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Hamburgerin des Monats: Barbara Barberon

Auch, wenn ihr Name so klingt, Barbara Barberon (50) ist keine waschechte Französin, aber eine im Herzen. Das von ihr mitgegründete „arabesques“ Festival (bis 7. März 2018) vereint Künstler aus beiden Ländern, um die deutsch-französische Freundschaft zu stärken und solidarisch über die Grenzen hinauszuschauen

SZENE HAMBURG: Barbara, woher kommt deine enge Bindung zu Frankreich?
Barbara Barberon: Durch die Familie. Meine Großmutter war Wahlfranzösin und mein Vater hat seine Kindheit dort verlebt. Ich habe sieben Jahre in Chinon, einem gemütlichen mittelalterlichen Städtchen im Val de Loire, gelebt und meine Kinder wurden dort geboren.

Und wie bist du 2012 dazu gekommen, ein deutsch-französisches Festival hier zu initiieren?
Damals hat Nicolas Thiébaud, der Solo-Oboist an der Staatsoper ist, eine Konzertreihe veranstaltet und mich gefragt, ob ich Lust hätte, ergänzende Kulturveranstaltungen zu organisieren. Im ersten Jahr haben wir mit 25 angefangen, im zweiten waren es bereits 55, ein Mix aus Lesungen, Konzerten, Theater und Debatten.

Wie stemmt ihr das?
Anfangs haben wir alles zu zweit gemacht. Mittlerweile sind wir in unserer Organisation etwas breiter aufgestellt. Ich bin für die Programmplanung verantwortlich, also im ständigen Austausch mit Künstlern und Veranstaltungspartnern im In- und Ausland. Trotz Unterstützung einiger Stiftungen, sind wir leider institutionell noch nicht fest aufgestellt. Wir bekommen durch die Kulturbehörde eine jährlich neu zu beantragende Projektförderung, die sehr hilft, aber noch keine sichere langfristige Planung zulässt. Diese Festival-Ausgabe steht unter dem Motto „Gegenwelten“.

Was bedeutet der Begriff?
Ich gestalte jedes Jahr ein Thema, um zu vermeiden, dass das Festival in eine inhaltliche Beliebigkeit rutscht. Wir wollen eine Bindung erzeugen und zeigen, dass wir uns kulturpolitisch für ein Ziel einsetzen. Zu dem Thema „Gegenwelten“ gibt es noch den französischen Zusatz „repenser le monde“, also die Welt noch einmal anders denken. Für mich ist es sehr wichtig, den Mut zu haben und sich der Kraft bewusst zu sein, dass wir die Welt auch immer wieder ganz anders gestalten können. Dazu gehört natürlich die Stärke der Solidarität, des Sicheinsseins in dem Willen, etwas aktiv zu verändern. Wir müssen nicht feststecken – wir können hinterfragen und selbst eine Richtung angeben, kommunizieren, gestalten.

Wie ziehst du von der Systemkritik den Bogen zur deutsch-französischen Beziehung?
Bei der Programmgestaltung gehen wir von der deutsch-französischen Freundschaft aus, denn die Zusammenarbeit dieser beiden Länder ist essenziell für den Frieden in Europa. Wir arbeiten viel mit französischen Künstlern und Institutionen in Deutschland, Frankreich und anderen europäischen Partnerländern zusammen. Es geht um die Idee, gemeinschaftlich über die Grenzen hinauszuschauen.

Welche Konzepte fördern eine stärkere Solidarität in der Gesellschaft?
Wenn ich auf die Welt blicke, ist für mich ein fehlender Zusammenhalt das Erschreckende, aber auch das Herausfordernde.

Welche Veranstaltung findest du besonders erwähnenswert?
Ende Januar findet ein sehr schönes Projekt in der Klangmanufaktur statt. Dort wird der Komponist und Pianist Thierry Pécou mit seinem Musiker-Ensemble ein sehr besonderes Programm mit Klarinette, Saxophon und Klavier spielen. Sie spüren der Groupe des Six nach, den Klängen von Tango, Disco und Jazz im Paris der 20er. Am Tag darauf werden die Musiker mit Schülern in einem Kompositionsworkshop zusammenkommen.

Die Klangmanufaktur ist ja für sich schon ein schönes Projekt …
Ja, ich finde die Idee und Vision großartig. Ausgehend von dem Gedanken, dass sich viele Künstler und Kulturstätten keinen so guten Flügel leisten können, restaurieren ehemalige Steinway-Mitarbeiter alte Steinway-Flügel. Investoren können, anstatt vielleicht eine Wohnung zu kaufen, einen dieser Flügel erwerben, der dann vermietet wird. Es gibt so viele bezaubernde Kulturstätten, die sich sonst keinen guten Flügel leisten können.

Was bedeutet die 60-jährige Städtepartnerschaft von Marseille und Hamburg für unsere Stadt?
Sie ist ein Symbol dafür, über seine Grenzen hinauszusehen und eine Aufforderung, sich mit der Kultur des Nachbarlandes zu befassen. Das ist nicht überall sichtbar, aber eine sehr schöne Möglichkeit, gemeinsam kulturelle Projekte ins Leben zu rufen und in beiden Ländern zu präsentieren – wie wir es beim Eröffnungskonzert tun werden. Das Ensemble arabesques widmet sich, unter der Leitung von Nicolas Thiébaud, gemeinsam mit Musikern des „Institut des vents français“ südfranzösischen und deutschen Komponisten. Dazu arbeiten wir eng mit dem Goethe-Institut zusammen und planen im Juni ein gemeinsames Hamburg-Marseille-Filmfest im Metropolis.

Woran hängt dein Herz mehr, Hamburg oder Frankreich?
Das kann ich gar nicht sagen. Hamburg war und ist meine Wahlheimat, ich habe hier schon studiert. Ich liebe die Stadt und als ich in Frankreich war, habe ich viel an Hamburg gedacht. Von hier aus habe ich immer Heimweh nach Frankreich. Und dann trage ich auch noch Celle im Herzen, die Stadt, aus der ich komme …

An welchen Ort in der Stadt gehst du, wenn dich die Sehnsucht packt?
Ein für mich wichtiger Ort, seit ich hierher zurückkam, ist das Lycée français geworden, an dem meine Kinder zur Schule gehen. Aber auch das Ensemble Voix de Femmes, in dem ich jeden Mittwochabend singe – ein sehr privater französischer Ort, den Rémi Laversanne geschaffen hat. Und wenn man genau hinsieht, findet man hier überall Frankreich wieder – im Theater, im Kino, in den Konzertsälen …

Das klingt, als würdest du nie Feierabend machen?
Doch, durchaus. Aber da treffe ich auch auf Frankreich: Meine Kinder sind Franzosen, in Frankreich geboren, es war ihre erste Heimat. Jetzt sind sie auch Hamburger, aber eben mit französischen Wurzeln.

Wenn dir mal alles zu viel wird, hast du dagegen eine Strategie?
Die Stille genießen. Und ich reise unglaublich gern, nicht nur nach Frankreich!

Interview: Hedda Bültmann

Foto: Michael Kohls

7. Deutsch-Französisches Kulturfestival arabesques, 22.Januar 2o18 – 7. März 2018, verschiedene Veranstaltungsorte in und um Hamburg; www.arabesques-hamburg.de

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Januar 2018. Das Magazin ist seit 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Auf einen Song mit … Haiyti

Jeden Monat trifft Erik Brandt-Höge Hamburger Musiker und holt sich von ihnen aktuelle Musikempfehlungen. Diesmal mit Haiyti. Ihr neues Album „Montenegro Zero“ erscheint am 12.1.

SZENE HAMBURG: Haiyti, wir brauchen neue Kopfhörermusik für die Stadt. Was läuft denn bei dir aktuell?

Haiyti: Ajebutter22: „Ghana Bounce“. Ich grüße die Ghana-Connection aus Hamburg, ich hoffe, sie freut sich!

ITAN: „Kleine Line Koks“.

Alles von Capuz a.k.a. Kapuziner Monch, mein Bruder.

Welchen deiner eigenen neuen Tracks würdest du fürs Unterwegssein mit Kopfhörern empfehlen?

Mein komplettes Album „Montenegro Zero“. Da werdet ihr staunen!

Und wenn wir mal länger und mit dem Auto unterwegs sind: Welcher Song macht eine Fahrt zum reinen Vergnügen?

Wenn ihr im Auto noch ein Tapedeck habt, dann mein Untergrund-Mixtape „Untergrundweltstars“. Da könnt ihr euer blaues Wunder erleben.

Interview: Erik Brandt-Höge

Foto: Tim Bruening

„Montenegro Zero“ erscheint am 12.1.18 (Vertigo Berlin/Universal). Mehr unter www.der-bomber-der-herzen.de.

Mojo Club

18.3.18, 20 Uhr


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Dezember 2017. Das Magazin ist seit 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Auf einen Song mit: Miu

Jeden Monat trifft Erik Brandt-Höge Hamburger Musiker und holt sich aktuelle Musikempfehlungen von denen, die es wissen müssen. Diesmal mit Miu, deren neues Video zum Song Ohana gerade erschienen ist.

SZENE HAMBURG: Miu, wir sind ganz melancholisch drauf. Und wir brauchen einen Soundtrack. Drei Empfehlungen, bitte!

Miu: LCD Soundsystem: „New York I Love You But You’re Bringing Me Down“. Der Song ist so herrlich perfekt unperfekt und könnte die Hassliebe zu einer Stadt wie New York kaum besser ausdrücken.

Black Keys: „Weight Of Love“. Schönster Bass-Sound, eines meiner Lieblingsgitarren-Soli und irgendwie könnte das Lied am Ende eines Roadmovies spielen, wenn der Protagonist in einem alten Auto eine amerikanische Landstraße entlangfährt und die Kamera langsam aus dem Bild zieht.

Damien Rice: „I Don’t Wanna Change You“. Ich könnte eigentlich immer gleich losweinen, wenn ich das Lied höre. Zum einen, weil es einen wunderschönen Streichersatz hat. Zum anderen, weil Damien Rice über eine unerfüllte Liebe mit Größe und Tragik zugleich erzählt.

Was braucht ein schönes melancholisches Lied deiner Meinung nach alles?

Ehrlichkeit! Es geht bei Melancholie nicht um große Instrumentierung oder komplizierte Arrangements. Aber natürlich kann ein Streichersatz an der passenden Stelle Gefühle verstärken. Letztlich zählt aber das Lied an sich. Und wenn es mit dem nötigen Gefühl in Text und Melodie geschrieben ist, dann reicht auch ein guter Sänger mit Gitarre oder Klavier.

Und brauchst du eine melancholische Stimmung, um melancholische Musik schreiben zu können – oder geht das eigentlich immer?

Ich glaube, ich brauche vor allem einen Anlass oder ein Thema, das mich beschäftigt oder in diese Stimmung bringt. Es kann aber auch ein schöner Akkord sein, der im Kopf etwas macht. Aber so ganz grundlos melancholisch bin ich selten, da fängt im Kopf schon meistens irgendetwas an zu rattern. Was ich allerdings gut kann, ist mir zu viele Gedanken machen oder Gefühle aufsaugen und mir zueigen machen. Das begünstigt sicherlich eine gewisse Melancholie in den Texten.

Interview: Erik Brandt-Höge

Knust
12.1.18, 21 Uhr

„Leaf“ von Miu ist am 25.8.17 (Herzog Records) erschienen.


Szene Hamburg Cover August Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Augsut 2017. Das Magazin ist seit 28. Juli 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


Interview: Die Indie-Pop-Band Fotos über das neue Album

Die Hamburger Indie-Pop-Gruppe ist zurück – kann mit dem Begriff „Comeback“ allerdings nichts anfangen

Wieso, weshalb, warum und alle anderen wichtigen Infos zum neuen Fotos-Album „Kids“ gibt es von Frontmann Tom Hessler (2. v. re.) und Gitarrist Deniz Erarslan (2. v. li.) im Interview.

SZENE HAMBURG: Tom und Deniz, die Musikindustrie und Fachpresse mögen im Zusammenhang mit der Band Fotos gerade sehr den Begriff „Comeback“. Ihr eigentlich auch?

Tom: Wir haben uns schon über diesen Begriff lustig gemacht (lacht). Aber uns war natürlich auch klar, dass je länger wir uns mit diesem Album Zeit ließen, umso mehr würde von einem Comeback die Rede sein.

Deniz: Wir haben in den vergangenen Jahren alle an Musik gearbeitet, Tom vor allem als Produzent und ich als Gitarrist in mehreren anderen Bands.

Tom: Und was das neue Fotos-Album betrifft, sind sämtliche Songs über einen sehr langen Zeitraum entstanden, jedes in einer bestimmten Phase der Band, weshalb es auch stilistisch so große Unterschiede gibt.

Und wie kam ein roter Faden rein? Brauchte es eine Beurteilung von außen?

Tom: Genau die brauchte es am Ende, ja. In Tobias Siebert (Studiobetreiber in Berlin; Anm. d. Red.) haben wir einen Menschen gefunden, der uns für dieses Album wirklich weitergebracht hat. Er war auch derjenige, der uns aufgezeigt hat, dass wir keine zig Songs mit der gleichen Soundästhetik machen müssen, also dass kein roter Faden auch einer sein kann. Dadurch wird ein Album oft viel aufregender.

Einer der neuen Songs heißt „Melodie des Todes“, worin Tom singt: „Ich weiß, dass du mich nie vergisst.“ Gilt das vielleicht auch für euch und euer Publikum? Schließlich hattet ihr mit den ersten drei Alben schon viel erreicht im deutschsprachigen Indie-Pop-Geschäft und wusstet, dass auch eine lange Zeit ohne Neu-Veröffentlichungen kein Vergessen der Fotos bewirken würde.

Tom: Dazu passt folgende Geschichte ganz gut:

Es gibt einen Mann, der vor einigen Jahren per Mail mit mir Kontakt aufgenommen hat. Was er schrieb, ging mir extrem nah. Er erzählte davon, wie er in der Zeit, in der es mit Fotos los ging, bei ganz vielen Konzerten der Band war.

Seine Freundin und er waren große Fans. Plötzlich wurde er schwer krank, hatte einen kompletten Breakdown und musste Dinge wie Essen, Laufen und Sprechen wieder ganz von vorne lernen. In dieser Phase, schrieb er, habe er unser zuletzt erschienenes Album „Porzellan“ und daraus speziell den Song „Angst“ sehr oft gehört. Im Reha-Prozess habe ihn das gestärkt. Und dann stand da noch, er würde sich freuen, wenn wir weitermachen.

Gab es denn mal eine Zeit, in der ihr nicht ans Weitermachen geglaubt habt?

Tom: Es gab zumindest Momente, in denen ich die Flinte schon auch mal ins Korn werfen wollte, ja. Musiker ist ja kein Beruf, der besonders belohnend ist. Oft weiß man nicht genau, woran man ist, wenn man Lieder in die Welt hinaus katapultiert, und das kann sehr frustrierend sein. Durch diese eine Fan-Mail habe ich allerdings gemerkt: Es war die richtige Berufswahl, auch wenn ich, in Anführungszeichen, nur einen Menschen mit Musik erreicht habe. Ich konnte in einer für ihn schweren Zeit eine Stütze für ihn sein. Genau dafür bin ich einst angetreten.

Hattest du selbst so etwas: Eine Band, ein Album oder einen Song, der dir eine Stütze war?

Tom: Ich hatte teils schwere Momente in meiner Jugend, und für mich waren damals Oasis eine große Hilfe. Einerseits war es die Art und Weise, wie mich ihre Lieder emotional berührt haben, dann aber auch diese komischen Persönlichkeiten dahinter und das Selbstbewusstsein, das sie transportiert haben. Für mich, der ich dazwischen 12 und 16 eher unsicher war, war das total wichtig und ein Grund, warum ich später selbst Musiker werden wollte. Dieses Gefühl, dass im eigenen Leben gerade nicht alles so gut ist, es sich aber alles ändert, sobald man sich den Walkman aufsetzt und „Definitely Maybe“ anmacht – das wollte ich auch mal bewirken.

Im Album-Booklet dankt ihr nun zwei weiteren Künstlern: David Bowie und Bud Spencer. Inwiefern waren diese beiden für euch da?

Tom: Textlich beschäftigen wir uns auf dem Album ja viel mit Übersinnlichem, Spirituellem, dem Universum, dem Tod. Es war naheliegend, diejenigen zu würdigen, die uns bisher begleitet und geprägt haben, und die in der Entstehungszeit des Albums gestorben sind.

Deniz: Wir alle sind mit Bud Spencer aufgewachsen, und auch später, als wir mit der Band auf Tour gingen, lag im Bus immer eine DVD-Box mit Filmen von ihm rum. Und mal abgesehen von den Filmen: Wenn man Langeweile hat, muss man sich einfach mal den Lebenslauf von Bud Spencer vornehmen – unglaublich spannend.

Tom: Wir brauchen uns nicht darüber unterhalten, dass seine Filme oft totaler Quatsch waren. Aber die Botschaft war immer gut, geradezu märchenhaft: Es gibt diese Welt, die von Bösen regiert wird, z.B. von Rassisten und Ausbeutern, aber es wird auch immer ein paar Leute geben, die versuchen, sich für das Gute einzusetzen und die Schwachen zu verteidigen.

Dieses Album wollten wir auch denen widmen, die nicht immer ganz leicht durchs Leben durchmarschieren können.

Und Bowie?

Tom: Bowie ist der personifizierte Alien des Pop. Der Mann hat gezeigt, dass Musik mehr ist als die Summe der einzelnen Teile, und dass man auch als Musiker zur Symbolfigur werden kann für weitaus mehr als die Klänge, die man produziert. David Bowie ist ein Grund dafür, weshalb jedes Album bei uns anders klingt – natürlich auch dieses.

/ Interview: Erik Brandt-Höge / Foto: Alexander Gehring

Am 28.4.17 treten die Fotos im Uebel & Gefährlich auf. Los geht es um 20 Uhr