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Konfetti im Bier – Roman über die Ultras von St. Pauli

Im März erscheint der erste Ultras-Roman aus dem deutschsprachigen Raum. Aus Hamburg, aus St. Pauli, mitten aus dem Viertel!

Text: Ole Masch
Foto: Melanie Hendtke

Wer den Roar am Millerntor oder einem anderem Fußballstadion vor dem Spiel einmal mitgemacht hat, weiß mit dem Titel des Romans von Toni Gottschalk sofort etwas anzufangen. „Konfetti im Bier“ ist eine Beschreibung der St. Pauli Ultra-Szene von innen und damit einzigartig. Doch er ist noch viel mehr. Er ist Hamburg-Roman, Antifa, Viertelliebe, Fußball und immer wieder St. Pauli Nachtleben. Gespickt von Insiderwissen und Wortwitz, der durch seine Protagonisten auf die Spitze getrieben wird.

Toni Gottschalk, selbst seit vielen Jahren Teil der St. Pauli Ultras und ab 2006 Comiczeichner für verschiedene Fanzines, gelingt ein Debütroman, der nicht von außen draufschaut, sondern mitten drinsteckt. Er erzählt von Merks, Subbe, Jette und all den anderen, für die der FC St. Pauli und die eigene Gruppe viel mehr bedeuten, als nur jedes Wochenende gemeinsam zum Spiel zu gehen. Während sich Walter durch so ziemlich jede Kaschemme St. Paulis trinkt, beschäftigt sich der Rest mit politischer Viertelverteidigung.

 

Ultras, Nachtleben und ganz viel Hamburg

 

Das klingt dann so: „Na, ihr Pimmelköppe, was gibt’s zu lachen“, begrüßte Torre die vier Leute. Einer der Skins, der manchmal halb verächtlich, halb bewundernd „die Axt im Walde“ genannt wurde, konnte kaum an sich halten. „Wir so noch mit einer Handvoll Leuten im Jolly, kommt der Schwan rein und erzählt, dass er eine Gruppe Nasen auf der Budapester gesehen hat. Wir also mit ein paar hin und, was soll ich sagen, war gut. Backenfutter und dann Reste frühstücken …“

„Konfetti im Bier“ ist ein Subkultur-Roman. Ein Buch für Fußballfans und für Leute, die immer schon mal mehr über die Mechanismen von Ultra- Gruppierungen wissen wollten. Für Hamburger. Für Nachtlebenkenner und für jene, die es immer wieder dort hinzieht.

„Konfetti im Bier“ erscheint am 2.3. im Liesmich Verlag


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, März 2019. Das Magazin ist seit dem 28. Februar 2019 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 


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Top 6 – Kochbücher für Kinder

Lesefutter – In der Pfanne brutzelt es abenteuerlich, aus dem Topf steigen leckere Düfte auf: Die ersten Versuche am Küchenherd sind aufregend. Welche Bücher bieten optimale Starthilfe? Eine kleine Auswahl.

Texte: Benjamin Cordes und Jenny V. Wirschky
Beitragsbild: Easy Peasy Familienküche / Edel Verlag

1) Kinder an den Herd

Kochbuch Tipps für Kinder: Kinder an den Herd c: Julia Hoersch, AT Verlag

Foto: Julia Hoersch/AT Verlag

Etwas verspielt ist dieses Buch gestaltet, aber dafür in der Ansprache perfekt für Kinder. Sie werden bei den Rezepttexten geradezu liebevoll an die Hand genommen. Auch die Themen sind originell: Neues aus der Brotdose, Kinderklassiker neu interpretiert, Rezepte für Frühstücksmuffel, Ruckzuckgerichte für die ganze Familie, Märchenküche, Spontanküche aus dem Vorratsschrank, Großelternrezepte. Toll ist auch das Kapitel „Wir spielen Restaurant“!

Das Allerbeste: Kinder können mit diesem Buch ihre ersten selbstständigen Schritte in der Küche machen und behutsam ans Kochen herangeführt werden.

Für wen gedacht: Kinder bis 12 kommen mit diesem Buch alleine gut zurecht. Wenn’s mal kniffliger wird, helfen eben kurz die Eltern aus.

Claudia Seifert, Gesa Sander, Julia Hoersch, Nelly Mager: Kinder, an den Herd!, AT Verlag, 184 Seiten, 19,95 Euro


2) Steffen Hensslers Küchenbande

Kochbuch-Tipps für Kinder: Steffen Hensslers KüchenbandeFischstäbchen, Milchreis, Kartoffelsalat, Rösti, Pancakes und Frikadellen – auf Experimente ist Steffen Henssler bei den 24 Rezepten für dieses kleine Büchlein nicht eingegangen. Dafür haben die Rezepte quasi eine Beliebtheitsgarantie. Statt neuer Erfahrungen geht es hier vielmehr darum, dass Kinder die Dinge, die sie mögen, selbst kochen können. Dazu kommen noch 13 Kinderlieder der Band Rabauken & Trompeten, die „Kindermusik auf Erwachsenenbeats“ macht. Also Musik an und Pfanne auf den Herd! Kann man bei diesem kleinen Preis ruhig mal ausprobieren.

Für wen gedacht: Locker für Kinder im Grundschulalter geeignet, die alleine aus diesem Buch kochen möchten.

Steffen Henssler: Steffen Hensslers Küchenbande, GU Verlag, 60 Seiten, 16,90 Euro


3) Heute koch ich, morgen brat ich

Kochbuch-Tipps für Kinder: Heute koch ich, Morgen brat ichDie Märchen der Brüder Grimm wurden vermutlich schon in jedem Kinderzimmer der Republik vorgelesen. Und Stevan Paul hatte eine gute Idee: Zu acht der Geschichten hat er Rezepte geschrieben. Es sind sympathischerweise keine typischen Kinderrezepte. Dafür kann man sie mit oder für Kinder kochen. Und Stevan Paul hat auch die Märchen neu interpretiert, denn die Originaltexte waren ihm zu nüchtern. Vermutlich werden die Kinder seine humorvolleren, zum Teil etwas weniger gruseligen Fassungen sogar lieber mögen. Und die Gerichte erst Recht: zum Beispiel Himbeer-Cupcakes, Eier in grüner Sauce, Entrecôte mit gegrilltem Radicchio, Rote-Beeren-Limonade oder Schokomousse mit Rhabarberkompott.

Dieses Buch zeigt auf tolle Weise, wie Kochen für Kinder mit Anspruch geht: nicht infantil oder albern, sondern fantasievoll, kreativ und mit guten Rezepten.

Für wen gedacht: Dies ist eher ein Buch für Eltern, die für ihre Kinder kochen. Am besten erst ein Märchen vorlesen und später das Rezept dazu kochen. Kinder, die hieraus selbst kochen wollen, sollten eher schon am Ende der Grundschulzeit sein. Denn manche Rezepte brauchen etwas Geschick.

Heute koch ich, morgen brat ich: Märchenhafte Rezepte, 208 Seiten, Hölker Verlag 29,95 Euro


4) Easy Peasy Familienküche

Kochbuch-Tipps für Kinder: Easy Peasy FamilienkücheDieses Buch ist ein Schatz: wunderbar geschrieben, Inhalte mit Mehrwert weit über das Kochen hinaus und eine Aufmachung, die einfach Spaß macht. Denn wenn man ein Buch gerne in den Händen hält, schaut man öfter hinein – und das lohnt sich hier nicht nur wegen des Themas allemal: bewusst und gesund essen, zu Hause und unterwegs.

Die beiden Autorinnen erklären, wie man die Rezepte umsetzt und liefern auch Infos zu den dahintersteckenden „Foodregeln“. Tipps und Tricks für den gesunden und kindgerechten Umgang mit Ernährung inklusive. Die Snacks und Mahlzeiten sind mal supereinfach, wie Sesam-Buchweizennudeln mit Brokkoli und Huhn oder Tomaten-Tarte mit Zucchini und Ziegenkäse, mal sind sie raffinierter, wie Quinoa-Garnelen-Frikadellen oder Plätzchen mit Cashew-Creme-Füllung. Die Fotos der fertigen Speisen sind derart gut gelungen, dass man alle Rezepte nachkochen möchte. Challenge accepted!

Für wen gedacht: Eltern, die für ihre Kinder kochen.

Claire van den Heuvel, Vera van Haren: Easy Peasy Familienküche, Edel Verlag, 239 Seiten, 19,95 Euro


5) Der Silberlöffel für Kinder

Kochbuch-Tipps für Kinder: Der Silberlöffel Cover: Angela Moore

Foto: Angela Moore

Endlich hat sich jemand die Mühe gemacht, den Kochbuchklassiker der italienischen Küche für den Nachwuchs zu schreiben. „Der Silberlöffel für Kinder“ ist nicht nur spannend und voller leckerer Rezepte, er ist auch pädagogisch wertvoll. So beschreibt die Autorin, selbst Mama von drei Kindern und Foodjournalistin, was schon die Kleinen beim Kochen beachten müssen – vom Umgang mit scharfen Messern über die Hygiene am Herd bis hin zu Tipps, wie man die typisch italienischen Gerichte kinderleicht zubereiten kann.

Alle Schritte der Rezepte, darunter einfache Gerichte à la Bruschetta aber auch anspruchsvollere wie Hähnchenbrust mit Mascarponefüllung, werden kindgerecht mit gelungenen Zeichnungen ergänzt. Das sieht schön bunt aus und verschafft einen guten Überblick. Man lernt auf jeder Seite eine Menge über die Zutaten, das Land und die Sprache (in Klammern steht immer, wie man die ungewohnten Wörter ausspricht – und das ist gut, um ein bisschen anzugeben). Kurzum: Wenn man Pizza, Pasta und Panna cotta liebt, ist dieses Buch genau das richtige.

Für wen gedacht: Eltern, die mit ihren Kindern ab 6 Jahren kochen. Oder Kinder ab 9, die alleine kochen.

Amanda Grant: Der Silberlöffel für Kinder, Phaidon/Edel Verlag, 100 Seiten, 19,95 Euro


6) Pinipas Pfannkuchen­bäckerei

Kochbuch-Tipps für Kinder: Pinipas PfannkuchenbäckereiDie Idee hinter diesem Backbuch ist eigentlich ziemlich gut: Ein Mädchen namens Greta und ihre „geheime“ Freundin Pinipa zeigen die verschiedensten Pfannkuchenrezepte aus ganz Europa – einige davon sind süß mit Beeren, Schokolade oder Sirup. Andere sind herzhaft, wie die französische Galette mit Käse und Ei oder die italienische Frittata mit Tomaten und Basilikum.

Die Rezepte stammen aus der Feder vieler verschiedener Foodblogger, was das Backbuch sprachlich lebendig macht. Leider sind weder die Geschichten zu den vielen Rezepten besonders gut geschrieben, noch sind die fertigen Pfannkuchenvariationen ansprechend fotografiert. Schade, denn wie man Pfannkuchen in den verschiedenen Ländern zubereitet, ist ja eigentlich spannend. So lernt der koch- und backbegeisterte Nachwuchs zum Beispiel auch, dass der spanische Pfannkuchen Tortilla heißt. Aufgrund des Formats können aber zumindest selbst kleine Hände mit dem Buch gut hantieren.

Für wen gedacht: Kinder ab 8 Jahren, die alleine kochen.

Martin Grolms, Annika Kuhn: Pinipas Pfannkuchenbäckerei, Gruhnling Verlag, 91 Seiten, 12,90 Euro


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Hamburgs erster Gastroguide für Eltern und Kinder ist seit im Handel und zeitlos in unserem Onlineshop erhältlich.


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Denn man tau! – Hamburgs neue Literaturzeitschrift Tau

Die Literaturzeitschrift Tau ist Hamburgs neues Multiformatmagazin – für Prosa, Lyrik, Essays, dramatische und sogar gattungsfreie Texte. Ein Gespräch mit den drei Machern über gewollte Unvorhersehbarkeit und Hamburgs Literaturbetrieb.

Am Tag ihrer Geburt sind Literaturjournale noch mehr oder weniger spröde Informationsorgane der Universitäten, die die Gelehrten im Wissenschaftsbetrieb mit Besprechungen aktueller Literatur versorgen sollen. Etwa im 17. Jahrhundert entstehen sie aus der Notwendigkeit eines lebendigen Wissenschaftsdiskurses und werden deshalb von den Universitäten auch noch selbst finanziert.

Heute, 400 Jahre später, gibt es nicht mehr die alte Notwendigkeit und auch nicht mehr selbstverständliche Subventionen. In der Folge sind Literaturzeitschriften kämpferische Minderheit im Kunstbetrieb geworden und nicht selten abhängig von den Zuwendungen einzelner Personen oder größerer Investoren.

Preisgekrönter Nachwuchs

Aus der neuen Autonomie entwickelt sich schließlich eine neue künstlerische Maxime: Gegen den Common Sense steuern, in dem Ausgefallenes zum Hauptgegenstand ernannt wird. Und obwohl einige Literaturmagazine in den letzten Jahren zugrunde gegangen sind, sieht der Status quo für Hamburg gut aus:  So ist neben den gestandenen Literaturmagazinen immer auch Platz für Nachwuchs. Zu ihnen gehört das juvenile Tau-Magazin. Gefördert durch die Hamburger Behörde Kultur und Medien, sieht das vierköpfige Autorenkollektiv ihr Printbaby als Dialog zwischen den Kunstformen und den Menschen.

Dazu tragen auch Autoren wie der gebürtige Palästinenser Ghayath Almadhoun bei. Er wurde Erstplatzierter der Litprom-Bestenliste: mit seinem im Zürich-Hamburgischen Arche Verlag ins Deutsche übersetzen Lyrikband „Ein Raubtier names Mittelmeer“. Ebenso der Hamburger Lars Henken. Er ist – wie Co-Herausgeber Jonis Hartmann – Mitglied im Hamburger Schreibatelier Writers’ Room und wurde zuletzt 2010 mit dem Literaturpreis des Lions Club Moorweide ausgezeichnet. Die Liste der hiesigen Textschöpfer ist lang und liest sich wie ein Talentverzeichnis. Tau ist ihr Memento aus Papier.

SZENE HAMBURG: Jonis, Sascha und Marie-Alice, wie kamt ihr auf die Idee, eine freie Literaturzeitschrift zu gründen?

Sascha Preiß: Wir drei und Nathalie Keigel, die auch zum Gründungsteam gehört, waren 2016 Mitglieder im Forum Hamburger Autorinnen und Autoren, das Texte für eine Hamburg-Ausgabe der belgischen Literaturzeitschrift „Deus ex Machina“ beisteuern wollte. Irgendwann stellte uns der betreuende Redakteur die Frage: „Wenn es in Hamburg keine Literaturzeitschrift nach euren Vorstellungen gibt, warum macht ihr nicht einfach selbst eine?“ Eine gute Frage, fanden wir und haben dann eine Reihe von Finanzanträgen an etliche Förderinstitutionen gestellt, die alle abgelehnt wurden – außer vom Elbkulturfonds. Jetzt können wir Tau genau nach unseren Vorstellungen machen.

Das Tau-Team: Nathalie Keigel, Jonis Hartmann, Marie-Alice Schultz, Sascha Preiß (v. l. n. r.). Foto: Sebastian Klimmek

Und wie sind eure Vorstellungen?

Marie-Alice Schultz: Eine Strecke mit nichtliterarischer Kunst wie Zeichnungen oder Fotografien gehört fest zum Heft. Am Anfang steht ein oft zufälliges Thema, das uns als Autoren selbst reizt, bei dem wir Leere-Seiten- Hunger empfinden. Das bedeutet, wir stolpern über ein merkwürdiges Wort oder eine irre Formulierung, wie zum Beispiel „Akute Langwaffen“. Das haben wir dann zum Thema der ersten Ausgabe von Tau gemacht.

Sascha: Unsere Themen sind roh und offen, weshalb es ausschließlich künstlerische literarische Beiträge gibt und keine Rezensionen oder Reportagen. Die nichtliterarische Kunststrecke setzt den Rahmen und bestimmt das Design der jeweiligen Ausgabe.

Jonis Hartmann: Konzeptionell ist uns allen wichtig, immer zwei bis drei fremdsprachliche Originale im Heft zu haben, um den Vielklang von Literatur erfahrbar zu machen. Handel, Hafen, Tor zur Welt: Was für Hamburg und wofür diese Stadt steht, lässt sich so hervorragend darstellen.

Was passiert zwischen den Ausgaben?

Sascha: Zwischen den zwei Ausgaben pro Jahr lebt Tau vor allem von Lesungen, die elementarer Bestandteil des Konzeptes sind. In diesen Momenten ist es dann nicht nur eine Zeitschrift, die irgendwo steht, sondern etwas über das gesprochen wird und das lebendig bleibt. Tau zieht ihre Kreise demnächst sogar bis nach Mostar, weil wir den Text eines bosnischen Autors zum Thema „Akute Langwaffen“ aufgenommen haben.

 

Hamburg hatte etwas Alternatives, was ich inzwischen vermisse

 

Welche Rolle spielt Hamburg für Tau?

Jonis: Die Stadt, in der eine Zeitschrift wie unsere erscheint, hat den maximalen Einfluss auf das Produkt. Wir alle haben uns in den letzten Jahren an Hamburg und am Literaturbetrieb der Stadt abgearbeitet, wissen, was hier möglich ist und was nicht – allein darüber ist der Konsens entstanden, dass eine Literaturzeitschrift nach unseren Vorstellungen genau richtig ist. Eine Zeitschrift mit einem konzeptuellen Schwerpunkt auf Hamburger Autoren – das ist schön, wichtig und verbindend.

Marie-Alice: In Hamburg dominieren das Kaufmännische und die Kreativwirtschaft – immer vor dem Hintergrund, was dabei rausspringt. Tau ist ein Gegenentwurf dazu. Denn Hamburg war nicht immer so, sondern hatte lange auch etwas Alternatives oder sogar Anarchistisches, was ich inzwischen vermisse. Durch die Förderung haben wir jetzt den Raum, alles zu publizieren und nicht profitabel im betriebswirtschaftlichen Sinn sein zu müssen. Bei uns darf es wirklich um die Texte gehen.

Und die werden sogar gesetzt, gedruckt und gebunden. War eine Online-Zeitschrift je eine Option für euch?

Jonis: Man kann Online-Zeitschriften machen, aber die haben eine deutlich geringere Aufmerksamkeit. Wir können hingegen sagen: Ich habe hier ein Heft, das durch das kleinere Format sogar buchartig aussieht. Hier zeigt sich wieder, wie Konzept und Förderung ineinandergreifen: Ohne das Geld wäre uns weder die opulente Gestaltung noch die Herstellung eines Druckerzeugnisses möglich.

Zu guter Letzt: Was bedeutet denn Tau?

Jonis: Mit einem Tau macht man Schiffe fest und lässt sie wieder fahren, schreibt Griechisch, nährt die Wüste, wandelt in fernöstlicher Gelassenheit (zumindest so ähnlich: tao oder dao, Anm. d. Red.) und geht auf Hamburgisch los. Denn man tau!

Text:Jenny V. Wirschky
Interview: Dorthe March

Die zweite Ausgabe zum Thema Wertekind erschien am 21.10.18, Details und Termine auf tau-texte.de

Die ungekürzte Fassung dieses Textes ist zu finden in der Printausgabe SZENE HAMBURG, November 2018.



 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, November 2018. Das Magazin ist seit dem 27. Oktober 2018 im Handel und zeitlos im Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

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Max Frisch fragt… Maren Schönfeld

In unserer Reihe „Max Frisch fragt…“ kommt der alte Meister der Literatur mit den Wortkünstlern der Gegenwart ins Gespräch. Dieses Mal mit Maren Schönfeld. Die Lyrikerin hat gerade ihr neues Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel “Töne, metallen, trägt der Fluss – eine lyrische Elbreise”.

Können Sie sich ein leichtes Sterben denken?

Ja, als Wechsel in die nächste Welt.

Halten Sie die Dauer einer Freundschaft, die Unverbrüchlichkeit, für ein Wertmaß der Freundschaft?

Nein. Nähe und gegenseitiges Verständnis sind mir wichtiger.

Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?

Dass der Klimawandel noch aufzuhalten ist.

Was gefällt Ihnen am Neuen Testament?

Dass die Liebe das Größte ist (1. Kor. 13,13).

Wie stellen Sie sich Armut vor?

Beklemmend, weil alles gut überlegt sein will, man immer vernünftig und kostenbewusst haushalten muss – sicherlich auf Kosten der Spontaneität und der eigenen Wünsche.

Wem wären Sie lieber nie begegnet?

Niemandem. Ich habe auch oder gerade aus unliebsamen Begegnungen sehr viel gelernt.

Interview: Jenny V. Wirschky

Lesung am 20.9.2018 ab 19:30 im Kulturzentrum Motte
www.lyrischeelbreise.com


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, September 2018. Das Magazin ist seit dem 30. August 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich! 

 

 

 

 


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Max Frisch fragt… Simon Urban

In unserer Reihe „Max Frisch fragt…“ kommt der alte Meister der Literatur mit den Wortkünstlern der Gegenwart ins Gespräch. Dieses Mal mit Simon Urban. Für seinen Debütroman „Plan D“ wurde er mit dem Stuttgarter Krimipreis ausgezeichnet. Sein zweiter Roman „Gondwana“ über die Weltreligionen erschien 2014. Wir verkürzen uns die Wartezeit auf sein drittes Werk mit diesem Interview…

Lernen Sie von einer Liebesbeziehung für die nächste?

Absolut. Aber leider nie, wie ich es vermeiden kann, meine Lieblingsfehler immer und immer zu wiederholen.

Wissen Sie, was Sie brauchen?

Aktuell ein Klavier mit Silence-Funktion, das Ende dieses Winters und eine Frankreich-Reise mit meiner Mutter. Generell viel mehr Zeit zum Schreiben, weniger Arbeit in der Werbung und ab und zu eine gute Foie Gras. Davon abgesehen ist das Aufdieweltbringen von originellen Ideen für mich sicher eine Art solider Zwang. Egal, in welchem Beruf.

Möchten Sie wissen, wie sterben ist?

Als gelungene Mischung aus Atheist und Agnostiker (je nach Tagesform)kann ich darauf sehr gut verzichten. Ein vollkommen schmerzfreier Tod, nach dem man garantiert wieder heil zurückgeholt wird, wäre allerdings eine spannende Erfahrung. Da ließe sich auch eine schöne Folge „Black Mirror“ draus machen.

Gibt es Freundschaft ohne Affinität im Humor?

Ich habe Freunde, über die ich beim besten Willen nicht lachen kann.Ihr Humor ist in meinen Augen – hart ausgedrückt – banal, hilflos, uninspiriert. Trotzdem kann ich mich darauf erstaunlich gut einstellen, denn diese Leute besitzen zweifellos andere hervorragende Eigenschaften. Ich nehme das also ohne größere Schmerzen hin, denke aber häufig: In einer Partnerschaft wäre mir das völlig unmöglich.Wem wären Sie lieber nie begegnet? Ich würde jetzt ja gerne sagen: dem Arschloch, das uns seine Wohnung verkauft hat –aber wenn ich dem nicht begegnet wäre, würden wir noch auf 38 Quadratmetern in Dulsberg hocken und hätten keine Badewanne.

Sind Sie sich selber ein Freund?

Da bin ich mir absolut sicher. Ich bin immer für mich da.

Interview: Jenny V. Wirschky

Mehr aus dieser Reihe:


 Dieser Text stammt aus SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Mai 2018. Das Magazin ist seit dem 28. April 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Max Frisch fragt… Josefine Rieks

In unserer Reihe „Max Frisch fragt…“ kommt der alte Meister der Literatur mit den Wortkünstlern der Gegenwart ins Gespräch. Diesmal mit Josefine Rieks. Ihr Debüt „Serverland“ ist seit Ende Februar beim Hanser Verlag erhältlich. Sie liest draus am 27.3. im Literaturhaus Hamburg.

Haben Sie schon ohne Bargeld leben müssen?
Ich habe eigentlich immer Kleingeld in der Hosentasche.

Was bezeichnen Sie als männlich?
Sie, Herr Frisch. Und T.C. Boyle.

Was stört Sie an Begräbnissen?
Ich habe Angst vor dem Tod.

Woraus schließen Sie, dass Tiere wie Gazellen, Nilpferde, Bären, Pinguine, Tiger, Schimpansen usw., die hinter Gittern oder in Gehegen aufwachsen, den Zoo nicht als Heimat empfinden?
Sicher, dass sie sich nicht wohlfühlen? Vielleicht unterstellen wir den Tieren das nur. Dass sie auf weiter Steppe frei und unbeschwert wären und sich nicht alle gegenseitig fressen würden, können sich doch nur Hippies vorstellen.

Die Fragen stammen aus Max Frischs „Fragebogen”, gestellt von Jenny V. Wirschky.

Literaturhaus Hamburg
27.3.18, 19.30 Uhr


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Thalia Premiere – Ein Panorama der Generationen

Die Popliteratur hält mit „Panikherz“ Einzug auf der Bühne des Thalia Theater. Der Dramaturg Matthias Günther erzählt, warum das Buch es wert ist.

SZENE HAMBURG: „Panikherz“ als Popliteratur sticht im Premierenplan zwischen den Klassikern hervor. Wie kam es zu dieser Wahl?
Matthias Günther: Das war ein Vorschlag des Regisseurs Christopher Rüping und wir fanden die Idee gut. Der Roman von Benjamin Stuckrad-Barre hat einen starken Hamburg-Bezug. Ein wichtiger Teil seiner Stadterfahrung hat hier stattgefunden und war nach seinen Jugendjahren in der Provinz für seine persönliche Entwicklung eine wichtige Station. Zudem spielt Udo Lindenberg, der ja bekanntermaßen eine zentrale Größe in der Stadt ist, eine wichtige Rolle. Der Roman ist große Literatur, denn Stuckrad-Barre ist ein sehr beachtlicher Journalist, der sehr genau die Wirklichkeit, in der wir uns bewegen, mit einer großen Sprachwucht beschreibt.

Warum gerade Udo Lindenberg?
„Panikherz“ orientiert sich an der Schattenfigur Udo Lindenberg, weil es zum einen witzige Anekdoten sind, wenn er sich auf dessen Lieder in den jeweiligen Lebensphasen bezieht. Aber vor allem war es die Musik seiner Jugend, durch die er zum ersten Mal Zugriff auf die Welt bekam. Udo Lindenberg ist immer er selbst. Sein Ich und sein Image sind komplett verschmolzen, was für Stuckrad-Barre eine hochinteressante Konstruktion ist. Wie kann man ein Image entwerfen, das mit sich selbst identisch ist? Und das in einer Oberflächen-Kultur zu Spott führt. So wie seine Mutter in ganz frühen Jahren zu ihm sagte: „So haben wird dich nicht erzogen, zu so einer Oberflächlichkeit.“ Und damit meinte, da müsse doch mehr sein, als dass er davon träumt, mit einem neuen Nike-T-Shirt in der Schule auftrumpfen zu wollen.

Was meinen Sie mit Oberflächen-Kultur?
Stuckrad-Barres Bücher stehen ja für einen bestimmten Stil, die Popliteratur. Ein zentrales Kennzeichen dieses Genres ist das Hantieren mit Oberflächen. Böse gesagt, mit Oberflächlichkeit. Wie präsentiere ich mich? Was habe ich für ein Image und wie kann ich mein eigenes Ich immer wieder so formen, dass es ein leuchtendes Beispiel wird? An dieser Oberflächlichkeit arbeitet sich Stuckrad-Barre ab, durchlebt sie in der Gestalt als Popliterat. Bei dem Versuch aus seinem eigenen Leben ein Image zu kreieren, stößt er an Grenzen. Wodurch er, ähnlich wie viele Rockstars, nach der großen Karriere, nach den strahlenden Momenten, fürchterlich abstürzt. In eine Drogensucht und Bulimie, deren Krankheitssymptome schrecklich sind und die er in Panikherz schonungslos beschreibt. Die Kehrseite vom Ruhm und Ekstase zeigt sich bei ihm in einem kompletten Zusammenbruch.

Ist das die Kehrseite vom Ruhm oder die Folgen einer nicht erfüllten Sehnsucht?
Die Frage ist, was man in sich trägt. Bei ihm spielt sicherlich die Grundvoraussetzung, dass er unbedingt ins Scheinwerferlicht wollte, eine große Rolle. Und dafür ist er einen sehr graden aber erbarmungslosen Weg gegangen.

Welche Relevanz hat der Roman für die heutige Zeit?
Wir behaupten die kühne These, dass Stuckrad-Barres Literatur vielleicht in 200 Jahren die Bedeutung hat wie Goethe für uns heute. Das ist eine sehr kühne These, aber seine Literatur ist so stark, die Satzkonstruktionen brillant, und sie ist von unglaublicher literarischer Qualität. Durch die Genauigkeit mit der er Situationen beschreibt, versteht der Leser erst, dass der konstruierte Held seiner Biografie in einem Dauerdialog mit seinen Erinnerungen steht. Mit dem, was er einst in seiner Jugend war und was er heute ist. Als Stuckrad-Barre „Panikherz“ schreibt, ist er in keiner guten Verfassung. Er befindet sich in einem Hotel in Los Angeles und wird mit seinen Erinnerungen konfrontiert. Und wie er selber sagte, müsse man höllisch aufpassen, wenn man sich in die eigenen Erinnerungen hineinbegebe und sie dadurch zur Gegenwart werden. Das sei, als würde man einen Kampfhund kitzeln. Dadurch schreibt Stuckrad-Barre mit diesem Doppelblick – der Riss zwischen der individuellen Formulierung und der Bestimmtheit einer Gesellschaft, den große Literaten auszeichnet. Auch gibt es eine Verbindung zu Heinrich von Kleist, der ihm in dieser Ruhelosigkeit, sich nicht verorten und nicht wohnen zu können, sehr ähnlich war. Von Kleist rutschte ständig in Krisen, wusste nicht, wie es weitergeht und hatte keinenLebensplan. Und das zeigt Stuckrad-Barre für unsere heutige Zeit an der Figur Stuckrad-Barre.

Wie bringen Sie die vielen inneren Welten der Figur auf die Bühne?
Christopher Rüping stellt ein Ensemble auf die Bühne, das unterschiedliche Altersgruppen repräsentiert. Zum Beispiel beginnt das Stück mit der legendären Eingangsszene als Stuckrad-Barre und Udo Lindenberg am Flughafen in Amerika einreisen. Gesprochen wird dieser Textabschnitt von Sebastian Zimmler, Mitte dreißig, und Peter Maertens, der über achtzig Jahre alt ist. Diese Konstellation stellt nicht figürlich einen jungen und alten Mann dar, sondern eine jüngere und eine ältere Position. Es ist eine andere Form der Verbildlichung. Denn der Hauptdarsteller ist der Text, der unverändert geblieben ist, und in Verbindung mit den Stimmen und der Körperlichkeit der Schauspieler entsteht ein Panorama der Generationen. Der Text soll nicht in der Generation Stuckrad-Barre festgezurrt werden, denn seine Wucht ist altersübergreifend.

Was ist Ihre Aufgabe als Dramaturg?
Ich begleite diese Produktion beratend im Sinne von „Der alte Mann erzählt von früher“ (lacht). Ich bin zehn Jahre älter als Stuckrad-Barre und kenne die von ihm beschrieben Lebenswelten aus eigener Erfahrung – wie zum Beispiel die damalige Bedeutung von Udo Lindenberg. Oder die Passagen, in denen er beschreibt, wie sich für ihn die Welt öffnet, als er nach Jahren in der Provinz plötzlich in Göttingen überall die Plakate sieht, die Westernhagen, Grönemeyer und Kunze in der Eissporthalle Kassel ankündigen. Ich komme aus Kassel und kann mich noch genau daran erinnern. Zum anderen werde ich selbst als Pop-Dramaturg betitelt. Das heißt, ich befasse mich schon sehr lange mit der gleichen Fragestellung, die die Popliteratur umtreibt. Die Welten, in denen Stuckrad-Barre andockt, erzählen mir sofort was.

Interview: Hedda Bültmann 

Foto: Philipp Schmidt 

Thalia Theater, „Panikherz“, 17.3. (Premiere)


Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Emanzipation & Dogma

Was als notwendiger Kampf für die Rechte der Frau beginnt, entwickelt sich in den 1980er Jahren zur haarigen Frauenbewegung und erlebt im neuen Millennium einen fragwürdigen Zenit. Gedanken zu Simone de Beauvoir und der Frauenbewegung, ausgelöst von Julia Korbiks Buch „Oh, Simone!”

Will man über Feminismus reden, sollte man sich – wie bei allem – seine Entstehung ansehen. Die liegt Ende des 18. Jahrhunderts, noch begrifflos, im Kopf eines Mannes: Charles Fourier bemängelt die soziale Stellung der Frau. Der französische Sozialkritiker sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der Befreiung des weiblichen Geschlechts und der gesamtgesellschaftlichen Emanzipation. Und genau darum geht es dann dem Feminismus die nächsten Dekaden: Um die Freiheit des Einzelnen zum Zwecke des gesamtgesellschaftlichen Fortkommens.

Aus weiblicher Sicht protestiert Olympe de Gouges 1791 gegen die Benachteiligung der Frau und fordert freies Rederecht für beide Geschlechter. Ihr Todesurteil. Der Kampf für Gleichberechtigung hat spätestens da sein argumentatives Fundament: die Guillotine für politische Meinungsäußerung? Aller sozialen Reformbewegung, aller Aufklärung zum Trotz? Eigentlich sollten Vernunft, Gleichheit und Objektivität im Denken angekommen sein. Zumindest im Denken der Philosophie. Doch wie Marx schon ähnlich sagte, kommt es nicht nur darauf an, die Welt philosophisch zu interpretieren, sondern auch, sie zu verändern. So setzt sich der Kampf für Frauenrecht fort und erhält 1882 endlich einen Namen: die französische Sozialistin Hubertine Auclert bezeichnet sich erstmals selbst als Feministin.

Und wir bleiben in Frankreich. Es sieht aus, als hätten uns die Nachbarn damals einiges voraus: Simone de Beauvoir, die heute vielleicht bekannteste feministische Literatin, setzt auf die befreiende Kraft der Bildung und bewegt sich damit auf einem undogmatischen Gemeinplatz, denn Wissen ist seit jeher für alle befreiend. Nur: Sie wird den Frauen damals nicht selbstverständlich zugestanden. „Schon früh hat Simone begriffen, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen muss – Bildung bot den Weg aus der Armut, Entschlossenheit den Weg zum Erfolg“, schreibt die Bloggerin Julia Korbik über die existenzialistische Philosophin in ihrem Buch „Oh, Simone“.

Dass de Beauvoir auch Idol von selbsternannten Rachegöttinnen ist, die ihre Zeitschrift Emma nennen, davon wollen wir hier nicht reden: Simone de Beauvoirs Sicht auf die Freiheit der Frauen hat nichts mit einer Absage an die sozial konstruierte Weiblichkeit zu tun. Ihre erste Gehaltsinvestition: rouge et poudre. De Beauvoir kauft sich Make-up! Überhaupt: Zum Geld hat sie eine für heutige feministische Verhältnisse unkonventionelle Einstellung: Mit ihrem Jean-Paul Sartre teilt sie nicht nur das Bett, sondern auch das Konto – gemeinsames Leben, gemeinsames Geld. Schließlich geht es bei der Selbstbefreiung nicht um die Abschottung von anderen, sondern um das Vertrauen in die eigene Stärke. Egal, was die Konvention sagt.

Man muss aber in der Lage sein, Möglichkeiten zu erkennen und Chancen zu ergreifen. Simon de Beauvoir, die weiß, dass sie damals noch eine „Ausnahmefrau“ ist, proklamiert deshalb, „dass es dem Menschen zusteht, und nur ihm allein, seinem Leben einen Sinn zu geben, und dass er dieser Aufgabe gewachsen ist“. Dieser Sinn kann viel sein: Schreiben, Auto fahren, Bier trinken, Kunst, Liebe … Frauen wie de Beauvoir haben verständig, respektvoll und mit Blick auf das Wesentliche dafür gekämpft, dass Hedonismus, Bildung und Autonomie zum sinnstiftenden Selbstverständnis des weiblichen Geschlechts gehören.

Was den heutigen „Radikalfeminismus“ angeht … Es ist ein Trauerspiel. Von der kratzbürstigen Alice zum motzigen Globuli-Girl: Der negierte Gendersprech erfordert vor verschwörungsverliebten Opfern des Patriarchats eine permanente Rechtfertigung und Halleluja! mit dem Wort Blowjob im Mund blicken wir Hedonisten nolens volens auf Medusas Schlangenhaupt. Es scheint fast so, als sei heute nicht der Kampf für die Gleichheit, sondern für die Distinktion des Weiblichen, nicht gegen Sexismus, sondern gegen Sexualität up-to-date – eine „zeitgenössische hegemoniale Sexualfeindlichkeit“ attestiert der Sprachphilosoph Robert Pfaller treffend.

Um der Vernunft und der Lust willen sollten wir endlich zu einem Freiheitsbegriff zurückfinden, der nicht Geschlechter fokussiert, sondern den Menschen in seiner Menschlichkeit fordert. Keine Zeit mit sprachlichen Musthaves verlieren! Der Kampf für Humanität ist zu elementar, um Dogmen zu etablieren, die vom Wesentlichen ablenken: davon, das wir alle gleich verschieden sind.

Text: Jenny V. Wirschky 

Julia Korbik: „Oh, Simone“,Rowohlt Verlag, 320 Seiten, 12,99 Euro; Robert Pfaller: „Erwachsenensprache“, Fischer Verlag, 256 Seiten, 14,99 Euro

Februar-Ausgabe SZENE Hamburg

 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, März 2018. Das Magazin ist seit dem 24. Februar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Max Frisch fragt… Thorsten Nagelschmidt

In unserer Reihe „Max Frisch fragt…“ kommt der alte Meister der Literatur mit den Wortkünstlern der Gegenwart ins Gespräch. Diesmal mit Thorsten Nagelschmidt, der am 22. Februar seinen neuen Roman „Abfall der Herzen“ veröffentlicht. 

Was empfinden Sie als Eigentum: a) was Sie gekauft haben, b) was Sie erben, c) was Sie gemacht haben?
Thorsten Nagelschmidt: Alles drei, am meisten aber wohl doch a)

Wogegen sind Sie nicht versichert?
Sterben.

Was fürchten Sie mehr, das Urteil von Freunden oder das Urteil von Feinden?
No fear.

Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?
Mitglied des Club 27 zu werden (vor langer Zeit). 

Die Fragen stammen aus Max Frischs „Fragebogen”, gestellt von Jenny V. Wirschky.

Thorsten Nagelschmidts neuer Roman „Abfall der Herzen“ erscheint am 22.2.18 im Fischer Verlag. 

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus der Titelgeschichte von SZENE HAMBURG, Februar 2018. In unserem Magazin finden Sie noch mehr interessante Beiträge über den Stadtteil. Es ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!

Lucy Fricke – Das Archiv im Kopf

Ein Gespräch mit der Autorin über ihr Erfolgsprojekt HAM.LIT, die Schwierigkeiten der Kunst und ihren neuen Roman.

SZENE HAMBURG: Lucy, du bist gebürtige Hamburgerin und lebst jetzt in Berlin. Als Schriftstellerin: Welche Stadt ist inspirierender? Und warum überhaupt?
Lucy Fricke: In der Millennium-Nacht habe ich hoch pathetisch verkündet, dass ich Hamburg verlassen werde. Zwei Wochen später hatte ich eine Wohnung in Berlin. Ich musste einfach mal raus, wollte durch andere Straßen ziehen und nicht an jeder Ecke irgendwelchen Erinnerungen begegnen. Das war nötig und enorm befreiend, ich kannte damals niemanden in Berlin, und habe auch erst hier ernsthaft mit dem Schreiben begonnen. Alles Neue ist für mich inspirierend. Inzwischen ist Berlin längst nicht mehr neu und Hamburg als Heimatstadt natürlich auch nicht, also versuche ich, so oft wie möglich auf Reisen zu gehen. Ich reise nicht, um zu entspannen, sondern um wach zu werden. An anderen Orten sind bei mir alle Kanäle offen, ich sauge alles auf und kehre dann zum Arbeiten an den Schreibtisch zurück.

Als Mitglied des PEN Deutschland hast du nicht nur den Blick durch die Augen einer Schreibenden, sondern auch die exogene Perspektive auf das Schaffen anderer Autoren. Mit welchen Schwierigkeiten bist du dort konfrontiert?
Vor einigen Jahren war ich zehn Wochen lang im International Writing Program an der Universität Iowa. Von 30 Schriftstellern aus 28 Ländern war ich die einzige, die vom Schreiben halbwegs leben konnte. Nicht, weil ich mehr Erfolg, Talent oder Disziplin gehabt hätte, sondern weil ich in Deutschland lebe. Hier gibt es Preise und Stipendien, Verlagsvorschüsse, Honorare für Lesungen.

Das ist die Frage nach dem Überleben des Künstlers…
Und die nach der Freiheit, das zu schreiben, was man will. Ich saß dort abends mit Autoren in der Kneipe, die in ihren Heimatländern Todesdrohungen erhalten hatten, jahrelang inhaftiert gewesen sind oder auf der Liste des pakistanischen Geheimdienstes standen. Sie schrieben unter Lebensgefahr. Wenn einem das erst einmal bewusst ist, fängt man an, sich für verfolgte und inhaftierte Schriftsteller zu engagieren, das ist eines der Hauptanliegen vom PEN-Club. Außerdem hört man auf zu jammern. Jedes Selbstmitleid verbietet sich, sobald man weiß, unter welchen Bedingungen die internationalen Kollegen leben und schreiben.

Du selbst hast gerade dein viertes Buch zur Welt gebracht und gehst damit auf Premierenlesung. Ist der Konflikt in „Töchter“ biografisch beeinflusst oder ein fiktives Dokument gesellschaftlicher Geschichte?
Die Handlung im Roman ist fiktiv, alles andere ist so oder so ähnlich gesagt, gedacht und erlebt worden. Man könnte sagen: Alle Details stimmen, der Rest ist frei erfunden. Seit ein paar Jahren sind im Freundeskreis die Eltern ein größeres Thema. Das Verhältnis kehrt sich um, sie brauchen jetzt unsere Hilfe. Der Blick auf sie ändert sich, wenn sie kurz vorm Tod stehen. Meinen Eltern geht es zum Glück noch sehr gut, aber meine Hoffnung beim Schreiben war auch, mit Gesprächen zu beginnen, bevor es zu spät ist.

Vor deiner schriftstellerischen Ausbildung in Leipzig hast du beim Film gearbeitet: Für die Hamburger Klassiker „Kurz und Schmerzlos“ und „Absolute Giganten“ warst du verantwortlich für Script und Übergänge. Wie haben diese Projekte dein späteres, jetziges Schaffen beeinflusst?
Script/Continutiy ist ein wahnsinnig akribischer Job, man ist zuständig für die sogenannten Anschlüsse und muss sich alles merken. Nach über 20 Filmproduktionen habe ich das Beobachten aufs Härteste trainiert, das ist ins Unterbewusstsein eingedrungen. Ich scanne quasi permanent meine Umgebung und kann das beim Schreiben abrufen. Also verfüge ich über ein riesiges Archiv detailgenauer Aufnahmen. Ich erfinde wenig und hole fast alles aus der Erinnerung.

2010 war dann endlich das Jahr der HAM.LIT: Du hast die Veranstaltung initiiert und leitest sie noch heute. Was hat sich in den letzten acht Jahren verändert – sowohl notgedrungen, als auch aus gewollter Entwicklung heraus?
Das Kuratieren ist viel aufwendiger geworden. In den ersten zwei Jahren habe ich hauptsächlich Freunde und Bekannte eingeladen, Autoren, die ich kannte, deren Arbeit ich schätzte. Aber so viele Freunde habe ich nun auch nicht, dass ich jedes Jahr 15 neue bei der HAM.LIT präsentieren könnte. Inzwischen wählen wir aus etwa 40 bis 50 Büchern aus, wir fordern viel an, aber noch viel mehr wird uns zugeschickt, von den Verlagen, manchmal auch von den Autoren direkt. Es ist wirklich in Arbeit ausgeartet.

Nach welchen Kriterien wählt ihr Autoren und Musiker des Line-ups aus?
Daniel Beskos als Verleger und ich als Autorin bewegen uns viel in der Szene, alles was uns auffällt kommt erst mal auf die Liste. Es ist zum Glück immer noch so, dass wir einladen können, wer uns gefällt und überzeugt, unabhängig von Verkäuflichkeit. Die Qualität ist für uns das Wichtigste. Und es sollen nicht nur verschiedene Gattungen präsentiert werden, sondern auch unterschiedliche Stile und Themen, Debütanten und etablierte Autoren.

Dafür bedarf es sicherlich eines guten Supports…
Seit Jahren stärken uns die Kulturbehörde und verschiedene Stiftungen den Rücken, allen voran die Hamburgische Kulturstiftung, die uns von Beginn an auf beeindruckende Weise unterstützt, ohne die würde gar nichts gehen.

Und deine Motivation?
Tatsächlich habe ich die HAM.LIT aus purem Frust gegründet. Mein erstes Buch war erschienen, ein ziemlicher Flop, und ich hatte Lesungen hinter mir, die von Seiten der Veranstalter derart lieblos und inkompetent organisiert waren, dass ich dachte: Das muss doch anders gehen. Ich habe von Autorenseite aus gedacht: Wie sollte eine Veranstaltung sein, bei der ich selbst gern lesen würde. Das halte ich immer noch für den besten Weg: Wenn es den Künstlern gut geht, profitiert davon das Publikum. Und ich glaube, das bekommen wir ganz gut hin. Dass der Abend inzwischen jedes Jahr ausverkauft ist, spricht dafür. Das sorgt auch für die hohe Motivation, wenn sich am Ende des Abends die Gäste und die Künstler bei uns bedanken, das macht uns glücklich. Wir träumen schon lange davon, HAM.LIT auf Tour zu schicken. Alle KünstlerInnen in einen Bus und am nächsten Tag dasselbe Programm in einer anderen Stadt. Eine Band, die jedes Jahr nur für ein paar Tage existiert, das wäre was.

Interview: Jenny V. Wirschky 

HAM.LITUebel & Gefährlich, 1.2.18, 19 Uhr

 

 


 Dieser Text ist ein Auszug aus SZENE HAMBURG, Februar 2018. Das Magazin ist seit dem 26. Januar 2018 im Handel und zeitlos in unserem Online Shop oder als ePaper erhältlich!