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Reeperbahn Festival 2019: Newcomer & Netzwerker

Auch die diesjährige Ausgabe des Reeperbahn Festivals bietet Unterhaltungshöhepunkte en masse

Text: Erik Brandt-Höge
Foto (o.): Marvin Contessi

 

Es ist Europas größtes Club­festival, Treffpunkt für Mu­sikschaffende aus der ganzen Welt und, nicht zuletzt, eine Riesenchance für Newcomer aus allen denkbaren Genres, sich vor der breiten Masse zu prä­sentieren: das Reeperbahn Fes­tival. Rund um die Partymeile von St. Pauli stehen auch in diesem Jahr wieder Highlights aus Musik, Film, Literatur und Bildender Kunst auf dem Programm, 900 Veranstaltungen sind es zusammen, auch Kon­ferenzen, Sessions, Showcases, Networking­-Events und Preis­verleihungen zählen dazu. Prinzenbar, Molotow, Uebel & Gefährlich, Imperial Thea­ter, Elbphilharmonie: An ins­gesamt 90 Spielorten zieht das Festival vom 18. bis 21. Septem­ber ein.

Erstmals wird auch das Planetarium für eine besondere Festivaleinlage genutzt: Der isländische Multiinstrumentalist, Songschreiber und Produzent Ólafur Arnalds führt im be­rühmten Hamburger Sterneguckerparadies an vier Abenden eine eigens fürs Reeperbahn Fe­stival geschriebene Show auf. Die ist natürlich nicht das ein­zige diesjährige Highlight, wie RBF-­Pressesprecher Frehn Ha­wel erzählt: „Hervorzuheben ist auch unsere neue, glamouröse Eröffnungsveranstaltung ‚Doors Open‘ am Mittwoch im Operet­tenhaus. Unsere Moderatoren Charlotte Roche und Ray Cokes bringen hier in einer kompakten einstündigen Show mit zwei hochkarätigen Live­-Acts (Dope Lemon und Feist; Anm. d. Red.) alle wichtigen Facetten des Ree­perbahn Festivals zusammen.“

 

Seht hier den Trailer für das Reeperbahn Festival 2019

 

Auch die Jury des internationa­len Musikpreises „Anchor“ wird sich im Operettenhaus vorstel­len, nämlich die Produzenten Bob Rock und Tony Visconti, die Musikerinnen Kate Nash und Peaches, Beatsteaks­-Front­mann Arnim Teutoburg­-Weiß und Moderatorin Zan Rowe aus Australien, dem diesjäh­rigen Partnerland des Reeper­bahn-Festivals. Nachdem sich bereits Down­-Under­-Künstler à la Kim Churchill, Parcels und The Temper Trap auf dem Ree­perbahn Festival gezeigt haben, kommen in dieser Ausgabe beim The Aussie BBQ Showcase im Molotow (Freitag) neue Hoff­nungsträger zum Zug.

Ebenso empfehlenswert: die von RockCity Hamburg präsen­tierten Music Women Germany (Donnerstag). Förderung, Ver­netzung und allgemeine Sicht­barmachung von Frauen in der Musikwirtschaft sind die Ziele dieser ersten Dachorganisation für weibliche Musikschaffende in Deutschland. Von Musike­rinnen bis Managerinnen sind alle eingeladen, sich auszutau­schen und ihre Positionen zu stärken. Auch von RockCity ge­managt wird „PopReception“, ein Frühstück mit Fisch, Schnaps und sicherlich einigen anre­genden Gesprächen (Freitag).

Und Besucher, die zwischen Konzerten von beispielsweise Dermot Kennedy, Dagobert, Frittenbude, Mighty Oaks und Tusks verschnaufen möchten, können dies in der Idylle auf dem Arts Playground und dem Vil­lage Future Playground auf dem Heiligengeistfeld bei Getränken und Snacks.

Reeperbahn Festival: 18.-21.9.2019


Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, September 2019. Titelthema: Mobilität – Das bewegt die Stadt. Das Magazin ist seit dem 29. August 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich!


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Karen Köhler über ihr Buch „Miroloi“: Risse im Gehorsam

Die Romanautorin Karen Köhler erzählt in „Miroloi“ von einer jungen Frau, die sich einem autoritären System widersetzt. Ein Gespräch über die politische Weltlage, die Macht der Bildung und über die Notwendigkeit des Aufbegehrens

Interview: Ulrich Thiele
Foto: Christian Rothe

 

Vor fünf Jahren löste Karen Köh­ler mit ihrem Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ ein – ohne Übertreibung – kollektives Entzücken im Feuilleton aus. Gelobt und geliebt wurden ihre modern und zugleich altmodisch anmutenden Geschichten vor allem für ihren radikal eigenen Sprachstil und für ihre eindrucksvollen Frauenfiguren. Dem­ entsprechend heiß wird nun ihr Debüt­roman „Miroloi“ erwartet, der am 18. Au­gust im Hanser Verlag erschien.

Karen Köhler lebt auf St. Pauli, wo das Interview an einem Dienstagvormittag draußen vor einem Café stattfindet. Es ist ein ausführliches Gespräch von anderthalb Stunden, mit Exkursen über die poli­tischen Entwicklungen der letzten vier Jahre, die nicht am Entstehungsprozess von „Miroloi“ vorbeigegangen sind, wie sie sagt.

SZENE HAMBURG: Karen, wann hast du das letzte Mal aufbegehrt?

Karen Köhler: Gerade Sonntag habe ich mit der Seebrücke Hamburg gegen die Kriminalisierung der Seenot­rettung demonstriert. Auf die Straße zu gehen und Gesicht zu zeigen, ist definitiv ein Akt des Aufbegehrens. Aber man kann auch in den kleinsten Augenblicken aufbegehren. Es ist in Deutschland sehr viel durch Gesetze geregelt, das soll unser Zusammenleben wohl einfacher machen, manchmal hält es aber auch vom Denken und Selbst­ entscheiden ab, oder entfernt sich wie im Falle der Kriminalisierung der Seenotrettung von dem demokratischen Wertekanon, auf den man sich in Europa mal geeinigt hat.

 

„Die Welt verändert sich schneller, als ich sie erfassen kann“

 

In „Miroloi“ begehrt eine junge Frau auf gegen die autoritären Strukturen in einem isolierten, archaischen Dorf auf einer Insel. Männer haben das Sagen, Frauen dürfen nicht lesen, es gibt Traditionen, religiöse Gesetze und drako­nische Strafen. Es gibt auch einige Ver­weise auf die Gegenwart jenseits der Insel: Coca­ Cola und Fernseher zum Beispiel. Warum dieses Archaische im Modernen?

Anfang 2015 hatte ich zunehmend Schwierigkeiten, die Welt zu beschreiben. Sie verändert sich schneller, als ich sie erfassen kann. Deswegen habe ich diesen Mikrokosmos einer fiktiven Insel erfunden, den ich auf strukturelle Mechanismen untersuchen konnte: Wie ist eine Gesellschaft organisiert? Wie viele Gesetze braucht sie? Wie be­gegnet sie dem Fremden, was macht das Fremde mit ihr? Wie gehen Machthaber mit ihrer Macht um? Gerade Macht übt eine Faszination auf Menschen aus. Wer sie hat, wird in Versuchung geführt, sie auch zu demonstrieren.

Wie hast du recherchiert, um diese Welt zu entwerfen? Du erfindest ja so­ gar eine Religion.

Ich habe vier Monate auf einer Insel in Griechenland verbracht und dort existente Dorftraditionen kennengelernt. Das Wort „Miroloi“ zum Beispiel kommt aus dem Griechischen und beschreibt eine Totenklage. Es gibt in mehreren Regionen Griechenlands die Tradition, dass die Dorfältesten nach dem Ableben eines Menschen sein gesamtes Leben nachsingen.

Ich habe zudem gemeinsam mit zwei Dolmet­schern die Dorfbewohner interviewt, was viel mit Vertrauen zu tun hatte. Es dauert, bis Menschen an den Punkt kommen, an dem sie bereit sind, über Schmerz zu sprechen.

Hast du ein Beispiel?

Wir haben mit einem alten Bauern gesprochen und saßen in seinem Haus in einem Dorf, in dem der Strom nie angekommen ist und das deswegen verlassen wurde. Er ist aber immer noch jeden Tag dort in diesem Haus, das sein Vater mit eigenen Händen gebaut hat. Auf die Frage, was er sich wünschen würde, wenn er einen Wunsch frei hätte, sagte er, dass er gerne alle seine Nutztiere noch mal sehen würde. Diese Unmittelbarkeit hat mich unfassbar be­rührt, dieses dem Leben und Überleben ausgesetzt zu sein. Davon sind wir in unserer urbanen Alltagswelt auf den ersten Blick sehr weit entfernt.

Warum nur auf den ersten Blick?

Wir sind dennoch Nutznießer des­sen – wir konsumieren jeden Tag das, was Leute irgendwo in der Welt an­gebaut haben. Die Menschen, die in Spanien auf den Feldern unsere Tomaten ernten, sind oftmals geflüchtete Menschen aus Afrika, die unter den schlimmsten Bedingungen leben. Und die Menschen, die Tiere auf niedersächsischen Schlachthöfen schlachten, kommen aus Rumänien und hausen unter unwirtlichen Bedingungen. Wir sind bei genauerer Betrachtung gar nicht so weit weg von den archaischen Verhältnissen, die im Buch beschrieben werden.

Warum hast du im Buch das Dorf mit diesem repressiven Gesellschaftsmodell entworfen?

Ich habe mich gefragt, wie die Unterdrückung der Frau strukturiert ist – indem man sie von Bildung fernhält und an Haus und Kind bindet. Anfang des Jahres habe ich ein Interview mit einem spanischen Priester zum Thema häusliche Gewalt gelesen. Er sagte, Frauen seien selbst schuld, wenn sie geschlagen werden, sie hätten ihren Männern einfach nicht gut genug gedient. Das ist in Europa im Jahr 2019. So lange es dieses Gedankengut noch gibt, kann man nicht aufhören, solche Bücher da­ rüber zu schreiben.

Die Protagonistin in „Miroloi“, die am Anfang noch keinen Namen hat, erfährt diese Unterdrückung sehr extrem.

Sie ist ein Findelkind. Die Gesetze im Dorf schreiben aber vor, dass jeder nach der Mutter oder nach dem Vater benannt wird. Nur wer diesen Stamm­namen hat, darf partizipieren. Die Ungewissheit, woher sie kommt, verängstigt die Dorfbewohner. Sie erhält deswegen keinen Namen und damit fängt die Kette der Ausgrenzung an. Ihr wird die Rolle des Sündenbocks zugeschrieben.

In dem Winter, in dem sie gefunden wurde, gab es Frost, der die Ernte zerstört hat. Das Dorf, das in seiner Aufklärung nicht fortgeschritten ist, gibt ihr dafür die Schuld. Dieses Narrativ begleitet dieses junge Mädchen von Anfang an. Wenn sie nicht in einem religiösen Oberhaupt, dem Bethaus­ Vater, einen Fürsprecher hätte, der sie schützt, hätte sie die ersten Jahre wohl nicht überstanden.

Der Bethaus ­Vater erkennt in ihr den Menschen, wie er in jeder Person den Menschen erkennt. Unter diesem Schutz wächst sie bei ihm auf und gerät irgendwann an ei­nen Punkt, wo sie anfängt, das System zu hinterfragen. Das zwirbelt sich auch an ihrem Namen auf: Warum hat alles einen Namen, nur ich nicht?

 

Ein großer Gesang auf die Selbst-Ermächtigung

 

Da ist ein Riss in ihrem Gehorsam, sagt sie an einer Stelle. Fängt mit dem Riss ihr Leben, ihr Miroloi erst an?

Ja, das kann man so sagen. In meinen Augen ist das ein großer Gesang auf die Selbstermächtigung. Sie lernt heimlich lesen und schreiben und verschafft sich somit Zugang zu Bildung und einen Abstand zur Welt. Sie lernt, sich ins Verhältnis zu setzen und die Dinge zu hinterfragen, und schafft so den Sprung aus dem rein emotionalen Welterleben in eine Abstraktion. Die Stelle, in der sie lernt, was der Konjunk­tiv ist, ist programmatisch für dieses In-­Distanz-­treten.

Auf der anderen Seite beschreibt sie die Welt, die sie sieht und erlebt, mit Sinneslust und Entdeckungsfreude, als könne sie die Welt erst jetzt mit der Sprache so richtig greifen.

Sie ist definitiv ein sehr lebenshungriger Mensch und hat eine große Offen­heit für alles, was sie wahrnimmt. Sie erfindet auch Worte: „Das Haus liegt hier am Berg. Engschattig und drüben­sicher.“ „Drübensicher“, also sicher vor dem Fremden auf der anderen Seite des Meeres, ist so ein typisches Wort für sie. Sie hat ihren eigenen Zugang zur Welt, wie ein durch tausend Kanäle gehendes System.

Der Bethaus-­Vater scheint eine morali­sche Autorität zu sein. Es gibt aber auch Momente, die diesen Eindruck zum Bröckeln bringen. Zum Beispiel, wenn die Protagonistin ihre Angst beschreibt, dass er wieder einen Wutausbruch kriegen könnte. 

Ich wollte eine Figur im Buch ha­ben, die ambivalent ist. Niemand, auch ein religiöses Oberhaupt nicht, ist gefeit vor emotionaler Entrückung, Wut oder Lust. Der Bethaus-­Vater ist sehr lebemännisch, er trinkt und isst gerne. Und er partizipiert an einem System, von dem er weiß, dass es nicht fair ist. Er hat genauso Angst vor einem Machtverlust wie alle anderen. Trotzdem versucht er nach seinem besten Wissen und Gewis­sen das Dorf auf einer religiösen Ebene zu leiten.

Aber er unterläuft das System auch sub­versiv von innen, etwa dann, wenn er der Protagonistin das Lesen beibringt.

Genau. Es gibt eine Strophe, in der die Protagonistin alles aufzählt, was sie vom Bethaus­-Vater gelernt hat. Dazu gehört auch, „wie man das Gesetz biegt, ohne es zu brechen“. Er sucht die Lücken im System. Er hat einen parallelen Subwoofer von eigener Moral am Laufen, nach der er abwägt, welche Gesetze er übersehen und umgehen kann.

Karen-Koehler-Cover-MiroloiIst der Roman optimistisch? Dass sie ihr eigenes Miroloi singt, kann man auch so verstehen, dass sie stirbt.

Auf der einen Seite ist es ein wahnsinnig optimistisches Buch, weil sie sich selbst ermächtigt und den Weg in die Freiheit geht. Sie hat den Mut, sich zu wider­ setzen und riskiert ihr eigenes Wohlergehen. Das Ende habe ich bewusst offen gelassen, ob es pessimistisch oder optimistisch ist – das kann jeder für sich entscheiden.

Karen Köhler: „Miroloi“, Hanser, 464 Seiten, 24 Euro. Der Roman ist am 18.8. erschienen. Am 16.9.2019 liest die Autorin im Rahmen des HarbourFront Literaturfestivals im Nochtspeicher.


Szene-Hamburg-August-2019-TitelDieser Text stammt aus SZENE HAMBURG, August 2019. Titelthema: Wie sozial ist Hamburg? Das Magazin ist seit dem 27. Juli 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Space Girls: Wie Frauen die Mond-Landung verwehrt blieb

Vor 50 Jahren betrat der US-amerikanische Astronaut Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Was viele nicht wissen: Auch Frauen wurden schon um 1960 für die Raumfahrt getestet – wegen ihres Geschlechts letztlich aber doch nicht zugelassen. Die Hamburger Autorin Maiken Nielsen setzt ihnen mit ihrem Roman „Space Girls“ ein Denkmal.

Text und Interview: Ulrich Thiele
Foto (o.): NASA

Maiken Nielsen ist von Haus aus Hamburger Urgestein und Weltenbummlerin zugleich. Sie stammt aus einer Familie von Lotsen und Kapitänen und ist die Enkelin des Hindenburg-Navigators Christian Nielsen. In ihrem letzten Roman „Und unter uns die Welt“ widmete sie sich der Geschichte ihres Großvaters. Vor diesem Hintergrund ist ihr Interesse an den 13 Pilotinnen, den Mercury 13, die für die Raumfahrt getestet wurden und doch nicht zum Mond fliegen durften, naheliegend.

Nielsen erzählt von diesem historischen Ereignis mit sinnlicher Sprache und fließendem Rhythmus. „Space Girls“ ist ein literarischer Kopfkinofilm, ein Epos, das trotz aller traurigen Momente immer den lebenshungrigen Pioniergeist seiner Protagonistinnen atmet. „Guten Morgen aus der Südsee“, sagt Nielsen zur Begrüßung – während des Interviews befindet sie sich auf Rarotonga. Nach einem schweren Unfall vor einigen Jahren habe sie eine Liste mit Orten gemacht, die sie unbedingt noch erleben möchte, erzählt sie, die Südsee gehöre dazu. Ihr Skype-Profilbild zeigt sie mit hochgerecktem Daumen am Steuer eines Fliegers.

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Die Autorin Maiken Nielsen setzt mutigen Frauen ein Denkmal
Foto: Sabrina Adeline Nagel

SZENE HAMBURG: Frau Nielsen, die Mercury 13 sind kaum bekannt. Wie sind Sie auf ihre Geschichte gestoßen?

Maiken Nielsen: Ich bin selbst begeisterte Fliegerin und hatte mich, während ich die Romanbiografie über meinen Großvater schrieb, viel mit dem Thema beschäftigt. Das waren die 30er- und 40er-Jahre. In der Zeit flogen auch viele Frauen. Mich hat interessiert, wie es danach weiterging und fand – wenig überraschend – heraus, dass es nach 1945 kaum noch weibliche Piloten gab, weil die Männer aus dem Krieg zurückkehrten und ihre Stellen besetzten. Aber dann stieß ich auf Jerrie Cobb …

… die Anführerin der Mercury 13 …

Ich war total beeindruckt von ihr! Wie groß war meine Überraschung, als ich erfuhr, dass sie zu den Astronautentests für die erste Fahrt zum Mond geladen wurde. Und dass es noch mehr Frauen wie sie gab.

Was konkret haben Sie an diesen Frauen so bewundert?

Sie mussten alle mit den Gegebenheiten der 50er- und 60er-Jahre fertig werden. Sie mussten sich zum Fliegen die Nägel lackieren, High Heels und Röcke tragen, um zu beweisen, dass sie trotz Pilotendaseins „richtige“ Frauen sind. Eine war achtfache Mutter. Aber sie waren so tough, das belegen die Aussagen des Nasa-Mediziners Randolph Lovelace und seiner Mitarbeiter.

Randolph Lovelace setzte sich dafür ein, dass Frauen als Astronautinnen eingestellt werden. Sie seien für Weltraumflüge besser geeignet als Männer, sagte er, weil sie qua ihres Geschlechts leidensfähiger seien.

Die Tests, die Lovelace mit den Frauen durchgeführt hat, zeigen, dass sie mindestens so tough wie John Glenn und die Mercury 7 waren, die als männliche Helden in den USA verehrt wurden. Wie sich die Frauen da durchgekämpft haben, wie sie auch vor dem NASA-Subkomitee für ihre Sache gekämpft haben, das ist beispiellos.

Die Argumente während der Anhörung sind hanebüchen: „Wenn meine Mutter den Check-up-Test eines Footballteams besteht, heißt das nicht, dass sie Football spielen kann.“ Sind die Aussagen echt?

Ja, die sind genauso passiert. Die Anhörung wurde mitgeschrieben, eine Abschrift davon findet sich auch online im NASA-Archiv. Ich habe die Dia loge lediglich übersetzt. Mein Antrieb für das Buch war dementsprechend Empörung. Ich wollte, dass diese Frauen nicht im Vergessen versinken.

 

„Viele Frauen hatten nach den Tests keine Jobs mehr“

 

Wie sind die Frauen mit der Enttäuschung umgegangen? Viele Menschen würden, nachvollziehbarerweise, verbittern …

Viele der Frauen hatten im Anschluss an die Tests keinen Job mehr, weil sie für die Testwoche in Albuquerque von ihrem Arbeitgeber keinen Urlaub bekamen und deshalb kündigen mussten. Es war sowieso schwer, als Frau 1960 in der US-Luftfahrtbranche einen Job zu bekommen, den verloren sie also auch. Jerrie Cobb zog anschließend allein in den Amazonas, wo sie abgelegene Siedlungen aus der Luft mit Lebensmitteln belieferte. Sie lebt immer noch, gibt aber keine Interviews (kurz vor Redaktionsschluss wurde bekannt, dass Jerrie Cobb bereits am 18. März im Alter von 88 Jahren verstorben ist, Anm. d. Red.).

Und die anderen?

Andere Frauen waren sowieso selbstständig, Geraldine Sloan – später Geraldine Truhill – zum Beispiel. Oder sie wechselten komplett die Branche. Eine der Dietrich-Zwillinge starb knapp zehn Jahre später an Krebs, möglicherweise in Folge der Tests, bei denen die Frauen radioaktiver Strahlung ausgesetzt wurden. Ihre Zwillingsschwester flog ab dann nicht mehr.

Der Roman besteht aus mehreren Handlungssträngen, die miteinander verknüpft sind. Ein wichtiger dreht sich um den deutschen Raketenentwickler Wernher von Braun. Was macht ihn so faszinierend?

Von Braun war ein extrem fantasiebegabter, musischer Mensch mit hochfliegenden Träumen. Er spielte Klavier, schrieb Romane, sprach und las Französisch und wollte eines Tages zum Mond. Ingenieur und Freizeitpilot wurde er nur wegen dieses Mondtraums. Und der wurde dann so mächtig, dass er alles möglich machte, um ihn zu realisieren. Er trat der NSDAP und später der SS bei, er bestellte KZ-Häftlinge für die Arbeiten an der V2-Rakete. Und später, als klar war, dass die Deutschen den Krieg verloren hatten, stellte er seine Dienste der nächsten großen Macht zur Verfügung – den USA.

Warum ist von Braun für Ihre Geschichte wichtig?

Als deutsche Autorin, glaube ich, kann ich nicht die Vorgeschichte der ersten Mondlandung erzählen, ohne den deutschen Raketenentwickler Wernher von Braun zu erwähnen, der Apollo 11 erst möglich gemacht hat. Die Mission fußte auf Versuchen, für die Tausende von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen sterben mussten.

 

Endlose Finsternis und Strahlender Schein

 

Trotzdem feierten ihn die Amerikaner als Helden – eine der zentralen Ambivalenzen in Ihrem Roman.

Absolut. Im Roman geht es um Hell und Dunkel. Das eine existiert nicht ohne das andere. Das ist auch eine Erfahrung, die Michael Collins, Neil Armstrong und Buzz Aldrin im All gemacht haben: endlose Finsternis auf der einen Seite und daneben strahlender Schein.

Warum haben Sie die fiktive Geschichte um die Hauptprotagonistin Juni und ihre Mutter Martha eingebaut?

Martha und Juni verkörpern beide die deutsch-amerikanische Geschichte, und Juni ist mit ihrem Mut, ihrer Motivation und ihrer Sportlichkeit die Quintessenz der Mercury 13. In ihnen verdichten sich die Ambivalenzen. Martha ist Deutsche, ihr Vater wurde denunziert und in Wernher von Brauns Arbeitslager erhängt. Sie flieht mit ihrer Tochter Juni zunächst nach Frankreich, dann in die USA nach New Orleans, wo sie ihre deutsche Herkunft verheimlicht. Juni ist begeisterte Pilotin, darf an den Raumfahrttests mit den Mercury 13 teilnehmen. Sie will zum Mond fliegen mit der Rakete, die der Mörder ihres Großvaters entwickelt hat – was sie zunächst nicht weiß.

War es schwierig, diese fiktiven Figuren in den historischen Kontext einzuweben?

Nein, ich habe die beiden einfach sehr lebendig vor Augen gehabt. Ich glaube, die schwebten mir schon lange im Kopf herum, und Juni als extrem wildes, kleines Mädchen war einfach perfekt für das, was ich erzählen wollte. Ich habe mich dann bloß bemüht, nichts an den historischen Gegebenheiten zu ändern.

Juni wäre heute 79 Jahre alt. Was würde sie jetzt machen?

Juni überlegt, ob sie in ein paar Jahren vielleicht ihre Pilotenlizenzen abgeben und einen Round-The-World-Trip mit ihrer Enkelin machen sollte, am liebsten im Airbus. Sie trifft sich einmal im Jahr mit denjenigen Mercury- 13-Frauen, die noch am Leben sind und hält Vorträge in ihrem 99-Chapter und anderswo. Und sie läuft noch immer jeden Tag.

Space-Girls-Cover-Maiken-NielsenNatürlich wirft Ihr Roman indirekt auch die Frage nach unserer Zeit auf. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Es sieht derzeit so aus, als würden sich an vielen Stellen in der Welt wieder Werte durchsetzen, die nicht gerade förderlich für Demokratie und Gleichberechtigung sind. Aber zumindest in der Raumfahrt gibt es viele positive Entwicklungen: Weibliche Astronauten trainieren derzeit für den Flug auf den Mars und auf der ISS leben und arbeiten Menschen aus allen Nationen friedlich zusammen.

Maiken Nielsen: „Space Girls“, Wunderlich/Rowohlt, 512 Seiten, 22 Euro. Der Roman ist am 21. Mai erschienen.


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2019. Das Magazin ist seit dem 27. April 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Konfetti im Bier – Roman über die Ultras von St. Pauli

Im März erscheint der erste Ultras-Roman aus dem deutschsprachigen Raum. Aus Hamburg, aus St. Pauli, mitten aus dem Viertel!

Text: Ole Masch
Foto: Melanie Hendtke

Wer den Roar am Millerntor oder einem anderem Fußballstadion vor dem Spiel einmal mitgemacht hat, weiß mit dem Titel des Romans von Toni Gottschalk sofort etwas anzufangen. „Konfetti im Bier“ ist eine Beschreibung der St. Pauli Ultra-Szene von innen und damit einzigartig. Doch er ist noch viel mehr. Er ist Hamburg-Roman, Antifa, Viertelliebe, Fußball und immer wieder St. Pauli Nachtleben. Gespickt von Insiderwissen und Wortwitz, der durch seine Protagonisten auf die Spitze getrieben wird.

Toni Gottschalk, selbst seit vielen Jahren Teil der St. Pauli Ultras und ab 2006 Comiczeichner für verschiedene Fanzines, gelingt ein Debütroman, der nicht von außen draufschaut, sondern mitten drinsteckt. Er erzählt von Merks, Subbe, Jette und all den anderen, für die der FC St. Pauli und die eigene Gruppe viel mehr bedeuten, als nur jedes Wochenende gemeinsam zum Spiel zu gehen. Während sich Walter durch so ziemlich jede Kaschemme St. Paulis trinkt, beschäftigt sich der Rest mit politischer Viertelverteidigung.

 

Ultras, Nachtleben und ganz viel Hamburg

 

Das klingt dann so: „Na, ihr Pimmelköppe, was gibt’s zu lachen“, begrüßte Torre die vier Leute. Einer der Skins, der manchmal halb verächtlich, halb bewundernd „die Axt im Walde“ genannt wurde, konnte kaum an sich halten. „Wir so noch mit einer Handvoll Leuten im Jolly, kommt der Schwan rein und erzählt, dass er eine Gruppe Nasen auf der Budapester gesehen hat. Wir also mit ein paar hin und, was soll ich sagen, war gut. Backenfutter und dann Reste frühstücken …“

„Konfetti im Bier“ ist ein Subkultur-Roman. Ein Buch für Fußballfans und für Leute, die immer schon mal mehr über die Mechanismen von Ultra- Gruppierungen wissen wollten. Für Hamburger. Für Nachtlebenkenner und für jene, die es immer wieder dort hinzieht.

„Konfetti im Bier“ erscheint am 2.3. im Liesmich Verlag


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Top 6 – Kochbücher für Kinder

Lesefutter – In der Pfanne brutzelt es abenteuerlich, aus dem Topf steigen leckere Düfte auf: Die ersten Versuche am Küchenherd sind aufregend. Welche Bücher bieten optimale Starthilfe? Eine kleine Auswahl.

Texte: Benjamin Cordes und Jenny V. Wirschky
Beitragsbild: Easy Peasy Familienküche / Edel Verlag

1) Kinder an den Herd

Kochbuch Tipps für Kinder: Kinder an den Herd c: Julia Hoersch, AT Verlag

Foto: Julia Hoersch/AT Verlag

Etwas verspielt ist dieses Buch gestaltet, aber dafür in der Ansprache perfekt für Kinder. Sie werden bei den Rezepttexten geradezu liebevoll an die Hand genommen. Auch die Themen sind originell: Neues aus der Brotdose, Kinderklassiker neu interpretiert, Rezepte für Frühstücksmuffel, Ruckzuckgerichte für die ganze Familie, Märchenküche, Spontanküche aus dem Vorratsschrank, Großelternrezepte. Toll ist auch das Kapitel „Wir spielen Restaurant“!

Das Allerbeste: Kinder können mit diesem Buch ihre ersten selbstständigen Schritte in der Küche machen und behutsam ans Kochen herangeführt werden.

Für wen gedacht: Kinder bis 12 kommen mit diesem Buch alleine gut zurecht. Wenn’s mal kniffliger wird, helfen eben kurz die Eltern aus.

Claudia Seifert, Gesa Sander, Julia Hoersch, Nelly Mager: Kinder, an den Herd!, AT Verlag, 184 Seiten, 19,95 Euro


2) Steffen Hensslers Küchenbande

Kochbuch-Tipps für Kinder: Steffen Hensslers KüchenbandeFischstäbchen, Milchreis, Kartoffelsalat, Rösti, Pancakes und Frikadellen – auf Experimente ist Steffen Henssler bei den 24 Rezepten für dieses kleine Büchlein nicht eingegangen. Dafür haben die Rezepte quasi eine Beliebtheitsgarantie. Statt neuer Erfahrungen geht es hier vielmehr darum, dass Kinder die Dinge, die sie mögen, selbst kochen können. Dazu kommen noch 13 Kinderlieder der Band Rabauken & Trompeten, die „Kindermusik auf Erwachsenenbeats“ macht. Also Musik an und Pfanne auf den Herd! Kann man bei diesem kleinen Preis ruhig mal ausprobieren.

Für wen gedacht: Locker für Kinder im Grundschulalter geeignet, die alleine aus diesem Buch kochen möchten.

Steffen Henssler: Steffen Hensslers Küchenbande, GU Verlag, 60 Seiten, 16,90 Euro


3) Heute koch ich, morgen brat ich

Kochbuch-Tipps für Kinder: Heute koch ich, Morgen brat ichDie Märchen der Brüder Grimm wurden vermutlich schon in jedem Kinderzimmer der Republik vorgelesen. Und Stevan Paul hatte eine gute Idee: Zu acht der Geschichten hat er Rezepte geschrieben. Es sind sympathischerweise keine typischen Kinderrezepte. Dafür kann man sie mit oder für Kinder kochen. Und Stevan Paul hat auch die Märchen neu interpretiert, denn die Originaltexte waren ihm zu nüchtern. Vermutlich werden die Kinder seine humorvolleren, zum Teil etwas weniger gruseligen Fassungen sogar lieber mögen. Und die Gerichte erst Recht: zum Beispiel Himbeer-Cupcakes, Eier in grüner Sauce, Entrecôte mit gegrilltem Radicchio, Rote-Beeren-Limonade oder Schokomousse mit Rhabarberkompott.

Dieses Buch zeigt auf tolle Weise, wie Kochen für Kinder mit Anspruch geht: nicht infantil oder albern, sondern fantasievoll, kreativ und mit guten Rezepten.

Für wen gedacht: Dies ist eher ein Buch für Eltern, die für ihre Kinder kochen. Am besten erst ein Märchen vorlesen und später das Rezept dazu kochen. Kinder, die hieraus selbst kochen wollen, sollten eher schon am Ende der Grundschulzeit sein. Denn manche Rezepte brauchen etwas Geschick.

Heute koch ich, morgen brat ich: Märchenhafte Rezepte, 208 Seiten, Hölker Verlag 29,95 Euro


4) Easy Peasy Familienküche

Kochbuch-Tipps für Kinder: Easy Peasy FamilienkücheDieses Buch ist ein Schatz: wunderbar geschrieben, Inhalte mit Mehrwert weit über das Kochen hinaus und eine Aufmachung, die einfach Spaß macht. Denn wenn man ein Buch gerne in den Händen hält, schaut man öfter hinein – und das lohnt sich hier nicht nur wegen des Themas allemal: bewusst und gesund essen, zu Hause und unterwegs.

Die beiden Autorinnen erklären, wie man die Rezepte umsetzt und liefern auch Infos zu den dahintersteckenden „Foodregeln“. Tipps und Tricks für den gesunden und kindgerechten Umgang mit Ernährung inklusive. Die Snacks und Mahlzeiten sind mal supereinfach, wie Sesam-Buchweizennudeln mit Brokkoli und Huhn oder Tomaten-Tarte mit Zucchini und Ziegenkäse, mal sind sie raffinierter, wie Quinoa-Garnelen-Frikadellen oder Plätzchen mit Cashew-Creme-Füllung. Die Fotos der fertigen Speisen sind derart gut gelungen, dass man alle Rezepte nachkochen möchte. Challenge accepted!

Für wen gedacht: Eltern, die für ihre Kinder kochen.

Claire van den Heuvel, Vera van Haren: Easy Peasy Familienküche, Edel Verlag, 239 Seiten, 19,95 Euro


5) Der Silberlöffel für Kinder

Kochbuch-Tipps für Kinder: Der Silberlöffel Cover: Angela Moore

Foto: Angela Moore

Endlich hat sich jemand die Mühe gemacht, den Kochbuchklassiker der italienischen Küche für den Nachwuchs zu schreiben. „Der Silberlöffel für Kinder“ ist nicht nur spannend und voller leckerer Rezepte, er ist auch pädagogisch wertvoll. So beschreibt die Autorin, selbst Mama von drei Kindern und Foodjournalistin, was schon die Kleinen beim Kochen beachten müssen – vom Umgang mit scharfen Messern über die Hygiene am Herd bis hin zu Tipps, wie man die typisch italienischen Gerichte kinderleicht zubereiten kann.

Alle Schritte der Rezepte, darunter einfache Gerichte à la Bruschetta aber auch anspruchsvollere wie Hähnchenbrust mit Mascarponefüllung, werden kindgerecht mit gelungenen Zeichnungen ergänzt. Das sieht schön bunt aus und verschafft einen guten Überblick. Man lernt auf jeder Seite eine Menge über die Zutaten, das Land und die Sprache (in Klammern steht immer, wie man die ungewohnten Wörter ausspricht – und das ist gut, um ein bisschen anzugeben). Kurzum: Wenn man Pizza, Pasta und Panna cotta liebt, ist dieses Buch genau das richtige.

Für wen gedacht: Eltern, die mit ihren Kindern ab 6 Jahren kochen. Oder Kinder ab 9, die alleine kochen.

Amanda Grant: Der Silberlöffel für Kinder, Phaidon/Edel Verlag, 100 Seiten, 19,95 Euro


6) Pinipas Pfannkuchen­bäckerei

Kochbuch-Tipps für Kinder: Pinipas PfannkuchenbäckereiDie Idee hinter diesem Backbuch ist eigentlich ziemlich gut: Ein Mädchen namens Greta und ihre „geheime“ Freundin Pinipa zeigen die verschiedensten Pfannkuchenrezepte aus ganz Europa – einige davon sind süß mit Beeren, Schokolade oder Sirup. Andere sind herzhaft, wie die französische Galette mit Käse und Ei oder die italienische Frittata mit Tomaten und Basilikum.

Die Rezepte stammen aus der Feder vieler verschiedener Foodblogger, was das Backbuch sprachlich lebendig macht. Leider sind weder die Geschichten zu den vielen Rezepten besonders gut geschrieben, noch sind die fertigen Pfannkuchenvariationen ansprechend fotografiert. Schade, denn wie man Pfannkuchen in den verschiedenen Ländern zubereitet, ist ja eigentlich spannend. So lernt der koch- und backbegeisterte Nachwuchs zum Beispiel auch, dass der spanische Pfannkuchen Tortilla heißt. Aufgrund des Formats können aber zumindest selbst kleine Hände mit dem Buch gut hantieren.

Für wen gedacht: Kinder ab 8 Jahren, die alleine kochen.

Martin Grolms, Annika Kuhn: Pinipas Pfannkuchenbäckerei, Gruhnling Verlag, 91 Seiten, 12,90 Euro


Diesen Text finden Sie auch im SZENE HAMBURG ESSEN+TRINKEN Kinder. 

Hamburgs erster Gastroguide für Eltern und Kinder ist seit im Handel und zeitlos in unserem Onlineshop erhältlich.


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Denn man tau! – Hamburgs neue Literaturzeitschrift Tau

Die Literaturzeitschrift Tau ist Hamburgs neues Multiformatmagazin – für Prosa, Lyrik, Essays, dramatische und sogar gattungsfreie Texte. Ein Gespräch mit den drei Machern über gewollte Unvorhersehbarkeit und Hamburgs Literaturbetrieb.

Am Tag ihrer Geburt sind Literaturjournale noch mehr oder weniger spröde Informationsorgane der Universitäten, die die Gelehrten im Wissenschaftsbetrieb mit Besprechungen aktueller Literatur versorgen sollen. Etwa im 17. Jahrhundert entstehen sie aus der Notwendigkeit eines lebendigen Wissenschaftsdiskurses und werden deshalb von den Universitäten auch noch selbst finanziert.

Heute, 400 Jahre später, gibt es nicht mehr die alte Notwendigkeit und auch nicht mehr selbstverständliche Subventionen. In der Folge sind Literaturzeitschriften kämpferische Minderheit im Kunstbetrieb geworden und nicht selten abhängig von den Zuwendungen einzelner Personen oder größerer Investoren.

Preisgekrönter Nachwuchs

Aus der neuen Autonomie entwickelt sich schließlich eine neue künstlerische Maxime: Gegen den Common Sense steuern, in dem Ausgefallenes zum Hauptgegenstand ernannt wird. Und obwohl einige Literaturmagazine in den letzten Jahren zugrunde gegangen sind, sieht der Status quo für Hamburg gut aus:  So ist neben den gestandenen Literaturmagazinen immer auch Platz für Nachwuchs. Zu ihnen gehört das juvenile Tau-Magazin. Gefördert durch die Hamburger Behörde Kultur und Medien, sieht das vierköpfige Autorenkollektiv ihr Printbaby als Dialog zwischen den Kunstformen und den Menschen.

Dazu tragen auch Autoren wie der gebürtige Palästinenser Ghayath Almadhoun bei. Er wurde Erstplatzierter der Litprom-Bestenliste: mit seinem im Zürich-Hamburgischen Arche Verlag ins Deutsche übersetzen Lyrikband „Ein Raubtier names Mittelmeer“. Ebenso der Hamburger Lars Henken. Er ist – wie Co-Herausgeber Jonis Hartmann – Mitglied im Hamburger Schreibatelier Writers’ Room und wurde zuletzt 2010 mit dem Literaturpreis des Lions Club Moorweide ausgezeichnet. Die Liste der hiesigen Textschöpfer ist lang und liest sich wie ein Talentverzeichnis. Tau ist ihr Memento aus Papier.

SZENE HAMBURG: Jonis, Sascha und Marie-Alice, wie kamt ihr auf die Idee, eine freie Literaturzeitschrift zu gründen?

Sascha Preiß: Wir drei und Nathalie Keigel, die auch zum Gründungsteam gehört, waren 2016 Mitglieder im Forum Hamburger Autorinnen und Autoren, das Texte für eine Hamburg-Ausgabe der belgischen Literaturzeitschrift „Deus ex Machina“ beisteuern wollte. Irgendwann stellte uns der betreuende Redakteur die Frage: „Wenn es in Hamburg keine Literaturzeitschrift nach euren Vorstellungen gibt, warum macht ihr nicht einfach selbst eine?“ Eine gute Frage, fanden wir und haben dann eine Reihe von Finanzanträgen an etliche Förderinstitutionen gestellt, die alle abgelehnt wurden – außer vom Elbkulturfonds. Jetzt können wir Tau genau nach unseren Vorstellungen machen.

Das Tau-Team: Nathalie Keigel, Jonis Hartmann, Marie-Alice Schultz, Sascha Preiß (v. l. n. r.). Foto: Sebastian Klimmek

Und wie sind eure Vorstellungen?

Marie-Alice Schultz: Eine Strecke mit nichtliterarischer Kunst wie Zeichnungen oder Fotografien gehört fest zum Heft. Am Anfang steht ein oft zufälliges Thema, das uns als Autoren selbst reizt, bei dem wir Leere-Seiten- Hunger empfinden. Das bedeutet, wir stolpern über ein merkwürdiges Wort oder eine irre Formulierung, wie zum Beispiel „Akute Langwaffen“. Das haben wir dann zum Thema der ersten Ausgabe von Tau gemacht.

Sascha: Unsere Themen sind roh und offen, weshalb es ausschließlich künstlerische literarische Beiträge gibt und keine Rezensionen oder Reportagen. Die nichtliterarische Kunststrecke setzt den Rahmen und bestimmt das Design der jeweiligen Ausgabe.

Jonis Hartmann: Konzeptionell ist uns allen wichtig, immer zwei bis drei fremdsprachliche Originale im Heft zu haben, um den Vielklang von Literatur erfahrbar zu machen. Handel, Hafen, Tor zur Welt: Was für Hamburg und wofür diese Stadt steht, lässt sich so hervorragend darstellen.

Was passiert zwischen den Ausgaben?

Sascha: Zwischen den zwei Ausgaben pro Jahr lebt Tau vor allem von Lesungen, die elementarer Bestandteil des Konzeptes sind. In diesen Momenten ist es dann nicht nur eine Zeitschrift, die irgendwo steht, sondern etwas über das gesprochen wird und das lebendig bleibt. Tau zieht ihre Kreise demnächst sogar bis nach Mostar, weil wir den Text eines bosnischen Autors zum Thema „Akute Langwaffen“ aufgenommen haben.

 

Hamburg hatte etwas Alternatives, was ich inzwischen vermisse

 

Welche Rolle spielt Hamburg für Tau?

Jonis: Die Stadt, in der eine Zeitschrift wie unsere erscheint, hat den maximalen Einfluss auf das Produkt. Wir alle haben uns in den letzten Jahren an Hamburg und am Literaturbetrieb der Stadt abgearbeitet, wissen, was hier möglich ist und was nicht – allein darüber ist der Konsens entstanden, dass eine Literaturzeitschrift nach unseren Vorstellungen genau richtig ist. Eine Zeitschrift mit einem konzeptuellen Schwerpunkt auf Hamburger Autoren – das ist schön, wichtig und verbindend.

Marie-Alice: In Hamburg dominieren das Kaufmännische und die Kreativwirtschaft – immer vor dem Hintergrund, was dabei rausspringt. Tau ist ein Gegenentwurf dazu. Denn Hamburg war nicht immer so, sondern hatte lange auch etwas Alternatives oder sogar Anarchistisches, was ich inzwischen vermisse. Durch die Förderung haben wir jetzt den Raum, alles zu publizieren und nicht profitabel im betriebswirtschaftlichen Sinn sein zu müssen. Bei uns darf es wirklich um die Texte gehen.

Und die werden sogar gesetzt, gedruckt und gebunden. War eine Online-Zeitschrift je eine Option für euch?

Jonis: Man kann Online-Zeitschriften machen, aber die haben eine deutlich geringere Aufmerksamkeit. Wir können hingegen sagen: Ich habe hier ein Heft, das durch das kleinere Format sogar buchartig aussieht. Hier zeigt sich wieder, wie Konzept und Förderung ineinandergreifen: Ohne das Geld wäre uns weder die opulente Gestaltung noch die Herstellung eines Druckerzeugnisses möglich.

Zu guter Letzt: Was bedeutet denn Tau?

Jonis: Mit einem Tau macht man Schiffe fest und lässt sie wieder fahren, schreibt Griechisch, nährt die Wüste, wandelt in fernöstlicher Gelassenheit (zumindest so ähnlich: tao oder dao, Anm. d. Red.) und geht auf Hamburgisch los. Denn man tau!

Text:Jenny V. Wirschky
Interview: Dorthe March

Die zweite Ausgabe zum Thema Wertekind erschien am 21.10.18, Details und Termine auf tau-texte.de

Die ungekürzte Fassung dieses Textes ist zu finden in der Printausgabe SZENE HAMBURG, November 2018.



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Max Frisch fragt… Maren Schönfeld

In unserer Reihe „Max Frisch fragt…“ kommt der alte Meister der Literatur mit den Wortkünstlern der Gegenwart ins Gespräch. Dieses Mal mit Maren Schönfeld. Die Lyrikerin hat gerade ihr neues Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel “Töne, metallen, trägt der Fluss – eine lyrische Elbreise”.

Können Sie sich ein leichtes Sterben denken?

Ja, als Wechsel in die nächste Welt.

Halten Sie die Dauer einer Freundschaft, die Unverbrüchlichkeit, für ein Wertmaß der Freundschaft?

Nein. Nähe und gegenseitiges Verständnis sind mir wichtiger.

Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?

Dass der Klimawandel noch aufzuhalten ist.

Was gefällt Ihnen am Neuen Testament?

Dass die Liebe das Größte ist (1. Kor. 13,13).

Wie stellen Sie sich Armut vor?

Beklemmend, weil alles gut überlegt sein will, man immer vernünftig und kostenbewusst haushalten muss – sicherlich auf Kosten der Spontaneität und der eigenen Wünsche.

Wem wären Sie lieber nie begegnet?

Niemandem. Ich habe auch oder gerade aus unliebsamen Begegnungen sehr viel gelernt.

Interview: Jenny V. Wirschky

Lesung am 20.9.2018 ab 19:30 im Kulturzentrum Motte
www.lyrischeelbreise.com


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

 

 

 

 


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Max Frisch fragt… Simon Urban

In unserer Reihe „Max Frisch fragt…“ kommt der alte Meister der Literatur mit den Wortkünstlern der Gegenwart ins Gespräch. Dieses Mal mit Simon Urban. Für seinen Debütroman „Plan D“ wurde er mit dem Stuttgarter Krimipreis ausgezeichnet. Sein zweiter Roman „Gondwana“ über die Weltreligionen erschien 2014. Wir verkürzen uns die Wartezeit auf sein drittes Werk mit diesem Interview…

Lernen Sie von einer Liebesbeziehung für die nächste?

Absolut. Aber leider nie, wie ich es vermeiden kann, meine Lieblingsfehler immer und immer zu wiederholen.

Wissen Sie, was Sie brauchen?

Aktuell ein Klavier mit Silence-Funktion, das Ende dieses Winters und eine Frankreich-Reise mit meiner Mutter. Generell viel mehr Zeit zum Schreiben, weniger Arbeit in der Werbung und ab und zu eine gute Foie Gras. Davon abgesehen ist das Aufdieweltbringen von originellen Ideen für mich sicher eine Art solider Zwang. Egal, in welchem Beruf.

Möchten Sie wissen, wie sterben ist?

Als gelungene Mischung aus Atheist und Agnostiker (je nach Tagesform)kann ich darauf sehr gut verzichten. Ein vollkommen schmerzfreier Tod, nach dem man garantiert wieder heil zurückgeholt wird, wäre allerdings eine spannende Erfahrung. Da ließe sich auch eine schöne Folge „Black Mirror“ draus machen.

Gibt es Freundschaft ohne Affinität im Humor?

Ich habe Freunde, über die ich beim besten Willen nicht lachen kann.Ihr Humor ist in meinen Augen – hart ausgedrückt – banal, hilflos, uninspiriert. Trotzdem kann ich mich darauf erstaunlich gut einstellen, denn diese Leute besitzen zweifellos andere hervorragende Eigenschaften. Ich nehme das also ohne größere Schmerzen hin, denke aber häufig: In einer Partnerschaft wäre mir das völlig unmöglich.Wem wären Sie lieber nie begegnet? Ich würde jetzt ja gerne sagen: dem Arschloch, das uns seine Wohnung verkauft hat –aber wenn ich dem nicht begegnet wäre, würden wir noch auf 38 Quadratmetern in Dulsberg hocken und hätten keine Badewanne.

Sind Sie sich selber ein Freund?

Da bin ich mir absolut sicher. Ich bin immer für mich da.

Interview: Jenny V. Wirschky

Mehr aus dieser Reihe:


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Max Frisch fragt… Josefine Rieks

In unserer Reihe „Max Frisch fragt…“ kommt der alte Meister der Literatur mit den Wortkünstlern der Gegenwart ins Gespräch. Diesmal mit Josefine Rieks. Ihr Debüt „Serverland“ ist seit Ende Februar beim Hanser Verlag erhältlich. Sie liest draus am 27.3. im Literaturhaus Hamburg.

Haben Sie schon ohne Bargeld leben müssen?
Ich habe eigentlich immer Kleingeld in der Hosentasche.

Was bezeichnen Sie als männlich?
Sie, Herr Frisch. Und T.C. Boyle.

Was stört Sie an Begräbnissen?
Ich habe Angst vor dem Tod.

Woraus schließen Sie, dass Tiere wie Gazellen, Nilpferde, Bären, Pinguine, Tiger, Schimpansen usw., die hinter Gittern oder in Gehegen aufwachsen, den Zoo nicht als Heimat empfinden?
Sicher, dass sie sich nicht wohlfühlen? Vielleicht unterstellen wir den Tieren das nur. Dass sie auf weiter Steppe frei und unbeschwert wären und sich nicht alle gegenseitig fressen würden, können sich doch nur Hippies vorstellen.

Die Fragen stammen aus Max Frischs „Fragebogen”, gestellt von Jenny V. Wirschky.

Literaturhaus Hamburg
27.3.18, 19.30 Uhr


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Thalia Premiere – Ein Panorama der Generationen

Die Popliteratur hält mit „Panikherz“ Einzug auf der Bühne des Thalia Theater. Der Dramaturg Matthias Günther erzählt, warum das Buch es wert ist.

SZENE HAMBURG: „Panikherz“ als Popliteratur sticht im Premierenplan zwischen den Klassikern hervor. Wie kam es zu dieser Wahl?
Matthias Günther: Das war ein Vorschlag des Regisseurs Christopher Rüping und wir fanden die Idee gut. Der Roman von Benjamin Stuckrad-Barre hat einen starken Hamburg-Bezug. Ein wichtiger Teil seiner Stadterfahrung hat hier stattgefunden und war nach seinen Jugendjahren in der Provinz für seine persönliche Entwicklung eine wichtige Station. Zudem spielt Udo Lindenberg, der ja bekanntermaßen eine zentrale Größe in der Stadt ist, eine wichtige Rolle. Der Roman ist große Literatur, denn Stuckrad-Barre ist ein sehr beachtlicher Journalist, der sehr genau die Wirklichkeit, in der wir uns bewegen, mit einer großen Sprachwucht beschreibt.

Warum gerade Udo Lindenberg?
„Panikherz“ orientiert sich an der Schattenfigur Udo Lindenberg, weil es zum einen witzige Anekdoten sind, wenn er sich auf dessen Lieder in den jeweiligen Lebensphasen bezieht. Aber vor allem war es die Musik seiner Jugend, durch die er zum ersten Mal Zugriff auf die Welt bekam. Udo Lindenberg ist immer er selbst. Sein Ich und sein Image sind komplett verschmolzen, was für Stuckrad-Barre eine hochinteressante Konstruktion ist. Wie kann man ein Image entwerfen, das mit sich selbst identisch ist? Und das in einer Oberflächen-Kultur zu Spott führt. So wie seine Mutter in ganz frühen Jahren zu ihm sagte: „So haben wird dich nicht erzogen, zu so einer Oberflächlichkeit.“ Und damit meinte, da müsse doch mehr sein, als dass er davon träumt, mit einem neuen Nike-T-Shirt in der Schule auftrumpfen zu wollen.

Was meinen Sie mit Oberflächen-Kultur?
Stuckrad-Barres Bücher stehen ja für einen bestimmten Stil, die Popliteratur. Ein zentrales Kennzeichen dieses Genres ist das Hantieren mit Oberflächen. Böse gesagt, mit Oberflächlichkeit. Wie präsentiere ich mich? Was habe ich für ein Image und wie kann ich mein eigenes Ich immer wieder so formen, dass es ein leuchtendes Beispiel wird? An dieser Oberflächlichkeit arbeitet sich Stuckrad-Barre ab, durchlebt sie in der Gestalt als Popliterat. Bei dem Versuch aus seinem eigenen Leben ein Image zu kreieren, stößt er an Grenzen. Wodurch er, ähnlich wie viele Rockstars, nach der großen Karriere, nach den strahlenden Momenten, fürchterlich abstürzt. In eine Drogensucht und Bulimie, deren Krankheitssymptome schrecklich sind und die er in Panikherz schonungslos beschreibt. Die Kehrseite vom Ruhm und Ekstase zeigt sich bei ihm in einem kompletten Zusammenbruch.

Ist das die Kehrseite vom Ruhm oder die Folgen einer nicht erfüllten Sehnsucht?
Die Frage ist, was man in sich trägt. Bei ihm spielt sicherlich die Grundvoraussetzung, dass er unbedingt ins Scheinwerferlicht wollte, eine große Rolle. Und dafür ist er einen sehr graden aber erbarmungslosen Weg gegangen.

Welche Relevanz hat der Roman für die heutige Zeit?
Wir behaupten die kühne These, dass Stuckrad-Barres Literatur vielleicht in 200 Jahren die Bedeutung hat wie Goethe für uns heute. Das ist eine sehr kühne These, aber seine Literatur ist so stark, die Satzkonstruktionen brillant, und sie ist von unglaublicher literarischer Qualität. Durch die Genauigkeit mit der er Situationen beschreibt, versteht der Leser erst, dass der konstruierte Held seiner Biografie in einem Dauerdialog mit seinen Erinnerungen steht. Mit dem, was er einst in seiner Jugend war und was er heute ist. Als Stuckrad-Barre „Panikherz“ schreibt, ist er in keiner guten Verfassung. Er befindet sich in einem Hotel in Los Angeles und wird mit seinen Erinnerungen konfrontiert. Und wie er selber sagte, müsse man höllisch aufpassen, wenn man sich in die eigenen Erinnerungen hineinbegebe und sie dadurch zur Gegenwart werden. Das sei, als würde man einen Kampfhund kitzeln. Dadurch schreibt Stuckrad-Barre mit diesem Doppelblick – der Riss zwischen der individuellen Formulierung und der Bestimmtheit einer Gesellschaft, den große Literaten auszeichnet. Auch gibt es eine Verbindung zu Heinrich von Kleist, der ihm in dieser Ruhelosigkeit, sich nicht verorten und nicht wohnen zu können, sehr ähnlich war. Von Kleist rutschte ständig in Krisen, wusste nicht, wie es weitergeht und hatte keinenLebensplan. Und das zeigt Stuckrad-Barre für unsere heutige Zeit an der Figur Stuckrad-Barre.

Wie bringen Sie die vielen inneren Welten der Figur auf die Bühne?
Christopher Rüping stellt ein Ensemble auf die Bühne, das unterschiedliche Altersgruppen repräsentiert. Zum Beispiel beginnt das Stück mit der legendären Eingangsszene als Stuckrad-Barre und Udo Lindenberg am Flughafen in Amerika einreisen. Gesprochen wird dieser Textabschnitt von Sebastian Zimmler, Mitte dreißig, und Peter Maertens, der über achtzig Jahre alt ist. Diese Konstellation stellt nicht figürlich einen jungen und alten Mann dar, sondern eine jüngere und eine ältere Position. Es ist eine andere Form der Verbildlichung. Denn der Hauptdarsteller ist der Text, der unverändert geblieben ist, und in Verbindung mit den Stimmen und der Körperlichkeit der Schauspieler entsteht ein Panorama der Generationen. Der Text soll nicht in der Generation Stuckrad-Barre festgezurrt werden, denn seine Wucht ist altersübergreifend.

Was ist Ihre Aufgabe als Dramaturg?
Ich begleite diese Produktion beratend im Sinne von „Der alte Mann erzählt von früher“ (lacht). Ich bin zehn Jahre älter als Stuckrad-Barre und kenne die von ihm beschrieben Lebenswelten aus eigener Erfahrung – wie zum Beispiel die damalige Bedeutung von Udo Lindenberg. Oder die Passagen, in denen er beschreibt, wie sich für ihn die Welt öffnet, als er nach Jahren in der Provinz plötzlich in Göttingen überall die Plakate sieht, die Westernhagen, Grönemeyer und Kunze in der Eissporthalle Kassel ankündigen. Ich komme aus Kassel und kann mich noch genau daran erinnern. Zum anderen werde ich selbst als Pop-Dramaturg betitelt. Das heißt, ich befasse mich schon sehr lange mit der gleichen Fragestellung, die die Popliteratur umtreibt. Die Welten, in denen Stuckrad-Barre andockt, erzählen mir sofort was.

Interview: Hedda Bültmann 

Foto: Philipp Schmidt 

Thalia Theater, „Panikherz“, 17.3. (Premiere)


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!