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Max Frisch fragt … Mia Oberländer

Autoren der Gegenwart antworten auf den berühmten Fragebogen von Max Frisch. Dieses Mal antwortet die Autorin Mia Oberländer. In ihrem zuletzt erschienenen Comic „Anna“ (Edition Moderne, 220 Seiten, 25 Euro) erzählt sie eine Geschichte über drei Generationen außergewöhnlicher Frauen in einem Dorf und wurde dafür sogar mit dem Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung 2021 ausgezeichnet

Text: Ulrich Thiele

 

Kennen Sie Tiere mit Humor?

Ich habe lange darüber nachgedacht und leider gibt es kein humorvolles Tier, das ich persönlich kenne. Ich glaube aber, dass Papageien Humor haben. Die lernen doch oft Türklingeln und Handy-Klingeltöne zu imitieren und sehen dann zu, wie ihre Besitzer:innen zur Tür rennen oder nach dem Handy suchen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die das nicht lustig finden.

Möchten Sie das absolute Gedächtnis?

Auf keinen Fall.

Möchten Sie unsterblich sein?

Vielleicht. Aber eigentlich nur in Begleitung meiner Freunde und meiner Familie. Das Problem ist, dass die dann sicher auch ihre Familie dabeihaben wollen usw. und dann müsste im Endeffekt über sieben Ecken die gesamte Weltbevölkerung unsterblich sein. Das würde wohl nicht klappen.

Träumen sie moralisch?

Ich denke schon. Schade eigentlich.

Wem empfehlen Sie, sich zu betrinken?

Menschen, die verliebt sind.

Wofür sind Sie dankbar?

Für alle Tage, an denen man zufrieden einschläft.

Mia Oberländer ist künstlerische Leiterin des Comicfestivals Hamburg. Das Festival existiert seit 2006 und fand vom 1. bis 3. Oktober 2021 nach einer Corona-bedingten Pause wieder statt.

Max Frisch: „Fragebogen. Erweiterte Ausgabe“, Suhrkamp, 127 Seiten, 10 Euro


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Oktober 2021. Das Magazin ist seit dem 30. September 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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Literatur: „Wir sehen nie den ganzen Menschen“

Tanja Schwarz ist eine echte literarische Entdeckung. In ihrem fulminanten Geschichtenband „In neuem Licht“ lässt sie die unterschiedlichsten Lebenslinien aufeinandertreffen. Oft sind es Geflüchtete und Frauen aus dem liberalen, prekären Bürgertum, die durch politische und private Krisen aus ihrer saturierten Starre erwachen

Interview: Ulrich Thiele

 

SZENE HAMBURG: Frau Schwarz, Ihr Buch trägt die Gattungsbezeichnung „Romanminiaturen“. Was ist der Unterschied zu Erzählungen?

Tanja Schwarz: Ich dachte zuerst, ich hätte Erzählungen oder etwas lang geratene Kurzgeschichten geschrieben. Dann sagten mir meine Testleser, dass man aus jedem der Texte einen Roman machen könnte. Das trifft durchaus zu, es sind auf 30 Seiten komprimierte Geschichten, die ich problemlos hätte verlängern können. Habe ich aber nicht.

Warum nicht? Die Texte sind über einen relativ langen Zeitraum entstanden und meine Lebenssituation hat eine ganze Zeit lang nicht hergegeben, lange Texte zu schreiben. Ich habe eine große Patchworkfamilie und hatte immer verschiedene Jobs. Die Miniaturen waren für mich eine Möglichkeit, meine Erfahrungen zu verarbeiten, ohne mich zwei Jahre zurückziehen zu müssen.

 

Autobiografisch? Eher nicht.

 

Sie haben unter anderem Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, so wie Lene in „Datteln aus Mekka“.

Ich habe auch Kinder, so wie viele der Frauenfiguren im Buch. Allerdings habe ich alles stark verändert, Sie würden in keiner Geschichte eins zu eins etwas Autobiografisches herauslesen können. Ich habe versucht, Einzelaspekte aus meinen Erfahrungen herauszugreifen und in einer Waswäre-wenn-Situation zu beleuchten.

Auffällig oft im Rahmen des aktuellen zeithistorischen Kontextes, Stichwort Fluchtbewegungen.

In meinem Großstadtalltag als mittelalte Frau versuche ich, irgendwie am Zeitgeschehen teilzunehmen. Ich will die Kreuzungen erkunden, wo sich Lebenslinien treffen. Deswegen spielen zeitgeschichtliche Aspekte eine Rolle, wenn etwa in „Datteln in Mekka“ Menschen mit unterschiedlichsten Erfahrungen in einem Deutschkurs aufeinandertreffen oder in „Unabomber“ ein junger Flüchtling in das Leben einer mittelalten Frau tritt und ihren Alltag umkrempelt.

Was drängt Sie zu diesen Erkundungen?

Dass ich so vieles nicht verstehe. Das Schreiben ist für mich ein Ankämpfen gegen eine ungeheure Fülle an Eindrücken, die mir im Alltag begegnen und die sich alle zuwiderlaufen, überlagern, ergänzen. Wo Dissonanzen passieren und Menschen sich gegenseitig nicht verstehen. Wenn man zum Beispiel einen Deutschkurs für Geflüchtete leitet oder wenn man Kinder hat, sieht man diese Menschen nie in ihrer ganzen Persönlichkeit. Mir geht es darum, zu erkennen, was uns trennt und behindert und die Grenzen der eigenen Wahrnehmung, die blinden Flecken zu berühren.

 

Lebendigkeit durch Tragik?

 

Der neue Geschichtenband von Tanja Schwarz, „In neuem Licht“, am 7.10. live in der Buchhandlung cohen+dobernigg

Der neue Geschichtenband von Tanja Schwarz, „In neuem Licht“, am 7.10. live in der Buchhandlung cohen+dobernigg

Ist Ihnen aufgefallen, dass viele der Figuren sich gerade dann besonders lebendig fühlen, wenn sie im Kontrast zu zerbrechenden Menschen stehen? Zum Beispiel die Erzählerin der ersten Geschichte, „Sonnenwende“, als sie trotz ihrer Trauer über ihre schwächer werdende Mutter paradoxerweise eine elementare Ekstase spürt.

In der Geschichte spielt eine wesentliche Rolle, dass sie keine gute Beziehung zu ihrer Mutter hat und erst in der Auflösung der Persönlichkeit ihrer Mutter wieder einen elementaren Zugang zu ihr findet und eine Beziehung zu ihr aufnehmen kann. Da war etwas auf eine ungute Art verfestigt und ist nun in Bewegung geraten. Was gut ist, auch wenn der Grund – Krankheit und Verfall – ein trauriger ist.

Ein zentrales Motiv ist die Entfremdung, mit der eine für Städter typische Natursehnsucht nach etwas Elementarem einhergeht. Sie wohnen in Eimsbüttel, haben seit einiger Zeit auch einen Acker in Vierlanden. Sie kennen diese Sehnsucht also selbst.

Ja, mit Sicherheit. Dabei spielt natürlich auch ein lebensgeschichtlicher Aspekt eine Rolle, nämlich der, dass ich nicht mehr ganz jung bin und das Stadtleben mit seiner Reizüberflutung mich dazu verleitet, mich auf meine Herkunft zu besinnen.

Dieses Besinnen überkommt die Protagonistin in „Sonnenwende“, weil sie mehrere Einschnitte zu verarbeiten hat. Unter anderem das Gebrechlichwerden ihrer Mutter, das sie zurücksehnen lässt. Das ist verständlich, hat aber immer etwas Ambivalentes.

Zumal die eigene Herkunftsstadt als Lebensort überhaupt nicht mehr in Betracht kommt, wenn man älter ist. Man hat sich die meiste Zeit seines Lebens ganz weit davon entfernt. Nach alle den Jahren hat die Protagonistin Sehnsucht nach dem Körper ihrer Mutter, der aber bereits zerfallen ist. Oder nach einer Landschaft, die zwar noch steht, die sie aber nicht mehr bewohnen kann, weil sie sich woanders verwurzelt hat. Diese Sehnsucht bleibt etwas Körperliches und Landschaftliches, aber alles Lebensgeschichtliche hat sich davon entfernt.

 

Zu Hause geerdet

 

Erwischen Sie sich manchmal dabei, wie Sie in ein verklärendes Bullerbü-Phantasma abdriften?

Nee, da bin ich nicht der Typ für. Mein Acker in Vierlanden ist auch nicht idyllisch. Ich habe dort eine günstige Hütte bekommen, die eigentlich eine Obdachlosenunterkunft sein sollte. Was ein interessanter Berührungspunkt ist — da sollten obdachlose Menschen unterkommen, aber die Stadt Hamburg wollte sie letztlich doch nicht so im Stadtbild haben.

Was hat Sie dorthin gezogen?

Der Kontakt zur Erde und zur Natur, der mit beschwerlicher Gartenarbeit verbunden ist. Ständig wächst mir das Unkraut über den Kopf und ich bin von Insekten zerstochen. Es ist ein intensiver Kontakt, aber nicht so lieblich, wie man sich das vorstellt. Der Acker ist für mich ein Gegenpol zu der Lautstärke und Schnelligkeit. Gerade in der Corona-Zeit habe ich gemerkt, dass er mir guttut und ich gar nicht zurückwill zu einer Normalität, die sowieso immer viel zu sehr auf höher, schneller, weiter getaktet war. Sie sagten mal, wenn Sie Zauberkräfte hätten, würden Sie als erstes den Kapitalismus abschaffen. Gilt das noch?

Auf jeden Fall!

Wie sieht Ihre utopische Alternative aus?

Ich bin nicht kühn genug, um politische Utopien zu formulieren. Ich bin nur davon überzeugt, dass wir andere Formen finden müssen, weil der Kapitalismus ein Übermaß erzeugt, das uns allen um die Ohren fliegt. Die Naturzerstörung, die Ausbeutung von Menschen, die damit verbundenen Wanderungsbewegungen. Wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen, deswegen ist etwas in der Welt aus dem Gleichgewicht geraten und wir beginnen, die Folgen dieses Umbruchs zu spüren.

 

Hamburg spezieller als Berlin

 

Haben Ihre Romanminiaturen etwas Hamburg-spezifisches oder ist der Ort austauschbar?

Ich erlebe Hamburg als eine Stadt, wo sich besonders viele solcher von mir untersuchten Lebenslinien kreuzen. Das gilt bestimmt auch für Berlin, aber ich finde sie hier spezieller. Das ist schon in der Landschaft dadurch angelegt, dass die Elbe in die Stadt fließt und die Welt zu uns reinfährt, irgendwelche Sachen ablädt, die gar nicht hierhergehören, und wieder abhaut.

Nicht zu vergessen das soziale Gefälle.

Absolut. Ich wohne auf einer Bruchlinie, wo auf der einen Straßenseite die Grindelallee mit seinen Shishabars liegt, auf der anderen Seite Harvestehude mit seinen privilegierten Menschen. Da liegen verschiedene Schichten ganz eng beeinander.

In „Datteln aus Mekka“ wird das westliche Überlegenheitsgefühl gebrochen, das mit dem sozialen Gefälle einhergeht. Die geflüchteten Frauen, die in armen Gegenden wohnen, haben Mitleid mit ihrer Lehrerin Lene.

Sie finden sie viel zu dünn und ihr Mann lässt sie Fahrrad fahren, deswegen könne der Mann nichts taugen. Es sind einfach andere Wertmaßstäbe. Das westliche Überlegenheitsgefühl relativiert sich im Kennenlernen mit diesen Menschen, die große Qualitäten, Kreativität und Kräfte haben, die sie überleben lassen haben. Und trotzdem verhält sich Europa, als müsste es Menschen abwehren und als dürfte nicht jeder teilnehmen. Da möchte ich dringend benötigte Informationen einbringen.

Das Cover zeigt eine Herbstlandschaft. Wie finden Sie es?

Die Landschaft hat etwas Bedrohliches, zugleich aber auch etwas untergründig Bewegtes und dann ist das Bild auch noch zerschnitten. Das gefällt mir und passt gut zur programmatischen Perspektivenvielfalt.

Tanja Schwarz: „In neuem Licht“, hanserblau, 272 Seiten, 22 Euro. Autorenlesung am am 7.10. in der Buchhandlung cohen+dobernigg, 20.30 Uhr (2G-Veranstaltung)


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Die altonale 2021: klein, kompakt und vielfältig

Vom 2. bis 19. September 2021 geht es in Altona um „Systemrelevanz“, so das Motto der altonale 2021

Text: Felix Willeke

 

Vielfältig wie immer, aber dank Corona auch etwas kompakter als gewohnt, das soll sie sein, die Altonale 2021. Unter dem Motto „Systemrelevanz“ gibt es bei dem Festival vom 2. bis 19. September 2021 wieder ein breites Programm. Die Konzentration liegt dabei auf den drei Wochenenden im September:

Emersound sorgt für die Musik bei der Eröffnung der Altonale 2021; Foto: altonale

Emersound sorgt für die Musik bei der Eröffnung der Altonale 2021; Foto: altonale

Am 4. und 5.9. gibt es die Infomeile, am 11. und 12.9. folgt der altonale kunstmarkt und am Abschlusswochenende (17. bis 19. 9.) gibt es dann wieder STAMP – das internationale Festival der Straßenkünste. Los geht es am 2. September mit Illuminationen der Berliner Lichtdesigner Nulight und Musik von Emersound rund um das Festivalzentrum am Altonaer Museum.

 

Systemerelevanz im Fokus

 

Im Verlauf der drei Wochen lädt auch altonale salon seine Besucher wieder zur Auseinandersetzung mit dem Festivalthema ein. Am 11.9. um 15 Uhr gibt es dazu im Altonaer Museum eine Podiumsdiskussion und Gespräche, gefolgt von Kurzfilmen. Neben der kunst altonale im Altonaer Museum spielen auch Literatur und Theater wieder eine Rolle: Gemeinsam mit dem Thalia Theater in der Gaußstraße bringt das Festival beispielsweise zum achten Mal das Format book.beat auf die Bühne (10.9. um 20 Uhr).

Jenobi sorgen für den Beat bei book.beat; Foto: By the sea Photography

Jenobi sorgen für den Beat bei book.beat; Foto: By the sea Photography

Auch die kleine Kunst ist wieder im ganzen Stadtteil zu sehen, bei „Altona macht auf!“ öffnen sich überall die „Sehnsuchtsfenster & Balkontheater“ und feiern unter dem Motto „Gib Altona Dein Gesicht!“ ihren 10. Geburtstag.

 

STAMP ist zurück

 

Zum Abschluss des dreiwöchigen Kulturmarathons dann also STAMP: im Park am Platz der Republik und in diesem Jahr mit dem Schwerpunkt auf dem EU-Projekt LIBERTY, das sich an junge Künstler zwischen 18 und 30 Jahren richtet. Für alle Veranstaltungen der altonale 2021 – außer für die STAMP-Veranstaltungen – ist eine Anmeldung notwendig. Also egal, ob Literatur, Kunst, Musik, Performance oder Theater, im September führen (fast) alle Wege nach Altona.

altonale.de


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Rocko Schamoni: „Wir haben ein Konformitätsproblem“

Rocko Schamoni taucht erneut ins Hamburg der 1960er- und 1970er-Jahre ein: In „Der Jaeger und sein Meister“ porträtiert er das zügellose Leben des Ausnahmekünstlers Heino Jaeger

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Heino Jaeger, anarchischer Satiriker, Stimmenimitator und Künstler, zu Lebzeiten kultisch als „Meister“ verehrt. Auf ihn passt das Bild vom Genie am Rande des Wahnsinns: Jaeger starb 1997 von Psychosen und Alkohol gezeichnet, heute ist sein Name den wenigsten bekannt. „Der Jaeger und sein Meister“ ist laut Schamoni das Hauptwerk seiner geplanten Freaks-Trilogie. Sein Vorgänger „Grosse Freiheit“ über den Bordellbesitzer Wolfgang „Wolli“ Köhler entstand eher zufällig.

Köhler habe er nur aufgesucht, um von ihm etwas über Heino Jaeger zu erfahren. Wobei er die Kiezgröße so gut kennenlernte, dass er ihm einen eigenen Roman widmete. Für den Jaeger-Roman sprach Schamoni mit Weggefährten, allen voran mit Jaeger-Freund Joska Pintschovius. Herausgekommen ist eine Freakshow mit so vielen Persönlichkeiten, die Jaegers Weg kreuzen, dass Schamoni dem Roman ein Personenregister voranstellt: Hubert Fichte, Dieter Bockhorn, Uschi Obermaier, Fritz Raddatz, Wilhelm Prinz von Homburg und auch Wolli Köhler. Warum diese Freakshow? Darüber gibt ein ausführlicher, sehr persönlicher und berührender Prolog Auskunft, in dem Schamoni den Tod seines Vater, dessen unerfüllte Sehnsucht, schöpferisch tätig zu sein und seine eigene, Schamonis, Faszination für Freaks beschreibt. Sein schöpferischer Drang (auch) als Resultat einer Melancholie, einer existenziellen Trauer über Vergänglichkeit und Leere, bekommt so eine fast schon verzweifelte Note, die sich mit dem Titel einer Doku über Christoph Schlingensief auf den Punkt bringen lässt: „In das Schweigen hineinschreien“.

 

Kritik

 

SZENE HAMBURG: Herr Schamoni, Sie schreiben im Prolog vom Gefühl, eine schöpferische Antwort auf die Welt geben zu müssen, „als wäre es unsere Aufgabe, Zeugnis abzulegen in Form einer Antwort auf den großen Chor“. Was macht das mit Ihnen, wenn Ihre Antwort auf den großen Chor von Kritikern verrissen wird?

Rocko Schamoni: Das macht mich traurig, weil es mir beweist, dass ich danebenlag, oder die Kritiker mich nicht verstanden haben. Ich lasse mich davon sehr verletzten, leider gehört das zu meinem Beruf. Und ich finde die Kritiker wichtig, wir brauchen sie, auch wenn sie uns zerstören wollen.

Hatten Sie manch harsche Kritik zu „Grosse Freiheit“ beim Schreiben des Jaeger-Romans im Hinterkopf?

Natürlich, jeder Schlag hinterlässt eine Narbe. Ich habe viele davon und merke mir jedes Wort und jeden Urheber.

 

Die Annäherung an Heino Jaeger

 

Wolli Köhler kannten Sie persönlich, Jaeger haben Sie sich über Recherche und Gespräche mit Menschen aus seinem Umfeld angenähert. Inwiefern macht das einen Unterschied beim Schreiben?

Na ja, das ist so, als ob man mit jemandem spricht, ihn oder sie spürt, riecht, vielleicht berührt, oder als ob man ein Buch über jemanden liest, ohne direkte Begegnung, nur noch ein Abbild, eine Vision. Es kommt nichts an die direkte Begegnung ran.

Jaeger ähnelt Wolli insofern, als er ein Grenzgänger ist. Welche Grenzen hat er überschritten?

Er hat die Regeln des deutschen Humors missachtet, in seinen Erzählungen gab es weder Stringenz noch Effektivität oder Aufgeräumtheit.

Sein „merkwürdig pointenloser Humor“, wie Sie schreiben, steht damit in krassem Kontrast zu dem, was man in Deutschland unter Humor versteht.

Es ging ihm gar nicht in erster Linie um Humor, er war Weltbeobachter und weil Menschen häufig so groteske Wesen sind, die so absurde Dinge tun, hat er das in seinem Kopf festgehalten und in Kunst umgewandelt.

Das gilt auch für seine Zeichnungen, die oft Zwitterwesen zwischen Mensch und Tier und dominante Geschlechtsteile zeigen. Im Roman philosophiert er an einer Stelle im Museum regelrecht über den Penis („Eine merkwürdige Vorstellung, wenn von einem nichts übrig bleibt als der eigene Penis, oder?“). Sie haben zwei solcher Zeichnungen an Ihrem Arbeitsplatz hängen – was sehen Sie darin, wenn Sie sie betrachten?

Ich sehe darin eine zerborstene Welt, die wir uns mit allen Anstandsund Benimmregeln, Konformitäten und Gesetzen schönreden und -denken. Aber die Welt der Menschen ist häufig nicht schön, sondern brutal, roh, verschlagen, bösartig, gierig, ignorant und unendlich dumm. Jaeger zeigt die Welt ohne Negligé.

 

Christoph Schlingensief hatte recht

 

Aus Ihrem Roman spricht ein Bedauern, dass die Zeit der Freaks vorbei ist und es solche Menschen wie Jaeger heute kaum noch gibt. Abgesehen vom Bedauern: Welche Antwort geben Sie auf die Gegenwart, wenn Sie einen Roman über das Hamburg der 1960er und 1970er schreiben?

Ich habe, wenn Sie so wollen, einen „historischen Roman“ geschrieben, allerdings ergibt sich daraus in meinen Augen sehr viel fürs Jetzt. Ich glaube, dass wir in der Gegenwart ein „Konformitätsproblem“ haben, weil die meisten Informationen aus denselben Quellen kommen und über dieselben Werkzeuge – soziale Netzwerke – verteilt werden. Ein „anders sein“ erscheint mir unter diesen Bedingungen immer schwieriger. Christoph Schlingensief warnte uns vor 20 Jahren, dass „Matrix“ wahr werden würde. Er hatte recht, wir hängen alle an denselben Schläuchen.

Der neue Roman von Rocko Schamoni: „Der Jaeger und sein Meister“

Der neue Roman von Rocko Schamoni: „Der Jaeger und sein Meister“

Wäre Jaeger kommerziell erfolgreich oder irgendwann von einer breiten Öffentlichkeit als „kultig“ entdeckt worden, glauben Sie, er wäre er wie fast jede Subkultur von dieser Konformitätskultur wegkommerzialisiert und vereinnahmt worden – mit Heino-Jaeger-T-Shirts bei H&M?

Nein, er hat alles dafür getan, dass es nicht so kommt und so ist es dann auch gekommen. Er hat sich dem Erfolg gezielt entzogen, der war ihm nicht wichtig genug.

Sie sagen, es gäbe „kaum“ noch Freaks. Wer gehört zu den Ausnahmen?

Zum Beispiel Helge Schneider und seine Leute. Die sind frei und verschroben.

Rocko Schamoni: „Der Jaeger und sein Meister“, hanserblau, 288 Seiten, 22 Euro


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Heinz Strunk: „Eigentlich ist das total krank“

In „Es ist immer so schön mit dir“ beleuchtet Heinz Strunk die Abgründe toxischer Beziehungen. Ein Gespräch über das Festhalten wider alle Vernunft, Strunks Faible für Kalendersprüche und über seine Abkehr von der Kirche

Interview: Ingrun Gade

 

Der Protagonist ist Mitte 40, steckt in einer leidenschaftslosen Beziehung mit Julia und betreibt ein eigenes Einmann-Tonstudio. Seinen Wunsch nach einer künstlerischen Karriere als Musiker hat er aufgegeben, doch der geplatzte Traum schmerzt ihn nicht mehr. Dann lernt er Vanessa kennen, eine Schauspielerin, und er kann es kaum fassen – diese schöne, junge Frau interessiert sich für ihn. Er verliebt sich, verlässt Julia und gerät in einen Sog aus Glück, Chaos, Abgründigkeit und Abhängigkeit.

„Es ist immer so schön mit dir“, der neue Liebesroman von Heinz Strunk

„Es ist immer so schön mit dir“, der neue Liebesroman von Heinz Strunk

SZENE HAMBURG: Herr Strunk, Sie sind im April Twitter beigetreten und hatten schon nach kurzer Zeit 5.000 Follower. Stimmt es, dass Ihr Verlag Sie aus Promo-Zwecken „an die Social-Media-Front“ gezwungen hat, oder war das nur ein Spaß?

Heinz Strunk:Och, wissen Sie … Ob das Ernst ist oder Spaß, wer weiß das schon. Das muss jeder für sich rausfinden.

Dann hat sich wohl auch meine Frage zu Ihrer angeblichen Angst, „dass der Roman floppt“ und Sie „bei Rowohlt geschasst“ werden, erübrigt.

Ich bin mir immer unsicher, ob ein Buch von mir erfolgreich wird. Ich hoffe es natürlich, aber ich kann es nie einschätzen. Ich denke, dass man dabei bescheiden bleiben sollte, gerade weil es stark vom Format abhängig ist. In Deutschland muss ja immer „Roman“ draufstehen, damit es ein richtiger Erfolg wird.

Dabei präferieren Sie eher dichte und kurze Formate, wie Sie mal sagten. Warum diesmal ein Liebesroman?

Wenn ich Bücher schreibe, versuche ich immer, dem ewigen Kanon der bereits geschriebenen Literatur noch irgendeine originelle Variante hinzuzufügen. In diesem Fall also alle dunklen, finsteren, verzweifelten, hysterischen, paranoiden Seiten einer Beziehung, in der wahrscheinlich jeder schon mal irgendwann zu einer Zeit seines Lebens gesteckt hat – diese genau aufzuzeichnen, ist mein Anliegen.

 

Beziehungen

 

Die Beziehung der beiden Protagonisten ist das, was man heute als „toxisch“ bezeichnet. Beim Lesen entsteht der Eindruck, als gäbe es eine Dichotomie: Entweder kurze, leidenschaftliche, aber eben auch toxische Beziehungen oder lange und leidenschaftslose. Gibt es nichts dazwischen?

Es gibt in diesem Rahmen unterschiedliche Varianten: Es gibt langjährige Beziehungen, die leidenschafts- und sexuallos sind, aber dennoch funktionieren. Es gibt aber auch viele Menschen, die in einer solchen Beziehung festhängen, damit vollkommen unzufrieden sind und es dennoch nicht hinbekommen, sich zu trennen. Jeder, der schon mal selbst in einer solchen Situation war, weiß, wie schwierig dieser Schritt ist.

Und die toxische Variante?

Es gibt Beziehungen, die zwar toxisch sind, aber endlos dauern. In meiner Geschichte habe ich versucht, komprimiert über einen Zeitraum von ungefähr anderthalb Jahren zu schreiben. Wann diese Situation eskaliert, hängt von der Leidensfähigkeit der Beteiligten ab. Bei manchen Menschen frage ich mich, wie sie das noch aushalten. Mein Zerreißpunkt wäre sehr viel früher erreicht.

Gibt es auch lange, leidenschaftliche und glückliche Beziehungen?

Ja, absolut. Einige davon sogar in meinem Umfeld und ich hoffe auch, dass das die Mehrheit ist. Aber darüber zu schreiben wäre langweilig. Als Schriftsteller versuche ich über Themen zu schreiben, die möglichst noch nicht behandelt worden sind.

An Vanessa wird deutlich: Das Reinzwängen in ein sozial erwünschtes und gesittetes Leben überkommt fast jeden. Inwiefern spielen soziale Zwänge eine Rolle beim Scheitern der Beziehung?

Liebe, Beziehungen und dass sich Menschen zusammentun, das würde ich unabhängig machen von der Gesellschaft. Die Leute finden sich, unter welchen Umständen auch immer. Und es gibt bei uns allen diesen „Nestbautrieb“. Ich glaube, bei Frauen ist er vermutlich etwas stärker ausgeprägt als bei Männern, wobei es natürlich immer Ausnahmen gibt und Fälle, in denen das Gegenteil der Fall ist.

Der Protagonist unterwirft sich seiner Partnerin gänzlich. Warum tut er sich das an?

Eigentlich ist das total krank. Aber es bleibt ihm in der Situation scheinbar nichts anderes übrig. Und auch das kennt man ja. Anstatt einen Kompromiss zu finden, gibt man gleich auf und klein bei. Und erfahrungsgemäß ist es auch so, dass wenn die Frau auf der Klaviatur von Druckschuld und schlechtem Gewissen zu spielen vermag, die meisten Männer relativ schnell einknicken.

Für Julia war die Trennung hingegen eher wie ein Befreiungsschlag …

Das ist auch das, was eine Trennung idealerweise bewirken sollte, nämlich dass eine Befreiung und nicht eine jahrelange Quälerei und ein Zurücklehnen in der Beziehung geschieht. Ich habe auch schon beides erlebt.

Das Hamburger Multitalent Heinz Strunk; © Dennis Dirksen

Das Hamburger Multitalent Heinz Strunk; © Dennis Dirksen

Sie haben dem Roman ein Zitat von John Cheever vorangestellt. Warum?

John Cheever ist eines meiner großen Vorbilder. Ich selbst bin bei Rowohlt, einem Verlag, der traditionell nordamerikanischen Erzählern verpflichtet ist, dadurch bin ich auch auf John Cheever gestoßen, einen Autor, der zu Lebzeiten nie so erfolgreich war. Ich finde das Zitat so brillant, dass ich es nehmen musste.

Es lautet: „Würden Sie mir bitte gestatten, meine Hand um Ihre Knöchel zu legen? Das ist alles, was ich möchte. Es würde mir das Leben retten. Ich würde Sie auch gern dafür bezahlen.“ Körperlichkeit und sexuelle Triebe spielen bei Ihnen eine wichtige Rolle, meistens aber als zerstörerische Kraft. Überwiegen die negativen Aspekte?

Nein, das kann man nicht pauschalisieren. Da muss ich die etwas langweilige Antwort geben, dass das ziemlich typenabhängig ist. Es gibt Leute, für die die Libido quasi eine lebenslange Quelle des Leids ist. Und bei anderen, bei denen die Libido nicht so ausgeprägt ist, ist das vollkommen anders und völlig in Ordnung.

Also sind Sie nicht so düster unterwegs wie Houellebecq, der in seinen Romanen gleich für die Abschaffung des Körpers plädiert?

Nein, ich glaube, dass Houellebecq aus seiner eigenen Sicht schreibt, die sehr traurig ist und auch übertrieben. Sein Blick auf die Sexualität sollte kein Maßstab für die Allgemeinheit sein – zum Glück.

Den Vergleich habe ich wegen Passagen wie dieser gezogen, in der der Protagonist sich im Spiegel betrachtet: „Ein aufrecht stehender Sack voller Eingeweide. Qualliges, lilienweißes Fleisch. Was ist lappiger, die Haut oder das Fleisch? (…) Was er da sieht, hat nun gar keinen Marktwert mehr. Kann er sich gleich morgen mit den anderen Ausgeleierten und Verwelkten zusammentun.“ Das ist schon ziemlich düster.

Da muss ich leider widersprechen. Das wird mir gelegentlich gesagt, aber ich empfinde das gar nicht so. Wenn man sich mal die Mühe macht und mit offenen Augen durch eine deutsche Autobahnraststätte geht, dann wird man auf genau die Leute treffen, die ich beschreibe. Ich versuche ja, nicht zu übertreiben, sondern die Wirklichkeit so wiederzugeben, wie sie ist. Und das hat nichts zu tun mit Menschenhass oder einem düsteren Filter. Ich bemühe mich um Genauigkeit und darum, die Dinge so abzubilden, wie sie sind.

 

Abkehr von der Kirche

 

Ein anderes Thema in Ihren Büchern und auch im aktuellen Roman ist die Kirche und der Glaube an Gott. Auch damit haben Sie ein aktuelles Thema aufgegriffen, Stichwort Missbrauchsskandal.

Dieser Roman war eine willkommene Gelegenheit, meine eigenen Erfahrungen und Beobachtungen einfließen zu lassen. In jungen Jahren war ich selbst ein fleißiger Kirchgänger. Ich bin konfirmiert worden, war auf sämtlichen Kirchenfreizeiten und habe bis zum 18. Lebensjahr fest an die Existenz eines Gottes geglaubt.

Warum danach nicht mehr?

In dieser Zeit habe ich mitgekriegt, wie sich aus meinen drei Gemeinden alle drei Diakone an die Mädchen rangemacht haben. Ich habe die ganzen Vertuschungen mitbekommen, allenfalls gab es eine Strafversetzung, ansonsten blieben diese Straftaten aber ungesühnt. Seitdem möchte ich nichts mehr mit der Kirche zu tun haben.

Das heißt, die Schilderungen basieren auf einem konkreten Fall?

Ja, auf echten Fällen. Das waren damals „Glaubensgenossen“ von mir. Die Überschneidungen mit dem aktuellen Kölner Skandal sind natürlich Zufall. Wenn man ein Buch schreibt, dauert das seine Zeit, sodass man nie ganz aktuell sein kann. Wobei es eigentlich kein aktuelles Thema ist – das Thema existiert an sich schon, seitdem es die Kirche gibt.

Um zum Schluss noch mal auf Ihren Twitter-Account zurückzukommen: Sie nutzen ihn auch immer wieder für Ihr Faible für schlechte Kalendersprüche à la: „Wer morgens zerknittert aufwacht, hat tagsüber viele Entfaltungsmöglichkeiten.“ Haben Sie aktuell einen Favoriten?

„Ich habe heute Morgen zwei Geschenke geöffnet: Meine Augen.“ Das ist ein Top-Satz. Ich weiß nicht, ob der jemals zu überbieten ist.

Heinz Strunk: „Es ist immer so schön mit dir“, Rowohlt, 288 Seiten, 22 Euro. Autorenlesung am 13.9. in der Elbphilharmonie (Großer Saal), 20 Uhr

 


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Lust auf mehr Geschichten aus Hamburg?

Simone Buchholz & Bernd Begemann: Ein perfektes Paar

Das Literaturhaus Hamburg schickt für den Kultursommer Autor:innen und andere Kulturschaffende auf Kurzreise über die Alster. Krimiautorin Simone Buchholz und  Entertainer Bernd Begemann harmonierten als kollegiales Duo so perfekt, dass man sich fragt, wieso noch niemand die beiden vorher zusammen gebracht hat

Text: Kevin Goonewardena
Foto: Andreas Hornoff

 

23 Jahre kennen sich Simone Buchholz und Bernd Begemann, ließ uns der Veranstaltungstext wissen. Wie sie sich kennengelernt haben, damals, Ende der 1990er Jahre, erzählen die Autorin und der „Typ, der Lieder singt“, wie Begemann auf seiner Website über sich selbst schreibt, nach dem Ablegen des historischen Alsterdampfers „St. Georg“.

Das Literaturhaus Hamburg hat geladen, rund 15 Literatur- und andere Kulturschaffende duettieren sich an zwei Tagen auf dem ältesten Dampfschiff Deutschlands, seit rund 150 Jahren teilt sich das Wasser bereits unter dessen Kiel.

 

Backstage bei Blumfeld

 

Kennengelernt, so erfährt man, haben sich Buchholz und Begemann auf einem Konzert der Band Blumfeld, die wie Begemann selbst als Geburtshelfer der sogenannten Hamburger Schule gelten.

Buchholz, die in ihrer bekanntesten Buchreihe Staatsanwältin Chastity Riley auf Verbrecher:innenjagd schickt, und Begemann erzählten vom Backstage- und späteren Hotelzimmer-Aufenthalt, nach besagtem Konzert, wie sie sich nussigen Knabbereien hingaben, nicht aber sich, wie beide betonten und seitdem, seit 23 Jahren eben, befreundet sind.

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Sehen tun sie sich immer mal wieder, nur gemeinsam aufgetreten sind sie bis dato noch nie. Die Anekdote leitete natürlich auch das Thema der Veranstaltung ein – es ging um Gefühle. Buchholz las aus ihrem aktuellen Roman “River Clyde” nur die Stellen, in denen es auf irgendeiner Weise um Gefühle geht, Begemann sang seine Lieder und beide taten dies im Wechsel.

 

Reise, Reise

 

Zuerst gemeinsam am Bug des Schiffes, schaute Buchholz dann bei den Fahrgästen am Heck vorbei, um sich zum Finale, in dem sie gemeinsam Begemanns Klassiker „Ich habe nichts erreicht außer dir“ und den Evergreen „Moon River“, den Audrey Hepburn einst in „Breakfast at Tiffany’s“ sangen, wieder nach vorne zu begeben.

Rund 70 Minuten dauerte die Fahrt, die vom Jungfernstieg über Binnen- und Außenalster bis zum Wendehammer eines Nebenarms in Winterhude und zurück führte.

Vorbei an Liegeplätzen für Segelboote, Rudervereinen, Kanufahrer:innen und SUP-Fans, allerlei Wasservögeln und zur Alster hin fallende großzügigen Gärten ging die Reise, die auch als Veranstaltungsformat den Streifzug durch die vorgetragenen Gefühlswelten unterstrich.

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 literaturhaus.de


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„These Girls“: Unbeschreiblich weiblich

„These Girls“ ist ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte. Ein Gespräch mit der Herausgeberin Juliane Streich vor ihrem Auftritt im Rahmen des Kultursommers im Garten des Golden Pudel Clubs.

Text & Interview: Kevin Goonewardena

 

In der ersten deutschsprachigen Anthologie über Popmusikerinnen trifft Schauspielerin und Chansonsängerin Hildegard Knef auf Soul-Legende Aretha Franklin und Techno-Pionierin Marusha. Die Auswahl an besprochenen Musikerinnen in „These Girls“ umfasst jedoch nicht nur die üblichen Protagonistinnen, die sich durch feministisches Engagement auszeichnen, sondern auch die, deren Tun der Autor:innen als ein solches verstanden wird.

Das Buch verzichtet auf dröge, oftmals abschreckende Theorie – stattdessen öffnet es andere Blickwinkel durch die sehr persönlichen Geschichten der Autor:innen mit bekannten und weniger bekannten weiblichen Musiker:innen.

 

SZENE HAMBURG: Auf dem Markt gibt es zahlreiche Bücher, die sich mit verschiedenen Aspekten und Fragestellungen des Feminismus beschäftigen. Auch in deinem Verlag (Ventil, Anm. des Verfassers) sind bereits mehrere Werke zu dieser Thematik verlegt worden – etwa “Riot Grrrl Revisited!” oder “Rebel Girl – Popkultur und Feminismus”. Was hat dir an der existierenden Literatur gefehlt, wo hast du eine Lücke gesehen, die du schließen wolltest?

Juliane Streich: Lücken gibt es natürlich viele zu schließen, ganz konkret war der Anlass für dieses Buch, dass mir aufgefallen ist, dass es fast immer nur um Frauen in Punkbands, um die Riot Grrrl-Bewegung und diese Dinge geht. Oder zumindest immer nur um Frauen in einem Genre.

Zuletzt bin ich über eine Liste in einem englischsprachigen Online Magazin gestoßen, in der es um die 30 wichtigsten Punkbands für Frauen ging – die fand ich super, aber dachte mir, das könnte man doch ausbauen.

Wieso spielt das Geschlecht denn offenbar überhaupt eine große Rolle? 

Ich glaube, dass es lange dauert bis man überhaupt merkt, dass man eigentlich nur Musik von Männern hört. So war es jedenfalls in meiner Jugend. Ich habe lauter Jungsbands gehört. Indie- und Britpop-Zeug, ein bisschen Punk, ein bisschen Hiphop. Das waren fast alles Typen und eine Ausnahme, wenn dann mal eine Frau dabei war. 

Jungs machen natürlich auch tolle Musik, von Frauen wird man als Frau aber noch mal ganz anders angesprochen. Bei Bands wie Schnipo Schranke oder in den 90ern den Lassie Singers, habe ich als Frau mehr Berührungspunkte, weil die Sachen erzählen die ich selbst erlebt habe oder die ich besser mitfühlen kann, als beispielsweise bei Tocotronic, die ich aber auch sehr liebe. Fast alle Musikerinnen erzählen auch, dass sie erst angefangen haben Musik zu machen nachdem sie eine Frau auf der Bühne gesehen haben. Daher ist es wichtig, Frauen eine Bühne zu geben.

 

„Jede:r kann Feminist:in sein“

 

Du hast diesen klassischen Punk- / Riot Grrrl-Rahmen, wie schon angesprochen, nicht nur verlassen, neben wenig überraschend vertretenen Künstlerinnen wie Patti Smith, Madonna oder Kim Gordon, kommen in dem Buch auch viele Frauen vor, die nicht explizit durch feministisches Engagement auffallen. Welche, die sich vielleicht nicht mal als Feministin bezeichnen. Was musste eine Künstlerin mitbringen, um in „These Girls“ behandelt zu werden? Was ist für dich Feminismus?

Ich bin da sehr offen und weniger dogmatisch. Für mich reicht es schon, wenn man bewusst oder unbewusst fördert, dass Frauen die gleichen Rechte, die gleichen Möglichkeiten haben wie Männer. Jede:r kann Feminist:in sein.

Das heißt auch, dass man nicht explizit Feminismus propagieren muss, um feministisch zu handeln?

Das ist eine spannende Frage. Nehmen wir die Spice Girls, die auch in dem Buch vorkommen. Die haben in ihrer Karriere sicher nicht bewusst feministisch gehandelt. – manchmal sich, zum Beispiel in Interviews, gar eher gegenteilig geäußert.

Wenn sie aber darüber gesungen haben, dass ein Mann, der auf sie steht, auch ihre Freundinnen mögen müsse und er für die Frau nicht das Wichtigste sei und sie im Video zum Song „Wannabe“ selbstbewusst eine Party crashen, dann hatte das schon feministische Ansätze. Oder konnte zumindest so gesehen werden.

Es geht in dem Buch auch ein Stück weit drum, was die betreffenden Künstlerin der Person, die über sie geschrieben hat, gab oder gibt.

Verfasst haben die rund 140 Texte über Frauen auch Männer. Maurice Summen, Chef des Labels Staatsakt etwa, die Journalisten Klaus Walter und Julian Weber, Linus Volkmann oder Musiker Andreas Spechtl. Gibt es nicht genug Texte von Männern über Frauen?

Ich finde es wichtig, dass Männer über Frauen schreiben. Warum sollten sie das auch nicht tun? Männer können schließlich auch Feministen sein und dabei helfen, Frauen, deren Geschichte und Anliegen weiterzubringen. 

Es war auch gar nicht mein Anliegen, ein Buch über Frauen nur zusammen mit Frauen zu machen, denn ich wollte bestimmte Leute nicht von vorneherein ausschließen. Aber das Verhältnis musste stimmen. Wären mehr als die Hälfte männliche Autoren gewesen, hätte ich das nicht gemacht.

 

„ … wie wichtig Musik für das persönliche Leben ist“

 

Hast du eine Lieblingsgeschichte?

Da gibt es natürlich viele, die von Maurice Summen beispielsweise. Er erzählt von einer Begebenheit, bei der er und befreundete Männer aus der Musikbranche in abendlicher Runde selbstsicher ein gehörtes Stück einem männlichen Produzenten zuschreiben, um dann festzustellen, dass die Produktion von einer Frau, Anne Dudley stammt, von der die Super Experten der Popmusik, wie Summen ironisch schreibt, bis dahin noch nie etwas gehört hatten. Das zeigt, wie man noch etwas dazu lernen kann, wenn man offen dafür ist. Und: Sich mal zu irren und zu korrigieren ist auch gar nicht schlimm.

Besonders schön finde ich auch die persönlichen Geschichten. Lea Matika schreibt über Brode Dalle, beziehungsweise ein Konzert deren Band The Distillers, das sie als Jugendliche Mitte der 2000er in Hamburg besuchte. Sie erzählt, wie sie und ihre Begleiter:innen die Nacht nach dem Konzert im Bahnhof Altona durchmachen mussten und dabei zuerst versucht haben im Aufzug zu schlafen, dessen Türen sie alle 10 Sekunden wieder schließen mussten, damit die Kälte draußen bleibt. Viele Geschichten zeigen, wie wichtig Musik für das persönliche Leben ist.

these_girlsWas möchtest du mit dem Buch erreichen?

Ein Ziel ist natürlich  – gerade was die weniger bekannten Künstlerin angeht – diese sichtbar zu machen. Auf längere Sicht würde ich mir wünschen, dass die Sichtbarkeit und Anerkennung der Arbeit von weiblichen Künstlern normal ist. So normal, dass diese nicht extra erwähnt werden muss. Dass beispielsweise in den 500 Beste-Alben-Listen des Rolling Stone mehr und selbstverständlich Werke von weiblichen Künstlerinnen auftauchen. Dass der ganze Musikkanon grundsätzlich weiblicher wird.

„These Girls – Ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte“, Ventil Verlag 2020, 344 Seiten


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Vol. 3: Eine sommerliche Kulturwoche voller Ideen

Damit die Woche gut im Voraus geplant werden kann, gibt es hier eine Auflistung an Highlights, die diese Woche im Rahmen des Kultursommer Hamburgs stattfinden

Text: Henry Lührs

 

Der Kultursommer Hamburg bietet über vier Wochen mehr als 1300 Veranstaltungen in der ganzen Stadt verteilt an. Damit da nicht der Überblick verloren wird, haben wir uns durchs Programm gelesen und empfehlen hier tägliche Events in der Vorschau, damit die Woche mit Calls, Kindern und kleinen Katastrophen gut geplant, genossen und vieles mitgenommen werden kann!

 

02. August 2021

Die Sommerferien in Hamburg sind schon fast wieder vorbei. Aber für die Kleinen gibt es gute Neuigkeiten: Die Spielzeit des Kidskinos im Sternschanzenpark ist gerade erst angelaufen. Vom 01. bis zum 16. August gibt es hier täglich zwei Open-Air Filme für Kinder ab sechs Jahren. Mit einer tagestauglichen LED-Leinwand wird auch vor Sonnenuntergang der volle Kinogenuss erreicht. Guter aber kindgerechter Sound wird den Kids per Funk-Kopfhörer direkt auf die Ohren geschickt. Eltern können ihre Lieblinge entspannt vom Café Bereich aus im Blick behalten. Strandliegen stehen bereit.

Am Montag läuft um 15 Uhr „Tabaluga – Der Film“ und um 17 Uhr „Die Heinzel – Rückkehr der Heinzelmänner“Der Eintritt ist im Rahmen des Kultursommer Hamburg für Kinder und Erwachsene kostenlos.

03. August 2021

Am Dienstag und am Mittwoch sticht der historische Alsterdampfer „St.Georg“ für mehrere kleine Rundfahrten auf der Alster in See. An Bord sind Künstler, Autoren und die verschiedensten Geschichtenerzähler. Unter dem Motto „Auf Kurzreise mit..“  werden die Passagiere in den Sog von Kurzgeschichten und Romanen gezogen.

Das Literaturhaus holt am Dienstag die Schriftstellerin Simone Buchholz und den Hamburger Schule-Sänger Bernd Begemann an Bord. Die beiden kennen sich seit 23 Jahren und haben eine gemeinsame Geschichte mit im Gepäck. Mit Erzählung und Musik steuern die beiden auf große Emotionen und viel Pathos zu. Los geht es um 15 Uhr beim Anleger Jungfernstieg. Tickets gibt es ab acht Euro.

04. August 2021

Welche Figur oder welchen Charakter verkörpern Frauen auf der Bühne, wenn es keine literarische Vorgabe gibt? Dieser Frage ist die Tänzerin, Musikerin, Choreografin und Allroundkünstlerin Katharina Oberlink nachgegangen und hat geforscht: Im Rahmen ihres Rechercheprojekts etablierte sie einen künstlerischen und performativen Raum der weiblichen Vernetzung. Daraus hervorgegangen ist die Tanz- und Performancegruppe „Performing Females“. Tänzerinnen aus Hamburg, Burkina Faso und Indonesien erarbeiten künstlerisch neue Narrative und Darstellungsformen der Frau im Kontext der Kulturindustrie.

Solidarität und geballte female power kommt mit der Performing Females Wonder Show am Mittwoch auf die Open Air Bühne im Hinterhof der WIESE Genossenschaft. Katharina Oberlink selbst, sowie Viola Heuss und Lia Anahita werden für eine Stunde Einblicke in ihre Ideen, Utopien aber vor allem ihre Kunst geben. Los geht es um 20 Uhr. Der Eintritt ist frei.

05. August 2021

In der „Elbphilharmonie der Herzen“, der Barboncino Zwölphi im Obergeschoss des Golden Pudel Clubs, gibt es im Rahmen des Kultursommers feinste Beats und spannende Lesungen auf die Ohren. Bis zum 22. Augst lädt die Bar im Hamburger Szene-Club für die FKK – Funkhörer Kopf Kultur an ihren sogenannten „Golden Pudel Beach“ ein.

Der Donnerstagabend beginnt elektronisch mit DJane Moira. Im Anschluss kommen zwei Hamburger Kultfiguren vorbei: Rocko Schamoni und Gereon Klug. Beide kennen sich und den Pudel Club ewig. Rocko Schamoni war Anfang der 90er sogar Mitbegründer des ersten Pudel Clubs, damals noch in einer leerstehenden Kneipe. Er ist außerdem Musiker, Schauspieler, Künstler und vieles mehr. Wem das immer noch nichts sagt, dem helfen vielleicht  die Bandnamen Studio Braun oder Fraktus auf die Sprünge. Gereon Klug ist Tourmanager  beider gewesen, hat den Hamburger Plattenladen Hanseplatte gegründet und ausserdem stammt der Deichkind-Hit „Leider Geil“ aus seiner Feder.

Zusammen nehmen Klug und Schamoni live und vor Ort eine Folge ihres gemeinsamen Podcasts „Auf der Bahn“ auf. Tickets zur Veranstaltung gibt es zwar kostenlos, allerdings begrenzt ab 16:30 Uhr vor Ort zu ergattern.

06. August 2021

Sprudelpop. So nennen sie ihren Sound selbst: Die Hamburger Band Schorl3 mixt die Genrekiste bunt durch. Rausgekommen ist eine ganze Reihe an Disco-fähigen Tracks. Dass die Mischung aus Funk, R&B und Indie-Pop auch in deutscher Sprache funktioniert, hat die Band mit Singles wie “Pia”, “Gegenverkehr” oder “Zu arm” bewiesen. Seit letztem Jahr machen die drei Jungs zusammen Mucke und haben bereits den diesjährigen Krach und Getöse Newcomerpreis abgeräumt.

Bühnenoutfits, Musikvideos und das “I dont care”-Auftreten der Band lassen nicht erahnen, dass das Projekt Schorl3 eigentlich noch in den Kinderschuhen steckt. Vielmehr klingen sie wie die Anwärter auf den nächsten großen Sommerhit.

Am Freitag spielt Schorl3 in der Zinnschmelze, dem ehemaligen Fabrikgebäude und Kulturzentrum in Barmbek. Los geht es um 20 Uhr. Tickets sind kostenlos, zur Anmeldung geht es hier.

07. August 2021

Es ist Pride in Hamburg. Das bedeutet normalerweise: Die großen bunten Paradetrucks fahren als krönender Abschluss der Pride Weeks wieder durch Hamburg Mitte, gefolgt von der feiernden Menge. Corona-bedingt wird die CSD-Demonstration am Samstag aber aufs Fahrrad verlegt. Um 12 Uhr geht es am Jungfernstieg los.

Das Gängeviertel möchte parallel zur offiziellen Demonstration einen Raum für Gegenentwürfe schaffen, der die queere Community in seiner Vielfalt repräsentiert. Beim Command Queer Spektakel wird es neben einer Kunstausstellung und einer Kundgebung auch jede Menge Open-Air-Veranstaltungen wie Vortrage, Konzerte und Dj-Sets geben.

Ab 14 Uhr wird das Gängeviertel am Samstag unter dem Motto „Command Queer – Escape the Binary“ mit einem vielfältigen Programm bespielt. Der Eintritt ist frei.

08. August 2021

Alles fing 1989 in der Evangelischen Stiftung Alsterdorf an: Der Musiker und Heilerzieher Kai Boysen wandelt seine Idee in die Tat um und nimmt ein Album gemeinsam mit den Bewohnern der Wohngruppe 17 auf. Das Projekt Station 17 ist geboren und wird mit den Jahren größer. Es folgen viele Auftritte und auch über die Landesgrenze hinweg macht sich Station 17 einen Namen.

Als Kollektiv wächst eine Band heran, die sich immer weiter entwickelt. Musiker mit Behinderung und Musiker ohne Behinderungen sprengen gemeinsam alle möglichen Genregrenzen und entwickeln immer wieder einen einzigartigen Sound. Mittlerweile sind es zwölf Alben, die vor allem von der immensen Kreativität der Band leben. Die leidenschaftlichen und euphorischen Live-Konzerte begeistern.

Am Sonntag kommt die Band zum Südkultursommer nach Harburg und spielt um 11 Uhr auf dem Schwarzenbergplatz ein Konzert. Tickets gibt es ab 6,25 Euro.


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Carsten Brosda: „Wir müssen unsere Geschichten besser erzählen“

Mit Unterstützung der Hamburger Band Das Weeth Experience trat Kultursenator Dr. Carsten Brosda im Rahmen des Kultursommers auf der Rollschuhbahn Planten un Blomen auf und laß aus seinen Schriftstücken vor

Text: Isabel Rauhut

 

Den sommerlichen Freitagabend am 23. Juli auf der Bühne an der Rollschuhbahn Planten un Blomen eröffnet die Band Swearing at Motorists. Nach einer gerissenen Gitarrensaite und guten Sprüchen betritt im Anschluss an die Vorband Carsten Brosda mit Band die Bühne. Hamburgs Kultursenator ist neben seiner politischen Arbeit auch als Schriftsteller tätig. Drei Bücher zum Stand der Republik, Kunst, zum Thema Digitales und Rechtsautoritäres hat er bereits veröffentlicht. Carsten Brosda laß dem Publikum im Rahmen der Konzertreihe „Knust2go“ beim Kultursommer Hamburg mit musikalischer Begleitung von Das Weeth Experience vor.

 

Musik und Literatur

 

Der Plan, Improv-Instrumentalmusik simultan mit einer Lesung zu kombinieren, entstand während des Frühjahr-Shutdowns 2020. Das Weeth Experience ist die Band der beiden Michelle Records Macher Christof Jessen und Andre Frahm – dem Hamburger Plattenladen in dem sich Herr Brosda beim Plattenstöbern gern mal vom Regieren erholt. Und da kommt man dann beim Schnacken auf künstlerische Ideen.

Gegründet in den frühen 1990er Jahren war die Hamburger Band Das Weeth Experience auf der ganzen Welt unterwegs. Mehrere US-Tourneen führten zu Freundschaften mit Bands wie Yo La Tengo oder Giant Sand. Bands, mit deren musikalischem Ansatz sich die Band eher verbunden fühlte, als mit vielem Heimischen. Aktuell ist eine fünfte Platte in Vorbereitung.


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Märchenhafter Roadtrip: Klaus Modicks „Fahrtwind“

Klaus Modicks „Fahrtwind“ ist eine heitere Ode an die Ehrgeizverweigerung. Ein Gespräch über Leistungs- zwänge im Kapitalismus, bewusstseinserweiternde Substanzen und über den Soundtrack der 1970er

Text & Interview: Ulrich Thiele

 

Über diese Interviewanfrage habe er sich besonders gefreut, sagt Klaus Modick. Denn in den 1980ern hat er selbst regelmäßig für die SZENE geschrieben. Im März 1984 erschien sein erster Beitrag – und zwar über Donald Duck. Titel: „Genie der cholerischen Wut“.

Ein Kritiker des Deutschlandfunk schrieb einmal treffend über Modick: „Seine Romane sind vielschichtig, geprägt von komplexen Motivverarbeitungen und literarischen Anspielungen, aber an der Oberfläche immer süffig und, wie man sagt, gut zu lesen.“

Das gilt auch für „Fahrt­wind“, seinen unbeschwerten Sommer­roman über einen jungen Mann in den 1970ern, der Musiker werden will. Auf seiner Reise nach Österreich und Italien verliebt er sich, gerät in ein geschickt ein­ gefädeltes Verwirrspiel und findet psyche­delische Pilze. Er hat einen berühmten Vorgänger: „Fahrtwind“ ist eine Aktuali­sierung von Joseph von Eichendorffs 1826 erschienener Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“.

 

SZENE HAMBURG: Klaus Modick, findet man solche Pilze wirklich einfach so in Österreich auf einer Wiese?

Klaus Modick: Klar, Psilocybin-Pilze sind weltweit verbreitet, die findet man sogar in Hamburg – man muss nur wissen, wie sie aussehen. Falls Sie interessiert, was man damit so alles erleben kann, dann gucken Sie mal im Netz nach, wie die aussehen. Und wenn Sie das nächste Mal im Stadtpark sind, dann halten Sie die Augen offen. So eine kleine Pilzmahlzeit kann ich nur empfehlen, ist auch nicht so gefährlich wie LSD, wo Leute bei der falschen Dosis schon durchgedreht sind.

Bewusstseinserweiternde Substanzen, Musik, Reisen, Liebe, die 1970er – die Geschichte ähnelt stark Ihrem Leonard-Cohen-Buch, das letztes Jahr in der KiWi-Musikbibliothek erschien.

Das stimmt, die Bücher gehören irgendwie zusammen. Als ich bereits mit „Fahrtwind“ angefangen hatte, kam die Anfrage für das Leonard-Cohen-Büchlein. Damals hatte ich mich schon so in den Stoff vertieft, dass mir das parallel geriet. Sogar einer der selbst geschriebenen Songs kommt in beiden Geschichten vor.

 

Ironische Neuinterpretation

 

Und beide Erzähler begeben sich auf einen Roadtrip. Das Motiv hat es Ihnen angetan, oder?

Das würde ich so nicht sagen. „Fahrtwind“ ist ja eine ironische Neuinterpretation des Taugenichts. Eichendorffs Novelle ist sozusagen ein Roadtrip aus dem frühen 19. Jahrhundert, der wie gemacht ist für eine Übertragung in das Lebensgefühl der 1970er. Dass da einer sein Instrument nimmt und sagt: Ich haue ab, streife planlos durch die Welt und singe ein Lied drauf. Eichendorffs Protagonist zieht mit einer Geige durch die Welt, bei mir ist es eben eine Gitarre.

Alles in allem ist das für mich ein Märchen und wenn man will, auch ein Trip im psychedelischen Sinn. Es bleibt ja offen, ob alles, was er erlebt, nicht innerhalb der Rauschvorstellung durch die Pilze passiert.

Was gefällt Ihnen am „Taugenichts“? Die Ehrgeizverweigerung?

Auf jeden Fall, diese Grundhaltung ist mir sehr sympathisch. Ich habe das Motiv zugespitzt, aber schon Eichendorffs Taugenichts ist ein Prosperitätsverweigerer, der keine Lust hat mit zumachen. Der interessiert sich nur für Musik, Frauen und Poesie. Er will ein möglichst müheloses Leben haben, und arbeiten sollen die anderen.

Das ist eine freche, aber nicht ganz ungesunde Einstellung. Zu Eichendorffs Zeit war das eigentlich eine totale Provokation gegen den Leistungszwang im Frühkapitalismus, es wurde nur nie so wahrgenommen.

Könnte die Geschichte auch in unsere Gegenwart verlegt werden?

Ich bin mir sicher, dass ein junger Zeitgenosse das könnte. Aber ich bin 70, ich könnte nicht aufschreiben, wie eine jugendliche Ausbruchsfantasie verbunden mit der Atmosphäre dieser Zeit aussehen würde. In den 1970ern war ich so alt wie der Protagonist in „Fahrtwind“, deswegen konnte ich mich gut in ihn hineinversetzen.

Die Grundkonstellation ist aber nach wie vor da. Mein Lektor, der 30 ist, meinte gleich, dass das ein ganz aktueller Text sei. Weil der Leistungsdruck in seiner Generation mindestens genauso groß sei und er sich darin wiederfinden könne.

Ihr Roman ist gegenwärtig und gleichzeitg nostalgisch, woraus er keinen Hehl macht. Nostalgie ist ja eher verpönt, Sie scheint das nicht zu stören. Wie kommt’s?

Dass die Geschichte etwas Nostalgisches hat, finde ich tatsächlich absolut in Ordnung. Ich sehe diese Zeit positiv, trotz der Probleme, die es damals natürlich gab. Man könnte auch völlig anders über die 1970er schreiben, es war ja nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen und Blumen im Haar. Ich wollte aber ein positives Märchen schreiben über dieses Lebensgefühl und den dazugehörigen Soundtrack. Mein Buch ist noch viel stärker als bei Eichendorff durchtränkt von Musik: Leonard Cohen, die Beatles, der Soundtrack von „Easy Rider“.

Was macht die Musik dieser Zeit so besonders, dass Sie noch heute gehört wird und vermutlich noch in 100 Jahren gehört wird?

Gute Frage, die ich nicht genau beantworten kann: Was macht sie so haltbar? Es gab viel Musik aus der Zeit, die heute peinlich ist. Aber vieles ist stabil geblieben, als wäre es eine Blaupause für das Kommende gewesen.

Die Beatles waren eine musikalische Revolution, oder denken Sie an Gestalten wie Bob Dylan, der es ja nicht zu Unrecht bis zum Literaturnobelpreis geschafft hat. Da hat eine kreative Eruption der Gegenkultur stattgefunden, für die es viele Gründe gibt, einer davon ist sicher die Befreiung vom Muff der Nachkriegszeit.

Sie wollten selbst Musiker werden, ein Leonard Cohen auf deutsch. Was kam dazwischen?

Ach, ich habe schnell gemerkt, dass meine musikalischen Fähigkeiten nicht dem entsprechen, was ich selbst von guter Musik erwarte. Über gehobenes Amateurniveau wäre ich nicht hinausgekommen. Als Romanautor konnte ich mich besser entwickeln und bin in Dimensionen angekommen, von denen ich sagen würde, sie halten meinen Ansprüchen stand. Das konnte ich von der Art und Weise, wie ich Musik gemacht habe, nicht sagen. Aber Spaß gemacht hat’s trotzdem.

 

„Mein Widerstand drückte sich in Hedonismus, Musik und Poesie aus“

 

Wenn wir schon beim Autobiografischen sind: Im Vorwort erinnert sich der Erzähler an eine Seminar-Sprengung durch K-Gruppen im Philo-Turm der Uni Hamburg. Ging Ihnen das auch so, als Sie in Hamburg studiert haben?

Diese Eingangsszene hat so, wie ich sie beschreibe, nicht stattgefunden, aber sie hätte so stattfinden können. Ich habe diese sogenannten Seminarsprengungen bis zum Erbrechen erlebt, das war absolut ätzend.

Und ich habe auch wirklich ein Romantikseminar im Laufe meines Studiums absolviert. Deswegen entspricht die Szene ziemlich genau der Art und Weise, wie ich mich während des Studiums politisch eingenordet habe.

Mit diesen ganzen K-Gruppen und ihrer Weltrevolution konnte ich überhaupt nichts anfangen. Das heißt nicht, dass ich mit der herrschenden Gesellschaftsordnung einverstanden gewesen wäre. Mein Widerstand drückte sich eher in Hedonismus, Musik und Poesie aus.

Ihren Roman durchzieht auch eine ironische Lust am Klischee, die einerseits auf Distanz geht, aber auch sichtlich Sympathien hat. Was mögen Sie am Klischee?

Klischees sind undialektische Wahrheiten. In jedem Klischee steckt ein wahrer Kern, der peinlich wird, wenn er verabsolutiert wird. Deswegen muss man ihm immer etwas entgegenhalten, entweder einen Widerspruch oder eine Distanz. Denn wenn man sich dialektisch dazu verhält, dann funktioniert es eben doch. Dann ist die Wahrheit dieses Klischees ausgesprochen, aber nicht verabsolutiert.

Haben Sie ein Beispiel?

Es gibt ja diese Hippie-Parole, die auch von den Beatles hochgehalten wurde: „Love and Peace“. Im Grunde ist das natürlich ein fürchterliches Hippie-Klischee. Aber wenn ich innehalte und nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass das eigentlich doch genau das ist, was wir alle wollen. Ich halte das für eine existenziellere Parole als „Weniger Arbeit, mehr Geld“. Wenn man an zum Klischee gewordenen Aussagen kratzt und den Kern freilegt, dann geben sie noch immer sehr viel her.

Klaus Modick: „Fahrtwind“, Kiepenheuer&Witsch, 208 Seiten, 20 Euro


 SZENE HAMBURG Stadtmagazin, Juli 2021. Das Magazin ist seit dem 26. Juni 2021 im Handel und auch im Online Shop oder als ePaper erhältlich!

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