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Jürgen: „Irgendwann sterben sie“

„Man darf es ja gar nicht sagen, aber zu Zeiten der ganzen Beschränkungen fand ich Hamburg so schön wie nie zuvor. Die leeren Straßen, die geschlossenen Cafés, die Ruhe in der Stadt – das war besonders und habe ich noch nicht erlebt. Und ich bin immerhin seit 40 Jahren als Postbote unterwegs. Da lebt man im Stress, im Wirrsal: Straße rauf, Straße runter, Treppe hoch, Treppe runter, durch die Menschenmassen hindurch, an den Autos vorbei. Alles war wie weggefegt.

Schon meine Mutter war bei der Post, in den Siebzigern bin ich bei ihr mitgelaufen. Als Kind habe ich es im Postamt geliebt. Wir haben dort Fußball gespielt und alles war voller Briefmarken. Da war für mich schnell klar: Ich will auch zur Post. 1981 hatte ich dann meinen ersten Tag. Man, war ich aufgeregt. Ich habe ewig gebraucht, wusste überhaupt nicht, wo ich entlang musste.

Heute ist es der beste Job der Welt. Sobald ich aus dem Postamt herauskomme, kann ich den Tag so gestalten, wie ich will. Ich laufe am Tag um die zehn Kilometer durch die Gegend, bin immer an der frischen Luft, ob Regen, Sturm, Wind – du lebst mit dem Wetter. Und dabei treffe ich Leute, denen ich seit den Achtzigern ihre Post bringe. Dann sterben sie irgendwann und es kommen Jüngere nach. Es gibt nie Stillstand. Auch die Stadt und die Architektur verändern sich. Nur ich laufe unentwegt mit meiner Karre durch das Viertel. Wie in den Achtzigern. Auch wenn die Knochen langsam wehtun.“

/ Max Nölke

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Monique: „Sie haben meine Geschichte schon im Kopf“

“Der Rassismus in Deutschland wird sehr viel offener ausgetragen, als in Großbritannien, wo ich herkomme. Und versteh mich nicht falsch, auch dort sind viele Menschen rassistisch. Hier in Deutschland ist das alles aber direkter. Ich bin in London geboren, meine Mutter ebenso. Da fühlt es sich scheiße an, wenn die Leute mich hier fragen, wo genau aus Afrika ich herkomme.

Es sind viele kleine Dinge, aber sie haben eine große Wirkung. Wenn ich bei einer Wohnungsbesichtigung bin, ist das Interesse in der Regel nicht sonderlich groß für mich. Erzähle ich dann aber, dass ich im Musical Der König der Löwen mitspiele, bin ich für den Makler plötzlich interessant. Wenn ich mit meinem Freund, der deutsch ist, zusammen bin, sprechen die Leute häufig mit ihm, ich stehe daneben und werde nicht beachtet.

Dabei glaube ich, dass ich an sich eine sehr nette Person bin, aber viele geben mir überhaupt nicht den Moment, das zu beweisen. Sie wollen meine Geschichte nicht hören, sondern haben sie schon im Kopf. Wahrscheinlich denken einige auch, was sie denken wollen. Dabei gibt es natürlich genug Menschen, die nicht rassistisch sind. Manchmal muss ich mich selbst aber daran erinnern.

Dass 14.000 Menschen in Hamburg auf die Straße gehen und für Black Lives Matter einstehen, stimmt mich hoffnungsvoll. Zwar wird Rassismus dadurch nicht verschwinden, aber die ganze Welt hat es jetzt gesehen. Und auch wenn es nur für einen Moment war, vielleicht kann dieser Moment eine neue Ära einläuten. Eine, in der die Menschen verstehen, dass wir zusammenstehen müssen.

Wenn ich Probleme mit meiner Hautfarbe und den ganzen Vorurteilen, die da mitschwingen, habe, denke ich mir oft: Vielleicht müssen wir uns bloß einen Moment nehmen und die Geschichte des anderen hören. Denn jeder hat eine Geschichte, die erzählt werden sollte.”

/ Max Nölke

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Grzegorz: „Und dann lebe ich wieder“

“Meine Geschichte in Deutschland beginnt mit einer Familienzusammenführung 1989. Ich war damals 24 Jahre alt und es war alles andere als einfach sich anzupassen. Die Mauer war gefallen und vieles war durcheinander, weil damals eine ganze Welle von Einwanderern nach Deutschland kam. Was die Menschen seinerzeit wie heute beschäftigt, ist häufig die Angst, die Ungewissheit, vielleicht auch eine fehlende Vorstellungskraft.

Ich hatte früh schon Ziele und konnte dadurch schnell in diesem Land Fuß fassen. Nicht zum letzten Mal in meinem Leben dank der Musik. Schon als kleiner Junge habe ich in Polen angefangen zu trommeln, dann Musik am Konservatorium studiert und am Musiktheater im polnischen Gleiwitz im Orchester gespielt. Als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich in einer Big Band in Wuppertal angefangen. So konnte ich meinen Anker setzen.

Die zweite große Leidenschaft, die sich wie ein Band durch mein Leben zieht, ist die Kunst, in erster Linie das Fotografieren. Ich liebe es, Menschen zu fotografieren. Du kannst zu jedem Menschen eine Geschichte erzählen. Na klar, Vögel und Natur sind auch schön, aber das menschliche Spektrum ist ein Wahnsinn. Jede Situation, jeder Moment von Menschen ist eine Geschichte, die es festzuhalten gilt. Ich weiß wirklich nicht, ob ich derjenige wäre, der ich heute bin, wenn ich die Musik und die Kunst nicht gehabt hätte. Wenn ich traurig bin, setze ich mich nicht vor den Fernseher, nein, ich höre Musik oder gehe in eine Vernissage, gucke, höre, tausche mich aus – und dann lebe ich wieder.”

/ Max Nölke 


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Dustin: „Ich mag die freien Stellen an meinem Körper nicht“

„Was interessiert es mich, wenn die Leute mich krumm angucken? Ich kann aussehen, wie ich will. Und das ist doch das Tolle! All die Tattoos habe ich nur für mich, ich liebe sie. Es ist wie eine Sucht. Tatsächlich habe ich die größten Probleme damit, dass so viele Stellen an meinem Körper noch frei sind. Mein erstes Tattoo hat mir ein Kumpel mit 19 gemacht, es ist einfach nur ein Kreis auf dem Finger. Den habe ich mir stechen lassen, um zu gucken, ob es weh tut – tat es nicht. Ab dem Moment gab es kein Zurück mehr. Irgendwann wird wohl mal mein ganzer Körper voller Tinte sein.

Ähnlich lief es mit den Tunneln durch die Ohren: klein angefangen, dann wurden sie größer und größer. Heute bemerke ich sie nicht mal mehr. Es hat mir noch nie in meinem Leben geholfen, wenn ich über Dinge lange nachgedacht habe. Mach es einfach, es bringt doch nichts, alles kaputtzudenken.

Ich komme aus Schwerin, habe lange in Hannover gelebt und bin diese Woche erst nach Hamburg gezogen. Ich hatte noch nie Sehnsucht nach einem Ort. Entweder es gefällt mir irgendwo oder eben nicht. Und in Hamburg fühlt es sich bislang ganz gut an, vielleicht wird das ja so etwas, was man dann Heimat nennt. Auch wenn ich mit dem Begriff wenig anfangen kann. Es hört sich vielleicht nicht so an, aber das Alles macht mich zu einem wirklich glücklichen Menschen.

Der es manchmal sogar vollbringt, andere Menschen glücklich zu machen. Denn ich bin Friseur. Diese Woche hatte ich meine ersten Tage im neuen Salon in Eppendorf. Wenn du gute Arbeit geleistet hast, ist da dieses Strahlen in den Augen der Kunden, das ist echt schön. Für einige ist es eine Therapiestunde, anderen verschaffst du innerhalb weniger Minuten einen besseren Tag, wieder andere kommen mit Tomatenmark im Haar an, weil sie sich die Haare damit färben wollten. Ständig passiert etwas. Da denke ich mir, so abgedroschen das klingen mag: Lebe doch einfach in den Tag hinein, irgendwas kommt eh immer dazwischen.“

/ Max Nölke

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Peter: „An guten Tagen mache ich 35 Euro“

„Es ist nicht meine, sondern Gottes Musik. Alles, was ich mache, kommt aus dem Himmel. Ich habe das Akkordeonspielen vor 45 Jahren gelernt, seit sieben Jahren verdiene ich mein Geld damit. An guten Tagen mache ich auf der Mönckebergstraße um die 35 Euro, sonst so 20 am Tag. Nachdem ich 2009 aus Bulgarien nach Deutschland gekommen bin, habe ich zunächst Pfandflaschen gesammelt. Das Schleppen war mir aber irgendwann zu anstrengend.

Heute spiele ich etwa zehn Stunden täglich, muss dann aber alle 30 Minuten den Ort wechseln, weil ich nicht so lange an der selben Stelle sitzen darf. Ab und zu spiele ich auch auf Beerdigungen oder Hochzeiten, in Leipzig, München, Stuttgart oder Hannover. Alles was ich dafür brauche, passt in einen Koffer: mein Akkordeon und ein Schlafsack.“

/ Max Nölke

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Dörte: „Wir haben alle sechs Liter Blut in uns“

„Ich habe drei Söhne, die ich alleine großgezogen habe. Mein Leben lang musste ich daher mit Vorurteilen kämpfen. Früher wurde ich beim Elternabend häufig gefragt, wie ich das denn als alleinerziehende Mutter machen würde, dass meine Söhne so gut in der Schule seien. Dann habe ich halt gesagt: ‘Naja, vielleicht dürfen sie einfach Kinder sein.’ Heute habe ich coronabedingt drei Jobs, einen als Putzfrau. Eigentlich bin ich Eventköchin, denn: die besten Partys finden in der Küche statt – ist ja klar. Zur Zeit ist aber nichts mit Party. Daher putze ich und bin auch dort vor Vorurteilen nicht geschützt.

Letztens hat mich ein Kunde gefragt, ob mir der Beruf als Deutsche nicht zu würdelos sei. ‘Beantrag’ doch Hartz 4′, meinte er. Ziemlich würdelos, fand ich. Früher war ich die Alleinerziehende, heute bin ich die Putzfrau, oder was? Alles scheint mittlerweile eingeteilt in Ober- und Unterschicht, Ost und West, Links und Rechts. Jeder trägt Vorurteile in sich. Das ist der Ursprung von Rassismus. Wenn ich mir die Nachrichten anschaue und dort Kinder in Somalia mit ihren aufgeblähten Hungerbäuchen sehe: die haben so strahlende Augen, das siehst du hier bei uns nicht.

In Afrika herrscht eine ganz andere Lebensphilosophie. Die Menschen sind viel glücklicher als wir, obwohl sie jeden Tag Angst um ihre Existenz haben müssen. Schwachköpfe gibt es überall – ob die jetzt von hier kommen oder aus Afrika und Asien nach Deutschland gekommen sind, spielt für mich keine Rolle. Hamburg war schon immer weltoffen, hat von Einwanderung gelebt. Das soll auch so bleiben. Meine Rechnung ist ganz einfach: Wir haben alle sechs Liter Blut in uns.“

/ Max Nölke

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Gisela: „Mir schauen immer noch Männer hinterher“

„Gisela klingt so altmodisch, nenn‘ mich lieber Gila oder Gisella. Das nehme ich mir mit 79 Jahren noch heraus. Wenn ich Glück habe, werde ich nächstes Jahr im September 80. Ich will ja nicht angeben, aber: ist das nicht großartig? Und ich kann immer noch Fahrradfahren, spazieren gehen, treffe Freundinnen. Erst heute bin ich elf Kilometer aus Niendorf bis an die Alster geradelt, letztens war ich mit einer Freundin auf der Dachterrasse des St. George Hotels in der Langen Reihe. Da gibt es diese leckeren Drinks, dieses orangene, Aperol oder wie das heißt. So lang ich solche Dinge machen kann, muss ich das doch alles noch ausnutzen, oder nicht?

Viele Bekannte in meinem Alter haben dafür nicht mehr die Kraft oder das Interesse, aber dann mache ich meine Spaziergänge und Touren eben alleine. Ich bin sowieso eine Einzelgängerin, wie meine Mutter es war. Ich lebe alleine, habe keine Kinder oder Enkelkinder. Und das ist okay so. Ich habe viel Freude an Dingen, die nicht jeder empfindet. Trotzdem gibt es natürlich auch Momente, die ich gerne teilen würde. Ich war 20 Jahre lang verheiratet und hatte später eine Beziehung mit einem Segler. Daher kann ich ganz gut segeln. Ansonsten bleibt davon nicht viel. Der eine hat getrunken, der andere hat sich irgendwann mehr für andere Frauen interessiert. So ist es nun mal. Und trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass da noch etwas für mich kommt – auch mit 79.

Dabei gibt es durchaus noch Männer, die mir hinterhergucken, das kannst du mir glauben. Aber das will ich dann meistens nicht. Ein paar Schmetterlinge sollten schon unterwegs sein. Wer weiß, vielleicht treffe ich ja heute jemanden auf dem Heimweg, der dann auf seinem Fahrrad an mir vorbeifährt und sagt: „Mensch, Sie sind ja flott unterwegs.“ Es kommt, wie es kommt. Und wenn das eine nicht geht, geht eben das andere. Ganz ehrlich: Wenn ich heute die Möglichkeit hätte, in meinem Leben in den letzten Jahren etwas anders zu machen, ich würde es nicht tun. Gut, vielleicht ein bisschen besser an der Börse spekulieren.“

/ Max Nölke

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Marlene: „Ich durfte nicht mit schwarzen Kindern spielen“

„Seit neuestem habe ich einen Campingstuhl, setze mich hier an die Alster, lese viel und löse dann Kreuzworträtsel, um das Gelesene in meinem Kopf zu sortieren. Diese Freiheit hat mir sehr gefehlt während der Krise. Dennoch, ein Vergleich zu meiner Jugend war das nicht. Ich bin in einem sehr katholischen Umfeld aufgewachsen. Wir durften früher nicht mit evangelischen Kindern spielen, geschweige denn mit schwarzen. Später ging ich auf ein Internat mit Nonnen und mir wurde gelehrt, meine Gutgläubigkeit abzulegen. Dort wird das Gutsein zu den Mitmenschen gepredigt, aber nicht gelebt.

Ich habe so viel Ungerechtigkeit in dieser Zeit erlebt, dass ich mich radikal von diesem Denken verabschiedet habe. Erst mit 30 habe ich zurückgefunden zu einem gesunden Verständnis von Glauben. Ich denke, das ist auch der Grund, weshalb ich lange veraltete, zum Teil rassistische Denkmuster in mir hatte. Dahingehend habe ich so viel von meinem Sohn und der heutigen Generation gelernt. Dieses Akzeptieren des Anderen ist heute viel stärker, meine Generation versteht das meist nicht mehr.

Es fängt im Kleinen an: Ich wohne am Holzdamm und gehe häufig am Steindamm einkaufen, zusammen mit, sagen wir, einigen fragwürdigen Leuten, die sich da tummeln. Mir war dort zu Beginn etwas mulmig. Aber an der Langen Reihe, wo eine andere, höhere gesellschaftliche Schicht einkaufen geht, werde ich im Supermarkt angerempelt, am Steindamm hingegen nie. Dort achtet jeder auf den anderen.

Es geht um Wohlwollen. Um Zuhören. Nicht nur sehen, sondern die Menschen auch hören und dadurch versuchen, ihre Welt nachzuvollziehen. Das ist, glaube ich, das Wichtigste, was ich meinem Sohn mitgeben konnte. Ich habe 40 Jahre im Breisgau gelebt und als Immobilienmaklerin gearbeitet, habe meinen Sohn daher 20 Jahre lang besuchen müssen. Vor drei Jahren bin ich nach Hamburg gekommen und nun leben wir wieder gemeinsam in einer Stadt. Das erste Mal seit seiner Kindheit.“

/ Max Nölke

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Tom: “Wir leben in einer Isoliertheit“

„Wir Menschen fremdeln untereinander, das isoliert uns. Dafür braucht es keine Pandemie, wir leben in einer generellen Isoliertheit. Ich bin gebürtiger Rheinländer, lebe jetzt seit vielen Jahren in Hamburg, aber ich werde nie Hamburger sein. Genauso wenig wird ein Hamburger je Rheinländer sein. Denn so lange die Menschen Angst haben vor Leuten aus Bayern, Berlin oder Hessen, schlicht aus dem Grund weil es etwas anderes ist, braucht mir keiner mit Rassismus zu kommen. Es ist viel mehr der Urgedanke des Menschen, dem Fremden zu misstrauen.

Das beginnt morgens beim Bäcker: Schrippe oder Semmel? Ist doch egal! Die Leute müssen die Tünche aufbrechen. Ich bin freier Schauspieler und in meinem Leben viel gereist. Ich habe die ersten Aida-Kreuzfahrten um die Jahrtausendwende mitgemacht als Stagemanager und habe unterschiedliche Länder und Kulturen kennengelernt. Mein Leben richte ich nach Außen, ich liebe die Sprache und bin unbekümmert, wenn es darum geht, andere Menschen anzusprechen.

Betrachten wir es analog, reicht es doch, wenn ich sehe, dass es ein Baum ist. Irgendwann erfahre ich dann, dass es ‘ne Ulme oder ‘ne Birke ist, aber in erster Linie ist es doch einfach nur ein Baum – da bin ich vielleicht sehr naturverbunden. Aber gleiches gilt doch für den Menschen an sich. Ob du Architekt, Ingenieur, Student, schwarz, weiß, klein oder groß bist, macht keinen Unterschied. Du sitzt da und drückst mit deinem Gewicht auf den Boden ein. Ganz einfach.

Achtung, jetzt wird es noch philosophischer: aber ich glaube, man muss zunächst einmal das eigene Fremde kennenlernen. Und dafür sollte man vielleicht zur Abwechslung auch mal das Gegenüber gewinnen lassen und in gewissen Dingen in Unwissenheit weiterleben. Naja, das klingt alles wenig hoffnungsvoll, merke ich gerade. Aber so lange es Marzipan-Nuss-Schokolade gibt, ist auch noch nicht alles verloren.”

/ Max Nölke

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Straßenblues: Schenken mit Sinn

Menschen mit und ohne Obdach feiern gemeinsam Weihnachten

Text: Marie Filine Abel

 

Bereits zum fünften Mal feiern im Dezember jeweils rund 50 Hamburger mit und ohne Obdach gemeinsam ein Weihnachtsfest, das von „StrassenBLUES e.V.“ organisiert wird. Das Team des gemeinnützigen Vereins trifft und filmt im Vorfeld Wohnungs- und Obdachlose in Sozialeinrichtungen und fragt nach ihren Weihnachtswünschen.

Meist wird zum Beispiel eine warme Jacke, ein Kofferradio oder ein Schlafsack gebraucht. Oder auch eine Fahrkarte, um die Liebsten zu besuchen, die sie vielleicht seit Jahren nicht gesehen haben. Die Videoporträts der Obdachlosen werden anschließend auf der „StrassenBLUES“-Website und den Social-Media-Kanälen veröffentlicht.

 

Begegnungen an einem Tisch

 

Jeder, der möchte kann sich einem der Wünsche annehmen und verschenken – bei einem gemeinsamen Weihnachtsfest mit Kaffee, Kuchen und Live-Musik. Denn neben der Notwendigkeit eines warmen Schlafsacks, der gewünscht wird, geht es auch um Begegnungen, um Austausch zusammen an einem Tisch.

Hinter „StrassenBLUES“ steckt vor allem Gründer und Filmemacher Nikolas Migut. Als er im Jahre 2012 eine NDR-Dokumentation in einer Berliner Bahnhofsmission am Zoo drehte, lernte er den Obdachlosen Alex kennen. Nikolas ist von ihm so fasziniert, dass er mit ihm eine Nacht lang durch Berlin zieht und aus dem dabei entstandenen Material die Doku „Alex – Halbes Vertrauen“ schneidet.

Doch Alex lässt ihn nicht los und er macht sich 2014 gemeinsam mit seiner Frau Milena und seiner kleinen Tochter Maja auf die Suche. Alex lebte zu dem Zeitpunkt nach zehn Jahren auf der Straße erstmals wieder in einer Sozialwohnung in Neumünster. Das Wiedersehen im Januar 2015 lieferte das Material für Nikolas Miguts halbstündige Dokumentation „Straßenblues“.

 

 

Die Dokumentation war der Auftakt für die Gründung des gemeinnützigen Vereins, der sich mit unterschiedlichen Aktionen darum kümmert, Menschen ohne Obdach in die Gesellschaft einzubinden. Für das Engagement wurde „StraßenBLUES“ bereits mehrfach unter anderem mit dem Deutschen Integrationspreis ausgezeichnet.

15.12.19, 15 Uhr

strassenweihnachtswunsch.de und strassen-blues.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 29. November 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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