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Max Frisch fragt … Michael Göring

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet der Literaturwissenschaftler und Autor Michael Göring – sein aktueller Roman „Dresden. Roman einer Familie“ ist im Osburg Verlag erschienen

Genießen Sie moralische Entrüstungen?

Nur sehr selten. Ich erlebe bei denjenigen, die sich entrüsten, immer häufiger Selbstüberschätzung, Selbstgefälligkeit und Unehrlichkeit.

Wie viel Heimat brauchen Sie?

Sehr viel. Den Menschen, den Musikwerken und den Orten, die mir Heimat bieten, bleibe ich unbedingt verbunden. Da bin ich äußerst treu.

Kann Ideologie zu einer Heimat werden?

Ja, aber es kann dabei gefährlich eng werden. Besser ist es, wie Hesses Siddharta sich von vorgegebenen Ideologien zu befreien und offen den eigenen Weg zu finden mit allen Höhen und Tiefen, aber voll von eigenen Erfahrungen. Ich habe mit Sigmund, dem Protagonisten in „Hotel Dellbrück“, eine Person zeigen wollen, die über ihr Tun zur Identität findet, sich die Heimat selbst erschafft.

„Religionen sind wichtig für unsere emotionale Balance“

Muss eine Hoffnung, damit Sie in ihrem Sinn denken und handeln, nach Ihrem menschlichen Ermessen erfüllbar sein?

Nicht unbedingt. Religionen wie allgemeine spirituelle Sehnsüchte leben mit und von Hoffnungen, deren Erfüllbarkeit vage bleibt und vor unserem Verstand nicht standhält. Dennoch sind Religionen, also das Streben nach Rückbezug, nach Verankerung, und Spiritualität wichtig für unsere Balance von Ratio, dem emotionalen Wunsch nach Sinn und der Freude am Tag.

Was stört Sie an Begräbnissen?

Nichts. Begräbnisse sind kulturell verschieden ausgeprägt, durchlaufen auch bei uns einen Wandel, konfrontieren uns aber mit dem Endgültigen, dem Abschied. Begräb­nisse gehen mir schrecklich nahe, wenn sehr junge Menschen begraben werden.

Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?

Am meisten dann, wenn sie sich allmählich im Gespräch mit anderen bei mir herausschält.

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch

Michael Göring liest am 20. Mai 2022 im kleinen Michel und am 19. Juni um 11.30 Uhr auf der Sonntags-Matinée im Heine Haus aus seinem Buch „Dresden. Roman einer Familie“

Max Frisch: „Fragebogen. Erweiterte Ausgabe“, Suhrkamp, 127 Seiten, 10 Euro


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„Ich wusste nie, ob wir bloß vorsichtig waren oder schon paranoid“

In „Die Diplomatin“ schreibt Lucy Fricke, Autorin des Bestsellers „Töchter“, aus Sicht einer deutschen Konsulin, die an die Grenzen der Diplomatie stößt. Ein Gespräch über das Leben im politisch aufgeheizten Istanbul, den geringen Frauenanteil im Auswärtigen Amt und im Verborgenen organisierte Fluchten

Interview: Ingrun Thiele

SZENE HAMBURG:  Frau Fricke, die Handlung Ihres neuen Romans „Die Diplomatin“ spielt im zweiten Teil in Istanbul. Entstand die Idee zum Buch vor Ort?

Lucy Fricke: Ich war sehr lange in Istanbul, mehrere Monate, verteilt auf fast zwei Jahre. Zunächst hatte ich gar nicht den Plan, in der Form über Istanbul zu schreiben, sondern bin vollkommen „leer“, ohne Idee für einen neuen Roman, dort hingefahren. Durch mein vorheriges Buch „Töchter“ hatte ich ein turbulentes Jahr hinter mir mit fast 70 Lesungen – ich bin vollkommen erschöpft in der Türkei angekommen. Das, was ich dort gesehen habe, hat mich dann so sehr beschäftigt, dass ich darüber schreiben wollte. Mich haben die Geschichten hinter den Nachrichten interessiert.

Was genau hat Sie interessiert?

Die Schicksale der Menschen in autoritären Verhältnissen, wie etwa unter Anklage stehende oder inhaftierte Türken und Deutsch-Türken oder deutsche Staatsangehörige, die mit einer Ausreisesperre in der Türkei festsaßen. Aus einer türkischen Perspektive habe ich es nicht erzählen können, deswegen habe ich aus der Sicht der deutschen Diplomatin Fred geschrieben. Sie stößt auf die Grenzen der Rechtsstaatlichkeit, auf staatliche Willkür und Machtlosigkeit.

„Diplomatie ist immer eine Politik der kleinen Schritte“

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„Die Diplomatin“ von Lucy Fricke erzählt von schwieriger Diplomatie und einer Frau in eine Männerwelt

Ihre Protagonistin, Fred, wollte mit ihrem Job als Botschafterin die Welt ein Stück verbessern. Wusste sie, auf was für ein Leben sie sich einlässt?

Sie ist nicht naiv, sie wusste schon zu Beginn ihrer Karriere, dass sie in ihrem Job einen sehr engen Handlungsspielraum hat und begrenzte Möglichkeiten. Die Diplomatie ist immer eine Politik der kleinen Schritte, des Miteinanderredens und Verhandelns. Daran glaubt sie. Wenn allerdings auf der anderen Seite niemand mehr den Hörer abhebt, wird es schwierig mit dem Reden.

Die Arbeit in der Welt der Diplomatie bestimmt Freds Leben, auch blieb sie deswegen kinder- und partnerlos. Hat sie ihren Lebensweg bereut?

Na ja, es ist sicherlich ein Roman der Ernüchterung. In dieser Generation musste vieles für den Job aufgeben werden, besonders als Frau. Fred kommt eines Tages an den Punkt, an dem sie sich fragt, ob es das wert war. Als sie an ihren Beruf den Glauben verliert, bricht im Prinzip ihr Leben zusammen, weil alles darauf aufbaut.

Würden Sie sagen, dass Karriere und Einsamkeit unweigerlich einhergehen?

Unweigerlich sicherlich nicht. Aber ich glaube schon, dass Einsamkeit und Erfolg oft zusammenhängen. Besonders, wenn der Beruf das Einzige im Leben ist und das Leben bestimmt. Männer in solchen Positionen haben öfter begleitende Ehefrauen, die den eigenen Beruf erst mal ruhen lassen. Fred ist gezwungen, alle paar Jahre den Ort zu wechseln, sie ist rund um die Uhr in dieser Funktion als Botschafterin, sie repräsentiert Deutschland im Ausland und das permanent. Als öffentliche Figur hat sie so gut wie keine Privatsphäre, sie lebt hinter ihrer Fassade und weiß nicht, wem sie überhaupt vertrauen kann. Das macht einsam.

Nur 20 Prozent Diplomatinnen

Sie schreiben, Fred sei weder eine gescheiterte Frau noch eine egoistische Karrieristin. Was ist sie dann?

Nun ja, sie hatte zwei Fehlgeburten. Sie wurde von ihrem Mann verlassen. Kinderlosen Frauen wird immer unterstellt, sie hätten sich explizit dafür entschieden, um ihre Freiheit zu genießen oder Karriere zu machen. Es ist aber nicht unbedingt eine bewusste oder freiwillige Entscheidung. Manchmal klappt es nicht oder es ergibt sich einfach nicht. Darum ging es mir an der Stelle. Zu sagen, dass Fred nicht diese Karrierefrau ist, sondern dass sie einfach nicht das Glück hatte, schwanger zu werden. Aber das ist kein Scheitern. Es ist möglich, auch ohne eigene Familie und Kinder ein erfülltes Leben zu führen.

Es ist eher ungewöhnlich, mit Fred eine Frau in dieser Position zu sehen.

Nur etwa 20 Prozent dieser Positionen sind von deutscher Seite mit Frauen besetzt. Die Frauenquote soll nun angehoben werden auf 50 Prozent, langsam ändert sich etwas – das Problem ist, dass es noch nicht genügend Frauen auf dieser Ebene gibt. Man muss schon 20, 25 Jahre beim Auswärtigen Amt sein, um überhaupt Botschafterin werden zu können, die Veränderungen kommen also sehr zeitversetzt an. Genau das fand ich spannend: Eine Frau einzusetzen in einer noch männerdominierten Welt der Diplomatie.

Im Laufe des Buchs verliert sie den Glauben an die Diplomatie und findet andere Wege am Rande der Legalität. Was müsste Ihres Erachtens geändert werden?

Die Abhängigkeiten müssten reduziert werden. Darum geht es aktuell in den Beziehungen zu Russland, aber auch die Verflechtungen zwischen Deutschland und der Türkei sind immens. Wirtschaftliche oder geopolitische Abhängigkeiten schränken den Handlungsspielraum eines Landes enorm ein. In Krisen- und Kriegszeiten fliegt einem das um die Ohren. Ich wünsche mir außerdem, dass noch stärker, immer und überall, die Einhaltung und Durchsetzung der Menschenrechte verhandelt wird.

„Genau das fand ich spannend: Eine Frau einzusetzen in einer noch männerdominierten Welt der Diplomatie.“

Lucy Fricke

Politik als offenes Buch

Dass Diplomaten verurteilten Menschen zur Flucht verhelfen, basiert auf wahren Fällen?

Wenn sie verurteilt sind, ist es meistens zu spät. Oftmals steht eine Anklage im Raum, ein nahender Prozess, in dieser Zeit kann man noch handeln. Das, was Fred tut, haben auch Diplomaten in der Vergangenheit getan und die sind auch noch alle im Beruf. Nur wird das nicht öffentlich gemacht, damit Kontakte und Fluchtrouten nicht verraten werden und die Wege weiterhin offengehalten werden können. Es ist absolut nötig, im Verborgenen zu arbeiten. Heiko Maas hat „Die Diplomatin“ auch besprochen und bestätigt die Realitätsnähe. Ich glaube nicht, dass er das als amtierender Außenminister hätte sagen dürfen.

Die Politik ist eine verschlossene Welt für sich. Wie haben Sie Zugang dazu erhalten?

Erstaunlicherweise war sie gar nicht so verschlossen, wie man immer denkt. Ich stellte mich als Schriftstellerin vor und bat direkt um ein Gespräch. Ich bekam relativ schnell Termine mit Diplomaten, Botschaftern, aber auch mit Journalisten und Anwälten. Zu meinem Erstaunen haben sie ziemlich offen erzählt.

Woran liegt das?

Vielleicht, weil ich Schriftstellerin bin und keine Journalistin. Ich glaube, viele waren froh, dass jemand Interesse daran zeigt, wie das Ganze funktioniert und nicht bloß aus der Ferne einen Roman darüber schreiben will. Ich habe mich für die ganzen Details interessiert. Diese Offenheit hatte allerdings die klare Grenze, dass ich die Gespräche nicht aufzeichnen und keine Namen nenne durfte. Zudem war ich lange dort, die Gespräche zogen sich teilweise über Monate, in denen wir uns immer wieder trafen, sodass Vertrauensverhältnisse entstanden.

Türkei-Depression

Haben Sie diese politisch angespannte Atmosphäre, die Sie in Ihrem Roman beschreiben, auch in Ihrem dortigen Alltag wahrgenommen?

Sie war für mich allgegenwärtig. Ich hatte dort ein Stipendium der Kulturakademie Tarabya, die sich auf dem Gelände der Sommerresidenz des deutschen Botschafters befindet. Dieses Grundstück grenzt direkt an eine andere Residenz, und zwar an die von Erdoğan. Wenn ich das Apartment verließ, sah ich seine Soldaten, die das Gelände sicherten. Im Café gegenüber saß immer wieder der Geheimdienst. In den Gesprächen mit Türken wurde der Name des Präsidenten so gut wie nie ausgesprochen. Ich lernte Menschen kennen, die Freunde bei sich zu Hause versteckten, die untergetaucht waren, um dem Gefängnis zu entgehen. Viele wussten, dass sie überwacht wurden. Es wurde normal, dass wir gewisse Textnachrichten sofort nach dem Lesen löschten. Bei manchen Gesprächen schalteten wir die Handys aus, legten sie nebenan ins Schlafzimmer. Ich wusste nie, ob wir bloß vorsichtig waren oder schon paranoid. Nach zwei Monaten hatte ich meine erste Türkei-Depression. So ging es hin und her. Ich liebe Istanbul, es ist die schönste Stadt, die ich kenne und es wimmelt dort von wunderbaren Leuten. Es war schön und beängstigend zugleich. Erst als ich wieder in Berlin war, habe ich gemerkt, wie sehr mir das alles in die Knochen gegangen ist.

Dann war die Recherche wohl sehr intensiv?

Sehr. Zugleich war sie aber sehr befriedigend. Ich habe unglaublich viel gelernt und erfahren. Ich habe bewundernswerte Menschen getroffen, die ihren Glauben, ihre Liebe und ihren Humor nicht verloren haben, die nicht aufhören, zu kämpfen. Das Schreiben an diesem Roman hat mich definitiv klüger und demütiger gemacht.

Lucy Fricke: „Die Diplomatin“, Ullstein-Verlag, 256 Seiten, 22 Euro.


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„Die Züchtigung hatte etwas erotisches“

In der autobiographischen Erzählung „Der unterbrochene Wald“ erinnert sich Georges-Arthur Goldschmidt an seine Kindheit und Jugend während des Holocaust und an seine Flucht vor dem Naziregime. Ein Gespräch über erregende Strafrituale, die Bedeutung von Heimat und darüber, was die permanente Angst ums Leben mit einem Menschen macht

Interview: Ingrun Thiele

SZENE HAMBURG: Herr Goldschmidt, Ihr vorheriges Buch, „Der versperrte Weg“, haben Sie auf Deutsch geschrieben, „Der unterbrochene Wald“ nun auf Französisch. Wieso der Sprachwechsel?

Georges-Arthur Goldschmid: Für mich ist es eine befreiende Sprache, weil die Franzosen mich vor der Deportation der Nazis beschützt haben. Ich bin kein Jude, sondern ein sogenannter „Nicht-Arier“ und wurde von den Deutschen gesucht. Die Franzosen haben ihr Leben riskiert, um mich zu verstecken, nur ihretwegen habe ich überlebt.

Schreiben Sie deshalb, dass die französische Sprache „Redefreiheit“ bedeutet?

Frankreich unterlag der Okkupation des Nazi-Deutschlands, doch hat sich mit Gebrüll davon befreit. Dadurch habe ich gelernt, dass die Regierung gegen die Unterwerfung rebellieren kann. Als ich ein Knabe war, sprach niemand von Freiheit, es war verboten und selbst als 16-Jähriger bestand noch immer die Gefahr für mich, deportiert und verhaftet zu werden. Die Befreiung im September 1944 bedeutete daher für mich die endgültige Erleichterung und deswegen ist Französisch für mich die Sprache der Befreiung und der Freiheit.

Flucht nach Italien und Frankreich

Wie sah Ihre Flucht aus?

Ich bin in einer bürgerlichen, sehr kultivierten Familie geboren, die in Hamburg seit mehr als 200 Jahren lebte. Mein Vater war Oberlandesgerichtsrat in Hamburg. Als die Nicht-Arier 1938 nicht mehr existieren durften, hatten meine Eltern das Glück, Kontakte nach Florenz zu haben, sodass ich nach Italien geschickt wurde. Als ich von dort erneut vor den Nazi-Schergen flüchten musste, kam ich ins Internat nach Frankreich und als Savoyen von den Deutschen besetzt wurde, hielten mich Bergbauern versteckt. Dadurch waren Sie dem Gefühl einer existenziellen Ortlosigkeit ausgesetzt.

Fühlen Sie sich heute eher Deutschland oder Frankreich heimatlich verbunden?

Diese Frage ist typisch deutsch! Heimat ist kein fixer Begriff und sie ist nicht nur der Ort, wo man geboren worden ist. Für mich ist Heimat da, wo ich glücklich gewesen bin, daher fühle ich mich zu all diesen Orten verbunden. Ich habe heimatliche Erinnerungen an Orte, an denen ich nur zwei Tage gewesen bin oder ich erinnere mich an den Blick auf den Mont Blanc, den ich von dieser Seite noch nie gesehen hatte. So gesehen hat jeder Mensch Tausende Heimatbilder, die sich eingeprägt haben, unabhängig vom Geburtsort. Und heute fühle ich mich hier in Paris bei meiner Frau wunderbar beheimatet.

„Fünf Franzosen haben ihr Leben für mich aufs Spiel gesetzt“

Wie kamen Sie zu dem Bergbauern, der Sie vor den Nazis versteckte?

Er lebte sehr zurückgezogen in einem schwer zugänglichen Tal. Er hatte fürchterliche Angst und hat mich bald bei einem anderen Bauern unterkommen lassen. Er hatte nicht nur mich, sondern auch andere bei sich versteckt. Vermittelt wurde ich von einem alten, katholischen Missionar. Fünf Franzosen haben ihr Leben für mich, einen verpinkelten Jüngling, aufs Spiel gesetzt, um mich vor der Deportation zu bewahren. Das finde ich unerhört und so was vergisst man nicht.

Beim Lesen wird nicht ganz deutlich, wie genau Ihre persönliche Bindung zu ihm und seiner Familie war.

Es war keine Art Familienersatz, aber ich war absolut fremd und trotzdem war es für ihn und viele andere Franzosen selbstverständlich, uns einen Unterschlupf zu geben. Dadurch bin ich ihm und Frankreich sehr verbunden.

Dann waren Sie keine Ausnahme?

Frankreich ist das Land, in dem die meisten Juden versteckt worden sind. Von den 320.000 in Frankreich lebenden Juden wurden dadurch „nur“ 75.000 in die Vernichtungslager deportiert.

Jude sein, Flucht und Erklärungen eines Kindes

Ihre Eltern haben nie darüber gesprochen, was es heißt, Jude zu sein.

In der Schule lernten wir einmal das Gedicht „Die Loreley“ von Dichter Unbekannt – das war von Heinrich Heine, aber der war Jude. Und es war unmöglich, zu sagen, dass das bekannteste deutsche Gedicht von einem Juden sei, selbst meine Eltern haben es mir nicht gesagt, sie haben sich davor gehütet!

Haben Sie bei der Verabschiedung trotzdem geahnt, wieso Sie weggeschickt wurden?

Als sie mich an den Bahnhof brachten, das ist der vielleicht traurigste Tag in meinem Leben gewesen. Ich ahnte, wieso sie mich wegschickten, aber ich verstand nicht. Ich hatte Schuldgefühle, weil ich als kleiner Junge an mir rumgefummelt habe und brachte das damit in Verbindung. Ich versuche immer, das in meinen Schmökern zu erklären, aber ich weiß selbst nicht mehr genau, wie das gewesen ist.

Sind Sie damals von einem Wiedersehen ausgegangen?

Diese Frage erweckt in mir unterschiedliche Gedanken … Ich glaube nicht. Ich nehme an, ich wusste, dass ich meine Eltern nie wieder sehen würde, zumindest unterbewusst. Kinder wissen immer Bescheid, sie ahnen alles. Ich habe das wohl irgendwie herausgeschnüffelt.

„Man empfand zugleich ein Leiden und eine Lust“

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Stand 2021 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises: „Der unterbrochene Wald“ von Georges-Arthur Goldschmidt (Foto: Wallstein Verlag)

In dem Internat, in dem Sie in Frankreich untergebracht worden sind, mussten Sie traumatisierende Gewalterfahrungen erleiden.

Die Situation war natürlich fürchterlich, ich war nackt und wurde blutig geschlagen. Aber es war für mich nicht so schlimm, wie es aus der heutigen Sicht erscheint. In der damaligen Zeit, vor allem in katholischen Internaten, war es gang und gäbe, dass man auf den Po geschlagen wurde. Und nicht nur dort, es war auch selbstverständlich, dass es in jeder Familie einen gelben Onkel gab.

Was ist ein „gelber Onkel“?

Das war eine Rute, um Kinder zu schlagen. In jeder Nation wurden Kinder gezüchtigt. Das Thema spielte für alle Menschen meiner Generation eine große Rolle, nur spricht keiner darüber, was man dabei empfand.

Sie meinen, dass die Züchtigung etwas Erregendes für Sie hatte?

Es war ein zweideutiges Unternehmen, man empfand zugleich ein Leiden und eine Lust, die Züchtigung hatte etwas Erotisches. Mit 18 war ich selbst noch ein Kind, ich hätte dagegen revoltieren können, doch ich war zu faul oder zu feige, dagegen anzugehen. Ich ließ es geschehen. Heute hält man nichts mehr davon und es ist zum Glück verboten und vergessen.

Wie denken Sie heute über Ihre Peiniger?

Die Direktorin des Heims hat mich vor der Deportation gerettet. Es machte ihr zwar Spaß, Kindern auf den Hintern zu schlagen, sie ergötzte sich an Jünglingen. Aber das war nun mal diese Zeit, ich nehme ihr das nicht übel. Ich hege allgemein keine Rachegefühle gegen jemanden, Menschen sollte man nichts übelnehmen. Die Leute, die die Befehle ausgeben, sind gefährlich, aber nicht die armen Schlucker, die gehorchen müssen.

„Angst ist so fürchterlich“

Sie schreiben in Ihrem Buch von einer inneren Unruhe und einem allgegenwärtigen Verfolgungswahn, die das Seinsverbot mit sich zogen – merken Sie das heute noch?

Eigentlich war das kein Wahn, das war Realität. Es wurde nach meinem Leben getrachtet und diese verrückte Hitlerei führte dazu, dass alle Juden, Halbjuden, Nicht-Arier mit einer Boshaftigkeit ohnegleichen behandelt wurden. Ich selbst bin protestantisch erzogen worden, hätte deutscher gar nicht sein können und trotzdem wurde ich verfolgt. Die Hitlerei ist das schlimmste Verbrechen in der Geschichte der Menschheit. Der Antisemitismus hat Millionen Menschen das Leben gekostet und das ohne Grund. Das hat mich natürlich geprägt und es ist noch irgendwie in mir.

Haben Sie ein Beispiel?

Meine Frau meinte, ich hätte manchmal komische Reaktionen. Wenn ich mich in einem öffentlichen Raum befinde, sitze ich immer nahe der Tür, ein Fluchtinstinkt. Das sind Verhaltensweisen und Reaktionen, die ich selbst gar nicht bemerke.

Entstand daraus die Vorstellung, sich „im Ohr eines Pferdes verkriechen“ zu wollen?

Mein großer Bruder reihte sich in den Widerstand ein, ich versteckte mich und hatte ständige Angst, von den Deutschen gefunden zu werden. Angst ist so fürchterlich. In jedem Löchlein möchte man verschwinden, man sucht überall mögliche Verstecke. Und das Ohr eines Pferdes, da hat man doch wunderbar Platz, man ist gegen den Regen geschützt und es ist warm – wie im Märchen. Aber es ist natürlich nur eine illusorische Sicherheit, ein körperliches Bedürfnis. Diese Wunschvorstellung schützt einen nicht, aber sie gab mir eine innere Sicherheit.

Georges-Arthur Goldschmidt: „Der unterbrochene Wald“, Wallstein, 133 Seiten, 20 Euro


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Max Frisch fragt … Bjarne Mädel

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet der Schauspieler Bjarne Mädel. Am 7. April 2022 um 20 Uhr liest er im Schauspielhaus aus Sven Strickers „Sörensen am Ende der Welt“. Für die Verfilmung des ersten Teils der Sörensen-Reihe, „Sörensen hat Angst“, übernahm Mädel Regie und Hauptrolle.

Welche Erfahrungen, die Sie unter Alkohol gemacht haben, möchten Sie keinesfalls missen?

Den Salto damals und mit geschlossenen Augen Motorrad fahren, aber ich kann mich nur dunkel erinnern …

Irritieren Sie die Leute, die nichts trinken?

Mich irritieren eher die Leute, die trinken und nicht merken, dass sie keinen Alkohol vertragen und dann Dinge tun, an die sie sich später nicht erinnern können.

Möchten Sie lieber mit Bewusstsein sterben oder überrascht werden von einem fallenden Ziegel, von einem Herzschlag, von einer Explosion usw.?

Sollte ich schmerzvoll sterben, gern schnell und ohne Vorankündigung. Sollte ich das große Glück haben, friedlich zu gehen, dann stelle ich mir das Ableben vor, wie das Einschlafen nach einem extrem langen und anstrengenden Tag, das kann dann in Ruhe zwei Minuten dauern … und gern mit Applaus.

Wissen Sie, was Sie brauchen?

Oft. Mehr Zeit.

Wenn Sie spüren, dass Ihnen jemand mit Antipathie begegnet: was gelingt Ihnen dann eher, Witz oder Humor?

Bei grundloser Antipathie bin ich ratlos und mir fehlt der Humor. Ich erlebe das zum Glück sehr sehr selten. Ich nehme das dann aber auch nicht persönlich, da bei den Hassern dann ja oft große Mengen Alkohol im Spiel sind.

Was ertragen Sie nur mit Humor?

Interview-Fragebögen im Speziellen und das Leben im Allgemeinen.

Bjarne Mädel liest am 7. April 2022 um 20 Uhr im Schauspielhaus aus Sven Strickers „Sörensen am Ende der Welt“

Max Frisch: „Fragebogen. Erweiterte Ausgabe“, Suhrkamp, 127 Seiten, 10 Euro


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High Voltage | Frühjahrslesetage Hamburg 2022

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Die Früjahrslesetage Hamburg sind zurück – vom 6. bis 12. April 2022 erleben Literatur-Fans hochkarätige Lesungen an ungewöhnlichen Orten.

Endlich, nach zwei Jahren Pandemie-Pause: Im Rahmen der Frühjahrslesetage HIGH VOLTAGE präsentieren Stromnetz Hamburg und das Literaturhaus Hamburg wieder eine Woche voller Lese-Hochspannung! Besucher*innen erhalten einen guten Überblick darüber, was die Verlage an lesenswerten Neuerscheinungen auf den Markt bringen. Live, abwechslungsreich und für jedes Alter.

Zwischen Liebe, Politik und Balladen

Im Rahmen der Veranstaltung lesen Fatma Aydemir, Lucy Fricke, Katerina Poladjan und Monica Ali aus ihren neuen Romanen. Die Besucher*innen erleben hierin Geschichten zwischen tragisch-komischer Liebe, Politik und gesellschaftlichem Umbruch. Manuela Reichart und Leslie Malton präsentieren zudem mit „Walzer mit dem Teufel“ einen Sylvia Townsend Warner Abend und lassen die britische Autorin wieder lebendig werden. Schauspielerin Julia Nachtmann und Autor Christian Maintz entführen Balladen-Fans in eine facettenreiche und komische Welt zwischen Goethe, Wilhelm Busch, Mascha Kaléko und anderen Lyriker*innen.

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HIGH VOLTAGE – die Frühjahrslesetage Hamburg vom Literaturhaus und Stromnetz Hamburg

Programm für Kinder: Nachhaltig und unterhaltsam

An fünf Vormittagen gibt es zudem lebendige Lesungen für Schulklassen: Die Kinder bekommen einen humorvollen Einblick in die Geschichte des Geldes. Sie hören Überraschendes aus dem Leben von Wildkatzen und Wildbienen, erfahren altersgerecht, wie Demokratie funktioniert oder hören, was Bionik ist und warum die Natur meist ein besserer Erfinder ist als der Mensch.

Lesungen im UKE oder auf dem Gutshof

Alle Lesungen finden an eher ungewöhnlichen Orten in Hamburg statt: Stromnetz Hamburg und das Literaturhaus laden unter anderem ins Museum für Hamburgische Geschichte, ins UKE, auf das Gut Karlshöhe, in das Science Center im Wälderhaus oder in die Hafenbühne in der HafenCity ein. 

Tickets gibt es seit dem 10. März 2022 unter high-voltage.hamburg und literaturhaus-hamburg.de sowie an den Abendkassen.


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„Er war einfach ein Kauz“

Monika Helfers „Löwenherz“ ist das dritte Buch ihrer Familientrilogie. Ein Gespräch über die Kunst des Lügens, wandelnde Erziehungsstile und das entrissene Lebensglück ihres Bruders, der mit 30 Jahren den Freitod wählte

Interview: Ingrun Thiele

Die Figuren in Monika Helfers Büchern haben Mut, Überlebenswillen und den gesunden Trotz eines Kindes, nämlich den Trotz, sich von gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Kategorisierungen nicht beirren zu lassen“, hieß es in Dorothea Zanons Laudatio für die Autorin, als dieser 2016 das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst verliehen wurde. Auch in ihrem neuen Buch „Löwenherz“ behält Helfer ihren persönlichen und zugleich ungeschminkten Schreibstil bei. Egal, ob es um ihr offenkundiges Fremdgehen in vergangenen Zeiten geht oder um hässliche Babys – Helfer schreibt stets ungezwungen über gesellschaftlich verpönte Denkweisen und tabuisierte Themen.

Eine Hommage – nicht ganz einfach

SZENE HAMBURG: Frau Helfer, fällt es Ihnen leichter, über reale Personen zu schreiben als sich Figuren auszudenken?

Monika Helfer: Nein, bei fiktiven Figuren bin ich gelassener, weil sie weiter weg sind. Aber ich habe das Gefühl, dass ich inniger schreibe, wenn ich mit Herzblut dabei bin.

Haben Sie sich deswegen entschieden, über Ihren Bruder zu schreiben?

Ja, wir waren uns sehr nah. „Löwenherz“ ist ja das dritte Buch meiner Familientrilogie. Nachdem ich bereits über meinen Vater und meine Vorfahren geschrieben habe, ist mir als nächstes gleich Richard eingefallen. Er ist eine so besondere und interessante Figur, die sich für ein weiteres Buch gut geeignet hat. Ich wollte eine Hommage an ihn schreiben, was allerdings nicht einfach war, weil Richard so viele Facetten hatte.

„Erfinden ist nicht immer etwas Schlechtes“

Meinen Sie damit, dass Ihr Bruder ein „Schmähtandler“ war – also ein Mensch, der trickst und lügt?

Ja, Richard hat ständig Geschichten erfunden.

Haben Sie ein Beispiel?

Unzählige! Einmal hat er sich beim Betreten eines Ladens als Blinder ausgegeben, damit sein Hund als Blindenhund mit reindurfte. Die beiden waren unzertrennlich.

Gleichzeitig bezichtigen Sie ihn nie der böswilligen Lüge.

Das Erfinden ist nicht immer etwas Schlechtes, oft hat Richard Personen durch seine Geschichten sogar aufgewertet. Sein Erfinden war für alle eher eine Freude, ein Spaß.

Konnten Sie dabei immer unterscheiden, wann er die Wahrheit sagt und wann er fabuliert?

Nicht immer, aber meistens. Aber das war mir auch egal. Ich war nie darauf gefasst, die Wahrheit zu hören und wenn man das weiß, kann man damit leben.

„Ich glaube, dass sich Richard nie richtig geliebt gefühlt hat“

Was hat Richard dabei angetrieben?

Ach, er war einfach ein Kauz. Er hatte eine schwierige Kindheit: Erst starb unsere Mutter, dann kam er zu einer Tante, weil unser Vater sich aus unseren Leben zurückgezogen hatte. Diese Tante hatte einen Ehemann, der immer laut gebrüllt hat, um seine Blindheit zu kompensieren – ein riesiger Mensch mit einer unglaublich tiefen, lauten Stimme, das war für ein Kind natürlich angsteinflößend. Meine Schwestern und ich waren bei einer anderen Tante untergekommen, sodass wir getrennt von ihm waren, er war also allein. Ich glaube, dass sich Richard nie richtig geliebt gefühlt hat.

Wenn man dem Buch glaubt, hat ihn seine Tante doch geliebt?

Die Liebe zu Kindern war damals so eine Sache … Kindern werden heutzutage wie selbstverständlich Wünsche erfüllt und sie werden von den Eltern geküsst – früher waren Kinder eher wie kleine Erwachsene und wurden strenger erzogen. Auch meine Geschwister und ich sind so aufgewachsen, wir sind nie verhätschelt worden.

„Er hat nicht gern gelebt“

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In „Löwenherz“ erzählt Helfer von ihrem Bruder.

Er hat sich dort also nie wohlgefühlt?

Ich glaube nicht. Als Fünfjähriger war er mal eine Woche verschwunden und seine Tante hatte Angst, dass man ihr vorwerfen würde, sie hätte schlecht auf ihn aufgepasst. Deswegen meldete sie es nicht der Polizei, erst am fünften Tag stand eine Vermisstenanzeige in der Zeitung. Wie sich herausstellte, hatte er sich eine Höhle im Wald gesucht und sich dort versteckt. Es war Sommer, er hatte eine Wolldecke mitgenommen und genügend Proviant, er fühlte sich in dieser Höhle wohl.

Waren seine Lügengeschichten auch eine Art Flucht vor der Wirklichkeit?

Er wollte mit der Welt nichts zu tun haben. Er hat nicht gern gelebt. Er hat zwar gerne als Schriftsetzer gearbeitet und in seiner Freizeit gemalt, aber glücklich war er nie. Das änderte sich, als ihm der Hund zulief, den er bei sich aufnahm und als Kitti ihm später das Kind gab, das nicht sein eigenes war.

„Kitti hat etwas Dämonisches“

Richard lernte die schwangere Kitti kennen, die gleich ihr erstes Kind „Putzi“ an ihn abdrückte, obwohl sie sich gar nicht richtig kannten. Wieso ließ er sich so von ihr ausnutzen?

Das fragt man sich, das versteht kein Mensch. Im Buch habe ich es natürlich etwas übertrieben dargestellt, aber Kitti hat etwas Dämonisches. Sie wollte einfach nur Spaß am Leben haben und die beiden Kinder waren ihr lästig. Eines Tages kam sie an und wollte auch ihr Neugeborenes loswerden. Weil Richard aber nicht mit Babys umgehen konnte, wurde es kurzerhand bei mir und meinem Mann untergebracht, was ihr vollkommen gleichgültig war. Dieses Verhalten ist kriminell.

Und Sie haben nichts unternommen?

Wir haben zu Richard immer wieder gesagt: „Richard, du musst zur Polizei gehen, es ist nicht dein Kind, du kannst Schwierigkeiten bekommen!“ Aber er hat es schlichtweg nicht gemacht. Und das Merkwürdige ist, dass wir uns irgendwann selbst daran gewöhnt hatten. Das Baby – Putzi 2 – wurde nach einer Woche wieder von ihr abgeholt, aber Putzi 1 gehörte dann zu Richard dazu. Sie war so reizend und entzückend, wir haben sie alle geliebt.

Putzi 1 und Putzi 2

Was hat es eigentlich mit diesen seltsamen Namen auf sich?

Das Verrückte ist, dass Richard nie wusste, wie das Kind hieß! Kitti nannte ihre Kinder immer nur Putzi 1 und Putzi 2 und konnte sich den komplizierten richtigen Namen von Putzi 1, den deren Vater ihr gab, vermutlich gar nicht merken. Ich glaube, sie hat nicht mal gewusst, von welchem Mann das zweite Kind war, sie ist ja mit jedem ins Bett gegangen.

Und deswegen wurde kein offizieller Adoptionsantrag gestellt?

Ja, eines Tages hat Richard Tanja geheiratet, eine Anwältin. Sie dachte, genau wie alle anderen, dass Putzi sein Kind wäre. Als sie es dann herausfand, wollte sie versuchen, das Kind zu adoptieren. Das Problem war, dass man ein Kind nicht adoptieren kann, dessen Namen man nicht weiß und er war nicht mal der leibliche Vater. Also schrieb Tanja einen Brief direkt an Kitti und bat um die Adoption, woraufhin diese aber wenige Tage später mit Verstärkung vor der Tür stand und Richard das wie am Spieß schreiende Kind entzog.

Das muss furchtbar für ihn gewesen sein.

Seine Zuneigung zu Tieren und zu Kindern war typisch für ihn, Putzi und der Hund waren sein Lebensglück. Als der Hund starb und ihm Putzi genommen wurde, hatte er keinen Grund mehr gehabt zu leben und hat sich dann auch mit 30 Jahren von der Welt verabschiedet.

„Putzi 1 – wir haben sie alle geliebt“

Interessiert Sie, was aus Putzi 1 und Kitti geworden ist?

Was aus Putzi geworden ist, wüsste ich schon gerne. Bei Kitti – um Himmels willen, ich will nichts mit ihr zu tun haben. Irgendwann kam mal eine Frau bei einer Lesung zu mir und meinte, sie würde Kitti kennen. Ich habe sofort abgewunken. Ich möchte nichts mit ihr zu tun haben, sie soll mich nur in Ruhe lassen.

Blut ist demnach nicht immer dicker als Wasser?

Also Putzi 1 – lieber hätte man ein Kind gar nicht haben können, wir haben sie alle geliebt. Ich halte nichts von diesem Spruch, dass Blut dicker sei als Wasser. Ich war sehr mit Richard verbunden und bin es noch, aber es gibt auch viele Fälle, in denen sich der Spruch nicht bewahrheitet. Ich glaube, man liebt jeden, der gut zu einem ist, das gilt als Erwachsener und bei Kindern sogar noch stärker.

Monika Helfer: „Löwenherz“, Hanser, 192 Seiten, 20 Euro


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Die Freiheit einer Frau

Shootingstar der Literatur, Édouard Louis, zeichnet in seinem neuen Buch „Die Freiheit einer Frau“ das Porträt einer Mutter

Text: Ulrich Thiele

Édouard Louis misstraut der Literatur: „Man hat mir gesagt, die Literatur dürfe niemals versuchen, die Wirklichkeit zu erklären, sondern sie nur illustrieren, aber ich schreibe, um das Leben meiner Mutter zu verstehen“, beschreibt der Franzose an einer Stelle sein antiliterarisches Programm.

Seine Herkunft, das Arbeitermilieu, Armut, die Herablassung der Intellektuellen gegenüber der Landbevölkerung, die rauen und engen Rollenverhältnisse im Arbeitermilieu – all das waren schon in seinem ersten Roman, „Das Ende von Eddy“, die zentralen Themen. Nachdem er sich zuletzt in „Wer hat meinen Vater umgebracht?“ seinem Vater näherte und wie die Klassenverhältnissen ihn durchdrängten, porträtiert er in „Die Freiheit einer Frau“ nun also seine Mutter – wieder zärtlich und wütend mit einem (meist) schnörkellosen Stil, den man emphatisch-soziologisch nennen könnte.

Kein glattes Happy End

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Die Freiheit einer Frau von Édouard Louis

Ausgangspunkt ist ein Bild seiner Mutter in jungen Jahren, das das Cover ziert: „Sie frei zu sehen, mit ganzem Körper in die Zukunft projiziert, rief meine Erinnerung an ihre mit meinem Vater geteilten Lebensjahre wach, die von ihm ausgegangenen Demütigungen, die Armut, zwanzig Jahre ihres Lebens versehrt und fast zerstört durch die männliche Gewalt und das Elend.“ Als Mädchen hatte sie davon geträumt, Köchin zu werden. Sie blieb ohne Ausbildung, war zweimal verheiratet, bekam fünf Kinder und war „gefangen im häuslichen Rahmen.“ Doch wie auch sein Vater, dessen spätes Infragestellen seiner Männlichkeitsvorstellungen Louis in „Wer hat meinen Vater umgebracht?“ schildert, findet seine Mutter zumindest teilweise einen Weg aus der Ohnmacht. Mit 45 Jahren verlässt sie ihren Mann, zieht vom Dorf nach Paris, findet einen Partner.

Es ist kein glattes Happy End. „Die bourgeoisen Frauen aus ihrer Straße“ begegnen ihr „voller Herablassung“, manchmal langweilt sie sich, doch sie sei glücklich, sagt sie. Am Schluss stellt Louis die Frage, ob die Fähigkeit, Glück zu empfinden, eine Grundbedingung sein könnte für individuellen und gesellschaftlichen Wandel. Womöglich wird Louis ihr in seinem nächsten Buch nachgehen.

Édouard Louis: „Die Freiheit einer Frau“, Fischer, 96 Seiten, 17 Euro. Autorenlesung und Gespräch am 4. März, 19:30 Uhr im Schauspielhaus


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Literaturpunks

Um kommerzielle Zwänge fernzuhalten und künstlerisch frei zu sein, haben die Schriftsteller Klaus Ungerer und Andreas Baum eine eigene Buchreihe gegründet: die edition schelf

Text: Ulrich Thiele

Mit großen Verlagen ist das so eine Sache. Sie haben die Mittel, um Literatur in großem Stil unter die Menschen zu bringen, doch sie müssen sich an Verkaufszahlen orientieren. Mit der Verkaufszahlenorientierung beginnt das Sicherheitsdenken, worunter die Kreativität leiden kann. Cover und Buchtitel sind oft im Sinne der Vermarktbarkeit, nicht im Sinne des Autors, und „Roman“ muss auf jeden Fall draufstehen, Novellen verkaufen sich nicht.

„Wir haben uns letztes Jahr im Frühjahr zusammengesetzt und gesagt: Wenn die Verlage unsere Herzensprojekte nicht machen wollen, dann machen wir den Scheiß eben selbst“, sagt der Schriftsteller Klaus Ungerer. Mit „Wir“ meint er sich und seinen Schriftstellerkollegen Andreas Baum. Im Herbst 2021 haben die beiden eine Buchreihe im Eigenverlag gegründet: Die edition schelf versammelt Erzählungen in klassischer Novellenlänge, ungefähr 100 Seiten. Zusammen mit der Grafikerin Anusch Thielbeer werden die Bücher in enger Zusammenarbeit und zur Zufriedenheit aller erstellt. Die Produktionskosten sind gering, Ungerer und Baum haben das Lektorat selbst übernommen, zudem müssen sie keine hohen Auflagen drucken, da alles nach On-Demand-Prinzip abläuft.

Zwei eigene Novellen

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Klaus Ungerer: „Das Fehlen“, 108 Seiten, 8,99 Euro, erschienen bei edition schelf

Den Anfang machten die Gründer im Herbst mit zwei eigenen Novellen. Klaus Ungerers „Das Fehlen“ ist eine Geschichte über Einsamkeit im Großstadtgetriebe, die nicht von einem Plot, sondern von Atmosphäre getragen wird. Ein namenloser Erzähler schlendert durch Berlin und denkt nach über das, was fehlt: Mutterliebe, erotische Liebe, gesellschaftliche Utopie, verstorbene Menschen. Ungerers Flanierstil ist heiter-melancholisch, manchmal zum Loslachen komisch, dann wiederum tieftraurig, etwa in der Erinnerung an die Freundin Sylvia, die an Krebs erkrankte und „nach und nach Dinge und Personen aus ihrem Leben“ verabschiedete: „Nun war ich dran.“ Wie wahrhaftig Ungerer in wenigen Passagen der ganzen wehmütigen Wucht der letzten gemeinsamen Tage bis zum Abschied Raum gibt, gehört zu den Höhepunkten seiner Einsamkeitsnovelle.

Ganz woanders ist Andreas Baums „Hier bist du sicher“ angesiedelt. Die „afghanische Novelle“ spielt im Herat des Jahres 2004. Nach den Unruhen haben fast alle Ausländer die Stadt verlassen. Der Erzähler, ein deutscher Lehrer, ist geblieben. Die Amerikaner haben sich zurückgezogen, Aufständische übernehmen die Stadt, die Straße zum Flughafen ist gesperrt. In seiner Pension mit dem grünen Innenhof sei der Lehrer sicher, sagen die Wachen am Tor und sein Dolmetscher Karim.

„edition schelf ist wie eine Bandgründung

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Andreas Baum: „Hier bist du sicher“, 96 Seiten, 8,99 Euro, erschienen bei edition schelf

Wie Ungerers Novelle prägt Baums „Hier bist du sicher“ eine ungeheuer dichte Atmosphäre, an der Baum, der 2004 selbst einige Monate in Herat verbrachte, jahrelang gefeilt hat. Dies zeigt sich zum einem in der poetisch-präzisen Beschreibung kultureller Riten und der staubigen Stadtlandschaft. Zum anderen im Gefühl der Bedrohung: „Ich habe das Gefühl, dass ich, solange ich in der Stadt bin, in großer Gefahr bin. Jemand hat mir eine Schlinge um den Hals gelegt. Und irgendwann zieht er zu“, sagt der Lehrer. Im Laufe der Geschichte zieht die Schlinge sich weiter zu, die ihm ohnehin nicht verständliche Umgebung wird für den Lehrer immer bedrohlicher. Kann er seinen Freunden trauen? Gehört er zu den Geiseln, ohne es zu merken? Ein Kommentar zu westlichen Interventionen bei gleichzeitigem Unvermögen, die afghanische Kultur zu verstehen, schwingt unaufdringlich mit.

Wie geht es nun weiter mit der edition schelf? Im Frühjahr soll eine Liebesnovelle von Ungerer erscheinen, eine weitere Novelle von Baum liegt ebenfalls bereit, andere Autoren folgen. Alles weitere ist offen. „Wenn zwei oder drei Leute gut miteinander funktionieren, dann braucht man erst mal keinen großartigen Plan, wie es weitergeht“, sagt Ungerer. „edition schelf ist wie eine Bandgründung – wir nehmen die Instrumente in die Hand und spielen drauf los.“

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 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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„Wer singt, ist stärker“

Katharina Hagenas „Herzkraft“ ist eine literarische Erkundung der Wirkmacht des Singens. Ein Gespräch über Frauenbilder in Märchen und Mythen, Unmittelbarkeit und darüber, warum die Hemmschwelle zum Singen in Deutschland höher ist als in anderen Ländern

Interview: Ingrun Thiele

SZENE HAMBURG: Frau Hagena, die Unterdrückung der Frau spielt in Ihrem Buch eine wichtige Rolle, etwa am Beispiel von Märchen und Mythen – Sirenen, Wasserfrauen, Nymphen. Sie hinterfragen an einer Stelle, ob die Meerhexe in Hans Christian Andersens „Die kleine Meerjungfrau“ wirklich böse ist und haben ein alternatives Ende erfunden. Sollten Märchen generell modernisiert werden, um das Frauenbild anzupassen?

Katharina Hagena: Prinzipiell finde ich, dass man gar nichts umschreiben muss, sondern lieber die Texte genauer lesen sollte. Kunstmärchen wie die von Hans Christian Andersen sind letztlich sehr in ihrer Zeit verhaftet, dort lernen wir etwas über die bürgerlichen Fantasien des 19. Jahrhunderts. Eine singende Meerjungfrau, die ihre Stimme gegen Beine eintauscht und hofft, durch Heirat eine Seele zu bekommen? Ernsthaft? Glücklicherweise ist aber ein guter Text klüger als sein Autor, und wir sehen darin heute Dinge, die vielleicht im vorvorigen Jahrhundert noch nicht sichtbar waren. Echte Volksmärchen hingegen sind so reduziert und so stark, dass sie ohnehin genug Raum zum Interpretieren lassen. Und nicht nur in eine Richtung.

„Singen hat etwas befreiendes“

Frauenfiguren in Märchen sind nur ein Teil Ihres Buches über das Singen. Sie richten Ihren Blick querfeldein auf die Kulturgeschichte, Soziologie, Physiologie, auch Singtherapien werden erwähnt. Hätten Sie noch mehr Themen in petto gehabt?

Auf jeden Fall, unendlich viele. Aber ich muss selbst eine gewisse Notwendigkeit verspüren, um ein Buch schreiben zu können. Das geschieht, wenn mich ein Thema so umtreibt, dass ich versuchen muss, mich ihm schreibend zu nähern. Schreiben ist immer eine Art Wahrheitssuche. Ich bin nicht systematisch vorgegangen, sondern habe darüber geschrieben, welche Aspekte des Singens mich begeistern und bewegen. Dadurch ist „Herzkraft“ sehr persönlich und eher eklektizistisch.

In welchen Lebenslagen singen Sie persönlich gern?

Ich glaube, wenn mein Herz sehr voll ist. Oft habe ich auch das Gefühl, dass man singend diesen Grauschleier, der manchmal auf einen herabsinkt, zerreißen kann, das hat etwas Befreiendes. Aber wenn er zu dicht ist, bleibt mir auch mal die Stimme weg.

„Im Nationalsozialismus wurde sehr viel gesungen“

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„Die Faschisten hätten überhaupt nicht so mächtig werden können,
wenn sie nicht so viele Lieder gehabt hätten“, sagt Katharina Hagena in „Herzkraft“

Obwohl Singen etwas Befreiendes ist, wie Sie sagen, gibt es eine weit verbreitete Hemmschwelle. Wie erklären Sie sich das?

Beim Singen wird das Innerste nach außen getragen. Wir zeigen viel von uns, wenn wir vor anderen singen, machen uns also verletzlich. Das finde ich auch immer wieder schwierig. Viele Menschen singen deshalb lieber für sich allein. Dass Deutsche, die im Ausland aufgefordert werden zu singen, bisweilen verschämt einen spontanen Kehlkopfriss simulieren, hat vielleicht auch etwas mit unserer jüngeren Geschichte zu tun. Im Nationalsozialismus wurde sehr viel gesungen. Die Faschisten hätten überhaupt nicht so mächtig werden können, wenn sie nicht so viele Lieder gehabt hätte. Ein echter Bruch mit diesen Liedern kam erst mit der 68er-Generation, die alles, was in der NS-Zeit gefeiert wurde, hinterfragte. Es entwickelte sich ein Misstrauen gegenüber dem Gesang und dem, was es mit einem macht. Das war auch notwendig. Jetzt wird das zum Glück wieder anders.

Was meinen Sie damit, „was es mit einem macht“?

Singen ist wahnsinnig emotional und kann einen ganz unmittelbar ergreifen. Es ist rauschhaft, lustvoll und beglückend. Es spricht die Sinne an genauso wie die Seele, macht Mut und stärkt das Gemeinschaftsgefühl.

Singen vs. Sprechen

Sie schreiben, Singen sei etwas so Emotionales, dass ein negativer Kommentar zur eigenen Stimme gleich ein negativer Kommentar zum ganzen Menschen sei.

Total! Alle, die sagen, dass sie nicht singen können, hatten mindestens ein kränkendes Erlebnis, meist schon in frühster Jugend. Die Stimme ist so ein großer Teil der Persönlichkeit. Die „Persona“ war in der Antike eine Theatermaske, aber das Wort kommt von personare, hindurchklingen. Das, was durch die Maske dringt, definiert den Menschen. Die Stimme trägt alles in sich, definiert den Menschen, zeigt seine Gefühle, macht ihn aus. Natürlich ist die Stimme nur eines von vielen Fenstern in die menschliche Seele oder Natur. Es ist eben das, durch das ich in diesem Buch schauen wollte.

Und beim Singen ist dieser Effekt noch stärker als beim Sprechen?

Genau, weil das Sprechen eher auf einer rationalen Ebene stattfindet, Singen ist viel emotionaler, und deshalb packt es auch die, die es hören. Singend macht man sich zwar selbst verwundbar, aber auch die Zuhörenden öffnen sich und lassen sich auf die Gefühle ein, die ihnen entgegenströmen. Singen gibt einem daher auch Macht über andere. Es betört, verführt, ergreift. Genau wie bei den singenden Frauen, über die ich schreibe.

„Es geht wahrscheinlich um Wahrhaftigkeit“

Was bedeutet der Titel „Herzkraft“?

Ich habe eine sehr alte und wundervolle Gesangslehrerin. Als Herzkraft bezeichnet sie diese Stärke, die das Singen ausmacht. Es ist das Gefühl, wenn Atem und Stimme ganz leicht beieinander liegen. Es muss aus dem ganzen Körper kommen, nicht nur aus der Kehle. Alles schwebt und fließt. Es ist nicht anstrengend, aber trotzdem passiert ganz viel im Körper. Wenn mir das – sehr selten – gelingt, ruft sie aus: „Jetzt singen Sie mit Herzkraft!“ Und das ist immer das Beste.

Ist die Herzkraft auch hörbar, wenn jemand technisch nicht auf hohem Niveau singt?

Ja, das empfinde ich ganz stark so. Viele Sängerinnen und Sänger sind technisch virtuos und brillant und haben große Stimmen und eine tolle Musikalität. Und manche davon berühren mich, andere nicht. Ich weiß nicht genau, woran es liegt. Vielleicht hat es am Ende doch etwas mit der Person selbst zu tun. Ich meine „Person“ im ganz wörtlichen Sinne, also das, was hinter der Maske liegt. Natürlich kommen mir genauso oft die Tränen bei Liedern von Menschen, die gar keine ausgebildeten Stimmen haben, aber eben mit Herzkraft singen. Es geht wahrscheinlich um Wahrhaftigkeit – wie immer eigentlich.

Singen als Friedensbringer

Das heißt, wenn jemand voller Leidenschaft und Inbrunst, dafür aber umso schiefer singt, finden Sie das schön?

Tja, die Schönheit ist ein weites Feld. Wenn ich voller Inbrunst ein Pferd male, ist es leider nicht möglich, das schön zu finden – auch wenn ich das selbst vielleicht so fühle. Und oft ist das beim Singen ähnlich. Aber es gibt auch Gesänge, mit denen sich zum Beispiel Verzweifelte Mut zusingen, mit denen Mütter oder Väter um ihre Kinder trauern, da werden ästhetische Bedenken einfach bedeutungslos, denn der Gesang ist notwendig und roh und unmittelbar. Das ist mehr als schön, auch wenn es unsere Vorstellung von Schönheit erst einmal aushebelt.

Ist es auch möglich, sich in Rage zu singen?

Ja, klar gibt es Hetzgesänge, Lieder, die Aggressionen schüren. Die Macht dieser Lieder liegt aber weniger im Hass, den sie versprühen, als in der Stärkung des Gemeinschaftsgefühls der Mitsingenden. Und doch glaube ich, Yehudi Menuhin hat recht, wenn er sagt: Wer mit ganzem Herzen singt und zuhört, wie jemand neben ihm mit ganzem Herzen singt, der kann diesen nicht hassen. Nach Menuhin ist Singen zuallererst ein Frieden stiftendes Unterfangen.

„Schlager geben mir nichts“

Was versetzt Sie als Hörerin in Rage?

Es gibt Stücke, bei denen ich mich über mich selbst ärgere. Ich ärgere mich, dass mich irgendein banaler Kitsch rührt und ich ihm irgendwie ausgeliefert bin. Ich höre ein Lied, ich finde es eigentlich richtig doof, und doch habe ich eine körperliche Reaktion, kriege sogar eine Gänsehaut, die wahrhaftig nicht der „Beweis“ für Qualität ist! Diese Art von Exploitation, die dabei stattfindet, hat auch etwas Pornografisches.

Sie meinen Schlager?

Schlager geben mir nichts, aber ich halte sie für harmlos.

Singen und Angst gehen Ihrer Meinung nach auch nicht zusammen – trotzdem kann man sich doch Mut machen durchs Singen, oder?

Es geht physiologisch nicht zusammen. Das, was im Gehirn beim Singen an einer Stelle ausgelöst wird, dämpft an einer anderen die Angstgefühle. Es fängt schon damit an, dass man eine stabile Haltung einnehmen muss, damit überhaupt Töne herauskommen. Das allein hilft schon gegen die Angst. Ich kenne Kinder, die laut singen, wenn sie allein in den Keller gehen oder an großen Hunden vorbei müssen. Wer singt, ist stärker.

Katharina Hagena: „Herzkraft“, Arche, 224 Seiten, 18 Euro. Autorenlesung am 8. Februar 2022 im Literaturhaus, 19.30 Uhr (via Livestream)


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2022. Das Magazin ist seit dem 29. Januar 2022 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Lessing-Preis 2022 für Uwe Timm

Der Autor von „Morenga“, „Am Beispiel meines Bruders“ und „Ikarien“ wurde am 23. Januar 2022 mit dem Lessing-Preis der Stadt Hamburg ausgezeichnet

Text: Felix Willeke

 

Seit 1930 vergibt die Stadt Hamburg den heute mit 10.000 Euro dotierten Lessing-Preis an Dichter, Schriftsteller und Gelehrte. Der seit 1977 alle vier Jahre vergebene Preis soll Menschen ehren, „deren Werke und Wirken unter dem hohen Anspruch, den der Namensgeber des Preises setzt, Auszeichnung verdienen“. Bei der Verleihung am 23. Januar 2022 im Thalia Theater ging der Preis in diesem Jahr an den in Hamburg geborenen Schriftsteller Uwe Timm. Er „beschönigt nichts und besteht zugleich auf dem Prinzip Hoffnung. Nicht zuletzt dies verbindet ihn mit Gotthold Ephraim Lessing“, heißt es in der Begründung. Zuletzt veröffentlichte der 81-Jährige mit „Der Verrückte in den Dünen“ eine Reflexion über Utopie und Literatur.

 

Das Stipendium

 

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„Bildgeschichten mit einer starken narrativen Kraft“ von der Lessing-Stipendiatin 2022, Birgit Weyhe (Foto: Sabine Reinecke)

Seit 1953 wird zusätzlich zum Lessing-Preis ein Förderstipendium vergeben. Die mit 5.000 Euro dotierte Förderung geht in diesem Jahr an Birgit Weyhe. Die 53-jährige Comiczeichnerin, Illustratorin und Autorin von Graphic Novels wird für ihre Bildgeschichten ausgezeichnet, die „eine starke narrative Kraft“ haben, so das Preisrichter:innenkollegium. Weyhe gehöre „zu den Impulsgebern einer neuen Generation von selbstbewussten Zeichnerinnen, die auf die eindrückliche Kombination von Text und Bild setzen.“ 2022 erscheint ihr neues Comic „Rude Girl“, das Thema: Kulturelle Aneignung.


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