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Interview: Moritz Bleibtreu über sein Regiedebüt „Cortex“

Moritz Bleibtreu feierte mit „Cortex“ auf dem Filmfest Hamburg Premiere. Der Schauspielstar schrieb das Drehbuch, führte Regie, produzierte den Film und spielte die Hauptrolle. Mit SZENE HAMBURG traf er sich vorab zum Gespräch und sprach über seine Erfahrung als Regisseur, seine Vorbilder und den Reiz komplexer Erzählungen

Interview: Marco Arellano Gomes

 

Mit einem dunklen Mercedes scheint Moritz Bleibtreu zum Interviewtermin. Er steigt aus, geht ein paar Schritte Richtung Lokal, fragt seine Agentin, ob sie ihm eine Flasche Wasser, einen Cappuccino mit Zucker und einen Aschenbecher organisieren könne und schwingt sich auf eine hohe Holzbank. Treffpunkt ist das vor Kurzem wiedereröffnete Restaurant „Farina Meets Mehl“ in Ottensen. Auf dem diesjährigen Hamburger Filmfest feiert Bleibtreus Film „Cortex“ Premiere. Er wirkt entspannt, ist bei bester Laune. Als er die aktuelle SZENE HAMBURG auf dem Tisch liegen sieht, erzählt er, dass seine Mutter (Theaterschauspielerin Monica Bleibtreu, Anm. d. Red.) in den 1980er Jahren das Blatt regelmäßig gelesen habe.

 

SZENE HAMBURG: Moritz, dein neuer Film „Cortex“ feiert dieses Jahr auf dem Filmfest Hamburg Premiere. Wie würdest du dich als Regisseur beschreiben?

Moritz Bleibtreu: Meine Erfahrung ist, dass ich als Regisseur vor allem Motivator bin. Wenn du im Team Leute hast, die gut sind, dann tragen alle von sich aus viel zu dem Film bei und bringen sich ein. Das ist ja das Tolle!
Es gibt im Grunde zwei Arten von Regisseuren: Die, die gerne abgeben und die, die das nicht tun. Ich gehöre definitiv zu denen, die gerne abgeben.

Gab es Regisseure, mit denen du gearbeitet hast, von denen du sehr inspiriert warst? Von denen du sagen würdest: „Von ihm habe ich viel über das Filmemachen gelernt?“

Letztendlich habe ich von jedem Regisseur, mit dem ich gearbeitet habe, auch etwas gelernt. Aber besonders hängen geblieben ist mir die Arbeit mit Steven Spielberg am Film „München“.

Was war an der Arbeit mit Spielberg so besonders?

Er ist die absolute Champions League und die Art Regisseur, in deren Tradition ich mich gerne sehen würde, ohne mich mit ihm vergleichen zu wollen. Damals habe ich Spielberg gefragt: „Kannst du mir jungem Schauspieler etwas mit auf den Weg geben? Und was machst du anders? Was macht dich so erfolgreich?“ Und dann sagte er: „Moritz, I don’t do anything. All I do is, I hire the best people in the world and I tell them how great they are“ („Moritz, ich tue nichts. Ich engagiere nur die besten Leute der Welt und sage ihnen, wie toll sie sind“). Er lässt die Leute am Set einfach ihren Job machen und vertraut ihnen. Spielberg ist eigentlich ein unterschätzter Regisseur, künstlerisch betrachtet.

Hat dich nicht auch Fatih Akin stark geprägt? Immerhin habt ihr vier Filme miteinander gedreht.

Klar, auf jeden Fall. Wir haben uns gegenseitig geprägt. Er würde wahrscheinlich das Gleiche sagen. Es gibt, ehrlich gesagt, kaum einen Regisseur, von dem ich nichts gelernt habe. Jeder hatte seine Stärken. Fatih hat zum Beispiel diesen absoluten Willen zur Wahrhaftigkeit – und wenn er sich dafür prügeln muss. Helmut Dietl hingegen will es genau so, wie er es sagt. Und wenn da ein Bindestrich steht, dann muss man den auch wirklich mitnehmen. Tom Tykwer wiederum ist ein wandelndes Filmlexikon. Der weiß alles über Film.

Als du das Drehbuch zu „Cortex“ geschrieben hast, hattest du da schon die Darsteller vor Augen?

Leider nicht. Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich mich selbst besetzen musste. Ich habe keinen mehr gefunden, der Zeit hatte und den ich wirklich gewollt hätte. Ich habe den großen Fehler gemacht, das Drehbuch nicht auf Schauspieler hin zu schreiben. Ich hatte mir gedacht: Ich schreibe diese Geschichte und dann schauen wir mal. Das würde ich so nicht noch mal machen.

Drehbuch, Regie, Hauptrolle, Produzent: Hattest du irgendwann die Befürchtung, dass du dir etwas zu viel zugemutet hast?

Ja, hatte ich. Ich habe sie auf eine Art noch immer – zumindest, was die Außenwirkung betrifft. Es war nicht so, dass ich gesagt hätte: „So, jetzt mache ich das alles hier für mich. Und alle anderen: Bitte zur Seite!“ So wirkt das nun wahrscheinlich, aber das Gegenteil war der Fall. Ich wollte mich nicht besetzen. Es war bloß niemand zur Verfügung, der mich wirklich begeisterte. Also dachte ich mir, bevor ich jemanden besetze, bei dem ich mir nicht sicher bin oder der sich in der Situation nicht wohlfühlt, nehme ich es lieber auf meine eigenen Schultern.

Bist du mit dem Ergebnis zufrieden?

Der Regisseur ist jedenfalls der Meinung, dass der Bleibtreu das ganz gut gemacht hat (lacht).

Konntest du als Regisseur die eigenen Szenen überhaupt aus der Außenperspektive betrachten?

Ich habe in solchen Momenten komplett an Thomas Kiennast, den Kameramann, abgegeben und gesagt: „Wenn ich spiele, dann führst du Regie.“ Ich habe dann auch voll auf ihn gehört und nichts hinterfragt.

 

„„Cortex“ hat keinen größeren Anspruch, als ein kleiner, verrückter Debütfilm zu sein“

 

Du bist ein sehr erfahrener Schauspieler. Hast du das Gefühl, als Regisseur deshalb ein besseres Händchen für die Darsteller zu haben?

Ich glaube schon, dass es für einen Regisseur von Vorteil ist, wenn er selber das Schauspiel kennt, weil er dann besser weiß, wo sich ein Schauspieler gerade befindet, wie sich eine bestimmte Nervosität äußert und wie der Schauspieler sich in bestimmten Momenten fühlt.

Bist du dann strenger oder gnädiger?

Auf jeden Fall gnädiger.

Die Erwartungshaltung ist hoch, wenn Filmstars bei einem Film das Drehbuch und die Regie übernehmen. Wie hast du dich darauf vorbereitet?

Ich denke, ich habe genügend Filme gemacht, um zumindest eine Vorstellung davon zu haben, was für eine Art Regisseur ich sein möchte. Der Rest ist Lernen. Ich mache das immerhin auch zum ersten Mal. „Cortex“ hat keinen größeren Anspruch, als ein kleiner, verrückter Debütfilm zu sein. Ich habe versucht, mich völlig frei zu machen von übertriebenen Erwartungen. Ich habe einfach das gemacht, was ich schon lange machen wollte – und zwar möglichst kompromisslos. Ich denke, das ist mir auch ganz gut gelungen.

Du machst in der Tat einen zufriedenen Eindruck. Viele Regisseure hadern ja mit ihren Filmen bis zur letzten Minute, da die Filme oftmals nicht so sind, wie ursprünglich gedacht.

Mittlerweile habe ich meinen Frieden damit gemacht.

Mittlerweile?

Es ist ein Prozess, zu verstehen, dass das, was man sich in seinem stillen Kämmerchen ausdenkt, nie das sein wird, was am Ende auf der Leinwand zu sehen ist. Filmemachen ist Teamarbeit. Du hast da mindestens 30 bis 40 Leute, die wichtig sind für alles, was passiert. Die große Kunst ist es, auch mal loszulassen und im richtigen Moment zu sagen: „Ich lass das jetzt und guck mir was Neues an.“ Nichts läuft durchgehend so, wie geplant.

 

Das Schreiben ist das Wichtigste

 

Beunruhigt es dich nicht, wenn nichts wie geplant läuft?

Ich kann mir schwer vorstellen, einen Film zu machen, von dem ich sage: „Ey, was für ein Brett.“ Dafür bin ich viel zu zweifelnd und zu selbstkritisch. Ich sehe immer erst mal Fehler, und erst langsam schleichen sich Gedanken ein, dass ich es vielleicht so schlecht gar nicht gemacht habe.

Was war denn deine wichtigste Erkenntnis bei der Produktion von „Cortex“?

Was ich mitgenommen habe, ist, dass das Schreiben das eigentlich Wichtige ist. Das ist etwas, das mein Leben garantiert verändert und was ich auch weitermachen will.

Wie kamst du überhaupt auf das Thema?

Schwer zu sagen. Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht. Ich habe irgendwann mal im Witz gesagt: „Weißt du, was man mal machen müsste? Einen ernsten Body-Switch-Film. Einen, der nicht lustig ist, auch nicht halblustig, wie bei ,Im Körper des Feindes‘ (,Face/Off ‘), sondern wirklich ernst. Das hat sich irgendwann in meinem Kopf festgesetzt.“ Ich habe immer aus Spaß gesagt: „Ich habe das erste Body- Switch-Drama der Welt gemacht.“
Na ja, möglicherweise ist mir ein Koreaner zuvorgekommen, aber im Westen bin ich, soweit ich weiß, der Erste.

Also hat dich vor allem die Filmgeschichte inspiriert?

Filmemachen ist nun mal ein sehr großer Teil meines Lebens. Künstlerisch betrachtet, spiegelt die Schauspielerei das Leben von jedem wider. Ich werde dafür bezahlt, viel Zeit meines Lebens nicht ich selbst zu sein, sondern anderen etwas vorzuspielen und gleichzeitig mich in dieser Figur zu suchen und zu finden. Das ist eine Parabel für das Leben an sich: Jeder sucht sich selbst. Im besten Fall findet man sich ganz, eventuell ein bisschen oder eben gar nicht. Dabei muss man ab und zu auch loslassen können. Du kannst nichts Neues machen, ohne etwas loszulassen. Du kannst nichts finden, ohne etwas wegzuwerfen.

Hattest du je das Gefühl, in eine Rolle so einzutauchen, dass du dich selbst darin verloren hast und nicht mehr wusstest, wo die Rolle anfängt und der Darsteller Moritz Bleibtreu aufhört?

Nein, weil dieses Suchen, dieses mich in einer Figur finden, nie Formen angenommen hat, die mich selbst kirre gemacht hätten. Es gibt aber Regisseure, die sehr fordernd sind. Und ich habe Filme gemacht, bei denen ich physisch an einen Punkt gekommen bin, wo es nicht mehr ging. Davon ausgehend kann auch persönlicher Kram in Mitleidenschaft gezogen werden. Aber ich gehöre nicht zu den Leuten, die
sich in einer Figur verlieren. Ich habe auch schon erlebt, dass ich von einem Filmset ging und sagen musste: „Ich habe den Charakter wirklich nicht gefunden.“

Bei welcher Figur war das der Fall?

Das sagt man der Presse natürlich nicht. (lacht)

Du hast als Schauspieler oft komplexe, fordernde Rollen gewählt, statt dich dem Mainstream zu verschreiben. Ist das dein Prinzip?

Mir macht kompliziertes Zeug im Allgemeinen einfach Spaß, ohne dass ich den Mainstream verurteile. Es gibt viele Mainstream-Filme, die ich sehr gelungen finde. Ich habe irgendwann einfach großes Interesse an komplexen Thematiken, Geschichten sowie komplexer Literatur und Musik entwickelt. Ich mag Sachen, die nicht auf den ersten Blick gefallen, sondern bei denen man etwas tun muss, um sich diese zu erschließen. Du siehst, liest oder hörst es nochmal und noch mal und noch mal – und beim fünften oder zehnten Mal merkst du: „Ach, das wollte der Typ! Jetzt habe ich das verstanden. Wie geil ist das denn?!“

Zurück zu deinem Film „Cortex“: Der spielt ja in großen Teilen in Hamburg. Hast du besonders gern hier in deiner Heimatstadt gedreht?

Ja, klar. Das war toll. Nicht nur wegen der schönen Kulissen, die diese Stadt bietet, sondern auch, weil ich mich darüber freute, schnell zu Hause zu sein (lacht). Der letzte Film, den ich in Hamburg gedreht habe, war „Soul Kitchen“! In Hamburg wird leider viel zu wenig Kino gemacht.

 

Seht hier den Trailer zu „Cortex“:

 

Es gibt Pläne, mehr High-End-Serien in Hamburg zu produzieren. Es gab eine lebhafte Debatte um eine alte, nicht mehr genutzte Posthalle, in der unter anderem eine Serie von Fatih Akin gedreht werden könnte. Braucht Hamburg ein solches Studio?

Alles, was den Filmstandort Hamburg attraktiver macht, ist definitiv zu begrüßen. Ohne staatliche Subventionen würden wir hier in Deutschland nicht einen einzigen Film machen. Deswegen können wir der Subvention und der Öffentlich-Rechtlichen nicht genug danken. Mich ärgert bloß, dass dieses System so stark ländergebunden ist. Das ist nicht immer hilfreich, vor allem, wenn mehrere Länder subventionieren und man gezwungen ist, in jedem der beteiligten Länder zu drehen. Die Franzosen haben ihre Förderung zentralisiert. Das würde auch hier viel Geld einsparen und dieses ständige Hin- und Herfahren verringern.

Heutzutage können es sich wenige erlauben, komplexe Filme zu machen. Oft scheitert es an der Finanzierung. „Cortex“ ist so gesehen ein mutiges Projekt. Wie würdest du den Film in aller Kürze zusammenfassen?

Ein Mann träumt von einem anderen Mann, bis er zu ihm wird. Der eine versucht, sein Leben zurückzubekommen, der andere versucht, das neue Leben zu behalten. Es ist eigentlich ganz einfach.

Wie, glaubst du, wird das Publikum den Film aufnehmen?

Natürlich hoffe ich, dass ihn viele Leute sehen – aber ich weiß auch, in was für einer Krise das Kino momentan steckt. Viele meiner persönlichen Lieblingsfilme waren im Kino nicht allzu erfolgreich, teilweise sind diese aber im Nachhinein zu Kultfilmen avanciert. Es wäre toll, wenn „Cortex“ dazu führt, dass die Leute sagen: „Lass mal gucken, was der Bleibtreu noch so macht.“


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Open-Air-Premiere am Thalia Gauß: “Opening Night”

Regisseurin Charlotte Sprenger hat ihre Inszenierung von “Opening Night” am Thalia Gauß kurzerhand in ein Open-Air-Stück umgewandelt. Im Zentrum der Handlung steht eine Theatergruppe, die um ihre Premiere fürchtet, weil die Hauptdarstellerin die Proben sabotiert

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Charlotte, deine Inszenierung hat durch die Corona-Krise eine unerwartete Meta-Ebene bekommen. Die Premiere im April musste abgesagt werden. Wie weit wart ihr, als der Lockdown kam?

Charlotte Sprenger: Wir hatten gerade erst mit den Proben angefangen. Nach fünf Tagen mussten wir aufhören, uns physisch miteinander zu treffen. Wir haben dafür direkt virtuell weitergemacht und bei Zoom-Treffen miteinander geprobt. Das ist aber im Endeffekt nicht vergleichbar, weil das Proben doch sehr stark von anwesenden Körpern lebt.

Wie kamst du auf die Idee, das Stück nach draußen zu verlegen? 

Ich hatte plötzlich das Bedürfnis, das Setting komplett zu verändern. Die Vorstellung, dass die Proben von den Hygienemaßnahmen dominiert werden, hat mich in meiner Fantasie blockiert. Draußen gibt es die Abstandsregeln auch, aber man ist sofort mit anderen Herausforderungen konfrontiert, wie das Stück dort zu übersetzen ist und das wird sofort wichtiger als die Maßnahmen. Man vergisst sie fast.

Wie läuft der Abend rein technisch ab?

Die Zuschauer haben Kopfhörer und die Schauspieler tragen Headsets und In-Ears. Die Dialoge sind dadurch sehr intim, die Schauspieler können leise miteinander sprechen obwohl sie weit voneinander entfernt sind. Dadurch müssen die Schauspieler nichts präsentieren, man schaut ihnen zu und belauscht sie.

„Opening Night“ basiert auf dem gleichnamigen Film von John Cassavetes. Was hat dich an dem Stoff gereizt?

Ich finde es faszinierend, wie eng Cassavetes mit Schauspielern zusammenarbeitet. Man spürt in seinen Filmen, dass sie eine vertraute Gruppe sind. Diese Form der Zusammenarbeit gefällt mir sehr. Das, was man am Ende dort sieht, ist das Ergebnis einer Auseinandersetzung und das Sichtbarmachen von gemeinsamen Erlebnissen.

 

Diese ernste Kunsteitelkeit finde ich langweilig

 

Cassavetes hatte eine „Film-Familie“, mit der er immer wieder zusammenarbeitete. Du arbeitest erneut unter anderen mit Oda Thormeyer und Merlin Sandmeyer. Wie macht sich die Vertrautheit im Stück bemerkbar?

Wir arbeiten ja jetzt auch durch die Verzögerung bereits seit vier Monaten an dem Stück. Da muss man sich irgendwann nicht mehr so viel erklären und das befreit. Wenn man sich kennt, kommt man schneller in eine direkte Kommunikation. Cassavetes hat seinen Schauspielern verboten, privat über ihre Figuren zu sprechen, damit alles während der Dreharbeiten verhandelt wird, was ich sehr lustig finde und auch verstehe. Aber das funktioniert natürlich nur mit einer gewissen Vertrautheit. Natürlich reden wir viel bei den Proben, aber es ist toll, wenn man über das Miteinander-spielen kommuniziert.

Also das Gegenteil vom im Hollywood beliebten Method-Acting, das eine Verschmelzung von Rolle und Privatleben vorsieht – und das in „Opening Night“ verballhornt wird. 

Das ist in unserem Fall auch eine interessante Frage, weil wir draußen an einem realistischen Ort spielen. Dem Ort, an dem die Schauspieler normalerweise in ihren Probepausen sitzen. Der Ort ist auf eine Art „Method“.

Es geht also auch um die Frage nach „Authentizität“ – ein vergiftetes Wort. Was verstehst du darunter im Rahmen des Schauspiels?

Authentizität bedeutet nicht, möglichst glaubwürdig zu heulen oder sich echt ohrfeigen zu lassen. Sondern, dass man sich selbst als Mensch auf der Bühne ernst nehmen kann. Die Protagonistin Myrtle ist auf ihre Art eine Galionsfigur der Behauptung. Das Ende des Films ist zwar traurig, weil sie an sich selbst zerbricht und dem Alkoholismus verfällt. Aber ich habe es immer auch als ein Happy End empfunden. Sie befreit sich selbst, indem sie sagt: Ich bin ein autonomer Mensch auf der Bühne und kann mich auf der Bühne entscheiden, was ich tue. Deswegen finde ich es beim Inszenieren so wichtig, eine Struktur zu schaffen, in der die Schauspieler sich frei bewegen können. Ich will kein festes Konstrukt bauen, das sie abtanzen müssen.

Die sturzbesoffene Myrtle lässt das Stück als improvisierte Farce enden. Bei euren Proben wurde auch viel gealbert. Hat das Alberne eine bestimmte Funktion?

Mich interessiert Albernheit sehr, weil ich es schön finde, wenn man sich selbst nicht so ernst nimmt. Diese ernste Kunsteitelkeit finde ich langweilig. Die Sachen, die mich am Theater berühren, wechseln immer zwischen großem Ernst und krassem Quatsch. Ich habe das Gefühl, dass es in Deutschland ein merkwürdiges Verständnis von Spaß gibt. Es muss entweder eine dieser Blödel-Ko- mödien sein, oder nur bierernst. Mich interessieren Misch-Genres, egal, was für einen Stoff ich bearbeite.

Warum?

Weil so Klischees gebrochen werden können. Bei Cassavetes geht es immer um das Anti-Klischee. Er wühlt so stark in diesem klischeehaften Erzählmuster über eine zickige Diva, bis das Thema überhaupt nicht mehr klischiert ist. Weil Myrtle immer überraschend ist.

Letztes Jahr feierte Charlotte Sprenger mit “Vor dem Fest” ihren Einstand am Thalia Theater (Foto: Markus Bachmann)

Was ist das Interessante an Myrtle?

Sie ist eine Frau, die an sich selbst zerbricht. Es gab schon so viele Filme über Frauen, die an äußeren Umständen zerbrechen – an der Unterhaltungsbranche, am Patriarchat. Für mich als Frau ist es inspirierend, wie Gena Rowlands diese Rolle spielt. Ich darf sehen, wie sie sich selber widerspricht. Cassavetes zeigt: Man darf widersprüchlich sein, auch als Frau.

Myrtle hat Angst, auf die Rolle der alternden Frau festgelegt zu werden. Alternde Frauen in der Showbranche, das ist ja auch so ein besetztes Thema. 

Cassavetes greift dieses besetzte Thema auf und verändert es. Und dadurch verändert er auch ein bisschen die Welt, so pathetisch das klingt. Denn ich sehe mir den Film an und mein Weltbild verändert sich. Weil ich lerne, dass die Wahrheit nie so einfach, sondern viel komplizierter ist. Mich interessiert es, wenn Sachen emotional komplex sind. Eine Frauenrolle muss nicht vernünftig und die Aufklärung in Person sein, um sich zu behaupten. Sie darf auch eine Rotzgöre sein und dabei trotzdem etwas für sich begreifen. Frauenfiguren müssen nicht gesellschaftlich erkennbar und einordbar sein.

Du hast mal in einem Interview das Thema „Wehrlosigkeit“ als zentrales Motiv in deinen Arbeiten genannt. Gilt das auch für „Opening Night“?

Mich interessiert der Kampf gegen die Wehrlosigkeit. Myrtle wehrt sich gegen die Rolle, mit der sie nichts anfangen kann, indem sie sagt, dass sie nicht gut ist. Sie weiß noch nicht einmal genau, was nicht gut ist. Aber sie spürt es intuitiv und sagt es. Darin liegt so eine große Befreiung, durch die sie ihre eigene Position finden kann – egal, wie verrückt oder einsam diese Position ist. Durch das Wehren kommt erst die Schönheit ins Leben.

Thalia Gauß, (Innenhof)
16.8. (Premiere), 19., 27., 28., 29., 30.8. und weitere 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Premiere “Tussipark”: Das Ohnsorg-Theater ist zurück

Das plattdeutsche Ohnsorg-Theater kehrt mit der hochdeutschen Komödie „Tussipark“ zurück in den Betrieb

 

Es geht wieder los, endlich. Das Ohnsorg-Theater geht nach vier Monaten Zwangslockdown mit der Karaoke-Komödie „Tussipark“ von Christian Kühn wieder in Betrieb. Nebenbei gemerkt: Das erste szenische Theater in Hamburg seit dem Lockdown, denn das Tivoli eröffnete im Juli zwar als erste Theater, jedoch mit einer Show – wie auch Michael Lang nicht ohne Stolz am Premierenabend ankündigte.

Sichtlich erleichtert empfing der Ohnsorg-Intendant seine Gäste. Es sei so schön, endlich wieder Leben im Haus zu haben, sagte er. Und nein, das war keine Floskel, sondern aufrichtige Dankbarkeit. Den nur 123 Zuschauern (Abstandsregel…) bot sich daraufhin ein unbeschwerter Abend auf hochdeutsch mit vier Schauspielerinnen auf Hochtouren.

 

Tussipark: Das Stück hat einen hohe Gag-Dichte

 

Tanja Bahmani läuft im Brautkleid durchs Parkhaus, sie hat ihren Fast-Ehemann wegen vermeintlicher Untreue vor dem Altar stehen lassen. Caroline Kiesewetter ist die schlagfertige Lebensberaterin, deren Kalenderweisheiten ihr bei ihren Männerproblemen letztlich auch nicht weiterhelfen. Julia Holmes ist die schwangere Ehefrau, die nicht zurück zu ihrem unreifen Ehemann will. Und Rabea Lübbe spielt die verpeilte, liebenswerte Jennifer, die kein permanent Wörter verwechselt und Konversation und Konservation nicht unterscheiden kann.

Die vier Frauen verbringen eine Nacht im Parkhaus eines Einkaufszentrums (schönes Bühnenbild von Katrin Reimers) und teilen in rasanten Dialogen ihre Enttäuschung über die Männerwelt. Zum Ende schlucken sie Wunderpillen und mischen im Rausch das Einkaufszentrum auf – „Hangover“ lässt grüßen. Das Stück hat eine hohe Gag-Dichte, bisweilen mit Einpark-Kalauern auf Mario-Barth-Niveau, meist aber pointiert und mit Mut zum Quatsch: „Ständig kamen meine älteren Verwandten auf Hochzeiten zu mir und sagten: ‚Du bist die Nächste!‘ Bis ich anfing, auf Beerdigungen das gleiche zu ihnen zu sagen.“

 

Abstandsregeln auf der Bühne

 

Dazu gibt’s viele Hits: „Baby One More Time” von Britney Spears, „Wannabe” von den Spice Girls”, “Dancing Queen” von Abba, „Survivor“ von Destiny’s Child. Gesungen wird allerdings nur Playback (danke, Corona) – macht aber nichts, funktioniert trotzdem bestens. Überhaupt: Charmanter, humorvoller kann man mit den Abstandsregeln, die auch auf der Bühne eingehalten werden müssen, nicht umgehen, als es die vier Schauspielerinnen an diesem Abend augenzwinkernd tun. Das Publikum dankt’s mit langem Applaus.

Eine Premierenfeier konnte unter den aktuellen Umständen nicht stattfinden. Stattdessen gab’s draußen vor der Tür Gespräche mit Abstand und Eis mit Stil – was ja auch ganz gut passt nach einer Sommerkomödie. / UT

Ohnsorg-Theater
Weitere Termine bis zum 26. Juli 2020

Bewegte Zeiten: Das Autokino auf dem Heiligengeistfeld

Ein Autokino, mitten in der Stadt – das gab es in Hamburg noch nie! Am 6. Juni 2020 war Premiere auf dem Heiligengeistfeld. Gezeigt wurde „Lindenberg! Mach dein Ding“. Regisseurin Hermine Huntgeburth war dabei und gab Einblicke in die Produktion. Dann erschien Udo auf der Leinwand und sprach wie der heilige Geist der Hansestadt auf das Feld hinab. Die Geschichte eines unvergesslichen Abends

 

Text: Marco Arellano Gomes / Fotos: Jérome Gerull

Matthias Elwardt schreitet Richtung Leinwand, bleibt stehen, setzt seinen Mund-Nasen-Schutz auf, dreht sich zu den Journalisten und grinst. Und grinst. Und grinst. Erst nach einigen Sekunden wird klar, dass das Grinsen aufgesetzt ist. Der Geschäftsführer der Zeise Kinos reißt in bester „Mission Impossible“-Manier seine Maske vom Gesicht, zeigt ein noch breiteres Grinsen und löst das Rätsel auf: Das sei eine Fotomaske „von einer kleinen Textildruckerei aus Winterhude“. Täuschend echt und doch nicht das Original – das trifft irgendwie auch auf diesen Abend zu.

Heiligengeistfeld, kurz vor 20 Uhr. Die Sonne geht hinter dem mächtigen Schutzbunker an der Feldstraße unter und taucht den frühsommerlichen Abendhimmel in ein helles, warmes Orange. Nur einige wenige dunkle Gewitterwolken schweben noch am Horizont – eine prachtvolle Kulisse für diesen lange ersehnten Kinoabend. Hier beginnt am heutigen Tag, dem 6. Juni 2020, ein neues Kapitel: die Rückkehr der Autokinos, nach 17 Jahren.

Für viele wird dieser Abend die erste Autokinoerfahrung sein. Zwar gab es in Hamburg von 1976 bis 2003 das „Drive In“ in Billbrook. Doch die wenigsten waren in diesem ersten und einzigen Autokino Hamburgs zu Besuch. Sie alle sind heute gekommen, um nach Monaten der Abstinenz überhaupt einen Kinofilm auf einer Leinwand zu sehen: gemeinsam, gemütlich, gespannt. Fast wie im Kino.

 

Vier Autokinos in Hamburg

 

Vier Stück gibt es nun in Hamburg: Das „Autokino – Bewegte Zeiten“, auf dem Heiligengeistfeld, das „SEAT Cruise Inn“ in Steinwerder, das „Lotto Hamburg Auto­kino“ auf der Bahrenfelder Trabrennbahn und das „Independent Autokino“ im Oberhafen. Und so wie die Sonnenstrahlen sich an diesem Tag durch die dicken, grauen Regenwolken kämpften, so sind die Autokinos der Lichtblick in einer düsteren Phase des Corona-bedingten kulturellen Lock- beziehungsweise Shutdowns.

Mitten auf dem Feld, das die Begriffe ­Heilig und Geist im Namen trägt, atmet die Stadt, wenige Tage nach Pfingsten, gemeinsam auf und nimmt dabei die Diesel-Abgase billigend in Kauf. Es ist Premierenabend. Knapp 1.000 bis 1.500 Menschen fahren in ihren 500 Autos von der Glacischaussee kommend einen großen Bogen, Richtung Bunker. Die Autos halten brav 1,5 Meter Abstand.

Zu sehen gibt es den Film „Lindenberg! Mach dein Ding“ – auf zwei Leinwänden, zeitversetzt um eine Stunde. Zwischen den beiden, liebevoll Kino 1 und Kino 2 genannten Plätzen, befinden sich 30 gelbe, aufeinandergestapelte Schiffscontainer. Auf beiden Seiten dieser Container-Wand sind 126 Quadratmeter große LED-Leinwände befestigt.

 

Premiere: Am 6. Juni 2020 flimmerte der erste Film über die Kinoleinwand des Autokinos am Heiligengeistfeld (Bild: Jérome Gerull)

„Wir stehen hier im derzeit größten Kino Hamburgs und eröffnen heute Abend mit einem ganz tollen Hamburg-Film“, sagt Elwardt, Mitveranstalter des heutigen Abends. „Die Regisseurin ist da, der Produzent ist da. Das wird bestimmt toll.“ Dann schreitet er mit Regisseurin Hermine Huntgeburth und Produzent Michael Lehmann in Richtung eines Glaskastens, direkt neben der Leinwand. In wenigen Augenblicken führt er dort ein Interview mit den beiden.

Die Stimmung ist prächtig. Am Einlass und am Ticketstand strahlen sowohl die Mitarbeiter der Bergmanngruppe, die seit Wochen in Kurzarbeit waren und nun endlich wieder ein Event zum Leben erwecken können, als auch die Gäste, die ihre Tickets durch die Scheibe scannen und sich einen Stand weiter auf der rechten Fahrspur ihre Snack-Packs – gefüllt mit Popcorn, Chips, Cola oder Bier – durch die Fenster reichen lassen. „Moin, danke, viel Spaß, Weiterfahren!“

Ein roter Teppich liegt auf beiden Fahrspuren aus. Die Stars sind die Autos. Wer hätte gedacht, dass die vor Kurzem noch verhassten Boliden ein solches Comeback erleben würden? Es duftet nach frischem Popcorn, direkt vor Ort produziert in der original Popcorn-Maschine aus dem Zeise Kino. Wer nur eine Minute hier steht, fühlt sich wie im Kino. Erinnerungen werden wach, an unzählige Abenteuer, die nur das Kino zu schreiben vermag. Schon erstaunlich, was Gerüche alles auslösen können!

Die Idee, Autokinos anzubieten, entstand aus der Not heraus. Der Bergmanngruppe, die das Autokino am Heiligengeistfeld gemeinsam mit den Zeise Kinos auf die Räder gestellt hat, waren im März 100 Prozent aller Aufträge weggebrochen. „Von heute auf morgen“, sagt Geschäftsführer Thorsten Weis. Er trägt einen grauen Fünf-Tage-Bart, graue Sneaker, graue Jeans, einen dunkelgrauen Pullover, darüber einen ärmellosen Overall in Anthrazit mit einem Spruch des Hauptsponsors auf dem Rücken. Nur seine moderne Brille mit breitem Gestell ist schwarz.

 

Zeise Kinos und Bergmann-gruppe riefen das Autokino ins Leben

 

Sein Team nennt ihn Thorsten der Graue, in Anlehnung an Gandalf den Grauen aus der „Herr der Ringe“-Trilogie. Einen spitzen Hut trägt er nicht, auch führt er keinen Zauberstab mit sich, aber an der rechten Hand trägt Thorsten Weis einen wuchtigen silbernen Ring mit dunklem Stein darin. Vielleicht liegen hier magische Kräfte verborgen. In jedem Fall hat er mit seinem Team fast Unmögliches vollbracht.

Als er, kurz nach Einbruch aller Aufträge, las, dass in anderen Bundesländern Autokinos weiter erlaubt waren und neue entstanden, kam ihm die Idee: Warum nicht ein Autokino hier in Hamburg? Er erstellte ein Konzept. Es erschien machbar. Nur bei der Filmkompetenz brauchte er Unterstützung. „Zur Vorführung von Filmen braucht es Lizenzen und es müssen diverse Abgaben an die Verleiher, die Filmförderung geleistet werden.“

Weis schrieb eine Mail an die Zeise Kinos. Eine halbe Stunde später rief Matthias Elwardt zurück. „Wir haben uns sofort verstanden und gleich gesagt, wenn wir es machen, dann machen wir es groß. Zwei Flächen. Wir machen die Orga, er den Filmpart. Fifty-fifty.“ Es gab noch 22 weitere Interessenten für dieses Filetstück in bester Innenstadtlage. Gegen Himmelfahrt erhielten Bergmanngruppe und Zeise Kinos den Zuschlag.

 

Das Autokino ist ein Risiko

 

Das Autokino ist ein Risiko. Erst bei einer Auslastung von etwa 60 Prozent ist es lohnenswert. Darunter ist es unrentabel. „Wir können uns eine Niederlage nicht leisten. Wir sind ja schon am Boden“, gibt Weis offen zu, „aber das Projekt ist auch ein Lichtblick, ein Start, um die Stimmung aufzuhellen.“ Der Start hätte nicht besser laufen können: Das Autokino ist ausverkauft. Das Wetter spielt mit. Die Stimmung ist befreit.

Die Strahlkraft des Autokinos reicht weit über die Stadtmauern hinaus. Die Autos tragen Kennzeichen aus Hamburg, Kiel, Pinneberg, Bad Oldesloe, Winsen an der Luhe, Bad Segeberg und Ostholstein. Einige sind zu früh da – unter ihnen ein Ford Mustang GT. Der Einlass für Kino 2 beginnt eine Stunde später. Manche können es einfach nicht erwarten. Ein Fahrer hat keine Karte, er wollte „nur mal gucken, wie das hier so läuft“. Ein Hubschrauber fliegt vorbei. „Da kommt Udo, endlich!“, ruft Weis. „Der landet jetzt oben auf dem Container.“ Alle umherstehenden Personen lachen.

Die Journalisten gehen auf Tuchfühlung mit dem Publikum, O-Töne sammeln. „Ich freue mich sehr auf den heutigen Abend“, sagt eine Frau aus Othmarschen. „Es ist ja schon ein bisschen her, dass man Filme im Autokino gucken konnte.“ Ein Besucher aus dem Emsland sagt: „Wir sind eigentlich nicht wegen des Autokinos hier. Das ist ein Abfallprodukt – wenn auch ein sehr angenehmes.“ Eine Besucherin aus Pinneberg findet die Film­auswahl in Hamburg besser: „Bei uns laufen vor allem deutsche Komödien, die man nicht sehen will.“

 

Bewegte Zeiten: Udo Lindenberg sendet Videobotschaft (Bild: Jérome Gerull)

 

Produzent Michael Lehmann steht im Glaskasten und wirkt sichtlich zufrieden: „Das ist Hamburg at it’s best. Millerntor, Bunker, Fernsehturm, Heiligengeistfeld, Udo.“ Regisseurin Hermine Huntgeburth gibt sich „schwer beeindruckt“. Die beiden unterhalten sich mit Matthias Elwardt über die Drehorte in Hamburg und die Zusammenarbeit mit dem Rockstar, dessen Lebensgeschichte heute gezeigt wird.

Dann wünschen die drei den Zuschauern viel Spaß und gehen zu ihren Autos, den Film ansehen. Die Zuschauer beginnen zu hupen, obwohl das eigentlich nicht erlaubt ist. Aber es ist Premierenabend und da gehört das Unvorhergesehene irgendwie dazu. Die Spannung steigt, der Film beginnt, doch zuvor gibt es noch eine Überraschung: eine Botschaft von Udo – direkt über UKW in alle Autos übertragen.

Auf der Leinwand erscheint er ganz plötzlich, mit Hut und Sonnenbrille, überdimensional groß: „Hey Freunde, keine Panik! Euer Udo, hier im Autokino. Ja echt, ein Hammer-Ding. Autokino? Wie romantisch! Kann man dolle Sachen machen: Bisschen Kuschel-Kuschel, bisschen Schmuse-Fix. Yeah Leute, und hier ist der Streifen: „Mach dein Ding“ Ihr müsst da durch, durch die harten Zeiten. Jede Menge Panik-Power mit Jan Bülow. Leute, keine Panik! Euer Udo. Yeah. Awhuuuh!“

Nun läuft der Film. Außerhalb der Autos wird es still. Nur einige wenige haben ihre Fenster leicht geöffnet. Aus einem der Wagen in Kino 1 dringen tiefe Bässe. „Da hat wohl jemand eine Dolby-Digital-Anlage einbauen lassen“, sagt ein Reporter. Kino mit Wumms, würde Olaf ­Scholz wohl dazu sagen.

 

Von Cineasten für Cineasten

 

Die blaue Stunde ist angebrochen, ein Zeitfenster, während der Dämmerung, bei der eine besondere Färbung des Himmels eintritt. Einzelne Pollen fliegen durch die Luft. Durch das Licht der Leinwand wirken sie wie die Staubpartikel im Kino, die durch das Licht der Projektion im Dunkeln sichtbar werden. Es könnten aber auch überdimensionale Corona-Bällchen sein. Ab und an ziehen Mitarbeiter mit dem Bollerwagen durch die Reihen, schließlich soll niemand verhungern oder verdursten. Sie tragen Masken.

Die Zuschauer machen es sich derweil gemütlich. Einige haben Decken mitgebracht, andere sitzen in Pulli und Jogginghose auf ihren Sitzen, und weiter hinten lassen sie die Korken knallen. Aussteigen ist im Autokino, abgesehen von Notfällen, nicht erlaubt. Dennoch öffnen einige ihre Türen, um ein paar Krümel vom Pullover zu klopfen, einfach mal die Beine zu strecken oder die Toilette aufzusuchen. Letzteres ist ja quasi auch ein Notfall.

Was beim Autokino auf dem Heiligengeistfeld auffällt, ist die Liebe zum Detail: So stehen auf einem Banner, vor den Toiletten, die Worte: „Life of Pi Pi“ – eine Anspielung auf den Erfolgsfilm von Ang Lee, „Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“. Vor den Ausgängen steht: „Hasta la Vista, Baby“. Dieses Autokino – so viel wird deutlich – ist von Cineasten für Cineasten. Bis August wird es auf dem Heiligengeistfeld sein Programm anbieten. Fünf bis acht Vorstellungen pro Tag.

 

“Wir kriegen’s hin”

 

Der Premierenabend neigt sich dem Ende zu. Es ist dunkel. Nur noch das Licht der Leinwand erfüllt den Platz. Ein letztes Mal ergreift Udo das Mikro, singt den Song „Niemals dran gezweifelt“. Darin heißt es: „Ich war noch jung und lag die Nächte wach, und in meinem Kopf ganz großes Kino. Hatte so ’ne Sehnsucht, doch wonach? All das war mir da, noch nicht so klar. Und dann zog ich in die große Stadt, wird’s auch mal gefährlich oder schwer, pack ich meinen Mut unter den Hut und jag den großen Träumen hinterher. Ich hab niemals dran gezweifelt, dass wir das überstehen. Niemals dran gezweifelt, wir kriegen’s hin.“

Udo singt – und alle auf dem Heiligengeistfeld atmen auf. Vielleicht ist das Autokino nicht das Original, aber es ist, wie man in diesem Moment merkt, verdammt nah dran. Matthias Elwardt schreitet schnellen Schrittes auf sein Auto zu. Bis zu diesem Abend gab es für den Zeise-Chef – ebenso wie für den Rest der Kinobetreiber – wenig zu lachen.

Die Kinos hatten knapp drei Monate geschlossen, verloren Unsummen an Geld und werden die Miet- und Personalkosten nach Wiedereröffnung im Juni beziehungsweise Juli aufgrund der strengen Auflagen wohl nicht erwirtschaften. Einige bangen ums Überleben, viele hängen am Tropf staatlicher Überbrückungshilfen. Elwardt verabschiedet sich, setzt sich in seinen schwarzen Smart und flitzt grinsend davon. Ob er sein Grinsen vorher aufsetzte, war nicht zu erkennen.

www.autokino-in-hamburg.de

 

 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist ab dem 27. Juni 2020 im Handel! 

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Pedro Almodóvar über „Leid und Herrlichkeit“

In „Leid und Herrlichkeit“ lässt ein gealterter Regisseur sein Leben Revue passieren. Im Interview erzählt Pedro Almodóvar von seinem neuen Film, der viel über ihn selbst verrät

Text: Maike Schade
Interview: Patrick Heidmann
Foto: Studiocanal – El Deseo – Nico Bustos

 

Die Farben im Vorspann zerfließen. Kaleidoskopartig verschwimmen die Muster ineinander, wachsen zu neuen Formen, vergehen und erblühen. Ein Sinnbild für das, was kommen wird: eine Veränderung, ohne großes Getöse, doch ständig und unaufhaltsam.

Zunächst jedoch ist da Starre. Seit Jahrzehnten quälen Regisseur Salvador Mallo (Antonio Banderas) Migräne, Rückenschmerzen und diverse Entzündungen. Sie haben ihn zermürbt, betäubt von Schmerzmitteln und später Heroin, schleppt er sich durchs Leben. Schon lange fehlt ihm die Kraft zur Arbeit, Filmideen schlummern als Fragmente auf dem Rechner. Und so verdöst er die Tage, Gegenwart und Vergangenheit verschwimmen, er verliert sich in Erinnerungen an seine Kindheit, die wir in Rückblenden kennenlernen: die weiß getünchte Höhle, in der die Familie lebte. Die bittere Armut, die Mutter (Penélope Cruz), streng und schön. Und der Handwerker, den er lesen und schreiben lehrte, und der in ihm eine erste Begierde erweckte.

 

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In „Leid und Herrlichkeit“ setzt sich Pedro Almodóvar in farbenprächtigen Bildern mit seinem Leben auseinander

 

Die Parallelen von Pedro Almodóvars jüngstem Film „Leid und Herrlichkeit“ zu seinem eigenen Leben sind offensichtlich. Wie sein Filmprotagonist Mallo ist auch er ein nicht mehr junger, schwuler Regisseur, der unter chronischen (Kopf-)Schmerzen leidet. Wie er, wuchs er in einem spanischen Dorf auf, besuchte eine Klosterschule und feierte weltweit Erfolge. Die Wohnung, in der Mallo wohnt, ist Almodóvars eigene – ein intimer Blick in das Leben des spanischen Regisseurs. Voller Farben ist sie, an den Wänden große Gemälde, die Möbel bunt.

„Leid und Herrlichkeit“ ist Pedro Almodóvars persönlichster Film – und der beste, den er seit Langem gemacht hat, ebenso klug wie komplex. Melancholischer, doch gewohnt farbenprächtig setzt er sich mittels eines Rückblicks auf sein Leben mit seinen Kernthemen auseinander: Homosexualität, eine ikonische Mutterfigur, eine von strengem Katholizismus geprägte Kindheit, Künstlertum, Exzess und Freiheit.

 

 

Die Wende im Film von schmerzerfüllter Starre hin zur Bewegung kommt mit einer Nachricht: Ein 32 Jahre alter Film Mallos (das fiktive Pendant zum realen „Das Ende der Begierde“ von 1987, dem ersten autobiografisch inspirierten Werk Almodóvars) soll wiederaufgeführt werden, er ist zum Publikumsgespräch eingeladen. Seinerzeit hatte er sich mit dem Hauptdarsteller verkracht, nun nimmt er wieder Kontakt auf.

Noch immer hängt Alberto Crespo (Asier Etxeandia) am Heroin, und Mallo, weit jenseits der 60, probiert es erstmals aus. Das macht ihn nicht unbedingt sympathischer, und schon vorher macht er es den Zuschauern in all seiner Larmoyanz nicht einfach, ihn zu mögen. Doch nach und nach entblättert sich die Figur in all ihrer Komplexität, Leidenschaft und Liebenswertigkeit.

Antonio Banderas spielt die Hauptrolle, es ist die achte Zusammenarbeit von ihm und Almodóvar. Und er war nie besser. Ist das wirklich der Mann, der den sexy Kämpfer, den heißen Latin Lover gab? Banderas’ Identität scheint mit der Almodóvars zu verschwimmen, er spielt den gealterten Künstler mit kleiner Geste, doch so intensiv und sensibel, dass er zu Recht in Cannes die Goldene Palme als Bester Darsteller gewann – die erste große Auszeichnung seiner Karriere.

 

„Ich hatte immer nur Antonio im Kopf“

 

SZENE HAMBURG: Señor Almodóvar, in Ihrem neuen Film geht es um einen nicht mehr ganz jungen schwulen Regisseur, der auf sein Leben und Werk zurückblickt. Da liegt der Verdacht nahe, dass es sich hier um eine sehr autobiografische Geschichte handelt …

Natürlich hat der Film seinen Anfang damit genommen, dass ich über mich selbst nachgedacht und geschrieben habe. Aber der Protagonist ist nicht ein exaktes Abbild von mir, sondern Fiktion. Fiktion, die von mir geschaffen und durch mich geprägt ist.

Sobald Fiktion in eine Geschichte Einzug erhält, wird sie auch zur treibenden Kraft. Dann muss man sich von ihr leiten lassen und ihr treu bleiben, nicht der Realität. All die Wege, die dieser von Antonio Banderas gespielte Filmemacher einschlägt, bin ich auch irgendwie gegangen. Doch eben nicht zwingend in die gleiche Richtung. Längst nicht alles, was im Film zu sehen ist, ist mir auch passiert. Allerdings hätte es mir passieren können.

Aber es gibt Szenen, die tatsächlich ganz direkt eigenen Erfahrungen entsprechen?

Vielleicht 20 Prozent des Films, würde ich sagen. Aber natürlich werde ich Ihnen nicht verraten, welche das sind.

Vielleicht die Episode „Erste Begierde“, in der der Junge lustvoll einen sich waschenden, nackten Handwerker beobachtet, dem er lesen und schreiben beibringt – hat die so in Ihrer Kindheit stattgefunden? 

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Pedro Almodóvar

Nein, nicht in dieser Form. Allerdings stimmt es, dass ich im Alter von neun Jahren bei uns in der Straße zum Lehrer für etliche Erwachsene wurde. Abends kamen regelmäßig vier oder fünf Feldarbeiter zu uns nach Hause, ordentlich gekleidet, als würden sie zum Arzt gehen. Ich brachte ihnen lesen und schreiben bei und war, wie meine Mutter berichtete, ziemlich streng. Verliebt habe ich mich nie in einen von ihnen, von daher ist dieser Aspekt des Films fiktiv. Aber eben auch nicht wahnsinnig weit hergeholt.

Mit Antonio Banderas arbeiten Sie bereits seit dem Beginn Ihrer Karriere zusammen. Wäre ein anderer Hauptdarsteller für Sie überhaupt in Frage gekommen?

Nein, ich hatte immer nur Antonio im Kopf. Und mir war es wichtig, dass wir uns vorher zusammensetzen und in Ruhe darüber sprechen, was ich im Sinn hatte. Denn was ich mir von ihm erwartete, war anders als alles, was wir früher zusammen gedreht hatten oder er in den USA je gespielt hatte. Aber schon allein durch die Drehbuchlektüre schien er genau zu wissen, worauf es ankam.

So wie in „Leid und Herrlichkeit“ hat man Antonio wirklich noch nie gesehen, und gerade weil er mich mit vielem sehr überrascht hat, war diese Regiearbeit für mich die vielleicht einfachste meines Lebens.

Die Rolle der Mutter spielt – in den Rückblenden – Penélope Cruz, eine weitere langjährige Wegbegleiterin …

Penélope in dieser Rolle zu sehen, hat mich enorm bewegt. Nicht nur, weil sie natürlich meine eigene Mutter gut kannte, sondern weil sie auch selbst für mich wie ein Teil meiner Familie ist. Seit wir vor über 20 Jahren anfingen, zusammen zu arbeiten, stehen wir uns sehr nahe und lieben uns sehr. Auch sie war für mich eigentlich die erste und einzige Wahl, denn gerade weil dieser Film diese starke persönliche und autobiografische Note hat, war es mir wichtig, von Menschen umgeben zu sein, mit denen ich vertraut bin und die auch mich einfach sehr gut kennen.

In „Leid und Herrlichkeit“ geht es viel um konfliktreiche Beziehungen, mit denen der Regisseur nach langen Jahren in der direkten Auseinandersetzung seinen Frieden macht, sei es mit der Mutter, seinem einstigen Hauptdarsteller oder auch seinem früheren Lebensgefährten. Verspüren Sie selbst diesen Drang?

Den Drang vielleicht. Aber ich habe nicht den Mut meiner Filmfigur, mich all diesen klaffenden Beziehungswunden zu stellen. Im Film wird ja wirklich konsequent jeder Kreis geschlossen, selbst zu den Erinnerungen an die Begierden der Kindheit findet der Protagonist wieder zurück. Und es geht ihm damit besser, keine Frage. Aber ich glaube nicht, dass ich mich allem stellen kann und will. In meinem Leben ist noch vieles offen, und ich denke, das wird in vielen Fällen auch so bleiben.

Sind Sie insgesamt mit sich im Reinen? Haben Sie sich mit dem Älterwerden arrangiert?

Sagen wir es mal so: Es hat schon seinen Grund, warum ich eigentlich nie in den Spiegel gucke. Und in der Folge auch nie Feuchtigkeitscreme benutze, obwohl ich weiß, dass sie mir gut tun würde und ich meine Haut besser pflegen sollte (lacht). Wirklich im Reinen und zufrieden mit mir und auch meinem Alter bin ich nur, wenn ich meiner Kunst nachgehe und schöpferisch tätig bin. Etwas zu kreieren, das andere Menschen berührt – danach bin ich fast süchtig. Wenn ich keine Filme drehe, kann ich nicht immer unbedingt etwas mit mir selbst anfangen.

„Leid und Herrlichkeit“: Seit dem 26.7. im Kino


Szene-Hamburg-Juli-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Juli 2019. Titelthema: Schmelztiegel St. Georg.
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Fatih Akin und „Der Goldene Handschuh“ – Hamburger Horror

Fatih Akins Verfilmung von Heinz Strunks „Der Goldene Handschuh“ über den Serienkiller Fritz Honka feierte auf der Berlinale Premiere. Produzentin Nurhan Sekerci-Porst hat uns von den Dreharbeiten, Sauf-Exzessen in der Kiezkneipe und Akins Vorliebe fürs Abseitige erzählt.

Text & Interview: Maike Schade
Foto (o.): Warner Bros.

Fatih Akin wurde 1973 geboren. Zwei Jahre später wurde Fritz Honka verhaftet – jener Serienkiller, der über Jahre hinweg in der Kiez-Kaschemme „Zum Goldenen Handschuh“ Frauen abgeschleppt, in seiner Wohnung in der Ottenser Zeißstraße ermordet, zerstückelt und die Leichenteile in seiner Mansarde versteckt hat. Das beispiellose Verbrechen erschütterte die Hamburger nachhaltig – lange noch ging Honka als Manifestation des sprichwörtlichen „Schwarzen Mannes“ in den Gedanken um.

Auch bei Fatih Akin, der in Altona aufgewachsen ist. Nun hat er Heinz Strunks Roman über die damaligen Geschehnisse verfilmt, in die Kinos kommt der Film ab 21. Februar. Premiere ist auf der Berlinale (7. bis 17. Februar). Hoffentlich. Schließlich geht es hier um den Goldenen Bären. Doch das Ganze ist ein ziemlich enges Höschen, der Horrorstreifen wird wohl erst kurz vor knapp fertig. Sehen konnten wir den Film deshalb noch nicht, Akin schraubte zu Redaktionsschluss noch mit Hochdruck daran. Von der Produzentin Nurhan Sekerci-Porst haben wir trotzdem eine Menge Interessantes über den Film erfahren.

SZENE HAMBURG: Nurhan, mit dem Buch und der Theaterinszenierung am Schauspielhaus ist das Thema Fritz Honka ja eigentlich schon ziemlich gut bedient. Warum wolltet ihr trotzdem diesen Film machen?

Nurhan Sekerci-Porst: Wir haben das beschlossen, gleich nachdem wir den Roman gelesen hatten. Fatih war total begeistert von dem Buch, er kennt ja auch Heinz Strunk und die Geschichte aus eigener Erfahrung – er ist in Altona aufgewachsen, dieser Serienmörder lebte also quasi in seiner Nachbarschaft. Er braucht immer einen persönlichen Zugang zu dem Stoff, den er verfilmt, und das war hier natürlich gegeben. Denn hinzukommt noch, dass die Griechen, die in der Wohnung unter Fritz Honka in der Zeißstraße lebten, Verwandte von Fatihs gutem Freund Adam Bousdoukos waren. Der Onkel, genauer gesagt. Und so entstand schnell die Idee, den Roman zu verfilmen, obwohl der sich mit all der Grausamkeit eigentlich gar nicht unbedingt dafür anbietet.

 

Die Nacktheit der Frauen und das Zersägen hat uns alle sehr mitgenommen

 

Wie war das denn bei dem Dreh? War es für dich überhaupt erträglich, bei der Zerstückelung der Leichen zuzusehen?

Das war für uns alle, für das gesamte Team und die Schauspieler, ziemlich krass. Diese Nacktheit der Frauen, dieses Abschlachten und Zersägen, das hat uns alle sehr mitgenommen. Deshalb hatte ich auch entschieden, dass ein Psychologe am Set sein sollte, wenn es an die expliziteren Szenen geht.

Habt ihr ihn – oder sie – gebraucht?

Das war Dr. Angélique Mundt, eine Psychologin. Es gab Gespräche mit ihr am Set, wenn auch eher genereller Natur. Aber Fatih ist ja auch ein sehr einfühlsamer Regisseur. Es war alles sehr respektvoll, er hat sich sehr viel Zeit genommen für die Szenen und ist erst einmal sehr technisch da rangegangen, um etwas mehr Abstand dazu zu haben. Dennoch war es gut und auch notwendig, dass die Psychologin dabei war.

Das klingt, als wäre es auch für die Zuschauer keine leichte Kost …

Nein, das ist nichts für zartbesaitete Seelen. Allerdings findet beim Zuschauer auch viel im Kopf statt, vieles hört man nur. Das geht aber voll unter die Haut, weil wir in Dolby Atmos gedreht haben, da haut dich der Sound wirklich um. Es ist ein Horrorfilm, das muss man ganz klar sagen.

Also nichts mit Sozialstudie oder so?

Nein. Wir ergründen auch nicht, warum Honka zum Serienmörder geworden ist. Im Grunde genommen ist es wie „Große Freiheit Nr. 7“ (Hans-Albers- Klassiker von 1944, Anm. d. Red.) als Horrorfilm.

Habt ihr den Roman eins zu eins verfilmt?

Nicht eins zu eins. Der Film hat eine stringentere erzählerische Struktur. Der Roman erzählt die Story um die Kneipe herum. Wir erzählen die Story um den Serienkiller. Die Reeder-Familie und den Reeder-Sohn, die in Strunks Roman ja durchaus eine größere Rolle spielen, haben wir beispielsweise weggelassen.

Ihr habt aber in den Originalkneipen gedreht? Also im Handschuh, dem Elbschlosskeller und dem HongKong Hotel?

Jein. Die Außenszenen auf der Reeperbahn und in der Zeißstraße haben wir an den Originalschauplätzen gedreht. Die Interieurs, also den Goldenen Handschuh und auch die Wohnung von Fritz Honka, hat unsere Ausstattungsabteilung komplett und eins zu eins im Überseezentrum nachgebaut. Sascha Nürnberg, einer der Besitzer des Goldenen Handschuhs und ein Enkel des damaligen Besitzers, war völlig geplättet, als er da hineinkam. Er meinte: „Krass, wie haargenau das hier aussieht wie bei uns. Ich fühle mich wie im Handschuh, es fehlt nur der Geruch.“

Warum habt ihr den Goldenen Handschuh denn nachgebaut, wenn es die Location noch gibt?

Es stimmt, und es sieht wohl auch noch genauso aus wie zu Honkas Zeiten. Aber es wäre sehr schwierig geworden, im Goldenen Handschuh zu drehen. Der Laden hat ja bis auf einen Tag im Jahr wirklich immer und rund um die Uhr auf, und die Besitzer wollten ihn nicht längerfristig schließen, er ist ja quasi das Zuhause von vielen Leuten. Und die wären dann vermutlich auf die Barrikaden gegangen, wir hätten dann sowieso nicht in Ruhe drehen können. Es war schon schwierig genug, mitten im Sommer auf dem Kiez zu drehen. Da braucht man super viel Geduld, man darf nicht ausflippen, wenn die Passanten einen anquatschen oder durchs Bild laufen wollen.

 

„ ‚Wenn ihr unartig seid, holt euch der Honka‘, hieß es in der Schule immer“

 

Aber der Kiez sieht doch ganz anders aus als damals, oder?

Ja, das kommt noch hinzu. Die Ausstattung musste vieles anfassen. Trotzdem, alles geht da natürlich nicht. Wir haben deshalb in der Postproduktion für VFX (visuelle Effekte, Anm. d. Red.) eine sehr hohe Summe ausgegeben, weil beispielsweise die Autos verdreckt, Schilder bearbeitet und Fenster retouchiert werden mussten. Oder die Häuserfassaden in der Zeißstraße, die so was von totsaniert wurden – es hat unheimlich viel Zeit und Geduld gekostet, das so nachzubearbeiten, dass es so original wie möglich wirkt.

Hättet ihr das Ganze nicht im Heute spielen lassen können?

Das haben wir tatsächlich ganz kurz diskutiert. Aber nee.

Kann sich Fatih eigentlich an die Geschehnisse damals erinnern?

Er sagt, dass er mit der Angst vor Fritz Honka aufgewachsen ist. In der Schule hieß es wohl immer: „Wenn ihr unartig seid, holt euch der Honka“ oder so ähnlich. An die Verhaftung Honkas erinnert er sich natürlich nicht, da war er ja erst zwei, drei Jahre alt. Aber das hing wohl wie ein Schatten über seiner Kindheit, schließlich war das der skrupelloseste, gewalttätigste Serienmörder der Bundesrepublik. Der hat über fünf Jahre hinweg mehrere Frauen ermordet, hat die Leichenstücke die ganze Zeit da in seiner Mansarde gehortet und immer nur Teile weggeschleppt, alles war abgeklebt und überall in der Wohnung hingen Wunderbäume, um den Geruch zu überdecken. Zu wissen, dass das nebenan passiert ist … Das ist ja das Finstere an der Geschichte: So etwas kann auch in deiner Nachbarschaft geschehen, auch heute noch, und keiner merkt es.

 

Seht hier den Trailer zu „Der Goldene Handschuh“

 

Adam Bouskoudos spielt doch auch mit – wen denn?

Er spielt seinen Onkel. Der hat Honka wegen des Gestanks mehrfach angesprochen und sich auch beim Vermieter beschwert. Aber niemand hat was unternommen. Nicht einmal die Polizisten, die vor Ort waren, weil eines der Opfer entkommen ist und ihn wegen versuchter Vergewaltigung angezeigt hat. Als die den Geruch ebenfalls bemerkt haben, hat Honka ja behauptet, der käme von den Griechen – also Adams Onkel –, die immer Hammelköpfe kochen würden. Das steht wirklich in den Polizeiakten. Und die sind dann einfach von dannen gezogen.

Die Rolle des knapp 40-jährigen Fritz Honka spielt Jonas Dassler (beim Dreh 22 Jahre alt, Anm. d. Red.). Wie seid ihr denn auf den gekommen, der ist doch viel zu jung und hübsch dafür?

Ja, das stimmt. Wir haben ihn bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises gesehen, wo er als Bester Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet wurde. Wir waren so beeindruckt von seinem Auftreten. Er war zwar sehr nervös, dabei aber unglaublich charismatisch. Und da sagte Monique, Fatihs Frau, die auch das Casting für den „Goldenen Handschuh“ gemacht hat: Schade, wenn der ein paar Jahre älter wäre, wäre das dein Fritz Honka. Und da fing es bei Fatih an zu rattern, und er hat ihn zum Casting eingeladen. Eigentlich zuerst eine Schnapsidee, aber Jonas hat uns voll überzeugt.

Wie habt ihr ihn so hässlich und alt gemacht?

Da haben wir sehr, sehr lange getüftelt. Honka hatte ja mehrere Unfälle und ein sehr eingedrücktes, entstelltes Gesicht, und er hat geschielt. Das wollten wir entsprechend umsetzen. Das hieß für Jonas, dass er jeden Tag drei Stunden Maske durchziehen musste. Morgens musste er schon um fünf, sechs am Set sein, abends noch mal eine Stunde zum Abschminken.

 

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Kneipenbesuche waren Pflicht für Fatih Akin

 

Wie habt ihr das mit dem Schielen hinbekommen?

Wir haben in London von einer Expertin, die zum Beispiel auch für den „Fluch der Karibik“ arbeitet, eine riesengroße Linse anfertigen lassen, die die Iris nicht erkennen lässt, sodass wir damit das schielende Auge erzeugen konnten. Die konnte Jonas immer nur eine halbe Stunde am Tag für die Nahaufnahmen tragen – er musste sie nicht immer tragen, ging ja auch gar nicht, in der Kneipe wurde ja auch wirklich geraucht, und da bekam das Auge nicht genug Sauerstoff. Für ihn war das alles körperlich schon sehr, sehr anstrengend. Auch mental natürlich. Und er musste ja auch noch mit Akzent spielen. Aber er hat es wirklich großartig gemacht, und seine eigene Figur Honka mitentwickelt. Wirklich ein ganz, ganz toller Schauspieler, obwohl er ja noch gar nicht so viel Erfahrung hat.

Wie viele Fakos (Fanta-Korn, angeblich Honkas Lieblingsgesöff, Anm. d. Red.) habt ihr eigentlich während des Drehs getrunken?

(lacht) Oh, das waren einige. Natürlich nicht während des Drehs, beim Arbeiten gibt’s keinen Alkohol – nur die Komparsen, echte Gäste aus dem Goldenen Handschuh, haben da richtige Fakos bekommen, die durften das und brauchten es auch. Aber wir waren vor allem während der Vorbereitungszeit viel im echten Goldenen Handschuh und ich muss ganz ehrlich sagen: Du kannst in diesem Laden nicht nüchtern sein. Er lässt dich auch nicht nüchtern sein. Ich habe mir so oft vorgenommen: Heute Abend betrinke ich mich nicht. Aber der Laden hat eine so merkwürdige Energie, das macht irgendwas mit dir, du entkommst dem nicht.

Du beobachtest eigentlich nur die Leute, und irgendwann wirst du dann eins damit und erwischst dich dann am Ende des Abends Arm in Arm mit irgendwelchen Frauen, die du eigentlich gar nicht kennst und plötzlich erzählt man sich die traurigsten Lebensgeschichten. Wirklich eine ganz eigenartige Dynamik, ich kann das gar nicht richtig erklären.

Und wie schmeckt ein echter Handschuh-Fako?

Eigentlich gar nicht. Wir haben uns ja auch die richtige Mische zeigen lassen – nicht halbe-halbe, sondern es muss ein bisschen mehr Korn als Fanta sein. Der arme Jonas hat so viel Korn getrunken! Aus Recherchezwecken natürlich, er war sehr oft im Goldenen Handschuh. Ehrlich gesagt glaube ich, Fako ist eigentlich ein Fantasiegetränk von Heinz Strunk. Der war natürlich auch oft im Goldenen Handschuh, zusammen mit Fatih.

 

„Superhelden interessieren ihn nicht“

 

Ach, das hat Fatih aber doch bestimmt gefallen? Bei den Dreharbeiten zu „Tschick“ hat er doch gesagt: „Auch wenn ich mit Jugendlichen drehe: Ich rauche, ich saufe und ich fluche trotzdem.“

Ja, ja, total. Diese rauen Außenseitergeschichten, abgehangene Leute, die der Gesellschaft oft egal sind, das ist so voll seins – er liebt ja auch Bukowski, genau wie Heinz Strunk. Superhelden interessieren ihn nicht.

Du arbeitest schon seit 2005 mit Fatih zusammen. Was nervt dich an ihm?

Tja … Also, er ist ja Künstler. Und das bedeutet, dass man Dinge immer wieder ausdiskutieren muss. Und es ist aber nicht so, dass dann etwas besprochen und abgehakt ist, sondern drei Tage später ist alles wieder ganz anders. Doch genau das ist es ja auch, was das Arbeiten mit Künstlern so spannend macht – auch wenn einem an manchen Tagen schier die Haare ausfallen vom Raufen. Doch wenn das Ergebnis stimmt, und das tut es bei Fatih immer, dann war es das Ganze auch wert.

Ab 21.2; Premiere mit Akin, Schauspielern und Crew am 20.2., 20 Uhr, roter Teppich ab 19 Uhr, Astor Film Lounge.

 24.2., Sondervorstellung mit den Maskenbildnerinnen, Zeise Kinos, 20 Uhr; 27.2., Sondervorstellung mit Heinz Strunk, Zeise Kinos, 19.30 Uhr.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2019. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Astor Film Lounge – Satter Sound & Pinot Noir

Neueröffnung: Die Astor Film Lounge in der HafenCity verspricht eine gehobene Kinoerfahrung zu moderaten Preisen.

Text: Ulrich Thiele
Fotos: Astor Film Lounge

Ohne in falsche Nostalgie verfallen zu wollen: Es gab Zeiten, in denen das Kino mehr Wertschätzung erfahren hat als dieser Tage. Als der Gang ins Lichtspielhaus ein gesellschaftliches Ereignis war. Etwas, das den Alltag übersteigt und über den bloßen Konsumcharakter hinausgeht. Goldene Zeiten für Cineasten.

Die jüngst eröffnete Astor Film Lounge in der HafenCity ist angetreten, um die hervorgehobene Stellung des Kinos wiederzubeleben. Nach fast zehn Jahren der Standortsuche und der Verhandlungen hat der Hamburger Kinomacher Hans-Joachim Flebbe – der bereits Premiumkinos in Berlin, Köln, Essen und München eröffnet hat – nun auch eine Astor Film Lounge in seiner Heimatstadt eröffnet. „Wenn die Gäste ins Kino kommen, sollen sie sich entspannen und den Alltag vergessen“, sagt Flebbe, der 1994 als „Kinomanager des Jahres“ ausgezeichnet wurde. Deswegen wird der Gast im Kinoeingang von einem Doorman begrüßt und zu einem Begrüßungscocktail eingeladen. Das Getränk ist – ebenso wie die Garderobe – im Ticketpreis enthalten.

Auch der mittlere Saal mit 118 Plätzen bietet besten Sound mit Dolby Atmos

Nach einem kurzen Aufenthalt im stilvoll eingerichteten Foyer kann es ab in einen der Kinosäle gehen. Eine Lichtshow überbrückt die Zeit bis zum Filmstart. Die Astor Film Lounge verfügt über drei Säle, die auch für Firmen events gemietet werden können. Der große Saal mit 235 und der mittlere Saal mit 118 Plätzen bestechen mit Ledersesseln, beweglichen Rückenlehnen und großem Reihenabstand. Im Logenbereich können sogar die Füße hochgelegt werden. Neben den Sesseln liegen Menükarten, denn – kein lästiges Anstellen! – der Gast wird an seinem Platz bedient.

Neben Cocktails, Softgetränken, Bier und Pinot Noir Rosé bietet das Menü auch Popcorn (keine Nachos, zu viel Gekrümel!) und Hamburg-spezifische Snacks mit Lachs. Am Nachmittag kann man Kuchen am Buffet bestellen, der mit dazu bestelltem Cappuccino am Platz serviert wird – natürlich nur, solange das Vorprogramm läuft, zum Filmstart wird der Service eingestellt.

Denn bei allem Drumherum soll der Filmgenuss natürlich der Kern bleiben. Die Projektion und die Tonanlagen sind dementsprechend mit 4K-Laserprojektion inklusive 3D-Technik sowie dem derzeit besten Tonsystem Dolby Atmos ausgerüstet. Ideal für einen Film wie das Queen-Biopic „Bohemian Rhapsody“, das bei der Premierenfeier präsentiert wurde – und somit den wuchtigen Sound des legendären Live-Aid-Konzerts im Wembley Stadion angemessen wiedergibt. Ein besonderes Schmuckstück ist das kleine Club-Kino im Bibliothekslook mit 75 Plätzen, dessen Regale François- Truffaut-Bildbände und Werke von Hermann Hesse zieren. So lässt sich die Zeit bis zum Filmstart mit Lektüre auf einem der Sofas bei warmem Licht vertreiben. Der kleinste Saal hat zwar kein Dolby Atmos Tonsystem zu bieten, hebt sich aber durch seine Wohnzimmeratmosphäre von den beiden großen Sälen ab.

Astor-Clubkino-c-Astor-Film-Lounge

Das kleine Club-Kino eignet sich für private Feiern

Das Filmprogramm ist laut Beschreibung der Betreiber zwischen Arthaus und gehobenem Mainstream angesiedelt. Nun lässt sich darüber streiten, ob Wellness-Komödien von Florian David Fitz das Attribut „gehoben“ verdienen. Festgehalten werden kann: Die Astor Film Lounge zeigt neben Arthausstreifen alle Filme, die normale Kinos auch zeigen – nur Action-Blockbuster wie etwa die Marvel-Comicverfilmung „Aquaman“ kommen nicht ins Programm. Hinzukommen regelmäßige Sonderprogramme: Opernübertragungen, Filmklassiker im Matinee-Programm, Premieren und Schauspielerbesuche.

Was luxuriös und elitär klingt, ist jedoch kein auf eine High Society ausgerichtetes Programm. Die Eintrittspreise liegen zwischen moderaten 11,50 und 15,50 Euro – wie gesagt inklusive Begrüßungscocktail und Garderobe. Plus: Hinter dem Kinogebäude stehen 240 kostenfreie Parkplätze zur Verfügung.

Astor Film Lounge: Am Sandtorkai 46a


Dieser Beitrag stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Januar 2019. Das Magazin ist seit dem 21. Dezember 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop und als ePaper erhältlich! 


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In der Sommerpause – 3 Fragen an Nils Wendtland

Das Schauspielhaus schließt bereits im Mai seine Türen. Warum das notwendig ist und wo dennoch einige Produktionen zu sehen sind, erzählt der Pressesprecher.

SZENE HAMBURG: 2012 wurde das Schau­spielhaus das letzte Mal saniert, jetzt ab Mai stehen erneut Sanierungs­arbeiten an. Warum?
Nils Wendtland: Die beiden Ränge des knapp 120 Jahre alten Zuschauersaals müssen vollständig entkernt und statisch verstärkt werden. Eine Stabilisierung der Ränge ist dringend notwendig, um den schönen Saal auch für die nächsten 120 Jahre spielfähig zu halten. Der Saal wird damit an die Erfordernisse der heutigen Aufführungspraxis angepasst und lässt in Zukunft eine wesentlich dynamischere Nutzung zu. Die Sanierung erfolgt natürlich denkmalschutzgerecht, unsere Besucher werden daher später keine optische Veränderung feststellen. Parallel dazu sollen die sanitären Anlagen saniert sowie Teppichböden und Tapeten erneuert werden.

Dadurch können von Mai bis Oktober keine Aufführungen im Haus statt finden. Inwieweit machen sich die fehlen­ den Einnahmen durch den Kartenverkauf für das Haus bemerkbar?
In den genannten Zeitraum fallen ja auch die regulären Sommerferien (Betriebsferien) des Theaters sowie üblicherweise drei Wochen für technische Einrichtung und Endproben der Eröffnungspremieren. Der Spielbetrieb in der Kirchenallee verkürzt sich daher effektiv um 14 Wochen. In dieser Zeit sind wir mit vielen Gastspielen unterwegs, sowohl hier in Hamburg als auch europaweit. Damit erzielt das Schauspielhaus einen Teil seiner Einnahmen. Den Rest kompensiert die Behörde für Kultur und Medien verteilt auf zwei Spielzeiten im Rahmen ihrer Zuwendungen.

Was machen die Mitarbeiter und das Ensemble während der langen „Zwangspause“?
Wir arbeiten natürlich weiter, von einer „Pause“ kann nicht die Rede sein! Insgesamt sieben Produktionen des Deutschen Schauspielhauses und des Jungen Schauspielhauses sollen auf Tour gehen. Die derzeitige Planung sieht Gastspiele unter anderem in Berlin, Mülheim, München, Wien, Gütersloh, Dresden, Fürstenfeldbruck, Amsterdam, Brünn und Moskau vor. Und dazu kommen die Vorstellungen hier in Hamburg im Monsun Theater, auf Kampnagel, im Hotel „Stadt Altona“ und in der Immanuel-Kirche auf der Veddel. Parallel dazu laufen die Proben für die Premieren der nächsten Spielzeit. Da haben sowohl die technischen Gewerke als auch das Ensemble alle Hände voll zu tun.

Interview: Hedda Bültmann


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Premiere im Theater Das Zimmer: „Per Anhalter durch die Galaxis“

Der Sinn des Lebens ist „42“! Hamburgs kleinstes Theater spielt den Kult-Streifen „Per Anhalter durch die Galaxis“. Premiere ist am 4. Mai. Regisseur Jan Holtappels erzählt, warum der depressive Roboter ethische Grundsatzfragen aufwirft

Nach eurem letzten Stück „Misery“, steht jetzt ein Science-Fiction-Klassiker auf dem Programm. Setzt ihr vermehrt auf Unterhaltung?

Jan Holtappels: Der Anhalter wird oft unterschätzt und schnell als Komödie abgetan. Doch die Geschichte ist sehr tiefgründig und hat viele philosophische Ansätze, die existentielle Fragen aufwerfen wie „Wenn die Erde zerstört ist, was macht der Mensch ohne Erde?“ oder „Was mache ich hier überhaupt?“ und natürlich die Frage nach dem Sinn des Lebens. Der Kontext ist zwar sehr humorig und leicht, aber inhaltlich ist das schon ein Brocken.

Geschätzt gibt es ja bis zu 40 Rollen und unterschiedliche Welten. Wie setzt ihr das um?

Uns war schnell klar, dass wir die Geschichte niemals eins zu eins umsetzen können. Auf der Suche nach einer Form, die für uns funktioniert, sind wir daran hängengeblieben, dass der Anhalter ganz zuerst ein Hörspiel war.

Deshalb werden bei uns fünf Radiosprecher die Geschichte in einer Livesendung als Hörspiel produzieren. Die Zuschauer werden als Studiogäste dabei zu sehen, wie sich die Sprecher an diesem Stück abarbeiten müssen.

Es entstehen zwei Welten, die Welt des Anhalters und parallel diese Studiosituation, die sich an einem gewissen Punkt vermischen.

Das Hörspiel lief bereits 1978 auf BBC. Warum zeigt ihr gerade jetzt das Stück?

Wir sehen den aktuellen Bezug in der Auseinandersetzung zwischen Mensch und Maschine. In dem Stück gibt es einen depressiven Roboter, was ja ein emotionaler Zustand ist. Wir haben uns viel mit der Frage beschäftigt, ab wann ist es keine Maschine mehr und fängt an, ein Mensch zu sein?

Was ist deine Meinung dazu?

Ich finde, dass der Roboter erst einmal nur so schlau sein kann, wie der Mensch, der ihn entwickelt hat.  Es kann sein, dass der Roboter in seinen Gedankengängen schneller ist und dadurch zeitlich auch eher zu einem Ergebnis kommt, aber er wird seinen Schöpfer, jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt, nicht überrunden. Aber die Wissenschaft entwickelt sich weiter und irgendwann wird sich auch das ändern. Doch ein erschaffendes Wesen, mit einem Ich-Bewusstsein, das selbst Entscheidungen trifft und nicht mehr kontrollierbar ist, wirft viele ethische Grundsatzfragen auf. Ich finde das gefährlich, denn das menschliche Ermessen ist immer noch ein anderes als vom Computer errechnete Ergebnisse.

Aber der Roboter ist depressiv, was emotional und menschlich ist …

Die Gedanken des Roboters im Stück drehen sich meist um seine Depression und er muss das ständig äußern. Das hat was von einer Selbstbestätigung nach dem Motto: Ich bin depressiv, also bin ich emotional, also bin ich ein Mensch. Das kommt dem Menschen schon sehr nah.

Doch der Mensch muss auch die Konsequenzen aus seinem Handeln tragen, woraus sich die nächste Frage ergibt: Kann ein Roboter Verantwortung übernehmen? Ein komplexes Thema, das wir im Stück in unsere alltäglichen Gesellschaftsstrukturen einbauen, die wir überspitzt und humorvoll darstellen, wie Behördengänge.

Und, was ist der Sinn des Lebens?

Der Computer in dem Stück errechnet die Zahl 42 und behauptet, dass sei die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Und natürlich fragen sich alle, was das bedeuten soll? Aber man muss wissen, wie die Frage dazu lautet, dann wird die Antwort Sinn ergeben. Wir haben die Hausnummer 42 und 42 Plätze im Theater. Deshalb war für uns klar, das Stück wird gutgehen.

Theater das Zimmer, 4.5. (Premiere), 10., 14., 19.–20.5.