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Der Gewerbehof Hagen ist bedroht von einem Rechtsstreit

Ein Poller in der Einfahrt zum Ottenser Gewerbehof Hagen ist zum Symbol eines jahrelangen Rechtsstreites zwischen zwei Vermietern geworden. In der Schusslinie: 80 ansässige Künstler, Handwerker und Kleingewerbetreibende

Text & Fotos: Sophia Herzog

An einem Backsteingebäude in der Ottenser Straße Hohenesch flackert ein Banner im Wind: „Gewerbehof Hagen bleibt!“. Seit den 30er Jahren ist das Gelände im Besitz der Familie Hagen, die heute als Hagen Verwaltung GbR agiert, und seitdem einer der wenigen Ottenser Hinterhöfe, in denen Kleingewerbe ohne Angst vor Verdrängung existieren konnte, denn die Mieten sind seither bezahlbar.

Das führte dazu, dass sich hier eine vielfältige Mischung der Mieter eingefunden hat: Neben einigen Handwerkerbetrieben wie zwei Lampenherstellern und einer Siebdruckwerkstatt sitzen hier auch Landschaftsarchitekten, Designer, Schulen für Kunst, Tanz und Musik, ein Gitarrenbauer, ein Tonstudio, mehrere Künstler und die Suppenküche „La Cantina“, in der Menschen mit geringem Einkommen jeden Tag warmes Essen bekommen.

Rund 80 Gewerbetreibende sind insgesamt auf dem Hof beschäftigt, viele wohnen im Viertel und wissen die Nähe zum Arbeitsplatz sowie die günstigen Mieten zu schätzen. „Einen Hof wie unseren, in dem so eine vielfältige Mischung an Menschen zusammenarbeitet, gibt es in Ottensen kaum noch“, so Jan Hempel, der auf dem Hof eine Lampenmanufaktur betreibt. Doch seitdem die einzige Hofeinfahrt Ende Februar gesperrt wurde, droht die Hinterhofidylle, die hier viele Jahre herrschte, zu kippen.

 

 

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Einige Mieter müssen jetzt direkt auf der Straße statt im Hinterhof verladen, andere haben noch größere Sorgen: „Gewerbe wie der Getriebedienst, die hier hinten an Pkws arbeiten, machen erhebliche Verluste, seit niemand mehr auf den Hof fahren kann“, so Jan Hempel. „Lange ist dieser Zustand für uns nicht tragbar.“

Grund für die Sperrung der Hofeinfahrt ist ein langwieriger Rechtsstreit zwischen der Hagen Verwaltung GbR, der der Gewerbehof gehört, und den Eigentümern des Nachbargrundstücks – ein Streit, in dem sich die Aussagen beider Parteien oft widersprechen. Das Problem: Die Einfahrt liegt nicht etwa auf dem Grundstück des Gewerbehofs Hagen mit den Hausnummern 66-68, sondern auf dem benachbarten Grundstück Hohenesch 70-72.

Eine sogenannte Grunddienstbarkeit, die das Wegerecht für die Hagen Verwaltung GbR sichern würde, gibt es nicht – lange war im Grundbuch eine „Vormerkung der Grunddienstbarkeit“ eingetragen, bestätigt Jan Hempel. „Diese Vormerkung wurde in den 90er Jahren, aus nicht mehr rekonstruierbaren Gründen, ebenfalls gelöscht.“

Im zivilrechtlichen Verfahren, das zwischen den beiden Parteien läuft, pocht die Hagen Verwaltung GbR also auf ihr Gewohnheitsrecht: Schon seit Jahrzehnten nutzen die Mieter des Gewerbehofs sowie ihre Kunden diese Einfahrt, Probleme hätte es mit dieser Regelung nie gegeben, so Hempel – bis vor fünf Jahren ein Ehepaar das Nachbargrundstück erwarb. Schon damals wäre klar gewesen, dass die Kellerdecke und Stahlträger, die unter der Einfahrt liegen, durchgerostet und nicht dafür geeignet wären, darüber zu fahren, behaupten die Eigentümer.

Von besagter Einsturzgefahr hätten sie der Hagen Verwaltung GbR schon vor Jahren berichtet, diese hätte ihre Mieter aber nicht darüber informiert und die Nutzung mit Pkw weiterhin zugelassen, so das Ehepaar.

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Autos müssen draußen bleiben: Seit Februar ist die Einfahrt gesperrt

„Da wir in einem Schadensfall haften, sahen wir uns gezwungen, gegen die Hagen Verwaltung GbR zu klagen, um das Befahren unseres Grundstückes zu unterlassen.“ Dass die Eigentümer des Nachbargrundstücks von Anfang an gesagt hätten, dass die Einfahrt einsturzgefährdet ist, bestätigt auch die Hagen Verwaltung GbR.

Ein Gutachten, das die Einsturzgefahr belegt, wäre ihnen aber nie vorgelegt worden. „Da die Eigentümer des Nachbargebäudes die Einfahrt immer selbst genutzt haben und ihre Hofstellplätze für Fahrzeuge vermietet haben, sind wir davon ausgegangen, dass der Zustand der Kellerdecke als Druckmittel genutzt wird“, so die Hagen Verwaltung GbR.

2017 startete ein Mediationsverfahren zwischen den beiden Parteien. Einigung versprach eine neue Einfahrt, die durch das Vorderhaus des Gewerbehofs gebaut werden sollte. „Vertrauend auf den vor Gericht beschlossenen Kompromiss mit der Hagen Verwaltung GbR, eine eigene Zufahrt auf dem Grundstück Hohenesch 66-68 errichten zu wollen, haben wir die Überfahrt während der dreijährigen Mediationsgespräche nicht gesperrt“, sagen die Eigentümer des Nachbargrundstücks.

Die Hagen Verwaltung GbR reichte einen Bauantrag ein. Anfang Februar dieses Jahres stimmte dann das Bezirksamt dem Vorhaben zwar zu, der Bauausschuss lehnte den Antrag jedoch einstimmig ab – weil die Bausubstanz alt und die Kosten für eine neue Einfahrt unkalkulierbar wären, so Jan Hempel. „Unser Anliegen war es, den Gewerbehof ökonomisch nicht zu gefährden“, betont auch Christian Trede von der Bezirksfraktion der Grünen, der im Bauausschuss sitzt.

Wenige Wochen nach diesem Beschluss tauchte dann der Poller in der Einfahrt auf – nach einer Ortsbesichtigung habe das Bauamt die Durchfahrt aufgrund der einsturzgefährdeten Kellerdecke gesperrt, sagen die Eigentümer der Hausnummern 70-72. „Dem Bauamt liegen dazu zwei statische Berechnungen vor, die belegen, dass die Hofkellerdecke bei Befahren mit Kraftfahrzeugen einsturzgefährdet ist.“ Die Mieter der Hagen Verwaltung GbR dürften die Durchfahrt weiterhin zu Fuß, mit Fahr- oder Motorrädern überqueren.

„Wir bemühen uns seit Jahren, eine tragfähige Lösung für die Gewerbemieter zu erreichen.“ Deshalb hätten sie im Zuge der Mediation auch zugesagt, die Kostendifferenz zu übernehmen, falls die Herstellung der neuen Tordurchfahrt 100.000 Euro übersteigen sollte. „Auch für eine Zwischenlösung bis zur Herstellung der Tordurchfahrt sind wir weiterhin offen.“

Laut Jan Hempel hätte die Hagen Verwaltung GbR angeboten, die Kellerdecke für die Pkw-Nutzung auf eigene Kosten zu sanieren, damit die Mieter die Einfahrt wenigstens bis zu einer Entscheidung im zivilrechtlichen Prozess nutzen könnten. Diesen Vorschlag hätten die Eigentümer des Nachbargrundstücks aber abgelehnt.

 

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In diesem Hinterhof arbeiten Künstler und Handwerker

 

Erst einmal bleibt der Poller – ob die Mieter des Gewerbehofs die Einfahrt irgendwann wieder dauerhaft befahren dürfen, klärt sich im laufenden Rechtsstreit zwischen den beiden Parteien. „Aber das kann noch Jahre dauern“, sagt Jan Hempel. Ein Gewerbehof ohne Zufahrt könne sich so lange nicht halten, „die Sperrung bedroht jetzt unsere Existenz“. Das bestätigt auch Robin König, der auf dem Hof eine Gitarrenwerkstatt führt.

„Wenn die Einfahrt nicht frei wird, dann werden hier einige gehen müssen“, fürchtet er, „und bezahlbare Mieten in so einer Lage, wie sie die Hagen Verwaltung GbR anbietet, findet man kaum noch.“

Mit einer Petition wollen die Mieter des Gewerbehofs jetzt öffentliches Aufsehen auf den Konflikt lenken. „Wir kriegen unheimlich viel Zuspruch aus dem Viertel“, erzählt Jan Hempel. „Es schauen immer wieder Nachbarn vorbei und bieten ihre Unterstützung an.“ Um die laufenden Kosten für den Rechtsstreit zu decken, hätte die Hagen Verwaltung GbR auch die Miete etwas erhöht. „Es ist schon ungewöhnlich, dass wir einen Vermieter haben, der sich so für uns einsetzt“, so Hempel.

Denn die Hagen Verwaltung GbR hätte den Hof längst schon verkaufen können. „Deshalb ist es für uns auch selbstverständlich, ihr mit etwas mehr Mieteinkommen den Rücken zu stärken.“

Auch die Lokalpolitik, insbesondere die Abgeordneten aus dem Bauausschuss, versuchen inzwischen zu vermitteln, um so doch noch einen Kompromiss zu finden. „Wir kümmern uns seit Jahren darum, Gewerbeflächen wie auf dem Hof der Familie Hagen zu schützen“, betont der Grünen-Politiker Christian Trede. „Die Mischung aus Wohnen und Gewerbe in einem bunten Viertel wie Ottensen müssen wir unbedingt erhalten.“

 

„Wir lassen uns nicht alles gefallen“

 

Sven Hielscher, der stellvertretende Vorsitzende der CDU-Fraktion in Altona und Vorsitzender des Bauausschusses, ist ähnlicher Meinung: „Kleine Gewerbe stehen durch den Bauboom in Hamburg natürlich unter Druck“, so Hielscher. „Sie sollen aber nicht aufgrund von teurem Wohnungsbau an den Stadtrand verdrängt werden.“

Egal, welcher Seite das Gericht letztendlich Recht geben wird: „Das Ziel ist völlig eindeutig, das Gewerbe im Hof zu schützen“, so Hielscher. Denn die Mieter seien im Streit zwischen den Eigentümern des Nachbargrundstücks und der Hagen Verwaltung GbR nur die Dritten im Spiel, die wenig Einfluss auf ihre Situation nehmen könnten.

Kommt keine Einigung zustande, würde der Bauausschuss auch in Betracht ziehen, dem Bauantrag für die neue Durchfahrt doch noch stattzugeben, so Hielscher. Eine Zufahrt muss in jedem Falle her: „Die Hagen Verwaltung GbR hat auch eine mietrechtliche Verpflichtung, einen Zugang zum Hof zu gewährleisten.“

Die Stimmung unter den Mietern des Gewerbehofs bleibt derweil angespannt, aufgeben wollen sie trotzdem nicht. „Durch diesen Konflikt sind wir noch enger zusammengewachsen“, fügt Jan Hempel hinzu. „Wir lassen uns nicht alles gefallen.“

Gewerbehof Hagen: Hohenesch 64-68 (Ottensen)


Szene-Hamburg-juni-2019 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2019. Das Magazin ist seit dem 25. Mai 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Marc van den Broek: Ein Visionär in Rothenburgsort

Marc van den Broeks Kunstkonzept ist der Versuch einer Symbiose. Was abstrakt klingt, wird mit Blick auf die Veränderungen in Rothenburgsort ziemlich schnell konkret. Ein Gespräch über Visionen und Verantwortung.

Text, Interview und Fotos: Jenny V. Wirschky

Vor zehn Jahren kehrte er nach Deutschland zurück. Von Brooklyn nach Rothenburgsort. Aus dem dichten New Yorker Randgebiet im äußersten Südosten in die lose norddeutsche Peripherie von Hamburg. Doch so „Clash of culture“, wie es klingt, war das für Marc van den Broek gar nicht. Eigentlich, sagt er, sei es sogar ganz egal, wo er arbeite, „das Wichtige ist, dass man bei sich ist – nicht außer sich“. Und immerhin liegen beide Orte am Wasser …

Anfang der 2000er ziehen die Galerien und Künstler nach und nach von Upper East nach Brooklyn – genau die richtige Stimmung für Marc van den Broek. Dabei sein, wenn sich was tut. In dieser Atmosphäre arbeitet der Künstler als Creative Consultant und realisierte damals in den USA unzählbar viele Projekte in mindestens genauso vielen Feldern. Formte Botanische Gärten und Interiors für das Historische Museum in Chicago, schaffte Erfindungen aus der Grundlagenforschung der Kunst und wendete sich dem Experimentalfilm zu, kurz: „zu viel gearbeitet, zu wenig gelebt“. Irgendwann findet van den Broek sich „blutarm“ und irgendwo außer seiner selbst wieder. Höchste Zeit, zu sich – und nach Deutschland zurückzukehren.

Diesmal aber nicht nach Berlin, das gar nicht so sexy sei wie versprochen, sondern nach Hamburg. Vor allem wegen des Wassers. Das sei das Einzige, was er immer um sich herum brauche, sagt der gebürtige Belgier ganz ohne Heimatavancen: „keine Berge, sondern Wasser“. Sein Atelier in Rothenburgsort liegt im Trias Fluss, Kanal und Hafen – fruchtbare Bedingungen für seinen hydrophilen Schaffensgeist.

 

Marc van den Broek verwandelt Objekte in künstlerische Metamorphosen

 

Und mit dem arbeitet er seit einer Dekade an Skulpturen, Bildern, Collagen und Literatur. Sein Buch „Leonardo da Vincis Erfindungsgeister“ hat die Druckerwalzen vor noch nicht allzu langer Zeit verlassen. Es ist ein Meisterstück aus 35 Jahren Arbeit an der Person da Vinci, in dem die Doppelqualifikation des Künstlers sichtbar wird. Elektromechanik und Kunst. Passt nicht zusammen? Oh doch! In den USA weiß man das schon lange – und zollt jener Multipolarität mit dem Begriff „Imagineering“ einen demonstrativen Tribut.

Auch Marc van den Broek hat ein mehrdimensionales Denken entwickelt, das in seinem Buch, aber auch im Gespräch mit dem Künstler als permanente Spurensuche erkennbar wird. Diese Suche steht für seine gesamte Kunst, die Archaisch- Technologischen Metamorphosen (A.T E.M.). Einfacher gesagt: Objekte in ihrer ursprünglichen Form, die er in technischen Konstruktionen miteinander verbindet, dann in Bewegung setzt und sie damit in die Metamorphose zwingt. Was das mit Rothenburgsort zu tun hat? Eine Menge …

SZENE HAMBURG: Marc, für dich ist Rothenburgsort vor allem ein Kompromiss. Der Weg des geringsten Widerstandes?

Marc van den Broek: Ich könnte natürlich sagen, ich hätte morgens gern meinen Cappuccino bei Giovanni getrunken, mit Blick auf die Elbe. Dann muss ich in die Innenstadt – das kann ich mir aber nicht leisten, die Räume wären viel kleiner. Also, ich müsste für diesen Luxus ziemlich viele Kompromisse eingehen. Da verzichte ich lieber von vorneherein auf den Luxus. Das habe ich schon immer. Und mich dafür auf die Arbeit konzentriert. Außerdem habe ich eine gute Kaffeemaschine.

Du sagst, der Kern deines Rothenburgsort-Bezuges sind die Menschen, die hier leben …

Die Existenz an der Peripherie macht etwas mit den Leuten, sie sitzen versteckt in ihren Löchern und schauen auf das Wesentliche. Vor zehn Jahren war hier noch nichts los. Jetzt bekommt der Ort eine neue U-Bahnstation, die schönste in ganz Deutschland – ich bin wirklich begeistert. Wenn sie noch den Wasserturm daneben platzieren, wird das zwar die Nachbarschaft verändern, aber das bin ich schon gewöhnt. So ist das mit der Peripherie, sie verändert sich ständig.

 

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Das Atelier von Marc van den Broek am Billhorner Röhrendamm.

 

Du bist jemand, der mehr beobachtet. Was ist dir mit Blick auf die Hamburger aufgefallen?

Es gibt viele Menschen, die keine Veränderungen wollen. Die sitzen auf dem Sofa, atmen flach und reden laut. Das kann man so machen, doch ändern kann sich dadurch natürlich nichts. Veränderung als Entwicklung ist wichtig. Aber sie muss bedacht gemacht werden, nicht aus reiner Spekulation. Das heißt, der Blick muss vom Geld irgendwann zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen gehen. Vor allem, wenn man auch an die nächsten zwei, drei Generationen denkt.

Wer ist dafür verantwortlich und welche Eigenschaften braucht ein Mensch, um Dinge verändern zu können?

Jeder hat selbst eine Verantwortung zu tragen. Für einen Künstler bedeutet das anmaßend, größenwahnsinnig und grenzüberschreitend Dinge in die Welt zu setzen, an denen sich andere dann abarbeiten können. Es nützt doch nichts, wenn wir uns alle einig sind. Das Fundament der Demokratie ist die Bereitschaft, sich an Widersprüchen abzuarbeiten, flexibel und gleichzeitig standhaft. Mit Blick auf die Meinungen ist es das Prinzip des besseren Arguments. Bis das kommt, vertrete ich meinen Standpunkt und wenn es kommt, nehme ich es nicht persönlich, weil es nicht persönlich ist.

Die Fähigkeit, ein gutes Argument zu erkennen, ist nicht allen gegeben …

… weil viele egoverhaftet sind. Dabei geht es ja nicht um die Person, sondern darum, im Dialog herauszufinden, was die Wahrheit ist. Das muss natürlich alles auf einer respektvollen Ebene stattfinden. Richtiges Streiten ist eine sehr vernünftige Angelegenheit.

 

„Als Visionär trägst du die Verantwortung für Generationen“

 

Wie siehst du mit Blick auf die Streitkultur die Zukunft für Rothenburgsort, positiv oder negativ?

Schwer zu beantworten. Ich beobachte noch. Fest steht, dass es eine Verdrängung geben wird. Vor zehn Jahren haben sie mit den HafenCity angefangen und das rückt hier rüber. Die Frage ist, wie und wer wird verdrängt – und gibt es für diese Menschen eine Alternative? Als Visionär trägst du mit deiner Gestaltung die Verantwortung für Generationen.

Und du wirst auch das beobachten …

Hamburg ist zu lange nicht gewachsen. Die Politik hätte für jedes neue Viertel eine neue Infrastruktur schaffen müssen mit Polizei, Krankenhäusern, Kindergärten und so weiter. Das hätte viel Geld gekostet. Doch irgendwann konnten sie es nicht mehr aufhalten und als Hamburg das Zollgebiet aufgegeben hat, ist hier die größte Baustelle Europas entstanden. Das ist der Grund, warum ich hierher gekommen bin: Bei dieser Entwicklung will ich dabei sein. Und ich bin mittendrin.

 

Neues Stadtquartier: „Rothenburgsort 16“

 

Solange es für ihn etwas zu sehen gibt, wird Marc van den Broek also hier bleiben, am Billhorner Röhrendamm – mit einem nimmermüden Wesen, umgeben von Zeichen des kulturellen Willens. Wie etwa einer unweit verankerten Stahlblech-Skulptur, Relikt der Stadtteilkulturaktion „Zwischen Barmbek und Haiti“ von 1989. Doch eigentlich steht hier, in der Peripherie der Mitte, die Zukunft auf der Agenda: Das zuständige Bezirksamt legte schon im Mai 2018 einen Entwurf für die Umnutzung vor.

Hinter dem Arbeitstitel „Rothenburgsort 16“ steht die Idee für das Planungsgebiet Röhrendamm/Kanalstraße. Ein Mischquartier. Auf knapp fünf Hektar sollen hier Arbeits-, Wohn-, Erholungs-, Freizeit- und Einkaufswelt ineinander übergehen. Eine öffentliche Auslegung hat das Bezirksamt noch nicht arrangiert, aber glaubt man der Weitsicht des Künstlers, ist das nur eine Frage der Zeit. Die Peripherie ist schließlich ständig in Bewegung.

Marcvandenbroek.de


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Further Festival – Club-Festival mit weiblichem Line-Up

Ausschließlich weibliche Acts (u. a. Schnipo Schranke, Sookee, Ebo, Preach und Natascha P., Klitclique) werden auf der Bühne stehen, wenn das Further Festival im Uebel & Gefährlich steigt. Ein Gespräch mit Friederike Meyer aus dem Organisationsteam.

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Es ist „der nächste Schritt, den man machen muss“, sagt Friederike Meyer. Foto: Simone Scardovelli

SZENE HAMBURG: Friederike, ihr veranstaltet ein Festival mit ausschließlich weiblichen Künstlern. Warum erst jetzt?

Friederike Meyer: Eine berechtigte Frage, die ich mit keinem konkreten Grund beantworten kann. Wir haben die Idee vom Festival jedenfalls schon länger mit uns herumgetragen. Als Booking-Agentur sind wir natürlich auch häufig auf Festivals, und nicht erst seit den Erhebungen in den vergangenen Jahren, die das Ungleichgewicht von männlichen und weiblichen Acts aufgezeigt haben, wussten wir, dass es an der Zeit ist, dieses Festival auf die Beine zu stellen.

In einer Mitteilung von euch heißt es: „Unser Ansatz ist ein feministischer.“ Was steckt alles dahinter?

Ich finde es schon mal einen ziemlich feministischen Ansatz zu sagen, dass wir uns ausschließlich auf weibliche Acts konzentrieren – und trans- sowie nicht-binäre Künstler wären natürlich auch willkommen. Man könnte meinen, in der Musikbranche wären wir schon recht weit in Sachen Emanzipation. Das stimmt aber nicht, es gibt immer noch ein großes Ungleichgewicht.

Welche Gründe siehst du dafür?

Das Ende der Fahnenstange ist immer dann erreicht, wenn es ums Geld geht. Wollen Festivalmacher den größtmöglichen Gewinn erwirtschaften, ist ein feministischer Gedanke schnell verworfen, auch wenn er eben noch auf die eigenen Fahnen geschrieben wurde. Außerdem bewegen sich viele Booker schon viel zu lang in Komfortzonen und buchen immer wieder die gleichen männlich besetzten Bands.

Ihr macht es anders – aber könnt ihr mit diesem Festival auch nachhaltig etwas bewirken?

Das Further Festival ist der nächste Schritt, den man machen muss, um Künstlerinnen eine größere Plattform zu bieten. Wir wollen die Wirklichkeit abbilden, die von Festivalmachern sonst teils verschoben wird. Zudem möchten wir Newcomerinnen unterstützen und ihnen eine größere Bühne ermöglichen.

Wobei Schnipo Schranke und Sookee, die beim Further Festival auftreten, jetzt nicht so große Booking-Probleme haben, oder?

Wir brauchten natürlich auch Künstlerinnen, mit denen wir die Leute abholen und die Hütte vollkriegen können. Wir haben im Vorfeld ja keinen Aufruf gestartet, nach dem Motto: „Wer fühlt sich in der Branche besonders schlecht vertreten?“ Am Ende, denke ich, haben wir einen guten Mix gefunden aus bekannten Acts und welchen, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Vielleicht tauschen sie sich hinter der Bühne oder auf der After-Show-Party auch aus und wollen sich gegenseitig pushen, in dem sie sich zum Beispiel als Support mit auf Tour nehmen. Das gehört auf jeden Fall auch zu unserem „feministischen Ansatz“.

Und aufs große Ganze bezogen: Was sollte nach dem Further Festival noch passieren?

Es kann gar nicht genug passieren! Female Festivals sollte es in jedem Bundesland und in jeder Stadt geben. Die Zeit ist einfach reif.

Interview: Erik Brandt-Höge
Fotos: Calcio (Beitragsbild), Simone Scardovelli

Further Festival, 2.+3.11., Uebel & Gefährlich; www.furtherfestival.com



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2018. Das Magazin ist seit dem 29. September 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Viva La Bernie – Hoffnung für den Gemeinschaftshof

Die Hinterhofgemeinschaft in der Bernstorffstraße in Altona will den freien und kreativen Raum erhalten – und hat nun 7 Millionen Euro gesammelt, um einen Abriss zu verhindern.

Es gibt sie in ganz Hamburg, die bedrohten Räume: Kreative Keimzellen und Gemeinschaftsprojekte, alteingesessene Mieter und Kult-Orte, deren Wohn- und Arbeitsraum von großen Investoren aufgekauft, abgerissen, und an deren Stelle teure Neubauten hochgezogen werden. Hamburg kennt dieses Phänomen wie jede andere deutsche Großstadt – wehrt sich aber oft und laut dagegen. So auch bei „Viva La Bernie“: Der Verein kämpft seit letztem Jahr für den Erhalt eines Hinterhofes in der Bernstorffstraße.

Das Gelände der „Bernie 117“, wie die Mieter es liebevoll nennen, wird schon seit fast vier Jahrzehnten von den 19 ansässigen Parteien frei gestaltet. Über 100 Menschen leben und arbeiten hier: Handwerker, Mechaniker, Tänzer, Designer, Heilpraktiker, Künstler. Rocko Schamoni hat hier eine Töpferwerkstatt, Fettes Brot ein Tonstudio. „Wir sind eine bunte Mischung aus Kunst und Handwerk, die hier sehr gut funktioniert“, erzählt Ralf Gauger. Er ist mit seiner Baufirma schon 25 Jahre Teil der Hofgemeinschaft. „Viele sind schon sehr lange hier“, fügt er hinzu. „Wir können also eine große Kontinuität vorweisen.“ Doch diese ist in Gefahr: 2017 verkaufte der ehemalige Besitzer das Gelände an die Berliner AC Immobilien-Investment GmbH. Die Parteien der Bernie 117 mobilisierten sich schnell, Gauger wurde zum Sprecher ernannt – der „Viva la Bernie e.V“ war geboren.

Drei Bier und zwei Spezi

„Die Anfänge der Verhandlungen mit den Eigentümern war sehr ernüchternd“, erinnert sich Ralf Gauger heute. Während der Verein schon zu Beginn ein offenes Gespräch suchte, blockten die Investoren erst einmal ab – zum ersten Treffen durfte Gauger nur alleine kommen. „Da wurde mir dann schnell klar, dass wir hier nur als einzelne Mieter gesehen werden“, erzählt Gauger. Dass es dem Verein aber vor allem um die Gemeinschaft und den Zusammenhalt geht, die sich die Hofbewohner über viele Jahrzehnte hinweg aufgebaut haben, hätten die Investoren gar nicht erkannt. Angstfrei wohnen und arbeiten, in einer sozialen Gemeinschaft: „Das sind Grundbedürfnisse, die man nicht einfach auf einen Kaufpreis umrechnen kann.“

Freiräume wie die Bernie 117 würden außerdem dazu beitragen, den Stadtteil lebendig und sozial zu gestalten. „Wir sind ja nicht einfach nur 110 glückliche Menschen, die ihren Hof behalten wollen, wir haben auch einen engen Kontakt zum Viertel“, erklärt Gauger. Sein Bauunternehmen übernahm einen großen Teil der Planung des neuen Pudelclubs, zusammen mit drei weiteren Firmen betreute es außerdem den Bau des FC St. Pauli Museums. 14 Monate lang saßen sie  dafür jede Woche zusammen. Die Bezahlung: „Drei Bier und zwei Spezi.“

Über die letzten Jahrzehnte hat die Gemeinschaft der Bernie 117 nicht nur den eigenen Hof geformt und mitgestaltet – auch das Viertel. Kreative Vereine wie sie schaffen den Flair, den Viertel wie Altona, die Schanze oder St. Pauli so attraktiv für Einwohner und Touristen machen. „Und dann kommt ein Investor mit dickem Geldbeutel und schöpft hier Gewinn ab, obwohl er nie etwas zur Gestaltung des Stadtteils beigetragen hat“, so Gauger.

Die Finanzierung ist geschafft

Dass der Hof in Gefahr gerät, löste nicht nur innerhalb der 110-köpfigen Hofgemeinschaft eine Welle der Empörung und Unterstützung aus: Jan Delay, Fettes Brot, Deichkind, Fatih Akin, Heinz Strunk oder FC Pauli Präsident Oke Göttlich setzten sich ein, auch aus dem Bezirksamt und der Handwerkskammer kam Zuspruch. „Im Falle einer Konfrontation stehen alle hinter uns“, bestätigt Rocko Schamoni, der auf dem Bernie-Hof ein Töpferstudio hat. Den Grund für den lauten Aufschrei sieht er in einem grundlegenden Frustration der Hamburger: „Ich denke, es gibt hier ein unglaubliches Bedürfnis nach einer Stadt, über die man selbst verfügt und in der man gefragt wird, wie man überhaupt gemeinschaftlich leben will.“

Selbst über den Hof verfügen möchten auch die Mitglieder von „Viva La Bernie“: „Wir wollen gar kein Gegner sein“, erklärt Gauger. „Deswegen ist unser Friedensangebot, den Berliner Investoren den Hof abzukaufen.“ In den letzten Wochen hat die Hofgemeinschaft das Unglaubliche geschafft: Jetzt liegen sieben Millionen Euro auf dem Tisch, finanziert von 130 privaten Kreditgebern und einer sozial engagierten Bank. „In dieser unfassbar hohen Summe ist nach unserer Einschätzung auch ein sechsstelliger Gewinn für die Investoren enthalten.“

Dass der Verein diese Summe stemmen konnte, sieht Rocko Schamoni auch als eine Verpflichtung für die Besitzer, den Finanzierungsplan ernst zu nehmen. Aber auch, wenn noch unklar ist, ob die Berliner Investoren auf das Angebot eingehen oder nicht: Der erste Meilenstein wird bei Viva La Bernie trotzdem ordentlich gefeiert. Am Freitag, den 28. September will sich der Verein bei allen Unterstützern bedanken. Die Party steigt um 19 Uhr, auf der Bühne tummeln sich Hamburger Künstler wie Jan Delay, Sammy Deluxe oder Fettes Brot.

Text: Sophia Herzog

Dieser Artikel wurde am 27. September 2018 veröffentlicht und erscheint nicht im Print-Magazin, sondern exklusiv auf www.szene-hamburg.com.


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Chilly Gonzales-Doku – Punk war nicht genug

Mit Peaches, Leslie Feist und natürlich the one and only Chilly Gonzales führt Philipp Jedicke durch die rasende Karriere des kanadischen Entertainers. Wir haben den Regisseur von „Shut Up and Play the Piano“ getroffen.

Dieser Film muss einfach im Herbst starten. Möglichst an einem grauen, verregneten Tag. Rein ins Kino und heraus mit überbordend guter Laune und der Gewissheit, dass Leidenschaft ein unglaublicher Motor ist. So wie Chilly Gonzales sie lebt, Rapper, Klavierkünstler, begnadete Rampensau.

Er legt die Maske nur selten ab. Auch in Philipp Jedickes Dokumentation, die einmal quer durch die Karriere des Kanadiers führt. Von Montreal nach Berlin, Paris und Köln. Von den wilden Shows mit The Shit über die legendäre Pressekonferenz, die er ausrief, um sich zum Präsidenten des Berliner Undergrounds zu krönen bis hin zu aktuellen Auftritten in Puschen und seidenem Morgenmantel mit den Wiener Philharmonikern.

Steht Chilly Gonzales auf der Bühne, ist er schweißnass. Sich völlig zu verausgaben gehört zu seiner Kunst – genauso wie die verschiedenen Rollen, in die er schlüpft, ob mit Schnauzer und im rosa Anzug, mit dicker Goldkette und freigelegtem Brusthaar oder in ironisch gebrochener Oscar-Wilde-Pose. Eigentlich heißt er Jason Charles Beck und man sieht Fotografien seines Vaters, einem der größten Immobilienspekulanten Kanadas, mit Clinton und Bush. Über seine Familie aber sagt er einzig, dass sie vor den Nazis aus Ungarn nach Kanada flüchtete und ihre einzige Religion das Geld war.

Chilly Gonzales: Der Künstler ohne Grenzen

Über sich selbst sagt er, dass es ihm nicht gereicht hat, Punk zu sein. Er ist viele Performance-Artist, Klavierkünstler, Wortakrobat und lakonischer Poet. Die Dissonanzen mit seinem Bruder, der heute Musik für Blockbuster wie „Hangover“ schreibt, bringt er mit dem Satz „Er mochte Sting“ auf den Punkt.

Gonzo, wie seine Freunde ihn nennen, macht keine Kompromisse, sondern überschreitet unermüdlich Grenzen. Wenn er sich am Ende eines Klavierabends wie auf einem Rockkonzert auf den Händen der Besucher durch den ehrwürdigen Konzertsaal tragen lässt, möchte man sich unbedingt dazugesellen.

SZENE HAMBURG: Philipp Jedicke, wie wird man vom Musikjournalisten zum Filmemacher?

Philipp Jedicke: Ehrlich gesagt war das eine ziemlich spontane Entscheidung. 2014 habe ich ein Interview mit Chilly Gonzales geführt, es sollte eigentlich nur 20 Minuten dauern, doch dann wurde eine Stunde daraus. Wir haben entdeckt, dass ich zur gleichen Zeit, als Gonzo von Toronto nach Berlin zog, nach Toronto gegangen bin und auch, dass wir einige gemeinsame Bekannte hatten.

Und da hast du entschieden, den Film zu machen?

Ich habe ihn ganz spontan gefragt, ob ich ein Porträt über ihn drehen könnte. Und eigentlich hat er direkt zugesagt.

Und war es von Anfang an klar, dass es ein Kinofilm wird?

Eigentlich war es als Fernseh-Doku geplant, doch dann gab es Finanzierungsprobleme und es wurde ein Kinofilm. Das war erst mal ein Schock für mich, denn ich habe ja noch nie meinen eigenen Dokumentarfilm gemacht.

„Die Doku soll ein Fantasma sein, ganz so wie Gonzales“

War dir klar, dass es umfangreiches Archivmaterial gibt?

Gonzo hat mir eine Kiste in die Hand gedrückt. Drin waren VHS-Kassetten, Betacams, Festplatten, alles ziemlich lückenhaft beschriftet. Und dann gab es dann noch den Spielfilm „Ivory Tower“ von und mit Chilly Gonzales, der von der Konkurrenz zwischen Gonzales und seinem Bruder erzählt. Daraus zeigen wir Szenen ohne sie großartig zu kommentieren. Die Doku soll ein Fantasma sein, ganz so wie Gonzales es ist, ein Rausch aus Bildern und Musik, bei dem Erklärungen nicht allzu wichtig sind.

Woher stammt das Material von den ganz frühen Auftritten?

Von Peaches. Ich habe sie erst an einem der letzten Drehtage interviewt und plötzlich kam sie mit diesen ganzen unglaublichen Sachen um die Ecke. Kennt man ihre Bühnenpersona, kann man kaum glauben, wie ordentlich und fein säuberlich sie alles archiviert, in durchsichtigen Boxen, durchnummeriert und mit Datum versehen. Sie hat mir einfach einen Stick in die Hand gedrückt und meinte, ich sollte mir runterziehen, was ich brauche. Da waren dann auch die Auftritte von The Shit drauf. Ich dachte, ich spinne, denn das Material ist noch nie so gezeigt worden.

War es schwierig über jemanden einen Film zu machen, der vor Ideen so sprüht wie Chilly Gonzales?

Etwas Besseres als ihn kann man sich natürlich nicht wünschen. Er hat einen unglaublichen Antrieb, eine unermüdliche Energie und Kreativität. Das wollte ich unbedingt zeigen. Eingemischt aber hat er sich nicht. Bei der Sichtung hat er bei einigen Close-ups von ihm gestöhnt, aber nie gefordert, etwas rauszunehmen. Auf Nachfrage hat er auch Ideen geliefert. Der Part mit dem Casting, als er einen Doppelgänger sucht, der ihn bei Promo-Termin ersetzt, war seine Idee. Die trug er schon lange mit sich herum und hat sich gefreut, sie umzusetzen.

Bühnengefährtinnen wie Peaches und Leslie Feist kommen in dem Film vor, aber auch Sibylle Berg. Sie bringt man eigentlich nicht mit Musik in Verbindung.

Wir wollten, dass Gonzo mal richtig gegrillt und aus der Reserve gelockt wird. So kamen wir auf Sibylle Berg. Sie hat auch sofort zugesagt, auch wenn sie im Englischen nicht so firm ist. Aber ich finde, das macht es noch besser, weil Chilly deswegen umso mehr geredet hat.

Aber sie hat ihn nicht gegrillt.

Hat sie nicht und das lag wohl auch an der Sprachbarriere. Dafür bringt sie tolle Pointen, lässt ihre Blicke sprechen und hat ihn mega im Griff. Daran, wie eifrig er antwortet, sieht man, dass er ihr unbedingt gefallen will.

Eines muss ich unbedingt noch wissen. Warum bloß wohnt Chilly Gonzales ausgerechnet in Köln?

Er ist ein großer Fußgänger und dafür ist Köln genial. Außerdem hält er die Stadt für das geheime Zentrum Europas, denn in ein paar Stunden kann man mit dem Zug in Paris, Kopenhagen, London oder Mailand sein.

Text & Interview: Sabine Danek
Foto: Olivier Hoffschir

„Shut Up and Play the Piano“ ist ab 20.9. im Kino zu sehen; Hamburger Premiere mit Regisseur am 19.9., Abaton-Kino, 20 Uhr.


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Jörg Heikhaus – Ich will Galerie neu denken

Jörg Heikhaus ist Künstler, Galerist, TV-Talker und jetzt auch Podcaster. Wir sprachen mit dem Querdenker

SZENE HAMBURG: Jörg, dein Lebenslauf ist nicht unbedingt der klassische eines Galeristen – du hast mal Karriere in der Wirtschaft gemacht …
Jörg Heikhaus: Ich hatte gar nicht vor, in der Wirtschaft zu landen. Kunst habe ich immer schon gemacht, aber es war mir nach der Schule nur einfach nicht möglich, Kunst zu studieren. Ich musste erst mal Geld verdienen: In Köln habe ich im Umkreis der Independent- Musikszene in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern als Fotograf, Grafiker und Bandmanager gearbeitet. Zur Wende habe ich als Journalist gearbeitet und habe Sonic Youth und Nirvana interviewt. 1996 habe ich schließlich mit einem australischen Bildhauer eine eigene Onlineagentur gegründet.

Ziemlich erfolgreich … Du hast es bis zum Vorstand geschafft …
Eine schwedische Firma kaufte die Agentur, und ich habe dann noch drei Jahre als Vorstandsvorsitzender von Deutschland aus gearbeitet. Ich bin dann gegangen, weil es am Ende nichts mehr mir zu tun hatte. Mit Anfang dreißig habe ich gesagt, jetzt oder nie, ich muss meine Kunst machen!

In Hamburg hast du 2002 die Galerie heliumcowboy gegründet. Woher kam der Mut?
Ich habe viel recherchiert, mich international mit Galeristen getroffen, Kunstmessen besucht, um herauszufinden was für eine Art Galerie fehlt eigentlich? Ehrlich gesagt habe im Gespräch mit den Galeristen immer gedacht, dass ich so nicht sein möchte. Mich interessiert nur das Konzept Künstler: Wo liegt das Einzigartige, wie ernsthaft ist die Auseinandersetzung mit der Kunst bei genau diesem Menschen? Ich will Leidenschaft sehen.

Was unterscheidet deine Art, Kunst zu zeigen?
Ich habe keinen Lebenslauf, wie man ihn erwartet. Doch die vielen verschiedenen Jobs, die ich gemacht habe, bilden eine gute Basis, ich konnte viele Erfahrungen aus erster Hand machen und dadurch Künstlern helfen. Das Wichtigste für jeden Galeristen bleiben aber Persönlichkeit und Passion – und die sind ja bei jedem anders ausgeprägt.

Du versuchst, Galerie neu zu denken, u. a. mit einem Talk-Format?
Auch wenn wir schnell eine der Hotshot-Galerien aus Deutschland wurden, war es ja nicht immer leicht, vor allem nach der Finanzkrise. Da muss man schon mal überlegen, was sich ändern kann. Ich glaube, dass der Markt heute extrem übersättigt ist, der funktioniert einfach nicht mehr. Aber niemand weiß so genau, wie er funktioniert. Hier müssen wir uns viel mehr austauschen. Nicht nur im Künstlergespräch, sondern mit Menschen, die mit dem Markt zu tun haben. Und natürlich unserem Publikum.

Wie sieht das heute aus?
Zusammen mit Jannes Vahl von den Clubkindern habe ich 2016 „heliumtalk – das Kunstgespräch“ mit Tide TV gestartet. Jetzt setzen wir das als Audio-Podcast fort, denn ich möchte noch viel mehr tolle Leute ausfragen, was Kunst bewegt, wie sie produziert, erlebt, geliebt, gehasst und eben auch verkauft wird. In der ersten Folge unterhalte ich mich Darko C. Nicolic, der ein unglaublich spannendes Konzept verfolgt. Am Anfang wird das Deutsch sein. Aber im April habe ich eine Ausstellung mit „The Jaunt“, die werde ich auf Englisch interviewen.

Und, schon Erkenntnisse? Wie ist der Hamburger Galeriestandort?
Ruhiger und unaufgeregter als anderswo, das ist aber oft auch ein Vorteil. Man hat hier den ruhigen Atem, Künstler sich entwickeln zu lassen und kann in Ruhe etwas aufbauen. Das Zurückhaltende ist hilfreich, denn über Nacht kann in der Kunst nichts passieren. Die Zusammenarbeit von Galerien und Museen klappt in Hamburg leider nicht wirklich. Unbedingt will ich Bettina Steinbrügge vom Kunstverein zum Talk laden, sie macht viel richtig.

Du baust gerade um und präsentierst dich im März mit einem neuen Galerie-Konzept …
Wir entfernen uns noch mehr vom klassischen White Cube. Die Ranch, so nennen wir die Galerie ja liebevoll, wird Studio und Showroom zugleich. Ein Teil meines Alex Diamond-Ateliers und das Podcast-Studio kommen in den Ausstellungsraum, ganz aus Altholz, wie eine Ranch. Die Galerie wird zum Ort, an dem Kunst nicht nur gezeigt, sondern auch produziert wird. Am 24. März eröffnen wir, da stellen wir das Potenzial des Raumes vor. Ich stelle mir einen Kunstsalon vor, jeder kann vorbeikommen, man tauscht sich aus, kommt ins Gespräch. Der Podcast soll das Kommunikative unterstreichen. Ich glaube, wir sind heute als Galerist mehr gefragt, Kunst lebendig zu machen und wieder zu erklären …

Interview: Stefanie Maeck

Heliumcowboy Artspace: Bäckerbreitergang 75 (Neustadt), www.heliumcowboy.com (Eröffnung am 24. März 2018)

heliumTALK – das Kunstgespräch: www.heliumcowboy.com/heliumtalk

www.alexdiamond.net


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Rayyane Tabet: Der Stoff, aus dem Geschichte ist

Ausgehend von einem Ziegenhaarteppich untersucht der libanesische Bildhauer Rayyane Tabet im Kunstverein Hamburg die Bezüge zwischen arabischer und westlicher Welt.

Kurz vor seinem Tod traf Faek Borkhoche eine folgenreiche Entscheidung: Den 20 Meter langen Läufer, ein Geschenk von Beduinen, würde er in gleiche Stücke zerschnitten seinen Kindern vererben – unter der Bedingung, dass sie das Ziegenhaartextil wiederum unter ihren Kindern aufteilten. Seine Nachkommen hielten sich daran. Und sie tun es bis heute.

„Eigentlich war mein Urgroßvater damit ein ziemlich guter Konzeptkünstler“, sagt Rayyane Tabet (*1983 im Libanon) über den Teppich-Erblasser, der tatsächlich Lehrer und Übersetzer war. Tabet aber ist Künstler – und zwar ein ziemlich guter. Das deuteten seine Ausstellungsbeteiligungen in Paris und New York und bei den Biennalen von Sharjah und Istanbul an. Die Kunstvereinsschau beweist es.

Für deren erstes Kapitel hat er alle verfügbaren Stücke des bisher in 23 Stücke aufgeteilten Läufers zu einem Stammbaum zusammengefügt. Damit verknüpft Tabet seine eigene Geschichte mit Max von Oppenheim (1860-1946), bei dem sein Ahn 1929 für sechs Monate als Sekretär installiert worden waren – von den Franzosen, die von Oppenheim der Spionage verdächtigten. Der Diplomat und Archäologe hatte 1899 die archäologische Stätte Tell Halaf entdeckt. Etliche seiner Funde befinden sich heute im Pergamonmuseum, andere im Nationalmuseum in Aleppo, wo sie von Zerstörung durch den syrischen Bürgerkrieg bislang wohl verschont blieben.

Die Kunstvereinsschau nimmt die Verwicklung von Tabets Familie in kulturelle Exploration und geopolitische Konflikte zum Ausgangspunkt. Im Hauptraum stehen Abdrücke einer Skulptur vom Tell Halaf vor einer Hängung von etlichen hundert Frottagen. Der Künstler hat dafür im Lager des Pergamonmuseums tausend Fragmente der Oppenheim-Funde mit Papier umwickelt und mit Kohlestift abgerieben. Die Ausstellung endet mit einer Hängung aus Zeltplanen des russischen, französischen und US-amerikanischen Militärs, die einem traditionellen Kleidungsstück der Beduinen gleichen, das durch zwei Stäbe in ein Zelt verwandelt wird.

Tabet ist Bildhauer. Er nähert sich dem Gefüge von politischen Konflikten und kulturellem Austausch mit strenger Ästhetik und minimalistischer Abstraktion. Wie auch bei früheren Arbeiten – etwa zur Transarabischen Pipeline oder zu einem Immobilienprojekt in Beirut – bindet er dokumentarisches Material elegant in sein skulpturales Konzept ein und schließt so die bei anderen Künstlern oft störende Kluft zwischen Werk und Kontext auf überzeugende Weise.

Text: Karin Schulze

Rayyane Tabet: Bruchstücke / Fragments. Bis 18. Februar 2018, Kunstverein in Hamburg.

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!