Beiträge

Festival für experimentelle Musik: klub katarakt

Das Internationale Festival für experimentelle Musik bietet am 27. Mai außergewöhnliche Musikerlebnisse im Live-Stream

Text: Marco Arellano Gomes

 

Das Internationale Festival für experimentelle Musik „klub katarakt“ bietet am 27.5. ein Musikprogramm, das wie gewohnt aus der Reihe tanzt. Das auf Kampnagel aufgeführte Konzerterlebnis wird live im Stream zu erleben sein. Schwerpunkt diesmal: raumbezogene Musik.

Drei Konzerte gibt’s zu sehen: Das Hauptkonzert stammt vom Ensemble L’art pour l’art und trägt den Titel „Matthias Kaul in memoriam“ (19 Uhr). Es ist dem am 1. Juli 2020 verstorbenen Schlagzeuger und Komponisten Matthias Kaul gewidmet. Das Ensemble wurde von ihm einst mitgegründet. Flötistin Astrid Schmeling konzipierte das Gedenkkonzert in Zusammenarbeit mit der künstlerischen Festivalleitung. Es beinhaltet fünf Kompositionen Kauls – vom Solo bis zum Ensemble- Stück. Sängerin ist Frauke Aulbert.

 

Außergewöhnlich, avantgardistisch

 

Dem folgen zwei kürzere Einzelkonzerte unter dem Titel „Local Heroines“: Zum einen tritt die freischaffende Musikerin, Künstlerin, DJ, Kuratorin und Film-Sounddesignerin Nika Son auf und stellt ihr erstes Soloalbum „To Eeyore“ (2020) vor (20.30 Uhr). Sie übersetzt Töne und Geräusche unterschiedlicher Herkunft in eine ungewöhnliche musikalische Sprache. Es ist, als schaute man dem Hörbaren zu.

 

 

Im Anschluss geben René Huthwelker und Carl-John Hoffmann ein audiovisuelles Konzert, das sich durch analog-synthetische Rückkopplungsschleifen auszeichnet, die sich durch einen repetitiven Minimalismus durch polyrhythmische Netzwerke zu pulsierenden Strukturen verdichten (22 Uhr). Das liest sich nicht nur außergewöhnlich, es klingt auch so. Seit fünfzehn Jahren bietet das Festival „klub katarakt“ experimentelle Musik: offen, außergewöhnlich bis avantgardistisch. Das ist nicht nur für ein Spezialpublikum interessant, es ist für alle Musikbegeisterte inspirierend.

klub katarakt
27.5.2021, ab 19 Uhr


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2021. Das Magazin ist seit dem 29. April 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Wie nachhaltig sind Hamburgs Kulturinstitutionen?

Statements: Was tun Hamburgs Kulturinstitutionen in Sachen Nachhaltigkeit?

Protokolle: Anna Meinke & Erik Brandt-Höge

 

Mike Keller, Markthalle Hamburg

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„Nachhaltigkeit ist für uns mehr als nur Umweltschutz. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz – wir als Unternehmen zeigen im Spannungsfeld von Umwelt, Natur, Wirtschaft und Mensch Verantwortung. So achten wir beispielsweise auf eine nachhaltige Energieversorgung und verringern stets unsere Abfallproduktion.

Außerdem achten wir auf eine flexible Arbeitszeitgestaltung, führen regelmäßig Fortbildungen zu zukunftsrelevanten Themen mit unseren Mitarbeitenden durch und zeigen klare Haltung gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Damit können wir einen kleinen Teil zur gesellschaftlichen Transformation in Richtung Nachhaltigkeit beitragen.

Als Kulturbetrieb sind wir systemrelevant für Menschen, das sehen und spüren wir derzeit sehr deutlich. Von daher ist es nur logisch, dass wir uns als bedeutsamer Teil der Gesellschaft im Bereich Nachhaltigkeit engagieren. Kulturschaffende können mit ihrer Arbeit auf Fehlentwicklungen oder Herausforderungen in der Gesellschaft aufmerksam machen und mögliche Lösungen anregen oder begleiten.“

 

Matthias Elwardt, Zeise Kinos

Matthias-Elwardt-Credit-Heike-Blenk

Foto: Heike Blenk

„Kino ist ein nachhaltiges Lebensmittel – und das Zeise Kino hat sich schon früh Gedanken über Nachhaltigkeit gemacht und lokale Partner gesucht. Für unseren Bio-Tee vom Hamburger Produzent Samova und unseren ‚Hey Dude‘-Biokaffee aus Ottensen nutzen wir Gläser mit Henkel. Für Wein und andere Getränke haben wir robuste 0,15-Liter-Gläser. So gibt es bei uns weder Strohhalme, noch Plastik- oder Pappbecher.

Unser Eis kommt von Luciella’s aus Hamburg, und neu ist unser Zeise-Bio-Bier mit eigenem Etikett vom Wildwuchs Brauwerk. Zudem ist unser Kino ein Ort für Filme zu sozialen und Umweltthemen, womit wir zum Nach- und Umdenken anregen wollen. Und wir kommen hier mit Filmemachern sowie lokalen Initiativen ins Gespräch.“

 

Marcel Kummerfeld, Barbarabar

„Alles, was man nachhaltig gestalten kann, ist in der Barbarabar auch nachhaltig. Und wir merken, dass das gar nicht so schwer ist: Auf der Getränkekarte steht das Bio-Bier ganz oben und schmeckt mindestens genauso gut wie ein herkömmliches Bier. Der alternativlose Bio-Wein ist nicht einmal teurer als der konventionelle Wein.

Putzmittel und Handseife ohne Mikroplastik gibt’s in jedem Supermarkt, man muss sich nur dafür entscheiden. Und die Kosten für die neu eingebauten Fenster haben wir durch eingesparte Heizkosten schon wieder rausbekommen. Eine Solaranlage auf dem Dach und Zeitschaltuhren an den Kühlschränken sorgen für ein nachhaltiges Energiemanagement.

Wir machen das aus Überzeugung. Und es zahlt sich aus: Aktuell bauen wir mit unserer neu gegründeten Firma hello sun Solarbau Photovoltaikanlagen zum Beispiel auch für umliegende Bars und andere Gewerbebetriebe – das hält uns während der Pandemie über Wasser, verbreitet den Nachhaltigkeitsgedanken und sorgt für günstige Strompreise in den Betrieben.“

 

AG Nachhaltigkeit des Thalia Theater

„Seit September 2019 widmet sich das Thalia Theater gezielt dem Thema Nachhaltigkeit. Warum? Weil gerade wir als namhafte Kulturinstitution mit mehr als 350 Festangestellten einen Beitrag leisten sollten, wollen und können! Im Rahmen von stets anfallenden Sanierungsfragen wird das Thema Nachhaltigkeit sukzessive brisanter.

Nach einer abteilungsübergreifenden Umfrage zum Ist-Stand sowie den Wünschen und Zielen, die die einzelnen Abteilungen mittel- und langfristig verfolgen, wurde dann die AG Nachhaltigkeit gegründet. In regelmäßigen Abständen treffen sich die Vertreter und Vertreterinnen der Abteilungen und erarbeiten gemeinsam, welche Maßnahmen den Betrieb im Rahmen der ökologischen Nachhaltigkeit weiterbringen, beispielsweise zu den Bereichen Gastronomie, Verkehr, Mülltrennung, Sanierungs- und Baumaßnahmen, Ausstattung und Büroarbeitsplätzen.

Durch monatliche Kampagnen sollen die Mitarbeitenden durch kleine, aber wirkungsvolle Anregungen zur Nachhaltigkeit am eigenen Arbeitsplatz selbst in die Praxis kommen.“


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Neuwertung der Clubs

Clubs werden künftig baurechtlich nicht mehr als Vergnügungsstätten, sondern als Anlagen kultureller Zwecke angesehen

 

Eine gute Nachricht für Musikclubs, deren Fokus auf Künstlerinnen und Künstlern, Nachwuchs sowie Programmkuratierung liegt: Sie werden künftig baurechtlich nicht mehr wie Bordelle, Wettbüros und Spielhallen als Vergnügungsstätten eingestuft. Das hat ein Änderungsantrag vom Clubkombinat Hamburg und der LiveKomm bewirkt, der im Bundestag eingereicht wurde.

„Die aktive Clubkultur ist ein großer kultureller und wirtschaftlicher Wert dieses Landes, die Clubs sind unternehmerisch, kulturell, gesellschaftlich und architektonisch einmalige Freiräume, die zum Experimentieren, Begegnen und Erfahren einladen. Gleichzeitig sind sie mit rund 50.000 Angestellten sowie freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei einem Jahresumsatz von ca. 1,1 Milliarden ein wichtiger Teil der Kultur- und Kreativwirtschaft“, wurde im Antrag die Bedeutung der Clubs hervorgehoben.

 

Clubs sind Kultur

 

Die Bundesregierung beschloss am Freitag, 7. Mai 2021, dass genannte Musikspielstätten in Sachen Baurecht wie Museen, Opern, Theater und Konzerthäuser als Anlagen kultureller Zwecke angesehen werden. Umsiedlungen und Neugründungen von Musikclubs werden somit unterstützt.


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Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Mit Coronahilfen: Hamburger Kultursommer geplant

Ein Kultursommer unter freiem Himmel

Text: Anna Meinke

 

Mit einem millionenschweren Corona-Förderpaket will die Kulturbehörde einen Kultursommer unter freiem Himmel möglich machen. In Planung sind derzeit Bühnen an verschiedenen Orten der Stadt – und zwar nicht nur im Zentrum. Konzerte, Theater und Kunst sollen so den Weg zu den Bürgerinnen und Bürgern finden, Hamburger Künstlerinnen und Künstler wieder arbeiten können. Kultursenator Carsten Brosda hofft, der Kulturlandschaft mit dem Format neuen Schwung zu geben. 

 

Bewerbungsphase

 

Derzeit arbeitet die Kulturbehörde mit zahlreichen Veranstaltern an der Umsetzung des Kultursommers. Seit heute (6.5.) können sich Interessierte aus der Kulturszene bewerben, die eine Bühne aufbauen möchten und Unterstützung benötigen. Im Anschluss können sich dann auch Künstlerinnen und Künstler bewerben. Eine Jury entscheidet letztendlich, wer beim Kultursommer dabei sein wird. Mit den 22 Millionen Euro des Corona-Förderpakets soll nicht nur die Bühnentechnik finanziert werden, sondern auch die Honorierung der teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler.


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Smoothica: Neuer Stern am Hamburger Neo-Soul-Himmel

Das Quartett Smoothica, formiert an der Hamburg School of Music, setzt auf seiner ersten EP „Inside“ auf eine extrem entspannte Klangästhetik

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Julia, Angelo, Alex und Julian, ihr habt alle an der Hamburg School of Music studiert. Die School ist bekannt dafür, dass dort schnell neue Bands entstehen. Welche Möglichkeiten wurden euch dort geboten?

Julian: Einer der Vorteile, den wir dort hatten, war natürlich die Nutzung der Räumlichkeiten. Wir haben auch die Sommer- und Winterkonzerte der School mitgespielt. Aber wir sehen uns nicht als reine School-Band. Es gibt ja Bands, die ausschließlich während ihres Studiums bestehen. Wir aber haben früh erkannt, dass wir auch in größeren Kontexten auftreten möchten.

Die Bandgründung war 2018. Konntet ihr euch damals schnell auf den Smoothica-­Mix aus Neo­-Soul, HipHop, Pop und Jazz einigen, der jetzt auf eurer ersten EP „Inside“ zu hören ist?

Angelo: Ich hatte damals die Vision, etwas Richtung Neo-Soul zu machen. Schritt für Schritt habe ich mir die Leute dafür zusammengesucht, und jeder hat seinen eigenen Stil mitgebracht – sodass aus der anfänglichen Neo-Soul-Idee ein ordentlicher Genre-Mischmasch wurde.

Julia: Auf „Inside“ gibt es den Song „Flappy Bird“. Das ist einer unserer ersten Songs. Wir sind zwar vor der EP-Veröffentlichung nochmal ran gegangen, aber eigentlich stand dieser Sound, den „Flappy Bird“ hat, also dieser Genre-Mix, schon von Anfang an. Wir haben ihn nur weiterentwickelt.

Julian: Und auch diese Weiterentwicklung ist ganz natürlich passiert, nämlich durchs regelmäßige miteinander Spielen. Wir haben uns nie hingesetzt und gesagt: „Wir wollen so und so klingen und müssen Musik deshalb auch genau so und so schreiben und üben!“

 

„Das „smooth“ in unserem Namen soll schon Programm sein“

Angelo

 

Beim Hören von „Inside“ möchte man meinen, es hätte zumindest eine Devise im Vorfeld gegeben: Hauptsache entspannt!

Angelo: Das trifft es! Wir haben sogar einen Slogan, wenn man so will, oder zumindest einen Hashtag, den wir regelmäßig benutzen: #smoothdigga. Das „smooth“ in unserem Namen soll schon Programm sein.

Musikalisch sind die Songs entspannt, textlich hingegen wiegt manches schwerer. Zum Beispiel der Song „Love Hurts“. Darin gehe es um die Trauer einer sehr engen Freundin von dir, Julia, heißt es.

Julia: Genau, der Hintergrund des Songs ist schon sehr heftig. 2018 hatte sie zwei schwere Verluste, und obwohl ich diese gar nicht so erfahren haben wie sie, sind sie mir sehr nahegegangen. Ich habe textlich versucht, das alles für sie, aber auch für mich zu verarbeiten. Gleichzeitig wollte ich einen Mut entwickeln. Ihr Schmerz hat ja gezeigt, dass sie Menschen total geliebt hat – und das ist etwas Positives. Wir haben mit dem Song und dem dazugehörigen Video zeigen wollen, in dem es eine Tanzperformance gibt, dass man da wieder rauskommt und es überstehen kann.

 

 

Nun hattet ihr eigentlich vor, mit dieser EP zu touren – was Corona-­bedingt nicht geht. Wo in Hamburg wäre denn ein passender Auftrittsort, um die EP live zu präsentieren?

Angelo: Die Barclaycard Arena (lacht).

Julian: Im Ernst: Extrem schön dafür fände ich die Prinzenbar.

Alex: Auch das Häkken wäre passend. Im vergangenen Jahr haben wir dort eine Show gespielt – und es geschafft, als Newcomerband die Location auszuverkaufen. Es war eine riesige Party. Und das hoffen wir natürlich auch für die Release-Show: den Laden vollzubekommen.

Die Barclaycard Arena war zwar ein Scherz, aber: Gibt es bei euch so eine Art Höher-­Schneller­-Weiter­-Denken?

Angelo: Oft ist es ja so, dass wenn man natürlich wachsen will, dazu neigt, die Sachen auch mal ein bisschen schleifen zu lassen. Wenn man aber klare Ziele erreichen will, muss man sich ranhalten.

Julian und ich sind beide in der Nähe von Scheeßel groß geworden – und wir wollen beim Hurricane Festival spielen. Klar ist es ein weiter Weg dorthin, aber auch nicht komplette Utopie. Wir glauben, dass wir das schaffen können.

„Inside“ von Smoothica ist am 26.2. erschienen


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Streaming-Show: „Einer kommt, alle machen mit 2021“

„Einer kommt, alle machen mit 2021“ geht in die nächste Runde!

Text: Anna Meinke

 

Genau ein Jahr nach dem ersten Solidaritäts-Nicht-Festival startet MenscHHamburg eine neue Hilfsaktion für Kulturschaffende: „Einer kommt, alle machen mit 2021“ geht in die nächste Runde! Denn Unterstützung kann die krisengeschüttelte Kulturszene noch immer gebrauchen.

Hamburger Kulturorte wie das Molotow, das St. Pauli Theater und die Markthalle werden ab dem 12. Mai zur Bühne für namhafte Künstler, Autoren und Schauspieler – und das alles ganz ohne Live-Publikum. Die Spendeneinnahmen der Streaming-Show gehen direkt an Hamburger Kulturschaffende. Mit dabei im bunten Programm sind unter anderem Älice von Chefboss, Bjarne Mädel und Ina Müller. Tickets gibt’s hier.

 


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Smudo: „Luca ist ein Ausstiegsszenario“

Die App „Luca“ soll dabei helfen, die Gesundheitsämter zu entlasten und das gesellschaftliche Leben zu normalisieren. Wie das geht, erklärt Smudo von Die Fantastischen Vier. Sie gehören neben dem Berliner Start-up Nexenio, einer Ausgründung des Hasso-Plattner-Instituts, sowie weiteren Kulturschaffenden zum Team hinter Luca

Interview: Anna Meinke & Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Smudo, in welcher Phase der Pandemie habt ihr angefangen, euch mit dem Entwickeln einer App wie Luca zu befassen?

Smudo: Wir wollten im vergangenen Jahr auf die größte Tour unserer Karriere gehen: „30 Jahre Die Fantastischen Vier“ – und dann kam Corona. Auf der Suche nach Möglichkeiten, unsere Konzerte spielen zu können, sind wir zu Hobby-Epidemiologen und Netzwerkern geworden. Unter anderem haben wir das Berliner Start-up Nexenio kennengelernt.

Nexenio haben im September 2020 an einem digitalen Dokumentations-Pflicht-Tool gearbeitet, wobei schnell klar wurde, dass der Bottleneck des Ganzen die Gesundheitsämter sind. Die Dokumentation ist zwar wichtig, aber eigentlich muss es ein Quellcluster-Backtracing geben. Am Ende der Arbeit stand ein System, das meines Wissens nach weltweit als Erstes kann: Luca.

Wie funktioniert die Daten­ eingabe bei Luca?

Bei Luca gibt man seine Daten ein, wird verifiziert und bekommt eine SMS zurück. Luca generiert minütlich wechselnde QR-Codes. Dann kann man ins Taxi steigen, ins Restaurant gehen, überall hin, und meldet sich immer wieder an und ab. Dabei werden weder ein Bewegungsprofil, noch Geodaten hinterlassen. Die eigenen Daten bleiben mit einem Public und einem Secret Key gesichert auf dem Telefon.

Es entsteht also eine geschützte Historie, quasi ein Kontakte-Tagebuch. Und beim Gastgeber liegen die Check-in- und Check-out-Daten, ebenfalls geschützt mit einem Public und einem Secret Key. Auch das Gesundheitsamt hat einen Public und einen Secret Key und kann diese nutzen, wenn der Luca-User es denn möchte.

 

Direkte Daten

 

Was passiert, sollte ein User krank werden?

Das Gesundheitsamt wird über einen positiven Test informiert und ruft in der Folge dann den Erkrankten an: „Sind Sie bei Luca und wollen Sie die Historie freischalten?“ Man willigt ein, übermittelt, und die Daten gehen direkt – zum Beispiel über Sormas – ins Amt. Das Gesundheitsamt kann dann die Gastgeber anfragen und alle anderen zeitmäßig relevanten Luca-User bekommen es mitgeteilt, sind also im Loop, ohne selbst irgendetwas angegeben zu haben.

Und das ist nur ein Vorteil von Luca. Es hat sich ja herausgestellt, dass von zehn Leuten nur einer so infektiös ist, dass er andere anstecken kann. Und es wäre doch schön, wenn man diesen einen finden würde, weil der ja symptomfrei herumlaufen und ganz viele andere anstecken kann. Das sogenannte Quellcluster- Tracing. Auch das geht mit Luca.

Nämlich wie?

Sagen wir, man geht ins Restaurant, und später stellt sich heraus, dass man krank ist. Die Historie geht dann ans Gesundheitsamt. Nun war ein Geschäftsmann aus Frankfurt in Hamburg, lässt sich zu Hause testen und ist positiv. Die Historie zeigt, dass der Frankfurter mit dem Hamburger zur selben Zeit im gleichen Restaurant saß. Vermutlich ist einer von den beiden der Superspreader, denn sie haben uns aller Wahrscheinlichkeit nach dort angesteckt.

Jetzt steigt die Wahrscheinlichkeit, dass noch mehr Leute in diesem Restaurant infiziert sind um das Einhundertfache. Durch Luca wüssten das die Betroffenen sofort, könnten Leute in Quarantäne schicken und der Infektionsherd wäre eingehegt. Das ist einmalig und funktioniert natürlich, nur wenn Frankfurt und Hamburg beide Luca nutzen würden.

 

„Wir haben den direkten Draht zum Gesundheitsamt und zurück“

 

Wie stellst du dir eine Welt mit Luca vor?

Man fährt mit der Bahn, scannt QR-Code, piept, ist bei der Oma, piept dort, piept auch im Restaurant, und wenn man zu den Fantas geht, lässt man sich vorher testen. Positiv? Dann wird das in die App geschrieben, und alle wissen Bescheid: die U-Bahn-Fahrer, die Oma, die Restaurantbesucher. Und man kriegt sein Geld zurück, weil man nicht zum Konzert kann – bei dem dank Luca übrigens nicht nur 500, sondern 3.500 Leute sein dürfen.

Für diejenigen, die Luca noch nicht downgeloaded haben: Wie würde dein Werbeslogan lauten?

„Wir sind Gesundheitsamt!“ (lacht) Weil wir den direkten Draht dorthin und zurück haben. Wenn ich Leuten erkläre, warum wir während einer Pandemie ein Tracing wie dieses benötigen, ziehe ich auch gerne folgendes Bild heran: Wenn eine Flut kommt, das Wasser über die Ufer tritt und die Menschen sowie die Wirtschaft bedroht, steht der Politiker genauso auf dem Acker wie die Putzkraft und der Fernfahrer. Alle krempeln die Ärmel hoch und schmeißen Sandsäcke. Luca ist jetzt auch ein Sandsack, darauf können sich alle verständigen.

Macht dieser „Sandsack“ die Corona­Warn­App nichtig?

Ich glaube an einen Mix aus Impfgeschehen, Hygienemaßnahmen, Testen sowie Corona-Warn-App und Luca. Wenn all das gleichermaßen am Start ist, kann die Pandemie in den Hintergrund gedrängt werden.

Glaubst du auch, dass wenn es Luca bereits vor einem Jahr, also zu Beginn der Pandemie gegeben hätte, uns vieles erspart geblieben wäre?

Luca wäre zu Beginn wahrscheinlich nur ein weiteres Doku-Pflicht-Digi-Tool gewesen, mit dem wir auch in den Lockdown geraten wären. Es gab damals einfach noch so viel zu lernen, sodass Luca nicht den Unterschied gemacht hätte, den das System jetzt hoffentlich macht. Wir sind fest davon überzeugt, dass Luca ein Ausstiegsszenario sein kann.

Werdet ihr von Bund und Ländern unterstützt?

Dort, wo die App schon läuft, etwa in Thüringen, übernimmt die Infrastruktur natürlich das Land. Wir arbeiten seit drei Monaten auch eng mit dem Bundesgesundheitsamt zusammen, das Mittel dafür bereitgestellt hat. Und wir sind mit zweihundert Gesundheitsämtern im Gespräch. Also: Zuletzt gab es innerhalb von nur einer Woche eine Million Luca-Downloads und über 12.000 registrierte Betriebe.

luca-app.de


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Im Schulterschluss mit Schwurblern

Hamburger Veranstaltungsstätten schreiben offenen Brief an das Docks und die Große Freiheit 36

Text: Anna Meinke

 

Mit einem offenen Brief und klaren Worten wenden sich zahlreiche Konzertveranstalter an die etablierten Hamburger Veranstaltungsstätten Docks und Große Freiheit 36. Der Grund: In Infokästen und an Stellwänden vor den zwei Veranstaltungsstätten tauchten Flugblätter und Plakate mit Inhalten auf, die die Corona-Pandemie relativieren oder sogar leugnen.

 

Das DOCKS und die Grosse Freiheit 36 sind schon seit Beginn der Pandemie komplett auf Schwurbler-Kurs. Die Wände der…

Gepostet von Audiolith Records am Donnerstag, 11. März 2021

 

Der Vorwurf von unter anderem FKP Scorpio und Karsten Jahnke Konzertdirektion lautet, die Spielstätten böten bereits seit Monaten gefährlichem und demokratiefeindlichem Gedankengut ein Forum. Im Kollektiv wird eine Stellungnahme gefordert sowie eine unmittelbare Entfernung besagter Flugblätter und Plakate. Außerdem kündigen die Veranstalter an, erst nach Klärung der Angelegenheit wieder Konzerte im Docks und in der Großen Freiheit 36 zu buchen.


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Stephanie Lottermoser: Tiefenentspannte Stadt-Hommage

Die Wahlhamburger Saxofonistin und Sängerin hat ein Album aufgenommen, das nicht nur „Hamburg“ heißt, sondern die Stadt auch musikalisch widerspiegelt – mit zurückgelehnten Jazz-, Soul- und Funk-Nummern

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Stephanie Lottermoser, dass der Titel deines neuen Albums „Hamburg“ wurde, lag nicht zuletzt an zwei anderen Städten, richtig?

Stephanie Lottermoser: Das stimmt. Ich stamme aus einer Kleinstadt südlich von München, habe in München an der HMTM studiert und 2013 den Bayerischen Kunstförderpreis in Form eines Stipendiums für Paris bekommen. Dort war ich dann auch für ein halbes Jahr. In Paris habe ich unter anderem gemerkt, wie sehr mich Orte beeinflussen, wenn ich Musik schreibe. Etwas später, zurück in München, ist dann ja auch mein Album „Paris Songbook“ erschienen.

Beschreib doch mal dein halbes Jahr in Paris.

Es war meine erste große Reise weg von München. Dieser Perspektivwechsel allein war schon mal ziemlich gut, fand ich. Und der kreative Input, den die Stadt liefert, ist unglaublich. Ich habe in der Cité Internationale des Arts gelebt, einem Gebäudekomplex, in dem gut 300 Künstler aus 50 Ländern untergebracht waren. Jazzmusiker, klassische Musiker, Bildende Künstler – alle Tür an Tür. Wir waren in einem ständigen Austausch. Zudem machen ja alle großen Stars Halt in Paris, wenn sie auf Tour sind. Einen Großteil des Taschengeldes, dass ich bekommen habe, habe ich für Konzertkarten ausgegeben.

Bist du selbst auch in Paris aufgetreten?

Ja, nachdem ich mich irgendwann überwunden hatte, mal zu einer Jam-Session zu gehen. Das musste ich mich erst mal trauen, auch sprachlich, ich hatte nie Französisch in der Schule. Aber es war dann wirklich toll, und ich habe danach immer wieder mit ganz unterschiedlichen Musikern gespielt, viele waren im Funk und Soul verankert, was ja auch meine musikalischen Baustellen sind.

Zurück in München, erschien dir die Stadt plötzlich als zu klein, heißt es.

(lacht) Ja, und es gibt auch einen passenden Song dazu auf „Paris Songbook“, nämlich „Model Railroad Landscape“, also „Modelleisenbahnlandschaft“. Der erste Song, den ich nach meiner Rückkehr geschrieben habe. Es soll jetzt überhaupt nicht despektierlich gegenüber München klingen, aber mir kam die Stadt wirklich etwas zu klein und auch zu brav vor.

Ende 2017 hatte ich dann ein Konzert in Hamburg. Ich saß in meinem Hotelzimmer am Fenster, konnte von dort aus über die ganze Stadt gucken – und habe nur gedacht: Ich will hier wohnen! Ich hatte keinen konkreten Grund, nach Hamburg zu kommen, nur dieses Gefühl.

 

„In Hamburg ist es egal, ob jemand Soul und Funk oder Avantgarde-Jazz macht“

 

Kannst du dieses Gefühl etwas näher beschreiben?

Es war ein Gefühl von Freiheit, was nicht zuletzt durch die Lage der Stadt, die Wassernähe, den Hafen kam. Und dieses Gefühl hat sich nach meinem Umzug 2018 nach Hamburg bestätigt: Ich fühle mich hier einfach total frei und gut aufgehoben.

Kamst du auch in der Hamburger Musikszene schnell zurecht?

Ich kannte erst mal nur ein paar Musiker in Hamburg, habe aber tatsächlich sehr schnell erfahren dürfen, wie gut vernetzt und vor allem hilfsbereit Hamburger Musiker sind. Das ist nicht selbstverständlich, ich kann das gar nicht hoch genug halten. In Hamburg ist es egal, ob jemand Soul und Funk oder Avantgarde-Jazz macht: Sobald da wer ist, der Bock auf Musikmachen und kreatives Arbeiten hat, wird er schon irgendwie irgendwo untergebracht. Es herrscht eine große Aufgeschlossenheit in der Szene.

 

 

Hast du dann sehr bald entschieden, dass dein nächstes Album schlicht nach deiner neuen Wahlheimat benannt wird?

Der Titel für ein Album kommt mir immer während des Schreibens. Und als ich den jetzigen quasi Titelsong geschrieben habe, „Morgen (Hamburg)“, habe ich mich einmal mehr gefreut, dass ich hier sein kann – und gar nicht mehr über andere Albumtitel nachgedacht. Das Album hieß dann einfach so: „Hamburg“.

Im Titelsong spielst du das erwachende Hamburg auf dem Saxofon nach, mit den ersten leichten Wellen am Elbstrand, dem langsam aufkeimenden Leben, dem Puls der Stadt. Alles: extrem entspannt. Genau wie der Rest des Albums. Empfindest du Hamburg auch so: superentspannt?

Ja. Ich habe mir nicht vorgenommen, total entspannte Songs zu schreiben. Meine Entspannung ist eher automatisch in die Musik übergegangen. Als ich in Bayern davon erzählt habe, kam oft das Klischee als Antwort: „Sind in Hamburg nicht alle eher total unterkühlt?“ Ich finde: nein! Was manche unterkühlt nennen, nenne ich ehrlich. Im Norden guckt man einfach erst mal, wie jemand drauf ist, wartet ab und beurteilt erst dann, wenn man es kann.

Du hast dein Instrument auch einmal als sehr „ehrlich“ beschrieben“ …

… richtig! Weil ich mich damit austoben und so sein kann, wie ich eben bin. Klar, als Musiker kann man covern, etwas nachmachen oder weiterentwickeln. Aber ich wollte immer Musik machen, um etwas von mir zu zeigen.

„Hamburg“ erschien am 5.3. auf Leopard Records

Release-Show im Knust
12.3.2021, 20 Uhr


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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