehr auf Sicherheitsaspekte achten?

Logisch, dass Eltern ein natürliches Schutzbedürfnis haben und daraus resultierend versuchen, auch die Zukunftsentscheidung der Kinder unter Sicherheitsaspekten zu bewerten. Das macht aber häufig nicht wirklich Sinn, denn Erfolg hat vorrangig etwas mit Erfüllung zu tun. Und die höhere Wahrscheinlichkeit auf Erfolg liegt in dem, was man wirklich kann und liebt und seiner Persönlichkeit entspricht. Dieser Sicherheitsaspekt bleibt für mich trotzdem sehr spannend, weil man letztendlich in dem am sichersten auftritt und arbeitet, in dem man einen hohen Selbstwert verspürt, und Selbstwert hat immer etwas damit zu tun, dass das, was ich tue, mit mir übereinstimmt.

Was waren Ihre Berufswünsche als Kind? Und wussten Sie beim Schulabschluss schon genau, was dann folgen soll?

Als Kind wollte ich eigentlich immer Ärztin werden, und jetzt muss ich manchmal lachen, denn im Grunde genommen habe ich heute in einem metaphorischen Sinne eine ganz ähnliche Tätigkeit. Menschen kommen zu mir, haben ein Problem und ich analysiere sie, um hinterher quasi eine Empfehlung auf einen Rezeptblock zu schreiben. Von daher musste ich auch lernen, beruflich zu abstrahieren; man darf nicht immer in konkreten Berufsbildern denken.

Jemand, der zum Beispiel etwas Soziales machen möchte, muss nicht unbedingt Lehrer werden. Ein solcher Mensch kann beispielsweise eine Führungskraft und Talent-Manager werden oder im psychologischen Bereich arbeiten oder als Pastor glücklich werden. Deshalb ist es wichtig, nicht in konkreten Interessen oder Bildern zu denken, sondern aufzudecken, was die tatsächlichen Talente, Fähigkeiten und Eigenschaften eines Einzelnen sind und daraus abzuleiten, was wirklich passen könnte.

Man merkt wirklich, mit wie viel Leidenschaft Sie Ihren Beruf ausüben, können Sie mir auch noch einmal genau erklären, was Sie in Ihrem Beruf so richtig glücklich macht?

Vor allem erst einmal, dass ich meine Persönlichkeit voll ausleben kann und mich immer weiterentwickle. Jeden Tag lerne ich Menschen neu kennen. Seit 17 Jahren analysiere ich jeden Tag Menschen und ich habe noch nicht zwei getroffen, die gleich sind. Die Sache entfacht sich also immer wieder neu, je mehr man dazulernt, und nichts ist spannender, als immer wieder zu versuchen, Menschen zu verstehen.

Herauszubekommen, was einen Menschen glücklicher, zufriedener und produktiver macht, das macht mich glücklich. Ich glaube, wenn jeder das tut, was ihm wirklich entspricht, und dadurch zufriedener ist, dann leisten wir durch bessere Beziehungen und effizient gesteuerte Produktivität einen entscheidenden positiven gesellschaftlichen Beitrag. In dem Sinne ist es quasi ein Mandat, sich eingehend mit seiner beruflichen Wahl auseinanderzusetzen.

www.strussundclaussen.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Ausbildung, 2021. Das Magazin ist seit dem 19. September 2020 im Handel. Bestellt euch das Heft oder Blättert hier durch das Magazin! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Interview: Moritz Bleibtreu über sein Regiedebüt „Cortex“

Moritz Bleibtreu feierte mit „Cortex“ auf dem Filmfest Hamburg Premiere. Der Schauspielstar schrieb das Drehbuch, führte Regie, produzierte den Film und spielte die Hauptrolle. Mit SZENE HAMBURG traf er sich vorab zum Gespräch und sprach über seine Erfahrung als Regisseur, seine Vorbilder und den Reiz komplexer Erzählungen

Interview: Marco Arellano Gomes

 

Mit einem dunklen Mercedes scheint Moritz Bleibtreu zum Interviewtermin. Er steigt aus, geht ein paar Schritte Richtung Lokal, fragt seine Agentin, ob sie ihm eine Flasche Wasser, einen Cappuccino mit Zucker und einen Aschenbecher organisieren könne und schwingt sich auf eine hohe Holzbank. Treffpunkt ist das vor Kurzem wiedereröffnete Restaurant „Farina Meets Mehl“ in Ottensen. Auf dem diesjährigen Hamburger Filmfest feiert Bleibtreus Film „Cortex“ Premiere. Er wirkt entspannt, ist bei bester Laune. Als er die aktuelle SZENE HAMBURG auf dem Tisch liegen sieht, erzählt er, dass seine Mutter (Theaterschauspielerin Monica Bleibtreu, Anm. d. Red.) in den 1980er Jahren das Blatt regelmäßig gelesen habe.

 

SZENE HAMBURG: Moritz, dein neuer Film „Cortex“ feiert dieses Jahr auf dem Filmfest Hamburg Premiere. Wie würdest du dich als Regisseur beschreiben?

Moritz Bleibtreu: Meine Erfahrung ist, dass ich als Regisseur vor allem Motivator bin. Wenn du im Team Leute hast, die gut sind, dann tragen alle von sich aus viel zu dem Film bei und bringen sich ein. Das ist ja das Tolle!
Es gibt im Grunde zwei Arten von Regisseuren: Die, die gerne abgeben und die, die das nicht tun. Ich gehöre definitiv zu denen, die gerne abgeben.

Gab es Regisseure, mit denen du gearbeitet hast, von denen du sehr inspiriert warst? Von denen du sagen würdest: „Von ihm habe ich viel über das Filmemachen gelernt?“

Letztendlich habe ich von jedem Regisseur, mit dem ich gearbeitet habe, auch etwas gelernt. Aber besonders hängen geblieben ist mir die Arbeit mit Steven Spielberg am Film „München“.

Was war an der Arbeit mit Spielberg so besonders?

Er ist die absolute Champions League und die Art Regisseur, in deren Tradition ich mich gerne sehen würde, ohne mich mit ihm vergleichen zu wollen. Damals habe ich Spielberg gefragt: „Kannst du mir jungem Schauspieler etwas mit auf den Weg geben? Und was machst du anders? Was macht dich so erfolgreich?“ Und dann sagte er: „Moritz, I don’t do anything. All I do is, I hire the best people in the world and I tell them how great they are“ („Moritz, ich tue nichts. Ich engagiere nur die besten Leute der Welt und sage ihnen, wie toll sie sind“). Er lässt die Leute am Set einfach ihren Job machen und vertraut ihnen. Spielberg ist eigentlich ein unterschätzter Regisseur, künstlerisch betrachtet.

Hat dich nicht auch Fatih Akin stark geprägt? Immerhin habt ihr vier Filme miteinander gedreht.

Klar, auf jeden Fall. Wir haben uns gegenseitig geprägt. Er würde wahrscheinlich das Gleiche sagen. Es gibt, ehrlich gesagt, kaum einen Regisseur, von dem ich nichts gelernt habe. Jeder hatte seine Stärken. Fatih hat zum Beispiel diesen absoluten Willen zur Wahrhaftigkeit – und wenn er sich dafür prügeln muss. Helmut Dietl hingegen will es genau so, wie er es sagt. Und wenn da ein Bindestrich steht, dann muss man den auch wirklich mitnehmen. Tom Tykwer wiederum ist ein wandelndes Filmlexikon. Der weiß alles über Film.

Als du das Drehbuch zu „Cortex“ geschrieben hast, hattest du da schon die Darsteller vor Augen?

Leider nicht. Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich mich selbst besetzen musste. Ich habe keinen mehr gefunden, der Zeit hatte und den ich wirklich gewollt hätte. Ich habe den großen Fehler gemacht, das Drehbuch nicht auf Schauspieler hin zu schreiben. Ich hatte mir gedacht: Ich schreibe diese Geschichte und dann schauen wir mal. Das würde ich so nicht noch mal machen.

Drehbuch, Regie, Hauptrolle, Produzent: Hattest du irgendwann die Befürchtung, dass du dir etwas zu viel zugemutet hast?

Ja, hatte ich. Ich habe sie auf eine Art noch immer – zumindest, was die Außenwirkung betrifft. Es war nicht so, dass ich gesagt hätte: „So, jetzt mache ich das alles hier für mich. Und alle anderen: Bitte zur Seite!“ So wirkt das nun wahrscheinlich, aber das Gegenteil war der Fall. Ich wollte mich nicht besetzen. Es war bloß niemand zur Verfügung, der mich wirklich begeisterte. Also dachte ich mir, bevor ich jemanden besetze, bei dem ich mir nicht sicher bin oder der sich in der Situation nicht wohlfühlt, nehme ich es lieber auf meine eigenen Schultern.

Bist du mit dem Ergebnis zufrieden?

Der Regisseur ist jedenfalls der Meinung, dass der Bleibtreu das ganz gut gemacht hat (lacht).

Konntest du als Regisseur die eigenen Szenen überhaupt aus der Außenperspektive betrachten?

Ich habe in solchen Momenten komplett an Thomas Kiennast, den Kameramann, abgegeben und gesagt: „Wenn ich spiele, dann führst du Regie.“ Ich habe dann auch voll auf ihn gehört und nichts hinterfragt.

 

„„Cortex“ hat keinen größeren Anspruch, als ein kleiner, verrückter Debütfilm zu sein“

 

Du bist ein sehr erfahrener Schauspieler. Hast du das Gefühl, als Regisseur deshalb ein besseres Händchen für die Darsteller zu haben?

Ich glaube schon, dass es für einen Regisseur von Vorteil ist, wenn er selber das Schauspiel kennt, weil er dann besser weiß, wo sich ein Schauspieler gerade befindet, wie sich eine bestimmte Nervosität äußert und wie der Schauspieler sich in bestimmten Momenten fühlt.

Bist du dann strenger oder gnädiger?

Auf jeden Fall gnädiger.

Die Erwartungshaltung ist hoch, wenn Filmstars bei einem Film das Drehbuch und die Regie übernehmen. Wie hast du dich darauf vorbereitet?

Ich denke, ich habe genügend Filme gemacht, um zumindest eine Vorstellung davon zu haben, was für eine Art Regisseur ich sein möchte. Der Rest ist Lernen. Ich mache das immerhin auch zum ersten Mal. „Cortex“ hat keinen größeren Anspruch, als ein kleiner, verrückter Debütfilm zu sein. Ich habe versucht, mich völlig frei zu machen von übertriebenen Erwartungen. Ich habe einfach das gemacht, was ich schon lange machen wollte – und zwar möglichst kompromisslos. Ich denke, das ist mir auch ganz gut gelungen.

Du machst in der Tat einen zufriedenen Eindruck. Viele Regisseure hadern ja mit ihren Filmen bis zur letzten Minute, da die Filme oftmals nicht so sind, wie ursprünglich gedacht.

Mittlerweile habe ich meinen Frieden damit gemacht.

Mittlerweile?

Es ist ein Prozess, zu verstehen, dass das, was man sich in seinem stillen Kämmerchen ausdenkt, nie das sein wird, was am Ende auf der Leinwand zu sehen ist. Filmemachen ist Teamarbeit. Du hast da mindestens 30 bis 40 Leute, die wichtig sind für alles, was passiert. Die große Kunst ist es, auch mal loszulassen und im richtigen Moment zu sagen: „Ich lass das jetzt und guck mir was Neues an.“ Nichts läuft durchgehend so, wie geplant.

 

Das Schreiben ist das Wichtigste

 

Beunruhigt es dich nicht, wenn nichts wie geplant läuft?

Ich kann mir schwer vorstellen, einen Film zu machen, von dem ich sage: „Ey, was für ein Brett.“ Dafür bin ich viel zu zweifelnd und zu selbstkritisch. Ich sehe immer erst mal Fehler, und erst langsam schleichen sich Gedanken ein, dass ich es vielleicht so schlecht gar nicht gemacht habe.

Was war denn deine wichtigste Erkenntnis bei der Produktion von „Cortex“?

Was ich mitgenommen habe, ist, dass das Schreiben das eigentlich Wichtige ist. Das ist etwas, das mein Leben garantiert verändert und was ich auch weitermachen will.

Wie kamst du überhaupt auf das Thema?

Schwer zu sagen. Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht. Ich habe irgendwann mal im Witz gesagt: „Weißt du, was man mal machen müsste? Einen ernsten Body-Switch-Film. Einen, der nicht lustig ist, auch nicht halblustig, wie bei ,Im Körper des Feindes‘ (,Face/Off ‘), sondern wirklich ernst. Das hat sich irgendwann in meinem Kopf festgesetzt.“ Ich habe immer aus Spaß gesagt: „Ich habe das erste Body- Switch-Drama der Welt gemacht.“
Na ja, möglicherweise ist mir ein Koreaner zuvorgekommen, aber im Westen bin ich, soweit ich weiß, der Erste.

Also hat dich vor allem die Filmgeschichte inspiriert?

Filmemachen ist nun mal ein sehr großer Teil meines Lebens. Künstlerisch betrachtet, spiegelt die Schauspielerei das Leben von jedem wider. Ich werde dafür bezahlt, viel Zeit meines Lebens nicht ich selbst zu sein, sondern anderen etwas vorzuspielen und gleichzeitig mich in dieser Figur zu suchen und zu finden. Das ist eine Parabel für das Leben an sich: Jeder sucht sich selbst. Im besten Fall findet man sich ganz, eventuell ein bisschen oder eben gar nicht. Dabei muss man ab und zu auch loslassen können. Du kannst nichts Neues machen, ohne etwas loszulassen. Du kannst nichts finden, ohne etwas wegzuwerfen.

Hattest du je das Gefühl, in eine Rolle so einzutauchen, dass du dich selbst darin verloren hast und nicht mehr wusstest, wo die Rolle anfängt und der Darsteller Moritz Bleibtreu aufhört?

Nein, weil dieses Suchen, dieses mich in einer Figur finden, nie Formen angenommen hat, die mich selbst kirre gemacht hätten. Es gibt aber Regisseure, die sehr fordernd sind. Und ich habe Filme gemacht, bei denen ich physisch an einen Punkt gekommen bin, wo es nicht mehr ging. Davon ausgehend kann auch persönlicher Kram in Mitleidenschaft gezogen werden. Aber ich gehöre nicht zu den Leuten, die
sich in einer Figur verlieren. Ich habe auch schon erlebt, dass ich von einem Filmset ging und sagen musste: „Ich habe den Charakter wirklich nicht gefunden.“

Bei welcher Figur war das der Fall?

Das sagt man der Presse natürlich nicht. (lacht)

Du hast als Schauspieler oft komplexe, fordernde Rollen gewählt, statt dich dem Mainstream zu verschreiben. Ist das dein Prinzip?

Mir macht kompliziertes Zeug im Allgemeinen einfach Spaß, ohne dass ich den Mainstream verurteile. Es gibt viele Mainstream-Filme, die ich sehr gelungen finde. Ich habe irgendwann einfach großes Interesse an komplexen Thematiken, Geschichten sowie komplexer Literatur und Musik entwickelt. Ich mag Sachen, die nicht auf den ersten Blick gefallen, sondern bei denen man etwas tun muss, um sich diese zu erschließen. Du siehst, liest oder hörst es nochmal und noch mal und noch mal – und beim fünften oder zehnten Mal merkst du: „Ach, das wollte der Typ! Jetzt habe ich das verstanden. Wie geil ist das denn?!“

Zurück zu deinem Film „Cortex“: Der spielt ja in großen Teilen in Hamburg. Hast du besonders gern hier in deiner Heimatstadt gedreht?

Ja, klar. Das war toll. Nicht nur wegen der schönen Kulissen, die diese Stadt bietet, sondern auch, weil ich mich darüber freute, schnell zu Hause zu sein (lacht). Der letzte Film, den ich in Hamburg gedreht habe, war „Soul Kitchen“! In Hamburg wird leider viel zu wenig Kino gemacht.

 

Seht hier den Trailer zu „Cortex“:

 

Es gibt Pläne, mehr High-End-Serien in Hamburg zu produzieren. Es gab eine lebhafte Debatte um eine alte, nicht mehr genutzte Posthalle, in der unter anderem eine Serie von Fatih Akin gedreht werden könnte. Braucht Hamburg ein solches Studio?

Alles, was den Filmstandort Hamburg attraktiver macht, ist definitiv zu begrüßen. Ohne staatliche Subventionen würden wir hier in Deutschland nicht einen einzigen Film machen. Deswegen können wir der Subvention und der Öffentlich-Rechtlichen nicht genug danken. Mich ärgert bloß, dass dieses System so stark ländergebunden ist. Das ist nicht immer hilfreich, vor allem, wenn mehrere Länder subventionieren und man gezwungen ist, in jedem der beteiligten Länder zu drehen. Die Franzosen haben ihre Förderung zentralisiert. Das würde auch hier viel Geld einsparen und dieses ständige Hin- und Herfahren verringern.

Heutzutage können es sich wenige erlauben, komplexe Filme zu machen. Oft scheitert es an der Finanzierung. „Cortex“ ist so gesehen ein mutiges Projekt. Wie würdest du den Film in aller Kürze zusammenfassen?

Ein Mann träumt von einem anderen Mann, bis er zu ihm wird. Der eine versucht, sein Leben zurückzubekommen, der andere versucht, das neue Leben zu behalten. Es ist eigentlich ganz einfach.

Wie, glaubst du, wird das Publikum den Film aufnehmen?

Natürlich hoffe ich, dass ihn viele Leute sehen – aber ich weiß auch, in was für einer Krise das Kino momentan steckt. Viele meiner persönlichen Lieblingsfilme waren im Kino nicht allzu erfolgreich, teilweise sind diese aber im Nachhinein zu Kultfilmen avanciert. Es wäre toll, wenn „Cortex“ dazu führt, dass die Leute sagen: „Lass mal gucken, was der Bleibtreu noch so macht.“


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

 

„Sicherheitszone“: Katrin Seddigs neuer Roman

Katrin Seddigs Familienroman „Sicherheitszone“ spielt vor dem Hintergrund des G20-Gipfels in Hamburg. Ein Gespräch über gesellschaftliche Brüche, die Unübersichtlichkeit der Welt und Wege aus der Ohnmacht

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Zu Beginn steht ein Zitat der polnischen Dichterin Wisława Szymborska: „Ich ziehe das Chaos der Hölle dem Chaos der Ordnung vor.“ In „Sicherheitszone“ zerfällt die Ordnung der Familie Koschmieder. Die 17-jährige Imke ist bei „Jugend gegen G20“ aktiv. Ihr großer Bruder Alexander steht als Polizist auf der anderen Seite. Thomas, der Vater, verlässt die Familie für eine jüngere Frau – die Ernüchterung folgt schnell. Während einer Demo gerät er auf der Suche nach Imke in einen Tumult und wird von einem Polizisten attackiert: „Er hatte die ganze Zeit gedacht, er könne außen vor bleiben, alles als Beobachter sehen, und sein eigener Irrtum wird ihm so kalt und klar, so höhnisch bewusst, als wäre er ein Irrtum nicht nur in diesem Moment, sondern seines ganzen Lebens.“

Seddigs Roman ist die Geschichte eines Umbruchs und der damit verbundenen Verunsicherung: „Die Welt, wie wir sie kannten, die ist vorbei. Sie ist schon länger vorbei, aber wir haben’s jetzt erst gemerkt“, konstatiert Thomas zum Schluss. Selten wurde das Chaos der Ordnung präziser seziert als in „Sicherheitszone“.

 

SZENE HAMBURG: Katrin, du hast Kultur einmal als lebenswichtig bezeichnet, weil mit ihrer Hilfe Krisen verdaut werden. Hast du G20 nun verdaut?

Katrin Seddig: Nein, ich spüre immer noch Wut und nicht aufgearbeitete Prozesse in mir. Aber während der Arbeit am Roman habe ich gelernt, Abstand zu nehmen und die Ausschreitungen wie ein historisches Bild zu betrachten.

Und kannst du die Ereignisse inzwischen irgendwie für dich einordnen?

Privat war das für mich ein Bruch. Mir wurde schlagartig klar, dass ich mich auf bestimmte Dinge nicht verlassen kann. Ich wusste schon vorher, dass es schwarze Schafe bei der Polizei gibt. Ich sehe auch ein, dass das eine schwierige Lage für die Polizisten war. Aber dass so massiv vorgegangen wird – etwa bei der Räumung des Camps – hat mich schockiert.

Ich habe da erst begriffen, dass man systematisch Gesetze brechen kann und dafür nicht belangt wird, wenn man Macht hat. Das ist vielleicht naiv, aber ich musste das wohl erst sehen, um es zu wissen.

 

Ein strukturelles Problem

 

Wo ist die Wurzel des Problems?

Das ist ein strukturelles Problem. Es ist keine Entscheidung von einzelnen Polizisten, dass es keine Folgen hat, wenn auf Menschen eingeprügelt wird, die schon am Boden liegen. Es gab damals noch keine Kennzeichnung von Polizisten, eine unabhängige Beschwerdeinstanz gibt es bis heute nicht. Und die Leute, die die Befehle geben, sind verantwortlicher als 20-jährige Polizisten, die die ganze Zeit angespuckt werden und irgendwann ausrasten.

Das entschuldigt nichts, ist aber menschlich nachvollziehbarer, als wenn fragwürdige Räumungsbefehle gegeben werden, obwohl man den Überblick hat und gar nicht physisch in Gefahr ist. Du hast die Ereignisse fiktiv verarbeitet.

Welche Rolle spielt das Narrative bei der Aufarbeitung?

Mir ist aufgefallen: Je weiter die Menschen weg von den Ereignissen waren, umso klarer war ihre Vorstellung davon, wie es gewesen ist. Diejenigen, die mittendrin waren, hatten gar keine Vorstellung, weil es so kompliziert und unübersichtlich war. Man kann immer nur einen Bruchteil sehen.

Manche Entwicklungen lassen sich durch Geschichten besser erfassen als durch Berichte. Ich biete nur eine Geschichte von vielen möglichen an. Deswegen war es mir wichtig, kein Sachbuch zu schreiben, sondern einen Familienroman.

Warum ein Familienroman?

Das kommt aus meiner persönlichen Situation heraus, weil ich in einer Familie lebe. Außerdem ist die Familie tatsächlich auch die kleinste Zelle der Gesellschaft, so klischeehaft das klingt. Darin spiegeln sich Konflikte vereinfacht wider. Und ich wollte ein Bild eines gesellschaftlichen Bruchs zeichnen.

Cover_Seddig_SicherheitszoneWie war das, dich in so unterschiedliche Charaktere hineinzudenken, die teilweise konträr zu deiner Einstellung stehen?

Unterschiedlich schwer. Mich in Jugendliche hineinzuversetzen, fällt mir schwerer, weil ich in dieser Gemeinschaft nicht mehr lebe und gerade Jugendliche sich stark von Erwachsenen abgrenzen durch ihre Sprache und sie sind untereinander ganz anders als vor Erwachsenen. Ich habe deswegen keine Jugendsprache verwendet, dieser Versuch hätte nur scheitern können. +

Natürlich ist es einfacher für mich, mich in Menschen meines Alters hineinzuversetzen, und leichter in Frauen als in Männer. Grundsätzlich kann man sich aber in alle Gedankengänge hineinversetzen, auch in böse. Man hat alle Regungen in sich, wenn man die konsequent weiterverfolgt, dann kann man sich alles denken.

Du sagst, es fällt dir leichter, dich in Frauen hineinzuversetzen als in Männer. Interessanterweise vertritt der Vater im Roman viele der Thesen und Meinungen, die du in deiner Taz-Kolumne vertrittst.

Das liegt vielleicht daran, dass der Vater die Hauptfigur sein musste, falls es überhaupt eine Hauptfigur in dem Roman gibt. Er ist der erste Handelnde, indem er die Familie verlässt. Er ist auch die tragischere und zugleich komischere Figur, weil er viel mehr der Lächerlichkeit preisgegeben wird als die anderen Figuren.

Warum eignet sich der Vater am besten für die Rolle der Hauptfigur?

Ich beobachte in meinem Umfeld, dass feinfühlige Männer meines Alters mit dominanten Vätern aufgewachsen sind. Sie haben größere Schwierigkeiten als Frauen, sich in der heutigen Welt zurechtzufinden – gerade weil sie nicht so sein wollen wie ihre Väter, aber doch noch ungewollt in dieser Welt stecken. Es ist bezeichnend, dass Frauen immer noch mehr im Haushalt machen. Der Mann ist also am besten geeignet für diese Art von ambivalenter Figur.

Außerdem ist es als Mann einfacher, auf komische Art zu scheitern. Männern wird mehr zugestanden, sie können großspurig scheitern. Frauen müssen ihren Weg gehen – wenn sie scheitern, ist das tragisch.

Warum ist das deiner Meinung nach so?

Weil die Frau immer als die Mutter gesehen wird. Wenn sie als Mutter scheitert, ist das tragisch für die Kinder. Wenn der Vater scheitert, gibt es für die Kinder noch die Chance, dass die Mutter gut für sie sorgt. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen die Frau schwach ist und die Männer einspringen müssen, aber das sind eher die Ausnahmen.

Dein Blick auf die Menschen ist erst einmal desillusionierend, aber nicht verurteilend. Gehst du so an deine Figuren heran – mit kaltem Blick und Menschenliebe?

So kann man das nennen. Ich muss auf jeden Fall genau sein und darf nichts beschönigen. Gerade wenn man präzise auf einen Menschen blickt, kann man verzeihend sein. Wie man auch mit sich selbst umgehen sollte, so gehe ich mit den Figuren um.

Wie blickst du auf Alexander?

Er ist kein schlechter Mensch. Er ist liebevoll und der Familie zugeneigter als Imke. Er kümmert sich um die Großmutter und hat ein warmes Verhältnis zur Schwester. Er sucht eben nach Orientierung. Sein Problem ist eher, dass er zu wenig Einstellung hat.

 

„In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher“

 

Was andeutungsweise mit einer Grundverunsicherung einhergeht, weil er adoptiert ist. War das eine bewusste Entscheidung von dir?

Ja, schon. Als Komposition in der Familie. Es gibt keine Familie, in der alle Kinder gleich behandelt werden. Aber bei einem Adoptivkind kommt es insofern zu Problemen, als es sich einbilden kann, dass es zurückgesetzt wird. Im Roman wird auch immer wieder angedeutet, dass Alexander dunkler ist, dass er eventuell migrantische Wurzeln hat. Er kann auch als Abbild der Gesellschaft für migrantische Kinder gesehen werden, die nie als ganz angenommen gesehen werden. Das ist ein gesellschaftliches Problem, wie damit umgegangen wird, wenn jemand nicht zu 100 Prozent dazu passt. Bei der Polizei findet Alexander Zugehörigkeit.

Macht die Unübersichtlichkeit dir auch zu schaffen?

Es macht mich fertig. Vor allem die Schnelligkeit der Nachrichten überfordert mich, gerade weil ich genau hinsehen und die Zusammenhänge verstehen will. Man muss aushalten, dass in dem, was man ablehnt, auch richtige und gute Anteile enthalten sein können. Und zugleich muss man immer die eigene Einstellung hinterfragen, weil man in seiner eigenen politischen Position immer auch selbstgefällig ist. Das ist eine große Arbeit, die die Medien nicht leisten könnten. In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher. Die Zersplitterung führt auch zur Handlungsunfähigkeit. Aber auch im Zweifel muss man sich für eine Handlung entscheiden, sonst kann man nicht politisch aktiv sein.

Was glaubst du, wie man in 100 Jahren mit dem Segen der Spätgeborenen auf unsere verunsicherte Gesellschaft blickt?

Ich lese gerade die großen Gesellschaftsromane von Balzac, darin kann man sehen, wie die Menschen im 19. Jahrhundert lebten und dachten. Und wenn man Jane Austen liest und sieht, wie die Menschen in ihren Romanen miteinander umgehen – das sind die gleichen Peinlichkeiten wie heute. Austen ist so originell, weil man zwischendurch vergisst, dass ihre Romane in einer anderen Zeit und Gesellschaftsschicht spielen. Ich glaube, was im Menschen gleich bleibt, sind seine Schwächen. Die sind universell, auch wenn es regionale und zeithistorische Färbungen gibt.

Katrin Seddig: „Sicherheitszone“, Rowohlt Berlin, 464 Seiten
Autorenlesung am 5.9. in der Bücherhalle Elbvororte, 19 Uhr


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

„Pelikanblut”: Katrin Gebbe & Nina Hoss im Interview

Nina Hoss spielt in Katrin Gebbes Drama eine Mutter, die um ihre Tochter kämpft. Pelikanblut – Aus Liebe zu meiner Tochter” ist ein beeindruckender und ungewöhnlicher Film, der Genregrenzen sprengt und polarisiert. Ein Gespräch über Glauben, das Böse und zu viel Zucker am Set

Interview: Maike Schade

 

SZENE HAMBURG: Nina und Katrin, glaubt ihr an Magie?

Katrin Gebbe: Gute Frage. Ich bin eigentlich ein totaler Atheist, aber beispielsweise in Krisensituationen merkt man doch, dass man den Wunsch verspürt, auf eine Kraft zu vertrauen, die größer oder stärker ist als man selbst. Ich glaube, dass das Bedürfnis des Glaubens ein ganz wesentlicher Teil des Menschen ist.

Das klingt eher nach Kirche. Ich dachte an etwas wie Hexerei.

Katrin Gebbe: Das unterscheidet sich meiner Meinung nach überhaupt nicht vom christlichen Glauben. Ob man nun betet, symbolisch den Leib Christi mit einer Oblate in den Mund nimmt oder Räucherstäbchen anzündet oder auch einen Pferdekopf aufspießt – letztendlich vertraut man da auf eine größere Macht.

Nina Hoss: Ich glaube nicht direkt an Magie, aber ich habe schon das Gefühl, dass es Kräfte gibt, von denen wir überhaupt keine Ahnung haben. Und ich glaube daran, dass der Geist ungeheure Kräfte entwickeln kann, sodass man sehr weit gehen kann, auch wenn der Körper längst erledigt ist. Ich kann auch verstehen, dass man, wenn man nicht weiterweiß, wie Wiebke sagt: Ich probiere das mit der Magie oder dem Ritual mal aus, was soll schon passieren? Schlimmer kann es ja nicht werden. Das könnte ich mir bei mir auch vorstellen. Diese Offenheit habe ich. Wir wissen ja eigentlich nichts. Im Gegenteil: Je mehr ich weiß, desto mehr Fragen habe ich.

 

„Die Kirche ist in Deutschland sehr präsent”

 

Katrin, wenn ich richtig informiert bin, bist du aus der Kirche ausgetreten. Dennoch scheint dich der christliche Glauben sehr zu beschäftigen – in “Tore tanzt” ganz offensichtlich, und “Pelikanblut” liegt ja auch die christliche Metapher von der sich aufopfernden Pelikanmutter als Symbol für Christus zugrunde.

Katrin Gebbe: Ich bin in einer kleinen Stadt aufgewachsen, in der Glauben ein ganz wichtiges Element war. Die Kirche ist ja nach wie vor in Deutschland sehr präsent, und das hat auch viel mit Politik und Macht zu tun. Ich halte es deshalb für wichtig, diese Dinge als Gesellschaft zu hinterfragen. Der Mensch macht es sich aber zu einfach, wenn er das einfach verurteilt – oder auch einen anderen Glauben und seine Institutionen.

Dreharbeiten mit Kindern oder Tieren gelten allgemein als schwierig. Ihr hattet beides. War das nicht der Horror?

Katrin Gebbe: (lacht) Nein. Anstrengend ja. Aber das ist ja eigentlich jeder Dreh.

Wer war schwieriger, die Kinder oder die Pferde?

Katrin Gebbe: Für mich war das Drehen mit den Tieren ein bisschen schwieriger, weil man mit denen ja nicht reden kann. Aber glücklicherweise hatte ich “The Dragon”, das ist DER Stunt-Trainer in Bulgarien, und dazu zwei Pferdeflüsterer. So hatten wir zwei unterschiedliche Herangehensweisen, und haben für jede Situation eine Lösung gefunden.

Nina Hoss: Für mich war es mit den Kindern herausfordernder.

 

„Die Arbeit mit Pferden fordert einen heraus”

 

Es wirkt im Film auch, als hättest du dein Leben lang nichts anderes gemacht als mit Pferden zu arbeiten. Dabei bist du doch eigentlich gar kein “Pferdemädchen”, oder, Nina?

Nina Hoss: Nein, bin ich nicht. Aber ich habe sehr davon profitiert, dass ich in Kanada den Film “Gold” mit Thomas Arslan gedreht habe. Dort habe ich reiten gelernt, und ein Cowboy, Mitte 70, hat mir unheimlich viel über Pferde und ihre Sprache beigebracht. Ich hatte diese Tiere vorher nie verstanden. Er hat mich in eine unheimliche Ruhe gebracht und mich gelehrt, immer wachsam und achtsam sein und auf meine Umgebung achten, weil sich Pferde sehr schnell vor Dingen erschrecken, die du als Mensch kaum wahrnimmst. So habe ich meine Scheu verloren. Das hat mir für Wiebke unheimlich geholfen.

Die tut ja aber viel mehr als nur Reiten, sie bildet Polizeipferde aus und therapiert traumatisierte. Wie hast du dich darauf vorbereitet?

Nina Hoss: Ich habe ein Horsemanship-Training (allgemeine Reitkunst und fairer Umgang mit dem Tier, Anm. d. Red.) gemacht, was nochmals was ganz anderes als Reiten ist, weil du da auch viel vom Boden aus arbeitest. Das fordert einen so heraus, das hatte ich nicht erwartet. Du musst vollkommen in deiner Mitte sein. Das Arbeiten mit den Pferden hat mir auch erzählt, warum Wiebke Raya nicht aufgeben kann, ich habe so viel über sie gelernt. Sie denkt: Ich arbeite mit Fluchttieren zusammen, die aus der Angst heraus agieren und eigentlich lieber wegrennen wollen. Ich muss sie dazu bringen, dass sie meine Funktion respektieren und mir so vertrauen, dass sie bei mir bleiben wollen. Auch dann, wenn sie Dinge tun sollen, auf die sie keine Lust haben. Dabei darfst du aber auf nichts beharren. Wenn es von links nicht geht, dann versuchst du es eben rechts. Oder gehst vor dem Pferd. Oder stellst dich in die Mitte. Du versuchst immer neue Wege der Zusammenarbeit und öffnest dabei auch den Raum. Und genau so arbeitet Wiebke mit Raya. Dass sie an ihren Erfolg glaubt, kommt aus ihrer Arbeit. Sie weiß, dass es geht. Zumindest bei Pferden …

Geht es ihr wirklich um Raya oder will sie nur nicht scheitern?

Nina Hoss: Das ist die Frage. Und wie immer im Leben eine Vermischung. Natürlich geht es um Raya. Aber es geht auch darum, dass Wiebke sich nicht gut helfen lassen kann. Allerdings sind da auch nicht viele, die ihr wirklich helfen wollen. Alle haben gute Ratschläge, aber keiner sagt: Ich begleite dich auf dem Weg, der deiner ist und den du gehen willst. Natürlich ist sie aber auch keine Frau, die dazu einlädt. Und vielleicht muss sie genau deswegen diesen Weg gehen – um bei sich selbst etwas zu öffnen. Aber ist es nicht toll, dass man über so etwas auch nachdenkt? Genau das macht diesen Film aus.

 

„Wir mussten am Set tatsächlich Zucker verbieten”

 

Stimmt, er bietet jede Menge Ansätze zum Nachdenken. Zum Beispiel ist Raya zwar natürlich ein Opfer, andererseits aber auch wirklich ein Monster. Wiebke hat aber offenbar Empfindungen für sie. Fiel es dir schwer, dich da reinzufühlen?

Nina Hoss: Wiebke geht immer wieder auf Raya zu, nimmt sie in den Arm und sagt: Ich habe dich lieb. Es gibt durchaus Momente, bei denen ich denke, dass sie das gerade überhaupt nicht fühlt. Sie weiß aber, dass das ein Vorgang ist, den man immer wieder durchexerzieren muss, damit dieses Mädchen sich nicht darin bestätigt fühlt, dass sie wieder verlassen wird von einem Menschen – auch wenn sie ihn natürlich dazu treibt. Dem kannst du natürlich nicht nachgeben, sonst hast du verloren. Das weiß Wiebke, aber es kostet sie unheimlich viel.

War euch Katerina beim Dreh nicht manchmal unheimlich? Auf der Leinwand ist sie soo gruselig…

Nina Hoss: Nein. Das habe ich nicht verwechselt. Aber sie war anstrengend. (lacht)

Katrin Gebbe: Stimmt. Kati hat schnell gemerkt, dass sie die wichtigste Person ist und ohne sie gar nichts geht. Da hat sie natürlich versucht, Grenzen auszuloten und Spaß daran gehabt, uns auch mal zu ärgern. Und wir mussten irgendwann am Set tatsächlich Zucker verbieten, weil sie den so gerne aß und Leute losgeschickt hat, um ihr etwas Süßes zu holen. Dann war sie natürlich komplett überdreht. Da mussten wir eben die Ruhe bewahren und uns erinnern: Es ist ein Kind.

Nina Hoss: Und Kinder verstehen zum Beispiel manchmal auch nicht, warum man Dinge wiederholen muss. Und wo ich als Schauspielerin auch sagen muss: Ja, sie hat Recht. Jetzt war es doch gut, warum müssen wir das jetzt nochmal machen? (lacht) Weil eben zum Beispiel das Licht nicht stimmte. Das kannst du einem Kind schlecht erklären und musst es dann immer wieder zum Spielen animieren – und dazu, dass es genauso viel Kraft und Energie reinlegt wie beim Mal zuvor. Das ist nicht ohne. Trotzdem war sie eine ganz tolle Kollegin. Ich habe noch nie einen Menschen erlebt, der so angstfrei ist, der so ein Urvertrauen hat und so unwahrscheinlich mutig ist – das vollkommene Gegenteil von Raya. Das war ein Geschenk, das Katrin da gefunden hat.

 

„Die Geschichte gärt immer in dir weiter”

 

Katrin, wie ist dir das gelungen? Und wie habt ihr dafür gesorgt, dass Raya angesichts der teils grässlichen Szenen nicht selbst mit einem Trauma nach Hause geht?

Katrin Gebbe: Das war wirklich ein absoluter Glücksfall. Katerina ist mir bei den Castings in Bulgarien sofort aufgefallen: Sie war im Gegensatz zu allen anderen rotzfrech, hat versucht, mit uns ihre Spielchen zu spielen und uns herauszufordern. Sie hatte unheimliche Lust, alles Mögliche auszuprobieren, war absolut angstfrei, kreativ und belastbar. Und dann hat sich auch noch herausgestellt, dass die Frau, die die ganzen Castings mit der Kamera aufgenommen hat, ihre Mutter war, und die ist selbst Schauspielerin und hat in Sofia sogar ein Kindertheater. Sie hat Kati und auch Adelia, die Nicola spielt, wirklich perfekt vorbereitet, weil sie genau weiß, wie man den richtigen Zugang zu den Kindern findet. Und sie hat für die beiden eine völlig neue Storyline mit ganz anderem Inhalt geschrieben, damit die Geschichte kindgerecht war.

Nina, die hattest du nicht. Hattest du nachts Alpträume? Oder kannst du die Geschichten nach Feierabend komplett ausschalten?

Nina Hoss: Alpträume habe ich nicht bekommen. Aber das treibt dich natürlich um. Die Geschichte gärt immer in dir weiter, weil du am Drehtag etwas erlebst, was du vielleicht nicht erwartet hättest, und das dir etwas Neues über die Figur erzählt. Und du weißt: Morgen kommt das und das. Man denkt permanent nach, glaubt immer, zu wenig Zeit zu haben. Aber ich konnte noch schlafen.

Und nach dem Dreh? Trägst du das dann noch lange mit der rum?

Nina Hoss: Das ist figurenabhängig. Aber weil man es durchlebt hat, ist es dann auch gut. Wie bei einem Buch, das man durchgelesen hat. Man nimmt natürlich viel mit, das ist das Faszinierende an meinem Beruf. Ich kann Dinge anschmecken, mit denen Menschen ihr Leben verbringen. Man kann in so viele Berufe und Lebenssituationen hineinblicken. Das ist unwahrscheinlich bereichernd.

Katrin, wie bist du überhaupt auf diese Geschichte gekommen?

Katrin Gebbe: Das hat eigentlich mit “Tore tanzt” angefangen. Ich habe da viel recherchiert: Was ist eigentlich “das Böse”, wo kommt es her? Wird jemand damit geboren oder eignet er es sich später an, vielleicht aufgrund von Traumata? Ist das heilbar? Im Zuge dessen bin ich auf die Doku “Child of Rage” gestoßen. Dort wird ein fünfjähriges Mädchen von einem Psychiater interviewt, das emotional kalt und absolut angstfrei erzählt, wie es seinen kleinen Bruder missbraucht hat. Und man spürt, dass sie sogar ein kleines bisschen Lust dabei empfindet, was nach unseren Maßstäben absolut böse ist. Gleichzeitig möchte man das Mädchen beschützen, es ist unheimlich niedlich. Diese Diskrepanz hat mich sehr berührt. Dann ha-be ich weiterrecherchiert und herausgefunden, dass dieses Kind später Krankenschwester wurde. Ich fand heraus, dass dieses Mädchen ein sehr problematisches Verhalten gezeigt hat, und auch von ihren Adoptiveltern aufgegeben wurde, später aber erneut von einer Frau adoptiert wurde, die sie nicht aufgegeben hat. Das hat mich unheimlich fasziniert.

 

„Ich möchte mit Grenzen spielen”

 

Du machst es dem Zuschauer nicht gerade bequem. Du hast wohl keine Lust, uns einfach mal was Schönes zu servieren und klare Lösungen aufzuzeigen?

Katrin Gebbe: Ich hatte das Gefühl, wenn ich schon einen Film mache, in dem es thematisch letztlich um Grenzen geht, dann möchte ich auch gerne mit Grenzen spielen und den Zuschauer an Grenzen heranführen, damit er maximal in dieses Dilemma mit reingerissen wird und auch selbst einen Standpunkt beziehen muss. Man kann hier verschiedene Positionen einnehmen, und je nachdem, welche das ist, entfaltet sich ein bestimmter, anderer Bedeutungshorizont. Ich finde es toll, wenn Filme einem so viel Raum geben. Wenn man sich vielleicht erst einmal zwei, drei Tage damit beschäftigen muss und der Film dadurch dann größer wird als die eigentliche, konkrete Geschichte.

Nina, du hast sehr schnell zugesagt. Warum?

Nina Hoss: Ich habe angefangen, das Buch zu lesen und irgendwann gemerkt: Mir steht der Mund offen. Was nicht so oft passiert, wenn man Drehbücher liest. Ich war so geschockt, als plötzlich die Horrorelemente in den Film hineinkriechen. Niemand im deutschen Film wagt es wie Katrin, die Grenzen der Genres so zu verquicken: in ein Psychodrama dieses Düstere mit reinzubringen, das aber in der realen Welt verankert ist. Der Horror kommt ja daher, dass man nie weiß, was dieses Mädchen machen wird. Und wann. Wie weit sie gehen wird. Und dann ist da ja auch noch dieses Wesen, das sie verfolgt und das real ist oder vielleicht auch nicht. Das hat mich wirklich richtiggehend umgeworfen und begeistert. Mir war sofort klar: Das will ich unbedingt machen.

Nina, erst im Januar lief “Das Vorspiel” im Kino. Auch da spielst du eine Mutter, allerdings quasi den Gegenentwurf zu Wiebke. Was fasziniert dich an der Mutter-Thematik?

Nina Hoss: Dass ich zwei Mütter gespielt habe, ist reiner Zufall. Es ist einfach so, dass diese beiden Regisseurinnen gute Geschichten entwickelt haben, die zu dem Zeitpunkt finanziert waren und wir drehen konnten. Manchmal sucht man sich ein Projekt gar nicht so bedacht danach aus, ob das gerade ein Thema ist, das einen interessiert. Die Geschichten fliegen einen so an. Ich gucke immer nur, ob mich instinktiv etwas daran fesselt, ob es mich umtreibt. Ist das eine Figur, mit der ich drei Monate meines Lebens verbringen will? Die ich durchdringen, mit der ich mich beschäftigen will? Und hält die sich dann auch noch in einer Geschichte auf, die mir noch etwas anderes erzählt als nur ihren Lebensweg? Und dann ist da natürlich die Frage: Möchte ich mit diesen Regisseurinnen arbeiten? Wenn das alles zusammenkommt, bin ich glücklich und möchte loslegen.

Du arbeitest gerne mit Regisseurinnen?

Nina Hoss: Ja!

Lieber als mit Männern?

Nina Hoss: Nein, das kann ich so nicht sagen. Es ist Zufall, dass ich vergangenes Jahr mit vier Regisseurinnen zusammengearbeitet habe. Aber ich habe das sehr genossen, das war mit allen vieren eine wirkliche Wonne. Die sind alle in ihrer Art und auch in stilistischer Hinsicht sehr unterschiedlich, aber bei allen wurde sehr projektbezogen gearbeitet und das Teamgefühl war sehr groß. Nicht, dass die nicht wissen, wo ihre Position ist, aber das Ego fällt ein bisschen weg.

 


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Matthias Günther: „Theater ist eine Glücksmöglichkeit“

30 Fragen, 30 Antworten: Matthias Günther, Dramaturg am Thalia Theater, über seine persönlichen Lieblingsstücke, die nicht anerkannte Systemrelevanz von Kultur und warum Tocotronic die passenden Worte zur aktuellen Lage gefunden haben

Fragebogen: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Welches kulturelle Ereig­nis hat Sie geprägt?

Matthias Günther: Seit frühester Kindheit die documenta in meiner Heimatstadt Kassel und insbesondere die Aktion „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ von Joseph Beuys 1982 (documenta 7).

Welches Theaterstück hat Sie als erstes zum Weinen gebracht?

Im Kasperltheater die Entführung der Großmutter im „Räuber Hotzenplotz“.

Und welches zuletzt?

Die erste Probe von „Ode an die Freiheit“ zwei Monate nach der Theaterschließung.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Thea­ terbesuch? Welches Stück haben Sie gesehen und was hat es in Ihnen aus­ gelöst?

Der Besuch des Weihnachtsmärchens „Der gestiefelte Kater“ im Staatstheater Kassel Anfang der 1970er Jahre und meine Empörung über die Pappkulissen. Aus dem Fernsehen kannte ich mehr Wirklichkeit.

Welches Theaterstück hat bei Ihnen vermeintliche Gewissheiten über den Haufen geworfen?

Christoph Marthalers Paraphrase „Goethes Faust Wurzel aus 1+2“ 1993 am Deutschen Schauspielhaus und der grandiose Faust-Monolog von Sepp Bierbichler aufgelöst in Vokale.

Was war Ihre schönste Theatererfahrung?

„Das achte Leben (Für Brilka)“ und „Die Katze und der General“ von Nino Haratischwili in den Adaptionen von Jette Steckel und ihrem Team am Thalia Theater. Diese beiden Arbeiten zeigen großes Menschentheater.

 

 

Und die schlimmste?

Keine. Theater ist für mich ganz großes Zuschauerglück. Selbst, wenn es mal nicht so gut ist. Ich komme immer gerne wieder.

Dieses Stück sollte jeder einmal in seinem Leben gesehen haben:

„Krippenspiel“ von Kindergartenkindern in der Weihnachtszeit.

Über welche Inszenierung haben Sie zuletzt heftig mit jemandem gestritten?

Immer wieder über die großartigen Arbeiten von Florentina Holzinger, die mit ihrem radikalen Körpertheater verstört. Performance, Porno, Provokation?

Die Welt geht in einem Jahr unter und Sie können nur noch ein Stück inszenieren: welches wäre das?

Das neue Stück, das Elfriede Jelinek dann schreibt: „Besser wird’s nicht“ – ein Abgesang!

Mein/e Lieblingsschauspieler:

Ich verliebe mich immer wieder und immer wieder neu. Max Reinhardt schrieb über Schauspieler: „Ihre Aufnahmefähigkeit ist beispiellos, und der Drang zu gestalten, der sich in ihren Spielen kundgibt, ist unbezähmbar und wahrhaft schöpferisch. Sie verwandeln alles in das, was sie wünschen. Und dabei das klare, immer gegenwärtige Bewusstsein, dass alles nur Spiel ist, ein Spiel, das mit heiligem Ernst geführt wird.“

Mein/e Lieblingsdramaturg/en:

Ivan Nagel.

Was bedeutet Kultur in diesen Tagen für unsere Gesellschaft?

Es wird uns klar, was fehlt. Sehr viel!

Was bedeutet Theater grundsätzlich für unsere Gesellschaft?

Eine Glücksmöglichkeit! „Verweile doch! du bist so schön!“ (Goethe).

Gibt es unpolitisches Theater?

Kunst- und Kultureinrichtungen sind offene Räume, die vielen gehören. In der „Erklärung der Vielen“ heißt es: „Demokratie muss täglich neu verhandelt werden – aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jeden Einzelnen als Wesen der vielen Möglichkeiten!“

Das perfekte Stück zur aktuellen Lage:

Die Stücke, die gerade von Dramatikern wie Thomas Köck, Enis Maci, Bonn Park, Felicia Zeller und vielen anderen geschrieben werden.

Was ist die beruflich größte Herausfor­derung für Sie während der Corona­-Krise?

Die bittere Erkenntnis, dass Kultur nicht als systemrelevant eingestuft wird und die Frage, wie wir unsere wunderbare Kunst in Krisenzeiten erhalten und weitermachen können, denn sie ist lebensrelevant.

Was stimmt Sie momentan hoffnungs­froh?

Die Solidarität des Publikums mit den Theatern.

Was stimmt Sie pessimistisch?

Diese miesen völkisch nationalistischen Zusammenrottungen.

 

„Wir forschen und erfinden das Theater der Zukunft.“

 

Werden virtuelle Möglichkeiten auch in Zukunft eine größere Rolle in der Kul­turlandschaft einnehmen?

Die Digitalisierung ist schon jetzt ein wichtiger Bestandteil für das „Storytelling“ von Kulturinstitutionen, kann aber das direkte Live-Erlebnis nicht ersetzen. Theater sind Orte kollektiver Erfahrung. Das Besondere des Theaters hat der Choreograf Jérôme Bel zusammengefasst in dem Satz: „Some people sitting in the darkness, watching other people sitting in the light.“

Wie wird sich die aktuelle Lage auf das Theater nach Corona auswirken?

Wir machen weiter. Wir forschen und erfinden das Theater der Zukunft. Hugo Ball, der erste Dramaturg der Münchner Kammerspiele und später berühmter Dadaist in Zürich schrieb: „Europa malt, musiziert und dichtet in einer neuen Weise. Das neue Theater wird wieder Masken und Stelzen benützen. Es will Urbilder wecken und Megaphone gebrauchen. Sonne und Mond werden über die Bühne laufen und ihre erhabene Weisheit verkünden.“ Das könnte ein Weg sein.

Wem sind Sie in diesen Zeiten beson­ders dankbar?

Den vielen Künstlern, die versuchen weiterzumachen.

Wer hätte mehr Dankbarkeit verdient?

Eltern, die in dieser Zeit eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe übernommen haben: die Schulpflicht ihrer Kinder durch Homeschooling zu gewährleisten.

Worauf freuen Sie sich in den nächsten drei Jahren am meisten?

Ich freue mich auf jeden neuen Tag und hoffe eine „Handbreit“ weiterzukommen.

Ich mag Hamburg, weil …

… es für mich die schönste Stadt Deutschlands ist.

Ich mag das Thalia Theater, weil …

… es ein Ensembletheater ist.

Die Hamburger Theaterlandschaft ist so besonders, weil …

… sie so vielfältig ist von A–Z (Altonaer Theater bis Theater das Zimmer).

Allgemein gesprochen: Sind Sie lieber dafür oder dagegen?

Meine politische Sozialisation ist eng verbunden mit der Friedenbewegung der 1980er Jahre. Damals war der Slogan: „Aufstehn“.

Wann haben Sie sich das letzte Mal ge­irrt?

„Kluge Irrtümer sind wichtiger als banale Wahrheiten“, hat Heiner Müller gesagt.

Welche Hoffnung haben Sie aufgege­ben?

Ich halte es mit Tocotronic: „Aus jedem Ton spricht eine Hoffnung auf einen Neuanfang.“

 


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Experteninterview: „Angst ist evolutionär sinnvoll“

Warum uns das Coronavirus so verängstigt, Fakten nicht immer dagegen helfen und dennoch notwendig sind, erklärt die Psychologin Prof. Dr. Tania Lincoln

Text: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Frau Lincoln, wie geht es Ihnen?

Tania Lincoln: Ich bin relativ gelassen. Aber ganz angstfrei bin ich auch nicht. Eine Gefahr ist nicht zu leugnen, deswegen halte ich eine gewisse Ängstlichkeit oder Vorsicht für durchaus angemessen.

Bei vielen ist die Angst deutlich ausgeprägter. Warum jagt uns das Virus so viel mehr Angst ein als beispielsweise die Grippe?

Naja, wir haben es hier mit etwas Unbekanntem zu tun, was Gefühle der Ohnmacht und der Kontrolllosigkeit auslöst. Darin liegt auch der Unterschied zur Grippe: Sie hat ebenfalls viele Todesopfer gefordert. Aber die Grippe kommt jedes Jahr wieder und ist vorhersehbar. Beim Coronavirus wissen wir noch nicht, ob unser System damit zurechtkommt. Und natürlich hat sich unsere Aufmerksamkeit sehr stark auf das Thema verschoben. Durch die Omnipräsenz werden die Ängste verstärkt.

Berichten die Medien zu viel?

Es ist wichtig, dass das Thema präsent ist, weil wir es ernst nehmen müssen. Diese Botschaften stoßen aber natürlich auf Menschen, die sie unterschiedlich aufnehmen. Wie stark Menschen zur Ängstlichkeit neigen, ist sehr unterschiedlich. Es gibt diejenigen, die alles verdrängen und verleugnen – diese Leute können nicht häufig genug an die Ernsthaftigkeit der Situation erinnert werden. Und dann gibt es die extrem Ängstlichen, bei denen weniger und vor allem beruhigende Informationen angebracht wären. Das ist aber keine Kritik an den Medien, so etwas kann eben nicht individuell abgestimmt werden.

Tania Lincoln leitet den Arbeitsbereich Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Uni Hamburg. Bild: : UHH, RRZ-MCC, MENTZ

Was können die Medien tun?

Es hilft, wenn Informationen stärker kontextualisiert werden. Diese Ticker-Meldungen, die jeden einzelnen Krankheitsfall und Todesfall melden, tragen eher dazu bei, dass die Gefahr noch höher eingeschätzt wird, als sie ohnehin schon ist.

Wann werden die Ängste irrational?

Irrational wird es, wenn sich die Ängste von den Tatsachen lösen. Ein Beispiel: Wir wissen, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Infizierten stirbt. Wenn man sich aber schon auf dem Sterbebett sieht, steht die Angst in keinem Verhältnis mehr zur realen Wahrscheinlichkeit. Dasselbe gilt auch für die Einschätzung der Ansteckungsgefahr: In Hamburg sind rund 80 Infizierte registriert (Stand 12.03., Anm. d. Red.) – es wäre also unangemessen, bei jedem Menschen, dem man begegnet und der vielleicht hüstelt, zu glauben, dass er einen ansteckt.

Andererseits: Wenn sich wirklich 50 bis 60 Prozent mit dem Virus infizieren sollten und ein bis zwei Prozent daran sterben, kann das zu mindestens einer halben Million Toten in Deutschland führen. Das ist doch beängstigend, oder?

Genau. Deswegen finde ich auch, dass eine gewisse Sorge und Unruhe nicht irrational ist. Es ist sogar evolutionär sinnvoll, dass so ein Virus, das sich schnell ausbreitet, uns Angst einjagt. Denn das kann der Anstoß sein, unser Verhalten zu ändern, vorsichtiger zu werden. Erst wenn die Angst zu sinnlosem Verhalten führt, ist sie irrational – zum Beispiel ständiges Desinfizieren der Hände im Minutentakt.

Oft helfen Fakten nicht gegen Ängste. Wenn jemand Flugangst hat, kann man ihm noch so o sagen, dass es statistisch gesehen realistischer ist, bei einem Verkehrsunfall zu sterben. Er wird sich an die Angst klammern, zu den wenigen Betroffenen gehören zu können. Warum ist das so?

Wir sind als Menschen insgesamt nicht gut darin, Wahrscheinlichkeiten richtig einzuschätzen. Sie sind abstrakte Größen. Eine Sterberate von ein bis zwei Prozent ist einerseits wenig, es könnte uns aber trotzdem treffen, deswegen können wir diese Zahl so schwer verarbeiten. Hinzu kommt, dass Ereignisse, die bei uns besonders starke Emotionen auslösen, dazu führen, dass wir die Wahrscheinlichkeit überschätzen. Flugzeugabstürze lösen mehr Angst aus als Verkehrsunfälle, weil sie mit einem stärkeren Ausmaß an Unkontrollierbarkeit und Hilflosigkeit assoziiert werden. Bei Verkehrsunfällen unterliegen wir dem Irrglauben, wir hätten doch noch eine gewisse Kontrolle oder der Airbag würde uns schützen. Und natürlich wird über Flugzeugabstürze auch viel prominenter berichtet, was die Ängste fördert.

Das ist wie mit den Appellen, man solle keine Panik haben. Die Angesprochenen hören das Wort „Panik“ und werden beunruhigt.

Das stimmt, bloße Appelle helfen wenig weiter. Eine Orientierung an Fakten ist da besser, hilft einem, übertriebene Befürchtungen zu korrigieren und die Angst abzumildern. Hilfreich ist es auch, wenn man sieht, dass andere Menschen ruhig und besonnen reagieren.

 

Hamsterkäufe sind irrational und unsolidarisch

 

Was hat es psychologisch betrachtet mit den Hamsterkäufen auf sich? Ein Versuch, das Gefühl der Kontrolle zurückzugewinnen?

Ich habe vor allem den Eindruck, dass die Hamsterkäufe einen Aufschauklungsprozess ausgelöst haben. Wenn man mitbekommt, dass andere die Regale leerkaufen, dann entsteht die Angst, man könnte selbst leer ausgehen. Wie bei den Finanzkrisen, als die Leute anfingen, ihr gesamtes Geld vom Konto abzuheben. Für den Einzelnen mag das letztlich auch nicht irrational sein – man will nicht derjenige sein, der nichts kriegt. Als Kollektiv ist es aber irrational. Das Problem wäre am besten dadurch zu lösen, dass keiner erst anfängt, zu hamstern.

Es gibt aber Empfehlungen, sich Vorräte anzuschaffen …

Es gibt sowieso Empfehlungen vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, immer Lebensmittelvorräte für zehn Tage zu Hause zu haben. Insofern finde ich den Begriff „Hamsterkäufe“ auch ein bisschen abwertend. Wenn Menschen jetzt ihre Vorräte leicht aufstocken angesichts einer drohenden Quarantäne oder auch, um nicht so oft in den Laden zu müssen, ist das nicht unvernünftig. Es ist aber irrational, haufenweise die Supermärkte leerzukaufen. Und viel wichtiger: Es ist unsolidarisch.

Stichwort Solidarität: Manche befürchten, dass sich eine Ellenbogenmentalität Bahn bricht, andere hoffen, dass die Epidemie das Gute, die Solidarität in den Menschen herausholt. Was glauben Sie?

Beides ist möglich. Das Hamstern ist ein gutes Beispiel: Wenn wir alle besonnen reagieren, besteht eher die Chance einer größeren Solidarität. Viel- leicht hilft es auch, sich anzusehen, wie es bisher in anderen Ländern gelaufen ist. Dort gab es keine Lebensmittelengpässe. Eine Angst davor ist nach den bisherigen Kenntnissen also unbegründet.

Sie plädieren also insgesamt für eine Mittelposition zwischen Angst und Gelassenheit?

Absolut, die Mittelposition halte ich für die gesündeste. Die Überängstlichen können der Gesellschaft schaden, indem sie kollektive Hamsterkäufe in Gang bringen. Oder indem sie Desinfektionsmittel bunkern, die dann anderswo fehlen. Sie schaden auch sich selbst, weil eine permanente Anspannung und Panik das Immunsystem schwächen. Aber diejenigen, die alles bagatellisieren, sind auch ein Problem. Der iranische Gesundheitsminister hat zum Beispiel bagatellisiert, während er bereits erkrankt war und hat somit zur Verbreitung des Virus beigetragen. Insofern ist eine wohl temperierte Angst, die dazu führt, die gebotenen Maßnahmen auch zu ergreifen, hilfreich – regelmäßig die Hände zu waschen zum Beispiel.

 

„Humor ist immer hilfreich“

 

Sind Sie von dem Ausmaß überrascht? Als das Virus vor allem in China war, haben wohl nur wenige mit dem jetzigen globalen Ausmaß gerechnet.

Wir wissen aus psychologischer Forschung: Je weiter etwas weg ist, desto weniger Angst bereitet es einem und desto weniger drängt es einen zum Handeln. Ganz besonders gut kann man das am Beispiel Klimaschutz beobachten: Wir wissen rational um die Gefahren, trotzdem sind wir nicht bereit, auf unsere Flüge zu verzichten. Wenn die Gefahr näher rückt, in unser Land, in unsere Stadt, dann ändert sich das sehr schnell.

Haben Sie das Virus von Anfang an richtig eingeschätzt?

Nee, ich bin ja auch ein Mensch. Wir Menschen nehmen Gefahren erst richtig wahr, wenn sie vor unserer Tür sind – Psychologen sind da keine Ausnahme.

Wie sollte man mit Kindern darüber reden?

Das hängt vom Alter der Kinder ab. Bei jüngeren Kindern ist es wichtig, selbst Ruhe auszustrahlen und zu vermitteln, dass man Kontrolle über die Situation hat, dass sie sich keine Sorgen machen müssen und auch zu erklären, wie sie sich verhalten sollen. Bei älteren Kindern und Jugendlichen kann man sich gemeinsam mit den Fakten und Zahlen auseinandersetzen und auch offener über eigene Ängste und Unsicherheiten sprechen.

Die Satire-Website „Der Postillon“ hat einen Artikel veröffentlicht: „Um nicht mit Coronavirus in Verbindung gebracht zu werden: Mexikanische Biermarke in ‚Ebola‘ umbenannt“. Sollte man über Corona lachen?

(lacht) Humor ist immer hilfreich. Nicht mehr auf Distanz gehen zu können, kennzeichnet das Überängstliche. Wir lösen das Problem nicht, indem wir keine Witze machen. Witze schaden auch nicht, im Gegenteil: Sie helfen, eine gewisse Distanz einzunehmen – und das ist hilfreich.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Bürgermeister-Check: Tschentscher vs. Fegebank

Wer sind die Menschen hinter den Wahl-Slogans? Wir haben Peter Tschentscher und Katharina Fegebank unabhängig voneinander den gleichen persönlichen Fragebogen zukommen lassen. Hier kommen ihre Antworten im Vergleich.

 

Zu den Kandidaten: Dr. Peter Tschentscher von der SPD ist 54 Jahre alt, verheiratet, hat ein Kind, war bis 2011 Oberarzt im UKE und ist seit knapp zwei Jahren Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg. Soweit, so be­kannt. Aber: Wie oft stürzt sich der gebürtige Bremer ins Hamburger Nachtleben? Welches Lied wünscht er sich beim Karaoke-­Abend? Und steht er mehr auf Franz-­ oder auf Fischbrötchen?

Die 42-­jährige Grüne Katharina Fegebank wuchs in Bargteheide auf, studierte Politikwissenschaften, Anglistik, Öffentliches Recht und Europawissenschaften, war einige Jahre wissenschaftliche Mitarbeiterin und ist im Senat Tschentscher Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung sowie Zweite Bürgermeisterin. Steht überall geschrieben. Nur: Wie lässt die Mutter von Zwillingen eigentlich mal Dampf ab? Ist sie ein Workaholic? Und was wird für sie immer wichtiger sein als politische Arbeit?

 

SZENE HAMBURG: Worüber haben Sie sich zuletzt gefreut? 

Peter Tschentscher: Über die gute Stimmung bei unserem Wahlkampfauftakt.

Katharina Fegebank: Gerade heute Morgen über das Lachen meiner Zwillingsmädchen.

Freude lädt zum Feiern ein: Wie oft genießen Sie das Hamburger Nachtleben?

Tschentscher: Immer, wenn wir bei einer Ver­anstaltung nach dem offiziellen Pro­gramm länger bleiben.

Fegebank: Leider nicht mehr so häufig – aber wenn, dann richtig.

Und was ist ihr Mitbringsel zu einer Privatparty?

Fegebank: Etwas, das die Gastgeber erfreut.

Tschentscher: Eine Flasche Wein zum Beispiel. Aber das kommt ganz auf den Gastgeber an. Meistens bespreche ich das mit meiner Frau.

Welches Lied wählen Sie, wenn die Karaoke-Maschine angeschmissen wird?

Fegebank: Neue Deutsche Welle … da können alle anderen auch mitsingen.

Tschentscher: Von Udo Lindenberg „Reeperbahn“ oder „Der Astronaut muss weiter“.

Stimmungswechsel: Wann waren Sie zuletzt voll down?

Tschentscher: Als vor einem Jahr ein langjähriger Kollege und Freund gestorben ist.

Fegebank: Als ich mich Ende letzten Jahres so auf Weihnachten und ein paar freie Tage gefreut habe und ich dann krank im Bett lag.

Können Sie auch mal richtig sauer werden?

Fegebank: Ja, das passiert aber ganz selten. Und dann versuche ich es nicht an an­ deren auszulassen.

Tschentscher: Ja, das ist aber selten.

Wie und wo lassen Sie denn Dampf ab?

Tschentscher: Ich gehe dann an der frischen Luft spazieren oder beschwere mich gleich an der richtigen Stelle.

Fegebank: Beim Sport, da kann man sich aus­ powern.

Schon mal um die Alster gejoggt?

Fegebank: Schon lange her … jetzt wird eher der Kinderwagen geschoben.

Tschentscher: Ja, aber meistens gehe ich spazieren oder ich fahre Rad.

Apropos: Alster oder Elbe?

Tschentscher: Beides. Und wir sollten die Bille nicht vergessen und die vielen Kanäle. Stadt am Wasser finde ich immer faszi­nierend.

Fegebank: Elbe – für den Hamburg­-Pur-­Moment.

Franz- oder Fischbrötchen?

Fegebank: Ganz klar: Franzbrötchen.

Tschentscher: Franzbrötchen.

Schniekes Café oder olle Hafenkaschemme?

Tschentscher: Egal, Hauptsache, es gibt guten Kaf­fee.

Fegebank: Mal so und mal so. Ich mag beides.

Bier oder Wein?

Fegebank: Gar nichts von beidem. Wasser, Cola oder Gin Tonic.

Tschentscher: Wein.

 

„Wer verliert schon gerne.“

Katharina Fegebank

 

St. Pauli oder HSV?

Fegebank: Da darf eine Bürgermeisterkandidatin nicht parteiisch sein. Habe aber eine Dauerkarte für einen anderen Fußballverein im Norden.

Tschentscher: Ich bin gerne im Volksparkstadion, drücke aber beiden Vereinen die Daumen, wenn es um den Aufstieg geht.

Im Stadion: Still genießen oder lautstark anfeuern?

Tschentscher: Ich genieße die Stimmung. Bei guten Szenen und Toren jubel’ ich mit.

Fegebank: Absolut emotional … und lautstark anfeuern.

Sind Sie ein guter Verlierer?

Fegebank: Wer verliert schon gerne. In der Politik und im Sport will man gewinnen.

Tschentscher: Beim Skat schon, in der Politik gewinne ich gerne.

Schlimmste Headline über Sie bisher?

Tschentscher: Solche Überschriften vergesse ich schnell.

Fegebank: Über einige Headlines habe ich mich sicher nicht gefreut, auch mal geärgert. Aber an eine richtig schlimme Überschrift kann ich mich nicht erinnern.

Beste Headline?

Fegebank: Da fallen mir gleich zwei ein: „Eine, die sich traut“ (Süddeutsche Zeitung) und „Wer führen will, muss fröhlich sein“ (Hamburger Abendblatt)

Tschentscher: „Tschentscher ist beliebtester Politiker Hamburgs“ (Hamburger Abendblatt)

Headline nach der Bürgerschaftswahl, wenn Sie diese schreiben dürften?

Tschentscher: „SPD weiter stärkste Kraft – Tschentscher bleibt Bürgermeister“

Fegebank: „Grüne stärkste Kraft in Hamburg – Katharina Fegebank Erste Bürgermeisterin“

 

„Man darf in der Politik niemanden unterschätzen.“

Peter Tschentscher

 

Ihr Gegner hat eh keine Chance, weil:

Tschentscher: Das sehe ich nicht so. Man darf in der Politik niemanden unterschätzen.

Fegebank: Wir die besseren Ideen für Hamburg haben.

Und welche Hoffnung haben Sie schon aufgegeben?

Tschentscher: Dass Journalisten keine Fragen zum Privatleben stellen.

Fegebank: Die Hoffnung stirbt zuletzt, weshalb ich nie die Hoffnung aufgebe.

Was wäre Ihre erste Amtshandlung nach gewonnener Wahl?

Fegebank: Erst mal die Wahl gewinnen.

Tschentscher: Ich spreche mit unserer Landesvor­sitzenden über die Koalitionsgespräche.

Und die zweite?

Tschentscher: Klären, welche Entscheidungen wir bis zur Bildung des neuen Senats treffen müssen.

Fegebank: Allen Danke sagen, die mich unter­ stützt haben.

Sind Sie ein Höher-Schneller-Weiter- Mensch?

Tschentscher: Nein, ich komme gern voran, möchte meinen Job aber vor allem gut machen. Sorgfalt geht vor Schnelligkeit.

Fegebank: Ja, nur so lässt sich viel in kurzer Zeit für die Stadt bewegen. Ich habe aber auch gelernt, innezuhalten.

Ein Workaholic?

Fegebank: Das Herz sagt nein. Der Terminkalender sagt ja.

Tschentscher: Ja, das bringt das Amt so mit sich. Arbeit, die Spaß macht, belastet aber nicht.

Was wird für Sie immer wichtiger sein als jede politische Arbeit?

Tschentscher: Privat vor allem Gesundheit und dass es der Familie gut geht.

Fegebank: Meine Familie.


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Neues Album „Bang“: Mando Diao im Interview

Die schwedische Erfolgsband Mando Diao veröffentlichte mit „Bang“ kürzlich ein neues Album. Frontmann Björn Dixgård und Bassist Carl-Johan Fogelklou über die Einfachheit der Songs, Freiheitsgefühle und ein verändertes Tourleben

Interview: Erik Brandt-Höge 

 

SZENE HAMBURG: Björn und Carl-Johan, euer neuer Song „Get Free“ ist der erste der Band, in dem es um das große Thema Freiheit geht. Warum gerade jetzt solch ein Text?

Björn: Das ist einfach so passiert. Wir haben immer zuerst die Musik und spielen dann mit Lyrics herum, dabei kam ich auf das Thema Freiheit. Ich habe darüber nachgedacht, was das eigentlich bedeutet, Freiheit, und wie man frei wird.

Carl-Johan: Außerdem wollten wir einen Song, der den Leuten ein Gefühl von Freiheit gibt, beim Hören und dazu Tanzen. Wir wollten auch mal eine Freiheitshymne machen. Ich darf in dieser Sachen David Hasselhoff zitieren: „I’ve been looking for freedom.“ (lacht)

Hat sich eure Definition von Freiheit eigentlich mit den Jahren verändert?

Carl-Johan: Schon. Wenn man älter wird, hat man allgemein mehr Verantwortung, allein dadurch bekommt Freiheit einen höheren Stellenwert. Wir haben jetzt sicherlich etwas mehr Respekt vor der Freiheit, die wir haben, als in früheren Bandjahren. Der Rock ’n’ Roll-Lebensstil, den ihr schon lange pflegt, gilt ja als sehr frei.

Gibt es dennoch etwas, das euch aktuell noch freier fühlen lässt als euer Job?

Carl-Johan: Die Natur. Ein Spaziergang durch den Wald, am Strand oder einem schönen See ist wahnsinnig viel wert.

Björn: Da stimme ich zu. Wenn man in der Natur ist, bekommt man sofort das Gefühl, ein Teil von etwas zu sein, das viel größer, viel wichtiger ist als alles andere. Und wenn ich darüber nachdenke, dass ich mit meinem Lebensstil auch viel von eben dieser Natur zerstöre, durchs Fliegen und die Müllproduktion, spüre ich umso mehr Demut, wenn ich dort draußen bin. Die Natur ist gut fürs Ego. Sie zeigt einem, dass man nur ein winziges Staubkorn auf dieser Welt ist.

Denkt ihr, Erfolg macht auch frei?

Björn: Erfolg macht vieles einfacher, auch das Geld, das oft mit Erfolg kommt. Damit konnten wir als Band noch mehr Musik produzieren und auch mal in einem schicken Studio abhängen. Allerdings würde ich behaupten, dass wir niemals aufhören würden, Musik zu machen, wenn wir plötzlich nicht mehr so erfolgreich wären und nur noch in kleinen Clubs auftreten. Das, was wir machen, müssen wir machen, es ist ein innerer Drang.

Dazu zählt auch das regelmäßige Touren – ebenfalls etwas, das Freiheit mit sich bringt. Wenn ihr jetzt wieder unterwegs seid, wie muss man sich das vorstellen: Noch so wild und partyreich wie zu Karrierebeginn?

Björn: Wir feiern schon noch ab und an.

Carl-Johan: Aber nicht mehr so hart.

Björn: Das stimmt. Ich kann auch nicht mehr so gut singen, wenn ich lange gefeiert habe. Wenn wir eine Show am nächsten Tag haben, bin ich vorsichtig. Der Rest kann von mir aus machen, was er will (lacht).

Carl-Johan: Ach, wir sind mittlerweile alle erwachsener und verhalten uns partytechnisch angemessener als früher. Heute sitzen wir nach einer Show oft da, einer holt einen ach so besonderen Whiskey heraus, wir nippen nur ein bisschen daran und fachsimpeln über den Geschmack (lacht).

Björn: Ich tue immer nur so, als könnte ich fachsimpeln.

Carl-Johan: Okay, ich ehrlich gesagt auch (lacht).

Es heißt, der „Bang“-Song „Long Long Way“ wäre im Tourbus entstanden – wo bei euch normalerweise nicht geschrieben wird …

Björn: … und es lag dieses Mal auch nur daran, dass ich nicht schlafen konnte. Die anderen saßen hinten, jammten angetrunken an ihren Instrumenten, es war laut. Also habe ich angefangen, zur Musik etwas zu schreiben. Der Song handelt davon, dass man manchmal nicht so genau weiß, wo man herkommt und wo es hingeht, also dass man auf einer ständigen Reise ist. Ich habe ein bisschen herumphilosophiert. Passte auf jeden Fall zu der Tourbus-Situation.

Noch ein Song sticht hervor auf „Bang“: „Society“. Darin thematisiert ihr unter anderem einen fehlenden Weitblick der Gesellschaft in Sachen Umwelt und Mitmenschlichkeit. Ihr fragt wörtlich: „Werden wir uns jemals ändern?“ Was könnt ihr als Band tun, um Veränderungen zu bewirken?

Björn: Ich bin leider nicht Greta Thunberg, habe nicht das Wissen, das nötig ist, um bestimmte Veränderungen einzuleiten. Und das einzige, das wir als Band dafür tun können, um die Stimmung einiger Menschen etwas aufzuhellen, ist Musik. Wir bieten den Leuten die Möglichkeit, in einen Club oder eine Halle zu gehen und zu unseren Songs zu tanzen. Und wenn wir sehen, dass sich das Publikum bei uns gut aufgehoben fühlt, kommt die Wärme, die wir ein Konzert lang geben, auch zu uns zurück.

Was den Sound von „Bang“ angeht, scheint es, als hättet ihr jede Art von Schnörkel und Spielerei vermeiden wollen. Gab es im Vorfeld der Albumarbeit klare Vorstellungen, wie die Songs sein sollten?

Carl-Johan: Simpel sollten sie sein! Wir wollten uns aufs Nötigste konzentrieren.

Björn: Wir wollten gute Gitarrenriffs, schlichte Drums – mehr nicht. Ein bisschen wie bei AC/DC (lacht). Die haben tatsächlich den gleichen einfachen Drum-Beat in all ihren Songs (stampft und klatscht). Mir hat der Gitarrist von The Hives erzählt, dass er mal mit dem Schlagzeuger von AC/DC im Flugzeug saß, und selbst dort hätte der diesen Rhythmus geklatscht und gestampft (lacht). Den kompletten Flug von Europa nach Australien! Jedenfalls: Das wollten wir auch – Einfachheit.

Mando Diao: 22.11.19, Sporthalle, 20 Uhr


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.


Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Saša Stanišić im Interview: “Heimat ist ein Fantasiekonstrukt”

In „Herkunft“ setzt sich der Wahlhamburger Saša Stanišić mit seinem jugoslawischen Geburtsort und seinen Erfahrungen als Geflüchteter auseinander. Der Roman begeistert mit Sprachwitz und berührt mit traurigen Tönen – und wurde dafür mit dem Deutschen Buchpreis 2019 ausgezeichnet.


Text & Interview: Ulrich Thiele
Foto: Katja Sämann 

 

SZENE HAMBURG: Herr Stanišić, viele Ihrer Texte beginnen mit „Liebe Ausländerbehörde“. Wie würden Sie Ihr Verhält­nis zu ihr beschreiben?

Saša Stanišić: Die Texte fangen wohl so an, weil mich die liebe Ausländerbe­hörde mal zwingen wollte, einen hand­schriftlichen Lebenslauf zu schreiben. Meine Eltern und ich wurden deshalb beinahe abgeschoben – „Herkunft“ ist damit vielleicht eine ironische Liebes­erklärung an die Ausländerbehörde.

Was ist das Problem?

Dass es eine Frage des guten Wil­lens ist. Über Umstände, an denen Schicksale hängen, sollte nicht die Güte eines Mitarbeiters der Behörde ent­scheiden. Ich hatte zwar mit meinem Sachbearbeiter Glück, viele andere Aus­länder aber geraten an Beamte, die bestenfalls Dienst nach Vorschrift machen. Schlimmstenfalls aber sind sie nicht mal im Ansatz am Schicksal ihrer Klienten interessiert.

Es braucht also mehr Objektivität?

Ja. Es braucht eine objektive hu­mane Rechtsprechung und den allge­meinen Willen zur Schaffung fairer Verhältnisse. Nur so kann eine Gleich­behandlung und der Schutz jener, die Schutz bedürfen, gewährleistet sein. Und das sind in Deutschland nach wie vor viele. Auch davon handelt das Buch.

Viele reden davon, dass Deutschland für diese Menschen zur zweiten Heimat werden muss. Wie stehen Sie dem Be­griff gegenüber?

Heimat ist ein strukturell regres­siver, meist repressiver und antieman­zipatorischer Begriff, da er sich über die Abgrenzung eines äußeren Ihr von einem inneren Wir definiert. Es ist
nur die Illusion von einem Gefühl – oder, um es mit den Worten von Ger­hard Winter zu sagen: „Heimat ist ein Fantasie-­ und Wertkonstrukt, mehr Erinnerung, Imagination und Magie als wahrgenommene Gegenwart, mehr Sehnsucht, Hoffnung und Utopie als erfahrene Wirklichkeit und berechen­bare Zukunft.“

Es gibt eine Szene, in der Sie Wasser aus einem Brunnen trinken, den Ihr Urgroßvater gebaut hat. Es sei zwar das beste Wasser gewesen, was Sie je getrunken hätten, doch all das sei gleich­zeitig auch „Zugehörigkeitskitsch“. Erwischen Sie sich trotzdem manchmal dabei, wie Sie diesem Kitsch verfallen?

Manchmal sind solche Impulse wenig kontrollierbar. Meist betrifft dies grundlegende, banale Dinge wie den Geschmack einer typischen Speise aus der Heimatregion, den Klang der Sprache oder auch das Aussehen einer Landschaft. Dann erwische auch ich mich manchmal beim Gedanken, dass das meins sei. Solange man dann nicht exklusive Ansprüche auf diese Dinge stellt, ist das aber auch in Ordnung.

Wie kamen sie zur literarischen Ver­mengung biografischer Erzählung mit fiktionalen Einschüben?

Die Fiktion war einerseits prag­matischer Füller für die Erinnerungs­lücken meiner dementen Großmutter. Die ausgedachten Geschichten waren meine Methode, ihre Frustrationen kleinzuhalten, die sich einstellten, wenn ihr Dinge nicht mehr einfielen oder sie verwirrt war.

Und andererseits?

Fiktion war für mich schon immer auch ein unerschütterliches Zuhause in der Krise. In diesen Geschichten war alles gut und wenn nicht, ließ es sich zumindest gut erzählen, verstehen und besser akzeptieren. Fiktionen haben mein Leben geprägt, und zwar der­art, dass ich sie als eine der wichtigsten Säulen meiner Herkunft ansehe.

Noch mal zu Ihrer an Demenz erkrank­ten Großmutter: Sie ist hier ein zentra­les Motiv, denn während Sie Erinnerun­gen sammelten, verlor sie ihre. Warum ist das Erinnern für Sie so wichtig?

„Herkunft“ ist ein Erinnerungs­projekt, in dem ich mich an erzähle­rischen Diagnosen der Gegenwart ver­suche. Die Geschichte wiederholt sich ja und es ist interessant, ihre Parallelen zu betrachten. Wenn ich von meinen Erinnerungen an die 90er Jahre spre­che, in denen ich als Geflüchteter in Deutschland angekommen war, spreche ich auch über die Erfahrungen der Ge­flüchteten heute.

Erinnerungen haben immer auch etwas mit Vergänglichkeit zu tun. Auch der des Lebens. Was macht der Gedanke daran mit Ihnen?

Ich spiele sehr viel mit meinem Sohn, unternehme fantastische Dinge mit ihm, lerne Sachen, die er lernt. Zum Beispiel, wie ein Bagger wirklich funktioniert. Und heute hat er mich gefragt: „Papa, ist Spielen eigentlich auch Arbeit?“ Ich sehe ihn an, und ich denke: Die nächsten Jahre neben diesem Wesen: nichts lieber als das. Und das fühlt sich alles andere als ver­gänglich an.

Saša Stanišić: „Herkunft“, Luchterhand, 360 Seiten, 22 Euro