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Stadtpark Open Air: Die aktuelle Lage der Freilichtbühne

Bis zum 31. August gibt es keine Konzerte auf der Freilichtbühne. Frehn Hawel, Head of Communications bei Karsten Jahnke Konzertdirektion, zur aktuellen Lage

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Frehn Hawel, eigentlich hätte Jamie Cullum am 20.5. die Stadtpark Open-Air-Saison eröffnen sollen – nun sieht es so aus, als würden bestenfalls die September-Konzerte stattfinden. Wie geht ihr mit der schwierigen Situation um?

Frehn Hawel: Aktuell versuchen wir mit Pragmatismus an die Sache heranzugehen und unsere Veranstaltungen entlang der aktuellen Verordnungen möglichst in die Herbstmonate oder direkt nach 2021 zu verschieben. Dabei müssen wir verlegte Termine teilweise zum zweiten oder dritten Mal nachjustieren, was natürlich ein gewisses Frustrationspotenzial birgt.

Da für uns das Wohlergehen unserer Kunden und Mitarbeiter stets das höchste Gut ist, verstehen wir die Notwenigkeit der aktuellen Verordnungen und tragen die Präventivmaßnahmen in der Hoffnung auf eine zeitnahe Gesamtverbesserung der Situation selbstverständlich mit. Dennoch ist ein Veranstaltungsjahr ganz ohne Konzerte in unserem „grünen Wohnzimmer“ für uns alle nur sehr schwer vorstellbar.

 

„Die Kulturlandschaft wird sich in ihrer Vielfalt massiv verändern“

 

Ausfälle von Open-Air-Shows und Festival-Absagen prägen gerade die gesamte Musikindustrie. Wie schätzt du die Folgen dessen generell ein? 

Ohne weitreichende Subventionen und weitere staatliche Hilfsmaßnahmen für Künstler, Kulturschaffende, Veranstalter und Venue-Betreiber ist leider mit dem Schlimmsten zu rechnen. Wenn Kultur nicht auch in einer gewissen Weise als „systemrelevant“ und „schützenswert“ anerkannt wird, wird sich die Kulturlandschaft in ihrer Vielfalt, wie wir sie kennen, massiv verändern.

Es steht zu befürchten, dass vor allem Einzelunternehmer und kleinere Betriebe im Kulturkosmos den Zustand des „faktischen Berufsverbots“ nicht lange durchhalten können und sich zwangsläufig anders orientieren müssen. Das wird sich vom Veranstaltenden über Club-Betreiber bis hin zum einzelnen Veranstaltungstechniker oder zu Stagehands durch alle Ebenen der Veranstaltungswirtschaft ziehen.

Und noch ein hoffnungsvoller Ausblick: Sollte Erobiques Große Gartenparty am 4.9. erlaubt werden, würdet ihr die Freilichtbühne mit besonderen Vorkehrungen versehen, womöglich sogar teils umgestalten?

Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beantworten. Grundsätzlich lässt uns der Umstand, dass wir auf der Freilichtbühne im Stadtpark Open Air und in überschaubarem Zuschauerrahmen spielen, erst mal hoffnungsvoll auf den Termin hinplanen.

Natürlich werden wir hier die aktuell geforderten Hygienestandards sowie alle weiteren von behördlicher Seite angeordneten Maßnahmen verantwortungsvoll umsetzen. Zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich allerdings noch nicht abschätzen, wie sich die Situation in vier Monaten gestalten wird. Dafür ist die Entwicklung der aktuellen Lage einfach zu dynamisch.

Karsten Jahnke Konzertdirektion


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Verlosung: Gewinnt Tickets für Moses Pelham

Er ist das, was man gemeinhin eine lebende Legende nennt: erfolgreicher Rapper, Produzent, A&R, Traumverwirklicher. Moses Pelham ist ein Vollblutkünstler, der seit mehr als drei Dekaden sein Innerstes nach außen kehrt und auf Platten packt. Das tut er auch auf seinem neuen Album „Emuna“, mit dem er Halt in Hamburg macht. Ein Gespräch über Pelhams große Liebe HipHop im Wandel der Zeit

Interview: Daniel Schieferdecker

 

SZENE HAMBURG: Moses, wie alt warst du, als du Rap für dich entdeckt hast?

Moses Pelham: Das muss 1983 gewesen sein, da war ich zwölf. Ich war im Amerikaurlaub mit meinen Eltern, spielte mit meinen Cousins und irgendwelchen fremden Kindern auf der Straße, als mich einer von denen fragte, welche Rhymes ich könnte. Ich nur: „Häh?“ (lacht)

Meine Cousins erklärten mir dann, dass sie Raps aus dem Radio aufnähmen, die auswendig lernen und sich gegenseitig vorsagen. Als sie mir dann „Rapper’s Delight“ von der Sugarhill Gang vorspielten, dachte ich direkt: „Das ist jetzt aber net schlecht.“ Von da an hat HipHop mich nicht mehr losgelassen.

 

 

Das ist jetzt 37 Jahre her.

Klingt schlimm, oder? Ich empfinde aber eine ungemeine Dankbarkeit darüber, was ich in dieser Zeit alles erleben durfte. Mittlerweile geht das mit einer ungemeinen Ungeduld einher, denn ich habe die Hälfte meines Lebens nun hinter mir. Und ich habe keine Lust, die zweite Hälfte mit Scheiße zu verschwenden.

Im Song „Wunder“ rappst du: „Ich hab keine Peilung, was die Kids grad fragen/meinst du, die meinen, was ich meine, wenn die HipHop sagen?“ Hast du mittlerweile eine Antwort darauf?

Das ist eine rhetorische Frage, denn verändert hat es sich zweifellos. Für mich war Rappen anfangs nur ein Betätigungsfeld von vielen – aber das einzige, das bis heute geblieben ist. Früher ging es ja nur darum, zu sagen: „Mich gibt’s!“

 

 

Ein Umdenken erfolgte 2012 bei meiner Arbeit am Album „Geteiltes Leid III“. Da stand ich vor der Wahl: Mime ich jetzt weiterhin künstlerisch den, der ich mal war, obwohl ich mich persönlich ganz woanders hin entwickelt habe? Oder gelingt es mir, meine Kunst meinem Leben anzupassen? Und es macht mich bis heute glücklich, dass mir das gelang. Auch das ist ein Grund dafür, dass ich für HipHop bis heute diese Faszination empfinde. Das ist immer noch ein Mysterium. Magie. Ein Geschenk.

Markthalle: Klosterwall 11 (Hammerbrook), Moses Pelham: 27.3.2020, 20 Uhr


 Wir verlosen 2×2 Tickets!

Wie könnt Ihr mitmachen? Na so:

  • Mail senden an verlosung@vkfmi.de
  • Betreff: „Moses“
  • Einsendeschluss: 23.03.20 
  • Bitte gebt für die Teilnahme euren vollständigen Namen an

Szene-Cover-März-2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Februar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Wanda: „Wir spielen um Leben und Tod“

2014 erschien „Amore“, das erste Wanda-Album, und katapultierte die Wiener Band von jetzt auf gleich in den Pop-Olymp. Mittlerweile sind Wanda mit „Ciao!“, Album Nummer vier, auf Tour. Ein Gespräch mit Frontmann Marco Michael Wanda übers Unterwegssein, Freiheitsgefühle und einen ganz speziellen Rausch

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Marco, noch vor der Veröffentlichung von „Ciao!“ im September 2019 hieß es, ihr hättet euch nach anstrengenden Jahren ordentlich erholt und Kraft getankt für alles, was nun kommt. Was heißt das eigentlich: Regeneration à la Wanda?

Marco Michael Wanda: Das heißt, nicht 40 Zigaretten am Tag zu rauchen, sondern nur 18. Die ersten Jahre sind schnell verflogen. Ist ja immer so: Wenn es bergauf geht, nimmt alles eine ganz andere Geschwindigkeit an. Irgendwann haben wir musikalisch ein wenig zurückgeschaltet, eigentlich schon bei der dritten Platte. Dieses anfängliche Tempo war irgendwann sehr bedrohlich, sowohl, was die Frequenz der Tourneen betraf, als auch was die Interview­-Etappen anging. Es hat einfach alles nie aufgehört. Also habe ich versucht, Musik zu schreiben, die das Tempo rausnimmt.

 

„Die Musik hat sich ver­langsamt – und damit auch uns“

Marco Michael Wanda

 

Hattest du Angst, dass du dadurch Wanda uninteressanter machst? Schließlich war eben jenes Tempo das, was so viele so sehr mochten.

Ich habe tatsächlich gedacht: „Nien­te“ floppt und vernichtet alles. Aber ir­gendwie ist „Niente“ noch erfolgreicher geworden, als die Alben zuvor, Single und Album waren in Österreich gleichzeitig auf Platz eins der Charts, und wir waren plötzlich in den ganz großen Hallen. Trotzdem: Die Musik hat sich ver­langsamt – und damit auch uns. Dadurch konnten wir neue Kraft tanken.

Heißt Kraft tanken für euch auch, sich voneinander zu erholen, also sich mal eine Zeit lang nicht zu sehen?

Nein, das nicht. Wir haben ja auf den vergangenen Tourneen gemeinsam gelernt, wie man mit dem Druck umgehen kann. Außerdem gehen wir uns gegenseitig nie auf die Nerven. Wir kennen uns in­ und auswendig, sind schon so viel Jahre zusammen unterwegs, da gibt es keine Probleme.

Ist das Tourleben nicht auch gefährlich für eine Band, weil sie dadurch in einen ganz anderen Kosmos gerät, fern von Normalität?

Sicher ist es uns auch mal passiert, auf Tour in so eine Zweiteilung des Lebens zu kippen, das ist dann wirklich schwierig und ein bisschen gefährlich. Also diese Momente, wenn man das Gefühl bekommt, dass das Privatleben in Wien eine Art andere Sphäre ist, als das Leben auf Tour. Das bewirkt, dass man innerlich zerrissen ist. Da kann man sich schon auch verlieren. Man kann hängen bleiben auf Tour. Manche Menschen kommen ja auch nie wieder zurück.

 

„Eine Tournee ist wie eine Reise in ein prähistorisches Ich“

Marco Michael Wanda

 

Andererseits: Machen Tourneen und jubelnde Massen womöglich auch süchtig?

Bei mir ist es nicht die Belohnung in Form von Applaus, die mich triggert. Sondern das Freiheitsgefühl, wenn wir unterwegs sind. Das lässt sich kaum sonst wo erleben. Vielleicht nur, wenn man wie Felix Baumgartner aus der Stratosphäre springt.

Kannst du dieses Gefühl etwas genauer beschreiben?

Eine Tournee ist wie eine Reise in ein prähistorisches Ich. Man fühlt sich sehr jung, ist weitaus mehr Kind als Mann. Das Leben kann so einfach erscheinen auf Tour, und das macht es so verlockend.

 

 

Macht dieses Freiheitsgefühl die Anstrengungen, die eine Tour natürlich auch mit sich bringt, ein Stück weit wett? Merkst du die Strapazen erst danach?

Ja, das ist auf jeden Fall so. Auf Tour spüre ich irgendwann keinen Schmerz mehr. Wenn ich auf der Bühne stehe, könnte einer mit einem Baseballschläger kommen und zuschlagen – ich würde es nicht spüren. Mich könnte einer abknallen – ich würde es erst wissen, wenn ich im Sarg liege. Es ist eine gefühlte Unverwundbarkeit. Und klar, wenn es vorbei ist, fällt man schon mal kurz in sich zu­ sammen.

Grundsätzlich ist man aber um eine großartige Erfahrung reicher. Ich gehe übrigens auf jede Tournee mit dem Gedanken, es könnte das letzte Mal sein. Für mich ist es nicht selbstverständlich, das machen zu dürfen. Es ist wirklich so: Wir fünf spielen um Leben und Tod, das war schon bei unserem ersten Konzert so. Wir sind keine Sonntagsmusiker, bei uns geht es immer um was.

Spielt ihr euch in einen Rausch?

Manchmal entsteht auch etwas Rauschhaftes, ja. Das kann im ganz Kleinen passieren, zum Beispiel, wenn man an einer Tankstelle eine Zigarette raucht, und die Sonne geht gerade auf.

Und dann gibt es wiederum die ganz großen Rauschmomente, die auf der Bühne, wenn 10.000 Menschen vor einem stehen und schreien, und man sich plötzlich von einem Problem, das man im Leben abseits der Bühne hat, komplett lösen kann. Solche Momente kommen dann schon denen nah, die man unter psychedelischen Drogen erfährt.

 

„Wenn man sich nicht einsam fühlen möchte, muss man einfach eine Rockband gründen“

Marco Michael Wanda

 

Du hast in der Vergangenheit immer wieder betont, dass du mit dem Musikmachen auch gegen das ankämpfst, was alles so in deinem Kopf vor sich geht. Fühlt sich der grundsätzlich etwas leichter an, wenn du mit Wanda auf Tour bist?

Hmm. Man nimmt sein Leben natürlich auch mit auf Tour, nur ist man unterwegs etwas entlastet. Für manches hat man dann nämlich gar keine Zeit und Kraft mehr. Und zum Glück muss man auf Tour ja auch funktionieren, was mir sehr gut steht. Ich brauche beim Arbeiten immer Deadlines. Wenn mir nichts vorgegeben wird, tue ich mich schwer mit den Dingen. Wobei Struktur auch ein Gegenspieler sein kann.

Inwiefern?

Naja, irgendwann kommt es einem schon bizarr vor, wenn jeden Tag um die­ selbe Zeit Soundcheck ist, um dieselbe Zeit Einlass und Konzert. Das hat etwas Kasernenhaftes und kann einem ziemlich auf den Wecker gehen. Aber: Die Konzerte entschädigen.

Diese zwei Stunden mit Tausenden Menschen – das ist der Kick. Überhaupt: Dieses gemeinsame Erleben! Wenn man sich nicht einsam fühlen möchte, muss man einfach eine Rockband gründen und auf Tour gehen.

Einmal, und das schon zu Beginn eurer Karriere, hast du aber auch über euer Live-Leben gesagt, dass, wenn es so weiterginge, womöglich einer sterben würde.

Ja, dieser Satz stammt aus der ganz frühen Zeit, die wirklich ein Wahnsinn war. Es war damals fast schon ein Hilferuf von mir. Verrückt war allein, dass wir fast kein Geld verdient haben. Wir haben zwar 200-­mal im Jahr gespielt, aber die Konzerte waren zu einem Zeitpunkt abgemacht worden, als wir noch völlig unbekannt waren. Dann ist das Debütalbum explodiert und alles hat uns auf Tour buchstäblich überholt. Ich bin mir auch immer noch sicher: Wenn das so weitergegangen wäre, wäre einer gestorben. Durch den Erfolg müssen wir nun glücklicherweise aber nicht mehr 200 Konzerte im Jahr spielen.

Alsterdorfer Sporthalle: Krochmannstraße 55 (Groß Borstel), Wanda, 7.3.2020, 20 Uhr

Hört hier in unsere monatliche Playlist auf Spotify rein:


Szene-Cover-März-2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Februar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Rick McPhail über sein Musikprojekt Mint Mind

Rick McPhail, bekannt als Tocotronic-Gitarrist und -Keyboarder, setzt mit seinem Musikprojekt Mint Mind auf simple Riffs und deutliche Botschaften

Interview: Erik Brandt-Höge

 

Verstärker, Pedale, Platten, Kabel und, vor allem: Gitarren, in jeder Ecke Gitarren. Rick McPhails Proberaum, den er sich in seinem Altonaer Zuhause eingerichtet hat, ist ein regenbogenbuntes, pickepackevolles Musiklabor. Hier hat der gebürtige US-Amerikaner auch die Songs für „Thoughtsicles“ ausgetüftelt, das neue Album seines Drei-Mann- Projekts Mint Mind. Geradliniger Garage-Rock ist die Basis für McPhails Texte, in denen es auch um aktuelle Politik geht.

 

SZENE HAMBURG: Rick, es heißt, deine Ziele für das neue Mint-Mind-Album wären gewesen: wenig Ambition, viel Spaß. Geht das so leicht?

Rick McPhail: Eigentlich schon. Ich glaube, ich kann einfache Songs eh besser schreiben, als welche für, zum Beispiel, mein vorheriges Projekt Glacier. Die Texte für Glacier waren immer sehr ernst, die Musik auch, und das hat wahnsinnig viel Arbeit gemacht.

Klar, einige Texte für Mint Mind sind schon auch ernst, aber doch mit einem Augenzwinkern zu nehmen.

Du sagst, du kannst einfache Songs besser schreiben. Bedeutet das auch schneller?

Auf jeden Fall. Wir haben „Thoughtsicles“ innerhalb von nur einem Monat fertig gemacht. Einerseits sind die Texte sehr schnell gekommen, und dann haben wir die Stücke auch noch sehr Riff-basiert arrangiert, in einer Dreierbesetzung ohne Bassist, das hat es uns zusätzlich vereinfacht.

 

„Ich habe ganz klare Vorstellungen“

Rick McPhail

 

Die Dreierbesetzung machen Schlagzeuger Tim Wenzlick und Gitarrist Christian Klindworth komplett. Gibt es in der Band eine klare Hierarchie?

Ja, leider (lacht).

Wieso leider?

Na ja, ich hätte die Rollen schon gerne gleichmäßiger verteilt, vielleicht kommt das auch noch. Aber wenn ich momentan Lieder schreibe, habe ich schon alles im Kopf. Ich habe ganz klare Vorstellungen, wie die Songs am Ende klingen sollen. Also nehme ich Demos auf, verschicke sie an die anderen, und die müssen das dann lernen (lacht).

Womöglich schauen die beiden anderen ja auch zu dir auf, also zu dem Rockstar, der auf den ganz großen Bühnen steht?

Ach, das weiß ich nicht. Tim zum Beispiel ist, glaube ich, nicht unbedingt ein Tocotronic-Fan (lacht). Außerdem haben wir uns als ganz normale Menschen kennengelernt, nicht als Rockstars oder Nicht-Rockstars.

Wie habt ihr euch denn gefunden?

Diese Band hatte schon viele Besetzungen, und ich wollte irgendwann etwas Festes, also eine Gruppe von Leuten, mit denen man aufnehmen und auf Tour gehen kann, wenn es denn soweit ist. Und ich wollte eine Band, bei der die Aufgaben klar verteilt sind. Das halten wir bei Tocotronic auch so, wo Dirk die Lieder schreibt und ich mich um das Equipment und die Roadies kümmere.

Gibt es einen Austausch zwischen Tocotronic-Autor Dirk von Lowtzow und Mint Mind-Autor Rick McPhail?

Nein, ich zeige Dirk meine Texte nicht. Er bekommt immer eine fertige Platte von mir – wobei ich gar nicht genau weiß, ob er sie auch hört (lacht).

 

 

Zurück zu „Thoughtsicles“. Nicht durchgängig sind die Lyrics leicht und locker, es gibt auch eine politische Ebene, etwa im Song „The Hassle From The Man“, in dem „Man“ offensichtlich für eine Regierung steht. Gab es etwas Politisches, was du unbedingt ausdrücken wolltest?

„The Hassle From The Man“ handelt tatsächlich von politischen Protesten und Polizeibrutalität. Es geht dabei um vieles: die „Black Lives Matter“-Bewegung ebenso wie G20 und Greta Thunberg. Ich habe gesehen, welche heftigen Reaktionen es zuletzt in Amerika auf Greta gab, wo Leute mit SUVs durch die Gegend fuhren, aus deren Kofferräumen Zöpfe hingen und auf deren Scheiben stand: „The solution to the problem with Greta.“ Und dann habe ich angefangen, etwas dazu zu schreiben.

War Wut der Antrieb beim Schreiben?

Ja, schon. Ich hatte auch schnell die Musik aus alten Biker-Filmen im Ohr, aus „Die wilden Engel“ zum Beispiel, mit Peter Fonda. Und da ich schon immer einen Bongo-Song machen wollte, kam mir das Instrument auch gerade recht.

Hattest du eigentlich Schreibroutinen?

Ich muss mich beim Schreiben grundsätzlich sehr zusammenreißen, weil ich dazu neige, es vor mir herzuschieben.

Woher kommt das?

Vielleicht, weil ich oft Angst davor habe, dass ein Songtext nicht gut genug wird, und dann fange ich gar nicht erst an (lacht). Ich kann ewig in meinem Musikzimmer herumdaddeln, weil es Spaß macht. Liederschreiben sehe ich eher als Arbeit an, und dafür brauche ich den Druck, den eine Deadline mit sich bringt. Dann kann ich auch jeden Tag einen Song schreiben, so war es auch bei „Thoughtsicles“.

Und wenn so ein Album herauskommt: Hoffst du, der sehr erfolgsverwöhnt ist, dass der kommerzielle Durchbruch schnell passiert?

Natürlich wünsche ich mir, dass wir mit Mint Mind auch außerhalb von Deutschland, Österreich und der Schweiz stattfinden können. Aber ich bin kein Snob, der nur vor Tausenden von Leuten auftreten will. Jede Publikumsgröße ist gut, ich freue mich auch sehr über 150 Menschen vor der der Bühne.

Komet: Erichstraße 11 (St. Pauli), 27.+28.2., 22 Uhr


Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Verlosung: Gewinnt Tickets für Mädness

Der aus Darmstadt stammende Mädness ist einer der versiertesten Rapper des Landes. Nach Support-Slots für Fatoni, Fettes Brot und seinen Bruder Döll spielt er nun mal wieder eine Soloshow in Hamburg

Interview: Daniel Schieferdecker

 

SZENE HAMBURG: Mädness, dein aktuelles Album trägt den Titel „OG“, was im HipHop für „Original Gangster“ steht. Was bedeutet das in deinem konkreten Fall?

Mädness: Ein OG ist für mich jemand, der eine gewisse Erfahrung mit sich bringt, weil er bestimmte Dinge schon durchgespielt hat. Ich wollte mich durch den Begriff nicht erhöhen, sondern meinen Status markieren, da ich Rap eben schon etwas länger mache.

 

 

Wie hat sich das, was HipHop für dich ist, im Laufe dieser Zeit verändert?

HipHop ist breiter geworden. Es gibt nicht mehr nur eine Szene, sondern verschiedene Untergenres und Auffassungen. Man kann nicht mehr von HipHop im Ganzen sprechen, da der Sound und die Inhalte unter den Untergruppen so stark variiert. Für mich bedeutet rappen aber nach wie vor: Das ausdrücken zu können, was man denkt – so plump das auch klingt.

Du bist vor über drei Jahren nach Berlin gezogen, hast alles auf die Karte Musik gesetzt und noch mal komplett neu angefangen. Dein Resümee dieser Entscheidung?

Ich bin bis heute nicht obdachlos und habe zu essen, insofern: Es war die richtige Entscheidung. Ich habe mit meinem Bruder zwei erfolgreiche Touren gespielt, gehe im Februar auf Solo-Tour … der zweite Frühling ist real.

Terrace Hill
18.2.2020, 20 Uhr


 Wir verlosen 2×2 Tickets!

Wie könnt Ihr mitmachen? Na so:

  • Mail senden an verlosung@vkfmi.de
  • Betreff: „Mädness“
  • Einsendeschluss: 14.02.20 
  • Bitte gebt für die Teilnahme euren vollständigen Namen an

Szene_Hamburg_Februar_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Januar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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SZENE HAMBURG Redaktionskonzert – mit Current Swell

Es ist wieder Zeit für ein Redaktionskonzert! Diesmal haben wir die Band Current Swell zum exklusiven Gig zu uns in die Redaktion eingeladen. Tickets für das Konzert gibt es nur bei uns zu gewinnen! 

Sänger und Songschreiber, HipHopper, Gitarrenrocker, Soul-Stars: Schon so viele Künstler waren in den SZENE HAMBURG-Räumlichkeiten zu Gast für ein Redaktionskonzert. Namen gefällig? Bitteschön: Y’akoto, Fotos, The Bland, Zibbz, Animals House, Dorit Jakobs, Vivie Ann, LeRiche, Spaceman Spiff, Fotos, Oxen … Sie alle fühlten sich auf der Büro-Bühne, mit Perserteppich, Yukkapalmen und Lichterketten, ebenso wohl wie die Besucher davor. Und sie alle haben ihre musikalischen Arrangements reduziert, teils vollakustisch gespielt, und damit einen besonderen, intimen Auftritt kreiert. Einmal mehr kommen nun Gäste aus Kanada zu uns, nämlich Current Swell aus Victoria, British Columbia. Deren bisheriger Erfolg ist bemerkenswert: ausverkaufte Tourneen von Nordamerika bis Europa, 50 Millionen Streams, bewegte Fans und Fachpresse. Die Formation um Frontmann Scott Stanton steht schließlich für Indie-Rock, der durchaus hymnische Züge hat. Übrigens: Das SZENE HAMBURG-Redaktionskonzert ist nicht der einzige Current Swell-Gig an diesem Tag. Die Jungs führt es von der Gaußstraße noch in die Barnerstraße, genauer: auf die Hebebühne. Ihr dortiges Konzert beginnt um 20 Uhr. / EBD

Diejenigen, die keine Gästelistenplätze gewonnen haben, können sich das Konzert übrigens auch in unserem Facebook Livestream anschauen!

Current Swell: Mittwoch, 12.02.20, 19 Uhr, Gaußstraße 190c

 Wir verlosen 12×2 Gästelistenplätze!

Wie könnt Ihr mitmachen? Na so:

Neues Album „Bang“: Mando Diao im Interview

Die schwedische Erfolgsband Mando Diao veröffentlichte mit „Bang“ kürzlich ein neues Album. Frontmann Björn Dixgård und Bassist Carl-Johan Fogelklou über die Einfachheit der Songs, Freiheitsgefühle und ein verändertes Tourleben

Interview: Erik Brandt-Höge 

 

SZENE HAMBURG: Björn und Carl-Johan, euer neuer Song „Get Free“ ist der erste der Band, in dem es um das große Thema Freiheit geht. Warum gerade jetzt solch ein Text?

Björn: Das ist einfach so passiert. Wir haben immer zuerst die Musik und spielen dann mit Lyrics herum, dabei kam ich auf das Thema Freiheit. Ich habe darüber nachgedacht, was das eigentlich bedeutet, Freiheit, und wie man frei wird.

Carl-Johan: Außerdem wollten wir einen Song, der den Leuten ein Gefühl von Freiheit gibt, beim Hören und dazu Tanzen. Wir wollten auch mal eine Freiheitshymne machen. Ich darf in dieser Sachen David Hasselhoff zitieren: „I’ve been looking for freedom.“ (lacht)

Hat sich eure Definition von Freiheit eigentlich mit den Jahren verändert?

Carl-Johan: Schon. Wenn man älter wird, hat man allgemein mehr Verantwortung, allein dadurch bekommt Freiheit einen höheren Stellenwert. Wir haben jetzt sicherlich etwas mehr Respekt vor der Freiheit, die wir haben, als in früheren Bandjahren. Der Rock ’n’ Roll-Lebensstil, den ihr schon lange pflegt, gilt ja als sehr frei.

Gibt es dennoch etwas, das euch aktuell noch freier fühlen lässt als euer Job?

Carl-Johan: Die Natur. Ein Spaziergang durch den Wald, am Strand oder einem schönen See ist wahnsinnig viel wert.

Björn: Da stimme ich zu. Wenn man in der Natur ist, bekommt man sofort das Gefühl, ein Teil von etwas zu sein, das viel größer, viel wichtiger ist als alles andere. Und wenn ich darüber nachdenke, dass ich mit meinem Lebensstil auch viel von eben dieser Natur zerstöre, durchs Fliegen und die Müllproduktion, spüre ich umso mehr Demut, wenn ich dort draußen bin. Die Natur ist gut fürs Ego. Sie zeigt einem, dass man nur ein winziges Staubkorn auf dieser Welt ist.

Denkt ihr, Erfolg macht auch frei?

Björn: Erfolg macht vieles einfacher, auch das Geld, das oft mit Erfolg kommt. Damit konnten wir als Band noch mehr Musik produzieren und auch mal in einem schicken Studio abhängen. Allerdings würde ich behaupten, dass wir niemals aufhören würden, Musik zu machen, wenn wir plötzlich nicht mehr so erfolgreich wären und nur noch in kleinen Clubs auftreten. Das, was wir machen, müssen wir machen, es ist ein innerer Drang.

Dazu zählt auch das regelmäßige Touren – ebenfalls etwas, das Freiheit mit sich bringt. Wenn ihr jetzt wieder unterwegs seid, wie muss man sich das vorstellen: Noch so wild und partyreich wie zu Karrierebeginn?

Björn: Wir feiern schon noch ab und an.

Carl-Johan: Aber nicht mehr so hart.

Björn: Das stimmt. Ich kann auch nicht mehr so gut singen, wenn ich lange gefeiert habe. Wenn wir eine Show am nächsten Tag haben, bin ich vorsichtig. Der Rest kann von mir aus machen, was er will (lacht).

Carl-Johan: Ach, wir sind mittlerweile alle erwachsener und verhalten uns partytechnisch angemessener als früher. Heute sitzen wir nach einer Show oft da, einer holt einen ach so besonderen Whiskey heraus, wir nippen nur ein bisschen daran und fachsimpeln über den Geschmack (lacht).

Björn: Ich tue immer nur so, als könnte ich fachsimpeln.

Carl-Johan: Okay, ich ehrlich gesagt auch (lacht).

Es heißt, der „Bang“-Song „Long Long Way“ wäre im Tourbus entstanden – wo bei euch normalerweise nicht geschrieben wird …

Björn: … und es lag dieses Mal auch nur daran, dass ich nicht schlafen konnte. Die anderen saßen hinten, jammten angetrunken an ihren Instrumenten, es war laut. Also habe ich angefangen, zur Musik etwas zu schreiben. Der Song handelt davon, dass man manchmal nicht so genau weiß, wo man herkommt und wo es hingeht, also dass man auf einer ständigen Reise ist. Ich habe ein bisschen herumphilosophiert. Passte auf jeden Fall zu der Tourbus-Situation.

Noch ein Song sticht hervor auf „Bang“: „Society“. Darin thematisiert ihr unter anderem einen fehlenden Weitblick der Gesellschaft in Sachen Umwelt und Mitmenschlichkeit. Ihr fragt wörtlich: „Werden wir uns jemals ändern?“ Was könnt ihr als Band tun, um Veränderungen zu bewirken?

Björn: Ich bin leider nicht Greta Thunberg, habe nicht das Wissen, das nötig ist, um bestimmte Veränderungen einzuleiten. Und das einzige, das wir als Band dafür tun können, um die Stimmung einiger Menschen etwas aufzuhellen, ist Musik. Wir bieten den Leuten die Möglichkeit, in einen Club oder eine Halle zu gehen und zu unseren Songs zu tanzen. Und wenn wir sehen, dass sich das Publikum bei uns gut aufgehoben fühlt, kommt die Wärme, die wir ein Konzert lang geben, auch zu uns zurück.

Was den Sound von „Bang“ angeht, scheint es, als hättet ihr jede Art von Schnörkel und Spielerei vermeiden wollen. Gab es im Vorfeld der Albumarbeit klare Vorstellungen, wie die Songs sein sollten?

Carl-Johan: Simpel sollten sie sein! Wir wollten uns aufs Nötigste konzentrieren.

Björn: Wir wollten gute Gitarrenriffs, schlichte Drums – mehr nicht. Ein bisschen wie bei AC/DC (lacht). Die haben tatsächlich den gleichen einfachen Drum-Beat in all ihren Songs (stampft und klatscht). Mir hat der Gitarrist von The Hives erzählt, dass er mal mit dem Schlagzeuger von AC/DC im Flugzeug saß, und selbst dort hätte der diesen Rhythmus geklatscht und gestampft (lacht). Den kompletten Flug von Europa nach Australien! Jedenfalls: Das wollten wir auch – Einfachheit.

Mando Diao: 22.11.19, Sporthalle, 20 Uhr


szene-hamburg-november-2019Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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