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Plädoyer für ein Grundrecht: Meinungsfreiheit

„Die Freiheit der Rede hat den Nachteil, dass immer wieder Dummes, Hässliches und Bösartiges gesagt wird. Wenn wir aber alles in allem nehmen, sind wir doch eher bereit, uns damit abzufinden, als sie abzuschaffen.“ Winston Churchill

Text: Markus Gölzer

 

Meinungen. Immer Meinungen. Kein Thema ist zu groß oder zu klein, als dass nicht irgendwer eine Meinung dazu hätte. Eine isst Königsberger Klopse dogmatisch nur mit Reis, ihr Freund schwört auf Kartoffeln. Nicht gerade beim Koran, aber doch bei der Kochkunst seiner Mutter. Der Maskengegner spreadet frei vor sich hin und versteht nicht, warum man ihm nicht seine Meinung lässt. Die anderen Fahrgäste im überfüllten Bus verstehen nicht, warum er das nicht versteht. Was alle Meinungen verbindet, ist, dass sie ein persönliches Werturteil sind. Ein ganz besonders wertvolles noch dazu, da es vom Grundgesetz geschützt ist.

Früher war alles einfacher. Auch die Meinungsbildung. Es gab nur eine Meinung – die der Herrschenden. Alles andere fiel unter die Zensur, bei der das Falsche schon im Begriff liegt. „Zensur“ leitet sich vom „Censor“ ab, einem hohen Beamten des Römischen Reiches. Der Censor führte die Volks- und Vermögenschätzung, den Census, durch und überwachte die guten Sitten. Er wollte hauptberuflich an das Geld der Leute. Was sie verzapften, war ihm egal, so lang es kein Schweinkram war. Auch wenn in der Antike nicht nach unseren Vorstellungen zensiert wurde, gab es keine Meinungsfreiheit. Es galt: Über den Kaiser macht man keine Witze. Wer anderer Meinung war, war es nicht lange. Er wurde hingerichtet. Wer im Verdacht stand, erst recht.

 

„Die freie Äußerung von Gedanken und Meinungen ist eines der kostbarsten Menschenrechte.“ Aus Artikel 11 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung 1789

 

Jahrtausende lang hatten die Herrschenden immer recht, und wem würde das nicht gefallen? Dann kam mit der Französischen Revolution die Meinungsfreiheit. Und damit erst mal keine Erfolgsstory. Von Napoleon über Bismarck bis Hitler und Konsorten taten die Mächtigen alles, um der freien Meinung den Garaus zu machen. Beziehungsweise dem, der sie verbreitete. Erst mit Inkrafttreten des Grundgesetzes 1949 wurde jedem zugestanden, zu allem seinen Senf dazuzugeben. Was für ein Fortschritt, nachdem man seit Menschengedenken ständig Gefahr lief, sich um Kopf und Kragen zu reden.

Es gibt wohl kein Grundrecht, das sich im Alltag so positiv bemerkbar macht wie die Meinungsfreiheit. Laut Verfassungsgericht ist das Wesensmerkmal einer Meinung, dass sie sich „nicht als wahr oder unwahr erweisen lasse“. Man kann meinen, was man will, seine Meinung ständig ändern. Meinungsfreiheit ist keine Einbahnstraße, es herrscht brutaler Gegenverkehr. Man hat keine Meinung um der Meinung willen, man glaubt an sie und kämpft für sie.

Das Gespräch am romantischen Pärchenabend verläuft etwas zäh? Einfach ein altes Streitthema aufgreifen, und Unterhaltung ist garantiert. Ob man recht bekommt oder nicht – die Gegenargumente haben die eigenen geschärft. Auch wenn man in seinem Innersten natürlich weiß, dass man recht hatte. Das Einzige, was uns kahlrasierte Viecher vom Rest der Tierwelt unterscheidet, ist die eigene Meinung. Gedanken und Gefühle nicht aussprechen zu dürfen, ist unmenschlich.

Ohne Meinungsfreiheit kein Fortschritt: Der Mensch muss Standpunkte diskutieren und verwerfen dürfen, um voranzukommen. Das ist die Kraft der Wissenschaft. Wie schwierig muss die Erforschung des neuartigen Covid-19-Virus unter den Augen einer Öffentlichkeit sein, die immer zorniger endgültige Erkenntnisse einfordert. Eine neue Position ist kein Fehler. Eine zementierte schon. Aber was machen, wenn die andere Meinung so von der eigenen abweicht, dass es wehtut? Die Frontlinien der Hildmanns und Trumps dieser Welt laufen quer durch Familien. Hier kann man es mit Voltaires berühmtesten Zitat halten, dass nicht von ihm ist, aber immerhin von seiner Biografin Beatrice Evelyn Hall: „Ich hasse, was du sagst, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass du es sagen kannst.“ Kontrovers-Kultur statt Cancel Culture! Allerdings nur so lange, bis der böse Ismus von Antisemitismus über Sexismus bis Rassismus ins Spiel kommt. Dann locker die Gelbe Karte überspringen, die Rote gezückt und Sperre. Oder sperren lassen durch ein offenes Wort mit der Personalabteilung. Hater können weg.


Cover_SZ1020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2020. Das Magazin ist seit dem 27. September 2020 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Corona-Pandemie: Wie geht es der Hamburger Kultur?

Die Corona-Pandemie hat die Kulturlandschaft hart getroffen. Wie geht es weiter? Trotz Wiedereröffnung sind die Akteure zermürbt von Existensängsten. Zugleich kämpfen sie unermüdlich, damit es weitergeht. Eine Stimmung, zerrissen zwischen Optimismus und Verzweiflung. Vier Protagonisten aus der Szene berichten

Text: Ulrich Thiele

 

Überlebenskampf der Clubszene

Der Anblick des leeren Clubs versetze ihm jedes Mal einen Stich, sagt Constantin von Twickel beim Eintreten. Er setzt sich an den Tresen im Nochtspeicher, stellt zwei Wasserflaschen auf den Tisch und atmet erst einmal durch. Es ist brüllend heiß an diesem Freitagnachmittag, heute hat sich Twickel endlich mal einen Tag frei genommen. Er ist künstlerischer Leiter des Nochtspeicher und der Nochtwache und engagiert sich ehrenamtlich in den Vorständen des Clubkombinat Hamburg, einem Zusammenschluss von Clubbetreibern, Veranstaltern, Bookern und Agenturen, und der dazugehörigen Clubstiftung. Die letzten Wochen und Tage waren für ihn vollgepackt mit Gesprächen mit der Kulturbehörde und den Vorbereitungen für den September, wenn der Betrieb eingeschränkt wieder losgeht. Seinen ersten Corona-bedingten Ausfall hatte der Nochtspeicher bereits am 10. März.

Der britische Musiker und Autor Billy Bragg hatte seine Lesetour abgesagt. Am 13. März, also noch vor den behördlichen Anordnungen, stellte der Nochtspeicher freiwillig den Betrieb ein – wie so viele Clubs in Hamburg, die schon früh der Eindämmung des Virus höchste Priorität verliehen. „Wir kämpfen alle hart ums Überleben“, sagt Twickel. Der Nochtspeicher hat Glück im Unglück. Zum einen, weil die Hamburger Kulturbehörde schnell und engagiert auf die Krise reagierte. Zum anderen, weil er zu den förderberechtigten Clubs gehört, die die Corona-Soforthilfe der Kulturbehörde für anerkannte Live-Musik- Kulturstätten in Anspruch nehmen konnten.

Dafür mussten einige Kriterien erfüllt werden: Der Club musste unter anderem eine Mindestanzahl von vergangenen Veranstaltungen im Monat vorweisen und Gema-Zahlungen geleistet haben. Zwischen 50 und 60 Musikclubs erfüllen diese Kriterien, viele andere nicht. Selbst Clubs, die förderberechtigt waren, erhielten die Hilfe nicht, weil sie noch zu viele eigene Rücklagen hatten, die sie zuerst aufbrauchen sollten. Vergangenes Jahr hat der Nochtspeicher seit seiner Gründung 2013 zum ersten Mal überhaupt Gewinn gemacht. Der Club wurde also all die Jahre sowieso schon mit schmalem Budget betrieben, was hohen persönlichen Einsatz der Macher einforderte. Und viele Rücklagen konnte Twickel so natürlich nicht bilden, die wenigen sind inzwischen ohnehin aufgebraucht. Immerhin konnte er im Lockdown die laufenden Kosten um die Hälfte auf 20.000 Euro senken. Doch bereits im März konnte Twickel die knapp 30 Minijobber, die er beschäftigt und die nicht unter das Kurzarbeitergesetz fallen, kaum bezahlen. Denn innerhalb der ersten zwei Wochen des Lockdowns sind bereits 100 Veranstaltungen ausgefallen oder verschoben worden.

Sicherheitsabstand im Zuschauerraum vom Altonaer Theater. (Foto: Szene Hamburg)

Als die Behörde am 1. Juli die Verordnung zur Wiederaufnahme des Kulturbetriebs veröffentlichte, waren die Clubs davon noch ausgeschlossen. Ab dem 1. September dürfen auch sie einen reduzierten Betrieb aufnehmen. „Wir adaptieren das Szenario der Gastronomie“, erzählt Twickel. Eröffnet wird im Stil eines Jazzclubs, mit runden Tischen für vier Personen und Lämpchen. Rund 60 Gäste finden so Platz auf der 185 Quadratmeter großen Fläche. Es wird einen Tischservice geben, damit die Gäste nur aufstehen, wenn sie auf die Toilette müssen. Drei Konzerte sind unter diesen Bedingungen im September geplant, hinzu kommen Veranstaltungen im Rahmen des Reeperbahn Festivals. Irgendwas kann allerdings immer dazwischen kommen, je nach Lage. Momentan steigt die Zahl der Infizierten wieder. „Wir versuchen, das Unplanbare zu planen“, sagt Twickel. Das inkludiert auch Verschiebungen. Der geplante Ersatztermin im September für die Lesung von Billy Bragg musste abermals verschoben werden.

Dennoch: Bis zum 31.12. ist das Überleben gesichert, bis dann steht der Nochtspeicher unter dem Club-Rettungsschirm der Kulturbehörde. Der reduzierte Betrieb ab September wird über eine Fehlbedarfsförderung finanziert. Die Differenz zwischen den Kosten und den Einnahmen durch die Konzerte wird vom Staat übernommen, zu etwa 20 Prozent vom Land Hamburg, zu 80 Prozent aus Bundesmitteln. Insgesamt 1,5 Millionen Euro werden den förderberechtigten Clubs zur Verfügung gestellt. Auch wenn nicht viel erwirtschaftet werden wird, ist es dennoch eine Entlastung der staatlichen Töpfe. Und die ist notwendig, wenn man bedenkt, welche Ausgaben auf die Behörde zukommen. Es gibt beispielsweise Fördergelder für Clubs mit alten Lüftungsanlagen, damit sie ihre Räume pandemiegerecht umgestalten können. Bis zum 31. Oktober gibt es außerdem einen Topf für die Outdoor-Initiative, die das Clubkombinat und die Clubstiftung zusammen mit der Kulturbehörde erwirkt haben.

Aber es ist verworren, niemand kann gleichzeitig aus mehreren Töpfen Summen beziehen: Wer im September draußen Veranstaltungen macht und dafür eine Fördersumme bewilligt kriegt, kriegt nicht noch zusätzlich etwas für die Indoor-Veranstaltungen. So oder so: „Es ist ein Wettlauf mit der Zeit“, sagt Twickel, irgendwann sind die Töpfe eben leer. Viele kleinere Läden werden vermutlich gar nicht erst öffnen, weil es für sie nicht lohnt, wenn nur für zehn Menschen Platz ist. Und nicht alle Clubs werden diese Krise überleben. „Da muss man gar nicht drum herum reden“, so Twickel. Manche wird es finanziell treffen, manche werden entkräftet hinschmeißen, vermutet er. Was in diesen Zeiten ganz deutlich wird, ist, wie verwoben die unterschiedlichsten Branchen miteinander sind. Es ist wie ein Ökosystem: Die Leute gehen erst ins Restaurant, dann zum Beispiel in den Nochtspeicher aufs Konzert und anschließend nebenan in die Washington Bar.

 

„Scheiße, jetzt geht’s an die Substanz“ (Constantin von Twickel)

 

Twickel fasst die Bedeutung für Hamburgs Szene in einem Bild zusammen: „Wenn etwas aus diesem Kreislauf wegfällt, dann ist das so, als würde ein Tintenfisch einen Arm verlieren, bis er sich irgendwann nicht mehr fortbewegen kann.“ Er glaubt, dass einige Bars und Kneipen nicht überleben werden, weil sie keine Unterstützung kriegen. Denn die Bars unterstehen nicht der Kulturbehörde, sondern der Wirtschaftsbehörde. Auch wenn die Kulturszene sich von ihrer Behörde unterstützt fühlt, das Überleben kurzfristig gesichert ist, kommen enorme Schwierigkeiten auf die Branche zu. Denn unwegsame Faktoren spielen auch eine Rolle:

Kommen im September überhaupt Besucher, oder sind die Menschen gehemmt? Und wie sollen sich langfristig überregionale Tourneen von Künstlern realisieren lassen? Braucht es nicht zusätzlich Alternativkonzepte? Twickel: „Ich habe schon überlegt, ob man Schulen tagsüber den Raum zur Verfügung stellen könnte.“ Schließlich hätten diese gerade das Problem, zu kleine Klassenräume zu haben. Aber auch da gäbe es viel bürokratischen Behördenaufwand, um eine Genehmigung zu erhalten. Überhaupt sei das Bürokratische bisweilen hemmend. Vor einigen Monaten sammelte die Clubstiftung in der Spendenaktion „Save our Sounds“ 174.000 Euro ein. Dafür brauchte sie zunächst eine Sondergenehmigung der Finanzbehörde, um die Spenden ausschütten zu können. Ansonsten hätte die Stiftung ihre Gemeinnützigkeit verloren.

„Das war heikel. Das Geld musste eingefroren werden, einen Teil hatten wir schon verteilt, das musste zurücküberwiesen werden.“ Inzwischen sind die Gelder von einem unabhängigen Gremium und nach einem Schlüssel verteilt worden. Für Twickel gilt, was für alle gilt: Das Berühmte auf Sicht fahren. Abwarten und hoffen, dass das Horrorszenario nicht eintritt. „Ein zweiter Lockdown? Dann wäre Schicht“, sagt er. Ob er noch einmal psychisch die Kraft aufbringen könnte, durch einen Lockdown zu gehen, bezweifelt er. „Wir hatten alle unsere Tiefs, ich auch“, sagt er, „Am Anfang war ich noch voller Tatendrang. Als ich aber gemerkt habe, dass die Krise länger andauern wird, habe ich schon gedacht: Scheiße, jetzt geht’s an die Substanz.“ Doch nicht nur Clubbetreiber haben es aktuell besonders schwer, auch die, die von der Veranstaltungsbranche abhängig sind wie Toningenieure oder Caterer.

Zermürbung in der Kreativwirtschaft

„Die Lage ist überaus desolat“, sagt Egbert Rühl, Geschäftsführer der Hamburg Kreativ Gesellschaft. „Hope is everywhere“, steht auf einer Postkarte, die neben der Tür im Konferenzraum der städtischen Einrichtung in der Hongkongstraße hängt. Seit 2010 ist sie eine wichtige Anlaufstelle für die Kreativen der Stadt. Individuelle Beratung, Vorträge und Workshops stehen unter anderem auf dem Programm, um ihre Belange zu fördern. „Unsere Klienten leiden unter zermürbenden Existenzängsten“, sagt Rühl. Gerade zu Beginn der Krise sei die Verunsicherung groß gewesen, weshalb die Kreativ Gesellschaft eine Service-Hotline einführte. Die Nachfrage war hoch. Von Mitte März bis Ende April wurden rund 500 Beratungsgespräche geführt. Die häufigsten Fragen: Wo kann ich den Antrag für die Soforthilfen von Bund und Ländern stellen? Wie erhalte ich eine Grundsicherung? Ich befinde mich noch in der Ausbildung – bin ich antragsberechtigt? Dabei wurden erste Probleme sichtbar, denn die Hamburgische Investitions- und Förderbank (IFB), die für die Soforthilfen zuständig ist, fragte die Liquiditätsengpässe für die Monate März bis Mai 2020 ab.

 

„Der Staat hat enorm schnell und effektiv reagiert“ (Egbert Rühl)

 

Dabei erhielten viele Selbstständige in dieser Phase noch Zahlungen für kürzlich abgeschlossene Projekte. Der Corona-bedingte Engpass stand zu dem Zeitpunkt also erst noch bevor. „Grundsätzlich hat der Staat auf Bundes- und Landesebene enorm schnell und effektiv reagiert“, sagt Rühl. „In den Details sehen wir aber kritische Punkte.“ Einer dieser Punkte ist, dass Solo-Selbstständige und Freiberufler nur ihre Betriebskosten über den Rettungsschirm kompensieren können. Nicht aber ihr fehlendes Einkommen, dieses muss beim Arbeitsamt als Grundsicherung (Arbeitslosengeld II) beantragt werden. Das heißt: Solo-Selbstständige und Freiberufler können ihr Einkommen nicht geltend machen. „Wir haben unseren Klienten in den letzten zehn Jahren immer wieder gesagt, dass sie sich auch als Akteure des Wirtschaftslebens verstehen sollen“, sagt Rühl. Maler oder Schauspieler seien eben auch Unternehmer.

„Im Moment der Krise gibt die Politik ihnen aber zu verstehen, euer Einkommen ist keine Betriebsausgabe.“ Im Gegensatz zu Unternehmen, für die die Löhne der Angestellten zu den Betriebsausgaben gehören, also unternehmerisch bewertet und innerhalb der Rettungsmaßnahmen bezuschusst werden, rutschen Solo-Selbständige in das Sozialsystem, indem sie Grundsicherung beantragen müssen, um ihren Betrieb weiter fortführen zu können. Auch in Hamburg hieß es für Solo-Selbständige also von Anfang an: Betriebskosten aus den Rettungsschirmen, das eigene Einkommen aus der Grundsicherung – bei gleichzeitiger Senkung der Hürden zum Zugang zur Grundsicherung. In manchen Fällen können sogar die Mietkosten für die Wohnung über die Grundsicherung erstattet werden. „Es gab auch Hinweise von der Politik, dass man als Kreativer – wenn man geschickt ist – über die Grundsicherung mehr Geld bekommen kann, als wenn man seinen Unternehmerlohn in den Rettungsschirmen beantragt – das zeigt, dass die Programme zu Beginn noch nicht feinjustiert waren.“

Dennoch findet Rühl: „Grundsätzlich hat der Staat früh an Kreativselbstständige gedacht und es war gut, dass die Bürokratie versucht hat, das schnell umzusetzen. Dass die Dinge nicht immer bis zum Ende durchdacht sein können, ist eine unvermeidbare Kinderkrankheit.“ Dazu gehört auch zum Beispiel die „Mietstundung“. Der Senat verkündete: Wer Mieter eines städtischen Gewerbeimmobilienvermieters ist, kann seine Mieten bei diesem städtischen Vermieter stunden. Doch bei der Beantragung von Geldern aus dem Rettungsschirm, ist die Miete ein erheblicher Anteil davon. Also stellte sich die Frage, lieber die Miete stunden und nicht bei seinen Betriebskosten einberechnen? Oder sie nicht stunden, und diese im Rahmen des Rettungsschirms geltend machen? Zudem gab es eine Verordnung der Kulturbehörde, nach der zusätzliche Mittel von der Kulturbehörde nur dann bezogen werden können, wenn man seine Miete gestundet hat.

 

„Es gehört zur Natur der Kreativen, weiter zukämpfen“ (Egbert Rühl)

 

Inzwischen räume der Staat auf, die Programme würden ausdifferenzierter, auch auf Bundesebene. Auch stelle er jetzt Rückforderungen, weil im Nachhinein überprüft werde, ob alles ordnungsgemäß war, berichtet Rühl. „Ich nehme eine gewisse Verzweifl ung bei unseren Klienten wahr, und zugleich eine Bereitschaft , das irgendwie durchzustehen“, erzählt Rühl. „Aber es ist ungeheuer zermürbend.“ Die Zermürbung hänge auch mit der unsicheren Zukunft zusammen. Der Blick in die Zukunft reiche laut Rühl gerade mal von Woche zu Woche. Alles hängt davon ab, wie sich die Fallzahlen entwickeln und wann der Impfstoff flächendeckend bereitsteht. Eine Antwort darauf gibt es nicht, Prognosen sind reine Spekulation. Eine vorsichtige Prognose äußert Rühl aber doch: „Momentan ist der Tenor, dass wir das Virus eindämmen müssen – und das ist auch richtig, keine Frage. Aber es führt auf ökonomischer und künstlerischer Seite zu so massiven Verlusten, dass man über Alternativen nachdenken muss – wobei ich nicht weiß, wohin dieses Denken führt.“ In Richtung Herdenimmunität?

Rühl stöhnt ratlos auf. „Egal in welche Richtung das Denken geht, es wird sofort sehr schwierig. Man weiß nicht, wann oder ob der Impfstoff kommt. Niemand weiß es. Es ist ein Desaster“, sagt er und lacht. Gut, dass ihm das Lachen noch nicht im Halse stecken bleibt. „Es bleibt uns nichts anderes übrig“, meint Rühl. „Das ist schon eine fatalistische Haltung, denn diese Situation betrifft uns alle und es gibt niemanden, gegen den wir unsere Wut, so wir denn eine haben, richten können. Das Virus ist ja nicht menschengemacht.“ Im Grunde ist nichts sicher. Nur, dass ein weiterer Lockdown nicht passieren darf. Rühl: „Einen zweiten Lockdown für weitere drei Monate werden nur wenige überleben.“ Politisch stelle sich dann auch die Frage, inwieweit und wie lang ein Staat die Institutionen und Unternehmen noch über den Berg bringen kann, wenn sie selbst nichts einnehmen. Denn ewig kann die Subventionsmaschine nicht am Laufen gehalten werden.

„Wenn die Rahmenbedingungen wieder verschärft werden, verlieren alle die Perspektive“, erzählt Rühl. „Ich habe für diesen Zustand dann keine Begriffe mehr.“ Die Klienten seien zwar zermürbt, aber noch nicht so weit, dass sie Alles hinschmeißen wollen, denn „es gehört zur Natur der Kreativen, weiterzukämpfen und Alternativen zu entwickeln“.

Nach dem Stillstand geht am 3. September auch im B-Movie Kino der Betrieb wieder los. (Foto: Szene Hamburg)

 

Eine Dystopie für die Kinobranche

Auch die Kinobranche hat die Krise hart getroffen. Der Hauptverband Deutscher Filmtheater spricht von einem Umsatzrückgang von 80 Prozent im Vergleich zum vergangenen Jahr. Hans-Joachim Flebbe, Betreiber der ASTOR Film Lounge und des Savoy, macht aus der desaströsen Lage keinen Hehl: „Ich habe zwei Perspektiven für die Kinolandschaft im nächsten Jahr. Die eine ist schlimm, die andere ist ganz schlimm“, erzählt er am Telefon. Zunächst die schlimme: Flebbe geht davon aus, dass die Besucherzahlen sich um mindestens 25 bis 30 Prozent gegenüber dem Jahr 2019 verschlechtern werden.

Die bisherige Benchmark lag in den vergangenen Jahren bei 120 Millionen Kinobesucher pro Jahr in Deutschland. Diese Zahl werde wohl nie wieder erreicht werden, befürchtet Flebbe. Im nächsten Jahr geht er eher von maximal 80 bis 90 Millionen aus. „Das wird für viele Kinos sehr eng, es sei denn, der Staat erklärt sich doch noch bereit, größere Kompensationszahlungen zu leisten.“ Flebbe betreibt deutschlandweit Kinos, die sehr unterschiedlich staatlich subventioniert werden. In Niedersachsen etwa sei bisher keine Hilfe gekommen, dem Kino fehle es schlichtweg an Lobbyarbeit: „Es herrscht eine Ungleichbehandlung, die mich wütend macht.“ Hamburg habe noch Glück, die Kulturbehörde zeige Verständnis und die Hansestadt gehöre zu den wenigen Bundesländern, die auf ihre Kinokultur Wert legen. Flebbe hat von der Kulturbehörde je 50.000 Euro Hilfe für die ASTOR Film Lounge in der HafenCity und das Savoy erhalten. Das ist zwar nur ein kleiner Ersatz für mehrere Monate Stillstand, die Verluste bleiben. Aber immerhin helfen die Summen, die Last der Fixkosten abzumildern.

Die Phase der Stilllegung hat länger gedauert als gedacht, und die Zuschauer kehren nicht in gleicher Form zurück wie vor der Krise, wie man derzeit sieht. Viele haben Angst, zudem ist die Filmauswahl überschaubar, was das Wiederanlaufen erschwert. Selbst die eingeschränkte Auslastung von 25 Prozent, die die Abstandregelung von 1,50 Meter erreicht, reicht nicht für ausverkaufte Vorstellungen. Die ASTOR Film Lounge in der HafenCity hat erst vor Kurzem geöffnet, da die Verluste unter diesen Bedingungen in geschlossenem Modus niedriger waren. Das Savoy hat mit Klassikern von Stanley Kubrick und Quentin Tarantino wieder eröffnet. Kostendeckend läuft das natürlich nicht, aber die Verluste seien überschaubar, sagt Flebbe. Der größte Einschnitt, der die Kinolandschaft langfristig prägen wird, liegt im Siegeszug der Streamingdienste, den die Corona-Krise vorangetrieben hat. Zugespitzt formuliert: Wer vorher noch kein Netflix-Abo hatte, hat spätestens jetzt eins. Dadurch wird der Druck auf die Kinos noch größer.

 

„Man muss demütig sein, angesichts der Lage“ (Hans-Joachim Flebbe)

 

Die Abstandsregelung führt dazu, dass die Verleiher andere Wege suchen, um ihre Filme zu vertreiben – eben Streamingdienste. Das habe Spätfolgen, denn wenn es gut funktioniert hat, werden sie weiterhin auf Streaming setzen, befürchtet Flebbe. Hinzu kommt die neue Hiobsbotschaft, dass das Universal Studio in Nordamerika dazu übergeht, das exklusive Auswertungsfenster der Kinos von drei bis vier Monaten auf 17 Tage zu reduzieren. Und damit wären wir bei Flebbes ganz schlimmer Prognose: „Ich befürchte, wenn das exklusive Fenster fällt, wird mindestens die Hälfte aller Kinos überflüssig und das Geschäftsmodell Kino „Man muss demütig sein, angesichts der Lage“ (Hans-Joachim Flebbe) wird sich auf wenige Premiumkinos reduzieren, die ein besonderes Ausgeherlebnis für Kinoliebhaber anbieten.“ Derzeit gebe es so viele Probleme, dass er von Baustelle zu Baustelle blicken müsse. Der erste Schritt muss laut Flebbe in der Reduzierung der Abstandsregelung für Kinos gelten, um den Verleihern genügend Kapazitäten für eine Kinoauswertung zu geben.

In Nordrhein-Westfahlen, Berlin und anderen Ländern wie der Schweiz, Österreich und Frankreich ist die Abstandsregelung für Kinos bereits auf einen Meter herabgesetzt. Damit ist zumindest eine Auslastung von 50 bis 60 Prozent möglich, die das Kino für die Vertreiber wieder attraktiver macht. In Hamburg ist das noch nicht der Fall (Stand 21.8.2020). Die diesbezüglichen Gespräche mit Kultursenator Carsten Brosda liefen aber gut, berichtet Flebbe. Es gibt gute Gründe für eine Änderung der Regelung. Eine Untersuchung der TU Berlin hat ergeben, dass die Ansteckungsgefahr im Büro höher ist als im Kino. Die Charité hat diese Aussage bestätigt. Im Kinosaal ist die Ansteckungsgefahr gering, weil man in der Regel sitzt, nicht redet und es keinen Auswurf wie im Restaurant gibt. Nicht zu vergessen die Belüftungsanlagen, die so konzipiert sind, dass sie die Luft aus dem Kino gegen Außenluft austauschen. Zudem werden die Kunden im Kino durch Online-Systeme identifiziert.

Wenn also jemand das Virus bei einem Kinobesuch in sich getragen hat, ist dieser leichter zu identifizieren als in Restaurants, wo Gäste falsche Kontaktdaten angeben können. Ein anderer Hoffnungsschimmer, wenn auch nur ein kleiner, ist Christopher Nolans Blockbuster „Tenet“, der vermutlich viele Besucher anzieht. Flebbe rechnet mit einer Million Besucher, damit ist „Tenet“ aber der einzige Filme in absehbarer Zeit, der etwas höhere Zahlen generiert. Deswegen wird sich wohl auch jeder Kinobetreiber auf den Film stürzen. Das heißt, der Kuchen teilt sich auf viele Kinos auf. Flebbe zeigt den Film in der ASTOR Film Lounge zu verschiedenen Uhrzeiten in verschiedenen Sälen, damit er eine Kapazität erreicht, die der Verleiher sich wünscht. Eine Monokultur also, nicht optimal. Doch: „Man muss ja demütig sein, angesichts der Lage.“

 

„Ich bin durch und durch optimistisch“ (Axel Schneider)

 

Optimismus an den Theaterhäusern

Axel Schneiders Blick in die Zukunft ist weitaus heller. „Ich gehe sogar soweit zu sagen, dass ich nicht nur verhalten, sondern durch und durch optimistisch auf die nächste Saison blicke“, sagt er. Im September startet die neue Saison, für Schneider eine große Angelegenheit. Schließlich leitet er vier Privattheater in Hamburg, darunter die Kammerspiele und das Altonaer Theater. Ein Grund für seine gute Stimmung ist der Coup, den er für Letzteres landen konnte. Am 13. September feiert Ferdinand von Schirachs neues Stück „Gott“, in einer Inszenierung von Schneider selbst, Hamburg-Premiere. Wie schon in Schirachs „Terror“ fällt das Publikum am Ende ein Urteil. Schwerer Stoff, aber Schirach ist bekanntlich ein Publikumsmagnet. Schneider will bewusst keine vordergründigen Corona-Themen auf die Bühne bringen. Jetzt sei die Zeit, auch existenzielle Themen zu zeigen. In dem Stück „Die Kinder“ etwa, das am 6. September an den Kammerspielen Premiere feiert, geht es um einen Super-GAU an einer europäischen Küste.

Im Zentrum stehen die Fragen, welchen Preis die Zukunft für unseren heutigen Wohlstand zahlt und welche Verpflichtung wir gegenüber unseren Kindern haben. Natürlich hat das Stück durch die aktuelle Pandemie eine zusätzliche Komponente bekommen. Die Abstände, die auf der Bühne eingehalten werden müssen, seien bei den Proben eine Herausforderung gewesen. Es dürfe nicht verkrampft aussehen, die Maßnahmen mit ironischen Meta-Kommentaren zu unterlaufen, kommt für Schneider nicht in Frage. Der Sketch „Was man beim Bettenkauf beachten sollte“ von Loriot, den Schneider gerne im Altonaer Theater gesehen hätte, ist gar nicht erst umsetzbar – darin liegen vier Darsteller dicht an dicht auf Doppelbetten. Derzeit ist immer wieder von einer zweiten Welle die Rede.

Was ist, wenn es zu einer Rücknahme der Einschränkungen oder gar zu einem zweiten Lockdown kommt? „Das darf nicht passieren. Ganz einfach. Mehr kann ich dazu nicht sagen“, meint Schneider. In der Theaterszene herrsche derzeit eine Aufbruchsstimmung, so Schneiders Eindruck. Auch wenn die kommenden Monate für kleinere Theater schwer werden dürften. Besonders dankbar ist er der Hamburger Kulturbehörde, die eine großartige Hilfe gewesen sei. Und dank des Kurzarbeitergeldes musste Schneider keinen seiner Mitarbeiter entlassen. Die Politik unterstützt die Theater in der Tat reichlich. Die abgesagten Privattheatertage, deren Initiator Schneider ist, werden im kommenden Juni in einer Doppelausgabe nachgeholt, der Bund und die Stadt haben die Finanzierung bereits gesichert. Hinzu kommt die Solidarität des Publikums. Viele Theaterbesucher hätten auf eine Rückerstattung verzichtet, berichtet Schneider. Nun gelte es, den Besuchern glaubhaft zu vermitteln, dass ihre Gesundheit gesichert ist, vor allem dem älteren Publikum, sagt Schneider und klopft drei Mal auf den Tisch.

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Leseempfehlungen: 4 Bücher für die Auszeit

Jetzt ist die Zeit zum Lesen. Sich entspannen und in eine fremde Welt entfliehen geht hervorragend mit diesen vier Büchern

 

Herzklappen von Johnson & Johnson

Vom Theater des Lebens

 

Wie der kanadische Soziologe Erving Goffman schon klarstellte: Wir alle spielen Theater. Das Bild unserer Identität wird auf der Bühne des Lebens sichtbar, wir pflegen unser Image, nur auf der Hinterbühne dürfen wir aus der Rolle fallen. So verhält es sich auch in der Familie der kleinen Alma aus Valerie Fritschs neuem Roman „Herzklappen von Johnson und Johnson“.

herzklappen-fritsch-coverDie Kindheit des Mädchens ist durchsetzt von quälender Sprachlosigkeit, ihre Eltern und Großeltern scheinen eigens für sie Theater zu spielen. Insbesondere ihr Großvater beansprucht das Schweigen für sich: „Der Krieg hatte sein Leben in ein Davor und Danach geteilt.“ Erst im Erwachsenenalter entwickelt Alma eine „späte Liebe“ zu ihrer Großmutter, die das Schweigen der Familie bricht und über die Kriegsverbrechen des Großvaters berichtet.

Alma, inzwischen Ehefrau und Mutter, fasziniert die Leidensgeschichte der Großmutter. Gleichzeitig wächst ihre Sorge, ihr Sohn Emil könnte ebenso kalt und berechnend werden wie der Großvater – zumal Emil mit einem Gendefekt zur Welt kommt, der ihn keinen Schmerz spüren lässt. Wie kann man jemandem, der sich zu Demonstrationszwecken Stifte in den Arm rammt, das Schmerzempfinden anderer Menschen nachvollziehen lassen? Hier setzt sich das Theaterstück auch in der vierten Generation fort: Emil inszeniert, er lernt auswendig und setzt in den passenden Momenten ein schmerzverzerrtes Gesicht auf.

Fritsch besticht mit ihrer altmodischen und lakonischen Sprache. Die von der Grazer Autorin und Fotografin entworfenen Szenen sind wie vergilbte Polaroidfotos, welche die skurrilen Momente mit präzisem Blick umso klarer aufzeigen. Am Ende steht der große Aufbruch bevor, die Suche nach dem Ursprung des Familienschmerzes. Fritsch arbeitet hierbei mit kräftigen, mystischen, teils dystopischen Naturbeschreibungen. „Herzklappen von Johnson & Johnson“ ist ein Buch über Lebensrollen, über Empathie und vererbtes Schweigen. Fritsch selbst wird dabei ihrer Rolle als Schriftstellerin mehr als gerecht – mit eindringlichen Motiven und ungewöhnlichen Sprachbildern. Nach dem Zuklappen möchte man den Roman noch einmal lesen, die Sätze aufsaugen, wie ein Gedicht auswendig lernen und im Geiste nachhallen lassen.

/ Ingrun Gade

Valerie Fritsch: „Herzklappen von Johnson & Johnson“, Suhr- kamp, 174 Seiten

 

Fehlstart

Houellebecqs Erbin?

 

Marion Messinas Debütroman „Fehlstart“ wurde verkaufsfördernd als das neue „Ausweitung der Kampfzone“ angekündigt. Die Berechtigung des Houellebecq-Vergleichs liegt im Thema: die Übertragung der ökonomischen Marktlogik auf andere Lebensbereiche.

fehlstart-coverAurélie ist 18, als erste aus ihrer Familie hat sie das Abitur gemacht. Das Studium entpuppt sich für sie als trostlose Angelegenheit. Aurélie kann sich nicht einfügen, sie beherrscht nicht den Habitus der vergnügungssüchtigen „Bürgerkinder“ mit „netten Gesichtern ohne Zukunftsangst“. Messina beschreibt pointiert und kühl die Anarchie des Wohnungsmarktes, die unterschwelligen Codes des Bürgertums, die zum Bestehen auf dem Arbeitsmarkt gehören, die Lieblosigkeit der Fun-Kultur und die Selbstausbeutung des akademischen Prekariats.

Leider opfert sie im Laufe ihres Romans die Form der politischen Botschaft. Die Analysen werden unmotiviert in die Monologe der Nebenprotagonisten gepresst, die Sprache wird unpräzise, Messina greift auf schwammige Superlative („grenzenlos“) zurück. Die schlafwandlerische Klarheit, die in Houellebecqs boshafter, gekonnter Mischung aus Erzählung und essayistischen Exkursen liegt, hat Messina nicht.

/ Ulrich Thiele

Marion Messina: „Fehlstart“, Hanser, 168 Seiten

 

 

Ganz nebenbei

Woody Allens Memoiren

 

Was für ein Wirbel: Menschen protestierten, Autoren boykottierten, der amerikanische Verleger stoppte die Veröffentlichung. Der Rowohlt Verlag hingegen publizierte trotz des Protests einiger seiner Autoren. „Apropos of Nothing“, in der deutschen Variante: „Ganz nebenbei“ – passend zum koketten Understatement des New Yorker Filmemachers Woody Allen. Sein Nimbus als Drehbuchautor und Regisseur ist – unabhängig von den privaten Anschuldigungen – unbestritten. Umso neugieriger stürzten sich Kritiker wie Fans auf sein Werk.

woody-allenEines vorweg: Das Buch ist eine Verweigerung aller modernen Lesegewohnheiten. Es gibt keine Kapitel, keine Zwischenüberschriften, nur Absätze und alle 30 bis 40 Seiten auch mal ein Initial. Woody Allen mutet dem Leser durchaus was zu. Doch schon nach wenigen Zeilen wird deutlich, dass er sein Handwerk – das Schreiben – versteht.

Es ist, als säße Woody Allen vor einem, an seinem Schreibtisch, in seinem Appartement in Manhattan, an seiner geliebten Olympia-Schreibmaschine: „Ich schweife wieder ab.“. „Wo war ich stehengeblieben?“ Allen schreibt wie er denkt – und so liest sich das Buch: sprunghaft, witzig, launisch. Mal ist er misanthropisch, mal euphorisch, mal herablassend, mal vernichtend.

Wer auf neue Erkenntnisse zum Missbrauchsvorwurf hofft, wird enttäuscht: Auf etwa 50 Seiten kaut Allen seinen bereits bekannten Standpunkt noch einmal ausführlich wieder. Ansonsten führt er in kurzen, griffigen Sätzen durch sein Leben, beginnend bei seiner Kindheit in Brooklyn. Viele Fragen werden anekdotisch beantwortet: Was treibt ihn an? Welche Frauen mochte er? Wer hatte Einfluss auf seine Filmkarriere? Welche Filmdrehs mochte er? Welche nicht? Das ist stellenweise trivial, dann wieder bewegend, hin und wieder auch deplatziert – aber stets in charmantem Allen-Stil vorgetragen. Wer eine kritische oder gar intellektuelle Selbstreflexion erwartet, wird enttäuscht. Wer schlichtweg eine fiese und zugleich unterhaltsame Erzählung eines „zum Filmemacher mutierten Witzboldes“ erwartet, wird seine Freude haben.

/ Marco Arellano Gomes 

Woody Allen: „Ganz nebenbei“, Rowohlt Verlag, 448 Seiten

 

 

Naturtrüb

Dadaistisches Bandtagebuch

 

Ei, ei, ei! Eigentlich ist damit das Buch schon ganz gut zusammengefasst. Tatsächlich ist überdurchschnittlich häufig die Zubereitung von Eierspeisen Thema dieser Sammlung abwechselnd geschriebener Tagebucheinträge mit dem schönen Titel „Naturtrüb“. Naturtrüb ist ja quasi das back to nature des kleinen Mannes, und auch die vier Männer über 50 – als da wären „Reverend“ Christian Dabeler, Timur Mosh Çirak, Gereon Klug und Maurice Summen – haben sich selbst für einige Tage in die Natur zurückgezogen, um eine Band zu gründen. Was erst mal etwas heikel klingt, gestaltet sich erfreulicherweise viel weniger schmierig als ihr Bandname OIL. Im Gegenteil, eher etwas trocken, geradezu sandig rieseln die vielen subjektiven Eindrücke ins Getriebe der Bandgründung und bringen sie hier und da ins Stocken.

naturtrübZu Beginn kreisen die Gedanken noch um die anderen Bandkollegen: „Er (Reverend Christian Dabeler, Anm. d. Red.) will das Sagen haben, den Hut aufhaben, ist Macher und Bestimmer. Das kommt aus seiner Jugend. Alles kommt aus seiner Jugend. Sein beschränkter Musikgeschmack, sein Essensgeschmack, sein Stilgeschmack. Alles hat sich seit seiner Adoleszenz nicht mehr verändert. Und er ist stolz darauf, hält Blues für die Wiege der Menschheit und Wurzel von allem.“ Doch mit der Zeit werden die Gedanken deeper: „Ich kann gar nicht mehr schnell gehen. Ich hab es mir irgendwann abgewöhnt, vielleicht aus Snobismus. Sich wie ein Dienstbote beeilen zu müssen, ist einfach nur grauenvoll. Selbst beim Autofahren stelle ich mir lieber vor, ich würde stillstehen und die Welt um mich herum bewegt sich wie Weltraumschrott an mir vorbei. Das beruhigt mich“, schreibt besagter Reverend an einer Stelle.

Und dann ist da ja noch die Bandhündin Emma, die ihr ganz eigenes Abenteuer erlebt … Am Ende entstehen Songs mit Titeln wie „Derogation“, „Frack it“ oder „Wichsbold“, und man muss die Musik nicht mögen – aber das Buch, begleitet von diversen Zeichnungen, die den ganzen Wahnsinn dieser Unternehmung bebildern, geht direkt ins (Tomaten-)Mark der eigenen nichtigen Existenz.

/ Julia Kleinwächter

Die Gruppe OIL: „Naturtrüb“, Verbrecher Verlag, 224 Seiten


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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„Der Geizige“ läuft auf der Bühne im Thalia Theater

Nach „Der eingebildete Kranke“ im Jahr 2001 inszeniert Leander Haußmann mit „Der Geizige“ nun eine weitere Komödie von Molière am Thalia Theater. Wie der Corona-Lockdown einer geizigen Gesellschaft den Spiegel vorhält, erzählt der Regisseur im Interview

Interview: Sören Ingwersen

 

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Reizen die Archetypen menschlicher Verfehlungen: Leander Haußmann (Foto: Armin Smailovic)

SZENE HAMBURG: Leander Haußmann, Ihre Inszenierung von „Der Geizige“ sollte bereits Mitte Mai am Thalia Theater stattfinden und wurde wegen Corona verschoben. Was bedeutete das für Ihre Probenarbeit?

Vor zwanzig Jahren wäre der Lockdown schlimmer gewesen, jetzt waren wir durch das Internet ganz gut darauf vorbereitet. Wir konnten uns bei den Proben per Videokonferenz sehen und hören und uns auf das konzentrieren, was in physischen Proben oft zu kurz kommt, nämlich Inhalte: Worum geht es den Figuren? Worum geht es in dem Stück? Wo liegt die Komik in diesem Stoff, und auf welcher Ebene möchte man die Menschen zum Lachen brin- gen? In meinem Fall natürlich wieder auf der untersten Ebene. (lacht) Aber durch das Ensemble mit Jens Harzer an der Spitze ist ja immer auch Niveau mit an Bord. Ich habe am Thalia Theater wahnsinnig fordernde Schauspieler, wie ich sie an noch keinem anderen Theater getroffen habe. Wenn man da auf einer Bananenschale ausrutscht, tut man das auf eine philosophische oder gesell- schaftskritische Weise.

War es problemlos möglich, das Geprobte auf die Bühne zu übertragen?

Ich hatte mir vorgestellt, das Stück gemeinsam mit den Schauspielern im Kopf komplett durchzuarbeiten und zu inszenieren, bis es so tief in uns drin sitzt, dass wir es spontan überall spielen könnten: auf einer Party, in einem Zimmer oder auf der Straße. Als wir das erste Mal wieder auf der Bühne standen, empfanden wir tiefe Dankbarkeit, dass wir besser vorbereitet waren als jemals zuvor.

Andererseits mussten wir auch wieder ganz von vorne anfangen. „Der Geizige“ zählt ja zu den ganz großen Komödien und Charakterstudien, die eine extreme physische Herausforderung für den Schauspieler sind.

 

„Wir gönnen dem anderen nicht, was wir selber haben“

 

Mit der Charaktereigenschaft des Geizes verbinden wir die Vorstellung eines Menschen, dessen Welt eng ist, der sich anderen gegenüber nicht öffnet und misstrauisch Abstand hält. Gibt es hier Parallelen zur Corona-Zeit?

Alle großen Stücke passen immer irgendwie in die Gegenwart, sonst wären sie keine Klassiker. Aber man muss den Gegenwartsbezug nicht forcieren, ich würde ihn sogar eher tarnen. Der Geiz ist nicht umsonst eine der sieben Todsünden, und wir Theatermacher beschäftigen uns nun mal mit diesen Archetypen menschlicher Verfehlungen. Erzählungen bedienen sich dabei bestimmter Formen.

Nehmen wir die Fabel: Wenn man den Tierkopf abnimmt, der Fuchs letztendlich nur ein listiger Mensch ist, und wir uns nicht mehr im Tier entdecken dürfen, dann ist die Fabel kaputt. Das macht die Stücke klein, und es langweilt mich auch, wenn ich zu sehr belehrt werde. Ich denke, es steht schon ein tieferer Sinn dahinter, Dinge zu überhöhen, zu überspitzen, märchenhafter oder allgemeingültiger zu machen, sodass man sie sich auch noch angucken kann, wenn wir längst nicht mehr an Corona denken.

Wo verläuft die Trennlinie zwischen Sparsamkeit und Geiz?

Es geht nicht nur um Geiz und Sparsamkeit. Es geht um Großzügigkeit. Geiz ist etwas Pathologisches. Sparsamkeit kann auch aus einem Verantwortungsgefühl resultieren. Ich müsste im Grunde viel sparsamer sein, weil ich vier Kinder zu ernähren habe. Da wird kein großes Erbe übrig bleiben, aber ich gebe eben lieber aus der warmen als aus der kalten Hand.

Wenn wir aber über die Corona-Maßnahmen sprechen, wird deutlich, dass wir über neue Gesellschaftsformen nachdenken müssen. Wenn ein Staat fast schon wie ein Monarch am Volk vorbeifährt und ihm Goldstücke zuwirft, fragt sich das Volk natürlich: Wie viele Goldstücke sind eigentlich noch da? Und wo waren sie vorher? Warum gibt es denn kein bedingungsloses Grundeinkommen und stattdessen unglaublich komplizierte Steuergesetze, die eine riesige Berufsgruppe ernähren. Wenn man das alles gegenrechnet, zahlt der Staat am Ende noch drauf. Hier kommt der Geiz ins Spiel: Wir gönnen dem anderen nicht, was wir selber haben. Leute, die ich unterstützen möchte, sind in den Augen vieler anderer Nichtsnutze und Gammler. Ich sehe das so: Wer arbeiten kann und will, hat Glück gehabt, und wer nicht, soll deshalb nicht diskriminiert werden.

 

„Wir müssen den Umgang miteinander wieder lernen“

 

Eine Frage der Solidarität, die sich aktuell auch in der Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen ausdrückt.Viele Menschen fühlen sich durch diese aber ihrer Freiheit beraubt und schließen sich deshalb großen Demonstrationszügen an. Zu Recht?

Wenn 20.000 Menschen auf der Straße ihren Unmut kundtun, kann die Politik sie nicht einfach ignorieren und als dumm bezeichnen, nur um selbst als klug dazustehen. Da läuft etwas komplett falsch. Es fehlt an Aufklärung und Klarheit. Wenn die Leute aggressiv werden, dann deshalb, weil ihnen die Kunst, die Berührung und der soziale Umgang fehlen.

Ich erwarte von den Politikern auch, dass sie ihre Maßnahmen an empathische Worte koppeln. Sonst steuern wir auf eine zweite Katastrophe zu, in der es kein Erbarmen und keine Solidarität mehr geben wird. Schon gar nicht mit uns Künstlern, weil wir immer schon als reich, arrogant und überflüssig galten.

Was erwarten Sie nach der Wiedereröffnung der Theater von Ihren Zuschauern, die dann auf Abstand sitzen werden?

Da die Leute lieber in der Masse lachen und das Tragen von Masken auch unbewusst Aggressionen freisetzt, müssen wir aufpassen, dass uns das Coronavirus nicht zu extrem unfreundlichen Menschen macht. Ich kann mich an einen Streit im 3-D-Kino erinnern. Da hat sich einer zu Recht aufgeregt, weil ich kurz eine SMS gelesen hatte. Das wäre aber wohl kein Problem gewesen, wenn wir nicht beide diese großen 3-D-Brillen aufgehabt hätten.

Wenn man einem Typen mit Spiegelbrille oder Maske begegnet, denkt man doch gleich: Was will denn dieser Gangster von mir? So ist der Streit eskaliert. Wir müssen den Umgang miteinander wieder lernen. Wenn man den Mund nicht sieht, sollte man mal versuchen, mit den Augen zu lachen. Das kann man trai- nieren. Ich mache das täglich vor dem Spiegel.

Der Geizige: Thalia Theater, 12.9. (Premiere), 13., 22., 24.9.


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Handelsbarriere: Baustelle vor dem Levantehaus

Nachdem die Händler im Levantehaus mit Corona zu kämpfen hatten, haben sie es nun mit einer Hochbahn-Baustelle zu tun. Die Inhaber rechnen mit massiven Einbußen und fürchten um ihre Existenz

Text: Marco Arellano Gomes
Interview: Erik Brandt-Höge

 

Auf der Website des Levantehauses steht noch immer der Hinweis, wie man mit Bus und Bahn zum Traditions-Kontorhaus in der Mönckebergstraße gelangt. Unter dem Stichwort „HVV Anfahrt“ werden alle Möglichkeiten penibel aufgeführt: U3 bis Mönckebergstraße, S- und U-Bahn bis Hauptbahnhof sowie die Buslinien 5, 6, 17, 34, 35, 36, 37, 109, und nicht zu vergessen: die Nachtbusse. An Optionen, zum Levantehaus mit seinen 48 inhabergeführten Geschäften sowie acht Restaurants und Bars zu gelangen, mangelt es also nicht. Schließlich profitieren von eben dieser guten Erreichbarkeit letztlich alle: das Levantehaus, die Hochbahn, die Einzelhandelsgeschäfte, die Gastronomie und die Kunden.

Doch nun gibt es zwischen dem Levantehaus und der Hochbahn einen Streitpunkt – in Form einer Baustelle, die den Besucherstrom der Mönckebergstraße vom Kontorhaus abzuschneiden droht.

Die Hochbahn plant bereits seit 2016 aufwendige Umbaumaßnahmen. Ziel ist es, die Tunnel vom Hauptbahnhof bis Baumwall von Grund auf zu sanieren und den modernen Sicherheitsstandards anzupassen sowie die U-Bahn-Stationen barrierefrei zu gestalten, damit Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen über gläserne Fahrstühle problemlos die Haltestellen erreichen können.

Seit anderthalb Jahren werden intensive Gespräche zwischen den Gewerbetreibenden, der Hochbahn und der Politik geführt. Seit Jahresbeginn werden die Elektro- und Wasserleitungen verlegt. Ab Juli geht es mit den Tiefbaumaßnahmen los. Das gesamte Unterfangen soll bis März 2022 andauern. Bereits unter normalen Umständen sind Baustellen für unmittelbar betroffene Geschäfte mit Einbußen verbunden.

Kunden machen erfahrungsgemäß einen Bogen um Geschäfte, vor denen gebohrt, gehämmert, geschweißt und gepflastert wird. Staub, Lärm und schmale, von Baugruben umgebene Wege sind nicht unbedingt einladend. Richtig brisant wird die Situation aber dadurch, dass der Einzelhandel aufgrund der Corona-Krise bereits wochenlang komplett lahmgelegt wurde. Jetzt kommt die Baustelle und verhindert – kurz nach Wiedereröffnung des Einzelhandels – eine Erholung von der wirtschaftlich harten Zeit. Ein für alle Seiten tragfähiger Kompromiss ist nach gegenwärtigem Stand noch nicht in Sicht.

 

Dietmar Hamm, Geschäftsführer des Levantehauses, zu der aktuellen Situation des Levantehauses, das durch Corona und eine Baustelle doppelt belastet ist

Dietmar Hamm, Geschäftsführer des Levantehauses (Bild: City Management Hamburg)

SZENE HAMBURG: Dietmar Hamm, wie hat sich die wirtschaftliche Situation vor der Co­rona­bedingten Schließung im Falle des des Kontorhauses dargestellt? In wel­cher Lage hat Corona den Einzelhandel erwischt?

Dietmar Hamm: Corona hat uns kalt erwischt. Eine Gesamtschließung der Innenstadt war vorher undenkbar. 2020 versprach ein gutes Jahr zu werden. Viele Gastronomen und Einzelhändler haben in ihr Unternehmen investiert, einige Neueröffnungen waren geplant. Von einem auf den anderen Tag keine Einnahmen zu erzielen, führt schnell zum Verlust der geschäftlichen Existenz und zu familiären Instabilitäten – vor allem beim kleinteiligen und inhabergeführten Einzelhandel.

Deshalb haben wir unseren Geschäften und Gastronomien die Mietzahlung in der Lockdown-Zeit und darüber hinaus erlassen. Wir halten es für richtig, zusammenzuhalten und zu helfen, wo es uns möglich ist.

Wie haben sich Covid­-19 und die damit einhergehenden Maßnahmen auf das Levantehaus ausgewirkt?

Das Levantehaus ist ein Ort des Verweilens, des Genusses und der Lebensfreude. Unser gastliches und besonderes Angebot in einer einzigartigen Architektur ist von einer liebevollen Atmosphäre und Nähe geprägt. Da passen Kontaktbeschränkungen, Mindestabstände und Mund-Nasen-Schutz nicht rein – auch wenn sie derzeit unabdingbar sind. Die sehr kleinen, familiären Gastronomien und Geschäfte geben ihr Bestes, um den Levantehaus-Besuchern auch in dieser Zeit eine Freude zu bereiten.

Aktuell macht Ihnen vor allem die Bau­stelle der Hochbahn – direkt vor der Haustür – zu schaffen, bei der, so kurz nach Wiedereröffnung, mit den Tief­ baumaßnahmen begonnen wird. Sie fordern eine Verschiebung der Bauar­beiten, um die Geschäfte vor drohenden Insolvenzen zu schützen. Warum ist es nicht dazu gekommen?

Der Zeitplan der Hochbahn ist den Verantwortlichen wichtiger als die Familien und die Unternehmen, die bereits durch Corona in eine bedrohliche Situation gekommen sind und um ihre Existenz fürchten. Die Verhinderung einer Selbstheilung des Handels und der Gastronomie in der Mönckebergstraße – nach Corona – ist ein Indiz für die Prioritäten, die die Stadt und ihr Unternehmen Hochbahn setzen.

Für die Betroffenen ist das eine bittere Wahrheit. Für die Innenstadt hat das schwerwiegende Folgen.

Sie befinden sich in intensiven Gesprä­chen mit der Hochbahn, dem City­management und der Politik. Gibt es Verständnis für die dramatische Lage der Händler oder gar Anzeichen eines Entgegenkommens?

Verständnis gibt es schon, aber trotzdem wird das Vorhaben den neuen Corona-bedingten Problemstellungen nicht angepasst. Wir müssen nun versuchen, die dramatische Lage zu überstehen und werden nicht müde, die Kommunikation mit allen Beteiligten und der Stadt zu suchen. Bisher haben wir kein Entgegenkommen erreichen können, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Levantehaus, Mönckebergstraße 7 


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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„Paradiso!“ im Schmidts Tivoli: St. Paulis Südsee-Oase

Seit dem 2. Juli hat das Schmidts Tivoli seinen Betrieb wieder aufgenommen. Auf dem Programm steht die Show „Paradiso!“. Wir waren für euch in der Samstagsvorstellung auf abenteuerlicher Expedition

 Text: Michelle Kastrop

 

The show must go on – das Schmidts Tivoli auf dem Spielbudenplatz ist das erste deutsche Theater, das nach dem Corona-bedingten Shutdown seinen Spielbetrieb wieder aufnimmt. Und gerade angesichts der langen kulturellen Durststrecke ist die bei der – natürlich Corona-konformen – Show „Paradiso!“ der Name umso mehr Programm. Denn in dieser tropischen Oase präsentiert sich eine Artenvielfalt aus Artistik, Comedy, Gesang und Magie.

Vor dem Spielhaus erwarten uns schon die Schauspieler der Show „Heiße Ecke“. Trotz Mundschutz sieht man ihnen die Freude über die offenen Türen des Theaters deutlich an. Unsere Plätze sind auf der linken Seite des Theatersaals. Wir werden unter Einhaltung der Mindestabstände auf direktem Weg zu unserem Platz gelotst: Es geht durch die linke Eingangstür, den linken Treppenaufgang hinauf und schließlich – in Begleitung eines Platzeinweisers – durch die linke Tür des Theatersaals zu unserem Platz.

Der Saal ist im pompösen Dschungel-Stil dekoriert. Überall sind Grünpflanzen, Schmetterlinge hängen von den Wänden und das Bühnenbild zieren Flamingos und subtropische Blumen. In dieser bunten Umgebung fallen die durchsichtigen Trennwände zwischen einigen Tischen gar nicht auf.

 

Komiker, Zauber-Duo, betrunkene Opernsängerin

 

Das Formular für unsere Kontaktdaten liegt bereits auf dem Tisch vor uns und die Getränkekarte wird über einen QR-Code direkt auf unser Smartphone geladen. Zu Beginn der Show empfängt uns Henning Mehrtens in Leoparden-Anzug mit rotem Einstecktuch, roten Schuhen und roten Rüschenhemd. Normalerweise ist er Gastgeber und Hausherr im Schmidtchen nebenan. Kurz nach der Begrüßung folgt der erste Witz über Pinneberger, ganz nach typischer Tivoli-Manier. Dann der erste Künstler des Abends: Nik Breidenbach eröffnet die Show mit dem Song „Paradiso“. Und schon haben wir einen Ohrwurm.

Dekorierter Zuschauerraum (Bild: Morris Mac Matzen)

Es folgt der Komiker Corny Littmann in einem Anzug aus kurzer Hose und Jackett mit knallbunten Tropen-Muster. Er gibt dem Publikum auf seine freche Art zu verstehen, dass diese Show solange stattfindet, bis die ganzen Plastikpflanzen im Raum bezahlt sind – alle lachen. Das lustige Zauber-Duo Siegfried und Joy führt uns in verschiedenen magischen Darbietungen aufs Glatteis. Artistische Glanzleistung zeigt uns die Berlinerin Sina Brunner als Stangen- und Vertikaltuchakrobatik. Carolin Fortenbacher spielt unter anderem eine betrunkene Opernsängerin, die von ihrem Freund verlassen wurde.

Nach 75 Minuten Spielzeit kommt die Verabschiedung durch Mehrtens, und noch ein Witz über Pinneberger. Nach dem langen Jubel-Entzug saugen die Bühnenkünstler das Klatschen der Zuschauer auf. Auch der Weg nach draußen erfolgt wieder sehr geordnet.

Der Auslass aus dem Theater Saal findet in verschiedenen Gruppen statt und wird bestimmt durch unterschiedliche Songs. Wir hören als erste Gruppe unser zugewiesenes Lied „Griechischer Wein“ und verlassen das Spielhaus. Die Vorstellung, wird uns nach der Show versichert, findet auch noch im August und September statt – eben so lange, bis die Plastikpflanzen bezahlt sind.

Schmidts Tivolo 
“Paradiso!” vom vom 14.-31. Juli 2020 

Gastronomie und Corona: Zwischen Distanz und Exzess

Hygienevorschriften und Polizeikontrollen sind beim Restaurantbesuch neue Normalität. Hamburger Gastronomen berichten vom Umgang mit der Eindämmungsverordnung, der Gefahr, die von schwarzen Schafen und Corner-Kultur ausgeht und warum innerhalb der Branche Rückendeckung statt Denunziation gefragt ist

 

Text: Laura Lück 

Wenn Kultkneipenbesitzer Uli Salm Geburtstag hat, so dachte man sich Ende Mai, dann ist das Grund genug, Verantwortung und Abstandsgebote bei ein paar Bier über Bord des Pöseldorfer Zwicks zu werfen. 89 Gäste hatte die Polizei nach einem Anwohner-Hinweis in der Kneipe gezählt, die sich dem hedonistischen Exzess hingaben. Seit diesem ersten prominenten Fall der Schließung einer Gaststätte, kann sich Polizeisprecher Holger Vehlen spontan an keine vergleichbaren Verstöße gegen die Eindämmungsverordnungen innerhalb der Gastroszene erinnern. Die Branche scheint um ihre Verantwortung zu wissen. Verständlich, immerhin stehen Existenzen und die Gesundheit von Gästen und Mitarbeitern auf dem Spiel.

Ivan Pagel, Küchenchef im Bistro des Frischeparadies an der Großen Elbstraße, ist seit der Pandemie in Kurzarbeit und beobachtet den steigenden Druck am Fischmarkt, wo ohnehin ein großer Konkurrenzkampf herrsche. „Jeder schaut jetzt ein bisschen mehr auf sich selbst und einigen geht so langsam die Puste aus. Die ersten müssen dicht machen.“ Dass schwarze Schafe sich nicht an die verordneten Regularien halten, ärgert ihn. „Wir würden auch gerne mehr Umsatz machen, aber wenn wir nicht nach den Regeln spielen, sitzen wir schlimmstenfalls im Herbst wieder in häuslicher Quarantäne. Das bedeutet dann noch viel größere Einbußen.“  Dass Kollegen im Fischhandel während des Lockdowns auch mal einen Mittagstisch unter der Hand verkauft hatten, sei in der Nachbarschaft kein Geheimnis. Das Ordnungsamt hält Pagel trotzdem raus. „Ich bin auf St. Pauli aufgewachsen. Da lernt man ganz früh, dass Petzen gar nicht geht.“

 

Gastronomie auf St. Pauli hält zusammen

 

Hinweise bekommt die Polizei zumeist von Gästen, Anwohnern oder Passanten. Am Ausgeh-Hotspot Paul-Rosen-Straße hält die Szene-Gastronomie um Läden wie das Haebel, den Weinladen St. Pauli oder das Standard zusammen und ist gut vernetzt. Denunziation sei hier kein Thema, weil Unterstützung und Austausch in diesen Zeiten enorm wichtig sei, erklärt Stephanie Döring, Inhaberin des Weinladen St. Pauli, denn: „Wir haben in der Gastronomie so eine schlechte Lobby und der DEHOGA wird geführt von alten weißen Männern, die keine große Hilfe sind.“ Insbesondere der DEHOGA Hamburg habe in der Krise versagt und viele Gastronomen enttäuscht. Rat und Informationsfluss erreichten Döring und ihre Kollegen zu Beginn der Pandemie vorwiegend über den DEHOGA Bayern.

In der Paul-Rosen-Straße nimmt man die Dinge deshalb selbst in die Hand. Am 26. Juni freute sich die Straße über die mündliche Zusage zu ihrem gemeinsam gestellten Antrag zu Bestuhlung von Parkplätzen. Die Forderung gebe es schön länger, Corona sei aber aktuell ein gutes Druckmittel, um die Entscheidungsprozesse zu beschleunigen, denn: „Wir wissen nicht was der Winter bringt, wir brauchen zumindest die paar warmen Sommertage mit mehr Tischen, um eine Chance auf mehr Umsatz zu bekommen“, so Döring.

 

Gastronomen bemühen sich um Einhaltung der Regeln

 

Im Alten Mädchen in den Schanzenhöfen bietet die Außenfläche zwar genug Platz für eine Sitzordnung mit Sicherheitsabständen, an Regentagen sieht es wirtschaftlich aber schlecht bis dramatisch aus. Die Grundstimmung sei laut Geschäftsführer Holger Völsch trotzdem positiv. Man halte sich an die Regeln, um unter allen Umständen die zweite Welle zu vermeiden. Kontrollen gibt’s durch die Polizei, oder vom Amt für Arbeitsschutz, das Abstands- und Mund-Nasen-Schutz-Regeln innerhalb des Teams prüft. In angrenzenden Bundesländern ist der Mundschutz inzwischen nicht mehr verpflichtend. Das wünscht man sich in Hamburg auch, Abstand sei sinnvoll, aber die Masken sehr belastend für die Mitarbeiter – vor allem in der Küche und bei den aktuellen Temperaturen. Die kürzlichen Eskapaden drüben auf dem Schulterblatt hält Völsch nicht nur für gefährlich, sondern auch für ungerecht. „Während man selbst versucht alles zu tun, um verantwortungsbewusst zu handeln, stellen andere ihr wirtschaftliches Interesse über den Ruf der Branche und die Sicherheit der Gesellschaft. Das ist kein fairer Wettbewerb.“

An beliebten Treffpunkten wie Schulterblatt oder Paul-Rosen-Straße ist die Polizei derzeit zwar oft präsent, aber das hat vor allem einen Grund, auf den Gastronomen keinen direkten Einfluss haben: die Corner-Kultur. Warmer Asphalt und kühles Bier lassen so manchen Haushalt die 1,50 Meter schnell vergessen. Dass die Polizei Schließungen verordnen musste, sei deshalb auch eher bei Kiosken vorgekommen, bestätigt Polizeisprecher Vehren und hat den Eindruck, dass sich Gastronomen generell bemühen, die Regelungen einzuhalten. Die Hamburger Bußgeldstelle hat (Stand 26.6.) seit Öffnung 57 Fälle bearbeitet. Nicht jeder Verantwortliche Gastronom wird dabei auch zur Kasse gebeten, oft bleibt es bei Verwarnungen.

Wenn nun mehr Stühle auf Parkplätzen genehmigt werden, könnte das im besten Fall mehr Corner-Publikum an Tische mit Sicherheitsabstand verlagern.

Einer der schönsten dieser Art steht derzeit wohl in der Schlankreye 73. Am Eingangsbereich des geschlossenen Holi-Kinos kommt die gehypte Küche des Nachbarrestaurants Klinker unter Filmplakaten und der großen Kinotafel auf den Teller. Die vielen Tische auf dem Gehweg sorgen für mediterranen Marktplatz-Flair und verantwortungsvolle kleine Genuss-Exzesse ­– wärmste Empfehlung für den nächsten lauen Sommerabend!

 

Kneipen in der Krise: Hamburg wird trockengelegt

Der Hamburger Senat hat die Hygiene-Regeln für Schankwirtschaften gelockert. Doch die Auflagen seien so streng, dass sie keine Umsätze machen können, kritisieren Wirte wie Betty Kupsa. Rund 90 Barbetreiber haben sich deswegen zum „Barkombinat“ verbündet und fordern von der Stadt mehr Unterstützung

Text: Ulrich Thiele

 

Ups, da ist man wohl zu voreilig hineingestürmt – und hat vor lauter Tresensehnsucht das „Please Wait To Be Seated“-Schild samt Ausrufezeichen übersehen. „Vorher die Hände desinfizieren, bitte“, sagt Betty Kupsa und zeigt zurück Richtung Eingang, wo der Desinfektionsmittelspender neben besagtem Schild steht. An diesem Dienstagabend um halb acht ist der „Chug Club“ noch leer, sechs Tische stehen im Raum, zwischen ihnen Trennwände.

Jetzt aber: Kupsa weist zu einem der runden Tische, Getränke kommen auf den Tisch, kurz anprosten, dann kommt die 43-Jährige ohne Umschweife auf den Punkt: „Das ist eine große Scheiße, wie der Senat mit uns umgeht.“ Kupsa betreibt seit 2015 ihre Cocktail-Bar auf St. Pauli an der Ecke Taubenstraße/Hopfenstraße. Seit zwanzig Jahren lebt die gebürtige Österreicherin in Hamburg und ist hier längst eine Bar-Ikone.

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Wenn schon Trennwände, dann aber auch mit Stil (Foto: Erik Brandt-Höge)

Wie für viele, kam der Corona-bedingte Lockdown für sie schlagartig. Sie fuhr ihren Laden herunter, um die Kosten niedrig zu halten, ihre acht Angestellten mussten in Kurzarbeit gehen und machten während der Schließung Fortbildungen. Genauso plötzlich wie der Lockdown seien aber auch die Lockerungen gekommen, sagt sie.

Laut der Verordnung der Stadt müssen Bars weiter geschlossen bleiben. Der Begriff meint aber Lokale mit Tanzflächen und Musik. Der „Chug Club“ bezeichnet sich zwar als Bar, hat aber eine Konzession als Schankwirtschaft und ist damit nicht von dem Verbot betroffen. Doch wegen des eingeschränkten Betriebs und des erhöhten Aufwands machen die Bars kaum Umsätze. Kupsa habe seit März nichts mehr verdient, sagt sie, sie wolle trotzdem öffnen, um präsent zu sein, die Barkultur aufrechtzuerhalten, die derzeit in Gefahr ist.

Die Unterstützungen des Senats in Form von Krediten und der Erweiterung der Außengastronomie hält sie für Augenwischerei: „Wir brauchen keine Kredite, sondern unbürokratische Unterstützung und Mitspracherecht.“ Zwar tauschen sich Vertreter des Hotel- und Gaststättenverbandes mit dem Wirtschaftssenator aus, aber das reiche nicht, die Hilfsmaßnahmen könnten die Umsatzeinbrüche nicht auffangen.

 

„Ohne die Bar- und Kneipenkultur wird Hamburg zum Provinznest“

Betty Kupsa

 

Rund 1.800 Schankwirtschaften gibt es in Hamburg, in wenigen Monaten könnte jedoch Leerstand herrschen. „Ohne die Bar- und Kneipenkultur wird Hamburg zum Provinznest“, sagt Kupsa. „Wenn die Kneipen sterben, kommen beliebige Ketten an ihre Stelle, die nichts mit der Hamburger Kneipenkultur zu tun haben.“

Erschwerend komme hinzu, dass viele Menschen auf Kioske ausweichen und sicherheitshalber lieber cornern, anstatt in Kneipen zu gehen. Kupsa befürchtet eine Wettbewerbsverzerrung. Der Senat habe den Ernst der Lage nicht erkannt. Denn wenn Hamburg kein Anziehungspunkt für Touristen und Besucher mehr ist, dann sehe es für die Stadt schlecht aus.

 

Erhöhter Aufwand

 

„Bars haben keine Lobby“, sagt Kupsa. Also nahm sie die Arbeit selbst in die Hand und schloss sich dem just gegründeten „Barkombinat“ an, einem Bündnis aus inzwischen knapp 90 Hamburger Barbetreibern. Der Name ist eine Anspielung auf das „Clubkombinat“, das Lobbypolitik für Hamburgs Clubs betreibt. Am 28. Mai ging das Bündnis mit seiner ersten Pressekonferenz an die Öffentlichkeit.

Auf Barhockern, mit Megafonen, Mundschutz und anderthalb Metern Abstand reihten sich die Wirte vor dem Millerntor-Stadion auf, ihr Motto: „Hey Senat, so geht’s nicht!“ Die Auflagen seien so streng, dass sich der Betrieb kaum lohne, das „Produkt Bar“ sei damit kaputt. Nach den Verordnungen müssen Lokale sicherstellen, dass nicht mehrere Gäste aus verschiedenen Haushalten zusammenkommen und dass sie den Abstand zu anderen Gästen einhalten. Das Personal muss beim Bedienen eine Maske tragen, die Tische und Stühle mehrmals am Tag desinfiziert werden. „Wir sollen nicht mehr Gastgeber, sondern alles auf einmal sein: Infektions- und Datenschutzbeauftragte und dabei unsere Gäste auf Linie bringen.“

 

Der Senat schweigt

 

Über Nacht habe sie sich mit ihrem Personal zusammengesetzt und erst einmal einen Plan erarbeitet. Die Bar samt Inneneinrichtung musste schlagartig wieder betriebsbereit hergerichtet werden, zudem mussten unter anderem Desinfektionsmittel bestellt und zwischen und an den Tischen Trennwände aufgestellt werden. Auf den zusätzlichen Kosten sei sie bisher sitzen geblieben. „Der Senat drückt die Verantwortung komplett an uns ab.“

Hinzu kommt der eingeschränkte Betrieb. Normalerweise passen rund 70 Menschen in ihre Bar, erzählt sie, unter den aktuellen Auflagen sei nur Platz für maximal 25. Dabei ist Kupsa noch besser dran als andere Barbetreiber: Kleinere Bars können gar nicht erst öffnen, weil sie die Abstandsregeln nicht einhalten können, außerdem können andere Bars keine Sitzplätze draußen vor der Tür anbieten. Das Barkombinat fordert deswegen weitere Ausgleichszahlungen: Mietzuschüsse, Subventionen für den erhöhten Personalaufwand und die Kosten für die Hygienemaßnahmen. Das Kurzarbeitergeld für die Mitarbeiter müsse rückwirkend auf 80 Prozent aufgestockt werden. Und vor allem: „Wir wollen, dass der Senat sich mit uns an einen Tisch setzt. Wir wollen mitreden und in die Entscheidungen miteinbezogen werden, anstatt jedes Mal überrascht zu werden.“

Der Senat hat bis heute (Stand 15.6.) nicht auf den Hilferuf des Barkombinats reagiert. Inzwischen ist es 21 Uhr, draußen dämmert es, ein paar Gäste sitzen an den Außenplätzen. Ein halbes Dutzend Gäste sitzt drinnen, bestellt Cocktails – es hätte den Anschein eines normalen Dienstagabends, wären da nicht die Trennwände und die immer noch überall spürbare Verunsicherung.

 

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Aktion „Der kommende Leerstand“ – im Juli folgen mehr Aktionen (Foto: Barkombinat)

 

Nach dem Gespräch muss Kupsa weiter. Eine AG des „Barkombinats“ trifft sich oben bei ihr im Büro. Für Freitag ist eine Aktion unter dem Motto „Der kommende Leerstand“ geplant. Sie will zeigen, was Hamburg bevorsteht, wenn den Schankwirtschaften das Aus droht. 30 Bars und Kneipen werden sich mit weißen Tüchern verhüllen – man könnte sagen: mit Leichentüchern.

facebook.com/barkombinathamburg


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Kultursenator Dr. Carsten Brosda im Interview

Der Senator der Behörde für Kultur und Medien im Kurzinterview über Hilfen und Chancen für die Hamburger Kulturlandschaft

Interview: Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Herr Brosda, schon in einem der neuen Autokinos gewesen?

Leider noch nicht. Eigentlich schade, nachdem wir alle Hände voll damit zu tun hatten, die überhaupt wieder möglich zu machen.

Die Open-Air-Kultur mit Abstand ist eine Überbrückungsmöglichkeit für viele Kulturschaffende, letztlich aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wie erleben Sie die Situation derzeit aus Senatorensicht?

Das ist schon eine extrem schwierige Zeit. Insbesondere für die vielen engagierten Künstlerinnen und Künstler und Kreativen. Es ist aber beeindruckend, wie verständnisvoll fast alle mit der Situation umgehen und wie schnell und kreativ sich viele auf die neuen Bedingungen eingestellt haben und Kultur zunächst online und nun zunehmend auch wieder live erlebbar machen.

Der Rückgang der Infektionszahlen ermöglicht es uns zum Glück jetzt, in eine neue Phase einzutreten, in der es nicht mehr nur darum geht, entstandene Verluste auszugleichen, sondern wieder vermehrt darum, Kultur zu ermöglichen. Das macht Spaß zu sehen, wie sehr alle darauf brennen, wieder auf den Bühnen zu stehen und Kultur zu erleben.

 

„Ziel ist es, Hamburg als Kulturstadt gut durch die Krise zu führen“

 

Dürfen Kulturschaffende, von großen Häusern bis Solo-Selbstständige, denn auf erweiterte Corona-Hilfsmaßnahmen des Senats hoffen?

Wir haben sehr schnell reagiert und zum Glück in Hamburg Kunst und Kultur von Anfang an bei den Hilfen mit berücksichtigt. Natürlich werden wir den Künstlerinnen und Künstlern und den Kultureinrichtungen weiterhin helfend zur Seite stehen.

Dabei wird es jetzt vor allem darum gehen, zum einen die Hilfen der Stadt klug auf das Neustart-Kulturpaket abzustimmen, das der Bund im Rahmen des Konjunkturpaketes beschlossen hat. Zum anderen wollen wir gezielt dabei helfen, wieder die Produktion von Kunst zu ermöglichen, auch wenn dies unter den Corona-Bedingungen schwieriger geworden ist.

In dieser Zeit setzt sich der Senat ja regelmäßig Etappenziele. Welches ist Ihr nächstes?

Das Ziel ist immer klar, nämlich Hamburg als Kulturstadt gut durch die Krise zu führen und künftig weiter auszubauen. Denn wir haben Kunst und Kultur so viel zu verdanken, von der Innovationskraft, die in der Kreativität steckt, bis zu den immer wieder notwendigen Interventionen durch die Kunst. Gegenwärtig sind die Etappen dadurch gekennzeichnet, das möglich zu machen, was vernünftig ist.

Nachtrag: Einmalige Hilfe in Höhe von 2000 Euro für Mitglieder der Künstlersozialkasse: Hier können Berechtigte die Neustartprämie für Künstlerinnen, Künstler und Kreative beantragen. 


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„Bitte helft uns dabei, zu überleben“

Beim ersten Altonaer Kneipen-Krisengipfel appellierten Wirte an Politiker

Die Woche startete spannend – zumindest aus Sicht von Altonas Wirten. Beim ersten Altonaer Kneipen-Krisengipfel hatten Gastronomen in die Ottensener Laundrette geladen, um Politikern aus allen in der Altonaer Bezirksversammlung vertretenen Fraktionen (CDU, SPD, Grüne, FDP, Die Linke) die Notwendigkeit von Außenflächen vor Augen zu halten. Stephan Fehrenbach, Inhaber der Laundrette: „Meine klare Bitte an die Politiker lautet: Bitte helft uns dabei, zu überleben, macht euren Job und verstrickt euch nicht weiterhin in parteipolitische Debatten. Wir brauchen heute eine Zusage von weiteren Außenflächen, sonst wird es uns morgen nicht mehr geben.“

Hintergrund: Gefordert wird von den Gastronomen zunächst keine finanzielle Unterstützung, sondern eine schnelle, unbürokratische und bis zum 31.12.2020 befristete Genehmigung von Außenplätzen (z.B. auf Parkflächen), damit ihnen zumindest eine Chance gegeben ist, wirtschaftlich über die Runden zu kommen.

Und was sagten die in der Laundrette anwesenden Politiker? Die erklärten geschlossen, ihren Einfluss im nächsten Hauptausschuss der Bezirksversammlung Altona (am Donnerstag, den 9. Juli) geltend zu machen, sich also für die Wirte einzusetzen. Außerdem wollten die erschienenen Fraktionsmitglieder den Druck auf die verantwortlichen Verwaltungseinheiten, etwa Polizei und Wegewarte, erhöhen, um mehr Beweglichkeit und Flexibilität bei der Antragsbewilligung zu erreichen. Bleibt abzuwarten, ob Wort gehalten und den Altonaer Wirten auch wirklich geholfen wird. / EBH 

Laundrette Hamburg