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Smallville Records: Die Ersten werden die Letzen sein

Corona hat das musikalische Nachtleben weiterhin fest im Griff. Wie geht es Künstlern, Labels und Plattenläden, die eng mit der Szene verbunden sind? Julius Steinhoff, House-DJ, Musiker und Gründungsmitglied von Smallville Records, berichtet von den vergangenen Monaten

Text & Interview: Ole Masch

 

Seine ersten Turntables kaufte der gebürtige Freiburger 1999 von seinem Zivildienstlohn. Platten zum Auflegen hatte Julius Steinhoff damals kaum. Der Überfluss an Vinyl kam erst mit dem Umzug nach Hamburg, wo er 2001 bei einem Plattenvertrieb anfing und das Lager voller House- und Techno-Importen war. Sein Wohnzimmer wurde der Golden Pudel Club. „Es gab dort musikalisch ganz viel Neues zu entdecken. Die Changing Weather Abende der Dial Crew haben mich nachhaltig geprägt“, erzählt er. Nach ersten Schritten in verschiedenen Bars, folgten eigene Club-Veranstaltungen und eine wöchentliche Radiosendung auf Tide mit Lawrence und Cranque&Unique von Einmusik.

2005 dann die Gründung von Smallville und seitdem zahlreiche eigene Veröffentlichungen. „Peter Kersten aka Lawrence, Stella Plazonja und ich hatten damals das Gefühl, dass es in St. Pauli einen Plattenladen für elektronische Musik und gleichzeitig einen Hang-out geben sollte. Der erste Laden in der Hein-Hoyer-Straße war ziemlich klein und gemütlich, die Straße damals noch relativ ranzig.“ Umgezogen in den Neuen Kamp 32, betreibt Julius Steinhoff heute Laden und angeschlossene Label mit Just von Ahlefeld. Vor Corona standen sie zudem als Smallpeople hinter Plattentellern zahlreicher internationaler Clubs und Festivals.

 

Interview: Julius Steinhoff von Smallville Records

 

SZENE HAMBURG: Julius, welche Konsequenzen hatte Corona für dich als Künstler?

Julius Steinhoff: Ziemlich direkt zum Lockdown Mitte März wurde die erste Ausgabe eines Festivals in der Nähe von Nottingham abgesagt. Wir hätten eine Smallville Stage kuratiert, dementsprechend liefen die Planungen auf Hochtouren. Stefan Marx hatte ein Poster entworfen und das Festival sollte in einer Burg in den Highlands stattfinden. Das klang alles sehr schön, wurde dann aber direkt um ein Jahr in den Juli 2021 verschoben. Gefühlsmäßig waren die ersten Maßnahmen eher so etwas wie eine kurze Pause der Normalität, doch mit der direkten und frühzeitigen Absage des Festivals war mir schnell bewusst, dass erst mal nichts mehr sein wird, wie es war. Für DJs brechen die Möglichkeiten damit von 100 auf 0 Prozent ein. Das war schon ernüchternd zu realisieren, dass dieser Bereich als einer der ersten, gleichzeitig aber wohl bis zum Schluss, betroffen sein würde. Ich muss aber klar sagen, dass ich die Maßnahmen natürlich verstanden und voll unterstützt habe. Das war eine Ausnahmesituation für alle – nicht nur für Künstler und Kulturschaffende.

Streaming wurde kurzfristig wahnsinnig populär. Auch für dich?

Es gab schon Möglichkeiten, ich habe aber ehrlich gesagt nicht so Lust darauf. Das Ganze hat natürlich seine absolute Daseinsberechtigung und ist für die ganze Promo-Social-Media-Blase wichtig. Für mich ist es allerdings eher anstrengend und hat mich ehrlicherweise auch mehr abgeschreckt, wenn jeden Abend fünf exklusive DJ-Sets im Netz übertragen wurden. Für mich persönlich war es eher eine Zeit, in der ich mich zurückgezogen habe.

Hast du die Zeit zum Produzieren genutzt?

Anfangs kaum und ich war auch nicht sonderlich inspiriert. Irgendwann kam dann aber doch eine Phase, in der ich wieder mehr im Studio wiedergefunden habe. Auf Smallville kam direkt nach dem Lockdown eine Platte von Christopher Rau raus, die unglaublich gut ist. Den Tonträgerverkäufen hat man allerdings angemerkt, dass viele Plattenläden weltweit schließen mussten, die Clubs zu waren und die Post in manche Länder gar nicht mehr zustellt hat.

Wann musste Smallville Records schließen?

Der Laden selbst war ab Mitte März für einen guten Monat bis Ende April geschlossen. Danach durfte der Einzelhandel wieder öffnen. Die Kunden waren aufgerufen die eigenen Kopfhörer mitzubringen und wir haben relativ viel Platz im Laden.

Habt ihr Hilfen beantragt?

Letztendlich haben wir keine Anträge für Smallville gestellt, nein. Wir kamen durch den Lockdown nicht in direkte Liquiditätsprobleme und es wurde klar vermittelt, dass dies eine Voraussetzung ist.
Es gab hier von Bundesland zu Bundesland doch teilweise erhebliche Unterschiede in den Möglichkeiten für Soforthilfen, insgesamt war die Situation etwas schwammig. Gleichzeitig war die Resonanz bei uns im Onlineshop relativ beachtlich. Als der Laden geschlossen war, hatten wir deutlich mehr Bestellungen, zudem gingen auch die digitalen Verkäufe in dieser Zeit nach oben. Es gab auch verschiedene Aktionen. Bandcamp beispielsweise hat spezielle Tage veranstaltet, an denen alle Einnahmen direkt und komplett an die Labels und Künstler ausbezahlt werden. Da wir in der Zeit des Lockdowns gleichzeitig natürlich nicht so viele Tonträger eingekauft haben und somit weniger Rechnungen begleichen mussten, kamen wir mit dem Laden aber insgesamt ganz gut über die Zeit.

Kam es durch Corona zu mehr Musikveröffnetlichungen?

Nein, eher andersherum. Wahrscheinlich kommt diese Welle erst noch, wenn die ganze Musik veröffentlicht wird, die in den letzten Monaten geschrieben und produziert wurde. Aber die Musik, die wir selber veröffentlichen, spielen sowie im Laden verkaufen ist hauptsächlich Clubmusik. Unsere Kunden sind oft DJs – ein Anteil, der erst mal in Teilen weggefallen ist, außerdem sind Touristen von außerhalb nicht so zahlreich unterwegs. Ich merke auch im Bezug aufs Label, dass ich etwas zögere mit den Planungen von Releases, weil momentan im Vergleich zu Vor-Corona alles runtergefahren ist. Ich denke, es geht vielen Labels ähnlich. Nach wie vor wird natürlich Musik konsumiert, aber der Club-Aspekt fehlt schon.

Eure Club-Veranstaltung fehlt ebenfalls …

Wir haben monatliche Smallville-Nächte im Pudel veranstaltet, das fiel jetzt weg. Der Pudel hat immerhin jetzt Barboncino Zwölphi, wo es draußen wieder losging.

Wünschst du dir weitere Lockerungen im Nachtleben?

Ich finde es schwierig und habe hier durchaus zwei Blickwinkel. Aus Künstler-Perspektive fällt es schwer zum Abwarten verdammt zu sein und nicht spielen zu können. Andererseits merke ich bei mir selber, dass das Verlangen nach großen Menschenansammlungen noch nicht so groß ist. Ich bin absolut für eine verantwortungsbewusste Umsetzung und Weiterführung in Zeiten der Pandemie, damit es irgendwann hoffentlich wieder richtig losgehen kann. Letztendlich gefährden Veranstaltungen mit schwammigen Sicherheitskonzepten und Umsetzungen die Möglichkeiten für alle kulturellen Bereiche. Dem Verlust von diversen kulturellen Einrichtungen sollte zudem durch weitere Hilfen entgegengetreten werden. Clubs sind wohl die letzte Branche, die noch überhaupt nicht wieder anfangen konnten, zumindest wenn keine Außenbereiche vorhanden sind. Hier muss durch Hilfen mit niedrigen bürokratischen Hürden unterstützt werden, vielleicht auch mit Möglichkeiten von Mieterlassen oder anderen kreativen Unterstützungsformen. Es wurde schon so viel Geld in die Rettung von Großkonzernen gepumpt, ich denke es gibt allgemein eine Dringlichkeit für den kulturellen Sektor, damit hier nicht eine ganze Bandbreite von Einrichtungen nie wieder wird öffnen können.

Wie bewertest du den Umgang der Hamburger Politik mit dem Thema?

Es wäre an dieser Stelle vom Senat wichtig, bestimmte Dinge zu überdenken und zu vereinfachen, um neue Möglichkeiten oder Konzepte schaffen zu können. Gehwege oder öffentliche Flächen nutzen zu dürfen, damit Menschen an der frischen Luft eher zusammenkommen können ist für Bars und Restaurants wichtig. Gleichzeitig muss die Verantwortlichkeit jedes Einzelnen natürlich gewährleistet sein.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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30M Records: Strahlkraft persischer Klangästhetik

Der Hamburger Matthias Koch hat ein Label gegründet, das als Plattform für eine aufstrebende Musikergeneration aus dem Iran dient. Ein Gespräch über die Strahlkraft persischer Klangästhetik

Interview: Erik Brandt-Höge

 

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Setzt auf den Zauber iranischer Musik: Matthias Koch (Foto: Lena Dann)

SZENE HAMBURG: Matthias, kleiner Zeitsprung zurück ins Jahr 2015. Damals bist du zum ersten Mal in den Iran gereist. Steckte mehr dahinter als ein Urlaub?

Matthias Koch: Damals, kurz nach dem Atom-Deal, fing das deutsche Feuilleton gerade an, über die iranische Kunst- und Kulturszene zu schreiben. Es gab erste Reiseberichte, Backpackergeschichten, den ersten „Lonely Planet“-Reiseführer vom Iran. Das Land wurde immer interessanter.

Und da ich schon ein paar Rucksackreisen in den Nahen Osten gemacht hatte, dachte ich irgendwann: Hin da! Hattest du bestimmte Erwartungen? Nein, nur eine große Neugier auf ein Reiseziel, das ganz anders war als alle, die ich zuvor hatte. Eine Reise an einen Ort, der nicht wirklich westlich ist, und wo ich nichts verstehen und lesen können würde. Es fühlte sich abenteuerlich an. Im Flugzeug dann dachte ich auch kurz, ob das wirklich so eine gute Idee war …

… aber die Zweifel verflogen sofort bei der Ankunft?

Nicht sofort. Am Flughafen musste ich erst mal an den Uniformierten vorbei, den Revolutionsgarden. Diese wickeln dort, wie bei uns der Bundesgrenzschutz, den Betrieb ab. An den Wänden in der Empfangshalle hingen riesige Bilder von den Revolutionsführern. Aber erste Widersprüche tauchten auf: Neben ihnen direkt großflächige Werbung für das aktuelle Top-Handy von Samsung! Und draußen war es vor allem erst mal sehr warm.

Der Flughafen von Teheran liegt fast in der Wüste, es gab eine ganz eigene Luft, ganz eigene Gerüche. Alle Frauen trotz Hitze mit Kopftuch! Vor der Tür warteten klapprige Taxis mit freundlichen alten Männern, die mir „Mister, welcome to Iran! Mister, come here!“ zuriefen. Ich nahm dann so ein Taxi – und bekam vom Fahrer erst mal Datteln und Tee gereicht.

Gab es auch Musik im Taxi?

Ja. Aus dem Autoradio kamen scheinbar religiöse Gesänge, untermalt von Saiteninstrumenten, die mir bis dahin noch nicht geläufig waren.

Ein Überbleibsel aus der Zeit nach der Revolution 1979, als im Iran nur religiöse Musik erlaubt war?

Genau. Populär- und Weltmusik ganz allgemein wurden damals verboten – und das nach einer sehr erfolgreichen Ära des iranischen Pop in den 60er und 70er Jahren. Googoosh etwa hört man ja auch hier noch bis heute auf Partys. Viele Künstler sind nach der Revolution ins Ausland gegangen, andere wollten oder konnten nicht auswandern und haben dann eben damit weitergemacht, was nicht verboten war, nämlich mit religiöser, meist sehr melancholischer Musik. So haben sie ihr Schaffen gerettet.

 

 

Im Laufe der Jahre hat sich die Lage für iranische Musiker wieder relativ entspannt – vor allem, seit es das Internet gibt. Iran war ja nie komplett abgeschottet, und die Leute dort waren und sind bestens informiert, was Kunst und Kultur aus dem Ausland angeht. Dazu zählt natürlich auch die Musik.

Westliche Klangästhetik ist heute überhaupt kein Problem mehr im Iran, im Gegenteil, sie wird sogar hoch angesehen. Einzig HipHop und eventuell Metal ist nach wie vor nicht etabliert. Zu klischeehaft westlich für die Ordnungshüter. Ich habe HipHop-Künstler kennengelernt, die wegen ihrer Musik auch schon temporär hinter Gittern saßen.

 

„Frauengesang solo ist verboten“

 

Sind Auftrittsgenehmigungen erforderlich?

Ja, die braucht jeder Künstler. Sämtliche Musik, die öffentlich aufgeführt werden soll, geht erst mal zu einer Kontrollbehörde: Ministry of Culture and Islamic Guidance. Die prüfen alles, vom Cover der CDs bis zu den Texten. Auch, ob Frauen mit dabei sind und, wenn ja, welche Rolle sie haben.

Frauengesang solo ist zum Beispiel verboten. Es besteht auch keine wirkliche Infrastruktur für Musik, wie es sie zum Beispiel in Deutschland gibt. Und Förderung für Popmusik gibt es schon mal gar nicht. Da ist eine Handvoll Label, aber kein Export von iranischer Musik. Auch ein Copyright ist im Grunde nicht vorhanden, was nicht gerade zur Wirtschaftlichkeit des inländischen Musikbusiness beiträgt.

Du bist nach deiner ersten Iran-Rucksackreise immer wieder ins Land gekommen, hast aufgrund deiner jahrelangen Arbeit in der Musikbranche auch irgendwann Musiker nach Teheran gebracht und ihnen Auftritte organisiert …

… zum Beispiel für Martin Kohlstedt. Meine Kontakte habe ich der deutschen Botschaft vermittelt, auch dem Goethe Institut. Ich wusste ja, dass es im Iran ein Publikum für sie gibt. Schon auf meiner Rucksackreise habe ich das gemerkt. Ich war in der Wüste unterwegs, in Orten, in denen es gerade mal Elektrizität gab, und bin trotzdem auf Leute gestoßen, die die aktuelle Platte von zum Beispiel Nils Frahm auf ihrem Handy hatten oder streamten. Radiohead sind Superstars im Iran!

Dieses große Interesse dort an dieser nicht unbedingt fröhlichen Musik erkläre ich mir mit der musikalischen Geschichte des Landes und dem Hang der Iraner zur Poesie, das passt gut. Das Konzert von Martin Kohlstedt war dann auch gut besucht. Die Leute standen Schlange, auch später, um noch ein Autogramm zu bekommen. Genauso war es mit Ólafur Arnalds und Frederico Albanese, mit denen ich später wiederkam. Es besuchten wirklich Tausende ihre Konzerte.

Und dann wolltest du mehr.

Richtig. Ich habe natürlich von Reise zu Reise mehr Musiker mit wahnsinnig spannenden Projekten kennengelernt, auch Konzertveranstalter, Plattenläden. Ich habe recherchiert, mich mit vielen Leuten hier unterhalten und festgestellt, dass es in der westlichen Welt kein Label gibt, das sich darauf spezialisiert hat, Musik aus dem Iran zu veröffentlichen. Und das wollte ich von meinem Lebensmittelpunkt Hamburg aus ändern.

 

„Es geht nur ganz oder gar nicht“

 

War die Label-Gründung leicht für dich, weil du wusstest, wie es funktioniert?

Ich kannte die einzelnen Elemente, aber wie lange es vom ersten Gespräch mit den Künstlern bis zur fertigen Platte dauert, wenn man alles selber macht, hat mich dann doch ein bisschen überrascht.

Und der Label-Name, heißt es, sei angelehnt an eine persische Erzählung.

Stimmt, an eine persische Fabel aus dem 12. Jahrhundert. Es geht darum, dass die Vögel der Welt etwas desorientiert sind und deshalb den großen Weisenvogel aufsuchen, um ihn zu fragen, wo sie ihren König finden können. Der Weisenvogel beschreibt ihnen den Weg, durch Unwetter und alle möglichen Prüfungen, und verspricht ihnen, am Ende der langen Reise den König zu finden. Letztlich kommen nur 30 Vögel an, finden zwar keinen König, merken aber, dass sie durch ihre Erfahrungen, durch ihre eigenen Werte, selbst zu Königen geworden sind. Das gefiel mir und passt gut! Der Label-Name setzt sich aus der Zahl, dem Fabel-Namen des Königs und dem persischen Wort für Vögel zusammen.

Und wie kamen die ersten Label-Signings zustande?

Die waren gar nicht so kompliziert. Am Ende meiner zuletzt unternommenen Iran-Reise, das war im Dezember 2019, habe ich den ersten Vertrag gemacht. Die Veröffentlichung („RAAZ“; Anm. d. Red.) ist für November 2020 geplant. Wie gut dieses erste Projekt funktioniert hat, hat dann auch den Ausschlag dafür gegeben, dass ich gesagt habe: Ich mache nicht nur ein kleines Digital-Label, sondern ein richtiges, mit digitalem und physischem Vertrieb.

Ich presse schick aussehendes Vinyl und versuche, alles in möglichst vielen Ländern zu promoten und Einnahmen für die Künstler zu generieren. Als Nächstes ist eine Compilation geplant, die die Teheraner Musikszene präsentieren soll, mit rund zehn vertretenen Künstlern. Mir ist längst klar: Es geht nur ganz oder gar nicht.

Du hast im Zuge der Label-Gründung einmal gesagt, du würdest damit auch mit Missverständnissen aufräumen wollen. Was ist denn deiner meiner nach das größte Missverständnis bezüglich des Iran?

Das liegt auf kultureller Ebene. In der westlichen Welt wird oft gedacht, dass die Iraner im Wesentlichen mit Flaggen verbrennen oder Geiseln nehmen beschäftigt sind. Religiöse Fanatiker eben. Mit diesem hier gern genutzten Klischee geht auch eine abschätzende Wertung gegenüber Kulturellem, das von dort kommt, einher.

Wenn man sich aber mit den Menschen beschäftigt, mit der Kultur und Musik dort, stellt man fest, dass es unglaublich viel Modernes, Spannendes und Hintergründiges zu entdecken gibt.

30m-records.com


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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klub katarakt: Experimentelle Musik auf Kampnagel

klub katarakt ist ein Festival für experimentelle Musik, das sich auf sämtlichen künstlerischen Ebenen offen präsentiert

Text: Erik Brandt-Höge

 

Das Jahr 1992. Snap!, Dr. Alban und Die Prinzen bestimmen die deutschen Charts, schlichte Beats und noch schlichtere Lyrik laufen im Radio rauf und runter. In ebendieser Zeit gründen Kompositionsstudenten der Hamburger Musikhochschule den Verein katarakt – und stehen damit für das experimentelle Gegenteil zum Gedudel. Sicher, einerseits ging es den Studenten darum, ihre Kompositionen einmal außerhalb der Hochschule aufführen zu können, und zwar an eher ungewöhnlichen Orten dafür, etwa Rockclubs. Aber sie wollten auch nicht-radiofreundliche Sounds der breiten Masse vorstellen.

 

Springer zwischen multimedialen Welten

 

Das gelang ihnen spätestens mit der ersten Ausgabe des klub katarakt 2005. Sie machten Neue Musik zugänglich, indem sie eben diese sprengten, durch sich ständig im Wandel befindende Klang- und Bildinstallationen sowie durch Öffnung der bespielten Räumlichkeiten. Auf Kampnagel hat das Festival ein Zuhause gefunden, in dem die Macher gleich drei ineinander übergehende Hallen zur Verfügung haben. Besucher werden zu Springern zwischen multimedialen Welten, erleben Sounds und Bilder beim Flanieren.

Die klub katarakt-Eröffnung (15.1., 20 Uhr) wird auch in diesem Jahr ein Event der Wandelkonzerte. Viele Hamburger Musiker, Komponisten und Künstler stehe dafür bereit, zum Beispiel die Elektroniker Nika Son und Thomas Leboeg, die Violinistin Lisa Lammel, die Pianistin Daria Iossifova und der Harvestehuder Kammerchor unter der Leitung von Edzard Burchards.

 

 

Der zweite Festivaltag steht ganz im Zeichen einer Arbeit für Blechblasinstrumente und Elektronik, aufgeführt von der schwedischen Komponistin Ellen Arkbro zusammen mit dem Berliner Ensemble Zinc & Copper. An den beiden darauffolgenden Tagen werden das Splitter Orchester & The Pitch zu erleben sein, ein Kollektiv aus 24 international renommierten Musikern, es gibt eine sogenannte „Lange Nacht“ mit unter anderem einem Zusammenspiel von 17 akustischen Gitarren und ein Nachtkonzert mit Streichquartett und Klavier. Im Ganzen ein Spektakel für alle, nicht nur für Fans von Neuer Musik, und nach wie vor ein Gegenpol zu Charts-Stücken für das schnelle Hörerglück.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Dezember 2019. Das Magazin ist seit dem 20. Dezember 2019 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Disney, Pollock und Warhol: Neue Ausstellung

Disney, Rockwell, Pollock und Warhol und ihr Beitrag zum American Way of Life

Text: Karin Schulze

 

Nach den Herren Ba­selitz, Richter, Pol­ke und Kiefer, die in den Deichtorhallen mit ihrem überwiegend durchaus ein­drucksvollen Frühwerk Hof halten, marschiert jetzt eine weitere Garde weißer männ­licher Megakünstler auf: Dis­ney, Rockwell, Pollock und Warhol. Kann das interessant sein? Welchen kühnen Faden schlingt die Ausstellung des Bucerius Kunst Forums um das heterogene Quartett aus einem Trickfilm­-Entrepreneur, einem Americana­-Illustrator und den zentralen Protagonisten des abstrakten Expressionismus und der Pop­ Art?

Alle vier jedenfalls haben Mitte des vergangenen Jahrhunderts die visuelle Kultur der USA entscheidend geprägt. Dabei versucht die Ausstellung zweierlei zu zeigen: Wie prägten ihre Protagonisten das Bild des American Way of Life? Und wie ebneten sie das Gefälle zwischen Avantgarde und Kulturindustrie ein, sodass am Ende, was vorher als „lowbrow“ (Disney), „middlebrow“ (Rockwell) und „highbrow“ (Pollock) galt, in die Pop ­Art Warhols mündete.

Der Trickfilmkünstler und ­produzent Walt Disney (1901– 1966) schaffte mit seinen technisch stets innovativen und mit­ unter auch gewagten Filmen wie „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ oder „Fantasia“ den Weg vom Cartoon zum Medien­imperium. Sein Hang zum Niedlichen stiftete einerseits zu kultureller Verkindlichung an, setzte aber auch ein neues verspieltes Kreativpotenzial frei.

 

 

Norman Rockwell (1894– 1978), der mit Disney befreundet war, schuf sein Werk vor allem in Gestalt der Coverentwürfe für das Massenblatt „The Saturday Evening Post“. Die Motive setzte er meist zuerst mit Modellen in Szene, die er über fotografische und gezeichnete Zwischenstufen am Ende in ein Ölbild übertrug. Sind seine Arbeiten lange konservativ und Moderne­ feindlich ausgerichtet, steht sein „The Connoisseur“ (1961) dann schon vor einem „Pollock“, den Rockwell durchaus ehrfurchtsvoll nachgeschöpft hat.

Jackson Pollocks (1912– 1956) Erfindung des Drip ­Paintings wird im Kalten Krieg als freiheitsliebend und typisch amerikanisch vermarktet. Und Andy Warhol (1928–1987), der Rockwell-­Fan war und zwei seiner Werke besaß, schuf einen Popkulturkosmos aus Siebdrucken, Objekten, Filmen, Partys und medialen Produkten, der die Grenzen zwischen Kunst und Ware, Starkult und Lifestyle einriss.

Interessant ist die Frage nach dem Beitrag der vier zu einer spezifischen US­-Kultur allemal. Vielleicht aber wäre dieser Stoff – distanziert und ernsthaft ideologiekritisch beleuchtet – zwischen Buchdeckeln besser aufgehoben.

Bucerius Kunst Forum: Amerika! Disney, Rockwell, Pollock, Warhol, bis 12.1.2020


szene-hamburg-november-2019
Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, November 2019. Titelthema: Sexualität. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Lokale Newcomer beim Molotow Cocktail Festival

Zahlreiche hoffnungsvolle Hamburger Musiker präsentieren sich im Reeperbahn-Schuppen

Text: Erik Brandt-Höge

 

Es ist schummrig, Schweiß liegt in der Luft, Gitarrenriffs krachen von der Bühne in die Menge: eine typische Molotow­-Szene. Der Club auf der Ree­perbahn, den Musikfachblätter regelmäßig in ihren Beliebtheitslisten für Locations weit oben platzieren, ist seit bald 30 Jah­ren ein Zuhause von Rockbands und ihren Fans, von Partymachern aus ganz Ham­burg, ach, aus der ganzen Welt. Nicht sel­ten starteten spätere Weltstars im Molotow ihre Karrieren, Gruppen wie Mando Diao und The Hives standen hier schon auf der Bühne.

 

Offene Türen für Newcomer

 

Auch kleine Festivals gibt es im Club und dessen Hinterhof. Die Burger Invasion etwa, benannt nach dem legen­dären kalifornischen Underground-­Label Burger Records, bietet jährlich die spannendsten Punk­-Combos. Und eh klar, dass das Molotow kürzlich wieder einer der Top-­Spielorte des Reeperbahn Festivals war. Bekannt ist zudem, wie sehr es den Molotow-­Machern ein Anliegen ist, hoffnungsvollen Newcomern zu helfen, vor allem denen aus Hamburg. Jungen, talentierten und zum Molotow passenden Formationen und Solokünstlern stehen die Türen seit jeher weit offen.

Zum Molotow Cocktail Festival sind nun zahlreiche lokale Künstler eingeladen, die womöglich bald schon nicht mehr in Läden die­ser Größe zu sehen sein werden. Beson­ders vielversprechend sind zum Beispiel Moped Ascona, deren angestachelten Gi­tarrensongs ziemlich fix alles und jeden vereinnahmen.

Die Cigaretten könnten mit ihrem Mix aus Pop, Punk und Wave freilich jetzt schon Hallen jenseits der 500-­Zuschauer­-Marke beschallen. Glue Teeth brillieren mit Schreihals-­Punk in Perfektion. Und Melting Palms sorgen für ein wenig melancholische Hymnik mit stark Hall­ beladenen Indie­-Rock-Stücken, die bereits international relevant erscheinen.

Viele weitere Live-­Acts wird es geben beim Molotow Cocktail Festival, unter ihnen Matrone, The Kecks, Fluppe, Leto, O Joe & The Tarantula, Highcoast und Goblyn. Ein Abend wie gemacht, um zu erleben, wie breit gefächert Hamburgs musikalische Nachwuchslandschaft ist.

Molotow Cocktail Festival: Molotow, Nobistor 14 (St. Pauli), 26.10.19, 18 Uhr


Szene-Oktober-2019-CoverDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, Oktober 2019. Titelthema: Neu in Hamburg. Das Magazin ist seit dem 28. September 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Ausstellung: Blicke auf 150 Jahre Hamburger Kunsthalle

Ihr 150. Jubiläum feiert die Hamburger Kunsthalle mit einer Schau, die mehr als ein Rückblick ist

Text: Sabine Danek
Foto (o.): Christoph Irrgang – Hamburger Kunsthalle

 

Einst flanierte man einen Hügel zur Kunsthalle hinauf, Kutschen fuhren vorbei, die Kleider waren lang und drum herum war alles grün. Nach vielen Provisorien bekam die Kunsthalle 1869 den heutigen, zentralen Bau und ihren ersten Direktor. Doch ausgerechnet ihm gefiel der Prachtbau nicht wirklich. Der starre Historismus stand Alfred Lichtwarks Auffassung, dass ein Museum sich aus seiner Nutzung heraus ergeben solle, im Weg. Mit ihm begann nicht nur eine Ausstellungs- sondern auch eine Architekturgeschichte, die immer wieder von Auseinandersetzungen begleitet war.

 

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Gründungsbau der Hamburger Kunsthalle, vor 1889 / Foto: Hermann Priester – Hamburger Kunsthalle

 

Als 1906 ein Anbau geplant war, nutzte Lichtwark die Gelegenheit, andere europäische Ausstellungshäuser zu studieren und setzte nach vielen Querelen schlichtere Räume und hohes Seitenlicht durch. Die nächste erbitterte Diskussion folgte fast 80 Jahre später mit dem Wettbewerb für die Galerie der Gegenwart, der 1985 ausgeschrieben wurde und bei dem sich nicht einer der visionären Entwürfe, sondern der Klotz des Kölner Architekten Oswald Mathias Ungers durchsetzte, der wie eine Bastion auf den ehemaligen Wallanlagen steht und auch genauso schwer einzunehmen ist. Zu seinem abweisenden Äußeren gesellen sich steile Treppen und ein beklemmendes Untergeschoss, in dem noch am besten die klaustrophobische Retrospektive Gregor Schneiders zur Geltung kam.

 

Glanzstück der Gegenwart

 

Dass die Galerie der Gegenwart dennoch zu einem Glanzstück wurde, liegt an den Kuratorinnen, die dort seit Jahren spannende Schauen von Künstlerinnen wie Eva Hesse, Gego, Roni Horn, Geta Brătescu oder Anita Reé zeigen – und das „Warten“ in einer ikonischen Ausstellung mit überraschenden Facetten versahen.

Mit dem neuen Direktor Alexander Klar, seit August frisch im Amt, feiert die Kunsthalle jetzt ihr Jubiläum – und mit der Schau „Beständig. Kontrovers. Neu – Blicke auf 150 Jahre“. Zusammengestellt von der Leiterin der Provenienzforschung, Uta Haug, und von den jungen Kuratorinnen Shannon Ort, Andrea Völker und Lisa Schmid, will sie Schlaglichter auf die Arbeit des Museums selbst setzen – und dabei durchaus auch kritisch sein. Sie fragt nach den Aufgaben eines Museums, danach was gezeigt und eben nicht gezeigt wird, untersucht dessen Förderung und, ob es Verbindungen zum Kolonialismus gab.

Darüber hinaus sind Postkarten, Fotos und andere Erinnerungen, die Hamburger eingereicht haben, zu sehen und man kann nicht nur über einen NDR-Bericht des Kunstraubs von 1978 staunen, bei dem weder Alarmanlage noch Wächter reagierten, sondern auch über einen Film, in dem im Dämmerlicht die Gemälde der Romantiker erkundet wurden. Auf vielfältige Weise legt der Blick auf die Museumsgeschichte dabei immer auch Fährten in die Zukunft der Kunsthalle aus.

Hamburger Kunsthalle: „Beständig. Kontrovers. Neu – Blicke auf 150 Jahre“, bis 10.11.


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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Der Gewerbehof Hagen ist bedroht von einem Rechtsstreit

Ein Poller in der Einfahrt zum Ottenser Gewerbehof Hagen ist zum Symbol eines jahrelangen Rechtsstreites zwischen zwei Vermietern geworden. In der Schusslinie: 80 ansässige Künstler, Handwerker und Kleingewerbetreibende

Text & Fotos: Sophia Herzog

An einem Backsteingebäude in der Ottenser Straße Hohenesch flackert ein Banner im Wind: „Gewerbehof Hagen bleibt!“. Seit den 30er Jahren ist das Gelände im Besitz der Familie Hagen, die heute als Hagen Verwaltung GbR agiert, und seitdem einer der wenigen Ottenser Hinterhöfe, in denen Kleingewerbe ohne Angst vor Verdrängung existieren konnte, denn die Mieten sind seither bezahlbar.

Das führte dazu, dass sich hier eine vielfältige Mischung der Mieter eingefunden hat: Neben einigen Handwerkerbetrieben wie zwei Lampenherstellern und einer Siebdruckwerkstatt sitzen hier auch Landschaftsarchitekten, Designer, Schulen für Kunst, Tanz und Musik, ein Gitarrenbauer, ein Tonstudio, mehrere Künstler und die Suppenküche „La Cantina“, in der Menschen mit geringem Einkommen jeden Tag warmes Essen bekommen.

Rund 80 Gewerbetreibende sind insgesamt auf dem Hof beschäftigt, viele wohnen im Viertel und wissen die Nähe zum Arbeitsplatz sowie die günstigen Mieten zu schätzen. „Einen Hof wie unseren, in dem so eine vielfältige Mischung an Menschen zusammenarbeitet, gibt es in Ottensen kaum noch“, so Jan Hempel, der auf dem Hof eine Lampenmanufaktur betreibt. Doch seitdem die einzige Hofeinfahrt Ende Februar gesperrt wurde, droht die Hinterhofidylle, die hier viele Jahre herrschte, zu kippen.

 

 

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Einige Mieter müssen jetzt direkt auf der Straße statt im Hinterhof verladen, andere haben noch größere Sorgen: „Gewerbe wie der Getriebedienst, die hier hinten an Pkws arbeiten, machen erhebliche Verluste, seit niemand mehr auf den Hof fahren kann“, so Jan Hempel. „Lange ist dieser Zustand für uns nicht tragbar.“

Grund für die Sperrung der Hofeinfahrt ist ein langwieriger Rechtsstreit zwischen der Hagen Verwaltung GbR, der der Gewerbehof gehört, und den Eigentümern des Nachbargrundstücks – ein Streit, in dem sich die Aussagen beider Parteien oft widersprechen. Das Problem: Die Einfahrt liegt nicht etwa auf dem Grundstück des Gewerbehofs Hagen mit den Hausnummern 66-68, sondern auf dem benachbarten Grundstück Hohenesch 70-72.

Eine sogenannte Grunddienstbarkeit, die das Wegerecht für die Hagen Verwaltung GbR sichern würde, gibt es nicht – lange war im Grundbuch eine „Vormerkung der Grunddienstbarkeit“ eingetragen, bestätigt Jan Hempel. „Diese Vormerkung wurde in den 90er Jahren, aus nicht mehr rekonstruierbaren Gründen, ebenfalls gelöscht.“

Im zivilrechtlichen Verfahren, das zwischen den beiden Parteien läuft, pocht die Hagen Verwaltung GbR also auf ihr Gewohnheitsrecht: Schon seit Jahrzehnten nutzen die Mieter des Gewerbehofs sowie ihre Kunden diese Einfahrt, Probleme hätte es mit dieser Regelung nie gegeben, so Hempel – bis vor fünf Jahren ein Ehepaar das Nachbargrundstück erwarb. Schon damals wäre klar gewesen, dass die Kellerdecke und Stahlträger, die unter der Einfahrt liegen, durchgerostet und nicht dafür geeignet wären, darüber zu fahren, behaupten die Eigentümer.

Von besagter Einsturzgefahr hätten sie der Hagen Verwaltung GbR schon vor Jahren berichtet, diese hätte ihre Mieter aber nicht darüber informiert und die Nutzung mit Pkw weiterhin zugelassen, so das Ehepaar.

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Autos müssen draußen bleiben: Seit Februar ist die Einfahrt gesperrt

„Da wir in einem Schadensfall haften, sahen wir uns gezwungen, gegen die Hagen Verwaltung GbR zu klagen, um das Befahren unseres Grundstückes zu unterlassen.“ Dass die Eigentümer des Nachbargrundstücks von Anfang an gesagt hätten, dass die Einfahrt einsturzgefährdet ist, bestätigt auch die Hagen Verwaltung GbR.

Ein Gutachten, das die Einsturzgefahr belegt, wäre ihnen aber nie vorgelegt worden. „Da die Eigentümer des Nachbargebäudes die Einfahrt immer selbst genutzt haben und ihre Hofstellplätze für Fahrzeuge vermietet haben, sind wir davon ausgegangen, dass der Zustand der Kellerdecke als Druckmittel genutzt wird“, so die Hagen Verwaltung GbR.

2017 startete ein Mediationsverfahren zwischen den beiden Parteien. Einigung versprach eine neue Einfahrt, die durch das Vorderhaus des Gewerbehofs gebaut werden sollte. „Vertrauend auf den vor Gericht beschlossenen Kompromiss mit der Hagen Verwaltung GbR, eine eigene Zufahrt auf dem Grundstück Hohenesch 66-68 errichten zu wollen, haben wir die Überfahrt während der dreijährigen Mediationsgespräche nicht gesperrt“, sagen die Eigentümer des Nachbargrundstücks.

Die Hagen Verwaltung GbR reichte einen Bauantrag ein. Anfang Februar dieses Jahres stimmte dann das Bezirksamt dem Vorhaben zwar zu, der Bauausschuss lehnte den Antrag jedoch einstimmig ab – weil die Bausubstanz alt und die Kosten für eine neue Einfahrt unkalkulierbar wären, so Jan Hempel. „Unser Anliegen war es, den Gewerbehof ökonomisch nicht zu gefährden“, betont auch Christian Trede von der Bezirksfraktion der Grünen, der im Bauausschuss sitzt.

Wenige Wochen nach diesem Beschluss tauchte dann der Poller in der Einfahrt auf – nach einer Ortsbesichtigung habe das Bauamt die Durchfahrt aufgrund der einsturzgefährdeten Kellerdecke gesperrt, sagen die Eigentümer der Hausnummern 70-72. „Dem Bauamt liegen dazu zwei statische Berechnungen vor, die belegen, dass die Hofkellerdecke bei Befahren mit Kraftfahrzeugen einsturzgefährdet ist.“ Die Mieter der Hagen Verwaltung GbR dürften die Durchfahrt weiterhin zu Fuß, mit Fahr- oder Motorrädern überqueren.

„Wir bemühen uns seit Jahren, eine tragfähige Lösung für die Gewerbemieter zu erreichen.“ Deshalb hätten sie im Zuge der Mediation auch zugesagt, die Kostendifferenz zu übernehmen, falls die Herstellung der neuen Tordurchfahrt 100.000 Euro übersteigen sollte. „Auch für eine Zwischenlösung bis zur Herstellung der Tordurchfahrt sind wir weiterhin offen.“

Laut Jan Hempel hätte die Hagen Verwaltung GbR angeboten, die Kellerdecke für die Pkw-Nutzung auf eigene Kosten zu sanieren, damit die Mieter die Einfahrt wenigstens bis zu einer Entscheidung im zivilrechtlichen Prozess nutzen könnten. Diesen Vorschlag hätten die Eigentümer des Nachbargrundstücks aber abgelehnt.

 

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In diesem Hinterhof arbeiten Künstler und Handwerker

 

Erst einmal bleibt der Poller – ob die Mieter des Gewerbehofs die Einfahrt irgendwann wieder dauerhaft befahren dürfen, klärt sich im laufenden Rechtsstreit zwischen den beiden Parteien. „Aber das kann noch Jahre dauern“, sagt Jan Hempel. Ein Gewerbehof ohne Zufahrt könne sich so lange nicht halten, „die Sperrung bedroht jetzt unsere Existenz“. Das bestätigt auch Robin König, der auf dem Hof eine Gitarrenwerkstatt führt.

„Wenn die Einfahrt nicht frei wird, dann werden hier einige gehen müssen“, fürchtet er, „und bezahlbare Mieten in so einer Lage, wie sie die Hagen Verwaltung GbR anbietet, findet man kaum noch.“

Mit einer Petition wollen die Mieter des Gewerbehofs jetzt öffentliches Aufsehen auf den Konflikt lenken. „Wir kriegen unheimlich viel Zuspruch aus dem Viertel“, erzählt Jan Hempel. „Es schauen immer wieder Nachbarn vorbei und bieten ihre Unterstützung an.“ Um die laufenden Kosten für den Rechtsstreit zu decken, hätte die Hagen Verwaltung GbR auch die Miete etwas erhöht. „Es ist schon ungewöhnlich, dass wir einen Vermieter haben, der sich so für uns einsetzt“, so Hempel.

Denn die Hagen Verwaltung GbR hätte den Hof längst schon verkaufen können. „Deshalb ist es für uns auch selbstverständlich, ihr mit etwas mehr Mieteinkommen den Rücken zu stärken.“

Auch die Lokalpolitik, insbesondere die Abgeordneten aus dem Bauausschuss, versuchen inzwischen zu vermitteln, um so doch noch einen Kompromiss zu finden. „Wir kümmern uns seit Jahren darum, Gewerbeflächen wie auf dem Hof der Familie Hagen zu schützen“, betont der Grünen-Politiker Christian Trede. „Die Mischung aus Wohnen und Gewerbe in einem bunten Viertel wie Ottensen müssen wir unbedingt erhalten.“

 

„Wir lassen uns nicht alles gefallen“

 

Sven Hielscher, der stellvertretende Vorsitzende der CDU-Fraktion in Altona und Vorsitzender des Bauausschusses, ist ähnlicher Meinung: „Kleine Gewerbe stehen durch den Bauboom in Hamburg natürlich unter Druck“, so Hielscher. „Sie sollen aber nicht aufgrund von teurem Wohnungsbau an den Stadtrand verdrängt werden.“

Egal, welcher Seite das Gericht letztendlich Recht geben wird: „Das Ziel ist völlig eindeutig, das Gewerbe im Hof zu schützen“, so Hielscher. Denn die Mieter seien im Streit zwischen den Eigentümern des Nachbargrundstücks und der Hagen Verwaltung GbR nur die Dritten im Spiel, die wenig Einfluss auf ihre Situation nehmen könnten.

Kommt keine Einigung zustande, würde der Bauausschuss auch in Betracht ziehen, dem Bauantrag für die neue Durchfahrt doch noch stattzugeben, so Hielscher. Eine Zufahrt muss in jedem Falle her: „Die Hagen Verwaltung GbR hat auch eine mietrechtliche Verpflichtung, einen Zugang zum Hof zu gewährleisten.“

Die Stimmung unter den Mietern des Gewerbehofs bleibt derweil angespannt, aufgeben wollen sie trotzdem nicht. „Durch diesen Konflikt sind wir noch enger zusammengewachsen“, fügt Jan Hempel hinzu. „Wir lassen uns nicht alles gefallen.“

Gewerbehof Hagen: Hohenesch 64-68 (Ottensen)


Szene-Hamburg-juni-2019 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2019. Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Marc van den Broek: Ein Visionär in Rothenburgsort

Marc van den Broeks Kunstkonzept ist der Versuch einer Symbiose. Was abstrakt klingt, wird mit Blick auf die Veränderungen in Rothenburgsort ziemlich schnell konkret. Ein Gespräch über Visionen und Verantwortung.

Text, Interview und Fotos: Jenny V. Wirschky

Vor zehn Jahren kehrte er nach Deutschland zurück. Von Brooklyn nach Rothenburgsort. Aus dem dichten New Yorker Randgebiet im äußersten Südosten in die lose norddeutsche Peripherie von Hamburg. Doch so „Clash of culture“, wie es klingt, war das für Marc van den Broek gar nicht. Eigentlich, sagt er, sei es sogar ganz egal, wo er arbeite, „das Wichtige ist, dass man bei sich ist – nicht außer sich“. Und immerhin liegen beide Orte am Wasser …

Anfang der 2000er ziehen die Galerien und Künstler nach und nach von Upper East nach Brooklyn – genau die richtige Stimmung für Marc van den Broek. Dabei sein, wenn sich was tut. In dieser Atmosphäre arbeitet der Künstler als Creative Consultant und realisierte damals in den USA unzählbar viele Projekte in mindestens genauso vielen Feldern. Formte Botanische Gärten und Interiors für das Historische Museum in Chicago, schaffte Erfindungen aus der Grundlagenforschung der Kunst und wendete sich dem Experimentalfilm zu, kurz: „zu viel gearbeitet, zu wenig gelebt“. Irgendwann findet van den Broek sich „blutarm“ und irgendwo außer seiner selbst wieder. Höchste Zeit, zu sich – und nach Deutschland zurückzukehren.

Diesmal aber nicht nach Berlin, das gar nicht so sexy sei wie versprochen, sondern nach Hamburg. Vor allem wegen des Wassers. Das sei das Einzige, was er immer um sich herum brauche, sagt der gebürtige Belgier ganz ohne Heimatavancen: „keine Berge, sondern Wasser“. Sein Atelier in Rothenburgsort liegt im Trias Fluss, Kanal und Hafen – fruchtbare Bedingungen für seinen hydrophilen Schaffensgeist.

 

Marc van den Broek verwandelt Objekte in künstlerische Metamorphosen

 

Und mit dem arbeitet er seit einer Dekade an Skulpturen, Bildern, Collagen und Literatur. Sein Buch „Leonardo da Vincis Erfindungsgeister“ hat die Druckerwalzen vor noch nicht allzu langer Zeit verlassen. Es ist ein Meisterstück aus 35 Jahren Arbeit an der Person da Vinci, in dem die Doppelqualifikation des Künstlers sichtbar wird. Elektromechanik und Kunst. Passt nicht zusammen? Oh doch! In den USA weiß man das schon lange – und zollt jener Multipolarität mit dem Begriff „Imagineering“ einen demonstrativen Tribut.

Auch Marc van den Broek hat ein mehrdimensionales Denken entwickelt, das in seinem Buch, aber auch im Gespräch mit dem Künstler als permanente Spurensuche erkennbar wird. Diese Suche steht für seine gesamte Kunst, die Archaisch- Technologischen Metamorphosen (A.T E.M.). Einfacher gesagt: Objekte in ihrer ursprünglichen Form, die er in technischen Konstruktionen miteinander verbindet, dann in Bewegung setzt und sie damit in die Metamorphose zwingt. Was das mit Rothenburgsort zu tun hat? Eine Menge …

SZENE HAMBURG: Marc, für dich ist Rothenburgsort vor allem ein Kompromiss. Der Weg des geringsten Widerstandes?

Marc van den Broek: Ich könnte natürlich sagen, ich hätte morgens gern meinen Cappuccino bei Giovanni getrunken, mit Blick auf die Elbe. Dann muss ich in die Innenstadt – das kann ich mir aber nicht leisten, die Räume wären viel kleiner. Also, ich müsste für diesen Luxus ziemlich viele Kompromisse eingehen. Da verzichte ich lieber von vorneherein auf den Luxus. Das habe ich schon immer. Und mich dafür auf die Arbeit konzentriert. Außerdem habe ich eine gute Kaffeemaschine.

Du sagst, der Kern deines Rothenburgsort-Bezuges sind die Menschen, die hier leben …

Die Existenz an der Peripherie macht etwas mit den Leuten, sie sitzen versteckt in ihren Löchern und schauen auf das Wesentliche. Vor zehn Jahren war hier noch nichts los. Jetzt bekommt der Ort eine neue U-Bahnstation, die schönste in ganz Deutschland – ich bin wirklich begeistert. Wenn sie noch den Wasserturm daneben platzieren, wird das zwar die Nachbarschaft verändern, aber das bin ich schon gewöhnt. So ist das mit der Peripherie, sie verändert sich ständig.

 

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Das Atelier von Marc van den Broek am Billhorner Röhrendamm.

 

Du bist jemand, der mehr beobachtet. Was ist dir mit Blick auf die Hamburger aufgefallen?

Es gibt viele Menschen, die keine Veränderungen wollen. Die sitzen auf dem Sofa, atmen flach und reden laut. Das kann man so machen, doch ändern kann sich dadurch natürlich nichts. Veränderung als Entwicklung ist wichtig. Aber sie muss bedacht gemacht werden, nicht aus reiner Spekulation. Das heißt, der Blick muss vom Geld irgendwann zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen gehen. Vor allem, wenn man auch an die nächsten zwei, drei Generationen denkt.

Wer ist dafür verantwortlich und welche Eigenschaften braucht ein Mensch, um Dinge verändern zu können?

Jeder hat selbst eine Verantwortung zu tragen. Für einen Künstler bedeutet das anmaßend, größenwahnsinnig und grenzüberschreitend Dinge in die Welt zu setzen, an denen sich andere dann abarbeiten können. Es nützt doch nichts, wenn wir uns alle einig sind. Das Fundament der Demokratie ist die Bereitschaft, sich an Widersprüchen abzuarbeiten, flexibel und gleichzeitig standhaft. Mit Blick auf die Meinungen ist es das Prinzip des besseren Arguments. Bis das kommt, vertrete ich meinen Standpunkt und wenn es kommt, nehme ich es nicht persönlich, weil es nicht persönlich ist.

Die Fähigkeit, ein gutes Argument zu erkennen, ist nicht allen gegeben …

… weil viele egoverhaftet sind. Dabei geht es ja nicht um die Person, sondern darum, im Dialog herauszufinden, was die Wahrheit ist. Das muss natürlich alles auf einer respektvollen Ebene stattfinden. Richtiges Streiten ist eine sehr vernünftige Angelegenheit.

 

„Als Visionär trägst du die Verantwortung für Generationen“

 

Wie siehst du mit Blick auf die Streitkultur die Zukunft für Rothenburgsort, positiv oder negativ?

Schwer zu beantworten. Ich beobachte noch. Fest steht, dass es eine Verdrängung geben wird. Vor zehn Jahren haben sie mit den HafenCity angefangen und das rückt hier rüber. Die Frage ist, wie und wer wird verdrängt – und gibt es für diese Menschen eine Alternative? Als Visionär trägst du mit deiner Gestaltung die Verantwortung für Generationen.

Und du wirst auch das beobachten …

Hamburg ist zu lange nicht gewachsen. Die Politik hätte für jedes neue Viertel eine neue Infrastruktur schaffen müssen mit Polizei, Krankenhäusern, Kindergärten und so weiter. Das hätte viel Geld gekostet. Doch irgendwann konnten sie es nicht mehr aufhalten und als Hamburg das Zollgebiet aufgegeben hat, ist hier die größte Baustelle Europas entstanden. Das ist der Grund, warum ich hierher gekommen bin: Bei dieser Entwicklung will ich dabei sein. Und ich bin mittendrin.

 

Neues Stadtquartier: „Rothenburgsort 16“

 

Solange es für ihn etwas zu sehen gibt, wird Marc van den Broek also hier bleiben, am Billhorner Röhrendamm – mit einem nimmermüden Wesen, umgeben von Zeichen des kulturellen Willens. Wie etwa einer unweit verankerten Stahlblech-Skulptur, Relikt der Stadtteilkulturaktion „Zwischen Barmbek und Haiti“ von 1989. Doch eigentlich steht hier, in der Peripherie der Mitte, die Zukunft auf der Agenda: Das zuständige Bezirksamt legte schon im Mai 2018 einen Entwurf für die Umnutzung vor.

Hinter dem Arbeitstitel „Rothenburgsort 16“ steht die Idee für das Planungsgebiet Röhrendamm/Kanalstraße. Ein Mischquartier. Auf knapp fünf Hektar sollen hier Arbeits-, Wohn-, Erholungs-, Freizeit- und Einkaufswelt ineinander übergehen. Eine öffentliche Auslegung hat das Bezirksamt noch nicht arrangiert, aber glaubt man der Weitsicht des Künstlers, ist das nur eine Frage der Zeit. Die Peripherie ist schließlich ständig in Bewegung.

Marcvandenbroek.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Further Festival – Club-Festival mit weiblichem Line-Up

Ausschließlich weibliche Acts (u. a. Schnipo Schranke, Sookee, Ebo, Preach und Natascha P., Klitclique) werden auf der Bühne stehen, wenn das Further Festival im Uebel & Gefährlich steigt. Ein Gespräch mit Friederike Meyer aus dem Organisationsteam.

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Es ist „der nächste Schritt, den man machen muss“, sagt Friederike Meyer. Foto: Simone Scardovelli

SZENE HAMBURG: Friederike, ihr veranstaltet ein Festival mit ausschließlich weiblichen Künstlern. Warum erst jetzt?

Friederike Meyer: Eine berechtigte Frage, die ich mit keinem konkreten Grund beantworten kann. Wir haben die Idee vom Festival jedenfalls schon länger mit uns herumgetragen. Als Booking-Agentur sind wir natürlich auch häufig auf Festivals, und nicht erst seit den Erhebungen in den vergangenen Jahren, die das Ungleichgewicht von männlichen und weiblichen Acts aufgezeigt haben, wussten wir, dass es an der Zeit ist, dieses Festival auf die Beine zu stellen.

In einer Mitteilung von euch heißt es: „Unser Ansatz ist ein feministischer.“ Was steckt alles dahinter?

Ich finde es schon mal einen ziemlich feministischen Ansatz zu sagen, dass wir uns ausschließlich auf weibliche Acts konzentrieren – und trans- sowie nicht-binäre Künstler wären natürlich auch willkommen. Man könnte meinen, in der Musikbranche wären wir schon recht weit in Sachen Emanzipation. Das stimmt aber nicht, es gibt immer noch ein großes Ungleichgewicht.

Welche Gründe siehst du dafür?

Das Ende der Fahnenstange ist immer dann erreicht, wenn es ums Geld geht. Wollen Festivalmacher den größtmöglichen Gewinn erwirtschaften, ist ein feministischer Gedanke schnell verworfen, auch wenn er eben noch auf die eigenen Fahnen geschrieben wurde. Außerdem bewegen sich viele Booker schon viel zu lang in Komfortzonen und buchen immer wieder die gleichen männlich besetzten Bands.

Ihr macht es anders – aber könnt ihr mit diesem Festival auch nachhaltig etwas bewirken?

Das Further Festival ist der nächste Schritt, den man machen muss, um Künstlerinnen eine größere Plattform zu bieten. Wir wollen die Wirklichkeit abbilden, die von Festivalmachern sonst teils verschoben wird. Zudem möchten wir Newcomerinnen unterstützen und ihnen eine größere Bühne ermöglichen.

Wobei Schnipo Schranke und Sookee, die beim Further Festival auftreten, jetzt nicht so große Booking-Probleme haben, oder?

Wir brauchten natürlich auch Künstlerinnen, mit denen wir die Leute abholen und die Hütte vollkriegen können. Wir haben im Vorfeld ja keinen Aufruf gestartet, nach dem Motto: „Wer fühlt sich in der Branche besonders schlecht vertreten?“ Am Ende, denke ich, haben wir einen guten Mix gefunden aus bekannten Acts und welchen, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Vielleicht tauschen sie sich hinter der Bühne oder auf der After-Show-Party auch aus und wollen sich gegenseitig pushen, in dem sie sich zum Beispiel als Support mit auf Tour nehmen. Das gehört auf jeden Fall auch zu unserem „feministischen Ansatz“.

Und aufs große Ganze bezogen: Was sollte nach dem Further Festival noch passieren?

Es kann gar nicht genug passieren! Female Festivals sollte es in jedem Bundesland und in jeder Stadt geben. Die Zeit ist einfach reif.

Interview: Erik Brandt-Höge
Fotos: Calcio (Beitragsbild), Simone Scardovelli

Further Festival, 2.+3.11., Uebel & Gefährlich; www.furtherfestival.com



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2018. Das Magazin ist seit dem 29. September 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Viva La Bernie – Hoffnung für den Gemeinschaftshof

Die Hinterhofgemeinschaft in der Bernstorffstraße in Altona will den freien und kreativen Raum erhalten – und hat nun 7 Millionen Euro gesammelt, um einen Abriss zu verhindern.

Es gibt sie in ganz Hamburg, die bedrohten Räume: Kreative Keimzellen und Gemeinschaftsprojekte, alteingesessene Mieter und Kult-Orte, deren Wohn- und Arbeitsraum von großen Investoren aufgekauft, abgerissen, und an deren Stelle teure Neubauten hochgezogen werden. Hamburg kennt dieses Phänomen wie jede andere deutsche Großstadt – wehrt sich aber oft und laut dagegen. So auch bei „Viva La Bernie“: Der Verein kämpft seit letztem Jahr für den Erhalt eines Hinterhofes in der Bernstorffstraße.

Das Gelände der „Bernie 117“, wie die Mieter es liebevoll nennen, wird schon seit fast vier Jahrzehnten von den 19 ansässigen Parteien frei gestaltet. Über 100 Menschen leben und arbeiten hier: Handwerker, Mechaniker, Tänzer, Designer, Heilpraktiker, Künstler. Rocko Schamoni hat hier eine Töpferwerkstatt, Fettes Brot ein Tonstudio. „Wir sind eine bunte Mischung aus Kunst und Handwerk, die hier sehr gut funktioniert“, erzählt Ralf Gauger. Er ist mit seiner Baufirma schon 25 Jahre Teil der Hofgemeinschaft. „Viele sind schon sehr lange hier“, fügt er hinzu. „Wir können also eine große Kontinuität vorweisen.“ Doch diese ist in Gefahr: 2017 verkaufte der ehemalige Besitzer das Gelände an die Berliner AC Immobilien-Investment GmbH. Die Parteien der Bernie 117 mobilisierten sich schnell, Gauger wurde zum Sprecher ernannt – der „Viva la Bernie e.V“ war geboren.

Drei Bier und zwei Spezi

„Die Anfänge der Verhandlungen mit den Eigentümern war sehr ernüchternd“, erinnert sich Ralf Gauger heute. Während der Verein schon zu Beginn ein offenes Gespräch suchte, blockten die Investoren erst einmal ab – zum ersten Treffen durfte Gauger nur alleine kommen. „Da wurde mir dann schnell klar, dass wir hier nur als einzelne Mieter gesehen werden“, erzählt Gauger. Dass es dem Verein aber vor allem um die Gemeinschaft und den Zusammenhalt geht, die sich die Hofbewohner über viele Jahrzehnte hinweg aufgebaut haben, hätten die Investoren gar nicht erkannt. Angstfrei wohnen und arbeiten, in einer sozialen Gemeinschaft: „Das sind Grundbedürfnisse, die man nicht einfach auf einen Kaufpreis umrechnen kann.“

Freiräume wie die Bernie 117 würden außerdem dazu beitragen, den Stadtteil lebendig und sozial zu gestalten. „Wir sind ja nicht einfach nur 110 glückliche Menschen, die ihren Hof behalten wollen, wir haben auch einen engen Kontakt zum Viertel“, erklärt Gauger. Sein Bauunternehmen übernahm einen großen Teil der Planung des neuen Pudelclubs, zusammen mit drei weiteren Firmen betreute es außerdem den Bau des FC St. Pauli Museums. 14 Monate lang saßen sie  dafür jede Woche zusammen. Die Bezahlung: „Drei Bier und zwei Spezi.“

Über die letzten Jahrzehnte hat die Gemeinschaft der Bernie 117 nicht nur den eigenen Hof geformt und mitgestaltet – auch das Viertel. Kreative Vereine wie sie schaffen den Flair, den Viertel wie Altona, die Schanze oder St. Pauli so attraktiv für Einwohner und Touristen machen. „Und dann kommt ein Investor mit dickem Geldbeutel und schöpft hier Gewinn ab, obwohl er nie etwas zur Gestaltung des Stadtteils beigetragen hat“, so Gauger.

Die Finanzierung ist geschafft

Dass der Hof in Gefahr gerät, löste nicht nur innerhalb der 110-köpfigen Hofgemeinschaft eine Welle der Empörung und Unterstützung aus: Jan Delay, Fettes Brot, Deichkind, Fatih Akin, Heinz Strunk oder FC Pauli Präsident Oke Göttlich setzten sich ein, auch aus dem Bezirksamt und der Handwerkskammer kam Zuspruch. „Im Falle einer Konfrontation stehen alle hinter uns“, bestätigt Rocko Schamoni, der auf dem Bernie-Hof ein Töpferstudio hat. Den Grund für den lauten Aufschrei sieht er in einem grundlegenden Frustration der Hamburger: „Ich denke, es gibt hier ein unglaubliches Bedürfnis nach einer Stadt, über die man selbst verfügt und in der man gefragt wird, wie man überhaupt gemeinschaftlich leben will.“

Selbst über den Hof verfügen möchten auch die Mitglieder von „Viva La Bernie“: „Wir wollen gar kein Gegner sein“, erklärt Gauger. „Deswegen ist unser Friedensangebot, den Berliner Investoren den Hof abzukaufen.“ In den letzten Wochen hat die Hofgemeinschaft das Unglaubliche geschafft: Jetzt liegen sieben Millionen Euro auf dem Tisch, finanziert von 130 privaten Kreditgebern und einer sozial engagierten Bank. „In dieser unfassbar hohen Summe ist nach unserer Einschätzung auch ein sechsstelliger Gewinn für die Investoren enthalten.“

Dass der Verein diese Summe stemmen konnte, sieht Rocko Schamoni auch als eine Verpflichtung für die Besitzer, den Finanzierungsplan ernst zu nehmen. Aber auch, wenn noch unklar ist, ob die Berliner Investoren auf das Angebot eingehen oder nicht: Der erste Meilenstein wird bei Viva La Bernie trotzdem ordentlich gefeiert. Am Freitag, den 28. September will sich der Verein bei allen Unterstützern bedanken. Die Party steigt um 19 Uhr, auf der Bühne tummeln sich Hamburger Künstler wie Jan Delay, Sammy Deluxe oder Fettes Brot.

Text: Sophia Herzog

Dieser Artikel wurde am 27. September 2018 veröffentlicht und erscheint nicht im Print-Magazin, sondern exklusiv auf www.szene-hamburg.com.


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