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Wir sind ein Stück Heimat für dich

Professor Dr. em. Hans-Jürgen Schulke (76) ist einer der bekanntesten deutschen Sportsoziologen. Als Hochschullehrer für Sportsoziologie lehrte er in Hamburg und Bremen. Wir sprachen mit ihm über Herausforderungen für die Hamburger Vereine aus sportsoziologischer Sicht

Interview: Mirko Schneider

SZENE HAMBURG: Herr Schulke, welche Vereine hatten es in der Pandemie bislang besonders schwer?

Hans-Jürgen Schulke: Zunächst: Die Vereine gibt es nicht. Dafür sind die Profile von 90.000 Vereinen in Deutschland mit 27 Millionen Mitgliedern zu unterschiedlich. Grundsätzlich hatten Vereine Schwierigkeiten, die in starren Organisationsstrukturen verharren. Vereine, die flexibel agierten und neue Trainingsformen entwickelten oder in Kursen andere Sportarten anboten, die im Freien ausgeübt werden konnten, konnten ihre Mitglieder besser halten. Ebenso wie die etwa 40 Prozent der deutschen Vereine, die digitale Angebote machten nach dem Motto: Ihr könnt gerade nicht zu uns kommen, also kommen wir zu euch.

„Sportvereine sollten sich als Gesundheitsanbieter verstehen“

Zu Beginn der Pandemie erschienen einige Einschränkungen für den Vereinssport überzogen…

Ich habe schon beim Ausbruch der Pandemie einen Essay mit der These „Die Sportvereine müssen die Hotspots der Prävention werden“ geschrieben. Es lag im März 2020 wirklich eine merkwürdige Situation vor. Tausende Studien belegen empirisch, wie stabilisierend Bewegung auf Gesundheit und Immunkompetenz des Körpers wirkt. Als die Weltgesundheitsorganisation die Pandemie ausrief, machte sich das kaum jemand bewusst. Leider auch manche Vereine nicht. Das ist nachvollziehbar. Es lag eine Ausnahmesituation vor, die viele existenzielle Ängste bei der Bevölkerung hervorrief. Aber wir können daraus lernen und die wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Zukunft viel stärker beachten.

„Jeder sollte sich sportlich ertüchtigen können.“

Prof. Dr. em. Hans-Jürgen Schulke

Was folgt daraus für die Vereine?

Die Vereine sollten sich als Gesundheitsanbieter für ihre Mitglieder verstehen. Und sie sollten auch gegenüber Dritten wie zum Beispiel politischen Akteuren so auftreten. Vereine leisten einen unermesslich hohen Beitrag für die Gesundheit der Bevölkerung. Auch die Verbände haben diesen Aspekt viel zu spät betont. Ketzerisch gesagt hätte ich die Aussagen von Verbänden, dass das Land sich mehr bewegen muss, gerne schon vor zwei Jahren gehört. Die Funktion des Sports für die Gesundheit ist ja sogar gesetzlich verankert. Beispielsweise existiert seit 2015 ein Präventionsgesetz. Es ermöglicht den Sportvereinen, aus Präventionsgeldern der Krankenkassen Unterstützung zu erhalten. Auch im Jugend- und Seniorenbereich gibt es vielfältige Möglichkeiten der Unterstützung.

„Es war eine Fehlentscheidung, die Spielplätze zu schließen“

Welchen Einfluss hatte hat die Pandemie aus sportsoziologischer Sicht auf die Kinder?

Es ist leider ein psychomotorischer Entwicklungsrückstand von bis zu eineinhalb Jahren entstanden. Auch das ist empirisch nachgewiesen. Die Sportentwicklungsberichte und die Public Health-Forschung sprechen hier eine eindeutige Sprache. Aus meiner Sicht war es eine Fehlentscheidung, die Spielplätze zu schließen und sie teilweise sogar durch Polizisten bewachen zu lassen. Man hätte sagen müssen: Unter bestimmten Rahmenbedingungen sollen Kinder gerade jetzt miteinander spielen dürfen.

„Ein Wir-Gefühl schaffen“

Wie können die Hamburger Vereine in diesen schwierigen Zeiten Mitglieder binden?

Neben den bereits benannten Aspekten der flexiblen Angebote, der Digitalisierung und des Selbstverständnisses als Gesundheitsanbieter ist die „Verheimatung“ wichtig. Die Menschen leben in diesen immer hektischer werdenden Zeiten in immer größeren Einheiten zusammen. Vereine müssen ihren Mitgliedern zeigen: Wir sind ein Stück Heimat für dich. Bei uns findest du deine Nachbarn und viele Leute, mit denen du gerne zusammen bist. Man hat das ja an Fußballvereinen in der Pandemie gesehen, die nicht mehr in den hohen Leistungsklassen spielen. Als die gemeinsame Geselligkeit nach dem Training pandemiebedingt wegfiel, machte ihnen auch das Training keinen Spaß mehr. Es gilt mehr denn je, in den Vereinen ein Wir-Gefühl zu schaffen. Vereine wie der Walddörfer SV, der SV Eidelstedt, die TSG Bergedorf oder der ETV schaffen das hervorragend.

Vereine müssen ein Stück Heimat sein, meint der Sportsoziologe Professor Dr. em. Hans-Jürgen Schulke (Foto: privat)

Einige Vereine denken über Beitragserhöhungen nach, andere schrecken davor zurück. Was sagt die Forschung dazu?

Es lässt sich nachweisen, dass die Ankündigung einer Beitragserhöhung partiell ein Wehgeschrei auslöst. Das sollte man ernst nehmen und es ist sogar historisch erklärbar, denn Sport ist seit Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland eine urdemokratische Einrichtung. Das Credo von Turnvater Jahn war ja, dass jeder sich sportlich ertüchtigen können solle. Interessant ist aber: Wenn die Beitragserhöhung erst einmal Realität ist, hat sie bei den meisten Vereinen kaum Einfluss auf die Mitgliederzahlen.

Viele Vereine umgehen das Problem, indem sie die Erhöhung der Beiträge an die gestiegenen Lebenshaltungskosten koppeln. Das ist für ihre Mitglieder dann verständlich. Beitragserhöhungen sind also kein Tabu, sollten aber mit einem sozialen und lösungsorientierten Blick der Vereine auf die Mitglieder verbunden werden, die sich eine solche Erhöhung nicht oder nur schwer leisten können. Natürlich müssen die Vereine aber auch auf ihre Kostenstruktur schauen. So sind die finanziellen Folgen der Ukraine-Krise in Form von höheren Energiekosten noch gar nicht abzusehen.

Der Hamburger Sport ist Widerstandsfähig

Befürchten Sie durch die Folgen der Pandemie eine nachhaltige Schädigung der Hamburger Sportlandschaft oder blicken Sie optimistisch in die Zukunft der Hamburger Sportvereine?

Die Sportlandschaft in Hamburg ist eine ganz besondere. Hamburg ist die Stadt mit den meisten Großvereinen in Europa. Die Selbstorganisationskraft hier war schon immer sehr hoch. 1946 wurde der Vorläufer des Hamburger Sportbundes von 180 Vereinen inmitten einer Trümmerlandschaft im Besenbinderhof wieder aus der Taufe gehoben, um den Menschen eine Perspektive zu geben. Vereine sind eine großartige soziale Organisationsform. Die Stadt hat das nach anfänglicher Zögerlichkeit mittlerweile auch erkannt und Maßnahmen ergriffen wie den Active-City-Gutschein. Ich bin optimistisch, dass die Hamburger Sportlandschaft über genügend Widerstandskraft verfügt, um diese krisenhafte Situation zu meistern.


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Vielfalt erhalten

Thomas Chiandone (55) ist Geschäftsführer des Hamburger- und des Schleswig-Holsteinischen Tennis-Verbandes. Wir sprachen mit ihm über Tennis als „Gewinner“ der Coronapandemie – und darüber, welche Herausforderungen trotzdem anstehen

Text: Mirko Schneider

SZENE HAMBURG: Herr Chiandone, welche Folgen befürchteten Sie für das Tennis in Hamburg beim Ausbruch der Coronapandemie?

Thomas Chiandone: Vermutlich ähnliche Folgen wie andere Vereinsvertreter:innen auch. Wir machten uns große Sorgen um unseren Sport und fragten uns, ob in unseren Vereinen die Mitglieder:innen wegbleiben würden. Wenn man heute auf die Mitgliederstatistik des Hamburger Sportbundes sieht, so haben die Tennisvereine in der Pandemie über 2000 Mitglieder gewonnen.

Also hat sich keine Befürchtung erfüllt?

Die Frage klingt so, als hätte es überhaupt keine Probleme gegeben. So war es natürlich nicht. Anfangs durfte ja auch kein Tennis gespielt werden. Nur der Leistungssport war davon ausgenommen. Ich erinnere mich an die Zeit, als bei uns auf der Anlage des Hamburger Tennis-Verbandes nur die Bundeskaderathlet:innen trainieren durften. Auch die Vereine konnten ihren Mitgliedern zunächst kein Tennis mehr anbieten. Dann jedoch wendete sich das Blatt.

Wodurch genau?

Es wurde bald klar, dass Tennis sowohl in der Halle als auch draußen infektionstechnisch kaum gefährlich ist. Die Spieler:innen sind ja im Schnitt während einer Partie 25 Meter voneinander entfernt. Tennisbälle können außerdem kein Corona übertragen. Das ergab eine Untersuchung im Frühjahr 2020. Das half uns und allen unseren Vereinen natürlich. Wir haben als Verband dann umfassende Hygienemaßnahmen und Konzepte entwickelt und unser Wissen den Vereinen gerne zur Verfügung gestellt. Allerdings prasselten die Änderungen von politischer Seite oft in hoher Schlagzahl auf uns ein, weshalb wir uns und die Clubs stets auf den neuesten Stand bringen mussten. Unsere Vereine und wir als Verband haben aber schnell gelernt, mit der neuen Situation umzugehen.

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Die geringe Ansteckungsgefahr ist sicher ein Faktor, meint Thomas Chiandone, Geschäftsführer des Hamburger- und des Schleswig-Holsteinischen Tennis-Verbandes (Foto: privat)

Sport mit Maske

Ist der Zuwachs von Mitgliedern bei den Vereinen nur durch den gesundheitlich recht sicheren Status von Tennis in der Coronapandemie zu erklären?

Die geringe Ansteckungsgefahr ist sicher ein Faktor. Vielleicht sind Tennisspieler:innen auch unempfindlicher als andere Sportler:innen. Das vermag ich aber letztlich nicht zu beurteilen. Ich kann nur sagen: Viele der Spieler:innen hatten kein Problem damit, mit der Maske auf dem Gesicht auf die Tennisanlage zu gehen, diese dort abzunehmen und zu spielen. Sicherlich haben die Tennisvereine auch Zuwachs aus anderen Sportarten erlebt, die mit stärkeren Einschränkungen zu kämpfen hatten. Der eine oder die andere erinnerte sich da bestimmt an ihre früheren Versuche, Tennis zu spielen, und trat in einen unserer Vereine ein.

Haben Sie als Tennisverband in der Coronapandemie Werbeaktionen für Ihre Vereine gestartet?

Nein, das haben wir nicht gemacht. Unser Schwerpunkt lag auf der Beratung der Clubs.

Trainer:innen dringend gesucht

Die Tennisvereine stehen stabil da. Ist also alles in Butter?

(lacht) Wie schon erwähnt, eine Welt ohne Probleme oder besser gesagt Herausforderungen gibt es nicht. Aktuell ist unser Thema, die neuen Mitglieder zu halten. Dafür jedoch benötigen wir noch mehr Tennistrainer:innen. Diese sind ja oft diejenigen, die erst für die volle Integration der Neuen im Verein sorgen. Tennistrainer:innen sind die wesentlichen Bezugspersonen, die den Spaß am Spiel vermitteln. Bei einem Tennislehrer:innenlehrgang wiederum bilden wir etwas über 30 Anwärter:innen in einer Gruppe aus. Aufgrund von Corona konnten wir aber lange keine Lehrgänge anbieten. Erst jetzt konnten wir wieder den ersten Lehrgang nach über zwei Jahren veranstalten. Unabhängig davon wünschen wir uns mehr Zuschauer:innen und öffentliches Interesse für unsere Veranstaltungen.

Welche wären das?

Im Herbst findet bei uns auf der Anlage in Horn ein sehr gut besetztes internationales Damen- und Herrenturnier statt. Einige der Spieler:innen, die hier zu sehen sind, machen später Karriere. Eine US Open-Gewinnerin zum Beispiel hat ein paar Jahre zuvor an unserem Turnier teilgenommen. Im März veranstalten wir zwei internationale Jugendtennisturniere. Auch für die Inklusion tun wir eine Menge, zum Beispiel im Blindentennis. Es lohnt sich wirklich, auf unserer Anlage vorbei zu schauen oder sich auf anderem Wege mit uns in Verbindung zu setzen.

„Mein Rat ist, so viele Menschen wie möglich für den eigenen Sport zu begeistern.“

Thomas Chiandone

„Von Beitragserhöhungen rate ich ab“

Versetzen Sie sich bitte einmal gedanklich in die Position eines:einer Vereinsverantwortlichen, deren Verein durch die Coronapandemie Mitglieder verliert. Wozu raten Sie einem solchen Verein?

Zunächst einmal verstehe ich die Sorgen der Vereine. Ich wünsche allen, dass sie so gut wie irgend möglich durch die Coronapandemie kommen. Die Vielfalt der Hamburger Sportwelt zu erhalten ist unser gemeinsames Anliegen. Mein Rat ist, so viele Menschen wie möglich für den eigenen Sport zu begeistern. Sei es durch Aktionen wie einen Tag der offenen Tür, durch spezielle Mitgliedergewinnungs- und Sonderaktionen oder durch Probemitgliedschaften. Das Wichtigste überhaupt ist, die Menschen auf den eigenen Verein und sein tolles Angebot aufmerksam zu machen.

Beitragserhöhungen kamen in Ihrer Antwort nicht vor.

Von Beitragserhöhungen rate ich auch ab. Ich finde sie kontraproduktiv, weil sie eine noch größere Barriere für den Vereinseintritt darstellen. Auch wenn ich gut verstehen kann, warum viele Vereine über Beitragserhöhungen nachdenken. 


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Zurück ins Club-Glück

Auf ein Neues: Endlich machen Hamburgs Clubs wieder auf. Carsten Brosda, Senator der Behörde für Kultur und Medien, im Gespräch über die Spuren des vergangenen Corona-Winters und das Tanzen in Zeiten weltpolitischer Krisen

Interview: Anna Meinke

SZENE HAMBURG: Carsten Brosda, am 4. März 2022 öffneten Hamburgs Clubs ihre Türen erneut. Unter 2G+-Bedingungen darf seitdem ohne Maske gefeiert werden. Haben Sie die neue Freiheit schon ausgenutzt und mal wieder so richtig das Tanzbein geschwungen?

Carsten Brosda: Noch nicht. Ich bin ohnehin eher einer von denen, die bei einem Konzert mit einem Bier in der Hand im Raum stehen und die Musik aufsaugen. Ich freue mich aber sehr, dass endlich wieder die Clubkultur gefeiert werden kann!

Gleichzeitig wurde Hamburg am 30. März zum Corona-Hotspot erklärt. Haben Sie trotzdem ein gutes Gefühl dabei, das Feiern wieder möglich gemacht zu haben, oder ist Ihnen auch ein wenig mulmig zumute?

Es ist gut, dass Hamburg angesichts der noch immer hohen Infektionszahlen vorsichtig ist. Schließlich ist Corona noch nicht vorbei, die Infektionszahlen sind hoch. Mit wenigen Maßnahmen können wir uns vergleichsweise wirksam schützen. Neben der Notwendigkeit zum Impfen ist es deshalb klug, auch weiterhin vorsichtig zu sein, gerade auch damit der ganze Wahnsinn nicht im Herbst wieder von vorne beginnt.

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„Viele haben in den letzten Monaten gemerkt, was alles fehlt“, sagt Kultursenator Carsten Brosda (Foto: Bertold Fabricius)

Das Personalproblem

Nach dem zehnwöchigen Winterschlaf ist das Bedürfnis bei vielen groß, sich ins Getümmel zu stürzen und die Nächte durchzutanzen. Was zeigt denn die Erfahrung der letzten Wochen – gibt es gerade eine regelrechte Party-Explosion?

Mein Eindruck ist schon, dass viele in den letzten Monaten gemerkt haben, was alles fehlt, wenn diese Orte wegfallen, an denen wir mit anderen zusammenkommen. Wir sehen das auch in anderen Kultureinrichtungen. Es macht einen Unterschied, ob ich auf dem Sofa Netflix gucke oder ob ich zum Beispiel im Theater ein einmaliges Live-Erlebnis habe. Und dann steht man im Anschluss mit anderen Menschen zusammen und tauscht sich aus. Das gilt natürlich erst Recht für Clubs, die ja gerade von dieser physischen Enge leben. Ich hoffe sehr, dass wir uns dieses Bewusstsein für den Wert des gemeinsamen Erlebens bewahren!

Irgendwelche nennenswerten Corona-Ausbrüche?

Wie gesagt: Generell sehen wir, dass die Zahlen weiter hoch sind und wir noch vorsichtig seien müssen. Insofern ist es gut, dass wir in den Clubs weiterhin die 2G+ Regelung gilt. Mein Eindruck ist, dass wir damit die Situation derzeit ganz gut im Griff haben.

Und wie sieht es hinter den Bars, am Eingang und an der Club-Garderobe aus? Machen sich Fachkräftemangel und Personalnot bemerkbar?

Das ist ein echtes Problem. Darum ist es auch gut, dass zum Beispiel die Clubs auf dem Kiez jetzt mit einer Kampagne gezielt Personal ansprechen. Daher war uns aber auch wichtig, dass wir mit unseren Hilfen immer so weit wie möglich nicht nur Einnahmeausfälle gezahlt haben, sondern vor allem weiter das Veranstalten unter Corona-Bedingungen ermöglichen wollten. So konnte wenigstens ein Teil des Personals gehalten werden.

„Ich wünsche mir, dass diese Corona-Generation jetzt durchstartet“

Also, alles wie immer, getreu dem Motto „The Kiez is back“?

Ich bin mir nicht sicher, ob unser Ziel sein sollte, dass einfach alles zum Alten zurückkehrt. Wir können ja auch aus den Erfahrungen der letzten zwei Jahre lernen und manches besser machen. Vielleicht gehen wir mit den Kulturorten ja jetzt auch viel bewusster um und erkennen zum Beispiel den großen Wert der vielfältigen Clubkultur in der Stadt. Das wünsche ich mir jedenfalls. Vor allem aber muss sich das Publikum seinen Kiez jetzt wieder zurückerobern und mit Leben füllen. Man muss sich ja vor Augen führen, dass da jetzt auch eine Generation die Clubkultur ganz neu erleben wird, die eigentlich in den letzten Jahren die Nächte hätte erobern sollen, stattdessen aber zu Hause bleiben musste. Ich wünsche mir sehr, dass diese Corona-Generation jetzt durchstartet und die Erfahrungen machen kann, die man in dem Alter machen muss!

„How can we dance when our world is turning? How do we sleep while our beds are burning?“

Midnight Oil

Es hätte so schön sein können – bundesweit sinken die Fallzahlen und es darf endlich wieder getanzt werden. Doch vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges in der Ukraine stellt sich die Frage, inwiefern eine hemmungslose Feierei gerade überhaupt möglich ist. Gegen den Weltschmerz antanzen – ist das eine gute Idee?

In meiner Jugend haben Midnight Oil gefragt: „How can we dance when our world is turning. How do we sleep while our beds are burning.“ Die Frage stellt sich immer wieder. Aber die Geschichte zeigt ja auch, dass gerade die Popkultur Veränderung fördern kann. Deswegen finde ich die Idee, gegen den Weltschmerz anzutanzen, eigentlich recht schön. Auch das bedeutet ja, diesem Wahnsinn unsere Haltung von einer freien Kultur entgegenzustellen. Aber ich gebe zu, dass das schwerfällt – und dass die Form immer wieder überprüft werden muss.

Momente der Gemeinschaft

Welchen Stellenwert haben das gemeinsame Feiern und Live-Musik-Erlebnisse Ihrer Meinung nach? Und was bleibt vielleicht auf der Strecke, wenn wir nicht tanzen gehen können?

Für mich sind das Momente, in denen Gemeinschaft spürbar wird. Kae Tempest beschreibt in ihrem Buch „Verbundensein“, dass sich bei einem Konzert sogar der Puls der Anwesenden angleicht. Das Wissen darum, dass wir einander brauchen und aufeinander reagieren, ist wichtig.

Ich finde die Idee, gegen den Weltschmerz anzutanzen, eigentlich recht schön.

Kultursenator Carsten Brosda

Clubbetreiber:innen beklagten in den vergangenen zwei Jahren vielfach eine gewisse Leichtfertigkeit, die den Umgang der Politik mit der Schließung von Clubs vermeintlich prägte. Kommt mit der „neuen Feierei“ auch eine neue, vielleicht absehbarere Corona-Strategie für die Kulturszene?

Da haben wir in den letzten Monaten schon eine Menge voneinander gelernt. Ich denke noch mit Schrecken an die ersten Corona-Verordnungen, in denen die Kultur mit Freizeiteinrichtungen und Puffs auf eine Stufe gestellt wurde. Das hat zu Recht einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Inzwischen wird der besondere Stellenwert der Kultur erkannt. Bund und Länder haben auch deutlich gemacht, dass es sehr genauer Begründungen bedarf, wenn die Freiheit der Kunst eingeschränkt wird. Mit Blick auf die Live-Musik macht mir Mut, dass die neue Bundesregierung nun erstmals Clubs als Kulturorte anerkannt hat und auch entsprechend schützen will. Wir in Hamburg wissen schon lange, wie wichtig eine lebendige und vielfältige Club-Szene für die Kultur ist. Da kann es nur helfen, wenn da künftig Bund und Länder mit der Szene an einem Strang ziehen.


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1. Mai – viel los in Hamburg

Nach Neujahr und Ostern wartet mit dem 1. Mai endlich wieder ein Feiertag auf Hamburg, zwar an einem Sonntag, trotzdem ist viel los in der Stadt – ein Überblick über die wichtigsten Demonstrationen und Partys

Warum feiert man den „Tag der Arbeit“ überhaupt? Die Tradition des 1. Mai geht zurück auf den „Haymarket Riot“ am 4. Mai 1886 in Chicago. Nachdem am 1. Mai des Jahres in den ganzen USA rund 400.000 Arbeiter:innen für die Achtstundenwoche gestreikt und demonstriert hatten, kam es in der Stadt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Am Ende starben sieben Polizeibeamte und mindestens ein Zivilist bei den Ausschreitungen am Haymarket. Für den 1. Mai 1890 wurde in Gedenken an diese Ausschreitungen ein weltweiter Feiertag geplant – die Geburtsstunde des 1. Mai als „Internationaler Kampftag der Arbeiterklasse“. Mittlerweile ist der erste Tag im Mai in vielen Ländern weltweit ein gesetzlicher Feiertag.

Am Wochenende des 1. Mai sind in Hamburg 24 Demonstrationen angemeldet

Demonstrationen am 1. Mai

Auch in Hamburg wird am 1. Mai 2022 wieder demonstriert. Laut Polizei sind insgesamt 24 Veranstaltungen am ganzen Wochenende angemeldet, hier kommen die wichtigsten:

Demonstrationen von ver.di und dem Deutschen Gewerkschaftsbund

Din Hamburg gibt es am 1. Mai 2022 drei Demonstrationen der Gewerkschaften, in…

… in Bergedorf um 10 Uhr ab dem Lohbrügger Markt, Abschlusskundgebung um 12 Uhr im Rathauspark Bergedorf;

… in Harburg um 10.15 Uhr ab dem Rathausplatz, Abschlusskundgebung um 11 Uhr ebenfalls auf dem Rathausplatz;

… und von Eimsbüttel nach St. Pauli um 10 ab Heußweg, Nähe der U-Bahn Osterstraße, Abschlusskundgebung um 12 Uhr auf der Straße St. Pauli Fischmarkt.

Linke Demonstrationen

Unter dem Motto „Wer hat, der gibt“ demonstriert außerdem ein linkes Bündnis aus unter anderem der „Seebrücke Hamburg“, der Partei „die Linke“, dem AStA der Uni Hamburg und Fridays for Future Hamburg um 13 Uhr ab der Elbphilharmonie. Ziel der Demo ist der Ballindamm Nähe Alstertor (unweit der Warburg Bank).

Auch in Wilhelmsburg wird am 1. Mai demonstriert. „Verboten gut – Anarchismus in die Offensive“ ist das Motto, los geht es um 18 Uhr an der Neuenfelder Straße, Ziel ist die Harburger Chaussee.   

Unter dem Motto „Heraus zum revolutionären 1. Mai“ startet um 16 Uhr am Berliner Tor eine weitere Demonstration und soll um 20 Uhr am U- und S-Bahnhof Barmbek enden.

Fast parallel dazu gibt es auf der Schanze das „Klassenfest gegen den Staat und das Kapital“. Die hier angemeldete Demonstration startet um 15 Uhr.

Die Polizei erwartet einen ruhigen 1. Mai

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Die Polizei erwartet für Hamburg einen ruhigen 1. Mai

Besonders im Stadtteil Sternschanze war die Polizei im vergangenen Jahr mit Wasserwerfern gegen Demonstrierende vorgegangen. In diesem Jahr gibt es aber weder ein Versammlungsverbot noch Maskenpflicht. Daher rechnet die Polizei „mit einem Versammlungsgeschehen, wie wir es aus der Zeit vor Corona rund um den 1. Mai kennen“ und geht für dieses Jahr von einem „störungsfreien und gewaltfreiem Verlauf“ aus. 

Tanz in den Mai – der Start in den Party-Sommer

Neben dem politischen ist der 1. Mai auch der Startschuss für den Party-Sommer. Während in vielen Teilen Deutschlands in der sogenannten Walpurgisnacht der Frühling begrüßt wird, ist in Hamburg in der Nacht auf den 1. Mai Zeit für den Tanz in den Mai. Auch 2022 gibt es etliche Partys in der Stadt:

„Mai Ahoi“ auf der Cap San Diego. 

Auf dem alten Frachtschiff im Hamburger Hafen gibt es bei „Mai Ahoi“ am 30. April ab 21 Uhr vier Areas mit Partyclassics, Clubsounds, finest House & Electro und Black, RnB und old school. Tickets gibt es ab 13 Euro (Vorverkauf wird empfohlen).

Indie Rock bei Frau Hedis Revolver Club

An den Landungsbrücken gibt es ab 20 Uhr von New Wave über Indierock und Post Punk bis Brit Pop alles, was das Herz begehrt. Und wie sagte es schon Thees Uhlmann: „Ich finde was Günther Netzer für stilvollen Fußball und Analyse war, das ist der Revolver Club heute immer noch für stilvolle und coole Indie-Parties!“ Der Eintritt kostet 15 Euro (Abendkasse 18 Euro). Rein kommen alle ab 18, außer Junggesell:innenabschiede.

Freundlich+Kompetent in den Mai tanzen

Direkt an der Mundsburg bittet Carlos aka The Wingman ihm Freundlich+Kompetent zu Beats á la Neo Beat, Rap, Trap, Funk&Soul und Rock. Einlass ist um 17 Uhr, los geht‘s um 20 Uhr und der Eintritt ist wie immer frei.

„Manhatten Mayday“ im Fundbureau

Gemeinsam in den Mai Tanzen im das geht auch endlich wieder an der Sternbrücke. Auf zwei Floors gibt es bei „Manhatten Mayday“ einerseits Pop, Charts & Rnb) und andererseits Techno & Techhouse. Tickets gibts nur an der Abendkasse und los gehts um 23 Uhr.

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Mit dem Tanz in den Mai startet der Party-Sommer 2022 (Foto: unsplash/Pablo Heimplatz)

Im Goldbekhaus tanzen alle Ü 40 in den Mai 

Hat das Kulturzentrum in Winterhude mit der „Winterhuder Tanznacht“ schon eine legendäre Ü40-Party etabliert, kehr jetzt auch der Tanz in den Mai zurück. Die perfekte Adresse für alle über 40. Getanzt wird zu bewährter Musik und nach dem 2G+-Modell. Tickets gibt es für 8 Euro (Abendkasse 10 Euro).

Club 40up im Kent Club

Der Kent Club ist neu, sieht gut aus und lädt mit dem Club 40up ebenfalls zum Tanz in den Mai. Für alle über 40 eine der besten Adressen der Stadt, um bei richtig guten Beats in den Mai zu tanzen. Zur Begrüßung gibt es einen Shot und in der ersten Stunde eine Happy Hour. Los gehts um 22 Uhr, Ticktes gibts ab 13 Euro (Abendkasse 15 Euro).

Punk in Marias Ballroom

Für alle Fans des gepflegten Punk geht es am 30. April nach Harburg. In Marias Ballroom geben sich ab 20.30 Uhr „Blanker Hohn“, die „Barrytown Wheelies“ und „Bondgirl“ die Ehre. Tickets gibt es für 11,50 Euro (Abendkasse 14 Euro), Einlass ist um 20 Uhr.

Motorbooty im Molotow

Wenn es auf dem Kiez eine legendäre Partyreihe gibt, dann ist es Motorbooty im Molotow. Zum 1. Mai feiert die Reihe auf 2 Floors mit reichlich Rock’n’Roll und zwar mit dem mittelmäßigen oder schlechten, sondern nur mit dem richtig guten Zeug. Einlass ist ab 23 Uhr und der Eintritt für das 2G+-Event kostet 6 Euro für alle Floors.

Lange raven im Südpol

Den längsten Tanz in den Mai gibt es in der Süderstraße. Die Party im Südpol startet schon am 29. Mai um 23.55 Uhr. Schluss ist erst am 1. Mai um 22.00 Uhr. Einlass gibts bei dem 2G+-Event nur mit gültigem Nachweis. Tickets sind außerdem auch nur vor Ort zu haben. Mehr Infos unter suedpol.org.

Open Air im Schrödingers

Wer zum Wegfall der Maskenpflicht unter freiem Himmel in den Mai tanzen will, für den gehts in den Schanzenpark. Im Schrödingers ist ab 16 Uhr die Lichtung bei freiem Eintritt (nach 2G+-Regel) geöffnet. Ab 22 Uhr geht es im Wintergarten weiter und ab 23 Uhr gibt’s Musik von Ida Daugaard.


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„Wir brauchen ernsthafte Perspektiven“

Anna Lafrentz, zuständig für Durchführung und Personalorganisation im Südpol, und Felix Stockmar, Booking, Finanzen und Technik auf der MS Stubnitz, gehören seit Herbst 2020 zum Vorstand des Clubkombinats. Im Interview sprechen sie über die Situation der Hamburger Musikspielstätten nach zwei Jahren Pandemie

Interview: Ole Masch

SZENE HAMBURG: Anna und Felix, wieso lässt man sich mitten in der Pandemie in den Vorstand des Clubkombinat wählen?

Anna: Wann denn sonst? Jetzt ist es akut und Arbeit, die reingesteckt wird, macht sich schnell bemerkbar. Wir können hier wirklich was für unsere Clubs erreichen und das macht neben der Anstrengung einfach super viel Spaß.
Felix: In der großen Pause ist ja eben auch ’ne Menge Luft, um sich mal aus seinem eigenen Kosmos rauszubewegen und für die Konzert- und Clublandschaft generell etwas zu bewegen. Das eigene Wissen mit anderen zu teilen, zu unterstützen und in eine gemeinsame Zukunftsgestaltung mit einzubringen.

Genervt und müde

Mit welchen Zielen seid ihr angetreten?

Anna: Meine persönlichen Ziele waren unter anderem mehr politische Wertearbeit – hier haben wir vergangenes Jahr eine wichtige Satzungsänderung in der Mitgliederversammlung verabschiedet. Zudem lag mein Fokus viel auf Öffentlichkeitsarbeit, also Pressemitteilungen oder Interviews. So haben wir die Hamburger Clubs in die bundesweiten Nachrichten gebracht und konnten zur öffentlichen Wahrnehmung unserer Kulturorte beitragen. Mein dritter Schwerpunkt ist die Awareness-Arbeit. Hier gründen wir gerade einen Round Table zum Thema und entwickeln mit weiteren Akteuren ein Weiterbildungsprogramm.
Felix: Ich habe mich vor allem viel mit der Zukunft der Live-Musik und Clubbranche auseinandergesetzt. Denn dieser große Einschnitt birgt auch die Chance, Dinge und Strukturen neu zu denken. Sich mal die Frage zu stellen: „Wollen wir bloß so ,prekär‘ weitermachen wie vor der Pandemie, oder schaffen wir es, dass sich Post-Corona wirklich strukturell etwas ändert.“ Durch den Stillstand ist vielen erstmals bewusst geworden, was die Kultur jenseits des durchsubventionierten kulturellen Erbes, die sonst ja immer selbstverständlich da war, eigentlich für einen Wert hat. Dieses Bewusstsein auch in die Politik und damit auch in Gesetzesänderungen zu bringen, ist immens wichtig.

Wie geht es der Hamburger Clublandschaft nach zwei Jahren Corona?

Anna: Ich würde sagen „erschöpft“ trifft es ganz gut. Klar sitzen wir auch in den Startlöchern, aber die letzten zwei Jahre waren für alle sehr kräftezehrend. Wenig war möglich und das mit enorm hohen Auflagen verbunden. Leere Tanzflächen und eine Absage nach der nächsten, das zieht enorm viel Energie.
Felix: Ja, genervt und müde. Das viele Hin und Her, die zunehmend fehlende Logik und Struktur hinter der Pandemiebekämpfung und das ständige „für die Tonne-Arbeiten“ wird immer frustrierender.

„Wann geht es endlich wirklich um die Menschen?“

Wie lange kann es noch so weitergehen?

Anna: Wir in Hamburg haben mit den bundesweiten Hilfen und dem Hamburger Club-Rettungsschirm erst mal alle laufenden Kosten gedeckt. Schwierig ist es, das Personal zu halten oder wiederzufinden, denn gerade selbstständige Veranstaltungsleute sind schon lange in andere Branchen abgewandert. Außerdem: Was sind die Clubs ohne die Bars und Kneipen? Da geht gerade ein großer Schwung unter, einige halten sich noch luftschnappend an der Kante. Ohne die Vielfalt dieser Läden ist auch der Clubbesuch nicht mehr dasselbe. Um eine Kultur der Nacht zu erhalten, muss sich schnell was ändern.
Felix: Ja, die finanziellen Hilfen decken vieles, aber das Geld ist im Kulturleben auch nur eine Seite. Die andere besteht darin, für andere Menschen durch kulturelle Inhalte besondere und vor allem auch soziale Erlebnisse zu schaffen. Das ist das Eigentliche, für das wir leben und das uns Kraft gibt. Je länger dieser Teil fehlt, desto schwieriger wird es die Energie zum Durchhalten aufzubringen.

Was fordert ihr von der Politik?

Anna: Wir brauchen ernsthafte Perspektiven und ehrliche Zusagen. Nach zwei Jahren und Impfungen stehen wir immer noch vor lauter Fragezeichen. Soll das jetzt jeden Herbst so gehen? Die Temperaturen sinken, die Zahlen steigen, die Läden gehen wieder zu? Wann endlich bekommen kulturelle Erlebnisse denselben Stellenwert wie Lohnarbeit? Wann geht es endlich wirklich um die Menschen und nicht nur um die Wirtschaft?
Felix: Ständig wiederholen wir die formalen Forderungen nach Inhaber:innengehalt, Lebensunterhalt für Selbstständige, keine Rückforderungen der ersten Corona-Hilfen (!), Abschaffung des bundesweiten Flickenteppichs, klare Perspektiven, Gleichbehandlung der Kultursparten und grundsätzlich die Anerkennung der Wichtigkeit von Kunst, Musik und Kultur für unsere Gesellschaft.

Es braucht Einheitlichkeit, bundesweit

Auf welche kurzfristigen Perspektiven hofft ihr?

Anna: Wir hoffen natürlich, dass wir bald wieder tanzen dürfen, mit vielen Leuten und ohne Abstand.
Felix: Mit Blick auf Frühjahr und Sommer wünschen wir uns unkomplizierte und frühzeitige Open-Air-Förderungen und sowieso eine Verlängerung der aktuellen Förderungen in vollem Umfang. Die Wiedereröffnungsszenarien müssen bundeseinheitlich geplant und rechtzeitig und transparent kommuniziert werden, sodass uns Zeit bleibt, uns vorzubereiten. Und dass diese Vorbereitung von einem wie auch immer gearteten „Konjunkturpaket“, Vorschläge an die Politik gibt es zur Genüge, begleitet wird.

Habt ihr bei den Öffnungen im Herbst Unterschiede zur Zeit vor der Pandemie bemerkt?

Anna: Die Freude der Menschen war unfassbar groß! So viel angestaute Energie, so viel Hunger nach anderen Leuten, Begegnungen, Ekstase, Rausch, laute Musik und beim Tanzen die Welt da draußen einmal kurz vergessen machen. Und damit Energie sammeln, um weiter durchzuhalten. Wie ich das bei unseren Openings beobachtet habe, fielen die ersten Unsicherheiten nach ein bis zwei Stunden im Laden von den Leuten ab. Körper und Kopf erinnern sich und lassen los. Gleichzeitig war genauso schnell bemerkbar, als die Infektionszahlen wieder stiegen. Gäste blieben vermehrt aus, enorm viele „No-Shows“, also Tickets, die nicht wahrgenommen werden. Na ja, und dann haben wir ja auch alle direkt wieder zugemacht.

Es gab auch Vorteile

Wie geht’s es euren Läden?

Anna: Puh! Viele Baustellen. Wir haben die Zeit genutzt, um uns strukturell neu aufzustellen, das wird jetzt in der Praxis geübt. Der Club ist erst mal gesichert, aber fast alle unserer Mitarbeitenden mussten sich andere Jobs suchen. Zu unserer kurzen Öffnung war unser Team zwar komplett mit vielen alten und vielen neuen, aber ohne klare Perspektive mussten die sich schnell wieder was anderes suchen. Das zehrt an den letzten Energiereserven. Aber wir haben Bock und freuen uns auf das Frühjahr mit neuen Überraschungen. Ich hoffe eigentlich nur, dass wir im Herbst nicht wieder schließen müssen und zurück in einen Rhythmus finden.
Felix: Auf der Stubnitz gab und gibt es auch eine Menge Baustellen. Die Corona-Zeit hatte diesbezüglich neben allen Nachteilen auch ein paar Vorteile, weil wir uns stark auf die Instandsetzung konzentrieren konnten. Die weitere Lebenserwartung unseres Denkmal- und Kulturschiffes ist damit ein gutes Stück vorangekommen. Vieles was im laufenden Betrieb gerne hinten überfällt wurde angegangen. Aber inzwischen sind wir heiß darauf, dass es im März bei uns wieder losgeht. Ich bin optimistisch, dass wir wieder voll loslegen und viele Menschen glücklich machen können.

Hat die Pandemie noch weitere Vorteile gebracht?

Anna: Ja! Die globale Erfahrung, dass sich alles ganz schnell ändern kann. Egal ob „das schon immer so war“. Das finde ich toll, denn es zeigt: alles ist möglich, auch die guten Veränderungen! Und persönlich weiß ich noch mal mehr, wieso ich das alles tue: für gemeinsame ästhetische Erlebnisse, die die Welt einfach zu einem besseren Ort machen. Ist so.
Felix: Dem habe ich nichts hinzuzufügen!

clubkombinat.de


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„Unsere Gesellschaft ist nicht gespalten“

Die Apotheke am Neuen Pferdemarkt gibt es seit 1825, der Vater von Dr. Maurice Khalil übernahm sie 1972. Dr. Khalil hat Zehntausende von Corona-Tests durchgeführt. Ein Gespräch über soziale Verantwortung, zufriedene Kunden und tätliche Übergriffe

Interview & Foto: Markus Gölzer

SZENE HAMBURG: Herr Khalil, war immer klar, dass Sie Apotheker werden wollen?

Dr. Khalil: Ja. Ich bin hier in der Schanze aufgewachsen, als Kind habe ich immer in der Apotheke gespielt. Seitdem wollte ich Apotheker werden. Früher war das so, dass hier kaum einer wohnen wollte. Hier war ein hoher Anteil an Zuwanderern, die Stück für Stück verdrängt wurden. Es war auch schwierig, Mitarbeiter zu finden.

Da hat Ihr Vater Pionierarbeit geleistet, wenn man so will.

Mein Vater war, man glaubt es kaum, der erste Nichteuropäer, der in Deutschland eine Betriebserlaubnis für eine Apotheke bekommen hat. Der Zweite Weltkrieg ist 1945 zu Ende gegangen. 1972 war ja nur eine Generation später. Das war damals für Nichtdeutsche schwer und ist es heute.

Es gibt auch für Spanier oder Portugiesen trotz EU abstruse Regeln, dass sie so und so lange in Deutschland gearbeitet haben müssen, um eine Betriebserlaubnis zu bekommen und eine Apotheke übernehmen zu dürfen. Viele Jahre waren Menschen mit anderer Hautfarbe ein seltenes Bild in einer Apotheke. Mit der Folgegeneration der ehemaligen Einwanderer hat sich das geändert.

Was haben Sie sich als Apotheker gedacht, als die ersten Berichte über ein neues Virus kamen?

Ich habe an eine Pandemie gedacht. Das war der 14. Januar. Da wurde ich von Kollegen ausgelacht, weil ich vieles umgestellt habe, mich nicht nur mit den wichtigsten Arzneimitteln bevorratet habe, sondern auch mit Schutzmasken und Desinfektionsmitteln.

Hintergrund war, dass mit Lieferengpässen zu rechnen war. Die auch kamen. Im Zuge der Gesundheitsreform werden nur noch wenige Arzneimittel in Deutschland hergestellt, sondern beispielsweise in Indien oder China. Das Bevorraten war ein enormes Risiko, weil wir vorfinanzieren mussten. Aber Kunden und Patienten waren dankbar. Die haben schnell bemerkt: Bei dem gibt’s das noch.

„Die Bundesregierung hätte die Preise deckeln müssen“

Dr. Maurice Khalil

Kam es zu Preissteigerungen?

Die Preise bei Arzneimitteln sind festgelegt. Bei Corona-Tests oder solchen Geschichten nicht. Da haben sich Ende letzten Jahres die Preise mindestens verdoppelt. Die Infektionen gehen nach oben, die Nachfrage steigt, die Preise auch. Das sehe ich als großen Fehler an. Die Bundesregierung hätte die Preise deckeln müssen.

Ganz extrem war es im Frühjahr vergangenen Jahres, als man für FFP2-Masken 25 oder 30 Euro bezahlen musste, die zu Nicht-Pandemiezeiten Cent-Artikel waren. Wir sind irgendwann ausgestiegen und haben keine Masken mehr verkauft, weil die Preise gar nicht vermittelbar waren.

Wer genau hat die Preise so erhöht?

Das waren die Importeure. Manchmal hatte man das Gefühl, dass die sich abgesprochen haben. Normalerweise gibt es so etwas im pharmazeutisch-medizinischen Bereich nicht, weil das ein ethischer Beruf ist. Es ist nicht zulässig, eine Empfehlung auszusprechen, nur weil ich einen höheren Gewinn an dem Medikament habe. Das hätte ich mir auch in dem Bereich medizinische Masken oder Desinfektionsmittel von den entsprechenden Behörden gewünscht. Das galt auch für Tests. Für einen kurzen Zeitraum waren diese kostenpflichtig. Wir haben das für acht Euro gemacht, während kommerzielle Anbieter zwischen 14 und 25 Euro genommen haben. Irgendwann im Oktober war das. Wir sind plus/minus null rausgegangen, weil wir das als unsere soziale Verantwortung gesehen haben. Das ist initial auch der Grund, warum wir die Tests jetzt noch durchführen.


SZENE HAMBURG Ein Jahr mit Corona 22/2021

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Bieten Sie noch PCR-Tests an?

Das war der Vorschlag des neuen Gesundheitsministers, dass es nur noch für Risikopatienten oder Berufe wie Krankenschwestern aufgrund eines vermuteten Engpasses bevorzugt die PCR bekommen sollen. Ob der Mangel wirklich so hoch ist, weiß ich nicht. Was ich weiß, ist, dass nicht jeder, der testet, auch PCR anbietet. Der Grund: Die Vergütung durch die Stadt Hamburg für Durchführung, Vorbereitung und Nachbereitung eines PCR-Tests ist extrem niedrig, das Infektionsrisiko extrem hoch. Dafür müssen Sie erst mal einen finden.

Unser Einzugsgebiet ist riesig. Es kommen Leute aus Norderstedt oder Harburg. Die sagen, sie sind schon den ganzen Tag rumgelaufen, weil das Kind in der Schule positiv getestet wurde, und keiner wollte das machen. Wir bieten den Menschen, die wir positiv testen, niedrigschwellig den Zugang zu einer PCR an.

„Bei uns geht es nicht nur um das reine Testen, sondern auch um die Beratung der Menschen“

Dr. Maurice Khalil

Wie viele Leute testen Sie pro Monat? Wie viele sind positiv?

Ich weiß es nicht genau, aber es sind Tausende im Monat, die wir testen und Hunderte, die wir positiv testen und denen wir den Weg zu einer PCR ermöglichen. Viele unserer Kunden haben keinen Zugang zu elektronischen Medien, können keinen QR-Code scannen. Oder sie haben Probleme zu schreiben. Da müssen Sie den Leuten richtig helfen. Das können Sie gar nicht mit dem, was die Stadt Hamburg dafür bezahlt.

Bei uns geht es nicht nur um das reine Testen, sondern auch um die Beratung der Menschen und am Ende auch um Qualitätsmanagement. Mit der PCR-Testung überprüfen wir gleichzeitig unsere Schnelltests. Wir haben viele Zehntausend Menschen getestet, und die, die wir falsch positiv getestet haben, waren eine Handvoll.

Wurden Sie schon von Corona-Leugnern bedroht?

Ja (lacht). Menschen lassen sich aus unterschiedlichsten Gründen testen. Die einen aus Gesundheitsvorsorge, auch wenn sie geimpft oder geboostert sind. Sie wollen andere nicht gefährden. Wir haben Menschen, die nicht geimpft sind und partout nicht geimpft sein wollen. Und wir haben ganz, ganz wenige, die sich testen müssen, sich aber weigern. Und das ist ganz, ganz anstrengend.

Es ist nicht angenehm, ein Stäbchen im Rachen oder in der Nase zu haben. Aber wenn Menschen anfangen rumzuschreien, obwohl sie das Stäbchen noch nicht richtig in der Nase haben, wissen Sie, wo die Geschichte hingeht. Alle, die dahinterstehen, gucken ganz erschrocken, sind geschockt. Und leider gibt es auch ein extremes Beispiel: Da kommt einer vorbei, stürmt hinten in die Apotheke und schlägt zu. Auch einer, der sich nicht testen lassen wollte, aber musste. Ich habe keinen Ton gesagt und schon die Faust im Gesicht gehabt. Der hat so zugeschlagen, dass ich erst mal ins Krankenhaus musste. Man muss aber sagen: Wir haben einige Zehntausend Menschen getestet – davon wurden vielleicht 30 auffällig.

Waren Sie traumatisiert?

Auf alle Fälle. Körperliche Schäden habe ich jetzt noch. Ich habe wochenlang ein Problem gehabt, Fremden gegenüberzutreten. Jemanden beim Testen zwanzig oder dreißig Zentimeter entgegenzukommen, ohne zu wissen, wie der tickt.

Zum Glück muss ich nicht mehr daran denken. Aber es war unglaublich, wie viele Menschen danach zur Apotheke gekommen sind. Ich habe unzählige Geschenke und Briefe bekommen. Von allen möglichen Leuten bis hin zu Prominenten. Ganz, ganz groß. Sonst hätte ich das gar nicht weitergemacht. Aber wie der Bundespräsident gesagt hat: Unsere Gesellschaft ist nicht gespalten. Die überwiegende Mehrheit der Menschen ist sich einig. Es ist eine kleine Minderheit von Corona-Leugnern, die anderer Meinung sind.

Schon Pläne für die Zeit nach Corona?

Ich habe seit sicher zwei Jahren keinen Urlaub mehr gehabt. Da fahr ich erst mal an die Ostsee. Da ist es schön (lacht).

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„Eine neue Form der Regie ohne Machtgefälle“

Eva Mattes teilt sich mit Josefine Israel die Rolle der Mutter in „Die Freiheit einer Frau“. Falk Richter inszeniert eine eigene Bühnenfassung der neuesten autobiografischen Erzählung von Édouard Louis Im Interview spricht Mattes über Mütter, Édouard Louis und Theater in Zeiten von Corona

Interview: Sören Ingwersen

SZENE HAMBURG: Frau Mattes, in „Die Freiheit einer Frau“ spielen sie eine Frau, die nach jahrelangen Demütigungen durch zwei Ehemänner beschließt, ihr Dorf zu verlassen und ein neues Leben zu beginnen. Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

Eva Mattes. Ich habe erst mal alle Bücher von Édouard Louis gelesen. Außerdem machen wohl alle Frauen Erfahrungen in diese Richtung. Ich denke oft: Ach, jetzt muss ich mich schon wieder emanzipieren. Im Fall von Édouard Louis und seiner Mutter ist es natürlich noch krasser, weil die in sehr armen Verhältnissen aufgewachsen sind.

Édouard Louis, der viele homophobe Erfahrungen gemacht hat, befreit sich aus diesen Verhältnissen …

Er hat das Gymnasium besucht, danach studiert und ist jetzt ein intellektueller Mensch. Hochachtung vor so einem Schritt! Die Mutter folgt ihm quasi, verlässt ihren zweiten Mann und zieht in die Stadt. Aber wirklich heraus aus ihrer Gesellschaftsschicht kommt sie nicht. Sie findet auch schwer Kontakte. Wir wissen ja, dass sich in Städten wie Paris nicht so leicht Beziehungen entwickeln, wenn man von außen dazukommt. Das ist in Berlin anders. Ich lebe in Kreuzberg, da ist die Bevölkerung sehr gemischt.

Ein offener Brief an die Mutter

Man hat Édouard Louis vorgeworfen, dass seine Bücher immer wieder das gleiche Thema behandeln …

Er ist ja noch wahnsinnig jung, nicht einmal dreißig, und hat noch eine große Entwicklung vor sich. Deshalb wird er immer wieder anders auf seine Vergangenheit blicken. Als studierter Soziologe kann er sich auch ein Bild davon machen, warum seine Eltern und die Verhältnisse so sind, wie sie sind.

Er hat offenbar viel aufzuarbeiten …

Er schreibt, dass er in der Schule jeden Tag im gleichen Flur auf die beiden Typen gewartet hat, die ihn dann zusammenschlagen haben. Er wollte nicht im Schulhof verprügelt werden, weil es dort alle anderen mitbekommen hätten. Dabei hat er immer gelächelt, weil er dachte, dann tun die Jungs ihm nicht so weh. Auch vor seiner Mutter hat er immer nur gelächelt. Er wollte nicht, dass sie erkennt, wer er ist und was er für ein Leben führt. Um all diese Erfahrungen zu überwinden, ist harte Arbeit nötig.

Könnte man das Buch als eine Art offenen Brief an die Mutter verstehen?

Ja. Falk Richter hat eine sehr schöne Bühnenfassung geschrieben, die nahe am Buch bleibt. Josefine Israel spielt die junge Mutter und ich die Mutter in der Gegenwart.

„Prosa ist auf der Bühne spannender“

Warum werden immer öfter Prosatexte auf die Bühne geholt? Gibt es keine guten Theaterstücke mehr?

Wahrscheinlich möchte man einfach gute Stoffe erschließen. Ehrlich gesagt, lese ich Texte von Theaterstücken immer erst, wenn ich gebeten werde, darin mitzuspielen. Deshalb kann ich gar nicht beurteilen, ob es zu wenige gute neue Stücke gibt.

Andererseits gibt es Gegenwartsautoren, die auch für die Bühne Prosatexte schreiben wie Elfriede Jelinek. Für Ihre Darstellung der Kirke in der Uraufführung von Jelineks Stück „Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!“ am Deutschen Schauspielhaus haben Sie im letzten Jahr den „Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares“ erhalten.

Auf der Bühne sind diese Texte aber spannender, als wenn man sie nur lesen würde. Bei dieser Produktion habe ich zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, wie man einem Text, der ohne Punkt und Komma und ohne Rollenverteilung geschrieben ist, in ein Stück verwandelt.

Dort spielten Sie ja eine Art Gegenstück zu Ihrer aktuellen Rolle und traten als Zauberin auf, die die Männer in Schweine verwandelt, um über sie zu herrschen.

Andererseits sagt auch die Mutter in „Die Freiheit einer Frau“, als sie einen neuen Mann kennenlernt: „Jetzt lasse ich mich nicht mehr unterdrücken. Jetzt bestimme ich!“

Aber reproduziert sie damit nicht nur den Machtmechanismus mit entgegengesetzten Vorzeichen?

Man sucht sich immer die Muster, die einen geprägt haben. Aus denen kommt man nur heraus, wenn man verstanden hat, warum in der Vergangenheit etwas so passiert ist. Erst dann kann sich das ganze System verändern.

Die Freiheit des Spiels

Haben Sie schon früher mit Falk Richter zusammengearbeitet?

Nein. Aber die Arbeit macht großen Spaß und findet – wie im letzten Jahr mit Karin Baier – auf Augenhöhe statt. Das ist auch eine Art Befreiung, eine neue Form der Regie ohne Machtgefälle. Mit Peter Zadek war das anders. Obwohl wir uns gut verstanden haben und ich ihn durchaus vermisse, konnte er ganz schön austeilen.

Rainer Werner Fassbinder aber doch sicher auch …

Mir gegenüber waren die Regisseure zum Glück immer respektvoll und vorsichtig. Und als ich mit Fassbinder angefangen habe zu arbeiten, war ich erst sechzehn. Der hatte sozusagen genauso Respekt vor mir – vor meiner Jugend und meiner hohen Disziplin – wie ich vor ihm.

Heißt das trotzdem, dass Sie heute ihre Vorstellungen als Schauspielerin stärker einbringen können?

Nein, bei Zadek kam ja auch viel von der Bühne. Da habe ich überhaupt erst gelernt, selbstständig zu arbeiten. Einerseits war das sehr locker, andererseits richtete sich doch alles nach ihm. Aber die Freiheit des Spiels habe ich seit Zadek eigentlich immer gehabt. Wir haben manchmal monatelang bei ihm improvisiert und hatten wahnsinnig viel Zeit, unsere Rollen zu entwickeln.

Corona und die Kunst

Im Moment sind ja wegen Corona ja nur wenige Zuschauer zugelassen. Wie geht es Ihnen damit?

Wenn ich in den Saal hinunterschaue, empfinde ich das manchmal sogar als persönlicher. Am Ende sind die Leute auch unglaublich dankbar und applaudieren wie verrückt, weil sie uns wohl auch zeigen wollen, wie froh sie sind, dass sie dabei sein können. Trotzdem wünscht man sich natürlich volle Säle. Jetzt mache ich schon die dritte Produktion hier am Schauspielhaus nach „Iwanow“ und dem Jelinek-Stück und fühle mich sehr privilegiert. Leider gibt es viele Menschen in unserer Branche, die derzeit nicht auftreten können und denen es richtig schlecht geht.

Muss man nicht sogar sagen, dass die Themen des aktuellen Stücks – Armut und Gewalt – Themen sind, die durch Corona verstärkt in den Fokus geraten? Die Menschen verlieren ihre Arbeit, sitzen zu Hause und werden immer aggressiver.

Natürlich, ich kenne das aus meiner eigenen Familie. Meine Nichte hat drei Söhne von ganz klein bis elf Jahre. Das ist selbst zu zweit schwer. Ich bin froh, dass meine Kinder erwachsen sind.

Wenn Sie zu einer Anhörung in den Bundestag geladen würden, um die Corona-Situation in den Theatern aus Sicht einer praktizierenden Schauspielerin einzuordnen und Ratschläge zu geben, was würden Sie dem Ausschuss sagen?

Ich glaube, ich würde da nicht hingehen. Selbst für die Fachleute scheint eine Beurteilung schwierig zu sein, weil es ja fast täglich neue Erkenntnisse gibt. Ich hatte mich auch mit der Omikron-Variante angesteckt. Es war eine ganz normale Erkältung, und jetzt bin ich genesen – für drei Monate immerhin. Viele kommen nicht so glimpflich davon, und es gibt Tote. Aber das Spiel mit der Angst, das mag ich nicht.

„Die Freiheit einer Frau“, ab dem 5. März 2022 (Premiere) im Deutschen Schauspielhaus


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Corona trifft die, die schon vorher weniger hatten

Das Armutsrisiko in Hamburg steigt: Trotz staatlicher Unterstützung fallen viele Menschen während der Pandemie durchs Raster

Text: Andreas Daebeler

Flaschensammler bessern rund um Millerntor und Barclays Arena ihr Einkommen auf. Straßenmusiker erspielen sich auf dem Kiez ein paar Euro. Trinkgeld landet im Pott – und wird nach der Schicht unter allen, die an der Bar ackern, aufgeteilt. Das sind Bilder, die uns bis März 2020 vertraut waren. Sie sind seltener geworden.

Stadien sind leer, der Kiez ist weit weg vom Trubel früherer Jahre. Bars sind geschlossen. Corona hat gerade die, die schon vor der Pandemie nicht viel hatten und kreativ sein mussten, um im teuren Hamburg klarzukommen, noch ärmer gemacht. Eine Zahl belegt das. Sie prägt den vor wenigen Wochen präsentierten Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, in dem das erste Corona-Jahr beleuchtet wird. Demnach lag Hamburgs Armutsrisiko-Quote bei 17,8 Prozent und somit über dem bundesweiten Niveau von 16,1 Prozent. Das Risiko, in die Armut abzugleiten, stieg in Hamburg deutlich an – von 15 Prozent im Jahr zuvor.

Pandemiebedingte Mehrkosten

„Angesichts des wirtschaftlichen Einbruchs überrascht uns der Anstieg der Armutsquoten nicht“, so Kristin Alheit, die die Geschäfte beim Paritäten führt. Dass die Zahlen nicht dramatischer gestiegen seien, liege offensichtlich an den rasch von Bund und Hamburger Senat ergriffenen Maßnahmen wie dem Kurzarbeiter- und dem Überbrückungsgeld. Viele Menschen hätten zwar schmerzhafte Einbußen hinnehmen müssen, seien dank stattlicher Maßnahmen jedoch noch nicht in die Armut abgerutscht.

Wichtig sei allerdings, dass die Hilfen auch 2022 nicht gekappt würden. Denen, die schon vor Corona wenig hatten, helfen Förderungen jedoch eh kaum. „Ihre Not ist gewachsen, etwa durch das Verschwinden von Pfandflaschen aus dem öffentlichen Raum und das stark eingeschränkte Angebot der Tafeln insbesondere zu Beginn der Pandemie“, so Alheit. Hinzu kämen pandemiebedingte Mehrkosten, etwa für Desinfektionsmittel und Masken.

Besonders betroffen seien Frauen

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Kristin Alheit: Geschäftsführende Vorständin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Hamburg (Foto: Paritätischer Wohlfahrtsverband)

Die Belastung am untersten Rand dieser Gesellschaft war und ist auch in Hamburg besonders groß. Milliarden Euro schwere Konjunkturprogramme kommen bei vielen Menschen gar nicht erst an. So wurde der ausgezahlte Kinderbonus von 300 Euro pro Kind nicht mit Hartz-IVLeistungen verrechnet. Es dauerte bis zum Mai 2021, bis alle Beziehenden von Hartz IV und Altersgrundsicherung einen einmaligen Betrag von gerade einmal 150 Euro ausgezahlt bekamen. Besonders hoch ist das Armutsrisiko laut Statistik bei Familien mit drei und mehr Kindern (30,9 Prozent) sowie bei Alleinerziehenden (40,5 Prozent). Erwerbslose und Menschen mit niedrigen Bildungsabschlüssen sowie Migrationshintergrund sind ebenfalls stark überproportional betroffen.

„Die allgemeinen Folgen der Pandemie trafen Arme ungleich härter“, sagt auch der Präsident des Paritäten, Ulrich Schneider. Zudem seien insbesondere selbstständige Erwerbstätige die Einkommensverlierer der Corona-Krise. Das schlage sich auch in den Armutsquoten nieder. Dazu passt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaft, der zufolge die Pandemie für viele Selbstständige zu einem Einkommensschock führte. Der Anteil derer, die ihr Geschäft aufgeben und danach keinen sozialversicherungspflichtigen Job finden, sei von neun auf 15 Prozent gestiegen. Besonders betroffen seien Frauen. Dies erkläre sich wahrscheinlich dadurch, dass sie in den ersten Monaten der Pandemie branchenbedingt häufiger Einkommensverluste erlitten als selbstständige Männer.

Stadt der Kreativen

Damit entwickele sich die COVID-19-Pandemie mehr und mehr zu einer Krise für selbstständige Frauen. Dies wirke sich letztlich nicht nur auf die betroffenen Selbstständigen selbst aus, sondern ebenso auf deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie auf diejenigen Wirtschaftszweige, etwa das Gastgewerbe, den Handel oder auch das Beherbergungsgewerbe. Während Manager großer Onlinehändler ihr Geld zählen und Supermarktketten zu den Gewinnern der Krise gehören, wenn Menschen nicht mehr ins Restaurant gehen, trifft die Krise kleinere Unternehmer mit voller Wucht. Etwa in Hamburgs Gastro: Die Daniela Bar ist nur eines von vielen Beispielen.

„Zum Heulen ist uns jetzt ganz besonders, da wir nach 21 Monaten Pandemie, Lockdowns und etlichen Verordnungen mit unserer Kraft und Leidenschaft am Ende sind“, lauteten bei Instagram die Abschiedsworte der beiden Wirtinnen, Florence Mends-Cole und Patricia Neumann, bevor sie die Tür der 1992 eröffneten Institution vor einigen Tagen zum letzten Mal schlossen. Auch im altehrwürdigen Landhaus Walter am Stadtpark etwa drohen gerade die Lichter auszugehen. Hinter den Läden stehen nicht nur Betreiber, sondern auch Menschen, die oft für kleines Gehalt servieren, abräumen und freundlich sind. Trinkgelder machen oft einen erheblichen Teil der Einkünfte aus. Diese Einbußen tauchen in keiner Statistik auf. Hamburg ist eine Stadt der Kreativen, der Künstler, Musiker und Schauspieler. Viele von ihnen sitzen ohne Aufträge da, wechseln die Branche, um ihr Leben zu bestreiten und ein Auskommen zu haben. Somit droht auch kulturelle Verarmung.

Folgen noch nicht absehbar

Keine Frage, dass ein Hamburg ohne Konzerte, mit harten Einschnitten bei Ausstellungen und dem Theater an Lebensqualität einbüßt. Mal ganz abgesehen von den Menschen, die nahe am Kulturbetrieb leben, von Bühnenbauern, Beleuchtern und Ausstattern. Und den Clubs, Bars und Hallen, die oft gerade denen Jobs bieten, die es auf dem Arbeitsmarkt nicht so leicht haben. Immerhin gibt es Licht am Ende des Tunnels. So hat sich die Arbeitslosenquote in Hamburg von 8,8 Prozent im ersten Lockdown mittlerweile bei rund 6,5 Prozent stabilisiert.

Die Frage, wie weit Corona sich in puncto Armut auswirkt, kann allerdings noch längst nicht abschließend beantwortet werden. Etwa weil Kündigungen und Räumungsverfahren während der Pandemie ausgesetzt sind. Sie werden nachgeholt werden, sobald die gesundheitspolitische Lage sich entspannt. Viele, die durch Corona in akute Not geraten sind, werden auch dann noch kämpfen. Experten befürchten, dass dann viele Menschen ihre Wohnungen verlieren werden. Gerade in Hamburg, wo die durchschnittliche Miete sich trotz Pandemie in den vergangenen zwei Jahren um 7,3 Prozent erhöht hat.

Paritätischer Wohlfahrtsverband Hamburg


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Fabian: „Mal über den Tellerrand blicken“

Tagein, tagaus wirbeln knapp zwei Millionen Menschen durch Hamburg. Wir fischen sie für einen Moment aus ihrem Alltag und lauschen ihren Geschichten. Diese Woche sind wir Fabian begegnet.

Protokoll: Rosa Krohn

„Ich liebe das Reisen. Ich bin vom Charakter her rastlos, möchte immer Neues sehen und entdecken. Deshalb weiß ich auch nicht, wie lang es mich noch hier in Hamburg hält. Weil ich schon so viel gereist bin, sehe ich, wie viel es zu erleben gibt; wie viele interessante Orte, Persönlichkeiten und Momente da draußen warten.

Meine Leidenschaft fing als Jugendlicher an. Mit 17 Jahren bin ich ausgezogen und war seitdem im Grunde überall. Ich bin viel mit dem Zelt unterwegs gewesen, habe in Kanada in den Rocky Mountains oder in Südamerika gezeltet, war in Asien, Ozeanien und Nordamerika: raus in die Natur, Spaß haben und Abenteuer erleben. Als ich noch weniger verdient habe, habe ich ganz klassisch Gebackpacked – immer das Billigste vom Billigsten, von Hostel zu Hostel. Das war eine coole Zeit: Man hat viele interessante Leute kennengelernt, Bier für 70 Cent getrunken und einen Riesenspaß gehabt. Zwischendurch habe ich auch mal mit der Freundin so richtig Urlaub gemacht, beispielsweise in Ressorts. Aber mein Rucksack und ich – wir sind ein Dreamteam. Meine gut bezahlte Arbeit als IT-ler finanziert mir das Reisen heute. Ich weiß, dass das ein Privileg ist und die Möglichkeit nicht jeder hat. Ich schätze es sehr.

Das Zurückkommen

Auch das Zurückkommen tut mir gut und erdet mich: Nach Deutschland zu kommen und zu sehen, in welcher Blase wir hier leben . Wenn du in Malaysia mit einem Motorrad durch Dörfer fährst und siehst, wie Menschen leben können und welches Leben sie führen – teils nicht mal die Basics besitzen – ist das echt ein Augenöffner. Wir genießen hier solch einen Wohlstand … Trotz all der Möglichkeiten und der guten Lebensstandards hier im Land stelle ich oft fest, dass gerade wir Deutschen häufig gestresst und schlecht gelaunt sind. Ich kann es deshalb nur jedem empfehlen, mal über den Tellerrand zu blicken – vorausgesetzt natürlich, man hat die Möglichkeit.

Durch die Pandemie ging das mit dem Reisen eine lange Zeit nicht. Was mir auch hier besonders gefehlt hat, ist die Begegnung, der zwischenmenschliche Kontakt. Als du mich eben angesprochen hast, fand ich das richtig toll. Ich hatte das Gefühl lange Zeit waren die Menschen wirklich sehr distanziert, ängstlich und nervös – eben Social Distancing pur. Aber nun blicke ich positiv in die Zukunft: Durch den Zugang zu Impfstoffen glaube ich, dass Kontakte wieder stattfinden werden. Ich freue mich darauf mit Freunden mal wieder Poker zu spielen – in echt, nicht digital! Ich hoffe darauf, dass zukünftig wieder mehr möglich sein wird. Denn wir Menschen sind ja Herdentiere und ich glaube Kontakt ist etwas, das wir alle dringend brauchen.“


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