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Marc Degens’ Autofiktion: Oh, Kanada

Vier Jahre lang hat der Schriftsteller, Verleger und Neu-Hamburger Marc Degens in Kanada gelebt. Seine Aufzeichnungen sind in „Toronto“, erschienen im mairisch Verlag, zu lesen

Interview: Ulrich Thiele

 

Viel passiert nicht, zumindest auf der Plot­-Ebene. Degens berichtet in knappen Sätzen von Restaurant­ und Konzertbesuchen, Lesungen und entspannten Nachmittagen in Buchläden und Comicshops sowie von Reisen quer durchs Land. Zwischen den Zeilen passiert hingegen viel, denn diese charmante Zelebrierung des Lebens in einer offenen Gesellschaft macht glücklich und sehnsüchtig zugleich.

 

SZENE HAMBURG: Marc Degens, unter diesen Umständen stachelt „Toronto“ das Fernweh noch mehr an als ohnehin schon.

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Foto: Martina Steber

Marc Degens: Ich glaube, dass es ein Buch ist, mit dem man gut auf Reisen gehen kann, selbst wenn man zu Hause bleibt. Meine Hoffnung ist, dass es weniger ein Reiseführer ist, der anleitet, was man alles ma­chen könnte. Sondern dass man mit dem Buch tatsächlich eine Reise erlebt.

Sie sind seit zwei Jahren wieder in Deutschland. Was vermissen Sie am meisten?

Wunderbare Autofahrten mit Blicken auf Seen und bisher unbekannte Landschaften. Gerade in der jetzigen Zeit, in der ich auf meine eigenen vier Wände zurückgezogen lebe, vermisse ich das ganz deutlich.

Sie waren vier Jahre in Kanada, das Erlebte lesen wir in Ihrem Buch in verdichteter Form. Manche Ihrer Einträge schildern mehrere Tage am Stück, dann gibt es immer wieder mal einen Sprung von mehreren Wochen oder Monaten. Wie haben Sie Ihre Tagebucheinträge für das Buch selektiert?

In Hinsicht auf eine Pointierung. Die Frage war, was der rote Faden ist und welche Geschichte ich erzählen wollte.

Und zwar?

Die Facetten, die dieses Land aus­ machen, und wie man sie erlebt, wenn sie für einen Neuland sind. Also wie gesagt: Auf der einen Seite die Natur­erfahrung, die Weite und Schönheit dieses Landes.

Aber auf der anderen Seite auch die kanadische Mentalität in der Großstadt Toronto, die mich sehr berührt hat und die ich sehr einzigartig fand. Diese Herzlichkeit, Offenheit und Toleranz, die ich besonders in den Kulturveranstaltungen gespürt habe, und die Entspanntheit, die das Leben so angenehm macht.

In einer Szene schreiben Sie, wie Sie ein Bild auf Instagram als Erinnerung für Sie selbst veröffentlichen. „Dass andere das Foto auch sehen können ist allerdings ein schöner Nebeneffekt. Genauso verhält es sich mit dem Schreiben.“ Schreiben Sie also nur für Sie selbst?

Die Stelle bezieht sich auf mein Ta­gebuchschreiben. Dabei ist es tatsächlich so, dass es hauptsächlich einen Sinn für mich erfüllt. Indem ich auch ganz banale Dinge archiviere. Da ist auch der Bogen zu den sozialen Medien.

In­stagram wird gern als ein Medium der Selbstdarstellung gesehen, um Likes zu sammeln. Ich glaube aber, dass ein we­sentlicher Punkt des Postens wie beim Tagebuchschreiben das Archivieren für sich selbst ist. Und auf der Timeline kann man dieses Archiv dann immer wieder durchforsten.

Ich möchte aber nicht mein gesamtes Tagebuch veröffentlicht sehen. Das ist viel zu umfangreich und voller Banalitäten, die ich niemandem zumuten will. Deswegen die Selektion und Reduktion. Das ist dann der schriftstellerische Prozess: herauszufinden, was weggelassen werden kann.

Also das Kürzen als fast schon wichtigster schriftstellerischer Prozess?

Zumindest einer, der immer wich­tiger wird. Oft, wenn ich gefragt werde, woran ich schreibe, kann ich antworten: Ich schreibe gar nicht mehr, ich bin nur noch am Streichen.

 

„„Toronto“ ist ein Buch über das Glück.“

 

Hat das Schreiben umgedreht auch Ihren Blick auf Kanada geprägt?

Ich würde erst einmal bestreiten, dass die schriftstellerische Wahrnehmung zu einem anderen Erleben führt. Persönliche Vorlieben spielen eher eine Rolle als der Beruf. Bei mir ist es das Visuelle: Meine Liebe zu Comics zum Beispiel.

Das passt zu Ihrer Trennung von Kunst und Leben. Das Leben sei wichtiger als die Kunst, schreiben Sie.

Damit richte ich mich gegen dieses Bild, das man in Deutschland oft pflegt: vom gequälten Künstler, der sein eigenes Leben vernachlässigt, um große Kunst zu schaffen. Über Glück zu schreiben ist schwer und es wird eher selten gemacht.

Es gibt einen Satz von Marcel Reich­-Ranicki, der sinngemäß anmerkte, dass immer nur Romane über unglückliche Lieben geschrieben werden, aber nie über glückliche Ehen. Ich wollte etwas thematisieren, was ich in Kanada erfahren habe, nämlich ein großes Gefühl des Glücks und auch der Dankbarkeit. „Toronto“ ist ein Buch über das Glück.

Sie haben in Ihrem Verlag SUKULTUR eine Reihe für Autofiktionen gestartet. Ist „Toronto“ auch Autofiktion?cover-toronto-marc-degens

Das Tagebuch ist ja ein klassisch autobiografisches Format, das es schon gab, bevor es die Autofiktion gab. Autofiktion hat immer auch den Aspekt, dass sich zu dem autobiografischen Geschehen eine literarische Fiktion hinzu­gesellt. In „Toronto“ gibt es nur wenige Stellen, die in Richtung Fiktion gehen, etwa wenn Erinnerungen aufkommen und diese sich zu einer Geschichte ent­wickeln.

Der Begriff ist also literaturwissenschaftlich unscharf, aber wir wissen, was damit gemeint ist: Eine Form des autobiografisch verbürgten Schreibens, die im Gegensatz zum rein Fiktiven steht. Insofern ist „Toronto“ auch Autofiktion.

Warum ist autobiografisch gefärbtes Erzählen derzeit so populär?

Weil traditionelle Literaturgattungen wie der Roman ein bisschen in die Krise geraten sind. Heute wird sich weniger darüber ausgetauscht, welche Romane man gelesen hat, sondern welche Fernsehserien man gesehen hat.

Der Roman ist nicht tot, aber er hat mehr Konkurrenz, weil das epische Erzählen durch die veränderte Medienlandschaft andere Ausformungen bekommen hat. Dadurch sind andere literarische Formen im Aufwind, zum Beispiel kleine Beobachtungen in kurzen, pointierten Formen.

 

„In Hamburg ist das Fernweh am geringsten“

 

In Interviews mit berühmten Schriftstellern entsteht oft der Eindruck, dass sie über das Autobiografische als Stilmittel nicht reden wollen, weil sie die Frage danach als kränkende Nicht-Anerkennung ihrer Fantasiefähigkeit sehen. Teilen Sie den Eindruck?

Ich habe vor einigen Mo­naten das Buch „Das Tagebuch und der moderne Autor“ aus den 1960er Jahren gelesen. Darin melden sich Schriftstellergrößen wie Arno Schmidt, Heinrich Böll und Elias Can­etti zu Wort und man merkt noch deutlich ihre Reserviertheit gegenüber diesem Medium. Arno Schmidt etwa hat das Tagebuch-­Schreiben als literarische Kunstform komplett abgelehnt.

In den Ablehnungen schwingt oft auch noch diese alte Genieästhetik mit. Also die Annahme, dass das Genie von der Muse befeuert wird und dabei Kunst herauskommt, die schon immer da war und nur freigelegt werden müsse. Das ist ein recht überholter Gedanke.

Viele Texte beschreiben heute, unter welchen Schwierigkeiten und von welchen gesellschaftlichen Faktoren beeinflusst Kunst hergestellt wird. Kunst als etwas vom Menschen und nicht vom Genie Gemachtes zu sehen, ist in meinen Augen aber die zeitgemäßere und richtige Lesart.

„Die kanadische Freundlichkeit und das permanente Entschuldigen haben mich für das Leben in Berlin unbrauchbar gemacht“, schreiben Sie an einer Stelle. Sie leben seit letztem Jahr nicht mehr in Berlin, sondern in Hamburg. Was hat Sie hergezogen?

Tatsächlich war Hamburg seit Jahrzehnten ein Sehnsuchtsort für mich, obwohl ich nur selten hier war. Aber die Erfahrungen, die ich hier gemacht habe, waren immer außergewöhnlich.

Hamburg hat eine reiche und diverse Kunst­ und Kulturszene, und es herrscht eine Freundlichkeit in der Stadt, die mich sogar an Toronto erinnert. Ich dachte, wenn schon zurück nach Deutschland, dann ist Hamburg die ideale Stadt. Das Fernweh ist hier am geringsten. Ich befürchte aber, dass ich merken werde, wie sehr mir die weiten kanadischen Landschaften fehlen, wenn ich Ausflüge ins Umland mache.

Was ist das Schönste an der Rastlosigkeit?

(überlegt) Dass sie nicht zu Ende geht.

Marc Degens: „Toronto“, mairisch, 144 Seiten, 12 Euro


Cover Szene Juni 2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juni 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Mai 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Die Welt von Gestern: Severus Verlag feiert Jubiläum

Messen wurden abgesagt, Neuveröffentlichungen verschoben. Grund genug, die weite Welt des Vergangenen zu entdecken – zum Beispiel im Sortiment des Severus Verlags, der sein 10. Jubiläum feiert

Interview: Ulrich Thiele

 

Am 8. Mai 2010 wurde der Severus Verlag als Imprint der Bedey Media GmbH gegründet. Dennoch feiert er seinen 830. Geburtstag, wie er ironisch verkündet, denn in seinem Sortiment stehen auch mittelalterliche Werke wie die altbretonischen Liebes-Sagen „Die Lais der Marie de France“. Severus hat es sich zur Aufgabe gemacht, bekannte und vergessene Originaldokumente aus dem Fundus des letzten Jahrtausends in edlen Ausgaben neu zu verlegen. Eine bewusste Entscheidung „gegen den Trend der Zeit, Inhalte und Themen möglichst schnell und oberflächlich abzuhandeln“, wie es in der Selbstbeschreibung des Verlags heißt. Ein Gespräch mit Programmleiterin Anna Klöhn.

 

SZENE HAMBURG: Frau Klöhn, was bietet uns die literarische Welt von gestern?

Anna Klöhn: Einblicke in die Gedankenwelt unserer Vorfahren. In alten Büchern können wir hautnah erfahren, wie sie lebten und die Welt beurteilten. Gerade aus heutiger Perspektive ist das ungeheuer spannend.

Inwiefern?

Wir können zum Beispiel in Rudolf Diesels Tagebuch ganz dicht an seinen Gedanken während der Erfindung des Dieselmotors sein. Auch das Thema Entschleunigung ist momentan ja in aller Munde – diesbezüglich können wir viel von dem norwegischen Polarforscher Fridtjof Nansen lesen und lernen. Er hat als erster Mensch Grönland durchquert und seine ganzen Forschungen in drei Bänden herausgebracht. Darin können wir Seite für Seite lesen, wie Menschen früher wochenlang und unter schwierigsten Bedingungen gereist sind.

Heute ist die Welt längst vermessen worden, wir können in wenigen Stunden auf einem anderen Kontinent sein oder die Welt im Internet mit einem Klick durchreisen – was alles natürlich seinen Reiz hat, aber da fehlt das Ursprüngliche.

Welche alten Bücher sind besonders beliebt?

Kochbücher aus dem 19. Und 20. Jahrhundert haben seit zwei Jahren einen großen Anreiz bei unseren Lesern. Momentan kommt der Trend „Kochen und Backen wie zu Omas Zeiten“ wieder auf. 2016 haben wir angefangen, das Hamburger Kochbuch von Hulda Behnke aus dem Jahr 1923 neu aufzulegen – mit Hamburger Gerichten wie „Teufelstunke“ und „Rührei auf andere Art“.

 

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„Bücher sind Schätze“, sagt Anna Klöhn (Foto: Henry Be via Unsplash)

 

Ihre Neuauflagen sind sehr aufwendig. Wie gehen Sie vor – zum Beispiel bei Marx’ „Das Kapital“?

Das Besondere an unserer „Kapital“-Ausgabe ist, dass wir uns das Hamburger Original ausgesucht haben, also den allerersten Band. Wir besorgen uns die Bücher in der Regel selbst aus Antiquariaten und scannen sie ein. Wir haben ein Programm, mit dem die Frakturschrift dann übertragen wird. Anschließend überprüfen wir, was man an die heutige Rechtschreibung anpassen und was man so stehen lassen kann.

Im Hamburger Kochbuch gibt es zum Beispiel Mengenangaben, die es heute nicht mehr gibt. Das müssen wir in Fußnoten erläutern. Wenn das Lektorat durchgelaufen ist, gucken wir, wie wir die Bücher noch optisch aufwerten können – zum Beispiel durch eigens angefertigte Illustrationen wie in „Vegetarische Zeitreise“. Das ist unser Markensymbol: Wir geben uns große Mühe mit der Ausstattung der Bücher und füttern sie zusätzlich mit Bildmaterial. Und dann setzen wir sie ganz klassisch und entwerfen gleichzeitig ein passendes Cover.

Wie lange dauert das?

„Das Kapital“ ist natürlich sehr umfangreich, die Produktion hat entsprechend länger als normal gedauert. Bei einem Buch mit einem Umfang von 150 bis 300 Seiten dauert es zwischen drei und fünf Monaten, bis es auf den Markt kann. Was auch daran liegt, dass wir mehrere Projekte gleichzeitig betreuen.

Viele Ihrer Bücher haben Nischencharakter. Finden Sie trotzdem genug Leser?

Ja, auch Nischenthemen haben ihre Liebhaber. Außerdem achten wir immer auf anstehende Jubiläen, zu denen wir etwas beisteuern können. Gerade ein Schriftsteller wie Theodor Storm hat eine breite Leserschaft, die an Schmuckausgaben von Büchern interessiert ist, die es schon auf dem Markt gibt.

Wie entscheiden Sie, welche Jubiläen Sie aufgreifen und welche Sie auslassen?

Wir achten auf die Beliebtheit des Jubilars und oft auch auf den regionalen Hamburg-Bezug. Der Hamburger
Schriftsteller Wolfgang Borchert hatte auch gerade ein Jubiläum, zu dem Anlass haben wir seine bekanntesten Werke in liebevoller Gestaltung und aufeinander abgestimmten Ausgaben neu aufgelegt.

 

Ein anderes Leseerlebnis

 

Warum fokussieren Sie sich so stark auf die Haptik?

Unser Prinzip lautet: Bücher sind Schätze. Ich finde es sowieso spannend, antiquarische Bücher in der Hand zu halten, weil man ihnen ansieht, dass das Büchersetzen früher ein richtiges Handwerk war. Die Seiten wurden aufwendig mit Pergamentseiten dazwischen gestaltet. Oder es gab besondere Ledereinbände, was sich heute kein Verlag mehr leisten kann, weil die Kosten zu hoch sind. Wir streben an, diesen haptischen Reiz weiterhin zu erhalten – nur eben auf die heutige Zeit angepasst.

Legen Sie auch mal Bücher auf, von denen Sie wissen, dass sie sich nicht groß rentieren werden?

Ja, mein persönliches Faible zum Beispiel: Kunstbände. Ich komme aus der Romanistik und habe im Nebenfach Kunstgeschichte studiert. Wir haben Bände über Auguste Rodin, Edgar Degas oder Worpswede neu aufgelegt, obwohl zum Jubiläum schon welche veröffentlicht wurden und wir nicht wussten, ob es sich finanziell lohnt, sie noch mal neu aufzulegen.

Aber gerade Bildbände bieten ganz viel Gestaltungsfreiraum, der einfach verlockend ist. Manchmal probieren wir auch Nischenthemen aus, ohne einschätzen zu können, wie gut sie ankommen. Vor ein paar Jahren haben wir Märchen aus aller Welt veröffentlicht, mit japanischen und altindischen Märchen. Viele kennen ja nur die gängigen Märchen der Brüder Grimm oder von Andersen und wir wollten den Blick erweitern.

Liest man schöne Bücher anders?

Ja, ich denke schon. Manche Titel, die besonderes Interesse erregen, bringen wir auch als E-Book heraus. Ich merke dabei immer, dass es ein enormer Unterschied ist, ob man Bücher digital oder analog liest. Selbst zwischen Paperback und Hardcover gibt es einen großen Unterschied. Das ist ein anderes Leseerlebnis.

Warum heißt Ihr Verlag eigentlich „Severus“, also übersetzt „ernst“ oder „streng“?

So fing es damals an. Ganz ursprünglich hatten wir eine Reichskanzlerserie, die wir inzwischen ein bisschen zurückgestellt haben. Der Schwerpunkt war früher historisch-politisch und der Verlagsname spielt auf den damaligen Tonus an. Die Auffächerung mit mehr Literatur, Kunstbänden und Biografien von Künstlern und Musikern im Programm, folgte erst später.

Zum 75. Todestag der Malerin, Grafikerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz beleuchtet der Severus Verlag auf seiner Facebook-Seite die Werke der Künstlerin in einer digitalen Werkstatt


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2020. Das Magazin ist seit dem 30. April 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Netflix für die Ohren: Das Hörspiel „Head Money“

Das Hörspiel „Head Money“ des Hamburger Verlags „Lausch Medien“ verhandelt die sozialen Verwerfungen unserer Zeit. Ein Gespräch mit Verlagschef, Autor und Sprecher Günter Merlau über Kunst als Gesellschaftsinkubator und die Vorzüge des Hörspiels

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Man stelle sich vor: 100 Milliarden Dollar für den Kopf eines Milliardärs – wortwörtlich. So viel ruft die anonyme Organisation „Janus“ für die Ermordung eines OPEC-Generalsekretärs aus. Anfangs halten Politik und Medien die Aktion für einen makabren Streich. Ist es aber nicht, wie nach einer pulpigen Szene in der Elbphilharmonie klar wird.

Günter Merlau entwirft in „Head Money“ eine Dystopie, die eines der drastischeren unter den möglichen Zukunftsszenarien durchdekliniert. Dafür baut er verschiedene Handlungsstränge auf : Ein EU-Abgeordneter, der gegen die globale Steuerflucht kämpft, muss sich in Norwegen seiner linksradikalen Vergangenheit stellen. Eine Gaming-Bloggerin und ein LKA-Beamter kommen einer Verschwörung auf die Schliche. In Nigeria findet eine Polizistin die Spuren von „Janus“.

Das klingt nach Netflix und Co. Kein Zufall: Zur Zielgruppe gehören Fans von Serien wie „House of Cards“, „Homeland“ und „Westworld“. Merlau weiß den Unterhaltungsfaktor – inklusive Zuspitzungen und (manchmal über-) dramatischer Geräuschkulisse – mit politischem Anspruch zu verknüpfen. Die im Kopf entstehende Bilderwelt ist dank der hervorragenden Sprecher – darunter Rolf Becker und Dayan Kodua – reich und farbenprächtig. Die erste Staffel mit sechs Folgen ist seit dem 21. Februar auf dem Markt. Die Fortsetzung der auf drei Staffeln angelegten Serie soll ein halbes Jahr später folgen. Man darf gespannt sein.

 

SZENE HAMBURG: Herr Merlau, finden Sie es legitim, einem Milliardär den Kopf abzuschneiden?

Günter Merlau: Das ist die große Frage, mit der sich die Serie beschäftigt: Darf ein Zweck die Mittel heiligen? Als ich für die Recherche bei einem linksradikalen Wirtschaftsblatt in Berlin saß, haben sich zwei Redakteure gestritten, als ich sie nach ihrer Bewertung des Szenarios fragte. Der eine sagte, daraus könne nichts Gutes entstehen. Die andere sagte, jede Revolution habe blutig begonnen, deswegen könne sie sich vorstellen, dass ein solches Szenario auch positive Effekte hätte. Die meisten ordnen sich wohl irgendwo zwischen „absolut nein“ und „absolut ja“ ein.

 

„Wer mehr als 100 Millionen Euro für sich nutzt, ist ein Verbrecher“

Günter Merlau

 

Sie geben in der Serie sehr vielen Milieus Raum: von den Linksradikalen bis zu den Rechtsradikalen inklusive antisemitischer Kapitalismuskritik, bis hin zu den normalen Durchschnittsbürgern, den Konservativen und den Linksliberalen. Wo positionieren Sie sich?

Ich halte jemanden, der über 100 Millionen Euro für sich beansprucht, für einen Verbrecher. Man kann sicherlich unterscheiden zwischen Leuten, die Kapital und Vermögensinhalte verwalten, und Unternehmern, die nachhaltig Produktionsmittel und Arbeitsplätze schaffen. Grundsätzlich halte ich es aber für falsch, so viele Ressourcen an eine einzelne Person zu binden.

Das heißt, Sie sind auch für eine Reichensteuer, wie die von Ihnen gesprochene Figur des Politikers Alexander Schachat?

Ja, allerdings gibt es zahlreiche Details, und da liegt der Teufel begraben. Es gibt verschiedene Konzepte, momentan wird auch wieder die Transaktionssteuer verstärkt diskutiert, nachdem sie lange brach lag. Ich finde es wichtig, dass Derivate und der gesamte Aktienhandel endlich mal besteuert werden. Das kann doch alles nicht wahr sein – auch diese ganze Cum-Ex-Geschichte.

Das Thema Cum-Ex hatten wir gerade in Hamburg, als im Zusammenhang mit der privaten Warburg Bank der SPD politische Einflussnahme vorgeworfen wurde. Den meisten Bürgern schien das aber egal zu sein, obwohl sie die fehlenden Steuergelder zu spüren bekommen. Warum?

Weil es so weit weg ist. Man guckt dann doch lieber den Mercedes an, der durch die Straßen fährt, oder den Migranten, der einem angeblich „die Arbeit wegnimmt“, was natürlich nicht stimmt. Die 0,1 Prozent der Superreichen sind zu weit weg und der Abstraktionsgrad ist zu hoch, deswegen will man sich nicht weiter damit beschäftigen.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass Politiker wie Sven Giegold das tun. Er kämpft seit neun Jahren im Europaparlament gegen Steuerflucht und dafür, dass die Finanztransaktionssteuer durchgesetzt wird.

Cover-HeadMoneyIst Alexander Schachat nach Giegold konzipiert?

Ja. Ich habe Giegold für meine Recherchen interviewt. Natürlich habe ich vieles geändert, aber er ist eine Art Role Model für Schachat. Ich muss ihn allerdings ganz klar freisprechen von einer Nähe zum Szenario im Hörspiel. Er ist ein sehr menschenfreundlicher Geselle und sagt ganz klar: Wenn wir den Rechtsstaat verlassen, dann ist alles verloren.

Schachat ist ein ehemaliger Linksradikaler, der regierungsfähig geworden ist…

…und mit den Zwängen und der Realität in einer Art konfrontiert wird, wie wir es bei allen gesehen haben – von Joschka Fischer bis zu Otto Schily. In meinen Augen ist er ein weiser Politiker – also jemand, der führungsfähig ist, nicht herumwütet, die Probleme und die notwendigen Kompromisse auf dem Lösungsweg nicht wegleugnet. Jemand, der sich der Verantwortung nicht entzieht und der nicht so tut, als könnte man die Probleme der Welt mit Molotow-Cocktails wegbomben. Eine Gesellschaft besteht nun einmal aus vielen Teilen und sie braucht Staatsmänner, die integrativ sind und verbinden.

Neben Giegold haben Sie für Ihre Recherchen mit Experten wie Tom Strohschneider und Benedikt Strunz gesprochen und sich von NGOs wie Oxfam, Attac und Sea Shepherds beinflussen lassen. Warum haben Sie nicht mit Konservativen geredet?

Das ist eine kleine Lücke. Ich habe das nicht im Rahmen der Recherchen getan, allerdings vorher schon für andere Projekte und mich daran auch beim Schreiben bedient. Ich setze mich intensiv mit internationaler Politik auseinander, auch in verschiedenen Medien, so bekomme ich etwas von allen Stimmen aus den verschiedenen Meinungsmilieus mit. Es gibt viele tolle konservative Politiker und Unternehmer, die ich schätze.

Ich bin ja selbst ein Unternehmer. Ich lebe selbst in einem ambivalenten Spannungsfeld. Meine Mitarbeiter werden sich kein Häuschen in Hamburg leisten können mit dem Geld, das sie bei mir verdienen. Ich habe meinen Wohlstand nur durch die „Ausbeutung“ von Mitarbeitern bekommen. „Ausbeutung“ im Sinne von: Ich habe ihre Arbeitskraft genutzt, um Kapital zu vermehren. Die eigene Arbeit allein kann niemals Reichtum erzielen.

Wie würden Sie reagieren, wenn verstärkte Steuererhöhungen Ihre Einkommensklasse beträfen?

Ich habe nichts dagegen, viele Steuern zu zahlen. Ich zahle tatsächlich den Spitzensteuersatz. Es ist nicht ungerecht, dass man als wohlhabender Mensch viel abgeben muss, es ist ungerecht, dass Multimilliardäre nur ein Prozent oder weniger Steuern zahlen. Wenn die Steuerflucht der Konzerne nicht eingedämmt wird, ist das falsch – sieben bis acht Milliarden Euro pro Jahr sind ja die Regel.

Keine Angst vor Einschränkungen Ihres Lebensstils?

Ich lebe bescheiden, ich habe kein Problem damit. Aber ich möchte dann auch vom Staat sichergestellt bekommen, dass ich im Alter existieren kann. Es kann doch nicht sein, dass ich mein Leben lang hohe Steuern zahle und trotzdem in Altersarmut ende. Das gilt ja nicht nur für mich: Zumal die Leute in Deutschland viel weniger absicherndes Eigentum haben als zum Beispiel in Portugal. In Hamburg kann sich kaum einer ein Haus leisten. Das ist doch scheiße! Ein vernünftiges Sozialsystem kann es nur mit den Milliarden der Superreichen geben.

Kann man Millionär oder sogar Milliardär und trotzdem links sein?

Waren Buffett gilt ja als Paradebeispiel für jemanden, der sich seiner Position sehr bewusst ist. Es gibt unter den 0,01 Prozent der Reichsten durchaus Bestrebungen, das eigene Vermögen für die Gesellschaft einzusetzen.

Es gibt auch Kritik an der Charity der Milliardäre.

Das stimmt, man kann alles kritisieren. Ich finde trotzdem, dass man schwerreich und links sein kann. Wenn ein Milliardär seine Ressourcen der Gesellschaft zur Verfügung stellt, finde ich das richtig.

 

 

Sie sagten, Themen wie Steuerflucht seien zu abstrakt für die meisten Menschen. Es gibt eine Szene, in der Alexander Schachat auf einer Pressekonferenz erklärt, wie die Steuerflucht der Multimilliardäre und der Konzerne funktioniert. Ist das Ihre Intention: Aufklärung im Unterhaltungsmedium?

Absolut. Ich will mich näher an die Finanztransaktionssteuer wagen. Im besten Fall akklimatisieren sich Hörer mit den Themen, die ja wirklich maßgeblich für die Zukunft der Menschheit sind. Wie gehen wir mit der globalen Steuerflucht und der enormen sozialen Ungleichheit um? Die Ressourcen verschwinden in Kanäle, die keiner mehr beobachten kann – wir brauchen diese Ressourcen aber dringend, um die Klimakatastrophe, Armut und Überbevölkerung zu regeln.

Was sagt das über uns und unsere Medienwelt aus, dass wir uns für derart maßgebliche Themen, die für Milliarden Menschen physisch spürbare Folgen haben, erst interessieren, wenn sie unterhaltsam verpackt sind?

Tja, und was sagt das über mich aus, der solche Medien herstellt? Ich sehe das so: Man muss dahin gehen, wo die Menschen sind – also in die Medien. Wenn man etwas zu sagen hat, muss man mit seinen Inhalten dahin gehen. Vielleicht ist es so einfach. Wie frag- würdig es ist, dass wir so sehr vom Me- dienkonsum geprägt sind, wäre noch- mal ein Thema für eine eigene Serie.

Es gibt eine Szene, in der ein Kreis von Milliardären, darunter Edward Silberstein, auf den später ein Kopfgeld ausgesetzt wird, als betont dekadent und unsympathisch dargestellt wird. Im diesjährigen Oscar-Gewinner „Parasite“ gibt es eine Szene, in der es sinngemäß heißt: „Wie kann jemand, der so reich ist, so freundlich sein?“. Die Antwortet darauf lautet: „Diese Leute sind so freundlich, gerade weil sie reich sind.“ Ist das nicht ein viel stärkeres Bild?

Die Kritik ist absolut berechtigt. Aber ich fange gerade erst an. Ich verfolge eine Entwicklung über drei Stufen. Am Anfang der Serie können sich viele Hörer sehr schnell auf eine Haltung einigen: Die Reichsten der Reichen müssen von ihrem Reichtum abgeben. In der zweiten Staffel wird das eine neue Farbe bekommen. Die anfängliche Verbrüderung gegen „die da oben“ wird weniger eindeutig. Die zweite Staffel wird sich schon deutlich dem System an sich widmen. In der dritten Staffel wird sich jeder Hörer unsicher sein.

Ich spüre auch in mir: Ich bin nicht so eindeutig. Ich bin ein Feld aus konservativen, linksradikalen, rückwärtsgewandten und progressiven Milieus. Es wird nicht moralisch eindeutig, denn es ist so, dass etwas Schlechtes etwas Gutes und das wiederum etwas Schlechtes auslösen kann – das ist das Wesen der Janusköpfigkeit.

Ist das Szenario eigentlich realistisch?

Das ist absolut möglich. Vor einigen Wochen wurden 80 Millionen Dollar auf Donald Trump ausgesetzt. Ich frage mich schon lange, warum es eine solche Situation noch nicht gab. Warum haben die Rechten eine Liste von Journalisten, die sie zum Abschuss freigeben, aber die Linken noch keine Liste von korrupten Milliardären? Ich unterstütze das nicht, aber ich wundere mich.

 

„Die eigene Bilderwelt füllt die Lücken, die das Hörspiel gibt“

Günter Merlau

 

Um noch ein Filmbeispiel zu nennen: Als letztes Jahr „Joker“ in die Kinos kam – in dem es ebenfalls um den sozialen Sprengstoff der ungleichen Verteilung geht –, wurde die ewige Debatte wieder aufgerollt, ob Kunst eine Verantwortung trägt, weil die dargestellte Gewalt Nachahmer anstiften könnte. Haben Sie Angst vor Nachahmern?

Ach, die Leute sollten sich lieber darum kümmern, einander in den sozialen Medien nicht permanent zu beschimpfen und zu Unmenschen zu erklären. Ich sehe das anders. Ich würde sagen: Das ist nicht der Punkt.

Kunst ist ein Inkubator. Wir können in der Kunst gesellschaftliche Simulationen beobachten, studieren und auf unsere Gesellschaft anwenden. Kunst ist so frei wie der Narr am Königshofe. Wenn es diesen Freiraum nicht mehr gibt, wird es schwierig. Ich mache in meiner Kunst, was ich will, verfolge aber ein Aufklärungsmoment, indem ich mich selber bilde und das weitergebe.

Andererseits ist es eine Bestandsaufnahme dessen, was ich mitkriege, und am Ende der Serie wird es durchaus einen konkreten Vorschlag geben, wie es anders sein könnte. Die Kunst ist also in diesem Fall eine Was-wäre-wenn-Maschine.

Man liest im Zusammenhang mit Hörspielen oft von „Netflix für die Ohren“. Was kann ein Hörspiel, was eine Fernsehserie nicht kann?

Grundsätzlich bereitet einem das, was man sieht und was einem mit blauem Licht vermittelt wird, viel mehr Stress. Das Flackerbild ermüdet die Sensorik. Beim Hörspiel ist das anders: Die Bilder werden nicht vorgegeben, deswegen hat das Hören von Geschichten einen ganz anderen psychologischen Effekt.

Dem Hörer wird nichts reingedrückt, er wird in die Geschichte gezogen. Weil seine gesamte Sensorik, seine Bilderwelt die Lücken füllt, die das Hörspiel gibt. Das ist eine echte Interaktion, eine echte Verknüpfung und das hat emotional einen ganz anderen Impact. Ein Teil vom Hörer geht ins Hörspiel, und ein Teil vom Hörspiel geht in den Hörer – so erlebt man die Geschichte gemeinsam.

Die erste Staffel von „Head Money“ ist als CD erhältlich (Lausch Medien, 316 Minuten, 30,99 Euro) sowie digital auf Spotify, Audible, Deezer, Apple Music und YouTube Music


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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„Fälle und Fallen“: Der schöne Eigensinn von Worten

In „Fälle und Fallen“ entwirft Wolfgang Hegewald 20 vor Sprachlust übersprudelnde Capriccios

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Der Straßenhund Enrico will Opernsänger werden, aber daraus wird nichts. Am Ende schlägt er eine alternative Musikerkarriere ein und spielt in einem Krankenwagen das Martinshorn in den Straßen von „New Hamburg“. In einem anderen Capriccio erfährt man, dass Mittelmeergrillen, sobald sie zu zirpen beginnen, automatisch ihr Gehör ausschalten. „Was für eine durchtriebene Selbstoptimierung dieser mit scharfem Schall bewaffneten Krieger aus dem Süden!“ Auf einem Festball gehen die jungen Leute mit der Mode und zeigen sich „mit Vorliebe in der Tracht der Prügel“. Das sind nur wenige Beispiele aus Wolfgang Hegewalds kurzen, ungeheuer lustigen Capriccios.

 

SZENE HAMBURG: Herr Hegewald, was ist ein Capriccio?

Wolfgang Hegewald: Die Tradition des Capriccios findet sich eher in der Musik und in der Bildenden Kunst als
in der Literatur, wiewohl ein veritabler Meister wie E.T.A. Hoffmann da sofort missbilligend den Kopf schüttelt, zu Recht. Ich denke an Paganini und seine Capriccios; überbordende und zugleich formbewusste Virtuosität. Primat des Spiels vor der Bedeutung. Ich denke an Tiepolo und Goya, gerade noch in der Kunsthalle zu sehen.

Szenen, die einem durch ihre abgründige Mehrdeutigkeit zu denken geben. Elemente des Alltäglichen, Burlesken, Grotesken, Skurrilen und Fantastischen verquicken sich zu Tableaus, in denen sich auf ästhetische Weise ein Aufklärungsinteresse zu erkennen gibt. Aufklärungsinteresse auch an dem, was kategorisch unaufklärbar ist.

Cover-HegewaldWarum haben Sie diese Form gewählt?

Mir und meinem Schreiben entsprechen diese auskristallisierten Prosakobolde, die mal spielerisch, auch sprach- spielerisch, mal scharfkantig boshaft daherkommen. Bei Julio Cortázar heißt es einmal sinngemäß, das Fantastische sei eine Möglichkeit, das Wirkliche zu überprüfen.

Im ersten Capriccio heißt es: „Capriccios neigen nicht zur Flucht. Wohin auch.“ Sie mit einem Zaun, einer Form zu umschließen, sei deswegen sinnlos. Warum?

Capriccios neigen weder zur Sesshaftigkeit noch respektieren sie ihnen angewiesene Territorien. Sie einsperren zu wollen, ist sinnlos; ein Kategorienfehler der Verhaftung. Günter Eich hat Prosagedichte mit dem Untertitel „Maulwürfe“ veröffentlich. Da deutet sich womöglich eine Verwandtschaft an.

Sie haben Ihrem Buch ein Zitat von Samuel Beckett vorangestellt: „Bei den Ausdrücken ‚historische Notwendigkeit‘ und ‚deutsches Schicksal‘ kommt mir das Kotzen.“ Beckett verliebte sich zugleich in die deutsche Sprache. Ihre Sprachspiele zeugen auch von Freude an der deutschen Sprache – teilen Sie das gespaltene Verhältnis Becketts zu Deutschland?

Ich habe eine doppel-deutsche Biografie und kann Deutschland nicht im Singular denken. Deutschland an sich bedeutet mir nichts. Eine offene Gesellschaft, ein Rechtsstaat auf deutschem Boden eine Menge. Und die deutsche Sprache, das „portative Vaterland“, wie Heinrich Heine sagte, ist der einzige Heimatbegriff, an dem ich hänge. Als ich 1983 aus der DDR in die Bundesrepublik kam, habe ich mich aus Gründen der semantischen Präzision nie als Flüchtling rubriziert. Ich habe meine Sprache nicht verloren, und ich trat sofort in eine komfortable Staatsbürgerschaft ein.

Wird deswegen in Ihren Capriccios immer wieder völkisches Denken verspottet?

Wir sind, auch schon vor und jenseits von Corona, in eine Zeit geraten, in der allenthalben im Gemeinwesen und in der Welt tektonische Risse und Verwerfungen sichtbar und spürbar werden, Horizonteintrübungen und -verdunkelungen, für die wir noch keine Begriffe haben.

Schreiben heißt für mich auch und nicht zuletzt, dass ich ein spezifisches Erkenntnisinteresse verfolge, das mit den Mitteln und Möglichkeiten der Poesie agiert. In undeutlichen Zeiten scheint mir eine Form wie das Capriccio besonders dazu zu taugen.

 

„Das Groteske ist für mich Stilhaltung und Ausdrucksmittel“

Wolfgang Hegewald

 

Ist Sprache per se anti-identitär?

Ja! Literatur ist für mich in Sprache modellierte Menschheitserfahrung, die nie eindeutig ist. Ansonsten haben kluge Leute schon alles Nötige gesagt: Für Adorno ist Identität die Urform von Ideologie. Bei Lothar Baier las ich einst, im Begriff der Identität gäben sich Biologismus und Polizeisprache ein Stelldichein.

Können Rechte Humor haben?

Keine Ahnung. Komik als existentielle Kategorie, wie bei Kafka, Robert Walser oder Chaplin, eher nicht.

Ihre Capriccios sind oft irritierend grotesk. Was kann die Irritation bewirken oder ist sie bloßer Selbstzweck?

Das Groteske ist für mich Stilhaltung und Ausdrucksmittel, nicht Selbstzweck. Wenn Irritation bedeuten soll, die Leser lassen für die Dauer ihrer Lektüre einmal das Gängelband ihrer Sprachkonventionalität locker und beginnen zu staunen – warum nicht. Wir sind alle von Kindheit an sprachdressiert und auf Bedeutung und Sinn getrimmt und wenig darin geübt, den schönen Eigensinn von Worten und Sätzen zu entdecken.

Mögen Sie Ihren Humor?

In diese Falle, die Sie meinem Narzissmus stellen, tappe ich nicht!

Wolfgang Hegewald: „Fälle und Fallen“, Wallstein, 79 Seiten, 16 Euro


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2020. Das Magazin ist seit dem 28. März 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Sucht & Sehnen: Nora Gantenbrink über ihren Debütroman „Dad“

In ihrem Debütroman erzählt Nora Gantenbrink von einer jungen Frau, die sich auf die Spuren ihres verstorbenen Hippie-Vaters begibt. „Dad“ handelt von der Sehnsucht nach Ausbruch, der Angst vor Verletzlichkeit und der Möglichkeit der Versöhnung

Text: Ulrich Thiele

 

Wäre da nicht diese verfluchte Sprachlosigkeit. Marlene ist ein Teenager, als ihr aidskranker Vater auf der Hospizstation dem Tod entgegenblickt. Und sie würde ihm so gerne noch ein paar Fragen stellen. Warum er sich nicht um sie gekümmert hat. Ob sie ein Versehen war. Ob er ihr Heimatkaff, den „Eisenwald“ in Nordrhein-Westfalen, genauso hasst wie sie. Ob er sich in der Ferne wie der Mensch gefühlt hat, der er sein wollte. Warum er letztendlich doch nie wirklich ausgebrochen ist. Doch sie fragt ihn nichts davon. Ihr Vater hat selbst nie über seine wahren Gefühle geredet, und zu groß ist ihre Angst vor Abweisung.

Das ist die traurigste Einsicht in Nora Gantenbrinks Debütroman: Dass Menschen Verdrängungskünstler sind, die ihre Sehnsüchte trickreich auf später verschieben, bis es zu spät ist. Fragt man Menschen, die im Sterben liegen, was sie am meisten bedauern, dann tauchen immer wieder zwei Themen auf: zu viel Zeit mit Arbeit verschwendet und zu oft nicht den Mut gehabt zu haben, seine Gefühle auszudrücken. Gibt es für Marlene Hoffnung auf eine posthume Versöhnung? Jahre später lebt sie in Hamburg und ist, so ihre Selbstbeschreibung, „eine mittelmäßige Musikjournalistin, die sich nachts in Hamburger Kneipen betrinkt und danach mit Männern schläft, die ihr nichts bedeuten, nur damit ihr niemand weh tun kann (…)“.

Sie beschließt, das Versäumte, das nicht mehr Nachholbare nachzuholen, mit alten Weggefährten über ihren Vater zu reden und an die Orte seiner Abenteuergeschichten zu reisen – nach Marokko, nach Indien und nach Thailand, von wo er mit einer HIV-Infektion zurückkehrte. Vielleicht komme sie ihrem abwesenden Vater, der sie zwar geliebt habe, aber das Leben noch mehr, „in der Ferne endlich nah?“

 

„Den Drang, nicht zu gehorchen, finde ich spannend“

Nora Gantenbrink

 

Gantenbrinks Sprache ist im guten Sinne einfach. Sie lese selbst gerne schnörkellos geschriebene Romane wie Wolfgang Herrndorfs „Tschick“, sagt sie. Ihre schönsten Pointen und Verdichtungen entfalten gerade durch die Klarheit der Sprache ihre Wirkung. Beispiel: „Der neue Mann meiner Mutter liebte Regeln und Hausarrest und Anerkennung. Im Gegensatz zu meinem Vater schien er zuverlässig. Meine Mutter sagte immer vernünftig. Der vernünftige Mann baute Außenfassaden, aber die Wände hielten nicht. Es bracht weiter alles zusammen.“ Oder: „Wir sind am Ende doch alle nur Produkte von irgendwelchen Ereignissen. Ich weiß nicht, warum Erwachsene das so oft vergessen. Sie setzen einen in die Welt und verhalten sich später, als wäre man illegal eingereist.“

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„Dad“ ist nicht Gantenbrinks eigene Geschichte, doch es gibt autobiografische Anhaltspunkte. Der braungebrannte Wuschelkopf mit lila Hose, weißem Unterhemd und Sonnenbrille auf dem Cover ist ihr Vater. Gantenbrink ist Journalistin beim „Stern“ und als solche reiselustig wie Marlene. Sie kommt ebenfalls aus einem kleinen Ort in Nordrhein-Westfalen und lebte einige Jahre in der Talstraße mit Blick auf die Schmuckstraße, wo ihre Protagonistin sich mit Gabriela, einer südamerikanischen Transsexuellen, anfreundet. Und sie teilt manche von Marlenes Einschätzungen: „Dieser Drang, nicht zu gehorchen und Regeln zu brechen – das finde ich genau wie Marlene an ihrem Vater sympathisch.“

 

„Sucht und Sehnsucht hängen zusammen“

Nora Gantenbrink

 

Eine Idealisierung bietet „Dad“ nicht. Marlenes Reisen sind auch von Desillusionierung geprägt. Die Hippies haben in Indien den Grundstein für den Massentourismus gelegt, die noch lebenden Weggefährten des Vaters sind heruntergekommene Junkies.

„Sucht und Sehnsucht hängen zusammen“, sagt Gantenbrink. „Menschen, die drogensüchtig sind, sind im tiefsten Herzen nicht glücklich – sie müssen irgendetwas kompensieren.“ Bei Marlenes Vater steckt die Lücke im Scheitern an seinen Visionen. Trotz aller Exzesse, trotz aller Reisen – der Ausbruch aus den Strukturen seiner Herkunft gelingt ihm nicht. Den späten Sieg der Väter nennt Wippo, ein alter Bekannter des Vaters, dieses Phänomen. Viele aus seiner Generation „seien nach dem Abi erst einmal weg vom Eisenwald, weg von den mittelständischen Eisen- und Wurstwarenhandeln ihrer Eltern, sie hätten studiert, seien gereist, hätten Drogen genommen, politisch rebelliert und sich frei gefühlt, aber irgendwann hätten die Väter sie wieder zurückgeholt in das Leben, welches sie eigentlich für ihre Söhne vorgesehen hatten (…). Am Ende lebten sie dann doch das Leben ihrer Eltern.“ So auch Marlenes Vater, der im elterlichen Wurstwarenbetrieb landet. Am Ende ist er kein politischer Held, viele seiner Träume lebt er nicht – zum Beispiel einen Buchladen in Berlin aufzumachen.

 

Wunsch nach intensivem Leben

 

„In die Leerstelle, die mein Vater hinterlassen hat, habe ich mehr hineininterpretiert, als wirklich war. Viele Abenteuerreisen sahen vor allem vom Eisenwald aus wie Abenteuer“, erkennt Marlene während ihrer Streifzüge. Kein Wunder, war der Vater doch selbst ein Geschichtenerzähler, der es mit der Realitätstreue nicht so genau nahm. Zu groß war der Wunsch nach dem intensiven Leben, so als habe er mit narrativer Überhöhung, letztlich mit den Mitteln der Fiktion, die Lücke zwischen Vision und Realität stopfen, die Blässe der Desillusionierung bunt übermalen wollen. Vermutlich, weil er selbst einem Mythos aufgesessen ist, jenen um seinen Helden, den Hamburger Kiez-König Dieter Bockhorn, der während seiner Beziehung mit Uschi Obermaier in den 70ern als Paradebeispiel für den Ausbruch aus bürgerlichen Zwängen galt. „Diese Freiheit, dieser Abenteuermythos muss es gewesen sein, um den mein Vater Bockhorn beneidet hat“, sagt Marlene. Dass Bockhorn ein Egoist und Macho war, der Obermaier schlug, ist sicher. Dass sein Unfalltod Selbstmord war, ist nur eine Theorie. „Aber falls es stimmt, war das Leben von Bockhorn vielleicht doch nicht so super, wie mein Vater geglaubt hat“, so Marlene.

 

Widersprüche und Zwischentöne

 

„Dad“ ist kein Generationenroman, der Vater kein Repräsentant der Hippie-Bewegung. Aber natürlich spiegeln sich in ihm zeitlich bedingte Phänomene wider. Da wäre beispielsweise seine Kindheit während des Wirtschaftswunders, mitten im konservativen Muff der Adenauerzeit. Seine Verantwortungslosigkeit ist auch eine Gegenreaktion auf die freudlosen, autoritären Strukturen seines Vaters und des Internats: „Disziplin sei das Wichtigste, hätten die Lehrer immer gesagt, aber Disziplin, war sich mein Vater seitdem sicher, machte alles kaputt.“ Zugleich sah er nicht den materiellen Boden, auf dem seine Ideale fußten: „Um Geld hatte mein Vater sich nie geschert, aber das ist auch einfacher, wenn man mit welchem aufwächst.“

Gantenbrink hat ein Gespür für Widersprüche und Zwischentöne. Eine Abrechnung ist ihr Roman deswegen nie. Trotz all seiner Fehler ist das Verständnis für den chaotischen Vater und seine Sehnsucht nach dem großen Ausbruch immer spürbar. Was auch daran liegt, dass Marlene seinen Drang, der Enge zu entkommen, selbst kennt: „Was werden bedeutete im Eisenwald: ein Studium abschließen, für Mädchen reichte auch eine Ausbildung. Danach: Heirat, Kinder, Eigenheim, Einbauküche, Gemeinschaftsgrab.“

Provinzbashing liege ihr jedoch fern, sagt Gantenbrink. „Oft gibt es persönliche Gründe dafür, wenn, wie für Marlene, in der eigenen Wahrnehmung über einem Ort eine dunkle Wolke hängt.“ Und Marlenes bester Freund Oleg, die spannendste Nebenfigur des Romans, zeigt, wie weit die Welt in der Provinz sein kann. Oleg ist der Sohn polnischer Einwanderer, ein Autobastler, ein Neugieriger, der für seine Entdeckungen nicht in die Ferne reisen muss. Und sei es schlicht, sich im Supermarkt zu verstecken, bis die Türen dichtgemacht werden und er mit Marlene die ganze Nacht den Laden für sich hat.

 

Der Soundtrack des Provinzsommers

 

Marlenes Kindheit und Jugend im Eisenwald der 90er und 2000er Jahre, das bedeutet „Bravo“, aufblasbare Sessel, Nokia-Handys, Lavalampen, nachts ins Freibad einbrechen: „Während Helmut Kohl das Land regierte, knutschten, schwammen, träumten, froren wir – und das Chlorwasser wusch uns den blaumetallischen Eyeliner von den Lidern. Beim Küssen kannte noch keiner von uns die richtige Mischung aus Zunge, Speichel und Lippen. Die richtige Mischung Sprite und Blue Curaçao kannten wir auch nicht. Ich lernte, dass es eklig ist, einen Raucher zu küssen, wenn man selber keiner ist. Unsere Hände waren oft schwitzig und unsere Wangen rot. Das Antreten von Zweirädern, das Krächzen vom Kotzen, das Zischen von pfandfreien Dosenbieren waren der Soundtrack dieser Provinzsommer.“

Die schönste Pointe des Romans, gerade in Anbetracht der Fabulierkunst des Vaters: Im Erzählen funkt Wahrhaftigkeit. Marlene findet in der Literatur ein Moment der Versöhnung, sie veröffentlicht die Geschichte ihres Vaters. So wie Gantenbrink. Auch ihr Vater habe immer einen Buchladen aufmachen wollen, erzählt sie. Der Gedanke, dass sie ihn, der als Vorlage für den Roman-Dad diente, nun auf diese Weise in die Buchhandlungen bringt, gefalle ihr.

Zum Schluss gibt es einen Twist, der eine neue Perspektive öffnet. Die Geschichte endet mit einem Trost, der die Trauer nicht löscht – es ist ein Ende, das das Herz zerreißt und heilt zugleich.

Nora Gantenbrink: „Dad“, Rowohlt Hundert Augen, 240 Seiten, 20 Euro


Szene-Cover-März-2020 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Februar 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Reeperbahn Festival 2019: Newcomer & Netzwerker

Auch die diesjährige Ausgabe des Reeperbahn Festivals bietet Unterhaltungshöhepunkte en masse

Text: Erik Brandt-Höge
Foto (o.): Marvin Contessi

 

Es ist Europas größtes Club­festival, Treffpunkt für Mu­sikschaffende aus der ganzen Welt und, nicht zuletzt, eine Riesenchance für Newcomer aus allen denkbaren Genres, sich vor der breiten Masse zu prä­sentieren: das Reeperbahn Fes­tival. Rund um die Partymeile von St. Pauli stehen auch in diesem Jahr wieder Highlights aus Musik, Film, Literatur und Bildender Kunst auf dem Programm, 900 Veranstaltungen sind es zusammen, auch Kon­ferenzen, Sessions, Showcases, Networking­-Events und Preis­verleihungen zählen dazu. Prinzenbar, Molotow, Uebel & Gefährlich, Imperial Thea­ter, Elbphilharmonie: An ins­gesamt 90 Spielorten zieht das Festival vom 18. bis 21. Septem­ber ein.

Erstmals wird auch das Planetarium für eine besondere Festivaleinlage genutzt: Der isländische Multiinstrumentalist, Songschreiber und Produzent Ólafur Arnalds führt im be­rühmten Hamburger Sterneguckerparadies an vier Abenden eine eigens fürs Reeperbahn Fe­stival geschriebene Show auf. Die ist natürlich nicht das ein­zige diesjährige Highlight, wie RBF-­Pressesprecher Frehn Ha­wel erzählt: „Hervorzuheben ist auch unsere neue, glamouröse Eröffnungsveranstaltung ‚Doors Open‘ am Mittwoch im Operet­tenhaus. Unsere Moderatoren Charlotte Roche und Ray Cokes bringen hier in einer kompakten einstündigen Show mit zwei hochkarätigen Live­-Acts (Dope Lemon und Feist; Anm. d. Red.) alle wichtigen Facetten des Ree­perbahn Festivals zusammen.“

 

Seht hier den Trailer für das Reeperbahn Festival 2019

 

Auch die Jury des internationa­len Musikpreises „Anchor“ wird sich im Operettenhaus vorstel­len, nämlich die Produzenten Bob Rock und Tony Visconti, die Musikerinnen Kate Nash und Peaches, Beatsteaks­-Front­mann Arnim Teutoburg­-Weiß und Moderatorin Zan Rowe aus Australien, dem diesjäh­rigen Partnerland des Reeper­bahn-Festivals. Nachdem sich bereits Down­-Under­-Künstler à la Kim Churchill, Parcels und The Temper Trap auf dem Ree­perbahn Festival gezeigt haben, kommen in dieser Ausgabe beim The Aussie BBQ Showcase im Molotow (Freitag) neue Hoff­nungsträger zum Zug.

Ebenso empfehlenswert: die von RockCity Hamburg präsen­tierten Music Women Germany (Donnerstag). Förderung, Ver­netzung und allgemeine Sicht­barmachung von Frauen in der Musikwirtschaft sind die Ziele dieser ersten Dachorganisation für weibliche Musikschaffende in Deutschland. Von Musike­rinnen bis Managerinnen sind alle eingeladen, sich auszutau­schen und ihre Positionen zu stärken. Auch von RockCity ge­managt wird „PopReception“, ein Frühstück mit Fisch, Schnaps und sicherlich einigen anre­genden Gesprächen (Freitag).

Und Besucher, die zwischen Konzerten von beispielsweise Dermot Kennedy, Dagobert, Frittenbude, Mighty Oaks und Tusks verschnaufen möchten, können dies in der Idylle auf dem Arts Playground und dem Vil­lage Future Playground auf dem Heiligengeistfeld bei Getränken und Snacks.

Reeperbahn Festival: 18.-21.9.2019


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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Karen Köhler über ihr Buch „Miroloi“: Risse im Gehorsam

Die Romanautorin Karen Köhler erzählt in „Miroloi“ von einer jungen Frau, die sich einem autoritären System widersetzt. Ein Gespräch über die politische Weltlage, die Macht der Bildung und über die Notwendigkeit des Aufbegehrens

Interview: Ulrich Thiele
Foto: Christian Rothe

 

Vor fünf Jahren löste Karen Köh­ler mit ihrem Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ ein – ohne Übertreibung – kollektives Entzücken im Feuilleton aus. Gelobt und geliebt wurden ihre modern und zugleich altmodisch anmutenden Geschichten vor allem für ihren radikal eigenen Sprachstil und für ihre eindrucksvollen Frauenfiguren. Dem­ entsprechend heiß wird nun ihr Debüt­roman „Miroloi“ erwartet, der am 18. Au­gust im Hanser Verlag erschien.

Karen Köhler lebt auf St. Pauli, wo das Interview an einem Dienstagvormittag draußen vor einem Café stattfindet. Es ist ein ausführliches Gespräch von anderthalb Stunden, mit Exkursen über die poli­tischen Entwicklungen der letzten vier Jahre, die nicht am Entstehungsprozess von „Miroloi“ vorbeigegangen sind, wie sie sagt.

SZENE HAMBURG: Karen, wann hast du das letzte Mal aufbegehrt?

Karen Köhler: Gerade Sonntag habe ich mit der Seebrücke Hamburg gegen die Kriminalisierung der Seenot­rettung demonstriert. Auf die Straße zu gehen und Gesicht zu zeigen, ist definitiv ein Akt des Aufbegehrens. Aber man kann auch in den kleinsten Augenblicken aufbegehren. Es ist in Deutschland sehr viel durch Gesetze geregelt, das soll unser Zusammenleben wohl einfacher machen, manchmal hält es aber auch vom Denken und Selbst­ entscheiden ab, oder entfernt sich wie im Falle der Kriminalisierung der Seenotrettung von dem demokratischen Wertekanon, auf den man sich in Europa mal geeinigt hat.

 

„Die Welt verändert sich schneller, als ich sie erfassen kann“

 

In „Miroloi“ begehrt eine junge Frau auf gegen die autoritären Strukturen in einem isolierten, archaischen Dorf auf einer Insel. Männer haben das Sagen, Frauen dürfen nicht lesen, es gibt Traditionen, religiöse Gesetze und drako­nische Strafen. Es gibt auch einige Ver­weise auf die Gegenwart jenseits der Insel: Coca­ Cola und Fernseher zum Beispiel. Warum dieses Archaische im Modernen?

Anfang 2015 hatte ich zunehmend Schwierigkeiten, die Welt zu beschreiben. Sie verändert sich schneller, als ich sie erfassen kann. Deswegen habe ich diesen Mikrokosmos einer fiktiven Insel erfunden, den ich auf strukturelle Mechanismen untersuchen konnte: Wie ist eine Gesellschaft organisiert? Wie viele Gesetze braucht sie? Wie be­gegnet sie dem Fremden, was macht das Fremde mit ihr? Wie gehen Machthaber mit ihrer Macht um? Gerade Macht übt eine Faszination auf Menschen aus. Wer sie hat, wird in Versuchung geführt, sie auch zu demonstrieren.

Wie hast du recherchiert, um diese Welt zu entwerfen? Du erfindest ja so­ gar eine Religion.

Ich habe vier Monate auf einer Insel in Griechenland verbracht und dort existente Dorftraditionen kennengelernt. Das Wort „Miroloi“ zum Beispiel kommt aus dem Griechischen und beschreibt eine Totenklage. Es gibt in mehreren Regionen Griechenlands die Tradition, dass die Dorfältesten nach dem Ableben eines Menschen sein gesamtes Leben nachsingen.

Ich habe zudem gemeinsam mit zwei Dolmet­schern die Dorfbewohner interviewt, was viel mit Vertrauen zu tun hatte. Es dauert, bis Menschen an den Punkt kommen, an dem sie bereit sind, über Schmerz zu sprechen.

Hast du ein Beispiel?

Wir haben mit einem alten Bauern gesprochen und saßen in seinem Haus in einem Dorf, in dem der Strom nie angekommen ist und das deswegen verlassen wurde. Er ist aber immer noch jeden Tag dort in diesem Haus, das sein Vater mit eigenen Händen gebaut hat. Auf die Frage, was er sich wünschen würde, wenn er einen Wunsch frei hätte, sagte er, dass er gerne alle seine Nutztiere noch mal sehen würde. Diese Unmittelbarkeit hat mich unfassbar be­rührt, dieses dem Leben und Überleben ausgesetzt zu sein. Davon sind wir in unserer urbanen Alltagswelt auf den ersten Blick sehr weit entfernt.

Warum nur auf den ersten Blick?

Wir sind dennoch Nutznießer des­sen – wir konsumieren jeden Tag das, was Leute irgendwo in der Welt an­gebaut haben. Die Menschen, die in Spanien auf den Feldern unsere Tomaten ernten, sind oftmals geflüchtete Menschen aus Afrika, die unter den schlimmsten Bedingungen leben. Und die Menschen, die Tiere auf niedersächsischen Schlachthöfen schlachten, kommen aus Rumänien und hausen unter unwirtlichen Bedingungen. Wir sind bei genauerer Betrachtung gar nicht so weit weg von den archaischen Verhältnissen, die im Buch beschrieben werden.

Warum hast du im Buch das Dorf mit diesem repressiven Gesellschaftsmodell entworfen?

Ich habe mich gefragt, wie die Unterdrückung der Frau strukturiert ist – indem man sie von Bildung fernhält und an Haus und Kind bindet. Anfang des Jahres habe ich ein Interview mit einem spanischen Priester zum Thema häusliche Gewalt gelesen. Er sagte, Frauen seien selbst schuld, wenn sie geschlagen werden, sie hätten ihren Männern einfach nicht gut genug gedient. Das ist in Europa im Jahr 2019. So lange es dieses Gedankengut noch gibt, kann man nicht aufhören, solche Bücher da­ rüber zu schreiben.

Die Protagonistin in „Miroloi“, die am Anfang noch keinen Namen hat, erfährt diese Unterdrückung sehr extrem.

Sie ist ein Findelkind. Die Gesetze im Dorf schreiben aber vor, dass jeder nach der Mutter oder nach dem Vater benannt wird. Nur wer diesen Stamm­namen hat, darf partizipieren. Die Ungewissheit, woher sie kommt, verängstigt die Dorfbewohner. Sie erhält deswegen keinen Namen und damit fängt die Kette der Ausgrenzung an. Ihr wird die Rolle des Sündenbocks zugeschrieben.

In dem Winter, in dem sie gefunden wurde, gab es Frost, der die Ernte zerstört hat. Das Dorf, das in seiner Aufklärung nicht fortgeschritten ist, gibt ihr dafür die Schuld. Dieses Narrativ begleitet dieses junge Mädchen von Anfang an. Wenn sie nicht in einem religiösen Oberhaupt, dem Bethaus­ Vater, einen Fürsprecher hätte, der sie schützt, hätte sie die ersten Jahre wohl nicht überstanden.

Der Bethaus ­Vater erkennt in ihr den Menschen, wie er in jeder Person den Menschen erkennt. Unter diesem Schutz wächst sie bei ihm auf und gerät irgendwann an ei­nen Punkt, wo sie anfängt, das System zu hinterfragen. Das zwirbelt sich auch an ihrem Namen auf: Warum hat alles einen Namen, nur ich nicht?

 

Ein großer Gesang auf die Selbst-Ermächtigung

 

Da ist ein Riss in ihrem Gehorsam, sagt sie an einer Stelle. Fängt mit dem Riss ihr Leben, ihr Miroloi erst an?

Ja, das kann man so sagen. In meinen Augen ist das ein großer Gesang auf die Selbstermächtigung. Sie lernt heimlich lesen und schreiben und verschafft sich somit Zugang zu Bildung und einen Abstand zur Welt. Sie lernt, sich ins Verhältnis zu setzen und die Dinge zu hinterfragen, und schafft so den Sprung aus dem rein emotionalen Welterleben in eine Abstraktion. Die Stelle, in der sie lernt, was der Konjunk­tiv ist, ist programmatisch für dieses In-­Distanz-­treten.

Auf der anderen Seite beschreibt sie die Welt, die sie sieht und erlebt, mit Sinneslust und Entdeckungsfreude, als könne sie die Welt erst jetzt mit der Sprache so richtig greifen.

Sie ist definitiv ein sehr lebenshungriger Mensch und hat eine große Offen­heit für alles, was sie wahrnimmt. Sie erfindet auch Worte: „Das Haus liegt hier am Berg. Engschattig und drüben­sicher.“ „Drübensicher“, also sicher vor dem Fremden auf der anderen Seite des Meeres, ist so ein typisches Wort für sie. Sie hat ihren eigenen Zugang zur Welt, wie ein durch tausend Kanäle gehendes System.

Der Bethaus-­Vater scheint eine morali­sche Autorität zu sein. Es gibt aber auch Momente, die diesen Eindruck zum Bröckeln bringen. Zum Beispiel, wenn die Protagonistin ihre Angst beschreibt, dass er wieder einen Wutausbruch kriegen könnte. 

Ich wollte eine Figur im Buch ha­ben, die ambivalent ist. Niemand, auch ein religiöses Oberhaupt nicht, ist gefeit vor emotionaler Entrückung, Wut oder Lust. Der Bethaus-­Vater ist sehr lebemännisch, er trinkt und isst gerne. Und er partizipiert an einem System, von dem er weiß, dass es nicht fair ist. Er hat genauso Angst vor einem Machtverlust wie alle anderen. Trotzdem versucht er nach seinem besten Wissen und Gewis­sen das Dorf auf einer religiösen Ebene zu leiten.

Aber er unterläuft das System auch sub­versiv von innen, etwa dann, wenn er der Protagonistin das Lesen beibringt.

Genau. Es gibt eine Strophe, in der die Protagonistin alles aufzählt, was sie vom Bethaus­-Vater gelernt hat. Dazu gehört auch, „wie man das Gesetz biegt, ohne es zu brechen“. Er sucht die Lücken im System. Er hat einen parallelen Subwoofer von eigener Moral am Laufen, nach der er abwägt, welche Gesetze er übersehen und umgehen kann.

Karen-Koehler-Cover-MiroloiIst der Roman optimistisch? Dass sie ihr eigenes Miroloi singt, kann man auch so verstehen, dass sie stirbt.

Auf der einen Seite ist es ein wahnsinnig optimistisches Buch, weil sie sich selbst ermächtigt und den Weg in die Freiheit geht. Sie hat den Mut, sich zu wider­ setzen und riskiert ihr eigenes Wohlergehen. Das Ende habe ich bewusst offen gelassen, ob es pessimistisch oder optimistisch ist – das kann jeder für sich entscheiden.

Karen Köhler: „Miroloi“, Hanser, 464 Seiten, 24 Euro. Der Roman ist am 18.8. erschienen. Am 16.9.2019 liest die Autorin im Rahmen des HarbourFront Literaturfestivals im Nochtspeicher.


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Space Girls: Wie Frauen die Mond-Landung verwehrt blieb

Vor 50 Jahren betrat der US-amerikanische Astronaut Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Was viele nicht wissen: Auch Frauen wurden schon um 1960 für die Raumfahrt getestet – wegen ihres Geschlechts letztlich aber doch nicht zugelassen. Die Hamburger Autorin Maiken Nielsen setzt ihnen mit ihrem Roman „Space Girls“ ein Denkmal.

Text und Interview: Ulrich Thiele
Foto (o.): NASA

Maiken Nielsen ist von Haus aus Hamburger Urgestein und Weltenbummlerin zugleich. Sie stammt aus einer Familie von Lotsen und Kapitänen und ist die Enkelin des Hindenburg-Navigators Christian Nielsen. In ihrem letzten Roman „Und unter uns die Welt“ widmete sie sich der Geschichte ihres Großvaters. Vor diesem Hintergrund ist ihr Interesse an den 13 Pilotinnen, den Mercury 13, die für die Raumfahrt getestet wurden und doch nicht zum Mond fliegen durften, naheliegend.

Nielsen erzählt von diesem historischen Ereignis mit sinnlicher Sprache und fließendem Rhythmus. „Space Girls“ ist ein literarischer Kopfkinofilm, ein Epos, das trotz aller traurigen Momente immer den lebenshungrigen Pioniergeist seiner Protagonistinnen atmet. „Guten Morgen aus der Südsee“, sagt Nielsen zur Begrüßung – während des Interviews befindet sie sich auf Rarotonga. Nach einem schweren Unfall vor einigen Jahren habe sie eine Liste mit Orten gemacht, die sie unbedingt noch erleben möchte, erzählt sie, die Südsee gehöre dazu. Ihr Skype-Profilbild zeigt sie mit hochgerecktem Daumen am Steuer eines Fliegers.

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Die Autorin Maiken Nielsen setzt mutigen Frauen ein Denkmal
Foto: Sabrina Adeline Nagel

SZENE HAMBURG: Frau Nielsen, die Mercury 13 sind kaum bekannt. Wie sind Sie auf ihre Geschichte gestoßen?

Maiken Nielsen: Ich bin selbst begeisterte Fliegerin und hatte mich, während ich die Romanbiografie über meinen Großvater schrieb, viel mit dem Thema beschäftigt. Das waren die 30er- und 40er-Jahre. In der Zeit flogen auch viele Frauen. Mich hat interessiert, wie es danach weiterging und fand – wenig überraschend – heraus, dass es nach 1945 kaum noch weibliche Piloten gab, weil die Männer aus dem Krieg zurückkehrten und ihre Stellen besetzten. Aber dann stieß ich auf Jerrie Cobb …

… die Anführerin der Mercury 13 …

Ich war total beeindruckt von ihr! Wie groß war meine Überraschung, als ich erfuhr, dass sie zu den Astronautentests für die erste Fahrt zum Mond geladen wurde. Und dass es noch mehr Frauen wie sie gab.

Was konkret haben Sie an diesen Frauen so bewundert?

Sie mussten alle mit den Gegebenheiten der 50er- und 60er-Jahre fertig werden. Sie mussten sich zum Fliegen die Nägel lackieren, High Heels und Röcke tragen, um zu beweisen, dass sie trotz Pilotendaseins „richtige“ Frauen sind. Eine war achtfache Mutter. Aber sie waren so tough, das belegen die Aussagen des Nasa-Mediziners Randolph Lovelace und seiner Mitarbeiter.

Randolph Lovelace setzte sich dafür ein, dass Frauen als Astronautinnen eingestellt werden. Sie seien für Weltraumflüge besser geeignet als Männer, sagte er, weil sie qua ihres Geschlechts leidensfähiger seien.

Die Tests, die Lovelace mit den Frauen durchgeführt hat, zeigen, dass sie mindestens so tough wie John Glenn und die Mercury 7 waren, die als männliche Helden in den USA verehrt wurden. Wie sich die Frauen da durchgekämpft haben, wie sie auch vor dem NASA-Subkomitee für ihre Sache gekämpft haben, das ist beispiellos.

Die Argumente während der Anhörung sind hanebüchen: „Wenn meine Mutter den Check-up-Test eines Footballteams besteht, heißt das nicht, dass sie Football spielen kann.“ Sind die Aussagen echt?

Ja, die sind genauso passiert. Die Anhörung wurde mitgeschrieben, eine Abschrift davon findet sich auch online im NASA-Archiv. Ich habe die Dia loge lediglich übersetzt. Mein Antrieb für das Buch war dementsprechend Empörung. Ich wollte, dass diese Frauen nicht im Vergessen versinken.

 

„Viele Frauen hatten nach den Tests keine Jobs mehr“

 

Wie sind die Frauen mit der Enttäuschung umgegangen? Viele Menschen würden, nachvollziehbarerweise, verbittern …

Viele der Frauen hatten im Anschluss an die Tests keinen Job mehr, weil sie für die Testwoche in Albuquerque von ihrem Arbeitgeber keinen Urlaub bekamen und deshalb kündigen mussten. Es war sowieso schwer, als Frau 1960 in der US-Luftfahrtbranche einen Job zu bekommen, den verloren sie also auch. Jerrie Cobb zog anschließend allein in den Amazonas, wo sie abgelegene Siedlungen aus der Luft mit Lebensmitteln belieferte. Sie lebt immer noch, gibt aber keine Interviews (kurz vor Redaktionsschluss wurde bekannt, dass Jerrie Cobb bereits am 18. März im Alter von 88 Jahren verstorben ist, Anm. d. Red.).

Und die anderen?

Andere Frauen waren sowieso selbstständig, Geraldine Sloan – später Geraldine Truhill – zum Beispiel. Oder sie wechselten komplett die Branche. Eine der Dietrich-Zwillinge starb knapp zehn Jahre später an Krebs, möglicherweise in Folge der Tests, bei denen die Frauen radioaktiver Strahlung ausgesetzt wurden. Ihre Zwillingsschwester flog ab dann nicht mehr.

Der Roman besteht aus mehreren Handlungssträngen, die miteinander verknüpft sind. Ein wichtiger dreht sich um den deutschen Raketenentwickler Wernher von Braun. Was macht ihn so faszinierend?

Von Braun war ein extrem fantasiebegabter, musischer Mensch mit hochfliegenden Träumen. Er spielte Klavier, schrieb Romane, sprach und las Französisch und wollte eines Tages zum Mond. Ingenieur und Freizeitpilot wurde er nur wegen dieses Mondtraums. Und der wurde dann so mächtig, dass er alles möglich machte, um ihn zu realisieren. Er trat der NSDAP und später der SS bei, er bestellte KZ-Häftlinge für die Arbeiten an der V2-Rakete. Und später, als klar war, dass die Deutschen den Krieg verloren hatten, stellte er seine Dienste der nächsten großen Macht zur Verfügung – den USA.

Warum ist von Braun für Ihre Geschichte wichtig?

Als deutsche Autorin, glaube ich, kann ich nicht die Vorgeschichte der ersten Mondlandung erzählen, ohne den deutschen Raketenentwickler Wernher von Braun zu erwähnen, der Apollo 11 erst möglich gemacht hat. Die Mission fußte auf Versuchen, für die Tausende von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen sterben mussten.

 

Endlose Finsternis und Strahlender Schein

 

Trotzdem feierten ihn die Amerikaner als Helden – eine der zentralen Ambivalenzen in Ihrem Roman.

Absolut. Im Roman geht es um Hell und Dunkel. Das eine existiert nicht ohne das andere. Das ist auch eine Erfahrung, die Michael Collins, Neil Armstrong und Buzz Aldrin im All gemacht haben: endlose Finsternis auf der einen Seite und daneben strahlender Schein.

Warum haben Sie die fiktive Geschichte um die Hauptprotagonistin Juni und ihre Mutter Martha eingebaut?

Martha und Juni verkörpern beide die deutsch-amerikanische Geschichte, und Juni ist mit ihrem Mut, ihrer Motivation und ihrer Sportlichkeit die Quintessenz der Mercury 13. In ihnen verdichten sich die Ambivalenzen. Martha ist Deutsche, ihr Vater wurde denunziert und in Wernher von Brauns Arbeitslager erhängt. Sie flieht mit ihrer Tochter Juni zunächst nach Frankreich, dann in die USA nach New Orleans, wo sie ihre deutsche Herkunft verheimlicht. Juni ist begeisterte Pilotin, darf an den Raumfahrttests mit den Mercury 13 teilnehmen. Sie will zum Mond fliegen mit der Rakete, die der Mörder ihres Großvaters entwickelt hat – was sie zunächst nicht weiß.

War es schwierig, diese fiktiven Figuren in den historischen Kontext einzuweben?

Nein, ich habe die beiden einfach sehr lebendig vor Augen gehabt. Ich glaube, die schwebten mir schon lange im Kopf herum, und Juni als extrem wildes, kleines Mädchen war einfach perfekt für das, was ich erzählen wollte. Ich habe mich dann bloß bemüht, nichts an den historischen Gegebenheiten zu ändern.

Juni wäre heute 79 Jahre alt. Was würde sie jetzt machen?

Juni überlegt, ob sie in ein paar Jahren vielleicht ihre Pilotenlizenzen abgeben und einen Round-The-World-Trip mit ihrer Enkelin machen sollte, am liebsten im Airbus. Sie trifft sich einmal im Jahr mit denjenigen Mercury- 13-Frauen, die noch am Leben sind und hält Vorträge in ihrem 99-Chapter und anderswo. Und sie läuft noch immer jeden Tag.

Space-Girls-Cover-Maiken-NielsenNatürlich wirft Ihr Roman indirekt auch die Frage nach unserer Zeit auf. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Es sieht derzeit so aus, als würden sich an vielen Stellen in der Welt wieder Werte durchsetzen, die nicht gerade förderlich für Demokratie und Gleichberechtigung sind. Aber zumindest in der Raumfahrt gibt es viele positive Entwicklungen: Weibliche Astronauten trainieren derzeit für den Flug auf den Mars und auf der ISS leben und arbeiten Menschen aus allen Nationen friedlich zusammen.

Maiken Nielsen: „Space Girls“, Wunderlich/Rowohlt, 512 Seiten, 22 Euro. Der Roman ist am 21. Mai erschienen.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Konfetti im Bier – Roman über die Ultras von St. Pauli

Im März erscheint der erste Ultras-Roman aus dem deutschsprachigen Raum. Aus Hamburg, aus St. Pauli, mitten aus dem Viertel!

Text: Ole Masch
Foto: Melanie Hendtke

Wer den Roar am Millerntor oder einem anderem Fußballstadion vor dem Spiel einmal mitgemacht hat, weiß mit dem Titel des Romans von Toni Gottschalk sofort etwas anzufangen. „Konfetti im Bier“ ist eine Beschreibung der St. Pauli Ultra-Szene von innen und damit einzigartig. Doch er ist noch viel mehr. Er ist Hamburg-Roman, Antifa, Viertelliebe, Fußball und immer wieder St. Pauli Nachtleben. Gespickt von Insiderwissen und Wortwitz, der durch seine Protagonisten auf die Spitze getrieben wird.

Toni Gottschalk, selbst seit vielen Jahren Teil der St. Pauli Ultras und ab 2006 Comiczeichner für verschiedene Fanzines, gelingt ein Debütroman, der nicht von außen draufschaut, sondern mitten drinsteckt. Er erzählt von Merks, Subbe, Jette und all den anderen, für die der FC St. Pauli und die eigene Gruppe viel mehr bedeuten, als nur jedes Wochenende gemeinsam zum Spiel zu gehen. Während sich Walter durch so ziemlich jede Kaschemme St. Paulis trinkt, beschäftigt sich der Rest mit politischer Viertelverteidigung.

 

Ultras, Nachtleben und ganz viel Hamburg

 

Das klingt dann so: „Na, ihr Pimmelköppe, was gibt’s zu lachen“, begrüßte Torre die vier Leute. Einer der Skins, der manchmal halb verächtlich, halb bewundernd „die Axt im Walde“ genannt wurde, konnte kaum an sich halten. „Wir so noch mit einer Handvoll Leuten im Jolly, kommt der Schwan rein und erzählt, dass er eine Gruppe Nasen auf der Budapester gesehen hat. Wir also mit ein paar hin und, was soll ich sagen, war gut. Backenfutter und dann Reste frühstücken …“

„Konfetti im Bier“ ist ein Subkultur-Roman. Ein Buch für Fußballfans und für Leute, die immer schon mal mehr über die Mechanismen von Ultra- Gruppierungen wissen wollten. Für Hamburger. Für Nachtlebenkenner und für jene, die es immer wieder dort hinzieht.

„Konfetti im Bier“ erscheint am 2.3. im Liesmich Verlag


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Top 6 – Kochbücher für Kinder

Lesefutter – In der Pfanne brutzelt es abenteuerlich, aus dem Topf steigen leckere Düfte auf: Die ersten Versuche am Küchenherd sind aufregend. Welche Bücher bieten optimale Starthilfe? Eine kleine Auswahl.

Texte: Benjamin Cordes und Jenny V. Wirschky
Beitragsbild: Easy Peasy Familienküche / Edel Verlag

1) Kinder an den Herd

Kochbuch Tipps für Kinder: Kinder an den Herd c: Julia Hoersch, AT Verlag

Foto: Julia Hoersch/AT Verlag

Etwas verspielt ist dieses Buch gestaltet, aber dafür in der Ansprache perfekt für Kinder. Sie werden bei den Rezepttexten geradezu liebevoll an die Hand genommen. Auch die Themen sind originell: Neues aus der Brotdose, Kinderklassiker neu interpretiert, Rezepte für Frühstücksmuffel, Ruckzuckgerichte für die ganze Familie, Märchenküche, Spontanküche aus dem Vorratsschrank, Großelternrezepte. Toll ist auch das Kapitel „Wir spielen Restaurant“!

Das Allerbeste: Kinder können mit diesem Buch ihre ersten selbstständigen Schritte in der Küche machen und behutsam ans Kochen herangeführt werden.

Für wen gedacht: Kinder bis 12 kommen mit diesem Buch alleine gut zurecht. Wenn’s mal kniffliger wird, helfen eben kurz die Eltern aus.

Claudia Seifert, Gesa Sander, Julia Hoersch, Nelly Mager: Kinder, an den Herd!, AT Verlag, 184 Seiten, 19,95 Euro


2) Steffen Hensslers Küchenbande

Kochbuch-Tipps für Kinder: Steffen Hensslers KüchenbandeFischstäbchen, Milchreis, Kartoffelsalat, Rösti, Pancakes und Frikadellen – auf Experimente ist Steffen Henssler bei den 24 Rezepten für dieses kleine Büchlein nicht eingegangen. Dafür haben die Rezepte quasi eine Beliebtheitsgarantie. Statt neuer Erfahrungen geht es hier vielmehr darum, dass Kinder die Dinge, die sie mögen, selbst kochen können. Dazu kommen noch 13 Kinderlieder der Band Rabauken & Trompeten, die „Kindermusik auf Erwachsenenbeats“ macht. Also Musik an und Pfanne auf den Herd! Kann man bei diesem kleinen Preis ruhig mal ausprobieren.

Für wen gedacht: Locker für Kinder im Grundschulalter geeignet, die alleine aus diesem Buch kochen möchten.

Steffen Henssler: Steffen Hensslers Küchenbande, GU Verlag, 60 Seiten, 16,90 Euro


3) Heute koch ich, morgen brat ich

Kochbuch-Tipps für Kinder: Heute koch ich, Morgen brat ichDie Märchen der Brüder Grimm wurden vermutlich schon in jedem Kinderzimmer der Republik vorgelesen. Und Stevan Paul hatte eine gute Idee: Zu acht der Geschichten hat er Rezepte geschrieben. Es sind sympathischerweise keine typischen Kinderrezepte. Dafür kann man sie mit oder für Kinder kochen. Und Stevan Paul hat auch die Märchen neu interpretiert, denn die Originaltexte waren ihm zu nüchtern. Vermutlich werden die Kinder seine humorvolleren, zum Teil etwas weniger gruseligen Fassungen sogar lieber mögen. Und die Gerichte erst Recht: zum Beispiel Himbeer-Cupcakes, Eier in grüner Sauce, Entrecôte mit gegrilltem Radicchio, Rote-Beeren-Limonade oder Schokomousse mit Rhabarberkompott.

Dieses Buch zeigt auf tolle Weise, wie Kochen für Kinder mit Anspruch geht: nicht infantil oder albern, sondern fantasievoll, kreativ und mit guten Rezepten.

Für wen gedacht: Dies ist eher ein Buch für Eltern, die für ihre Kinder kochen. Am besten erst ein Märchen vorlesen und später das Rezept dazu kochen. Kinder, die hieraus selbst kochen wollen, sollten eher schon am Ende der Grundschulzeit sein. Denn manche Rezepte brauchen etwas Geschick.

Heute koch ich, morgen brat ich: Märchenhafte Rezepte, 208 Seiten, Hölker Verlag 29,95 Euro


4) Easy Peasy Familienküche

Kochbuch-Tipps für Kinder: Easy Peasy FamilienkücheDieses Buch ist ein Schatz: wunderbar geschrieben, Inhalte mit Mehrwert weit über das Kochen hinaus und eine Aufmachung, die einfach Spaß macht. Denn wenn man ein Buch gerne in den Händen hält, schaut man öfter hinein – und das lohnt sich hier nicht nur wegen des Themas allemal: bewusst und gesund essen, zu Hause und unterwegs.

Die beiden Autorinnen erklären, wie man die Rezepte umsetzt und liefern auch Infos zu den dahintersteckenden „Foodregeln“. Tipps und Tricks für den gesunden und kindgerechten Umgang mit Ernährung inklusive. Die Snacks und Mahlzeiten sind mal supereinfach, wie Sesam-Buchweizennudeln mit Brokkoli und Huhn oder Tomaten-Tarte mit Zucchini und Ziegenkäse, mal sind sie raffinierter, wie Quinoa-Garnelen-Frikadellen oder Plätzchen mit Cashew-Creme-Füllung. Die Fotos der fertigen Speisen sind derart gut gelungen, dass man alle Rezepte nachkochen möchte. Challenge accepted!

Für wen gedacht: Eltern, die für ihre Kinder kochen.

Claire van den Heuvel, Vera van Haren: Easy Peasy Familienküche, Edel Verlag, 239 Seiten, 19,95 Euro


5) Der Silberlöffel für Kinder

Kochbuch-Tipps für Kinder: Der Silberlöffel Cover: Angela Moore

Foto: Angela Moore

Endlich hat sich jemand die Mühe gemacht, den Kochbuchklassiker der italienischen Küche für den Nachwuchs zu schreiben. „Der Silberlöffel für Kinder“ ist nicht nur spannend und voller leckerer Rezepte, er ist auch pädagogisch wertvoll. So beschreibt die Autorin, selbst Mama von drei Kindern und Foodjournalistin, was schon die Kleinen beim Kochen beachten müssen – vom Umgang mit scharfen Messern über die Hygiene am Herd bis hin zu Tipps, wie man die typisch italienischen Gerichte kinderleicht zubereiten kann.

Alle Schritte der Rezepte, darunter einfache Gerichte à la Bruschetta aber auch anspruchsvollere wie Hähnchenbrust mit Mascarponefüllung, werden kindgerecht mit gelungenen Zeichnungen ergänzt. Das sieht schön bunt aus und verschafft einen guten Überblick. Man lernt auf jeder Seite eine Menge über die Zutaten, das Land und die Sprache (in Klammern steht immer, wie man die ungewohnten Wörter ausspricht – und das ist gut, um ein bisschen anzugeben). Kurzum: Wenn man Pizza, Pasta und Panna cotta liebt, ist dieses Buch genau das richtige.

Für wen gedacht: Eltern, die mit ihren Kindern ab 6 Jahren kochen. Oder Kinder ab 9, die alleine kochen.

Amanda Grant: Der Silberlöffel für Kinder, Phaidon/Edel Verlag, 100 Seiten, 19,95 Euro


6) Pinipas Pfannkuchen­bäckerei

Kochbuch-Tipps für Kinder: Pinipas PfannkuchenbäckereiDie Idee hinter diesem Backbuch ist eigentlich ziemlich gut: Ein Mädchen namens Greta und ihre „geheime“ Freundin Pinipa zeigen die verschiedensten Pfannkuchenrezepte aus ganz Europa – einige davon sind süß mit Beeren, Schokolade oder Sirup. Andere sind herzhaft, wie die französische Galette mit Käse und Ei oder die italienische Frittata mit Tomaten und Basilikum.

Die Rezepte stammen aus der Feder vieler verschiedener Foodblogger, was das Backbuch sprachlich lebendig macht. Leider sind weder die Geschichten zu den vielen Rezepten besonders gut geschrieben, noch sind die fertigen Pfannkuchenvariationen ansprechend fotografiert. Schade, denn wie man Pfannkuchen in den verschiedenen Ländern zubereitet, ist ja eigentlich spannend. So lernt der koch- und backbegeisterte Nachwuchs zum Beispiel auch, dass der spanische Pfannkuchen Tortilla heißt. Aufgrund des Formats können aber zumindest selbst kleine Hände mit dem Buch gut hantieren.

Für wen gedacht: Kinder ab 8 Jahren, die alleine kochen.

Martin Grolms, Annika Kuhn: Pinipas Pfannkuchenbäckerei, Gruhnling Verlag, 91 Seiten, 12,90 Euro


Diesen Text finden Sie auch im SZENE HAMBURG ESSEN+TRINKEN Kinder. 

Hamburgs erster Gastroguide für Eltern und Kinder ist seit im Handel und zeitlos in unserem Onlineshop erhältlich.


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