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„Bitte helft uns dabei, zu überleben“

Beim ersten Altonaer Kneipen-Krisengipfel appellierten Wirte an Politiker

Die Woche startete spannend – zumindest aus Sicht von Altonas Wirten. Beim ersten Altonaer Kneipen-Krisengipfel hatten Gastronomen in die Ottensener Laundrette geladen, um Politikern aus allen in der Altonaer Bezirksversammlung vertretenen Fraktionen (CDU, SPD, Grüne, FDP, Die Linke) die Notwendigkeit von Außenflächen vor Augen zu halten. Stephan Fehrenbach, Inhaber der Laundrette: „Meine klare Bitte an die Politiker lautet: Bitte helft uns dabei, zu überleben, macht euren Job und verstrickt euch nicht weiterhin in parteipolitische Debatten. Wir brauchen heute eine Zusage von weiteren Außenflächen, sonst wird es uns morgen nicht mehr geben.“

Hintergrund: Gefordert wird von den Gastronomen zunächst keine finanzielle Unterstützung, sondern eine schnelle, unbürokratische und bis zum 31.12.2020 befristete Genehmigung von Außenplätzen (z.B. auf Parkflächen), damit ihnen zumindest eine Chance gegeben ist, wirtschaftlich über die Runden zu kommen.

Und was sagten die in der Laundrette anwesenden Politiker? Die erklärten geschlossen, ihren Einfluss im nächsten Hauptausschuss der Bezirksversammlung Altona (am Donnerstag, den 9. Juli) geltend zu machen, sich also für die Wirte einzusetzen. Außerdem wollten die erschienenen Fraktionsmitglieder den Druck auf die verantwortlichen Verwaltungseinheiten, etwa Polizei und Wegewarte, erhöhen, um mehr Beweglichkeit und Flexibilität bei der Antragsbewilligung zu erreichen. Bleibt abzuwarten, ob Wort gehalten und den Altonaer Wirten auch wirklich geholfen wird. / EBH 

Laundrette Hamburg 

 

 

 

Hinter den Kulissen: Im Backstage der Stadt

Um die Backstagebereiche der Clubs ranken sich oft wilde Legenden. In Pandemie-Zeiten sind auch sie verlassen. Eine Bilderserie

Text: Ole Masch

 

Während verschiedene kulturelle Einrichtungen peu à peu und mit starken Einschränkungen öffnen dürfen, bleiben Musikclubs nach wie vor geschlossen. Um Nachtschwärmern trotzdem einen Einblick in ihre Lieblingsorte zu bieten, zeigt SZENE HAMBURG Fotos von Räumen, die Besucher in der Regel nicht zu sehen bekommen.

Entstanden ist eine Bilderserie aus den seit den Corona-Schließungen verwaisten Backstage-Bereichen der Clubs. Um zu verdeutlichen, wie lange sie als wichtiger kultureller Bestandteil bereits fehlen, zeigen Bildunterschriften, wer sich hier als letztes und zu welchem Anlass aufgehalten hat. Um zu verhindern, dass diese Personen dort auch die letzten geblieben sind, kann weiterhin für die Rettungskampagne S.O.S. – Save Our Sounds auf Startnext gespendet werden.

 

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Fundbureau: Seit dem 7. März ist zu. Damals waren die Racing Snails vom Gaggalacka-Festival geladen (Foto: Claudia Mohr)

 

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Hafenklang: Zuletzt saßen hier die Mitglieder der Band Blaue Bume aus Dänemark, die am 12. März das letzte Konzert vor Corona spielten (Foto: Claudia Mohr)

 

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Baalsaal: Yulia Niko legte hier zuletzt am 14. März bei Electronic Red Light auf (Foto: Claudia Mohr)

 

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Astra Stube: Am 12. März spielten Ryskinder aus Israel vor knapp 60 Leuten. Support war Grundeis aus Hamburg. Einen Tag später wurde, zunächst auf eigene Initiative hin, geschlossen (Foto: Claudia Mohr)

 

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Waagenbau: Am 7. März wurde hier die letzte Party gefeiert. Bei VER:Bunden spielten Martha von Straaten & Bebetta (Foto: Claudia Mohr)

 

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Yoko: Bei der großen b2b Nacht „Affaire d`amour“ spielten 3 DJ-Teams die ganze Nacht House Musik. Kurz darauf wurde dicht gemacht (Foto: Claudia Mohr)

 

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Terrace Hill: Letztes Konzert war Blind Ego am 2. März. Nach dem Social Developers Club am 7.3. wurde abgeschlossen (Foto: Claudia Mohr)

 

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Molotow: Der letzte Künstler im Laden war der Hamburger Poetry Slammer Hinnerk Köhn am 12. März mit seiner Solo- Show „Bitter“. Die letzte Band Pyogenesis am 6. März. In den zurückliegenden dreieinhalb Monaten hätten eigentlich knapp 100 Bands hier im Backstage abgehangen (Foto: Dorothea Bader)

 

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Mojo: Unmittelbar vor dem Lockdown, am 8. März, gab es für Blues-Rockstar Marcus King Getränke im Backstage (Foto: Ole Masch)

 

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Turtur: Am Donnerstag den 12. März gab es das letzte Mal Open Decks mit Tischtennis, Kicker, Techno & Oldies bei Lümmelkiez (Foto: Claudia Mohr)


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Wirtschaftsbremse: Klima & Corona

Von der Pandemie scheint vor allem eine zu profitieren: die Natur. Aber macht der Klimawandel wirklich Pause? Ein Gespräch mit dem gebürtigen Hamburger und Meteorologen Prof. Dr. Mojib Latif vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel

Interview: Basti Müller

 

SZENE HAMBURG: Mojib Latif, Sie sind in den 50er und 60er Jahren in Hamburg aufgewachsen und haben die Sturmflut 1962 mitbekommen. War dies ein ausschlaggebender Punkt, dass Klimaereignisse Teil Ihrer beruflichen Laufbahn wurden?

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Foto: Hart aber Fair

Prof. Dr. Mojib Latif: Nein, das war es nicht. Ich war ja nicht direkt betroffen, aber ich kann mich noch gut an das Heulen des Windes erinnern. In der Schule haben wir Hilfsgüter aus Griechenland bekommen, die haben uns Korinthen geschickt. Vielen Menschen musste geholfen werden und gerade heutzutage, was die Solidarität zwi­schen den Ländern angeht, finde ich das rückblickend ganz schön.

Wenn diese Län­der heute etwas haben wollen, dann kommt immer gleich die Frage: Muss das wirklich sein? Nach dem Abitur studierten Sie erst zwei Jahre BWL, bis Sie die naturwissenschaftliche Laufbahn einschlugen, Meteorologie wählten und bei Klaus Hasselmann promovierten, der ja belegt hat, dass der Klimawandel menschengemacht ist …

Die Klimaforschung reicht weit bis ins vorletzte Jahrhundert zurück. Die ers­ten Berechnungen zur Erder­wärmung stammen aus dem Jahr 1896, das weiß bloß kaum jemand. Was Hasselmann Anfang der 1990er Jahre gemacht hat, ist, dass er den Menschen als Hauptverursacher der Erderwärmung entlarvt hat.

Das sich die Erde erwärmt, war jedem klar, aber es gab die Diskussion, ob das natürlich oder menschengemacht ist. Er konnte zeigen, dass zum überwiegenden Teil der Mensch verantwortlich ist. Das war der Durchbruch.

Wenn Sie auf die vergangenen Jahre zurückblicken, wie hat sich der Klimawandel in Hamburg und Deutschland bemerkbar gemacht?

Das ist ein schleichender Prozess. Wir sehen, dass sich Deutschland seit Beginn der Messungen deutlich erwärmt hat, eine Zunahme der ho­hen Temperaturen und einen Rückgang der kalten Tage.

Der letzte Winter war kein Winter, ich weiß nicht, ob wir an irgendeinem Tag Schnee hatten. Ich erinnere mich sehr gut, als ich Kind gewesen bin, war der Winter ein Winter, da habe ich meinen Schlitten he­rausgeholt und es gab Eisgang auf der Elbe.

60 Jahre später wird es offensichtlich: Hitze­perioden mit Temperaturen weit über 30 Grad Celsius und zunehmende Trockenheit. Hinzu kommt ein allmählich ansteigender Meeresspiegel, das wird auch für Hamburg ein Problem werden.

 

klima-kapitalismus

Ursachen des Klimawandels sind auch auf Hamburgs Straßen weiterhin Thema

 

Ist die Corona-Zeit und das damit einhergehende Ausbleiben der Volkswirtschaft, also die CO2-Bremse, genau das, was das Klima und die Menschheit gerade brauchen?

Nein, man kann das Klimaproblem nicht lösen, indem man die Wirtschaft ge­gen die Wand fährt. Der we­sentliche Punkt ist, dass wir gerade große Geldmengen in die Hand nehmen, um die Wirtschaft wieder hochzufahren. Das ist richtig so, aber diese Mittel müssen verwendet werden, um die Wirtschaft auch zukunftsfähig zu machen. Klimaschutz ist auch ein Beitrag, die Welt zukunftsfähig zu machen.

Wir sehen es an der deutschen Automobilindustrie. Die Zeit des Verbrennungsmotors ist abgelaufen. Es braucht neue Antriebe und es wäre wichtig, das Geld in die neuen Technologien zu stecken. Der Trick ist, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zukunftsprojekte fördern und nicht den SUV.

Haben Sie Beispiele?

Das muss man mit er­neuerbaren Energien ändern. Es benötigt einen massiven Ausbau, gerade der Wind­energie. Die Netze müssen intelligenter und engmaschiger werden, damit man mit den erneuerbaren Energien gut umgehen und sie optimal nutzen kann. Der öffentliche Nahverkehr muss ausgebaut werden, der Güterverkehr auf die Schiene und weg von der Straße. In der Digitalisierung sehen wir gerade, wie schlecht wir in Deutschland aufge­stellt sind.

Auch hier in Hamburg habe ich kein besonders schnelles Internet. Ein Ding der Unmöglichkeit. Die Di­gitalisierung und künstliche Intelligenz sind die Zukunfts­themen auch im Hinblick auf Umwelt­ und Klimaschutz.

 

„Der CO2-Gehalt der Luft hat einen historischen Höchststand erreicht“

 

In einem NDR-Interview haben Sie davon gesprochen, dass die 2007 groß entfachte Klimadebatte durch die Wirtschaftskrise 2008 überschattet wurde. Ein Phänomen, das sich gerade wiederholt?

Die Debatte wurde damals durch Al Gore und seinen Film „Eine unbequeme Wahr­heit“ ausgelöst. Dann kam die Finanz­-, anschließend die Weltwirtschaftskrise. 2019 kam es wieder hoch durch Fridays for Future.

Auch der extreme Sommer 2018 in Deutschland, die Europawahl und Rezos Video haben dazu beigetragen. Jetzt ist das The­ma relativ weit weg. Bleibt das so, wäre das eine Katastrophe, der CO2­-Gehalt der Luft hat nämlich einen historischen Höchststand erreicht, trotz Corona und Lockdown. Na­türlich sinkt der Ausstoß, aber CO2 ist langlebig.

Nach er­sten Schätzungen werden wir 2020 vielleicht acht Prozent Reduktion beim weltweiten CO2-­Ausstoß haben. Das müssen wir aber jedes Jahr haben, ohne Corona, wenn man die Pariser Klimaziele einhalten will.

Experten meinen, dass wir durch Corona die Klimaziele 2020 der Bundesregierung erreichen könnten …

Das wäre vielleicht auch ohne Corona passiert. Das wird oft falsch dargestellt und alles auf Corona geschoben. Der entscheidende Schritt war im Jahr 2019, als der Preis pro Tonne CO2 im Rahmen des Europäischen Emissionshan­dels auf deutlich über 20 Euro pro Tonne stieg, in den Jah­ren davor krebste er bei fünf Euro herum.

Die Bepreisung hat dafür gesorgt, dass Kohle unrentabler und Gas rentabler wurde. Deswegen sind 2019 die Emissionen so weit gesun­ken, dass zu Beginn 2020, die Aussicht bestand, die 40 Pro­zent Minderung der Treib­hausgasemissionen gegen­ über 1990 zu erreichen.

Jetzt gehe ich davon aus, dass die Ziele mit Sicherheit erreicht werden. Das zeigt, wie wichtig eine CO2­-Bepreisung für alle Bereiche ist, die es ab 2021 in Deutschland geben wird.

 

„Die Sache ist seit 30 Jahren bekannt“

 

Wie könnte unsere Gesellschaft dazu gebracht werden, sich schneller zu verändern?

Wir müssen die Vorteile deutlicher machen. Gerade für Hamburg. Stellen Sie sich vor, der innerste Ring wäre autofrei. Natürlich würde es für Menschen mit Handicap und Lieferdienste Ausnahmen geben, aber eine autofreie Innenstadt hat doch etwas. Es stinkt nicht, es ist ruhig, man kann sich begegnen und hat mehr Fläche.

Der öffentliche Nahverkehr ist schon ganz gut, müsste aber weiter aus­gebaut werden. Andererseits finde ich, müssten die Prei­se dafür aber runter. Bus und Bahn sind schweineteuer in Hamburg. Das geht nicht, da muss man deutlich herunter, sonst wird das nicht attraktiv. Ich glaube, mit solchen Maß­nahmen könnte man Ham­ burgs Innenstadt wirklich autofrei bekommen und die Menschen würden es lieben, da bin ich mir sicher.

Können wir Rückschlüsse aus der Corona-Pandemie ziehen?

Erstens: Globale Krisen können nur alle Länder ge­meinsam meistern. Zweitens: Es gibt Rückschlüsse über Verschwörungstheoretiker und Klimaleugner. Bestes Bei­spiel ist Donald Trump, der gesagt hat, dass Corona „ein Scherz“ sei. Das Resultat se­hen wir, 90.000 Tote in den USA, die meisten weltweit. Da sieht man, dass die Plauderer und Populisten in Wirklichkeit keinen Plan haben.

Drittens: Diese Corona-­Krise ist nicht vom Himmel gefallen, die Wissenschaft hat lange gewarnt. Bestes Beispiel: Schutz­kleidung. In den Pandemie­ plänen steht, dass sie knapp werden kann. Trotzdem hat man die nicht eingekauft. Das steht alles in einer Bundes­tagsdrucksache aus dem Jahr 2013. Das gleiche gilt für die Klimakrise. Die Sache ist seit 30 Jahren bekannt. Trotzdem passiert, weltweit betrachtet, das Gegenteil.

Die beliebtesten Urlaubsziele der Hamburger sind die türkische Riviera, Mallorca, Ägypten. Was empfehlen Sie für dieses Jahr?

Die Ostsee. Am Schön­berger Strand gibt es weißen Sand und das Meer. Was will man mehr? Gut, das Wasser ist nicht so warm wie im Sü­den – aber dafür spart man sich die Flugreise.


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger Theater: Hoffen auf Öffnung

Ralf Fiedler, Dramaturg am Schauspielhaus, über das, was ihm in dieser Zeit wichtig ist.

 

SZENE HAMBURG: Was war Ihre schönste Theatererfahrung?

Wenn das Theater zum Beruf geworden ist: fast nicht beantwortbar, weil sich irgendwann alles verbindet und verkettet und vergleicht. Das Erste, was aufleuchtet: „24 Stunden sind kein Tag“ von René Pollesch in der „Neustadt“ von Bert Neumann an Berliner Volksbühne. Einfach wegen der Wucht und Präsenz der Spielerinnen in diesem gigantischen Großraum, von dem man Teil war und sein wollte. Gleichzeitig das Gefühl totaler Relevanz der Themen und Theorien, Texte laut gerufen, ohne Psychologie, aber unmittelbar in Berührung mit dem Leben.

Ralf Fiedler, Dramaturg am Schauspielhaus (Bild: Dan Cermak)

Was ist die größte Herausforderung für Sie während der Corona-Krise?

Menschen, die mir nahestehen, physisch nicht mehr zu treffen – Freunde, weil sie im Ausland „EU“ leben, oder meine Mutter im Pflegeheim, mit der es gar nicht möglich ist, medial zu kommunizieren. Das ist hart, man wird das Gefühl nicht los, jemanden absolut alleinzulassen.

Was stimmt Sie momentan hoffnungsfroh?

Die Hoffnung, dass die Maßnahmen sich ausdifferenzieren, spezifischer und treffsicherer werden und die „Öffnung“ weitergehen kann.

Wem sind Sie in diesen Zeiten besonders dankbar?

Wenn ich die vielen beiseite lasse, die geholfen haben, eine gewisse Normalität aufrechtzuerhalten und die wirklich Dank verdient haben, dann bin ich absolut all den Freunden dankbar, die sich bei mir wieder gemeldet und mir das Gefühl geben haben, noch „in Verbindung zu stehen“.

Wer hätte mehr Dankbarkeit verdient?

Dankbarkeit ist da vielleicht nicht ganz der richtige Begriff, aber ich bin berührt und beschämt all denen gegenüber, die sich jetzt noch um die Not der Menschen in den Flüchtlingslagern, Kriegsgebieten und an den Grenzen kümmern und für deren Belange tatsächlich „kämpfen“. Und die vielleicht sogar bereit waren, ein derart privilegiertes Land wie unseres und eine sichere Versorgung hinter sich zu lassen, um vor Ort etwas zu bewirken.

 


 Der Text stammt aus dem SZENE HAMBURG DANKE!-Magazin. Das Magazin ist seit dem 29. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Matthias Günther: „Theater ist eine Glücksmöglichkeit“

30 Fragen, 30 Antworten: Matthias Günther, Dramaturg am Thalia Theater, über seine persönlichen Lieblingsstücke, die nicht anerkannte Systemrelevanz von Kultur und warum Tocotronic die passenden Worte zur aktuellen Lage gefunden haben

Fragebogen: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Welches kulturelle Ereig­nis hat Sie geprägt?

Matthias Günther: Seit frühester Kindheit die documenta in meiner Heimatstadt Kassel und insbesondere die Aktion „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ von Joseph Beuys 1982 (documenta 7).

Welches Theaterstück hat Sie als erstes zum Weinen gebracht?

Im Kasperltheater die Entführung der Großmutter im „Räuber Hotzenplotz“.

Und welches zuletzt?

Die erste Probe von „Ode an die Freiheit“ zwei Monate nach der Theaterschließung.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Thea­ terbesuch? Welches Stück haben Sie gesehen und was hat es in Ihnen aus­ gelöst?

Der Besuch des Weihnachtsmärchens „Der gestiefelte Kater“ im Staatstheater Kassel Anfang der 1970er Jahre und meine Empörung über die Pappkulissen. Aus dem Fernsehen kannte ich mehr Wirklichkeit.

Welches Theaterstück hat bei Ihnen vermeintliche Gewissheiten über den Haufen geworfen?

Christoph Marthalers Paraphrase „Goethes Faust Wurzel aus 1+2“ 1993 am Deutschen Schauspielhaus und der grandiose Faust-Monolog von Sepp Bierbichler aufgelöst in Vokale.

Was war Ihre schönste Theatererfahrung?

„Das achte Leben (Für Brilka)“ und „Die Katze und der General“ von Nino Haratischwili in den Adaptionen von Jette Steckel und ihrem Team am Thalia Theater. Diese beiden Arbeiten zeigen großes Menschentheater.

 

 

Und die schlimmste?

Keine. Theater ist für mich ganz großes Zuschauerglück. Selbst, wenn es mal nicht so gut ist. Ich komme immer gerne wieder.

Dieses Stück sollte jeder einmal in seinem Leben gesehen haben:

„Krippenspiel“ von Kindergartenkindern in der Weihnachtszeit.

Über welche Inszenierung haben Sie zuletzt heftig mit jemandem gestritten?

Immer wieder über die großartigen Arbeiten von Florentina Holzinger, die mit ihrem radikalen Körpertheater verstört. Performance, Porno, Provokation?

Die Welt geht in einem Jahr unter und Sie können nur noch ein Stück inszenieren: welches wäre das?

Das neue Stück, das Elfriede Jelinek dann schreibt: „Besser wird’s nicht“ – ein Abgesang!

Mein/e Lieblingsschauspieler:

Ich verliebe mich immer wieder und immer wieder neu. Max Reinhardt schrieb über Schauspieler: „Ihre Aufnahmefähigkeit ist beispiellos, und der Drang zu gestalten, der sich in ihren Spielen kundgibt, ist unbezähmbar und wahrhaft schöpferisch. Sie verwandeln alles in das, was sie wünschen. Und dabei das klare, immer gegenwärtige Bewusstsein, dass alles nur Spiel ist, ein Spiel, das mit heiligem Ernst geführt wird.“

Mein/e Lieblingsdramaturg/en:

Ivan Nagel.

Was bedeutet Kultur in diesen Tagen für unsere Gesellschaft?

Es wird uns klar, was fehlt. Sehr viel!

Was bedeutet Theater grundsätzlich für unsere Gesellschaft?

Eine Glücksmöglichkeit! „Verweile doch! du bist so schön!“ (Goethe).

Gibt es unpolitisches Theater?

Kunst- und Kultureinrichtungen sind offene Räume, die vielen gehören. In der „Erklärung der Vielen“ heißt es: „Demokratie muss täglich neu verhandelt werden – aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jeden Einzelnen als Wesen der vielen Möglichkeiten!“

Das perfekte Stück zur aktuellen Lage:

Die Stücke, die gerade von Dramatikern wie Thomas Köck, Enis Maci, Bonn Park, Felicia Zeller und vielen anderen geschrieben werden.

Was ist die beruflich größte Herausfor­derung für Sie während der Corona­-Krise?

Die bittere Erkenntnis, dass Kultur nicht als systemrelevant eingestuft wird und die Frage, wie wir unsere wunderbare Kunst in Krisenzeiten erhalten und weitermachen können, denn sie ist lebensrelevant.

Was stimmt Sie momentan hoffnungs­froh?

Die Solidarität des Publikums mit den Theatern.

Was stimmt Sie pessimistisch?

Diese miesen völkisch nationalistischen Zusammenrottungen.

 

„Wir forschen und erfinden das Theater der Zukunft.“

 

Werden virtuelle Möglichkeiten auch in Zukunft eine größere Rolle in der Kul­turlandschaft einnehmen?

Die Digitalisierung ist schon jetzt ein wichtiger Bestandteil für das „Storytelling“ von Kulturinstitutionen, kann aber das direkte Live-Erlebnis nicht ersetzen. Theater sind Orte kollektiver Erfahrung. Das Besondere des Theaters hat der Choreograf Jérôme Bel zusammengefasst in dem Satz: „Some people sitting in the darkness, watching other people sitting in the light.“

Wie wird sich die aktuelle Lage auf das Theater nach Corona auswirken?

Wir machen weiter. Wir forschen und erfinden das Theater der Zukunft. Hugo Ball, der erste Dramaturg der Münchner Kammerspiele und später berühmter Dadaist in Zürich schrieb: „Europa malt, musiziert und dichtet in einer neuen Weise. Das neue Theater wird wieder Masken und Stelzen benützen. Es will Urbilder wecken und Megaphone gebrauchen. Sonne und Mond werden über die Bühne laufen und ihre erhabene Weisheit verkünden.“ Das könnte ein Weg sein.

Wem sind Sie in diesen Zeiten beson­ders dankbar?

Den vielen Künstlern, die versuchen weiterzumachen.

Wer hätte mehr Dankbarkeit verdient?

Eltern, die in dieser Zeit eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe übernommen haben: die Schulpflicht ihrer Kinder durch Homeschooling zu gewährleisten.

Worauf freuen Sie sich in den nächsten drei Jahren am meisten?

Ich freue mich auf jeden neuen Tag und hoffe eine „Handbreit“ weiterzukommen.

Ich mag Hamburg, weil …

… es für mich die schönste Stadt Deutschlands ist.

Ich mag das Thalia Theater, weil …

… es ein Ensembletheater ist.

Die Hamburger Theaterlandschaft ist so besonders, weil …

… sie so vielfältig ist von A–Z (Altonaer Theater bis Theater das Zimmer).

Allgemein gesprochen: Sind Sie lieber dafür oder dagegen?

Meine politische Sozialisation ist eng verbunden mit der Friedenbewegung der 1980er Jahre. Damals war der Slogan: „Aufstehn“.

Wann haben Sie sich das letzte Mal ge­irrt?

„Kluge Irrtümer sind wichtiger als banale Wahrheiten“, hat Heiner Müller gesagt.

Welche Hoffnung haben Sie aufgege­ben?

Ich halte es mit Tocotronic: „Aus jedem Ton spricht eine Hoffnung auf einen Neuanfang.“

 


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Obdachlosenhilfe: Harburg-Huus vor dem Aus

Während sich die Lage in Harburgs einziger Unterkunft für Obdachlose Corona-bedingt ohnehin verschlechtert, hat die Einrichtung nun auch noch die offizielle Kündigung der Räumlichkeiten erreicht

Text: Laura Lück

 

Nachdem das Grundstück am Harburger Außenmühlenweg vergangenen Herbst verkauft wurde, hat das Harburg­-Huus Mitte April die offizielle Kündigung erhalten. Zum April 2021 soll die Obdachlosenunterkunft weichen, nachdem das DRK Hamburg-­Harburg sie erst 2018 mit 200.000 Euro Spendengeldern nach langer Standortsuche eingerichtet hatte.

Die Entwicklungsgesellschaft Urban Space, die das Gelände erworben hat, will auf dem Areal über 200 Wohnungen bauen. Thorben Goebel­-Hansen, Leiter des Harburg­-Huus, sieht die Lage als sehr ernst an. Man sei weiterhin im Gespräch mit dem Investor, aber noch sei alles offen. Durch die Bedrohung des Standortes plagen auch seine Gäste Ängste und Verunsicherung. Sie fragen sich, wie es weitergeht und vor allem, ob das Harburg­-Huus auch an einem neuen Standort weiterhin gut für sie zu erreichen sein wird.

„15 Mitarbeiter im Haupt-­ und 18 im Ehrenamt haben hier etwas aufgebaut, das im Kern Obdachlosen hilft, aber auch Anlaufstelle für Menschen ist, die einsam sind oder unter Altersarmut leiden“, erklärt Goebel-­Hansen. „Wir sind ein Treffpunkt geworden. Das hat man nicht mal eben so an anderer Stelle wieder aufgebaut. Gegen­über unseren Gästen und Netzwerkpartnern braucht es eine gewisse Zeit, um Vertrauen zu schaffen. Die Atmosphäre, Umgebung und Beständigkeit unseres Angebots spielen da eine große Rolle.“

 

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Ein Platz für alle: Im Harburg- Huus dürfen Obdachlose auch ihre Hunde mitbringen

 

Das Harburg-­Huus ist so­ wohl eine Unterkunft für Männer und Frauen, als auch für Obdachlose mit Hund. Außer­dem ist sie eine Einrichtung der kurzen Wege, denn sie bietet Tagesaufenthalts-­ und Übernachtungsstätte unter einem Dach, was in dieser Form nicht häufig gegeben ist. Die Corona­-Pan­demie macht die aktuelle Situation nicht leichter. Goebel­-Han­sen beobachtet eine steigende Nachfrage bei Rückgang der Möglichkeiten durch den vorsorglich gekürzten Personaleinsatz. „Wir haben Ehrenamtliche, Praktikanten und FSJ­ler gebeten vorerst nicht zu kommen, um die Gefahr einer Ansteckung so gering wie möglich zu halten. Früh­, Spät­ und Nachdienst halten wir mit nur noch zwölf Kollegen aufrecht. Das geht an die Substanz.“

Es findet außerdem keine Sozialberatung mehr im direkten Gespräch, sondern nur noch digital statt. Neben professioneller Beratung und Versorgung mit Kleidung und Verpflegung machen das Harburg­ Huus auch seine Freizeitaktivitäten wie Musik­ und Sportprojekte aus. Diese Angebote des DRK-­Teams können momentan nicht aufrechterhalten werden.

 

Sicherheit durch Spenden

 

Auch in der Kasse wird es knapp. Die Einrichtung erhält keine öffentlichen Gelder und wird ausschließlich durch Spenden finanziert. „Wir erreichen die Spender in der momentanen Situation zum Teil nicht mehr und können vor Ort keine Sachspenden mehr entgegennehmen. Deshalb freue ich mich umso mehr über Geldspenden auf unser Spendenkonto DE77 2005 0550 1262 2275 39 bei der Hamburger Sparkasse, auf die wir nun noch dringender angewiesen sind.“

Positiv bewertet Goebel­-Hansen, dass sich das Gemeinschaftsgefühl im Haus noch einmal verstärkt habe. Für die Zukunft wünscht er sich schnellstmöglich Lösungen mit langfristiger Perspektive: „Wir sind fester Bestandteil des Bezirks geworden. Die Situation für Obdachlose in Harburg hat sich seit unserem Bestehen verbessert. Bereits im ersten Jahr hatten wir 4.000 Übernachtungen und 2.500 Beratungsgespräche. Unsere Gäste sollen auch nach Corona und in womöglich neuen Räumlichkeiten wieder die Sicherheit bekommen, dass wir ihnen als verlässlicher Partner zur Seite stehen.“

 

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Spendenkonto

Hamburger Sparkasse
IBAN: DE77 2005 0550 1262 2275 39 Kennwort: Harburg-Huus

Harburg-Huus: Außenmühlenweg 10 b (Harburg)


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Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Interviews: Wie geht es den Hamburger Kulturschaffenden?

Wir haben mit Kulturschaffenden darüber gesprochen, wie sie mit der für sie besonderen Schwere der Pandemie umgehen, was gerade hilfreich ist und was die Krise Gutes bringt.

Interviews: Erik Brandt-Höge

 

Andrea Rothaug, Geschäftsführerin Rockcity Hamburg

Andrea Rothaug (Foto: Simon Heydorn)

SZENE HAMBURG: Mit RockCity seid ihr ein wichtiges Aushängeschild für Hamburgs Kultur, die aufgrund politisch beschlossener Maßnahmen schwer von der Krise betroffen ist. Was macht dir aktuell besonders zu schaffen?

In der Tat, die Musikszene mit Musikern, Musikfirmen und Clubs haben einen nahezu hundertprozentigen Shutdown erfahren. Sie waren die ersten, die betroffen waren und werden die letzten sein, deren Berufe wieder voll ausübbar sein werden. Der Überlebenskampf gleicht einem Windhundrennen um Förderprogramme, digitalen Umsetzungsmöglichkeiten oder betriebswirtschaftlichen Überlebensstrategien. Mich beunruhigt die fehlende Perspektive für eine ganze Branche, deren Produkte wirklich jeder Mensch, ob alt oder jung, arm oder reich, links oder rechts täglich konsumiert. Mich beunruhigt auch die Vorstellung, dass der Verlust von Vielfalt durch die Marktbereinigung, die sich nach der Krise vollziehen kann, in Kauf genommen wird. Und mich beunruhigen diese ganzen Verschwörungswahnsinnigen und der aufkommende, jetzt wirklich ganz und gar evidente weltweite Rassismus, der den Turbokapitalismus vor Menschenrechte stellt.

Gibt es auch Menschen, die euch aktuell besonders unterstützen?

Wir erfahren zurzeit besonders viel Unterstützung von der Hamburger Musikszene, die uns befeuert, sich bedankt oder einfach per Mail ihre Freude über unsere Arbeit ausdrückt. Aber auch die Karsten Jahnke Konzertdirektion, die Haspa Musik Stiftung, PM Blue, Concord Music Publishing und Bands wie die Beginner sowie viele Spender mit großem und kleinem Portemonnaie sind dabei. Auch die Zusammenarbeit mit der Kulturbehörde, aber auch mit den Verbänden der Musik ist momentan sehr wichtig und hilfreich.

Und wie plant ihr die kommenden Monate – wenn ihr denn planen könnt?

Wir planen, in den kommenden Monaten unsere neuen Angebote für die Musikszene, die wir in Corona-Zeiten auf die Beine gestellt haben, zu konsolidieren. Darüber hinaus werden einige bereits bestehende Angebote digitalisiert, andere noch stärker analog erlebbar gemacht. Operation Ton #13 ist ebenso auf Hochtouren in Planung wie aktuell unser Hamburg Music Award Krach+Getöse – beides wird es digital geben. Neu dabei ist der Schwerpunkt „Musik in der Krise“, aber auch noch einmal stärker im Fokus sind neue Wege der Selbstvermarktung für Musikprofis.

 

Sarajane, Musikerin

Sarajane (Bild: Annemone Taake

SZENE HAMBURG: Freiberufliche Künstler leiden derzeit sehr. Wie kommst du mit der Situation zurecht?

Da kann ich nur mehrschichtig antworten. Mir persönlich geht es gut und meiner Familie und meinen Freunden auch, das macht schon mal einiges leichter. Beruflich gesehen, hm … Ich hatte von einem Tag auf den anderen von einem vollen Kalender keine Konzerte mehr übrig und auch keine Aussicht, wann sich das wohl ändern würde. Das war und ist eine völlig neue Situation – für viele. Aber es schweißt auch zusammen. Mein Eindruck ist, dass viele Künstler und Veranstalter etwas enger zusammenrücken.

Nutzt du Streamings, um mit deinem Publikum in Kontakt zu bleiben?

Absolut. Ich mache jeden Dienstagnachmittag um 17 Uhr eine Tea Party auf Instagram (#tuesdaytea). Das begann schon weit vor der Corona-Zeit, aber jetzt ist es auf einmal eine der wenigen direkten Möglichkeiten, mit den Fans und Supportern zu kommunizieren. Ich hatte auch das Vergnügen, bei der Konzertreihe „Quaratunes“ von Karsten Jahnke, PM Blue und Rock- City Hamburg e.V. ein Streaming-Konzert mit Band zu spielen, weil auf der Bühne genug Platz war, um alles mit Abstandsregeln umzusetzen.

Und wie sieht es mit Hilfe in Hamburg aus?

Ich bin sehr froh, dass es in Hamburg die Soforthilfe für Soloselbstständige gibt und der Verein RockCity auch wie wild Spenden für einen Rettungsfond sammelt, um dann Hamburger Künstler zu unterstützen.

 

Axel Schneider, Intendant Altonaer Theater

Axel Schneider (Bild: Bo Lahola)

SZENE HAMBURG: Hamburger Theater leiden sehr unter der Corona-Krise. Worunter leiden Sie besonders?

Das faszinierende am Theater ist die Arbeit im Team. In der Verwaltung, in der Öffentlichkeitsarbeit, mit Regieteams, mit der Technik, mit den Schauspielern. Zudem liebe ich die Beschäftigung mit immer neuen Themen. Das alles ist nun schlagartig weggefallen. Ich finde es verständlich, aber auch bedenklich, dass es in unserer menschengemachten Welt kaum noch ein anderes Thema gibt als Corona. Die Welt, in der wir leben, im Mikrokosmos oder global gesehen, bietet so viele Themen, die fast erschlagen werden von Wirtschaftszahlen und Infektionskurven. Sie fragen nach „leiden“. Ich würde darunter leiden, wenn wir aus dieser Zeit nichts lernen würden!

Und wie gehen Sie mit dieser Situation im Team um?

Genau dieses Team-Building fehlt ja. Die Mitarbeiter, mit denen ich zusammenarbeiten kann, sind großartig. Die vielen, die in Kurzarbeit sind, vermisse ich!

Was halten Sie eigentlich von Kultur per Streaming?

Es ist ein Ersatz, keine Alternative. Wir versuchen bei den Privattheatertagen diesen Weg zu gehen. Denn es ist wichtig, sichtbar zu bleiben und den Menschen ein Angebot zu schaffen, aber auch die Präsenz dessen, was sie als Live-Erlebnis verpassen.

 

Matthias Elwardt, Geschäftsführer Zeise Kinos

Matthias Elwardt (Bild: Heike Blenk)

SZENE HAMBURG: Kinos haben es besonders schwer während der Corona-Krise. Wie meistern du und deine Mitarbeiter diese Zeit?

Das Zeise Kino bevölkern zur Zeit Handwerker. Alle Arbeiten, die für dieses Jahr geplant waren, haben wir vorgezogen. So können wir glänzen, wenn wir endlich wieder Gäste bei uns begrüßen dürfen.

Denkst du, die Wichtigkeit von Kino wird vielen jetzt noch bewusster? 

Ich hoffe, dass das Kino wieder als besonderer, kultureller und sozialer Ort gesehen wird. Wir Menschen sind Gemeinschaftswesen und das Kino bietet einen besonderen Raum der Begegnung. Hier werden wir berührt, verführt und in unermessliche neue Welten entführt.

Bekommt ihr von mancher Seite Unterstützung, für die du sehr dankbar bist? 

Wir sind sehr dankbar dafür, wie viele Zeise-Gäste sich bei uns gemeldet haben, um uns zu unterstützen. Viele haben eine Zeisecard gekauft oder ihre Karte aufgeladen. Auch wurden sehr viele Gutscheine gekauft. Immer wieder rufen Besucher an und fragen, wann wir wieder öffnen, sie würden uns sehr vermissen. Auch die Filmförderung und die Kulturbehörde sind sehr schnell aktiv geworden und haben die „Kino Hilfe Hamburg“ ins Leben gerufen. Ein großes Dankeschön an dieser Stelle für diese Hilfe! Trotzdem haben wir noch eine lange Wegstrecke vor uns.

 

Weitere Interviews mit Persönlichkeiten aus Hamburgs Kulturszene findet ihr in unserem DANKE!-Magazin.


 Das SZENE HAMBURG DANKE!-Magazin ist seit dem 29. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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System(ir)relevant: Jeder wird gebraucht

Sie sind die Helden Hamburgs und nicht erst seit der Corona-Pandemie für ein funktionierendes Gemeinwesen unerlässlich: die Systemrelevanten. Doch wer sich mit diesem Begriff betiteln darf, ist Ansichtssache

Texte: Marco Arellano Gomes & Basti Müller

 

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Landwirt

Henning Beeken, 45, Eigentümer vom Hof Eggers in Kirchwerder 

SZENE HAMBURG: Was ist dir durch den Kopf gegangen, als abends geklatscht wurde?

Dass man sich bei mir als Teil einer systemrelevanten Berufsgruppe bedan­ ken muss, habe ich nicht so empfunden. Wir haben hier unsere Sachen weiter­ produziert, so gut es ging. Wir haben die Blumen ausgeliefert, klar, da haben sich die Leute gefreut, zum Teil sehr, weil es für sie schön war, den Balkon bepflan­ zen zu können. Da gab es sehr positives Feedback. Bei uns auf dem Bauernhof hat niemand geklatscht, das hätte mich auch irritiert. In der Stadt mag dies ja für die Beklatschten ganz nett gewesen sein, ich könnte mir aber vorstellen, dass zum Beispiel den Pflegekräften eine ange­ messene Bezahlung wichtiger wäre.

 

„Ohne Bauern gibt es kein Essen auf dem Tisch“

Henning Beeken

 

Empfindest du dich als systemrelevant? 

Klar, die Produktion von Lebens­ mitteln ist systemrelevant. Ohne Bauern gibt es kein Essen auf dem Tisch.

Hattest du irgendeine Form von Angst?

Die ganze Zeit hatte ich kaum Angst. Meine Eltern sind beide fast 80, da macht man sich schon mehr Sorgen. Aber ich lebe, wo ich arbeite, also nein.

Was motiviert dich, deinen Beruf auszuüben?

Das ist meine Lebensaufgabe, ein Projekt, an dem ich selbst arbeiten und das ich selbst gestalten darf. Das ist eine ganz tolle Aufgabe, die Motivation kommt da von selbst.

Gibt es etwas, das du dir von der Gesellschaft wünschen würdest?

Was ich auch als sehr positive Be­ gleiterscheinung wahrgenommen habe, ist, dass das regionale Einkaufen deutlich an Bedeutung gewonnen hat. Da sind wir seit neuestem auch in der Regional­ wert Hamburg AG, ein Netzwerk aus regionalen Produzenten, Einzelhänd­ lern und Gastronomen und das funk­ tioniert sehr gut. Diese Zusammenarbeit finde ich sehr positiv und ich würde mir daher wünschen, dass die Menschen das regionale Einkaufen weiter wertschätzen und bereit sind, dafür auch ein paar Cent mehr auszugeben.
In diesem Sinne, würdest du dir wünschen, dass Regionalität stärker von der Politik gefördert wird?

Ja. Man hat das jetzt auch wieder gesehen, dass eben die kurzen Wege sehr krisensicher sind und weiterhin funktionieren. Alles, was mit langen Transportwegen zu tun hat, ist dann doch sehr anfällig.

Was möchtest du den Hamburgern mit auf den Weg geben?

Kauft regional in den kleinen Läden in der Nachbarschaft und kommt mal wieder zu uns ins Hofcafé, wenn die Beschränkungen aufgehoben werden.

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Busfahrer

 

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Foto: Pepe Lange

Imam Alkan, 48, Berufskraftfahrer bei der Verkehrsbetriebe Hamburg- Holstein GmbH

SZENE HAMBURG: Wie würdest du deinen Job beschreiben?

Ich war 30 Jahre lang in der Show­ branche tätig und bin es gewohnt, Ent­ scheidungen und den Tagesablauf selbst zu bestimmen. Das gleiche habe ich auch – fast – als Busfahrer. Niemand schaut mir über die Schulter und ich bin mein eigener Chef in meiner Schicht.

Warum ist dein Beruf aus deiner Sicht systemrelevant?

Wenn wir stehen, bleibt auch Ham­ burg stehen. Jetzt, in der Krise merkt man mehr denn je, wie dankbar die Fahrgäste sind. Wir sind die, die Ham­ burg bewegen – von A nach B. Man könnte uns auch als die fleißigen Bie­ nen der Stadt bezeichnen, die überall ausschwärmen, ihre Arbeit tätigen und zum Schluss wieder zum Bienenstock, dem Betriebshof, zurückkommen.

Was macht deinen Job für dich so besonders?

Was gibt es Schöneres, als die Ham­burger in der schönsten Stadt der Welt herumzukutschieren. Ich liebe es, Auto beziehungsweise Bus zu fahren.

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Entsorger

Önder Büyükhan, 28, Entsorger und Vorarbeiter bei der Stadtreinigung Hamburg in der Region Ost Volksdorf

SZENE HAMBURG: Was ist dir durch den Kopf gegangen, als abends geklatscht wurde?

Ganz ehrlich? Ich habe mich ziemlich gefreut, dass es Menschen gibt, die sich freuen, dass wir unsere Arbeit ma­chen. Viele ärgern sich eher, weil wir im Weg stehen.

 

„Ohne uns hätten wir sicherlich eine Rattenplage“

Önder Büyükhan

 

Empfindest du dich als systemrelevant?

Selbstverständlich! Ohne uns hätten wir sicherlich eine Rattenplage und es würde überall nur Müll herum­ liegen.

Hast du Angst, zur Arbeit zu fahren?

Nein! Ich fahre mit einem eigenen Pkw und wir haben sehr gute Hygiene­vorschriften auf der Arbeit. Unsere Vorgesetzten achten explizit auf unser Wohl.

Was motiviert dich, deinen Beruf auszuüben?

Die Arbeit, die ich ausübe und die Dankbarkeit der Bürger.

Was hat sich seit Corona verändert?

Wie das jetzt draußen in der Öffentlich­keit ist: Abstand halten, Mundschutz tragen et cetera, sonst hat sich für uns kaum etwas geändert. Vor allem in den Autos tragen wir die Masken, um uns gegenseitig zu schützen.

Habt ihr durch Corona in den letzten Wochen mehr zu tun gehabt?

Man merkt, dass die Eimer voller als sonst sind. Es gibt mehr Müll, weil die Leute mehr zu Hause als im Büro sind.

Hast du das Gefühl, dass die Leute etwas gereizter sind als zuvor?muellabfuhr

Die Autofahrer vielleicht. Das merkt man richtig. Die sind teilweise richtig aggressiv, privat oder auf der Arbeit. Sie drängeln mehr, die Leute sind angespannt. Man kann das nach­vollziehen, weil du aktuell nicht viel machen kannst. Die Leute, Familien und Paare sind schon alle ein bisschen gereizt.

Die meisten wollen im Straßen­verkehr Recht haben, sie müssen die ersten sein und suchen den Fehler bei den anderen, nicht bei sich selbst. Deswegen passieren auch die meisten Unfälle, auf der Autobahn oder sonst wo. Das „Wir“ gibt es dort nicht und das wird von Jahr zu Jahr immer schlimmer. Ich habe meinen Führerschein vor zehn Jahren gemacht, da war das Fahren noch entspannt. Jetzt ist das wie Krieg.

Gibt es etwas, das du dir von den Hamburgern wünschen würdest?

Dass die aktuellen Hygienemaß­nahmen eingehalten werden.

Was möchtest du Hamburg sagen?

Die letzte Zeit ist sehr schwer für uns alle gewesen. Haltet durch! Wir werden es alle zusammen schaffen. Hoffen wir auf bessere Tage. Seid froh, dass ihr gesund seid. Gesundheit ist mit keinem Geld dieser Welt zu ersetzen!

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Erzieherin

Melina Blechschmidt, 34, Erzieherin bei Wabe e. V. in Bergedorf

SZENE HAMBURG: Was ist dir durch den Kopf gegangen, als abends geklatscht wurde?

Es wurde für Verkäuferinnen und Verkäufer, Krankenschwestern und -­pfleger, Ärzte und so weiter geklatscht. Ich denke, die Menschen haben ihre Jobs gewählt, weil sie diese mögen. Sie machen ihn gerne und gerade in Zeiten, in denen sie gebraucht werden, noch lieber. Ich freue mich, dass diese Men­schen und Berufe nun endlich die An­erkennung bekommen, die ihnen auch vor Corona schon zustand. Das wurde wirklich Zeit!

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Foto: Heike Günther

Empfindest du dich als systemrelevant?

Ich empfinde mich und meinen Be­ruf als absolut systemrelevant. Neben dem Bildungsauftrag und der täglichen Verantwortung den Kindern gegenüber, verdeutlicht gerade diese Zeit noch einmal mehr, welche Wichtigkeit wir, als Mitarbeiter in Kindertageseinrich­tungen, in der Gesellschaft haben. Wir betreuen nicht nur Kinder! Wir beraten Eltern, entlasten Familien. Wir ermög­lichen Eltern, ihren Berufen nachzu­kommen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, wie sie ihre Kinder für die vielen Stunden betreuen können. Damit helfen wir Menschen, die wiederum an­dere Sparten und Bereiche des Systems abdecken zu können.

Hast du Angst, zur Arbeit zu fahren?

Nein, keinerlei Angst. Wir halten uns an festgeschriebene und für alle verbindliche hygienische Abläufe. Diese wurden jetzt nochmals verschärft. Der Gedanke an Corona und eine mögliche Ansteckung spielt in meiner täglichen Arbeit keine Rolle. Kinder sind häufig krank und so werden auch wir als Fach­kräfte oft mit vielerlei Krankheiten kon­frontiert. Eine Sorge vor Ansteckung schwingt da nie mit.

Was motiviert dich, deinen Beruf auszuüben?

Dasselbe wie immer! Meine Arbeit ist mein Traumberuf, meine Berufung. Ich komme gern in die Kita, begleite Kinder bei ihren Lern-­ und Entwicklungsfortschritten. Für mich ist das immer eine schöne Zeit.

Für mich und meine Kollegen ist der pädagogische Alltag mit vielen Auflagen, Änderungen und Einschränkungen verbunden. Das ist eine Herausforderung und verlangt uns in der Planung und Umsetzung viel ab. Dennoch wird noch mal mehr deutlich, welch große Rolle wir als Kita in den Leben der Familien spielen und wie sehr sie auf unsere Arbeit angewiesen sind. Das motiviert auch noch mal.

 

„Wertschätzung geht oft im Alltag und der Hektik unter“

Melina Blechschmidt

 

Gibt es etwas, das du dir von den Hamburgern wünschen würdest?

Ich wünsche mir, dass sie den Er­zieherinnen, SPAs und pädagogischen Fachkräften in den Einrichtungen ihrer Kinder zeigen, dass sie sehen und wertschätzen, was sie tun. Oft geht das im Alltag und der Hektik unter.

Unsere Kita hatte ab dem ersten Tag der Corona-­Zeit geöffnet, ein Notgruppen­-Konzept entworfen, alle Eltern der Kita informiert, individuell beraten. Es wurden Angebote für die Kinder und Familien auf der Website hochgeladen, um auch die zu erreichen, die zu Hause bleiben. Wir sind immer ansprechbar, erreichbar und beraten, wenn Fragen oder Hilfen benötigt werden.

Die El­tern schätzen das sehr und wir wissen von vielen, dass wir sie damit enorm entlasten. Selbst, wenn ihr Kind gerade nicht in der Einrichtung betreut wer­den kann.

Was möchtest du Hamburg sagen?

Halten Sie durch! Wenn Sie Unterstützung brauchen, sind wir als Kinder­tagesstätten für Sie da. Und auch ein Dankeschön an die Familien, die ihre Kinder weiterhin zu Hause betreuen können.

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Musikerin

Miu, 33, Sängerin, Songschreiberin und Kulturaktivistin mit eigenem Label in Lurup

SZENE HAMBURG: Wie würdest du deinen Job beschreiben?

Ich bin Sängerin, schreibe, produ­ziere Songs und spiele viel live. Im letz­ten Jahr habe ich mein Doppelalbum „Modern Retro Soul“ mit eigenem La­bel in die Albumcharts katapultiert. Ne­benbei mache ich mich für mehr Sicht­barkeit von Frauen in der Musik stark bei Ladies Artists Friends.

 

„Ohne Musik wäre die Welt überhaupt nicht auszuhalten“

Miu

 

Warum ist dein Beruf aus deiner Sicht systemrelevant?

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Foto: Elena Zaucke

Filme und Musik waren für die Menschen nie wichtiger als jetzt, in Zeiten sozialer Isolation. Ich hoffe, dass dies eine neue Diskussion anstößt, wie viel uns Kultur wert ist. Gerade, wo es der Kultur sehr schlecht geht.

Was macht deinen Job für dich so besonders?

Ohne Musik wäre die Welt überhaupt nicht auszuhalten. Ich mag, dass mein Job mich immer wieder aufs Neueste kognitiv und emotional fordert, dass Musik vermag, Gefühle auszudrücken, Menschen zu erreichen und zu begleiten – neue Sichtweisen anzustoßen. Wir alle hören Musik mehrfach am Tag – es ist immer wieder wichtig, dass unsere Gesellschaft sich dieses Geschenks bewusst ist und Kultur nicht als Selbstverständlichkeit hinnimmt.
Weitere Interviews findet ihr in der Juni-Ausgabe der SZENE HAMBURG 👇

Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Hamburger Kinos: Corona’s Cut

Die Hamburger Kinos haben seit über zwei Monaten geschlossen. Die Verluste sind hoch, die Stimmung ist angespannt, die Zukunft ungewiss. Nun dürfen die Lichtspielhäuser unter strengen Auflagen wieder öffnen und hoffen auf die Treue der Hamburger Kinogänger. Darüber hinaus erleben die hier längst tot geglaubten Autokinos eine Renaissance

Text: Marco Arellano Gomes

 

Sobald das Leben unübersichtlich, ungewiss und düster wird, hilft das kollektive Träumen im kuschelig warmen Kinosaal drüber weg. Mit Popcorn in der einen und Softgetränk in der anderen Hand, taucht man ein in die traumhaften Welten. Für einige Stunden scheint alles vergessen. Man lässt sich mitreißen von den bewegten Bildern, bangt mit den Helden, leidet mit den tragischen Figuren und lacht mit den lustigen Charakteren. Wer im Saal sitzt, fiebert mit, vergießt Tränen, freut sich und wird zum Nachdenken angeregt.

Kinofilme brennen sich ins Gedächtnis ein. Sie sind durch keinen Stream zu ersetzen – und werden dringend gebraucht. Das Kino ist ein Sehnsuchtsort – und nie war die Sehnsucht danach größer. Im Normalfall wären die Säle bis zur letzte Reihe gefüllt gewesen. Doch die vergangenen Wochen und Monate waren nicht normal. Die Lichtspielhäuser hatten seit Mitte März geschlossen, die Vorhänge blieben zu, die Lichter aus. Für die Streaminganbieter war es das Geschäft ihres Lebens. Für die Hamburger Kinobetreiber war es eine Katastrophe. Sie hatten keine Einnahmen, aber Lohn- und Mietkosten blieben bestehen – und konnten durch Kurzarbeit allein nicht aufgefangen werden.

 

Wiedereröffnung der Kinos

 

Kurz vor Drucklegung der SZENE HAMBURG gab der Senat bekannt, dass auch die Hamburger Kinos ab dem 27. Mai wieder öffnen dürfen, sofern sie ein Konzept zur Einhaltung der strengen Auflagen vorlegen. Doch die Freude der Betreiber ist gedämpft. Zum einen können die vergangenen Ausfälle nicht wieder eingespielt werden. Jedes nicht verkaufte Ticket ist unwiederbringlich verloren; die Kinos werden nicht plötzlich doppelt so voll – in Corona-Zeiten schon gar nicht.

Hinzu kommen weitere Probleme: Für die Verleiher lohnt es sich nicht, einen Film für viel Geld zu bewerben und ins Kino zu bringen, wenn dieser nur in der Hälfte der Bundesländer oder in halb leeren Sälen gezeigt wird. Gehen die Bundesländer bei der Öffnung der Kinos nicht einheitlich vor, werden hochkarätige Produktionen vorerst wohl kaum zu sehen sein. Blockbuster wie „James Bond 007 – Keine Zeit zum Sterben“ – welch passender Titel für diese Zeit! – oder „Top Gun: Maverick“ mit Tom Cruise wurden bereits auf Ende des Jahres verschoben.

Allein die Vermarktung solcher Millionenprojekte benötigt mehrere Monate Vorlauf. Wenn die neuen, großen und bedeutenden Filme aber nicht im Kino gezeigt werden, haben die Filmliebhaber kaum Anlass dorthin zu gehen.Einige Bundesländer (Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Schleswig-Holstein) haben trotz dieser Bedenken bereits Mitte Mai mit der Öffnung der Kinos begonnen. So viel zum gewünschten einheitlichen Vorgehen!

 

Die neue Normalität

 

Für die Kinogänger wird es unzweifelhaft ein ungewohntes Erlebnis: Tickets sollen online gekauft werden; im Foyer wird es Schutzwände geben; im Eingangsbereich helfen Bodenmarkierungen dabei, Abstand zu wahren; jede zweite Reihe im Kinosaal könnte mit Absperrband gesichert werden; zwischen den einzelnen Gästen bleiben jeweils zwei Plätze leer; nach jeder Vorstellung werden die Räume gründlich desinfiziert; jeder Kinobesucher soll mit Namen und Kontaktdaten registriert werden; im Kinosaal bestünde, bis zum Erreichen des eigenen Sitzplatzes, Maskenpflicht; für jeden Toilettengang soll der Mund- und Nasenschutz wieder aufgesetzt werden – und das nicht wegen der zu erwartenden Gerüche. Ist das noch das ersehnte Kinoerlebnis? Und lohnt sich unter diesen Bedingungen überhaupt der Betrieb?

Matthias Elwardt, Geschäftsführer der Zeise Kinos, ist skeptisch. Der Abstand der Sitzreihen beträgt in seinem Kino etwa einen Meter. „Wenn jede zweite Reihe gesperrt wird, rentiert sich der Betrieb des Kinos nicht.” Mit dieser Einschätzung steht er nicht allein da. „Wir brauchen weitere finanzielle Unterstützung, auch nach der Öffnung der Kinos. Denn die Hygieneauflagen werden auf lange Sicht keinen rentablen Kinobetrieb zulassen“, pflichtet Abaton-Chef Felix Grassmann bei. Senat und Kulturbehörde arbeiten derweil an weiteren Hilfsprogrammen. Man sei derzeit bei der Ausarbeitung der Details, erklärt die Kulturbehörde auf Anfrage.

 

Vielfältige Hilfen

 

Corona bringt die Kinos in existenzielle Nöte. Zwar gab es – neben den bundesweiten Hilfen – seitens der Hamburger Kulturbehörde und der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein (FFHSH) finanzielle Spritzen (unter anderem das im April beschlossene „Kino Hilfe Hamburg“-Paket in Höhe von 550.000 Euro sowie der vorgezogene Hamburger Kinopreis mit einer Gesamtausschüttung in Höhe von über 100.000 Euro).

Auch privat unterstützten die Hamburger die Programmkinos, etwa durch den Kauf von Kinogutscheinen, dem Streamen von Filmen bei Anbietern wie Kino on Demand, Grandfilm und CVOD, die ihre Einnahmen mit den Kinos teilen oder durch Spenden auf der Crowdfunding-Plattform Startnext, bei dem bis Redaktionsschluss immerhin 58.873 Euro zusammenkamen (Stand: 26.5). Auch der Kino-Vermarkter Weischer Media stellte gleich zu Beginn der Krise unter #hilfdeinemkino eine Website auf die Beine, auf der Kinowerbung angesehen werden kann. Das weckt nicht nur nostalgische Gefühle, für jeden gesehenen Spot bekommt das ausgewählte Kino einen Betrag gutgeschrieben.

Doch reicht das alles, um die Kinos am Leben zu halten? Der Hauptverband deutscher Filmtheater (HDF) stellte fest, dass die Hälfte der deutschen Kinos in Gefahr stünde, in den kommenden Wochen Insolvenz anmelden zu müssen. Bei der dreimonatigen Schließung hätten die deutschlandweit 1.734 Kinos laut HDF 40 Millionen Gäste weniger und einen Verlust von 17 Millionen Euro – pro Woche.

 

Programmkinos in Sorge

 

Die Hamburger Kinobetreiber sind besorgt: „Die Situation ist schwierig“, sagt Christian Mattern vom Alabama Kino in Winterhude. „Die Überbrückungsgelder der Kulturbehörde und der Filmförderung decken nur den Zeitraum bis zum 30.4. ab. Wir sehen aber weiteren Unterstützungsbedarf bis mindestens Anfang Juli.“ Fabian Daub von den fux-Lichtspielen ist überzeugt, dass ein zweites Rettungspaket notwendig ist, das den Zeitraum bis Ende des Jahres in den Blick nimmt.

Joachim Flebbe, Betreiber der Astor Film Lounge und des Savoy, sieht dringend Handlungsbedarf: „Von den staatlichen Hilfen ist bislang nicht viel zu sehen“, verriet er SZENE HAMBURG Mitte Mai. „Wochenlang zu warten und gleichzeitig die Kosten weiter decken zu müssen, das geht nicht lange gut.“ Die Rücklagen der meisten Kinos dürften bald aufgebraucht sein.

 

Die Rückkehr der Autokinos

 

Während die Lichtspielhäuser einen Weg suchen, um mit der neuen Situation umzugehen, feiert eine längst vergessene Kinotradition ein Comeback: das Autokino. In Hamburg sind gleich mehrere Anbieter im Gespräch: Die meiste Aufmerksamkeit genoss bislang das „Autokino Hamburg“ auf der Bahrenfelder Trabrennbahn. Auf der 20.000 Quadratmeter großen Fläche sollen 500 Fahrzeuge Platz finden, und auf der 24 mal elf Meter großen Leinwand werden Filme und Konzerte zu sehen sein. 22 Euro pro Fahrzeug kostet der Spaß. Die Outdoor Cine GmbH, die auch das Open-Air-Schanzenkino und das Schanzenkino73 betreibt, konnte das Autokino aber nicht, wie geplant, in Betrieb nehmen. Erst gab es Bedenken über die Anzahl der Toiletten und die Einhaltung der verschärften Hygienevorschriften. Dann vermutete die grüne Bürgerschaftsfraktion in Altona Bodenbrüter auf der Wiese, ehe sie in der entscheidenden Sitzung von einer Mehrheit aus SPD, FDP und CDU überstimmt wurde.

Grundsätzlich hat der Senat den Autokinos in Hamburg grünes Licht gegeben – unter Einhaltung der Maßnahmen (max. zwei Personen aus demselben Haushalt plus Kinder pro Auto, Online-Ticketverkauf, ausreichend Sanitäranlagen, Abstand von zwei Metern zwischen den Pkw, Ticket-Scan durch die geschlossene Windschutzscheibe). Dirk Evers, Geschäftsführer der Outdoor Cine GmbH, ist bereit und kann mit wenigen Tagen Vorlauf starten. Doch das Bauamt Altona „prüft und prüft“ noch, sagt er und hofft auf einen Starttermin Anfang Juni.

Da der Ton über UKW direkt in die Autoradios übertragen wird, spielt Lärm keine Rolle. Evers plant mindestens eine Aufführung pro Abend, bis September. Auf dem Programm stehen Filme wie „Känguru Chroniken“, „Night Life“ und der Oscar-Gewinner „Parasite“. Nach September wird auf der Fläche ein Wohnungsbauprojekt realisiert.

Die Liste weiterer, möglicher Autokinobetreiber ist lang: Das Zeise Kino hat gemeinsam mit der Bergmann-Gruppe den Zuschlag für ein Autokino auf dem Heiligengeistfeld bekommen. Anfang Juni geht es los. Hamburg Messe-Chef Bernd Aufderheide möchte gemeinsam mit Home United auf dem Messegelände starten. Das Abaton plant gemeinsam mit dem Konzertveranstalter Karsten Jahnke eins in Steinwerder – und gibt sich zuversichtlich schon Anfang Juni starten zu können. Das mobile Kino Flexibles Flimmern und Weischer Media haben auch reges Interesse. Wer hat noch nicht? Wer möchte noch?

Vergleichsweise bescheiden kommt das Autokino-Programm im Oberhafenquartier daher: Seit Anfang Mai bietet der Kulturladen Hamm und die Film Fabrique dort das erste Autokino-Erlebnis an. Das gibt es zwar schon seit 2015, aber zuvor eben nur in Hamm. Nun wird in der HafenCity gemeinsam geschaut – und das in Corona-Zeiten. Da ist auch einem kleinen Projekt wie diesem die Aufmerksamkeit sicher. Nur 30 Stellplätze bieten die Veranstalter an. Das erzeugt eine kuschelige Atmosphäre. Nach nur einer Stunde waren alle Karten ausverkauft. SZENE HAMBURG-Grafikerin Julia Kleinwächter war am Premierenabend (9. Mai) dabei – und berichtet von einem ganz besonderen Erlebnis. Zu sehen gab es den Mysterythriller „Bad Times at the El Royale“.

In Hamburg gab es von 1976 bis 2003 bereits ein Autokino. Es stand in Billbrook, jenem vernachlässigten Industriegebiet hinter Rothenburgsort, über das SZENE HAMBURG in der Ausgabe 4/2020 berichtete. Seinerzeit musste das Kino aufgrund verschärfter Umweltauflagen schließen. Gase drangen vom Boden an die Oberfläche. Eine Sanierung des Geländes war zu kostspielig.

 

Kollektive Träume

 

Der Wunsch der Menschen, wieder gemeinsam im Kino einen Film zu erleben, statt diesen nur zu Hause zu sehen, wird von Tag zu Tag größer. Viele sehnen sich nach dem echten, dem einzig wahren, dem fast sakralen Filmerlebnis, das nur in einem Kino möglich ist. Voller Vorfreude wird der Moment erwartet, an dem die Lichter – im positiven Sinne – ausgehen, sich der Vorhang öffnet und man sich umgeben von der Dunkelheit in anderen Welten, längst vergangenen Zeiten und faszinierenden Geschichten verliert, die in ihrer Dichte und Erhabenheit größer und intimer sind als das Leben selbst.

Einige spannende Filme sind bereits in der Pipeline: Christian Petzolds „Undine“, Burhan Qurbanis „Berlin Alexanderplatz“ – und der Film, der geradezu wie ein Heilsbringer erwartet wird: der Science-Fiction-Thriller „Tenet“ von Christopher Nolan („The Dark Knight“, „Inception“). Nolan denkt gar nicht erst daran, seinen Film zu verschieben und die Kinos untergehen zu lassen. Er setzt Corona das Beste entgegen, was Hollywood zu bieten hat: den Stoff, aus dem die Träume sind. Und den gibt es nur im Kino.


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Hamburger des Monats: Sozialarbeiter Philipp von Dewitz

Der Lockdown trifft viele Familien hart. Philipp von Dewitz von „Auf Kurs Jugendhilfe“ betreut Kinder und Jugendliche, die auch ohne Corona unter schwierigen Bedingungen aufwachsen. Ein Gespräch mit dem 29-jährigen Sozialarbeiter über Systemsprenger, die akute Lage in den Familien und solidarisches Klatschen in Winterhude

Interview: Matthias Greulich

 

SZENE HAMBURG: Philipp, wie arbeitest du momentan?

Philipp von Dewitz: Relativ normal. Mittler­weile hat sich im Alltag eine Krisenroutine eingestellt. Ich kann da aber nicht für alle Sozialarbeiter sprechen, sondern nur für meinen Bereich, der Jugend und Familienhilfe bei Auf Kurs Jugendhilfe. Ich bin allerdings nicht mehr mit den Öffis, sondern rund 40 Kilometer täglich mit dem Rad beruflich unterwegs.

Du betreust einzelne Kinder und Jugendliche, die du Corona-bedingt schwer zu Hause besuchen kannst.

Wir vermeiden es momentan, in die Wohnungen zu gehen. Wir versuchen, mit den Familienmitgliedern einzeln zu sprechen. Ganz viel findet momentan draußen statt. Es gibt aber auch Fälle, in denen das nicht funktioniert. Wenn es Kontrollaufträge vom Jugendamt gibt, wo geschaut werden muss, wie die Bedingungen für die Kinder in der Wohnung sind.

Wie ist dein Eindruck zur Lage in den Familien?

Ambivalent. Ich bin teilweise be­geistert, weil ich das Gefühl habe, dass die Krise Leute zusammenbringt. Es gibt einen gemeinsamen Gegner, so­ dass andere Probleme in den Hinter­grund rücken. Andererseits verschärfen sich bestehende Konflikte. Besonders um das Thema Schule, bei dem es oft kracht. Dazu kommt die räumliche Enge. Und es fallen Bezugspersonen wie Großeltern weg.

Du arbeitest in unterschiedlichen Stadtteilen wie Farmsen, Steilshoop, Rahlstedt, Billstedt oder Wilhelmsburg. Sind Menschen in sozial schwächeren Stadtteilen stärker von der Krise betroffen?

Ich befürchte, dass sich Ungleich­heiten in dieser Zeit eher manifestieren. Im Bereich materielle Versorgung sehe ich mehr Not und auch im Bereich Bildung. In Familien gibt es teilweise nicht die benötigte Ausstattung. Es fehlen Laptops und Drucker. Und pädagogisch sind viele Eltern überfordert.

Die Unterstützung von Behörden und Schulen ist da sehr unterschiedlich. Da gibt es gerade an den Schulen Licht und Schatten. Ich habe beides erlebt.

Viele befürchten, dass Fälle häuslicher Gewalt zunehmen.

Die Frage ist: Was passiert gerade, was wir nicht sehen? Ich habe eine aktuelle Statistik gelesen, dass es bundesweit bei 43 Prozent der Jugendämter einen deutlichen Rückgang von Meldungen im Bereich Kinderschutz gibt. Das liegt daran, dass die Hauptmelder Schule und Kita gerade in großen Fällen wegfallen.

Deshalb befürchten wir, dass es krasse Nachwirkungen von Sachen, die erst nachher rauskommen, geben wird. Gerade in diesen Grenzbereichen, wo sich Leute jetzt aus Hilfesystemen zurück­ziehen. Normalerweise gibt es eigentlich ein gut funktionierendes System im Kinderschutz. Nach krassen Fällen, wo nicht hingeschaut wurde, als Kinder zu Tode gekommen sind, wurde viel getan.

Auf Netflix läuft der Film „Systemsprenger“. Muss man sich deine Arbeit mit schwierigen Jugendlichen ähnlich vorstellen?

Der Film gibt aus meiner Sicht einen richtig guten Einblick in den Alltag von Pädagogik. Das Coole ist, dass es für mich einen hohen Wiedererkennungswert hat. Man denkt sich: „Ja, das kenne ich!“ Die Protagonistin ist eine sehr gelungene Blaupause für Jugendliche, die aus dem System fallen. Das sind aber Einzelfälle. Nicht jeder Jugendliche, der schwierig ist, fällt aus dem System.

 

„Ich gehe mit der Haltung zur Arbeit, dass der Mensch erst mal gut ist“

 

Deine Sprache hat mit der Fachsprache der Sozialarbeiter wohltuend wenig Ähnlichkeiten.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es wenig Wert hat, wenn mich die, um die es geht, nicht verstehen. Die meisten Leute, auf die ich treffe, sind Jugendhilfe­erfahren. Sie sind selber Profis. Ein 16­-Jähriger hat die Vokabeln teilweise besser drauf als ich, wenn er schon mal in einer Wohngruppe oder Suchtberatung war. Der lässt sich von mir nicht täuschen. Es geht aber nicht darum, dass ich da jetzt einen auf Ju­gendsprache mache. Ich versuche, als Erwachsener mit den Jugendlichen zu sprechen.

Wie hat dich der Job verändert?

Man wird ein bisschen wertschät­zender gegenüber anderen. Ich bin im­mer noch idealistisch in Bezug auf mein Menschenbild. Ich gehe mit der Haltung zur Arbeit, dass der Mensch erst mal gut ist und für sich ein gutes Leben anstrebt.

Das stützt die These des Historikers Rutger Bregman. In seinem Buch „Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit“ schreibt er, dass beim berühmten Stanford-Prison-Experiment nicht seriös gearbeitet wurde. Die Erkenntnisse, dass sich Menschen unter bestimmten Bedingungen zu Sadisten verwandelten, sei daher mit Vorsicht zu genießen.

Ich glaube, wenn man für Jugendliche künstliche Szenarien kreiert, wo man mit einem Anreiz wedelt und sagt: „Du kriegst einen Mercedes­ AMG oder deine Mutter und du habt weniger Streit“, dann würden viele sagen: „Ich nehm’ den AMG.“ Meine Erfahrung zeigt aber schon, dass es bei allem Geprolle und Gehabe doch bei den Jugendlichen darum geht, Anerkennung zu kriegen und Nähe zu Bezugspersonen zu erleben.

Wenn wir ganz allgemein von Wertschätzung reden: Steigt das Ansehen von sozialer Arbeit gerade?

Ich glaube ja. Es ist gerade ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür entstanden, wem man zu Dank verpflichtet ist. Das ist gerade ein Phänomen. Die Sozialarbeiter kommen zwar relativ weit hinten nach Ärzten und Kassiere­ rinnen. Aber immerhin.

Ist das nur ein Hype oder wird das anhalten?

Ich denke, es ist gerade eine sehr prägende Zeit für Leute, daher glaube ich, dass es schon anhalten kann. Es wird im Gedächtnis bleiben und ein bisschen mehr Solidarität übrig bleiben. Gleichzeitig bin ich eher Teil der Fraktion, die sagt, wenn meine Frau geschafft von ihrer Arbeit als Krankenschwester auf der Intensivstation nach Hause kommt und weiterhin wenig Wertschätzung in Form von monetärer Anerkennung bekommt, dann hilft ihr das nicht, wenn in Winterhude jemand klatscht.

Auf Kurs Jugendhilfe: Maimoorweg 52 (Bramfeld)


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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