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Katja Ruge: „Es kitzelt unter den Füßen“

Katja Ruge ist Fotografin, DJ und Musik­ produzentin und vor Co­rona mit ihrer Partyreihe „Kann denn Liebe Synthie sein“ aus dem Nachtleben kaum wegzudenken. Im Interview spricht sie über das neue Fe*male Rap Project, aktuelle Veröffent­lichungen und Bunker­ Bauarbeiten

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Katja, welches deiner vielen Standbeine ist am meisten von der Pandemie betroffen?

Katja Ruge: Natürlich alles, aber DJing fällt außer in Livestreams natürlich komplett flach. Meine letzte Veranstaltung war im Golden Pudel Club mit The Emperor Machine am 7. Februar 2020. Zudem habe ich im Sommer auf einem 50-Leute-Festival draußen gespielt. Wir haben dann insbesondere letztes Jahr viel Zeit im Studio verbracht.

Seit wann machst du selber Musik?

Vor einigen Jahren wollte ich meine DJ-Sets pimpen. Ich spiele viele ältere Musikproduktionen und diese waren oft etwas schwach gegenüber den zum Teil überproduzierten Songs heute. Um das auszugleichen habe ich sie unterfüttert mit Drums, Bass und Flächen. Das hat Frank Husemann mit mir aufgenommen und dann kam von einer Freundin die Anfrage: „Könnt ihr da nicht einen Remix machen?“ Und so saßen Frank und ich auf einmal im Studio.

Wir sind gut eingespielt, es gibt keinen Druck, wir treffen uns, wenn wir Zeit und Lust haben ‒ außer es gibt eine Deadline für einen Remix wie zum Beispiel neulich für Erasure.

Im Mai erscheint dein neuestes Release „Bunker“ …

Wir sind zwei und agieren als „Can Love Be Synth“. Das ist mir sehr wichtig, denn ohne meinen Kumpel Frank Husemann könnte ich das nicht bewerkstelligen. Ihm gehören die Maschinen zusammen mit Sunny Vollherbst vom Synthesizerstudio Hamburg im Feldstraßen-Bunker. Wir haben dort die Bauarbeiter vor unserem Studiofenster aufgenommen.

Mich hat es total an frühen Industrial, an Einstürzende Neubauten oder Depeche Mode erinnert. Und so wurde schnell ein Song draus, mit Remixes von Terr, Richard Fearless und quadratschulz.

 

Neue Projekte

 

Wie stehst du zu den Bauarbeiten am Bunker?

Ach, es ist mal wieder so ein Ego- Stadt-Projekt ohne das Viertel und die Gegebenheiten wirklich einzubinden. Ein Hotel, ehrlich? Das ist wirklich das Letzte, was Hamburg braucht. Eine Mehrzweckhalle lasse ich mir gerade noch gefallen, aber hat man den Verkehr bedacht, der zusätzlich zu dem Dom und anderen Veranstaltungen zu verkraften ist?

Eine Gedächtnisstätte ist ja wohl geplant. Längst überfällig. Aber ob wirklich begrünt wird und wir nachher alle dort Zeit verbringen dürfen, so direkt unter dem Hotelfenster? Stichwort „Zeit verbringen“.

WIKIRIOT-credit-katja-ruge

Teil des Fe*male Rap Projects: Wikiriot (Foto: Katja Ruge)

Hat Corona zu neuen Projekten geführt?

Auf jeden Fall. Mein Treffen über Rockcity e. V. mit Rapper*in Finna, ist sehr fruchtbar. Nicht nur, dass ich eine Freundin dazu gewonnen habe, sondern wir machen zusammen das Fe*male Rap Project.

Worum geht es da?

Wir wollen die Sichtbarkeit und das Empowerment für FLINTA* im Rap schaffen! (Anm. d. Red.: Frauen, Lesben, Inter-, non-binäre, Trans- und a-Gender-Menschen)

In Form von audiovisuellen Ausstellungen, Porträts und filmischer Dokumentation der queerfeministischen Rap-Bewegung wollen wir zeigen, dass das keine Phase oder Trend ist, sondern wunderbare und langfristige Realität! Bis dato sind Wikiriot, Joëlle, Rahsa und Mino Riot dabei.

Wie wählt ihr aus, wer mitmacht?

Ich verlasse mich da auf die Expertise von Finna und Mona Lina von 365 female* MCs. Beide sind in der Musik zu Hause, kennen die Künstler*innen zum Teil persönlich.

 

„Wenn es losgeht, geht es los“

 

Was planst du noch für 2021?

Mein anderes Fotoprojekt „Electric Lights“ geht weiter. Dort treffe ich mich mit Elektroniker*innen wie JakoJako, Amelie Lens, Afrodeutsche und vielen mehr. Ich porträtiere sie, diese Bilder erscheinen mit einem Interview, um das sich Journalist Thomas Venker vom Kaput Magazin kümmert.

Zudem erscheint im Mai die Maté von Frinks Drinks, die ich bebildern durfte. Vier Motive mit meiner Muse Madame Chloé. Die wunderbare Judith Holofernes hat einen Podcast mit mir gemacht für ihren Patreon-Account.

Und mit dem BFF (Berufsverband Freie Fotografen und Filmemacher e. V.) wird es eine Ausstellung geben mit dem Namen Aufschlag. In den Fenstern der Messehallen (10.6. bis 20.7.2021). Da bin ich natürlich dabei.

Glaubst du, dass du bald wieder eigene Veranstaltungen machen kannst?

Ich bin da ehrlich gesagt entspannt. Wenn es losgeht, geht es los. Und dann wird geplant. Ob es meine Partyreihe „Kann denn Liebe Synthie sein“ noch regelmäßig geben wird, da fühle ich rein, wenn es so weit ist. Aber es kitzelt ein wenig unter den Füßen.

instagram.com/katjaruge


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2021. Das Magazin ist seit dem 29. April 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Mit Coronahilfen: Hamburger Kultursommer geplant

Ein Kultursommer unter freiem Himmel

Text: Anna Meinke

 

Mit einem millionenschweren Corona-Förderpaket will die Kulturbehörde einen Kultursommer unter freiem Himmel möglich machen. In Planung sind derzeit Bühnen an verschiedenen Orten der Stadt – und zwar nicht nur im Zentrum. Konzerte, Theater und Kunst sollen so den Weg zu den Bürgerinnen und Bürgern finden, Hamburger Künstlerinnen und Künstler wieder arbeiten können. Kultursenator Carsten Brosda hofft, der Kulturlandschaft mit dem Format neuen Schwung zu geben. 

 

Bewerbungsphase

 

Derzeit arbeitet die Kulturbehörde mit zahlreichen Veranstaltern an der Umsetzung des Kultursommers. Seit heute (6.5.) können sich Interessierte aus der Kulturszene bewerben, die eine Bühne aufbauen möchten und Unterstützung benötigen. Im Anschluss können sich dann auch Künstlerinnen und Künstler bewerben. Eine Jury entscheidet letztendlich, wer beim Kultursommer dabei sein wird. Mit den 22 Millionen Euro des Corona-Förderpakets soll nicht nur die Bühnentechnik finanziert werden, sondern auch die Honorierung der teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler.


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Homeoffice mit Andrea Rothaug

Was vor Corona oft eher die Ausnahme war, hat sich innerhalb kürzester Zeit zum festen Bestandteil in vielen Branchen entwickelt: Gearbeitet wird in den eigenen vier Wänden. Doch klappt das immer reibungslos? Andrea Rothaug zeigt ihr Homeoffice

Text: Andreas Daebeler & Ilona Lütje

 

Für Andrea Rothaug ist Homeoffice schon lange Alltag. Dabei ist eigentlich die Bühne ihr Geschäft: Aus ihrer behaglich eingerichteten Wohnung auf St. Pauli zieht die Rockcity-Chefin die Fäden für Hamburgs Musikszene. Der Schreibtisch wirkt improvisiert. Darauf ist mächtig was los. Bücher, Zettel und Reste einer kleinen Zwischenmahlzeit konkurrieren um die Aufmerksamkeit. Gleich daneben zeugt eine Staffelei von kreativen Schüben. Vor allem aber ist in dieser Wohnung auf St. Pauli Musik drin. Das amtlich gefüllte Plattenregal erzählt Geschichten. Von Rock, von Pop und vom Punk, das grelle Sex-Pistols-Cover sticht sofort ins Auge.

Es erzählt die persönliche Geschichte von Andrea Rothaug, deren Name draußen auf dem Klingelschild steht. Einer Frau, die kaum eine Pause kennt und aus Hamburgs Kulturszene nicht wegzudenken ist. Immer im Einsatz für Liedermacher, Gitarrenheldinnen und Bühnenbauenden. Gern auch vom heimischen Schreibtisch aus. Nicht nur, wenn draußen grad ein fieses Virus nervt. Andrea Rothaug liebt es drinnen ruhig und konzentriert und draußen Krach + Getöse. So nennt sich denn auch der Hamburg Music Award, den die Geschäftsführerin des Dachverbands der Hamburger Musikszene RockCity Hamburg gemeinsam mit ihrem Team vor zwölf Jahren an den Start gebracht und während der Corona-Krise mal eben auf online getrimmt hat. Aus dem Homeoffice, das für sie auch vorm Virus eine wichtige Rolle spielte. Bei ihr wird auf harten Stühlen bei mittelschwachem WLAN geackert.

 

Kurzer Weg zum Kühlschrank

 

Die Datenleitung wird dabei ordentlich auf die Probe gestellt. Denn nebenbei ist Rothaug noch als Präsidentin des Bundesverbands Popularmusik am Start, sitzt im Kuratorium Junge Ohren Berlin, im Koordinierungskreis Kultur HafenCity und im Beirat des Reeperbahn Festivals. Autorin, Kulturmanagerin, PR-Frau und zertifizierter Artist- und Businesscoach ist sie eh. Beim Clubkombinat mischte sie ebenso mit wie bei der Gründung der Hanseplatte oder der IHM ebenfalls. Eine echte Strategin und passionierte Netzwerkerin also. Die auch zu Hause selten Feierabend hat. „Homeoffice ist für uns alle Fluch und Segen“, sagt die 55-Jährige. „Einerseits wahnsinnig effektiv wegen der Ruhe.“ Andererseits unruhig wegen 9.222 ungelesener Mails, Hunger nach echter Begegnung und neuerdings digitaler Dauerschleifen. Auch nicht so gut: „Ich sitze auch mal zwölf Stunden in Konferenzen und habe gleichzeitig einen extrem kurzen Weg zum Kühlschrank. Nicht gut.“

Dabei sei sie mit fast hundert Quadratmeter großer Wohnung, zwei Balkonen und der bereits in einer eigenen Bude auf St. Pauli lebenden Tochter Juno noch gut dran. „Mein Mitgefühl ist bei denen, die Familie, Wohngemeinschaften und kleine Räume haben, da ist Homeoffice wirklich Nervenkoller und nicht gesund.“ Welche Rolle spielen Design und Stil im heimischen Büro? „Ich muss mich wohlfühlen und entscheide nach Licht und WLAN, wo ich arbeite. An meinem Maltisch zwischen den Tuben mag ich es an manchen Tagen und an anderen brauche ich ein bisschen Ordnung für die Konzentration.“ Unverzichtbar seien eigentlich nur Mac, WLAN, Grüntee, Zettel und Stifte.

 

Ruhephasen, Yoga, Rawfood

 

Einen klaren Tagesplan? „Habe ich nur, um davon abzuweichen.“ Und wie schafft sie es, die unzähligen Jobs und Aufgaben unter einen Hut zu bekommen? „Jahrelanges Training, 24 Stunden an sieben Tagen erreichbar sein, wenig Schlaf, digitale Kommunikation, abwechselnd mit Ruhephasen, Yoga, Rawfood und Strandhaus“, verrät Rothaug ihr Rezept. „Während ich vor dem Virus einen inneren Reminder hatte, dass ich nicht zu viel arbeite, ist seit Corona alles aus dem Ruder. 15 Stunden Arbeit am Tag sind keine Seltenheit.“

Die Kulturbranche habe angesichts der Krise keine andere Wahl. „Entweder wir hängen uns rein oder es gibt bestimmte Dinge einfach nicht mehr.“ Es gehe darum, für Innovations- und Hilfsprogramme zu trommeln. „Sonst werden wir zukünftig nur noch Einheitsbrei essen, Billigbier auf dem Fußboden trinken und Musik als Beruf nicht mehr in Betracht ziehen. Das wäre eine Dystopie, in der ich nicht leben mag.“ Die Gegenwart ist grad vor allem eines – ziemlich viel Video. Es wird konferiert, gechattet und gezoomt was das Zeug hält. Skurrile Szenen inklusive. Rothaug hat schon viel erlebt: „Nasebohren, einschlafen, vorm Mikro essen und Anzugträgern beim Kindersitten zuschauen.“

Zusätzlichen Pfunden durchs Hardcore-Homeoffice während des Lockdowns trotzte Rothaug mit einer besonderen Strategie: „Kühlschrank und Prepperregal einfach leergeputzt und nichts nachgekauft.“ Morgens gibt es Rawfood-Bowls. „Dann kann der Tag kommen.“ Homeoffice in der eigenen, gemütlichen Bude ist das eine. Aber Andrea Rothaug muss auch raus. Bei den Leuten sein. „Ich habe normalerweise einen umtriebigen Job, düse durch die Stadt, spreche mit Menschen aus Branche, Politik, Kultur und Szene, höre zu, das nur am Rechner zu tun, ist öde.“ Kein Wunder, dass da starre Regeln während Corona auch mal aufgeweicht wurden. „Bei mir war abends auch mal die Bude voll“, gibt sie zu. „Natürlich mit Abstand und FFP3-Mundschutz.“


https://szene-hamburg.com/wp-content/uploads/2020/07/Cover-Living-Guide-2020.jpg SZENE HAMBURG WOHNEN+LEBEN, 2020/2021. Das Magazin ist seit dem 31. Oktober 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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#allesdichtmachen: Berechtigte Kritik oder unangebrachter Zynismus?

Mit einer Videoaktion auf YouTube und Instagram unter dem Motto #allesdichtmachen haben Schauspielerinnen und Schauspieler die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie kritisiert. Berechtigte Kritik oder unangebrachter Zynismus?

Text: Anna Meinke

 

Mit einer Aktion unter dem Motto #allesdichtmachen haben rund 50 deutsche Schauspieler und Schauspielerinnen die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie vermeintlich kritisieren wollen. Dazu veröffentlichten sie am Donnerstagabend ironisch zugespitzte Videos auf Facebook und Instagram – und ernteten prompt massive Kritik. Vor allem Schauspielkollegen distanzierten sich von den Teilnehmenden der Aktion, unter denen beispielsweise Jan Josef Liefers, Volker Bruch, Ulrike Folkerts und Wotan Wilke Möhring sind. Die Aktion sei in der aktuellen Situation unangebracht, die Ironie für viele Menschen verletzend. Unter dem Hashtag #allenichtganzdicht machte sich die Empörung auf Twitter Luft.

 

Was Nora Tschirner & Christian Ulmen sagen.
(voia @DragonLi_) pic.twitter.com/CIjEZnSG18

— Armin Wolf (@ArminWolf) April 23, 2021

 

Lob für die Aktion kam hingegen aus den Reihen der AfD-Bundestagsfraktion und von Hans-Georg Maaßen. Diese Zustimmung veranlasste beispielsweise Heike Makatsch, die auch Teil der Aktion war, dazu, sich zu distanzieren und auch ihr Video zu löschen. Auch Jan Josef Liefers wies jegliche Nähe zu Querdenkern und zur AfD zurück. Und dennoch – eine solche Aktion spielt Querdenkern und Parteien wie der AfD wohl oder übel in die Hände.


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Hamburgerin des Monats: Andrea de Luna von „Deintopf“

Im März 2020 wurde der erste Lockdown ausgerufen. Suppenküchen schlossen – und Andrea de Luna eröffnete die soziale Essens- und Lebensmittelausgabe „Deintopf“ im Karoviertel

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Andrea, Glückwunsch zum Einjährigen. Was steht heute auf dem Speiseplan?

Andrea de Luna: Es gibt Fischfrikadelle mit Kartoffelsalat, Gulaschsuppe mit Kartoffeln oder Spätzlepfanne Veggie mit Gemüse und Rahmsoße. Wir haben immer drei bis vier Gerichte zur Auswahl, damit für jeden Geschmack, aber auch für jede Verträglichkeit was dabei ist. Und immer auch was Vegetarisches.

Wie viele Gäste habt ihr pro Tag?

Das ist verschieden. Am Monatsende sind es mehr Gäste als am Monatsanfang. Das ist auch immer bisschen wetterabhängig, aber wir sprechen hier von einer Zahl von 100–200 Gästen pro Ausgabe.

Hat sich die Gästestruktur seit Beginn der Pandemie verändert?

30 Prozent unserer Gäste sind Menschen ohne festen Wohnsitz. Ich kenne viele von meinem Ehrenamt bei Hanseatic Help, Kältebus, Café mit Herz und Alimaus. Es kommen immer mehr alte Menschen und Alleinerziehende. Die brauchen das wirklich. Die einen für ihre Familien und die Älteren, damit sie überhaupt noch etwas zu essen haben.

Kümmert ihr euch auch um Gäste, die nicht mobil sind?

Ja, das bieten wir an. Wir liefern mit Lastenfahrrädern. Anfangs waren das mehr Gäste. Inzwischen ist es nur noch ein Herr, den wir auch von Anfang an versorgen. Unser Angebot besteht aber weiterhin: Wenn jemand nicht mobil ist, soll er sich bitte melden. Wir bringen das Essen vorbei. Allerdings begrenzt auf das Karoviertel.

Sind Freundschaften mit Gästen entstanden?

Man muss schon so professionell sein, dass man sich ein bisschen abgrenzt. Punkt A: Wir wollen niemanden bevorzugen. Die Gäste achten stark drauf, dass sich keiner vordrängelt oder einer mehr kriegt als der andere. Und B: Es sind es halt Menschen, und hinter jedem Menschen steht ein Schicksal. Diese Schicksale sind manchmal sehr traurig.

Man muss auf sich achten, dass man nicht zu viel davon mit nach Hause nimmt. Aber natürlich haben viele Gäste zu uns ein freundschaftliches Verhältnis. Die Helfer sind ja immer die gleichen. Die bauen Beziehung auf, die freuen sich darüber. Wenn jemand zwei Wochen nicht da ist, fragen sie auch, wo ist denn der? Es sind immer drei Helfer draußen. Die Gäste lieben das, sich einfach mit ihnen zu unterhalten, auch mal Spaß zu machen.

 

„Mich motiviert es, rauszugehen, was zu tun“

 

Du bist im Hauptberuf Erzieherin. Wie kriegst du das alles hin?

Das Wichtige ist ja, diese Projekte anzustoßen, aufzubauen. Wenn sie gut laufen, dann laufen sie halt auch. Und ich habe großes Vertrauen in meine Helfer. Wir treffen uns einmal die Woche im digitalen Meeting, besprechen alles. Jeder soll sich einbringen – ich bin Freund von Schwarmintelligenz.

Die Helfer können sich so mit dem Projekt identifizieren und machen das ein Stück weit zu ihrem eigenen Projekt. Innerhalb des Teams haben sich Freundschaften gebildet, wir haben ja ein sehr harmonisches und liebevolles Miteinander. Das ist uns wichtig. Gut miteinander umzugehen. Das ist Ehrenamt, und wenn man im Ehrenamt genauso gestresst ist wie im Job, dann möchte man es irgendwann nicht mehr machen.

Was ist deine Motivation?

Meine Motivation ist, Menschen zu helfen. Ich weiß, wie sich das anfühlt, wenn man nicht genug zu essen hat oder es einem schlecht geht. Und ich kann das schwer aushalten, wenn ich sehe, dass es Menschen schlecht geht. Ich werde dann aktiv. Es nützt ja niemandem was, wenn ich zu Hause sitze und grüble. Mich motiviert es, rauszugehen, was zu tun. Ich überleg mir dann Dinge, die ich machen kann, um diesen Zustand zu verbessern.

Aus wie vielen Leuten besteht Deintopf?

Wir sind ein Team aus etwas über 50 Menschen. Wir arbeiten mit einem festen Dienstplan, in den sich jeder selber eintragen kann. Die Schichten sind genau aufgeteilt. Man kann nicht einfach herkommen und sagen, ich helfe jetzt mal mit, weil ich Lust zu habe. Außer man bleibt dann die ganze Zeit draußen, weil wir natürlich auch Auflagen haben und darauf achten müssen, dass es in den Räumen nicht zu voll wird. Zum Eigenschutz und zum Schutz unserer Gäste.

Wie ist der Anteil von Frauen und Männern?

Wir haben inzwischen auch schon sehr viele motivierte Männer dabei. Tatsächlich ist es aber so, dass der Großteil Frauen sind. Ich bin ja noch bei anderen Sachen aktiv. Das sehe ich überall im Ehrenamt.

Wie erklärst du das?

Ich will das nicht pauschalisieren, aber ich glaube, Frauen sind doch oft empathischer als Männer. Sie können mehr nachvollziehen, haben eher das Gefühl, dass sie helfen möchten. Es wurde uns irgendwie schon in die Wiege gelegt, dass wir uns immer gut um alle und alles kümmern.

Wer kocht für euch?

Zu Beginn hat der Foodeventclub sehr viel für uns gekocht. Auch die Flora Volksküche ist von Anfang an dabei. Außerdem das Buddels Restaurant, die Passage Gastronomie und die Juwelier Espressobar. Es wechselt auch immer mal. Wir können uns nicht beklagen.

Es möchten noch viel mehr Leute für uns kochen, aber wir haben gar nicht die Kapazitäten, das alles zu verteilen.

Welche Rolle spielt der Gesundheits­aspekt?

Es gibt immer ein vegetarisches oder veganes Gericht. Wir bieten kein Schweinefleisch an. Jeder Gast sucht sich selbst aus, was er mitnimmt. Auch an Lebensmitteln. Wir packen hier keine Taschen. Jeder Mensch kann nach Geschmack und Verträglichkeit selbst auswählen.

 

„Alles wäre erst gut, wenn es das Ehrenamt nicht mehr bräuchte“

 

Hast du da Unterstützung durch Behörden bekommen?

Also, ich habe zumindest vom Bezirksamt Mitte alle Genehmigung bekommen. Das ist ja schon mal gut. Ich bekomme auch Dankesschreiben (lacht). Ansonsten ist es natürlich so, dass Behördenmühlen langsam mahlen. Die sind auf alle Fälle bemüht.

Ich denke, dass die Stadt Hamburg mehr machen könnte. Eigentlich wäre es ja alles erst gut, wenn es das Ehrenamt nicht mehr bräuchte. Wobei wir das alles gerne tun. Manchmal ist es schwierig mit den Behörden. Wenn ich erst mal 20 Anträge und Passierschein 53 B beantragen muss um 100 Euro zu kriegen, dann lass ich das lieber, weil ich eigentlich auf anderen Wegen auf größere Summen komme.

 

Deintopf finanziert sich ausschließlich durch Spenden?

Ja, hier ist alles durch Spenden finanziert. Wir haben ja auch keine Verwaltungskosten, weil wir Gott sei Dank immer noch mietfrei hier sind. Wenn wir endlich Räume gefunden haben, sind Miete und Betriebskosten schon gesichert, weil die Reimund C. Reich Stiftung uns angeboten hat, diese zu übernehmen. Das ist eine große Stiftung in Hamburg, die sich im Bereich Armutsbekämpfung stark macht und viele Projekte unterstützt. Das Problem ist, das wir keine Räume finden.

Arbeitet ihr mit anderen Projekten zusammen?

Wir haben alle zwei Wochen ein großes digitales Meeting. Da sind ich und eine Helferin zusammen mit anderen Initiativen drin. Wir sprechen über wichtige Themen, was sind die Bedarfe, wie können wir noch helfen? Wir arbeiten gemeinsam an Konzepten. Oder jemand schreibt, ich habe 1.000 FFP2-Masken gekriegt. Lass uns die teilen!

Im Sommer, als die Wasserversorgung auf der Straße so schlecht war, haben wir gemeinsam Wasser bestellt. Hanseatic Help hat das alles für uns eingelagert. Wir konnten das dann jederzeit abrufen.

Wie waren die Reaktionen, als du mitten im ersten Lockdown Deintopf gegründet hast?

Von Seiten der Gäste her natürlich positiv. Viele haben wirklich geweint und gesagt, Gott sei Dank, das war meine erste warme Mahlzeit seit zwei Wochen. Diesen Menschen sind ja auch sämtliche sozialen Netzwerke weggebrochen. Meine Familie war zwiegespalten: Oh Gott, es ist Pandemie und du bist da immer mit Menschen! Aus Helferkreisen kam vereinzelt: Alle machen zu und du machst auf? Denkst du, du kannst das besser als die anderen? Ich weiß, dass man gerade zu Pandemiezeiten aufpassen muss. Das ist für uns alle neu.

Ich wusste aber auch, dass ich das gewisse Know-how habe, weil ich seit fünf Jahren ehrenamtlich arbeite und mich auf den Bereich Mobile Aufgaben spezialisiert habe. Jetzt kann ich ein bisschen stolz sagen: Ja, da haben wir das meiste richtig gemacht.

facebook.com/Deintopf


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Nachtleben im Lockdown: „Clubs könnten Teil der Lösung sein“

Fenja Möller und Kai Schulz wurden vor einem halben Jahr neue Vorstandsvorsitzende des Clubkombinats. In SZENE HAMBURG sprechen sie über politische Forderungen, wie Clubs durchhalten und sich auf einen möglichen Neustart vorbereiten

Interview: Ole Masch

 

SZENE HAMBURG: Fenja und Kai, Vorstand im Clubkombinat. Ein ruhiger Job in Zeiten von Corona?

Kai-Schulz

Mitbetreiber der Hebebühne: Kai Schulz

Kai: Im Gegenteil. Die Herausforderungen für die Clubs und somit auch für das Kombinat sind enorm. Es gilt der Politik klarzumachen, dass eine Unterstützung der Strukturen während, aber auch nach der Pandemie, notwendig ist. Auch sind Themen wie Schallschutz und Nachhaltigkeit aktueller denn je.

Fenja: Der neu gewählte Vorstand ist relativ jung und sehr motiviert. Es gibt digitale Treffen und wir diskutieren über unterschiedliche Dinge, um mit dem tollen Team hinter dem Clubkombinat die Szene in Hamburg zu unterstützen und zu stärken.

Mit welchen konkreten Zielen seid ihr angetreten?

Kai: Es geht um die Sicherung der Zukunft der Live-Kultur in Hamburg. Dazu gehören sowohl Fragen finanzieller, aber auch struktureller Natur.

Fenja: Ein großes Ziel ist natürlich, dass möglichst alle Clubs diese Zeit überleben. Aber auch die generelle Zukunft der Clubkultur ist ein großes Thema, denn auch vor der Pandemie hatten es Betreiberinnen und Betreiber nicht leicht. Aber auch Themen wie Awareness oder Inklusion möchten wir bearbeiten und hoffentlich verbessern.

 

„Zurzeit entstehen einige neue Kontakte zur Politik“

Fenja Möller

 

Was konntet ihr bereits in die Tat umsetzen?

Fenja: In Hamburg wurde sehr schnell der „Clubrettungsschirm“ entwickelt, der viele Clubs durch die jetzige Zeit hilft. Zurzeit entstehen einige neue Kontakte zur Politik, die uns in Zukunft hoffentlich weiterhelfen werden.

Kai: Das Clubkombinat ist unter anderem einer der Initiatoren für das „Forum Kultur und Kreativwirtschaft HH“, bei dem wir mit verschiedenen Akteuren aus der Stadt gemeinsame Positionen entwickelt haben, um in Richtung Politik klare Signale für die Zukunft unserer Branche zu geben.

Im ersten Lockdown gab es zahlreiche Solidaritätsaktionen. Auch Streaming war ein großes Thema. Warum ist es darum so ruhig geworden?

Kai: Es ist eine Zeitlang die einzige Möglichkeit gewesen, überhaupt Live-Musik einem Publikum zu bieten. Ein digitales Angebot zu haben, wird für einige Clubs in Zukunft ein Thema sein, auch wenn es jetzt aus diversen Gründen eher ruhig um Streams und auch damit verbundene Aktionen geworden ist.

Woran liegt das?

Fenja: Ein großer Beweggrund war, dass zumindest ein kleiner Teil der Crew wieder etwas Arbeit bekommen kann. Aber das Live-Erlebnis kann ein Stream einfach nicht ersetzen. So wie ich es mitbekomme, ist einfach bei vielen die Lust vergangen, sich Streams anzuschauen. Es ist sehr viel Arbeit, aber man hat trotzdem nicht die Viewerzahlen, die man gerne hätte.

Welche Soli­-Aktionen gibt es aktuell in Hamburg?

Fenja: Sehr viele Clubs haben ihr Merch-Angebot ausgeweitet oder besonderen Soli-Merch.

clubkombinat-hamburg-fenja-moeller

Fenja Möller ist im Molotow zuständig für Booking und PR

Kai: Außerdem kann über die Clubstiftung gespendet werden. In unserem Shop gibt es diverse Artikel deren Erlös in die Stiftung gehen.

Wie steht es um den Rettungsfonds „Save our Sounds“?

Kai: Es sind ungefähr 300.000 Euro an Spenden gesammelt worden. An die Clubs wurden ungefähr die Hälfte davon ausgeschüttet. Einige haben damit zum Beispiel die Planung und Umsetzung ihrer Streams finanzieren können. Über die Clubstiftung stehen dementsprechend, unter anderem für die Förderung eines Neustarts, weitere 150.000 Euro zur Verfügung.

Wie bereiten sich die Clubs auf einen solchen Neustart vor?

Fenja: Ich glaube das variiert. Es wurden viele Hygienekonzepte entwickelt, andere haben sich durch Förderungen eine neue Lüftung einbauen lassen, in der Hoffnung, möglichst früh wieder zu öffnen.

Kai: Eine konkrete Programmplanung ist aufgrund der politisch getroffenen Entscheidungen aber nur schwer bis gar nicht möglich.

 

„Clubs sind Kultur – sie gehören zu der Identität der Stadt“

Kai Schulz

 

Was haltet ihr von den aktuellen politischen Öffnungsstrategien?

Fenja: Die Sicherheit aller steht bei den meisten Clubbetreiberinnen und Clubbetreiber an oberster Stelle. Für uns bedeuteten sie allerdings, dass die Clubs auf jeden Fall noch für eine lange Zeit keine „normalen“ Veranstaltungen anbieten.

Kai: Aus meiner Sicht reicht der aktuelle Stufenplan nicht aus. Ich verstehe das Bedürfnis nach Sicherheit, aber die genannten Zeiträume mit der Abhängigkeit einer stabilen Inzidenz, sind ein Signal an die Clubs noch lange geschlossen zu bleiben.

Sind Clubs nicht systemrelevant?

Kai: Wer entscheidet das? Clubs sind Kultur – sie gehören zu der Identität der Stadt und sind für unser kulturelles und speziell das Nachtleben prägend. Wir dürfen auch nicht die Menschen vergessen, die das ganze System tragen. Die Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne, die Fachkräfte und die meist über Jahre gewachsenen Teams. Clubs bieten Menschen soziale Kontakte, sind eine kreative Plattform und verbinden Generationen und gesellschaftliche Schichten. Wenn man mich fragt, ist genau das relevant.

Fenja: Viele, die in der Branche arbeiten, machen dies zum Großteil nicht aus finanziellen Gründen, sondern aus Überzeugung. Für uns sind Clubs systemrelevant, weil sie das Kulturangebot der Stadt stark prägen und für Menschen ein Ort sind, um Musik und Kultur immer wieder neu zu entdecken.

Welche Forderungen habt ihr an die Politik?

Kai: Wir brauchen jetzt und wenn wir wieder öffnen, weitere finanzielle Unterstützung. Außerdem haben wir den Vorschlag gemacht, einige wenige Clubs als Pilotprojekte zu öffnen, um gemeinsam mit der Politik und Wissenschaft Erkenntnisse über die wirklichen Auswirkungen von Live-Veranstaltungen zu bekommen. Die Ergebnisse können Grundlage für andere politische Entscheidungen sein, welche eine Rückkehr zu einer sicheren und lebendigen Clubkultur erlauben würden.

Fenja: Wir haben im letzten Jahr gesehen, dass es viele illegale Veranstaltungen gab. Der Drang auf eine Party zu gehen, war größer als die Vernunft und das wird wahrscheinlich dieses Jahr auch passieren. Wenn die Clubs öffnen und die Leute vorher getestet sind, werden Menschen die positiv sind sofort erkannt. So könnten Clubs ein Teil der Lösung sein.

 

Der Rettungsschirm

 

Wie lange können die Hamburger Clubs noch durchhalten?

Fenja: Ein Großteil fällt unter den Rettungsschirm der Kulturbehörde. Solange es diese Förderung gibt, werden zumindest die Fixkosten gedeckt. Es wird aber sehr lange dauern, bis wieder Normalität in unserer Branche herrscht. Bis internationale Bands wieder auf Tour gehen. Und selbst wenn, werden alle auf einmal touren und für ein Überangebot sorgen. Zum anderen sehen wir leider, dass einige Kolleginnen und Kollegen sich in andere Branchen weiterentwickelt haben.

Kai: Zudem gibt es die Herausforderung, das Besuchervertrauen neu zu gewinnen.

Weil sich das Ausgehverhalten der Menschen verändert haben wird?

Kai: Ich denke es wird einige geben, die wieder generell Vertrauen in geschlossene Räume mit vielen Menschen finden müssen. Aber auch viele, die es kaum abwarten können wieder zurück zu diesem Gefühl der Nähe und Verbundenheit zu kommen.

Fenja: Vor allem die Masse an Konzerten im Jahr 2022, die dann hoffentlich stattfinden, wird noch mal eine Bewältigungsprobe sein, bei dem sich viele entscheiden müssen, zu welchem Konzert sie gehen und welche sie aus finanziellen und zeitlichen Gründen nicht wahrnehmen können.

Wie steht es um eure eigenen Läden, Hebebühne und Molotow?

Kai: Die Hebebühne wird derzeit durch den Rettungsschirm am Leben erhalten. Kein schönes Gefühl, aber eine Alternative gibt es bei den derzeitigen Entscheidungen der Politik zumindest für uns keine. Unser Team konnte im Sommer 2020 zum Glück Outdoor bei der „Eulenhofsession“ wieder Musik auf die Bühne bringen. Auch in diesem Sommer hoffen wir, dass wir ein Programm in unserem Hof anbieten können.

Fenja: Auch das Molotow fällt unter den Rettungsschirm. Aber auch wir waren immerhin in der Lage letztes Jahr einige Outdoor-Konzerte anzubieten und dadurch einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu beschäftigen. Und natürlich hoffen wir auch demnächst wieder Outdoor-Konzerte, unter den aktuellen Bestimmungen, veranstalten zu können.

clubkombinat.de


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Daten während Corona: Spazieren, frieren und Mäskchen halten

Single und auf der Suche? Keine gute Zeit, um zu daten. Wer es doch tut, benötigt starke Nerven und eine warme Jacke

Text: Johanna Zobel

 

Schon vor Corona war Onlinedating in der Singlewelt präsent. Viele bevorzugten jedoch das kennenlernen in der Kneipe, auf einer WG-Party oder im Café. Seit einem Jahr ist das undenkbar. Die Gastronomie hat geschlossen und Kontakte müssen auf ein Minimum reduziert werden. Was nun? Auf Partnersuche gehen, wenn die Pandemie vorüber ist? Selbst für die größten Onlinedating-Gegner wahrscheinlich keine Option.

 

Simpel – und unpersönlich

 

Also wagen auch sie den Schritt und entscheiden sich für Tinder, Bumble und Co. Bei Nicht-Gefallen nach links wischen, andernfalls nach rechts. Das Prinzip der Datingapps ist simpel – und unpersönlich. Die Chatverläufe während Corona? Langweiliger denn je. Während zuvor beim Small Talk über das Lieblingsrestaurant oder den letzten Urlaub gechattet wurde, vergeht die Lust auf ein Kennenlernen bei der Frage „Und, wie überstehst du den Lockdown?“ doch recht schnell. Rummeckern oder cool bleiben? Wahrscheinlich weiß gerade niemand so wirklich, wie er gefasst auf diese neuartige Frage reagieren soll.

Sollte es sogar zu einem Treffen kommen, stellt sich bereits in den ersten Augenblicken eine weitere wichtige Frage: Umarmung zur Begrüßung? Während Freunde und Bekannte seit Monaten nicht mal per Handschlag begrüßt werden, erwischt man sich auf einmal bei einer halbherzigen, verunsicherten und etwas befremdlichen Umarmung mit einem Fremden. Gewissensbisse wegen nicht coronakonformem Handeln inklusive.

 

Der Spaziergang

 

Anschließend kann es losgehen, es folgt eigentlich immer: der Spaziergang. Was an warmen Tagen nach einem romantischen Date auf einer Picknickdecke klingt, ist bei Schietwetter der absolute Albtraum. Warm eingepackt schlurft man neben seinem Date her. Ohne weitere Berührungen und Blickkontakt. Denn selbst die kleinste Kopfdrehung verursacht einen kalten Luftzug unter der Jacke. Zufällige Annäherungsversuche – Fehlanzeige! Die Hände sind gegen Frostbeulen so tief in der Jackentasche vergraben und der Mindestabstand ist wie eine unsichtbare Mauer. Und: Je länger es dauert, desto kälter wird’s. Selbst wenn die Vibes stimmen, treibt einen das wieder ins warme Zuhause – alleine.

Für alle, die trotz aller Widrigkeiten eine Bindung aufbauen konnten, gibt es dank Corona etwas Neues. Jetzt kann auch mit Abstand und ohne Kontakt Händchen gehalten werden. Jeder greift in eine Schlinge der Maske. Perfekt für coronakonformes Dating und all diejenigen, die sich über die Beziehung noch nicht schlüssig sind. Vielleicht ein neuer Trend, der aus dem sonst so tristen Dating-Alltag hervorgeht: Mäskchen halten. Davon abgesehen ist dem Pandemie-Dating allerdings nicht viel Positives abzugewinnen. War vorher das Onlinedating schon unpersönlich, so ist derzeit beim Treffen der Abstand in jeglicher Hinsicht größer.


 SZENE HAMBURG UNI-EXTRA, April 2021. Das Magazin ist als Heft in unserem Stadtmagazin seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Top 5: Routen zum Joggen in Hamburg

Joggen kann man in Hamburg fast überall – aber es macht nicht überall gleich viel Spaß. Diese fünf Strecken lassen Läuferherzen garantiert höherschlagen

Text: Erik Brandt-Höge

 

Eppendorfer Moor

Es reichen ein paar Schritte weg vom dichten Verkehr der Alsterkrugchaussee, schon ist man im Naturschutzgebiet Eppendorfer Moor – einer echten Jogging-Oase. Wer hier läuft, genießt nicht nur die Ruhe zwischen Schilfrohr und Pfeifengras, sondern auch den im Sonnenlicht funkelnden zentralen Teich. Im Eppendorfer Moor sind zudem allerhand Vogelarten zu Hause. Wer Glück hat, sieht neben Zwergtauchern und Eisvögeln auch mal einen Habicht oder Mäusebussard.

 

Volksdorfer Teichwiesen

Ein bisschen Auf-und-Ab-Laufen gefällig? Bitteschön: Rund um die Volksdorfer Teichwiesen ist es immer wieder hügelig – was das Joggen hier so abwechslungsreich macht. Das Naturschutzgebiet hat zwischen Wiesen, Weiden, Bruchwald, Fließ- und Stillgewässern ein absolutes floristisches Highlight zu bieten. Wer im Juni seine Laufrunden dreht, sieht unzählige Orchideen in voller Blüte stehen.

 

Wilhelmsburger Inselpark

Noch Erinnerungen an die Internationale Gartenschau in Hamburg von 2013? Die fand auf einem riesigen Gelände in Wilhelmsburg statt, das kurz darauf zur öffentlichen Grünanlage wurde. Auf 100 Hektar erstreckt sich so ziemlich alles, was Jogger brauchen: breite, sehr gepflegte Wege, Wiesen, Wasser undundund. Hier, in direkter Nähe zur S-Bahnstation Wilhelmsburg, findet in Nicht-Corona-Zeiten jährlich ein Inselparklauf statt, bei dem eine drei Kilometer lange Strecke ein- bis viermal zurückgelegt werden kann.

 

Bramfelder See

Gut, Steilshoop ist nicht unbedingt für zig Grünflächen bekannt. Eine extrem tolle gibt es aber, nämlich die rund um den Bramfelder See. Auch hier finden regelmäßig Volksläufe statt – eben weil die Waldlandschaft am Wasser aussieht wie gemalt. Der frühe Läufer fängt hier den schönsten Blick: Wenn über dem See noch der Morgennebel hängt, wird der Sport zum Augenschmaus.

 

Eppendorfer Park

Nochmal Eppendorf, aber ganz anders als im Moor. Weit entfernt vom Sumpfgebiet liegt der Eppendorfer Park. Diese Grünfläche ist deshalb so Jogger-freundlich, weil sie neben einem übersichtlichen, immer und immer wiederholbarem Rundlauf auch einen kleinen Treppenhügel bereithält. Zwischendurch mal hoch und runter tippeln, am Ende des Laufs am Teich in der Parkmitte dehnen und ruckzuck zurück im Stadtgeschehen sein: Hamburger Laufsport leicht gemacht.


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Smudo: „Luca ist ein Ausstiegsszenario“

Die App „Luca“ soll dabei helfen, die Gesundheitsämter zu entlasten und das gesellschaftliche Leben zu normalisieren. Wie das geht, erklärt Smudo von Die Fantastischen Vier. Sie gehören neben dem Berliner Start-up Nexenio, einer Ausgründung des Hasso-Plattner-Instituts, sowie weiteren Kulturschaffenden zum Team hinter Luca

Interview: Anna Meinke & Erik Brandt-Höge

 

SZENE HAMBURG: Smudo, in welcher Phase der Pandemie habt ihr angefangen, euch mit dem Entwickeln einer App wie Luca zu befassen?

Smudo: Wir wollten im vergangenen Jahr auf die größte Tour unserer Karriere gehen: „30 Jahre Die Fantastischen Vier“ – und dann kam Corona. Auf der Suche nach Möglichkeiten, unsere Konzerte spielen zu können, sind wir zu Hobby-Epidemiologen und Netzwerkern geworden. Unter anderem haben wir das Berliner Start-up Nexenio kennengelernt.

Nexenio haben im September 2020 an einem digitalen Dokumentations-Pflicht-Tool gearbeitet, wobei schnell klar wurde, dass der Bottleneck des Ganzen die Gesundheitsämter sind. Die Dokumentation ist zwar wichtig, aber eigentlich muss es ein Quellcluster-Backtracing geben. Am Ende der Arbeit stand ein System, das meines Wissens nach weltweit als Erstes kann: Luca.

Wie funktioniert die Daten­ eingabe bei Luca?

Bei Luca gibt man seine Daten ein, wird verifiziert und bekommt eine SMS zurück. Luca generiert minütlich wechselnde QR-Codes. Dann kann man ins Taxi steigen, ins Restaurant gehen, überall hin, und meldet sich immer wieder an und ab. Dabei werden weder ein Bewegungsprofil, noch Geodaten hinterlassen. Die eigenen Daten bleiben mit einem Public und einem Secret Key gesichert auf dem Telefon.

Es entsteht also eine geschützte Historie, quasi ein Kontakte-Tagebuch. Und beim Gastgeber liegen die Check-in- und Check-out-Daten, ebenfalls geschützt mit einem Public und einem Secret Key. Auch das Gesundheitsamt hat einen Public und einen Secret Key und kann diese nutzen, wenn der Luca-User es denn möchte.

 

Direkte Daten

 

Was passiert, sollte ein User krank werden?

Das Gesundheitsamt wird über einen positiven Test informiert und ruft in der Folge dann den Erkrankten an: „Sind Sie bei Luca und wollen Sie die Historie freischalten?“ Man willigt ein, übermittelt, und die Daten gehen direkt – zum Beispiel über Sormas – ins Amt. Das Gesundheitsamt kann dann die Gastgeber anfragen und alle anderen zeitmäßig relevanten Luca-User bekommen es mitgeteilt, sind also im Loop, ohne selbst irgendetwas angegeben zu haben.

Und das ist nur ein Vorteil von Luca. Es hat sich ja herausgestellt, dass von zehn Leuten nur einer so infektiös ist, dass er andere anstecken kann. Und es wäre doch schön, wenn man diesen einen finden würde, weil der ja symptomfrei herumlaufen und ganz viele andere anstecken kann. Das sogenannte Quellcluster- Tracing. Auch das geht mit Luca.

Nämlich wie?

Sagen wir, man geht ins Restaurant, und später stellt sich heraus, dass man krank ist. Die Historie geht dann ans Gesundheitsamt. Nun war ein Geschäftsmann aus Frankfurt in Hamburg, lässt sich zu Hause testen und ist positiv. Die Historie zeigt, dass der Frankfurter mit dem Hamburger zur selben Zeit im gleichen Restaurant saß. Vermutlich ist einer von den beiden der Superspreader, denn sie haben uns aller Wahrscheinlichkeit nach dort angesteckt.

Jetzt steigt die Wahrscheinlichkeit, dass noch mehr Leute in diesem Restaurant infiziert sind um das Einhundertfache. Durch Luca wüssten das die Betroffenen sofort, könnten Leute in Quarantäne schicken und der Infektionsherd wäre eingehegt. Das ist einmalig und funktioniert natürlich, nur wenn Frankfurt und Hamburg beide Luca nutzen würden.

 

„Wir haben den direkten Draht zum Gesundheitsamt und zurück“

 

Wie stellst du dir eine Welt mit Luca vor?

Man fährt mit der Bahn, scannt QR-Code, piept, ist bei der Oma, piept dort, piept auch im Restaurant, und wenn man zu den Fantas geht, lässt man sich vorher testen. Positiv? Dann wird das in die App geschrieben, und alle wissen Bescheid: die U-Bahn-Fahrer, die Oma, die Restaurantbesucher. Und man kriegt sein Geld zurück, weil man nicht zum Konzert kann – bei dem dank Luca übrigens nicht nur 500, sondern 3.500 Leute sein dürfen.

Für diejenigen, die Luca noch nicht downgeloaded haben: Wie würde dein Werbeslogan lauten?

„Wir sind Gesundheitsamt!“ (lacht) Weil wir den direkten Draht dorthin und zurück haben. Wenn ich Leuten erkläre, warum wir während einer Pandemie ein Tracing wie dieses benötigen, ziehe ich auch gerne folgendes Bild heran: Wenn eine Flut kommt, das Wasser über die Ufer tritt und die Menschen sowie die Wirtschaft bedroht, steht der Politiker genauso auf dem Acker wie die Putzkraft und der Fernfahrer. Alle krempeln die Ärmel hoch und schmeißen Sandsäcke. Luca ist jetzt auch ein Sandsack, darauf können sich alle verständigen.

Macht dieser „Sandsack“ die Corona­Warn­App nichtig?

Ich glaube an einen Mix aus Impfgeschehen, Hygienemaßnahmen, Testen sowie Corona-Warn-App und Luca. Wenn all das gleichermaßen am Start ist, kann die Pandemie in den Hintergrund gedrängt werden.

Glaubst du auch, dass wenn es Luca bereits vor einem Jahr, also zu Beginn der Pandemie gegeben hätte, uns vieles erspart geblieben wäre?

Luca wäre zu Beginn wahrscheinlich nur ein weiteres Doku-Pflicht-Digi-Tool gewesen, mit dem wir auch in den Lockdown geraten wären. Es gab damals einfach noch so viel zu lernen, sodass Luca nicht den Unterschied gemacht hätte, den das System jetzt hoffentlich macht. Wir sind fest davon überzeugt, dass Luca ein Ausstiegsszenario sein kann.

Werdet ihr von Bund und Ländern unterstützt?

Dort, wo die App schon läuft, etwa in Thüringen, übernimmt die Infrastruktur natürlich das Land. Wir arbeiten seit drei Monaten auch eng mit dem Bundesgesundheitsamt zusammen, das Mittel dafür bereitgestellt hat. Und wir sind mit zweihundert Gesundheitsämtern im Gespräch. Also: Zuletzt gab es innerhalb von nur einer Woche eine Million Luca-Downloads und über 12.000 registrierte Betriebe.

luca-app.de


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Prof. Dr. med. Andreas Plettenberg über Corona-Impfungen

Prof. Dr. med. Andreas Plettenberg ist Geschäftsführer und ärztlicher Leiter des ifi-Instituts für interdisziplinäre Medizin. Neben der Betreuung seiner Patienten organisiert und moderiert er Kongresse, publiziert Fachbücher, hat an diversen infektiologischen Leitlinien mitgearbeitet und Therapie-Apps für Infektionskrankheiten entwickelt. Ein Expertengespräch

Interview: Markus Gölzer

 

SZENE HAMBURG: Prof. Dr. med. Andreas Plettenberg, sind Sie schon geimpft?

Prof. Dr. med. Andreas Plettenberg: Nein, leider noch nicht.

Was wäre der Impfstoff der Wahl?

Wahrscheinlich würde ich den Impfstoff von Astra-Zeneca erhalten, weil ich noch unter 65 bin. Wäre ich über 65, würde ich den Impfstoff von Biontech oder Moderna bekommen. Dies hängt allerdings auch von anderen Faktoren wie der Verfügbarkeit oder von Organisationsfragen ab.

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„Hamburg hat es bisher gut gemacht“: Prof. Dr. med. Plettenberg

Gibt es bessere und schlechtere Corona-Impfstoffe?

Alle Impfstoffe sind gut, wobei sie Unterschiede aufweisen. Diese betreffen die Herstellungsweise, die Wirksamkeit, die Nebenwirkungen, die Lagerung, die Impfintervalle und auch die Datenlage der Zulassungsstudien.

In Deutschland sind derzeit zwei sogenannte mRNA-Impfstoffe zugelassen, von Biontech und Moderna. Darüber hinaus ein Vektorimpfstoff, von AstraZeneca. Da die Zulassungsstudien unterschiedlich angelegt waren, sind die Ergebnisse nicht eins zu eins vergleichbar.

Der Impfstoff von Astra-Zeneca ist weniger wirksam und wird bei uns nur bei Personen unter 65 angewendet. Er scheint auch bei der süd-afrikanischen Variante weniger wirksam zu sein. Aber er hat auch Vorteile, zum Beispiel die einfachere Lagerung. Wichtig ist, dass möglichst viele Menschen geimpft werden. Mit welchem Impfstoff, ist dabei zweitrangig.

Gibt es einen besonders vielversprechenden Kandidaten in Erprobung?

Es sind über 150 Corona-Impfstoffe in Erprobung. Wir werden also noch viele Überraschungen erleben. Bei unseren drei bisher zugelassenen Impfstoffen sind immer zwei Impfungen erforderlich. Unter den vielen Kandidaten befindet sich zum Beispiel einer, von Johnson & Johnson, bei dem eine einmalige Impfung ausreichen soll. Es gibt aber daneben auch viele andere interessante Kandidaten.

 

„Viel zu Impfungen geforscht“


War von Anfang an klar, dass man einen Impfstoff findet oder gab es Befürchtungen, dass man nicht impfen kann wie bei HIV?

Für mich war dies nicht von Anfang an klar. Vor allem nicht, dass in so kurzer Zeit so viele Impfstoffe gefunden werden. Ich hatte dabei schon das Beispiel von HIV vor Augen, wo mittlerweile mehr als 20 Jahre nach einem Impfstoff gesucht wird und trotzdem kein wirklich geeigneter verfügbar ist.

Früher dauerte die Entwicklung eines Impfstoffs Jahrzehnte. Warum ging es diesmal so schnell?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zunächst einmal wurde während der letzten zehn Jahre sehr viel zu Impfungen geforscht, unter anderem auch speziell zu Corona-Impfungen, zum Beispiel gegen MERS. Darauf konnte aufgebaut werden. Alle Nationen sind betroffen. Dementsprechend haben sich sehr viele Forschungsgruppen damit beschäftigt und es hat dabei viele internationale Kooperationen gegeben.

Ein wichtiger Punkt ist auch, dass wir uns aktuell mitten in einer Pandemie befinden, also sehr viele Infektionen haben. Um schnell aussagekräftige Daten zu haben, braucht man genau das: viele Probanden und viele Infektionen. Das Zulassungsprozedere durch die Behörden geschah außergewöhnlich schnell und die Finanzen spielen im Vergleich zu anderen Studien eher eine untergeordnete Rolle. All dies zusammen hat dazu geführt, dass so schnell Impfstoffe verfügbar sind.

 

„Den Mutanten kommt eine besondere Bedeutung zu“

 

Kann man Langzeitschäden ausschließen?

Es liegt in der Natur der Sache, je schneller die Impfstoffe zur Zulassung gebracht werden, umso weniger Daten zu Nebenwirkungen liegen vor. Insbesondere mögliche Langzeitnebenwirkungen können noch gar nicht bekannt sein. Wichtig dabei ist, dass die Probanden, die an den Studien teilgenommen haben, anschließend über Jahre nachbeobachtet werden. Das Wissen um Nebenwirkungen wächst also ständig.

Das Entscheidende für mich ist, dass unter dem Strich die positiven Effekte einer Impfung mögliche negative Effekten überwiegen.

Es gibt jede Menge Impfmythen: Gefahr für Allergiker, mRNA-Impfstoffe verändern die DNA, Impfungen sind toxisch. Was ist da dran, womit muss dringend aufgeräumt werden?

Dazu könnte ich ganz viel sagen, wobei wohl Zeit und Platz in ihrer Zeitschrift fehlt. Um es kurz zu sagen: Es gibt jede Menge Fehlinformationen im Netz.

Welche Rolle spielen Mutationen?

Den Mutationen kommt in der Tat eine besondere Bedeutung zu. Mutationen der Viren können dazu führen, dass sich die Eigenschaften der Viren ändern und dass Impfstoffe weniger wirksam werden. Aber, auf der anderen Seite, können Impfstoffe auch entsprechend angepasst werden.

Was würden Sie Impfgegnern gern mal sagen?

Es sind schon so viel Menschen auf der Welt an Corona verstorben, dass allein dadurch viele Argumente der Coronaverleugner und Impfgegner widerlegt sind. Wir können die Pandemie nur besiegen, wenn wir lernen und unser Wissen gezielt einsetzen. Vor allem ist dabei Verstand und Objektivität gefordert. Emotionen aus dem Bauch heraus verhindern den klaren Blick dafür, was erforderlich ist und helfen kann.

Warum gibt es bei Masern eine Impfpflicht, bei Corona nicht?

Bei Masern ist die Situation eine andere, die Infektion gibt es schon ganz lange und ebenso die Impfstoffe. Und es gibt bei Masern auch keinen generellen Impfzwang, sondern nur für bestimmte Gruppen. Für Corona hat Bundesgesundheitsminister Spahn eine Impfpflicht ausgeschlossen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es dazu noch erneut zu Diskussionen kommen wird, zum Beispiel zu einer Impfpflicht für bestimmte Gruppen. Zunächst wird aber abzuwarten sein, wie viele sich überhaupt freiwillig impfen lassen.

 

Der Katalog der Reihenfolge

 

Senioren werden zuerst geimpft. Warum impft man nicht zunächst junge Menschen, die mobiler sind?

Die Senioren werden zunächst geimpft, da bei Ihnen die Infektionen viel schlimmer verlaufen und deutlich mehr daran versterben.

Welche Kriterien entscheiden, in welcher Reihenfolge geimpft wird?

Da haben viele Spezialisten zusammengewirkt und unter Berücksichtigung vieler Kriterien den Katalog der Reihenfolge festgelegt. Ich glaube, es geht in erster Linie darum, bei begrenzten Impfstoffmengen einen möglichst großen Nutzen durch die Impfungen für die Gesellschaft zu erzielen.

Warum nicht schnell viele Menschen einmalig mit geringerem Schutz impfen statt langsamer mit zwei Impfungen?

Wichtig ist vor allem, dass ein möglichst anhaltender Impfschutz erzeugt wird. Wenn dafür zwei Impfungen erforderlich sind, sollte auch zweimal geimpft werden. Anderenfalls wäre der positive Effekt der Impfungen schnell verpufft und damit ist uns nicht geholfen.

Wann wird es genügend Impfstoff für alle geben?

Ich kann leider nicht in die Zukunft sehen. Wenn alles gut läuft, sollten im Laufe des zweiten Halbjahres alle Impfwilligen in Deutschland geimpft werden können. Dies hängt aber von vielen Faktoren ab, die wir noch nicht alle überblicken.

Wird es irgendwann möglich sein, sich beim Hausarzt impfen zu lassen?

Ich gehe davon aus, dass, wenn mehr Impfstoff verfügbar ist, auch Hausärzte impfen werden. Sicher nicht alle, aber einige.

Wie denken Sie über Erleichterungen für Geimpfte?

Eine schwierige Frage, die Gegenstand kontroverser Diskussionen ist. Aktuell halte ich nichts davon. Voraussetzung für Erleichterungen müsste sein, dass ausreichend Impfstoffe für alle Impfwilligen verfügbar sind. Ansonsten würden mögliche Erleichterungen die gesellschaftliche Solidarität gefährden. Es müsste unter anderem auch geklärt sein, dass Geimpfte die Infektion nicht in nennenswertem Maße weitergeben. Ich denke, es ist für diese Diskussion einfach noch zu früh.

 

„Hamburg hat es unter dem Strich bisher gut gemacht“

 

Tragen reiche Länder wie Deutschland Sorge, dass auch ärmere Länder zu ihrer Impfung kommen?

Die Pandemie betrifft den gesamten Globus und wir werden sie nur besiegen können, wenn alle Länder an einem Strang ziehen. Insofern ist es für die reichen Länder sehr wichtig, dass auch in den ärmeren Ländern geimpft wird.

Wie ist Hamburg aufgestellt?

Es ist organisatorisch sehr schwierig, eine ganze Großstadt zu impfen. Ich finde, Hamburg hat es unter dem Strich bisher gut gemacht.

Was waren die größten Erfolge in der Impfgeschichte? Was die größten Fehlschläge?

Der größte Erfolg war für mich 1980 die Ausrottung der Pocken. Der größte Fehl- schlag? Für mich persönlich Impfungen gegen HIV, wobei unsere Einrichtung selber an vielen Studien teilgenommen hat. Trotz jahrzehntelanger intensiver Forschung steht weiterhin kein Impfstoff zur Verfügung.

Hat Sie der Siegeszug von Corona überrascht?

Nein, eigentlich nicht. Dass irgendwann eine Pandemie mit irgendeinem Erreger auftreten wird, war schon lange zu erwarten. Meine Befürchtung war, dass dies ein Virus mit höherer Sterblichkeit sein wird, was noch um ein Vielfaches schlimmer sein könnte.

 

Ein schwieriger Job

 

Ist vorstellbar, dass mal ein Virus kommt, der ansteckend ist wie Corona und tödlich wie Ebola?

Leider ja, dies ist möglich. Ich hoffe, dass ich dies nicht erleben werde.

Wird die Pandemie jemals enden oder alljährlich wie bei der Grippe eine Corona-Saison kommen?

Das kann heute noch niemand absehen. Es ist wahr- scheinlich, dass wir in Zukunft mit diesen Viren leben müssen, wie wir auch mit anderen Coronaviren leben. Ich hoffe, dass nicht jedes Jahr neu geimpft werden muss. Dies hängt unter anderem davon ab, was bei den Mutationen noch alles passiert.

Wie finden Sie das Pandemie-Management des Gesundheitsministers?

Ein sehr schwieriger Job. Ich finde, er hat es bisher gut gemacht. Es ist immer einfach, Kritik zu üben. Es dürfte schwierig sein, es besser zu machen.

ifi-medizin.de


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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