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Max Frisch fragt… Maren Schönfeld

In unserer Reihe „Max Frisch fragt…“ kommt der alte Meister der Literatur mit den Wortkünstlern der Gegenwart ins Gespräch. Dieses Mal mit Maren Schönfeld. Die Lyrikerin hat gerade ihr neues Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel “Töne, metallen, trägt der Fluss – eine lyrische Elbreise”.

Können Sie sich ein leichtes Sterben denken?

Ja, als Wechsel in die nächste Welt.

Halten Sie die Dauer einer Freundschaft, die Unverbrüchlichkeit, für ein Wertmaß der Freundschaft?

Nein. Nähe und gegenseitiges Verständnis sind mir wichtiger.

Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?

Dass der Klimawandel noch aufzuhalten ist.

Was gefällt Ihnen am Neuen Testament?

Dass die Liebe das Größte ist (1. Kor. 13,13).

Wie stellen Sie sich Armut vor?

Beklemmend, weil alles gut überlegt sein will, man immer vernünftig und kostenbewusst haushalten muss – sicherlich auf Kosten der Spontaneität und der eigenen Wünsche.

Wem wären Sie lieber nie begegnet?

Niemandem. Ich habe auch oder gerade aus unliebsamen Begegnungen sehr viel gelernt.

Interview: Jenny V. Wirschky

Lesung am 20.9.2018 ab 19:30 im Kulturzentrum Motte
www.lyrischeelbreise.com


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

 

 

 

 


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Mehr Literatur?

Max Frisch fragt… Simon Urban

In unserer Reihe „Max Frisch fragt…“ kommt der alte Meister der Literatur mit den Wortkünstlern der Gegenwart ins Gespräch. Dieses Mal mit Simon Urban. Für seinen Debütroman „Plan D“ wurde er mit dem Stuttgarter Krimipreis ausgezeichnet. Sein zweiter Roman „Gondwana“ über die Weltreligionen erschien 2014. Wir verkürzen uns die Wartezeit auf sein drittes Werk mit diesem Interview…

Lernen Sie von einer Liebesbeziehung für die nächste?

Absolut. Aber leider nie, wie ich es vermeiden kann, meine Lieblingsfehler immer und immer zu wiederholen.

Wissen Sie, was Sie brauchen?

Aktuell ein Klavier mit Silence-Funktion, das Ende dieses Winters und eine Frankreich-Reise mit meiner Mutter. Generell viel mehr Zeit zum Schreiben, weniger Arbeit in der Werbung und ab und zu eine gute Foie Gras. Davon abgesehen ist das Aufdieweltbringen von originellen Ideen für mich sicher eine Art solider Zwang. Egal, in welchem Beruf.

Möchten Sie wissen, wie sterben ist?

Als gelungene Mischung aus Atheist und Agnostiker (je nach Tagesform)kann ich darauf sehr gut verzichten. Ein vollkommen schmerzfreier Tod, nach dem man garantiert wieder heil zurückgeholt wird, wäre allerdings eine spannende Erfahrung. Da ließe sich auch eine schöne Folge „Black Mirror“ draus machen.

Gibt es Freundschaft ohne Affinität im Humor?

Ich habe Freunde, über die ich beim besten Willen nicht lachen kann.Ihr Humor ist in meinen Augen – hart ausgedrückt – banal, hilflos, uninspiriert. Trotzdem kann ich mich darauf erstaunlich gut einstellen, denn diese Leute besitzen zweifellos andere hervorragende Eigenschaften. Ich nehme das also ohne größere Schmerzen hin, denke aber häufig: In einer Partnerschaft wäre mir das völlig unmöglich.Wem wären Sie lieber nie begegnet? Ich würde jetzt ja gerne sagen: dem Arschloch, das uns seine Wohnung verkauft hat –aber wenn ich dem nicht begegnet wäre, würden wir noch auf 38 Quadratmetern in Dulsberg hocken und hätten keine Badewanne.

Sind Sie sich selber ein Freund?

Da bin ich mir absolut sicher. Ich bin immer für mich da.

Interview: Jenny V. Wirschky

Mehr aus dieser Reihe:


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Max Frisch fragt… Josefine Rieks

In unserer Reihe „Max Frisch fragt…“ kommt der alte Meister der Literatur mit den Wortkünstlern der Gegenwart ins Gespräch. Diesmal mit Josefine Rieks. Ihr Debüt „Serverland“ ist seit Ende Februar beim Hanser Verlag erhältlich. Sie liest draus am 27.3. im Literaturhaus Hamburg.

Haben Sie schon ohne Bargeld leben müssen?
Ich habe eigentlich immer Kleingeld in der Hosentasche.

Was bezeichnen Sie als männlich?
Sie, Herr Frisch. Und T.C. Boyle.

Was stört Sie an Begräbnissen?
Ich habe Angst vor dem Tod.

Woraus schließen Sie, dass Tiere wie Gazellen, Nilpferde, Bären, Pinguine, Tiger, Schimpansen usw., die hinter Gittern oder in Gehegen aufwachsen, den Zoo nicht als Heimat empfinden?
Sicher, dass sie sich nicht wohlfühlen? Vielleicht unterstellen wir den Tieren das nur. Dass sie auf weiter Steppe frei und unbeschwert wären und sich nicht alle gegenseitig fressen würden, können sich doch nur Hippies vorstellen.

Die Fragen stammen aus Max Frischs „Fragebogen”, gestellt von Jenny V. Wirschky.

Literaturhaus Hamburg
27.3.18, 19.30 Uhr


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Thalia Premiere – Ein Panorama der Generationen

Die Popliteratur hält mit „Panikherz“ Einzug auf der Bühne des Thalia Theater. Der Dramaturg Matthias Günther erzählt, warum das Buch es wert ist.

SZENE HAMBURG: „Panikherz“ als Popliteratur sticht im Premierenplan zwischen den Klassikern hervor. Wie kam es zu dieser Wahl?
Matthias Günther: Das war ein Vorschlag des Regisseurs Christopher Rüping und wir fanden die Idee gut. Der Roman von Benjamin Stuckrad-Barre hat einen starken Hamburg-Bezug. Ein wichtiger Teil seiner Stadterfahrung hat hier stattgefunden und war nach seinen Jugendjahren in der Provinz für seine persönliche Entwicklung eine wichtige Station. Zudem spielt Udo Lindenberg, der ja bekanntermaßen eine zentrale Größe in der Stadt ist, eine wichtige Rolle. Der Roman ist große Literatur, denn Stuckrad-Barre ist ein sehr beachtlicher Journalist, der sehr genau die Wirklichkeit, in der wir uns bewegen, mit einer großen Sprachwucht beschreibt.

Warum gerade Udo Lindenberg?
„Panikherz“ orientiert sich an der Schattenfigur Udo Lindenberg, weil es zum einen witzige Anekdoten sind, wenn er sich auf dessen Lieder in den jeweiligen Lebensphasen bezieht. Aber vor allem war es die Musik seiner Jugend, durch die er zum ersten Mal Zugriff auf die Welt bekam. Udo Lindenberg ist immer er selbst. Sein Ich und sein Image sind komplett verschmolzen, was für Stuckrad-Barre eine hochinteressante Konstruktion ist. Wie kann man ein Image entwerfen, das mit sich selbst identisch ist? Und das in einer Oberflächen-Kultur zu Spott führt. So wie seine Mutter in ganz frühen Jahren zu ihm sagte: „So haben wird dich nicht erzogen, zu so einer Oberflächlichkeit.“ Und damit meinte, da müsse doch mehr sein, als dass er davon träumt, mit einem neuen Nike-T-Shirt in der Schule auftrumpfen zu wollen.

Was meinen Sie mit Oberflächen-Kultur?
Stuckrad-Barres Bücher stehen ja für einen bestimmten Stil, die Popliteratur. Ein zentrales Kennzeichen dieses Genres ist das Hantieren mit Oberflächen. Böse gesagt, mit Oberflächlichkeit. Wie präsentiere ich mich? Was habe ich für ein Image und wie kann ich mein eigenes Ich immer wieder so formen, dass es ein leuchtendes Beispiel wird? An dieser Oberflächlichkeit arbeitet sich Stuckrad-Barre ab, durchlebt sie in der Gestalt als Popliterat. Bei dem Versuch aus seinem eigenen Leben ein Image zu kreieren, stößt er an Grenzen. Wodurch er, ähnlich wie viele Rockstars, nach der großen Karriere, nach den strahlenden Momenten, fürchterlich abstürzt. In eine Drogensucht und Bulimie, deren Krankheitssymptome schrecklich sind und die er in Panikherz schonungslos beschreibt. Die Kehrseite vom Ruhm und Ekstase zeigt sich bei ihm in einem kompletten Zusammenbruch.

Ist das die Kehrseite vom Ruhm oder die Folgen einer nicht erfüllten Sehnsucht?
Die Frage ist, was man in sich trägt. Bei ihm spielt sicherlich die Grundvoraussetzung, dass er unbedingt ins Scheinwerferlicht wollte, eine große Rolle. Und dafür ist er einen sehr graden aber erbarmungslosen Weg gegangen.

Welche Relevanz hat der Roman für die heutige Zeit?
Wir behaupten die kühne These, dass Stuckrad-Barres Literatur vielleicht in 200 Jahren die Bedeutung hat wie Goethe für uns heute. Das ist eine sehr kühne These, aber seine Literatur ist so stark, die Satzkonstruktionen brillant, und sie ist von unglaublicher literarischer Qualität. Durch die Genauigkeit mit der er Situationen beschreibt, versteht der Leser erst, dass der konstruierte Held seiner Biografie in einem Dauerdialog mit seinen Erinnerungen steht. Mit dem, was er einst in seiner Jugend war und was er heute ist. Als Stuckrad-Barre „Panikherz“ schreibt, ist er in keiner guten Verfassung. Er befindet sich in einem Hotel in Los Angeles und wird mit seinen Erinnerungen konfrontiert. Und wie er selber sagte, müsse man höllisch aufpassen, wenn man sich in die eigenen Erinnerungen hineinbegebe und sie dadurch zur Gegenwart werden. Das sei, als würde man einen Kampfhund kitzeln. Dadurch schreibt Stuckrad-Barre mit diesem Doppelblick – der Riss zwischen der individuellen Formulierung und der Bestimmtheit einer Gesellschaft, den große Literaten auszeichnet. Auch gibt es eine Verbindung zu Heinrich von Kleist, der ihm in dieser Ruhelosigkeit, sich nicht verorten und nicht wohnen zu können, sehr ähnlich war. Von Kleist rutschte ständig in Krisen, wusste nicht, wie es weitergeht und hatte keinenLebensplan. Und das zeigt Stuckrad-Barre für unsere heutige Zeit an der Figur Stuckrad-Barre.

Wie bringen Sie die vielen inneren Welten der Figur auf die Bühne?
Christopher Rüping stellt ein Ensemble auf die Bühne, das unterschiedliche Altersgruppen repräsentiert. Zum Beispiel beginnt das Stück mit der legendären Eingangsszene als Stuckrad-Barre und Udo Lindenberg am Flughafen in Amerika einreisen. Gesprochen wird dieser Textabschnitt von Sebastian Zimmler, Mitte dreißig, und Peter Maertens, der über achtzig Jahre alt ist. Diese Konstellation stellt nicht figürlich einen jungen und alten Mann dar, sondern eine jüngere und eine ältere Position. Es ist eine andere Form der Verbildlichung. Denn der Hauptdarsteller ist der Text, der unverändert geblieben ist, und in Verbindung mit den Stimmen und der Körperlichkeit der Schauspieler entsteht ein Panorama der Generationen. Der Text soll nicht in der Generation Stuckrad-Barre festgezurrt werden, denn seine Wucht ist altersübergreifend.

Was ist Ihre Aufgabe als Dramaturg?
Ich begleite diese Produktion beratend im Sinne von „Der alte Mann erzählt von früher“ (lacht). Ich bin zehn Jahre älter als Stuckrad-Barre und kenne die von ihm beschrieben Lebenswelten aus eigener Erfahrung – wie zum Beispiel die damalige Bedeutung von Udo Lindenberg. Oder die Passagen, in denen er beschreibt, wie sich für ihn die Welt öffnet, als er nach Jahren in der Provinz plötzlich in Göttingen überall die Plakate sieht, die Westernhagen, Grönemeyer und Kunze in der Eissporthalle Kassel ankündigen. Ich komme aus Kassel und kann mich noch genau daran erinnern. Zum anderen werde ich selbst als Pop-Dramaturg betitelt. Das heißt, ich befasse mich schon sehr lange mit der gleichen Fragestellung, die die Popliteratur umtreibt. Die Welten, in denen Stuckrad-Barre andockt, erzählen mir sofort was.

Interview: Hedda Bültmann 

Foto: Philipp Schmidt 

Thalia Theater, „Panikherz“, 17.3. (Premiere)


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Emanzipation & Dogma

Was als notwendiger Kampf für die Rechte der Frau beginnt, entwickelt sich in den 1980er Jahren zur haarigen Frauenbewegung und erlebt im neuen Millennium einen fragwürdigen Zenit. Gedanken zu Simone de Beauvoir und der Frauenbewegung, ausgelöst von Julia Korbiks Buch „Oh, Simone!”

Will man über Feminismus reden, sollte man sich – wie bei allem – seine Entstehung ansehen. Die liegt Ende des 18. Jahrhunderts, noch begrifflos, im Kopf eines Mannes: Charles Fourier bemängelt die soziale Stellung der Frau. Der französische Sozialkritiker sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der Befreiung des weiblichen Geschlechts und der gesamtgesellschaftlichen Emanzipation. Und genau darum geht es dann dem Feminismus die nächsten Dekaden: Um die Freiheit des Einzelnen zum Zwecke des gesamtgesellschaftlichen Fortkommens.

Aus weiblicher Sicht protestiert Olympe de Gouges 1791 gegen die Benachteiligung der Frau und fordert freies Rederecht für beide Geschlechter. Ihr Todesurteil. Der Kampf für Gleichberechtigung hat spätestens da sein argumentatives Fundament: die Guillotine für politische Meinungsäußerung? Aller sozialen Reformbewegung, aller Aufklärung zum Trotz? Eigentlich sollten Vernunft, Gleichheit und Objektivität im Denken angekommen sein. Zumindest im Denken der Philosophie. Doch wie Marx schon ähnlich sagte, kommt es nicht nur darauf an, die Welt philosophisch zu interpretieren, sondern auch, sie zu verändern. So setzt sich der Kampf für Frauenrecht fort und erhält 1882 endlich einen Namen: die französische Sozialistin Hubertine Auclert bezeichnet sich erstmals selbst als Feministin.

Und wir bleiben in Frankreich. Es sieht aus, als hätten uns die Nachbarn damals einiges voraus: Simone de Beauvoir, die heute vielleicht bekannteste feministische Literatin, setzt auf die befreiende Kraft der Bildung und bewegt sich damit auf einem undogmatischen Gemeinplatz, denn Wissen ist seit jeher für alle befreiend. Nur: Sie wird den Frauen damals nicht selbstverständlich zugestanden. „Schon früh hat Simone begriffen, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen muss – Bildung bot den Weg aus der Armut, Entschlossenheit den Weg zum Erfolg“, schreibt die Bloggerin Julia Korbik über die existenzialistische Philosophin in ihrem Buch „Oh, Simone“.

Dass de Beauvoir auch Idol von selbsternannten Rachegöttinnen ist, die ihre Zeitschrift Emma nennen, davon wollen wir hier nicht reden: Simone de Beauvoirs Sicht auf die Freiheit der Frauen hat nichts mit einer Absage an die sozial konstruierte Weiblichkeit zu tun. Ihre erste Gehaltsinvestition: rouge et poudre. De Beauvoir kauft sich Make-up! Überhaupt: Zum Geld hat sie eine für heutige feministische Verhältnisse unkonventionelle Einstellung: Mit ihrem Jean-Paul Sartre teilt sie nicht nur das Bett, sondern auch das Konto – gemeinsames Leben, gemeinsames Geld. Schließlich geht es bei der Selbstbefreiung nicht um die Abschottung von anderen, sondern um das Vertrauen in die eigene Stärke. Egal, was die Konvention sagt.

Man muss aber in der Lage sein, Möglichkeiten zu erkennen und Chancen zu ergreifen. Simon de Beauvoir, die weiß, dass sie damals noch eine „Ausnahmefrau“ ist, proklamiert deshalb, „dass es dem Menschen zusteht, und nur ihm allein, seinem Leben einen Sinn zu geben, und dass er dieser Aufgabe gewachsen ist“. Dieser Sinn kann viel sein: Schreiben, Auto fahren, Bier trinken, Kunst, Liebe … Frauen wie de Beauvoir haben verständig, respektvoll und mit Blick auf das Wesentliche dafür gekämpft, dass Hedonismus, Bildung und Autonomie zum sinnstiftenden Selbstverständnis des weiblichen Geschlechts gehören.

Was den heutigen „Radikalfeminismus“ angeht … Es ist ein Trauerspiel. Von der kratzbürstigen Alice zum motzigen Globuli-Girl: Der negierte Gendersprech erfordert vor verschwörungsverliebten Opfern des Patriarchats eine permanente Rechtfertigung und Halleluja! mit dem Wort Blowjob im Mund blicken wir Hedonisten nolens volens auf Medusas Schlangenhaupt. Es scheint fast so, als sei heute nicht der Kampf für die Gleichheit, sondern für die Distinktion des Weiblichen, nicht gegen Sexismus, sondern gegen Sexualität up-to-date – eine „zeitgenössische hegemoniale Sexualfeindlichkeit“ attestiert der Sprachphilosoph Robert Pfaller treffend.

Um der Vernunft und der Lust willen sollten wir endlich zu einem Freiheitsbegriff zurückfinden, der nicht Geschlechter fokussiert, sondern den Menschen in seiner Menschlichkeit fordert. Keine Zeit mit sprachlichen Musthaves verlieren! Der Kampf für Humanität ist zu elementar, um Dogmen zu etablieren, die vom Wesentlichen ablenken: davon, das wir alle gleich verschieden sind.

Text: Jenny V. Wirschky 

Julia Korbik: „Oh, Simone“,Rowohlt Verlag, 320 Seiten, 12,99 Euro; Robert Pfaller: „Erwachsenensprache“, Fischer Verlag, 256 Seiten, 14,99 Euro

Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Max Frisch fragt… Thorsten Nagelschmidt

In unserer Reihe „Max Frisch fragt…“ kommt der alte Meister der Literatur mit den Wortkünstlern der Gegenwart ins Gespräch. Diesmal mit Thorsten Nagelschmidt, der am 22. Februar seinen neuen Roman „Abfall der Herzen“ veröffentlicht. 

Was empfinden Sie als Eigentum: a) was Sie gekauft haben, b) was Sie erben, c) was Sie gemacht haben?
Thorsten Nagelschmidt: Alles drei, am meisten aber wohl doch a)

Wogegen sind Sie nicht versichert?
Sterben.

Was fürchten Sie mehr, das Urteil von Freunden oder das Urteil von Feinden?
No fear.

Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?
Mitglied des Club 27 zu werden (vor langer Zeit). 

Die Fragen stammen aus Max Frischs „Fragebogen”, gestellt von Jenny V. Wirschky.

Thorsten Nagelschmidts neuer Roman „Abfall der Herzen“ erscheint am 22.2.18 im Fischer Verlag. 

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte von SZENE HAMBURG, Februar 2018. In unserem Magazin finden Sie noch mehr interessante Beiträge über den Stadtteil. Es ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Lucy Fricke – Das Archiv im Kopf

Ein Gespräch mit der Autorin über ihr Erfolgsprojekt HAM.LIT, die Schwierigkeiten der Kunst und ihren neuen Roman.

SZENE HAMBURG: Lucy, du bist gebürtige Hamburgerin und lebst jetzt in Berlin. Als Schriftstellerin: Welche Stadt ist inspirierender? Und warum überhaupt?
Lucy Fricke: In der Millennium-Nacht habe ich hoch pathetisch verkündet, dass ich Hamburg verlassen werde. Zwei Wochen später hatte ich eine Wohnung in Berlin. Ich musste einfach mal raus, wollte durch andere Straßen ziehen und nicht an jeder Ecke irgendwelchen Erinnerungen begegnen. Das war nötig und enorm befreiend, ich kannte damals niemanden in Berlin, und habe auch erst hier ernsthaft mit dem Schreiben begonnen. Alles Neue ist für mich inspirierend. Inzwischen ist Berlin längst nicht mehr neu und Hamburg als Heimatstadt natürlich auch nicht, also versuche ich, so oft wie möglich auf Reisen zu gehen. Ich reise nicht, um zu entspannen, sondern um wach zu werden. An anderen Orten sind bei mir alle Kanäle offen, ich sauge alles auf und kehre dann zum Arbeiten an den Schreibtisch zurück.

Als Mitglied des PEN Deutschland hast du nicht nur den Blick durch die Augen einer Schreibenden, sondern auch die exogene Perspektive auf das Schaffen anderer Autoren. Mit welchen Schwierigkeiten bist du dort konfrontiert?
Vor einigen Jahren war ich zehn Wochen lang im International Writing Program an der Universität Iowa. Von 30 Schriftstellern aus 28 Ländern war ich die einzige, die vom Schreiben halbwegs leben konnte. Nicht, weil ich mehr Erfolg, Talent oder Disziplin gehabt hätte, sondern weil ich in Deutschland lebe. Hier gibt es Preise und Stipendien, Verlagsvorschüsse, Honorare für Lesungen.

Das ist die Frage nach dem Überleben des Künstlers…
Und die nach der Freiheit, das zu schreiben, was man will. Ich saß dort abends mit Autoren in der Kneipe, die in ihren Heimatländern Todesdrohungen erhalten hatten, jahrelang inhaftiert gewesen sind oder auf der Liste des pakistanischen Geheimdienstes standen. Sie schrieben unter Lebensgefahr. Wenn einem das erst einmal bewusst ist, fängt man an, sich für verfolgte und inhaftierte Schriftsteller zu engagieren, das ist eines der Hauptanliegen vom PEN-Club. Außerdem hört man auf zu jammern. Jedes Selbstmitleid verbietet sich, sobald man weiß, unter welchen Bedingungen die internationalen Kollegen leben und schreiben.

Du selbst hast gerade dein viertes Buch zur Welt gebracht und gehst damit auf Premierenlesung. Ist der Konflikt in „Töchter“ biografisch beeinflusst oder ein fiktives Dokument gesellschaftlicher Geschichte?
Die Handlung im Roman ist fiktiv, alles andere ist so oder so ähnlich gesagt, gedacht und erlebt worden. Man könnte sagen: Alle Details stimmen, der Rest ist frei erfunden. Seit ein paar Jahren sind im Freundeskreis die Eltern ein größeres Thema. Das Verhältnis kehrt sich um, sie brauchen jetzt unsere Hilfe. Der Blick auf sie ändert sich, wenn sie kurz vorm Tod stehen. Meinen Eltern geht es zum Glück noch sehr gut, aber meine Hoffnung beim Schreiben war auch, mit Gesprächen zu beginnen, bevor es zu spät ist.

Vor deiner schriftstellerischen Ausbildung in Leipzig hast du beim Film gearbeitet: Für die Hamburger Klassiker „Kurz und Schmerzlos“ und „Absolute Giganten“ warst du verantwortlich für Script und Übergänge. Wie haben diese Projekte dein späteres, jetziges Schaffen beeinflusst?
Script/Continutiy ist ein wahnsinnig akribischer Job, man ist zuständig für die sogenannten Anschlüsse und muss sich alles merken. Nach über 20 Filmproduktionen habe ich das Beobachten aufs Härteste trainiert, das ist ins Unterbewusstsein eingedrungen. Ich scanne quasi permanent meine Umgebung und kann das beim Schreiben abrufen. Also verfüge ich über ein riesiges Archiv detailgenauer Aufnahmen. Ich erfinde wenig und hole fast alles aus der Erinnerung.

2010 war dann endlich das Jahr der HAM.LIT: Du hast die Veranstaltung initiiert und leitest sie noch heute. Was hat sich in den letzten acht Jahren verändert – sowohl notgedrungen, als auch aus gewollter Entwicklung heraus?
Das Kuratieren ist viel aufwendiger geworden. In den ersten zwei Jahren habe ich hauptsächlich Freunde und Bekannte eingeladen, Autoren, die ich kannte, deren Arbeit ich schätzte. Aber so viele Freunde habe ich nun auch nicht, dass ich jedes Jahr 15 neue bei der HAM.LIT präsentieren könnte. Inzwischen wählen wir aus etwa 40 bis 50 Büchern aus, wir fordern viel an, aber noch viel mehr wird uns zugeschickt, von den Verlagen, manchmal auch von den Autoren direkt. Es ist wirklich in Arbeit ausgeartet.

Nach welchen Kriterien wählt ihr Autoren und Musiker des Line-ups aus?
Daniel Beskos als Verleger und ich als Autorin bewegen uns viel in der Szene, alles was uns auffällt kommt erst mal auf die Liste. Es ist zum Glück immer noch so, dass wir einladen können, wer uns gefällt und überzeugt, unabhängig von Verkäuflichkeit. Die Qualität ist für uns das Wichtigste. Und es sollen nicht nur verschiedene Gattungen präsentiert werden, sondern auch unterschiedliche Stile und Themen, Debütanten und etablierte Autoren.

Dafür bedarf es sicherlich eines guten Supports…
Seit Jahren stärken uns die Kulturbehörde und verschiedene Stiftungen den Rücken, allen voran die Hamburgische Kulturstiftung, die uns von Beginn an auf beeindruckende Weise unterstützt, ohne die würde gar nichts gehen.

Und deine Motivation?
Tatsächlich habe ich die HAM.LIT aus purem Frust gegründet. Mein erstes Buch war erschienen, ein ziemlicher Flop, und ich hatte Lesungen hinter mir, die von Seiten der Veranstalter derart lieblos und inkompetent organisiert waren, dass ich dachte: Das muss doch anders gehen. Ich habe von Autorenseite aus gedacht: Wie sollte eine Veranstaltung sein, bei der ich selbst gern lesen würde. Das halte ich immer noch für den besten Weg: Wenn es den Künstlern gut geht, profitiert davon das Publikum. Und ich glaube, das bekommen wir ganz gut hin. Dass der Abend inzwischen jedes Jahr ausverkauft ist, spricht dafür. Das sorgt auch für die hohe Motivation, wenn sich am Ende des Abends die Gäste und die Künstler bei uns bedanken, das macht uns glücklich. Wir träumen schon lange davon, HAM.LIT auf Tour zu schicken. Alle KünstlerInnen in einen Bus und am nächsten Tag dasselbe Programm in einer anderen Stadt. Eine Band, die jedes Jahr nur für ein paar Tage existiert, das wäre was.

Interview: Jenny V. Wirschky 

HAM.LITUebel & Gefährlich, 1.2.18, 19 Uhr

 

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Zehn Jahre Jüdischer Salon am Grindel

Literatur, Diskussion, Kultur des Zuhörens – Der Jüdische Salon wurde am 15. Januar 2008 von Sonia Simmenauer in ihrem Café Leonar eröffnet. Als das gastronomische Kleinod baubedingt umziehen muss, schließt der Salon vorrübergehend – bis er heute endlich wieder dort ist, wo alles angefangen hat. Grund genug, den 10. Geburtstag zu feiern!

SZENE HAMBURG: Frau Simmenauer, was ist in Ihren Augen „jüdische Kultur“?

Sonia Simmenauer: Es ist das, was wir hier leben, indem wir ein Café aufgemacht haben. Ein Ort, an dem sich alle auf einer intellektuellen Ebene treffen können. Denn, was tut man, wenn man zusammenkommt? Man redet miteinander. Man redet über das Leben und kann anfangen zu philosophieren. Jeder, der sich im Salon eingebracht hat, ist mit eigenen Ideen gekommen.  Zum Beispiel eine Bibelstunde: Einer kommt mit seinem Evangelium, einer mit dem Koran, der nächste mit dem Alten Testament. Dann einigt man sich, dass man mit einem bestimmten Paragraphen beginnt, der in allen Büchern ähnlich ist und ihn vergleicht. Was sind die Unterschiede? Die Fragen sind das, was die jüdische Tradition ausmacht. Nicht die Antworten.

Erinnert an Sokrates’ mäeutisches Prinzip: Die Fragen sind das Wesentliche, durch das man zur Erkenntnis kommt.

Man kommt ins Gespräch durch Fragen, nicht durch Antworten. Und das ist das, was wir wollen. Ich stand vor der Talmud-Tora-Schule, als sie 2007 gerade als der Kindergarten wiedereröffnet wurde. Mein Vater hat dort seine letzten zwei Schuljahre gemacht, nachdem er nicht mehr in die öffentliche Schule gehen durfte. Danach ist er nach Frankreich ausgewandert. Als ich also dort vor zehn Jahren diese Kinder gesehen habe – da wusste ich, es gibt hier wieder ein jüdisches Leben. Kein museales, sondern ein echtes. Und da, wo es eine Schule gibt, da muss es ein Café geben. Als es konkret wurde, war klar: auch ein Salon muss dazugehören. Hier wird kein Programm gemacht, das einem bestimmten Dogma folgt, sondern es ist gespickt damit, was jeder liebt, wofür jeder steht. Das Aktuelle, das Alte …

Entweder wir tun nichts und dann passiert auch nichts, oder wir tun was und dann kommt Kritik – gut oder schlecht.  Damit muss man leben.

Wobei Sie schon betonen, dass es im Konzept eher um das aktuelle jüdische Leben geht. Mit dem Bewusstsein für das, was im Nationalsozialismus passiert ist.

Wir definieren uns nicht über den Holocaust. Wir sind kein Museum, sondern ein lebendiges Haus. Dass das zu unserem Leben gehört, das wollen wir gar nicht leugnen, und so kommen hier auch immer wieder Themen auf, die davon getragen sind. Aber es gab ein Davor – und es gibt auch ein Danach. Gott sei Dank.

Stichwort „danach“: Inwiefern spielt die Thematik Israel eine Rolle?

Sie ist nicht zentral, denn wir leben hier. Wir sind keine Botschaft von Israel und es wird durchaus auch kritisch mit allem umgegangen. Wir haben sehr früh einen Abend mit einem palästinensischen Schriftsteller und einem jüdischen Fotografen gemacht, die gemeinsam etwas dargestellt haben. Wir haben Ausstellungen gemacht, wo palästinensische Territorien ausgiebig dargestellt wurden, oder welche, wo alle drei großen Religionen dargestellt werden. Israel gehört zum Judentum, ist aber nicht unser Thema. Wir haben eigentlichen gar kein Thema.

Es ist alles offen …

Es ist alles offen.

Wenn es kein Dogma geben soll, dann muss alles offen sein … wie war das Feedback der Zuhörer des Themas Israel und Palästina? Irgendwie hat ja jeder eine Meinung dazu, selbst die, die sich damit so gar nicht auseinandersetzen.

Jeder hat eine Meinung, aber keiner weiß wirklich Bescheid. Wir haben bei Veranstaltungen durchaus kontroverse Diskussionen gehabt, die anschließend im Café weitergeführt wurden. Wir haben auch immer wieder Haue bekommen – sei es, dass wir eine bestimmte Sache gemacht oder eine bestimmte Sache eben nicht gemacht haben. Aber wer sät, der erntet: Entweder wir tun nichts und dann passiert auch nichts, oder wir tun was und dann kommt Kritik – gut oder schlecht.  Damit muss man leben.

Sonia Simmenauer: „Meine größte Freude ist, wenn Leute sich hier begegnen, miteinander etwas finden und sich danach immer gekannt haben.“ Foto: Lennart Rühle

Wenn man dieses Konzept mit den Salons des 18. Jahrhunderts vergleicht – ist das hier eine moderne Fortsetzung und sie eine Salonière des 21. Jahrhunderts?

Das hat man schon getan. Aber ich möchte nicht wiederholen, was war – ich möchte den Geist behalten. Und das ist die Unterhaltung über Unerwartetes, die absolute Offenheit, an seine Grenzen zu stoßen. Wenn man versucht, zurückzuholen was war – das lähmt. Wenn man das Manko nutzt als Benzin für den inneren Motor, dann ist es lebendig. Das Manko ist aber keine Unzufriedenheit. Es ist eine offene Frage.

Bücher, die mir Türen geöffnet haben? Davon gibt es viele.

Dann eine neue Frage: Literatur hatte einen großen Einfluss auf die Aufklärung und auch auf die Haskala. Welches Buch hat Sie so beeinflusst, dass Sie ihm eine gegenwärtig aufklärende Rolle zusprechen würden?

Bücher, die mir Türen geöffnet haben? Davon gibt es viele. Momentan lese ich Sasha Marianna Salzmanns „Außer sich“. Sie reflektiert über die Emigration, wie ich sie als Kind bei meinen Eltern mitbekommen habe. Ich selbst bin weggegangen von meinem Geburtsort, um dahin zurückzukehren, wo mein Vater herkam. Aber ich bin nicht emigriert, musste nicht gehen. Heute gibt es wieder eine ganze Generation von Emigranten. Salzmann schreibt von Displaced Persons. Das ist zwar ein besetzter Begriff und bezeichnet all jene, die nach dem Krieg nirgendwo mehr hingehörten. Aber haben wir das heute nicht millionenfach? Das öffnet mir heute viele Türen, denn nie ist irgendetwas fertig. Es fängt immer wieder von vorne an. Und das liest man in so einem Buch. 

Sie sprechen viel von Ihrem Vater, erzählen Sie doch ein wenig davon, wo Ihre Eltern aufgewachsen sind und was dann passierte …

Er ist in Hamburg geboren und sein Vater wiederum hatte hier eine Firma für Fotopapier, die hieß Leonar. 1938 ist mein Vater nach Frankreich geflohen und auch nach dem Krieg dort geblieben. Mein Großvater ist nie zurückgekommen, die Leonar-Werke wurden von Agfa übernommen und irgendwann verkauft. Die Geschichte meines Vaters ist auch die Geschichte dieses Cafés. Vor zehn Jahren war hier in den Räumen noch Fläschner Druck und als ich die Räume übernommen habe, fragte mich Wolfgang Fläschner, wie es heißen solle. „Irgendwas Jiddisches“ sagte ich. Folkloremäßig. Aber er kannte mich und die Geschichte meiner Familie gut und übergab mir alte Broschüren der Leonar-Werke. Er sagte, es muss Leonar heißen. Andreas Heller, der Architekt, der auch mit diesem Café durch und durch verbunden ist, hat dann das Logo der Leonar-Werke übernommen, jetzt ist es das Logo dieses Cafés.

Und woher kommt der Name „Leonar“?

Ich habe damals mit meiner Tante in Israel telefoniert, um ihr von alledem zu erzählen. Sie sagte mir, dass der Name Leonar eine Kombination der Namen der Firmengründer sei. Löwenthal – also Leon – und Arndt. Und meine beiden Söhne heißen Leonard und Arnold. Das ist die Geschichte zu dem Namen.

Ich bin in der Sehnsucht meines Vaters nach seiner verlorenen Kindheit geboren.

Aber die Geschichte des Cafés fängt ja früher an. Wie sind sie damals nach Hamburg gekommen?

Ich bin 1982 hierhergezogen. Ich hatte meinen ersten Mann in Amerika kennengelernt und kam zu ihm nach Hamburg. Ich bin in der Sehnsucht meines Vaters nach seiner verlorenen Kindheit geboren. Ich habe das getragen und damit auch 25 Jahre hier gelebt, bis ich die Idee zu dem Café hatte. Im Grunde genommen war es mein Geschenk an meinen Vater, um für ihn den Kreis zu schließen. Er hat es noch erlebt.

Und welche Rolle spielt die Literatur in dieser Geschichte?

Meine Großmutter war eine Büchernärrin. Sie hatte es geschafft, ihre Bibliothek mit nach Paris zu nehmen. Die wurde dort von den Nazis beschlagnahmt, schön in Kisten verpackt, mit Namen versehen und nach Deutschland geschickt. Nach dem Krieg schickten die Deutschen die Kisten mit denselben Namen zurück nach Paris. Die Franzosen haben alle Kisten aufgemacht, die Bücher auf Regalen verteilt und denen zurückgegeben, die beweisen konnten, dass sie ihnen gehören. Dadurch erst hat meine Großmutter die Hälfte ihrer Bibliothek verloren. Aber: meine Schwester, die in Paris Anwältin ist, hat gegen den Staat Frankreich prozessiert, gewonnen – und für den verlorenen Teil der Bibliothek eine Kompensation bezahlen lassen. Mein Vater hat mir dann das Geld für dieses Café gegeben.

Da schließt sich wieder der Kreis.

Genau. Und ich glaube, dass dieses Café für diese Kreise steht.

Ein normales Café zieht nicht zweimal um und bleibt voll.

Vielleicht im Sinne der Wiederkehr, denn das Café ist ja mehrmals umgezogen und dennoch lebendig geblieben …

Ein normales Café zieht nicht zweimal um und bleibt voll. Wir sind zweimal umgezogen: Das erste Haus war ein Traum und eine Katastrophe. Es fiel alles auseinander, aber war so charmant. Und der Typ, der hier war, der fiel auch auseinander und war total charmant. Und deswegen wollte man hier einfach sein, obwohl das Wasser an den Wänden runterlief. Die Leute haben es geliebt. Deshalb haben wir es am Anfang für viel Geld renoviert, bis wir festgestellen mussten, dass es gar nicht geht.

Und wie ging es dann weiter?

Wir mussten raus. In der 87 war etwas frei geworden. Andreas Heller hat wieder gezeichnet und eingerichtet – und wir haben den Umzug innerhalb von drei Tagen gemacht. Am Anfang war es schwierig, wir hatten keinen Raum für den Salon und mussten für die Veranstaltungen immer zumachen. Irgendwann gab es Revolte. Als der neue Raum hier am ursprünglichen Platz fertig gebaut war, sind wir zurückgekehrt, in unseren alten und doch neuen Traum.

Was ist Ihre Aufgabe heute im Café?

Ich mache nichts mehr in dem Café. Früher habe ich viel gemacht. Heute komme ich nur ab und zu aus Berlin und schaue nach dem Käsekuchen und meckere über den Hummus. Immer. Das gehört schon fast dazu …

Interview: Jenny V. Wirschky

Café LeonarGrindelhof 59 (Grindelviertel), Telefon 41 42 92 42; www.salonamgrindel.de

 

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Dezember 2017. Das Magazin ist seit 22. Dezember 2017 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Max Frisch fragt… Sascha Leirich

In unserer Reihe „Max Frisch fragt…“ kommt der alte Meister der Literatur mit den Wortkünstlern der Gegenwart ins Gespräch. Diesmal mit Sascha Leirich, der gerade seinen Debütroman „Adrians Auftrag” über einen freiberuflichen Hamburger Werbetexter herausgebracht hat.

Max Frisch: Was bezeichnen Sie als männlich?

Sascha Leirich: In solchen Kategorien denke ich persönlich nicht. Aber meine Romanfigur Adrian weist gewisse machoeske Züge auf – bis er mit der hässlichen Fratze der Realität konfrontiert wird.

Wenn Sie an Verstorbene denken, wünschten Sie, dass der Verstorbene zu ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?

Wenn ich tot bin, möchte ich meine Ruhe haben! Deshalb sollen mich die Toten zu Lebzeiten gefälligst in Ruhe lassen.

Wie stellen Sie sich Armut vor?

Teuer!

Warum müssen wir die Frauen nicht verstehen?

Weil dieses Verständnis Liebe voraussetzt. Und die Liebe ist der fünfte Reiter der Apokalypse.

Interview: Jenny V. Wirschky

Foto: Tanja Leirich

Sascha Leirich: Adrians Auftrag, Saga Egmont, 180 Seiten, 9 Euro. 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Dezember 2017. Das Magazin ist seit 28. November  2017 am Kiosk und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!


LesBar. Zweigs „Buchmendel“ und „Die unsichtbare Sammlung“ in der Neuauflage

Topalian & Milani, der „Verlag für schöne Bücher“, legt mit den eher weniger bekannten Zweig-Novellen „Buchmendel“ und „Die unsichtbare Sammlung“ zwei brillante Neuerscheinungen vor.

Stefan Zweig gehört ohne Zweifel zu den größten Schriftstellern, die Europa hervorgebracht hat. Seine psychologisch präzisen Romane gehören noch heute zu den weltweit meistgelesenen Werken eines deutschsprachigen Autoren. Doch auch Zweigs kleinere Werke sind mehr als lesenswert.

Der erst 2015 gegründete Verlag Topalian & Milani,der sich völlig zurecht „Verlag für schöne Bücher“ nennt, setzt dem großen Europäer mit der liebevollen Neuauflage zweier seiner eher weniger bekannten Novellen nun eine gebührende Hommage: „Buchmendel“ und „Die unsichtbare Sammlung“.

„Buchmendel“ aus dem Jahre 1929 erzählt die tragische Geschichte des Jakob Mendel, einen akribischen Leser, der „in der Gnade der Versenkung“ liest, „wie andere beten“ und ein schier antiquarisches Gedächtnis besitzt, doch wegen eines Missverständnisses aus seiner Bücherwelt gerissen und in ein Konzentrationslager verschleppt wird.

Stefan Zweig Neuauflage Novellen

Buch Mendel mnm

„Die unsichtbare Sammlung“ aus dem Jahr 1927 schildert auf berührende Weise die Begegnung eines Kunstantiquars mit einem alten Sammler, dessen Kunstsammlung ihm seine Existenz bedeutet. Aufgrund seiner Blindheit weiß er jedoch nicht, dass seine Familie in ihrer Not während der Wirtschaftskirse etliche Stücke unter Wert an niederträchtige Sammler verkauft und gegen billige Ersatzstücke ausgetauscht hat – und so lässt sich der Antiquar auf eine schonende Lüge ein.

Zweig Neuauflage Novellen

Blick ins Buch.

Beide Geschichten eint, was sich in der berückend schönen Materialität dieser Ausgabe ausdrückt: die bestehende Dringlichkeit, zu bewahren. Dem leidenschaftlichen Sammler Zweig hätte die aufwendig gestaltete Ausgabe wohl sehr gefallen: das edle Papier, der Farbschnitt, die Fadenheftung, die Vorsatzpapiere und dazu die beeindruckenden Illustrationen von Joachim Brandenberg und Florian L. Arnold.

So gestaltet sich das Buch als gut durchdachtes, kompositorisches Ganzes, bei dem Inhalt und Medium Hand in Hand gehen. Es ist eine Hommage an Stefan Zweig, der Europa so liebte und dem das Exil und der Verfall seiner Heimat im Dritten Reich so schmerzten.

Cover Zweig NovellenUnd es ist auch eine Hommage an das gedruckte Buch in Zeiten der Digitalisierung, an das sinnliche Leseereignis und die geistigen Räume, die sich dabei offenbaren. Niemand wusste besser als Zweig, welche Gefahren der Verfall der Geisteskultur in geistlosen Zeiten hervorbringt. Wer sich mit dem Werk des Weltschriftstellers auseinandersetzen möchte, dem sei diese Neuauflage als Einstieg empfohlen, und dem sei an dieser Stelle auch Maria Schraders großartiges Biopic „Vor der Morgenröte“ empfohlen. Bilder: Topalian & Milani Verlag

Stefan Zweig: „Buchmendel / Die unsichtbare Sammlung. Zwei Novellen“, Topalian & Milani Verlag, 152 Seiten, 23 Euro

 

 

 

 

 

Ulrich Thiele Szene Hamburg

Foto: Philipp Jung

 

Eine Literatur-Empfehlung unseres SZENE HAMBURG-Autors Ulrich Thiele.

 

 


Maria Schraders Biopic „Vor der Morgenröte“. Eine Empfehlung unseres Autors Ulrich Thiele