Beiträge

„These Girls“: Unbeschreiblich weiblich

„These Girls“ ist ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte. Ein Gespräch mit der Herausgeberin Juliane Streich vor ihrem Auftritt im Rahmen des Kultursommers im Garten des Golden Pudel Clubs.

Text & Interview: Kevin Goonewardena

 

In der ersten deutschsprachigen Anthologie über Popmusikerinnen trifft Schauspielerin und Chansonsängerin Hildegard Knef auf Soul-Legende Aretha Franklin und Techno-Pionierin Marusha. Die Auswahl an besprochenen Musikerinnen in „These Girls“ umfasst jedoch nicht nur die üblichen Protagonistinnen, die sich durch feministisches Engagement auszeichnen, sondern auch die, deren Tun der Autor:innen als ein solches verstanden wird.

Das Buch verzichtet auf dröge, oftmals abschreckende Theorie – stattdessen öffnet es andere Blickwinkel durch die sehr persönlichen Geschichten der Autor:innen mit bekannten und weniger bekannten weiblichen Musiker:innen.

 

SZENE HAMBURG: Auf dem Markt gibt es zahlreiche Bücher, die sich mit verschiedenen Aspekten und Fragestellungen des Feminismus beschäftigen. Auch in deinem Verlag (Ventil, Anm. des Verfassers) sind bereits mehrere Werke zu dieser Thematik verlegt worden – etwa “Riot Grrrl Revisited!” oder “Rebel Girl – Popkultur und Feminismus”. Was hat dir an der existierenden Literatur gefehlt, wo hast du eine Lücke gesehen, die du schließen wolltest?

Juliane Streich: Lücken gibt es natürlich viele zu schließen, ganz konkret war der Anlass für dieses Buch, dass mir aufgefallen ist, dass es fast immer nur um Frauen in Punkbands, um die Riot Grrrl-Bewegung und diese Dinge geht. Oder zumindest immer nur um Frauen in einem Genre.

Zuletzt bin ich über eine Liste in einem englischsprachigen Online Magazin gestoßen, in der es um die 30 wichtigsten Punkbands für Frauen ging – die fand ich super, aber dachte mir, das könnte man doch ausbauen.

Wieso spielt das Geschlecht denn offenbar überhaupt eine große Rolle? 

Ich glaube, dass es lange dauert bis man überhaupt merkt, dass man eigentlich nur Musik von Männern hört. So war es jedenfalls in meiner Jugend. Ich habe lauter Jungsbands gehört. Indie- und Britpop-Zeug, ein bisschen Punk, ein bisschen Hiphop. Das waren fast alles Typen und eine Ausnahme, wenn dann mal eine Frau dabei war. 

Jungs machen natürlich auch tolle Musik, von Frauen wird man als Frau aber noch mal ganz anders angesprochen. Bei Bands wie Schnipo Schranke oder in den 90ern den Lassie Singers, habe ich als Frau mehr Berührungspunkte, weil die Sachen erzählen die ich selbst erlebt habe oder die ich besser mitfühlen kann, als beispielsweise bei Tocotronic, die ich aber auch sehr liebe. Fast alle Musikerinnen erzählen auch, dass sie erst angefangen haben Musik zu machen nachdem sie eine Frau auf der Bühne gesehen haben. Daher ist es wichtig, Frauen eine Bühne zu geben.

 

„Jede:r kann Feminist:in sein“

 

Du hast diesen klassischen Punk- / Riot Grrrl-Rahmen, wie schon angesprochen, nicht nur verlassen, neben wenig überraschend vertretenen Künstlerinnen wie Patti Smith, Madonna oder Kim Gordon, kommen in dem Buch auch viele Frauen vor, die nicht explizit durch feministisches Engagement auffallen. Welche, die sich vielleicht nicht mal als Feministin bezeichnen. Was musste eine Künstlerin mitbringen, um in „These Girls“ behandelt zu werden? Was ist für dich Feminismus?

Ich bin da sehr offen und weniger dogmatisch. Für mich reicht es schon, wenn man bewusst oder unbewusst fördert, dass Frauen die gleichen Rechte, die gleichen Möglichkeiten haben wie Männer. Jede:r kann Feminist:in sein.

Das heißt auch, dass man nicht explizit Feminismus propagieren muss, um feministisch zu handeln?

Das ist eine spannende Frage. Nehmen wir die Spice Girls, die auch in dem Buch vorkommen. Die haben in ihrer Karriere sicher nicht bewusst feministisch gehandelt. – manchmal sich, zum Beispiel in Interviews, gar eher gegenteilig geäußert.

Wenn sie aber darüber gesungen haben, dass ein Mann, der auf sie steht, auch ihre Freundinnen mögen müsse und er für die Frau nicht das Wichtigste sei und sie im Video zum Song „Wannabe“ selbstbewusst eine Party crashen, dann hatte das schon feministische Ansätze. Oder konnte zumindest so gesehen werden.

Es geht in dem Buch auch ein Stück weit drum, was die betreffenden Künstlerin der Person, die über sie geschrieben hat, gab oder gibt.

Verfasst haben die rund 140 Texte über Frauen auch Männer. Maurice Summen, Chef des Labels Staatsakt etwa, die Journalisten Klaus Walter und Julian Weber, Linus Volkmann oder Musiker Andreas Spechtl. Gibt es nicht genug Texte von Männern über Frauen?

Ich finde es wichtig, dass Männer über Frauen schreiben. Warum sollten sie das auch nicht tun? Männer können schließlich auch Feministen sein und dabei helfen, Frauen, deren Geschichte und Anliegen weiterzubringen. 

Es war auch gar nicht mein Anliegen, ein Buch über Frauen nur zusammen mit Frauen zu machen, denn ich wollte bestimmte Leute nicht von vorneherein ausschließen. Aber das Verhältnis musste stimmen. Wären mehr als die Hälfte männliche Autoren gewesen, hätte ich das nicht gemacht.

 

„ … wie wichtig Musik für das persönliche Leben ist“

 

Hast du eine Lieblingsgeschichte?

Da gibt es natürlich viele, die von Maurice Summen beispielsweise. Er erzählt von einer Begebenheit, bei der er und befreundete Männer aus der Musikbranche in abendlicher Runde selbstsicher ein gehörtes Stück einem männlichen Produzenten zuschreiben, um dann festzustellen, dass die Produktion von einer Frau, Anne Dudley stammt, von der die Super Experten der Popmusik, wie Summen ironisch schreibt, bis dahin noch nie etwas gehört hatten. Das zeigt, wie man noch etwas dazu lernen kann, wenn man offen dafür ist. Und: Sich mal zu irren und zu korrigieren ist auch gar nicht schlimm.

Besonders schön finde ich auch die persönlichen Geschichten. Lea Matika schreibt über Brode Dalle, beziehungsweise ein Konzert deren Band The Distillers, das sie als Jugendliche Mitte der 2000er in Hamburg besuchte. Sie erzählt, wie sie und ihre Begleiter:innen die Nacht nach dem Konzert im Bahnhof Altona durchmachen mussten und dabei zuerst versucht haben im Aufzug zu schlafen, dessen Türen sie alle 10 Sekunden wieder schließen mussten, damit die Kälte draußen bleibt. Viele Geschichten zeigen, wie wichtig Musik für das persönliche Leben ist.

these_girlsWas möchtest du mit dem Buch erreichen?

Ein Ziel ist natürlich  – gerade was die weniger bekannten Künstlerin angeht – diese sichtbar zu machen. Auf längere Sicht würde ich mir wünschen, dass die Sichtbarkeit und Anerkennung der Arbeit von weiblichen Künstlern normal ist. So normal, dass diese nicht extra erwähnt werden muss. Dass beispielsweise in den 500 Beste-Alben-Listen des Rolling Stone mehr und selbstverständlich Werke von weiblichen Künstlerinnen auftauchen. Dass der ganze Musikkanon grundsätzlich weiblicher wird.

„These Girls – Ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte“, Ventil Verlag 2020, 344 Seiten


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Vol. 3: Eine sommerliche Kulturwoche voller Ideen

Damit die Woche gut im Voraus geplant werden kann, gibt es hier eine Auflistung an Highlights, die diese Woche im Rahmen des Kultursommer Hamburgs stattfinden

Text: Henry Lührs

 

Der Kultursommer Hamburg bietet über vier Wochen mehr als 1300 Veranstaltungen in der ganzen Stadt verteilt an. Damit da nicht der Überblick verloren wird, haben wir uns durchs Programm gelesen und empfehlen hier tägliche Events in der Vorschau, damit die Woche mit Calls, Kindern und kleinen Katastrophen gut geplant, genossen und vieles mitgenommen werden kann!

 

02. August 2021

Die Sommerferien in Hamburg sind schon fast wieder vorbei. Aber für die Kleinen gibt es gute Neuigkeiten: Die Spielzeit des Kidskinos im Sternschanzenpark ist gerade erst angelaufen. Vom 01. bis zum 16. August gibt es hier täglich zwei Open-Air Filme für Kinder ab sechs Jahren. Mit einer tagestauglichen LED-Leinwand wird auch vor Sonnenuntergang der volle Kinogenuss erreicht. Guter aber kindgerechter Sound wird den Kids per Funk-Kopfhörer direkt auf die Ohren geschickt. Eltern können ihre Lieblinge entspannt vom Café Bereich aus im Blick behalten. Strandliegen stehen bereit.

Am Montag läuft um 15 Uhr „Tabaluga – Der Film“ und um 17 Uhr „Die Heinzel – Rückkehr der Heinzelmänner“Der Eintritt ist im Rahmen des Kultursommer Hamburg für Kinder und Erwachsene kostenlos.

03. August 2021

Am Dienstag und am Mittwoch sticht der historische Alsterdampfer „St.Georg“ für mehrere kleine Rundfahrten auf der Alster in See. An Bord sind Künstler, Autoren und die verschiedensten Geschichtenerzähler. Unter dem Motto „Auf Kurzreise mit..“  werden die Passagiere in den Sog von Kurzgeschichten und Romanen gezogen.

Das Literaturhaus holt am Dienstag die Schriftstellerin Simone Buchholz und den Hamburger Schule-Sänger Bernd Begemann an Bord. Die beiden kennen sich seit 23 Jahren und haben eine gemeinsame Geschichte mit im Gepäck. Mit Erzählung und Musik steuern die beiden auf große Emotionen und viel Pathos zu. Los geht es um 15 Uhr beim Anleger Jungfernstieg. Tickets gibt es ab acht Euro.

04. August 2021

Welche Figur oder welchen Charakter verkörpern Frauen auf der Bühne, wenn es keine literarische Vorgabe gibt? Dieser Frage ist die Tänzerin, Musikerin, Choreografin und Allroundkünstlerin Katharina Oberlink nachgegangen und hat geforscht: Im Rahmen ihres Rechercheprojekts etablierte sie einen künstlerischen und performativen Raum der weiblichen Vernetzung. Daraus hervorgegangen ist die Tanz- und Performancegruppe „Performing Females“. Tänzerinnen aus Hamburg, Burkina Faso und Indonesien erarbeiten künstlerisch neue Narrative und Darstellungsformen der Frau im Kontext der Kulturindustrie.

Solidarität und geballte female power kommt mit der Performing Females Wonder Show am Mittwoch auf die Open Air Bühne im Hinterhof der WIESE Genossenschaft. Katharina Oberlink selbst, sowie Viola Heuss und Lia Anahita werden für eine Stunde Einblicke in ihre Ideen, Utopien aber vor allem ihre Kunst geben. Los geht es um 20 Uhr. Der Eintritt ist frei.

05. August 2021

In der „Elbphilharmonie der Herzen“, der Barboncino Zwölphi im Obergeschoss des Golden Pudel Clubs, gibt es im Rahmen des Kultursommers feinste Beats und spannende Lesungen auf die Ohren. Bis zum 22. Augst lädt die Bar im Hamburger Szene-Club für die FKK – Funkhörer Kopf Kultur an ihren sogenannten „Golden Pudel Beach“ ein.

Der Donnerstagabend beginnt elektronisch mit DJane Moira. Im Anschluss kommen zwei Hamburger Kultfiguren vorbei: Rocko Schamoni und Gereon Klug. Beide kennen sich und den Pudel Club ewig. Rocko Schamoni war Anfang der 90er sogar Mitbegründer des ersten Pudel Clubs, damals noch in einer leerstehenden Kneipe. Er ist außerdem Musiker, Schauspieler, Künstler und vieles mehr. Wem das immer noch nichts sagt, dem helfen vielleicht  die Bandnamen Studio Braun oder Fraktus auf die Sprünge. Gereon Klug ist Tourmanager  beider gewesen, hat den Hamburger Plattenladen Hanseplatte gegründet und ausserdem stammt der Deichkind-Hit „Leider Geil“ aus seiner Feder.

Zusammen nehmen Klug und Schamoni live und vor Ort eine Folge ihres gemeinsamen Podcasts „Auf der Bahn“ auf. Tickets zur Veranstaltung gibt es zwar kostenlos, allerdings begrenzt ab 16:30 Uhr vor Ort zu ergattern.

06. August 2021

Sprudelpop. So nennen sie ihren Sound selbst: Die Hamburger Band Schorl3 mixt die Genrekiste bunt durch. Rausgekommen ist eine ganze Reihe an Disco-fähigen Tracks. Dass die Mischung aus Funk, R&B und Indie-Pop auch in deutscher Sprache funktioniert, hat die Band mit Singles wie “Pia”, “Gegenverkehr” oder “Zu arm” bewiesen. Seit letztem Jahr machen die drei Jungs zusammen Mucke und haben bereits den diesjährigen Krach und Getöse Newcomerpreis abgeräumt.

Bühnenoutfits, Musikvideos und das “I dont care”-Auftreten der Band lassen nicht erahnen, dass das Projekt Schorl3 eigentlich noch in den Kinderschuhen steckt. Vielmehr klingen sie wie die Anwärter auf den nächsten großen Sommerhit.

Am Freitag spielt Schorl3 in der Zinnschmelze, dem ehemaligen Fabrikgebäude und Kulturzentrum in Barmbek. Los geht es um 20 Uhr. Tickets sind kostenlos, zur Anmeldung geht es hier.

07. August 2021

Es ist Pride in Hamburg. Das bedeutet normalerweise: Die großen bunten Paradetrucks fahren als krönender Abschluss der Pride Weeks wieder durch Hamburg Mitte, gefolgt von der feiernden Menge. Corona-bedingt wird die CSD-Demonstration am Samstag aber aufs Fahrrad verlegt. Um 12 Uhr geht es am Jungfernstieg los.

Das Gängeviertel möchte parallel zur offiziellen Demonstration einen Raum für Gegenentwürfe schaffen, der die queere Community in seiner Vielfalt repräsentiert. Beim Command Queer Spektakel wird es neben einer Kunstausstellung und einer Kundgebung auch jede Menge Open-Air-Veranstaltungen wie Vortrage, Konzerte und Dj-Sets geben.

Ab 14 Uhr wird das Gängeviertel am Samstag unter dem Motto „Command Queer – Escape the Binary“ mit einem vielfältigen Programm bespielt. Der Eintritt ist frei.

08. August 2021

Alles fing 1989 in der Evangelischen Stiftung Alsterdorf an: Der Musiker und Heilerzieher Kai Boysen wandelt seine Idee in die Tat um und nimmt ein Album gemeinsam mit den Bewohnern der Wohngruppe 17 auf. Das Projekt Station 17 ist geboren und wird mit den Jahren größer. Es folgen viele Auftritte und auch über die Landesgrenze hinweg macht sich Station 17 einen Namen.

Als Kollektiv wächst eine Band heran, die sich immer weiter entwickelt. Musiker mit Behinderung und Musiker ohne Behinderungen sprengen gemeinsam alle möglichen Genregrenzen und entwickeln immer wieder einen einzigartigen Sound. Mittlerweile sind es zwölf Alben, die vor allem von der immensen Kreativität der Band leben. Die leidenschaftlichen und euphorischen Live-Konzerte begeistern.

Am Sonntag kommt die Band zum Südkultursommer nach Harburg und spielt um 11 Uhr auf dem Schwarzenbergplatz ein Konzert. Tickets gibt es ab 6,25 Euro.


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

 

Carsten Brosda: „Wir müssen unsere Geschichten besser erzählen“

Mit Unterstützung der Hamburger Band Das Weeth Experience trat Kultursenator Dr. Carsten Brosda im Rahmen des Kultursommers auf der Rollschuhbahn Planten un Blomen auf und laß aus seinen Schriftstücken vor

Text: Isabel Rauhut

 

Den sommerlichen Freitagabend am 23. Juli auf der Bühne an der Rollschuhbahn Planten un Blomen eröffnet die Band Swearing at Motorists. Nach einer gerissenen Gitarrensaite und guten Sprüchen betritt im Anschluss an die Vorband Carsten Brosda mit Band die Bühne. Hamburgs Kultursenator ist neben seiner politischen Arbeit auch als Schriftsteller tätig. Drei Bücher zum Stand der Republik, Kunst, zum Thema Digitales und Rechtsautoritäres hat er bereits veröffentlicht. Carsten Brosda laß dem Publikum im Rahmen der Konzertreihe „Knust2go“ beim Kultursommer Hamburg mit musikalischer Begleitung von Das Weeth Experience vor.

 

Musik und Literatur

 

Der Plan, Improv-Instrumentalmusik simultan mit einer Lesung zu kombinieren, entstand während des Frühjahr-Shutdowns 2020. Das Weeth Experience ist die Band der beiden Michelle Records Macher Christof Jessen und Andre Frahm – dem Hamburger Plattenladen in dem sich Herr Brosda beim Plattenstöbern gern mal vom Regieren erholt. Und da kommt man dann beim Schnacken auf künstlerische Ideen.

Gegründet in den frühen 1990er Jahren war die Hamburger Band Das Weeth Experience auf der ganzen Welt unterwegs. Mehrere US-Tourneen führten zu Freundschaften mit Bands wie Yo La Tengo oder Giant Sand. Bands, mit deren musikalischem Ansatz sich die Band eher verbunden fühlte, als mit vielem Heimischen. Aktuell ist eine fünfte Platte in Vorbereitung.


#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Märchenhafter Roadtrip: Klaus Modicks „Fahrtwind“

Klaus Modicks „Fahrtwind“ ist eine heitere Ode an die Ehrgeizverweigerung. Ein Gespräch über Leistungs- zwänge im Kapitalismus, bewusstseinserweiternde Substanzen und über den Soundtrack der 1970er

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Über diese Interviewanfrage habe er sich besonders gefreut, sagt Klaus Modick. Denn in den 1980ern hat er selbst regelmäßig für die SZENE geschrieben. Im März 1984 erschien sein erster Beitrag – und zwar über Donald Duck. Titel: „Genie der cholerischen Wut“.

Ein Kritiker des Deutschlandfunk schrieb einmal treffend über Modick: „Seine Romane sind vielschichtig, geprägt von komplexen Motivverarbeitungen und literarischen Anspielungen, aber an der Oberfläche immer süffig und, wie man sagt, gut zu lesen.“

Das gilt auch für „Fahrt­wind“, seinen unbeschwerten Sommer­roman über einen jungen Mann in den 1970ern, der Musiker werden will. Auf seiner Reise nach Österreich und Italien verliebt er sich, gerät in ein geschickt ein­ gefädeltes Verwirrspiel und findet psyche­delische Pilze. Er hat einen berühmten Vorgänger: „Fahrtwind“ ist eine Aktuali­sierung von Joseph von Eichendorffs 1826 erschienener Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“.

 

SZENE HAMBURG: Klaus Modick, findet man solche Pilze wirklich einfach so in Österreich auf einer Wiese?

Klaus Modick: Klar, Psilocybin-Pilze sind weltweit verbreitet, die findet man sogar in Hamburg – man muss nur wissen, wie sie aussehen. Falls Sie interessiert, was man damit so alles erleben kann, dann gucken Sie mal im Netz nach, wie die aussehen. Und wenn Sie das nächste Mal im Stadtpark sind, dann halten Sie die Augen offen. So eine kleine Pilzmahlzeit kann ich nur empfehlen, ist auch nicht so gefährlich wie LSD, wo Leute bei der falschen Dosis schon durchgedreht sind.

Bewusstseinserweiternde Substanzen, Musik, Reisen, Liebe, die 1970er – die Geschichte ähnelt stark Ihrem Leonard-Cohen-Buch, das letztes Jahr in der KiWi-Musikbibliothek erschien.

Das stimmt, die Bücher gehören irgendwie zusammen. Als ich bereits mit „Fahrtwind“ angefangen hatte, kam die Anfrage für das Leonard-Cohen-Büchlein. Damals hatte ich mich schon so in den Stoff vertieft, dass mir das parallel geriet. Sogar einer der selbst geschriebenen Songs kommt in beiden Geschichten vor.

 

Ironische Neuinterpretation

 

Und beide Erzähler begeben sich auf einen Roadtrip. Das Motiv hat es Ihnen angetan, oder?

Das würde ich so nicht sagen. „Fahrtwind“ ist ja eine ironische Neuinterpretation des Taugenichts. Eichendorffs Novelle ist sozusagen ein Roadtrip aus dem frühen 19. Jahrhundert, der wie gemacht ist für eine Übertragung in das Lebensgefühl der 1970er. Dass da einer sein Instrument nimmt und sagt: Ich haue ab, streife planlos durch die Welt und singe ein Lied drauf. Eichendorffs Protagonist zieht mit einer Geige durch die Welt, bei mir ist es eben eine Gitarre.

Alles in allem ist das für mich ein Märchen und wenn man will, auch ein Trip im psychedelischen Sinn. Es bleibt ja offen, ob alles, was er erlebt, nicht innerhalb der Rauschvorstellung durch die Pilze passiert.

Was gefällt Ihnen am „Taugenichts“? Die Ehrgeizverweigerung?

Auf jeden Fall, diese Grundhaltung ist mir sehr sympathisch. Ich habe das Motiv zugespitzt, aber schon Eichendorffs Taugenichts ist ein Prosperitätsverweigerer, der keine Lust hat mit zumachen. Der interessiert sich nur für Musik, Frauen und Poesie. Er will ein möglichst müheloses Leben haben, und arbeiten sollen die anderen.

Das ist eine freche, aber nicht ganz ungesunde Einstellung. Zu Eichendorffs Zeit war das eigentlich eine totale Provokation gegen den Leistungszwang im Frühkapitalismus, es wurde nur nie so wahrgenommen.

Könnte die Geschichte auch in unsere Gegenwart verlegt werden?

Ich bin mir sicher, dass ein junger Zeitgenosse das könnte. Aber ich bin 70, ich könnte nicht aufschreiben, wie eine jugendliche Ausbruchsfantasie verbunden mit der Atmosphäre dieser Zeit aussehen würde. In den 1970ern war ich so alt wie der Protagonist in „Fahrtwind“, deswegen konnte ich mich gut in ihn hineinversetzen.

Die Grundkonstellation ist aber nach wie vor da. Mein Lektor, der 30 ist, meinte gleich, dass das ein ganz aktueller Text sei. Weil der Leistungsdruck in seiner Generation mindestens genauso groß sei und er sich darin wiederfinden könne.

Ihr Roman ist gegenwärtig und gleichzeitg nostalgisch, woraus er keinen Hehl macht. Nostalgie ist ja eher verpönt, Sie scheint das nicht zu stören. Wie kommt’s?

Dass die Geschichte etwas Nostalgisches hat, finde ich tatsächlich absolut in Ordnung. Ich sehe diese Zeit positiv, trotz der Probleme, die es damals natürlich gab. Man könnte auch völlig anders über die 1970er schreiben, es war ja nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen und Blumen im Haar. Ich wollte aber ein positives Märchen schreiben über dieses Lebensgefühl und den dazugehörigen Soundtrack. Mein Buch ist noch viel stärker als bei Eichendorff durchtränkt von Musik: Leonard Cohen, die Beatles, der Soundtrack von „Easy Rider“.

Was macht die Musik dieser Zeit so besonders, dass Sie noch heute gehört wird und vermutlich noch in 100 Jahren gehört wird?

Gute Frage, die ich nicht genau beantworten kann: Was macht sie so haltbar? Es gab viel Musik aus der Zeit, die heute peinlich ist. Aber vieles ist stabil geblieben, als wäre es eine Blaupause für das Kommende gewesen.

Die Beatles waren eine musikalische Revolution, oder denken Sie an Gestalten wie Bob Dylan, der es ja nicht zu Unrecht bis zum Literaturnobelpreis geschafft hat. Da hat eine kreative Eruption der Gegenkultur stattgefunden, für die es viele Gründe gibt, einer davon ist sicher die Befreiung vom Muff der Nachkriegszeit.

Sie wollten selbst Musiker werden, ein Leonard Cohen auf deutsch. Was kam dazwischen?

Ach, ich habe schnell gemerkt, dass meine musikalischen Fähigkeiten nicht dem entsprechen, was ich selbst von guter Musik erwarte. Über gehobenes Amateurniveau wäre ich nicht hinausgekommen. Als Romanautor konnte ich mich besser entwickeln und bin in Dimensionen angekommen, von denen ich sagen würde, sie halten meinen Ansprüchen stand. Das konnte ich von der Art und Weise, wie ich Musik gemacht habe, nicht sagen. Aber Spaß gemacht hat’s trotzdem.

 

„Mein Widerstand drückte sich in Hedonismus, Musik und Poesie aus“

 

Wenn wir schon beim Autobiografischen sind: Im Vorwort erinnert sich der Erzähler an eine Seminar-Sprengung durch K-Gruppen im Philo-Turm der Uni Hamburg. Ging Ihnen das auch so, als Sie in Hamburg studiert haben?

Diese Eingangsszene hat so, wie ich sie beschreibe, nicht stattgefunden, aber sie hätte so stattfinden können. Ich habe diese sogenannten Seminarsprengungen bis zum Erbrechen erlebt, das war absolut ätzend.

Und ich habe auch wirklich ein Romantikseminar im Laufe meines Studiums absolviert. Deswegen entspricht die Szene ziemlich genau der Art und Weise, wie ich mich während des Studiums politisch eingenordet habe.

Mit diesen ganzen K-Gruppen und ihrer Weltrevolution konnte ich überhaupt nichts anfangen. Das heißt nicht, dass ich mit der herrschenden Gesellschaftsordnung einverstanden gewesen wäre. Mein Widerstand drückte sich eher in Hedonismus, Musik und Poesie aus.

Ihren Roman durchzieht auch eine ironische Lust am Klischee, die einerseits auf Distanz geht, aber auch sichtlich Sympathien hat. Was mögen Sie am Klischee?

Klischees sind undialektische Wahrheiten. In jedem Klischee steckt ein wahrer Kern, der peinlich wird, wenn er verabsolutiert wird. Deswegen muss man ihm immer etwas entgegenhalten, entweder einen Widerspruch oder eine Distanz. Denn wenn man sich dialektisch dazu verhält, dann funktioniert es eben doch. Dann ist die Wahrheit dieses Klischees ausgesprochen, aber nicht verabsolutiert.

Haben Sie ein Beispiel?

Es gibt ja diese Hippie-Parole, die auch von den Beatles hochgehalten wurde: „Love and Peace“. Im Grunde ist das natürlich ein fürchterliches Hippie-Klischee. Aber wenn ich innehalte und nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass das eigentlich doch genau das ist, was wir alle wollen. Ich halte das für eine existenziellere Parole als „Weniger Arbeit, mehr Geld“. Wenn man an zum Klischee gewordenen Aussagen kratzt und den Kern freilegt, dann geben sie noch immer sehr viel her.

Klaus Modick: „Fahrtwind“, Kiepenheuer&Witsch, 208 Seiten, 20 Euro


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Juni 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Hey, hey, hey, Herr Stanišić!

„Hey, hey, hey, Taxi!“ heißt das neue Werk von Saša Stanišić. Es basiert auf Geschichten, die er sich zusammen mit seinem Sohn ausgedacht hat. Im Interview mit SZENE HAMBURG spricht der Buchpreisträger über den Entstehungsprozess, die anarchische Vorstellungskraft von Kindern – und er verrät, warum gerade dieses Buch ihm so viel bedeutet

Interview: Marco Arellano Gomes

 

SZENE HAMBURG: Saša Stanišić, nach der Lektüre Ihres neuen Buches kam mir die verwegene Idee, das Interview so zu führen, dass ich Fragen stelle – und Sie, wie einer der Charaktere im Buch, ausschließlich mit „Odjo, odjo“ antworten …

Saša Stanišić: (lacht) Das wäre für uns beide ein Spaß. Für die Leser wahrscheinlich weniger.

Zumindest würde das den Charakter Ihres neuen Buches unterstreichen. Es ist ja ein eher ungewöhnliches, sehr fantasievolles, fast absurd­komisches Kinderbuch geworden.

Ich habe viel Feedback zu der Geschichte mit dem „Odjo, odjo“ sagenden Taxifahrer erhalten. Die scheint besonders gut anzukommen. Kinder lieben das Abstrakte. Sie verstehen zwar nicht unmittelbar, was los ist, aber sie können sich gut vorstellen, dass trotz der unverständlichen Kommunikation etwas gut ausgehen wird.

Kinder können fehlende Informationen ganz gut ersetzen mit eigener Imagination. Die hören das „Odjo, odjo“ und bauen daraus eine sinnvolle Antwort für sich. Die Kommunikation ist zwar misslungen, aber der Weg zu einer Geschichte ist gelungen. (lacht)

Wann genau kamen Sie auf die Idee, ein Kinderbuch zu schreiben?

Die Idee kam, nachdem ich die „Taxi-Geschichten“ schon längere Zeit meinem Sohn erzählt hatte. Und da die ihm wirklich Spaß machten, dachte ich, dass sich das vielleicht auch auf andere Kinder übertragen lässt.

Wann wurde der Gedanke einer Veröffentlichung konkreter?

Mein Sohn hat nicht lockergelassen. Irgendwann schlug ich ihm vor, mehr aus Scherz, lass uns doch ein Buch mit den Geschichten machen. Er sagte: „Gut, aber ich darf entscheiden, was in das Buch kommt.“ Ja, so war das dann auch. Ich stellte das Projekt dem mairisch Verlag vor, und wir waren uns gleich einig, auch, dass es ein Bilderbuch werden sollte.

 

„Kinder haben eine sehr spannende Vorstellung von Logik“

 

Es muss schwer sein, die Geschichten einzufangen, wenn sie so spontan entstehen!?

Ich habe mir meist kurz nach dem Erzählen Notizen gemacht. Später entstanden daraus längere Textbausteine oder gleich fertige Texte. Das ist ein interessanter Prozess: Man schreibt die Erinnerung an die einzelne Geschichte auf, so gut man sie eben erinnert, und dichtet dann Details hinzu. Die Texte entsprechen oft nicht mehr zu einhundert Prozent dem, was ich meinem Sohn erzählt hatte.

Auch von der Unmittelbarkeit geht sicher etwas verloren. Sobald man die Formulierungsmaschinerie anwirft – bei mir ist das jedenfalls so – will man, dass jeder Satz der bestmögliche Satz ist. Das Spontane beim Geschichtenerzählen, geht dabei natürlich verloren.

Sie schreiben im Vorort (sic): „Im Zuhören ist ein Kind Architekt für Welten aus Sprache.“ Haben Kinder den Erwachsenen in dieser Hinsicht etwas voraus?

Sie sind auf jeden Fall freier, insofern, dass sie nicht wie wir Erwachsenen bestimmte Gewohnheitsstrukturen im Erzählen anwenden. Wir Erwachsene springen nicht unbedingt von A nach Z und wieder zurück, sondern halten eine gewisse Chronologie, einen linearen Verlauf. Auch was die Motive angeht, erzählen Erwachsene anders. Kinder sind anarchischer, unbekümmerter auch. Sie überraschen, haben eine sehr spannende Vorstellung von Logik. Das finde ich super.

Konnten Sie das auch bei ihrem Sohn Nikolai bemerken, wenn Sie ihm die Geschichten erzählten?

Ja. Als ich mit dem Geschichtenerzählen anfing und ich ihn bat, in die Geschichte mit einzusteigen, tat er immer so, als ob er mit einem Fahrzeug hinzukam. Dann setzte er sich auf einen Besen, nahm ein Auto und paddelte sich dazu und übernahm das Erzählen. Oft erweiterte er dabei alles, was ich zum Beispiel motivisch vorbereitet hatte, in ganz unerwartete Richtungen. Er brachte neue Figuren mit, erfand Gegenstände, die bei der Problemlösung hilfreich wurden, änderte auch mal das Problem an sich.

Die Geschichten nahmen häufig einen ganz eigenen, chaotischen, aber sehr sympathischen Weg zu ihrem Schluss. Manchmal hatte das auch nicht mehr viel zu tun mit dem, wie die Geschichte bis dahin verlaufen war.

 

Harmonie zwischen Text- und Bildsprache

 

Bei Kinderbüchern spielt neben der Qualität der Geschichten die Optik eine große Rolle. Die Illustrationen in „Hey, hey, hey, Taxi!“ sind nicht niedlich und süß, sondern eher verspielt und surreal. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Illustratorin Katja Spitzer?

Die Frage der Illustration kam erst auf, als die Geschichten recht fortgeschritten waren. Ich bekam eine Liste von Vorschlägen und diese bin ich gemeinsam mit meinem Sohn durchgegangen. Er hat sofort gesagt: „Das will ich haben!“ Katja Spitzer. Er hat die Illustratorin quasi bestimmt.

Hey-hey-hey-Taxi-c-mairisch-verlagWie lief die Zusammenarbeit mit Katja Spitzer?

Im Grunde hatte Katja völlig freie Hand. Sie hat sich auf eine sehr verspielte Weise auf das Projekt eingelassen und wunderbare Ideen eingebracht. Sie hielt mich immer auf dem Laufenden und fragte immer wieder: „Geht das in die Richtung, die du dir vorstellst?“

Oft hat man bei Kinderbüchern ja das Gefühl, dass Text oder Bild überwiegen und das jeweils andere nur Beiwerk ist. Für ein gelungenes Bilder-Text-Buch bedarf es meines Erachtens einer Harmonie zwischen Text- und Bildsprache, und die war schnell mit Katjas Illus auch hergestellt.

Empfanden Sie es als leichter oder schwerer, ein Kinderbuch zu schreiben?

Für mich ist das Schöne, dass ich auch bei einem Kinderbuch meinem Handwerk nachgehe. Nur das Zielpublikum ist eben ein anderes. Ich arbeite aber auch hier an jedem Satz. Es mag leicht und unbeschwert erscheinen, aber jedes Wort muss am Ende wirklich sitzen. Da gibt es null Unterschied zu einem Erwachsenenbuch. Im Gegenteil: Ich habe bei „Hey, hey, hey, Taxi!“ sogar viel stärker erahnen wollen, wie die Texte ankommen könnten.

Ein Kinderbuch ist in dieser Hinsicht also voraussetzungsvoller als ein Roman. Aber die Schreibdauer ist kürzer, was angenehmer ist.

Wie viel Nikolai, wie viel Saša Stanišić steckt in dem Buch?

(lacht) Das ist schwer zu sagen. Es gibt Geschichten, die extra für das Buch entworfen worden sind, die ich ihm also gar nicht erzählt habe. Das sind vor allem diejenigen, die einen Meta-Charakter haben, zum Beispiel die Geschichte um die Heldin, die keine Heldin sein will oder die Eingangsgeschichte, die zusammenfasst, was kommen wird.

Je konkreter und abenteuerlicher ein Text, desto wahrscheinlicher ist, dass mein Sohn Rezipient war oder sich eingeschaltet hat. Pi mal Daumen war er bei etwa drei Viertel der Geschichten involviert.

Das Buch lädt dazu ein, eigene Erlebnisse in die Geschichten mit einzuflechten. Wie genau funktioniert das?

Ich improvisiere gern beim Vorlesen. Mein Sohn liebt das. Ich kann also nur dazu raten, die eigene Lebenswirklichkeit in diese meine Taxi-Welt zu bringen. Dazu muss im Text auch nicht explizit eine Anweisung stehen.

Das Taxi war für Nikolai und mich nur ein Symbol für einen Abschied. Denn darum geht es im Buch: Dass ein Elternteil weggeht und immer wieder zurückkommt. Solche Elemente können die Eltern also umwandeln und anpassen, um die Gemeinsamkeiten mit dem eigenen Kind sichtbarer zu machen. Denn die Kinder freuen sich darüber, in dem Spannungsverhältnis der überbordenden Fantasie und dem Alltag das eigene Leben zu erkennen.

War das Weggehen und Zurückkom­men nicht auch in Ihren früheren Werken wie „Herkunft“ das leitende Thema?

Zwei meiner Bücher kreisen in der Tat stark um das Thema der Ankunft. Die spielen allerdings auf einer anderen Ebene des Ankommens und berühren Fragen von Geflüchteten und politische Identitäten. In „Hey, hey, hey, Taxi!“ geht es mehr um den Abschied und das Nach-Hause-Kommen an sich, Nähe und Distanz also zwischen Eltern und Kindern im Alltag und durch den Beruf: Ob das nun der banale Weg in die Kita ist, der zur Arbeit oder eine Lesereise von zwei Tagen. Das beschäftigt Eltern gleichwohl wie die Kinder.

 

Verbunden durch das Erzählte

 

Erinnern Sie sich, wie Sie als Kind solche Abschiede erlebten?

Ich bin als Kind bei meiner Großmutter aufgewachsen. Ich hatte also nicht diese Art von Abschied und Ankunft, wie sie mein Sohn in der Kita ritualisiert hat. Es ist zentral, wie Kinder Abschiede erleben und internalisieren. Das Erzählen von Geschichten kann dabei helfen, diese Trennungen auf Zeit offener zu gestalten.

Und das muss nicht einmal durch fantastische Abenteuer geschehen, sondern geht auch über die Frage: „Was hast du heute alles erlebt?“ Abschied und Heimkehr sind die Marker am Anfang und Ende dieser Geschichten, die einen dann wieder verbinden.

Also bietet das gemeinsame Erzählen die Möglichkeit, verbunden zu bleiben, indem man die Erfahrungen, die man während des Getrenntseins macht, in Geschichten verpackt und miteinander teilt?

Genau darum geht es ja beim Geschichtenerzählen: Wir kommen zusammen und sind verbunden durch das Erzählte. Geschichten sind eine Form von Kommunikation – ein Angebot, Einblick in das eigene Leben zuzulassen oder in ein ausgedachtes – jedenfalls ein Angebot, das zusammenführt. Und so ist das Buch gemeint. Es ist ein Angebot für Erwachsene und Kinder, die vielleicht den halben Tag nicht zusammen waren, aber über gemeinsame Geschichten wieder zusammenkommen.

Sie haben auf Insta­gram geschrieben: „Es gibt wichtige Bücher und Bücher, die einem wichtig sind. Das ist ein Buch, das mir sehr wichtig ist.“ Was macht es für Sie so wichtig?

Ich habe das Gefühl, mein Sohn und ich haben durch „Hey, hey, hey, Taxi!“ miteinander eine Erinnerung geschaffen, die vielleicht jahrelang wichtig für uns sein könnte. Egal ob wir gerade eine Krise oder eine schöne Zeit haben: Diese Geschichten bleiben für immer. Mit dem Buch habe ich sie für uns archiviert.

Saša Stanišić, Katja Spitzer: „Hey, hey, hey, Taxi!“, mairisch, 69 Seiten, 18 Euro, ab 4 J.


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, April 2021. Das Magazin ist seit dem 27. MÄRZ 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Max Frisch fragt … Norbert Gstrein

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet der Autor Norbert Gstrein. In seinem neuen Roman „Der zweite Jakob“ (Hanser, 448 Seiten, 25 Euro) wird der Protagonist mit einer unangenehmen Frage konfrontiert: „Was ist das Schlimmste, das du je getan hast?“

 

Sind Sie ein Moralist?

Das würde mich und andere überfordern. Mein Problem ist, dass ich mir selbst in der Rolle nicht einmal die Wahrheit glauben würde.

Wissen Sie, woher Sie die moralischen Gesichtspunkte haben, d.h. wessen Interessen die betreffende Moral schützt?

Mit der entsprechenden Hardware auf die Welt gekommen, von Schulen, Literatur und wohl auch Religion mit Software versorgt. Wenn ich alles glauben würde, was man mir gesagt hat, und alle Vorgaben erfüllen würde, wäre das ein Problem. Dann denke ich aber immer, dass ich niemanden darum gebeten habe, geboren zu werden, und allein dadurch das Recht auf ein paar kräftige Verstöße gegen die guten Sitten habe.

Wenn Sie erkennen, dass Sie in einer amoralischen Gesellschaft leben: befriedigt es Sie, dass wenigstens Sie sich moralisch verhalten?

Es geht mir eher umgekehrt: Wenn ich erkenne, dass ich in einer Gesellschaft mit hohen moralischen Ansprüchen lebe, bin ich froh, dass ich wenigstens in der Literatur dagegen verstoßen kann. Aber manchmal geht es selbst da nicht mehr, und Sie werden für Gedanken haftbar gemacht, die nicht einmal Ihre Gedanken sind, sondern die Ihrer Figuren.

 

„Zu wenig zu leben, zu wenig zu lieben“

 

Haben Sie amoralische Einfälle?

Ich habe als Achtzehnjähriger „Atlas wirft die Welt ab“ von Ayn Rand gelesen. Das ist ein durch und durch amoralisches Buch. Die „Starken“ beschließen, die Welt zu verlassen und die „Schwachen“ in ihrem Elend zurückzulassen. Es gibt Tage, an denen ich die Zeitungen lese und vom Stillstand mancher Diskussionen so betrübt bin, dass ich denke, ich würde mit ihnen kommen, und mich selbstverständlich im nächsten Augenblick für diesen Gedanken geisele.

Angenommen, Sie entwickeln eine Erfindung, die das öffentliche Lügen unmöglich macht: wen können Sie sich als Geldgeber für Ihre kühne Forschung vorstellen?

Karl Lauterbach und die noch zu gründende Lauterbach Foundation, aber nur, falls die ein paar kleine Notlügen erlauben.

Was könnten Sie sich nicht verzeihen?

Zu wenig zu leben, zu wenig zu lieben. Schlechte Bücher zu schreiben. Zugeben zu müssen, dass mir Max Frisch, dem ich einmal begegnet bin und den ich als sehr gewitzten, sehr generösen, sehr klugen Menschen erlebt habe, inzwischen manchmal sehr auf die Nerven geht mit seiner schweizerischen Schülermoral.

Max Frisch: „Fragebogen. Erweiterte Ausgabe“, Suhrkamp, 127 Seiten, 10 Euro


SZENE-März-2021 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Februar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Simon Urban über „Wie alles began und wer dabei umkam“

Wer’s erbaulich mag, ist hier falsch: Simon Urbans „Wie alles begann und wer dabei umkam“ ist eine schwarzhumorige Gesellschaftsanalyse und ein tollkühnes Gedankenexperiment

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Simon Urban, der Ich-Erzähler ist ein Soziopath. Muss ich mir Sorgen machen, wenn ich mich als Leser hin und wieder indentifiziere?

Simon Urban: Ganz und gar nicht. Aus Autorenperspektive ist das sogar ein großes Kompliment, wenn es gelingt, dass man sich als Leser dabei ertappt, sich mit einer Figur zu identifizieren, obwohl sie Dinge tut oder denkt, die dem eigenen Wertekanon widersprechen. Wir alle tragen ja tabuisierte Gedanken in uns. Wir sprechen sie nur aus naheliegenden Gründen nicht aus.

Justus Hartmann ist angetrieben davon, tabuisierte Haltungen und Empfindun- gen aus den Menschen seines Umfeldes zu kitzeln. Haltungen, „die wir in uns einzuschließen verdammt sind, weil ihre öffentliche Äußerung unsere soziale und ökonomische Existenz erst gefährden und schließlich vollständig vernichten würde“. Wie war das, mehrere Jahre mit so einer Figur zu leben?

Das war eine schöne Zeit, ich habe das sehr genossen! Weil der Charakter eine so große Ehrlichkeit und Unverblümtheit besitzt. Er ist besessen von der Frage, was richtig ist und was falsch und wie man als Mensch und als Gesellschaft damit umzugehen hat. Zugleich ist er ein im besten Sinne amoralischer – oder noch besser: außermoralischer – Charakter.

 

„Was darf man nur denken?“

 

Das hat teilweise fast etwas Tourette-haftes. Er kann einfach nicht anders, als zu sagen, was er denkt. Und so ein Mensch bringt automatisch gesellschaftliche Gefüge, die oft auf Konsens und Behutsamkeit und bestimmte Sprachregeln ausgelegt sind, maximal in Unordnung. Das macht natürlich Spaß, ich empfinde es aber auch als befreiend. Und auch wenn das nicht das Hauptthema des Romans ist, passt es natürlich gut in unsere Zeit. Was darf man in welcher Umgebung offen aussprechen? Was darf man nur denken? Und was darf man vielleicht noch nicht einmal denken?

Sie verhandeln diese Fragen anhand des Rechts. Der Protagonist, ein hochintelligenter Jurastudent, ist mit dem deutschen Gesetz nicht einverstanden, begibt sich auf Weltreise nach Neuguinea und Singapur für ein „Studium der Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in Theorie und Praxis“ und entwirft ein universelles Rechtssystem, das das Leid der Angehörigen eines Opfers ins Strafmaß einberechnet und in dem auch Kategorien wie Rache und die Todesstrafe Platz bekommen. Warum das Recht?

Ein einfacher Grund für mein Interesse an diesem Thema wird sein, dass ich selbst beruflich aus der Art geschlagen bin: Ich komme aus einer Juristenfamilie, meine beiden Eltern waren Richter, sogar mein Großvater und mein Urgroßvater waren schon Richter. Ich bin immer fasziniert gewesen von der Frage, was genau Gerechtigkeit ist und wie sie sich herstellen lässt. Wie ist das Verhältnis des Individuums zu dem rechtlichen System, in dem wir als Angehörige einer Nation zu existieren gezwungen sind? Was passiert, wenn man sich damit nicht in Einklang befindet?

Es ist ja durchaus denkbar, dass es irgendwo auf der Welt ein Rechts- system gibt, dessen Regeln unserem persönlichen Gerechtigkeitsempfinden sehr viel mehr entsprechen als die praktizierte Rechtsprechung, der wir hierzulande unterworfen sind. Wir sind aber qua Geburt genötigt, mit unserem System zu leben, es zu respektieren und zu akzeptieren. Der Held meines Romans will sich damit nicht abfinden. Er tut etwas Unerhörtes, Anmaßendes und nimmt das Gesetzeschreiben schließlich selbst in die Hand.

 

„Mein Held ist gerechtigkeitssüchtig“

 

Er ist alles andere als ein mitfühlender Mensch. Trotzdem kritisiert er eine seiner Meinung nach fehlende Opfer- empathie im deutschen Recht. Einmal sagt er selbst, dass seine Gerechtigkeits- sucht wie eine sexuelle Obsession sei und nicht aus Mitgefühl heraus resultiere. Wie passt das zusammen?

Der Vergleich mit dem Sexualtrieb sagt: Hier geht es um etwas, das uns ausmacht, das intuitiv oder sogar genetisch ist und sich eigenständig meldet. Etwas, das wir letztlich hinnehmen müssen, weil es zu uns gehört.

Ich mag dieses Schopenhauer-Zitat sehr, weil es genau das auf den Punkt bringt: Der Mensch kann tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was wer will. Mein Held ist gerechtigkeitssüchtig und dagegen ist er machtlos, es ist ein Zwang. Wenn er dem deutschen Recht vorwirft, die Opfer nicht ausreichend zu berücksichtigen, tut er das tatsächlich nicht aus Empathie, sondern weil sein Gerechtigkeitsempfinden hier einen Mangel registriert. Ein Soziopath, der Empathie anmahnt, das empfand ich als spannende Konstellation.

Justus ist ein unzuverlässiger Erzähler, man kann ihm nicht ganz trauen. Wie soll man sich zu ihm verhalten?

Ich fürchte, das muss jeder Leser für sich entscheiden. Das Gleiche gilt ja letztlich auch für die Haltungen der Figur. Man kann sich auf seine Gedankenspiele einlassen und ihm ein Stück weit folgen oder sie sofort konsequent zurückweisen.

Was den unzuverlässigen Erzähler angeht, das ist ja letztlich eine grundsätzliche Frage, wenn es um Fiktion geht: Glaube ich das, was mir erzählt wird? Auch wenn es unglaublich ist? Ich schätze, bei Justus sollte man besser auf der Hut sein.

Sandra – eine Freundin des Protagonisten – schreibt in einem Brief von seiner egozentrischen Radikalität, die vielleicht nötig sei, um in unserer heutigen Welt noch das sein zu können, was man sein muss. Was meint sie damit?

Sandra ahnt zwar nur, was Justus zu diesem Zeitpunkt tut, aber sie hat offenbar ein ganz gutes Gespür. Die Formulierung, die Sie zitieren, bezieht sich in erster Linie auf die archaische Rolle, die mein Held sich zunehmend zu eigen macht. Ohne zu viel verraten zu wollen: Er belässt es nicht dabei, neue Gesetze zu verfassen, seine Gerechtigkeitsobsession treibt ihn noch weiter.

Inwiefern eine archaische Rolle?

Wir alle kennen solche Konstellationen aus vornehmlich amerikanischen Filmen. Der Mann, der das Recht in die eigenen Hände nimmt, weil es sonst keiner tut. Allerdings sind das meistens Charles-Bronson-mäßige Typen, die einerseits die physischen Voraussetzungen für ihre Agenda mitbringen, aber zugleich nie den Mund aufbekommen und ihre Gedanken mit uns teilen.

Mein Experiment besteht darin, das Prinzip umzudrehen: Mein Held ist anfangs ein unsportlicher Lappen, der aber permanent reflektiert. Ein Anti-Bronson, wenn man so will. Aber genau deshalb hoffentlich literarisch deutlich interessanter.

 

Archetypen aus dem Superhelden-Genre

 

Der gesamte Roman ist wie eine Genesis, das Ende ist der eigentliche Anfang, wie ja schon der Titel verdeutlicht. Sozusagen „Batman Begins“. Warum diese Vorgeschichte als Hauptprinzip?

Die vermeintliche Vorgeschichte ist hier die Geschichte, weil sie natürlich den mit Abstand spannendsten Teil der Figurenentwicklung erzählt. Wie wird jemand zu dem, was er ist? Die „Batman“-Trilogie von Christopher Nolan nennen Sie völlig zu Recht, denn tatsächlich gibt es einige Parallelen. Aber am Ende sind die Unterschiede in meiner Wahrnehmung größer.

Der Roman orientiert sich zwar an filmischen Strukturen, an Topoi und Archetypen aus dem Superhelden-Genre. Aber weil es hier um Literatur geht, um einen psychologischen Roman, um eine andere Art der Heldenreise, passiert auch mit diesen Zutaten etwas anderes.

Die Figuren und ihre Motivationen sind komplexer, gebrochener, es gibt viel mehr Ebenen und weniger Schwarz-Weiß. Gerechtigkeit und Recht sind komplexe Themen und hier ist Literatur klar im Vorteil. Sie wird dieser Tatsache viel eher gerecht, als es 90 Filmminuten könnten, die am Ende noch durch die Marktforschung müssen.

Hätte der Roman auch kürzer, dichter sein können als die mehr als 500 Seiten, oder braucht es den Platz, um die Entwicklung in ihrer Dauer nachfühlen zu können?

Es brauchte meines Erachtens tatsächlich diese Länge. Ich habe mich ja gerade nicht auf die Machart eines Actionfilm-Charakters beschränken wollen, der die Bühne schon fertig betritt. Auf seine Weise ist „Wie alles begann…“ eben auch ein Entwicklungsroman. Und das braucht Raum. Und weil Gerechtigkeit ein universelles Thema ist, und somit logischerweise größer als Landesgrenzen, hatte ich außerdem Lust, meinen Helden aus einem geografisch eingezirkelten Denkraum ausbrechen zu lassen.

 

Wert der Überforderung

 

Wem würden Sie Ihren Roman empfehlen?

Ich sitze sehr gerne und gut zwischen den Stühlen von E- und U-Literatur. In Deutschland, so mein Eindruck, existiert noch immer eine recht strikte Trennung von Unterhaltungsliteratur und ernsthafter Literatur, anders als beispielsweise in den USA, wo diese Bereiche viel konsequenter und lustvoller verquickt werden, ohne dass sich jemand wundert. Das hat mir immer gefallen.

Für meine Begriffe darf und soll das, was Tiefe erreichen und Existenzielles erzählen will, sehr gut unterhalten. Ich empfinde es sogar als Defizit, wenn Literatur das nicht tut. Was ich versuche, ist also immer EU-Literatur.

In einem Kurzvideo im Rahmen der Hamburger Literaturpreise sagen Sie, dass Sie mit Ihrer Literatur auch überfordern wollen. Worin liegt der Wert der Überforderung?

Die große Möglichkeit der Literatur ist es, sich in menschliche Köpfe und Denkräume vorzutasten, die uns normalerweise nicht zugänglich sind. Das sind Bereiche, die Literatur aufschließen und sichtbar machen kann. Auf diese Weise eine Figur zu begleiten, die sich beispielsweise erdreistet, im Alleingang die Gesetze eines Landes zu verändern, und die auch sonst kein Blatt vor den Mund nimmt, ist sicher immer wieder eine Überforderung, weil es so ruchlos ist. Aber hoffentlich auch: Bereicherung, Erkenntnis, Perspektivwechsel, Spaß am Zynismus und der Verdorbenheit eines Charakters.

Als Leser selbst liebe ich diese Form der Überforderung, ich werde gerne gezwungen, Zeit im Kopf von Personen zu verbringen, die ganz anders sind und ticken als ich. Schließlich sind wir uns in unserem selbst geschaffenen sozialen Umfeld schon zunehmend einig in allen Belangen. Da sollte Literatur uns immer auch mit dem „Anderen“ konfrontieren. Und erbaulich sind ja schon die meisten Fernsehfilme im Öffentlich-Rechtlichen. Ich finde, das reicht.

Simon Urban: „Wie alles begann und wer dabei umkam“, Kiepenheuer & Witsch, 544 Seiten, 24 Euro. Erscheint am 11.2. Die für den 23.2. geplante Autorenlesung im Literaturhaus wird auf März verschoben


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Februar 2021. Das Magazin ist seit dem 28. Januar 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

„Sicherheitszone“: Katrin Seddigs neuer Roman

Katrin Seddigs Familienroman „Sicherheitszone“ spielt vor dem Hintergrund des G20-Gipfels in Hamburg. Ein Gespräch über gesellschaftliche Brüche, die Unübersichtlichkeit der Welt und Wege aus der Ohnmacht

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Zu Beginn steht ein Zitat der polnischen Dichterin Wisława Szymborska: „Ich ziehe das Chaos der Hölle dem Chaos der Ordnung vor.“ In „Sicherheitszone“ zerfällt die Ordnung der Familie Koschmieder. Die 17-jährige Imke ist bei „Jugend gegen G20“ aktiv. Ihr großer Bruder Alexander steht als Polizist auf der anderen Seite. Thomas, der Vater, verlässt die Familie für eine jüngere Frau – die Ernüchterung folgt schnell. Während einer Demo gerät er auf der Suche nach Imke in einen Tumult und wird von einem Polizisten attackiert: „Er hatte die ganze Zeit gedacht, er könne außen vor bleiben, alles als Beobachter sehen, und sein eigener Irrtum wird ihm so kalt und klar, so höhnisch bewusst, als wäre er ein Irrtum nicht nur in diesem Moment, sondern seines ganzen Lebens.“

Seddigs Roman ist die Geschichte eines Umbruchs und der damit verbundenen Verunsicherung: „Die Welt, wie wir sie kannten, die ist vorbei. Sie ist schon länger vorbei, aber wir haben’s jetzt erst gemerkt“, konstatiert Thomas zum Schluss. Selten wurde das Chaos der Ordnung präziser seziert als in „Sicherheitszone“.

 

SZENE HAMBURG: Katrin, du hast Kultur einmal als lebenswichtig bezeichnet, weil mit ihrer Hilfe Krisen verdaut werden. Hast du G20 nun verdaut?

Katrin Seddig: Nein, ich spüre immer noch Wut und nicht aufgearbeitete Prozesse in mir. Aber während der Arbeit am Roman habe ich gelernt, Abstand zu nehmen und die Ausschreitungen wie ein historisches Bild zu betrachten.

Und kannst du die Ereignisse inzwischen irgendwie für dich einordnen?

Privat war das für mich ein Bruch. Mir wurde schlagartig klar, dass ich mich auf bestimmte Dinge nicht verlassen kann. Ich wusste schon vorher, dass es schwarze Schafe bei der Polizei gibt. Ich sehe auch ein, dass das eine schwierige Lage für die Polizisten war. Aber dass so massiv vorgegangen wird – etwa bei der Räumung des Camps – hat mich schockiert.

Ich habe da erst begriffen, dass man systematisch Gesetze brechen kann und dafür nicht belangt wird, wenn man Macht hat. Das ist vielleicht naiv, aber ich musste das wohl erst sehen, um es zu wissen.

 

Ein strukturelles Problem

 

Wo ist die Wurzel des Problems?

Das ist ein strukturelles Problem. Es ist keine Entscheidung von einzelnen Polizisten, dass es keine Folgen hat, wenn auf Menschen eingeprügelt wird, die schon am Boden liegen. Es gab damals noch keine Kennzeichnung von Polizisten, eine unabhängige Beschwerdeinstanz gibt es bis heute nicht. Und die Leute, die die Befehle geben, sind verantwortlicher als 20-jährige Polizisten, die die ganze Zeit angespuckt werden und irgendwann ausrasten.

Das entschuldigt nichts, ist aber menschlich nachvollziehbarer, als wenn fragwürdige Räumungsbefehle gegeben werden, obwohl man den Überblick hat und gar nicht physisch in Gefahr ist. Du hast die Ereignisse fiktiv verarbeitet.

Welche Rolle spielt das Narrative bei der Aufarbeitung?

Mir ist aufgefallen: Je weiter die Menschen weg von den Ereignissen waren, umso klarer war ihre Vorstellung davon, wie es gewesen ist. Diejenigen, die mittendrin waren, hatten gar keine Vorstellung, weil es so kompliziert und unübersichtlich war. Man kann immer nur einen Bruchteil sehen.

Manche Entwicklungen lassen sich durch Geschichten besser erfassen als durch Berichte. Ich biete nur eine Geschichte von vielen möglichen an. Deswegen war es mir wichtig, kein Sachbuch zu schreiben, sondern einen Familienroman.

Warum ein Familienroman?

Das kommt aus meiner persönlichen Situation heraus, weil ich in einer Familie lebe. Außerdem ist die Familie tatsächlich auch die kleinste Zelle der Gesellschaft, so klischeehaft das klingt. Darin spiegeln sich Konflikte vereinfacht wider. Und ich wollte ein Bild eines gesellschaftlichen Bruchs zeichnen.

Cover_Seddig_SicherheitszoneWie war das, dich in so unterschiedliche Charaktere hineinzudenken, die teilweise konträr zu deiner Einstellung stehen?

Unterschiedlich schwer. Mich in Jugendliche hineinzuversetzen, fällt mir schwerer, weil ich in dieser Gemeinschaft nicht mehr lebe und gerade Jugendliche sich stark von Erwachsenen abgrenzen durch ihre Sprache und sie sind untereinander ganz anders als vor Erwachsenen. Ich habe deswegen keine Jugendsprache verwendet, dieser Versuch hätte nur scheitern können. +

Natürlich ist es einfacher für mich, mich in Menschen meines Alters hineinzuversetzen, und leichter in Frauen als in Männer. Grundsätzlich kann man sich aber in alle Gedankengänge hineinversetzen, auch in böse. Man hat alle Regungen in sich, wenn man die konsequent weiterverfolgt, dann kann man sich alles denken.

Du sagst, es fällt dir leichter, dich in Frauen hineinzuversetzen als in Männer. Interessanterweise vertritt der Vater im Roman viele der Thesen und Meinungen, die du in deiner Taz-Kolumne vertrittst.

Das liegt vielleicht daran, dass der Vater die Hauptfigur sein musste, falls es überhaupt eine Hauptfigur in dem Roman gibt. Er ist der erste Handelnde, indem er die Familie verlässt. Er ist auch die tragischere und zugleich komischere Figur, weil er viel mehr der Lächerlichkeit preisgegeben wird als die anderen Figuren.

Warum eignet sich der Vater am besten für die Rolle der Hauptfigur?

Ich beobachte in meinem Umfeld, dass feinfühlige Männer meines Alters mit dominanten Vätern aufgewachsen sind. Sie haben größere Schwierigkeiten als Frauen, sich in der heutigen Welt zurechtzufinden – gerade weil sie nicht so sein wollen wie ihre Väter, aber doch noch ungewollt in dieser Welt stecken. Es ist bezeichnend, dass Frauen immer noch mehr im Haushalt machen. Der Mann ist also am besten geeignet für diese Art von ambivalenter Figur.

Außerdem ist es als Mann einfacher, auf komische Art zu scheitern. Männern wird mehr zugestanden, sie können großspurig scheitern. Frauen müssen ihren Weg gehen – wenn sie scheitern, ist das tragisch.

Warum ist das deiner Meinung nach so?

Weil die Frau immer als die Mutter gesehen wird. Wenn sie als Mutter scheitert, ist das tragisch für die Kinder. Wenn der Vater scheitert, gibt es für die Kinder noch die Chance, dass die Mutter gut für sie sorgt. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen die Frau schwach ist und die Männer einspringen müssen, aber das sind eher die Ausnahmen.

Dein Blick auf die Menschen ist erst einmal desillusionierend, aber nicht verurteilend. Gehst du so an deine Figuren heran – mit kaltem Blick und Menschenliebe?

So kann man das nennen. Ich muss auf jeden Fall genau sein und darf nichts beschönigen. Gerade wenn man präzise auf einen Menschen blickt, kann man verzeihend sein. Wie man auch mit sich selbst umgehen sollte, so gehe ich mit den Figuren um.

Wie blickst du auf Alexander?

Er ist kein schlechter Mensch. Er ist liebevoll und der Familie zugeneigter als Imke. Er kümmert sich um die Großmutter und hat ein warmes Verhältnis zur Schwester. Er sucht eben nach Orientierung. Sein Problem ist eher, dass er zu wenig Einstellung hat.

 

„In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher“

 

Was andeutungsweise mit einer Grundverunsicherung einhergeht, weil er adoptiert ist. War das eine bewusste Entscheidung von dir?

Ja, schon. Als Komposition in der Familie. Es gibt keine Familie, in der alle Kinder gleich behandelt werden. Aber bei einem Adoptivkind kommt es insofern zu Problemen, als es sich einbilden kann, dass es zurückgesetzt wird. Im Roman wird auch immer wieder angedeutet, dass Alexander dunkler ist, dass er eventuell migrantische Wurzeln hat. Er kann auch als Abbild der Gesellschaft für migrantische Kinder gesehen werden, die nie als ganz angenommen gesehen werden. Das ist ein gesellschaftliches Problem, wie damit umgegangen wird, wenn jemand nicht zu 100 Prozent dazu passt. Bei der Polizei findet Alexander Zugehörigkeit.

Macht die Unübersichtlichkeit dir auch zu schaffen?

Es macht mich fertig. Vor allem die Schnelligkeit der Nachrichten überfordert mich, gerade weil ich genau hinsehen und die Zusammenhänge verstehen will. Man muss aushalten, dass in dem, was man ablehnt, auch richtige und gute Anteile enthalten sein können. Und zugleich muss man immer die eigene Einstellung hinterfragen, weil man in seiner eigenen politischen Position immer auch selbstgefällig ist. Das ist eine große Arbeit, die die Medien nicht leisten könnten. In der Schnelligkeit liegt der Teufel, dadurch ist der Blick auf die Welt oberflächlicher. Die Zersplitterung führt auch zur Handlungsunfähigkeit. Aber auch im Zweifel muss man sich für eine Handlung entscheiden, sonst kann man nicht politisch aktiv sein.

Was glaubst du, wie man in 100 Jahren mit dem Segen der Spätgeborenen auf unsere verunsicherte Gesellschaft blickt?

Ich lese gerade die großen Gesellschaftsromane von Balzac, darin kann man sehen, wie die Menschen im 19. Jahrhundert lebten und dachten. Und wenn man Jane Austen liest und sieht, wie die Menschen in ihren Romanen miteinander umgehen – das sind die gleichen Peinlichkeiten wie heute. Austen ist so originell, weil man zwischendurch vergisst, dass ihre Romane in einer anderen Zeit und Gesellschaftsschicht spielen. Ich glaube, was im Menschen gleich bleibt, sind seine Schwächen. Die sind universell, auch wenn es regionale und zeithistorische Färbungen gibt.

Katrin Seddig: „Sicherheitszone“, Rowohlt Berlin, 464 Seiten
Autorenlesung am 5.9. in der Bücherhalle Elbvororte, 19 Uhr


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2020. Das Magazin ist seit dem 29. August 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Interview: Sabine Peters über ihren neuen Roman

Die Hamburger Schriftstellerin Sabine Peters webt in ihrem Roman „Ein wahrer Apfel leuchtete am Himmelszelt“ einen Mosaikteppich aus Szenen einer Kindheit mit religiösen und literarischen Prägungen. Ein Gespräch über den Reichtum der Fantasie, abgestumpfte Erwachsene und Generationenkonflikte

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Sabine Peters, in Ihrem vorletzten Roman „Narrengarten“ geht es um desillusionierte Erwachsene im heutigen Hamburg. Nun um eine fantasiereiche Kindheit in der Provinz in den 60er und 70er Jahren. Was bewog Sie zu dem Sprung in die Vergangenheit?

Ich habe in Gesprächen mit Freunden gemerkt, wie leidenschaftlich ich werde, wenn das Thema Kindheit aufkommt.

Inwiefern?

Es wirbelt so viele Farben, Klänge, Tonfälle und Gerüche in mir auf. In meinem allerersten Buch, „Der Stachel am Kopf “, geht es am Anfang auch um Kindheiten. Aber auf eine sehr bittere Art und Weise. Ich hatte damals, mit Ende 20, den Anspruch, der Gesellschaft „die schöne Maske vom Gesicht zu reißen“. Inzwischen hat sich etwas bei mir verändert. Kindheit kann so ein reicher Fundus sein – nicht unbedingt autobiografisch, sondern Kindheit an sich. Weil wir in der Kindheit alles zum ersten Mal erleben. Entsprechend hat das Thema eine starke Leuchtkraft. Mich interessiert auch das Halb-Verstehen, das Nicht-Verstehen und dass man sich als Kind manchmal einen ganz falschen Reim auf bestimmte Sätze macht – darin steckt eine Fülle an Verwirrung, Verspieltheit und auch an Bedrohung.

Sie sagten, „nicht unbedingt autobiografisch“. Ihre Bücher werden oft autobiografisch gelesen. Stört Sie das?

Ja, das ärgert mich manchmal. Ich habe irgendwann diese Figur der Marie eingeführt, um die es immer wieder in meinen Büchern geht und die immer eins zu eins als Alter Ego gelesen wird. Bei dem Begriff „autobiografisch“ schwingt dieser Wahrheitsanspruch mit. Aber die Wahrheit des Erzählens ist doch etwas anderes. Fiktionen, Fantasien und Lügen sind manchmal produktiver in dem Versuch, sich der Wahrheit anzunähern, als dieses beißende „Wie war das genau?“.

Cover von Sabine Peters “Ein wahrer Apfel leuchtet am Himmelszelt”, Wallstein Verlag

„Besser du strickst, als Lügengeschichten zu schreiben. Du bist auf jeden Fall ein lausiger Historiker. Willst du mir weismachen, dass man Erinnerungen trauen kann?“, heißt es einmal. Welche Rolle spielt die Fiktion, wenn Sie über vergangene Zeiten schreiben?

Natürlich gibt es Daten und Fakten. Eine Kindheit in den 60ern auf dem Dorf ist objektiv nicht mit heute vergleichbar. Aber Erinnerung ist nichts Festes, sondern wandelbar. Und bei Fiktionen geht es um eine Art von Verwandlungsarbeit. Der Vater sagt in dem Buch irgendwann: „Diese alberne Wirklichkeit interessiert mich nicht.“ Er kann die Wirklichkeit nicht mit Daten erfassen, nicht mit dieser linearen Geschichtsschreibung, der Aneinanderreihung von Fakten und Ereignissen. Diese Kontinuität scheint mir ein Konstrukt, dem ich in der Literatur mit Zweifeln gegenüberstehe. Weil daran auch Kategorien wie Logik oder Entwicklung gebunden sind, auf die wir von früh an konditioniert werden.

Was stört Sie daran?

Der Reichtum und auch der Witz des Verwandelns werden dadurch versteinert. Wir verholzen im Laufe des Lebens, weil wir nicht mehr spielen und kein Gespür für Metamorphosen haben. Hubert Fichte hat sich einen Spruch von Empedokles auf seinen Grabstein gravieren lassen: „Denn ich war schon einmal ein Junge und ein Mädchen und ein Busch und ein Vogel und ein aus dem Meer springender wandernder Fisch.“ Genau deswegen fand ich es interessant, im letzten Teil des Buches, beim Blick in die Zukunft, alle Stricke reißen zu lassen und ins Surreale zu gehen. Mir war es wichtig, keine Kontinuität zu erfinden bezüglich Marie. Nach dem Motto: Wenn sie als Kind mit religiösen Bildern und Kultur überschüttet wird, dann entwickelt sich daraus logisch im Erwachsenenalter eine Schriftstellerin.

Die Kindheit wird im Rückblick oft verkitscht und idealisiert. Haben Sie Techniken der Distanznahme?

Ich bitte meine Erstleser und den Lektor immer, sie sollen Kitsch anstreichen. Aber ich glaube, ich bin eher spröde. Sie haben Recht, bei diesem Thema gibt es immer wieder Schönmalerei: Die Kindheit als das Unschuldige, das Reine, das Unbelastete und Freie. Mir ging es beim Schreiben darum, eine Situation zu finden oder erfinden, die das Schöne, die Freude, aber eben auch den Schrecken vorstellbar macht.

 

„Für die Generation meiner Eltern und Großeltern war das sittenlos und indiskret.“

 

Haben Sie ein Beispiel für den Schrecken?

Zum Beispiel die Geschichte beim Zahnarzt. Wo Marie – autoritätshörig wie sie gestrickt ist – brav den Mund aufmacht, aber bei dem Schwenkarm über ihr an die Szene aus „Der Bauer und der Windmüller“ von Wilhelm Busch denkt, als der Esel an der Mühle erhängt wird. Kinder sind in extremem Maße abhängig von Erwachsenen. Ich glaube, mit dieser Abhängigkeit hängt Maries Bereitschaft zusammen, zu glauben, dass die Erwachsenen sie aufhängen können, wenn sie wollen. Erziehung verläuft niemals gewaltlos. Man kann die Gewalt eindämmen, aber es gibt auch heute noch einen Vater- oder Mutterblick, bei dem Kinder erstarren. Und Kinder haben feine Antennen dafür, wenn der Tonfall anders wird.

Niemand schreibt über die Vergangenheit, ohne damit etwas über die Gegenwart zu sagen. Warum schreiben Sie 2020 über eine Kindheit in den 60ern und 70ern?

Einmal, weil sie eben ein faszinierendes Potenzial an Lebendigkeit hat. Ich schreibe aber nicht, um einen früheren Zustand wiederherzustellen oder abzubilden, sondern um ihm zu formen. Ich kann mit dem Material spielen, etwas durchstreichen, hinzufügen, es verwandeln. Das ist die fantastische Ebene.

Und die sachliche?

Junge Leute sagen mir oft, wie verwundert sie über die ältere Generation und bestimmte Verhaltensweisen sind. Das sind selten individuelle Verhaltensweisen, sondern welche, die von vielen Leuten mit der Muttermilch aufgesogen wurden. Wenn es gut geht, kann eine solche Beschäftigung mit der Kindheit auch bei jüngeren Menschen dazu führen, dass ihnen das Verhalten der Alten nicht absurd und idiotisch vorkommt, sondern dass es einen zeithistorischen Rahmen bekommt. In dem Buch beschäftige ich mich auch mit der Großmutter. Die ist Jahrgang 1886. Man muss sich mal vorstellen, was die alles mitgekriegt hat: Zwei Weltkriege, Wilhelminismus, Weimarer Republik, Faschismus, Wiederaufbau. Was machen diese Erfahrungen mit Menschen? Mir kamen die Alten als Jugendliche extrem verschlossen vor. In meiner Jugend wurde es schon mehr und mehr eine Tugend, dass man versuchte, möglichst offen zu sein. Für die Generation meiner Eltern und Großeltern war das sittenlos und indiskret. Wir fanden sie dafür verlogen. Dabei gab es in unserer Offenheit auch Hintertüren. Und man konnte ein Gegenüber in aller Offenheit plattwalzen.

 

„Schreiben heißt, ein Rätsel zu verstehen, ohne es zu lösen“

 

Sie sagten einmal, zu schreiben bedeute vor allem, zu warten. Worauf warten Sie?

Das Warten besteht in dem Versuch – das klingt hoffentlich nicht zu geheimnisvoll – in einen anderen Zustand zu kommen. Ich muss so viel Alltagszeug aus meine Ohren und Alltagssprache aus meinem Mund spülen. Und ich muss Zweifel und Skepsis betrachten und umrunden. Das Warten ist ein Horchen auf die Töne oder einen bestimmten Sprachduktus, den man plötzlich findet und mit dem man die Skepsis überwindet.

Wie ist Ihr Blick auf Religion?

Ambivalent. Ich glaube, Kinder, die damals entsprechend sozialisiert wurden, haben eine Fülle von Geschichten und schöner, reizvoller Sprache bekommen. Und durch diesen Gedanken, Gott oder den Göttern gefallen zu wollen, sind die schönsten Kirchen und Kunstwerke geschaffen worden. Zugleich sind da aber auch all die Gewalt, Regeln, Normen, Drohungen, denn Religion ist unvermeidlich grausam. Man kann versuchen, sie zu entgiften, aber dann verlöre sie auch für Kinder von ihrer Faszination. Man kann sagen: Religion besteht aus Geschichten. Und die Kinder in diesem Buch möchten diese Geschichten nachspielen. Und sie wollen nicht nur etwas vom Guten hören, sondern auch vom Bösen. Mit Geschichten finden sie ihren Umgang damit.

Wenn Sie die Rolle der Religion mit unserer Gegenwart in Deutschland vergleichen, was sehen Sie da?

Was ich heute beobachte, ist, dass viele Leute sich ihre eigene Religion mixen: hier eine Prise Buddhismus, da eine Prise Schamanismus. Vielleicht ist das nicht verkehrt; ich weiß nicht. Andere, die mit dem Jenseitsgedanken gar nichts anfangen können, suchen ihren Sinn in der reinen Gegenwart, im Fitnessstudio oder im Reisen. In meiner Kindheit hätte man zu dieser Einstellung gesagt: Du bist nicht hier, damit du dich von Gott bedienen lässt. Du bist dazu da, diesem Gott zu dienen und dich zu unterwerfen. Natürlich hat dieses repressive Denken Millionen Menschen ins Unglück getrieben.

2016 erhielt Sabine Peters den Italo-Svevo-Preis für “literarische Spielarten des ästhetischen Eigensinns” (Foto: Jutta Schwöbel

Andererseits wurden die Ideale der Selbstverwirklichung auch längst pervertiert.

Ja, wenn die Welt, das Lebendige in dieser Welt, nur dazu da ist, um mir zu gefallen – das ist Neoliberalismus pur. Das Religiöse ist immer beseelt von dem Gedanken, dass es noch etwas außerhalb von mir geben mag. Das ist meiner Ansicht nach ein Gedanke, den man sich schon mal durch die Ohren ziehen lassen kann. Um dieses Lebendige außerhalb von mir auch zu achten und dessen Kostbarkeit zu würdigen. Ich mag den Satz: „Der Gärtner hegt den Garten. Und während er dies tut, hegt der Garten den Gärtner.“ Das finde ich so demokratisch, da ist kein Herrschaftsverhältnis, sondern eine gegenseitige Verflechtung mitgedacht.

Bei Ihnen geht es auch um Machtlosigkeit gegenüber der Vergänglichkeit. In Ihrem Roman wird das deutlich, als die Großmutter stirbt. Sie haben dazu mal gesagt, dass das Schreiben für Sie kein Verarbeiten, sondern ein Bearbeiten ist. Warum überhaupt schreiben, warum bearbeiten?

Weil man mit etwas nicht fertig wird und das auch überhaupt nicht will. Das wäre doch unerhört. Mit einer wichtigen Person möchte man nie fertig werden. Beim Schreiben geht es nicht darum, ein Rätsel zu lösen. Es geht darum, ein Rätsel zu verstehen, ohne es zu lösen – das ist die große Faszination und Freude am Schreiben. Schreiben ist eine Reaktion auf die Welt, es kommt aus einem Staunen über die Welt heraus. Man möchte die Welt nicht abbilden, sondern antworten, einen Ausdruck dafür finden, wie schön, schrecklich oder empörend etwas ist. Man möchte es nicht stehenlassen, sondern in Beziehung dazu treten.

In Peter Handkes „Lied vom Kindsein“ heißt es zum Schluss: „Als das Kind Kind war / warf es einen Stock als Lanze gegen den Baum / und sie zittert da heute noch.“ Bei Ihnen heißt es über die erwachsene Marie: „Alle Kinderfreuden, alle Kinderschmerzen hatten ausgeschlagen und sie waren nun verwachsen, ausgewachsen oder zugewachsen.“ Gibt es also kein Zittern mehr?

Doch, das gibt es. Auch wenn die Schmerzen und Freuden zugewachsen sind, ist da noch eine Narbe oder ein Mal, unter dem die Kindheit steckt. Ich glaube schon, dass wir das Kind in uns verlieren und wir versteinern. Aber zugleich verflüssigen wir uns. Wenn es an das Eingemachte geht, in intensiven Gesprächen, in Streitigkeiten oder auch beim Schreiben, merkt man plötzlich wieder einen Vulkan in sich, der noch tätig ist. Und wenn jemand sehr beglückt ist, kann man im Gesicht des Erwachsenen sehen, wie er als Kind in entsprechenden Augenblicken aussah. Ich finde es auch nicht verkehrt, wenn man verschiedene Lebenszeiten gleichzeitig in sich trägt und sie etwas Fließendes sind.

 


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, August 2020. Das Magazin ist seit dem 30. Juli 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.

Angry Young Woman: Ann Petrys „The Street“

Derzeit wird in Deutschland eine Pionierin der afroamerikanischen Literatur wiederentdeckt. Ann Petrys „The Street“ erzählt von einer schwarzen Frau, die im New York der 1940er Jahre keine Chance bekommt

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Ann Petrys Debütroman war bei Erscheinen im Jahr 1946 ein großer Wurf. Die literarische Welt horchte auf, mehr als 1,5 Millio­ nen Exemplare von „The Street“ wurden verkauft, Petry wurde mit dem Houghton Mifflin Literary Fellow­ship Award ausgezeichnet. Und das in einer Zeit, in der afroamerikanische Litera­tur eine reine Männerdomäne war.

Petry wurde 1908 in Old Saybrook, Connecti­cut, geboren, kam aus einer relativ privilegierten Familie von Apothekern und studierte auch selbst Pharmazie. 1938 zog sie mit ihrem Mann nach New York, wo sie erstmals das Elend der Schwarzen in Harlem zu sehen bekam. Um diese Ein­drücke literarisch bearbeiten zu können, studierte sie an der Columbia University.

 

Raus aus dem Elend New Yorks

 

In „The Street“ versucht Lutie sich und ihren achtjährigen Sohn Bubb aus diesem Elend zu befreien. Sie hat als junge Frau ihre Jugendliebe geheiratet. Doch wie so viele schwarze Männer zu jener Zeit findet ihr Mann Jim keine Arbeit. Lutie arbeitet als Hausmädchen auf dem Land für eine reiche, weiße Familie, die Chandlers. Ihre eigene Familie sieht sie nur wenige Tage im Monat. In der Welt der Reichen zele­briert man den American Dream.

Nach einiger Zeit färbt der Glaube, „dass jedermann reich werden könnte, wenn er wollte und hart genug dafür ar­beitete“, auf Lutie ab. Doch das System ist für Schwarze ein Teufelskreis, wie sie später feststellt: „Die Frauen arbeiten, weil die Weißen ihnen Arbeit geben – Geschirr spülen, Wäsche waschen, Böden wischen, Fenster putzen. Die Frauen arbeiten, weil die Weißen schwarzen Männern noch nie gern Arbeit gegeben haben, die genug ab­ wirft, um eine Familie zu ernähren.“ Die gedemütigten Männer, zu Hause in „finsteren Bruchbuden, wo einen die Wände erdrücken“, ziehen weiter. So auch Jim, der Bestätigung in den Armen einer an­deren Frau sucht. Lutie setzt ihn vor die Tür und zieht mit Bubb in eine schäbige Dachwohnung in der 116ten Straße in Har­lem. Die Straße ist der American Night­mare, ein Höllenloch mit einem Teufels­kreis aus Rassismus, Sexismus und Armut – es kommt zu verschiedenen Verwicklungen, bis zum finalen Knall.

 

Kraftvolle Sprache und Thrill

 

„The Street“ ist ein Roman noir und ein literarisches Ereignis. Petry ist eine begna­dete Erzählerin, die virtuos zwischen den Stilmitteln der Hoch­ und Trivialkultur hin und her springt, mit kraftvoller Sprache und Thrill. Dabei greift sie Stereotypen aus dem gängigen Kriminalroman auf, um sie anschließend gründlich zu unterlaufen, indem sie ihnen psychologische Tiefe und somit Ambivalenz verleiht. In ebendieser Ambivalenz liegt auch die Empathie, für die Petry zu Recht gerühmt wird, die sie noch für die widerlichsten Figuren aufbringt.

Sie alle sind „zwielichtige Ge­stalten, denen der Horror ihrer Lebensverhältnisse anzusehen“ ist. Zum Beispiel der Musiker Boots, der Lutie anbietet, in sei­ner Band zu singen – letztlich aber nur mit ihr ins Bett will. Ohne Sympathie für seine Abtrünnigkeit zu haben, entwickelt Petry ein Verständnis für sein Gewordensein, wenn er schildert, wie es ist, „wo zu leben, wo dich keiner haben will und wo der letzte weiße Arsch keine Mühe scheut, dich genau das wissen zu lassen“.

Petry_The_StreetPetry schreibt mit analytischer Klar­heit über Männer, die „nur in einem selt­sam überempfindlichen Stolz“ Halt finden und gewalttätig werden. Woraus Weiße wiederum ihre Bestätigung ziehen, dass Schwarze „von Natur aus kriminell“ seien. Wer so denkt, sagt Lutie, der „sah den ein­ zelnen Schwarzen ja gar nicht (…) weil ein Schwarzer für ihn kein Individuum war. Der war eine Bedrohung, ein Tier, ein Fluch, eine Plage oder ein Witz.“

In Stefan Zweigs „Brief einer Unbe­kannten“ heißt es, als der Protagonist be­sagten Brief zu Ende gelesen hat: „Ihm war, als sei plötzlich eine Tür unsichtbar aufgesprungen, und kalte Zugluft ströme aus anderer Welt in seinen ruhenden Raum.“ Eine ähnlich kalte Zugluft ist auch „The Street“.

Ann Petry: „The Street – Die Straße“, Nagel & Kimche, 384 Seiten, 24 Euro. Am 30.6. wird das Buch bei „März & Moritz & Gast“ im Literaturhaus besprochen, 19.30 Uhr


Szene_Juli_2020_Cover SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2020. Das Magazin ist seit dem 27. Juni 2020 im Handel und  auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

#wasistlosinhamburg? Für mehr Stories und Tipps aus Hamburg folge uns auf Facebook, Twitter und Instagram.